Logo weiterlesen.de
Großband Raumschiff Rubikon 2 - Vier Romane der Weltraumserie

Manfred Weinland, Alfred Bekker, Marc Tannous, Susan Schwartz

Großband Raumschiff Rubikon 2 - Vier Romane der Weltraumserie

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Großband Raumschiff Rubikon 2 - Vier Romane der Weltraumserie

Erfahre mehr über Bücher aus unserem Verlag:

Copyright

1.

Kriegsrat

2.

Anomalie

3.

Ein „anderes“ Schiff

4.

Mysteriöse Erschütterungen

5.

Innenansichten einer Galaxie

6.

Der Vorstoß

7.

Exodus

8.

Am Kreuzweg

Epilog

Copyright

Auf dem Weg in die Leere

Der schwärzeste Punkt in der Dunkelheit

Würmer am Rande der Unendlichkeit

Alte Bekannte

5. Kapitel | Siroonas Vergangenheit

Eine Frage der Präsenz

7. Kapitel

Duell auf der Feuerwelt

Sobeks Netz

9. Kapitel

Die Bedrohung

In der Gegenwart...

Copyright

Raumschiff Rubikon | Die hermetische Galaxis | Susan Schwartz

Prolog

ERSTER TEIL

1.

2.

Samragh: Anfang oder Ende

3.

4.

5.

6.

ZWEITER TEIL

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Copyright

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

About the Publisher

Großband Raumschiff Rubikon 2 - Vier Romane der Weltraumserie

Manfred Weinland, Alfred Bekker, Marc Tannous, Susan Schwartz

Dieser Band enthält folgende Romane:

Manfred Weinland/MarcTannous: Die Satoga-Kriege

Alfred Bekker: Insel im Nichts

Susan Schwartz: Die hermetische Galaxis

Manfred Weinland: Entartete Zeit

––––––––

image

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER DIETER ROTTERMUND

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

––––––––

image

Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/

––––––––

image

Zum Blog des Verlags

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

image
image
image

Erfahre mehr über Bücher aus unserem Verlag:

image

Bücher von   Alfred Bekker

Bücher von  Henry Rohmer

Bücher von  A.F.Morland

Bücher von  Manfred Weinland

Bücher von  Hendrik M. Bekker

Bücher von  Konrad Carisi

Bücher von  Wolf G. Rahn

Bücher von  Horst Bieber

Bücher von  W.A.Hary

Bücher von  G.S.Friebel

Bücher von  Theodor Horschelt

Bücher von  Pete Hackett

Bücher von  Cedric Balmore

Bücher von  Bernd Teuber

Bücher von  Don Pendleton

Bücher von  Freder van Holk

Bücher von  Horst Friedrichs

Bücher von  Glenn Stirling

Bücher von  Horst Weymar Hübner

Bücher von  Jo Zybell

Bücher von  Joachim Honnef

Die Satoga-Kriege

Manfred Weinland & Marc Tannous

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

image
image
image

1.  

image

image
image
image

Kriegsrat

image

John Cloud blickte durch das transparent geschaltete untere Segment der Holosäule auf diejenigen, die im Rund der sieben Kommandositze Platz genommen hatten. Hier in der Schaltzentrale der ehemaligen Foronenarche SESHA, die von den Menschen RUBIKON getauft worden war. In Gedenken an eine andere, unendlich primitivere RUBIKON, mit der John Cloud und zwei weitere jetzt Anwesende seinerzeit zum Mars aufgebrochen waren. Jenes erste Schiff dieses Namens war auf dem roten Planeten von den Invasoren zerstört worden war, die sich in der Folge die gesamte Menschheit unterjochten ... und dieses Joch bis zum heutigen Tag in all seiner Tragik aufrecht erhielten.

Die Keelon, enge Verbündete – mehr noch: Schöpfungen – der anorganischen Jay’nac ...

„ Lasst uns Kriegsrat abhalten – und über die weiteren Schritte im Klaren werden.“

Fontarayn schien leicht irritiert über den Begriff, den Cloud benutzte, um Sinn und Zweck ihrer Zusammenkunft zu charakterisieren, er sagte aber nichts. Der Gloride saß dem Commander der RUBIKON schräg gegenüber, eingerahmt von dem Pflanzenwesen Cy und dessen Gefährten in vielen Abenteuern, Algorian. Der spindeldürre Aorii verfügte über psionische Fähigkeiten, die er schon das eine oder andere Mal zum Nutzen der Crew eingesetzt hatte.

Unmittelbar zu Clouds Linken saß eine Frau von beachtlicher Attraktivität ... und Schlagkraft: Scobee. Sie zählte mit dem rechts von Cloud thronenden Jarvis zu seinen ältesten Gefährten, und die gegenseitige Sympathie, da wollte er sich nichts vormachen, hatte sich anfangs arg in Grenzen gehalten. Die auf sie einstürmenden Gefahren hatten sie schließlich zusammengeschweißt. Extremsituationen, in denen sie einander mehr als einmal hinter die äußere Fassade hatten blicken können. So war es gekommen, dass sie sich schätzen lernten. Mehr und mehr.

Und dass ich anfing, meine bornierten Vorurteile ins Nirwana zu verabschieden, dachte Cloud in einem Anflug von Scham. Heute, gut zwei – subjektive – Jahre nach diesen unschönen Erlebnissen, kam es ihm vor, als wäre der John Cloud, der in den GenTecs nur bessere Maschinen gesehen hatte, die einem Programm folgten, das Wissenschaftler bei ihrer in-vitro-Schöpfung in sie verpflanzt hatten, ein Fremder, der nichts mehr mit dem John Cloud der Gegenwart zu tun hatte.

Überhaupt nichts mehr!

Sein Blick blieb kurz an Jarvis hängen, der auch kaum noch etwas mit dem Jarvis ihrer ersten Begegnungen gemein hatte.

Damals hatte er noch gelebt, geatmet und die höchst zweifelhafte Angewohnheit gehabt, im Zweifelsfall erst zu schießen und dann nach Möglichkeiten einer Verständigung mit Gegnern zu suchen. Inzwischen wandelte er als „lebender Toter“, als „beseelter Roboter“ unter ihnen, aufgegangen in einem foronischen Kunstkörper, der aus der Nanorüstung des Hohen Mont hervorgegangen war. Und den er inzwischen fast traumwandlerisch sicher beherrschte, fast nach Belieben gestalten und verändern konnte.

Der wuchtige, anthrazitfarbene Koloss, in den Jarvis’ Bewusstsein in dem Moment transferiert worden war, als seine angestammte organische Hülle ihr Dasein aushauchte, schien mit dem Kommandositz verschmolzen zu sein. Es gab nicht einmal eine Fuge, die belegte, dass Jarvis einfach nur da saß. Dennoch war es so, vermochte sich der immer noch draufgängerische, aber ansonsten völlig veränderte Freund bei Bedarf von einem Moment zum anderen von seinem Sitz lösen.

Der Letzte im Bunde der Sieben, die sich auf Clouds Bitte hin zusammengefunden hatten, war ein Extraterrestrier, den Cloud bereits als Freund für immer verloren geglaubt hatte, nachdem er auf Saskana entführt worden war: der Narge Jiim.

Der Geflügelte der wie ein grotesk geratener Engel zwischen Scobee und Cy kauerte, hatte erkennbare Mühe mit der für flügel lose Humanoide ausgelegten Sitzgelegenheit. Immer wieder rutschte er hin und her, wusste nicht so recht, wo er seine zusammengefalteten Schwingen verstauen sollte, um auch nur ein Mindestmaß an Bequemlichkeit zu erreichen.

Nicht zuletzt um seinetwillen beschloss Cloud, den Beginn der Beratung nicht länger zu verzögern.

„ Ihr alle“, sagte er, „kennt den Grund unserer Zusammenkunft. Bevor wir aber das weitere Vorgehen diskutieren, würde ich Jarvis bitten, uns noch einmal einen kurzen Abriss der Ereignisse zu geben, die dazu führten, dass wir hier und heute eine schwer wiegende Entscheidung zu treffen haben. Die nämlich, ob wir der Milchstraße für lange Zeit den Rücken kehren und uns auf eine Reise zur Nachbargalaxis Andromeda einlassen sollen oder nicht. Jarvis?“

Der Angesprochene reagierte, indem er eine Grimasse schnitt, die jeden, der sie zum ersten Mal erlebte und den früheren Jarvis gekannt hatte, fast zu Tode erschrecken musste. Im Kreis der hier Versammelten rief sie jedoch nicht einmal ein Schulterzucken hervor.

„ Ich liebe es“, drang es aus dem Nanokörper, „den Chronisten geben zu dürfen. In der Tat dürfte mein Gedächtnis unschlagbar sein. Ebenso meine Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu –“

„ Ja, ja, schon gut, spar dir das Geschwafel und komm zur Sache“, unterbrach ihn Scobee mit einem gespielt verzweifelten Seufzer. „Du kannst es, wir wissen es. Warum tust du es also nicht?“

„ Tun?“, kam es wie ein fernes, verständnisloses Echo aus dem Hightech-Körper des Mannes, der einmal ein Klon wie Scobee gewesen war. Ein genetisch optimierter, im Reagenzglas gezeugter Mensch.

„ Auf den Punkt kommen“, gab die Frau ihm zu verstehen, dabei zog sie die beiden verschnörkelten Tattoos nach oben, die ihr die Augenbrauen ersetzten und ihr ein wenig Ähnlichkeit mit einem japanischen Manga-Girl des frühen 21. Jahrhunderts verliehen – der Zeit vor der Keelon-Herrschaft und vor der kompletten Umstrukturierung der Erdgesellschaft.

Heutzutage gibt es sicher keinen einzigen Comic mehr, dachte Cloud mit gewissem Bedauern an die unverzichtbaren Begleiter seiner Kindheit.

Er gab Scobee mit einer knappen Handbewegung zu verstehen, was er von ihren Einwürfen hielt.

Normalerweise viel – hier und jetzt und in diesem Zusammenhang jedoch ... nichts.

„ Bitte, Jarvis, fahre fort“, sagte er.

Scobee holte Luft, als wollte sie zu einem weiteren Kommentar ausholen, doch dann schloss sie den Mund und schwieg, während ihre Augen mikroskopisch winzige Blitze in Clouds Richtung schleuderten.

Damit konnte er leben.

Mit den Gefahren, die sich am galaktischen Horizont abzeichneten, weniger.

Eine Bedrohung von möglicherweise universellem Ausmaß.

Bevor Jarvis, der Aufforderung nachkam, richteten sich seine stilisierten Augen auf Fontarayn, der nie deplatzierter gewirkt hatte als jetzt. Er wirkte, mehr noch als der „Exot“ Jarvis, wie ein Anachronismus. „Wo ist eigentlich dein Pendant?“

„ Pendant?“, zwitscherte der Gloride.

„ Dein Artgenosse“, sagte Jarvis, wobei sich die Lippen seines Mundes leicht asynchron zu den Worten bewegten. „Wäre es nicht sinnvoll, wenn er dieser Unterredung ebenfalls beiwohnt?“

„ Er wollte sich ein wenig in eurem Schiff umsehen“, sagte Fontarayn. „Ich kann nicht für ihn sprechen. Er ist ein eigenständiges Wesen. So weit ich weiß, habt ihr ihm und mir erlaubt, uns frei auf diesem –“

„ Darum geht es gar nicht“, mischte sich Cloud ein, dessen Geduldsfaden allmählich überstrapaziert wurde. „Ich halte Jarvis’ Einwand für berechtigt. Es wäre sinnvoll, wenn Ovayran an dieser Diskussion teilnähme. Immerhin betrifft die anstehende Entscheidung auch ihn.“

„ Ich werde ihn später über alles unterrichten“, versicherte Fontarayn. „Es gibt nichts, was er beisteuern könnte, das nicht auch ich in die Waagschale werfen kann. Er wird jedes Detail unseres Beschlusses erfahren und sich verinnerlichen. Wir Gloriden benötigen zu einem solchen Wissenstransfer keine Worte, wir begeben uns lediglich in unsere energetische Zustandsform und verschmelzen kurzzeitig miteinander.“

„ Oh, ihr fusioniert also“, mimte Scobee Erstaunen, um im nächsten Moment interessiert hinzuzufügen: „Hat das über den rein logistischen Austausch auch eine, hm, sexuelle Komponente?“

Cloud wurde zunehmend fassungsloser. Nicht, weil er sich als sonderlich prüde empfand, wohl aber, weil er im Gegensatz zu Scobee nicht das Gefühl hatte, über eine unendliches Reservoir an Zeit zu verfügen.

„ Das ist völlig absurd!“, verwahrte sich Fontarayn.

Cloud glaubte ein gemurmeltes „ihr Armen“ aus Scobees Mund zu hören, war sich aber nicht sicher. Rasch wandte er sich Jarvis zu und sagte: „Neuer Versuch. Beginne am besten mit unserer Ankunft im galaktischen Kerngebiet. Alles davor kannst du dir schenken. Selbst unser Gast ...“ Er nickte Fontarayn zu. „ ... ist mittlerweile im Groben über die Geschehnisse informiert, die dazu führten, dass die Jay’nac und Satoga einander über Jahrzehntausende hinweg bekämpften und danach trachteten, sich gegenseitig auszurotten.“

„ In Ordnung“, sagte Jarvis. „Ihr kennt den Grund, weshalb wir unmittelbar nach dem Friedensschluss zwischen Jay’nac und Satoga hierher ins galaktische Zentrum kamen. Wir wollten, dass unser Gefährte Boreguir, der den letzten Kampfhandlungen zum Opfer fiel, auf heimatlichem Boden beigesetzt wird, auf Saskana, von wo es ihn einst über ein foronisches Transportsystem zum stellaren Mars verschlug. Es war ein letzter Gefallen, der uns allen am Herzen lag, selbst denen, die kein Herz mehr besitzen – oder nie eins besessen haben ...“

Unter den Worten, die das Audiosystem des Nanokörpers nach außen abstrahlte, lebten die Ereignisse, in deren Sog die RUBIKON-Crew geraten war, noch einmal auf, wurden lebendig in der Vorstellung derer, die alles miterlebt hatten. Für Fontarayn hingegen mochte diese knappe Zusammenfassung viele Fragen offen lassen. Beziehungsweise es hätten viele Lücken bleiben müssen, wäre nicht davon auszugehen gewesen, dass sich der Gloride längst auf seine Weise alle relevanten Informationen beschafft hatte. Aus den Datenbänken der RUBIKON.

Es war ein bislang ungelöstes Problem, dass der aus Andromeda stammende Perlenbewohner offenbar ohne jede Mühe Zugriff auf selbst geheimste Daten und Prozesse an Bord hatte, sobald er sich in seine „Lichtgestalt“ transformierte. Sesha schien bis heute kein adäquates Mittel gegen die Vorstöße der Gloriden gefunden zu haben. In Zeiten friedlicher Koexistenz mit den Perlenbewahrern war dies tolerierbar; Cloud fragte sich jedoch, was geschehen würde, wenn es Fontarayn oder Ovayran eines Tages für notwendig erachteten, sich in den Besitz der RUBIKON zu bringen. Oder, noch schlimmer, das Schiff zu zerstören.

Gegenwärtig schien eine solche Eskalation nicht zu drohen. Aber die Mentalität der Gloriden war und blieb rätselhaft – und damit voller Risiken.

„ ... haben sich die Treymor in den Besitz von ERBAUER-Technologie gebracht“, referierte Jarvis gerade, „als sie die Gloriden-Expedition überwältigten, die von der Milchstraßen-Perle aus ihre Heimatwelt besuchte. Die Käferartigen schafften dies dank ihrer natürlichen Affinität zu allem Energetischen. Hm, auf der Basis der erbeuteten Hochtechnik und unter Einbeziehung der Saskanen gelang es ihnen in der Folgezeit dann, ein ‚heimliches Reich’ auf- und auszubauen, das sich gegenwärtig über ein Gebiet von knapp achtzehn Lichtjahre Radius erstreckt – aber auf Expansion ausgelegt ist. Die Treymor breiten sich unaufhaltsam aus wie eine Krankheit, wie ein Krebsgeschwür ... Allerdings“, fuhr Jarvis nach einer kurzen Pause fort, „gibt es Zweifel, dass die Käferartigen auch hinter der Entvölkerung der Milchstraßen-Perle stecken, in der Ovayran lebte, bis es ihn nach Saskana verschlug, wo er auf Jiim traf, ihn aus einem Missverständnis heraus entführte ... ihn aber später wieder zu uns zurück führte. Die Treymor nutzen die besondere Gabe der Saskanen, sich vergessen zu machen, um ihr im Aufbau gegriffenes Reich vor jedem potenziellen Besucher zu verbergen. Nie gab es ein perfekteres Tarnfeld als diesen psionischen Mantel, den unser Freund Boreguir offenbar nach Belieben einsetzen, sogar Objekten wie einen Stempel aufdrücken konnte – der beim Rest seiner Spezies aber offenbar bislang weitgehend unbewusst vorhanden ist und von den Treymor-Besatzern ohne deren Wissen missbraucht wird. Was sich durch unseren Vorstoß und unseren letzten Kontakt mit den Saskanen jedoch ändern könnte. Die Saat des Widerstands wurde gelegt, es bleibt abzuwarten, ob sie tatsächlich aufgeht und wie sie sich entwickelt ... Nachdem jedenfalls zahllose Stämme auf sämtliche dem Treymor-Reich zugehörige Welten verteilt wurden und nun dort ihr Dasein fristen, umfasst das Netz des Vergessens nunmehr die uns bekannte 18-Lichtjahre-Zone, die wir dank der Gloriden aktuell so sehen können, wie sie sich jenseits des Schleiers, den die Psi-Gabe der Saskanen erzeugt, darbietet.“

„ Vergiss nicht zu erwähnen“, sagte Scobee, die es sich einfach nicht nehmen lassen wollte, ihren ganz persönlichen Senf beizusteuern, „dass wir bislang der Meinung waren, die Treymor steckten auch hinter der Entvölkerung der CHARDHIN-Perle im Milchstraßen-Black-Hole, unsere gloridischen Gäste an Bord aber der Ansicht sind, die Käferartigen müssten nach den jüngsten Erkenntnissen als Urheber ausgeschlossen werden.“

„ So ist es“, ergriff nun auch Fontarayn das Wort. „Es bedarf mehr als der Grundtechnologie der ERBAUER, die sich die Treymor widerrechtlich aneigneten, um das Gebiet jenseits des Ereignishorizonts zu betreten ... und diesen frevlerischen Vorstoß zu überleben. Ganz davon zu schweigen, dass Geschöpfe, die in völliger Unkenntnis der Hintergründe agieren, in der Lage sein sollten, ein heiliges Gebilde wie die Perle zu erobern.“

Cloud blinzelte irritiert und tauschte dann Blicke mit Scobee, die Fontarayns Worte ebenso einzustufen schien wie er. Ratlosigkeit und Verwirrung kennzeichneten ihr Mienenspiel. Der Gloride sprach zum ersten Mal in einer Weise von den ERBAUERN und deren Hinterlassenschaft, als ginge es um eine göttliche Kraft. Und als wäre es nicht nur eine Aufgabe, die die Gloriden in den Perlen erfüllten – Pflege und Wartung –, sondern als huldigten sie einer ... Religion.

Der Gedanke war verstörender als alles, was Cloud bislang von und über die Gloriden erfahren hatte. Allerdings fragte er sich, ob Fontarayns Wortwahl so kritisch betrachtet werden durfte – oder ob nicht einfach das Verständnis des Gloriden für die irdische Sprache ihnen einen Streich spielte.

Aber warum sind dann bislang nie Irritationen aufgetreten?

„ Blieben“, sagte er in die entstandene Stille hinein, „nur die Überwesen, die ihr kurz und knapp – und denkbar schlicht – als ERBAUER bezeichnet ...oder habt ihr für euch selbst noch einen anderen Namen für sie?“

Der Vorstoß kam für ihn selbst überraschend. Es war, als legte ihm ein anderer die Frage auf die Zunge.

