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Grenzüberschreitungen

Grenzüberschreitungen

Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit mit Verstand und Augenmaß

Für den besten Ehemann der Welt,

meine Söhne Simon und Johannes

und für Anne Marie.

Vorwort

Ich habe lange gezögert, dieses Buch zu schreiben. Die Geschichten, die ich in den vielen Jahren meiner überwiegend ehrenamtlichen Arbeit für und mit Migranten erlebt habe, erschienen mir zu persönlich, als dass ich sie einem breiteren Publikum zugänglich machen wollte. Mein eigenes Tun wiederum hielt und halte ich noch immer für selbstverständlich. Es ergab sich beinahe zwangsläufig aus meinem einfachen Bestreben, als überzeugte Christin zu leben und zu handeln.

Der Hauptgrund, warum ich nun doch meine wichtigsten Erfahrungen niedergeschrieben habe, liegt in den politischen Geschehnissen der jüngsten Vergangenheit und den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die diese mit sich brachten: Mit großem Erstaunen erlebte ich ab 2015 die in weiten Teilen der Bevölkerung einsetzende Euphorie für eine „deutsche Willkommenskultur“, die bis dahin reichlich unbekannt war. Ihre blindwütigen Verfechter stellten jeden Menschen sofort in die rechte Ecke, der nur leise Bedenken artikulierte, auf mögliche Probleme hinwies, oder der seine Ängste und Sorgen äußerte.

Gleichzeitig sah und sehe ich mit Befremden und wachsender Furcht, dass sich von den marktschreierischen Parolen echter Neonazis, die sich bei „PEGIDA“ und ähnlichen Demonstrationen zeigen, mehr und mehr ganz normale, rechtschaffene Bürger vereinnahmen lassen. Beide Lager propagieren bis heute stereotype Plattitüden; Zuwanderer, insbesondere Flüchtlinge, sind in ihren Augen entweder pauschal „gut“, „nett“ und “hilfebedürftig“ oder aber ebenso pauschal „schlecht“ und ein „Grund für den Untergang des Abendlandes“.

Es dürfte klar sein, dass weder das eine, noch das andere stimmt – eine differenzierte Betrachtungsweise legen aber die wenigsten an den Tag. Sie können es oft auch gar nicht, weil sie bislang keine oder nur geringe eigene Erfahrungen mit Migranten haben, die über den flüchtigen Kontakt zum türkischen Obst- und Gemüsehändler oder das kurze Gespräch mit dem kosovarischen Paketboten hinausgehen. Selbst Journalisten, die eigentlich unvoreingenommen von aktuellen Ereignissen berichten sollten, beziehen Stellung, in dem sie einzelne Erlebnisse allzu oft verallgemeinern.

Mit meinem Buch möchte ich jetzt das Blickfeld der Öffentlichkeit weiten und in unterhaltsamer Weise die Verschiedenartigkeit der Lebensumstände von Zuwanderern, speziell von Flüchtlingen, darstellen. Ich möchte zeigen, dass es „DEN Ausländer“ ebenso wenig gibt wie exakt gleiche Migrations- und Integrationsverläufe – selbst innerhalb ein- und derselben Familie. Ich lade Sie ein, anhand meiner Erzählungen Ihren eigenen Standpunkt zu beleuchten, zu hinterfragen und manches Mal vielleicht auch zu ändern.

Dieses Buch soll ein Plädoyer dafür sein, genauer hinzuschauen und die Wahrheit auch und gerade dann beim Namen zu nennen, wenn sie nicht in das vorgefertigte Weltbild oder zum vermeintlichen Mainstream passt. In der Diskussion um die Zuwanderung muss es auch noch ein „Ja, aber…“ geben dürfen und niemand sollte sofort als unmoralisch, gar als Rassist oder Nazi verunglimpft werden, nur weil er nicht jedem Migranten dieselbe Sympathie und Hilfsbereitschaft entgegenbringen kann.

Bei aller gebotenen Nächstenliebe sollten wir eines nicht vergessen: Es ist und bleibt originäre Aufgabe des Staates, Rahmenbedingungen für ein Leben innerhalb seiner Grenzen zu schaffen und zu konkretisieren. Lange vor der Flüchtlingskrise in den Jahren 2015/16 haben sich Politik und staatliche Organe dieser Gestaltungspflicht leider allzu oft entzogen und den Dingen ihren Lauf gelassen – mit fatalen Folgen für unser Land und den hier lebenden Menschen, egal ob Deutsche oder Zuwanderer.

Teil I:

Unterkunft

Annäherungen

Wir waren unterwegs nach Frankfurt am Main. Mein Cousin, zu dem ich ein sehr enges, nahezu geschwisterliches Verhältnis pflegte, hatte in der Finanzmetropole nicht nur als Banker Karriere gemacht, sondern auch die Frau seines Lebens gefunden. Nun, unmittelbar zu Beginn des Jahres 2001, sollte die standesamtliche Trauung im Frankfurter Römer stattfinden. Die kirchliche Hochzeit der beiden war dann für den Sommer im schönen barocken Gotteshaus unserer bayerischen Heimatgemeinde vorgesehen. Hier hatte mein Cousin einst viele Jahre lang als Ministrant gedient.

Inzwischen war unser erstgeborener Sohn Simon in seine Fußstapfen getreten; er würde bei der Trauungsmesse ministrieren dürfen. Unser jüngerer Sohn Johannes war dafür noch zu klein. Mit seinen sechs Jahren besuchte er gerade einmal die 1. Klasse Grundschule. Johannes‘ Bruder hingegen war bereits zehn, hatte die Erstkommunion hinter sich und ging das erste Jahr ins örtliche Gymnasium.

In Bayern waren noch Weihnachtsferien und der Wetterbericht hatte heftige Schneefälle vorhergesagt. Daher hatten wir beschlossen, die beiden Kinder zu Hause in der Obhut der Großeltern zu lassen und für die Fahrt nach Frankfurt den Zug zu nehmen.

Nun saßen wir in der S-Bahn zum Münchener Hauptbahnhof und bewegten uns wegen eines vereisten Weichenteilstücks nur langsam aus unserem Bahnhof heraus. So sahen wir aus dem Fenster auf ein Gebäude, dessen Umgriffsfläche fast direkt an den Gleisbereich grenzte. Uns fielen die unterschiedlichen Parabolantennen auf, die neben einigen Fenstern montiert waren.

Ich kannte das Haus. Es befand sich ganz am Rande unseres Ortes, war aber von dessen normaler Wohnbebauung durch die Bahngleise und eine Straßenunterführung getrennt. Von der Ortsausfahrtsstraße her war das Gebäude praktisch nicht auszumachen, weil es von einer mehrgeschossigen Gewerberuine verdeckt wurde.

Ab Mitte der 1990er Jahre waren in dem Haus Familien untergebracht, die vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien geflohen und als „Kontingentflüchtlinge“ nach Bayern gekommen waren. Einige Frauen aus unserer Pfarrei, darunter auch welche, die ursprünglich aus Kroatien oder Bosnien stammten und hier mit Deutschen verheiratet waren, nahmen sich der Menschen an.

Hin und wieder startete auch der damalige Pfarrer einen Hilferuf im Mitteilungsblatt der Gemeinde, etwa wenn wieder in größerer Menge Bettwäsche oder Haushaltsgegenstände benötigt wurden. Das alles ging recht unaufgeregt vonstatten und ich hatte den Eindruck, dass viele Einheimische überhaupt nichts von der Anwesenheit der Bürgerkriegsflüchtlinge mitbekamen.

Dies lag wohl auch daran, dass die Zuwanderer in der Regel hier sofort arbeiten durften – und aufgrund der muttersprachlichen Unterstützung durch die schon ansässigen Landsleute rasch irgendwelche Hilfsjobs fanden. Manche von ihnen hatten auch Berufe, die bei uns schon damals gefragt waren. So gab es einige Frauen, die als Krankenschwestern sehr schnell in einer der Münchner Kliniken oder in einem der näher gelegenen Seniorenheime fest angestellt wurden.

Sie und ihre Familien etablierten sich zügig und fast unbemerkt; die Unterkunft war für sie nur eine kurze Zwischenstation. Bereits damals wurde die bestehende Rückkehrverpflichtung für gut integrierte Flüchtlinge bzw. solche, die in Mangelberufen arbeiteten, ausgesetzt und schließlich ganz aufgehoben. Dennoch gab es auch bei uns etliche Familien, die nicht richtig Fuß fassen konnten. Sie mussten tatsächlich Ende der 1990er Jahre unser Land wieder verlassen, was vor allem für die schon hier geborenen oder zumindest groß gewordenen Kinder schrecklich war.

Auch in der Klasse unseres Sohnes Simon gab es bis Juni 2000 ein solches Flüchtlingsmädchen: Valentina hatte schon den Kindergarten im Ort besucht und wurde 1996 zusammen mit Simon eingeschult. Sie und ihre Familie waren derart unauffällig, dass niemand aus der Elternschaft ahnte, wie schwierig und unsicher ihr Aufenthalt bei uns war.

In der letzten Woche vor Beginn der Pfingstferien, Simon war damals in der 4. Klasse und sollte im Herbst ins Gymnasium wechseln, berichtete er von einer geplanten Abschiedsfeier für seine Schulkameradin Valentina. Ich dachte zunächst, Simon müsse da irgendetwas missverstanden haben, denn das Schuljahr in Bayern ging nach den Ferien ja noch bis Ende Juli weiter. Aber er blieb hartnäckig dabei, dass Valentina nicht mehr in die Schule zurückkehren werde und sich jedes Kind ein kleines Geschenk für sie ausdenken solle.

Wenige Wochen später erfuhr ich dann am Rande der Schulschlussfeier von Simons Lehrerin die genauen Hintergründe – und auch, wie viele Tränen bei Valentina geflossen waren.

Eine andere Begebenheit blieb mir im Gedächtnis, die eine Familie, oder besser gesagt, ein Ehepaar aus der Gemeinschaftsunterkunft betraf. Die beiden waren wohl schon lange verheiratet und immer noch kinderlos. Besonders die Frau litt entsetzlich unter dieser Situation, hinzu kamen offenbar traumatische Fluchterfahrungen, so dass sie mehr und mehr in eine tiefe Depression abglitt.

Der einzige Weg, um der Frau zu helfen, bestand in einer künstlichen Befruchtung. Und tatsächlich: Nach einigen Fehlversuchen war sie wirklich schwanger geworden und sollte bald einem gesunden Buben das Leben schenken. Ihr Ehemann war beinahe verrückt vor Freude und Stolz, aber natürlich auch vor Sorge.

Er hatte nur einen Hilfsarbeiterjob und keine Aussicht auf ein dauerhaftes Bleiberecht bei uns. Er bat den Pfarrer um Hilfe, aber auch dieser konnte rein rechtlich nicht viel erreichen. Doch er wollte dem Paar finanziell bzw. mit Sachspenden für die Babyausstattung unter die Arme greifen und so bat er im Nachrichtenblatt der Pfarrei um entsprechende Unterstützung.

Ich arbeitete zu dieser Zeit als Verwaltungsfachkraft im örtlichen Pfarramt und kam gerade dazu, als die Pfarrsekretärin die schon am Montagmorgen abgegebenen Spenden sichtete. Besonders ins Auge stachen uns zwei Kinderwägen.

Der erste war recht ordentlich, gebraucht zwar, aber wirklich gut in Schuss und in einem hübschen Design. Der zweite jedoch ließ uns nur noch staunen: Es handelte sich um einen todschicken, praktisch neuen Wagen mit unzähligen Extras, natürlich mit wenigen Handgriffen umbaubar vom Liege- zum Sportwagen samt passendem Sommer- und Winterfußsack, Kissen, Decke, Regenschutz und wer weiß, was noch alles.

Alles war fein säuberlich in durchsichtige Plastikhüllen verpackt und liebevoll mit Schleifen verziert. Ohne zu übertreiben, muss ich gestehen, dass diese Ausstattung die einstige meiner eigenen Kinder um Längen übertraf.

Voller Freude riefen wir also bei dem werdenden Vater an, damit er die Sachen abholen kam.

