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Green Fiction: Vier spannende Kurzgeschichten

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Karla Grabenhorst: Kontrastprogramm mit Tofu
  5. Martina Koesling: Wölfe
  6. Dorothea Sauer: Ein Blick in die Zukunft
  7. Carina Zacharias: Rettung aus dem All
  8. Nachwort

Karla Grabenhorst
Martina Koesling
Dorothea Sauer
Carina Zacharias

Green Fiction

VIER
SPANNENDE
KURZGESCHICHTEN

Kontrastprogramm mit Tofu

Montag, 25. August

Ich gehe erst seit einem Tag auf meine neue Schule in Deutschland, genauer gesagt in Köln, und ich kann mich nicht genau entscheiden, wie ich es hier finden soll. Die Schule ist o. k., und die Sprache beherrsche ich sehr gut, da ich meine ersten drei Lebensjahre hier verbracht habe.

Worauf ich allerdings bei unserem Umzug von China nach Deutschland vor drei Tagen nicht vorbereitet war, ist der Umwelt-Hype, der hier offensichtlich von jedem zweiten Jugendlichen zelebriert wird. Ganz ehrlich, Meinungsfreiheit in allen Ehren, aber mitten im Englischunterricht kamen heute ein paar Leute von einer Umweltschutzgruppe herein, bei deren Namen ich mir gar nicht erst die Mühe machte, ihn mir zu merken. Sie verteilten Flyer und erzählten mit diesem süffisanten Lächeln etwas von Bussen, Bahnen und Bewusstsein. Eines ist mir bewusst, nämlich dass die hier ein bisschen spinnen.

Aber es gibt Gott sei Dank auch normale Leute, wie zum Beispiel das nette Mädchen, das mich nach Mathe angesprochen hat. Sie heißt Vanessa, und in der Pause stellte ich mich zu ihr und ihrer Clique. Ich war so froh, die Pause nicht alleine verbringen zu müssen! Denn was macht man zwanzig Minuten lang alleine, ohne Freunde, in einer fremden Schule? In solchen Fällen bin ich froh, etwas exotischer auszusehen. Obwohl nur meine Mutter aus China kommt – Papa ist Deutscher –, habe ich doch die glatten schwarzen Haare, den Teint und ein bisschen auch die typisch asiatischen Augen einer Chinesin. Dadurch falle ich hierzulande mehr auf, und so werde ich tatsächlich öfter angesprochen als »normal« Aussehende.

Ich nahm die Bahn nach Hause. Die Fahrt dauerte fünfzehn Minuten, währenddessen hörte ich Musik von meinem Handy. In dem Versuch, mich hier so gut wie möglich einzufügen, habe ich mir gestern ein paar Lieder deutscher Künstler heruntergeladen – also begleiteten mich die Gesänge von den Toten Hosen, Philipp Poisel, Frida Gold, Kraftklub, Seeed und so weiter auf der Bahnfahrt. Gewöhnungsbedürftig, so viel Deutsches auf einmal. Ob ich solche Lieder auch in meinen Gesangsstunden singen werde? In China hatte ich meinem Opa zuliebe Gesangsunterricht, da er es aus unerfindlichen Gründen liebte, mich singen zu hören. »Lia, sing doch noch mal dieses … wie hieß das Lied noch mal? Du hast so eine schöne Stimme«, hieß es dann immer.

Ich vermisse ihn. Ihn und sein ausgesprochen faltiges Gesicht und vor allem sein herzliches Lächeln, das immer dann aufging, wenn ich ihn einmal in der Woche besuchen kam.

Jedenfalls habe ich mich entschlossen, auch jetzt, nach seinem Tod, weiterhin Gesangsstunden zu nehmen, denn irgendwie macht es Spaß.

Das Tagebuchschreiben war übrigens eine fixe Idee während einer meiner kreativen Phasen, nach dem Motto »Neues Land, neues Leben, neue Gewohnheiten«.

Ich hoffe, in den nächsten Tagen noch mehr Leute kennenzulernen und mich eventuell besser mit Vanessa anzufreunden. Sie scheint so nett zu sein.