Und täuschte er sich, oder verlor Fontarayn für den Bruchteil einer Sekunde die gewohnte Unerschütterlichkeit? Für einen Moment sah es so aus, als verlöre sogar der Körper des Gloriden an Stabilität, als schwanke er zwischen den beiden möglichen Existenzformen, zwischen Manifestation und Entstofflichung.

„ Nein“, sagte er dann. Sein Blick fixierte Cloud in einer Weise, wie er es noch nie getan hatte – oder zumindest wie Cloud ihn noch nie für sich empfunden hatte, und er dachte: Er hat es bemerkt. Er hat erkannt, dass ihm etwas herausgerutscht ist, was uns zumindest irritiert, wenn nicht misstrauisch macht ...

„ Es sind die ERBAUER. Wir haben keinen anderen begriff für sie. Und wir wissen wenig, fast nichts über sie – all das habe ich mehrfach erklärt. Wieso interessierst du dich so für ... Namen?“

„ Weil daraus mitunter mehr Wissen abzuleiten ist als demjenigen, der sie ausspricht klar ist.“

Cloud wollte, dass Fontarayn die Spitze verstand. Und er war sicher, dass dies der Fall war. Nichtsdestotrotz ließ der Gloride das Thema damit auf sich beruhen.

Von seiner Warte aus das Beste, was er tun kann – wenn er etwas zu verbergen hat.

Er hielt kurz inne, weil ihm bewusst wurde, wie ungünstig gerade jetzt wachsendes Misstrauen zwischen ihnen – Crew und Gloriden – war.

„ Lasst uns nun zum Kern der Versammlung kommen“, sagte er mit belegter Stimme. „Es geht um Fontarayns Bitte – oder sollte ich sagen Forderung? –, ihn und Ovayran mit der RUBIKON zur Andromeda-Perle zu bringen ...“

„ Es ist eine Bitte – und zugleich ein guter Rat“, warf der Gloride ein. „Wer können nichts fordern, dieses Schiff untersteht euch, nicht uns. Aber ihr solltet bedenken, dass das, was wir über die Treymor und die hiesige verwaiste CHARDHIN-Station herausfanden keine Gloriden-interne Gefahr darstellt, sondern ganz direkt auch euch und alle anderen Bewohner dieser Galaxie betrifft.“

„ Das ist nicht von der Hand zu weisen“, meldete sich erstmals Cy zu Wort. Seine Stimme raschelte, als würden Blätter aneinander reiben. Das Organ, das sie erzeugte, verbarg sich tief im Kern des „Busches“, als den das auf der Spore Auri geborene Pflanzenwesen sich darstellte. Cy war eine Erscheinung, die ein Mensch leicht geneigt sein konnte zu unterschätzen. Zu sehr ähnelte er einem bloßen „Gestrüpp“. Doch wer sich auf ihn einließ – wie beispielsweise Jelto – musste diesen Eindruck schnell revidieren. Cy war nicht nur hochintelligent, er hatte auch Dinge erlebt, die prägend für sein ganzes weiteres Leben sein würden – entsetzliche Dinge, unter anderem auf der bizarren Heimatwelt der Jay’nac ...

„ Allerdings“, fuhr der Aurige fort, „stelle ich eure Beweggründe, nach Andromeda zu wollen, in Zweifel. Ich für mein Teil nehme es euch nicht  ab, dass es euch nur darum geht, die Treymor-Gefahr zu bannen. Immerhin – wir reden hier von einem Einflussbereich, den diese Spezies bislang für sich erschlossen hat, der allenfalls Sandkorngröße hat, nimmt man die Milchstraße als Ganzes und diese 18-Lichtjahre-Blase im Vergleich dazu. Außerdem gibt es bislang keinerlei Anzeichen dafür, dass die Treymor Anschläge gegen uns bekannte – und am Herzen liegende – Welten planen. Sie sind, so hat es den Anschein, voll und ganz damit beschäftigt, ihre Einflusssphäre gleichmäßig nach allen Richtungen zu erweitern. Wenn überhaupt, droht den CLARON-Völkern, droht den Erinjij und Jay’nac und wie die Völker alle heißen erst in sehr ferner Zukunft Gefahr. Aus meiner Sicht wäre es weniger gefährlich, mit Augenmaß und ohne Überstürzung zu handeln, als aus einem Impuls heraus auf die Bitte – oder Forderung, egal – einzugehen und uns auf diese weite Reise einzulassen. Bedenkt: Wir wären Monate im Leerraum unterwegs, um die eingeforderte Strecke zu bewältigen. In dieser Zeit sind wir von neuen Informationen und Entwicklungen sowohl in der Milchstraße als auch in Andromeda isoliert. Und wir müssen eine ebenso lange Zeit ins Kalkül ziehen, um wieder hierher zurück zu gelangen! Ein hoher Preis für ein Ziel, das sich mir nicht wirklich in seiner angeblichen Dringlichkeit offenbart ... Aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung. Andere mögen anders denken – und dies äußern.“

Das Rascheln verstummte.

Cloud nickte Cy nachdenklich zu, blickte dann in die Runde. Schließlich, als niemand das Wort ergriff, blieb sein Blick auf Fontarayn haften. „Ich teile Cys Bedenken – insbesondere, was eure Motivation angeht, die dich und Ovayran nach Andromeda zieht.“

„ Wir sagen die Wahrheit, wenn wir beteuern, dass es uns darum geht, die Treymor-Gefahr zu bannen“, sagte Fontarayn. „Wir ließen auch verlauten, wie wir dies bewerkstelligen wollen – indem wir die Permanenz der Perlen nutzen, um über die Andromeda-Bastion in jene Vergangenheit vorzustoßen, in der die folgenschwere Gloriden-Expedition startete, die sich zum Ziel setzte, die ERBAUER zu finden – und die damals in die Gewalt der Treymor geriet, womit alles Übel begann.“

„ Mit anderen Worten“, sagte Cloud, „ihr wollt eine Korrektur der Geschichte herbeiführen – ein Zeitparadoxon.“

„ Es ist die einzige Möglichkeit. Und die sinnvollste. Eure Milchstraße wird dadurch, sieht man von den Treymor selbst ab, keinen Schaden erleiden. All die Völker, denen ihr entspringt, bleiben davon unbetroffen. Es geht nur um –“

„ Die Käfer“, schnarrte Jiim. Er klang, als wäre er erkältet – wer ihn kannte, wusste jedoch, dass die heisere, krächzende Stimme immer dann hörbar wurde, wenn er innerlich stark aufgewühlt war. Der Narge vom Planeten Kalser hatte sich ohne seine goldene Rüstung, sein Nabiss, aus der Schmiede der Ganfs in der Zentrale eingefunden. Er trug ein tunikaartiges Kleidungsstück aus scharlachrotem Material, das mit dem Symbol Kalsers und seines zerbrochenen Mondes bestickt war. Plötzlich kippte die Stimme, überschlug sich und fügte schrill hinzu: „Was für eine Naivität! Wie kann man ernsthaft glauben, ein Eingriff dieses Ausmaßes würde nur die Übeltäter treffen?“

Cloud hatte Jiim selten so aufgebracht erlebt. „Worauf willst du hinaus, alter Freund?“, wandte er sich an den Geflügelten, der kurzzeitig als Suprio auf Kalser gewirkt hatte, den es dann aber auf allerlei Umwegen bis in die Große Magellansche Wolke verschlagen hatte, wo sie einander wieder begegneten. Seither war er vollwertiges Mitglied der Mannschaft.

„ Denk nach, Guma Tschonk, denk nach. Das, was wir als jüngere Vergangenheit kennen, würde so niemals stattfinden. Wir würden vielleicht ins Milchstraßenzentrum aufbrechen – aber nicht einmal das ist sicher, denn wer weiß, ob wir Boreguir überhaupt je kennen lernten, wenn seine Welt nicht von den Treymor attackiert worden wäre. Wir alle wissen wenig, fast nichts über sein Leben auf Saskana – und wie genau es zu seiner Strandung auf dem Mars kam. Falls es enge Zusammenhänge zwischen den Treymor-Taten und Boreguirs Leben gibt, dann ...“

„ Dann“, griff Cloud tief bestürzt den Faden auf, „können wir nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass wir je seine Bekanntschaft machten, sollte der Gloriden-Plan und das beabsichtigte Paradoxon in die Tat umgesetzt werden.“ Er fühlte sich auf einmal wie taub und leer. „Was ... spinnen wir den Gedanken weiter ... sogar so weit führen könnte, dass auf einer der Etappen unseres Handelns in der Großen Magellanschen Wolke, als er uns tatkräftig zur Seite stand, in einer neuen Zeitlinie Endstation für uns gewesen sein könnte. Wir hätten niemals den Weg zurück zur Milchstraße gefunden. Wir hätten niemals zwischen Satoga und Jay’nac schlichten helfen können ... oder kurz gesagt: Wir würden in der neuen Zeitlinie in diesem Moment schon gar nicht mehr existieren.“

Fontarayn begegnete dem entsetzten Blick der Crewmitglieder fast gleichmütig. Nach Sekunden des Schweigens sagte er schließlich: „Auch mein Leben verliefe dann völlig anders – aber es würde mir nie einfallen, mich deshalb beklagen zu wollen. Opfer mussten zu allen Zeiten, in allen Zeitaltern der Permanenz erbracht werden. Was zählen eine Hand voll Leben gegen das, was die Treymor schon heute auf dem Gewissen haben?“

Die Meisten waren zu perplex, um darauf etwas zu erwidern.

Nicht so Jarvis.

„ Eine Menge“, drang es knurrig aus seinem Nanokörper. „Verflucht viel zählen diese aus deiner Sicht offenbar armseligen ‚paar Leben’ – erst recht, wenn das eigene darunter ist! Also, was mich angeht, so bin ich rundweg dagegen, dass wir den beiden meschuggenen Glühwürmchen auch noch in die Hände spielen und ihnen dabei helfen, unsere Leben auf den Kopf zu stellen. Oder im Extremfall sogar auszulöschen. Lasst sie uns lieber durch die nächstbeste Schleuse pfeffern!“

Bravo, dachte Scobee. Ein Hoch auf meinen alten Kumpel Jarvis ... der zwar selbst kein konventionelles Leben mehr hat, sich davon aber nicht hindern lässt, das seiner Gefährten bis aufs letzte zu verteidigen. Verdammt, und er hat vollkommen Recht! Wenn John sich darauf einlässt, dann ...

Sie kappte den Gedanken, ohne ihn zu Ende zu führen. Ihr Blick suchte und fand den Mann, der das letzte Wort auf der RUBIKON hatte – seit Sesha ihn zum legitimen Nachfolger Sobeks bestimmt hatte, der das foronische Septemvirat angeführt hatte. Der Höchste der Hohen sozusagen, der, der unter Gleichen immer ein klitzekleines bisschen gleicher gewesen war.

Sie vermied es, die Gedanken allzu sehr in die Vergangenheit und zu dem charismatischen Extraterrestrier aus der Großen Magellanschen Wolke abschweifen zu lassen. Er war ein Verächter allen Lebens gewesen, das er seinem Volk unterlegen glaubte ... und irgendwie spülten Fontarayns Worte all den Widerwillen, ja fast Ekel in Scobee hoch, den sie mit Sobek in Verbindung brachte.

Denn verächtlich klangen auch die Worte des Gloriden, wenn es um Wert und Unantastbarkeit des Individuums ging!

Opfer müssen gebracht werden ...

„ John“, setzte sie an – aber er brachte sie mit einem Wink, einer ebenso knappen wie scharfen Geste seiner Hand zum Schweigen.

Brüskiert sah sie ihn an. Dabei entdeckte sie neue Linien in seinem ehemals jungenhaften Gesicht.

Auch an ihm waren die Ereignisse der letzten Monate nicht spurlos vorbeigegangen.

„ Jarvis reagiert manchmal etwas impulsiv – sieh es ihm bitte nach“, wandte er sich mit gefasster Stimme an den Gloriden. „Deine Äußerungen haben die letzten Zweifel in mir beseitigt. Wir werden nach Andromeda aufbrechen, und zwar unverzüglich. Ich beginne jetzt erst zu verstehen, was davon abhängt, in den Dialog mit eurem Perlenweisesten zu treten. Wenn du diese Entscheidung jetzt deinem Artgenossen Ovayran übermitteln könntest?“

Fontarayn verstand und respektierte die verblümte Aufforderung, Cloud nun mit seinen engsten Crewmitgliedern allein zu lassen. Mit einer katzenhaft geschmeidigen Bewegung erhob er sich und verließ das leicht erhöhte Podest, auf dem die Kommandositze installiert waren.

Ehe er die Zentrale verließ, wandte er sich noch einmal um und sagte mit sanfter, den Raum durchdringender Stimme: „Über die Dauer der Reise müssen wir noch einmal reden – später, sobald ich mit Ovayran gesprochen habe.“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten trat er durch das offene Trennschott, dessen Türtransmitter nur noch im Bedarfsfall aktiviert wurde, im allgemeinen aber ausgeschaltet war.

„ Sesha?“, hörte Scobee, wie sich Cloud an die KI wandte. „Sind wir unter uns? Du verstehst, was ich meine ...“

„ Der Gloride bewegt sich schnurstracks in Richtung der Quartiere.“

„ Sehr gut.“

„ Sehr gut?“ Scobee konnte nicht länger an sich halten. „Wie konntest du so einfach auf ihn eingehen – nachdem er bewiesen hat, wie wenig ihm die Leben anderer bedeuten?“

Cloud blieb auch jetzt gelassen. Unverwandt sah er erst sie, dann die anderen in der Runde an. „Gerade weil er es bewiesen hat“, sagte er zu ihrer Verblüffung, „müssen wir nach Andromeda. Ich wüsste keinen anderen Weg, die Katastrophe, die als Damoklesschwert über uns schwebt, vielleicht doch noch zu verhindern.“

„ Ich fürchte, wir verstehen nicht ganz, Guma Tschonk“, fasste Jiim in Worte, was offenbar jeder seiner Freunde dachte.

„ Dann“, sagte ihr Commander, „will ich versuchen, es euch zu erklären.“

Das versuchte er wirklich – und nach Kräften. Cloud war innerlich aufgewühlt wie selten. Einen ähnlichen Zorn auf die Ignoranz der Gloriden, wie Jarvis ihn zum Ausdruck gebracht hatte, verspürte auch er. Allerdings obsiegte bei ihm das kühle Kalkül, und ganz gleich von welchen Seiten er die Zwickmühle, in die sie geraten waren, auch betrachtete, er kam immer wieder zu dem einen Ergebnis: nach Andromeda reisen zu müssen .

Unbedingt.

Aber nicht, um die eigene Existenz in Frage zu stellen, sondern aus dem genau gegenteiligen Beweggrund heraus: um sie zu retten!

„ Fontarayn und Ovayran sind absolut von der Richtigkeit ihres Plans überzeugt“, erläuterte er den Freunden, die an seinen Lippen klebten – sinnbildlich gesprochen – die Überlegungen, die zu seinem Entschluss geführt hatten. „Sie wollen uns nicht vordergründig schaden, sie haben lediglich das aus ihrer Sicht relevante große Ziel vor Augen. Sie wollen die Treymor-Gefahr bannen respektive niemals zur Entfaltung kommen lassen. Wie sie das zu bewerkstelligen trachten, haben sie mir und habe ich euch offenbart. Sie sehen das Allheilmittel in einer Zeitkorrektur.“

„ Was aber keinesfalls in unserem Interesse liegen kann – aus Gründen, die bereits erörtert wurden“, sagte Jarvis. „Heilige Galaxis, John, die radieren uns aus. Die radieren sich selbst  aus, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Du hast sie gehört. Wie kannst du dem Vorschub leisten, indem du ihnen auch noch die RUBIKON zur Verfügung stellst, damit sie auch ja zu ihrer Andromeda-Perle gelangen und die Katastrophe anzetteln können?“ Der Kunstkörper schüttelte sein Haupt. „Ehrlich, das verstehe, wer will. Ich nicht .“

„ Hegt irgendjemand von euch auch nur den Hauch eines Zweifels, dass sie eine Möglichkeit fänden, auch ohne unsere Hilfe nach Andromeda aufzubrechen?“, fragte Cloud, ohne auf Jarvis’ nicht unberechtigte Vorwürfe einzugehen.

Betretenes Schweigen. Schließlich sagte Scobee: „Es würde auf alle Fälle länger dauern, oder? Wir hätten eine Frist.“

„ Was wenig brächte, weil ein Paradoxon, einmal ausgeführt, uns so oder so einholt“, erwiderte Cloud. „Ich für mein Teil glaube, dass Fontarayn und Ovayron sich in ihrer Idee verrannt haben. Aber das heißt nicht, dass alle Gloriden so denken.“

„ Worauf willst du hinaus?“, fragte Algorian. Er vermied es auch nach dem Rückzug Fontarayns aus Clouds Körper, den Commander telepathisch auszuhorchen. Die Intimsphäre war ein hohes Gut, für einen Aorii mindestens so wertvoll und schützenswert wie für einen Menschen.

„ Darauf, dass unsere beste Chance, das Paradoxon zu verhindern, darin besteht, Fontarayns und Ovayrans Wünschen zu entsprechen und sie zur Andromeda-Perle zu bringen.“

„ Aber damit beschleunigen wir unseren Untergang. Die Treymor-Gefahr wird ebenso beseitigt werden wie wir armen Würstchen“, murrte Jarvis.

„ Das liegt an uns“, orakelte Cloud. „An uns ganz allein.“

Scobee sah ihn skeptisch an. „Ich glaube, ich beginne zu verstehen, was du vorhast.“

„ Lass hören.“

„ Du willst versuchen, die Perlen-Obrigkeit ... wie nennt sie sich noch gleich ... Perlenweisester?“

Cloud nickte.

„ Also den Perlenweisesten davon zu überzeugen, dass Fontis und Ovis Idee ein Schuss in den Ofen ist.“

„ Fonti und Ovi?“ Cloud verzog das Gesicht.

„ Das moniert ausgerechnet der, der mich ständig und überall mit ‚Scob’ verunglimpft?“

„ Schon gut. Du hast ja Recht. In beiden Fällen. Das ist meine Idee. Und ich weiß, dass ich sie überzeugen kann – mit eurer Unterstützung. Ein Zeitparadoxon wäre die aller- aber auch wirklich allerallerletzte Möglichkeit. Bevor aber nicht alle sonstigen mittel ausgeschöpft sind, die Treymor-Gefahr einzudämmen, wäre es die völlige Bankrotterklärung für jedes vernunftbegabte Wesen. Und einem Perlen weisesten darf man doch unterstellen, dass er mit Vernunftargumenten zu packen ist, oder?“

Die Skepsis wich auch jetzt nicht aus den Blicken der Freunde. Aber immerhin wussten sie jetzt, woran sie waren und warum Cloud so entschieden hatte.

„ Immerhin“, seufzte Algorian, bevor sie auseinander gingen. „Eine Frist bleibt uns trotzdem. Die Reise zur Andro-Perle wird Monaten dauern. Zeit genug, sich die schlagenden Argumente zurechtzulegen.“

Hier und da nickte man zu seinen Worten.

Noch wussten sie alle nicht, wie sehr er sich gerade in diesem Punkt irren sollte.

image
image
image

2.  

image

image
image
image

Anomalie

image

Der schlanke Mann mit dem schütteren Haar setzte sich abrupt in seiner Koje auf und öffnete die Augen.

Noch bevor sich die Lider gehoben hatten, wusste er, dass er nicht allein war.

Im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. Denn jede Kabine der RUBIKON war gesichert, und die Bord-KI war ein Garant für den Erhalt der Privatsphäre.

Dennoch wurde das Gefühl zur Gewissheit, das eigentlich Unmögliche zur Gewissheit.

„ Hallo“, sagte die Lange Paula mit ungewohnt tiefer Stimme. „Ich wollte dich nicht erschrecken.“

Prosper Mérimée zog die Brauen nach oben. „Wie kommst du –“

Er schaffte es nicht, den Satz zu Ende zu sprechen. Die jähe Lichtentladung, in der die Lange Paula verpuffte, blendete ihn. Mérimée stöhnte auf. Als die extreme Helligkeit Sekunden später wieder einem Normalmaß gewichen war und sich Mérimées Netzhäute leidlich erholt hatten, stand eine Gestalt vor ihm, wie sie gegensätzlicher zur Langen Paula gar nicht hätte sein können.