Am Freitag derselben Woche – ich hatte wieder Dienst im Pfarramt – läutete es an der Haustür. Die Sekretärin öffnete und stieß im nächsten Moment einen laut hörbaren Schrei aus: Vor der Tür stand der schöne Kinderwagen – aber in welchem Zustand!

Von seinem neuen Eigentümer war weit und breit nichts zu sehen. Die Sekretärin holte mich aus meinem Büro, und gemeinsam sahen wir uns nun die Bescherung an.

Der komplette Wagen war zerpflückt worden, alle Päckchen aufgerissen, ihr Inhalt einfach in den Wagen zurückgeworfen, selbst die Matratze befand sich nicht mehr an ihrem Platz. Wir waren fassungslos! Was war hier bloß geschehen?

Wir baten den Pfarrer, bei der jungen Familie nachzufragen.

Wie sich schnell herausstellte, war dies gar nicht so leicht. Der Pfarrer brauchte mehrere Anläufe, bis er den jungen Vater endlich zur Rede stellen konnte.

Dessen Erklärung war dann für uns alle ungeheuerlich: Er fühlte sich zutiefst beleidigt, weil man ihm für sein erstes Kind einen „gebrauchten“ Kinderwagen zugemutet hatte!

Einige Wochen nach unserem Besuch in Frankfurt am Main, es war inzwischen Ende Januar geworden, kam unser jüngerer Sohn Johannes ziemlich aufgeregt von der Schule nach Hause: „Mami, Mami, stell dir vor, wir haben ein neues Kind in die Klasse bekommen.

Der Bub heißt Schazad und kommt aus Marokko oder so. Er ist total nett und ich möchte ihn mal zu uns einladen!“

Ich versuchte, Näheres über den Jungen zu erfahren, denn es war üblich, dass in der Regel zunächst die Mütter miteinander telefonierten und einen Treff vereinbarten.

Anschließend wurde das Kind von der Mutter oder einem älteren Geschwisterkind zur Wohnung des anderen begleitet und auch wieder von dort abgeholt. Für „Alleingänge“ waren die Kinder in den Anfangsklassen der Grundschule einfach noch zu klein, und unser Ort auch damals schon verkehrstechnisch viel zu unsicher.

Mir kam es merkwürdig vor, dass der Bub von einem Tag auf den anderen, noch dazu mitten im Schuljahr, aus einem nichteuropäischen Land zu uns gekommen sein sollte. Also fragte ich nach: „Kann Schazad denn deutsch?“ – „Nein, aber das kann er ja lernen – und außerdem verstehen wir uns auch so!“

Johannes hatte diesen Satz mit kindlicher Logik und entwaffnender Schlichtheit von sich gegeben, doch heute erscheint er mir wie der Schlüssel, ein Rezept für die Lösung vieler Probleme unserer Welt.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Diesen Satz lässt Antoine de Saint-Exupéry den Fuchs in seinem Buch „Der kleine Prinz“ am Ende einer Geschichte über das „Zähmen“ sagen. Der Fuchs erklärt dem kleinen Prinzen, wie wichtig es sei, sich miteinander vertraut zu machen. Dazu brauche man viel Geduld und man müsse zunächst schweigen. Denn die Sprache sei eine große Quelle für Missverständnisse.

Für Johannes und mich war der nicht deutschsprechende Schazad jedoch zuerst einmal ein Grund, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Offenbar handelte es sich um ganz neue Zuwanderer, mit denen ich bestimmt nicht so einfach telefonieren und einen Kindernachmittag vereinbaren hätte können.

Ich vertröstete Johannes deshalb auf die nahen Faschingsferien. Bis dahin wäre Schazads Familie sicherlich schon besser in unserem Ort angekommen und man könnte versuchen, sie in ihrer neuen Wohnung zu treffen und willkommen zu heißen.

Kurz vor den Ferien, Mitte Februar 2001, sollte es Zwischenzeugnisse geben. Natürlich hatte Johannes in der 1. Klasse noch keine Noten zu erwarten, doch mich interessierte, wie ihn die Lehrerin einschätzte. Ich hatte deshalb noch vor dem Zeugnistermin um eine persönliche Unterredung gebeten und ging ziemlich gespannt zur Sprechstunde.

Johannes war ein äußerst pflegeleichtes Kind, von Natur aus immer guter Laune und freundlich gegenüber jedermann. Mathematisch war er besonders begabt, weshalb er bereits mit fünf Jahren problemlos im Zehnerbereich rechnen konnte.

Sein sprachliches Talent war dagegen deutlich weniger ausgeprägt als das seines älteren Bruders. Johannes empfand „Sprache“ lange als etwas sehr Mühsames und eher Lästiges. Dennoch interessierte ihn schon früh die Bedeutung der Buchstaben und bereits zu Schulbeginn kannte er sie alle.

Nun saß ich also der Lehrerin gegenüber und fragte, wie sie denn die Leistungen und das Verhalten unseres Sohnes beurteilte. Sie war darüber reichlich erstaunt, denn ihrer Beschreibung nach hatte sie in ihrer damals schon über 20jährigen Berufstätigkeit kaum jemals einen besseren und netteren Schüler als unseren Johannes.

Sie meinte: „Ach wissen Sie, mit Ihrem Sohn ist alles in Ordnung, aber die Klassensituation ist einfach schrecklich! Wir haben ja schon von Anfang an ein thailändisches Mädchen in der Klasse und jetzt auch noch drei afghanische Flüchtlingskinder dazu bekommen. Die sitzen alle nur da und schauen mich mit großen Augen an.“

Ich war überrascht. Plötzlich fiel mir die Geschichte mit dem Jungen „aus Marokko oder so“ wieder ein und ich befragte die Lehrerin. „Ja“, erwiderte diese, „Schazad ist eines der Flüchtlingskinder“.

Dazu gehöre auch noch ein Geschwisterpaar, der Junge sei sieben Jahre alt, das Mädchen bereits neun, aber noch nie in einer Schule gewesen. Alle drei schienen traumatisiert zu sein und vor allem das Geschwisterpaar hätte nicht einmal ausreichende, jahreszeitlich passende Bekleidung, von Schul- oder Sportsachen ganz zu schweigen.

So habe man bereits in der Lehrerschaft gesammelt, aber die meisten der Kolleginnen hätten entweder bereits wesentlich ältere, oder aber überhaupt keine Kinder. Lediglich diverse Schulutensilien habe man auf diese Weise organisieren können.

Das thailändische Mädchen schließlich habe zwar einen deutschen Vater und daher auch einen in Deutschland gebräuchlichen Namen. Es sei aber mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester erst unmittelbar vor dem Schulbeginn aus Bangkok hierher gezogen. Ihr Vater habe dort viele Jahre lang als Ingenieur gearbeitet und würde mit seiner Frau nur in Englisch kommunizieren, diese wiederum mit den Töchtern ausschließlich Thai sprechen.

Mir war die thailändische Frau bereits das eine oder andere Mal in der Aula aufgefallen, als wir im Herbst die Kinder noch zur Schule begleitet und nach Unterrichtsschluss wieder abgeholt hatten. Einmal hatte sie mich sogar irgendetwas auf Englisch gefragt. Damals war weder der Frau noch mir klar, dass unsere Kinder sogar ein- und dieselbe Klasse besuchten.

Ihre Tochter mochte wohl die deutsche Sprache ihres Vaters verstehen, geantwortet hat sie ihm, ebenso wie ihre Mutter, aber bestenfalls auf Englisch. Nun, da sich die Kleine auch selbst in Deutsch ausdrücken sollte, war sie nach Aussage der Lehrerin fast gänzlich verstummt.

Ziemlich beklommen ging ich nach Hause. Tausend Gedanken jagten mir durch den Kopf. Wie furchtbar musste die Schule für diese Kinder sein!

Gut, Sonja, die kleine Deutsch-Thailänderin, lebte wenigstens in einer materiell gesicherten Situation. Dennoch dürfte auch sie so etwas wie einen Kulturschock erlitten haben, als sie zum ersten Mal eine deutsche Schule betreten hat.

Ihre Mutter erzählte mir Jahre später, wie erstaunt bis schockiert sie selbst als Erwachsene darüber gewesen sei, dass es bei uns in keiner öffentlichen Einrichtung wie der Schule oder einer Bank uniformtragende Bedienstete gab. Wie sollte man da „Offizielle“ von bloßen Besuchern unterscheiden und an keinen „Falschen“ geraten?

Die drei afghanischen Flüchtlingskinder hatten sicher noch ganz andere Probleme. Wer wusste schon, was sie auf ihrer Flucht erlebt, oder schlimmer, erlitten haben mochten?

Sie und ihre Familien waren offensichtlich jetzt die neuen Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft am Ortsrand, deren Parabolantennen uns auf der Fahrt nach Frankfurt so ins Auge gestochen waren.

Das Haus wurde also wieder zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt, diesmal kamen sie aber aus einem weit entfernten, uns praktisch unbekannten Land.

Damals, lange vor den grauenhaften Anschlägen des 11. September, wusste man von Afghanistan so gut wie nichts. Nur gelegentlich hörte man einen Bericht über die sogenannten Mujahedin, die sich im Hindukusch versteckt hielten und Überfälle aus dem Hinterhalt organisierten.

Ich gestehe, dass ich bei solchen Meldungen kein einziges Mal daran gedacht hatte, dass es in Afghanistan ja auch Frauen und Kinder geben musste und wie es um deren Alltag wohl bestellt wäre.

Ausgerechnet aus diesem fremden Teil der Erde waren nun also Menschen in unserem doch ziemlich überschaubaren Ort gestrandet. Das Elend der großen, weiten Welt war unmittelbar vor unserer Haustür angekommen!

Ich musste an die Einschulung unserer eigenen Kinder denken.

Natürlich hatten sie sich ihre Schulranzen selbst aussuchen dürfen und Federmäppchen sowie Sportbeutel im gleichen Design erhalten.

Und nun saß Johannes mit Kindern in der Klasse, die noch nicht einmal das Nötigste zum Anziehen hatten. Wie schrecklich!

Mir war sofort klar, dass man hier helfen musste, dass ich hier etwas ändern wollte. Die Schule wäre überfordert, mochten die Lehrkräfte auch noch so engagiert sein!

So begann ich, der Reihe nach bei den Familien von Johannes‘ Mitschülern anzurufen und ihren Müttern von den bestürzenden Informationen zu berichten, die ich erhalten hatte.

Meine spontane Idee war es, die Kinder so schnell wie möglich in unsere Gesellschaft hereinzuholen, ihnen ein Stück „heile Welt“ zu vermitteln. Dazu sollten sie jeden Nachmittag im Anschluss an die Schule von einer deutschen Familie betreut werden.

Unsere Kinder könnten zusammen mit ihren ausländischen Klassenkameraden unter Aufsicht der Mutter die Hausaufgaben erledigen und dann spielen. Die kleinen Migranten würden auf diese Weise sicher schnell unsere Sprache erlernen – im Übrigen würden sie sich bestimmt auch anders zu helfen wissen.

Darüber hinaus durfte es nicht schwer sein, die Kinder bekleidungstechnisch zu versorgen. Jedes unserer Kinder hatte mehr als genug im Schrank und es gab ja in der einen oder anderen Familie auch noch die abgelegte Kleidung älterer Geschwister.

Ich setzte mich mit sämtlichen Eltern von Johannes‘ Klassenkameraden in Verbindung – und war überrascht, um nicht zu sagen entsetzt über die meisten Reaktionen.

Vielleicht habe ich einige Mütter auch zu sehr „überfallen“, sie hatten anders als ich ja keine Zeit zum Nachdenken. Zumindest waren viele sehr abweisend; sie beurteilten die Situation nur aus „ihrer“ Sicht.

Es fielen Aussagen wie: „Mein Kind soll einmal ins Gymnasium gehen, da sind diese Ausländer doch nur ein Hindernis beim Erlernen des Stoffs“ oder: „Wir sollten ans Schulamt schreiben! Wieso müssen alle drei Flüchtlingskinder ausgerechnet in unserer Klasse sein und werden nicht auf die verschiedenen 1. Klassen verteilt?“

Selbst die Bereitschaft zur Ausstattung mit Kleidung oder Sportsachen gestaltete sich nach meinem Geschmack allzu zäh.