Mittwoch, 27. August

Gestern war ein wirklich anstrengender Tag! Nachdem Vanessa und ich unsere gesamte freie Zeit in der Schule miteinander verbracht hatten, war sie der Meinung, wir sollten in der Schildergasse shoppen gehen. Sie kennt sich unheimlich gut aus in Sachen Mode! Während sie mich durch diverse Geschäfte bugsierte, erfuhr ich alles Denkbare über sie, ihren Exfreund, der schon neunzehn ist, raucht und in einer grottenschlechten Band mit dem ebenso schlechten Namen »Die Waschlappen« gespielt hat, und die britische Royal Family, an der sie augenscheinlich einen Narren gefressen hat. Jetzt weiß ich, dass die Queen als Einzige in ganz Großbritannien keinen Führerschein zum Autofahren braucht und dass Prinz Harry auf das Eton College ging. Alles wirklich wissenswerte Informationen …

Gestern Abend war ich dann so todmüde – wir hatten übrigens exakt ein T-Shirt für mich und gefühlte zwanzig Teile für Vanessa gefunden -, dass ich nicht mehr dazu kam, alles auch noch aufzuschreiben.

In der Schule war es heute genauso wie gestern – Vanessa und ich unterhielten uns zum Beispiel eine ganze Pause lang über das Baby von William und Kate. Interessanter wurde es, als ich, den Song »Holding On to Say Goodbye« von Leslie Clio mitsummend, aus der Bahn steigen wollte. Ein braunhaariger Junge mit auffallend vielen Sommersprossen kam von der anderen Straßenseite aus angerannt und bedeutete mir, die Tür aufzuhalten, was ich natürlich umgehend tat. Nur ein kleines bisschen außer Atem bedankte er sich dann mit einem fröhlichen Lächeln bei mir. Ich wollte irgendwie unbedingt etwas zu ihm sagen. Hinter ihm sah ich ein schlaksiges Mädchen heransprinten. Also sagte ich: »Kein Problem. Gehört sie da« – dabei deutete ich mit dem Kopf auf das Mädchen – »zu dir?« Ich gebe zu, das war keine überragend gute Frage. Aber immerhin antwortete er: »Ja, genau.« Darauf folgte unangenehmes Schweigen. »Frag was Schlaueres!«, dachte ich, leicht panisch.

»Wo müsst ihr denn so eilig hin?«, fragte ich also betont unbefangen, denn das ist ja eigentlich nichts, was man einen Wildfremden einfach so fragt. Obwohl, vielleicht tut man das in Deutschland sogar. Er schien nämlich überhaupt nicht befremdet: »Wir fahren zum wöchentlichen Treffen der Sifu.« Als ich ihn daraufhin leicht verwirrt mit einem Touch von Faszination anschaute, denn jetzt fiel mir sein leichter englischer Akzent auf, fügte er erklärend hinzu: »Oh, und Sifu steht für Schülerinitiative für Umweltschutz.« Bei diesen Worten fingen seine blaugrauen Augen an zu leuchten. Faszinierend, wirklich. Die Sommersprossen und seine Augen ergänzen sich perfekt. Dann hatte das Mädchen uns erreicht, und sie mussten einsteigen. »Neue Mitglieder sind immer herzlich willkommen!«, rief er mir noch ausgelassen durch die sich schließenden Türen zu. Dann wandte er sich dem Mädchen zu, und sie suchten sich gemeinsam einen Platz. Ich frage mich, ob sie seine Freundin ist. Ich hoffe nicht.

Donnerstag, 28.August

Heute habe ich die Begegnung mit dem Jungen gründlich überdacht. Ich hatte kurz erwogen, Vanessa zurate zu ziehen, mich schließlich aber dagegen entschieden. Ich kenne sie noch zu kurz, um ihr etwas für mich so Relevantes anzuvertrauen. Und ich kenne sie auch schon so gut, dass ich weiß, dass sie nicht unbedingt verschwiegen ist. Das Problem ist folgendes: Ich würde ihn wirklich gerne kennenlernen. Er schien nett. O. k., ich untertreibe maßlos. Er schien außerordentlich sympathisch. Damit übertreibe ich vielleicht, gemessen daran, dass wir gerade mal vier ganze Sätze miteinander gewechselt haben. Jedenfalls ist das einzig Hilfreiche, das ich über ihn weiß, dass er dieser Sifu angehört. Ich kann mich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er zu diesen Umweltleuten dazugehört!

