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Groheim - Stadt der Magier

Hendrik M. Bekker

Groheim - Stadt der Magier

Cassiopeiapress Fantasy





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Groheim - Stadt der Magier

von Hendrik M. Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 207 Taschenbuchseiten.

Kapitel 1: Albträume

Grogarda schlug mit aller Wucht nach dem gigantischen pelzigen Leib und schnitt tief genug hinein, dass ihm warmes Blut entgegenspritzte. Markerschütterndes Kreischen belohnte ihn für den Hieb.

Er musste blinzeln, um das Blut aus den Augen zu bekommen. Erneut holte er aus. Plötzlich traf ihn seitlich ein Prankenhieb und zerfetzte sein Kettenhemd. Bis in die Haut ritzten die Klauen, doch er ignorierte den Schmerz und stach noch einmal zu. Wieder war Gebrüll zu hören, das schließlich in Gurgeln überging. Die Bestie brach über ihm zusammen und drohte ihn zu erdrücken, was aber seine Klinge letztlich tiefer in ihren Torso trieb.

Grogarda Branbar schreckte aus seinem wirren Traum auf. Fahrig strich er sich mit der Hand durch seinen schwarzen zerzausten Bart und versuchte, das Gesehene zu ordnen. Seit Tagen nun hatte er immer wieder denselben Traum. Dabei befand er sich in einer Stadt, in der das Licht seltsam war. Er war umringt von Menschen. Dann sprang der Traum zu einem Kampf mit etwas, das er noch nie gesehen hatte und an das er sich auch nur schwer erinnern konnte. Je mehr er sich auf das Aussehen dieser Kreatur konzentrierte, umso mehr zerrann die Erinnerung. Manchmal träumte er anschließend von einem Haufen Gold. Immer erwachte er schweißgebadet und völlig außer Atem, als wäre er eine lange Strecke gerannt.



Grogarda Branbar war Kapitän der Darnagl, eines Frachtschiffes für zwei bis drei Dutzend Mann, das durch seine Bauweise auch schon für Kaperfahrten hatte herhalten müssen.

Er stieg vorsichtig aus der Hängematte unter Deck seines Schiffes. Oft fuhren sie zum Schlafen ans Ufer und gingen vor Anker, doch der Wind war zu günstig gewesen. Sie waren die Nacht über durchgefahren.

Er ging leise die wenigen Stufen nach oben, denn er wollte keinesfalls seine Mannschaft durch ein verräterisches Knarren der Holzplanken wecken. Seine Träume störten ihm den Schlaf, seiner Mannschaft sollten sie nicht das Gleiche antun.

Oben angekommen, wehte ihm eine kalte klare Brise entgegen, die die Schrecken der letzten Nacht fast verdrängen konnte. Doch nur fast.

Schon einige Nächte lang überkam ihn dieser Traum, jedes Mal schien er intensiver zu werden. Das Einzige, was diesmal anders gewesen war, war, dass er sich an einen Namen erinnerte.

Furtolthara.

Dieses Wort war untrennbar mit dem Traum verbunden.

„Wundervoller Himmel, was, Kapitän?“, sagte nun plötzlich eine Stimme neben ihm. Es war Einar Svear, erster Steuermann der Darnagl. Der braungebrannte Riese hielt die letzte Schicht der Nachtwache.

Es blies ein beständiger Wind nach Norden, so dass lediglich ein Mann das Steuer zu halten hatte während der Nacht. Nur wenn sich dies änderte, wurden andere geweckt, doch Einar beherrschte das Schiff meisterlich. Er überragte nicht nur körperlich alle an Bord.

Grogarda betrachtete den klaren Sternenhimmel mit der schier endlosen Zahl heller Punkte.

„Wahrlich, ein wundervoller Anblick“, erwiderte er. „Einar, du bist doch bereits weit herumgekommen, lange bevor du bei mir angeheuert hast, nicht wahr?“

„Das ist richtig, Kapitän.“

„Sagt dir ‚Furtolthara‘ irgendetwas?“

„Nur das, was ich von den Leuten in Groheim weiß“, sagte Einar nach einem Moment. Grogarda nickte. Er kannte die Geschichten, die man sich über das wunderliche Reich im hohen Norden, tief im endlosen Eis, erzählte. Angeblich war dort grenzenloser Reichtum verborgen.

„Kennst du jemanden, der dort war?“, fragte er, während Einar zurück zur Ruderpinne ging und sie aus ihrer Halterung löste. Falls längere Zeit nur geradeaus gefahren werden sollte, hielt ein eingeklemmter Pflock das Ruder immer gerade.