Am Ende meiner Telefonaktion war ich um einige Erkenntnisse reicher: Die Betreuung der Kinder würde im besten Fall nur an einem Nachmittag pro Woche möglich sein; lediglich drei Mütter hatten sich ganz vorsichtig dafür ausgesprochen. Eine vierte, von Beruf Ärztin und an zwei Tagen pro Woche in einer Praxis angestellt, wollte sich hin- und wieder einbringen.

Mit mir zusammen waren wir also gerade einmal fünf „positiv“ gestimmte Frauen. Die übrigen, gut zwanzig Familien, waren zu keiner Hilfeleistung zu bewegen.

Die Bandbreite der Argumente reichte von „keine Zeit“, „kein Interesse/keine Lust“, bis hin zu latent fremdenfeindlichen Sprüchen. In drei Fällen sah ich mich sogar gezwungen, mit Engelszungen auf die Mütter einzureden, um sie von weiteren Schritten gegen den Aufenthalt der Kinder in „unserer“ Klasse abzubringen.

Mit diesen Erfahrungen ging ich einen Tag später – diesmal ohne einen Sprechstundentermin – wieder zur Klassleiterin von Johannes. Ich erzählte der ziemlich erstaunten Pädagogin von meiner Idee, den diesbezüglichen Bemühungen und meinen Erfolgen – die zwar bescheiden, aber immerhin ein Anfang waren.

Wir kamen überein, dass es wohl am besten wäre, zunächst den direkten Kontakt mit den Eltern der betroffenen Kinder zu suchen. Wir wollten keine Aktion vom Zaun brechen, ohne vorher zu wissen, was wirklich gebraucht und auch angenommen werden würde.

Und es erschien uns am zweckmäßigsten, wenn dieser Kontakt „offiziell“, das heißt also durch die Schule bzw. die Lehrerin hergestellt werden würde. Da es nicht mehr weit zu den Faschingsferien war, vertagten wir die Vorbereitung und das eigentliche Treffen auf die Zeit Anfang März.

Nur einen Tag später fand ich im Mitteilungsheft von Johannes allerdings die Bitte der Lehrerin nach einigen Paar Socken für das Geschwisterpaar Wafa und Robiel. Sie hatte beim Sportunterricht feststellen müssen, dass die Kinder nicht nur barfuß daran teilnahmen, sondern am Ende so auch wieder in ihre normalen Schuhe schlüpften – und das bei einer Außentemperatur um die 0 Grad!

Dafür brauchte ich nun niemanden aus der Elternschaft; ich ging sofort zu den Schränken unserer Kinder und suchte gut 10 Paar Strümpfe und Socken in verschiedenen Größen heraus. Irgendetwas würde hoffentlich passen und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass die Eltern derart stolz und herzlos gegenüber ihren Kindern sein würden, ein solches „Geschenk“ seitens der Lehrerin abzulehnen.

Nichtsdestoweniger machte ich mir darüber Gedanken, wie ich mir die afghanischen Flüchtlinge überhaupt vorzustellen hatte. Ich war neugierig darauf, wie „sie“ – insbesondere die Frauen – wohl aussähen und ob sie überhaupt zu dem geplanten Treffen in der Schule kommen würden.

Zunächst musste ich mich aber in Geduld üben.

Gute Augen

Ich war nicht untätig in den Faschingsferien und nutzte die freie Zeit, um mich mit den vier Frauen zu treffen, die guten Willens waren zu helfen. Wir loteten unsere zeitlichen Möglichkeiten aus – drei von uns waren in Teilzeit berufstätig, die beiden anderen arbeiteten wegen noch kleinerer Kinder nicht.

Damals war die Betreuungssituation für Kinder noch ganz anders als heute. Kinder fanden in der Regel allerfrühestens ab dreieinhalb Jahren einen Platz im Kindergarten, eine schulische Hausaufgabenbetreuung gab es überhaupt nicht und Krippen- oder Hortplätze waren so rar, dass sie den Kindern von Alleinerziehenden vorbehalten waren. Dementsprechend waren die Eltern, und hier insbesondere die Mütter meiner Generation, noch ganz anders gefordert, was die Erziehung und auch die Bildung ihrer Kinder anging. Häufig genug mussten sie am Nachmittag zu außerschulischen Sport- und Musikunterrichtsstunden begleitet oder eben mal zu Freunden gebracht bzw. von dort wieder abgeholt werden.

Berücksichtigte man nur die fixen Termine unserer insgesamt elf Kinder, sowie natürlich auch die eigenen, fanden wir fünf Frauen nur einen einzigen Nachmittag pro Woche, an dem eine Betreuung der kleinen Migranten möglich war: am Mittwoch.

Wir wollten auf jeden Fall zu den drei Afghanen auch das Mädchen aus Thailand nehmen; die vier Kinder sollten jeweils in unterschiedlichen Paarungen zu zwei Familien pro Mittwochnachmittag gehen. Auf diese Weise war man nur jede zweite Woche zur Betreuung dran; sollte es dennoch so treffen, dass man kurzfristig verhindert war, konnte unsere „fünfte Frau“ – die Ärztin – einspringen und den Dienst übernehmen.

An den Betreuungsnachmittagen wollten wir uns mit den Kindern stets am Pausenhof der Grundschule treffen; am Abend würden wir unsere kleinen Gäste dort auch wieder in die Verantwortung der Eltern zurückgeben.

Nachdem unser Konzept soweit gediehen war, gingen wir daran, eine Einladung zu dem Treffen in der Schule vorzubereiten.

Mir war plötzlich eingefallen, dass eine ehemalige Schulkameradin mit einem Mann verheiratet war, der sehr fremdländisch aussah. Er lebte schon lange hier, betrieb einen kleinen Laden und sprach hervorragendes Deutsch.

Er war außerdem Mitglied im Elternbeirat unserer Grundschule. Ihn wollte ich fragen; vielleicht hätte er ja einen wertvollen Tipp für uns oder wüsste sogar einen Übersetzer für die in Afghanistan verwendete Sprache.

Der Zufall kam mir zu Hilfe: Ich traf den Mann auf der Straße und konnte sofort mein Anliegen vorbringen. Meine Überraschung und Freude waren unbeschreiblich, als ich hörte, dass er selbst aus Afghanistan stammte und die beiden Amtssprachen beherrschte.

Es handelt sich dabei um Paschtu(nisch) und Dari, das eine alte Form des im Iran gesprochenen Persisch (Farsi) darstellt.

Der Mann erklärte sich bereit, das Einladungsschreiben zu übersetzen und bei unserem Treffen in der Schule als Dolmetscher anwesend zu sein. Weiterhin wollte er sich allerdings nicht für seine vormaligen Landsleute engagieren, da er mit dem Laden genug zu tun hatte. Ich war jedoch bereits für diese Unterstützung sehr dankbar und sah frohen Mutes dem ersten Treffen entgegen.

Gleich in der ersten Schulwoche nach den Ferien brachte ich die Einladung samt Übersetzung in die Schule, damit sie von der Lehrerin unterschrieben und an die Eltern weitergegeben werden konnte. Als Termin für unsere erste Begegnung hatten wir zusammen mit dem Dolmetscher ebenfalls einen Mittwoch gewählt.

Wir wollten uns abends nach Geschäftsschluss im Klassenzimmer unserer Kinder mit den Eltern der afghanischen Flüchtlinge und des thailändischen Mädchens, sowie natürlich mit der Klassenleiterin zusammensetzen und unsere Ideen vorstellen.

Wir konnten den Termin fast nicht erwarten und waren dann auch schon deutlich früher in die Schule gekommen. So konnten wir der Lehrerin helfen, die Schulbänke umzugruppieren, damit eine große Tafel entstand.

Doch wie viele Stühle sollten wir aufstellen? Wer würde tatsächlich erscheinen? Nur ein Elternteil oder alle beide? Von welchem Kind?

Plötzlich hörten wir Schritte auf dem Gang – die thailändische Mutter kam, ohne ihren Mann. Wir baten sie schon einmal, Platz zu nehmen und setzten uns dazu.

Im nächsten Augenblick hörten wir wieder ein Geräusch und ich schaute auf den Flur hinaus. Zu meinem Erstaunen sah ich hier einen großen, etwa 13jährigen Jungen auf einem der damals modernen Tretroller. Er fragte mich, ob ich die „Lehrerin von Schazad“ sei.

Ich verneinte, wies aber darauf hin, dass sich diese in dem Klassenzimmer hinter mir befände. Er schien zufrieden und flitzte auf dem Roller davon. Gleich darauf sah ich zwei völlig europäisch gekleidete Frauen mittleren Alters durch die Glastüre am Ende des Ganges kommen – anscheinend die beiden Mütter der afghanischen Kinder.

Ich war verwirrt. Wer war der Junge, der die beiden Frauen begleitete? Waren das wirklich Frauen aus dem muslimisch geprägten Afghanistan? Beide trugen keinerlei Tuch oder gar Schleier, sondern hatten ihre schönen langen Haare offen; ihre Haut war hell und gepflegt, das Gesicht sogar dezent geschminkt. Vor allem aber beeindruckte mich die Würde, mit der sich die beiden Frauen bewegten.

Mir war vom ersten Augenblick an klar, dass wir es hier nicht mit armen, ungebildeten Menschen der Unterschicht zu tun bekämen. Ich bat sie in das Klassenzimmer, und als kurz danach auch unser Dolmetscher erschien, konnten wir beginnen.

Zunächst sprach die Lehrerin; sie stellte sich vor und machte dabei immer eine ausreichende Pause, damit alles übersetzt werden konnte. Die Frau aus Thailand gab zu verstehen, dass sie inzwischen ausreichend Deutsch beherrschte.

Dann waren wir Mütter an der Reihe. Jede nannte den Namen ihres Kindes, das diese Klasse besuchte. Als ich „Johannes“ sagte, ging sofort ein Strahlen über das Gesicht der etwas älteren und besonders würdevoll wirkenden Frau. Offenbar war sie die Mutter von Schazad, der ihr wahrscheinlich bereits von Johannes erzählt hatte.

Ich hielt dies für ein gutes Zeichen und begann im Anschluss daran auch sofort, meine Idee zu erläutern und um Vertrauen zu werben. Ich schloss meine Ausführungen mit dem Hinweis, dass sich unsere Kinder – und ganz besonders Johannes – schon sehr darauf freuen würden, wenn sie nun regelmäßig Besuch von den kleinen Neuankömmlingen erhielten.

Der Dolmetscher übersetzte, immer wieder stellten die afghanischen Frauen auch eine Zwischenfrage. Danach tuschelten sie miteinander und schauten uns der Reihe nach prüfend an. Vor allem auf mir ruhte ihr Blick. – Schließlich drückte Schazads Mutter ihre Zustimmung aus. Ich war erleichtert!

Die thailändische Frau hatte sich gleich zu Beginn sehr offen gezeigt und war ebenfalls einverstanden.

Jahre später – die afghanischen Frauen hatten inzwischen ganz passables Deutsch gelernt – erinnerte sich Schazads Mutter an diese erste Begegnung und sie fragte mich, was ich damals von ihr und der anderen afghanischen Frau gedacht hätte. Bevor ich auf die Frage einging, erwiderte ich: „Darf ich die Frage zunächst an Sie zurückgeben? Was haben Sie sich denn damals von uns Deutschen gedacht?“

Ihre Antwort habe ich sinngemäß noch heute im Ohr:

„Wissen Sie, nach den schlechten Erfahrungen in Afghanistan hatten wir zunächst echte Angst, zu diesem Treffen in der Schule zu gehen. Aber es war ja eine offizielle Einladung und so mussten wir es tun. Es ging doch um das Wohl unserer Kinder. Trotz des Dolmetschers haben wir dann nicht wirklich verstanden, was Sie von uns bzw. unseren Kindern wollten.

