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Großband Raumschiff Rubikon 3 - Vier Romane der Weltraumserie

Alfred Bekker, Manfred Weinland, Marc Tannous

Großband Raumschiff Rubikon 3 - Vier Romane der Weltraumserie

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Inhaltsverzeichnis

  • Großband Raumschiff Rubikon 3 - Vier Romane der Weltraumserie
  • Copyright
  • RAUMSCHIFF RUBIKON 09 | Das Erste Reich
  • Copyright
  • 1 | Temporale Krise
  • 2 | Sein oder Nichtsein
  • 3 | Die Verschwundenen
  • 4 | Raumschlacht um Nar’gog
  • 5 | Die Rückkehr der CHARDIN-Perle
  • 6 | Prosper, der Mächtige
  • 7 | An Bord der Chardhin-Perle
  • 8 | Das Projekt
  • 9 | Die neue Erde
  • Raumschiff Rubikon 10 Die Welten des Prosper Mérimée
  • Am Morgen einer neuen Zeit.
  • Copyright
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • 8.
  • 9.
  • 10.
  • 11.
  • 12.
  • 13.
  • 14.
  • 15.
  • 16.
  • 17.
  • 18.
  • Raumschiff Rubikon 11 Der steinerne Himmel
  • Am Morgen einer neuen Zeit.
  • Copyright
  • Prolog
  • 1. Kapitel | Aufbruch
  • 2. Kapitel | Ankunft
  • 3. Kapitel | Die andere Seite
  • 4. Kapitel | Götterdämmerung | Metrop Washington | im Jahre Null | Ankunft der Stummen Götter
  • Metrop Washington | 14 Stunden danach
  • 5. Kapitel | Freund oder Feind | unweit der ehemaligen Metrop Washington | im Jahr 22 ZSG (Zeitalter der Stummen Götter)
  • 6. Kapitel | Gefangen!
  • 7. Kapitel | Das Tribunal – | aus den Aufzeichnungen des Reuben Cronenberg
  • 8. Kapitel | Erste Veränderungen | nahe der ehemaligen Metrop Moskau | im Jahre 836 ZSG
  • Aus den Aufzeichnungen des Reuben Cronenberg.
  • 9. Kapitel | Die Nokturnen
  • Östlich der ehemaligen Metrop Paris | im Jahr 9267 ZSG
  • Östlich der ehemaligen Metrop Peking | im Jahr 12476 ZSG
  • 10. Kapitel | Die Schläfer | Brasilianisches Tiefland | im Jahr 15146 ZSG
  • 11. Kapitel | Die Vaku-Farmer
  • An der japanischen Küste – | im Jahr 7379 ZGS
  • Am Ende der Welt – | im Jahr 20112 ZSG
  • Epilog | Heute – | am Ende der Welt
  • Raumschiff Rubikon 12 Perlen der Schöpfung
  • Am Morgen einer neuen Zeit.
  • Copyright
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • 8.
  • 9.
  • 10.
  • 11.
  • 12.
  • 13.
  • 14.
  • 15.
  • 16.
  • 17.
  • 18.
  • 19.
  • 20.
  • Epilog

Großband Raumschiff Rubikon 3 - Vier Romane der Weltraumserie

Manfred Weinland, Alfred Bekker, Marc Tannous

Dieser Band enthält folgende Romane:


Alfred Bekker: Der Erste Reich

Manfred Weinland: Die Welten des Prosper Merimee

Marc Tannous: Der steinerne Himmel

Manfred Weinland: Perlen der Schöpfung


A M MORGEN EINER NEUEN ZEIT.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER: DIETER ROTTERMUND

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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RAUMSCHIFF RUBIKON 09 | Das Erste Reich

Alfred Bekker

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RAUMSCHIFF RUBIKON 09

Das Erste Reich

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von Alfred Bekker

––––––––

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A M MORGEN EINER NEUEN Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

1 | Temporale Krise

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1

Temporale Krise

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Nar’gog-System, Scobees Zeitebene – ca. 2450 n. Chr.

Felvert betrat die Steuer-Acht von Torstation 1. Im Kontrollzentrum der Station waren zahlreiche Felorer mit Überwachungsaufgaben beschäftigt. Holoprojektoren erzeugten einen Panorama-Blick über das Nar’gog-System. Linien, Farben und Kolonnen sich verändernder Symbole veranschaulichten eine Vielzahl von Parametern.

Raum.

Zeit.

Dimensionen.

All das wurde hier genauestens beobachtet, um die relative Sicherheit zu gewährleisten, in der sich die Heimat der Jay’nac befand. Aber der entartende, bizarre Mutationen hervorbringende Zeitfluss im Rest der Milchstraße blieb ein ständiger Quell der Sorge – sowohl für die felorischen Tormeister als auch für die anorganischen Jay’nac, deren Heimatwelt wie eine letzte Insel der Stabilität in dem temporalen Chaos anmutete.

Felvert bewegte sich in die Mitte des Raumes, dessen Grundfläche den Achten ähnelte, aus denen sein Körper bestand – zwei sich überschneidende Kreise, im weitesten Sinne –, der ansonsten eine wurmähnliche Form hatte.

„Es ist gut, dass du da bist“, sagte ein anderer Felorer, der intensiv an einer Konsole arbeitete. Boolvert hatte derzeit die Kontrollhoheit der Steuer-Acht inne.

„Was ist geschehen?“

„Das weiß ich noch nicht. Aber mehrere der anderen Stationen meldeten Daten mit minimaler Abweichung.“

„Eine temporale Erschütterung? Ich dachte, die könnte uns nichts anhaben. Nicht hier, innerhalb unseres geschützten Bereichs.“

„In diesem Punkt scheinen unsere bisherigen Erkenntnisse nicht ganz zu stimmen.“

„Wir sollten unsere Keelon-Verbündeten um Rat fragen.“

„Sicher.“

Boolvert drehte sich zu Felvert um. Der wurmartige Körper war dabei gerade aufgerichtet. Er besaß keine erkennbaren Sinnesorgane, aber dennoch eine Wahrnehmung, die so umfassend war, dass sie die Fähigkeiten der meisten bekannten Spezies bei weitem in den Schatten stellte. Die anorganischen Jay’nac eingeschlossen, in deren Dienst die Felorer standen.

„Nimm bitte die Werte zur Kenntnis, Felvert“, wandte sich Boolvert an den obersten Tormeister

„Das tue ich. Sie sind in meinem Mentalspeicher, aber ich bin etwas verwirrt. Hast du die bereits interpretiert?“

Boolvert verneinte. „Eine Interpretation möchte ich nicht wagen. Noch nicht. Aber ich habe ein Reihenmodell entwickelt, das uns zeigt, ob es möglicherweise gefährliche Tendenzen gibt.“

„Und? Gibt es sie?“

„Ja.“

Will Felvert mich auf die Probe stellen oder ist er tatsächlich so ratlos wie jeder gewöhnliche Tormeister?, fragte sich Boolvert. Letzteres wäre eine endgültige Bestätigung dafür, dass wir es mit einem absolut außergewöhnlichen Ereignis zu tun haben. In der temporalen Schutzzone des Nar’gog-Systems dürfte so etwas eigentlich gar nicht geschehen... Zu dumm, dass sich das Universum nicht an unsere Axiome hält!

„Dann werden wir das Phänomen weiter beobachten“, stellte Felvert klar.

„Jawohl“, bestätigte Boolvert.

„Ich möchte eine Verbindung zu allen anderen Stationen!“, verlangte Felvert und unterlegte diese Worte mit einer Reihe von Emissionen, die sich an verschiedene andere Sinne der anwesenden Felorer richteten.

Was als Zeichen der Entschlossenheit dienen soll, entpuppt sich als Menetekel der Ratlosigkeit!, erkannte Boolvert. Ein Schwall von Gedanken hielt sein Bewusstsein in Aufruhr. Konnte es sein, dass die felorischen Tormeister und ihre Helfer, die Keelon, irgendeinen temporal-physikalischen Faktor bei der Abschirmung des Nar’gog-Systems unbeachtet gelassen hatten? Die Missachtung irgendeiner Kleinigkeit reichte bereits aus, um für eine Katastrophe zu sorgen. Niemandem hätte das bewusster sein sollen als Wesen wie den Felorern oder den Keelon, die mit der Zeit und den Dimensionen jonglierten und die Realität durch Eingriffe in die Vergangenheit änderten.

Aber vielleicht sind wir zu selbstsicher und überheblich geworden!, überlegte Boolvert. Wir haben die Kräfte des Raumes und der Zeit nach unserem Gutdünken manipuliert und vielleicht holen uns jetzt die Folgen unserer Hybris ein ...

Ein weiterer Felorer meldete sich zu Wort und riss Boolvert aus seinen grüblerischen Gedanken. „Die Konferenzverbindung ist geschaltet, Felvert.“

Gestalten erschienen wie aus dem Nichts. Es handelte sich überwiegend um Felorer. Ein paar Keelon und Jay’nac waren allerdings auch darunter. Sie bildeten einen Halbkreis.

Felvert war bewusst, dass es sich um Hologramme handelte, die mittels einer Transmission in Echtzeit übertragen wurden. Das menschliche Auge hätte sie von der Realität nicht unterscheiden können.

„Es gibt minimale Abweichungen verschiedener Werte“, sagte Felvert. „Eine solche Instabilität dürfte es eigentlich innerhalb unseres Schutzbereichs nicht geben. Das Universum da draußen mutiert. Der Zeitfluss entartet, und das temporale Chaos erfasst alles. Dort sind die Abweichungen normal, aber nicht hier ...“

Unter den Hologrammen entstand ein aufgeregtes Gemurmel.

„Wir haben das natürlich auch registriert, aber sämtliche Werte lagen noch innerhalb der Toleranzgrenzen“, meldete sich einer der erschienenen Tormeister zu Wort.

„Sie müssten exakt mit den Vorgaben übereinstimmen“, gab Felvert zu bedenken. „Ich möchte also alle bitten diese Vorgänge zu beobachten. Es könnte sich um eine sich anbahnende, sehr ernste temporale Krise handeln.“

„Ist das dein Ernst, Felvert?“, fragte ein Felorer namens Gelenervert, der die Leitung der Torstation 2 innehatte. Er war bekannt dafür, mit kritischen Kommentaren nicht zu sparen und keinen Respekt vor Autoritäten zu kennen. „Könnte es nicht sein, dass es ich einfach um periodisch auftretende dimensionale Effekte oder Interferenzen mit Pararealitäten handelt? Du weißt, dass derlei Effekte auch von uns noch wenig erforscht wurden. Ich habe dazu ein Modell entwickelt, das auf 12-dimensionaler Mathematik beruht und eigentlich aussagekräftig genug sein müsste!“

Gelenervert!, durchfuhr es Felvert. Es ist doch immer dasselbe mit dir! Musst dich in den Vordergrund spielen. Aber dazu sollte man nicht unbedingt eine Krisensituation nutzen!

Felvert blieb sachlich. Keine seiner Sinnesemissionen ließ erkennen, wie tief die Verachtung war, die er für Gelenervert empfand, den er für einen anmaßenden Wichtigtuer hielt.

Diese ruhige Beherrschtheit erwartete man von Felvert. Schließlich war es ja durchaus auch möglich, dass doch etwas an Gelenerverts Einwänden dran war. In diesem Fall wäre es seine Pflicht gewesen, darauf einzugehen. Wenn Felvert jedoch ganz ehrlich war, dann wäre ihm nichts so lieb gewesen, als dass sich all die Bedenken, all die Befürchtungen als völlig unbegründet herausstellten.

Am besten, man sicherte sich nach allen Seiten ab. Mit dieser Devise war Felvert immer gut gefahren. Sein unbestrittener Führungsstatus unter den Felorern war der greifbare Beweis für die Richtigkeit dieser Haltung.

Das Hologramm von Gelenervert ließ neben sich ein zweites holographisches Fenster erscheinen, in dem vieldimensionale Diagramme erschienen, die die komplizierten Berechnungen veranschaulichen sollten.

„Die Gefahr einer ernsten Krise kann nicht übersehen werden. Sie liegt gegenwärtig bei 20 Prozent“, sagte Gelenervert. „Ich denke, dazu braucht man nicht viel mehr zu sagen.“

„Zwanzig Prozent? Das ist nicht viel“, behauptete einer der anderen anwesenden Felorer.

„Wenn es dabei bleibt“, erwiderte Gelenervert mit unterschwelligern, sehr ernsten Sinnesemissionen, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Gelenervert setzte eine Pause, ließ die Sinnesemissionen aber weiter auf seine felorische Umgebung. Ein Teil dieser Emissionen wurde durch die Holo-Übertragung herausgefiltert. Doch das, was mit der Transmission zu den Verantwortlichen der anderen Stationen gelangte, war mehr als ausreichend. „Aber wir wissen alle, wie leicht sich diese Tendenz-Werte verändern können“, sagte Gelenervert. „Ich habe außerdem Detailmessungen der Raumzeitstruktur vorgenommen und den dimensionalen Stabilitätsfaktor errechnet. Er liegt knapp unterhalb der Grenze, die wir für stabil halten. Aber dieser Grenzwert ist letztlich willkürlich, das wissen alle hier. Die Situation könnte man durchaus auch als Vorspiel zu einer Katastrophe interpretieren.“

„Was schlägst du vor?“, fragte Felvert.

Die Aufmerksamkeit aller war jetzt auf Gelenervert gerichtet. „Ich bin dafür, bereits prophylaktisch Gegenmaßnahmen zu unternehmen“, erklärte dieser. „Die dimensionale Stabilität sollte durch eine Erhöhung des primären Tempus-Faktors erhöht werden – und zwar bevor es zu spät ist und wir den Kollaps nicht mehr abwenden können.“

„Du bist ein Dunkelwahrnehmer, Gelenervert!“, schalt ihn Boolvert. Eigentlich wäre es Felverts Aufgabe, ihn zurecht zu weisen!, ging es ihm dabei durch den Sinn. Warum tut er es nicht? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er früher so konfliktscheu war. Oder steckt mehr dahinter?

Boolvert kannte Felvert gut genug, um sich über die jetzige Zurückhaltung des obersteten Tormeisters zu wundern. Aber er hatte durchaus eine Idee, woran das liegen konnte. Was, wenn die Abweichungen der temporal-kontinualen Konstanten damit zusammenhängen, dass sich innerhalb unserer Einflusszone etwas befindet, was nicht dorthin gehört. Etwas oder jemand. Boolvert fielen die beiden Organischen ein, die zusammen mit Porlac aus dem intergalaktischen Zwischenraum hierher ins Nar’gog-System gekommen waren.

Scobee und Siroona.

Eine geklonte Erinjij-Frau und eine alt gewordene Foronin, die Jahrhunderte in der Stasis verbracht hatte.

Was für ein sonderbares Paar!, dachte Boolvert. Vielleicht sind sie die Auslöser der minimalen Raumzeitanomalien, die sich trotz aller Stabilisierungsmaßnahmen in unserem Einflussbereich nachweisen lassen!

Boolvert überlegte, ob er dies offen ansprechen sollte. Und gleichzeitig tauchte die Frage in ihm auf, ob Porlac vielleicht angeordnet hatte, diese Symptome zu übergehen und unbequeme Fragen zu unterdrücken. Dass der Sprecher des Granogk sich in besonderer Weise um die beiden kümmerte war unverkennbar. In erster Linie galt das natürlich für das Individuum Scobee.

Fragt sich nur warum, dachte Boolvert . Es scheint tatsächlich so, als wüsste Felvert mehr als wir. Aber warum dieses Versteckspiel? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Am Ende bin ich selbst der Dunkelwahrnehmer und mache mich unter den Tormeistern lächerlich ...

Was Gelenervert anging, so unterstellte Boolvert diesem durchaus nicht nur ehrenhaften Motive. Der Leiter von Torstation 2 wollte sich selbst in den Vordergrund spielen und demonstrieren, dass die Felorer sich eigentlich seiner fachlichen Autorität – und nicht der von Felvert – zu beugen hätten. Der Kompetenteste soll den Weg bestimmen, besagte das Gesetz der Felorer. Und als den Kompetentesten empfand Gelenervert natürlich sich selbst.

Persönliche Animositäten aller Art dürfen eigentlich keine Rolle spielen, überlegte Boolvert. Das ist etwas für primitive Spezies. Für Wesen wie dieses augenlose, alt gewordene Monstrum mit seinem konischen Schädel und der Lautmembrane, das sich Siroona nennt und von sich behauptet, einmal eine sogenannte Hohe gewesen zu sein.

Eine allgemeine, teilweise auch heftig geführte Diskussion setzte jetzt unter den Felorern ein. Was war zu tun? Wie sollte man auf die Messergebnisse reagieren? Sollte vielleicht am besten das Granogk, die Elite der Jay’nac, für weitere Instruktionen gefragt werden?

Die Argumente des Für und Wieder wurden ausgetauscht, bis schließlich Felvert dem Ganzen ein Ende setzte.

„Das führt zu nichts“, erklärte er. „Ich teile die Besorgnis, die hier zum Ausdruck gebracht wurde. Aber die richtige Handlungsweise erfordert zunächst eine zutreffende Analyse und dafür liegen einfach noch nicht genug Fakten vor.“

„Und wenn es zu spät ist, bis diese Fakten vorliegen und wir tatsächlich begreifen, was sich abspielt?“, erwiderte Gelenervert. Er schien keinen Respekt mehr vor der tormeisterlichen Kompetenz Felverts zu haben. Normalerweise begegnete man unter Felorern den Argumenten eines erfahreneren Meisters nicht mit einer geradezu herausfordernden Überheblichkeit, wie sie Gelenervert zu Eigen war.

Er überspannt den Bogen!, glaubte Boolvert. Es mag berechtigte Kritik an Felvert geben, aber niemand toleriert es, wenn der oberste Tormeister so behandelt wird.

„Ich habe ein paar Dinge zu berichten, die vielleicht mit den dimensionalen Anomalien zu tun haben könnten“, meldete sich eines der anderen Hologramme zu Wort. Es handelte sich um das von Shyylvert, dem Leiter der Torstation 5, der äußersten aller Stationen. Sie war dem weiten, kalten und temporal chaotischen Universum, vor dem sich die Jay’nac mit Hilfe der Felorer zu schützen gewusst hatten, am nächsten gelegen.

„Normalerweise lassen sich nur selten Jay’nac auf den Stationen blicken“, stellte Shyylvert fest. „Aber in letzter Zeit habe ich eine Veränderung festgestellt. Es waren einige Tormeister auf unserer Station, die mich darauf aufmerksam machten, dass sich mehr Jay’nac als sonst ihr Bewusstsein ordnen und mental von uns stabilisieren lassen.“

„Worauf willst du hinaus?“, fragte Felvert.