„ Das ist ja verrückt“, murmelte Mérimée. Er schwang die Beine aus der Koje und stellte sie auf den Boden. „Du bist einer der Gloriden, richtig?“

„ Ja“, bestätigte der haarlose Androgyne, der ihm, obwohl Mérimée nach wie vor auf der Kojenmatratze hockte, nur knapp bis zur Schulter reichte. Die Haut hatte einen Goldton. Erkennbare Kleidung trug er nicht, und ebenso mangelte es ihm an eindeutig zuordenbaren Geschlechtsmerkmalen. Aber nach allem, was Mérimée über die seltsamen Bewahrer der CHARDHIN-Perlen gehört hatte, wäre dies auch nur ein weiterer Bestandteil ihrer „Maske“ gewesen, mit denen sie konventionellem Leben gegenübertraten. Stofflichem Leben. Sie selbst konnten offenbar nach Belieben zwischen körperlicher und rein energetischer Zustandsform wechseln. „Ich bin Ovayran.“

„ Der aus Andromeda?“ Mérimée versuchte sich daran zu gewöhnen, dass eine vollkommen fremdartige Existenzform mit ihm sprach, als wären sie sich schon etliche Male begegnet. Der Gloride beherrschte die menschliche Sprache, mit der Mérimée groß geworden war, absolut akzentfrei und aus dem Effeff. Seine Stimme war sonor und wohltuend, passte zu diesem Körper weit besser als zu dem, den Ovayran zuvor kopiert hatte.

„ Der aus Andromeda“, bestätigte Ovayran. „Wie ihr die Nachbargalaxie nennt.“

Mérimée stand auf. Etwas wackliger als sonst – aber war das ein Wunder? „Darf ich etwas fragen?“

„ Tust du das nicht schon die ganze Zeit?“ Der Gloride zwinkerte ihm mit einem seiner wimpernlosen Augen zu.

Obwohl Mérimée wusste, dass der Gloride nur eine abgeschaute Mimik zum Besten gab, schauderte er. Mehr als alles andere war es dieses Zwinkern, was ihm die Unwirklichkeit der Situation ins Bewusstsein rückte.

„ Wie bist du hereingekommen, ohne dass Sesha –“

Ovayran lachte auf. Glockenhell, fast wie aus Kindermund, klang sein emotionaler Ausbruch, bei dem unklar blieb, ob er auch nur Bestandteil seiner humanoiden Maske oder aus einem echten Gefühl heraus kam.

„ Vergiss die Künstliche Intelligenz eures Schiffes“, riet er, ohne dass Mérimée auch nur einen Moment auf die Idee kam, es könnte arrogant gemeint sein. „Sie kommt nicht mit mir zurecht – so wenig wie mit meinem Bruder Fontarayn.“

Mérimée wusste genug, um zu erkennen, dass der Begriff Bruder bei den Gloriden weiter gefasst war als bei Menschen, die damit eine enge Blutsverwandtschaft zu jemandem beschrieben.

„ Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Mérimée, „ob mir das gefällt.“

„ Dass eure KI nichts mit uns anfangen kann?“

Er nickte. „Dass sie nicht verhindern kann, von euch ausgetrickst zu werden. Du und der andere ... Fontarayn ... ihr scheint, so weit man hört, auf unserer Seite zu stehen. Aber ich glaube, niemand ist sich dessen so völlig sicher. Wenn ihr es insgeheim nicht wärt, hätten wir ein gehöriges Problem – wir alle hier an Bord.“

„ Auch ich habe ein Problem, und deshalb bin ich hier“, sagte der Gloride.

„ Ach?“

„ Mit dir.“

„ Mit mir?“ Mérimée brauchte seine Überraschung nicht zu spielen.

„ In der Tat. Du bist ...“ Ovayran trat einen Schritt auf Mérimée zu, in dem das Verlangen übermächtig wurde, seinerseits einen Schritt zurück zu machen – das aber verhinderte die Kante der Koje, die in seine Kniekehlen drückte. „ ... außergewöhnlich, wenn ich das sagen darf.“

Für einen Moment war Mérimée, als würden sich die Abgründe seines Gedächtnisses öffnen und ein Schwall von mühsam unterdrückten Erinnerungen hervorbrechen. Er strauchelte unter der Wucht dieses Aktes, den er nur mit äußerster Mühe unter Kontrolle bringen und stoppen konnte. Die Bilder, die bis dahin seinen Geist geflutet hatten, wirkten sich auf die Mimik des ehemaligen Zirkusdirektors von der Erde aus. Sein Gesicht wurde ganz grau und – jeder, der ihn kannte, hätte dem Impuls nachgegeben, zu ihm zu eilen und ihn nach seinem Befinden zu fragen – um Jahre, vielleicht Jahrzehnte gealtert.

Ovayran tat nichts dergleichen. Ruhig wartete er ab, bis Mérimée sich wieder gefangen hatte.

„ Außergewöhnlich ...“ Der Mann aus dem Getto, das aus der riesigen Metrop Peking hervorgegangen war und in dem die Keelon-Master über Generationen auf perfide Weise missliebige Erdbewohner inhaftiert hatten, schüttelte den Kopf, als wollte er selbst glauben, was er sagte. „Ich bin nicht außergewöhnlich. Ich war es nicht und werde es nie sein – im Gegensatz zu dir ... Außerirdischer!“

Außerirdischer.

Der Begriff schien Ovayran zu amüsieren.

„ Ich nehme an“, sagte erfast sanft, „dass du ganz genau weißt, worauf ich anspiele.“

„ Nein.“ Mérimée schüttelte unwirsch den Kopf, stieß sich von der Kojenkante ab und machte einen Schritt seitlich an dem Gloriden vorbei ... und dann noch drei, vier schnelle Schritte mehr, mit denen er Distanz zwischen sich und das absonderliche Geschöpf brachte, das seinen Finger zielsicher in eine nie heilende Wunde Mérimées gelegt hatte. „Ich weiß nicht, wovon du redest. Und wenn ich dich jetzt ersuchen dürfte –“

„ Von dem Muster“, unterbrach ihn Ovayran unbeeindruckt. „Ich spreche von dem Muster in deinem Kopf. Die Anomalie, die dich von allen anderen Menschen oder sonstigen Geschöpfen hier an Bord unterscheidet und absolut einzigartig macht ...“

Das Ding hatte Augen, und von dem Moment an, da es sie öffnete, hörte es auf, ein Ding zu sein.

Aylea versank in dem Anblick, dem sie sich auf einmal ausgesetzt fühlte. Die Zehnjährige spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann und ihr Mund vor lauter Aufregung ganz trocken wurde. Sie schluckte. Einen Moment lang überlegte sie, nach Jelto zu rufen. Doch der Heger und Pfleger des hydroponischen Gartens befand sich ganz am anderen Ende der Landschaft, die in mehr als zwei Dutzend Zonen unterteilt war. Bereiche, die allesamt leicht modifizierten Umwelteinflüssen unterlagen. Unterschiedlichem Licht, unterschiedlicher Temperatur, unterschiedlichem Boden, Luftdruck, Atmosphärengemisch ... Die Abschnitte, die einem Menschen ohne speziellen Schutz gefährlich werden konnten, waren gut sichtbar hervorgehoben. Sesha, das allgegenwärtige Bordgespenst, hatte die dortigen Photonen zur Warnung rötlich eingefärbt.

„ Huch“, entglitt es Ayleas Lippen.

Das metallische Ei, das sie gerade noch ebenso ratlos wie neugierig zwischen den Fingern gedreht hatte, entfaltete sich mehr und mehr. Es war eines von einem guten Dutzend Artefakten, die Sesha über den hydroponischen Garten verteilt geortet hatte, nachdem die Gloriden Fontarayn und Ovayran das Raumschiff auf ein „anderes Realitätslevel“ – so ihre Darstellung des Vorgangs – gehoben hatten.

Offenbar waren dadurch auch die noch seinerzeit von Boreguir angelegten Verstecke ihrer speziellen Tarnung beraubt worden. Der Saskane war nicht nur in der Lage gewesen, sich selbst, sondern auch von ihm ausgesuchte Gegenstände „vergessen“ zu machen. Diese Gabe, die sein in der Nähe des Milchstraßenzentrums beheimatetes Volk in die Wiege gelegt bekommen hatte, die aber die wenigsten seiner Artgenossen so gezielt einsetzen konnten, wie Boreguir es vermocht hatte, schien eine Art psionischen Kokon zu flechten, den weder das Auge noch aufwändige technische Apparaturen, wie sie in der RUBIKON zuhauf vorkamen, durchdrangen. Erst das Einschreiten der Gloriden, deren Erscheinungsform variabel war und offenbar nach Belieben zwischen rein energetisch und organisch wechselte, hatte dies geändert.

Seither durchkreuzte die RUBIKON einen vormals „leeren“ Raumsektor, in dem es inzwischen – nachdem der Paraschleier von den Instrumenten genommen worden war – vor Sternen und Planeten wimmelte.

Ein geheimes Reich war enthüllt worden, regiert von käferartigen Intelligenzen, die sich selbst Treymor nannten und denen es gelungen war, auf die Hochtechnik der ERBAUER zurückzugreifen, den geheimnisumwobenen Schöpfern der über das ganze Universum verstreuten CHARDHIN-Perlen.

Ein leises Summen hatte die Verwandlung des Gegenstands in Ayleas Hand begleitet. Als es nun endete, war auch der in Gang geratene Prozess abgeschlossen.

Vorerst zumindest.

Und immer noch starrten die Augen Aylea an. Augen wie Stahl und dennoch mit einem Blick behaftet, wie er lebendiger nicht hätte sein können.

Das aus dem Ei „geschlüpfte“ Gebilde hatte entfernte Ähnlichkeit mit einem Archäopterix, jenem knapp taubengroßen Urvogel, der Reptilien- und Vogelmerkmale in sich vereint hatte.

Der metallische Blick schien Aylea bis auf die Knochen zu gehen. Sie fröstelte.

„ Se-Sesha?“

„ Keine Gefahr“, meldete sich die KI aus dem Off. Ihre Stimme hatte den gewohnt femininen Touch.

„ Bist du dir sicher?“

„ Nein.“

„ Nein?“ Aylea furchte entgeistert die Stirn.

„ Absolute Sicherheit gibt es nicht. Und in dem Moment, da der Kommandant deine Spielzeuge duldete, Kind, wurde mir die Möglichkeit genommen, präventiv tätig zu werden.“

Aylea verstand, worauf die KI anspielte. Auf John Clouds Erlaubnis, die entdeckten Artefakte im Besitz der Finder zu belassen – und das waren definitiv sie und ihr väterlicher Freund Jelto. „Du meinst, du hättest absolute Sicherheit hinsichtlich der Artefakte nur garantieren können, wenn dir erlaubt worden wäre, sie zu entfernen?“

„ Oder sie zu vernichten“, pflichtete Sesha ihr bei.

Aylea gab sich einen Ruck. Unmittelbar bevor das Ei zu diesem vogelartigen Etwas geworden war, hatte sie der KI den Befehl erteilen wollen, das Objekt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu scannen – falls das nicht längst passiert war.

„ Ist es ein Roboter?“, fragte Aylea. Sie hatte den rechten Arm weit von sich gestreckt. Auf der nach oben gedrehten Handfläche stand auf dürren, kurzen silbrigen Beinchen der „Vogel“. Filigran, zerbrechlich wirkend, zugleich aber auch eine Majestät ausstrahlend, die Aylea auf Anhieb in den Bann schlug.

„ Der Augenschein spräche dafür ...“, hielt sich Sesha betont vage.

„ Und was über den ‚Augenschein’ hinausgeht?“

Bevor die KI antworten konnte, tat es der schwerelose Vogel. Und zwar auf folgenschwere Weise. Er öffnete den Schnabel, und der Schrei, der einen Moment später durch den Garten gellte, brachte schlagartig alle Vegetation zum Welken.

Und nicht nur die hier beheimateten Pflanzen ...

„ Willst du allen Ernstes behaupten, du könntest in meinen Kopf schauen ?“ Prosper Mérimée blickte zunehmend verunsichert auf das Wesen, das mir nichts, dir nichts in seine verschlossene Kabine spaziert war.

„ Wir Gloriden sehen auf andere Weise als Menschen“, erwiderte Ovayran. „Wir sehen das Ganze.“

„ Das Ganze?“

„ Du siehst diesen Raum mit dem, was darin ist. Das ist abhängig von deinen Sinnesorganen. Mein Blick, der an solche nicht gebunden ist, geht darüber hinaus.“

„ Willst du damit sagen, für dich hätten Wände keine Bedeutung? Du schaust durch sie hindurch?“

„ Wände haben dieselbe Bedeutung wie alles andere, was meinen Blick kreuzt. Aber sie sind kein Hindernis. Ich nehme sie wahr – genau wie ich alles wahrnehme, was davor, dahinter, darüber oder darunter liegt.“

„ Auch in deiner ... physischen Gestalt?“ Die Besonderheit der Gloriden hatten sich auch schon bis zu Mérimée herumgesprochen.

„ Sie ist mehr für die Bewohner dieser Ebene gedacht als für uns selbst. Wir ermöglichen es damit anderen, mit uns umzugehen. Außerdem gibt es gewisse Anforderungen in einer Perle, die als reine Lichtgestalt nicht zu erfüllen wären. Betrachte unsere Körper, wie du sie vor dir siehst, als eine Art Kokon. Sein Aussehen ist nebensächlich. Du magst Augen an meinem ‚Kopf’ hier erkennen. Aber das Sehen , wie wir es verstehen, findet nach wie vor auf einer übergeordneten Ebene statt und ist keinerlei Beschränkung unterworfen. Deshalb war es für uns auch nie ein Problem, die getarnten Welten und Sonnen der Treymor zu erkennen.“

„ Mit Verlaub“, Mérimée räusperte sich, „das hört sich ziemlich hanebüchen an.“

„ Darüber wollte ich mit dir auch nicht reden. Mir ist bewusst, wie schwer es für ein dreidimensionales Wesen wie dich ist, sich etwas Höherdimensionales vorzustellen.“

„ Du redest von dir, ja?“ Allmählich gewann er seine Contenance zurück.

„ Offenbar drücke ich mich sehr missverständlich aus.“

Mérimée winkte ab. Schon gut. Es war ironisch gemeint. Aber ich habe Verständnis dafür, dass es einem höherdimensionalen wie dir schwer fallen muss, das zu bemerken ... oder noch besser: zu verstehen.“

„ Das war wieder Ironie, richtig?“ Ovayran zwinkerte dem ehemaligen Zirkusdirektor zu.

„ Du überraschst mich.“

„ So wie du mich. Womit wir wieder beim Grund meines Kommens wären.“

„ Dem Muster. Der Anomalie. In meinem Kopf.“

„ Du weißt davon, oder?“

„ Ich habe damit leben gelernt.“

„ Wie kam es dazu?“

„ Siehst du das nicht – in dem Muster?“

„ Ich beginne Ironie nicht eben als zweckdienliche Artikulationsvariante zu betrachten.“

„ Du willst sagen, es nervt allmählich.“

„ Einigen wir uns einfach für die Dauer des Gesprächs auf Ernsthaftigkeit?“

„ Was hätte ich davon, dir diesen Wunsch zu erfüllen? Warum sollte ich dir überhaupt einen Gefallen tun? Du bist ein Einbrecher. Niemand hat dich hereingebeten. Du hättest anklopfen können! Es wäre der zweifelsfrei bessere Einstieg in eine Unterhaltung gewesen.“

„ Anklopfen ... ihr Menschen seid sonderbare Wesen.“

Mérimée hatte kein Interesse, Ovayran über die Bedeutung des Wortes, das er gerade benutzt hatte, aufzuklären. „Also“, wiederholte er, „was spränge für mich heraus, wenn ich mich auf dich einließe?“

„ Ich könnte dir ein Angebot machen.“

„ Ein Angebot?“

„ Wie viel weißt du über das Abnorme, das in dir nistet?“

„ Weniger als nichts.“

„ Ich könnte es ändern.“

„ Aus purer Nächstenliebe.“

„ Ganz und gar nicht. Wie ich schon sagte. Die Anomalie lockte mich hierher. Ich bin neugierig, was sich dahinter verbirgt. Und sobald ich es herausgefunden habe, werde ich dich an meinen Erkenntnissen teilhaben lassen.“

Mérimée schüttelte ohne lange zu überlegen den Kopf. Kategorisch. „Nein.“

„ Nein?“

„ Es gibt Dinge, an denen man nicht rühren soll ... Würdest du mich jetzt bitte allein lassen? Oder war es am Ende gar kein wohl gemeintes Angebot, sondern nur die Ankündigung dessen, was du ohnehin vorhast und wovon du dich durch mich nicht abhalten lassen wirst?“

„ Es macht mich traurig zu hören, welch geringe Meinung du über mich und meine Art hast.“

„ Wenn ich dich gekränkt haben sollte, tut es mir Leid – aber jetzt geh bitte.“

„ Ich gehe, aber ich werde wiederkommen.“ Ovayran wandte sich der Tür zu.

Mérimée schüttelte ernst den Kopf. „Dann solltest du dich über die schlechte Meinung, die man sich über Gloriden macht, nicht wundern.“

Wortlos ging Ovayran an der Tür vorbei auf die Wand daneben zu ... und fuhr wie ein Blitz in sie.

Es gab keinen Knall, keine Erschütterung. Er war einfach verschwunden.

Prosper Mérimée blickte mit gemischten Gefühlen auf die Stelle, wo der Gloride eben noch in seiner festen Form gestanden hatte.

––––––––

image

Die Harke entglitt Jeltos Fingern. In seinem Schädel explodierte ein Schmerz, vergleichbar mit dem Eindringen einer Knochenfräse unter Verzicht jeglicher Betäubung. Für einen Moment verschwamm alles vor seinem Blick. Er war nicht einmal mehr fähig, einen Gedanken zu fassen.

Erst als sich die Qualität des Schmerzes änderte und zu einem dumpfen Hintergrundrauschen wurde, kam er wieder zu sich und fand sich am Boden zwischen den Blumen wieder, die er gerade gedüngt und deren Erdreich er aufgelockert hatte. Nun hatte er das komplette Beet mit seinem Körper verwüstet, unter seinem Gewicht niedergewalzt!

Hastig rappelte der Florenhüter sich auf und besah sich den Schaden.

Sekundenlang war er mehr über das erschrocken, was er bei seinem Sturz angerichtet hatte, als dass er sich um das eigene Befinden sorgte.

Dann aber wurde ihm bewusst, dass der Zustand, in dem sich die Blumen befanden, unmöglich nur von seinem Sturz verursacht worden sein konnte. Sie sahen nicht nur zerdrückt aus, sondern völlig ... vertrocknet. Als hätten sie Tage oder Wochen ohne jedes Tröpfchen Wasser aushalten müssen ...

Das Rauschen in seinem Kopf veränderte sich. Seine Glieder waren plötzlich schwer wie Blei. Ein Gefühl versuchte ihn daran zu hindern, den Blick von dem Beet zu lösen und sich im Rest des Gartens umzusehen ... aber das Bedürfnis, sich der Wahrheit zu stellen, war stärker.

Es gab nichts, was ihn auf den Anblick hätte vorbereiten können.

Jelto strauchelte. Seine Beine gaben zum zweiten Mal nach. Er streckte die Arme aus und fing seinen Fall ab, als er auf den Knien landete. Seine Hände gruben sich in die Erde, die sich anders anfühlte als noch Minuten zuvor. Er versuchte, seine Kirlianaura zu aktivieren, über die er mit jeder Pflanze des Universums in Kontakt zu treten vermochte. Selbst mit einem Samenkorn, das tief im Boden heranwuchs ...

Es misslang. Die Aura blieb verborgen; es war, als hätte sie nie existiert – und als würde sie auch nie mehr entflammen.

Noch eine Spur dumpfer, drückender, erstickender wurde das Rauschen in seinem Kopf. In dem geistigen Äther, den Jelto sonst nutzte, um mit der Flora zu kommunizieren, zu interagieren ...