Sollten wir sie tatsächlich aus unserer Obhut geben und in das Haus völlig fremder Menschen einer ganz anderen Kultur und Religion gehen lassen? Dann aber haben wir in Ihr Gesicht geschaut und bemerkt: Sie haben gute Augen! So beschlossen wir, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.“

Nur eine Woche später startete unser erster Betreuungsnachmittag. Unser Plan sah vor, dass ich zunächst Schazad und das afghanische Mädchen Wafa beherbergen sollte, deren Bruder Robiel und das thailändische Mädchen Sonja sollten in die Familie von Johannes‘ enger Kindergarten- und Schulfreundin Anna gehen.

Als wir auf 14.30 Uhr zum Schulhof kamen, warteten dort schon alle vier Kinder mit ihren Müttern. Nach einer kurzen Begrüßung machten wir uns ohne die ausländischen Frauen auf den Weg nach Hause.

Ich war einigermaßen aufgeregt. Wie würde der Nachmittag verlaufen? Was, wenn eines der Kinder plötzlich zu weinen anfinge? Wie würden die beiden reagieren auf unser Zuhause, unsere Einrichtung, die Spielsachen von Johannes?

Wir gehörten nach hiesigen Verhältnissen ganz sicher nicht zu den „Reichen“, lebten in einem nur gemieteten Haus und hatten ganz gewöhnliche Möbel. Dennoch war der Unterschied zum Leben in der drangvollen Enge der Gemeinschaftsunterkunft sicher auch für ein Kind deutlich spürbar. Auf was musste ich mich also gefasst machen?

Ich wollte ganz behutsam vorgehen und ließ die Kinder zunächst ihre Jacken und Schuhe an unserer Garderobe ablegen. Mit stiller Freude erkannte ich an Wafas Füßen Strümpfe, die einmal Simon gehört hatten. Wir verfügten über einen ordentlichen Fundus an Hausschuhen in beinahe jeder Größe und so suchte ich nun für jedes Kind ein passendes Paar.

Das gefiel ihnen offensichtlich schon recht gut, jedenfalls huschte selbst über das Gesicht der sehr scheu wirkenden Wafa ein kleines Lächeln.

Gleich danach zeigte ich unseren kleinen Gästen die Toilette, in dem ich deren Türe öffnete und die Bezeichnung nannte. Hier konnten sich die Kinder auch gleich die Hände waschen.

Jetzt ging es in unsere Küche, wo ich frisches Obst und Kekse vorbereitet hatte. Die Getränke befanden sich im Kühlschrank, den ich ihnen ebenfalls zeigte. Stets deutete ich mit dem Finger auf einen Gegenstand und nannte das Wort. Dann stellte ich auch Fragen, wobei ich immer mit Johannes begann. So konnten sich die Kinder an ihm orientieren.

Für Johannes war es ein herrliches Spiel, in dem er sogar die Hauptrolle übernehmen durfte. So sagte ich beispielsweise: „Johannes, magst du ein Glas Milch trinken?“ Dabei wies ich auf die Milch hin. Johannes antwortete: „Nein, aber ich möchte ein Glas Limonade trinken.“ Gleich im Anschluss führte er es vor.

Schazad war ein recht aufgeweckter und offensichtlich auch intelligenter Junge, der schnell von Begriff war und sofort versuchte, verschiedene Dinge nachzusprechen. Wafa dagegen blieb sehr still und nickte bestenfalls mit dem Kopf oder schüttelte ihn zur Verneinung. Immerhin verstand sie offenbar, worauf ich hinauswollte. Schließlich hatte jedes Kind das gewünschte Getränk, ein paar Kekse seiner Wahl und dazu noch Obst auf dem Teller. So gestärkt ging es als nächstes an die Hausaufgaben.

Die Arbeiten waren für alle Kinder gleich, wobei natürlich Schazad und Wafa schon eine Menge Buchstaben zu lernen verpasst hatten, da sie ja erst im Januar zur Klasse gestoßen waren. Auch hier zeigte sich, wie flink Schazad im Vergleich zur älteren Wafa war. Diese bemühte sich jedoch redlich und freute sich am Ende über mein Lob.

Mathematik, oder besser Rechnen, war dagegen für Wafa offensichtlich ein Graus – sie hatte keinerlei Zahlenverständnis und nahm umständlich ihre Finger zu Hilfe. Die beiden Buben mussten hier gebremst werden, weil sie in Windeseile – und leider entsprechend schlampiger Schrift – nicht nur die aufgegebenen Kästchen abarbeiteten, sondern gleich die der ganzen Seite. Doch schließlich war auch das geschafft und eine Stunde bereits vorüber.

Nun konnte es ans Spielen gehen!

Ich hatte ein ganz einfaches Kinder-Memory vorbereitet – auf jedem Bildkärtchen befand sich die Darstellung nur eines einzigen Gegenstandes. Ohne lange zu erklären, legten Johannes und ich die Karten verdeckt auf den Tisch. Ich begann: „Baum“ – „Haus“, Johannes schloss sich an: „Burg“ – „Apfel“, Wafa kam an die Reihe, sagte aber nichts. So übernahm Johannes das für sie: „Baum“ – „Telefon“. Als Schazad am Zug war, suchte er bereits selbst nach dem passenden Wort: „Banane“ – „Glas“. Beides hatte er sich anscheinend schon von unserem Imbiss gemerkt.

So ging es weiter und auch Wafa versuchte nun mehr und mehr, die Wörter nachzusprechen. Johannes fand als erster ein passendes Bildpaar und nahm es an sich. Danach setzte er das Aufdecken der Kärtchen fort. Als Wafa an die Reihe kam, erwischte sie das schon einmal von ihr aufgedeckte Kärtchen und sagte „Feleton“! Wir mussten alle gemeinsam lachen und spätestens in diesem Moment war das Eis endgültig gebrochen.

Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende; wir waren alle gleichermaßen glücklich. Als wir zum Schulhof zurückkehrten, strahlten die Kinder. Mit leuchtenden Augen stürzten sie auf ihre Mütter zu und berichteten, was sie erlebt hatten. Auch wenn wir nichts von ihren Erzählungen verstanden, so wussten wir doch, dass wir alles richtig gemacht hatten. Die Begeisterung unserer Gäste war fast mit den Händen greifbar. Dementsprechend groß war der Dank ihrer Mütter.

In der folgenden Woche hatte ich keinen Betreuungseinsatz – zum großen Bedauern unseres Johannes. Ich vertröstete ihn auf die folgende Woche, erklärte ihm aber auch, dass wir nicht jedes Mal Schazad bei uns zu Gast haben könnten. Ich war neugierig auf die Erfahrungen meiner Kolleginnen bei der Betreuung und rief beide noch am selben Abend an.

Sie hatten ähnlich Positives erlebt wie wir und waren ebenso angetan von den Reaktionen der Kinder und Eltern. Wir freuten uns alle auf unseren nächsten Einsatz.

Es war die Woche unmittelbar vor den Osterferien, in denen wir keine Betreuung anbieten wollten.

Ich ging mit Johannes zum Pausenhof der Schule – und war einigermaßen verblüfft: Dort tummelten sich plötzlich wesentlich mehr Kinder, als die von uns erwarteten. Diese befanden sich allerdings auch darunter, nur waren sie heute ohne ihre Mütter gekommen.

Keines der Kinder sprach Deutsch und obwohl sie ganz offensichtlich verschiedener Herkunft waren, kannten sich wohl alle untereinander.

Die Mutter von Anna traf mit ihren beiden Töchtern auf dem Pausenhof ein – und blickte ebenso überrascht auf das Gewusel. Offenbar wohnten inzwischen deutlich mehr Familien mit Kindern in der Unterkunft als wir ahnten. Und anscheinend wollten alle diese Kinder einmal einen schönen Nachmittag in trauter Umgebung erleben.

Was sollten wir jetzt bloß tun?

Wir sahen uns die Kinder genauer an: Darunter waren einige noch recht kleine, wahrscheinlich noch gar nicht schulpflichtige, andere dagegen waren bestimmt schon dem Grundschulalter entwachsen. Auch der ältere Junge mit dem Roller – offenbar der Bruder von Schazad – war unter ihnen. Insgesamt zählten wir 11, 12 Kinder aus aller Herren Länder.

Wir sollten später erfahren, dass zusätzlich zu den uns schon bekannten vier Kindern noch zwei kleine Buben aus China, zwei größere Mädchen und ein Junge aus dem Irak sowie noch ein kleines Mädchen samt jüngerem Bruder einer weiteren Familie aus Afghanistan darunter waren.

Einzig die thailändische Mutter hatte ihre Tochter auf den Pausenhof begleitet und stand jetzt ebenso unschlüssig dort wie wir.

Wir brachten es einerseits nicht übers Herz, nur die Klassenkameraden unserer Kinder aus dem Gewühl herauszupicken und den Rest seinem Schicksal zu überlassen. Andererseits waren wir von der großen Zahl der Kinder schlicht überfordert.

Gott sei Dank erkannte das die thailändische Mutter und zog sich voller Verständnis für die schwierige Situation mit ihrer Tochter nach Hause zurück. Es verblieben jedoch noch immer zehn Kinder, deren Mütter weit und breit nicht zu sehen waren.

Iris, meine Betreuungskollegin, hatte per Handy inzwischen bei unserer „fünften Mutter“ – der Ärztin – angerufen, diese auch erreicht und die Zusage erhalten, dass sie ganz spontan und entsprechend unvorbereitet einige der Kinder übernehmen würde.

Bis zu ihrem Eintreffen überlegten wir, wie man die Kinder vernünftigerweise aufteilen konnte. Da ich die Einzige von uns Dreien war, die nicht nur zwei Buben, sondern mit Simon auch schon ein deutlich älteres Kind zu Hause hatte, könnte ich Schazad, seinen Bruder Shapoor, sowie die beiden irakischen Mädchen übernehmen.

Deren großer Bruder war plötzlich verschwunden; offenbar hatte er nur sehen wollen, ob seine Schwestern irgendwo Aufnahme finden würden.

Die vier afghanischen Kinder, darunter die Geschwister Wafa und Robiel sowie die beiden kleinen Geschwister der uns unbekannten Familie sollten zu Iris, Annas Mutter, gehen. Die Betreuung der beiden kleinen chinesischen Buben musste schließlich die herbeigerufene Ärztin übernehmen.

Dieser Nachmittag gestaltete sich nun also völlig anders als von uns geplant – eine Erfahrung, die ich in den folgenden Jahren immer wieder machen sollte im Umgang mit Migranten:

Zum Teil aus einem sprachlichen oder kulturellen Missverständnis heraus, manchmal auch aufgrund „höherer“ Gewalt oder schlicht wegen einer gänzlich anderen Zeitauffassung erlebte ich Konfusionen, die meine Flexibilität gehörig auf die Probe stellten.

Zu Hause angekommen, begannen wir den Nachmittag wie beim ersten Mal: Es wurden für alle passende Hausschuhe gesucht und schließlich auch gefunden. Danach hieß es wieder Hände waschen und es ging zu einer kleinen Stärkung in die Küche.

Die folgenden Hausaufgaben waren wegen der herannahenden Osterferien nicht mehr ganz so umfangreich. Simon, der jetzt bald das erste Jahr am Gymnasium hinter sich gebracht hatte und ein sehr guter Schüler war, konnte sich daher ebenfalls zu uns gesellen.

Die vier Jungs – Shapoor war alters- und auch bildungsstandgemäß in der Hauptschule unseres Ortes gelandet – verlustierten sich tatsächlich bald mit Rechenspielen. So hatte ich mehr Zeit, mich um die zwei Mädchen Silwana und Riwana zu kümmern.

Die beiden waren im Irak geboren, hatten aber viele Jahre lang mit ihrer Mutter und dem Bruder in Griechenland gelebt, bevor sie hier bei uns in Deutschland angekommen waren.

Während die Familie von Schazad und Shapoor so wohlhabend gewesen war, dass sie in Afghanistan für die Kinder einen Hauslehrer engagiert hatte, waren die 11jährige Silwana und die 10jährige Riwana wohl nie richtig beschult worden. Jedenfalls konnten sie offensichtlich weder lesen, noch schreiben.