Shyylverts Hologramm bewegte sich nach vorn. Er wartete einen Augenblick, ehe er antwortete. „Wir wissen, dass sich Spannungen in der Raumzeit mehr oder minder stark auch auf die mentale Ebene auswirken, ohne, dass sich der Einzelne dessen bewusst sein muss. Er spürt nur, dass etwas nicht stimmt. Und uns ist auch bekannt, dass Jay’nac-Bewusstseine hier besonders sensibel sind ...“

„Du meinst also, das vermehrte Auftreten von Jay’nac, die ihr Bewusstsein von uns ordnen lassen, spricht für eine sich ankündigende Umwälzung im Temporalfluss?“, schloss Felvert. „Ehrlich gesagt, habe ich daran auch schon gedacht, denn auch auf Station 1 gibt es mehr Jay’nac als üblich. Aber im Moment werden wir nichts weiter tun können, als wachsam zu sein und gegebenenfalls schnell zu reagieren.“

––––––––

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D IE HOLOGRAMME VERBLASSTEN, nachdem die Verbindung unterbrochen worden war. Felvert wandte sich an Boolvert. „Ich werde mich nach Nar’gog begeben“, kündigte er an.

„Um die Angelegenheit dem Granogk vorzutragen?“ vermutete Boolvert.

„Ja. Unter normalen Umständen hätte dazu eine holographische Transmission gereicht, aber durch mein persönliches Erscheinen will ich der Sache vor dem Granogk besonderes Gewicht verleihen.“

„Mentale Stärke sei dein Begleiter, Felvert“, wünschte Boolvert.

„Danke“, gab Felvert zurück. „Ich will mir nicht nachsagen lassen, Informationen nicht rechtzeitig an die Gesamtheit des Granogk weitergegeben zu haben. Vor allem möchte ich auch Porlac sprechen.“

„Ich nehme an, du wirst permanent mit der Station in Verbindung bleiben.“

„Natürlich.“

„Die Situation wird schwierig genug werden“, glaubte Boolvert. „Das Granogk könnte dir deine besondere Beziehung zu Porlac zum Vorwurf machen. Du weißt nicht, wie lange er Sprecher des Granogk bleibt.“

Felverts Erwiderung war ziemlich reserviert. Die begleitenden Sinnesemissionen machten das mehr als deutlich. „Ich bin durchaus in der Lage, mehrdimensional zu denken und habe deshalb all diese Faktoren längst in meine Berechnungen einbezogen.“

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B OOLVERT BRAUCHTE SICH nicht eigens umzudrehen, um wahrzunehmen, wie Felvert die Steuer-Acht verließ. Er ist gereizt, dachte er. Vielleicht nähert sich seine Zeit als oberster Tormeister einfach dem Ende. Kaum er einer hat dem enormen mentalen Druck, der damit verbunden ist, jemals so lange standgehalten wie er.

Boolvert verscheuchte diese Gedanken wieder so gut es ging und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Sein Dienst erforderte höchste Aufmerksamkeit.

Und auch als er abgelöst wurde, um sich mental auszuruhen, ließen ihn die Gedanken an das, was vielleicht auf sie alle zukam, nicht los.

Noch war nicht abzusehen, was wirklich dahinter steckte. Und selbst aufwändigsten Messungen und Berechnungen, die die Felorer jetzt mit Hilfe ihrer leistungsfähigen Rechner anstellten, gaben darüber noch keinen Aufschluss.

Die Schutzmaßnahmen, die man auf den Stationen ergriffen hatte, wurden wieder und wieder überprüft – ohne dass man irgendwelche Versäumnisse entdecken konnte.

Boolvert fühlte sich mental stark aufgeladen. Er konnte nicht sagen, woran das lag, schließlich hatte er innerhalb der letzten Zeiteinheiten keinem Jay’nac das Bewusstsein geordnet, was unter Umständen zur eigenen Überladung mit mentaler Energie führen konnte.

Dass es die Folgen der sich ankündigenden Veränderung waren, glaubte Boolvert hingegen nicht. Warum auch? Auf geistiger Ebene waren die Felorer äußerst robust. Unempfindlicher jedenfalls als die meisten anderen Spezies, die ihnen bekannt waren.

Für kurze Zeit sah Boolvert ein Bild vor sich. Ein Bild des Geistes.

Im Bruchteil einer Sekunde war es wieder verschwunden, und doch hatte es eine Eindringlichkeit, die dem Felorer einen Schock versetzte.

Eine entropische, völlig zerstörte Landschaft hatte er gesehen. Er hatte sofort das Zentralgestirn erkannt. Es war jene Sonne, um die Nar’gog kreiste. Da war er sich absolut sicher. Ein Felorer vermochte die genaue Zusammensetzung des Lichtes zu erkennen, das von einem Stern abgegeben wurde. Und diese Zusammensetzung war wie ein einmaliger Fingerabdruck.

Aber der dazugehörige Planet – Nar’gog – war nicht wiederzuerkennen. Eine vollkommene Ödnis. Das Silizium-Leben, das dort überall gewuchert hatte, war verschwunden. Nur noch totes Gestein war geblieben. Die Spuren des Einsatzes von schweren Waffen waren nicht zu übersehen.

Was soll das gewesen sein? Ein dummer Gedanke? Eine harmlose Vision, die zeigt, was man im Innersten fürchtet? Oder der flüchtige Blick des ungebundenen Bewussteins in eine fremde Dimension? Eine parallele Zeitlinie vielleicht, die unter geringfügig anderen Umständen auch hätte Realität werden können?

Boolvert war entschlossen, sich nicht noch weitere und tiefer gehende Gedanken darüber zu machen. Das war Unsinn. Niemand konnte Nar’gog angreifen. Schließlich war er geschützt und zu diesem Schutz trugen unter anderem die Felorer mit ihren Stationen bei.

Irgendwo im hintersten Winkel seines Bewusstseins meldete sich eine kritische Stimme, die ihn ermahnte, objektiv zu bleiben. Es war grundsätzlich immer besser, der Gefahr ins Auge zu sehen, anstatt ihr mental auszuweichen.

Zunächst zog sich Boolvert in seine Ich-Kapsel zurück. In dieser zylindrischen Schale aus einer besonderen Legierung namens Thomban verbrachte er einige Zeit, um eine schlafähnliche Meditation zur Reinigung des Geistes durchzuführen.

Die besondere Strahlung, die von der Innenbeschichtung der Kapsel emittiert wurde, sorgte bei Felorern für mentale Erholung.

Doch diesmal sorgte der Aufenthalt in der Ich-Kapsel für überhaupt keine Entspannung. Im Gegenteil. Immer wieder wurde er von wirren Visionen geplagt. Bilder, die nicht der Realität entsprachen. Eindrücke von Trümmerlandschaften, zerstörten Stationen und einem Planeten Nar’gog, der nichts weiter war, als ein verbrannter Materiebrocken, der einsam um seine Sonne kreiste.

Heißt das, eine andere Pararealität gewinnt an Wirklichkeit?, fragte sich Boolvert nicht zum ersten Mal. Oder liegen die Ursachen in meinem Bewusstsein? Muss ich mich vielleicht einer grundlegenden Mentalsortierung unterziehen, wie sie bei den Jay’nac so beliebt geworden ist?

Felorer nahmen diese Möglichkeit nur sehr selten in Anspruch. Eigentlich herrschte bei den meisten von ihnen die Meinung vor, dass ein Tormeister so etwas nicht nötig hatte und genug eigene geistige Disziplin besaß, um auf diese geistig stabilisierende Maßnahme verzichten zu können. Ehrenrührig ist es aber auch nicht!, rief sich Boolvert in Erinnerung, denn er hatte einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen.

Nur was genau, war ihm nicht klar. Eine innere Unruhe dominierte ihn zunehmend.

Vielleicht wäre es gut, diesmal am Ritual des Austauschs teilzunehmen, dachte er. Boolvert hatte das schon längere Zeit nicht mehr getan. Das hatte mit vielen Dingen zu tun. Der wichtigste Aspekt war der, dass er sich in letzter Zeit mental nicht ausreichend aufgeladen gefühlt hatte, um einen Teil dieser Energie abzugeben.

Und genau das war beim Ritual des Austauschs unerlässlich.

Aber jetzt bist du mental so geladen wie selten – woran auch immer das liegen mag. Einen Augenblick zögerte er noch mit seinem Entschluss, diesmal tatsächlich das Ritual zu besuchen.

Du kannst dich nicht wirklich gedanklich von deiner Aufgabe lösen. Auch jetzt nicht, da du längst abgelöst bist und deinen Geist eigentlich regenerieren solltest. Aber wie soll das gelingen, wenn das Geheimnis dieser feinen Strukturveränderungen der Raumzeit wie ein Damoklesschwert über allem schwebt?

Aber war das nicht immer schon der Fall gewesen? War Nar’gog nicht ohnehin ein äußerst bedrohter Ort, der nur scheinbar eine sichere Festung darstellte? Eine Festung, die sich im Handumdrehen in einen letzten, verzweifelten Rückzugsort verwandeln konnte. Niemand wusste das besser als ein Felorer.

––––––––

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B OOLVERT ERREICHTE den Ritualraum.

Ungefähr ein Dutzend Felorer hatten sich dort bereits eingefunden. Zwölf – diese Zahl galt als Minimum, aber theoretisch war es auch möglich, das Ritual mit nur zwei Teilnehmern durchzuführen.

Die anwesenden Felorer hatten sich in Form einer Ellipse positioniert.

„Es ist schön, dass auch du teilnehmen wirst“, sagte Hruusert, der bei den Felorern von Station 1 als Zeremonienmeister fungierte. „Du bist herzlich willkommen.“

„Meine Lebensenergie wird der Zukunft dienen“, erwiderte Boolvert. Das war die rituelle Formel. Schließlich ging es ja um nicht weniger als die Zeugung felorischen Nachwuchses.

Ein Singsang begann. Auf akustischer Ebene war ein Akkord von Brummlauten zu hören. Aber auf den anderen Sinnesebenen der Felorer wurden gleichzeitig ebenfalls Informationen ausgetauscht. Ein regelechter Wahrnehmungscluster ergab sich daraus für jeden Teilnehmer des Rituals. Manche dieser Sinne waren so speziell, dass sie nur Felorern zugänglich waren.

Jeder der Teilnehmer löste aus dem Verbund seines aus Achten bestehenden Körpers ein oder mehrere Elemente heraus. In dieses Element wurde die überschüssige mentale Energie umgeleitetet, bevor es in die Mitte geworfen wurde.

Für die Felorer war eine so geballte, inhomogene Ansammlung mentaler Energie durch mehrere ihrer speziellen Sinne wahrnehmbar. Diese Wahrnehmungen wurden im Bewusstsein von Felorern mit der Farbwahrnehmung verschaltet, sodass sie mentale Energie als Farbwolken sahen.

Die Anwesenden verfolgten aufmerksam, was mit den in die Mitte geworfenen achtförmigen Körperelementen geschah. Wie sie sich ordneten, formten, sich miteinander verbanden. Der Zeremonienmeister leistete dazu hin und wieder seinen Beitrag, indem er lenkend und ordnend eingriff.

Die Felorer vermochten die Bewusstseine anderer Spezies wie etwa der Jay’nac strukturell zu ordnen und waren natürlich bei ihrem eigenen Nachwuchs noch in viel höherem Maß daran interessiert, kein mentales Chaos zu produzieren, das sich letztlich nur störend auf die Allgemeinheit ausgewirkt hätte.

Die achtförmigen Elemente, die in die Mitte des Kreises geworfen worden waren, bewegten sich zunächst aufeinander zu und begannen schließlich damit, sich ineinander zu verhaken.

Was daraus schließlich entstand, war noch lange kein vollwertiger felorischer Körper.

Aber ein verheißungsvoller Anfang.

„Ich gebe dir den Namen Ooroonert, so lange, bis du in der Lage bist, dir selbst einen Namen zu wählen, der deiner Persönlichkeit entspricht“, sagte der Zeremonienmeister.

„Ooroonert!“, wiederholten alle Anwesenden.

Der kleine, nur aus wenigen Achterelementen bestehende Proto-Felorer bewegte sich und begann vorsichtig, die Umgebung mit seinen erwachenden Sinnen zu ertasten.

Für ein gewisses Grundwissen war durch den mental strukturierenden Einfluss des Zeremonienmeisters gesorgt worden. Aber die Persönlichkeit, das neue Bewusstsein musste sich erst finden. Die Struktur, in der sich die geistigen Energien zu bewegen hatten, war durch den Zeremonienmeister vorgegeben. Aber innerhalb dieser Grenzen war noch alles möglich.

„Ooroonert“, wiederholte der kleine Felorer seinen eigenen Namen und akzeptierte ihn damit vorläufig. So zumindest interpretierte dies die felorische Ritualordnung. „Ooroonert!“, sagte er noch einmal, diesmal lauter und dabei emittierte er eine Vielzahl von Eindrücken auf anderen Sinneskanälen, die nur für Felorer wahrnehmbar waren.

Der Singsang der zwölf Tormeister, die jeweils eines oder mehrere achtförmige Strukturelemente ihrer eigenen Körper für dieses neue Leben zur Verfügung gestellt hatten, schwoll an.

Ein Symbol für den Wunsch aller, dass dieser Jung-Felorer wachsen und gedeihen möge.

Vom Kleinen zum Großen. Von einzelnen Elementen, die aus unterschiedlicher Quelle kamen, zu einem vollständig ausgebildeten Felorer-Körper. Und vom untergeordneten Chaos mentaler Energie zu einer gefestigten Person, die wusste, dass ihre Persönlichkeit mehr ausmachte, als nur die Summe ihrer sortierten Einzelteile.

Aber das sind Feinheiten, Ooroonert!, dachte Boolvert wohlwollend.

Für einen kurzen Moment verblasste Ooroonerts Gestalt. Sie wurde durchscheinend.

Ein Schwall überraschter Äußerungen auf allen möglichen Sinneskanälen ging jetzt von den Anwesenden aus.

Ooroonert äußerte mehr oder weniger nur Angst und Verwirrung. Seine Existenz hatte gerade erst begonnen und schien bereits gefährdet zu sein.

Für einige Augenblicke verblasste sein kleiner Felorer-Körper so stark, dass er kaum noch sichtbar war.

Alle Anwesenden verharrten für einen kurzen Moment in ihrer Erstarrung. Lähmendes Entsetzen hatte sich in ihnen ausgebreitet. Die Diagnose für diese Krankheit ist eigentlich klar!, ging es Boolvert durch die Windungen der zahllosen achtförmigen Elemente, aus denen sein Körper bestand. Eine Krankheit, die uns alle befallen kann.

Realitätsverfall.

Temporaler Exitus.

„Dimensionsalarm!“, sagte Boolvert. Er nahm Kontakt zur Steuer-Acht auf. Der diensthabende Tormeister meldete sich. „Schwere temporale Krise! Es findet wahrscheinlich eine Überlappung mit einer Pararealität mit entsprechenden Resonanzphänomenen statt!“

„Maßnahmen sind eingeleitet. Die Realitätsstörung wurde lokalisiert! Wir könnten sie eliminieren. Es kann noch kein Bezug zu einer existierenden und überlappungsfähigen Pararealität festgestellt werden.“

„Nein, nicht eliminieren!“, schritt Boolvert ein.

„Aber warum nicht?“, fragte der Diensthabende. „Es ist die gefahrloseste Alternative.“

Boolvert fühlte sich, als ob jemand seine Achten auseinander gerissen und ins All geschleudert hätte. „Das mag sein, aber...“

Der Grund ist doch, dass er ein Teil von dir ist!, überlegte er.

Jetzt meldete sich Felvert von Nar’gog aus über das Kommunikationsnetz der Felorer zu Wort.

„Es muss eine paradimensionale Stabilisierung durchgeführt werden. Sofort. Eine sektorale Eliminierung könnte durchaus auch Folgen haben. Die Gefahr, dass unser Zeitfluss in einen Parastrom abgleitet, ist nicht zu unterschätzen ...“

Niemand widersetzte sich der Autorität Felverts.

Sein Wissen war so immens, dass selbst erfahrene Torwächter nur davon träumen durften, so sichere Entscheidungen treffen zu können. Und im Fall einer Krise verließen sich die anderen gerne auf ihn.

„In Ordnung“, sagte der Diensthabende in der Steuer-Acht von Station 1.

„Koordiniertes Vorgehen aller Stationen!“, ordnete Felvert an. „Wir erhöhen den Botan-Faktor um ein Drittel. Exakt in 12 Mikro-Zeiteinheiten. Ich erwarte Bestätigung von allen Torstationen.“

Die Bestätigungen trafen zeitgleich ein und wurden an Felvert übertragen. Für den Tormeister war es kein Problem, all diese Signale gleichzeitig zu verarbeiten. Multifunktionales Denken war eine Stärke seiner Spezies.

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W ENIG SPÄTER WAR BOOLVERT auf dem Weg zur Steuer-Acht. In dem Moment, als er die Zentrale von Station 1 betrat, war ihm plötzlich sehr eigenartig zumute. Es fiel ihm schwer einen Gedanken zu fassen. Seine Sinne waren auf einmal so ... unscharf. Er vermochte seine Umgebung kaum noch wahrzunehmen.

Optisch verblasste sie – doch nicht nur auf diesem Sinneskanal machte seine Umgebung plötzlich einen sehr viel schwächeren Eindruck. So, als würde die Realität selbst allem entweichen, was mich umgibt!, erkannte er.

Aber in Wahrheit war es vielleicht auch genau umgekehrt, wie ihm wenig später drastisch demonstriert wurde. Mehrere Tormeister versuchten, Boolverts Körper mit ihren Sinnen zu erfassen. Signale der Verwunderung wurden emittiert. Verwirrung breitete sich aus.

„Was ist los mit Boolvert?“

„Er sieht wie eine temporale Krisengestalt aus.“

„Meine Achter-Elemente wurden erst vor 12 Standardzeiteinheiten zusammengelegt und mental gleichgeschaltet!“

„Deine Unerfahrenheit entschuldigt dich.“

„Stabilisierungsprozedur durchführen.“

„Durchgeführt.“

„Erfolg?“

„Negativ!“

„Wiederholen!“

„Verstanden.“

Boolvert hörte diese Stimmen wie aus weiter Ferne. Er stellte nur fest, dass er nicht mehr in der Lage war, sich im Raum zu bewegen. Lediglich die Dimension der Zeit schien ihm geblieben zu sein. Seine Sinne sorgten für eine verwirrende Selbstwahrnehmung, die ihn für Augenblicke daran zweifeln ließ, ob er überhaupt noch existierte. Ein schwacher Schatten des Seins selbst ... Mehr schien nicht mehr vorhanden zu sein.

Rein äußerlich wurde seine Gestalt durchscheinend. Die mentale Integrität zerfiel.

Für einen Moment wusste er nicht mehr seinen Namen.

Versuche dich an den Beginn deiner Existenz zu erinnern!, hämmerte es in ihm. Da Felorer während des Austausch-Rituals einige voll funktionsfähige achtförmige Körperelemente und genügend Bewusstseinsenergie der Ritualteilnehmer erbten, wurden sie mit einem Protobewusstsein geboren, dass bereits vom ersten Augenblick an Erinnerungen ermöglichte.

„Maßnahme erfolgreich!“, meldete jemand. „Systemweite Stabilisierungstendenz erkennbar. Aber es bauen sich Spannungen in der Raumzeit-Struktur auf. Wir werden es erneut mit Anomalien zu tun bekommen ...“

„Deprimierende Aussichten!“

„Tut mir leid, du kannst die Daten ja selbst überprüfen und schauen, ob du einen Grund findest, optimistischer in die Zukunft zu blicken.“

Im nächsten Moment hatte Boolverts Körper wieder Substanz gewonnen.