Er rang um Atem. Die Stille, in der keine noch so leise Stimme mehr wisperte und zu ihm sprach, legte sich lähmend auf seinen gesamten Organismus. Schwindel erfasste ihn. Die Umgebung verschwamm erneut. Er fühlte sich der Ohnmacht nahe.

Dann ging ein Ruck durch ihn.

Nein! Muss Sesha verständigen ... bevor Lea mich so sieht ...

So sieht ...

Er blickte an sich herab. Auf die Hände, deren Finger sich bis zum ersten oder zweiten Glied in die lockere Erde gebohrt hatten. Die dunkle, sonst so angenehm duftende Erde ... die jetzt nur leer und tot wirkte, fast schwarz. Und schwarz waren auch seine Hände, seine Unterarme, die bis zu den Ellbogen bloß lagen, weil er die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt hatte.

Schwarz?

Nein, eher ein schwammiges Grau, wie es manchem Pilz, manchem Schädling, den er auf der Erde in den Wäldern seiner Parzelle bekämpft hatte, zu eigen gewesen war.

Die Bäume und Sträucher, die Kakteen und Blumen ringsum, mannigfachen Welten entliehen, lagen danieder, als hätte eine schreckliche Krankheit oder sengende Hitze sie im Zeitraffer hingerafft.

Eine Krankheit, rann es schwer wie stockendes Blut durch seine Ganglien, die auch vor mir nicht Halt macht.

Es war sein letzter Gedanke, bevor die Farbe des Todes, die seinen Körper überzog, auch seinen Geist überwucherte und unter sich begrub.

„ Er hat dir was angeboten?“ Der kleine, dunkelhäutige drahtige Mann, den Mérimée aus der Nachbarkabine zu sich gerufen hatte, war ganz aus dem Häuschen.

„ Sich des Fluchs in meinem Schädel anzunehmen. Dieser temporalen Verzerrung, die mich ein ums andere Mal in höchst missliche Situationen bringt.“

„ Aber du ... hast abgelehnt.“

„ Was hätte ich sonst tun sollen? Etwa annehmen?“

Schulterzucken. Sahbu, sein treues Faktotum, mit dem gemeinsam er im Getto den Zirkus menschlicher Abnormitäten geleitet hatte, schien unsicher, wie er sich an Mérimées Stelle entschieden hätte. „Ich weiß es nicht“, sagte er ehrlich. „Aber du hättest es wenigstens versuchen können, oder? Vielleicht wäre er in der Lage, dich zu heilen. Diese Gloriden haben einiges auf dem Kasten, das haben sie bewiesen.“

„ Mag sein. Aber sie sind mir suspekt. Sie treten hier andauernd als die großen Gönner auf. Das macht sie mir eher verdächtig als sympathisch.“ Er seufzte. „Ich weiß, ich bin gettogeschädigt. Aber ist das ein Wunder? Nach allem, was man uns angetan hat? Im Grunde kommt es einem Wunder gleich, dass wir diesem Wahnsinnigen entronnen sind, den Sarah noch aus ihren Tagen als US-Präsidentin kennt. Dieser Cronenberg ist sadistischer und verschlagener als alle früheren Bandenführer des Gettos zusammen! Er hätte uns kalt lächelnd in Stücke geschnitten – wenn nicht irgendwann diese Anordnung seiner neuen Bosse gekommen wäre. Danach hat er uns in diesen Würfel verfrachtet, und man hat uns im Weltraum ausgesetzt ... Beim BUCH, es fehlte nicht viel, und wir wären jämmerlich erfroren, verhungert, verdurstet oder erstickt. Die Ressourcen des Quaders waren begrenzt. Hätte die RUBIKON uns nicht rechtzeitig aufgefischt ...“

„ Aber sie hat es. Für uns hat ein neues Kapitel, ein neues Leben begonnen. Es wäre dumm, ständig der Vergangenheit, so furchtbar sie auch gewesen sein mag, nachzuhängen. Wir müssen den Blick voraus richten. Cloud ist, so weit ich das einschätzen kann, ein prima Kerl. Genau wie die anderen an Bord prima Typen sind. Sogar dieser Klon, den wir eigentlich zur Hölle wünschen müssten, weil er mitverantwortlich für den mörderischen Wald ist, der um das Getto gepflanzt wurde. Aber wenn ich es richtig verstanden habe, ist er selbst nur ein Handlanger gewesen, mehr Opfer denn Täter ...“

„ Jelto?“

Sahbu nickte.

„ Jelto ist in Ordnung“, sagte Mérimée. „Ich habe ihn schon einige Mal in seinem Garten besucht. Er tut keiner Fliege etwas zuleide. Es sei denn ...“

“ Ja?“

„ Die Fliege pinkelt eines seiner Pflänzchen an.“ Mérimée grinste. Plötzlich stand er auf und ging zu einem der Schränke, die sein Quartier füllten. Er öffnete ein Fach und zog einen Beutel hervor, der wie aus Leder gefertigt wirkte, wahrscheinlich aber den Produktionsstätten der RUBIKON entstammte und rein synthetischen Ursprungs war.

„ Was ist das?“, fragte Sahbu neugierig, als Mérimée den Beutel zu dem Tisch brachte, an dem sie gesessen hatten. Er ließ sich wieder auf seinem Stuhl nieder und stellte den Beutel vor sich ab. Es raschelte vage vertraut.

„ Doch nicht etwa ... Traumranken?“ Sahbus Augen wurden groß wie Monde.

Mérimée stieß fast verächtlich die Luft aus. „Woher sollte ich hier wohl Traumranken nehmen?“

Besagte Ranken waren im Getto ein begehrter Artikel gewesen, ein Zwischending aus Droge und Cyberschlüssel. Die Ranken waren in der Lage gewesen, den Geist eines Menschen in Traumwelten zu entführen ... und damit dem realen Elend des Gettos zumindest befristet entfliehen zu lassen.

Sahbu zuckte die Achseln. „Wer weiß. Dir traue ich fast alles zu.“

„ Das ‚fast’ hat dich gerettet.“

Sahbu nickte ungeduldig. „Mach schon auf. Was ist drin? Willst du mir etwas schenken?“

„ Wenn man so will ...“ Mérimée nestelte am Verschluss herum und öffnete ihn.

Sahbu trat näher. Der Geruch, der ihm aus dem Beutel entgegenstieg, zauberte ein seliges Lächeln auf seine Lippen. „Nein – oder ...?“

„ Greif rein“, forderte Mérimée ihn auf. „Er beißt nicht.“

Das ließ sich Sahbu nicht zweimal sagen. Er hatte darüber gelesen. In Büchern, die Bestandteil von Mérimées großer Bibliothek auf der Erde gewesen waren – davon war nur ein verschwindend kleiner Teil gerettet worden und durch ein bis heute nicht erklärbares Wohlwollen der Master mit an Bord der RUBIKON gelangt. Hin und wieder hatte ihm Mérimée sogar ein kleines Filmchen, kaum mehr als ein Fragment, gezeigt, in dem Menschen es getan hatten ... und einmal hatte sein Freund ihm sogar einen Duft präsentiert, der Mérimée zufolge fast aufs i-Tüpfelchen dem Aroma entsprach, das von dem antiquierten Kraut ausgegangen war ... und seither rumorte das diffuse Verlangen in Sahbu, es eines Tages selbst einmal zu schmecken, durch seine Lungen strömen zu lassen – so widersinnig es auch scheinen mochte.

Er tastete in den Beutel. Die trockenen Blätter zerkrümelten unter seiner Berührung.

„ Ist es wirklich das, was ich glaube?“

Mérimée nickte. „Jelto hat ein kleines Kontingent für mich angebaut; ich habe es dann getrocknet. Tabak. Du wühlst gerade in waschechtem Tabak.“

Er öffnete eine Schublade am Tisch selbst und zog ein Stäbchen heraus, das er neben dem offenen Beutel platzierte. „Und das“, sagte er, „ist eine so genannte Selbstgedrehte.“

„ Eine was?“

„ Eine Zigarette.“

Noch einmal verschwand Mérimées Hand im Schubfach. Als sie wieder sichtbar wurde, klickte es vernehmlich, und eine Flamme züngelte zwischen seinen Fingern nach oben. „Du wolltest es doch schon immer mal versuchen ... Feuer?“

Im nächsten Moment, als wäre sie durch das vorausgehende Entzünden der Flamme und durch nichts anderes ausgelöst worden, hallte eine Sirene durch das Schiff.

Die Tonfolge indes stellte klar, dass es sich um mehr als eine simple Brandsirene handelte, mit der Sesha überzogen auf „offenes Feuer“ reagierte.

Um sehr viel mehr.

Kämpfe!, hämmerte es stakkatoartig in dem Klon. Kämpfe, kämpfe, kämpfe verdammt noch mal um dein bisschen Leben!

Jelto merkte nicht, wie er da lag. Wie er leuchtete, nachdem seine Aura ohne sein bewusstes Zutun entflammt war. Wie das Licht, das die Zellen seines Körpers produzierten, ebendiesen Körper auszehrte, ihn zum Welken brachte wie all die liebevoll und mühsam gezogenen Schößlinge, die Blumen, Büsche und Bäume ringsum.

Der Garten war nicht wiederzuerkennen, und wäre Jelto in diesem Moment seinem Anblick ausgesetzt gewesen, hätte ihm dies wahrscheinlich auch noch die letzte Kraft, das letzte Quäntchen Lebenswillen entzogen.

Sein Bewusstsein wühlte sich durch Dunkelheit wie durch schwarzen, leblosen Boden. Es strebte zurück ans Licht, aber die Widerstände, die es zu überwinden hatte, waren enorm.

Kämpfe. Kämpfe. Kämpfe.

Er war drauf und dran, sich taub für das Drängen seiner Seele zu stellen.

Es gut sein zu lassen.

Zu sterben.

Doch dann erinnerte er sich an den Grund, weshalb er auch andere Phasen der Düsternis und Depression überwunden hatte, die ihn mit steter Regelmäßigkeiten überkamen, seit er seinen Garten auf der Erde verloren hatte. Er hatte sich erst einen neuen Lebenssinn zurechtbasteln müssen. Einer hatte ihm dabei geholfen.

Eine.

So wie er ihr nach Leibeskräften half, wann immer es möglich und erforderlich war.

Ein Kind.

Dessen Schicksal im ungewissen lag.

Jelto musste damit rechnen, dass die zerstörerische Macht, die ihn überwältigt hatte, auch vor Aylea nicht Halt machte.

Sie brauchte Hilfe.

Sie durfte nicht sterben.

Ein Kind.

So jung.

So wehrlos und verletzlich ...

Kämpfe. Kämpfe. Kämpfe.

Das tat er.

Und schaffte es tatsächlich, die Niederungen des Todes hinter sich zu lassen, ins Bewusstsein – und damit ins Leben – zurückzufinden ...

Scobee stürmte in den Garten. Genauer: den Friedhof der Pflanzen – denn nichts anderes erwartete sie jenseits des Türschotts.

Hinter ihr trat Jarvis in den riesigen, kathedralenhohen Raum, den Sesha nach Jeltos Maßgaben geformt hatte.

Die Kunstsonnen leuchteten noch immer, spendeten Wärme und Licht. Aber nichts davon kam mehr einer Pflanze, einer Blume oder auch nur einem Saatkorn zugute, das hier heimisch war. Denn nichts von alledem hatte überdauert.

Was überdauert?, fragte sich Scobee im Laufen dumpf.

Was um Himmels willen ist hier vorgefallen?

Überall nur Leichen. Pflanzenkadaver. Überall nur welkes, dahingedorrtes Sein.

„ Kannst du etwas erkennen?“, fragte Scobee.

„ Ja“, bestätigte Jarvis. „Lass mich vorauseilen.“

Sie konnte es gar nicht verhindern. Er war um einiges schneller als sie. Obwohl auch sie sehr schnell sein konnte.

Er überholte und raste zwischen den abgestorbenen Floraresten hindurch.

„ Sesha“, wandte sich Scobee an die KI. „Wer von der Crew befindet sich im Garten? Ist es bei dem geblieben, was du beim ersten Alarm gemeldet hast? Jelto und Aylea?“

„ Jelto und Aylea“, erklärte die KI. „Jarvis ist fast bei dem Florenhüter. Das Mädchen liegt ein Stück weit entfernt. Soll ich dich führen?“

„ Ich bitte darum – rasch!“

Vor Scobee materialisierte eine kugelförmige Markierung in der Luft; eine mobile Projektion, mehr nicht. Aber die rote Marke eilte Scobee in genau dem Tempo voraus, das auch die GenTec halten konnte.

Eine Minute später kniete sie neben Aylea.

Gerade als sie sich zu der Zehnjährigen hinabbeugte, erklang hinter ihr ein durch Mark und Bein gehender Schrei.

„ WO IST SIE?“

Scobee wusste instinktiv, dass er sich um Aylea sorgte.

„ Hier!“, rief sie. „Sie ist hier. Ich bin bei ihr und werde –“

Ihre Stimme erstarb, als sie das bäuchlings da liegende Mädchen vorsichtig auf den Rücken drehte und sah, was mit ihr nicht stimmte.

Sie starrte immer noch darauf, als neben ihr wuchtige Schritte erklangen und Jarvis auftauchte, der Jelto auf den Armen trug. Der Florenhüter sah so mitgenommen aus wie Scobee ihn selten – nein, nie! – zuvor erlebt hatte.

Der Anblick des besinnungslosen Mädchens löste auch bei ihm einen Schock aus.

„ Kann mir irgendjemand ... vielleicht du, Jelto ... sagen, was hier passiert ist? Und was das da auf Ayleas Haut ist?“

Jelto schüttelte in fast tragikomischer Weise den Kopf.

„ Es liegt nicht einfach nur auf“, sagte Jarvis, der offenbar einen unbemerkten Scan vorgenommen hatte. „Es ist mit ihr verbunden. Was immer es ist – ich glaube nicht, dass es gut ist, es auf Aylea zu belassen.“

„ Ich fürchte“, meldete sich Seshas Stimme aus dem Off, „das wird vorerst nicht zu ändern sein. Das Objekt hat sich nach meiner Analyse mit lebenswichtigen Funktionen des Körpers gekoppelt. Wenn wir es entfernen ... zumindest wenn wir es gegen den Willen des Dings tun ... wird es Aylea umbringen.“

„ Was zum Keelon ist es?“, keuchte Scobee.

„ Wir haben ... ich meine, sie hat ... mit den Artefakten experimentiert, die John freigegeben hatte. Auch Sesha meinte letztendlich, sie seien unbedenklich, sonst hätten wir nie –“ Jelto verstummte. Jedes Wort schien ihn unendlich viel Kraft zu kosten.

Die Artefakte, die im Garten gefunden worden waren, nachdem Seshas „Realitätslevel“ von den Gloriden korrigiert worden war.

„ Dann war das eine klassische Fehldiagnose von Sesha“, sagte Scobee betont laut und klar artikuliert. Der KI sollte keine Ausflucht gegeben werden zu behaupten, es nicht verstanden zu haben.

„ Dagegen verwahre ich mich. Diese Entwicklung war nicht absehbar. Keiner der Scans gab Hinweise auf eine wie auch immer geartete Gefahr. Speziell dieses Objekt hier war energetisch vollkommen tot ...“

„ War?“, unterbrach Jarvis die KI.

„ Ja. Inzwischen ist eine gewisse Kraft messbar, die davon ausgeht. Aber sie wird ausschließlich in den Körper des Kindes kanalisiert.“

„ Zu welchem Zweck?“

„ Unbekannt. Erkennbar ist nur, dass das Artefakt mit dem Organismus in eine Art Dialog getreten ist.“

„ Einen Dialog. Willst du damit sagen, es unterhält sich mit Aylea?“

„ Das ist eine zu gewagte Interpretation. Jedenfalls findet ein Austausch statt. Ob das gleichbedeutend mit wechselseitigem Informationsfluss ist, vermag ich nicht zu sagen.“

Cloud bahnte sich einen Weg zu ihnen, in seinem Gefolge waren mehrere RUBIKON-Bots. Mit dürren Worten wurde er über den Stand der Dinge informiert.

„ Entferne das Objekt“, wies er Sesha an. „Instruiere deine verlängerten Arme hier entsprechend ...“ Er zeigte auf die Bots.

„ Negativ“, sagte die KI.

„ Du widersetzt dich meiner Anordnung? Es geht um das Leben –“

„ Genau deshalb.“ Sesha gab sich ungerührt. „Das gewaltsame Entfernen würde den sicheren Tod bedeuten. Ayleas Körperfunktionen würden irreparabel geschädigt werden, wenn die Befreiung nicht Einverständnis mit dem Symbionten geschieht.“

„ Sagtest du gerade Symbiont ?“

„ Das Objekt hat eine Rolle übernommen, die am ehesten mit der symbiotischen Beziehung zu einem Wirt vergleichbar ist.“

Nicht nur Cloud war sprachlos. Verdammt, dachte Scobee. Warum immer sie? Ruft sie jedes Mal ‚hier!’, wenn es Pech vom Himmel regnet?

Aylea wurde tatsächlich überdurchschnittlich oft vom Schicksal gebeutelt.

„ Dann vernichte zunächst die anderen ... wie viel waren es insgesamt? ... Artefakte. Ich will kein Risiko mehr eingehen.“

„ Vierzehn“, sagte Jarvis.

„ Also dann: die anderen dreizehn Fundstücke!“

„ Davon rate ich ebenfalls ab.“

Allmählich wurde es anstrengend. Scobee spürte, wie nicht nur der eigene Geduldsfaden einer Zerreißprobe unterzogen wurde.

„ Erkläre!“

„ Bislang ist unbekannt, ob nicht sämtliche Objekte in einer Wechselwirkung zueinander stehen. Sollte das der Fall sein, könnte die Vernichtung oder auch nur Entfernung der Artefakte von Bord die Schädigung des Objektes, das sich mit Aylea verbunden hat, nach sich ziehen. Was wiederum ihren Tod bedeutete.“

„ Hast du noch mehr Neuigkeiten dieses Kalibers auf Lager?“

Sesha erkannte die Rhetorik der Frage und schwieg.

Cloud trat zu dem Kind und ging neben ihm in die Hocke.

„ Keines der Objekte, die ich sah, als ihr ...“ Er blickte zu Jelto auf. „ ... sie mir gezeigt habt, sah aus wie das hier.“

„ Nein“, pflichtete der Florenhüter ihm bei. „Eines davon muss sich ... verändert haben. Aylea allein weiß, was sie da ausgelöst hat. Oder? Sesha? Gibt es Bildaufzeichnungen?“

„ Keine aussagefähigen. Unerklärlicherweise lässt sich speziell dieses Artefakt nicht optisch klar erfassen.“

„ Die anderen schon?“

„ Ja.“

„ Das spräche dafür, dass es einzigartig ist und nicht in Verbindung mit dem Rest steht.“

„ Falsch“, widersprach Sesha. „Auch dieses Objekt war klar sichtbar, bevor es sich veränderte und mit Aylea verschmolz.“

Cloud sah ein, dass er so nicht weiterkam. „Aylea muss auf die Krankenstation. Die sonstigen Artefakte kommen unter Verschluss.“ Er erhob sich wieder und ließ seinen Blick über die Überreste des Gartens schweifen. „Und dafür ist das Ding auch verantwortlich?“

„ Es muss wohl so sein“, krächzte Jelto, der von Jarvis wieder auf die eigenen Beine gestellt worden war und sich sichtbar von Minute zu Minute erholte. „Es hätte auch mich fast umgebracht. Wahrscheinlich weil ich, als es das hier anrichtete, gerade mittels Aura mit einer Pflanze verbunden war.“

„ Das tut mir Leid für dich. Ich weiß, was du hier alles hineingesteckt hattest – nicht nur an Arbeit ...“

„ Ja. Es hat zahllose meiner Schützlinge umgebracht. Dafür hasse ich es. Aber ich werde es noch viel mehr hassen, wenn es meiner Kleinen etwas antut!“

Es klang nicht nur wie ein Schwur, es war einer.

Niemand der Jelto reden hörte zweifelte daran auch nur eine Sekunde.