Am schlimmsten aber war das Rechnen für sie. Selbst für einfachste Aufgaben im Zehnerraum mussten sie die Finger benutzen, für darüberhinausgehende Zahlen fehlte ihnen jegliches Vorstellungsvermögen. Noch nicht einmal der herbeigeholte Abakus konnte hier helfen.

Mir taten die beiden Mädchen unendlich leid und ich verstand, warum ihnen der Rektor der Grundschule erlaubt hatte, trotz ihres Alters noch seine Einrichtung zu besuchen.

Allerdings mussten sie wohl bald in eine sogenannte Übergangsklasse wechseln, die es damals nur in München gab. Bis dahin sollten die Mädchen wenigstens so viel Deutsch gelernt haben, dass sie gefahrlos die S-Bahn benutzen konnten.

Ich schaute mir die Schulsachen näher an. Die Mädchen arbeiteten nicht mit den üblichen Büchern, sondern hatten ganz eigene Arbeitsblätter, die wohl von der Förderlehrerin unserer Grundschule entworfen worden waren.

Auf einem DIN A4-Blatt waren sämtliche Buchstaben des Alphabets in Groß- und Kleinschrift aufgeführt; darunter befand sich die Abbildung eines Gegenstands, dessen Name mit diesem Buchstaben anfing. So erinnere ich mich bei „B“ an das Bild einer Banane, bei „S“ an das einer Sonne. Zum Buchstaben „R“ war eine (Mond-)Rakete gezeichnet. Diese war zugegebenermaßen etwas schwer zu erkennen.

Die Mädchen fragten mich deshalb, was das denn sein solle. Ich bemühte mich redlich um eine gute Erklärung – nicht nur verbal, sondern auch mittels einer weiteren Zeichnung. Doch die Mädchen verstanden einfach nicht.

Inzwischen waren auch die Jungs auf uns aufmerksam geworden. Johannes in seiner neuen Rolle als „Deutschlehrer“ kam um den Tisch herum und fragte, um welches Bild bzw. Wort es sich denn handle, das ich da zu erklären versuchte.

Ganz souverän meinte er dann: „Ach, das ist doch nicht schwer!“ und ehe wir uns versahen, gestikulierte er den Start einer Rakete und unterstützte seine Demonstration lautmalend.

In diesem Moment blickte ich zu den Mädchen. Beide schauten Johannes voller Entsetzen an und riefen dann durcheinander „Krieg“ – „tot“ – „weinen“ – „Angst“ … Jetzt hatten sie offenbar verstanden, leider aber in ganz anderer Weise als beabsichtigt. Wie furchtbar!

Was sollte ich bloß tun?

In genau diesem Augenblick klingelte auch noch unser Telefon – und eines der Mädchen rief sofort: „Telefon“. Johannes und Schazad erinnerten sich dabei wohl gleichzeitig an Wafas Ausdruck von vorletzter Woche und hielten scherzhaft dagegen: „Feleton“ – Die Mädchen konterten: „Nein, Telefon!“ „Feleton“ „Telefon“…

Schließlich lachten alle gemeinsam, die schlimmen Erlebnisse der Mädchen waren verdrängt – und ich war mehr als dankbar für die unvorhergesehene Störung.

Den kurzen Rest des Nachmittags verbrachten wir wieder mit gemeinsamen Spielen.

Pünktlich auf 17.00 Uhr begleitete ich die Kinder zurück zum Schulhof. Annas Mutter war schon dort; auch sie berichtete von einem verhältnismäßig guten Nachmittag. Die drei „großen“ Schulkinder hätten wunderbar harmoniert und die zwei jüngeren afghanischen Kinder wiederum sehr nett mit der kleinen Schwester von Anna gespielt.

Schließlich trafen auch noch die beiden chinesischen Buben ein; ihre Betreuerin war ebenfalls ganz zufrieden mit dem Nachmittag. Sie wies allerdings zu Recht darauf hin, dass wir bei aller Hilfsbereitschaft unsere knappen Ressourcen nicht für Dienste verbrauchen sollten, die nichts mit der schulischen Förderung zu tun hatten.

Auch ich hatte mir auf dem Rückweg zur Schule dazu bereits Gedanken gemacht. Ich nahm mir vor, so schnell wie möglich Kontakt mit der Förderlehrerin aufzunehmen und zu klären, wie viele Grundschulkinder es noch gäbe, die nicht oder nur sehr schlecht deutsch sprächen.

Über die Flüchtlingskinder aus der Gemeinschaftsunterkunft hinaus könnte es ja noch andere Zuwanderer wie unsere deutsch-thailändische Sonja geben. Sie sollten eher zu unserem Förderprogramm genommen werden, als noch nicht einmal schulpflichtige Kinder.

Außerdem müssten wir unbedingt versuchen, noch weitere Betreuerinnen zu finden – und dazu vorrangig in diejenigen Klassen gehen, in denen sich solche ausländischen Kinder befänden.

Zunächst aber standen jetzt erst einmal die Ferien vor der Tür.

Flüchtlingsleben

Der erste Betreuungsnachmittag nach den Osterferien war angebrochen. Mittlerweile war es Ende April und der Frühling hatte mit Macht Einzug gehalten. Dieses Mal war ich zwar nicht mit der Betreuung an der Reihe, aber ich wollte verhindern, dass noch einmal ein derartiges Chaos wie vor den Ferien entstünde.

Ich beschloss daher, schon deutlich vor der Zeit zum Schulhof zu gehen; Johannes ließ ich bei seinem Bruder zu Hause. Er wusste ja, dass wir heute keine Kinder bekommen sollten und wunderte sich auch nicht, als ich gegen 14.00 Uhr verkündete, ich wäre jetzt für ca. 45 Minuten außer Haus.

Ich war gespannt, ob heute wieder so viele Kinder kämen – und ob diese alleine oder in Begleitung ihrer Mütter erscheinen würden. Gegen 14.20 Uhr trafen die drei afghanischen Mitschüler unserer Kinder ein, ihre Mütter folgten ihnen knapp dahinter über die Treppe zum Vorplatz der Grundschule. Schazad lief sofort auf mich zu, begrüßte mich und fragte dann: “Wo ist Johannes?“

Ich erklärte ihm, dass wir heute nicht zur Betreuung eingeteilt wären und ich daher ohne ihn gekommen sei. Schazad verstand inzwischen schon sehr viel und versuchte bereits, für seine Mutter zu übersetzen.

Die beiden Frauen hatten mich nun ebenfalls erreicht und gaben mir zur Begrüßung die Hand. Offensichtlich hatten sie ein Anliegen, denn beide redeten gleich danach auf Schazad ein und es war deutlich, dass sie ihn als Dolmetscher benötigten.

So viel ich verstand, war ihnen die Situation vor den Ferien schrecklich peinlich. Anscheinend hatten beide an diesem Tag einen Termin in dem für uns zuständigen Landratsamt.

Leider ist unsere Kreisstadt nur mit dem Auto oder einem Linienbus zu erreichen, der grob gesagt lediglich morgens, mittags und abends fuhr.

Verpasste man diesen, musste man umständlich mit einer S-Bahn-Linie Richtung München fahren und dann in eine andere S-Bahn wechseln, deren Abfahrtszeit je nach Umsteigestation nicht auf die vorherige Linie abgestimmt ist. Jedenfalls war man eine kleine Ewigkeit unterwegs.

Für alle Asylbewerber bestand damals noch ein weiteres Problem: Sie hatten „Residenzpflicht“ und durften den Landkreis nicht ohne ausdrückliche behördliche Einwilligung verlassen. Bei einer Fahrt in die Region München, auch wenn diese nur zum Zwecke des Umstiegs stattfand, konnte es im Falle einer Kontrolle zu Schwierigkeiten kommen.

Abgesehen davon waren die beiden Damen ohnehin nicht versiert genug, tatsächlich die richtige S-Bahn-Linie zu erwischen oder eventuelle Durchsagen zu verstehen. Sie waren deshalb gezwungen gewesen, nach ihrem Termin im Landratsamt bis zum späten Nachmittag zu warten, um den Bus zurück nehmen zu können.

Ihre Kinder wiederum mussten nach dem Unterrichtsschluss alleine von der Schule in die Unterkunft gehen und später dann ihren pünktlichen Rückmarsch zum Pausenhof organisieren. Dabei sollten ihnen die älteren Kinder der Unterkunft helfen.

Als sich dann quasi ein Zug der Schulkinder formiert hatte, waren die kleineren Kinder einfach mitgelaufen. Ihre Eltern mussten den Nachmittag in allergrößter Angst und Sorge verbracht haben, als sie realisierten, dass ihre Kinder nicht wieder zurückkamen.

Zwar hatte der ältere Bruder der irakischen Mädchen zu erklären versucht, was vorgefallen war – sehr viel verstanden hatte aber wohl niemand.

Ich erschrak zutiefst! Unsere gut gemeinte Aktion hätte praktisch als Kindesentführung ausgelegt werden können, falls die Polizei verständigt worden wäre. Da jedoch die allermeisten Asylbewerber in ihrer Heimat denkbar schlechte Erfahrungen mit Staatsorganen gemacht haben dürften, hatte sich wohl niemand getraut, bei der Polizei anzurufen.

Wir waren buchstäblich mit einem blauen Auge davongekommen!

Ich nahm mir vor, ab sofort dieselben Regularien bei den Asylbewerbern anzuwenden, wie sie bei uns üblich sind, insbesondere was die Kinder betraf.

An die Frauen gewandt sagte ich, es gäbe keinerlei Grund für sie, sich zu entschuldigen. Sie hatten schließlich nichts falsch gemacht. Vielmehr wäre es an uns, um Entschuldigung zu bitten! Die Frauen sollten das bitte auch den anderen Eltern in der Unterkunft mitteilen.

Die beiden waren augenscheinlich sehr erleichtert, dass ihnen die „Frau mit den guten Augen“ nicht böse war, dennoch fühlten sie sich offenbar nach wie vor verantwortlich für die entstandenen Unannehmlichkeiten. Immerhin war es ihre Abwesenheit, die die Situation derart eskalieren ließ – der Grund dafür spielte keine Rolle.

Inzwischen waren auch die beiden regulär eingeteilten Betreuerinnen mit ihren Kindern sowie das thailändische Mädchen mit ihrer Mutter auf dem Schulhof eingetroffen. Es war offensichtlich der Moment, auf den die afghanischen Frauen gewartet hatten.

Sie ließen Schazad sofort übersetzen, dass sie sich sehr freuen würden, wenn wir „alle“ – natürlich auch die beiden heute fehlenden Betreuerinnen samt Kindern – in die Unterkunft kommen würden.

Sie wollten unbedingt für uns kochen und uns alle zu einem landestypischen Essen einladen. Wir sollten dafür nur den Zeitpunkt bestimmen.

Wir waren einigermaßen perplex, verstanden jedoch, dass wir diese Einladung nicht so ohne weiteres ablehnen konnten. Gleichzeitig war uns aber klar, dass ein derartiges Essen nicht einfach zu bewerkstelligen sein würde – nicht nur von der finanziellen Belastung her, sondern alleine schon wegen des benötigten Platzes.

Ich fand als Erste die Sprache wieder und versuchte, in wohlgesetzten Worten unseren Dank auszudrücken und zu erklären, dass wir alle zusammen wohl unmöglich einen gemeinsamen Termin finden würden – selbst an den Wochenenden wäre es schwierig.

Während Schazad übersetzte, überlegte ich fieberhaft, was ich den Frauen alternativ anbieten könnte. Sie sollten nicht das Gefühl haben, dass wir uns scheuten, sie in ihrem augenblicklichen Domizil zu besuchen.

Ich schob daher folgenden Gegenvorschlag hinterher: Wie wäre es, wenn stattdessen nur wir Frauen zusammenkommen würden, und zwar an einem Vormittag, wenn die Kinder in der Schule waren?

Es müsste doch auch für die afghanischen Frauen schön sein, wenn einmal nur Erwachsene zusammen wären – und die Verständigung würde schon irgendwie klappen.

Was nun das Essen beträfe, so könnten sie uns doch eine Art „zweites Frühstück“ servieren.