Mein Plan bis jetzt ist, der Initiative beizutreten. Ja, das ist genauso hirnrissig, wie es klingt. Vielleicht fällt mir ja noch etwas anderes ein. Hoffentlich. Denn ich kann es garantiert nicht lange bei einer Umweltschutzgruppe aushalten.

Mittwoch, 3. September

Ich habe das Wahnsinnige getan! Heute Nachmittag ging ich das erste Mal zu dem Treffen der Sifu. Es war beinahe noch schlimmer, als ich erwartet hatte! Nachdem ich die ganze letzte Woche mit mir selbst gehadert hatte, da es schon moralisch fragwürdig ist, solch einer Gruppe nur zum Kennenlernen eines Jungen beizutreten, verpasste ich nach der Schule extra die Bahn nach Hause und blieb in der Schule, um mich selbst sozusagen zu zwingen. Das Meeting fand nämlich in der Schule statt. Ich wurde hocherfreut begrüßt, musste noch nicht einmal einen Eignungstest oder sonst etwas in der Art machen. Fast schon zu einfach, da hineinzukommen. In einer Art Stuhlkreis, der mich stark an Selbsthilfegruppen aus dem Fernsehen erinnerte, besprach man anschließend »wichtige Themen«. In ein paar Wochen würde es eine große Demo gegen übermäßigen Fleischkonsum geben – hooray! Denn, wie mir belehrend erzählt wurde, würde für Nutztierweiden Regenwald gerodet, die zum Verzehr gezüchteten Kühe würden massive Mengen an Methan ausstoßen, und für ein Kilogramm Fleisch muss man angeblich über sieben Kilogramm Getreide verfüttern. Ja, ich habe tatsächlich zugehört. Allerdings nur, damit ich nicht dumm dastehe, falls ich später einmal mit Gary darüber reden werde. So heißt der Sommersprossenjunge nämlich. Er hat während der Besprechung auch gleich preisgegeben, begeisterter Vegetarier zu sein.

Oh Leute, wen habe ich mir denn da ausgesucht? Er ist aber einfach süß, wenn er enthusiastisch Soja- und Tofuprodukte anpreist, die man genauso gut anstatt von Fleisch verzehren könne.

Es sieht so aus, als würde ich erst einmal bei der Sifu bleiben.

Freitag, 5. September

Und wie ich in dieser schrägen Umwelttruppe bleibe! In der heutigen Pause bin ich, natürlich mit Vanessa im Schlepptau, Gary auf dem Schulhof begegnet, und er hat mir zugelächelt! Ich hoffe nur, dass mein Zurücklächeln auch o. k. war, also weder zu abweisend noch zu hocherfreut, so »Oh mein Gott, er erkennt mich!«-mäßig. Damit habe ich immer so meine Probleme.

Er trug heute einen dunkelblauen Anti-Atomkraft-Hoodie, den man eigentlich nur als freakig beschreiben kann. Oder, mit Vanessas Worten, als alternativ-unangesagt mit ökologischem Einfluss. Aber zu ihm passte es.

Gestern war ich übrigens das erste Mal beim Gesangsunterricht. Das war sehr lustig, einfach weil meine Lehrerin total verpeilt ist. Wenn hier jemand alternativ ist, dann sie. Man könnte sie als einen bunten Mix aus Secondhandkleidung plus Vogelnest-Dutt und überraschendem musikalischem Können beschreiben. Sie sagt, sie wolle sich ganz auf meinen Musikgeschmack einlassen, und für die nächste Stunde soll ich mir zwei bis drei Lieder, die ich singen möchte, aussuchen. Mein Favorit momentan ist »Radioactive« von Imagine Dragons. Lässt sich wunderbar singen.