Jetzt übernahm Einar wieder direkt die Kontrolle über das Schiff. Er orientierte sich an der im Dunkeln liegenden Küstenlinie, schwach durch das Mondlicht erkennbar. Er wusste genau, in welche Meeresbucht sie einfahren mussten, um in Groheim, ihrer Heimatstadt, zu landen.

„Ein paar Prahler gibt es immer. Und Gerüchte. Das dürftest du selbst wissen. Aber direkt jemanden, dem ich Glauben schenken würde? Nein, Keinen“, erwiderte Einar. Grogarda nickte zustimmend. Es wäre verrückt, nur aufgrund eines Verdachts nach Furtolthara zu fahren. Doch die Träume mussten etwas zu bedeuten haben. War es ein Zeichen Hagadans, des Göttervaters? Vielleicht aber auch eines seiner Söhne. Vilak, zum Beispiel, von dem man sich erzählte, er habe die Menschen des Nordens den Handel gelehrt.



Während die Sonne sich langsam höher schob und den neuen Tag erhellte, konnte Grogarda gerade die letzten Blicke auf ihre Heimatstadt Groheim erhaschen. Sie waren an der Bucht vorbeigefahren, um ihre Ladung abzuliefern. Diese bestand aktuell aus Barren verschiedener Metalle und Legierungen, die sie zu Bargards Schmiede bringen wollten. Seine Klingen waren bekannt im ganzen Norden, bis hinunter nach Thoromgard. Sie hielten viele Kämpfe aus und angeblich bei richtiger Behandlung ewig.

Die Klingen Bargards waren leicht zu erkennen. Kurz über dem Griff war stets ein kleines Symbol eingearbeitet, das als sein Qualitätssiegel galt. Es war eine Art Haken mit einem durchgezogenen Querstrich. Grogarda selbst besaß seit langem eines von Bargards Schwertern.



Sie erreichten ihr Ziel gegen Mittag. Ein kurzes Stück weit mussten sie in einen breiten Flussausläufer hineinfahren, an dessen Ufer einige kleinere Häuser zu sehen waren. Bargard hatte mehrere Hütten, in denen von ihm und seinen acht Gesellen Erz verarbeitet und geschmiedet wurde.

Ein kurzer Kai ragte vom Strand in den Fluss, aufgehäuft aus groben, großen Felsbrocken.

Während sie das Schiff festmachten und begannen, die Kisten mit den schweren Barren an Deck zu bringen, kamen von den Hütten mehrere muskelbepackte Kerle zu ihnen herüber.

Ihr Anführer, Bargard, war ein breiter und großer Mann, dessen nackter Oberkörper vor Schweiß glänzte. Er schien direkt aus der Schmiede gekommen zu sein. Sein Oberkörper war überzogen mit einer verschlungenen Tätowierung, die Muster auf seinem Rücken bis über seine Schultern bildete.

„Grogarda, endlich“, rief er ihnen fröhlich mit laut tönender Stimme entgegen. „Ich warte schon eine Weile auf dich. Wie war die Fahrt von Herodania? Ärger gehabt?“

„Keinen nennenswerten, nur ungünstigen Wind“, erwiderte Grogarda. Während Trojus, der erste Maat der Darnagl, begann, mit den Männern die Fracht zu verladen, wandten sich Grogarda und Bargard in Richtung der Schmiede.

„Und, hast du alles bekommen?“, fragte Bargard.

Grogarda nickte. „Alles. Sag, gibt es Neuigkeiten? Wir sind direkt zu dir gefahren und haben nicht mal eine Pause in Groheim eingelegt.“

„Nichts Besonderes. Nur eine kleinere Fehde, irgendwer hat Jorags Sohn im Suff erschlagen und weigerte sich, dafür zumindest eine Ausgleichszahlung zu zahlen. Aber das ist auch schon eine Weile her, ich weiß es von Hurka“, erklärte Bargard. Grogarda kannte Hurka oberflächlich. Er war ein Händler, der mit seinem Schiff den ganzen Norden bereiste und ebenfalls regelmäßig Bargard belieferte.

Sie gelangten in einen Nebenraum der Schmiede, in dem es aufgrund der immensen Hitze im Schmiederaum nebenan deutlich wärmer als draußen war. Bargard schloss mit einem Schlüssel, den er an der Hüfte trug, eine eiserne Truhe auf und reichte Grogarda einen Beutel Goldmünzen.

„Der übliche Preis“, sagte er dabei.

Grogarda nickte und schüttete den Inhalt des Beutels auf einen niedrigen Tisch im Raum aus. Während er die Münzen zurück in den Beutel packte, zählte er mit.

Anschließend nickte er zufrieden.

„Bis zum nächsten Mal. Kann ich dir noch irgendwas besorgen?“, fragte er auf dem Weg zurück zum Hafen. Bargard kratzte sich am Kinn und schüttelte dabei den Kopf.