Hoffentlich, dachte Scobee für sich, hat ‚es’ dich auch verstanden.

Sie blickte auf das Ding, das wie eine bizarre Brosche aus grünlich schillerndem Metall auf Ayleas blasser Haut prangte ... und über ihren Rücken rieselte ein so nie verspürter Schauer.

image
image
image

3.  

image

image
image
image

Ein „anderes“ Schiff

image

Obwohl die Entscheidung bereits gefallen war, schien ihn irgendetwas auf- und festhalten zu wollen. Ausgerechnet jetzt, da ein jeder von ihm erwartete, dass er die RUBIKON Fahrt aufnehmen ließ und Kurs dorthin setzte, wohin es die Gloriden an Bord mit solcher Vehemenz zog.

Nach Andromeda.

In die neue Heimat der Satoga, die dorthin unter der Führung ihres Ersten Expansers, Artas, gezogen waren. Mit ihren Magnetschiffen, die eine geradezu unheimliche Geschwindigkeit zu entwickeln vermochten, wie schon die Überwindung der Strecke Große Magellansche Wolke – Milchstraße gezeigt hatte. Vielleicht waren die fruchtbaren Satoga sogar schon dabei, sich auf Planeten des Adromedanebels häuslich einzurichten. Vielleicht bauten sie gerade ihre ersten Städte, wo die ersten Kinder unter der Hege der Mentoren ihren Eiern entschlüpften ...

Auch ihn selbst zog es dorthin – aus genau den Gründen, die er seiner Mannschaft gegenüber angeführt hatte. Es war die schiere Notwendigkeit, dass sie die Andromedaperle besuchten und verhinderten, was Fontarayn und Ovayron in Aussicht gestellt hatten.

Ein Zeitparadoxon musste unter allen Umständen verhindert werden. Es musste andere Wege geben, der Treymor-Gefahr Herr zu werden und diejenigen zu entlarven, die hinter der Entvölkerung der Milchstraßenperle steckten.

Es MUSSTE!

Die Zentrale war verwaist, als Cloud sie in Scobees Begleitung betrat. Alle anderen Crewmitglieder weilten noch bei Aylea auf der Krankenstation, in ihren Quartieren oder wo auch immer sie gerade beschäftigt waren.

„ Du kannst mir nichts vormachen. Ich merke dir an, dass du mit dir ... mit deiner eigenen Entscheidung haderst.“ Scobee war vor dem knöchelhohen Podest stehen geblieben, auf dem sich die Kommandositze aneinander reihten und das Cloud schon mit einem Fuß betreten hatte.

Er hielt inne, nickte. „Wir werden lange unterwegs sein – mit ungewissem Ausgang. Wer weiß, was uns in Andromeda und bei den dort heimischen Gloriden erwartet.“

„ Traust du deiner viel beschworenen Überzeugungskraft doch nicht so ganz?“ Sie zwinkerte ihm zu, und für einen Augenblick erinnerte er sich daran, dass es eine Phase der inneren Unrast und Orientierungslosigkeit gegeben hatte, in der sie einander näher gekommen waren als nur freundschaftlich. Für ein paar Tage hatte eine intime Liaison sie miteinander verbandelt ... bis sie fast zeitgleich merkten, dass das, was ihre Beziehung ausmachte, für mehr als Freundschaft nicht taugte.

Dennoch war es nicht so, dass einer von ihnen den „Ausrutscher“ bereute. Es hatte ihrem Zusammenhalt und Zusammengehörigkeitsgefühl wunderbarerweise nicht geschadet, sondern sie noch enger zusammenrücken lassen.

„ Denkst du auch manchmal darüber nach, wohin es uns eigentlich treibt?“, fragte er, um das Thema zu wechseln.

„ Komm mir jetzt nicht philosophisch.“

Er lachte. „Nein, keine Sorge. Aber manchmal wüsste ich einfach gern, wo wir in zehn Jahren sind, wir alle, die wir zu dieser verschworenen kleinen Crew wurden. Und gerade in Anbetracht des drohenden Paradoxons, das über uns schwebt, kommt mir jede Stunde, die ich mit euch zusammen sein kann, noch wertvoller vor.“

„ Okay, ich korrigiere mich“, seufzte Scobee gespielt theatralisch. „Du haderst nicht nur mit dir, du mutierst mehr und mehr zum introvertierten Eigenbrödler ...“ Nun lachte sie. Schon um dem Gesagten die Schärfe zu nehmen.

Aber Cloud wusste, dass in ihren Worten mehr als nur ein Körnchen Wahrheit lag.

„ Und dir?“, fragte er. „Dir macht das alles gar nicht zu schaffen?“

„ Nein“, log sie.

Sie log so offensichtlich und charmant, dass er versucht war, die fein säuberlich ad acta gelegten Zärtlichkeiten noch einmal aufleben zu lassen, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen.

Er räusperte sich, versuchte in die Wirklichkeit zurückzufinden, in der er den Teufel tun, aber sie keinesfalls auch nur freundschaftlich umarmen würde. „Dann bin ich ja beruhigt.“

„ So siehst du aus“, lachte sie.

Unweit von ihnen entzündete sich ein Licht in Kopfhöhe. Es war zehnmal heller als das Umgebungslicht, und aus ihm heraus schälten sich die Konturen eines androgynen Humanoiden.

„ Ovayran oder Fontarayn?“, fragte Scobee. Sie hatte immer noch Mühe, die beiden Gloriden auseinander zu halten.

Cloud glaubte Fontarayn zu erkennen. Was dieser dann auch, an Scobee gewandt, bestätigte.

„ Ich habe dich bereits erwartet“, sagte Cloud daraufhin. „Ich dachte mir, dass kommen würdest.“

„ Dann kennst du auch den Grund meines Erscheinens?“

„ Letzte Besprechung des wahrscheinlichen Reiseverlaufs?

„ Nicht ganz. Ich bin gekommen, um dir ein Angebot zu unterbreiten, das durchaus mit dem Kurs setzen des Schiffes zu tun hat – in erster Linie aber die Reisedauer verkürzen würde. Extrem verkürzen, wie ich betonen möchte.“

„ Das hört sich prinzipiell schon mal nicht schlecht an“, sah sich Scobee veranlasst, sich in Erinnerung zu rufen. Es missfiel ihr merklich, dass Fontarayn eigentlich immer nur zu Cloud sprach. So als zähle wirklich ausschließlich der Kommandant dieses Schiffes für ihn. Etwas so Menschliches wie Sexismus wollte Scobee ihm deshalb sicher nicht unterstellen, aber die geballte Ignoranz und Borniertheit reichte aus, um die Sympathiewerte des Gloriden bei ihr ins Bodenlose fallen zu lassen. So gut kannte Cloud sie. Und er hatte durchaus Verständnis dafür.

„ Wie?“, fragte Cloud nur knapp und an Fontarayn gewandt. Er war die vagen Anspielungen auf die nicht ausgereizten „wahren Möglichkeiten“ des Schiffes, mit denen die Gloriden schon häufiger aufgewartet hatten, allmählich leid. Entweder legte Fontarayn endlich echte Fakten auf den Tisch – oder Cloud war nicht gewillt, ihm diesbezüglich überhaupt noch länger zuzuhören. Es gab aktuell wichtigere Dinge, zum Beispiel Vorbereitungen für den Aufbruch treffen. Selbst eine merkliche Verkürzung der geplanten Reise, mit der Fontarayn lockte, würde immer noch eine lange Verweilzeit im Leerraum zwischen den Galaxien bedeuten.

„ Indem ich dir helfe, dich dein Schiff endlich so kennen zu lernen, wie es tatsächlich ist – nicht diese Light-Version, mit der du dich offenbar bislang zufrieden gegeben hast.“

Die respektlose Weise, in der Fontarayn vom fabelhaftesten Raumschiff sprach, das Cloud sich nur wünschen konnte, machten ihn ärgerlich. Die Magnetschiffe der Satoga beispielsweise mochten schneller sein und mit technischen Gimmicks aufwarten können, über die die RUBIKON nicht verfügte – aber dafür hatten ihn zahllose Abenteuer regelrecht mit diesem Schiff verschweißt; und wäre es so schlecht gewesen, hätten sicher Sobek und Konsorten nicht so viel Aufwand betrieben, es wieder in die Hände zu bekommen, zumal sie ja quasi identische Kopien der RUBIKON/SESHA besaßen.

Quasi identisch ... Cloud schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Es war offensichtlich geworden, dass es Unterschiede zwischen Original und Kopien gab . Nur worin sie bestanden, wusste bislang niemand so recht zu sagen ... mit Ausnahme der Gloriden, wenn ihre Andeutungen nicht auf purer Prahlerei basierten. Was Cloud für abwegig hielt, denn es passte nicht ins sonstige Bild, das er von Fontarayn und Ovayran gewonnen hatte.

„ Wie würde eine solche Hilfe aussehen?“, fragte er deshalb vorsichtig und tauschte einen Blick mit Scobee, der ihr signalisieren sollte: Halte dich bitte zurück. Ich habe alles im Griff.  Er schürzte sich die Lippen. „Wobei ich gleich sagen muss: Es fällt mir nach wie vor schwer zu glauben, dass es Dinge geben soll, von denen nicht einmal die KI etwas ‚weiß’.“

„ Es gibt entsprechende Sperren, die verhindern, dass sie hinter die Kulissen blickt, die aufgestellt wurden, um gewisse Möglichkeiten zu verbergen.“

„ Von den Verschwörern, die dieses Schiff einst bauten – als es noch eine Arche für jene Foronen sein sollte, die aus der Großen Magellanschen Wolke flohen?“

„ Davon gehe ich aus.“

Cloud nickte nachdenklich. „Und diese Sperren, von denen du sprichst ... du könntest sie überwinden?“

„ Ich habe sie bereits überwunden. Schon bei meinem ersten Eintauchen in die RUBIKON. Du erinnerst dich? Als ich das Schiff hinter den Ereignishorizont des Milchstraßen-Black-Holes steuerte. Wir kannten uns damals noch nicht wie wir es jetzt tun.“

Hah!, dachte Cloud. Spar dir deinen Schmusekurs. Auch wenn er es äußerlich nicht zeigen wollte, so wartete er doch gespannt auf Fontarayns weitere Ausführungen. „Mit anderen Worten, du hättest mir längst sagen können, was uns die RUBIKON bislang vorenthält? Welche technischen Finessen in ihr stecken, ohne dass wir sie jemals nutzten?“

Fontarayn trat einen Schritt näher. So nahe, wie er Cloud noch nie gekommen war. Und ... täuschte er sich, oder strömte der Gloride tatsächlich einen Duft aus? Einen exotischen Körpergeruch, der nur aus dieser unmittelbaren Nähe merkbar war?

Cloud schaute zu Scobee, aber sie verstand nicht, worauf er sie ohne große Geste hinweisen wollte.

Fontarayns Worte lenkten ihn ab. „Ihr Menschen habt ein Sprichwort“, sagte er.

„ Wir Menschen haben viele Sprichwörter“, sagte Cloud. „Welches ganz speziell meinst du?“

„ Worte sind Schall und Rauch.“ Der Gloride machte plötzlich ein Gesicht, als hätte endlich begriffen, wie er mit seinen Gegenüber umspringen musste – um sich mit ihnen auf eine Stufe zu begeben. Denn dazu brauchte es sehr viel mehr als die Umwandlung von Energie in Materie und das Modellieren selbiger.

Erstmals fand Cloud jene Lebendigkeit in Fontarayns Zügen, die er bislang vergeblich gesucht hatte. Das Maskenhafte schwand. Der Gloride wurde begreifbarer als Lebens form.

„ Und damit willst du uns sagen ...?“

„ Ich dachte, das läge auf der Hand.“

„ Offenbar nicht. Vielleicht stehe ich auch auf der berühmten Leitung ...“

Verwirrung nahm Einkehr im Gesicht des Gloriden. „Aha. Nun, ich will damit sagen, dass es nicht nur einfacher, sondern auch effektiver ist, wenn ich dir die bislang verborgenen Möglichkeiten deines Schiffes zeige .“

Cloud zuckte die Achseln. „Auch gut. Fang an. Ich nehme an, du gehst dafür abermals im Schiff auf, interagierst mit Sesha ...“

Fontarayns Mimik ließ nur einen Schluss zu: dass er sich die Vorgehensweise anders vorstellte.

Und das sagte er Cloud Sekunden später auch klipp und klar.

„ Ich will mit dir interagieren, John Cloud. In dir aufgehen. Nur so kann ich dich hinter die Kulissen, hinter die Schwelle führen, wo deinen Geist fantastische Möglichkeiten erwarten ...“

„ Du willst was tun?“, presste Cloud hervor. Er hatte das Gefühl, etwas blockiere seinen Rachen und müsse herausgewürgt werden.

Fontarayn gab sich ungerührt. „In dir aufgehen.“

„ In mir ...“ Cloud schluckte, spürte die Blicke der Freunde auf sich lasten. Sie erwarteten jede erdenkliche Reaktion – nur nicht die stoische Akzeptanz des Angebots, das der Gloride ihm gerade unterbreitet hatte. „ ... aufgehen? Entspräche das dem, was ich glaube, dass es bedeutet?“

Leichte Verwirrung schlich sich in Fontarayns Blick, wobei sich Cloud nach seinem Gespräch mit Prosper Mérimée und dem, was er dabei über Ovayrans Besuch erfahren hatte, ins Bewusstsein rief, dass die erkennbaren Augen eines Gloriden nicht mehr darstellten als einen winzigen Teil seiner Maske, seines Aktionskörpers, dessen er sich nach der Verstofflichung bediente.

„ Schon gut“, wiegelte Cloud ab. Er wollte das Sprachverständnis des Zwitterwesens, das mal körperlich, mal als pure Energie agierte, nicht überstrapazieren. „Wie würde mein Körper auf dieses ... Aufgehen reagieren? Mit einem Kollaps? Ich kann mir nicht vorstellen –“

„ Du solltest dir mehr Sorgen um deinen Geist machen“, versetzte Fontarayn trocken. Dazu sah er Cloud gleichmütig an ... aber nur, um zwei Sekunden später in schallendes Gelächter zu verfallen, das ebenso abrupt endete, wie es begonnen hatte. „Entschuldige“, sagte er, „ich lerne. Ich bemühe mich um eine Angleichung, um unser Miteinander zu erleichtern. Das war ein Scherz ... Habe ich alles richtig gemacht?“ Er legte den Kopf schief, ganz wie ein Mensch, der erwartungsvoll auf das Ergebnis eines Prüfungsresultats wartet.

Aus dem Hintergrund mischte sich Jarvis ein. „Ja, du hast alles richtig gemacht, Glühwürmchen. Für meinen Geschmack sogar etwas zu gut. Vielleicht solltest du lieber der humorlose Charmebolzen bleiben, den du uns die ganze Zeit gegeben hast. Damit konnte ich mehr anfangen. Ich habe genug damit zu tun, die anderen hier von meinem sonnigen Humor zu überzeugen, seit ich einen auf Nanoklotz mache. Einen Konkurrenten kann ich da nur ganz schwer ertragen.“

Scobee, die neben ihm stand, versetzte ihm einen impulsiven Rippenstoß – ohne zu bedenken, dass Jarvis dergleichen nicht mehr hatte. Ebenso hätte sie der nächstbesten Wand einen solchen Stoß geben können. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen Aufschrei, als ihr Ellbogen etwas traf, was eindeutig härter war als er.

Cloud versuchte sich nicht von dem Geplänkel ablenken zu lassen. „Wie oft hast du das schon getan?“, fragte er ruhig. Er hatte sich wieder gefangen, sich und seine Verblüffung wieder im Griff. „Ich meine bei einem Lebewesen, nicht bei einem Ding, eine Maschine, einem kybernetischen Organismus ...“

Fontarayn ließ sich auch von dieser Frage nicht aus dem Konzept bringen. „Es wäre das erste Mal.“

Cloud nickte, mied den Blick zu den Freunden. „Das hatte ich mir fast schon gedacht. Es gibt also nicht die geringste Garantie, dass ich eine solche Verschmelzung überleben würde.“

Zum ersten Mal schien so etwas wie Schrecken über Fontarayns Mimik zu huschen. „O doch“, beteuerte er. „Ich garantiere es. Ich bin kein Mörder. Für was für ein amoralisches Geschöpf hältst du mich? Ich bin ein Gloride. Mein Kodex sagt –“

„ Ihr habt einen Kodex?“, entfuhr es im Hintergrund Algorian, der nach eigenem Bekunden keine Möglichkeit fand, die Gloriden auf telepathischer Ebene zu espern.

„ Natürlich! Wir sind die Bewahrer der Perlen – und damit die Behüter jedweden Lebens! Hatte ich das noch nie erwähnt?“

Cloud wartete Algorians Erwiderung nicht ab. „Wird es mit Schmerz verbunden sein?“

„ Davon ist nicht auszugehen.“

„ Du sagst das so sicher ...“

„ Weil es dem Vorgang ähnelt, mit dem wir Gloriden untereinander gewaltige Datenpakete austauschen. Dabei sind wir zunächst auch in unserer physischen Gestalt. Dann wandelt sich der Informationsüberträger in seine entstofflichte Form und strömt in den Körper des Empfängers ... Nie kam es bei einer solchen Funktion zu der Reaktion, die ihr als Schmerz kennt. Es wäre höchst erstaunlich, wenn –“

Cloud hatte genug gehört. Er gab den anderen ein Zeichen, das sie zur Zurückhaltung ermahnen sollte. Gleichzeitig sagte er an Fontarayn gewandt: „Okay, ich riskiere es. Wie ist die genaue Vorgehensweise?“

„ Wir werden für eine Dauer, die ich im voraus nicht festlegen kann, miteinander verschmelzen. Zuvor begibst du dich in deinen Kommandosarkophag, der sich, nachdem ich in dich gewechselt bin, schließt. Wir werden beide die virtuellen Nervenstränge dieses Schiffes bereisen, und ich werde dir sämtliche neuralgischen Punkte zeigen, offen legen. Du wirst das, was du zu kennen glaubst, ganz neu erfahren müssen, um es künftig zu beherrschen – und seine Möglichkeiten bis zum Limit auszureizen.“

„ Das“, sagte Cloud, „klingt vielversprechend.“

Fontarayn nickte in angestrengt menschlicher Manier und bewies, dass Jarvis’ flapsiger Konversationston nicht spurlos an dem lernbegierigen Gloriden vorbeigegangen war.

„ Es wird dich umhauen“, versprach er.

„ Ich weiß nicht, ob du die Gefahr richtig einschätzt“, sagte der „Tote“, der immer noch – eigentlich mehr denn je – sein Freund war. Er hatte sich vor Cloud aufgebaut, und selten hatte er wuchtiger, schwerer, kompakter gewirkt als in diesem Moment, da er ihn aus seinen kalten Technoaugen ansah. „Was ist, wenn du dabei drauf gehst? Du musst auch an die anderen denken.“

Er meinte auch sich selbst damit – und was er darüber hinaus noch zum Ausdruck bringen wollte, war Cloud vollkommen klar.

„ Ich habe Sesha klare Instruktionen erteilt“, versuchte er ihn zu beruhigen. „Sollte mir etwas zustoßen, etwas, das mich außerstande versetzt, die Belange der Crew und des Schiffes weiter zu vertreten, wird die KI dich und Scobee als gleichberechtigtes Führungsteam akzeptieren. Es liegt dann an euch, darüber zu befinden, wie es weitergeht. Ob ihr die extra large version der Reise nach Andromeda in Kauf nehmen wollt – oder lieber hier in heimischen Gefilden bleibt, vielleicht mal einen Trip Richtung Erde wagt, um euch ein Bild davon zu machen, was die Erinjij unter Darabim so treiben ... Was auch immer. Das Universum steht euch offen. Vielleicht entfernt ihr euch auch einfach nur so weit wie möglich vom Milchstraßenzentrum und allem, was nach Käfer aussieht. Es gibt so viele Welten, eine davon könnte eine neue Heimat, eine neue Erde werden. Wenn es ganz perfekt liefe, könnte sie Erde, Spore, Aorii-Welt und Kalser zusammen ersetzen. Ihr könntet ganz von vorn anfangen und in nie da gewesener Weise auf Multikulti machen ...“

„ Pah!“, drang es aus dem Körper, der sich von einem Moment zum anderen in eine tödliche Waffe verwandeln konnte. „Ich schätze, es ist sinnlos, du hast dich entschieden, und nicht einmal Engelszungen könnten dich von deinem Entschluss abbringen.“

„ Zumal weit und breit kein Engel in Sicht ist“, frotzelte Scobee. „Selbst bei allem Bemühen gehe ich als solcher wohl nicht durch ... oder?“

„ Nein“, bestätigte Cloud. Es war einer der Momente, in denen einen die Zuneigung zu Freunden fast wie eine warme Welle durchzog. Er musste sich gewaltsam aus dem Wohlgefühl lösen. „Wird schon schief gehen“, nickte er den Gefährten zu. Dann betrat er das Podest und ging auf den Sitz zu, der einmal für Sobek reserviert gewesen war und neben dem bereits Fontarayn wartete.

