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Griechischer Liebeszauber

Jane Waters

Griechischer Liebeszauber

1. KAPITEL

Der weite Horizont versprach in glühenden Farben, dass gleich die Sonne über dem Meer auftauchen würde. Still und endlos erstreckte sich das tiefblaue Wasser. Seichte Wellen leckten am hellen Strand, der um diese Zeit verlassen dalag. Jennifer atmete tief durch und setzte sich neben einen großen Felsen in den kühlen Sand. Von hier aus hatte sie die lang gezogene Bucht ganz im Blick. Fröstelnd zog sie die Knie an die Brust und blickte aufs Meer hinaus. In ihrem Inneren mischten sich Freude und Schmerz.

Dann lächelte sie. Also gut, sagte sie sich, ich gebe mich vor so viel Schönheit geschlagen. Es wäre doch wirklich zu dumm, wenn ich meinen Aufenthalt hier auf Amorgos nicht nur einfach genießen würde! Die kleine Insel im Ägäischen Meer war ihr von ihrer Schwester Nicky ans Herz gelegt worden, allerdings nicht ohne Auflagen: „Du musst mal abschalten! Du musst vergessen! Du musst dich öffnen!“ Du musst, du musst, du musst! Jennifer merkte, wie das Lächeln auf ihren Lippen erstarb. Musste sie das alles wirklich? Sie bohrte die Füße tief in den Sand, als könnte sie damit all die schmerzlichen Erinnerungen begraben, und kehrte mit ihren Gedanken schnell wieder auf das malerische Fleckchen Erde zurück, auf dem sie saß. Die griechische Insel bot mit ihren kleinen Fischerdörfern, den vielen Stränden und Buchten, dem kristallklaren Wasser und den gastfreundlichen Bewohnern ideale Voraussetzungen für einen entspannten Urlaub. Ganz sicher würde sie das Beste aus ihrer Zeit hier machen. Und damit es ihr – sie war nun mal ein Mensch, der sich immer herausforderte – nicht zu eintönig wurde, wollte sie gleich auch noch das Tauchen erlernen.

„Bestimmt das Richtige für einen Neuanfang, du wirst schon sehen!“, hatte Nicky begeistert zugestimmt, als Jennifer ihr von ihren Plänen erzählte, und dann augenzwinkernd hinzugefügt: „Meistens sind die Tauchlehrer ja auch nicht ohne …“ Jennifer hatte daraufhin nur geseufzt. Sie mochte Nicky sehr, und ihre Schwester hatte ihr in der Trauerzeit viel geholfen. Aber es war völlig unnötig, dass sie sich auch noch um ihr Liebesleben sorgte.

Die Wölkchen am Himmel sahen nun aus, als stünden sie lichterloh in Flammen. Nur noch wenige Minuten bis Sonnenaufgang – wie lange hatte Jennifer dieses Farbenspiel nicht mehr in freier Natur erlebt! In den letzten vier Jahren hatte sie oft nächtelang wach gelegen und in ihrem Londoner Apartment ungeduldig auf den Anbruch des Tages gewartet, der Albträume und schlechte Gedanken vertreiben sollte. Doch das graue Licht, das dann durch die Ritzen sickerte, hatte sie lediglich daran erinnert, dass ein neuer Tag begann – unerbittlich. Hier und jetzt aber, an diesem wundervollen Morgen, wurde ihr endlich klar, dass das Leben auch für sie noch Schönes bereithielt: Plötzlich fühlte sie sich so froh und zuversichtlich wie schon lange nicht mehr. Wie gut es tat, einmal so ganz allein zu sein und Zeit zu haben. Schließlich hatten die vergangenen Jahre nur noch aus Arbeit bestanden. Mit viel Disziplin und Spürsinn hatte sie sich als freie Journalistin einen Namen gemacht, bis hin zur Aufdeckung eines großen Lebensmittelskandals, bei dem ihr Name auch durch die internationale Presse gegangen war. Doch der Trubel war ihr schnell zu viel gewesen. Auf einmal musste sie zu Pressekonferenzen in alle Ecken des Landes reisen und hatte unendlich viele Radio- und TV-Interviews zu geben. Das wollte sie so nicht. Sie war kein Mensch, der gern im Rampenlicht stand, und alles war wie eine große Welle über ihrem Kopf zusammengeschlagen. Amorgos hatte sie sozusagen aus den Fluten gerettet … Hier kannte niemand sie, und so sollte es auch bleiben. Ihren wahren Namen würde sie verschweigen und über ihren Beruf erst gar nicht reden. Sie wollte einfach nur ihre Ruhe haben.

Gerade wollte Jennifer aufstehen, um die Bucht ein wenig zu erkunden, als ein Geräusch sie aufhorchen ließ. Wer, außer ihr und ein paar Fischern auf dem Meer, trieb sich zu dieser frühen Stunde denn hier draußen schon herum? Sie verharrte still und hörte immer deutlicher, dass jemand schnell näher kam. Und dann sah sie ihn. Unten am Wasser joggte ein Mann vorbei, der sie schon beim ersten Anblick in den Bann zog. Er war von großer und athletischer Gestalt, und wie er da so sportlich am Meeressaum entlanglief, strahlte er große Ruhe und Kraft aus. Er mochte um die dreißig sein und hatte schwarzes, dichtes Haar. Deutlich konnte sie die ausgeprägten Muskeln an seinen Beinen erkennen.

Wahrscheinlich ein Einheimischer, überlegte Jennifer. Gespannt wartete sie darauf, ob der attraktive Unbekannte am Ende des Strandes wieder umkehren würde. Hatte er sie hier, im Schutz des Felsens, bemerkt? Doch nein. Als er wieder auf ihrer Höhe war, blickte er immer noch konzentriert vor sich hin. Sie allerdings konnte sich erneut davon überzeugen, dass er ziemlich gut aussah. Seine Gesichtszüge waren ebenmäßig, er hatte dunkle Augen, und um Mund und Kinn zeigte sich ein dunkler Bartschatten.

Jennifer fühlte sich ein wenig beklommen. Es war das erste Mal seit Langem, dass sie einen Mann so unverhohlen betrachtete. Das war ihr nicht recht, denn schließlich wusste er nicht, dass er beobachtet wurde. Dennoch konnte sie den Blick von diesem schönen Südländer nicht lassen. Sollte sie sich vielleicht bemerkbar machen? Unvermittelt unterbrach der Fremde seinen Lauf, zog sich das Hemd über den Kopf, entledigte sich der Schuhe und der Sportkleidung und zeigte ihr auch noch seinen perfekt gebauten, muskulösen Körper, den die gut sitzende Badehose noch betonte. Jennifer beobachtete gebannt, wie er sich streckte und sich, ohne zu zögern, ins Wasser stürzte. Mit kräftigen Zügen schwamm er dem funkelnden Horizont entgegen.

Fasziniert sah sie zu. Wie furchtlos, ging es ihr durch den Kopf. Und: Jetzt müsste ich unbemerkt gehen. Doch sie blieb sitzen. Hatte sie sich hier nicht den Sonnenaufgang ansehen wollen? Nur weil ein einsamer Jogger – wenn auch ein sehr gut aussehender – hier seine Bahnen zog, hieß das doch nicht, dass sie gehen musste! Sie unterdrückte den Impuls, aufzustehen, und blickte wieder aufs Meer hinaus.

Da endlich stieg die Sonne über den Horizont und schickte kräftige Strahlen in den Himmel, der in einem Farbspektakel explodierte. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmte Jennifer. Gleichzeitig bemerkte sie, dass der Mann wieder zum Ufer zurückschwamm. Wenn er nun zum Strand hinsah, musste er sie einfach entdecken, es sei denn, er war blind. Doch was kümmerte sie das eigentlich? Sie schloss die Augen und genoss einfach nur, wie hinter ihren Lidern das Licht immer stärker und wärmer wurde. Ganz bestimmt würde es ein wundervoller Tag werden.

Leonardo war fast am Ufer angelangt, als er die reglose Gestalt bei dem Felsen bemerkte. Eine Frau um diese Zeit allein am Strand? Er traute seinen Augen kaum. Rasch stieg er aus dem Wasser und griff nach dem Handtuch, das er bei seiner Joggingrunde immer dabeihatte. Er trocknete sich ab und ließ die Person nicht aus den Augen, die dort so unbeweglich dasaß. Wie lange sie ihn wohl schon beobachtete? Beobachtete sie ihn überhaupt? Er sah, dass die Frau jung und anmutig war, ihr schulterlanges, glattes braunes Haar funkelte rötlich in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Er hob eine Hand zum Gruß, doch die Unbekannte rührte sich nicht, was ihn ein wenig irritierte und auch ärgerte. Er mochte keine ungebetene Gesellschaft, erst recht nicht, wenn sie sich nicht zu erkennen gab. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass ihm jemand auflauerte. Doch von der Brünetten schien keine Gefahr auszugehen.

Mit weniger Eile als sonst streifte er seine Hose über. Sah ihm diese Frau vielleicht dabei zu, wollte es aber nicht zeigen? Seltsamerweise bereitete ihm das heute Vergnügen. Immerhin konnte er sich sehen lassen: Er trieb Sport, und er war in bester Verfassung. Morgens, mittags, abends – er lief, schwamm und tauchte, wann immer es ihm möglich war, denn er liebte das Gefühl von Kraft und Stärke, das dann durch seinen Körper pulsierte. Nie wieder wollte er sich schwach fühlen, so schwach und hilflos wie damals, an jenem furchtbaren Tag …

Leonardo straffte sich. Er durfte sich nicht unnötig mit Erinnerungen quälen. Entschlossen nahm er seine Schuhe, warf sich das Handtuch über die Schultern und – zögerte. Eigentlich führte sein Weg in eine andere Richtung, doch er war neugierig geworden. Denn normalerweise gehörte ihm der Strand um diese Zeit ganz allein.

Langsam ging er auf den Felsen zu. Wie eine Statue saß die Frau dort, aufrecht und erhaben. Er kam näher und sah nun, dass sie ihre Augen tatsächlich geschlossen hielt. Vielleicht war sie ja eine von jenen Menschen, die am Strand meditierten und Yoga machten? Davon gab es schließlich immer mehr. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Sie war wirklich sehr schön, mit heller glatter Haut und vollen Lippen. Welche Farbe wohl ihre Augen hatten? Doch die Antwort darauf behielt sie ihm vor.

Nun blieb er stehen. Was tat er denn da? Es war gewiss nicht seine Art, andere Menschen, die ihre Ruhe haben wollten, zu stören. Es war doch offensichtlich, dass diese Frau nicht mit ihm sprechen wollte, denn sonst hätte sie ja einmal aufgeblickt. Er wandte sich ab und ging langsam, ohne sich noch einmal umzusehen, davon. Und während er die schöne Unbekannte hinter sich ließ, gestand er sich ein, was er eigentlich längst wusste: Viel zu lange schon war er allein. Wie lange wollte er sich denn noch verstecken?

Als er wenig später den schmalen Weg zur Straße hinaufstieg, fasste er einen Entschluss: Sobald er das nächste Bauprojekt hinter sich hatte, wollte er sich dem gesellschaftlichen Leben wieder öffnen. Das würde zwar noch eine gute Weile dauern, doch diese Zeit brauchte er auch, um für immer einen Schlussstrich unter die Sache mit Marcia zu ziehen. Und bevor er wieder eine Frau in sein Leben ließ, würde er sie einer intensiven Prüfung unterwerfen. Sie würde es nicht leicht haben.

Die Sonne stieg nun hell und voll in den Himmel, doch Jennifer zögerte noch immer, die Augen wieder zu öffnen. Eben war in ihrer Fantasie dieser dunkelhaarige Mann aufgetaucht. Sein prächtiger Körper glänzte noch vor Nässe. Lächelnd bewegte er sich auf sie zu, bis er schließlich nah vor ihr stand … Um diese Wunschvorstellung nicht zu unterbrechen, hatte sie es nicht gewagt, auch nur zu blinzeln. Zudem wäre es ihr peinlich gewesen, hätte er sie dabei ertappt, wie sie ihn bewundernd beobachtete. Nun aber taten ihr die Füße und der Rücken weh, sie musste sich einfach bewegen. Sie streckte sich, öffnete die Augen – und war enttäuscht. Der Strand vor ihr war menschenleer, genau wie das Meer. Es war, als sei der Mann nichts weiter gewesen als eine Fata Morgana. Wahrscheinlich hatte er sie überhaupt nicht bemerkt, und selbst wenn, warum sollte er ihr weitere Beachtung schenken? Um diese Jahreszeit war sie nicht die einzige Besucherin auf der Insel, überall trieben sich Touristen herum und belagerten Strände und Felsen, wenn auch nicht in aller Herrgottsfrühe.

Jennifer stand auf und ging zum Wasser. Noch war es kühl und ließ sie frösteln, als es ihre Füße schaumig umspülte. Sie kam zu der Stelle, wo sich der Unbekannte ausgezogen hatte, und sah die frischen Spuren im Sand. Warum nur empfand sie ein so seltsames Bedauern? Weil er dir gefällt, darum! hörte sie Nickys freche Stimme im Kopf. Unwillkürlich musste Jennifer über sich und ihr Zwiegespräch lächeln. Falls dieser Mann hier in der Nähe wohnte, dann würde sie ihn vielleicht in den nächsten Tagen wiedersehen. Ohnehin wollte sie möglichst viel auf der Insel herumstreifen. Und plötzlich hatte sie einen Wunsch: dem Fremden einmal aus der Nähe ins Gesicht zu blicken. Denn zu ihrer eigenen Überraschung interessierte es sie brennend, wer in diesem atemberaubenden Körper steckte.

Wenig später schon warteten ihre Gastgeber, Eleni und Georgios, mit einem kleinen Frühstück auf sie. Jennifer hatte sich ein privates Quartier abseits der großen Hotels und Pensionen gesucht. Und es stellte sich als eine gute Wahl heraus. Die beiden Rentner wohnten mit ihrer Enkelin Leandra, die dort ihre Ferien verbrachte, am Rande eines kleinen, auf einem Hügel liegenden Dörfchens in einem dieser wunderschön weiß getünchten Häuser, die von blühenden Büschen umgeben waren und auf deren Dach man sitzen und die Aussicht genießen konnte. Außerdem gab es noch einen geschützten Innenhof, in dem ein knorriger Olivenbaum Schatten spendete und in dem Kätzchen übermütig umhertollten. Ihr Zimmer hatte einen winzigen Balkon, ein kleines Bad und war sauber und luftig. Ohne Weiteres hätte sie sich auch eine luxuriösere Unterkunft leisten können, doch hier, mit den beiden alten Griechen und der Kleinen, fühlte sie sich wie ein Teil der Familie. Und das tat gut.

Jennifer nahm an dem rustikalen Holztisch unter dem Olivenbaum Platz. In ihrer Tasse dampfte schon der Kaffee, und es wurde duftendes Weißbrot mit viel Butter und würzigem Honig gereicht. Wie das schmeckte! Wohlwollend machte Eleni Jennifer Zeichen, sie sollte so richtig zulangen. Ganz offensichtlich fand die füllige alte Dame sie zu dünn. Jennifer tat ihr gern den Gefallen, aß noch eine weitere Scheibe Brot und genoss den frisch gepressten Orangensaft.

Ihre Gastgeber kannten nur einige Brocken Englisch, und so verständigte man sich mit Gesten. Das Wetter, das Essen, das Meer – seit ihrer Ankunft vor zwei Tagen hatten sie sich schon über vieles ausgetauscht. Nun erkundigte sich Eleni, wovon sie in London lebte. Jennifer überlegte nicht lange. Sie hatte nicht vor, sich als erfolgreiche Journalistin vorzustellen. Hier in ihrem Urlaub wollte sie nicht von ihrem Beruf reden, wollte London einfach mal vergessen. Schließlich stellte sie Eleni mit der kleinen Notlüge „Lehrerin“ vollauf zufrieden. Die Griechin verstand und strahlte. So einfach war das. Und Jennifer setzte sogar noch eins drauf: Statt Jennifer Vandenberg wollte sie hier auf Amorgos nur schlicht und einfach Jennifer Miller sein. Sicher war sicher. Und vielleicht machte es ihr dieser Namenstausch leichter, auch die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Denn das, was vor vier Jahren geschehen war, lastete immer noch schwer auf ihrer Seele, sodass sie sich manchmal am liebsten vollkommen von der Welt zurückgezogen hätte.

Ein Kätzchen sprang auf ihren Schoß und rollte sich schnurrend zusammen. Nun stieß auch Leandra dazu, verschlafen noch und verstrubbelt, schwang sich die Kleine auf die grobe Holzbank und lächelte Jennifer mit ihrer Zahnlücke verschmitzt an. Wieder durchströmte sie ein tiefes Glücksgefühl. Wie gut es tat, einfach nur Jennifer zu sein, ohne diesen Erfolgsdruck zu spüren, unter den sie sich jahrelang gesetzt hatte, um sich abzulenken. Endlich versprach das Leben wieder das, was es auch früher, vor diesem schrecklichen Unglück, getan hatte: Freude an den kleinen Dingen, an einem geselligen Frühstück, einem Spaziergang in der Natur. Und am besten würde sie heute noch anfangen, das Tauchen zu erlernen.

Sie leerte ihr Glas und fragte nach der Tauchschule, die ganz in der Nähe sein sollte. Sie müsse nur den Hügel hinabgehen, hinunter zum Meer, erklärte Eleni. Jennifer beschloss, gleich aufzubrechen. Nicht dass sie doch noch einen Rückzieher machte. Denn so mutig und forsch sie in ihrem Beruf als Journalistin auch war, die Konfrontation mit den Tiefen des Meeres stand noch aus. Und sie wusste nicht, ob sie dabei weinen oder lachen würde.

Die Tauchschule befand sich in einem kleinen weiß getünchten Gebäude am Ende des belebten Strands. Das blaue Dach leuchtete schon von Weitem. Niemand war zu sehen, doch die Tür stand offen. Durch einen Vorhang aus langen Perlenschnüren trat Jennifer in einen Raum, in dem, wie in einem altmodischen Schulzimmer aufgereiht, Tische und Stühle sowie eine Tafel standen. Jennifer sah sich um. Alles wirkte sehr freundlich und hell, an den Wänden hingen eindrucksvolle Fotografien der hiesigen Unterwasserwelt. Das Mittelmeer zählte zwar nicht unbedingt zu den farbenprächtigsten Tauchparadiesen dieser Erde, doch anscheinend gab es trotzdem eine Menge zu sehen, wie die Bilder von Fischen und verschiedenen auf dem Meeresboden liegenden geheimnisvollen Wracks zeigten.

„Kann ich helfen?“

Jennifer fuhr herum. Vor ihr stand ein mittelgroßer Mann mit dunklem, lockigem Haar. Das Hemd trug er offen, und auf der Brust schimmerte eine dicke Goldkette. Er trat auf sie zu und streckte ihr seine Hand entgegen: „Mein Name ist Konstantinos. Willkommen in meiner Tauchschule. Haben wir eine Verabredung?“

„Nein, ich bin einfach so vorbeigekommen. Mein Name ist Jennifer … Jennifer Miller“, sagte sie, während der Grieche ihre Hand ein wenig länger als nötig drückte. „Entschuldigen Sie, dass ich hier so eingedrungen bin. Die Tür stand offen, ich habe gerufen und …“

Konstantinos grinste. „Das macht doch nichts. Schöne Frauen sind hier immer willkommen! Setzen Sie sich! Wie kann ich Ihnen helfen?“ Und schon legte er seine Hand auf ihren Arm, um sie zu einem Stuhl zu dirigieren, auf dem sie zögernd Platz nahm. Unschlüssig sah sie sich um. Dieser Konstantinos war wohl nicht gerade der zurückhaltende Typ …

„Ich würde gerne einen Tauchkurs belegen“, sagte sie.

„Anfängerin?“ Konstantinos blieb vor ihr stehen und musterte sie nun ausgiebig. Sein aufdringliches Verhalten begann sie zu stören. Doch sie beschloss, Ruhe zu bewahren. Die griechische Mentalität war eben eine andere als die englische.

„Ja, ich bin Anfängerin“, bestätigte sie.

„Wie viel Zeit haben Sie denn mitgebracht?“, fragte Konstantinos weiter.

„Ich weiß nicht, ein paar Tage …“, erwiderte Jennifer zögernd. Sie hatte lediglich das Ziel, sich den Fluten zu stellen. Sie wollte tief tauchen, wie ein Fisch durchs Wasser schwimmen und Frieden schließen mit dem Meer, das ihr das geraubt hatte, was ihr das Liebste im Leben gewesen war.

„Dann ist ein Schnupperkurs für Sie das Richtige. Etwas Theorie, ein paar Übungen, drei, vier Tauchgänge?“

„Ja, gern“, bestätigte Jennifer. Jetzt klirrte hinter ihr leise der Perlenkettenvorhang. Jemand war eingetreten, sie erkannte es auch an Konstantinos’ überraschter Miene. Nach einer kurzen Pause jedoch fuhr dieser seelenruhig fort: „Es gibt verschiedene Kurse, einmal bei meiner Wenigkeit oder bei einem Kollegen …“

Nun merkte sie, dass jemand an ihre Seite trat. Bisher hatte sie sich noch nicht nach dem Gast umgesehen. Warum nur fühlte sie sich auf einmal so benommen? Langsam hob sie den Blick. Und in dem Moment, als sie ihn erkannte, schien für einen Augenblick die Zeit stillzustehen. Jetzt also wusste sie, wem dieser atemberaubend geschmeidige Körper vom Morgen gehörte. Einem Mann mit dunkel glänzenden Augen, in denen kleine goldene Funken tanzten. Ihr schöner Unbekannter hatte eine glatte Stirn, eine gerade aristokratische Nase und markant geschwungene Lippen, auf denen die Andeutung eines Lächelns lag. Wangen und Kinn bedeckte ein Dreitagebart, der dem Mann etwas Geheimnisvolles, Verwegenes verlieh. Unverhohlen musterte er sie.

Bestimmt ein Freund von diesem Konstantinos, dachte Jennifer. Hoffentlich nicht noch so ein Draufgänger! Gerade wollte sie den Fremden begrüßen, da sagte dieser mit tiefer, leiser Stimme: „Ich habe mir schon gedacht, dass Ihre Augen grün sind. Sie haben die Farbe von Seegras …“

Mein Gott, was sagte er denn da? Leonardo war von seinen Worten selbst überrascht. Die Frau vom Strand schlug für einen Moment die Augen nieder. Und verriet damit, dass sie ihn am Morgen sehr wohl gesehen hatte. Rasch schob sie den Stuhl zurück und stand auf: „Jennifer Miller“, sagte sie mit fester Stimme, „ich komme aus London.“ Beide gaben sich die Hand, und Leonardo konnte nicht vermeiden, dass sein Blick dabei über ihre schlanke Figur glitt, die durch ihre Shorts und das eng anliegende T-Shirt perfekt betont wurde.

Konstantinos warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Ihr kennt euch schon?“

„Nein“, sagte Leonardo. „Bislang noch nicht. Ich bin Leonardo, Leonardo Bertani.“ Erst jetzt ließ er ihre Hand wieder los.

„Bertani …“, wiederholte sie und sah ihn verwundert an. „Das klingt nicht griechisch.“

„Er ist Italiener“, mischte sich Konstantinos ein, „genau genommen ein Sarde …“

Leonardo warf ihm einen warnenden Blick zu. Das waren Dinge, die erzählte er entweder von selbst oder überhaupt nicht! Doch Konstantinos zuckte nur die Schultern, sprang auf und holte einen Ordner hervor. „Hier sind die Kurspläne, Miss Miller“, sagte er und begann darin zu blättern. „Wann möchten Sie mit Ihrem Schnupperkurs beginnen? Sicherlich morgen? Da kann ich …“

„Gerne heute schon, vielleicht heute Nachmittag?“, unterbrach sie Konstantinos, und Leonardo bemerkte sogleich, wie sich die Miene seines Freundes verdüsterte. Es kostete ihn sichtlich Überwindung, freundlich zu antworten: „Dann überlasse ich Sie besser meinem Kollegen Leonardo.“

Jennifer starrte Leonardo einen Moment lang überrascht an. Dieser Mann, von dem sie am Morgen am Strand nicht die Augen hatte lassen können, war also nicht nur irgendein Bekannter oder Freund von Konstantinos, sondern er war hier auch noch als Tauchlehrer tätig! Genau genommen nun als ihr Tauchlehrer! Was für ein seltsamer Zufall … dem sie nicht zu viel Beachtung schenken sollte. Wahrscheinlich achtete sie auf diese Dinge nur so sehr, weil ihre Schwester ihr eingeredet hatte, dass sie sich den Urlaub ruhig mit einer kleinen Affäre versüßen sollte. Fast schon kam ihr das wie eine Verpflichtung vor. Dabei wollte sie das doch überhaupt nicht. Sie räusperte sich, um schnell wieder Herrin über die Lage zu werden.

„Ja, das passt“, antwortete sie und strich sich dabei eine Haarsträhne aus der Stirn. „Das passt sehr gut.“ Was für ein Glück, dass ihre Stimme dabei so klar und ruhig klang, als sei diese Fügung des Schicksals das Normalste der Welt.

2. KAPITEL

Leonardo blickte immer noch in diese grünen Augen, die fast so brillant schimmerten wie die Traumbuchten an der Costa Smeralda auf Sardinien, seiner Heimat. Der Blick dieser Frau, die er am Morgen schon am Strand bewundert hatte, war – er konnte es sich nicht anders erklären – hypnotisch. Der Blick einer Raubkatze? Nein, dafür wirkte diese natürliche Schönheit viel zu sanftmütig. Der klare, feste Klang ihrer Stimme jedoch ließ auch auf ein standfestes Wesen schließen. Wahrscheinlich eine Frau der Gegensätze, dachte er. Aber warum überhaupt machte er sich über diese Jennifer Miller so viele Gedanken?

Es war Konstantinos, der die plötzlich entstandene Stille unterbrach. Missmutig sah dieser ihn an: „Was ist denn los? Möchtest du Miss Miller nicht Näheres über den Tauchkurs erzählen? Sie ist ja nun deine Schülerin!“ Der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

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