„Nee, lass mal gut sein, erstmal nicht.“



Der Wind stand günstig, so dass sie gemächlich zurück aufs Meer fahren konnten und langsam in Richtung Groheim segelten. Es war kein kräftiger Wind, doch zu viel, um sich an die Ruder zu hängen, wie Grogarda fand.

Während die Sonne tiefer sank, nahm die Brise langsam ab, so dass Grogarda die Männer in Schichten an die Ruder schickte. Der verbleibende Teil vergnügte sich derweil mit einem Würfelspiel oder beschäftigte sich mit der Pflege der Waffen und anderen Ausrüstung.



„Kapitän“, rief Trojus plötzlich und deutete auf eine der vielen Buchten, an denen sie vorbeikamen. Inmitten einer Bucht lag ein Schiff mit leichter Schlagseite. Grogarda konnte sich nicht erinnern, eine so seltsame Schiffskonstruktion wie diese schon einmal gesehen zu haben.

„Beidrehen“, befahl er. „Das sehen wir uns an.“

Grogarda stellte sich zu Trojus. „Achte auf das Ufer!“, befahl er, während sie sich langsam dem Schiff näherten, „ich will in keine Falle laufen.“

Trojus nickte.

„Möglich, dass es eine ist, aber wer sollte hier so etwas machen? Höchstens Fremde. Vielleicht Piraten“, spekulierte er.

Grogarda schüttelte langsam und bedächtig den Kopf.

„Hätte Bargard uns eigentlich von erzählen müssen. Mir gefällt das nicht.“

Sie hatten das fremde Schiff fast erreicht. Es hatte ungefähr die halbe Länge der Darnagl und war für ein bis drei Mann Besatzung konstruiert. Ein kleiner Aufbau verriet, dass unter Deck noch Platz war, entweder zum Schlafen oder um Proviant zu lagern.

„Eher ein Kurzstrecken-Boot, nichts, was ich für eine weite Reise wählen würde. Längere Überseestrecken wären mit einer Person sicher nicht einfach, aber aufgrund der kompakten Konstruktion möglich“, bemerkte Trojus. Grogarda nickte.

Im Rumpf steckten mehrere Pfeile. Der Rumpf war teilweise gesplittert, woher auch die Schlagseite kam.

„Es sinkt, oder?“, fragte Rangnar und fuhr sich mit der Hand durch die rotbraunen Haare. „Wurde nur notdürftig abgedichtet. Der Schaden sieht übel aus. Wenn wir an Bord gehen, sichern wir‘s besser.“

Er nickte Fagrar Ejevson zu, einem breitschultrigen Mann mit meergrünen Augen und schwarzen Haaren. Dieser verschwand, sich seine Ärmel hochkrempelnd, unter Deck. Kurz darauf erschien er mit zwei aufgerollten langen Tauen, von denen er eines Rangnar zuwarf. Dieser fing es gewohnt sicher. Je ein Ende knoteten sie an der Darnagl fest und warteten. Auf das bestätigende Nicken Grogardas sprangen sie hinüber auf das fremde Schiff, das ein ganzes Stück unter die Wasserlinie sank. Sie zurrten die Taue fest und befestigten das fremde Schiff an der Darnagl so, dass es wieder an Höhe gewann.

Rangnar sprang einmal leicht, um zu testen, ob die Taue hielten. Das Schiff wackelte, sank aber nicht weiter ein.

„Willst du auch, Kapitän?“, fragte er. Grogarda nickte und kletterte hinüber auf das fremde Schiff. Der Aufbau war mit einer kleinen hölzernen Tür verschlossen, in die seltsame Intarsien eingearbeitet waren. Sie waren Grogarda vollkommen fremd. Möglicherweise war es eine Schrift, vielleicht aber auch einfach nur eine Verzierung.

Er öffnete die Holztür und fand dahinter einen Raum, der kniehoch mit Wasser gefüllt war. Das Leck konnte man gut sehen, da es durch das Vertäuen an der Darnagl über der Wasserlinie war. Licht schien herein. Über drei Treppenstufen gelangte Grogarda in ein Chaos aus Fässern und Kisten. Sie waren wild durcheinandergewirbelt worden. Über einem der Fässer lag ein blauhäutiger Mann in einem fremdartigen Gewand, das aus einer weiten beigen Pluderhose und einem gleichfarbigen Hemd bestand. Darüber trug er eine lederne Weste mit kleinen Taschen. Um den Kopf hatte er ein Tuch geschlungen, das vielleicht einmal zu einem kunstvollen Kopfschmuck gewickelt gewesen war, nun aber nur noch lose und wirr herabhing.