Die beiden flüsterten miteinander, nachdem Schazad die Übersetzung beendet hatte. Offenbar waren sie nicht ganz überzeugt von meinem Änderungsvorschlag. Letztlich siegte aber dann wohl ihr Pragmatismus, frei nach dem Sprichwort „Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach“, und sie zeigten sich damit einverstanden.

Wir vereinbarten, am Dienstag der folgenden Woche so gegen 9.00 Uhr in die Gemeinschaftsunterkunft zu kommen.

Mittlerweile war es schon 14.45 Uhr durch und allerhöchste Zeit, mit dem Betreuungsnachmittag zu beginnen. Auch ich musste mich sputen, wieder nach Hause zu kommen, bevor sich die Kinder Sorgen machten. Hastig verabschiedeten wir uns voneinander.

Für die Betreuerfamilien sollte es wieder ein sehr schöner und ganz unaufgeregter Nachmittag werden. Lediglich die kleine Sonja bereitete uns mehr und mehr Kopfzerbrechen:

Sie wollte einfach nicht sprechen, nicht vorlesen, ja noch nicht einmal irgendeinen Ton von sich geben. So völlig stumm wie in der Schule verhielt sie sich auch im privaten Umfeld; selbst beim Spielen entfuhr ihr kein einziger Laut.

Am Dienstagmorgen holte mich Annas Mutter schon gegen 8.15 Uhr mit dem Auto von zu Hause ab.

Die Familie hatte für Annas jüngere Schwester Mara endlich einen Kindergartenplatz gefunden – in der Villa eines Unternehmers, die einst deutlich außerhalb unseres Ortes errichtet worden war. Inzwischen befand sich das Gebäude inmitten eines Gewerbegebietes und war umgeben von Betrieben und Fertigungsanlagen. Die Villa war deshalb schon eine Weile leer gestanden, ehe sie von der Gemeinde auf ihrer verzweifelten Suche nach Räumlichkeiten für eine zusätzliche Kindertagesstätte entdeckt und als geeignet befunden worden war.

Mara gehörte zu den ersten Kindern, die diese Einrichtung seit den Osterferien besuchen durften.

Leider war der Weg zu der neuen KiTa so weit und der Verkehr vor allem im Gewerbegebiet derart gefährlich, dass praktisch alle Kinder mit dem Auto gebracht und abgeholt werden mussten.

Wir lieferten deshalb zunächst die kleine Mara ab, besorgten dann ein Mitbringsel für die afghanischen Frauen im nahegelegenen Discounter und fuhren schließlich zur Unterkunft, die nicht weit davon entfernt war.

Wir kamen dort im selben Moment an wie die Mutter von Sonja, die mit dem Fahrrad aus der anderen Richtung her unterwegs war. Nur wenige Augenblicke später traf eine weitere Betreuerin mit dem Auto ein; sie wusste, dass die zwei jetzt noch fehlenden Betreuungsmütter leider nicht teilnehmen konnten: Eine musste arbeiten, die andere hatte kurzfristig einen Termin beim Zahnarzt. Also betraten wir nur zu viert das Gebäude.

Die Gemeinschaftsunterkunft hatte zwei Eingänge zur Straße hin, eine Glastüre am linken, die andere am rechten Ende des Gebäudes. Dahinter lag jeweils ein Treppenhaus, das vom Erdgeschoß bis in den zweiten Stock führte. Innerhalb des Gebäudes verlief ein langer Gang von einem Treppenhaus zum anderen.

Die Wohn-/Schlafräume der Unterkunft waren links und rechts entlang des Flures angeordnet. Pro Etage gab es zwei Badezimmer und zwei Toiletten, im Erdgeschoß befand sich außerdem eine große Gemeinschaftsküche. In dieser standen zwei fest installierte Spülbecken-Unterschränke sowie eine Reihe Tische mit etwa 12 mobilen Kochgeräten zu je zwei Heizplatten. Für Töpfe oder andere Kochutensilien hatte man mehrere Metallspinde aufgestellt.

Anscheinend hatte es auch einmal einen richtigen Herd mit Backrohr gegeben, wie die noch vorhandenen Anschlüsse und die Schatten an der verschmutzten Wand zeigten. Von den Fenstern der Küche aus sah man auf eine kleine umzäunte Fläche voller Unrat und auf einen dahinter liegenden Hof, der am Bahndamm endete.

Das Zimmer von Schazads Familie lag im Erdgeschoß genau gegenüber der Gemeinschaftsküche; durch die Fenster dieses Zimmers konnte man den Zugangsbereich der Unterkunft überblicken und – an einer aufgelassenen Lagerhalle vorbei – sogar bis fast zur Straße hinunter spähen. Es war daher nicht verwunderlich, dass unsere Ankunft sofort bemerkt wurde.

Wir hatten kaum die linke Eingangstüre des Gebäudes durchschritten, als uns vom Flur her bereits die Mutter von Wafa und Robiel entgegeneilte. Man merkte ihr die freudige Erregung deutlich an. Sie zog uns fast zum Ende des Ganges, wo sich die Zimmertüre befand.

Bevor wir jedoch den Raum betreten konnten, mussten wir erst noch unsere Schuhe ausziehen und zu den anderen Paaren stellen, die schon im Flur aufgereiht waren.

Jetzt verstand ich Wafas Lächeln an unserer Garderobe!

Auch wenn es hier in der Unterkunft natürlich keine Hausschuhe für die Gäste gab, so war es dennoch dasselbe Ritual: Vor dem Betreten der eigentlichen Wohnräume zieht man sich die Schuhe aus. Mochte alles noch so fremd und vielleicht sogar unheimlich auf die Kinder gewirkt haben, dieser kleine Akt war ihnen vertraut und gab ihnen Sicherheit.

Ich konnte meine Überlegungen nicht zu Ende führen, weil im nächsten Augenblick Schazads Mutter in der Tür stand und uns einzeln begrüßte: „Salam aleikum! Schdurasdi“ – Letzteres heißt so viel wie „Wie geht es Ihnen?“ Dabei erhielt jede Frau drei angedeutete Küsschen auf die Backen, rechts – links – rechts. Erst danach kamen wir nun endlich in das Zimmer – um sofort völlig ungläubig zu erstarren!

Der ca. 15 Quadratmeter große, nahezu quadratische Raum war fast vollständig mit billigen Teppichen ausgelegt. An jeder Wand befand sich ein Bett bzw. eine Liege, die jetzt wie Sofas hergerichtet worden waren.

In der Mitte waren neben einem normalen niedrigen Wohnzimmertisch noch zwei weitere Tische aufgestellt – und alle bogen sich buchstäblich unter zig verschiedenen Süßspeisen. Der ganze Raum war erfüllt von einem unbeschreiblichen Duft nach Rosenblättern und Gewürzen des Orients. Wir waren wie verzaubert.

Erst jetzt bemerkten wir zwei weitere Frauen – die eine war die Mutter des jüngeren Geschwisterpaares, das Annas Mutter beherbergt hatte, die andere stellte sich als große Schwester von Schazad heraus, die in München mit einem afghanischen Gebrauchtwagenhändler verheiratet war. Sie war der Grund, warum die restliche Familie hier in Bayern Schutz gesucht hatte.

Die junge Frau hatte offenbar ebenso wie die drei anderen die halbe Nacht hindurch Süßigkeiten vorbereitet, um uns zu verwöhnen. Sie sprach gutes Deutsch und konnte deshalb nicht nur übersetzen, sondern uns später auch ihre eigene Geschichte erzählen.

Schazads Schwester bat uns, Platz zu nehmen. Jetzt durften wir zum ersten Mal in unserem Leben einen typisch afghanischen Tee zu uns nehmen, ein heißes, mit Kardamom gewürztes und herrlich duftendes Getränk. Dazu gab es Gebäck.

Offenbar hat jede Frau zwei verschiedene Sorten zubereitet und selbstverständlich sollten wir alles probieren. Kaum hatten wir den Teller geleert, lag schon wieder eine andere Köstlichkeit darauf.

Es schmeckte himmlisch – doch spätestens nach der dritten Portion dieser zuckersüßen Leckereien waren wir alle einfach nur „pappsatt“. Doch es gab kein Entrinnen! Sobald sich der letzte Bissen in unserem Mund befand, landete – schwupps – schon die nächste Verführung auf dem Teller.

Bis zum Unterrichtsschluss unserer Erstklässler um 11.00 Uhr, gleichzeitig unsere Deadline für den Aufbruch, hatte ich gezwungenermaßen sieben Portionen verzehrt. Mir war inzwischen nur noch schlecht, wenngleich ich die zwei Stunden in der orientalischen Atmosphäre mehr als genossen hatte.

Meinen drei Begleiterinnen ging es wohl ähnlich. Wir wollten und konnten uns dieser umwerfenden Gastfreundschaft einfach nicht entziehen – zumal wir von den afghanischen Frauen nicht nur kulinarisch in eine völlig andere Welt entführt worden waren.

Mir waren bald die wunderschönen, schweren Teelöffel aufgefallen, die wir verwendeten: sie waren offensichtlich aus purem Silber gefertigt und am Stiel mit Ornamenten verziert. Ich bemerkte den traurigen Blick von Schazads Mutter, als ich die anderen Frauen darauf aufmerksam machte. Sie verstand und deutete mir mit Gesten an, dass sie davon ein komplettes Besteckset für 24 Personen besessen hätte. Nur einige wenige Teile davon hatte sie als Erinnerungsstücke mitnehmen können.

Wieder musste ich ihre Vornehmheit bewundern, die in jeder ihrer Bewegungen lag. Was hatte sie doch für gepflegte Hände und Fingernägel, für eine helle Haut! Ich fragte, ob die Frauen in Afghanistan denn einen Schleier getragen hätten.

Daraufhin gestikulierte Schazads Mutter für uns damals noch völlig unvorstellbare Dinge: Sie spreizte die Finger und deutete mit ihren Händen ein Gitter vor den Augen an – eine Burka, die nur wenig Sicht gewährte. Dann streckte sie die Finger der einen Hand aus und berührte mit der anderen die Fingerkuppen sowie auch die Fußsohlen – eine Bekleidung, unter der nicht einmal die Hände oder Füße hervorschauen durften. Unglaublich, schrecklich und lebensfeindlich!

Wir erfuhren, dass der Vater von Schazad sein Land nicht verlassen hatte, sondern es zusammen mit seinem ältesten Sohn gegen den Vormarsch der Taliban verteidigen wollte.

Auch der Vater von Wafa und Robiel war noch in Afghanistan, genauso wie der Vater des kleinen Geschwisterpaares. Beide Männer waren offenbar aus unterschiedlichen Gründen inhaftiert, sollten aber später freikommen und zu ihren Familien stoßen.

Selten habe ich in zwei Stunden so viel Gutes und ebenso viel Furchtbares erfahren wie bei dieser ersten Einladung der afghanischen Frauen! Der Vormittag in ihrer Gesellschaft hatte in mir die Neugierde geweckt. Ich wollte unbedingt mehr erfahren über dieses, nicht nur mir so unbekannte Land am Hindukusch.

In den folgenden Wochen suchte ich überall nach entsprechenden Büchern. Dabei war es mir einerlei, ob es sich um einen Bildband, eine Erzählung oder vielleicht einen Reiseführer über Afghanistan gehandelt hätte – nur: Es gab nichts, zumindest nichts, das einigermaßen aktuell gewesen wäre!

Heute so bekannte Bücher wie „Drachenläufer“ oder „Tausend strahlende Sonnen“ (Khaled Hosseini) wurden erst Jahre später gedruckt und auch die sehr authentischen und noch 2001 erschienenen Bücher „Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen“ (Siba Shakib) sowie „Das verbotene Gesicht“ (Latifa) waren in den Buchläden erst NACH den verheerenden Anschlägen des 11. September zu finden.

Immerhin erfuhr ich aus bereits damals reichlich veralteten Texten, dass Afghanistan wohl schon von je her ein Land von „Blut und Tränen“ war, weil es so viele Machtkämpfe und kriegerische Auseinandersetzungen gab.