Etwas später war der Tormeister nahezu fassungslos. Dieses Gefühl, dass die eigene Existenz sich buchstäblich auflöste, war mit nichts zu vergleichen. Für einen Felorer war keine Form der Furcht vorstellbar, die tiefer ging und verstörender war. Viele Erzählungen und so manches Drama rankten sich in der felorischen Kultur gerade um diesen Punkt.

Wie begegnete man dem Faktum, dass man vielleicht innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne in das Stadium der Nicht-Existenz eintrat?

Es gab mathematisch-philosophische Schulen unter den Felorern, die es bevorzugten, dieses Thema völlig aus jedem Diskurs herauszuhalten.

Warum über etwas reden, das – in dem Moment, in dem es eintrat – unabwendbar war? Wozu auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden?

Gedanken, die bestenfalls lähmten, im schlimmsten Fall aber eine mental zerstörerische Wirkung ausübten?

Aber die Fragen, die damit zusammenhingen, sich der Tatsache zu stellen, dass die Existenz eines felorischen Lebens keineswegs endlos andauerte, waren offenbar so drängend, dass sie sich nicht auf ewig in den Hintergrund schieben ließen.

Diese Vorgehensweise funktionierte nur an der Oberfläche.

„Du bist wieder da, Boolvert“, stellte einer der diensthabenden Tormeister erleichtert fest. Es war allerdings nicht nur Mitgefühl, das in dieser Aussage mitschwang. Vielmehr fürchteten alle, dass Boolverts Fall bald weitere folgen würden.

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D AS JAHR 2552 N. CHR.

Eine Zahl ohne Bezug.

Zumindest hier, an diesem Ort, der so seltsam war, dass man ihn beinahe nicht als „Welt“ bezeichnen mochte.

Da waren Formen, Farben. Dinge, die sich veränderten und vage Konturen bildeten. Konturen, die vielleicht Gebäude waren, vielleicht aber auch Lebewesen.

Wie lange bin ich jetzt schon auf Nar’gog?, dachte Scobee. Man kann hier jegliches Zeitgefühl verlieren ...

Die „Stimmen“ des Granogk waren überall zu hören. Scobee ließ den Blick über die bizarren Formen schweifen. Jedwede nur denkbare geometrische Struktur war dabei. Die Elite der anorganischen Jay’nac ... Irgendetwas scheint sie zu beunruhigen.

Das Raunen unter den zum Granogk gehörenden Jay’nac wurde lauter, drängender. Scobee vermochte die Stimmen nicht auseinander zu halten. Sie bildeten ein Cluster, dem sie jedoch sehr wohl die vorherrschende Emotion zu entnehmen vermochte.

Auch Felvert schien beunruhigt. Der wurmartige, aus lauter Achten bestehende Körper des felorischen Tormeisters wirkte unruhig und war in ständiger Bewegung. Jedes einzelne Achter-Element schien davon auch für sich betroffen zu sein. Felvert nahm Kontakt mit einer der speziellen Tormeister-Stationen auf, die das Nar’gog-System schützten.

Aber über das, was er erfuhr, machte er keine Mitteilung.

„Was ist los?“, fragte Scobee.

„Das kann ich dir nicht sagen“, erwiderte Felvert.

„Weshalb nicht?“

„Noch ist die Lage unklar. Aber da ist ... etwas.“

„Wovon sprichst du?“

„Es findet eine Veränderung statt. Sobald ich Näheres darüber weiß, werde ich darüber sprechen.“

Diese orakelhafte Auskunft beruhigte Scobee nicht gerade.

In ihrer Nähe befand sich Porlac, der Sprecher des Granogk. Die Gesamtheit der Jay’nac-Elite begann sich immer deutlicher und drängender zu regen. Es sprach sich herum, dass da etwas vor sich ging, das sie vielleicht alle in Gefahr brachte.

„Das Granogk ist beunruhigt“, stellte Porlac fest und bewegte seinen anorganischen Körper etwas auf Scobee zu. Die GenTec stand inmitten dieser bizarren Menagerie aus anorganischem, auf Silizium basierendem Leben, wobei die Übergänge zwischen belebter und toter Materie und zwischen Lebewesen und Gegenständen fließend waren. Manche Raumschiffe, die auf den Landeplätzen standen, waren in Wahrheit gewaltige Jay’nac- Körper. Dasselbe galt für viele Gebäude. Man konnte sich nie sicher sein, ob man über einen Weg lief oder ob der feste Grund, auf dem man sich befand, nicht in Wahrheit Teil eines oder mehrerer Jay’nac-Individuen war.

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S COBEE FIEL AUF, DASS sich Felvert etwas zurückgezogen hatte. Er wanderte hektisch zwischen den kristallinen Strukturen umher, die Nar’gogs Oberfläche mehr oder weniger vollkommen prägten – manche lebendig, andere so tot wie Stein.

Irgendetwas geht da vor sich!, ging es ihr durch den Kopf.

Sie warf einen kurzen Blick zu Siroona, der Angehörigen des ehemaligen foronischen Septemvirats, die jetzt nichts weiter als ein Schatten ihrer selbst war. Die Gedanken wanderten zurück in jene Zeit, als Siroona zusammen mit ihrem Gefährten Sobek und den anderen Hirten die oberste Instanz an Bord der RUBIKON, die von den Foronen SESHA genannt wurde, dargestellt hatte.

Allein der Gedanke an die ungeheuer machtvolle Präsenz Sobeks ließ Scobee unwillkürlich schaudern. Und selbst du, Siroona, bist vor ihm erstarrt, wenn du ehrlich bist. Obwohl er dein Gefährte war und du ansonsten loyal an seiner Seite gestanden hast.

Aber auch Siroona hatte eine für Menschen beängstigende Macht besessen, mit der sie ihrer Umwelt früher mühelos ihren Willen hatte aufzwingen können – vorausgesetzt, es ging nicht gerade darum, den noch mächtigeren Sobek zu beeinflussen, was ihr Zeit ihres Lebens misslungen war.

Eine Rüstung aus unzähligen Nanopartikeln umhüllte sie. Die Außenstruktur ähnelte einem Schwarm winziger Insekten, die sich dicht an sie drängten und ihren alt und gebrechlich gewordenen Körper fast wie ein Korsett stützten. Milliarden und Abermilliarden Nanopartikel mussten es sein. Ihre Zahl war unvorstellbar. Sie wogten wie ein Schwarm durcheinander. Im Moment wurde der Kopf freigegeben, aber ansonsten war sehr oft der komplette Körper von dieser Rüstung bedeckt.

Hast du eine Ahnung, was hier geschieht?, fragte Siroona auf telepathischem Weg.

Alle Foronen waren Telepathen. Oft waren die Gedankenimpulse so stark, dass sie Wesen mit schwächerer mentaler Präsenz durch einen Kontakt auch gleich den eigenen Willen aufzwangen. Die Botschaft wurde dann zum Befehl. Aber Siroona war nicht mehr so stark, auch wenn Scobee bei ihr sehr wohl das Bedürfnis spürte, andere zu kontrollieren.

Aber diese Zeiten waren wohl endgültig vorbei. Glücklicherweise, wie Scobee fand. Dennoch – manchmal hatten Siroonas Gedanken eine Schärfe, die Scobee körperliche Schmerzen verursachte.

„Ich habe keine Ahnung“, sagte Scobee.

Meine Sinne nehmen etwas wahr, das mich verwirrt, gestand Siroona. Ich kann es nicht näher erklären. Aber etwas stimmt hier nicht.

„Was sollte das sein?“

Vielleicht hat es mit dir zu tun.

„Ich verstehe nicht, was du meinst.“

Deine Präsenz wird schwächer. Und das in einem erschreckenden Ausmaß. Ich spüre es ganz deutlich!

Es fröstelte Scobee plötzlich. Sie hob ihre Hand und merkte, dass sie durch sie hindurch sehen konnte. So, als würde sie entstofflicht.

Ich löse mich auf!, durchfuhr es sie. Scobee begriff, dass das Gefühl innerer Kälte nicht mit einer körperlichen Reaktion auf die gemäßigte Außentemperatur zu tun hatte, die selbst in der Nacht auf Nar’gog herrschte.

Genau das meinte ich, äußerte sich Siroona. Aber mir geht es nicht besser. Auch ich verliere an Präsenz ...

„Fragen wir Porlac, was das zu bedeuten hat!“, schlug Scobee vor.

Ich glaube nicht, dass Porlac etwas zur Lösung des Problems beizutragen vermag!

Porlac war unterdessen noch immer in eine rege Kommunikation mit dem Felorer Felvert verwickelt, von der Außenstehende kaum etwas mitbekamen. Aber die Unruhe, die ohnehin schon im Granogk herrschte, verstärkte sich noch.

Scobee bewegte sich auf Porlac zu. Sie stellte fest, dass ihr jede Bewegung schwer fiel. Und vor allem hatte sie das Gefühl, unendlich viel Kraft aufwenden zu müssen, um überhaupt noch vorwärts zu kommen. Ich verliere den Kontakt zu meiner Umgebung!, wurde ihr klar. Mit anderen Worten, ich verschwinde langsam im Nichts. Werde ein Geist ohne Bezug zu Raum und Zeit, zu irgendwas ...

Sie erreichte Porlac schließlich unter Aufbietung all ihrer Kräfte.

Der Prozess der Entstofflichung war inzwischen weiter fortgeschritten. Auch die Beine und ihr gesamter Körper waren nun betroffen.

Sie sprach Porlac an, aber dieser schien sie zunächst nicht zu verstehen. Gleiches galt für Felvert.

Funktionierte ihr Translatorchip nicht mehr richtig?

„Wir verstehen dich kaum noch!“, drang schließlich Felverts Stimme in ihr Bewusstsein.

Wie aus weiter Ferne kamen seine Worte.

„Was soll ich tun?“

„Ich habe mit den Stationen Kontakt aufgenommen und alles Nötige veranlasst“, erklärte Felvert. Es folgten einige Sätze, von denen Scobee nichts verstand. Ob es an der mangelhaften Akustik lag oder an ihren eigenen Verständnismöglichkeiten, war ihr nicht so recht klar. Diese Frage schien ihr im Moment auch nicht weiter wichtig zu sein. Sie stellte fest, dass sie vor allem von namenloser Angst beherrscht wurde. Angst davor, sich vollkommen aufzulösen.

Auch das wird vorübergehen!, meldete sich eine Stimme in ihrem Bewusstsein, bei der sie sich nicht sicher war, ob sie aus ihr selbst kam oder ob vielleicht Siroona es war, die telepathischen Kontakt mit ihr suchte und ihre Gedanken kommentierte. Oder ob sie diese Worte vielleicht sogar tatsächlich GEHÖRT hatte.

Aber wer hatte sie dann ausgesprochen? Porlac? Felvert? Irgendein Jay’nac, der dem Granogk angehörte?

Eine weitere Frage stellte sich plötzlich: Wer ist Porlac?

Es fiel Scobee schwer, überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen, abgesehen von der auf einmal beherrschenden Erkenntnis, dass sie sich an einem Ort befand, an dem sie eigentlich nichts zu suchen hatte.

Warum klammerst du dich also an deine Anwesenheit hier, wenn diese doch keine feste Wurzel mehr in der Kausalität der Ereignisse hat?, ging es ihr durch den Kopf.

Ein Kopf, der kaum noch zu sehen war, so durchscheinend wirkte er auf Betrachter. Du musst loslassen ... Die Reste deines Bewusstseins werden sich zerstreuen, als hätte es dich nie gegeben. Aber was ist so schlimm daran? Es wird erholsamer sein, als ein langer Schlaf. Es wird sein wie vor deiner Geburt – wenn man den Beginn deiner Klon-Existenz der Einfachheit halber einmal so bezeichnen will.

Ein Strom aus Bildern, Gedanken und Empfindungen wirbelte in Scobees Innerem durcheinander. Manche davon schienen mit ihr zu tun zu haben. Andere erschienen ihr sehr fremd, und sie war sich nie sicher, ob es sich um Erinnerungssplitter ihres eigenen Lebens oder um fremde Bewusstseinsbruchstücke handelte, die aus irgendeiner Laune heraus in ihre Seele gespült worden waren und jetzt wie in einem Kaleidoskop durcheinander gewirbelt wurden.

Mentales Strandgut.

Sie sah sich selbst an Bord der einstigen Foronenarche, zusammen mit John Cloud und den anderen Mitgliedern der Crew. Unter anderem Jarvis und Resnick – geklonte GenTecs wie sie.

Moment mal...

Auch Jiim und ein Gloride befanden sich an Bord. Da sich die androgynen Gloriden äußerlich kaum voneinander unterschieden, vermochte Scobee nicht zu sagen, um wen es sich handelte.

Aber eines wusste sie.

Resnick gehört nicht dorthin. Er war damals schon lange tot. Und was ist mit Jarvis Nanokörper?

Jarvis’ Bewusstsein war in die einstige Rüstung des Foronen Mont transferiert worden. Er war seitdem – zumindest im physiologischen Sinn – kein Mensch mehr, sondern hatte diese aus Abertrillionen Nanopartikeln bestehende, amorphe Hülle als seinen neuen Körper angenommen.

Aber in der Vision, die Scobee jetzt hatte, sah er aus wie ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Und das ganz offensichtlich nachdem Jiim an Bord kam. Das ist nicht möglich. Was soll das? Ein alternativer Zeitstrom?

Scobees Verwirrung nahm zu, als sie feststellte, dass auch andere dieser Bilder und kleinen Szenen nicht mit ihrer Erinnerung in Überreinstimmung zu bringen waren.

Sie sah sich selbst an Bord einer RUBIKON, die sich hundert Jahre vor Scobees aktueller Gegenwart auf dem Weg zur Erde befand.

Die Ortungsanzeigen, die auf der Holosäule in der Zentrale angezeigt wurden, ließen diesbezüglich keinen Zweifel gelten. Scobee veränderte ein paar Einstellungen. Eine Woche noch, bis wir die Erde erreichen. Das Solare System. Die Heimat der Menschen, die man in weiten Teilen der Galaxis als Erinjij verachtet hat ... Sie teilte die Spannung, die alle an Bord empfanden. Was ist aus der Erde in den vergangenen Jahrtausenden (Jahrtausende?!) geworden? Was aus der Galaxis, die von den Erinjij zu einem Gutteil förmlich überrannt wurde?

Die Szene wurde abgelöst von anderen, die sich vielleicht irgendwann einmal ereignen mochten oder hätten ereignen können.

Eine Menagerie der Möglichkeiten.

In immer schnellerer Folge lösten sie einander ab. Splitter aus Dutzenden von alternativen Zeitlinien. Immer absurder erschienen sie ihr.

In einem dieser Szenarios sah sich Scobee auf dem Mars. Sie öffnete einfach das Visier ihres Helms. Die Atemluft entwich mit einem Knall. Zwischen einem und acht Millibar schwankte der Luftdruck des Mars, was einem Vakuum sehr nahe kam. Sie rang nach Luft und glaubte einige Momente lang, ihr würden durch den Unterdruck die Lungen aus dem Leib gerissen. Die Kälte von minus siebzig Grad dämpfte die Schmerzen. Alles begann sich um sie zu drehen wie in einem Strudel. Bald waren keinerlei Formen mehr erkennbar, nur noch Farben. Alle Sinneseindrücke verschwammen zu einem Brei aus Farben und Tönen. Der Gesang der Ewigkeit, dachte sie. Der letzte klare Gedanke, zu dem sie fähig war.

Sie wehrte sich nicht gegen den Prozess der Selbstauflösung.

Warum auch?

Alles schien so leicht, so gleichgültig.

Dann tauchte unverhofft eine Frage auf: Wer ist Scobee?

Dunkelheit legte sich über sie und hüllte sie wie in ein schwarzes Tuch ein.

Dunkelheit und ...

... absolute Kälte.

Der Eiswind der Zeit.

2 | Sein oder Nichtsein

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Sein oder Nichtsein

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S IROONA HATTE DAS BOHRENDE Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Sie befand sich in einem düsteren Thronsaal – dem Machtzentrum eines gigantischen Reiches, das sie zusammen mit Sobek regierte. Es umfasste weite Bereiche der Milchstraße und man schickte sich gerade an, die Große Magellansche Wolke, die alte Heimat der Foronen zurückzuerobern.

Sobek war vollkommen von seiner Rüstung bedeckt. Es war eine Nanorüstung völlig neuen Typs. Die Partikel, aus denen sie bestand, waren nicht anthrazitfarben, sondern blutrot. Seine Präsenz wurde durch diese Rüstung noch verstärkt. Auf dem gesamten Zentralplaneten war es vollkommen unmöglich, sich seinem Willen zu widersetzen.

Allein Siroona konnte wenigstens ihre Meinung gegenüber der Nummer eins unter den Hohen Sieben äußern.

Die Entscheidungen traf zumeist Sobek allein, sofern er ihr nicht in einem bestimmten Bereich vollkommene Freiheit ließ. Und diese Bereiche waren im Laufe der Zeit immer größer geworden, was mit den Ausmaßen des Imperiums zusammenhing, dass sie errichtet hatten.

Es gab niemanden, der Sobek traute. Niemanden außer Siroona. Und so blieb sie die Einzige, an die er tatsächlich bereit war, Aufgaben zu delegieren.

Ein Gefühl von Macht, Stärke und mentaler Präsenz durchströmte sie. Dieses Gefühl hatte sie lange nicht gekannt. Zuletzt vor Beginn ihres Staseschlafs an Bord der einsamen Station mitten im Leerraum zwischen Andromeda und der Milchstraße. ..

Siroona stutzte.

Ihr war sofort klar, dass sich die Erinnerung an den Staseschlaf nicht mit der Szenerie im Thronsaal vereinbaren ließ.

Zwei Realitäten. Zwei unterschiedliche Zeitlinien. Wann haben sie sich getrennt? Welche Fehler habe ich gemacht? Kann das Alter jener Siroona, die Sobek als Begleiterin und Mitherrscherin zur Seite steht, etwa nichts anhaben?

Der Anzug war in diesem Punkt des Rätsels Lösung.

Siroona besaß ebenfalls eine der neueren roten Rüstungen, und das war wohl der Hauptgrund dafür, dass sie sich so stark fühlte, schließlich waren die Auswirkungen des Alterns nicht einmal für Foronen auf die Dauer zu umgehen.

Aber dann wandelte sich die Szenerie.

Siroona versuchte etwas zu sagen. Sie wollte eine mentale Botschaft an Sobek senden, doch das war nicht möglich. Wie eine Statue hatte Sobek auf seinem Thron Platz genommen.

Warum hörst du mich nicht?

Er blieb taub für ihre mentalen Signale. Taub – und eigenartigerweise wirkte seine Präsenz auf einmal wie abgedämpft. So sehr Siroona sich auch bemühte, ihre Sinne nach ihm tasten zu lassen – es wollte ihr einfach nicht mehr gelingen.

Sobek!

Sobek erhob sich. Er fuhr das Kopfteil seiner rot flimmernden Rüstung zurück, sodass sein augenloses Foronengesicht zum Vorschein kam.

Er scheint irritiert zu sein.