„Fagrar, komm mal her“, rief Grogarda. Dieser kam mit schweren Schritten hinunter und half Grogarda, den Fremden an Deck zu hieven.

„Hast du so etwas schon einmal gesehen?“, fragte Fagrar, während er auf die blaue Haut starrte.

„Schwarzhäutige, ja, aber sowas? Nein. Er scheint ansonsten ein völlig normaler Mensch zu sein“, erwiderte Grogarda. Der Fremde hatte einige kleinere Schnitte und eine blutverkrustete Stelle am Kopf, schien aber ansonsten nicht verletzt zu sein.

„Dem wurden mit ziemlicher Wucht die Lichter ausgeknipst“, bemerkte Fagrar.

„Aber er atmet noch, wir können ihn schlecht hier zurücklassen“, erwiderte Grogarda, während sie ihn zu Trojus und Einar auf die Darnagl herüberreichten.

Rangnar kletterte mit ihnen auf die Darnagl herüber.

„Hab mal geschaut, aber nichts Wertvolles gefunden. Auch nichts Persönliches. Habt ihr unter Deck nur ihn gefunden?“, fragte er, an Fagrar gewandt.

Dieser nickte. „Nix, nicht mal Persönliches.“

„Lass das Wrack sinken“, befahl Grogarda dann, da alle wieder an Bord der Darnagl waren. „Es ist zu groß, um es bis Groheim mitzuschleppen.“

Sie lösten die Taue. Während das Schiff langsam wieder Schlagseite bekam, sah Grogarda es sich noch einmal an. Woher es wohl kam? Es war ganz anders als die Schiffe der Menschen des Nordens. Selbst als die der Mittellande. Nicht einmal das elbische Schiff, das er einst im Hafen von Toolda gesehen hatte, glich dieser Bauart.

Eine günstige Brise wehte, das Segel blähte sich schwach im Wind und brachte sie aus der Bucht heraus.

„Legt euch in die Riemen, ich will den Fremden so schnell wie es geht nach Groheim gebracht haben. Er soll eine anständige Behandlung erhalten“, befahl Grogarda dann.



Die Männer hatten ihn auf eine improvisierte Trage gelegt. Er reagierte nicht auf äußere Reize und atmete langsam und regelmäßig.

„Wie geht es ihm?“, fragte Grogarda, der zur Lagerstätte des Fremden unter Deck geklettert war. Rangnar stand bei seinem Lager und flößte dem Fremden aus einer Schale einen in Groheim üblichen Kräutertrank ein, der bei der Heilung aller Arten von Beschwerden helfen sollte.

„Er bewegt sich manchmal, ist aber nicht bei Bewusstsein. Den Trank schluckt er gut, aber sonst weiß ich nicht, was ich tun soll“, erklärte Rangnar. „Er scheint schwer irgendwo gegengeschlagen zu sein. Er nuschelte zwischendurch was, ich hab‘s aber nicht verstanden.“

„Gut, wir sind bald in Groheim, bis dahin bleibst du an seinem Lager und siehst zu, ob er aufwacht“, entschied Grogarda.



Einige Stunden später liefen sie in den Hafen von Groheim ein. Die Stadt war umgeben von einer Mauer aus groben Steinen, von denen manche größer waren als ein Mann. Sie lag in einer Meeresbucht und hatte einen großen, befestigten Hafen, in dem Schiffe aller Herren Länder lagen.

„Endlich wieder vernünftige Häuser“, grunzte Rangnar Kanhave, während er die vertrauten Langhäuser betrachtete. Dazwischen erhoben sich einige wenige mehrstöckige Steingebäude, die Einwanderer errichtet hatten. Die Mehrheit der Bewohner Groheims bevorzugte aber die traditionellen Häuser.

Als sie am Kai anlegten, waren bereits einige Tagelöhner da, um beim Ausladen zu helfen. Rangnar verscheuchte sie, denn er und die anderen hatten vor, selbst auszuladen. Grogarda ließ seinen Männern die freie Wahl, Waren selbst auszuladen und dafür mehr Sold zu bekommen oder es Tagelöhner machen zu lassen.

Sie verdienten ihr Geld vornehmlich mit dem Handel und Transport von Waren, manchmal Personen und hin und wieder einer Plünderfahrt. Die Darnagl war in der Lage, eine Menge zu laden und gleichzeitig mit einer kleinen Besatzung auszukommen. War sie allerdings fast leer, war sie recht wendig und schnell, was sie auch als Angriffsschiff nutzbar machte.

„Beim Göttervater Hagadan, Grogarda, endlich! Hast du, was ich brauche?“, rief ein Mann mit blondem, langem Haar vom Kai zu ihnen herüber. Grogarda sprang von der Reling aus zur blonden Person und nickte.

„Vierzig Ballen feinsten Tuches, wie bestellt, Horif“, erklärte er.

„Dann lass sie von deinen Männern direkt in mein Lager bringen, ich habe Aufträge, die nicht warten können“, erwiderte dieser und drückte Grogarda einen Beutel Münzen in die Hand.

„Die Hälfte vor der Fahrt, die andere bei Ankunft, wie abgemacht“, fügte Horif hinzu. Grogarda nickte und wog den Beutel in der Hand.

„Es ist mir eine Freude, mit dir Geschäfte zu machen“, erwiderte Grogarda und blickte sich im Hafen um. „Es ist recht ruhig für einen normalen Morgen in Groheim.“

„Es ist im Moment nicht einfach, Waren umzuschlagen. Es gab dieses Jahr, während ihr weg wart, eine schlechte Ernte. Das bringt alles durcheinander. Dazu sind einige spät dran mit ihren Landtransporten von Waren. Angeblich ist der Pass im Moment nur schwer passierbar“, erklärte Horif. „Wird sich sicher bald regeln.“

Grogarda schwieg und nickte.

Damit war für ihn die Unterhaltung scheinbar zu Ende und er wandte sich ab.

„Die Ballen direkt zu Horif ins Lager“, rief Grogarda zu seinem Vertrauten Trojus Eisrgel, der im Notfall als Stellvertreter des Kapitäns diente und ihm Arbeit abnahm.

Trojus nickte und rief die Mannschaft zusammen, um sie zu instruieren.

Grogarda blickte Horif nach und überdachte dessen Worte.

„Fyfta, Einar, bringt mir den Blauhäutigen“, rief er hinauf zum Schiff. Gemeinsam hievten die beiden den Fremden auf einer improvisierten Bahre von Bord. Grogarda ging ihnen voran zum alten Stug.

Dieser war ein bekannter Heiler, wie er betonte, kein Arzt, sondern Heiler. Er lebte am Rand der Stadt in einer leicht windschiefen Holzhütte. Kleine runde Fenster spendeten Licht in dem vollgestopften Haus, in dem von jeder Stelle der Decke Kräuterbündel zu hängen schienen. Flaschen mit Tinkturen standen herum und Kerzen brannten. Sie verbreiteten einen seltsamen süßlichen Duft.

„Was kann ich für euch tun?“, brummte Stug mit einer tiefen Stimme. Er hatte bis auf seinen schwarzen Bart, in dem bereits die ersten grauen Strähnen zu sehen waren, einen völlig kahlen Schädel.

„Wir haben einen Kranken, der deiner Hilfe bedarf“, erklärte Grogarda, der an der von Stug geöffneten Haustür stand.

Der missmutige Blick des Alten verschwand und wich einem neugierigen Funkeln in seinen Augen.

„Kommt, kommt“, sagte Stug und winkte sie hinein. Sie trugen den Blauhäutigen auf einer Bahre herein. Als der Blick von Stug auf den Blauhäutigen fiel, hob er die buschigen schwarzen Augenbrauen. „Wo hast du den denn aufgegriffen?“

„Er trieb in einem beschädigten Schiff herum“, erklärte Grogarda. „Er war bereits bewusstlos. Wir haben ihm einen Stärkungstrank verabreicht, aber bisher ist er nicht zu Bewusstsein gekommen.“

„Ich werde mich um ihn kümmern“, sagte Stug und zog dabei sein seltsames Gewand zurecht, das aus mehreren Bärenfellen zu bestehen schien. „Was die Kosten angeht ...“, fügte er noch hinzu, doch Grogarda unterbrach ihn, indem er die Hand hob.

„Das dürfte vorerst reichen“, sagte er und reichte Stug eine Goldmünze. „Meld dich, wenn er zu Bewusstsein kommt.“

Stug nickte und Grogarda verließ die seltsame Hütte mit Fyfta und Einar. Anschließend entließ er sie aus seinen Diensten. Sie hatten den Rest des Tages frei. Grogarda selbst wollte seine Familie besuchen.



Grogarda klopfte fest an die niedrige Holztür des Langhauses, das er mit seiner Frau und seinem Sohn bewohnte. Sein Sohn war gerade drei Winter alt geworden, als er zu seiner Fahrt aufgebrochen war. Seine Magd Vola öffnete ihm die Tür. Sie trug ein braunes Kleid und hatte eine fleckige Schürze umgebunden. Ihre dunkelblonden Haare waren hochgesteckt und mit einem Tuch zusammengeknotet, so dass sie sie nicht beim Arbeiten behinderten.

„Herr Branbar“, rief sie freudig aus. „Eure Frau wird überglücklich sein.“

Sie rief einmal laut in das Langhaus.

„Frau Branbar, Frau Branbar“, dröhnte sie erneut. Sie hatte eine laute Stimme, die nicht recht zu ihrer zierlichen Gestalt passte. Sie war etwas älter als Grogarda und erinnerte ihn mit ihrer Stimme immer an Hafenspelunken und grölende Männer. Er schüttelte den Kopf leicht, um die Vorstellung zu vertreiben, bevor er loslachen musste.

Vola verschwand in einem der Räume des Hauses, während Grogarda sich in das Esszimmer des Langhauses setzte. Es war eine kleine Halle, in der auch Feste gefeiert wurden. Es gab eine offene Feuerstelle, über der man Kessel und Fleischspieße aufhängen konnte und eine entsprechende Luke oben im Dach, die geöffnet wurde, um den Rauch abziehen zu lassen. Im Moment hing über dem leise prasselnden Feuer ein kleiner Kessel, in dem eine trübe Suppe vor sich hin blubberte.

„Papa“, quiekte eine Stimme an der Tür, die vom Lagerraum zur Festhalle führte. Sein Sohn, Wybren, stand im Eingang. Er hatte goldenes Haar und lächelte breit. Er trug eine braune Stoffhose voller Grasflecken an den Knien. Er ging mit tapsigen Schritten auf seinen Vater zu.

„Grogarda“, hörte selbiger nun erleichtert seine Frau sagen, die hinter ihrem Sohn den Raum betreten hatte. Sie hatte ihr rotbraunes Haar heute offen, was einen schönen Kontrast bildete zu ihrem moosgrünen Gewand. Auf dem Arm trug sie ein kleines Baby.

„Telsa“, rief er aus und setzte seinen Sohn, den er inzwischen auf dem Schoß hatte, auf den Stuhl neben sich. Er stand auf und umarmte seine Frau.

„Ich hatte befürchtet ...“, begann sie, doch er legte ihr den Finger auf den Mund. „Du weißt, ich kehre immer zu dir zurück.“

Eine Weile legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und niemand sagte ein Wort.

Das Baby auf ihrem Arm begann vor sich hin zu brabbeln und griff in Grogardas Bart hinein.

„Und wer ist das?“, fragte Grogarda leise, während er versuchte seinen Bart den kleinen Händen zu entwinden. Das Baby begann daraufhin zu lachen. Es hatte einen festen Griff.

„Das ist deine Tochter“, erklärte Telsa. „Ich habe sie Nantie genannt, nach deiner Großmutter. Gefällt dir der Name?“

Grogarda blickte eine Weile in die blauen Augen seiner Tochter. „Ja, er ist perfekt“, stellte er fest und erwiderte ihr Lächeln.


*


Am nächsten Morgen verließ Grogarda früh das Haus und machte sich auf zum Haus seines ersten Maats, Trojus. Er wollte mit ihm zusammen nach dem Fremden sehen. Während er die breite gepflasterte Hauptstraße Groheims entlangging, nickte Grogarda einigen Leuten zu, die er bereits von Kindesbeinen an kannte.

Grogarda war in Groheim aufgewachsen und freute sich immer wieder, dorthin zurückzukehren. Er bog in eine der Seitengassen ein. Sie zweigte von der breiten Straße, die zum Marktplatz führte, ab und ging auf ein kleines mehrstöckiges Haus zu. Die Straße war hier nicht gepflastert, viele der Nebenstraßen in Groheim waren das nicht. Dafür reichte einfach das Geld nicht, wobei auch keine Notwendigkeit bestand, wenn dort nirgendwo Waren transportiert werden mussten. Zumindest war das die Auffassung des Stadtrates. Der bestand aus den reichsten Kaufleuten und einigen Wahlmännern.

Er klopfte an die dunkle Holztür. Einen Moment tat sich nichts, dann öffnete sie sich und Temo begrüßte Grogarda freudig.

„Na, ist dein Vater denn schon auf?“, fragte Grogarda und Temo nickte. Er verschwand im Haus. Temo war Trojus‘ Sohn, was weithin sichtbar war. Nicht nur das Kinn hatte er vom Vater geerbt, auch das rotbraune Haar hatte er mitbekommen.

Trojus trat in den Türrahmen und schnallte sich dabei sein Schwert auf den Rücken.

„Morgen“, grüßte er.

„Morgen“, erwiderte Grogarda. Sie gingen nun über die Hauptstraße hinaus zum Haus des alten Stug.

„Mal sehen, wie‘s ihm geht. Und, alles in Ordnung zu Hause?“, fragte Trojus.

Grogarda nickte. „Du erinnert dich, dass Telsa bei der Abfahrt schwanger war? Es ist ein Mädchen geworden. Nantie heißt sie“, erwiderte er.

„Ja, hab‘s schon gehört, meinen Glückwunsch“, lachte Trojus.

Während sie die Hauptstraße hinunter gingen, winkte ihnen plötzlich ein untersetzter Mann mit kurzem schwarzem Haar und einem gespalteten Bart.

„Grogarda, da bist du ja. Ich hab schon gehört, dass du wieder da bist. War es eine erschwingliche Fahrt?“, fragte der Mann.

„Doran. Ja, war es. Wie geht es dir? Du warst doch auch weg. Wie lief es bei dir?“, entgegnete Grogarda.

Doran war wie Grogarda ebenfalls meist als Händler zu entfernten Städten unterwegs.

„Gut, gut. Hör mal Grogarda, ich hab da eine Bitte. Würdest du meinen Sohn in deine Mannschaft aufnehmen?“, kam nun Doran auf den Punkt. „Für einen ist doch sicher noch Platz.“

„Deinen Sohn? Drengir? Ist der denn schon alt genug?“, wich Grogarda aus. Doran nickte.

„Er ist bereits siebzehn Sommer und hat mich auf meiner letzten Fahrt begleitet. Er ist zuverlässig und tüchtig und du bist ein guter Kapitän, es wäre der Sitte entsprechend“, erklärte Doran.

Grogarda nickte langsam. „Gut, er soll morgen Abend zur Mannschaftsversammlung kommen“, stimmte Grogarda zu. Doran bezog sich bei der „Sitte“ darauf, dass es in Groheim üblich war, als Kapitän seinen Sohn nicht auf die eigenen Fahrten mitzunehmen, sondern ihn bei befreundeten Kapitänen dienen zu lassen. Er sollte nicht bevorzugt werden, sondern sich wie jeder andere verdient machen.

Doran gab Grogarda die Hand, breit grinsend, um die Abmachung zu besiegeln. „Danke, hast was gut bei mir“, sagte er.

„Du darfst mal raten, was. Wybren wird auch älter“, erwiderte Grogarda zwinkernd. „Wobei du mir tatsächlich helfen könntest: Unsere Shogra wurde auf der langen Reise beschädigt. Könntest du sie dir mal ansehen? Du hast doch Erfahrung mit den Dingern“, fragte Grogarda. Doran nickte.

„Sicher, kein Problem.“

Eine Shogra war eine Art gigantische Armbrust, die Bolzen, lang wie ein Männerarm, verschoss.

„Morgen ist sie so gut wie neu“, mit diesen Worten verabschiedete sich Doran und ging die Straße entlang.



Sie erreichten das seltsame Haus, in dem Stug lebte, und klopften. Stug, immer noch in seinem bärenfellartigen Gewand, öffnete ihnen. Er wirkte müde.

„Ja?“, fragte er.

„Wir sind hier wegen unseres Mitbringsels, des blauen Kerls. Wie geht es ihm?“, fragte Grogarda.

„Besser, besser, ich hätte gegen Mittag nach euch schicken lassen, aber wenn ihr nun sowieso hier seid ...“, erwiderte Stug und winkte sie hinein. „Bitte, kommt.“

Sie wurden in das Zimmer geführt, in dem der Blauhäutige inzwischen aufrecht im Bett saß und eine Kräuterbrühe aus einer Holzschale aß. Grogarda befand, dass es nach Herbstlaub roch.

„Ihr seid meine Retter, nicht wahr?“, fragte der Blauhäutige mit einem seltsamen Akzent.

Grogarda nickte.

„Wir haben Euch auf Eurem sinkenden Schiff gefunden, bewusstlos. Mein Name ist Grogarda Branbar und das ist Trojus Eisrgel. Ihr befindet euch in der Hafenstadt Groheim“, erklärte Grogarda.

Der Fremde sah ihn einen Moment an und runzelte die Stirn. „Groheim ... das sagt mir rein gar nichts. Andererseits, was tut das schon? Komm ja nicht oft weit raus, nur vor die Tür ...“, erklärte er. Grogarda sah Stug fragend an.

„Er hat einen teilweisen Gedächtnisausfall. Ich denke, der ist vorübergehend, aber mit Sicherheit können wir das nicht sagen. Mehr als Fetzen und sein Name ist bisher nicht da“, erklärte dieser. „Leider wirkte bisher keiner der Tränke, die die Erinnerungen zurückbringen sollten.“

„Mein Name ist Filius, zumindest glaube ich das“, erklärte der Blauhäutige nun. „Mit viel mehr kann ich Euch nicht helfen.“

„Ihr wisst nichts mehr?“, hakte Trojus nach. Der Fremde schüttelte den Kopf. Er wirkte sehr müde.

„Er sollte sich erst einmal weiter ausruhen“, mischte sich nun Stug ein. „Besucht ihn morgen von mir aus wieder, für heute ist das Aufregung genug.“

Er schob sie freundlich, aber bestimmt in Richtung Tür. Hinter ihnen schloss er die Eingangstür.


*


In dieser Nacht träumte Grogarda wieder besonders intensiv von der Stadt Furtolthara.

Er stand auf einem großen Platz, hinter ihm erhob sich ein imposantes Gebäude, das in seiner Erinnerung aber verschwamm. Er wusste nur noch, dass es größer gewesen war als Groheim. Vor sich hatte er einen Platz, vielleicht ein Marktplatz, doch er war leer. Leer bis auf eine Gruppe blauhäutiger Männer, die mit Schwertern und Speeren gegen weißhaarige geflügelte Kreaturen kämpften. Er kannte diese Wesen aus zahllosen anderen Träumen, die er von dieser Stadt gehabt hatte. Er sah an sich herab, er trug seine übliche Kleidung und sein Schwert in der Hand. Eine der Kreaturen kam auf ihn zu und brüllte markerschütternd. Sie hob ihre Pranke, um ihm den Schädel zu zertrümmern und er schaffte es in letzter Sekunde auszuweichen. Dabei hob er seinen Schwertarm, um sich abzufedern, und schlug in der Realität hart mit der Hand an die Bettkante. Sofort war er hellwach und verwirrt, wie er in sein Bett kam. Seine Frau blickte ihn mit großen Augen verschlafen an.

„Was ist? Ein Albtraum?“, fragte Telsa besorgt. Sie strich sich eine Strähne ihres vom Schlaf zerzausten Haars aus dem Gesicht.

„Ja“, erwiderte Grogarda schlicht und merkte, dass er schwitzte. Er fühlte sich körperlich schwer erschöpft, so als wäre er gerannt. Er kannte das bereits, nach einigen der letzten Träume war es ihm bereits so gegangen. „Nur ein Traum“, fügte er noch hinzu, um sie zu beruhigen. „Nur ein Traum.“


*


„Was denkst du?“, fragte Grogarda, nachdem er Trojus von seinen Albträumen erzählt hatte. Sein Freund und erster Maat sah ihn eine Weile schweigend an und trank einen Schluck aus dem hölzernen Becher in seiner Hand.

„Ich denke, wir sollten danach suchen“, erklärte er schließlich.

„Was? Wonach?“

„Nach dieser Stadt. Denk mal drüber nach. Vielleicht ist es ein Zeichen des Göttervaters“, erklärte er.

„Ich bin nicht allzu religiös, wie du weißt“, sagte Grogarda. „Ich glaube nicht, dass der Göttervater nichts Besseres zu tun hat als mir eine Vision zu schicken. Ich hätte auch Sinnvolleres zu tun.“

„Natürlich, aber du weißt trotzdem, dass er angeblich manchmal durch Träume zu uns spricht. Um uns auf diese Weise rätselhafte Botschaften zu senden. Und eigentlich ist dein Traum eher klar“, stellte Trojus lachend fest. Dann blickte er wieder ernst zu Grogarda.

„Du weißt, was du mal tun solltest?“

„Du denkst, ich sollte Iroga fragen?“, meinte Grogarda und stellte seinen inzwischen leeren Becher hin. Sie saßen in seinem Langhaus an der Feuerstelle. Holzscheite standen dort für das Feuer am Abend aufgeschichtet, auf dem Telsa mit ihrer Magd zusammen kochen würde.

„Wir sollten zu ihm“, erwiderte Trojus und erhob sich.



Iroga war ein Mann, dessen genaues Alter niemand wusste. Er lebte schon lange in Groheim, und in Grogardas Erinnerung war er schon immer ein alter, seltsamer Mann gewesen. Er hatte ein leicht windschiefes Fachwerkhaus am Ende einer Seitengasse, nicht weit vom großen Marktplatz entfernt. Jeder Seemann der Stadt wusste, wo es war, Iroga hatte für jeden eine Karte. Ob man zu weit entfernten Orten wollte oder nur kaum befischte Gewässer suchte, Iroga schien immer eine Karte zu haben, die hilfreich war.

Manche nannten ihn wegen seines hohen Alters scherzhaft „den Karten-Elb“. Elben waren Grogardas Wissen nach noch nie in Groheim gesehen worden, doch lebten sie angeblich auf dem Kontinent Galatam. Sie galten als wunderschön und unsterblich. Und manch einer sagte, ihre Männer seien weibisch.

„Was kann ich für euch tun?&

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