Niemals aber dürfte das Leben insbesondere für Frauen und Mädchen derart schwer gewesen sein wie seit der Vorherrschaft der Taliban. Und das hat sich wohl bis heute kaum geändert. Dementsprechend seltsam kommt es mir vor, dass es sich bei den afghanischen Flüchtlingen der letzten Jahre zum allergrößten Teil um Männer handelt.

Neue Erkenntnisse

Am darauffolgenden Mittwochnachmittag sollten wir wieder Wafa beherbergen und dazu anstelle von Schazad die kleine „stumme“ Sonja, die – wie wir inzwischen wussten – schon ein gutes Jahr älter war als unsere Erstklässler und in Thailand bereits die Schule besucht hatte. Ich war gespannt, wie sich der Nachmittag mit den beiden Mädchen entwickeln würde.

Johannes war von je her ein unglaublich offenes und hilfsbereites Kind; er akzeptierte jeden Menschen, so wie er eben war. Dementsprechend hatte Johannes bereits im Kindergarten, und natürlich auch jetzt in der Schule, viele Freunde – männliche genauso wie weibliche.

Es machte ihm prinzipiell überhaupt nichts aus, dass wir heute keinen Jungen, sondern zwei Mädchen zu Gast haben sollten – auch wenn er natürlich am liebsten immer nur mit Schazad zusammen gewesen wäre. Aber diesen sah Johannes ja auch täglich in der Schule und längst war aus dem anfänglichen sympathisierenden Nebeneinander der beiden ein enges und vertrautes Miteinander geworden.

So holten wir nun also Wafa und erstmals auch Sonja vom Schulhof ab und geleiteten sie zu uns nach Hause. Das Wetter war traumhaft, alles grünte und blühte um uns herum und die Sonne war so stark, dass wir richtig ins Schwitzen kamen. Längst brauchte man keine warmen Jacken mehr, der Winter war fast nahtlos in den Frühsommer übergegangen.

Auf dem Heimweg von der Schule bemerkte ich plötzlich, dass Wafa immer noch ihre Winterstiefelchen trug. Das arme Mädchen hatte offenbar keine geeigneten Sommerschuhe! Dem musste man so schnell wie möglich abhelfen, die Frage war nur, wie? Johannes war eines von ganz wenigen Kindern in der Klasse, in deren Familie ein älteres Geschwisterkind lebte, und es gab meines Wissens nach überhaupt nur eine Familie mit einer größeren Tochter.

Deren Mutter gehörte ausgerechnet zu den dreien, die sich sofort vehement gegen die Flüchtlingskinder in unserer Klasse ausgesprochen hatten. Hier konnte ich also keine Unterstützung erwarten.

Doch wen sollte ich sonst fragen? Der Zufall kam mir zu Hilfe: Beim Passieren der Einfahrt mussten wir am Haus unserer Vermieter vorbei. Das Paar hatte ebenfalls zwei Kinder, einen Buben und ein Mädchen, die beide deutlich älter waren als unsere Kinder.

Gerade beim Vorübergehen trat die Frau aus ihrem Haus und wir grüßten uns freundlich. Dabei stellte ich ihr unsere heutigen Gäste vor und nutzte auch gleich die Gelegenheit, ganz kurz unsere Idee der organisierten Nachmittagsbetreuung zu erklären.

Ich schloss mit dem Hinweis, dass ich gerade erst das für die Jahreszeit völlig unpassende Schuhwerk der kleinen Wafa bemerkt hätte und nun überlegen würde, wie man ihr helfen könnte.

Spontan und herzlich erwiderte die Frau: „Naja, und so wie es aussieht könnte sie wohl auch noch andere Sachen gebrauchen, nicht wahr?! Ich werde mal gleich in den Speicher gehen und nachschauen, was wir von unserer Tochter noch alles haben. Das Mädchen ist ja in den nächsten Stunden bei Ihnen, da kann sie dann gleich alles probieren!“

Wafa hatte augenscheinlich nicht viel davon verstanden, was besprochen wurde, dennoch hatte sie kapiert, dass es um sie bzw. ihre Ausstattung ging. Sie war nach wie vor ein recht schüchternes Mädchen ohne jegliches Selbstbewusstsein. Inzwischen hatte sie jedoch so viel Vertrauen zu uns gefasst, dass sie jetzt über das ganze Gesicht strahlte.

Am liebsten wäre sie vor der Tür unserer Vermieterin stehen geblieben und ich hatte Mühe, sie davon zu überzeugen, jetzt erst einmal mit in unser Haus zu gehen.

Keine zehn Minuten später klingelte es bereits an unserer Haustür und die Nachbarin stand mit Mädchen-Halbschuhen und einem Paar kindlicher Sandalen in der Hand da. Wafa probierte sofort beide Paare hochbeglückt.

Auch wenn ihre Füße noch ein bisschen zu klein waren für die Schuhe, so fühlte sie sich darin doch sichtlich wohler als in ihren warmen und mittlerweile auch ziemlich knappen Stiefelchen. Die Sandalen wollte sie überhaupt nicht mehr ausziehen und ich ließ sie schließlich gewähren.

Unsere Nachbarin freute sich ebenso wie ich über die Begeisterung des Kindes und versprach mir, in den kommenden Tagen auch noch diverse Kleidungsstücke für Wafa vorbeizubringen.

Während wir Frauen mit Wafa in der Diele beschäftigt waren, hatten Johannes und Sonja bereits ganz brav mit den Hausaufgaben begonnen. Gerade übertrugen sie einen kurzen Text aus ihrer Fibel in das Schreibheft. Ich staunte über die saubere und formgetreue Druckschrift von Sonja. Das Mädchen war offenbar sehr ehrgeizig und setzte sich möglicherweise selbst zu sehr unter Druck.

Die Buchstaben von Johannes waren dagegen wieder einmal viel zu schnell hingeworfen und sahen dementsprechend aus wie „Kraut und Rüben“. Als ich einmal die Lehrerin darauf ansprach, meinte sie nur lapidar, dass das ein Zeichen dafür wäre, wie „weit“ Johannes schon sei. Denn nur, wenn man das Schreiben schon gut beherrsche, müsse man die einzelnen Buchstaben nicht mehr „abmalen“.

Wie auch immer, jetzt gab mir der Arbeitsrückstand von Wafa jedenfalls die Gelegenheit, Johannes zu bitten, in kameradschaftlicher Manier den Text zusammen mit ihr noch ein zweites Mal – und diesmal etwas schöner – abzuschreiben.

Als schließlich alle drei Kinder fertig waren, sollte es ans Lesen gehen. Wafa begann und mühte sich sichtlich ab. Doch schließlich hatte sie es geschafft und ich lobte sie sehr. Nun sollte Sonja vorlesen, aber – wie erwartet, schwieg sie.

Ich versuchte es noch einmal, in dem ich ihr aufmunternd zuredete: „Das kannst du doch bestimmt genauso gut wie Wafa, oder?“ Doch ich erntete nur ein Schweigen, begleitet von einem Kopfschütteln. Bevor die Situation zu bedrückend geworden wäre, schlug ich ihr etwas anderes vor.

„Was hältst du davon, wenn Johannes jetzt einzelne Wörter aus dem Text vorliest und du zeigst mir, wo dieses Wort steht?“

Auf diese Art würde nun auch Johannes an die Reihe kommen und es wäre für die Mädchen nicht so deprimierend, wenn er den ganzen Text wie ein Erwachsener herunterschnurrte.

Das Mädchen nickte – immerhin: Sie verstand! Also legte Johannes los und suchte sich ganz unterschiedliche Wörter heraus. Sonja, und bald auch Wafa, deuteten mit dem Finger auf das Gesuchte. Immer schneller ging das Spiel und es gefiel allen so, dass Wafa vorschlug, man könne doch jetzt auch eine andere Seite der Fibel auf diese Weise ansehen.

Was für eine tolle Idee! Inzwischen suchten die Mädchen um die Wette, nur im Gegensatz zu Wafa, die „hier“ rief, wenn sie das Wort gefunden glaubte, hob Sonja lediglich die Hand. Sie wollte einfach keinen Ton von sich geben. Nichtsdestoweniger fühlten sich anscheinend alle drei Kinder sehr wohl und waren sinnvoll beschäftigt, so dass ich in der Zwischenzeit einen kleinen Imbiss für sie herrichten konnte.

Die Hausaufgaben im Rechnen würden wir heute überspringen: Sonja hatte sie offenbar schon zu Hause erledigt, wie sie mir zu verstehen gab, und Johannes könnte das gegebenenfalls noch heute Abend tun.

Da er Mathematik liebte, hatte er ohnehin meist sämtliche Aufgaben bereits während des Unterrichts in der Schule erledigt. Wafa schließlich, die sicher wieder viel Zeit und Hilfe brauchen würde, sollte die Aufgaben zusammen mit ihrer Mutter anfertigen, die – wie wir inzwischen erfahren hatten – in Afghanistan Lehrerin gewesen war.

Auf diese Weise konnten wir nun das herrliche Wetter nutzen und zum Spielen in den Garten gehen. Schließlich konnte man auch hier mit entsprechenden Ballspielen das Zählen oder sogar das Rechnen trainieren. Doch trotz Aufbietung meines gesamten pädagogischen Geschicks gelang es mir nicht, Sonja zu irgendeiner Äußerung zu bewegen.

Wir beendeten schließlich das Spiel und ich bat die Kinder, ihre Schulranzen aus dem Haus zu holen, damit wir den Rückweg zum Schulhof antreten konnten. Johannes lief bereits voraus, ich folgte mit den Mädchen über die Gartenseite zu unserer Haustür.

Gerade als Sonja die Treppe vor unserer Eingangstür erreicht hatte, sprang Johannes von der anderen Seite des Hauses auf sie zu. Er hatte sich versteckt, um Sonja zu erschrecken und sie dadurch vielleicht zu einem unabsichtlichen Laut, einem kleinen Schrei oder spontanen Ausruf zu bewegen!

Und tatsächlich: Sonja zuckte merklich zusammen, als Johannes von hinten auf sie zustürzte – doch: Ihre Lippen blieben fest verschlossen! Was auch immer mit dem Mädchen los war, hier konnte wohl nur ein Psychologe helfen.

Kurz vor den Pfingstferien hatte ich endlich das gesuchte Gespräch mit der Förderlehrerin unserer Grundschule.

Ihr Part war es, Kindern zu helfen, die einen besonderen Förderbedarf hatten, beispielsweise aufgrund einer Lernbehinderung oder eines Defizits nach längerer Erkrankung. Natürlich zählten auch Kinder dazu, die nur über rudimentäre Kenntnisse der deutschen Sprache verfügten. So kannte und betreute diese Lehrerin klassenübergreifend alle Kinder, die – unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Aufenthaltsstatus – Deutsch als Zweitsprache erlernen mussten und altersbedingt nicht mehr in den Kindergarten geschickt werden konnten.

Die Förderlehrerin hatte unser Projekt schon seit einer Weile verfolgt. Ihr gefielen die Idee und unsere Herangehensweise. Daher sicherte sie mir ihre volle Unterstützung zu und bot eine rückhaltlose Zusammenarbeit an. Wir kamen überein, die außerschulische Betreuung noch bis zum Ende des Schuljahres in unveränderter Weise fortzusetzen. Ab Herbst sollte unsere Arbeit dann in enger Kooperation mit der Schule vonstattengehen und fremdsprachige Kinder sämtlicher Grundschulklassen berücksichtigen.

Die Wochen flogen nur so dahin und das Schuljahr neigte sich dem Ende zu. Bayern war wieder einmal das letzte Bundesland, das in die Sommerferien starten durfte.

Mittlerweile sprachen die Zuwandererkinder fast fließend Deutsch. Natürlich war ihr Wortschatz noch begrenzt, aber für den Alltag reichte es. Auf jeden Fall hatten die Kinder ihren Müttern einiges voraus, zumal sie praktisch akzentfrei redeten – eine Erfahrung, die wir später noch häufig machen sollten:

Jedes normalbegabte Kind im Alter von bis zu zehn, elf Jahren – egal, welcher kulturellen oder sozialen Herkunft – beherrscht bei entsprechender Förderung innerhalb von sechs Monaten die deutsche Sprache so weit, dass damit das alltägliche Leben bewältigt werden kann.

Die Kinder mussten dementsprechend oft als Kommunikator ihrer Eltern fungieren. Leider kamen sie auf diese Weise immer wieder auch einmal mit Botschaften in Berührung, die sie schlicht überforderten, weil sie einfach noch nicht für ihre Ohren bestimmt waren, beispielsweise wenn sie ihre Eltern als Dolmetscher zum Arzt begleiten mussten.

Das war vermutlich auch der Grund, warum manche von ihnen recht frühreif wirkten. Umso schöner war es deshalb nicht nur für ihre Eltern, sondern natürlich auch für uns, wenn wir ihnen Zeit und Raum geben konnten, einfach „nur Kind“ sein zu dürfen.

Sicherlich zählten unsere Mittwochnachmittage dazu, jede von uns fünf Betreuungsmüttern versuchte aber auch, Gelegenheiten für private Treffs mit einzelnen Kindern zu schaffen. So war Schazad schon mal übers Wochenende bei uns zu Gast – wir holten ihn dazu einfach am Freitagabend an der Asylbewerberunterkunft ab.

Auch unser Simon verstand sich großartig mit Schazad, der nicht nur ebenso kameradschaftlich und immer freundlich war wie unser Johannes, sondern auch wirklich sehr intelligent und wohlerzogen. Es war deshalb für die ganze Familie ein Vergnügen, ihn zu beherbergen und außerordentlich interessant, wenn er von seinem Heimatland berichtete.

An einem besonders heißen Sommertag erzählte er uns, dass es auch in Afghanistan manchmal derart hohe Temperaturen geben könne. Das hätte ihm und seinen Geschwistern aber nichts ausgemacht, weil sie dann einfach in den „großen Pool im Garten“ gesprungen wären.

Inzwischen, so fügte Schazad traurig an, hätten die Taliban ihr gesamtes Anwesen requiriert, das Wasser des Schwimmbeckens ausgelassen und anschließend die vielen Bücher ihres Vaters darin verbrannt. Nach dieser Aktion hätten sie Ziegen in das Bassin getrieben, um dieses nun als eine Art Pferch für die Tiere zu benutzen.

Natürlich kamen uns zunächst Zweifel, ob wir das alles glauben sollten. Aber zwei Dinge bestätigten uns die Wahrheit seiner Aussagen: Zum einen berichtete Schazads Bruder Shapoor einige Zeit später ebenfalls von diesem Swimmingpool, zum anderen war Shazad das einzige afghanische Kind, das wirklich schwimmen konnte. Alle übrigen kleinen Afghanen lernten es noch nicht einmal durch den regelmäßigen Unterricht in der Grundschule.

Kurz vor Schuljahresschluss hatte Iris, die Mutter von Anna, den spontanen Einfall, zusammen mit unseren deutsch-thailändischen Freunden und den beiden afghanischen Familien den Wildpark im Nachbarort zu besuchen. Also starteten wir mit unseren Autos in Richtung Gemeinschaftsunterkunft.

Wie gut, dass ich einen siebensitzigen Opel-Zafira hatte und Anna über einen kleinen Van verfügte, denn neben Wafa und Robiel gab es auch noch deren jüngere Brüder Roman und Romal.

Zu unserer Überraschung und Freude war inzwischen auch der Vater aus Afghanistan zur Familie gestoßen. Er war wohl als Polizist tätig gewesen und von Berufswegen gegen die Taliban-Kämpfer vorgegangen. Als diese dann endgültig die Macht in Kabul übernahmen, hatten sie den Mann sofort ins Gefängnis geworfen. Wir wollten lieber nicht wissen, unter welchen Umständen er es geschafft hatte, frei zu kommen und seine Familie hier wiederzufinden.

Auch die Familie von Schazad war größer als gedacht: Er hatte noch eine etwa 15jährige Schwester, die zusammen mit ihm, seinem Bruder Shapoor und der Mutter in der hiesigen Unterkunft lebte.

Leyla war eine wahre Schönheit und ebenso klug wie der Rest der Familie; sie sollte später die Fachoberschule mit hervorragenden Noten absolvieren. Das Mädchen war „Tochter Nr. 3“, denn neben der in München verheirateten jungen Frau gab es noch die älteste Tochter der Familie. Diese war beim Vormarsch der Taliban sofort mit dem Sohn des Nachbarn verheiratet worden, der schon lange um sie geworben hatte.

Er entstammte einer ebenso reichen Familie, die eine Obst- und Gemüsegroßhandlung mit Niederlassungen außerhalb Afghanistans besaß. So konnte das junge Paar zunächst nach Pakistan gehen und sich später dann in der Hauptstadt Indiens niederlassen. Einige Jahre danach hörte ich, dass sie jetzt in Kanada leben würden.

Die beiden afghanischen Mütter hatten ihre Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, uns doch einmal zu einem traditionellen Essen einladen zu können. Immer wieder kamen sie darauf zu sprechen oder ließen vielmehr ihre Kinder Botschaften überbringen wie: „Haben Sie schon einmal Lamm gegessen? Meine Mutter würde das gerne einmal für Sie kochen!“ oder: „Wir essen den Reis mit vielen Gewürzen und Gemüse. Das schmeckt sehr gut. Möchten Sie das nicht auch einmal probieren?“

Schließlich hatte eine von uns Betreuerinnen die rettende Idee.

Wir waren gerade dabei, gemeinsam zu überlegen, wie wir den letzten Mittwoch dieses Schuljahres gestalten wollten. Es sollten alle fünf Betreuungsmütter samt Kindern dabei sein, ebenso alle Familienmitglieder unserer kleinen Migranten. Auch die Klassenleiterin und die Förderlehrerin wollten wir einladen.

Wir rechneten mit ungefähr 30 Personen – zu viele, um irgendwo in eine Privatwohnung zu gehen. Natürlich kam auch die Unterkunft nicht in Frage und die Schule erschien uns zu „offiziell“.

Ein öffentlicher Spielplatz wäre zu sehr wetterabhängig, die Scheune eines Bauern am Ortsrand zu groß und ungemütlich. So ging es hin und her bis schließlich im Spaß der Begriff „Frauen und Familie“ fiel.

Eine Mutter unserer Klasse war bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) beschäftigt. Diese unterhielt nahe der Grundschule ein Haus, in dem Räumlichkeiten für wöchentliche Krabbelgruppen-Treffs etc. zur Verfügung standen. Das Ganze nannte sich „Zentrum für Frau und Familie“.

Im Erdgeschoß des Gebäudes gab es auch einen größeren Raum mit Kochzeile, von dem aus man direkt in einen kleinen, umzäunten Garten gelangte. Diese Örtlichkeit wäre ideal für unsere Zwecke! Die afghanischen Frauen könnten kochen, die Kinder im Garten oder zur Not auch im Haus mit vorhandenen Gerätschaften spielen und es wären ausreichend Stühle, Geschirr und Besteck vorhanden.

Schon am nächsten Tag hatten wir auf Vermittlung der AWO-Beschäftigten die Zusage für die gewünschte Raumüberlassung.

Eine Woche vor der geplanten Feier überbrachte ich Schazads Mutter 50,- DM. Jede von uns Betreuerinnen hatte 10,- DM hergegeben, damit die Frauen entsprechend einkaufen konnten. Natürlich war uns klar, dass das längst nicht ausreichen würde. Wir wussten aber auch, dass sie keinesfalls mehr angenommen hätten, denn dann wäre es ja keine „Einladung“ mehr gewesen.

Der Mittwoch des Abschlussfestes zeigte sich wettertechnisch von seiner schönsten Seite. Wir deutschen Frauen wollten uns um ausreichend Getränke und diverse Snacks, vor allem für die Kinder, kümmern. So besorgten wir herrlich süße Wassermelonen, außerdem diverse Kekse und bereiteten Obst- und Gemüsespieße vor.

Die thailändische Mutter brachte einen Berg frisch frittierter Frühlingsrollen mit. Die afghanischen Frauen begannen sofort, den Reis und das Gemüse in riesigen Töpfen zuzusetzen, die Lammkeulen wurden gewürzt und kamen in das Backrohr.

Die Frauen gingen so routiniert zu werke, dass man sofort sah, wie geübt sie darin waren, für viele Menschen zu kochen.

Die Kinder spielten glücklich im Garten, nur gelegentlich kam eines herein, um einen Schluck zu trinken. Wir Betreuungsmütter wechselten uns ab bei ihrer Beaufsichtigung oder als Zuschauer bzw. Helfer in der Küche.

Plötzlich stürmte die kleine Sonja in den Raum: „Mama, Mama, Johannes möchte noch ein paar Frühlingsrollen!“ Wir waren alle wie vom Donner gerührt. Unsere stumme Sonja sprach! Wir konnten es nicht fassen und starrten alle auf die Kleine. Da rief sie noch einmal voller Ungeduld: „Mama, hast du nicht gehört? Johannes möchte noch ein paar Frühlingsrollen!“

Wir begannen alle zu lachen. Die Mutter drückte Sonja zwei der begehrten Röllchen in die Hand und das Mädchen lief genauso schnell, wie es gekommen war, zurück in den Garten.

Noch Jahre später erinnerten wir uns an dieses Ereignis; der Satz würde uns wahrscheinlich bis ans Lebensende im Ohr und im Gedächtnis bleiben.

Es dauerte bis zum frühen Abend, ehe wir Erwachsenen mit dem Essen beginnen konnten – aber es schmeckte herrlich! Ich war bis zu diesem Zeitpunkt keine große Freundin von Lammfleisch, aber die Kinder hatten wirklich nicht übertrieben. Die afghanische Art der Zubereitung, die besonderen Gewürze, dazu der Reis mit Rosinen und Gemüse – es war einfach grandios!

Unsere Köchinnen waren begeistert von unserem gesunden Appetit und freuten sich über die vielen Komplimente. Wir waren nicht nur beeindruckt vom guten Geschmack des Essens, sondern auch von der aufwändigen Zubereitung und der reinlichen, fast peniblen Art, mit der alle Dinge, ob Lebensmittel oder Kochutensilien, behandelt wurden.

Wieder einmal hatte ich den Eindruck, etwas gelernt zu haben. Wir alle waren Gebende – aber wir waren ebenso alle Empfangende!

Schulbeginn

Die Förderlehrerin hatte ihr Versprechen wahrgemacht und sich schon in der letzten Woche vor dem Schulanfang bei mir gemeldet. Sie gab mir einige wichtige Informationen:

Die beiden irakischen Mädchen würden trotz ihres Alters noch in der Grundschule bleiben – zumindest die ersten Monate sollten sie in einer 4. Klasse zubringen; zu Beginn des neuen Kalenderjahres wollte man weitersehen. Robiel, der Bruder von Wafa, würde die erste Klasse wiederholen, also praktisch neu eingeschult werden. Außerdem käme noch ein weiteres afghanisches Mädchen in die Schule und hier ihrem Alter gemäß in die 1. Klasse – es handelte sich um die kleine Rena, die bei unserem Chaos-Nachmittag bei meiner Betreuungskollegin Iris gelandet war.

Darüber hinaus gäbe es noch ein Mädchen, das unsere Förderung dringend benötigte: die dunkelhäutige Natasha, Kind einer Familie mit nigerianischen Wurzeln und britischer Staatsangehörigkeit. Zusammen mit Sonja, Schazad und Wafa, die ja ebenfalls in der Betreuung bleiben sollten, hätten wir folglich acht Kinder – was bei unserem System der paarweisen Verteilung pro Nachmittag vier Mütter erfordern würde.

Wir mussten also ganz dringend den Betreuerkreis erweitern! Damit einher ginge, dass wir uns künftig in regelmäßigen Abständen mit der Förderlehrerin träfen, um die Besetzung der einzelnen Nachmittage abzustimmen und einen kontinuierlichen Austausch zu gewährleisten.

Die engagierte Pädagogin wusste auch bereits, wie wir unseren Stamm an Betreuern vergrößern könnten: Sie selbst sei ja schulweit in allen Klassen tätig, in denen Kinder mit Förderbedarf wären.

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