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Griff nach den Sternen

1. KAPITEL

Providence, Rhode Island

Juni 1772

Zufrieden lächelnd sah Eliza Raeburn der Gruppe Hafenarbeiter zu, die das letzte Fass Rum im Laderaum der „Peacock“ verschwinden ließ. Sie klappte das in Leder gebundene Frachtbuch auf ihrem Schoß zu und stand auf.

Es war ein langer Tag gewesen. Seit sechs Uhr war sie nun schon hier. Jetzt war es später Nachmittag, und die Masten warfen immer längere Schatten auf das Wasser.

Die Fässer Rum sollten die letzte Ladung sein, die ihr Vater auf die Reise schickte, und bald, vermutlich in der nächsten Woche, würde sie wieder mit ihm nach Saint Kitts segeln. Sosehr sie ihren Heimathafen Providence auch liebte, so ungeduldig wartete sie stets darauf, dass sie in See stachen.

Zweimal, manchmal dreimal im Jahr fuhr sie mit Captain Raeburn an der Küste entlang zu den Westindischen Inseln, und die „Peacock“ war ebenso sehr ihr Zuhause wie das gelbe Schindelhaus in der Angel Street.

Eliza knotete die Bänder des breitkrempigen Huts auf und nahm ihn ab. Jetzt strich ihr die sanfte Brise über das ganze Gesicht und spielte mit ihrem Haar. Sie wusste sehr wohl, wie glücklich sie sich schätzen konnte, einen Vater wie James Raeburn zu haben. Als sie sieben gewesen war, war ihre Mutter gestorben, und in seiner tiefen Trauer hatte James sich entschieden, Eliza mit auf sein Schiff zu nehmen, anstatt sie bei ihren Angehörigen zu lassen.

Er behandelte sie wie einen Schiffsjungen, und daher wuchs sie mit den Freiheiten, aber auch den Pflichten eines Jungen auf. Als sich erwies, wie geschickt sie mit Zahlen umgehen konnte, überließ James es ihr, seine Bücher zu führen, und bald kümmerte sie sich auch um seine Korrespondenz mit den anderen Kaufleuten. Sie teilte sein Gespür für einen profitablen Handel, das riskante Spiel um heiße Ware.

Schon bald war sie darin so geschickt wie ihr Vater, und er begann auf sie hören, wenn es um die Erschließung neuer Märkte und Investitionen ging. Zusammen hatten sie es zu beträchtlichem Wohlstand gebracht, und außer der „Peacock“, deren Eigner sie waren, besaßen sie auch Anteile an einem halben Dutzend anderer Schiffe.

Eliza führte ein angenehmes Leben, dennoch verspürte sie eine schwer zu beschreibende innere Leere und ahnte, dass ihr irgendetwas fehlte. Vermutlich liegt es nur daran, dass wir uns so lange in Providence aufgehalten haben, sagte sie sich jetzt. Wenn sie erst wieder auf See waren, würden ihre Zweifel von selbst verschwinden.

Ihr Vater würde erleichtert sein, dass die Verladung ihrer Fracht abgeschlossen war, denn obwohl er nicht darüber sprach, spürte Eliza, dass auch er in See stechen wollte. Mit zunehmendem Alter wurde er vorsichtiger, und die „Gaspee“, der britische Marineschoner, der die Handelsgesetze in der Narrangansett Bay durchsetzen sollte, bereitete ihm mehr Sorgen, als er jemals zugegeben hätte.

Er hatte sogar schon davon gesprochen, dass er den Handel mit Rum aufgeben und sich Gütern zuwenden wollte, die zwar nicht soviel Profit abwarfen, aber dafür auch weniger Interesse bei den Zollbeamten in Newport weckten.

Eliza teilte seine Ansicht nicht. Keiner der Kaufleute in der Kolonie zahlte die überhöhten Einfuhrzölle gern, mit denen ihre Waren belegt wurden. Was verstanden die aufgeblasenen Lords in London schon vom Handel in Rhode Island?

Doch Eliza fiel es immer schwerer, ihrem Vater zu widersprechen, seit die „Gaspee“ zwei Monate zuvor die Brigg von Captain Nathaniel Chase, ihrem Cousin, abgefangen und ihn selbst nach Boston gebracht hatte, wo er wegen Schmuggels vor Gericht gestellt werden sollte.

Gedankenverloren ließ Eliza ihren Hut an den Bändern herabbaumeln, während sie an Nathaniel dachte. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten ihre Geheimnisse ebenso geteilt wie den Schmerz an den aufgeschürften Knien, und für Eliza war Nathaniel zugleich Cousin, Bruder und bester Freund.

Sie konnte ihn sich gar nicht anders vorstellen als fröhlich lachend und mit lustig funkelnden Augen. Der Gedanke, dass er mit seinem sonnigen Gemüt in einer dunklen, stickigen Zelle des Bostoner Gefängnisses saß, war ihr unerträglich.

Sie hatte in einem Dutzend Briefe um seine Freiheit gebeten. An Admiral Montagu, Gouverneur Hutchinson und an einige weniger bedeutende Beamte hatte sie sich gewandt, aber diejenigen, die sie überhaupt einer Antwort gewürdigt hatten, gaben vor, nichts über den Verbleib ihres Cousins zu wissen.

Nathaniel war ganz einfach im menschenfeindlichen Behördenapparat der britischen Kolonialregierung verschwunden, und mit jedem Tag, den er dort blieb, wuchs Elizas Misstrauen gegenüber dem Staat, der ihn ihr geraubt hatte.

„Du hast fleißig gearbeitet, Kind“, sagte James Raeburn lobend und riss seine Tochter aus ihren trübseligen Gedanken. Obwohl seine Schultern mit den Jahren leicht gebeugt waren und das rote Haar von grauen Strähnen durchzogen war, sahen die beiden sich auffallend ähnlich. „Ist die letzte Lieferung von Parker vollständig verstaut?“

Erfreut über seine Anerkennung, nickte Eliza. „Jetzt fehlt nur noch unser eigener Proviant. Morgen ist Markttag, da werde ich mich darum kümmern.“

„Mehr Zwiebeln und weniger Kartoffeln diesmal.“

„Und schau dir das Schweinefleisch von Amos Wright genau an, damit er uns die Qualität liefert, die seinem Preis entspricht“, vollendete sie die Ermahnung mit mildem Spott. „Ich weiß, was du magst, Vater. Vergiss nicht, dass ich diese Aufgabe schon seit einiger Zeit verrichte, ohne dass der Captain oder die Mannschaft sich jemals beklagt hätte.“

Lächelnd tätschelte Ihr Vater ihr die Schulter. „Aye, das habe ich durchaus bemerkt. Und zudem bist du ein recht fähiger Quartermaster.“

„Nenn mir eine andere, die dein Haus so gründlich aufräumen und sorgsam verriegeln würde, bevor du ausläufst.“

Sein Lächeln verschwand augenblicklich. „Wenigstens darum werde ich dich diesmal nicht bitten müssen.“

Überrascht wartete Eliza auf eine Erklärung. Das Haus vor Einbrechern zu schützen gehörte zu jeder Abreise aus Providence, so wie das Lüften nach der Heimkehr üblich war. Irgendetwas stimmte nicht.

Ihr Vater wich ihrem fragenden Blick aus und beschäftigte sich stattdessen mit einem lockeren Knopf an seiner Jacke.

„Es gibt etwas, worüber du und ich reden müssen, Eliza“, begann er. „Und ich fürchte, es wird für keinen von uns leicht werden.“

Mit dem Daumen schob James seinen Hut in den Nacken und stieß einen langen Seufzer aus. Er hatte dieses Gespräch schon viel zu lange hinausgezögert. Jetzt blickte er seiner Tochter ins Gesicht, und der vertrauensvolle Blick ihrer dunklen Augen brach ihm fast das Herz.

„Wenn die ‚Peacock‘ in der kommenden Woche in See sticht, wirst du uns nicht begleiten. Ich kann und werde es nicht riskieren, dich auf dieser Reise mitzunehmen. Nicht jetzt, da die Briten es auf uns abgesehen haben.“

Eliza blickte ihn eine Weile ungläubig an. Das war nicht sein Ernst. In fünfzehn Jahren waren sie nicht ein einziges Mal getrennt gewesen, keinen Tag. Er durfte sie nicht zurücklassen. Er brauchte sie auf der „Peacock“!

„Ich habe mich entschieden“, verkündete er verlegen. „Du wirst sehen, die Zeit wird schnell vorübergehen, und du wirst mich kaum vermissen. Außerdem bist du nicht allein. Deine Tante Anne lebt nur zwei Häuser entfernt, außerdem hast du noch Beckah Nye und die anderen Freunde.“

„Aber wir sind den Zollschiffen doch immer davongesegelt“, protestierte sie. „Warum sollte es diesmal anders sein?“

„Weil die Zeiten sich geändert haben, Eliza“, sagte James bitter. „Die Navy hat Order, uns eine Lektion zu erteilen, und sie gibt sich die größte Mühe, uns zu fassen. Und wenn es ihr gelingt, werden wir nicht wie früher mit einigen strengen Ermahnungen und einer Geldstrafe davonkommen.“

Er schwieg kurz, ehe er fortfuhr: „Heutzutage werfen sie einen Mann schon in den Kerker, wenn sein Hut schief sitzt. Und wenn ihre Kanonen auf einen gerichtet sind, leistet man besser keine Gegenwehr. Denk daran, was Nathan widerfahren ist. Einer derartigen Gefahr darf ich dich nicht aussetzen.“

Trotzig hob sie das Kinn, warf das rote Haar zurück und stützte die Hände in die Hüften. „Ich fürchte mich nicht vor einem Kampf. Du weißt, ich schieße so gut wie jeder Mann. Du selbst hast es mich gelehrt. Ich habe keine Angst vor der ‚Gaspee‘.“

„Das bezweifle ich nicht, Eliza.“

„Warum nimmst du mich dann nicht mit?“

Sie stand vor ihm, mit vor Aufregung geröteten Wangen und blitzenden Augen, und James wurden die Gründe für seine Entscheidung wieder einmal schmerzlich bewusst. Irgendwie war aus dem langbeinigen Mädchen mit dem von der Sonne gebräunten Gesicht eine schöne Frau geworden.

Er wusste nicht, wann genau diese Verwandlung vor sich gegangen war, doch ihm war klar, dass kein anständiger Vater seine Tochter der britischen Marine ausliefern würde. Die Männer aus Rhode Island, die der Kommandeur der „Gaspee“ verhaftet hatte, waren geschlagen, misshandelt und erniedrigt worden, bevor man sie ins Gefängnis gesteckt hatte. James wollte sich nicht ausmalen, was eine Frau erwartete.

Nicht zum ersten Mal wünschte er, sie wäre verheiratet und führte ein Leben ohne ihn und die „Peacock“. Seine Tochter hatte eine bei Frauen seltene Rastlosigkeit, und es bedurfte schon eines willensstarken Mannes, um sie an einen Ort zu binden. Doch Eliza war, was ihre Verehrer betraf, stets vernünftig gewesen. Zu vernünftig, seiner Meinung nach.

Ihre Mutter war mit siebzehn die Ehe eingegangen, wohingegen Eliza an ihrem nächsten Geburtstag bereits zweiundzwanzig Lenze zählen würde. Viele junge Männer, hier und auf den Inseln, hatten um sie geworben, doch keiner von ihnen hatte ihr Interesse zu wecken vermocht. Vielleicht war es selbstsüchtig von ihm gewesen, sie auf der „Peacock“ mitfahren zu lassen, anstatt sie an Land und an einem Ort zu lassen, wo sie einen Ehemann hätte finden können. Eliza würde ihm sehr fehlen, doch möglicherweise würde sie ohne ihn in Providence endlich anfangen, ihr eigenes Leben zu führen.

Doch all dies ließ er unausgesprochen. „Weil es zu gefährlich ist, mein Kind“, erwiderte er. „Du bleibst hier, wo ich dich in Sicherheit weiß.“

„Vater, ich verstehe immer noch nicht …“

„Eliza, nein“, unterbrach er sie, und sein gereizter Ton ließ sie verstummen. Wie die Seeleute, die ihm auf der „Peacock“ dienten, so kannte auch Eliza die Anzeichen, die vor seinem Zorn warnten. Also band sie sich den Hut locker um, nahm das Frachtbuch und folgte ihrem Vater den Landungssteg entlang.

„Guten Abend, Raeburn!“ Am Ende der Pier stand Philip Deane, James’ Freund und Advokat. Der Anwalt winkte aufgeregt, und die Nachmittagssonne ließ seine in Eisen gefasste Brille glänzen. „Ihr seid auf dem Weg zu John Browns Haus, nicht wahr?“

„Browns? Nein. Warum sollten wir?“, fragte James, als er und Eliza zu Philip traten.

Die fleischigen Wangen des Anwalts verzogen sich zu einem breiten Lächeln. „Dann habt ihr es also noch nicht gehört!“, platzte er heraus. „Ihr zwei müsst die letzten beiden Menschen in Providence sein, die es nicht vernommen haben. Einer von Browns Kapitänen hat das Glück und die Kühnheit besessen, die ‚Gaspee‘ vor Namquit Point in die Untiefen zu locken. Sie sitzt dort fest, und wir sind in sein Haus geladen, um zu entscheiden, was wir als Nächstes unternehmen werden.“

Eliza hätte vor Freude fast gejauchzt. Die „Gaspee“ war auf Grund gelaufen! Wenn das stimmte, hatte ihr Vater keinen Grund mehr, sie zurückzulassen. Am liebsten hätte sie um Philip Deane herum einen ausgelassenen Jig getanzt.

2. KAPITEL

Die Rebellion wird bald ausbrechen, dachte Gardner Griffin, während er durch das offene Fenster auf den Hafen hinabsah. Vielleicht schon in dieser Nacht. Er beobachtete die Männer, die zum Treffen erschienen und allein oder in kleinen Gruppen die Marmorstufen hinaufstiegen.

Sie waren wohlhabend, die Kaufleute von Rhode Island. An ihren dunklen Gehröcken glänzten Knöpfe aus poliertem Messing und geschliffenem Stahl, die weißen gerüschten Hemden waren gestärkt und gebügelt, die Dreispitze sorgfältig gebürstet. Erfolgreiche Männer, stolz auf den Wohlstand, den sie dieser kleinen Stadt an der Spitze der Narragansett Bay gebracht hatten.

Die Abendluft war erfüllt vom süßen Duft des Geißblatts, in der Brise wehte der Damastvorhang und streifte Gardners Hand. Ihm wurde fast schmerzlich bewusst, wie fehl am Platze er in diesem eleganten Salon aussah. Er war mit seiner Nachricht geradewegs vom Deck der kleinen Brigg „Hannah“ herbeigeeilt und trug noch immer die salzverkrusteten Seestiefel, den zerschlissenen Mantel aus verblichenem grobem Tuch. Und die Bartstoppeln verdunkelten sein Kinn.

Doch er wusste, dass die Unterschiede zwischen ihm und den anderen nicht nur in Äußerlichkeiten bestanden. Die meisten Yankee-Seeleute waren klein und stämmig, während er weit über einen Meter achtzig maß, mit breiten Schultern und einer schlanken, sehnigen Gestalt. In einem vom Leben auf See gezeichneten Gesicht wiesen die Augen ein so durchdringendes Blau auf, dass viele es nicht wagten, seinen Blick zu erwidern.

Als er im vergangenen Jahr begonnen hatte, für John Brown zu segeln, wurde in der Stadt gemunkelt, er wäre indianischer Abstammung, dabei verdankte er die hohen Wangenknochen und das dichte schwarze Haar seiner walisischen Mutter Gwyneth. Er hatte nicht widersprochen, denn Gwyneth war Thomas Gardners Lehrmädchen, nicht seine Ehefrau gewesen, und Gardner zog es vor, die Wahrheit für sich zu behalten.

Außerdem war er nicht nach Providence gekommen, um mit anderen Vertraulichkeiten und Geselligkeit zu teilen, zumal dies noch nie seine Gewohnheit gewesen war. Schon vor langer Zeit hatte er gelernt, niemandem außer sich selbst zu trauen, eine Einstellung, mit der er gut gefahren war, und eine, die er Abigail Jenkes verdankte.

Sie hatte geschworen, ihn zu lieben, ihm versprochen, seine Frau zu werden, und als junger Narr, der er damals gewesen war, hatte er ihr geglaubt und vertraut. Er hatte es selbst dann noch getan, als sie ihn an die Pressgang Seiner Majestät verraten und gegen einen anderen, passenderen Liebhaber eingetauscht hatte.

Wegen der Sünde, nicht in Großbritannien, sondern in der Kolonie von Massachusetts geboren worden zu sein, war er übler behandelt worden als die meisten anderen Seeleute, die zum Dienst in der Royal Navy gezwungen worden waren. Unglaubliche Mühsal und plötzliche, unvorhersehbare Grausamkeiten der Offiziere hatten sein Leben auf dem Kriegsschiff „Intrepid“ zur Hölle gemacht. Sie hatten versucht, ihm den Stolz zu rauben, und die Narben, die ihr brutales Regiment auf seinem Rücken hinterlassen hatte, würde er bis ins Grab tragen.

Doch er hatte überlebt, und zusammen mit der Verbitterung waren auch seine seemännischen Fähigkeiten gewachsen. Als es ihm endlich gelang, von Bord zu fliehen, war es ihm leichtgefallen, eine Koje auf einer Bostoner Brigantine zu bekommen, und zwei Jahre später war er schon als Captain für den Kaufmann John Hancock gesegelt.

In Hancock fand Gardner einen Verbündeten und im radikalen politischen Untergrund, der die Loslösung der Kolonien von Großbritannien forderte, ein Feld, auf dem er seinen Hass auf die Briten ausleben konnte. Er schloss sich den Rebellen an und wurde rasch zum Vertrauten von Männern wie Hancock und Samuel Adams, die seine Intelligenz und seine Fähigkeiten respektierten und seine Loyalität nie infrage stellten. Gardner war ein Mann, den die Bostoner Führer am meisten schätzten: Jemand, der alles riskierte, weil er nur wenig zu verlieren hatte.

Man sandte ihn nach Providence, um dort mit John Brown zusammenzuarbeiten, der Anhänger des Freiheitsgedankens und der angesehenste Kaufmann in der Kolonie war. Gemeinsam nutzten sie Rhode Islands berüchtigten „Freihandel“, der anderswo schlicht als „Schmuggel“ bezeichnet wurde, für ihre politischen Zwecke. Und was für ein erfolgreicher Schmuggler Gardner geworden war!

Mit den gefälschten Papieren, die er beim Zoll vorlegte, vertuschte er die unterschiedlichsten heißen Frachtgüter: Der Laderaum der „Three Brothers“ enthielt Pistolen und Musketen, Blei für Kugeln und Tuch für Uniformen, kurz, alles was die Ausrüstung einer Rebellenarmee erforderte, wenn die Zeit reif war.

Nicht einmal John Brown ahnte, wie erfolgreich Gardner war, und er wusste auch nicht, dass der Captain seiner Brigg mit Informationen handelte, die für die Bostoner Rebellen ebenso wichtig waren wie die Musketen. Manchmal machte Gardner sich den Spaß, die Gründe aufzuzählen, aus denen King George ihn gern am Galgen sähe. Fahnenflucht, Landesverrat, Spionage und Waffenschmuggel gaben eine beachtliche Liste ab. Und wenn in dieser Nacht der Überfall so gut wie geplant gelingen sollte, kam noch Piraterie hinzu.

Zwei in Grau gekleidete Dienstboten huschten an den Wänden entlang, um die Kerzen in den Zinnleuchtern zu entzünden. Gleich darauf flackerten die Flammen im Wind, der durch die geöffneten Fenster hereinwehte. John Brown ist wahrhaftig ein reicher Mann, dachte Gardner trocken. Der Mann konnte es sich leisten, schon vor Sonnenuntergang zwei Kerzen abzubrennen und nicht auf das Wachs zu achten, das die edlen französischen Tapeten verunzierte.

Im Schein der Kerzen bemerkte er das Mädchen zum ersten Mal. Ihre Anwesenheit unter den Männern war genug, um seine Neugier zu wecken, doch ihre Schönheit fesselte ihn. Unter der Hutkrempe zeichnete sich ein anmutiges Profil ab: Eine gerade Nase, ein üppiger Mund und ein Kinn, das eine Neigung zum Trotz vermuten ließ.

Das Haar war eine Flut kupferroter Locken, von denen einige sich um den zarten Hals zu schmiegen schienen. Das Tuch aus weißem Batist, das sie im Dekolleté trug, verbarg nur wenig von ihren festen, wohlgeformten Brüsten und mit erfahrenem Blick erkannte Gardner, dass ihre Taille auch ohne Korsett schmal und reizvoll war.

Eine Schönheit, entschied er, doch alles andere als leichtlebig. Das blauweiß-gestreifte Leinenkleid war schlicht, nach einem langen Tag zerknittert, der Hut saß etwas schief, und die blauen Satinbänder lagen locker auf den Schultern. Die Ungekünsteltheit des Mädchens war ungewöhnlich, doch noch mehr als diese faszinierte Gardner der Gesichtsausdruck, mit dem es den beiden Männern neben ihr lauschte. Worüber sie sich auch unterhalten mochten, das Mädchen hörte aufmerksam zu.

Eliza hatte ihr Leben unter Matrosen und Schiffskapitänen verbracht, war in der Welt herumgekommen, und doch hatte sie noch nie einen Mann wie den am Fenster gesehen. Seine Haltung die Männlichkeit und Selbstsicherheit ausstrahlte, ließ ihn in den abgetragenen Sachen würdevoller erscheinen als die Gentlemen in ihrem edlen Samt. Der flackernde Schein der Kerze betonte die aristokratischen Wangenknochen und das energische Kinn. Das blauschwarze Haar war zurückgebunden, wobei einige Locken ihm, dunkel und schimmernd in die Stirn fielen.

Doch es waren die Augen, die Eliza fesselten und sie zwangen, seinen Blick zu erwidern und ihm in die Augen zu schauen, deren strahlendes Blau in dem sonnengebräunten Gesicht noch mehr auffiel. Verwirrt spürte sie, wie ihr eine verräterische Röte in die Wangen stieg.

„Was ist denn, Eliza?“, fragte James. „Ist dir unwohl?“

„Oh nein, Vater, es geht mir gut.“ Nur mühsam wandte sie sich ihm zu, doch ihr entging nicht, wie der Fremde amüsiert lächelte. Das erboste sie. Schließlich war sie keine unerfahrene Magd, die sich den Kopf von einem gut aussehenden Draufgänger verdrehen ließ, der nicht einmal den Anstand hatte, rasiert in Mr Browns Salon zu erscheinen.

Behutsam strich James über die Stirn seiner Tochter. „Dir ist heiß, Mädchen. Komm, ich begleite dich zur Treppe, damit du ein wenig frische Luft schnappen kannst.“

„Wirklich, Vater, es ist nichts.“ Sie schob die Hand in seine Armbeuge und blickte lächelnd zu ihm auf. „Ich habe mich nur nach den anderen Gästen umgeschaut.“

„Ganz Providence ist anwesend“, sagte Philip fröhlich.

James’ Seufzer klang nicht so unbeschwert. „Niemand, der am Handel interessierst ist, könnte es sich erlauben, Browns Worte in dieser Sache zu verpassen. Diese Einmischung der Krone muss aufhören, bevor wir alle bankrott sind. Ich bin kein Heißsporn, aber was immer Brown vorschlägt, meine Unterstützung hat er.“

„Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen, was?“

„So ungefähr, ja“, stimmte James zu. „Wie ich höre, lockte Griffin die ‚Gaspee‘ auf Browns ausdrücklichen Befehl zwischen die Sandbänke. Wenn man Sam Brown Glauben schenken darf, ist er genau der richtige Mann für derartige Manöver. Sam ist mit Griffin auf der ‚Three Brothers‘ gesegelt und behauptet, noch nie so schnell gereist zu sein. Von Martinique nach Newport in vierzehn Tagen, und jetzt ist jeder Seemann in Providence ganz wild darauf, bei ihm anzuheuern.“

Obwohl sie es nicht wollte, wanderte Elizas Blick zurück zu dem großen Fremden, der sich gerade mit Josiah Buck, Mr Browns Schifffahrtsagenten, unterhielt. Der Unbekannte musste sich leicht vorbeugen, um Josiah zu verstehen, und fuhr sich jetzt ungeduldig durchs Haar.

Um heute Abend eingeladen zu sein, musste er mindestens Master sein, doch er sah nicht wohlhabend genug aus, um wie ihr Vater ein Kapitän auf eigenem Schiff zu sein. Er stammte nicht aus Providence, das stand fest. Bestimmt hätte sie sich an ihn erinnert.

Ein Raunen durchlief den Raum, als John Brown endlich erschien. Er war ein schwergewichtiger Mann mit gepudertem Haar, einem runden Kinn und einer beeindruckenden Nase und benahm sich wie jemand, der erwartete, dass man ihm gehorchte.

Vorsichtig setzte er sich jetzt auf den Hocker, den ein Bediensteter ihm hinstellte, und sofort verfielen die Anwesenden in respektvolles Schweigen. Hinter ihm standen Josiah Buck und drei seiner Kapitäne, deren Schiffe im Hafen lagen.

Brown stellt sie wie sein Eigentum zur Schau, dachte Gardner zynisch. Auch von ihm wurde erwartet, sich dort aufzuhalten, doch er wartete, bis Brown missbilligend die Stirn runzelte. Erst dann schlenderte Gardner durch den Salon. Die Selbstgefälligkeit des Mannes ärgerte ihn, zumal an diesem Abend.

Er wollte kein Lob und keinen Jubel dafür, dass er die „Gaspee“ in eine Falle gelockt hatte, denn je weniger Zeugen es für derartige Dinge gab, desto weniger Beweise konnte der Vertreter der Krone später vor Gericht gegen ihn vorbringen. Sollte doch Browns Name auf dem Haftbefehl wegen Hochverrats stehen. Der Kaufmann konnte sich besser dagegen zur Wehr setzen als er, Gardner.

Überrascht beobachtete Eliza, wie der Fremde seinen Platz neben Josiah einnahm. „Sagen Sie, Mr Deane“, flüsterte sie. „Wer ist der hochgewachsene Mann mit dem schwarzen Haar neben Mr Brown?“

„Das ist der Master, der uns alle hergebracht hat, Eliza“, erwiderte Deane. „Captain Griffin persönlich.“

Neugierig sah Eliza zu ihm hinüber. Als sie von dem neuen Captain gehört hatte, den Mr Brown aus Massachusetts angeheuert hatte, hatte sie sich einen älteren, respektableren Mann vorgestellt. Aber keinesfalls einen so gut aussehenden.

James warf seiner Tochter einen strengen Blick zu, denn ihr interessierter Blick war ihm nicht entgangen. Sosehr er auch hoffte, sie möge sich verlieben und heiraten, sosehr entsetzte ihn der Gedanke, ausgerechnet ein Mann wie Gardner Griffin könnte sich als ihr Auserwählter erweisen. Forschend betrachtete ihr Vater ihr Gesicht und hoffte, dass er sich irrte.

John Brown räusperte sich. „Am heutigen Nachmittag wurde meine Brigg ‚Hannah‘ von Seiner Majestät Schoner, der ‚Gaspee‘, gejagt, wie es vielen von Ihnen schon ergangen ist.“

Männer nickten und fluchten leise, und Eliza dachte voller Trauer an Nathaniel. In den letzten drei Monaten hatte fast jedes Handelshaus Schiffe und Frachtgut an die „Gaspee“ verloren, und der englische König und seine Marine genossen in diesem Raum wenig Ansehen.

„Doch diesmal“, fuhr Brown fort, „wurde der Spieß umgedreht. Der Jäger ist jetzt die Beute, und Leutnant Dudingston fiel Captain Griffin zum Opfer. Mein Captain widersetzte sich nicht nur der Aufforderung zur Übergabe seines Schiffs, nein, er lockte den Schurken Dudingston geradewegs zwischen die Sandbänke von Namquit.“ Brown räusperte sich erneut und genoss den Anblick der erwartungsvollen Gesichter vor ihm.

Sprich weiter, dachte Gardner ungeduldig. Sonst wechseln noch die Gezeiten, bevor die Leute endlich erfahren, warum sie gekommen sind.

„Gentlemen“, fuhr Brown endlich fort, „ich habe das große Vergnügen, Ihnen zu verkünden, dass die ‚Gaspee‘ auf Grund gelaufen ist. Ich werde König Georg und seinem Parlament noch heute Abend eine Botschaft senden, die sie nicht missachten können. In dieser Nacht werde ich, so wahr mir Gott helfe, befehlen, die ‚Gaspee‘ in Brand zu stecken, und Dudingston ein für alle Mal daran hindern, die Handelsflotte von Providence auszuplündern. Wer von Ihnen wird mich darin unterstützen?“

Sofort hallten zustimmende Rufe durch den Raum, und Eliza war sicher, dass niemand sich enthielt. Sie sah, wie ihr Vater und Philip verschwörerische Blicke austauschten, und überall um sie herum grinsten Männer wie Jungen, die einen Streich ausheckten. Sie selbst hatte allen Grund, den britischen Schoner zu hassen, und war es Nathaniel schuldig, Zeugin seiner Zerstörung zu sein.

Natürlich wusste sie, dass ihr Vater es nicht gestatten würde, doch in der Dunkelheit und wie ein Junge gekleidet würde es leicht für sie sein, mit den anderen in ein Boot zu steigen. Und danach konnte sie sich auf die auf der „Peacock“ gesammelte Erfahrung verlassen. Solange sie sich von ihrem Vater fernhielt und vorausgesetzt, sie wäre vor ihm zu Hause, würde niemand sie bemerken. Es würde alles ganz einfach sein …

Auch Gardner schmiedete Pläne. Während der kommenden zwei Stunden musste er noch einmal sämtliche Einzelheiten des Überfalls durchgehen, um so wenig wie möglich dem Zufall zu überlassen. Er hatte stets an sein Glück geglaubt, doch eher verließ er sich auf sich selbst. Das Glück und seine eigene Rastlosigkeit hatten ihn damals bewogen, das Kommando auf dem Postschiff nach Newport zu übernehmen, als sein Kapitän an Masern erkrankte.

Ein ihm wohlgesonnenes Schicksal hatte ihm die „Gaspee“ zu einer Zeit gesandt, in der er statt der großen und schwerfälligen „Three Brothers“ die kleine und wendige „Hannah“ befehligte. Doch es waren seine seemännische Begabung und Erfahrung, die dem britischen Schoner eine Niederlage bereitet hatten, und jetzt wartete Gardner ungeduldig auf die Gelegenheit, das Werk zu vollenden, das er mit Glück begonnen hatte.

3. KAPITEL

Mit raschen Schritten ging Eliza zum Fluss und genoss die Bewegungsfreiheit, die die Reithose bot, die sie statt der üblichen Kleider angezogen hatte. Sie trug eine der Jacken, aus denen Nathaniel herausgewachsen war, und hatte die Ärmel aufgekrempelt. Das lange Haar hatte sie hochgesteckt und unter einem alten Dreispitz versteckt. Solange sie den Hut ins Gesicht zog und die Jacke nicht aufknöpfte, würde ihr niemand auf die Schliche kommen.

Im Gürtel steckte eine der spanischen Pistolen, die sie vor Jahren von ihrem Vater bekommen hatte, und die Kugeln und das Pulver befanden sich in einem kleinen Beutel, den sie sich um den Hals gehängt hatte. Sie folgte dem Trommelwirbel, mit dem Freiwillige für den Überfall geworben wurden, und begann auf äußerst undamenhafte Weise zu pfeifen. Tante Anne, dachte Eliza, wäre entsetzt.

Obwohl es fast Mitternacht war, herrschte in den Straßen ein hektisches Treiben, und die am Hafen grassierende Abenteuerlust war ansteckend. Die Nachricht von der misslichen Lage der „Gaspee“ hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, denn kaum eine Familie war von den Aktionen des britischen Schiffs unberührt geblieben.

Acht Barkassen, gestellt von acht Kaufleuten, lagen an der Pier, auf der sich Männer und Jungen sammelten. Am anderen Ende des Kais entdeckte Eliza das vertraute Profil ihres Vaters und hastig stieg sie in das nächste Boot, das bereits mit einem Dutzend Männern gefüllt war. Sie kannte die meisten von ihnen, doch niemand schien zu ahnen, wer sie in Wirklichkeit war. Im Heck stehend, zögerte sie, während die Männer sich Plätze suchten.

„Was ist, Junge, hast du Angst, dir die zarten Hände zu beschmutzen?“, rief ein breitschultriger Mann, an dessen Hut Truthahnfedern steckten. „Warte einen Augenblick, ich lege mein Taschentuch aus, damit dein Hintern nicht nass wird.“

„Halt die Zunge im Zaum, Ned Turner“, erwiderte Eliza, ohne nachzudenken. „Sonst wird die Deckswache der ‚Gaspee‘ deinen rumgeschwängerten Atem riechen, noch bevor wir außer Sichtweite von Providence sind!“

Die anderen lachten, und sofort bereute sie ihre scharfen Worte. Für eine Frau besaß sie zwar eine tiefe Stimme, aber nicht für einen Mann, und aus Scham über ihren Leichtsinn ließ sie den Kopf hängen. Gleich würde man sie aus der Barkasse befördern.

„Keine Namen, Junge, keine Namen“, mahnte eine dunkle, leicht heisere Stimme. „Es sei denn, du willst sie auf einem Haftbefehl des Königs lesen.“

Eliza fühlte eine schwere Hand auf der Schulter, und sofort verstummten die anderen. „Verzeiht mir, Cap’n“, bat Ned zerknirscht und zupfte an seinem Hut. „Es sollte nur ein Scherz sein.“

„Dies ist kein Sonntagsausflug, verdammt. Sechs Seemeilen an den Riemen werden euch davon überzeugen“, sagte Gardner scharf. „Komm her, Junge, setz dich zu mir, damit ich dich im Auge behalten kann.“

Eliza wagte nicht, den Kopf zu heben, während sie sich neben Gardner quetschte. Damit, dass sie in der Barkasse des Anführers sitzen würde, hatte sie nicht gerechnet. Das würde es ihr doppelt schwer machen, der Aufmerksamkeit ihres Vaters zu entgehen. Und erst recht hatte sie nicht geplant, neben Captain Griffin zu sitzen. Sie hatte nicht vergessen, wie sein Blick über ihren Körper gewandert war. Was würde er denken, wenn er wüsste, dass sie neben ihm kauerte, ihr Knie in der Enge gegen seins gepresst?

Schwankend legte die Barkasse ab. Sofort nahmen die Ruderer den gewohnten Rhythmus auf. Ihre mit Tuch umwickelten Ruderblätter hinterließen kaum Spuren auf der Wasseroberfläche. Eliza drehte sich zur Stadt um, zu den kleinen Häusern am Hang, den wie entlaubte Bäume aussehenden Schiffsmasten und dem hohen Turm des Versammlungshauses. Hoch am Himmel stand der Mond inmitten blinkender Sterne wie eine silbrige Sichel.

Es war kühl auf dem Fluss, und Eliza zog den Mantel fester um sich. Niemand sprach, und je näher sie Namquit Point kamen, desto gespannter wurde die Stille. Eliza sah den Mann vor ihr immer wieder nach seinem Gewehr schauen, und zum ersten Mal fragte sie sich, warum sie nicht im Hafen geblieben war.

In Browns Salon war ihr das Wagnis gering erschienen, doch hier auf dem Wasser wurde es von Sekunde zu Sekunde gewaltiger. Was konnten Gewehre und Pistolen gegen einen bewaffneten Marineschoner ausrichten?

Sie riskierte einen kurzen Blick auf Captain Griffin. Er hatte die langen Beine ausgestreckt, die breite Hutkrempe beschattete sein Gesicht. Aus seinem Mantel ragte der Griff einer Pistole, und im matten Mondschein glänzte der Entersäbel an seiner Hüfte. Ruhig und entspannt betrachtete er das vorbeigleitende Ufer, und Eliza ahnte, dass er so eine Aktion nicht zum ersten Mal machte. In Brownes Haus hatte sein verwegener Anblick deplatziert gewirkt, doch jetzt war sie froh, im Boot eines Mannes zu sitzen, der sich seine Erfahrung hart erkämpft hatte.

Gardner hielt nach den dunklen Umrissen der Landmarken Ausschau, wartete und hoffte, dass die Rhode Islander sein in sie gesetztes Vertrauen rechtfertigen würden. Viele von ihnen hatten, wie er selbst, im letzten Krieg gekämpft, und die anderen waren es wenigstens gewöhnt, Befehle erteilt zu bekommen und zu befolgen.

Mit einigen Ausnahmen, dachte er und sah auf die Hände des Jungen neben ihm. Statt Schwielen wiesen sie Tintenflecke auf, also kannte er bisher nur die Geborgenheit des Kontors, in dem er seinem Herrn diente. Doch Ned Turners scharfem Spott war er tapfer begegnet. Ein kleines Abenteuer wie dieses würde ihn reifen lassen, bis er sich traute, die mütterlichen Schürzenzipfel loszulassen. Vorausgesetzt, er bleibt am Leben, ging es Gardner durch den Kopf.

Elizas Herz schlug schneller, als das Boot die Landspitze umrundete und sie die „Gaspee“ erblickte. Dort, wo der Rumpf des Schoners die Sandbank berührte, wies das Deck eine deutliche Schlagseite auf. Nur vorn und achtern brannte je eine Laterne. So leise wie möglich näherte sich die kleine Barkassenflottille dem britischen Schiff.

„Dreht nach Steuerbord“, befahl Gardner leise, und die Männer an den Riemen gehorchten. „Wir dürfen ihnen keine Gelegenheit bieten, die Geschütze zu den Bugpforten zu bringen.“

Bald glitt ihr Boot unter dem Bugspriet der „Gaspee“ hindurch, und die Männer, die nicht ruderten, hielten die Gewehre bereit. Auch Eliza packte ihre Pistole fester. Ihre Hände zitterten vor Aufregung und Angst, und sie atmete tief durch, um ruhiger zu werden und besser zielen zu können.

Dann, viel zu spät, ertönte der Ruf der Deckswache, und die Ruderer legten sich kräftiger in die Riemen. Plötzlich erschien eine stämmige Gestalt an der Reling, nur halb bekleidet mit Hemd und schief sitzendem Hut.

„Wer da?“, rief der Brite und spähte in die Dunkelheit, bevor er mit gezogenem Schwert auf das Schanzkleid an Steuerbord kletterte. „Wer da?“

Zu Elizas Verblüffung sprang Gardner auf. „Ich bin der Sheriff der Grafschaft Kent“, hallte seine Stimme über das Wasser. „Ich habe Order, Sie zu verhaften. Ergeben Sie sich!“

Bevor der britische Offizier zu antworten vermochte, fiel ein Schuss, und der Mann verschwand. Führungslos und verwirrt, irrte der Rest der Besatzung an Deck umher.

„Wer zum Teufel hat das getan?“, fragte Gardner zornig. „Wenn wir Dudingston schon vor dem eigentlichen Kampf getötet haben, werden wir es teuer bezahlen müssen.“ Er setzte sich wieder und befahl, die Barkasse längsseits des Schoners zu bringen. Dort ergriff er ein am Bug herabhängendes Tau und kletterte mit gezogenen Entersäbel über die Reling.

Elizas Herz schlug wie wild, als ihr bewusst wurde, dass es jetzt galt, ihren Mut auf die Probe zu stellen. Die Briten feuerten auf die Boote, und die Kugeln ließen das Wasser aufspritzen. Sie schob die Pistole in den Hosenbund und kletterte hinter den anderen am Tau hinauf.

Die Szene an Deck glich mehr einer Wirtshausschlägerei als einer Seeschlacht. Die britischen Matrosen waren den zahlenmäßig stärkeren Angreifern hoffnungslos unterlegen. Eliza sah, wie ein Matrose sein Schwert hob und von hinten niedergeschlagen wurde. Ein anderer legte gerade sein Gewehr an, als sich zwei Männer aus Providence auf ihn stürzten und ihn entwaffneten.

Die meisten ließen die Waffen fallen und flohen wie aufgeschreckte Kaninchen nach unten. Binnen zehn Minuten waren vierzig Männer ausgeschwärmt und hatten ein Kriegsschiff Seiner Majestät in ihre Gewalt gebracht. Alles war so schnell gegangen, dass Eliza fast etwas Enttäuschung verspürte. Unerfahren, wie sie war, konnte sie nicht wissen, wie perfekt der Überfall vorbereitet und durchgeführt worden war.

Nervös hielt sie nach ihrem Vater Ausschau, entdeckte ihn jedoch nirgends. Vermutlich war er in einem der Boote zurückgeblieben, um für einen plötzlichen Rückzug gerüstet zu sein. Einer nach dem anderen wurden die britischen Seeleute mit geteerten Schnüren gefesselt und unsanft in die wartenden Barkassen befördert. Man würde sie an Land bringen und dort freilassen. Ihnen würde nur das nackte Leben bleiben, doch Eliza empfand kein Mitleid für sie. In spätestens einem Tag wären sie wieder in Newport. Nathaniel war es nicht so gut ergangen.

Eliza bahnte sich einen Weg durch die Rhode Islander, die sich um Leutnant Dudingston drängten. Gestützt von seinem Midshipman, saß der Offizier an Deck, das schweißnasse Gesicht leichenblass, der linke Ärmel und die untere Hälfte der weißen Uniform blutgetränkt. Mit einem mulmigen Gefühl sah Eliza weg. Er hatte so viel Blut verloren, dass er die Nacht wohl kaum überleben würde.

John Brown stand mit verschränkten Armen vor ihm und sah auf ihn hinab. „Jetzt haben wir Sie, nicht wahr, Dudingston?“, sagte er. „Und Sie sehen nicht besser aus als der schurkische Pirat, der Sie sind. Sie haben fast jedes Gesetz in dieser Kolonie gebrochen, und dafür müssen Sie jetzt bezahlen.“

Dudingston versuchte aufzustehen, doch es gelang ihm nicht, und er fiel wieder gegen die Schulter seines Midshipman. „Ich bin schwer verwundet“, keuchte er. „Erlauben Sie meinen Männern, sich um mich zu …“

Brown schnaubte abfällig. „Falls ein Schuss Sie getroffen haben sollte, dürfte er von ihren eigenen Leuten stammen.“ Er winkte Eliza zu sich. „Such den Sheriff, Junge, und sag ihm, dass wir bereit sind, die Kapitulation dieses Schurken entgegenzunehmen.“ Er zeigte auf die Stufen, die zu den Kajüten führten, und Eliza eilte hinunter, erleichtert, die Szene an Deck nicht mehr mit ansehen zu müssen.

Im dunklen Gang geriet sie ins Stolpern und tastete sich an den Wänden entlang, bis sie den Lichtschein bemerkte, der durch den Spalt einer geschlossenen Tür drang. Das musste die Kabine des Leutnants sein. Sie entriegelte die Tür, schob sie auf und wich erschrocken zurück. Vor ihr stand Captain Griffin, bedrohlich dreinblickend wie der Teufel selbst, den Lauf seiner Pistole auf ihre Stirn gerichtet, den gespanntem Hahn schussbereit.

„Du solltest dich nicht so an mich heranschleichen, Junge“, sagte er und ließ die Waffe sinken. „Ich liebe Überraschungen nicht besonders.“

„Sie hätten mich töten können!“, rief Eliza.

„Aye, aber ich habe es nicht getan, nicht wahr?“, erwiderte er ungerührt und wies zum Deck hinauf. „Haben sie schon aufgegeben?“

Eliza schluckte mühsam. „Ja … fast. Ich meine, aye, Sir“, brachte sie stockend hervor. „Mr Br … Ich meine, Ihr Freund lässt Ihnen ausrichten, dass die englische Besatzung zur Übergabe bereit ist.“

„Es erstaunt mich, dass es so lange gedauert hat.“ Gardner machte dort weiter, wo Eliza ihn unterbrochen hatte, und durchsuchte den Schreibtisch und die Seetruhe des Leutnants. Er überflog die Papiere und warf die meisten zur Seite, einige jedoch schob er sorgsam gefaltet in seine Hemdtasche. Eliza schien er vergessen zu haben, und da sie nicht ohne ihn zu Mr Brown zurückkehren wollte, wartete sie.

„Leutnant Dudingston scheint schwer verwundet zu sein“, bemerkte sie nach einer Weile. „Ich bezweifle, dass er noch lange zu leben hat.“

„Oh, der Arzt wird ihn so gut zusammenflicken, dass er seine Leute an Land begleiten kann“, meinte Gardner ungerührt. „Alle Männer glauben, ihre eigenen Wunden seien tödlich.“

„Aber Sie können ihn doch nicht einfach am Ufer zurücklassen. Wenn er nun stirbt?“ Eliza verstummte, als ihr bewusst wurde, welchen Fehler sie begangen hatte. Wie konnte die Tochter eines Masters vergessen, dass ein Kapitän das Gesetz vertrat?

„Widersprich mir nicht, Junge.“ Gardner drehte sich mit finsterer Miene zu ihr um. „Wenn er stirbt, fährt er geradewegs in die Hölle, wie er es verdient.“

„Aye, aye, Sir“, pflichtete sie ihm halbherzig bei.

Wuchtig schloss Gardner die Schublade. „So ist das eben im Krieg, Junge. Es hätte ebenso gut dich oder mich treffen können. Glaubst du etwa, Dudingston wäre um uns besorgt, lägen wir an seiner Stelle?“

Unvermittelt packte Gardner sie am Arm und zog sie näher an die schwankende Deckenlampe. Nachdenklich blickte er sie an, bevor er die Finger um ihr Kinn legte und ihr Gesicht behutsam in den Lichtschein drehte.

Obwohl ihr Herz wie verrückt klopfte, zwang Eliza sich, seinem forschenden Blick nicht auszuweichen. Bestürzt sah sie ein, dass die Maskerade vorüber war. Gardner lächelte, doch keineswegs belustigt.

„Warum in Gottes Namen sind Sie hier?“, fragte er mit täuschend sanfter Stimme. Es gab viele Dinge, die er in Dudingstons Kajüte zu finden gehofft hatte, doch das rothaarige Mädchen zählte gewiss nicht dazu. „Warum sind Sie nicht zu Hause bei Ihrer Mutter?“

„Meine Mutter ist tot.“ Trotzig versuchte Eliza, das Kinn zu heben, doch sein fester Griff ließ es nicht zu.

„Das ist meine ebenfalls. Doch ich habe einen guten Grund, hier zu sein, Sie, junge Frau, nicht.“

„Ich habe mehr Grund als Sie!“, erwiderte sie außer sich vor Zorn. Es war schlimm genug, gegen ihren Willen hier festgehalten zu werden, da musste sie nicht auch noch seine Anmaßung dulden. „Ich stamme aus dieser Kolonie, und mein Besitz ist in Gefahr. Aber Sie sind nur einer von Mr Browns angeheuerten Kapitänen und tun nur Ihr Pflicht.“

Der Druck seiner Finger wurde stärker, und seine Stimme klang noch schärfer als zuvor. „Wenn Ihnen das Wohlergehen und die Sicherheit ihrer Rhode so sehr am Herzen liegen, warum haben Sie dann das Leben ihrer Landsleute mit ihrer kindischen Maskerade aufs Spiel gesetzt? Sie können tun, was Sie wollen, solange es nur um Ihren eigenen hübschen Hals geht, aber was wäre gewesen, wenn nun einer der Männer, sagen wir, Ihr Vater, Ihrer Tollkühnheit wegen getötet worden wäre?“

Daran hatte Eliza nicht gedacht. Plötzlich verwandelte sich vor ihrem geistigen Auge das verwundete Gesicht des Offiziers in das ihres Vaters, und sein Blut rötete Deckplanken. Die Scham über ihren Eigensinn vertrieb den Zorn. Was hätte sie getan, wäre Ihr Vater einer englischen Kugel zum Opfer gefallen?

Gardner war erstaunt, wie rasch das Mädchen aufgab. Ihren Vater zu erwähnen war genau richtig gewesen, und jetzt wirkte sie ängstlich und verletzlich.

Eliza versuchte, sich an die Gründe ihres Hierseins zu erinnern. „Mein Cousin Nathaniel …“

„Still, keine Namen, keine Namen“, unterbrach Gardner sie und ließ die Finger vom Kinn zu ihren Lippen gleiten. Ihre Anwesenheit hätte seine sorgfältig geschmiedeten Pläne gefährden können, doch es fiel ihm immer schwerer, böse auf sie zu sein.

Er spürte die Weichheit ihrer Lippen an den Fingerspitzen und fragte sich unwillkürlich, wie sie wohl reagieren würde, wenn er sie küsste. Er hielt sie nicht mehr fest, und sie hätte davonlaufen können, doch sie zog es vor, zu bleiben.

Warm strich ihr Atem über seine Haut. Wie hatte er sie je für einen Jungen halten können? Die schlichte Jacke und der Hut verbargen ihre Anmut nicht, sondern schienen sie im Gegenteil noch zu unterstreichen, und die dunklen Wimpern warfen zarte Schatten auf die gerundeten Wangen. Erst jetzt bemerkte er die Sommersprossen auf ihrer Nase.

Eliza war unfähig, sich von ihm zu lösen, als er mit dem Zeigefinger über ihre Lippen strich. Die zarte Berührung erstaunte sie, doch zugleich spürte sie eine innere Glut. Sie schloss die Augen und versuchte, dem Bann zu widerstehen, den seine Nähe auf sie ausübte. Sie verstand nicht, warum sie so verwirrt war. Nicht er ängstigte sie, sondern die Gefühle, die er in ihr auslöste.

Er hob ihr Kinn an, und unwillkürlich öffnete sie den Mund, als sie den Kopf zurücklegte. Ohne zu überlegen, stellte sie sich auf die Zehenspitzen, die Hände an seiner Brust. Fasziniert von ihrer unerwarteten Nachgiebigkeit, legte er den Arm um sie und zog sie an sich, während er den Kopf senkte.

Sie hörten die Schritte auf dem Gang gleichzeitig. Sofort riss Eliza sich von Gardner los und floh ans andere Ende der Kajüte. Er hob den Arm mit der Pistole und zielte auf die Tür. Diese Art von Begrüßung hätte Dr. Mawney gewiss nicht erwartet. Er schrak zusammen, streckte die Hände in die Luft und riss entsetzt den Mund auf.

„Verzeihen Sie mir, Sir“, sagte Gardner und ließ die Waffe sinken. „Diese Nacht scheint voller Überraschungen zu sein.“

„Es handelt sich um Leutnant Dudingston“, begann der Arzt verstört. „Man hat mir gesagt, ich solle mich um ihn kümmern. Wenn Sie mir diese Kajüte zur Verfügung stellen könnten …“

Gardner winkte ihn herein und schob die Pistole in den Gürtel. „Ich möchte, dass er in spätestens zehn Minuten bereit zum Abtransport ist.“

„Das kann ich Ihnen nicht versprechen. Der Leutnant hat ziemlich …“

„Zehn Minuten, nicht mehr“, unterbrach Gardner den Arzt. „Wir sind jetzt schon viel zu lange an Bord.“

Zwei Männer trugen den Leutnant herein, legten ihn auf ein Schapp, und Dr. Mawney untersuchte die Wunden. Der Offizier schien unter großen Schmerzen zu leiden, doch er war bei Bewusstsein und hatte die Augen geöffnet. Gardner hatte recht daran getan, die Nennung von Namen zu verbieten. Neugierig und ungläubig zugleich blickte der Verwundete Eliza an.

Gardner packte sie an der Schulter. „Komm schon, Junge“, sagte er unwirsch und zog sie mit sich aus der Kajüte. Wo zum Teufel war sein Verstand geblieben? Er war zornig auf sich, weil er fast einen schweren Fehler begangen hätte, und zornig auf sie, weil sie zu unschuldig war, es ihm vorzuwerfen.

„Ist Ihr Vater an Bord?“ Gardner zog sie den Gang entlang.

„Oh, bitte, erzählen Sie es ihm nicht!“, flehte sie. In den vergangenen Minuten war mehr geschehen, als sie zu verstehen vermochte, da wollte sie nicht auch noch den Zorn ihres Vaters zu spüren bekommen.

„Warum sollte ich das nicht tun? Jemand muss auf Sie aufpassen.“

Eliza riss sich los. Sie war nicht sicher, was mit ihr vorging, doch der Moment der Schwäche war vorüber, und jetzt, wieder bei klarem Verstand, wurde sie noch wütender. „Bisher habe ich selbst auf mich aufzupassen vermocht, vielen Dank“, erwiderte sie spitz.

Gardner seufzte. „Verdammt schlecht, muss ich sagen!“

Er stieg durch die Luke, und Eliza folgte ihm, fest entschlossen, nicht zurückgelassen zu werden. Das schräge Deck, auf dem sich noch vorhin zahlreiche Männer gedrängt hatten, lag jetzt fast verlassen da. Die meisten Barkassen hatten bereits von der „Gaspee“ abgelegt, und die langen Riemen ließen ihre Silhouetten wie schwarze Wasserkäfer aussehen. Zwei Männer standen mit brennenden Fackeln am Großmast und warteten auf Gardners Befehl, den Schoner in Brand zu stecken.

„Steigen Sie ins Boot“, sagte er zu Eliza.

„Erst, wenn Sie es auch tun. Ich möchte sehen, was hier geschieht.“

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