Cloud ließ sich ohne weiteres Zögern in den schalenartigen Sitz sinken und blickte zu dem Gloriden auf.

„ Es kann losgehen.“

„ Bist du sicher?“

„ Falsche Frage. Mach einfach.“

Fontarayn nickte den Kopf leicht nach hinten; es sah aus, als beschwöre er innerlich irgendeine höhere Macht. Fast als würde er in ein stummes Gebet verfallen.

Cloud war mehrfach in seinem Leben narkotisiert worden; im Prinzip ließ sich auch das Versetzen des Körpers in eine Stasis, wie unter anderem während der Marsmission geschehen, damit vergleichen. Man lag da und hatte die Augen offen, während ringsum die Vorbereitungen zur Anästhesie liefen. Sein erklärtes Ziel war es jedes Mal gewesen, so lange wie möglich bewusst an diesen Handlungen teilzunehmen ...

... und dann war er irgendwann später erwacht und hatte sich eingestehen müssen, dass das es geradezu kläglich war, was er vor dem Einschlummern wahrhaftig noch mitbekommen hatte.

Auch jetzt brannte der Ehrgeiz in ihm, die Phase des Verschmelzens in jedem Stadium bewusst zu erleben.

Ein hoher Anspruch – und völlig an der Realität vorbei, wie er kurz darauf feststellen musste.

Fontarayn entstofflichte neben ihm zu einem Lichtgebilde, das schon einen Atemzug später in Clouds Schädel wie in einen Blitzableiter einschlug.

Er glaubte noch, irgendwelche Rufe seiner Freunde zu hören, dann überwältigte, über- und durchflutete ihn auch schon das Licht und löste die Umgebung in blendender Helle auf.

Gleichzeitig wurde es absolut still, als würde jedes Geräusch hermetisch abgeschirmt.

Und als schließlich ein angenehmes Dunkel in sein Bewusstsein einkehrte, sagte etwas, das sein eigener Gedanke hätte sein können, aber definitiv nicht war: „Du hast soeben – ich hoffe, du verzeihst, dass ich ein wenig nachhalf – die Sitzummantelung geschlossen. Die Kommandostelle ist aktiviert, dein und mein Geist wurden darauf geeicht. Die Reise ins Aderwerk deines Schiffes kann beginnen.“

Und schon erwachte der Sog, der Cloud davonwirbelte, wie noch niemals zuvor, seit er gelernt hatte, die RUBIKON wie seinen eigenen Körper zu handhaben, in sie hineinzulauschen und all ihre Möglichkeiten auszuschöpfen ... die er noch vor kurzem zu kennen geglaubt hatte.

Doch Fontarayn klärte ihn über seine Irrtümer auf. Indem er bislang verborgene Tatsachen für sich sprechen ließ.

Und dann blieb Cloud nicht einmal Zeit, die neu gewonnenen Erkenntnisse zu verdauen, denn ...

„ Mir gefällt das nicht“, murrte Jarvis.

Scobee wusste nicht nur, was ihm missfiel, sie teilte dieses diffuse Gefühl der Hilflosigkeit. „Meinst du mir?“, gab sie zurück, ehe sie sich an Algorian wandte, der die Dreiergruppe komplettierte, die sich wenige Schritte vom Kommandopodest zusammengefunden hatte. „Kannst du ihn noch spüren?“, fragte sie.

„ Ja“, sagte er. Er wirkte ernster denn je. Sein kahles Haupt war mit seltsamen Flecken übersät, die fast wie Feuermale aussahen – bei einem Aorii-Zweitling der unleugbare äußere Beweis für seine Nervosität.

Scobee machte sich bewusst, wie gering die Fähigkeiten des Espers im Vergleich zu dessen inzwischen verstorbenen Hassbruder Rofasch ausgebildet waren. Zweitlinge waren in ihrem eigenen Volk Aorii zweiter Klasse. Erstgeborene, auch Hassbrüder genannt, dominierten eine solche Verwandtschaftsbeziehung ein Leben lang. Aber noch schlimmer als diese Dominanz, die den Zweitling unterordnet und regelrecht knechtet, dachte Scobee, ist es, wenn der Erstling stirbt.

Sie erinnerte sich gut an den Schmerz, die Verzweiflung, die Krise, die mit Rofaschs Tod für Algorian einherging. Er hatte mit der plötzlichen Freiheit erst lernen müssen umzugehen. Hilfe und Mentale Stütze war ihm dabei vor allen Dingen Cy gewesen, den er einst für die Allianz CLARON rekrutiert und als Botschafter CLARONs ausgebildet hatte, um ihn zu den Jay’nac zu schicken ...

All das war lange her. Die Zeiten hatten sich geändert, ebenso die Ziele. Heute ging es nicht mehr darum, mit den Jay’nac zu verhandeln und sie zur friedlichen Koexistenz mit den organischen Völkern zu bewegen. Der drohende Krieg schien ausgeräumt, alle Seiten hatten ihre Bereitschaft zur Verständigung signalisiert und die Jay’nac hatten sich, so weit bekannt war, in ihr Hoheitsgebiet zurückgezogen, hatten offenbar sogar die Erinjij sich selbst überlassen. Womit die Erde weiterhin unter dem Diktat der Keelon-Master stand ...

Spekulation,  bremste Scobee ihre Überlegungen.  Wir wissen nicht sicher, ob sich die Jay’nac künftig aus dem Wirken ihrer Schöpfungen heraushalten wollen. Wir wissen nichts über die aktuellen Verhältnisse auf der Erde oder auf Nar’gog, der Zentralwelt der Anorganischen. Nichts. Stattdessen haben wir uns in den Kopf gesetzt, mal eben nach Andromeda zu reisen ... fast zwei Millionen Lichtjahre von hier entfernt ...

„ Allerdings nur schwach“, fügte Algorian nach einer kurzen Pause hinzu. „Du weißt, dass ich Gloriden nicht wahrnehme. Sie sind mental einfach nicht existent für meine telepathischen Fühler. Und momentan ist es so, als würde Johns Bewusstsein von Fontarayn partiell zugedeckt.“

Scobee blickte unwillkürlich zu dem Sitz, wo sich Cloud ihren Blicken entzogen hatte, indem er ihn geschlossen hatte.

Er war der einzige „Sarkophag“, der sich so präsentierte – die anderen sechs waren weiterhin geöffnet.

Was mochte sich gerade unter der Schale aus dunkler Substanz – Scobee vermied den Begriff Metall, da sie wusste, dass er nicht stimmte; die RUBIKON war aus einem „intelligenten“ Material geformt, das sich in Grenzen dem Willen seiner Herren unterordnete – abspielen?

„ Mir gefällt vor allen Dingen nicht“, sagte Scobee, „dass sich Ovayran schon wieder irgendwo im Schiff herumtreibt, während sein Kollege sich als Gespenst in Johns Geist versucht ... Es hätte bestimmt andere Möglichkeiten gegeben, sich in die angeblichen Geheimnisse der RUBIKON einweihen zu lassen – aber wer hört schon auf mich?“

„ Angebliche Geheimnisse ...“, nahm Jarvis den Köder auf, den sie ihm unbeabsichtigt hingeworfen hatte. „Du glaubst also nicht daran?“

„ Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Wir haben von der Verschwörergruppe erfahren, die die RUBIKON offenbar ein klein wenig am Septemvirat vorbei konzipierte – deshalb ist alles möglich. Auch dass bislang verborgene Ressourcen existieren. Aber die hätte man auch uns allen gleichzeitig präsentieren können, so wie man das ‚Realitätslevel’ – Achtung, ich zitiere einen Gloriden – änderte, auf dem sich die RUBIKON bewegte, bevor sie die versteckten Sternensysteme wahrzunehmen vermochte ... Wobei mir noch immer nicht klar ist, was das bedeutet. Befinden wir uns seither nicht mehr in unserer angestammten Wirklichkeit – oder hat man lediglich unsere Sinne und Ortungen für das Verborgene geschärft?“

„ Ich hoffe Letzteres“, sagte Algorian. „Sonst befänden wir uns in einem Geflecht aus Realität und Schein, das sich ohne die Gloriden schwerlich wieder verlassen ließe.“

Scobee nickte. „Sesha?“, sagte sie lauter, als sie zu ihren Freunden gesprochen hatte.

Die Stimme der KI kam aus keiner bestimmbaren Richtung. „Ja?“

„ Gibt es von deiner Seite her bereits neue Erkenntnisse? Ich meine ... Fontarayn wollte doch das Schatzkämmerchen öffnen. Spürst du bereits etwas davon?“

Die KI ließ sich Zeit mit der Antwort – oder kam es Scobee nur so vor?

Ihre Erwiderung war dann keine eigentliche Antwort, eher eine Überraschung. Denn sie erklärte: „Ihr könnt an dem, was gerade beschlossen wurde, optisch teilhaben.“

„ Beschlossen?“, echote Jarvis. „Optisch teilhaben?“

Aber Sesha schien keine Veranlassung zu sehen, ihre Aussage zu präzisieren.

Stattdessen ließ sie die Bilder – zunächst jedenfalls – für sich sprechen.

In der Holosäule wich das Meer der Sterne in den Hintergrund zurück. An seine Stelle trat eine Simulation (es konnte nur eine sein), die die RUBIKON in ihrer Gesamtheit zeigte.

Ein Gebilde, das große, wenn auch wohl zufällige Ähnlichkeit mit einem irdischen Mantarochen hatte. Von einem externen Betrachter wurde es in der Regel als zirka 250 Meter lang, 300 Meter breit – was der Schwingenspannweite entsprach – und maximal 50 Meter dick wahrgenommen.

Dieses Größenverhältnis bestätigte auch das Koordinatennetz, in das Sesha die RUBIKON bettete und dessen Maßangaben längst auf das metrische System der Menschen abgestimmt waren.

So weit, so gut.

Doch kaum hatten die Betrachter Gelegenheit gehabt, sich die Details zu verinnerlichen, begannen die Ziffernangaben rund um das Modell auch schon nach oben zu schnellen.

Die RUBIKON legte ihre Dimensionswälle ab, entblößte sich regelrecht, wie sich Scobee sofort klar machte, denn die speziellen Tarn- und Schutzschirme, mit denen das Schiff normalerweise operierte, funktionierten ihren Informationen nach nur im Zusammenspiel mit der „Miniaturisierung“.

Eines der folgenreichsten Charakteristika der einstigen Foronenarche war ihre gigantische Größe, die sie dem Betrachter im Normalfall mit einem technischen Trick vorenthielt. Denn real maß die RUBIKON gut das Zehnfache ihrer vorgegaukelten Dimensionen – und diese realen Werte spielte Sesha in diesem Moment ein beziehungsweise zeigte über das Raster, wie die RUBIKON explosionsartig wuchs.

Scobee räusperte sich und sagte dann, während sie sich wie von selbst in Bewegung setzte und zu dem Podest mit der Säule schritt: „Sesha? Was läuft hier? Willst du uns nur ein paar nette Bildchen unseres Schiffes zeigen oder ... geschieht , das, was hier demonstriert wird, gerade? Mit anderen Worten: Hast du die höherdimensionalen Wälle deaktiviert, die das Schiff normalerweise umgeben?“

Diesmal dauerte es keine nennenswerte Spanne, bis Sesha antwortete: „Es geschieht. Ich habe die Weisung erhalten, euch an den Änderungen teilhaben zu lassen.“

„ Von wem? Von John oder Fontarayn?“, fragte Jarvis sarkastisch. Er hatte zu Scobee aufgeschlossen, ebenso wie Algorian, und gemeinsam traten sie ganz nahe an den geschlossenen Sarkophagsitz heran, hinter dem sich die Holosäule mit der RUBIKON-Simulation vom Boden bis zur Decke spannte.

„ Was für eine absurde Frage“, erwiderte Sesha, ohne dabei gekränkt zu klingen. „Es gibt nur einen Kommandanten, das ist euch bekannt. Ich interagiere mit John Cloud. Er ist der legitime Führer dieses einzigartigen Schiffes, das sich in so vielen Details von seinen groben Kopien unterscheidet.“

„ Ups“, machte Jarvis.

Ups, dachte auch Scobee.

Zu offensichtlich hatte sich das Statement der KI gewandelt.

Noch vor einer Minute hätte sie auf jede Nachfrage darauf gepocht, dass das genaue Gegenteil der Fall war – ihrem eigenen Informationsstand zufolge. Sie hatte bis zuletzt darauf beharrt, zwar die Originalarche zu sein, dass aber die einzigen Details, die sie von den HAKARs unterschieden, von Sobek herbeigeführt worden waren ... und einzig dazu dienten, von den anderen SESHA-Einheiten nicht mehr ohne weiteres geortet werden zu können. Was umgekehrt mühelos möglich war, so lange sich die HAKARs in Reichweite der Schiffssensoren befanden.

Nun aber.

In so vielen Details ...

„ Warum wurden die Wälle deaktiviert“, fragte Scobee. „Und komm mir nicht wieder mit Ausflüchten. Sag die Wahrheit. Sag, was gerade geschieht oder geschehen ist, dass du ... so anders sprichst. Ist dir überhaupt bewusst, was du gerade hast verlauten lassen?“

„ Ich bin nicht in der Lage, Bewusstsein zu entwickeln. Aber wenn du damit fragen willst, ob ich mir der Bedeutung dessen, was ich sage, klar bin, kann ich nur antworten: Natürlich. Die Abschaltung der Dimensionswälle ist eine Notwendigkeit.“

„ Warum?“, schnappte Jarvis. „Wir entblößen uns dadurch. Sollten die Treymor –“

„ Oder Sobek und seine Bande“, gab Scobee mit zu bedenken, während Jarvis ungerührt fortfuhr: „– irgendwo in der Nähe sein, werden wir ernsthafte Probleme bekommen. Ihr erinnert euch vielleicht ...“

Jetzt unterbrach er seine Rede doch.

Weil er sah – wenn auch mit anderen Sinnen –, was sich Scobees und Algorians Augen darbot.

Wieder hatte sich die Simulation in der Holografie verändert.

Noch einmal hatte sie einen Wachstumsschub erhalten.

Weil jetzt ...

„ Der Schweif!“, rief Scobee. „Du hast soeben den Schweif ausgebildet, Sesha! Du machst die Kontinuumwaffe scharf!“

„ Nicht ich“, widersprach die KI kühl. „Der Kommandant.“

„ John? Aber ... Droht ein Angriff? Sind die Treymor etwa schon da? Warum zeigst du uns kein anderes Bild mehr von Relevanz? Wenn wir angegriffen werden –“

„ Wir werden nicht angegriffen.“

„ Warum dann die Schweifaktivierung?“, fragte Jarvis, der ebenso wie die anderen Betrachter anhand der eingeblendeten Werte in der Lage war zu beurteilen, dass die K-Waffe sich ihrem Bereitschaftsstatus näherte. „Das macht keinen Sinn. Welchem Zweck dient diese ... Vorführung?“

„ Ihr sollt informiert werden. Über die Besonderheiten des Schiffes, die euch bislang unbekannt waren.“

„ Und dazu gehört der Aufbau des Schweifs?“, fragte Scobee. Das Anhängsel, das in der Holodarstellung sichtbar geworden war, verdoppelte die Länge der RUBIKON. Aber dieser Schweif diente einzig als Waffe gegen schier übermächtige Angreifer ... die dem, was sie anrichtete, letztlich aber auch nichts entgegenzusetzen hatten.

Zumindest nicht das Gros derer, die jemals damit konfrontiert wurden, schränkte Scobee hinsichtlich der Treymor und deren Missbrauch von ERBAUER-Technologie ein.

Die Treymor hatten die RUBIKON an den Rand der Vernichtung geführt – trotz K-Waffe. Dennoch blieb sie die mächtigste und verheerendste Offensiveinrichtung des Schiffes.

Dass sie jetzt von Cloud aktiviert wurde, bedeutete nichts Gutes. Scobee fühlte es regelrecht, mit jeder Faser ihres Körpers.

Ein Blick zu Algorian genügte, um zu zeigen, dass es dem Aorii nicht anders ging. Seine Haut war von noch mehr Flecken überzogen, dazu kam ein Zittern, als stünde er kurz vor dem Zusammenbruch.

„ Wir sollten die anderen hinzuziehen“, keuchte er. „Es tun sich Dinge, die –“

Seshas Stimme fuhr dazwischen: „Es ist sicherer, wenn sich die Crew in die nächststehende Sitzgelegenheit begibt. Unverzüglich. Achtung: Ich scanne jetzt das Schiff, um die Aufenthaltsorte der Einzelnen zu eruieren. Wo nötig, bilde ich entsprechende Sitzmöglichkeiten aus ...“

„ Verdammt!“, fluchte Jarvis ungeniert. „Gilt das auch für einen Typen wie mich?“

Sesha schwieg.

Jarvis deutete es so, dass es wahrscheinlich nicht nötig war – dennoch begab er sich zusammen mit Scobee und Algorian zu den Sitzen des Kommandopodests.

Während sie Platz nahmen, aktivierte sich einer der Türtransmitter im Rund der Zentrale. Cy purzelte regelrecht herein und zirpte: „Was geht hier vor? Warum wurden wir aufgefordert –“

Scobee wies einladend auf einen der freien Sitze. „Nimm einfach Platz. Wir wissen nicht viel mehr als du. Offenbar probiert John ...“ Sie nickte zu dem einzigen geschlossenen Sarkophag. „ ... ein paar der neuen Errungenschaften aus, die uns Fontarayn andeutete. Zumindest haben wir diesen Eindruck in den letzten Minuten gewonnen. Erst wurden die Wälle abgeschaltet, dann der Schweif für die K-Waffe aktiviert. Eine Gefahr, die dies rechtfertigen würde, existiert laut Sesha nicht. Das mag einerseits beruhigen, da wir nach dem Fall der Wälle angreifbarer als zuvor sind. Andererseits will es mir persönlich aber überhaupt nicht gefallen, weil ich es vorziehe zu wissen, was gerade mit mir oder um mich herum geschieht. Aber Sesha macht sich einen Spaß daraus, uns im Unklaren zu lassen, während sie selbst offenbar längst einen Informationssprung und -schub erlebt hat. Jedenfalls ist sie die Ruhe selbst und –“

„ Ich mache keinen Spaß“, sah sich die KI zum Dementi genötigt. „Ich befolge lediglich Anweisungen.“

„ Und die lauten, uns im Trüben fischen zu lassen?“

„ Keinesfalls. Ich wurde instruiert, euch über den Sinn der Maßnahme und die nächsten Schritte zu informieren. Dies ist jedoch nur möglich, wenn mich die Zentralebesatzung auch zu Wort kommen lässt.“

Auf Jarvis’ künstlichen Zügen bildete sich die Karikatur eines Grinsens ab. „Wo sie Recht hat, hat sie recht.“

Scobee presste nur die Lippen zusammen. Für etwa eine Sekunde. Als Sesha da noch schwieg, konnte sie nicht anders als zu drängen: „Und? Was ist jetzt? Wozu der ganze Zauber? Was bezweckt ... John damit?“

„ Er hat soeben den Befehl zum Aufbruch gegeben.“

„ Aha. Und wohin?“

„ Nach Andromeda“, sagte die KI. „Wir starten in genau dreißig Sekunden zur Nachbargalaxis.“

Dreißig Sekunden , hallte es in Algorian wider. Er rutschte in dem viel zu großen Sitz hin und her, blickte mehrfach zur Menschenfrau, dem Kunstmann und dem zum Freund gewordenen Aurigen, der noch einsamer inmitten all der neuen Freunde sein mochte als er, der er seinen geliebten Hassbruder verloren hatte.