Aber Siroona schalt sich schon im nächsten Moment eine Närrin. Sie hatte nicht den Hauch eines mentalen Kontaktes. Wie konnte sie also beurteilen, was in Sobeks Gedanken vor sich ging?

Gar nicht. Du hast seine Erscheinung, die Bewegungen, sein Gesicht überinterpretiert. Es gibt keinen Anhaltspunkt für deine Annahmen ...

Diese Erkenntnis war für Siroona absolut niederschmetternd.

Vernichtend.

Sie vermochte sich nicht mehr zu bewegen. Erst dachte sie darüber nach, ob es an ihrem Körper lag, der schließlich in der roten Rüstung ebenso gebrechlich geblieben war, wie sie es aus jener anderen Ebene kannte, deren Existenz sich mit dem, was sie gerade erlebte, so wenig vereinbaren ließ.

Aber dann begriff sie, dass es an etwas anderem lag. Sobek – dessen Gesicht genauso alt und verfallen wirkte wie das ihre, ging auf sie zu – und schließlich durch sie hindurch.

Sie war schlicht und ergreifend gar nicht vorhanden. Existierte nicht in der gleichen Raumzeit wie dieser Thronsaal und die Raumzeitparallele, zu der er gehörte.

Im nächsten Moment befand sie sich wieder im Staseblock an Bord der RUDIMENT-Station im intergalaktischen Raum. Sie sah Scobee vor sich, war aber unfähig etwas zu sagen. Im Staseschlaf foronischer Prägung blieb man bei Bewusstsein. Man bekam alles mit, was in der Umgebung geschah.

Vorausgesetzt, es geschah überhaupt etwas.

Die meiste Zeit über hatte sich buchstäblich nichts ereignet, und sie war nahe dran gewesen den Verstand zu verlieren.

Welche Realität gilt jetzt?, fragte sich Siroona. Oder ist es am Ende gar so, dass sie sich ALLE auflösen? Kann man selbst unter Umständen noch glauben zu existieren, während man in Wahrheit schon gar nicht mehr vorhanden ist? Bin ich vielleicht nur ein kleiner Informationsrest in einem morphogenetischen Feld? Ein paar verirrte Gedanken aus einer Schattenwelt, die keine Möglichkeit mehr hat, Realität zu werden und einen Zeitstrom zu dominieren?

Siroona in ihrem Staseblock konnte beobachten, wie die vor ihr stehende Scobee langsam verblasste und schließlich verschwand.

Sie entmaterialisierte.

Nicht einmal ein Hauch ihrer ehemaligen Präsenz ließ sich noch wahrnehmen.

Nein!, durchfuhr es Siroona, denn ihr begannen die Konsequenzen zu dämmern.

Ein Zeitstrom wurde aus der Vielfalt des Multiversums getilgt. Und mit diesem Zeitstrom schien unglücklicherweise ihre eigene Existenz verknüpft zu sein.

Die Konturen ihrer Umgebung veränderten sich. Auch die Präsenzen, die sie spürte. Aber diese Wahrnehmungen waren so furchtbar schwach.

Ein primitiver Organismus wie ihn für Siroonas Maßstäbe der geklonte Körper von Scobee darstellte, hätte die Szenerie vielleicht wie den Blick durch eine zunehmend getrübte Linse wahrgenommen.

Nur hatte Siroona keine Augen, die solche Effekte zugelassen hätten.

Aber ihre eigenen Sinne wurden auf ganz ähnliche Weise getrübt, bis fast nichts mehr erkennbar war.

Es wurde dunkel.

Die Wahrnehmung wurde zeitweilig wieder besser.

Sie hatte fast den Eindruck, als ob zumindest ein paar Lebensgeister sowohl in ihren Körper als auch in ihr Bewusstsein zurückgekehrt wären.

Die Gestirne leuchteten am Himmel. Und Stimmen waren von überall her zu hören. Geistige Stimmen, die zu kristallinen Wesen mit hohem Siliziumgehalt gehörten.

Nar’gog!, erkannte sie. Ich bin wieder unter den Jay’nac

Aber gehörte nicht auch Scobee hierher?

Sie wusste es nicht mehr genau. Ebenso wenig hätte Siroona in diesem Augenblick sagen können, was sie eigentlich auf dieser bizarren Welt zu suchen hatte, von der lediglich der Name durch ihr Bewusstsein geisterte.

Nar’gog.

Zwei Kräfte stritten sich in ihrem Bewusstsein. Da war einerseits die Agonie, die immer mehr von ihr Besitz zu ergreifen drohte. Gleichgültigkeit, die sich wie Mehltau über ihren Geist legte und diesen fast ebenso immobil und lethargisch machte, wie es mit ihrem Körper schon geschehen war.

Die andere Regung, die sich immer deutlich zu Wort meldete, war Auflehnung, Kampf um die eigene Existenz. Der verzweifelte, aber daher auch um so entschlossene Wille, die eigene Existenz nicht aufzugeben und die Integrität des Bewusstseins zu bewahren.

Aber das war schwierig.

Alles drohte ihr aus dem Griff zu geraten.

Einfach zu entgleiten.

Ihre Kräfte schienen nicht auszureichen, um das, was ihre Persönlichkeit ausmachte, länger festzuhalten.

Es wird vergebens sein!, ging es ihr durch den Kopf. Du wirst dein Leben nicht bewahren können. Aus irgendeinem Grund ist deine Existenz in diesem Seitenzweig der Realität offenbar nicht vorgesehen.

Sie schien auf einen toten Ast in der Entwicklung des Kosmos geraten zu sein. Einen toten Ast der Zeit, der entweder aus der Laune eines missgünstigen Schöpfers oder aus purem Zufall nicht mehr fortgesetzt werden würde.

Die Gründe waren eigentlich gleichgültig. Entscheidend war nur das Faktum an sich.

Vielleicht ist es das Beste, sich damit abzufinden!, dachte Siroona. Was ist so schlimm am Zustand der Nicht-Existenz? Bedeutet er nicht auch eine Befreiung von Schmerz und Sorge? Eine Befreiung von all dem, was einen niederdrückt? Ist das Nichts nicht letztlich die höchste Form des Glücks, auch wenn jede Existenzform sich zunächst beharrlich weigert, dies anzuerkennen?

Frieden begann Siroonas Bewusstsein mehr und mehr zu erfassen. Vielleicht zum ersten Mal seit Beginn ihrer Existenz.

Es war der Frieden des Todes.

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F ELVERT HATTE SEHR schnell begriffen, was vor sich ging. Eine starke temporale Krise war im Gange. Und außerdem brach ein Parasturm ungekannten Ausmaßes über das gesamte System herein. Dass beides in irgendeiner Form miteinander in Zusammenhang stand, lag für den Tormeister im Erfassungsbereich seiner Sinne.

Aber was nun eigentlich die Ursache beider Phänomene war, konnte bisher nur Gegenstand von Spekulationen sein.

Über ein Kristallmodul war der Felorer ständig über alles informiert, was auf den Stationen geschah. Sämtliche Daten, die dort eingingen, kamen auch ihm zu. Und da er in permanenter Verbindung mit den jeweils diensthabenden Tormeistern stand, konnte er jederzeit in das Geschehen eingreifen.

Erste Maßnahmen hatte Felvert bereits angeordnet.

Niemand würde diesen Anordnungen widersprechen, was weniger in der Autorität irgendeines Amtes begründet lag, als vielmehr in dem Umstand, dass man ihm am ehesten zutraute, eine Lösung für die auftretenden Probleme parat zu haben.

Eigentlich müsste ich die Ursache längst erkannt haben, aber die kristallisiert sich nicht klar heraus!, überlegte der Felorer verzweifelt. Wenn Informationen fehlen, die eigentlich unerlässlich sind, um vernünftige Entscheidungen treffen zu können, bleibt nichts anderes übrig, als der Intuition zu folgen!

Genau das tat Felvert. In kritischen, nicht durchschaubaren Situationen hatte er es oft so gehalten. Und meistens dabei richtig gelegen.

Aber diesmal war es besonders schwierig. Die temporalen Stabilitätsparameter waren in einem permanenten Sinkflug begriffen.

„Wir haben eine deutliche Parallele, die unsere Existenz gefährdet!“, meldete Boolvert von Station 1.

„Wodurch wird sie verursacht?“, wollte Felvert wissen.

„Das haben wir bislang nicht herausfinden können. Aber die temporale Entropie erreicht einen Maximalwert, den wir seit der Abschirmung des Nar’gog-Systems noch nicht gemessen haben!“

„Es muss aber eine temporal klar umgrenzte Kausalitätszone geben“, erklärte Felvert.

„Die Kausalitätszone liegt etwa 132 Standard-Chronopotenziale in der Vergangenheit...“

„Also 95 Sonnenumläufe von Nar’gog“, echote Felvert. Das war immerhin ein Anfang. Ein Punkt, an dem man ansetzen konnte.

„Felvert, ich glaube allerdings, dass sich die Parallele schon früher gebildet hat“, meinte Boolvert. „Sie besaß nur bisher einen zu geringen temporalen Relevanzfaktor, um unserer eigenen Existenz gefährlich werden zu können.“

„Trotzdem werde wir ein Abwehrfeld mit einer temporalen Tiefenwirkung von genau 132 Standard-Chronopotenzialen einsetzen“, verlangte Felvert.

„Aber die Parallele existierte bereits früher!“

„Wie weit früher?“

„Das lässt sich nicht ermessen!“

„Das kann nicht sein!“

„An unseren Messwerten gibt es keinen Zweifel.“

„Aber wenn es zutrifft, was du gesagt hast, existierte die temporale Störung bereits zu Beginn des Universums!“

„Eine absurde Schlussfolgerung. Und doch scheint es die einzige Erklärung zu sein!“

Felvert zögerte. Die Vehemenz mit der Boolvert seinen Standpunkt vertrat, irritierte ihn. Eigentlich war das unüblich unter Felorern. Felvert war schließlich ihr oberster Tormeister.

Der Fähigste sollte in Zeiten der Krise die Führung ausüben. Niemals war daran unter Felorern gezweifelt worden. Alle anderen Kriterien mussten im Krisenfall in den Hintergrund treten.

Was bezweckt er damit?, fragte sich Felvert. Glaubt er, er kann sich damit hervortun und für höhere Aufgaben empfehlen? Wohl kaum.

„Führt die Maßnahme durch, die ich angeordnet habe!“, beharrte Felvert.

„Wir werden keine vollständige Restabilisierung erreichen“, gab Boolvert zu bedenken.

„Das mag sein“, erwiderte Felvert. „Aber wir erreichen überhaupt eine Stabilisierung. Für mehr reicht die Energie ohnehin nicht. Möglicherweise werde ich in einem zweiten Schritt die volle Stabilität wiederherstellen.“

Einige Augenblicke vergingen.

„Befehl ist ausgeführt“, meldete Boolvert.

„Auf allen Stationen?“

„Ja, Felvert.“

„Wie sind die gemessenen Werte für Paraenergie?“

„Sie steigen.“

„Das kann nicht sein!“

„Das tun sie aber.“

„Eigentlich müssten die Werte sofort nach Einleitung der Maßnahmen zurückgehen.“

„Station 3 meldet bereits mehrere Fälle von Bewusstseinsstörungen. Ein Teil unserer Tormeister wird über kurz oder lang nicht mehr einsatzfähig sein.“

In Felverts Gedanken – ein Hirn im klassischen Sinn besaß er nicht – wirbelte jetzt alles durcheinander.

„Da fegt ein Parasturm über uns hinweg, der sich von allen anderen unterscheidet, die wir jemals erlebt haben“, äußerte sich Boolvert. „Es ist gut möglich, dass wir alle wahnsinnig werden, wenn wir das hier überleben.“

„Das Risiko müssen wir in Kauf nehmen.“

„Was unsere Gegenmaßnamen angeht, so habe ich Kontakt mit unseren Keelon-Verbündeten aufgenommen. Sie sind derselben Ansicht wie ich. Wir müssen die Sache auf einer breiteren temporalen Basis angehen, sonst schaffen wir es nicht!“

Felvert spürte Ärger in sich aufkommen. Und das, obwohl Emotionen in Situationen wie dieser tunlichst zu vermeiden waren, wie es eigentlich auch dem Kodex der Tormeister entsprach.

„Wenn die Keelon eine Lösung vorschlagen, bin ich gerne bereit, darauf einzugehen. Aber ich glaube, dass sie sich direkt an mich gewendet hätten, wenn dem so wäre. Dass sie das nicht getan haben, zeigt, dass sie genauso ratlos sind wie wir!“

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EIGENTLICH MÜSSTE ICH auf Station 1 zurückkehren und selbst nach dem Rechten zu schauen!, dachte Felvert. Sein Vertrauen in die Fähigkeiten der anderen Tormeister war nicht sonderlich ausgeprägt.

Aber eine Rückkehr per Shuttle war unter den gegebenen Bedingungen nicht ungefährlich.

Porlac befand sich ganz in der Nähe. Er hatte Siroona und Scobee zeitweilig verblassen und sogar verschwinden sehen. Aber Ähnliches stellte er auch an sich selbst fest. Zeitweilig war er kaum in der Lage, sich zu bewegen. Er sah eine völlig zerstörte Planetenoberfläche vor sich, als wäre ein Fegefeuer der schlimmsten Art über die Jay’nac hinweggefegt.

Dann tauchten all die anorganischen Lebensformen wieder auf. Auch das Granogk, dessen Gesamtheit gleichzeitig Elite und Herrschaftsorgan dieser Spezies war.

„Porlac, hilf uns!“, hörte er das Granogk rufen.

„Du bist der Einzige, der einen Weg weiß!“

Schön wär’s, dachte Porlac. Aber die Ratlosigkeit des Torwächters Felvert war ihm nicht verborgen geblieben. Felvert hatte ihn hier auf der Oberfläche aufgesucht, um die Problematik zu besprechen, die möglicherweise durch die pure Existenz von Siroona und Scobee hier auf Nar’gog ausgelöst worden war.

Aber noch bevor Porlac alles erfahren hatte, war das paranormale Inferno hereingebrochen.

Porlac spürte die gewaltigen, mental hoch wirksamen Energien, die jetzt, während der temporalen Krise, in den geschützten Bereich vorzudringen vermochten.

Solange konnten wir uns vor der Entartung der Zeit schützen, aber das scheint jetzt vorbei zu sein!, dachte Porlac.

„Unsere Existenz!“

„Es verschwinden so viele!“

„Unternimm etwas, Porlac!“

„Wie soll er etwas unternehmen? Niemand von uns kann das!“

Sie haben Recht!, dachte Porlac. Ich kann nichts tun, außer abzuwarten und darauf zu vertrauen, dass die Torwächter in Zusammenarbeit mit den Keelon das Richtige tun.

Gerade in diesen Augenblick verschwanden Scobee und Siroona völlig.

Es blieb nichts von ihnen. Sie verblassten einfach.

Porlac ertappte sich dabei, dass bereits im nächsten Augenblick der Gedanke in seinem Bewusstsein auftauchte, ob es die beiden überhaupt je nach Nar’gog verschlagen hatte.

Die Temporalkonstante sorgte dafür, dass Erinnerungen, die sich aus einer anderen Zeitebene eingeschmuggelt hatten, innerhalb kürzester Zeit kaum noch abrufbar waren.

Das galt auch für Felorer. Zudem sorgte der starke Parasturm dafür, dass im Moment wohl kein Felorer seine geistigen Kräfte so zu konzentrieren vermochte, dass vorhandenes Potenzial wirklich ausgeschöpft wurde.

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E INER DER HERZMUSKELFÖRMIGEN Keelon, die sich derzeit im Nar’gog-System befanden, hatte sich zur Steuer-Acht von Station 1 begeben.

Boolvert nahm ihn deutlich wahr und schien im Gegensatz zu einigen Felorern nichts von seiner Agilität verloren zu haben. Für Boolvert unterschieden sich die Keelon kaum voneinander – selbst dann, wenn man alle Wahrnehmungskanäle zur Identifizierung heranzog. So kam Boolvert nicht auf den Namen seines Helfers. Aber es war ihm auch zu peinlich danach zu fragen.

Boolvert schirmte reflexartig seine Sinne etwas ab. Die fleischige Erscheinung des Keelon wirkte für das verfeinerte ästhetische Empfinden des Felorers eher abstoßend, sodass die Tormeister sie sich nur in möglichst abgeschwächter Form zumuteten. Sie schirmten einfach einen Teil ihrer Sinne ab, um nicht in unerträglich geballter Form mit den körperlichen Eindrücken eines Keelon konfrontiert zu werden. Mit der Wertschätzung, die die Felorer andererseits für die Fähigkeiten dieser Spezies empfanden, hatte das nichts zu tun.

„Wir haben die Frage, wie wir dem aufgetretenen Problem begegnen könnten, noch einmal diskutiert“, erklärte der Keelon.

„Heißt das, ihr teilt meine Ansicht, dass wir temporal einen breiteren Wirkungsgrad anstreben sollten?“

„Nein“, widersprach der Keelon. „Wir sollten genau das Gegenteil tun.“

„Das kann nicht euer Ernst sein!“, entgegnete Boolvert fassungslos. Hatte er sich so irren können? Die Fähigkeiten der Keelon zu Temporalmanipulationen war einzigartig. Es war also vielleicht ein Gebot der Klugheit, auf sie zu hören.

„Wir schlagen die Konzentration auf den Ursprungsbereich der unsere Realität überlagernden temporalen Alternative vor. Unsere Berechnungen haben ergeben, dass dann ein maximaler Effekt zu verzeichnen ist.“

Boolvert war unschlüssig.

Der Keelon übergab ihm einen Datenkristall. Boolvert aktivierte ihn. Eine Holoprojektion bildete sich, und die Berechnungen der Keelon wurden mit komplizierten Diagrammen veranschaulicht. Die verwendeten Zeichen waren dabei bereits in den Code der Felorer übertragen worden.

Boolvert ging die Berechnungen der Keelon im Einzelnen durch. Und wie man die Sache auch drehte und wendete – der Weg, den sie vorschlugen, hatte einen höheren zu erwartenden Erfolgsfaktor als das, was Felvert angeordnet hatte.

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B OOLVERT VERSUCHTE Kontakt mit Felvert aufzunehmen. Aber das war aus irgendeinem Grund nicht möglich.

„Gibt es eine Störung im Kommunikationssystem?“, fragte Boolvert einen der anderen diensthabenden Tormeister.

Doch dieser verneinte.

„Alles funktionierte einwandfrei. Die temporalen Störungen und der heranziehende Parasturm wirken sich auf die Kommunikation nur unwesentlich aus.“

Wenig später gelang es doch noch, Kontakt zu Felvert herzustellen. Aber er war ganz offensichtlich nicht mehr bei Sinnen und sandte nur wirre Äußerungen an die Station.

Jetzt liegt es an mir!, erkannte Boolvert.

„Die Keelon haben Recht“, entschied er. „Wir werden es auf diese Weise versuchen. Und falls das nicht klappt, werden wir alle vielleicht nichts weiter als Seelenschatten sein, deren letzte Gedanken sich in der Unendlichkeit verlieren.“

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W ER?

Ich.

Niemand.

Erwachen.

Licht.

Ein großes rundes Licht, das über den Horizont kroch.

Sie glaubte, es schon einmal gesehen zu haben. Sicher war sie sich aber nicht. Die vermeintliche Erinnerung vermischte sich mit so vielen anderen Eindrücken, dass es ihr unmöglich war, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren.

Ein Name fiel ihr ein.

Scobee.

Und dann war es plötzlich ganz leicht. Die wirren Gedankensplitter begannen sich zu ordnen. Bilder, Szenen, Erinnerungen rekonstruierten sich.

Jetzt erst hatte Scobee tatsächlich das Gefühl zu erwachen, obwohl sie ahnte, dass sie schon eine ganze Weile zwischen all den seltsamen kristallinen Formen stand und in Richtung Horizont blickte.

Dorthin, wo sich große Licht als orangerote Kugel zeigte.

Die Sonne Nar’gogs!, erkannte sie.

Fast ein wenig ungläubig betastete sie ihren Körper, so als fiele es ihr schwer, die eigene Existenz als gegeben hinzunehmen. Du existierst noch! Was immer auch geschehen sein mag – mehr kannst du unter diesen Bedingungen wohl nicht erwarten!

Nach und nach kehrte all das in ihr Bewusstsein zurück, was letztlich ihre Person ausmachte. Auf einmal war ihr wieder bewusst, was sie auf Nar’gog wollte und wie sie hierher gelangt war.

„Porlac!“, sagte sie laut. Der Sprecher des Granogk stand ein paar Schritte von ihr entfernt, sah auf und schien ebenso ungläubig darüber zu sein, dass dieser Höllensturm der Parakräfte über ihn hinweggebrandet war, wie es auch Scobees Empfindung entsprach.

Felvert befand sich in seiner Nähe und redete vor sich hin. Offenbar hatte er den Zustand der Verwirrung noch nicht überwunden. Im Hintergrund war ein Chor von aufgeregten Stimmern zu hören.

Das Granogk.

Der allgemeine Tenor ging jedoch davon aus, dass die Hauptgefahr jetzt vorbei war.

Zu glauben, anorganische Silizium-Kristallwesen könnten aufatmen, wäre wohl irgendwie etwas unpassend!, kam es Scobee in den Sinn.

Plötzlich drangen fremde Gedanken in ihren Geist.

Hast du eine Erklärung für das, was geschehen ist?

Scobee drehte sich halb um und bemerkte Siroona. Sie war vollkommen von einer schwarzen Rüstung bedeckt. Auch von dem augenlosen Gesicht war nichts zu sehen.

„Zumindest existieren wir noch“, erwiderte Scobee. Sie wandte sich an Felvert, der sich inzwischen beruhigt hatte.

Der Felorer nahm Kontakt mit der Station auf. Wenig später hatte er sich über die Lage informiert. „Die temporale Krise scheint vorbei zu sein. Die angemessenen Werte sind normal. Offenbar bestand zeitweilig die Gefahr, dass unsere Existenz durch die Dominanz einer Parallelzeit ausgelöscht wird.“

„Heißt das nicht, dass es in der Vergangenheit zu einem Zeitparadoxon gekommen sein muss?“, mischte sich Porlac ein.

„Davon gehen wir aus“, bestätigte Felvert, der erneut Kontakt mit den Stationen aufnahm und für einige Augenblicke nicht ansprechbar war.

Was er anschließend zu berichten hatte, verblüffte alle.

„Bei den Torstationen gehen erstaunliche Messwerte ein. Danach haben sich die temporalen Verhältnisse in der Galaxis wieder vollkommen normalisiert. Es besteht keine erhöhte Geschwindigkeit des Zeitflusses mehr. Nar’gog ist nicht mehr vom Rest der Galaxis abgeschottet.“

„Das Zeitrafferfeld ...“, sagte Porlac.

„... existiert nicht mehr“, vollendete Felvert. „Das Nar’gog-System und der Rest der Galaxis befinden sich wieder auf demselben temporalen Niveau.“

Die Quelle des die Galaxis einhüllenden Feldes hatte nie ermittelt werden können – sosehr sich die Jay’nac und ihre Verbündeten auch darum bemüht hatten.

„Die Keelon sind der Meinung, dass es nicht mehr existiert“, stellte Felvert fest. „Ob sich diese optimistische Einschätzung tatsächlich bestätigt, überprüfen gerade die Stationsbesatzungen.“

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S HYYLVERT, DER FELORISCHE Leiter, der am äußersten Rand des Nar’gog-Systems gelegenen Torstation 5, registrierte wie gebannt die eingehenden Ortungsdaten. Auf der gesamten Steuer-Acht herrschte hektische Betriebsamkeit.

„Es ist kaum zu fassen, aber die Vergleichswerte, die wir von den Keelon erhalten haben, bestätigen sich bei unseren Messungen“, sagte Laanvert. Er war Shyylverts Stellvertreter und übernahm dessen Pflichten immer dann, wenn dieser am Austauschritual teilnehmen wollte oder einfach auch nur eine Pause brauchte.

Shyylvert konnte es kaum fassen.

So lange war das Nar’gog-System notgedrungen eine Art temporale Festung gewesen. Ein Fels in der Brandung der entartenden Zeit. Und jetzt herrschten wieder normale Verhältnisse, so weit die Sensoren der Torstationen reichten.

„Es konnte eine vollständige temporale Stabilisierung erreicht werden“, meldete Laanvert.

„So positiv das auch ist, ich glaube kaum, dass unsere Maßnahmen dafür verantwortlich sind“, stellte Shyylvert klar.

„Das nicht“, gestand ihm Laanvert zu. „Aber immerhin konnten diese Maßnahmen unser aller Existenz erhalten. Und das ist ja auch etwas.“

„Trotzdem würde ich zu gerne wissen, wo die Quelle des Zeitentartungsfeldes lag.“

„Diese Frage zu beantworten dürfte jetzt noch schwieriger sein, als bisher, Shyylvert. Schließlich gibt es nichts mehr, an dem wir die Suche ansetzen könnten.“

„Möglicherweise ist die Quelle auch in eine parallele Zeitebene abgedrängt worden.“

„Dann werden wir in Kürze Schwierigkeiten bekommen, uns auch nur an ihre einstige Existenz zu erinnern.“

Plötzlich ertönte ein Alarmsignal. Ein Hologramm baute sich auf. Die Ortungssysteme von Torstation 5 hatten etwas aufgezeichnet, das vom Rechnersystem als bedeutend genug eingestuft worden war, um den Alarm auszulösen.

Das Hologramm vermittelte nicht nur optische Eindrücke, sondern emittierte darüber hinaus eine Reihe weiterer Sinneswahrnehmungen, von denen viele nur den Felorern zugänglich waren.

„Es wurde ein Objekt geortet, dessen Größe die Toleranzgrenze bei weitem überschreitet“, meldete die Kunststimme des Rechnersystems.

„Heranzoomen!“, befahl Shyylvert. „Sinnes-Emission auf maximale Intensität.“

Eine gewaltige goldene Kugel, die mit immenser Geschwindigkeit auf Nar’gog zustrebte, wurde in der Holowiedergabe sichtbar.

Ein Geschoss von wahrhaft kosmischen Ausmaßen.

„Ich möchte eine vorläufige Analyse“, verlangte Shyylvert, als in einem abgeteilten Fenster der Holoprojektion plötzlich Kolonnen von Zeichen erschienen.

Aber er ahnte bereits, was da zu sehen war.

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F ELVERT BEFAND SICH an Bord eines Jay’nac-Shuttles und war auf dem Weg zur Torstation 1. Das Shuttle bestand vollständig aus dem kristallinen Körper eines Jay’nac, in dessen Innern der Tormeister nun durch den Orbitalbereich von Nar’gog flog.

Es gab eine Sauerstoffversorgung, aber keine künstliche Schwerkraft an Bord des Jay’nac-Shuttles. Beides war nur notwendig, wenn empfindlichere organische Organismen an Bord waren. Die Atemluft innerhalb des Jay’nac-Shuttles wurde nicht erneuert, und der Sauerstoffanteil wäre beispielsweise für Erinjij viel zu niedrig gewesen. Die Atmosphäre diente streng genommen auch nicht in erster Linie der Atmung, sondern der verbalen Verständigung, die im Vakuum nicht möglich gewesen wäre.

Der Luftdruck war sehr niedrig und reichte gerade aus, um die akustische Ein- und Ausgabe benutzen zu können.

Nur sehr wenige rein organische Wesen hätten im Innern des Shuttle überleben können. Die meisten wären jedoch schlicht und ergreifend zu schwach dafür gewesen.

Auch jene Scobee, die mit dem Gloriden-Schiff an der Station im intergalaktischen Leerraum angedockt und anschließend die Reise ins Nar’gog-System mitgemacht hatte.

Dass sie ein Klon war, hatte Felvert schon nach dem ersten Routine-Scan gewusst. Und im Übrigen war ein Klon auch nur bei den Spezies etwas besonderes, die sich traditionellerweise auf andere Weise fortpflanzten.

Hätten wir die Krise verhindern können, wenn Scobee und Siroona nicht hierher geholt worden wären?, überlegte er.

Die Frage ließ sich nicht so leicht beantworten. Einerseits gab es schon eine gerade temporale Linie von einem Krisenpunkt in der Vergangenheit aus bis zu dem Zeitpunkt, da beide im Nar’gog-System erschienen waren. Andererseits existierten immer noch andere Faktoren, die auch eine Rolle spielten und deren Zusammenwirken nicht kalkuliert werden konnte. Andernfalls wären wir in der Lage, die Zukunft exakt vorherzusagen. Aber das ist nicht der Fall. Es gibt immer nur Möglichkeiten. Optionen. Tendenzen. Nicht mehr...

Die Frage, ob seine Autorität etwas gelitten hatte, weil schließlich eine von den Keelon vorgeschlagene Maßnahme zur Abwehr der Gefahr beigetragen hatte, interessierte ihn weniger. Er hatte schließlich alles erreicht, was ein Tormeister erreichen konnte. Irgendwann kam immer der erste Irrtum. Mitunter zeigte sich dadurch, dass es Zeit war, den Platz in der ersten Reihe zu räumen und Jüngeren den nötigen Spielraum zu lassen. Aber im Moment hielt sich Felvert noch für unverzichtbar.

Der Innenraum des Jay’nac-Shuttles glich einer schmucklosen Höhle. Felvert schwebte im schwerelosen Vakuum. Ein Felorer konnte notfalls eine ganze Weile auf die Zufuhr von Sauerstoff verzichten. Eine Atmung im klassischen Sinn fand in den achtförmigen Elementen, aus denen sich sein wurmartiger Körper zusammensetzte, ohnehin nicht statt.

Der Tormeister hatte um etwas Licht gebeten, und der Jay’nac, der das Shuttle war, hatte ihm diesen Wunsch gerne erfüllt und mit seinem Körper ein paar Leuchtzonen geschaffen, die wie fluoreszierende Bereiche im Kristall wirkten.

Der Name des Jay’nac war Tamrac. Er war gleichzeitig Pilot und Schiff. Die enorme Anpassungsfähigkeit der anorganischen Bewohner Nar’gogs faszinierte Felvert immer wieder. Es schien keinen Bereich des Universums zu geben, den sie nicht potentiell zu erobern vermochten. Einzigartig waren sie keineswegs. Es gab eine Vielzahl anorganischer Lebensformen, von denen allerdings nur wenige die Komplexität erreicht hatten, die für die Jay’nac kennzeichnend war. Von diesen wenigen Spezies wiederum hatte nur ein verschwindend geringer Anteil letztendlich Intelligenz entwickelt und gelernt, die Raumfahrt zu betreiben.

Aber einzig und allein die Jay’nac waren offenbar in der Lage, ihre Fähigkeiten so zu nutzen, dass sich daraus auch ein immenses Machtpotenzial auf galaktischer Bühne ergab.

Ein Potenzial, das von den Gegnern häufig überschätzt wurde. So stark, wie es von außen schien, waren die Jay’nac nämlich keinesfalls.

„Wir sind euch Felorern und den Keelon zu Dank verpflichtet“, sagte Tamrac. Die nonverbalen, über teils sehr spezielle Sinne verbreiteten Signale, die der Jay’nac mit diesen Worten aussandte, passten zu dem Gesagten, er war authentisch.

Ein ähnliches Echo war ihm bereits auf Nar’gog förmlich entgegengeschlagen. Die Jay’nac empfanden echte Dankbarkeit oder doch zumindest etwas, das dieser Emotion sehr nahe kam. Sie wussten, dass sie ihre Existenz nur der Hilfe der Felorer und Keelon verdankten.

„Jeder auf Nar’gog denkt jetzt darüber nach, ob dieser sichere Zustand für länger anhält – oder ob die Entartung der Zeit irgendwann wieder einsetzt“, sagte Tamrac.

„Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass es zu Letzterem kommen könnte“, hielt Felvert dem entgegen.

„Der Effekt war künstlichen Ursprungs, aber es ist nie gelungen – auch nicht mithilfe unserer Verbündeten –, die Quelle dieses Zeitrafferfeldes zu finden. Oder diejenigen, die es errichtet haben.“

„Das ist richtig.“

„Daher ist es jederzeit möglich, dass der Prozess wieder in Gang gesetzt wird?“

„Wir können es zumindest nicht ausschließen.“

Der Felorer schwebte einmal quer durch den Innenraum, als der Jay’nac ihm die Sicht nach außen ermöglichte. Ein Teil der kristallinen Außenwand wurde transparent. Die Station wurde in all ihrer Schönheit und technischen Vollkommenheit sichtbar. All die achtförmigen Strukturelemente, die ineinander verwoben waren, erzeugten in ihrer Gesamtheit einen riesigen Komplex.

Überall im System der Jay’nac flogen jetzt wieder Raumschiffe, von denen die meisten aus Jay’nac-Körpern bestanden. Während der temporalen Krise war das nicht möglich gewesen. Zu riskant. Die Auswirkungen waren nicht vorhersehbar, weder für das betreffende Schiff noch für die temporale Stabilität des Systems.

„Eine Meldung von Station eins trifft ein“, sagte die Stimme von Tamrac. „Dringend.“

Eine Holoprojektion wurde aktiviert.

Boolvert erschien dort in Lebensgröße.

„Ein riesiges Objekt wurde geortet. Es schießt auf Nar’gog zu und bremst jetzt langsam ab.“

In der Holodarstellung zeigte sich die herangezoomte Ansicht des Objekts. Dazu wurden die Daten in einem Nebenfeld eingeblendet.

„Das ist unglaublich!“, entfuhr es Felvert. „Was sagen die Keelon dazu?“

„Sie sind fassungslos. So wie wir.“

„In welcher Absicht ist das Objekt hier?“

„Das versuchen wir gerade herauszufinden. Und natürlich fragen wir uns alle auch, ob sein Auftauchen mit dem Verschwinden des Zeitentartungsfelds zu tun hat.“

„Vielleicht begegnen wir nun denen, die es geschaffen haben!“

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E IN JAY’NAC, DER DIE Form einer Pyramide hatte und über mindestens dreißig Extremitäten verschiedener Länge verfügte, von denen ein Drittel zur Fortbewegung diente und die anderen mit verschiedenartigen Greiforganen ausgestattet waren, trat auf Scobee und Siroona zu, die sich noch immer in der Nähe des Granogk im Freien aufhielten. Das Klima auf Nar’gog war mild und gemäßigt. Kein Wind, kein Niederschlag, keine Schwankungen. Selbst der Unterschied zwischen Tag und Nacht war kaum zu spüren. Scobee hatte keine Erklärung dafür. Entweder die Jay’nac verfügten über eine so hoch entwickelte Technik zur Klimasteuerung, dass sie tatsächlich in der Lage waren, diese, mathematisch gesehen, eigentlich chaotischen Prozesse zu steuern – oder das Granogk befand sich in einer günstigen Zone.

Was will dieser hässliche Pyramidenzwerg?, waren Siroonas Gedanken sehr deutlich in Scobees Kopf zu hören. Scobee hoffte nur, dass Siroona diesen telepathischen Strom ausschließlich an sie geschickt hatte, sodass er den Jay’nac nicht erreichte.

Der Anorganische hielt mit vier seiner Greifarme jeweils einen zylindrischen Behälter. „Nehmt davon“, sagte er. „Jeder von euch bekommt einen roten und einen gelben Behälter.“

Geschenken aller Art sollte man misstrauen, fand Siroona. Ich frage mich, mit welcher Absicht sie gegeben werden.

„Mit der Absicht, euch zu helfen“, sagte der Jay’nac ungerührt.

„Was ist in den Behältern?“, fragte Scobee.

„Nährstoffe und H 2O. Ihr seid organische Wesen und habt einen regelmäßigen Bedarf daran. Dass wir nicht daran gewöhnt sind, Organische zu beherbergen, mag sein. Wir haben die Keelon um Rat gefragt, und die Zusammensetzung der Nährkonzentrate dürfte für euer beider Spezies verträglich sein. Was das H 2O angeht, so haben wir ein paar Mineralien zugesetzt.“

Scobee nahm die beiden Behälter, die für sie bestimmt waren. Das Wasser trank sie zuerst. Sie hatte schrecklichen Durst, aber in letzter Zeit kaum daran gedacht, etwas zu essen oder zu trinken.

In dem zweiten Behälter befand sich eine breiige Masse. Sie schmeckte ziemlich fad, aber Scobee war froh, überhaupt etwas zu bekommen.

„Die ist eine Wohltat des Granogk und des großen Ganzen“, sagte der Jay’nac. „Ich hoffe, ihr wisst sie auch zu schätzen. Die Herstellung von Nahrungsmitteln für Organische ist äußerst aufwändig und verschlingt eigentlich unverhältnismäßig viele Ressourcen.“

„Wir danken dem Granogk und dem großen Ganzen“, sagte Scobee.

Siroona zögerte, ehe sich die alte Foronin diesem Dank etwas weniger enthusiastisch anschloss. Das ist scheußlich, äußerte sie in einem Gedankenstrom, der offenbar nur an Scobee gerichtet war. Zumindest gab es von Seiten des Jay’nac keinerlei Reaktion darauf.

Sie flößte sich mit Schmatz- und Sauggeräuschen den Inhalt der beiden Behälter ein. Wie genau sie es bewerkstelligte, war nicht erkennbar. J ünger macht mich das auch nicht, es gleicht nur einen momentanen Mangel aus, meinte die Foronin.

Ein Lächeln glitt über Scobees Lippen.

Ein Lächeln, das niemand auf dieser Welt als solches zu erkennen vermochte.

„Mehr zu verlangen wäre auch wohl ein bisschen übertrieben“, meinte sie an Siroonas Adresse gerichtet.

„Findest du?“, fragte Siroona, die sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder akustisch äußerte.

Der vielarmige Jay’nac meldete sich neuerlich zu Wort. „Wenn ihr noch einen Wunsch habt, dann sprecht ihn aus. Soweit es in meiner Macht steht, wird man ihn erfüllen.“

„Danke“, sagte Scobee.

Der Jay’nac lief auf seinen ungelenk wirkenden Extremitäten davon und verschwand zwischen all den anderen bizarren Siliziumwesen.

Dieses Gebräu wird mir den Rest geben, glaubte Siroona. Womit habe ich das verdient? Gestrandet zwischen den Galaxien und einer temporalen Krise entronnen, sterbe ich nun an schlechtem Essen ...

„Vielleicht übertreibst du ein bisschen.“

Einen Moment lang spürte Scobee die Präsenz der Foronin etwas stärker. Offenbar ein kleiner emotionaler Ausbruch. Wut und Selbstmitleid mischten sich da. Aber sie hatte einfach nicht die mentale Kraft, die sie früher auszeichnete. Siroona war ein Schatten ihrer selbst, und Scobee war froh darüber.

Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen.

Jedenfalls nicht die individuelle Lebenszeit Siroonas.

Scobee beruhigte das. Andernfalls hätte sie ständig fürchten müssen, von ihr übernommen zu werden.

Du schirmst deine Gedanken vor mir ab.

„Ist das nicht mein gutes Recht?“

Recht? Was soll das sein? Es gibt ein einziges Gesetz im Universum. Und das ist das Recht des Stärkeren.

„Und der bin im Moment ich“, stellte Scobee kaltschnäuzig fest.

Siroona schwieg eine Weile. Dann stimmte sie Scobee sogar zu. Du hast Recht. Aber ein verworrenes Schicksal hat uns nun einmal zusammen auf diese Welt geführt. Wir können diesen Umstand beide verfluchen oder uns fragen, ob es nicht für uns beide klüger gewesen wäre, in der Vergangenheit andere Entscheidungen zu treffen.

„Das wäre es wahrscheinlich!“ nickte Scobee. Ich hätte auf der RUBIKON bei John bleiben sollen. Aber was geschehen ist, ist nun mal geschehen. Es gibt nur einen Weg, der vorwärts führt. Als hör auf mit dem Gejammer. In punkto Selbstmitleid kommst du ja schon fast an Siroona heran...

Siroona äußerte nun ein paar Gedanken, die Scobee nicht verstand.

Wirres Zeug. Bilder und semantische Bedeutungseinheiten, die Scobee wie Splitter des eigentlichen Gedankens erschienen. Waren das Alterserscheinungen bei Siroona? Eine Art foronische Demenz?

Aber was die Foronin mitzuteilen hatte, interessierte Scobee im nächsten Moment ohnehin nicht mehr sonderlich.

Es war die Aufregung innerhalb des Granogk, die Scobee darauf aufmerksam machte, dass etwas Besonderes im Gange war.

Im nächsten Moment sah sie es selbst. Ein Objekt erschien am Taghimmel von Nar’gog. Es hob sich zunächst dunkel gegen das Sonnenlicht ab, wurde dann größer und größer. Schließlich schimmerte es metallisch.

Eine gewaltige goldene Kugel, imposant wie ein Mond, hing über dem Horizont, sank immer tiefer und gewann dabei noch weiter an Größe.

„Ein Schiff der Gloriden!“, stieß Scobee hervor. „Das Ding hat mindest mindestens tausend Meter im Durchmesser!“

Was wollen die hier?, fragte Siroona.

Aber diese Frage konnte im Moment nicht einmal das Granogk beantworten, in dem es ununterbrochen raunte. Die kristallinen Strukturen veränderten sich. Sie wuchsen zusammen, teilten sich auf und kommunizierten dabei unentwegt.

Scobee konnte davon so gut wie nichts mitbekommen. Sie hatte auf dem Boden gekauert und ihre Mahlzeit beendet. Jetzt schickte sie sich an zu gehen.

„Wohin willst du?“, fragte Siroona. Ihre Stimme drang kaum durch das Geraune des Granogk, wurde aber durch einen sehr starken, sehr präsenten Gedankenstrom unterstützt, sodass Scobee regelrecht zusammenzuckte.

„Ich will Porlac suchen ...“

Siroona machte Anstalten, ebenfalls zu gehen. Es ist noch nicht lang her, da war er hier in der Nähe... Warte auf mich!

Siroona folgte Scobee, aber die GenTec kümmerte sich nicht weiter um die Foronin. Sie ließ den Blick schweifen und versuchte inmitten des unübersichtlichen Durcheinanders bizarrster Formen den Sprecher des Granogk zu entdecken. Manche der Stimmen, die sie dabei vernahm, verstand sie jetzt.

„Wir müssen Gegenmaßnahmen ergreifen!“

„Die Fremden müssen wissen, wer Herr dieses Systems ist!“

„Auf unsere Kontaktversuche haben sie nicht reagiert!“

„Alarm für sämtliche Streitkräfte. Kampfraumschiffe sollen sofort starten. Gefechtsbereitschaft wird in Kürze hergestellt sein.“

Dann fand sie Porlac.

Er hatte eine Holodarstellung aktiviert. Symbolkolonnen erschienen dort. In einigen Bildfenstern waren sowohl Keelon als auch Felorer zu sehen. Allerdings schien nun ein Teil der Kommunikation auf nonverbaler Ebene abzulaufen. Allen Beteiligten mochten noch weitaus schnellere Übermittlungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stehen.

Überall am Himmel konnte man jetzt Jay’nac-Schiffe unterschiedlichster Größe sehen, die gestartet waren, um sich dem mutmaßlichen Aggressor entgegenzustellen.

Das gesamte Firmament war nach kurzer Zeit von dieser Armada erfüllt. Und alle Einheiten, die sich gegenwärtig bereits an anderen Stellen des Nar’gog-Systems aufhielten, wurden umgehend zurückgerufen, damit sie ebenfalls der Verteidigung des Jay’nac-Planeten zur Verfügung standen.

Die Kontaktversuche zu dem goldenen Schiff scheinen allesamt zu scheitern!, kommentierte Siroona, was sich vor ihren Augen abspielte.

Jetzt bemerkte Porlac Scobee und Siroona.

„Was sind die Absichten des goldenen Schiffs?“, fragte Scobee.

Porlac verharrte einige Augenblicke lang regungslos. Er antwortete auch nicht sofort. Eine eigenartige Starre hatte ihn befallen. Vielleicht handelte es sich einfach um die Jay’nac-Entsprechung eines fassungslosen Innehaltens. Er machte auf Scobee einen ziemlich ratlosen Eindruck.

Dann durchlief eine ruckartige Bewegung seinen kristallinen Körper.

„Es ist kein Schiff“, sagte er.

„Kein Schiff?“

„Das Objekt hat einen Durchmesser von hundert Kilometern!“, erklärte Porlac, und Scobees Übersetzungschip übertrug dabei die Maßangabe gleich in eine Einheit, unter der sie sich etwas vorzustellen vermochte.

„Dann ist es eine ... CHARDHIN-Perle!“, stieß Scobee hervor.

Die Erkenntnis traf Scobee wie ein Schlag vor den Kopf. Es musste also möglich sein, diese gigantischen, normalerweise jenseits des Ereignishorizonts von Schwarzen Löchern fixierten riesigen Stationen aus ihrer Verankerung zu lösen und frei zu manövrieren wie ein Raumschiff.

Du hast gedacht, dass die Gefahr vorüber ist – und jetzt stehen wir vor Kampfhandlungen ungeahnten Ausmaßes!, lautete Siroonas zynischer Kommentar an sie.

Auch Porlac wandte sich an Scobee. „Du weißt, was das für ein Objekt ist?“

„Ja.“

„Dann sprich. Welches Volk baut derartige Dinge?“

„Das wiederum weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass solche Objekte vom halbenergetischen Volk der Gloriden im Auftrag der eigentlichen Erbauer verwaltet werden.“

„Du sprichst in Rätseln.“

„Ich werde es dir erklären, Porlac. Ich bin sogar schon einmal an Bord eines derartigen Objekts, wie du es nennst, gewesen, und eigentlich ist sein Platz hinter dem Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs ...“

Scobee begann zu erzählen, und trotz der Hektik, die im Granogk auszubrechen drohte, hörte Porlac ihr zu. Nur für die wichtigsten Fakten war jetzt Zeit.

„Glaubst du, es lohnt die Mühe, Kontakt mit der Besatzung aufzunehmen?“, fragte Porlac.

„Natürlich. Wer immer dieses Ding zu fliegen versteht, verfügt über ein technisches Wissen, das dem euren weit voraus ist.“

3 | Die Verschwundenen

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Die Verschwundenen

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Vergangenheit – hundert Erdenjahre vor Scobees Zeitebene (ca. 2450 n. Chr.)

John Cloud war eins mit dem Schiff, dem er den Namen RUBIKON gegeben hatte. SESHA war die Bezeichnung gewesen, auf die das Rochenschiff einst von seinen foronischen Besitzern getauft worden war. Aber die Tage, da Sobek, Siroona und die anderen Hirten das Schiff geführt hatten, waren lange vorbei.

Jetzt wurde der Begriff „Sesha“ nur noch in Verbindung mit der gleichnamigen Künstlichen Intelligenz des Schiffes benutzt.

Vergangenheit, dachte John Cloud. Aber welche Rolle spielte der Name noch im Anbetracht der dramatischen temporalen Odyssee, die das Schiff hinter sich hatte.

Relativzeit, dachte Cloud. Vielleicht ist das der Begriff, der es am ehesten trifft.

Cloud steckte in einem der Steuersarkophage der RUBIKON. Mit Seshas Hilfe steuerte er das Schiff direkt. Er war in den Sensoren ebenso wie in der Steuerung und den anderen Schiffsystemen. Für Dauer seines Aufenthalts im Sarkophag war die RUBIKON zu seinem Körper geworden. Einem Körper, den er absolut beherrschte, seit Sesha ihn als Kommandanten anerkannt hatte.

Eine Woche noch und sie würden das Solare System erreichen. Die Heimat der Menschheit, die seit Beginn der Keelon-Herrschaft in der Galaxis als „Erinjij“, als Sternenpest, verschrien war.

Natürlich fragte sich Cloud, was sich dort inzwischen getan hatte. Waren die Keelon-Master immer noch an der Macht? Erweiterten die Erinjij nach wie vor ihr Einflussgebiet oder war der Eroberungsdrang dieser Geißel der Galaxis inzwischen unter dem Einfluss des Entartungsfeldes, das alle Hochtechnik geißelte, zum Erliegen gekommen?

Über die Situation, die Cloud und seine Getreuen vorfinden würden, konnten sie nur spekulieren.

Sesha!, wandte sich Cloud an den Bordrechner.

Die KI gab sich dienstbar. Was kann ich für dich tun, John Cloud?

Ich möchte, dass du noch einmal alle Systeme überprüfst, forderte Cloud.

Unter welchem Aspekt? Geht es dir um Kargor?

Natürlich ging es um Kargor, die rätselhafte Entität der ERBAUER – jener Rasse, die die Chardhin-Perlen geschaffen und später den Gloriden zur Verwaltung übergeben hatte, ehe sie sich aus unbekanntem Grund zurückgezogen hatte.

Ich habe jetzt mehrere Überprüfungen durchgeführt. Für Kargors Anwesenheit an Bord des Schiffes gibt es keinerlei Hinweise, Kommandant!

Ich wäre nur gerne sicher!, gab Cloud zurück.

Du bist der Kommandant. Das heißt, ich führe so viele Überprüfungen durch, wie du willst – nur werden sie zu keinem anderen Ergebnis führen. Es gibt nach wie vor zwei Möglichkeiten: Entweder er ist noch irgendwo im Schiff und tarnt sich aus irgendeinem Grund so hervorragend, dass ich ihn nicht zu finden vermag. Die Möglichkeit dazu hätte er meiner Ansicht nach – und wie dir bekannt ist – durchaus. Die zweite Möglichkeit ist, dass er das Schiff tatsächlich verlassen hat. Ich fürchte, ich kann dir – trotz einer weiteren Überprüfung – in dieser Angelegenheit nicht wirklich weiterhelfen, Commander. Wir werden mit der Ungewissheit wohl noch eine Weile leben müssen.

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A LGORIAN SAß IN EINEM Schalensitz, der sich seiner hageren, aber humanoiden Gestalt vollkommen angepasst hatte. Viel war geschehen, seit er Teil der RUBIKON-Crew geworden war. Das Gefühl des Alleinseins machte ihm zu schaffen. Er war der einzige Aorii an Bord. Normalerweise lebten Aorii als Zwillingspaar zusammen, und seit dem Tod seines Hassbruders Rofasch hatte Algorian ein permanentes Gefühl der Einsamkeit nie wirklich verlassen.

Einzig und allein die Freundschaft zu dem Aurigen Cy konnte diese sich immer wieder Bahn brechende Emotion auf ein erträgliches Maß abmildern.

Aber so eng die Verbindung zu dem Pflanzengeschöpf auch sein mochte – sie beide waren letztlich doch sehr verschieden, sodass ein Austausch nur in gewissen Grenzen möglich war. Nicht immer empfand Algorian das so schmerzvoll wie im Moment. Er streckte seine Psi-Fühler aus, aber sie blieben ohne Kontakt zu einer verwandten Seele. Als Zweitling waren seiner Parafähigkeiten nur sehr schwach ausgebildet. Sein Hassbruder Rofasch war ein überaus starker Telepath gewesen. Zu Lebzeiten hatte er ihn mitunter verflucht, wenn er ungefragt in seine Gedanken eingedrungen war, ohne dass es dafür Algorians Meinung nach einen adäquaten Anlass gegeben hatte – aber inzwischen vermisste er nichts so sehr wie die Gedanken seines Zwillings.

Dein Hassbruder wird nicht ins Reich der Lebenden zurückkehren, wenn du jetzt in Selbstmitleid zerfließt. Und wenn du dich etwas ehrlicher und nüchterner deinen Erinnerungen stellst, dann musst du zugeben, dass euer Verhältnis so unproblematisch nun auch nicht war. Schließlich warst du ja nur der Zweitgeborene ... und das mit allen Konsequenzen!

Algorian versuchte seine fruchtlosen Grübeleien darüber, ob er nun mehr unter seinem Hassbruder zu leiden oder doch das verbindende Element in ihrer Beziehung dominiert hatte, zu beenden. Es gab nämlich noch eine andere Sache, die ihn beschäftigte und die ihm eigentlich sehr viel wesentlicher erschien.

Kargor hatte das Schiff verlassen.

Zumindest hatte sie es so angekündigt. Aber mittlerweile war sich Algorian nicht sicher, ob das wirklich der Fall war.

Zwischenzeitlich hatte er nämlich geglaubt, Kargors Anwesenheit erspürt zu haben. Für einen kurzen Moment war er sich vollkommen sicher gewesen.

Sicher genug, um auch Commander Cloud davon zu berichten, der daraufhin eine Überprüfung sämtlicher Systeme anberaumt hatte, deren Ziel es war, nach Anzeichen für die Anwesenheit des ERBAUERs zu suchen. Offenbar war man dabei bisher nicht fündig geworden.

Inzwischen war sich auch Algorian selbst nicht mehr so sicher, ob er seine Empfindungen richtig interpretiert hatte.

Rofasch müsste hier sein! Ich selbst bin eben nur ein schwach begabter Aorii ...

Immer wieder hatte sich Algorian seit der ersten Spur zurückgezogen, um sich besser konzentrieren und die schwach ausgebildeten Psi-Kräfte gebündelt einsetzen zu können.

Vor allem musste er dazu frei von jeder Ablenkung sein, was für Cy zunächst schwer verständlich gewesen war.

Aber schließlich ging es ja darum zu überprüfen, ob die Entität ihre Ankündigung wahr gemacht hatte.

Ein Summton zeigte an, dass jemand Algorians Raum zu betreten wünschte. Algorian hatte den Zugangsmechanismus gegenwärtig so konfiguriert, dass man nicht einfach eintreten konnte, sondern nur, wenn Algorian es gestattete. Er hatte schließlich sein Anrecht auf etwas Privatsphäre – ein Wort mit dem ein Mensch wohl dieses Phänomen beschrieben hätte. Für die Aorii gab es aufgrund der starken Psi-Fähigkeiten, die vor allem Erstlingen zu Eigen waren, ohnehin nur bedingt so etwas wie eine Sphäre, zu der niemand anders Zugang hatte. Die starken telepathischen Kräfte der Erstlinge sorgten zumindest bei den Zweitlingen dafür, dass sie sich erstens gegen die Macht ihrer erstgeborenen Zwillingsbrüder nicht zu wehren vermochten und zweitens deren Gedanken auch nicht als etwas angesehen wurden, was ein Aorii unbedingt hätte für sich behalten müssen.

Algorian erinnerte sich noch gut daran, dass es auf Crysral, der Zentralwelt der Allianz CLARON, immer wieder Probleme zwischen Aorii-Erstlingen und Angehörigen anderer Bündnis-Völker gegeben hatte, die sich ausspioniert fühlten, während den Aorii dafür jegliches Unrechtsbewusstsein fehlte.

Aber all das war lange Vergangenheit. Die Allianz CLARON existierte nicht mehr. Sie war unter dem Ansturm der verreinigten Erinjij- und Jay’nac-Streitkräfte untergegangen.

Und jetzt, nach dem letzten Zeitsprung, den die RUBIKON hinter sich hatte, waren vermutlich nicht einmal mehr Spuren ihrer Existenz geblieben.

Auch das verursachte Wehmut in Algorian. Wehmut, die er zu unterdrücken versuchte, so gut es ging.

Erneut war der Summton zu hören.

Algorian erhob sich von seinem Schalensitz und schaltete durch einen verbalen Befehl den Zugang frei.

Kurz darauf erschien das Pflanzenwesen. Der Aurige hatte die Form eines Strauchs. An einer stammähnlichen Verdickung in der Mitte befand sich eine Membrane, mit der er in der Lage war zu sprechen.

„Sei gegrüßt, Algorian“, wisperte Cy.

Der Aorii hörte den Vorwurf, der in den Worten des Aurigen mitschwang, durchaus heraus. Aber in dieser Hinsicht stellte er sich taub. Er war der Auffassung, dass ihm das Recht zustand, sich zeitweise zurückzuziehen. Auch von so engen Freunden wie Cy es zweifellos für ihn war.

Dass Cy Schwierigkeiten hatte, dies zu verstehen, dafür konnte Algorian nichts. Der Aorii-Zweitling hatte sich wahrlich Mühe gegeben, es Cy zu erklären. Doch offenbar gab es eben doch eine Grenze des gegenseitigen Verständnisses. Eine Grenze, die möglicherweise nicht nur damit zu tun hatte, dass sie wirklich extrem unterschiedlichen Spezies angehörten, bei denen man schon annehmen konnte, dass der bloße Begriff Freundschaft nicht kompatibel war.

„Ich musste über vieles nachdenken“, sagte Algorian.

„Du hättest deine Gedanken mit mir teilen können.“

„Das tue ich demnächst auch wieder, aber bevor es Sinn hat, seine Gedanken zu teilen, muss man sie zunächst ordnen. Findest du das nicht auch, Cy?“

„Dieses Argument hat durchaus etwas Bedenkenswertes“, gab der Aurige zu. „Ich werde darüber nachsinnen und dir dann meine Meinung mitteilen.“

„Tu das.“

„Heute suche ich dich allerdings einer anderen Sache wegen auf. Sollte ich dich in deiner Meditation gestört haben, so tut mir das zwar leid, aber ich sehe es als einen Umstand an, den ich nicht zu ändern vermag.“

Ist es leiser Spott, der sich da in den Worten meines Freundes Cy widerspiegelt?, ging es Algorian erstaunt durch den Kopf.

„Ich war keineswegs nur mit mir selbst und meinem Innenleben beschäftigt“, widersprach Algorian, noch bevor Cy in der Lage gewesen wäre, sein Anliegen vorzubringen.

„Das wollte ich auch gar nicht behaupten, Algorian.“

„Ich versuche herauszufinden, ob Kargor wirklich die RUBIKON verlassen hat.“

„Schlecht wäre das nicht! Ich weine dieser seltsamen Entität ehrlich gesagt keine Träne nach“, gestand Cy.

„Du hast keine Tränen“, erinnerte ihn Algorian.

„Ich weiß“, sagte Cy. „Es ist eine Redensart, die ich von den Erinjij aufgeschnappt habe.“

„Sie mögen es nicht, wenn man sie so nennt.“

„Und da wir mit ihnen an Bord eines Schiffes leben, sollten wir darauf Rücksicht nehmen, findest du?“

„Ja.“

Cy schwieg einige Augenblicke lang. Mit seiner nächsten Frage machte er deutlich, dass er über dieses Thema nicht weiter diskutieren wollte.

„Hast du Kargor gefunden?“, fragte der Aurige.

„Ich dachte es. Aber ...“

„Es war ein Irrtum?“

„Ich bin mir nicht sicher. Und Cloud auch nicht. Deswegen werden dauernd Systemchecks durchgeführt.“

„Nun, warum sollte Kargor plötzlich Versteck spielen? Hat er das nötig?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, Cy. Ich weiß aber, dass meine Psi-Begabung zwar selbst für einen Zweitling recht schwach ist, ich mich aber im Großen und Ganzen auf sie bisher verlassen konnte. Aber ich bin mir inzwischen auch nicht mehr ganz sicher, was ich wirklich empfunden habe. Die ganze Zeit versuche ich bereits, diesen Moment noch einmal zu vergegenwärtigen. Was ist das gewesen? Welche speziellen Signale glaubte ich da zu empfangen?“

„Du schließt also nicht aus, dass du dir etwas eingebildet hast.“

„So drastisch wollte ich das nicht formuliert wissen. Und jetzt heraus mit der Sprache! Weswegen bist du hier?“

„Früher brauchten wir keine Rechtfertigung, um die Gesellschaft des jeweils anderen zu suchen“, hielt Cy ihm entgegen.

„Das brauchen wir auch in Zukunft nicht. Aber ich bin etwas gereizt, weil ich mich geistig sehr anstrengen musste, um die Spur diese Entität vielleicht doch noch aufzunehmen. Daher wäre ich dir sehr dankbar, wenn du zur Sache kommen könntest.“

Cy zögerte. Ein leichtes Rascheln im Geäst seines Körpers war zu hören. Schließlich entschloss er sich doch, die Sache vorzubringen, nachdem in seinem Innern wohl ein heftiger Kampf darüber getobt hatte. „Es tut mir leid, aber ich kann dir Belastungen seelischer Art nicht ersparen, so sehr ich es mir auch gewünscht hätte.“

Algorian war jetzt vollkommen verwirrt. „So?“

„Kargor ist nicht der Einzige, der verschwunden zu sein scheint.“

„Wovon redest du, Cy?“

„In Ermangelung eines anderen Gesprächspartners – du warst ja nicht verfügbar – hatte ich mich in letzterer Zeit des Öfteren mit Sabhu unterhalten.“

„Der Typ aus Prosper Mérimées Truppe aus dem ehemaligen Getto?“, fragte Algorian.

„Ja. Ich habe ihn überall gesucht. Er war auf einmal nicht mehr da. Dasselbe gilt übrigens für Prosper Mérimée selbst.“

„Noch jemand?“

„Ich habe gehört, wie nach Sarah Cuthbert gesucht wurde. Sie ist noch nicht aufgetaucht. Selbst Sesha steht vor einem Rätsel.“

„Das klingt ernst, muss aber nichts bedeuten. Wir hatten schon mehr KI-Ausfälle in letzter Zeit. Sie wird sich einfach mal zurückgezogen haben, wie ich das auch ab und zu tue“, hielt Algorian seinem Freund Cy entgegen. „Und da zu den Verschwundenen ja wohl mehrheitlich du den letzten Kontakt hattest, solltest du dir mal überlegen, ob das alles nicht damit zusammenhängen könnte, dass du ein paar Leuten an Bord hier zur Zeit etwas auf die Nerven gehst!“

„Algorian, es geht nicht um mich oder darum, ob ich irgendwem an Bord auf die Nerven gehe. Das kann ich ohnehin kaum abschätzen, da ich mich doch am stärksten von euch allen unterscheide und ihr in der Regel gar nicht nachempfinden könnt, was in meinem Inneren vor sich geht.“

Eins zu null für Cy, musste Algorian zugeben.

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Dann schlug Cy vor, die betreffenden Personen ebenfalls durch Sesha suchen zu lassen, nicht nur Sarah.

Algorian blieb skeptisch. „Das ist längst geschehen ...“

„Ohne Erfolg, oder? Aber wenn Leute vom Schiff verschwinden, dann müssen notfalls eben wir eingreifen!“, verlangte Cy. „Immerhin ist das hier unser Lebensraum! Und sind solche Anomalien nicht eigentlich ein Zeichen dafür, dass irgendetwas mit der Zeit selbst nicht stimmt?“

Algorian machte eine Geste mit der rechten Hand, womit er eine Verneinung signalisierte.

––––––––

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J OHN CLOUD HATTE DIE Steuerung an Sesha übergeben, stieg aus dem Sarkophag und stellte fest, dass mehrere Besatzungsmitglieder die Zentrale betreten hatten, neben Algorian und Cy auch der Narge Jiim.

In der Holosäule waren Ansichten des umgebenden Weltraums zu sehen. Dominant hatte sich eine gewaltige Positionsdarstellung aufgebaut, die den Weg bis zum Solaren System veranschaulichte. Die gegenwärtige Position der RUBIKON war farbig markiert.

Als Cloud den Sitz hinter sich ließ, betrat Jarvis die Zentrale. Er trug immer noch Kargors Splitter, den der ERBAUER ihm zum Geschenk gemacht hatte – und der die Illusion vortäuschte, es wieder mit dem „alten“ Jarvis, dem GenTec aus Fleisch und Blut zu tun zu haben. Der Kristallsplitter formte eine Maske, die für den Betrachter nur zu entlarven war, wenn er Jarvis berührte ... und statt weichem Körpergewebe das starre Nanokonstrukt unter den Fingerkuppen fühlte.

Cloud kam kurz in den Sinn, dass eine wichtige Person weiterhin in diesem Kreis fehlte.

Scobee.

Ihre Entscheidung, nicht an Bord der Rubikon zu bleiben, hatte Cloud zwar akzeptiert. Wirklich nachvollziehen konnte er sie jedoch nicht.

Er ließ durch einen Befehl an Sesha eine Konsole aus dem Boden wachsen, über die man einen Getränkespender bedienen konnte. Er braute sich einen Syntho-Drink mit Koffeinzusatz. Danach fiel die Konsole wieder in sich zusammen und wurde eins mit dem Boden. Cloud nippte an seinem Becher und verzog das Gesicht.

„Sieht so aus, als müsste ich da noch ein paar Dinge verbessern“, meinte er.

„Ich habe den Drink exakt nach deinen eingegebenen Vorgaben gemixt!“, meldete sich die KI zu Wort.

„Durchaus möglich, dass meine Vorgaben nicht exakt genug waren“, erwiderte Cloud.

„Und deshalb bin ich nicht für ein mangelhaftes Ergebnis verantwortlich.“

Cloud schmunzelte. „Das Ergebnis ist nicht mangelhaft. Ich befinde mich gewissermaßen noch in einer Experimentierphase, was die Kreation eines optimalen Getränks angeht.“

„Dann siehst du das gegenwärtige Ergebnis als Zwischenlösung an?“

„So ist es.“

„Ich möchte dich bitten, mir Angaben zur Spezifikation zu machen. Dann kann ich das Ergebnis verbessern.“

„Später. Im Augenblick bin ich einigermaßen zufrieden.“

„Wie kannst du zufrieden sein, wenn du andererseits das Ergebnis als noch nicht optimal bezeichnest?“, fragte Sesha.

Man sollte mit Computern nicht diskutieren!, dachte er.

„Wir werden den Drink später optimieren. Im Moment stellen sich dringendere Probleme.“

„Dann gestattest du, dass ich selbst nach einer optimalen Lösung suche?“

„Kontakt Ende“, sagte Cloud entschieden und nahm einen etwas kräftigeren Schluck aus dem Becher.

Er atmete tief durch und stellte erleichtert fest, dass Sesha verstummt war.

„Sie kann ganz schön nervig sein, was?“, lautete Jarvis’ Kommentar.

„Das kannst du laut sagen!“

Er ist der letzte aus der alten Crew!, rief sich Cloud ins Gedächtnis. Der Crew mit der ich einst zum Mars flog: Scobee, Resnick, Jarvis ...

So vieles hatte sich seitdem geändert. Eine bizarre Odyssee durch Raum und Zeit lag hinter ihnen – eine Odyssee, deren Ende noch nicht absehbar war. Alle, die daran beteiligt gewesen waren, hatten einen mehr oder minder starken Wandlungsprozess durchlaufen. Das galt für Cloud selbst natürlich auch. Am stärksten aber zweifellos für Jarvis, der sich an einen völlig neuen, nichtmenschlichen Körper hatte gewöhnen müssen. Und nun erneut auf die psychische Probe gestellt wurde – denn auch wenn es ihm sichtlich gut tat, nach außen wieder wie der „echte“ Jarvis – der von einst – auftreten zu können, so waren die damit verbundenen Gefühle sicherlich auch höchst ambivalent. Gerade die neue, vorgegaukelte Menschlichkeit musste ihm innerlich den Spiegel vorhalten, was wirklich aus ihm geworden war – eine Art beseelter Roboter, der beispielsweise nie (nie!) mit einer Frau zusammenkommen konnte.

Eigentlich fand Cloud, obwohl auch ihn der Anblick des vermeintlich wieder ins normale Leben zurückgeholten Jarvis vordergründig freute, dass Kargors Geschenk die Tragik um das Schicksal seines Freundes eher noch erhöht hatte.

Er blickte verwundert in die Runde. „Nanu, was ist das denn hier? Eine Volksversammlung?“

„In letzter Zeit sind tatsächlich die meisten an Bord etwas ihre eigenen Wege gegangen“, stellte Cy fest.

Worauf diese Äußerung eigentlich abzielte, war Cloud zunächst nicht so ganz klar. Er zuckte mit den Schultern. „Eigentlich doch nach den letzten Ereignissen nur zu verständlich. Die Zeit, die wir brauchen, um das Solare System zu erreichen ist doch für die meisten eine willkommene Gelegenheit, mental etwas auszuspannen. Davon abgesehen: Hat eigentlich jemand von euch Sarah gesehen?“

Sarah Cuthbert, die ehemaliger Präsidentin der USA, war für Cloud nach Scobees Weggang zu einer der wichtigsten Bezugspersonen an Bord geworden. Allerdings hatte er sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, wenn er die letzte Zeit Revue passieren ließ.

Aber das Schiff war ungeheuer groß, und es bedeutete keinerlei Schwierigkeit, sich zurückzuziehen oder anderen aus dem Weg zu gehen.

„Genau das ist der Punkt“, sagte Cy. „Sarah Cuthbert scheint nicht die Einzige zu sein, die momentan unauffindbar ist.“

„Na ja, vielleicht übertreibst du ein bisschen“, sagte Cloud. „Nur, weil sich ein paar von uns vielleicht etwas mehr zurückziehen, heißt das nicht, dass sie verschollen sind. So groß ist die RUBIKON nun auch wieder nicht! Und der Einzige, der sich wohl verabschiedet hat, ist Kargor.“

„Aber hat er das auch wirklich getan?“ mischte sich Algorian ein. „Du hast doch inzwischen Überprüfungen durchgeführt.“

„Mehrfach sogar“, nickte Cloud. „Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass er sich noch an Bord befindet. Aber einen klaren Beweis dafür zu finden, dass er tatsächlich gegangen ist, dürfte uns letztlich unmöglich sein.“

„Vielleicht ist er nicht allein gegangen“, mischte sich nun Jarvis in das Gespräch ein. Er verschränkte die Arme vor der Brust.

„Nun aber mal raus mit der Sprache – vermisst du auch jemanden, Jarvis?“, fragte Cloud.

„Prosper Mérimée“, erklärte Jarvis. „Und wenn du einen Moment lang darüber nachdenkst, dann macht sein Verschwinden auch Sinn.“

„Inwiefern?“, fragte Cloud.

„Nach allgemeiner Auffassung hier war die Anwesenheit von Prosper Mérimée dafür verantwortlich, dass die RUBIKON ihren fulminanten Fehlsprung hingelegt hat, der uns nicht nur durch den Raum, sondern auch die Zeit katapultierte.“

„Richtig.“

„Könnte es nicht sein, dass Kargor es auf seine verquere Art durchaus ... nun ja, gut mit uns gemeint hat, indem er Prosper ... verschwinden ließ? Er könnte das als eine Sicherheitsmaßnahme in unserem Interesse aufgefasst haben.“

„Das glaube ich nicht. Außerdem ...“

„Was?“

Cloud atmete tief durch. „Ich habe noch mit Prosper gesprochen – und zwar nachdem Kargor offenbar von Bord gegangen ist.“

„Wir wissen weder exakt wann noch ob Kargor von Bord gegangen ist“, erklärte Algorian und berichtete anschließend in knappen Sätzen von der psionischen Wahrnehmung, die er in Bezug auf die Entität der ERBAUER gehabt hatte. „Ich sage das natürlich unter allem nur denkbaren Vorbehalt“, schränkte Algorian seine Aussage gleich wieder ein. „Normalerweise wäre ich mit dieser Sache gar nicht an euch herangetreten, aber da ich nicht der Einzige bin, der hier seltsame Dinge wahrzunehmen scheint, denke ich, dass alle das Recht haben, darüber Bescheid zu wissen. Vielleicht ergibt sich ja aus den Bruchstücken, die wir bis jetzt haben, ein Gesamtbild. Oder zumindest doch die Ahnung davon ...“

Cy wandte sich an Jiim.

„Du hast bis jetzt zu dieser Sache geschwiegen. Was ist deine Meinung?“

Jiim schwieg zunächst weiterhin. In seinem Leben hatte es große Veränderungen gegeben. Das Nabiss war auf unerklärliche Weise mit seinem Körper verschmolzen – und dann war da auch noch Yael, das Kind, das er während Kargors Anwesenheit auf der RUBIKON zur Welt gebracht hatte.

Es war schon verwunderlich genug, dass er seinen Spross allein ließ, um an dieser Zusammenkunft teilzunehmen – aber gleichzeitig war es auch ein klares Signal, dass er sich weiterhin der Gemeinschaft zugehörig fühlte.

„Mir ist aufgefallen“, erhob der Narge schließlich doch noch seine Stimme, „dass ich in letzter Zeit weder Sarah noch irgendjemanden aus Prosper Mérimées Tross gesehen habe – insofern kann ich die Beobachtungen der anderen hier im Raum nur bestätigen. Aber was ich daraus schließen soll, weiß ich nicht. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ich jemanden hier an Bord über längere Zeit nicht getroffen habe. Obwohl es gerade bei Sarah etwas seltsam ist. Sie kümmerte sich eine Zeitlang fast täglich um Yael ...“

„Der Aufenthaltsort der Vermissten müsste doch festzustellen sein“, sagte Jarvis. „Durch Sesha.“

„Negativ“, meldete sich die KI sofort aus dem Off.

Verblüffte Blicke folgten.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Cloud. „Warum hast du dann nicht früher gemeldet, dass ...“

„Mich hat niemand gefragt.“

„Du hast immer noch einen Schaden, stimmt’s?“, knurrte Cloud in Erinnerung an die Verwirrung der KI während Kargors Aufenthalt.

„Falsch. Meine Selbstdiagnose ergibt keinerlei Beeinträchtigung. Ich arbeite auf einem optimalen Level. Das unterscheidet mich von biologischen Einheiten wie –“

„Schon gut, schon gut.“ Jarvis zuckte mit den Schultern. „Sie kapiert es nicht, dass es Dinge gibt, die selbst an ihr vorbeilaufen – mich beunruhigt nur die Häufung dieser Fehleinschätzungen. Könnten wir sie nicht ganz ausschalten und den Kahn manuell fliegen?“

Er zwinkerte hoffnungsvoll.

In diesem Moment ertönte ein durchdringendes Alarmsignal.

Die Holosäule der Zentrale leuchtete grell auf.

Etwas Außergewöhnliches musste geschehen sein.

––––––––

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EINE ERKLÄRUNG, SESHA!“, verlangte Cloud. „Was ist los?“

In der Holosäule war jetzt nichts mehr zu erkennen. Sie war letztlich erstarrt und wirkte wie nach einem kompletten Systemabsturz.

Sesha gab keine Antwort, was Clouds Befürchtungen in diese Richtung wachsen ließ.

„Gefechtsstatus?“, fragte er.

Wieder keine Reaktion der KI.

Nicht einmal die Anzeige der Ortungsdaten und der Positionsangabe funktionierten.

Plötzlich erschien eine Holokugel mitten im Raum. Alle Anwesenden wichen unwillkürlich einen Schritt zurück.

In der Holokugel waren nur wirre Formen und Farben zu erkennen. Ein abstraktes Muster, das keine weitergehende Bedeutung zu haben schien.

Vielleicht handelte es sich aber auch nur um eine Darstellungsweise, die den menschlichen Sinnen nicht so recht angepasst war.

„HIER SPRICHT KARGOR“, sagte eine wohlmodulierte Kunststimme, die eigentlich sonst zum Pool an verschiedenen Stimmen gehörte, die von Sesha für die akustische Systemsausgabe benutzt wurden.

„Kargor, du bist noch an Bord? Vielleicht gibst du uns jetzt mal eine Erklärung für das, was gerade geschieht? Was hat der Alarm zu bedeuten? Worin besteht die Gefahr, der sich das Schiff ausgesetzt sieht, und weshalb ist die KI abgestürzt?“

„DIES IST EINE NACHRICHT, DIE MIT EINER ZEITSCHALTUNG AKTIVIERT WURDE. WENN DU SIE ERHÄLTST, JOHN CLOUD, WERDE ICH NICHT MEHR AN BORD SEIN. ICH HIELT ES FÜR ANGEMESSEN, DICH ÜBER EINIGE DINGE ZU INFORMIEREN. SO HABE ICH DAS SCHIFF NICHT ALLEIN VERLASSEN, SONDERN ZUVOR SÄMTLICHE RISIKOFAKTOREN FÜR DIE SICHERHEIT DER RUBIKON BESEITIGT.“

„Damit meint er Prosper!“, entfuhr es Jarvis ziemlich ungehalten.

Cloud hörte weiter zu.

„DASS PROSPER MÉRIMÉE EINE ZEITANOMALIE IN SICH TRÄGT, DIE ZUM FEHLSPRUNG DER RUBIKON FÜHRTE, DÜRFTE INZWISCHEN WOHL AUCH UNTER EURESGLEICHEN ALS UNSTRITTIG GELTEN. ICH HABE IHN DAHER ... ENTFERNT. ABER WENN DU GLAUBST, DASS DIES DIE EINZIGE URSACHE FÜR DIE BEEINFLUSSUNG EURER SPRUNGTRIEBWERKE WAR, SO IRRST DU. ICH HABE SEINE GESAMTE ... ZIRKUSTRUPPE EBENFALLS VOM SCHIFF ENTFERNT. SIE STELLTEN EBENSO POTENZIELLE GEFAHRENQUELLEN DAR WIE DIE FRAU NAMENS SARAH CUTHBERT ...“

Eine Flut von Gedanken brandete durch Clouds Hirn. Was hatte die Entität mit all den Genannten angestellt? Sie einfach getötet – oder nur entführt? In Gefilde, die Cloud und der Besatzung der RUBIKON-Crew unzugänglich waren? Wo mochten sie stecken?

Ein kalter Schauder überkam Cloud.

Mit vielem hatte er gerechnet – aber nicht mit dieser kompromisslosen Kaltschnäuzigkeit, die Kargor an den Tag legte.

Nahezu fassungslos hörte er zu, wie die Entität in ihrer Erklärung fortfuhr...

4 | Raumschlacht um Nar’gog

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Raumschlacht um Nar’gog

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Zeitebene Scobee, ca. 2450 n. Chr.

Scobee sah, wie Porlac eine holographische Positionsübersicht aktivierte. Die Stimmen des Granogk schwollen zu einem schrillen Chor an. Aber es bestand offensichtlich jetzt Einigkeit darüber, was zu tun war. Der Himmel über Nar’gog war von einer Raumschiff-Armada erfüllt. Überall schwebten die Schiffe empor zur Stratosphäre des Jay’nac-Planeten, um den Ankömmlingen begegnen zu können. Hunderte von kristallinen Großeinheiten starteten von der Oberfläche Nar’gogs. Dazu kam eine ungeheure Zahl kleinerer Schiffe, sie ging in die Tausende.

„Was geschieht jetzt?“, fragte Scobee.

Porlac erläuterte es ihr. „Wir versuchen permanent Kontakt aufzunehmen. Aber unsere Kommunikationsversuche werden ignoriert. Da bleibt nur eine Möglichkeit.“

„Der Kampf.“

„Ja.“

Seid ihr dazu denn stark genug?, meldeten sich die Gedanken von Siroona mit einer deutlich spöttischen Note.

„Das wird sich herausstellen“, lautete Porlacs nüchterne Erwiderung.

Auf der Positionsanzeige war zu erkennen, wie sich fast die gesamte verfügbare Flotte der Jay’nac um die Chardhin-Perle sammelte. Die gigantische Kugel hatte indessen ihre Geschwindigkeit verringert und erheblich abgebremst, bewegte sich allerdings immer noch langsam auf Nar’gog zu, sodass das Objekt für einen Betrachter an der Oberfläche des Planeten immer größer wurde.

Ein mehr als imposanter Anblick.

Scobee fragte sich, wer sich wohl an Bord der Perle befinden mochte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Gloriden dazu in der Lage gewesen wären, eine CHARDHIN-Station aus der Verankerung jenseits des Ereignishorizontes zu lösen und letztlich wie ein Raumschiff zu manövrieren. Die Gloriden waren schließlich von den ERBAUERN nur zur Verwaltung dieses fantastischen Erbes eingesetzt worden – ohne die verwendete Technik wirklich bis in die letzte Konsequenz zu verstehen.

Aber wer dann?, ging es ihr durch den Kopf. Die ERBAUER? Eine andere Schlussfolgerung war eigentlich undenkbar. Wer sollte sonst das immense technisch-naturwissenschaftliche Wissen mitbringen, das zweifellos nötig war, um ein solches Objekt zu bewegen – noch dazu mit dieser Effizienz und Zielstrebigkeit? Scobees Eindruck nach hatten die Gloriden noch nicht einmal gewusst, dass dies überhaupt möglich war.

Die androgynen Wesen, die nach Belieben zwischen einem energetischen und physisch fassbaren Status hin- und herwechselten, waren eben mal in der Lage, die vorgefundene Technik der ERBAUER zu benutzen, aber sie durchschauten sie nicht wirklich. Ihnen fehlte ein Verständnis der fundamentalen Gesetzmäßigkeiten des Universums, das tief genug war, um daraus technische Möglichkeiten von so gigantischen Ausmaßen herauszudestillieren wie es das universelle Netz der CHARDHIN-Perlen darstellte.

In all den Äonen, in denen die Gloriden die Perlen verwaltet und das dazugehörige Transportsystem aufrecht erhalten hatten, waren sie niemals imstande gewesen, die vorgefundene Technik auch nur um einen Deut weiterzuentwickeln. Es gab nicht einmal gloridische Modifikationen.

Und noch eine weitere Frage stellte sich für Scobee: War es die CHARDHIN-Perle aus dem Zentrum der Milchstraße, die hier im Nar’gog-System vorstellig wurde? Oder stammte sie aus einer ganz anderen Galaxie?

Alles eine Frage des Antriebs, dachte Scobee. Vermutlich wurde eine Art Transition durchgeführt. Demnach könnte sie fast von überallher gekommen sein. Und im Gegensatz zur Crew der Rubikon dürften diese Superwesen gegebenenfalls auftretende temporale Effekte im Griff gehabt haben.

Schließlich hatten die legendären ERBAUER derlei Nebenwirkungen ja auch jenseits des Ereignishorizontes von schwarzen Löchern in den Griff bekommen – und das war eine wesentlich anspruchsvollere Aufgabe.

Auf der Positionsanzeige war jetzt erkennbar, wie sich die Jay’nac-Schiffe um das goldene Riesenobjekt gruppierten und es einkreisten. Auf allen nur erdenklichen Frequenzen und Kanälen wurden in sämtlichen bekannten Codes Warnungen abgegeben.

Ohne Erfolg.

Die Keelon beteiligten sich ebenso wie die Felorer sehr intensiv an diesem Versuch einer Kontaktaufnahme. Aber das goldene Objekt zeigte allen Bewohnern des Nar’gog-Systems nur die kalte, metallisch wirkende Oberfläche.

Das Granogk gab schließlich Feuerbefehl für eine Warnsalve. Von allen Seiten schossen Strahlenbahnen von geringer bis mittlerer Intensität auf die Außenhaut der Chardhin-Perle zu.

Doch die Wirkung blieb aus. Es gab keinerlei Beschädigungen – und auch keine Reaktion der Perlenbesatzung, wenn man einmal davon absah, dass das Objekt seine Geschwindigkeit nun auf nahezu null abgesenkt hatte.

Aber ob das wirklich eine Reaktion auf den Angriff war, konnte niemand genau sagen. Es war ebenso gut möglich, dass die Perle nun einfach bereits die angestrebte Zielposition erreicht hatte.

Was auch immer ihre Besatzung dort vorhaben mag!, ging es Scobee schaudernd durch den Kopf.

Die Kristallbrocken können nicht kämpfen, lautete Siroonas herablassender Kommentar über die Abwehr der Jay’nac. Eine Flotte von Foronen wäre anders gegen den Aggressor aufgetreten. Die Jay’nac offenbaren erbärmliche Qualitäten ...

Erneut wurde eine Salve befohlen.

Diesmal feuerten die Jay’nac-Schiffe jedoch mit sehr viel höherer Intensität. Von Warnschüssen konnte nicht mehr die Rede sein.

Die Nachricht verbreitete sich rasch, dass ein unsichtbarer Feldschirm die Perle einhüllte und vor dem vernichtenden Einfluss des Beschusses schützte.

Die Perle bewegte sich weiter und verharrte schließlich in einer Höhe von exakt zehn Kilometern direkt über dem Granogk – bis zu ihrer Unterseite gemessen.

Der optische Eindruck war überwältigend. Dieses riesige Objekt lastete schwer auf den Jay’nac, die sich auf der Oberfläche Nar’gogs befanden.

Bewegung kam in die Kristallwesen. Es gab bereits einige unter ihnen, die das Gebiet unterhalb der Perle verließen. Manche stiegen empor, um die Verteidiger in ihrem wenig Erfolg versprechenden Kampf zu unterstützen. Andere wiederum wollten sich wohl einfach nur aus der unmittelbaren Gefahrenzone bringen.

Jede Flucht ist sinnlos, überlegte Scobee. Die Herren der Perle – wer auch immer das im Augenblick sein mag – haben zweifellos die Macht, den gesamten Planeten zu zerstören, wenn sie dies beabsichtigen.

Scobee bekam am Rande mit, dass Porlac offenbar in heftige Beratungen mit dem Granogk verstrickt war, die allerdings schon nach ungewöhnlich kurzer Zeit beendet waren. Danach gab Porlac seinen Befehl, der auch vom Granogk gestützt wurde, an die Flotte aus.

Die Jay’nac-Schiffe wurden angewiesen, eine Kugelschale um das Objekt zu bilden und es auf diese Weise einzuschnüren. Es sollte völlig von der Außenwelt abgeschnitten werden.

Schon Sekunden später startete von der Oberfläche Nar’gogs eine weitere Armada aus Schiffen vielfältigster Art und Größe. Bei den meisten handelte es sich einfach um Jay’nac-Körper, die eine raumtaugliche Form annahmen und mit Geschützen ausgestattet worden waren. Sofort begannen sie, eine Art Kokon um die CHARDHIN-Perle zu bilden. Die einzelnen Schiffe formierten sich zu einem Verbund.

Die Operation ging sehr koordiniert vonstatten.

Warum wehrt sich die CHARDHIN-Perle nicht?, fragte sich Scobee. Die Besatzung hätte bestimmt mit Sicherheit die Möglichkeit dazu ...

––––––––

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V ON TORSTATION 1 AUS verfolgte Felvert die Operation der Jay’nac-Flotte. Ein kleinerer Teil positionierte sich in der Nähe der Station, um sie im Notfall verteidigen zu können. Denn wenn es die Jay’nac-Armada nicht schaffen sollte, den Feind abzuwehren, mussten andere Maßnahmen ergriffen werden. Maßnahmen mit erheblichem Risikopotenzial, an die Felvert im Moment noch nicht denken mochte.

Auf einem großen Holo-Kubus an der Schnittstelle der Steuer-Acht war die CHARDHIN-Perle nur noch zu etwa zwanzig Prozent zu sehen, der Rest war bereits von den Jay’nac eingeschlossen. Die Kristallschiffe strömten zusammen und bildeten anschließend Fragmente einer löchrigen Kugelschale.

„Wir können nur hoffen, dass die Jay’nac-Flotte groß genug ist, um die Perle vollständig zu isolieren“, äußerte sich Boolvert.

„Und dann?“, fragte Felvert.

„Die Perle wird nicht mehr manövrierfähig sein und sich ergeben müssen.“

„Wenn das wirklich die Konsequenz wäre, hätte sich die Besatzung der Perle – aus wem auch immer sie nun bestehen mag – längst gewehrt, Boolvert.“

„Warum tut sie es dann nicht?“

„Ich weiß es nicht, Boolvert.“

„Vielleicht wartet man auf einen günstigen Moment für einen Gegenangriff.“

„Möglich.“

„Aber du denkst an etwas anderes, nicht wahr, Felvert?“

Der Felorer bewegte seinen wurmartigen Körper etwas nach vorne. „Ich denke, dass wir einen Aspekt in unseren Betrachtungen bisher nicht wirklich berücksichtigt haben.“

„Und der wäre?“

„Ich habe Temporalmessungen an dem Objekt vorgenommen. Dabei bin ich zu sehr seltsamen und teilweise widersprüchlichen Ergebnissen gekommen.“

Felvert nahm ein paar Schaltungen vor und öffnete weitere holographische Displays in Säulen und Würfelform, um neue Berechnungen anzustellen.

„Bist du schon zu einem Ergebnis gekommen?“

„Nur zu einem vorläufigen.“

„Und das wäre?“

„Die Widersprüche in den Temporalwerten ließen sich mathematisch erklären, vorausgesetzt man nimmt an, dass dieses Ding seit Beginn des Universums existiert.“

Boolvert glaubte im ersten Moment sich verhört zu haben. „Das dürfte unmöglich sein. Es würde bedeuten, dass das Objekt älter als seine Schöpfer wäre – und ich dachte eigentlich, dass wir uns darüber einig wären, dass es sich um ein künstlich geschaffenes Artefakt handelt.“

Ein ganzer Schwall von Einwänden prasselte nun auf Felvert ein. Es dauerte daher eine ganze Weile, ehe er wieder zu Wort kam.

„Alles, was ich gesagt habe, ist, dass mit diesem Objekt auf temporaler Ebene etwas nicht stimmt“, sagte er dann. „Und das bedeutet, wir müssen uns jeden Schritt genau überlegen.“

„Scobee weiß einiges über dieses Objekt“, erklärte das Porlac-Hologramm. „Sie nennt es eine CHARDHIN-Perle.“

„Dann möchte ich mit ihr reden“, verlangte Felvert. „Und zwar unverzüglich.“

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S COBEE TRAT MIT FELVERT in Verbindung und fasste ihm gegenüber so knapp wie möglich zusammen, was sie über die CHARDHIN-Perlen wusste.

Viel war es nicht. Sie berichtete ihm von den Gloriden und den unbekannten ERBAUERN, von denen es keine echte Spur gab. Sie beschrieb das kosmische Netzwerk, das die Gloriden in Gang gehalten hatten.

„Waren die Gloriden jene Spezies, mit deren Raumschiff du unsere Torstation im intergalaktischen Leerraum erreicht hast?“, erkundigte sich Felvert.

Scobee bestätigte dies. „Ja.“

„Hast du eine Erklärung dafür, dass diese Perle, wie du sie nennst, seit Anbeginn der Zeiten zu existieren scheint?“

„Sie existiert auch bis zum Ende der Zeiten“, erwiderte Scobee.

„Oh, ich wusste nicht, dass Hellsichtigkeit zu den Fähigkeiten deiner doch eher mit bescheidenen geistigen Fähigkeiten ausgestatteten Rasse gehört“, gab Felvert fast schon süffisant zurück.

Seltsam, dachte Scobee. Bei jedem anderen hätte das jetzt so richtig herablassend geklungen. Bei ihm nicht. Da klingt es eher ... verzeihlich.

Sie blieb gelassen, während Felvert das Hologramm, das sie wiedergab, aufmerksam mit seinen Sinnen erfasste. „Die Gloriden nennen dieses Phänomen Permanenz“, sagte sie. „Die Perlen sind so in der Zeit verankert, dass sie permanent existieren. Wie sie das schaffen, weiß ich nicht. Und mir ist auch nicht klar, ob diese Permanenz aufgehoben ist, sobald eine Chardhin-Perle die Zone hinter dem Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs verlässt.“

„Ich verstehe“, sagte Felvert.

„Ehrlich gesagt, wusste ich bisher nicht einmal, dass die Perlen überhaupt dazu in der Lage sind, ihre Sphäre auch zu verlassen. Meines Wissens haben die Gloriden die niemals geschafft – aber vielleicht bin ich auch nur falsch unterrichtet, oder ich habe sie unterschätzt.“

„Fürs Erste wissen wir genug“, erklärte Felvert.

Was bin ich für ihn?, dachte Scobee. Ein Affe, der etwas von der Relativitätstheorie aufgeschnappt hat und versucht, es wiederzugeben? So in der Art muss ich mir meinen Status wohl vorstellen... Und ich kann ihm dabei noch nicht einmal widersprechen!

Die Verbindung wurde unterbrochen.

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E INE MELDUNG DER KEELON traf ein, wonach auch der jüngste – und letzte – Versuch einer Verständigung gescheitert war. Und die Außenhülle der Chardhin-Perle ortungstechnisch zu durchdringen, erwies sich als ebenso unmöglich, wie ihr durch Beschuss mit Energiestrahlen zu schaden.

„Eine Meldung der Jay’nac-Flotte trifft ein“, meldete einer der untergeordneten Tormeister. „Der Kokon um die Perle ist vollendet. Der Feind ist eingeschlossen. Nach Ansicht des Granogk bleibt ihm nur noch die Möglichkeit der Kapitulation.“

„Schön wär’s“, murmelte Felvert, ihm fehlte der Glaube.

„Immerhin hat es keine weitere Positionsveränderung der Perle gegeben“, stelle Boolvert mit Blick auf die Ortungsanzeigen fest. „Das könnte man doch als gutes Omen deuten, oder?“

„Oder als Zweckoptimismus“, erwiderte Felvert, der sich unbeirrt seinen Berechnungen widmete.

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WIR HABEN ES GESCHAFFT“, glaubte Porlac. Und das Granogk teilte seinen Optimismus.

„Diese Perle wurde dazu geschaffen, den Gewalten jenseits des Ereignishorizonts eines Schwarzen Lochs zu trotzen“, stellte Scobee indessen sehr viel nüchterner fest. „Wer diesen Kräften die Stirn bietet, wir sich durch das, was man auf Nar’gog aufzubieten hat, kaum beeindrucken lassen.“

Ausnahmsweise sind wir mal einer Meinung, kommentierte die Gedankenstimme Siroonas ihre Worte.

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DIE KEELON MESSEN eine temporale Unregelmäßigkeit an. Leichte Verzerrungen in der Raumzeit“, meldete Boolvert. „Sie umgibt das Objekt und breitet sich aus.“

Felvert war wie elektrisiert.

„Das passt ins Bild“, stellte er fest, ohne dass einer der anderen Tormeister dies begriff. Er blickte zu dem Holo-Kubus und wartete zwei Sekunden.

Dann brach das Inferno aus.

Das habe ich befürchtet!, dachte Felvert. Aber es gab wohl keine Möglichkeit mehr, das Unglück aufzuhalten... Und jetzt wird uns nichts anderes übrig bleiben, als den ANDEREN Weg zu beschreiten ...

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A UGENBLICKE, BEVOR am Himmel von Nar’gog die Hölle losbrach, hatte Siroona mit ihren hochsensiblen Foronensinnen eine Wahrnehmung, die sie nicht näher zu erklären vermochte. Sie bildete jedenfalls das Kopfteil ihrer Rüstung zurück und ließ es anschließend wieder über ihr augenloses Gesicht fahren, so als nähme sie an, dass ihre Empfindung etwas mit dem Anzug zu tun hätte.

Aber das war offenbar nicht der Fall.

Während sie zuvor überwiegend am Boden gekauert hatte, um die Kräfte ihres alt gewordenen Körpers so sparsam wie möglich zu verwenden, stand sie jetzt auf und ging ein paar Schritte völlig unmotiviert auf und ab.

„Was ist los?“, fragte Scobee.

Schweig!!

In diesen Gedankenbefehl legte sie so viel Präsenz, dass Scobee schon fast an die gemeinsamen Zeiten auf der RUBIKON erinnert war.

Scobee kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Sie blickte zu dem riesigen Objekt am Himmel, das wie ein Mond kurz vor dem endgültigen Fall über dem Granogk hing.

Die Chardhin-Perle und der sie umgebende Kokon aus Jay’nac-Raumschiffen.

Einzelne Elemente dieser Schale platzten jetzt heraus. Feuer kam darunter zum Vorschein. Die kristalline, kugelförmige Hülle, die von den Jay’nac-Schiffen geformt worden war, brach an mehreren Stellen gleichzeitig auseinander.

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