Dienstag, 9. September

Ich freue mich verbotenerweise schon auf morgen. Das sollte ich wirklich nicht, ich muss dort schließlich Ökokram machen …

Einem Tennisverein bin ich nun auch beigetreten. Mit dem Tennis ist das so eine Sache bei mir, es gleicht einer On-Off-Beziehung. Ich spiele immer für etwa ein Jahr, höre auf, weil es mich nervt, und komme nach einem gewissen Zeitraum doch wieder zurückgekrochen. Echt merkwürdig, ich weiß. Ich kann nicht mit und auch nicht ohne. Besonders gut bin ich eh nicht.

Viel mehr, außer dass wir am Samstag noch ein paar Möbel bei diesem coolen schwedischen Möbelhaus kauften, gibt es nicht zu erzählen.

Mittwoch, 10. September

Als ich beim Treffen der Sifu ankam, bot sich mir ein drolliges Bild. Vier Mitglieder hockten, versunken in ihre Arbeit, auf dem Boden, der chaotisch mit Bastelutensilien bedeckt war, und bemalten mehr enthusiastisch als schön riesige Plakate. Das Ganze sah so nach Kindergarten aus, dass ich mir nur mit Mühe ein Glucksen verkniff. Ich trat also ein, und sofort setzten sich zwei der eifrigen Künstlerinnen auf, um mich an ihrem genialen Tun teilhaben zu lassen. Sie bastelten natürlich Plakate für die große Umwelt-Demo. Die doch erst in drei Wochen ist. Also immer mit der Ruhe, Freunde.

Ehe ich michs versah, war mir auch schon ein Edding in die Hand gedrückt worden, und in der nächsten Sekunde fand ich mich auf dem Boden kniend wieder, ein riesiges »E« ausmalend. Widerstand zwecklos. Ergeben pinselte ich eine Weile vor mich hin und versuchte, das Gelaber über die neueste Umweltkatastrophe auszublenden. Klappte nicht ganz.

Ich finde aber, solche Sachen werden immer total aufgebauscht. Eisbären, die hilflos auf Eisschollen im Meer umhertreiben, ein unter Wasser stehendes New Orleans und ein gänzlich kahl geschlagenes Indonesien sind doch völlig dystopische Bilder, mit denen einem Umweltheinis – ja genau solche wie die, zwischen denen ich da gerade saß – ein schlechtes Gewissen machen wollen.

Schließlich trafen auch die anderen Mitglieder ein, und wir konnten das Meeting beginnen. Hauptsächlich wurde über eine Möglichkeit, den Menschen ihre eigene Verschwendung vor Augen zu führen und sie zum Recyceln zu animieren, diskutiert. Gary machte den Vorschlag, überall in der Schule Müll aus dem täglichen Leben aufzuhängen, doch außer mir schien das keiner wirklich gut zu finden. Wahrscheinlich bin ich etwas voreingenommen und andererseits zum Thema Umwelt absolut unterinformiert.

Aus gutem Grund.

Nach dem Treffen fuhr ich mit Gary und dem schlaksigen Mädchen, das übrigens Maya heißt und auf jeden Fall nicht seine Freundin ist, mit der Bahn zurück. Rate, wer jetzt seine Handynummer hat! Natürlich nur für organisatorische Sifu-Zwecke, ist ja klar.

Das läuft doch alles ganz gut! Auch wenn Vanessa mir zugegebenermaßen ein bisschen auf die Nerven geht, seit sie auf diesen Typen zwei Klassenstufen über uns abfährt, der jeden Tag mit einem protzigen Motorrad auf den Schulparkplatz brettert.

Montag, 15. September

Den organisatorischen Sinn unserer Handykorrespondenz galant außer Acht lassend, haben wir uns am Wochenende immer mal wieder SMS geschickt. Damit brachte ich in Erfahrung, dass Gary echt sportlich ist. Er spielt sowohl Rugby als auch Fußball – auch wenn er es »Soccer« nennt. Um da mithalten zu können, habe ich mir selbst versprochen, das Tennisspielen nun ernster zu nehmen. Das Geheimnis seines entzückenden Akzents ist auch gelöst, er kommt nämlich aus Irland. Ja, dem kleinen grünen Land mit den umgänglichen Einwohnern und viel Regen. Bis zu seinem siebten Lebensjahr hat er dort gelebt, bis seine Eltern, der Finanzkrise entfliehend, neue Jobs in Deutschland ...

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