Und immer wieder blieb sein Blick kurz an der dreidimensionalen Darstellung der RUBIKON hängen, die detailverliebt in die Säule projiziert war – Resultat einer unvorstellbar plastisch und realistisch wirkenden Rechnerleistung ... die unablässig erweitert, um neue Details bereichert wurde.

Die RUBIKON mit ihrem Schweif, an dessen Spitze sich der Projektor befand, der in der Lage war, das Raumzeitkontinuum „aufzutrennen“ und so einen zeitweiligen Zugang in ein fremdes Universum zu öffnen.

Ein Riss.

Ein Spalt, aus dem die Naturgewalten jenes fremden Kosmos in den diesseitigen herübergriffen und wie ein Sog alles verschlangen, was sich in der Reichweite dieser Anziehungskraft befand – die unwiderstehlich war. Nur nicht für das Objekt, das sie entfesselt hatte.

Die RUBIKON selbst hielt den Gewalten stand, weil ...

... weil, rief sich Algorian in Erinnerung, sie gleichzeitig Gravitationsanker auswirft, die sich im diesseitigen Kontinuum festkrallen und die RUBIKON unverrückbar platzieren, während alles ringsum – alle schiffsgroßen Objekte zumindest – in den sicheren Untergang gezerrt werden.

Ebenso wie Scobee oder Jarvis verstand er nicht, warum Sesha – oder John Cloud oder Fontarayn – den Schweif ohne Not aktivierten. Zumal sie die RUBIKON auch noch ihrer Wälle entledigt hatten.

Zeigte der Gloride jetzt, verborgen hinter den Wänden des Sarkophags und aufgegangen im Leib des Commanders, jetzt sein wahres Gesicht? Hatten sie sich mit dem Perlenbewahrer, der fast noch fremdartiger und unbegreiflicher wirkte als ein Jay’nac, eine Art ... wie hatte Scobee es in einem Gespräch genannt, als sie auf die Sagenwelt der Erdbewohner zu sprechen gekommen waren ... Trojanisches Pferd an Bord geholt.

Genauer gesagt sogar zwei Trojaner, denn der andere Gloride bewegte sich nach wie vor irgendwo auf den Decks, und niemand schien genau zu wissen, was er dort bewerkstelligte.

Wieder und wieder versuchte Algorian, in den Sarkophag zu Cloud vorzustoßen, ihn telepathisch zu ertasten.

Doch es war ihm nicht möglich, auch nur einen geordneten Gedankengang zu lokalisieren und zu verstehen.

Dort drinnen, so schien es, herrschte ein vergleichbares Chaos wie es sich am und im Schiff selbst abzuzeichnen begann.

„ Warum das ganze Zinnober“, empörte sich gerade Jarvis auf der gegenüberliegenden Seite des Holos, „wegen eines simplen Starts? Warum müssen wir Plätze einnehmen – jeder hier an Bord, egal wo er sich gerade befindet? Das ist doch –“

„ Hochverdächtig“, pflichtete Scobee ihm mit todernster Miene bei. „Machen wir uns darauf gefasst, dass uns kein ... wie soll ich es sagen ... herkömmlicher Start bevorsteht.“

„ Und das heißt?“, zirpte es aus den Tiefen von Cys gestrüppartigem Körper.

„ ... fünf“, zählte die KI den Countdown herunter. „Vier ... drei ...“

„ Wir werden es gleich erfahren – oder kann jemand diesen –“

Weiter kam die Frau mit den Tattoos über den Augen nicht. Sesha gelangte in diesem Moment bei Null an.

Und selbst in diesem Moment erwartete niemand das, was dann geschah.

Ihre Gehirne, ganz gleich ob menschlicher oder außerirdischer Struktur, waren auch gar nicht in der Lage, die Information so schnell zu verarbeiten, wie sie über die Sinnessnerven zu ihrem Verstand transportiert wurde.

Sie sahen zwar das Aufblitzen an der Spitze des RUBIKON-Schweifs ...

... aber noch bevor sie es begreifen und auch nur ansatzweise über die Konsequenz dieser Beobachtung nachdenken konnten ...

... war es auch schon wieder vorbei.

Vorbei – aber nicht überstanden.

Es gab nur eine Hand voll Gestalten an Bord, die ohne Blessuren davonkam.

––––––––

image

Jiim hatte das dringende Bedürfnis zu diesem Besuch verspürt. Aber wenn er ehrlich war, lag es weniger an dem Mädchen, das in diese traurige Lage geraten war, als vielmehr an dem Ding, das an ihr prangte.

Jelto begrüßte den Nargen verhalten. Er saß neben der Liege, auf die Aylea gebettet worden war, und hielt die Hand des Kindes, das nach wie vor ohne Bewusstsein schien. Zumindest waren die Augen fest geschlossen.

„ Du kommst in Rüstung?“, fragte der Klon mit dem schmalen, fast asketischen Gesicht, das die Größe seiner Augen noch betonte. Manchmal, fand Jiim, obwohl er in menschlicher Physiognomie wenig bewandert war, wirkte der Florenhüter, wenn er so großäugig schaute, selbst noch wie ein Kind, das weit davon entfernt war, flügge zu werden.

„ Ich hoffe, es stört dich nicht“, erwiderte Jiim betont unterwürfig. Er wollte keinen Streit, nicht einmal Irritationen, die auf ihn zurückgingen. Andererseits hatte er keine andere Wahl gehabt, als das goldene Nabiss anzulegen.

Jelto schüttelte den Kopf und machte eine wegwerfende Bewegung mit der freien Hand. „Ich war nur überrascht.“ Er zeigte auf den schemelartigen Sitz, der auf der anderen Bettseite aus dem Boden ragte. „Setz dich. Du sorgst dich auch um mein kleines Mädchen?“

Die Art, wie er Aylea bezeichnete, war bezeichnend.

„ Sie ist vom Pech verfolgt“, bestätigte Jiim weiterhin zurückhaltend. „Ich habe mich informiert. Sie hat nicht nur auf ihrem Heimatplaneten viel erdulden müssen, sondern auch später. Einmal wurde sie von dem Chip befreit, mit dem sie in Packa-Netz eingebunden war. Ein anderes Mal ...“

„ Ja, sie ist ein Pech vogel .“ Jelto schielte zu Jiim herüber, und nach einer Weile dämmerte es dem Nargen, dass dies eine Art Wortspiel oder Anspielung auf ihn, den „Vogelmenschen“ sein mochte. Er verzog die Mundöffnung zu etwas, das wahrscheinlich kaum als Lachen durchging.

Jelto ließ es unkommentiert.

Jiim setzte sich vorsichtig. Die Rüstung schmiegte sich eng an Rumpf und Flügel. Er spürte ihr Gewicht nicht. Wenn er sie anlegte, war es, als schlüpfe er in einen zweiten Flaum. Auf andere Weise hingegen machte sie sich durchaus bemerkbar ...

„ Wie ist ihr Zustand?“, fragte er zaghaft.

„ Unverändert“, erwiderte Jelto. „Sie ist ohne Besinnung. Man könnte meinen, sie schlafe nur, aber die Werte ...“ Er zeigte auf die Wand hinter dem Bett, wo sich die Vitalsignale auf mehreren Displays ablesen ließen. „ ... sprechen für sich. Sie liegt in einem tiefen Koma. Nicht auszuschließen, dass ihr Gehirn Schäden davongetragen hat.“

Jiim blickte auf das Ding, das sich wie ein grausiges Kunstwerk in Ayleas Brustbein gegraben hatte und sich erhaben darauf abzeichnete. Dass es wie ein stilisiertes Flugwesen aussah, konnte nur ein Zufall – oder Ironie des Schicksals – sein.

Das Universum war gewiss voller Geschöpfe, die die Natur begünstigt hatte, sich in die Lüfte zu erheben. Nur handelte es sich hierbei zweifelsfrei um kein Geschöpf, sondern um ein Ding ... Zumindest schienen das fast alle an Bord zu glauben. Auch Jelto und selbst Sesha.

Jiim war sich dessen weniger sicher.

„ Du bist über die aktuelle Entwicklung an Bord informiert?“, wechselte Jiim das Thema.

„ Was genau meinst du?“

„ Die Gloridenbehauptung, dieses Schiff verberge seine wahren Möglichkeiten vor uns – und hätte sie auch schon vor den Foronen verborgen. Fontarayn hat John Cloud dazu überredet, sich von ihm hinter die Sperren führen zu lassen, die ein Erkennen des wahren Potenzials verhindern.“

Jelto nickte. „Ja“, sagte er einsilbig. „Ist mir bekannt.“ Unausgesprochen ließ er, was er wohl in Gedanken hinzufügte: Interessiert mich aber nicht. Hier spielt die Musik. Das hier ist wichtiger als irgendein technisches Gimmick, das unser Schiff noch mehr aufwertet ... Es sei denn, dieses Gimmick könnte helfen, meine Kleine hier zu heilen!

Jiim mochte den Klon mit der speziellen Begabung, sich in jedes pflanzliche Leben einzufühlen und es sogar beeinflussen zu können. Der Narge war sicher, dass sich Jelto schon manches Mal gewünscht hatte, Aylea wäre auch eine Pflanze, die er kraft seiner eigenen Talente ins Leben zurückführen könnte.

Andererseits wäre das Mädchen schon jetzt unrettbar verloren gewesen, tot, wenn sie pflanzlicher Natur gewesen wäre. Nach allem, was das Ding im hydroponischen Garten angerichtet hatte.

Es war Cys Glück, dass der „Schrei“ nicht über die Grenzen des Gartens hinausgereicht hatte.

Jiim merkte, dass Jeltos Blick immer noch auf ihm ruhte, geradezu durchdringend. Unbehaglich streckte er kurz die Flügel. Sie stießen samt der Nabissumantelung gegen die Wand des Raumes. Jiim zuckte zusammen.

„ Du hattest nie ein besonders inniges Verhältnis zu Aylea“, sagte Jelto in einem Tonfall, als führe er lediglich ein Selbstgespräch. Als sei ich gar nicht anwesend . Der Narge schauderte leicht.

„ Was nicht heißt, dass mich ihr Los unberührt lässt.“

„ Was das nicht ausschließt, richtig. Das will ich dir auch nicht unterstellen. Aber ... ich glaube, dass da mehr ist. Nenn es ein Bauchgefühl, egal. Ich bin sicher, dass du nicht nur gekommen bist, um dich nach Aylea zu erkundigen.“

Obwohl er es hatte vermeiden wollen, glitt Jiims Blick bei den Worten des Klons zu der Stelle, wo sich das Artefakt mit Ayleas Fleisch verbunden hatte.

Noch ehe er seinen Fehler korrigieren konnte, entfuhr es Jelto: „Das ist es! Du bist seinetwegen gekommen!“ Er zeigte unverhohlen auf das Ding, das dort wie ein sonderbares Fossil prangte – als wäre Ayleas Gewebe der Kalkstein, in dem es freigelegt worden war.

Der Klon sprang auf. Argwöhnisch starrte er Jiim über die Ohnmächtige hinweg an. „Weißt du etwa, was es damit auf sich hat? Was es ist ?“

Der Narge machte schnell eine Geste der Verneinung. Als ihm klar wurde, dass Jelto sie nicht verstand, schüttelte er mit dem Kopf, wie er es bei den Menschen oft gesehen hatte.

„ Beim Suprio – nein!“ Auch ihn hielt es jetzt nicht mehr auf dem Schemel. „Ich versichere dir, dass ich es nicht weiß! Woher auch. Es ist nur ...“

„ Nur was?“, drängte Jelto, ohne seine Wachsamkeit zu lockern. Er belauerte Jiim regelrecht.

Der Narge entschied sich nach kurzem Zögern für die Wahrheit. „Es sendet Signale aus“, sagte er.

„ Signale?“, wiederholte Jelto ungläubig. „Du lügst. Sesha hätte längst –“

„ Ich weiß, was du sagen willst. Aber Sesha dürfte kaum imstande sein, sie zu empfangen. Es handelt sich um keine Funkwellen oder dergleichen ... Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll.“

„ Ich glaube nicht, dass es mir an Verständnis mangelt, wenn du es mir richtig erklärst.“

Jelto ging immer mehr auf Distanz. Jiim wollte verhindern, dass die Kluft zwischen ihnen eine Dimension erlangte, die nicht mehr überbrückbar war.

„ Dass ich sie empfange, liegt weniger an mir selbst als hieran ...“ Seine mit dem Flügel verbundene Hand strich sacht über das Gold des Nabiss. „Und weil dies so ist, trage ich meine Rüstung. Sie reagierte schon in meiner Unterkunft und führte mich auf geradem Weg hierher. Erst kurz bevor ich eintrat, wusste ich, worauf sie reagiert.“

„ Das Artefakt“, sagte Jelto mit steinerner Miene.

„ Ich nehme es an, wenngleich mir die letzte Bestätigung fehlt.“

„ Wie könntest du sie erlangen?“

„ Ich müsste es berühren – mit der Rüstung.“

„ Wie kannst du das wissen?“

Zum ersten Mal seit seinem Eintreten in dieses Zimmer verspürte Jiim einen Anflug wilden Humors. „Nenn es ein Bauchgefühl ...“

Insgeheim erwartete er, dass Jelto verärgert auf diese Retourkutsche reagierte. Das Gegenteil war der Fall. Der Klon entspannte sich von einem Moment zum anderen. Um seine Lippen spielte zuerst ein Schmunzeln, dann lachte er einmal herzhaft auf. „Es tut mir Leid“, sagte er dann. „Manchmal kann ich unausstehlich sein, ich weiß. Aber ich habe diesen mir selbst kaum erklärliche Beschützerinstinkt, wenn es um die Kleine geht ... Du wirst das nicht verstehen, aber –“

„ Ich verstehe es sehr gut“, beteuerte Jiim. „Das Ei und das frisch geschlüpfte Junge, das seine ersten Versuche unternimmt, aus eigener Kraft zu überleben, sind auf meiner Welt heilig. Im Nachwuchs liegt die Zukunft, das wird bei euch nicht anders sein. Ich wollte dich nicht hintergehen, ich wusste nur nicht ...“

Jelto winkte ab. Jiim verstand und verstummte.

Nach einer Weile fragte der Klon: „Worauf wartest du?“

„ Du meinst wirklich?“

„ So lange es meine Kleine nicht in Gefahr bringt ...“

Jiim begriff plötzlich, dass die Gefahr noch nicht überstanden war. Er selbst hatte noch keinen Moment daran gedacht, dass die Untersuchung des Artefakts Nachteile für Aylea hervorrufen könnte. Andererseits war überhaupt nicht absehbar, wie das Artefakt reagieren würde, wenn es erkannte , dass das Nabiss sich mit ihm befasste.

„ Dafür bürge ich mit meinem Leben.“ Kaum gesagt, wünschte er, er hätte geschwiegen. Aber ein Narge stand zu seinem Wort. Und das Nabiss, mit dem er in besonderer Verbindung stand, sollte ruhig spüren, wie wichtig es ihm war, Vorsicht und Zurückhaltung bei der Untersuchung an den Tag zu legen.

„ Dann“, sagte Jelto, „fang jetzt an. Bevor ich es mir anders überlege. Und solltest du mein Mädchen von dem Ding befreien können, sodass es wieder ganz hergestellt werden kann, werde ich ewig in deiner Schuld stehen. Das schwöre ich dir.“

Jiim war alles andere als wohl, als er so dicht wie nur möglich an das Komamädchen herantrat und einen seiner armierten Flügel an es heranführte, bis das Nabiss das Artefakt, das wie eine pervertierte Brosche an Aylea prangte, berührte.

Alles weitere geschah wie von selbst. Der Kontakt kam geradezu spielerisch leicht zustande.

Jiim schloss die Augen und wurde Zeuge, wie das Nabiss mit dem Artefakt kommunizierte.

Zeit verlor ihre Bedeutung.

Als er wieder die Augen öffnete, waren nach seinem Empfinden nur Momente verstrichen. Aber ebenso gut konnten es Minuten, Stunden sein ...

Dort, wo die „Brosche“ gewesen war, gab es nur noch leicht gerötetes Fleisch.

Jelto stöhnte. „Wie – hast du das gemacht? Und – was passiert jetzt weiter? Wird –“

Ein Alarmton aus dem Wanddisplay brachte ihn zum Schweigen. Die Anzeigen dort veränderten sich abrupt.

Über Ayleas Lippen rann ein Seufzer. Ihre Lider flatterten.

Jiim trat einen Schritt zurück. „Wo ist es?“, wandte er sich an Jelto.

Der Klon hatte nur noch Augen für das Mädchen. „Das fragst du mich? Ich dachte, du hättest das so gewollt? Es sah aus, als verwandele es sich in Rauch. Dieser Raum wurde von deiner Rüstung förmlich inhaliert, aufgesogen. Nachdem es weg war, hast du die Augen aufgemacht, und Aylea ist im Begriff, zu sich zu kommen. Sieh dir nur ihre Werte an ... Alles wird gut!“

Alles wird gut.

Jiim hätte sich gewünscht, dies ebenfalls glauben zu können. Aber die Erkenntnisse, die er über das Nabiss gewonnen hatte, schwangen in ihm nach.

Konnte wirklich sein, was die Ereignisse ihm suggerierten? Aber – wie hätte ein Gegenstand, von Ganfhand – Ganfgeist – erschaffen, über den Umweg Marsstation hierher an Bord gelangen sollen? Wen, der mit den Ganf in Kontakt stand, hätte es zum Mars verschlagen sollen?

Nein, er musste realistisch bleiben. Er irrte. Das Nabiss irrte. Die Schwingungen mochten sich ähneln, aber es konnte unmöglich sein, dass –

Weiter kam er mit seinen Überlegungen nicht.

Aylea schlug die Augen auf, öffnete die Lippen – wollte gerade etwas röcheln ...

... als es auch schon wieder zu spät war.

Nein, das Schicksal liebte dieses Mädchen wirklich nicht.

Sie nicht – und auch kaum jemanden sonst an Bord der RUBIKON.

Etwas Furchtbares brach über das Schiff und seine Besatzung herein.

Wie mit einem titanischen Hammer zermalmte es jedes Bewusstsein, dessen es habhaft werden konnte.

Das von Jiim ... zählte nicht dazu ...

Als der Blitz erlosch (eine Nanosekunde hatte er gedauert, wie der Nanokörper emotionslos feststellte), war alles verändert.

Jarvis wusste sofort, dass etwas Schreckliches passiert war. Etwas, dessen ganzes Ausmaß für ihn noch nicht erkennbar war – aber weit über das Sichtbare hinausging.

Das Sichtbare: Scobee und Cy zusammengesunken und vollkommen reglos in ihren Sitzen. Cy erinnerte an die verdorrten Pflanzen aus Jeltos Garten, über die der SCHREI aus dem Artefakt hinweggerollt war. So als hätte ihn der Fluch mit einiger Verspätung doch noch eingeholt. Scobee hing einfach nur da, irgendwie in sich verkrümmt, und hätte Jarvis nicht die Sinne besessen, jedes Detail mit absoluter Genauigkeit zu erfassen, wäre er vermutlich dem Irrglauben verfallen, sie sei gar nicht mehr am Leben.

Aber sie atmete. Ihr Brustkorb hob und senkte sich unmerklich.

Sofort war er aus seinem Sitz. Durchquerte die Holosäule, deren Pixel wie ein Sturzbach aus Licht gegen ihn brandeten, an ihm abperlten.

Dann war er bei Scobee. Untersuchte sie.

Ja, sie lebte. Aber sie war ohne Bewusstsein, reagierte auf keine seiner Bemühungen, sie der Ohnmacht zu entreißen.

„ Sesha?“ Parallel zu seinem Ausruf funkte er die KI auf der Frequenz an, auf die sie sich vor langer Zeit geeinigt hatten.

Die Antwort kam prompt und ausschließlich über die intakten Audiosysteme. „Ich höre.“

„ Was ist hier vorgefallen?“

„ Dem Anschein nach sind die biologischen Körper an Bord nicht für diese Art des Reisens geschaffen. Bis auf wenige Ausnahmen raubte der Sprung allen an Bord das Bewusstsein. Die Ausnahmen sind: die beiden Gloriden – mutmaßlich. Du – sicher. Ich – sicher. Der Narge Jiim – mutmaßlich.“

Der Name John Cloud fiel nicht, weder als Mutmaßung noch als sichere Behauptung.

Jarvis’ Sinne streiften den immer noch geschlossenen Sarkophag.

„ Was ist mit dem Commander?“

„ Ausgefallen“, sagte Sesha.

Ausgefallen.

Die Spanne dessen, was dieses Wort bedeuten konnte, war gewaltig.

Zu groß, als dass Jarvis Ruhe hätte bewahren können – oder auch nur wollen.

In diesem Augenblick brach etwas durch den geschlossenen Sarkophag. Ein Licht, das sich völlig von dem seltsamen Blitz unterschied, den die Schweifspitze der RUBIKON ausgelöst hatte (wie lange war das her – wirklich erst Minuten?).

Das Licht tanzte kurz wie ein Irrwisch durch die Luft, dann materialisierte sich Fontarayn hinter dem Sitz, in dem Scobee zusammengesunken kauerte.

„ Fontarayn – verdammt!“, grollte Jarvis.

Der Gloride wirkte erschüttert. Selten hatte Jarvis ihn oder sein Pendant Ovayran so „durch den Wind“ erlebt wie in dieser Situation. Er wankte förmlich, hatte Mühe, seine Stofflichkeit zu wahren.

„ Ich weiß ... es ist meine Schuld ... zumindest Mitschuld ... Aber wie hätte ich ahnen sollen ...? Euer Metabolismus ist so schwach. Der Sprung hat die meisten von euch völlig unvorbereitet getroffen. Das Gros der Besatzung ist außer Gefecht gesetzt. Aber sie werden sich erholen. Sie werden sich sicher er-“

Mit einer Schnelligkeit, die ihm wohl auch der Gloride nicht zugetraut hätte, war Jarvis um den Sitz herum und bei Fontarayn. Sofort schloss sich seine Faust um den dünnen Hals des Perlenbewahrers. „Du! Am liebsten würde ich dich ...“

„ Halt! Sei kein Narr! Ihr braucht uns – ohne uns ...“

„ ... war unser Dasein bedeutend ruhiger“, fiel Jarvis ihm ins Wort. Das war eine Lüge. Aber wen störte es. Wen störte es jetzt ?

Er schüttelte den Gloriden – und wunderte sich, dass dieser sich nicht einfach in seine energetische Existenzform rettete. Das wiederum imponierte Jarvis allmählich doch. Fontarayn vermittelte den Eindruck, dass er ehrlich bestürzt über die Entwicklung war – und alles dafür gegeben hätte, sie ungeschehen zu machen.

Daraufhin ließ er ihn frei.

Fontarayn taumelte zurück, fasste sich an die Kehle ... schien zu begreifen, dass diese schauspielerische Darbietung unter seinem Niveau war ... und besann sich eines Besseren.

„ Was ist mit dem Commander?“, blaffte ihn Jarvis an.

„ Auch er hat das Bewusstsein verloren.“

„ Sesha?“

„ Ich höre.“

„ Öffne den Sarkophag.“

Der Sarkophag bildete sich im Zeitraffertempo zurück, gab unvermittelt die Sicht auf Cloud frei, der ähnlich verkrümmt da saß wie Scobee.

„ Analyse!“, verlangte Jarvis, ohne zu wissen, ob Sesha ihn als Autorität anerkannte.

Dem war offenbar so.

„ Keine akute Bedrohung. Bewusstseinsverlust. Leite Maßnahmen ein, um die Rückführung zu beschleunigen.“

Kaum ausgesprochen eilten die bewährten Spinnenroboter aus zuvor verborgenen Öffnungen herbei. Sie kümmerten sich sofort um Cloud, Scobee und Cy.

„ Wird auch den Betroffenen außerhalb der Zentrale geholfen?“, fragte Jarvis.

„ Selbstverständlich“, antwortete die KI.

Halb beruhigt wollte Jarvis es dennoch genau wissen. „Gibt es ... Opfer zu beklagen?“

Sesha bejahte. „Eines. Das Mädchen Aylea. Der Stress der Versetzung war zu viel für ihren ohnehin geschwächten Organismus. Sie starb ...“

Jarvis hatte das Gefühl, jetzt erst selbst von den Folgen des Blitzes erfasst zu werden. Ihm war, als öffne sich der Boden unter seinem bizarren Körper ... als falle er geradewegs in den eisigen Weltraum hinaus, wo er bis zum Versagen seiner Cybersysteme durch Finsternis und Kälte driften würde.

„ ... wurde aber inzwischen wieder erfolgreich reanimiert. Allerdings musste ich sie in ein künstliches Koma versetzen, nachdem sie gerade aus dem Koma erwachte, das auf die Artefakt-Attacke zurückging.“

Sie war gerade im Erwachen begriffen?, dachte Jarvis. Aber ihm blieb keine Zeit, den Gedanken zu vertiefen. Vorerst musste genügen, dass der schlimmste denkbare Fall offenbar nicht eingetreten war.

Aylea lebt. Keine Todesopfer, nirgends auf dem Schiff.

In seiner unmittelbaren Nähe fluchte jemand auf Foronisch. Eine Sprache, die – von Sesha und Jarvis in seinem Kunstkörper – niemand so perfekt beherrschte wie John Cloud.

„ Dem Himmel sei Dank!“, wandte sich Jarvis dem Commander zu. „Wenn du dir jetzt ein Minütchen nehmen würdest, mir mal zu erzählen, was das gerade war? Sesha spricht so kryptisch wie ein delphisches Orakel. Von Fontarayn gar nicht zu reden ...“

Cloud setzte sich gerade im Sitz zurecht. Einer der Spinnenbots hatte ihm eine Injektion verabreicht. Zwei weitere bemühten sich noch um Scobee und Cy.

„ Wo soll ich anfangen?“, fragte Cloud. „Ich meine – was von dem, was Fontarayn mir gezeigt ... und was ich getan habe ... habt ihr hier ‚draußen’ mitgekriegt?“

Jarvis berichtete knapp, wie sich die Sache für ihn und die anderen dargestellt hatte.

Seine Worte nötigten Cloud ein bitteres Lächeln ab. „Dann“, sagte er, „hast du also nicht den leisesten Schimmer, wo wir sind.“

„ Müsste ich das?“

„ Es wäre zumindest kein Nachteil. Sesha ...?“

Die KI schien wortlos zu begreifen, was von ihr erwartet wurde.

In der Holosäule wechselten die Bildeinspielungen.

Statt der RUBIKON, die immer noch wie ein Platzhalter als Simulation darin geschwebt hatte, erschien eine Spiralgalaxie. Die Milchstraße, war Jarvis erster Gedanke. Bis ihm Details auffielen, die nicht zur Milchstraße passten. „Ist das ... Andromeda?“, fragte er.

„ Ja“, bestätigte Cloud. „Und ich kann dir versichern, dass es weder ein Bild aus irgendeinem Sternenatlas noch eines ist, das via Superteleskop herangezoomt wird.“

Jarvis wartete verständnislos auf weitere Erklärungen.

„ Du hast es immer noch nicht kapiert“, fragte Cloud. „Stimmt’s?“

„ Dein Tonfall gefällt mir nicht. Ich habe was noch immer nicht kapiert?“

„ Dass wir da sind. In – zumindest was kosmische Maßstäbe angeht – unmittelbarer Nähe unseres erst jüngst erklärten Zieles.“

Aus Jarvis’ Körper löste sich etwas, das wie ein Ächzen klang. „Du willst nicht ernsthaft behaupten, dass –“

„ O doch, mein Alter, ich will und bleibe dabei. Vergiss alles, was ich über eine monatelange Reise gefaselt habe. Fontarayn hat mich auf eine nette kleine Fähigkeit unseres Schiffes aufmerksam gemacht, über die uns bis dato nichts bekannt war – und die ich einfach gleich ausprobieren musste .“

Fontarayn näherte sich fast schamhaft aus dem Hintergrund. „Habe ich zu viel versprochen?“, fragte er.

Cloud schüttelte den Kopf. „Eher zu wenig.“ Er nickte Jarvis zu. „Ja, du darfst es ruhig glauben. Wir haben die Distanz Milchstraße – Andromeda mit einem einzigen gewaltigen Satz überwunden. Mit anderen Worten: Die RUBIKON kann nicht nur sanft mit x-facher Lichtgeschwindigkeit dahingleiten, wie wir bislang glaubten ... sondern auch transitieren . – Nur an den Nebenwirkungen wird noch zu feilen sein ...“

Die Nebenwirkungen.

Clouds launige Worte elektrisierten Fontarayn regelrecht, auch wenn er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.

Nachdem es dem Kommandanten der RUBIKON wieder besser ging und er sich sowohl von den Nachwirkungen des mörderischen Transitionsschocks als auch der Bot-Injektion erholt hatte, nahm der Gloride ihn beiseite.

Cloud blickte ihn, wenn Fontarayn das komplexe Mienenspiel richtig deutete, ablehnend an und meinte, noch bevor er etwas sagen konnte: „Nein!“

„ Ich fürchte, ich verstehe nicht ...“

„ O doch, du verstehst sehr gut – und meine Antwort, falls du vorhast, mir etwas Unangenehmes mitzuteilen, lautet schlicht und ergreifend: Nein! BEHALTE ES FÜR DICH!“

„ Woher weißt du –“

„ Nenne es einen sechsten Sinn, den ich allmählich für dich entwickele.“

Fontarayn schwieg kurz, dann sagte er: „Ich fürchte, dein Sinn trügt dich nicht.“

„ Also schlechte Nachrichten.“

„ Die volle Wahrheit ist, ich weiß es nicht.“

„ Und das bedeutet? Komm schon, raus mit der Sprache! Wer gackert, muss auch sein Ei legen – altirdische Redensart.“

„ Nett“, sagte Fontarayn. „Und weise.“

„ Was ist los? Was hast du in petto? Es wäre ja auch zu schön gewesen – ein Transitionssprung, der uns eine monatelange Reise durch den Leerraum zwischen den Galaxien erspart und kein Haken ... yep, das wäre wirklich zu schön gewesen ...!“

„ Vielleicht hast du gemerkt, dass ich eben kurz die Zentrale verließ?“

Cloud schüttelte den Kopf. „Bedaure. Ich hatte mit mir selbst zu tun. Aber wenn, kannst du nicht lange weg gewesen sein.“

„ Ein paar Sekunden.“

„ Ah.“ Cloud nickte gequält. „Verstehe. Bist als kleiner Lichtirrwisch durch die Gänge gejoggt.“

„ Bitte?“

„ Vergiss es.“

„ Ich war bei Ovayron und habe mich mit ihm ... ihr würdet sagen besprochen.“

„ So schnell?“

„ Wir Gloriden sind anders als ihr. Auch besser organisiert.“ Fontarayns Lächeln wirkte aufgesetzt wie eine schlecht passende Maske.

„ Zumindest leidet ihr nicht unter mangelndem Selbstvertrauen. – Was gab es zu besprechen?“

„ Ich wollte mich vergewissern, dass es nicht nur mir auffiel – eine zweite Meinung einholen sozusagen.“

„ Worüber?“

„ Über die Transition.“

Cloud hielt inne. Seine Augen weiteten sich leicht. „Sie ist schief gegangen!“

Fontarayn wollte dies nicht dementieren, schränkte aber ein: „Im Ergebnis nicht. Wir sind dort, wohin wir wollten. Nur ...“

„ Nur?“

„ Der Sprung war nicht so, wie ich es erwartet hätte.“

„ Oh“, entfuhr es dem Commander der RUBIKON. „Wirklich?“ Er verzog das Gesicht. „Na, willkommen im Club! Das stehst du wahrlich nicht alleine. Für mich verlief er auch alles andere als ... erwartet.“

„ Du verstehst mich falsch. Unsere Schiffe transitieren nicht. Ihr Antriebsprinzip folgt anderen Gesetzen. Aber auch wenn ich nie zuvor transitiert bin, erkennt ein Gloride intuitiv, ob die Abläufe ... wie soll ich sagen? Ob die Vorgänge normal ablaufen oder nicht ...“

„ Und das taten sie nicht?“

„ Nein.“

„ Sondern?“

„ Ich kann es nicht in Erklärungen umsetzen – aber es bereitet mir Sorge.“

Cloud nickte. „Danke. Mir jetzt auch. Vor allem, weil du dich so klar ausdrückst.“

„ Ich wünschte, ich könnte es genauer spezifizieren. Aber Ovayran teilt meine Vorbehalte. Und er glaubt auch eine vage Spur zu verfolgen, die den ... Fehler – oder sagen wir die Abweichung von der Norm – in der Transition erklären könnte.“

„ Vielleicht trügt dein ... euer Gefühl ganz einfach.“

„ Vielleicht. Ich wollte nur, dass du vorbereitet bist – falls sich mein Verdacht irgendwann bestätigt.“

„ Und was werde ich dann davon haben?“

„ Möglicherweise – nichts. Vielleicht kann es aber auch helfen, dir bewusst zu machen, dass die Transition eventuell nicht folgenlos bleibt.“

Cloud wandte sich wieder den anderen zu, blieb aber noch einmal stehen. „Folgenlos wird sie so oder so nicht bleiben“, sagte er. „Wir stehen vor den Pforten einer völlig fremden Galaxis. Hier war vor uns noch kein Mensch. Für dich mögen dies heimische Gefilde sein – du stammst immerhin aus der hiesigen CHARDHIN-Perle. Aber für mich ... für uns andere ist es die absolute Fremde. – Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest. Meine Mannschaft erwartet noch die eine oder andere sonstige Erklärung von mir. Wie du selbst am besten weißt, ist die Sprungfähigkeit der RUBIKON nicht alles, was du mir an Novitäten gezeigt hast ...“

Mit diesen Worten ließ er Fontarayn stehen.

Ovayron materialisierte sich unmittelbar neben Prosper Mérimée. Der Zirkusdirektor schrak zusammen und fluchte: „Kannst du nicht ein einziges Mal wie ein normaler Mensch –“

„ Ich bin kein Mensch.“

„ Ach? Wäre mir nie aufgefallen. Was gibt es denn jetzt schon wieder? Falls das ein Bewerbungsgespräch für die Aufnahme mit mein Ensemble werden soll, kann ich dich beruhigen: Du hast den Job. Du hast ihn blind! Einer wie du fehlte gerade noch in unserer Mannschaft! Ich werde das nächste Programm um dich als Attraktion herum aufbauen ...“

„ Du planst eine Vorstellung?“ Der Gloride gab sich Mühe, ehrlich interessiert zu wirken.

Was Mérimée mir noch ärgerlicher machte.

„ Was ist nun?“, schnappte er. „Was gibt mir die Ehre deines Besuchs?“

„ Du hast gehört, was passierte?“

„ Wir wurden alle grob informiert. Dieses Wunderschiff hier ...“ Mérimées Handbewegung schloss die gesamte RUBIKON ein. „ ... hat uns mit einem fürchterlichen Paukenschlag Richtung Andromedanebel katapultiert – genauer gesagt in die unmittelbare Peripherie der Großgalaxie, die der Milchstraße am nächsten liegt.“

Ovayran stand da wie eine Statue. Nur seine Lippen bewegten sich, als er fragte: „Wie war die Transition für dich?“

„ Da wir rechtzeitig aufgefordert wurden, uns in den Schutz eines Sitzes oder einer Koje zu begeben, habe ich wie fast alle anderen den temporären Bewusstseinsverlust ganz gut weggesteckt. Wiederholen ... wenn du darauf anspielst ... wiederholen möchte ich den Hammerschlag nur ungern.“ Er zog die Brauen nach oben, legte die Stirn in Falten. „Oder bist du deshalb gekommen? Um mir zu sagen, dass ein neuer Sprung bevorsteht?“

Ovayran beeilte sich, dies zu verneinen. „Der Sprung führte zu exakt den Koordinaten, die John Cloud mit Fontarayns Unterstützung festlegte – nachdem dieser ihm die neuen Möglichkeiten der RUBIKON erschlossen hatte. Dennoch stimmen mein Perlenbruder und ich darin überein, dass die Transition anders verlief, als sie hätte verlaufen sollen. Es gab definitiv ein Problem – auch wenn wir beide noch nicht sagen können, worin es sich äußert.“

„ Oh.“ Mérimée strich sich durch den Nacken, der immer noch verspannt war vom Entzerrungsschmerz. Auch das Medikament, das einer der Bordbots ihm verabreicht hatte, hatte daran nichts ändern können. „Und was habe ich damit zu tun?“

„ Wenn sich mein Verdacht bestätigt, sehr viel.“

„ Dein Verdacht. Und der lautet?“

„ Dass du das Problem bist.“

Mérimée forschte vergeblich in den glatten, puppenhaften Zügen des Gloriden nach einem Hinweis, dass dies ein neuerlicher Versuch war, menschlichen Humor zu imitieren.

Aber dem Perlenbewahrer schien es ernst zu sein.

Todernst.

Als Mérimée betroffen schwieg, fuhr der Gloride fort: „Deshalb möchte ich dich noch einmal eindringlich ersuchen, es mir endlich zu gestatten, dich näher zu untersuchen ... und zu erforschen.“

„ Und wie ginge eine solche Untersuchung vonstatten?“

„ Ich würde das tun, was Fontarayn bei John Cloud tat – vorübergehend mit dir verschmelzen. Du müsstest deine Hülle mit mir teilen – aber keine Sorge, nicht für lange. Es ginge, wenn keine Komplikationen auftreten, sehr schnell.“

Auf das Wort Komplikationen reagierte Mérimée allergisch. „Nein“, lehnte er strikt ab. „Ich wüsste auch nicht, was für einen Nutzen es brächte, dich in mich rein zu lassen. Schon der bloße Gedanke ... brrrrrrrrrr!“ Er schüttelte sich. „Dein Gefasel von einem Problem, das nicht einmal du benamen kannst, überzeugt mich nicht. Geh jetzt. Bitte . Und lass mich endlich in Frieden. Ich lege keinen Wert auf deine Gesellschaft, auch wenn dich das vor den Kopf stoßen mag. Aber meine ‚Freunde’ suche ich mir immer noch selbst aus!“

„ Ich hatte nicht vor, dir meine Freundschaft anzutragen. Betrachte mich lieber als Arzt, der in der Lage wäre, dir eine klare Diagnose deiner Risikofaktoren auszusprechen.“

„ Es reicht!“ Mérimée zeigte mit ausgestrecktem Arm zur nächstbesten Wand. „Da ist die Tür – auch wenn keine da ist. Für dich kein Problem, du verstehst schon, oder?“

„ Mein Angebot steht“, verabschiedete sich der Gloride. „Du bist ein extrem interessanter Fall. Vielleicht bist du bei meinem nächsten Besuch zugänglicher. Kooperativer. Ich hoffe um deinetwillen, dass dann nicht die Situation es sein wird, die dich zum Umdenken zwingt.“

Als Ovayran gegangen war, konnte Mérimée nicht länger an sich halten: „Sesha!“, brüllte er. „Beim Getto – Sesha! Halt mir diesen Ungeist vom Leibe oder ich schwöre, ich vergesse mich! Das nächste Mal vergesse ich mich ganz sicher ...“

Das Schweigen mit dem die KI „antwortete“ vertiefte die Eindrücke der neuerlichen Begegnung mit dem Störenfried stärker als jedes Wort es vermocht hätte.

Mérimée spürte plötzlich das unbändige Verlangen nach Gesellschaft.

Benommen verließ er seine Kabine.

image
image
image

4.  

image

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Großband Raumschiff Rubikon 2 - Vier Romane der Weltraumserie" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen