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Gray Kiss

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Das Crave war früher der Haupttreffpunkt für gefährliche Kreaturen, doch heute Abend schien ich das einzige gefährliche Wesen hier zu sein.

Vor einer Woche verlor ich in diesem Club meine beste Freundin. Ich verlor sie im wahrsten Sinn des Wortes, in einem wirbelnden schwarzen Strudel, der sich auftat und sie verschlang und sie … an einen anderen Ort brachte. An einen schrecklichen Ort.

Ich wusste noch nicht, wie ich es anstellen sollte, dennoch klammerte ich mich an die winzige, aber hartnäckige Hoffnung, die sich in mir festgesetzt hatte: Ich würde sie wiederfinden.

Carly hatte Clubs wie diesen - ohne Altersbeschränkung - geliebt und war regelmäßig jedes Wochenende zum Tanzen hergekommen. Sie war immer geblieben, bis der Laden zugemacht hatte. Wenn ich die Augen schloss, tauchte immer das Bild von Carly auf der Tanzfläche vor mir auf, dem einzigen Platz, wo sie ihre Probleme vergessen konnte. Hier regierte nur die Musik ihre Welt.

Verdammt. Ich vermisste sie.

Auch deswegen war ich heute Abend hier. Ich konnte einfach nicht länger warten.

Ich war auf der Suche nach jemandem, der auch immer hier abhing. Jemand, nach dem ich schon die ganze Stadt abgesucht hatte. Jemand, der mir etwas gestohlen hatte, das ich dringend wiederhaben musste, bevor es zu spät war.

Zwar hatte ich keine Ahnung, wann dieses „zu spät“ sein würde. Doch ich hatte so ein merkwürdiges Gefühl in mir, dass es nicht mehr lange dauern würde.

„Du siehst so ernst aus, Sam“, meinte Kelly gut gelaunt von der anderen Seite der Nische zu mir. „Und du kriegst nichts von dem mit, was wir erzählen.“

„Tut mir leid“, entschuldigte ich mich, immer noch abwesend. Ich zwang mich zu lächeln und schaute Kelly und Sabrina an. Sie waren beide blond, der selbstbewusste, immer fröhliche Cheerleadertyp. Ich war weder blond, noch besonders selbstbewusst oder fröhlich. Trotzdem war ich gut mit den beiden befreundet.

Das heißt, „gut befreundet“ war vielleicht zu viel gesagt. Wir saßen meistens in der Mittagspause zusammen und hatten gemeinsam Sport. Ich glaube, sie mochten mich. Das war das Wichtigste.

Sie hatten mich heute spontan eingeladen zu ihrer „Girl’s Night Out“, und ich hatte spontan beschlossen mitzugehen. Ich verfolgte allerdings einen anderen Zweck als sie, denn ich war vor allem hier, weil ich den Jungen zu treffen hoffte, der mir im wahrsten Sinne des Wortes meine Seele gestohlen hatte.

„Genau“, stimmte Sabrina ihr zu. „Erde an Samantha! Was ist denn los mit dir?“

„Gar nichts. Ich bin heute nur nicht ganz bei der Sache.“

Was für eine Untertreibung. Bitte, einen Tisch für eine Person.

Kelly trank einen Schluck von ihrer Cola light und betrachtete die Überreste der Nachos, die vor uns standen. Es war nicht mehr allzu viel von ihnen übrig, dafür hatte ich schon gesorgt - nur ein bisschen Käsesoße und ein paar pappige Tortillachips. Eine einzelne Jalapeño lag noch da und trauerte um ihre scharfen Kollegen, die den Kampf bereits verloren hatten.

Ich konnte es nicht ändern. Heute war ich wirklich hungrig. Und wenn ich hungrig war, musste ich essen, damit meine anderen Gelüste nicht überhandnahmen.

Leider hatte der Teller Nachos keinerlei Wirkung gezeigt.

„Nur zur Info: Wir sprechen gerade über Halloween“, erklärte Sabrina mir. „Hast du schon eine Ahnung, was du auf Noah Tylers Party anziehen wirst.“

„Noah gibt eine Party?“, erkundigte ich mich abwesend, während ich über Sabrinas Schulter hinweg das Geschehen im Club beobachtete und mir Mühe gab, aufmerksam der Unterhaltung zu lauschen.

„Genau. Und er hat mir gesagt, dass er unbedingt möchte, dass du dabei bist.“ Sie grinste. „Ich schätze, da ist jemand verknallt in dich.“

Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was sie meinte. Ich erschrak bei dem Gedanken daran und erinnerte mich vage, dass Noah mich letztens mit Blicken voll abgecheckt hatte. Ich hatte probiert, es zu ignorieren. „Ist er nicht.“

Sabrina zuckte nur mit den Schultern, und sie und Kelly tauschten einen wissenden Blick aus. „Wie du denkst. Aber du kommst doch, oder?“

„Mittwochabend?“ Ich versuchte interessiert auszusehen und fröhlich zu lächeln, obwohl mir überhaupt nicht danach zumute war. „Diese Party werde ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen.“

Ich würde sie mir auf jeden Fall entgehen lassen. Definitiv.

Die beiden begannen, über ihre Kostüme zu reden. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Die Jalapeño ereilte ein kurzer und schmerzloser Tod.

Dann lief ein Lied, das meine beiden Freundinnen in helle Begeisterung versetzte, und sie stürmten auf die Tanzfläche. Bunte Lichter erhellten ihre Gesichter, sowie sie sich mit den anderen zum hämmernden Rhythmus der Technosongs bewegten. Erst stampfend, dann frenetisch mit den Armen und Beinen zuckend. Mir wurde es immer unbehaglich, wenn Tanzen angesagt war. Ich mochte die Vorstellung nicht, dass mich jemand beobachtete und meinen Tanzstil beurteilte oder mich auslachte.

„Tanz einfach, als ob niemand zusieht“, hatte Carly immer gesagt.

„Wo hast du diesen Spruch her? War der irgendwo auf ein Kissen gestickt?“

Sie hatte mich angegrinst. „Wahrscheinlich. Trotzdem, es stimmt. Man muss jeden Moment genießen, denn es könnte der letzte sein.“

Bei der Erinnerung an den unerschütterlichen Optimismus von Carly Kessler spürte ich einen dicken Kloß im Hals. Ich kriegte nicht mal mehr mein Gingerale runter, also konzentrierte ich mich wieder darauf, den Club abzusuchen, den Eingangsbereich, die Tanzfläche.

Wir waren jetzt seit einer Stunde hier. Eine Stunde, um einen Teller Nachos zu essen, mit ein paar Mädchen zu quatschen, die großzügigerweise meine Anwesenheit tolerierten. Eine Stunde, um mehrere Hundert meiner Altersgenossen dabei zu betrachten, wie sie an einem Samstagabend Spaß hatten, und um mir ins Gedächtnis zu rufen, dass ich bis vor Kurzem eine von ihnen gewesen war. Eine Stunde, um festzustellen, dass mir all das rein gar nichts brachte.

In der Luft hing ein intensiver Geruch, der mir das Denken zunehmend schwerer machte. Es war weder Schweiß noch Parfum, sondern etwas anderes. Etwas, das sich um mich legte wie eine Würgeschlange, die mich schmerzhaft umklammerte.

Auf alle, die mich nicht kennen, wirke ich wie eine ganz normale Siebzehnjährige. Doch ich habe keine Seele mehr, deshalb bin ich eine Gray - ein Wesen, das die Fähigkeit besitzt, einem anderen durch einen Kuss die Seele zu stehlen.

Es war ein Fehler, hierherzukommen. Hier wird es nur schlimmer.

„Entspann dich“, befahl ich mir selbst.

Doch es war nicht so einfach, sich zu entspannen, wenn man nicht tief durchatmen konnte. Flaches Atmen war die beste Möglichkeit für mich, an einem Ort wie diesem nicht die Selbstbeherrschung zu verlieren. Ich war hier, weil ich eine verschwundene Person aufspüren wollte, und nicht, um ein potenzielles Opfer zu finden. Das musste ich mir vor Augen halten.

Da ich mich dringend von meinem unnormalen, immer stärker werdenden Hunger ablenken musste, erhob ich mich und schob mich am Messinggeländer entlang, das die Tanzfläche von den Sitzbereichen abgrenzte. Ich umfasste das kühle, glatte Metall so fest, dass meine Fingerknöchel weiß wurden. Nach ein paar Sekunden war mein Hungergefühl verschwunden.

Aber nur, um kurz darauf doppelt so heftig wiederzukehren.

„Was machst du hier, Samantha?“ Seine tiefe Stimme klang nicht gerade erfreut. Er stand direkt hinter mir.

Ich verstärkte meinen Griff um das Geländer, schloss die Augen und probierte, einfach die Luft anzuhalten - allerdings war das unmöglich. Selbst seelenlose, gefräßige Monster wie ich brauchten Sauerstoff.

Als ich schließlich tief einatmete, umfing mich sein vertrauter Duft - warm, würzig und absolut niederschmetternd.

Endlich schaffte ich es, mich zu ihm umzudrehen.

Bishop starrte mich mit seinen kobaltblauen Augen unter den dunklen Brauen fragend an. Ich war ja nur knapp ein Meter sechzig groß, und er überragte mich um Längen. Seine breiten Schultern. Die muskulösen Arme, die sich unter dem eng anliegenden, schwarzen Langarmshirt abzeichneten. Das verwuschelte mahagonibraune Haar. Ich verspürte den dringenden Wunsch, ihm die wilden Haarsträhnen aus der Stirn zu streichen. Damit ich ihn nicht berührte, ballte ich schnell die Hände zu Fäusten.

„Was ich hier mache?“, wiederholte ich möglichst beiläufig. „Was ist daran so besonders? Im Crave trifft man sich doch gern mit seinen Freunden.“

„Du hältst Ausschau nach Stephen.“

Ich zuckte die Achseln, schaute weg und beobachtete weiter die Tanzfläche.

„Samantha.“

Wenn er meinen Namen sagte, überlief mich immer ein Schauer. Diesmal lag in seinem Blick allerdings Ärger. „Ich weiß, dass du es gern hättest, wenn ich mich jeden Abend zu Hause einschließen würde, aber das geht nicht. Außerdem habe ich jetzt ein paar Tage nichts von dir gehört. Ich dachte, ich wäre wieder auf mich selbst gestellt.“

Bishop verzog keine Miene - wie frustrierend! „Ich habe nach ihm gesucht.“

„Hast du ihn gefunden?“

Er verspannte sich. „Glaub mir, du bist die Erste, die es erfährt.“

„Tja, wenn du ihn nicht aufgespürt hast, kannst du wohl Unterstützung gebrauchen. Und deshalb bin ich hier.“

Er seufzte. „Im Ernst, Samantha. Du solltest die Sache mir überlassen und dich auf den Heimweg machen.“

Plötzlich wurde ich wütend, und das half mir, ihn nicht mehr ganz so faszinierend zu finden. „Ich gehe nirgendwo hin.“

Bishop sah mich verwundert an, doch seine Lippen umspielte ein Lächeln. „Heute Abend sind wir streitlustig, was?“

„Definiere streitlustig.“

„Samantha Day. Siebzehn Jahre alt. Normalerweise realistisch, eine Person, die Gut von Böse unterscheiden kann, mich allerdings im Moment anschaut, als wollte sie mir in den Bauch boxen.“

„Gute Definition.“ Plötzlich verstand ich. „Du wirkst heute seltsam normal. Was ist passiert?“

Sein Lächeln erstarb. „Mit mir ist nicht alles in Ordnung. Aber ich bin dahintergekommen, wie ich mit meinem Problem umgehen kann, wenn es nötig wird.“

„Und wie? Ich hätte nicht gedacht, dass es für dein spezielles Problem eine schnelle Lösung gibt.“

„Ich auch nicht.“

Er sah zwar aus wie ein äußerst hübscher achtzehnjähriger Typ, aber in Wirklichkeit war Bishop ein Engel, den man nach Trinity geschickt hatte, um das Gray-Problem zu lösen. Doch als er den Himmel verließ, war irgendetwas gründlich danebengegangen. Ein anderer Engel, der seine Mission sabotieren wollte, hatte ihn zu einem gefallenen Engel gemacht - jetzt war er ein Engel mit Seele. Die Seele war die Bestrafung für einen schweren Fehler und hatte Auswirkungen auf die mentale Stabilität eines Engels. Im Klartext: Bishop verlor seinen Verstand. Andererseits benötigte er die Seele, um unsterblich zu sein. Die Seele war für einen gefallenen Engel also ein zweischneidiges Schwert. Einerseits trieb sie ihn in den Wahnsinn, andererseits würde er ohne sie sterben.

Ich hatte Bishop einmal geküsst und mir dabei einen Teil seiner Seele angeeignet - es war der erstaunlichste und der schrecklichste Kuss meines Lebens gewesen. Instinktiv spürte ich, dass ich mehr wollte. Und wie jedes Opfer eines Grays wollte auch er mehr.

Man konnte sagen, wir hatten eine komplizierte Beziehung.

„Tja, da bin ich froh“, sagte ich. „Dann weiß ich ja, warum ich dich in letzter Zeit nicht zu Gesicht bekommen habe. Wenn du mich nicht benötigst, damit du geistig völlig gesund bist, kannst du dich jetzt auf die Mission konzentrieren. Je schneller sie erledigt ist, desto eher kannst du dich um dein eigentliches Problem kümmern. Oder nicht?“

„Du glaubst, das ist der einzige Grund dafür, wieso ich nicht bei dir war? Meinst du, es wäre leicht für mich, so dicht neben dir zu stehen?“ Er rückte gefährlich dicht an mich heran. „Denk dran, es bist nicht nur du, die leidet.“

Mein Hunger wurde unerträglich.

Oh ja, daran dachte ich.

Er fasste mich am Handgelenk, und ich war wie elektrisiert. Ich schaute ihn an. „Du solltest mich nicht berühren, falls nicht unbedingt nötig.“

„Hab ich nicht vergessen.“

Das Geschehen im Club um uns herum war wie ausgeblendet. Es existierten nur noch er und ich.

Bishop war mir viel zu nah und roch viel zu gut.

„Mir ist kein Missgeschick mehr passiert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, stellte ich mit angestrengter Stimme klar. „Ich habe mich unter Kontrolle. Bis wir Stephen gefunden haben, halte ich durch.“

„Ich weiß, dass du dich hervorragend benommen hast.“

Verwirrt blickte ich ihn an. Plötzlich dämmerte es mir. „Moment. Willst du damit etwa sagen, dass du mich beobachtet hast?“

„Nicht immer ich. Und nicht die ganze Zeit.“

Ich starrte ihn ungläubig an. Bei dem Gedanken, überwacht zu werden, fühlte ich mich wie eine Kriminelle. „Du traust mir nicht.“

Er runzelte wieder die Stirn. „Hier geht es nicht um Vertrauen.“

„Natürlich tut es das!“

„Falls Stephen versucht, mit dir Kontakt aufzunehmen, wenn du allein bist, muss ich das wissen.“

Ich schluckte. „Ich habe Angst, dass du - oder einer der anderen - ihn zuerst aufspürst und ihm deinen Dolch in die Brust jagst, ohne dass du probierst, Antworten zu erhalten. Ein Gray weniger, das ist die Hauptsache. Aber das darf nicht geschehen. Ich brauche ihn lebend, also haltet euch bitte zurück!“

Als Bishop mich jetzt anschaute, umspielte erneut dieses sexy Lächeln seine Lippen. „Ja, du bist definitiv streitlustig heute Abend.“

Ich stieß ein leises, verächtliches Schnauben aus, gab mich jedoch weiter unnahbar. „Ich möchte meine Seele zurückhaben. So kann ich nicht leben.“

„Ist mir bewusst.“

Ein neuer Song begann, noch lauter als der davor, falls das überhaupt möglich war. Der Boden bebte unter der Masse der Tanzenden. Eine Kellnerin mit einem Tablett voll frittierter Vorspeisen drängte sich an uns vorbei.

„Bist du allein hier?“, fragte ich ihn.

Er schaute rüber zu der anderen Ecke des dunklen, lärmenden Clubs. „Nein. Ich habe mir Unterstützung für die Suche mitgenommen. Die anderen sind nur auf ihrer regulären Patrouille.“

Ich wollte wissen, wer dabei war, und zuckte zusammen. Ein großer Blonder. Ich kannte ihn.

Kraven arbeitete gemeinsam mit Bishop daran, um die Stadt von Wesen wie mir zu befreien. Auf den ersten Blick konnte man vermuten, dass auch Kraven ein Engel war.

War er allerdings nicht.

Gelegentlich taten sich Himmel und Hölle zusammen, immer dann, wenn das Verhältnis zwischen Hell und Dunkel, Gut und Böse aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte.

Wenn seelenfressende Monster unterwegs waren, zum Beispiel.

Und Kraven repräsentierte die dunkle Seite der Waagschale.

Er stand mit einem Mädchen in der Ecke, das er anbaggerte. Und zwar heftig. Er hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt, was aussah, als würde er sie festhalten, aber offensichtlich wollte das Mädchen gar nicht von ihm weg. Sie grinste Kraven an, als wäre sie verliebt in ihn. Vielleicht war sie es.

Ich musterte ihn argwöhnisch und überlegte, was er mit diesem unschuldigen - oder nicht ganz so unschuldigen - Mädchen vorhatte. Da schaute er mich über die Schulter hinweg an. Er lächelte cool.

„Ja, er scheint eine echte Hilfe zu sein“, stellte ich abschätzig fest. „Falls du auf der Suche nach Tussis bist.“

„Ablenkungen kommen vor.“

Ich nagte an meiner Unterlippe und sah ihn an. „Ich bin überrascht, dass du dir aus dem ganzen Team ausgerechnet deinen Dämonenbruder als Abendbegleitung ausgesucht hast.“

Bishops Miene war sofort wie versteinert.

Als er mein Handgelenk losließ, schnappte ich ihn am Shirt, bevor er mir davonlaufen konnte.

„Werdet ihr mir jemals mehr über euch erzählen?“ Ich konnte mir nicht erklären, wieso ein Bruder ein Engel und der andere ein Dämon hatte werden können. Die spärlichen Informationen, die ich hatte, halfen mir dabei nicht weiter.

„Da gibt es nichts zu erzählen.“

„Ja klar. Du könntest mir zum Beispiel verraten, wie dein menschlicher Name lautete. Eins ist jedenfalls sicher - ganz bestimmt nicht Bishop!“

„Okay.“ Er musterte mich. „Ich hieß Barbara.“

„Sehr originell.“

„Du siehst immer noch aus, als ob du mir in den Bauch boxen willst.“

„Ich kann mich mit Mühe und Not beherrschen.“

Nun lächelte er wieder. Sein Blick wanderte auf die andere Seite des Clubs - und da war sie erneut, die grimmige Miene. „Ich muss mit Roth sprechen. Warte hier.“

Noch ein Teammitglied. Noch ein Dämon. Gegen Kraven wirkte Roth allerdings wie ein friedlicher Teddybär.

„Ich dachte, ich soll nach Hause verschwinden?“, fragte ich.

„Ich bringe dich nach Hause, sobald wir hier fertig sind. Gib mir fünf Minuten. Stephen ist gefährlich, und ich möchte nicht, dass er dich alleine antrifft.“

„Ich komm schon klar mit ihm.“

Bishop erwiderte meinen herausfordernden Blick. „Fünf Minuten.“

„Na gut.“

Ich verfolgte, wie er hinüber zu Roth lief, ebenfalls ein großer und gut aussehender Typ. Er lehnte, einen hasserfüllten Ausdruck in den Augen, an der langen Bar, an der man nur alkoholfreie Getränke und Kleinigkeiten zu essen bestellen konnte. Die tanzende Menge versperrte mir den Blick auf die beiden.

Auch nachdem Bishop weg war, nahm mein Hunger nicht ab. Ich hatte wirklich gedacht, ich hätte ich mich besser im Griff.

„Hey, Samantha.“

Verdammt. Neben mir stand Colin Richards. Und zwar so dicht, dass er in den Bereich eindrang, den ich als meinen „Orbit des Hungers“ bezeichnete. Knapp einen halben Meter entfernt. In der Gefahrenzone.

„Colin“, stieß ich fast quietschend aus. „Hey.“

Ich war ganz und gar nicht an Colin interessiert, doch leider beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit. Er hatte mir meine Zurückweisung übel genommen, vor allem, da man mein Verhalten alles andere als uninteressiert deuten konnte, wenn er sich im Orbit befand und ich mein Hungergefühl nicht kontrollieren konnte. Die meisten Menschen hielten von sich aus einen gewissen Abstand - Colin gehörte leider nicht dazu.

Er musterte meinen kurzen schwarzen Rock und das silberne Tanktop, das ich trug, um mit Kelly und Sabrina und den anderen hier mithalten zu können.

„Ich habe dich letzte Woche kaum gesehen“, meinte er. „Machst du absichtlich einen großen Bogen um mich, oder behandelst du alle so beschissen?“

Ich erschrak über seine harschen Worte, aber dann bemerkte ich den Alkohol in seinem Atem. So viel zum Thema alkoholfreier Club. Manche Leute brachten sich auch ihr eigenes Zeug mit und schmuggelten es rein. Colin war bekannt dafür, dass er gerne einen zu viel trank und sich damit oft Ärger einhandelte. Als er im Sommer mit Carly zusammen war, hatte er im Wodkarausch mehrfach schlechte Entscheidungen getroffen. Unter anderem die, Carly auf einer Poolparty zu betrügen.

„Schön“, erwiderte ich trocken. „Vielleicht bist du nicht mehr ganz so ein Arsch, wenn du wieder nüchtern bist.“

Er lachte humorlos und kippte dann in einem Zug das, was in seinem Plastikbecher war, runter. Wieder musterte er mich von oben bis unten, als fiele es ihm schwer, mir ins Gesicht zu schauen. Meine Wangen wurden heiß unter seinem aufdringlichen Blick.

„Wer war der Typ, mit dem du dich gerade unterhalten hast?“

Ich blinzelte. „Geht dich nichts an.“

„Dein Freund?“

„Wie gesagt: Geht dich nichts an.“

Heute Abend war er wirklich auf Konfrontationskurs, und das stimmte mich traurig. Denn eigentlich war Colin ein echt netter Kerl, trotz aller katastrophalen Fehler, die er in letzter Zeit gemacht hatte. Und ich wusste, dass ich ihn in der vergangenen Woche sehr verletzt hatte, also würde ich ihm unser heutiges Gespräch später nicht vorwerfen.

Dreh dich einfach um, sagte ich still zu mir. Doch meine Füße weigerten sich, mir zu gehorchen. Ich kämpfte gegen den immer stärker werdenden Hunger mit aller Macht an. Und je mehr ich kämpfte, desto kälter wurde mir. Ich bekam plötzlich eine Gänsehaut und begann zu zittern, obwohl es im Club mindestens sechsundzwanzig Grad waren. Dieses Kälteempfinden war eine der Nebenwirkungen des Lebens ohne Seele.

Colin beugte sich dicht zu mir - was alles noch verschlimmerte. Ich roch den Wodka in seinem Atem nicht mehr. Ich roch nur noch etwas Warmes, Verlockendes, Essbares. Nicht ganz so lecker wie Bishop, aber doch angenehmer als jeder andere in diesem Club.

„Hast du was von Carly gehört?“, fragte er.

Das riss mich aus meiner Trance, als hätte mir jemand ein Glas kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet.

Wie fast alle glaubte auch Colin, Carly wäre mit einem geheimnisvollen Freund durchgebrannt und hätte sich in ein romantisches, aber sinnloses Abenteuer gestürzt.

„Nein“, antwortete ich leise. Meine Augen brannten.

Verächtlich schnaubte er. Unangenehm. „Was ist denn mit dir los? Fängst an zu flennen, weil Carly mit einem Typen abgehauen ist. Kommst dir wohl im Stich gelassen vor von deiner besten Freundin? Arme Sam. Buhu.“

Ich schaute ihn vorsichtig an. „Ich weiß, ich habe dich verletzt …“

„Du? Mich verletzt? Ich bitte dich. Darüber bin ich schon lange weg.“

„Ja, ist klar.“ Ich musterte ihn und hatte keine Ahnung, was ich von der Sache zu halten hatte. „Pass auf, Colin. Es tut mir leid. Wirklich. Doch es ist besser so. Du musst nicht bei mir sein. Ehrlich gesagt, fände ich sogar es besser, wenn du verschwindest, bevor mein Freund zurückkommt.“

„Er ist wohl eifersüchtig.“

Ich hatte genug von dieser Unterhaltung. Er musste sich sofort von mir entfernen. „Lass mich in Ruhe Colin. Ich mag dich nicht. Ich kann dich nicht ausstehen! Krieg das endlich in den Kopf!“

Dann zwang ich mich, wieder ganz cool auf die Tanzfläche zu starren.

„Du bist eine Lügnerin.“ Seine Worte klangen verwaschen, und sein Schmerz ließ mich zusammenzucken. „Alles, was deinen Mund verlässt, ist eine verdammte Lüge. Du mochtest mich. Das weiß ich. Ich habe es in deinen Augen gesehen. Und du glaubst, du kannst dich einfach so aus dem Staub machen? Meinst du, ich würde dich gehen lassen?“

Mich gehen lassen? „Ich denke, du solltest jetzt besser …“

Doch bevor ich den Satz beenden konnte, packte Colin mich und presste seine Lippen auf meinen Mund.

2. KAPITEL

Nein!

Ich versuchte, mich von ihm loszumachen, und schubste ihn weg, so fest ich konnte.

Aber es war zu spät. Der Hunger, der mich die ganze Zeit, seit ich im Crave war, gequält und der sich zu einem nicht mehr zu ignorierenden Verlangen ausgewachsen hatte, während Bishop neben mir stand, dieser Hunger, der geduldig gewartet hatte, bis Colin mir alles mitgeteilt hatte, was in seinem Kopf vorging …

Er war nicht mehr zu kontrollieren.

Die hämmernde Musik erstarb. Die funkelnden Lichter verblassten. Der Club schien sich um mich herum aufzulösen. Mein Verstand war ausgeschaltet. Und mein Hunger übernahm.

Das war kein normaler Kuss mit einem betrunkenen Jungen, der mich mochte und sauer war, dass seine Gefühle auf keine Gegenliebe stießen. Nein, bei diesem Kuss ging es nur um eins: den Hunger zu stillen. Ich hatte keine Seele mehr und versuchte daher permanent, die Seele einer anderen Person zu verschlingen.

Genau davor hatte ich mich am meisten gefürchtet. Ich wollte niemandem wehtun. Doch genau das tat ich gerade.

Mich von Colin zu nähren, kam mir trotzdem so natürlich vor. In diesem hirnlosen Zustand war es einfach das Natürlichste auf der Welt - nicht gut, nicht schlecht. Und mit jedem Stückchen Seele, das ich in mich hineinsaugte, spürte ich, wie sich eine herrliche Wärme in meinem Innern ausbreitete, die die schreckliche, endlose Kälte davonjagte. Meine Gedanken, ich könnte Colin verletzten, verschwanden. Ich würde so lange seine Seele verschlingen, bis ich satt war. Und da ich eigentlich noch kaum etwas zu mir genommen hatte, würde das sehr lange dauern.

Doch da fasste mich plötzlich jemand am Oberarm und riss mich von Colin weg. Colin taumelte nach hinten und kippte in eine Nische. Dünne schwarze Linien hatten sich um seinen Mund gebildet, und seine Haut war grauenhaft weiß. Seine Augen waren glasig, und seine Brust hob und senkte sich rasend, als würde er nach Luft schnappen.

Ich habe nicht alles genommen. Nur ein kleines Stückchen …

Der Griff um meinen Arm verstärkte sich, und sowie ich mich umwand, entdeckte ich Kraven, der kopfschüttelnd vor mir stand.

„Jetzt mal im Ernst“, meinte er. „Dich kann man echt keine Sekunde allein lassen, oder?“

„Lass mich los!“ Momentan folgte ich nur einem animalischen Trieb. Und der sagte mir, dass ich noch Hunger hatte. Ich starrte Colin an. „Ich brauche mehr.“

„Du brauchst mehr?“ Kraven umfasste mein Kinn und drehte mein Gesicht zu ihm. „Dann versuch das mal!“

Er zog die Hand von meinem Arm und küsste mich gierig. Automatisch versuchte ich, von seiner Seele zu trinken, aber da war nichts. Normale Dämonen wie Kraven besaßen keine Seele. Das war der Beweis. Da es keine Seele gab, war das bloß ein ganz normaler Kuss.

Und trotzdem sättigte er mich irgendwie. Auch ohne Seelenfutter schien mein Hunger immer weniger zu werden.

Da endete der Kuss. Sehr abrupt.

„Was zum Teufel tust du da mit ihr?“, hörte ich Bishops verärgerte Stimme. Er packte Kraven und schleuderte den Dämon an die Wand.

Bishops Augen funkelten hellblau. Das passierte manchmal. Er hatte mir erklärt, dass himmlische Energie in ihm aufstieg, sobald er sich aufregte. An der intensiven Färbung seiner Augen gemessen, musste er sich gerade sehr aufregen.

Langsam wurde ich wieder klar im Kopf, wenn auch nicht ganz so schnell, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich taumelte nach hinten und landete in der Nische gegenüber von Colin, der sich langsam wieder erholte. Ein schneller Blick versicherte mir, dass niemand im Club sich für uns interessierte.

Kein schlechter Trick von den Engeln und Dämonen. Sie konnten sich vor den Augen anderer verbergen, falls Probleme auftraten.

Kraven stieß Bishop weg. „Tut mir leid, aber deine kleine Freundin brauchte Hilfe.“

„So sieht deine Form von Hilfe aus?“

„Es hat funktioniert, oder nicht?“

Ich schaute zu Colin. Ich war jetzt wieder Herr meiner Sinne und hatte alles unter Kontrolle. Schuldgefühle und Ekel prasselten auf mich nieder. Was hatte ich getan? Die schwarzen Linien um Colins Mund waren verschwunden, doch seine Augen waren immer noch glasig. Jedes Gray-Opfer schien eine kurze Trancephase durchzumachen, wenn sich jemand an seiner Seele gelabt hatte. Da ich auch die Opferseite kannte, wusste ich, dass es sich wesentlich besser anfühlte, als es aussah. Aufregend, erregend, wunderbar - so, wie sich ein guter Kuss nun mal anfühlt.

Und trotzdem war an diesem Kuss gar nichts gut. Wenn ich nämlich Colins komplette Seele in mich aufgesogen hätte, hätte ich ihn töten können. Oder er hätte sich, falls er überlebt hätte, selbst in einen Gray verwandelt. Eine weitere gefährliche Kreatur, die anderen Schmerzen zufügen konnte.

Beide Vorstellungen jagten mir Angst ein.

Ich sah Bishop an. „Colin hat mich geküsst. Ich … Es tut mir leid. Ich konnte nicht widerstehen.“

Colin schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. Er schaute mich an, während die beiden anderen Jungs den Blick auf ihn gerichtet hatten.

„Was …“, begann er.

„Wie geht es dir?“, fiel ihm Bishop ins Wort.

Colin fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ganz okay, glaube ich. Was ist denn passiert?“

Bishop fasste ihn am Hemd und schob ihn unsanft aus der Nische. „Küss sie nie wieder. Hast du mich verstanden? Nie wieder!“

Colin starrte ihn ungläubig an. „Wer bist du denn?“

„Das willst du lieber nicht wissen. Und jetzt verschwinde.“

Bishop ließ ihn los, und Colin taumelte zurück. Er sah mich an, als erwartete er, dass ich ihn verteidige. Stattdessen betrachtete ich verlegen meine Hände.

„Entschuldigung“, stammelte er. „Ich … Ich meine, ich habe keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe.“

Ohne weitere Worte stahl er sich davon und wurde von der Menge der Clubbesucher verschluckt.

„Deine Freundin küsst super“, stellte Kraven nüchtern fest. „Ihre Zunge ist echt … Wow. Sie nimmt sich nicht zurück. Du verpasst echt was mit deiner lästigen Seele.“

Bishop wandte sich mit funkelnden Augen dem Dämon zu. „Halt dich fern von Samantha, oder ich bringe dich um.“

„Ist das der Dank für meine Heldentat? Sie wollte den armen Kerl hier mitten im Club leer saufen! Wieso bist du überhaupt sauer auf mich? Ich finde, eigentlich sollte sie sich deinen Zorn zuziehen! Oder kann das Gray-Mädchen in deinen Augen nichts falsch machen? Selbst wenn sie jemand Fremdem ihre Zunge in den Hals steckt?“

Bishops Wut hatte sich nicht gelegt. „Ich habe fast die Vermutung, du möchtest getötet werden. Ist das dein Ziel?“

Kraven lächelte ihm humorlos zu. „Keine Ahnung. Wie oft kann ein Bruder den anderen töten? Willst du es vielleicht ins Guinnessbuch der Rekorde schaffen?“

„Wart’s ab.“

Kraven provozierte gern, aber ich war gerade nicht in Stimmung dafür. Und durch seine Anspielungen in Bishops Richtung wurde es auch nicht besser.

„Warum musst du immer so sein?“, fragte ich.

Er warf mir einen kurzen Blick zu. „Bitte. Solltest du dich nicht lieber bei mir bedanken, dass ich dir gerade deinen niedlichen Hintern gerettet habe? Stattdessen giftest du mich an. Auch wenn es keiner von euch zugeben will: Mein Kuss hat gewirkt. Er hat dich aus deinem Monsterwahn zurückgeholt.“

Bishop schien über diese Möglichkeit nachzudenken. Dann sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete: „Wir gehen.“

Kraven salutierte. „Jawohl, Sir.“

Ich war heute Abend hierhergekommen, um Antworten zu erhalten. Ich war tatsächlich überzeugt gewesen, dass ich mich und meine Hungergelüste im Griff hatte.

Aber nun hatte ich Colin wehgetan, und hätte Kraven mich nicht aufgehalten, hätte ich ihn sogar umgebracht.

„Es tut mir leid“, flüsterte ich Bishop zu, als ich mich aus der Nische schob.

Bishop sah mich nicht an. „Wie viel von seiner Seele hast du genommen?“

Mir war bewusst, dass er auf meine Entschuldigung nicht weiter einging. Ich konnte es ihm nicht verdenken.

Laut seufzte ich. „Nicht viel.“

„Sei vorsichtig. Er wird sich instinktiv noch einmal an dich heranmachen, damit du die Sache zu Ende bringen kannst.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Kraven.

„Glaub mir, das tue ich einfach.“

Ich wollte nur noch nach Hause. Heute Abend hatte ich schon genug Schaden angerichtet. Stephen war nicht hier, also gab es keinen Grund für mich, noch eine Minute länger zu bleiben. Ich wollte am liebsten wegrennen und mich vor der Welt verstecken, während ich versuchte, mich zu beruhigen und nicht zu zeigen, wie bestürzt ich war. Rasch verabschiedete ich mich von Sabrina und Kelly, die glücklicherweise nichts von all dem mitgekriegt hatten, weil sie tanzen waren.

Am Eingang holte Roth uns ein. Dort hing ein Plakat, das zur Halloweenparty des Clubs am Mittwoch einlud. Wir traten ins Freie, und die kühle Oktoberluft ließ mich sofort frösteln. Sterne funkelten am klaren Himmel und der Mond erhellte die Nacht, zusammen mit den Laternen auf dem Parkplatz. Ich zog meine dünne Jacke enger um die Schulter, um mich vor der Kälte zu schützen.

Roth musterte uns drei, während wir über den Gehweg trotteten. „Habe ich irgendwas verpasst?“

Bishops Muskeln verkrampften sich. „Nein.“

„Ich und das Gray-Mädchen haben gerade geknutscht“, verkündete Kraven.

Roth schnitt eine Grimasse „Wie eklig. Wie kann man nur jemanden wie die küssen?“

„Zu Forschungszwecken.“

Etwas anderes hatte ich von Roth nicht erwartet. Mir war klar, dass er mich verachtete. Heute Abend war nur der Beweis dafür, dass es schlimmer war, als ich befürchtet hatte.

Ich schaute mich um, in der Hoffnung, etwas könnte mich ablenken von den Geschehnissen mit Colin und Kraven.

„Ich begleite dich nach Hause“, bot Bishop an.

Ich holte tief Luft und stieß sie hörbar wieder aus. „Damit ich nicht noch mehr Ärger verursache?“

„Zum Beispiel.“

In diesem Moment entdeckte ich etwas am Himmel, das meine Aufmerksamkeit fesselte. Mir wich alle Farbe aus dem Gesicht. „Ich kann nicht nach Hause. Noch nicht.“

„Wieso nicht?“

Obwohl ich wusste, dass keiner es sehen konnte, deutete ich nach oben, in den Himmel, wo soeben in der Ferne die bekannte Lichtsäule aufgetaucht war. „Mir scheint, ihr bekommt einen neuen Rekruten.“

3. KAPITEL

„Ich verstehe nicht, wieso eine Gray das kann“, meinte Roth brummend, während er hinter uns herlief. „Wieso sieht sie die Lichtsäule und wir nicht?“

Weder er noch Kraven kannten die volle Wahrheit. Nur Bishop war im Bilde, und er hatte mich beschworen, bloß niemandem etwas zu verraten.

Ich war nicht bloß eine Gray.

Bishop sprach immer vom Gleichgewicht des Universums und wie wichtig es war. Nun, ich war so ausgeglichen, wie man nur sein konnte. Dank meiner leiblichen Eltern - die ich nie kennengelernt hatte - trug ich gleich viele böse und gute Anteile in mir. Bis vor einer Woche hatte ich nicht einmal gewusst, dass ich adoptiert worden war.

Mein leiblicher Vater war ein Dämon namens Nathan und Anna, meine Mutter, ein Engel.

Anna wurde kurz nach meiner Geburt getötet, und Nathan war ihr ins Schwarz gefolgt, ihrer letzten Ruhestätte. Derselbe Ort, in den Carly gesaugt worden war.

Die Beziehung meiner Eltern war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, doch immerhin war meine Wenigkeit ihr Ergebnis. Ich war ein Wesen, das man als „Nexus“ bezeichnete - das Bindeglied. Und die Tatsache, dass ich meine Seele verloren hatte, bedeutete angeblich, dass ich die Kräfte von Himmel und Hölle bündeln konnte.

Deswegen konnte ich bestimmte Dinge wahrnehmen und hören. Ich war etwas Besonderes. Ich war wertvoll. Nach meiner Aktion mit Colin war dies der einzige Trost für mich. Es hielt mich davon ab, komplett durchzudrehen.

„Wieso schicken sie denn noch jemanden?“, fragte Kraven und ignorierte den anderen Dämon geflissentlich. Er klang alles andere als glücklich.

„Keine Ahnung“, erwiderte Bishop. Er ging so dicht neben mir her, dass ich mich kaum konzentrieren konnte. Der Hunger hatte mich wieder fest im Griff, und der Geruch seiner Seele, sein Geruch, machte mich verrückt. „Bist du sicher, dass es eins von unseren Lichtern ist, Samantha? Nicht nur ein ganz normales?“

„Positiv.“ Das Licht, das ich am Himmel sah, ließ mit jedem Schritt meine Hoffnung wieder wachsen. Ich lief darauf zu wie jemand, der sich sicher ist, am Ende eines Regenbogens einen Goldschatz zu finden.

Ein sechstes Teammitglied erhöhte unsere Chancen, Stephen aufzuspüren. Mir war ganz egal, ob es ein Engel oder ein Dämon sein würde.

Doch als wir bei der Lichtsäule ankamen, erwartete uns etwas Außergewöhnliches.

„Also?“, meinte Bishop, nachdem ich angehalten hatte. „Wo ist er?“

„Es ist kein Er.“ Zitternd zeigte ich in die Richtung des Mädchens, das vor uns stand. Als ich sie ansah, verschwand das Licht sofort. Es blieb immer nur so lange da, bis ich den Neuankömmling gefunden hatte.

Sie war jung, etwa mein Alter. Vielleicht siebzehn. Sie hatte langes, hellblondes Haar, trug zerrissene Jeans und einen schwarzen Pullover. Sie ging mit vor der Brust verschränkten Armen auf dem Bürgersteig neben der stark befahrenen Straße auf und ab. Es schien, dass sie sich warm halten wollte.

Ich hatte es echt als sexistisch empfunden, dass Himmel und Hölle bisher nur Jungs geschickt hatten, um Trinity zu retten. Offensichtlich hatten die Verantwortlichen nun ihre Meinung geändert.

„Das ist doch lächerlich“, stieß Roth hervor. „Mädchen sind nutzlos.“

Schon seine Stimme regte mich auf. Ich verschwendete meinen kostbaren Atem aber trotzdem nicht damit, den Dämon in eine Diskussion zu verwickeln, sondern warf ihm nur einen wütenden Blick zu.

„Ist doch so“, fügte er hinzu.

„Wie du meinst. Offensichtlich weißt du ja immer alles.“

„Endlich hast du es begriffen.“ Er lachte unfreundlich. „Beeilung. Ich würde heute Abend lieber noch ein paar Dinger wie dich umbringen, anstatt dauernd Bishop hinterherzurennen. Außer, wir nehmen uns heute dich vor.“

„Halt endlich den Mund, Roth“, erwiderte Bishop knurrend. Er hatte sich zwischen mich und den Dämon gestellt, während Kraven die Szene amüsiert beobachtete.

Roths Worte jagten mir Angst ein. Das war eine direkte Drohung. Würde es wirklich so passieren? „Wovon redest du?“

Roth sah mich an, als wäre ich bescheuert. „Du bist eine Gray. Solange noch so was wie du hier rumläuft, bleibt die Barriere da, die uns und euch in der Stadt gefangen hält. Erst wenn ihr Grays alle tot seid, verschwindet der Schutzschild, und wir können dahin zurückkehren, wo wir hingehören. Meinst du etwa, wir lassen dich ungeschoren davonkommen, nur weil du diese besondere Gabe besitzt?“

„Roth.“ In Bishops Stimme schwang eine Warnung mit.

Verächtlich schnaubte Roth. „Wir werden sie töten, es ist nur eine Frage der Zeit. Das hast du selbst gesagt.“

Ich konnte es nicht fassen. „Was hast du gesagt?“

Bishop sah mich an. „Ich habe das nicht gesagt.“

„Dann hat er dich also missverstanden? Erklär mir bitte mal, wie man so etwas missverstehen kann?“

Kraven lachte. Es klang unangenehm und ging mir unter die Haut. „Bishop ist nicht unumwunden damit herausgeplatzt, dass wir die Erlaubnis haben, dich umzubringen. Aber er hat gemeint, wenn du strauchelst und anfängst, Seelen zu verschlingen, wirst du zu einem Problem, um das wir uns kümmern müssen. Hört es sich so besser an?“

„Ist das wahr?“ Ich schaute Bishop fragend an.

Seine Miene verriet nichts. „Darüber reden wir später.“

„Nein, darüber reden wir jetzt.“

„Später“, bekräftigte er noch einmal. „Geh nach Hause, Samantha. Wir kriegen das mit dem Mädchen auch allein hin.“

Ich starrte ihn an und versuchte, in seiner Miene etwas zu lesen. Plötzlich wollte ich wegrennen - weit weg von hier, weit weg von diesen dreien … Sogar weg von Bishop, in dessen Anwesenheit ich mich eigentlich sicher fühlte. Bisher jedenfalls.

Doch ich blieb. Ich weigerte mich, mich einfach so davonscheuchen zu lassen. Ich durfte mich meiner Furcht nicht geschlagen geben. „Ich verschwinde nicht. Ich kann euch heute Nacht noch behilflich sein.“

Bishop warf mir einen missbilligenden Blick zu. „Gut. Dann bleib hier. Ganz wie du willst.“

Ich wollte ihnen beweisen, dass das, was im Club geschehen war, nicht meinem wahren Ich entsprach. Es war ein Versehen gewesen und bedeutete noch lange nicht, dass ich die Kontrolle verlor. Sobald ich erst meine Seele zurückhatte, würde ich auch diesen Hunger nicht mehr verspüren. Dann wäre mir auch nicht mehr dauernd so kalt. Ich wäre wieder so normal wie früher.

„Fühlst du eine Verbundenheit mit dem blonden Mädel?“, erkundigte sich Kraven feixend. „Wie süß. Vielleicht könnt ihr beste Freundinnen werden. Ich weiß, dass du eine neue suchst, seit die andere verschluckt wurde.“

Keine Ahnung, wieso ich so überrascht darüber war, wie jemand absichtlich so grausam sein konnte. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als das Spiel mitzuspielen. Sarkasmus ließ sich nun mal am besten mit Sarkasmus beantworten.

„Oder vielleicht beißt du mich.“

Kravens Grinsen wurde breiter. „War das eine Einladung?“

„Nicht für heute Abend … James.“

Sein Grinsen verschwand.

Ich kannte seinen Namen, als er noch ein Mensch gewesen war. Er hatte ihn mir in einem Moment der Schwäche verraten, und mir war klar, dass es ihn aufregte, wenn ich ihn so nannte.

„Das Gray-Mädchen wird vorlaut“, murmelte Kraven. „Das könnte dir eines Tages eine Menge Trouble einbringen.“

„Da hast du recht“, stimmte Bishop ihm zu. „So wird es kommen.“

Er war sauer, dass ich nicht den Schwanz eingezogen hatte und wie ein braves kleines Monster nach Hause gegangen war. Aber ich wollte das Ritual sehen. Und ich blieb wegen des neuen Mädels, egal, was passierte.

Ich wusste, was jetzt passierte. Sie wusste es nicht. Im Moment hatte sie keinerlei Erinnerung daran, wieso sie hier war. Die unsichtbare Barriere, die sich über Trinity erstreckte und die von den vereinten Mächten von Himmel und Hölle errichtet worden war, diente dazu, übernatürliche Wesen in der Stadt gefangen zu halten. Aber sie hielt auch übernatürliche Wesen fern. Um sie zu durchbrechen und Trinity zu betreten, wurden Engel wie Dämonen mit einem speziellen Schutzzauber belegt, der dazu führte, dass die Person bei ihrer Ankunft keine Erinnerungen mehr hatte. Und die einzige Möglichkeit, einen Engel oder Dämonen aufzuspüren, war die Lichtsäule - die nur ich wahrnehmen konnte.

Das Ritual sorgte dafür, dass die Wesen ihr engelhaftes beziehungsweise dämonisches Selbst zurückerlangten. Wurde diese Prozedur nicht durchgeführt, würde jeder Neuankömmling hilflos in der Stadt herumwandern, ohne zu wissen, wer er war.

Im Prinzip musste ich dieses Ritual nicht noch einmal miterleben, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz, die junge Frau diesen drei Typen zu überlassen.
Sie brauchte meine moralische Unterstützung.

Ihre Schritt beschleunigten sich. Sie spürte, dass sie verfolgt wurde. Doch sie flüchtete sich in der spärlich bewohnten Gegend in eine Sackgasse. Panisch drehte sie sich zu uns um und hielt abwehrend die Hände vor sich.

„Ich will keinen Ärger“, sagte sie ängstlich.

„Sehen wir aus, als wollten wir Ärger machen?“, fragte Kraven und blickte an sich herunter. „Ganz ehrlich, jetzt bin ich ein bisschen beleidigt.“

„Bringen wir’s hinter uns“, schlug Roth vor.

„Geduld“, wandte sich Bishop an ihn.

Das Mädchen schaute mich an, und ich bemerkte, dass sie bei meinem Anblick Erleichterung fühlte. Vermutlich, weil ich so harmlos wirke - eben wie ein Teenager, der sich für den Samstagabend schick gemacht hat. Nichts, wovor man sich fürchten müsste.

Jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

„Wer bist du?“, fragte das Mädchen.

„Eine Freundin“, erwiderte ich und versuchte, souverän zu klingen. „Ich heiße Samantha.“

Sie schluckte. „Wieso rennt ihr hinter mir her?“

„Weil wir dir helfen wollen. Uns ist bewusst, dass du Schwierigkeiten hast. Dass du keine Ahnung hast, wer du bist.“

Sie riss die blauen Augen auf. „Wie könnt ihr das wissen?“

„Zauberei“, behauptete Roth und schenkte ihr ein dünnes, einschüchterndes Lächeln.

Es war immer Bishop, der das Ritual durchführte, aber er neigte nicht zu vorschnellen Handlungen.

„Ich glaube, ich habe mir den Kopf gestoßen.“ Sie rieb sich mit einer Hand die Stirn. „Ich bin vor einiger Zeit aufgewacht und … und war orientierungslos. Vermutlich geht es mir gleich wieder gut, also … Danke, allerdings benötige ich keine Hilfe.“

Trotz der kühlen Luft rann mir der Schweiß über den Rücken, und meine Handflächen wurden feucht. „Dir wird nichts passieren. Das verspreche ich dir.“

„Samantha hat recht. Dir wird nichts passieren.“ Jetzt zog Bishop den goldenen Dolch heraus, den er in einem Futteral zwischen den Schultern unter seinem Shirt bei sich trug.

Voller Angst starrte der Neuankömmling den Dolch an. „Was ist das?“

„Checkt ihren Rücken.“

Kraven fasste mit einer blitzschnellen Bewegung ihre Handgelenke und zerrte ihr den Pullover hoch, worauf sie erschrocken aufschrie.

Ich stürmte nach vorn und boxte ihm auf den Arm. „Spinnst du? Du machst ihr Angst!“

„Entschuldige, Süße. Doch es gibt keine wirklich nette Methode, das hier zu erledigen.“

„Samantha, lass nicht zu, dass sie mir etwas tun. Bitte!“, flehte mich das Mädchen an. Eine Träne lief über ihre Wange, und die junge Frau zitterte, allerdings unternahm sie keinen Versuch, sich aus Kravens Griff zu befreien.

Es brach mir fast das Herz. „Ich muss nur schnell etwas überprüfen, okay? Dann ist alles gleich vorbei. Du musst mir vertrauen. In Ordnung?“

„In Ordnung.“ Ihre Stimme bebte.

Ich holte tief Luft und schob ihr den Pullover ein paar Zentimeter hoch, sodass ich ihre Haut sehen konnte. Sofort erkannte ich das Tattoo, das ich zu finden gehofft hatte. Es bedeckte ihre Hüften und verschwand unter dem Bund ihrer Jeans.

„Hat sie es?“, erkundigte sich Bishop.

Eine Welle der Erleichterung durchströmte mich. „Sie hat ein Mal. Ganz eindeutig ist sie die Richtige.“

Verwirrt schaute sie mich an. „Ein Mal? Was soll das sein?“

Ich nickte und zog den Pullover wieder herunter. „Etwas, das dafür sorgt, dass gleich alles wieder gut ist.“ Ich sah ihr in die Augen, und sie schien die Angst zu spüren, die ich ihretwegen empfand. Denn sofort kehrte ihre Panik zurück.

Sie atmete heftig. „Was meinst du damit? Was habt ihr mit mir vor?“

„Mach schon, Bishop“, forderte ich ihn auf. Mir wurde übel. „Schnell.“

Ich dachte, er würde kurz innehalten und nur widerwillig zu Werke gehen. Manchmal hielt ich ihn für einen sanften Engel, der gegen seine geistige Verwirrtheit kämpfte und hin und wieder Hilfe brauchte.

Aber er war nicht sanft. Und ganz sicher brauchte er keine Hilfe. Er war ein Krieger, der ohne Zögern agieren konnte.

Rasch schob er mich aus dem Weg und schaute dem Mädchen in die Augen. Plötzlich strahlte er eine Kälte aus, die mich ängstigte.

„Sei tapfer“, sagte er, als wäre das ein Befehl. Dann rammte er ihr ohne Umschweife den Dolch in die Brust.

Meine Knie gaben gleichzeitig mit denen des Mädchens nach.

Es ist das Ritual, ermahnte ich mich. Sie ist kein Mensch. Sie wird nicht ermordet.

Das war die einzige Methode, wie ein Engel oder ein Dämon seine Erinnerungen wiedererlangen konnte, nachdem er die Barriere durchschritten hatte und nach Trinity gekommen war: der vorübergehende Tod - vorausgesetzt, dieser Tod ereilte das Wesen in Form von Bishops goldenem Dolch. Der Dolch übte einen speziellen Zauber aus, der die schützende Hülle, die den Neuankömmling umgab, entfernte und ihm sein altes Selbst zurückschenkte.

Doch sollte der Engel oder Dämon noch einmal mit der goldenen Waffen in Berührung kommen, würde er sterben.

Ich betrachtete das blonde Mädchen, das jetzt auf der Erde lag, den Dolch in der Brust.

„Das war großartig“, stieß Roth keuchend aus.

„Du bist so krank“, erwiderte ich nur.

„Was willst du überhaupt?“ Der Dämon beugte sich vor und zog die Klinge aus der Brust des Mädchens, weil Bishop keinerlei Anstalten dazu machte.

Ich war immer noch ganz mitgenommen. Jetzt hatte ich diesen Akt schon wieder miterlebt. „Ich muss mit dir reden, Bishop. Unter vier Augen. Jetzt sofort.“

„Oh-oh“, kommentierte Kraven. „Jetzt wird’s für jemanden unangenehm.“

„In Ordnung.“ Bishop wies mit dem Kopf nach links. „Gehen wir da rüber.“

„Benötigt ihr einen Anstandswauwau?“, erkundigte sich Kraven. „Nicht, dass sie auf falsche Gedanken kommt. Wer weiß, vielleicht macht so ein Fake-Mord unser Gray-Mädchen an?“

Bishop funkelte ihn böse an. „Du bleibst hier und passt auf das Mädchen auf.“

„Leck mich doch.“

Offensichtlich verstand Bishop das als „ja, ich bleibe hier und passe auf das Mädchen auf“. Er führte mich die Gasse entlang und um die Ecke. Ich warf rasch noch einen Blick auf das blonde Mädchen, das jetzt wie tot dalag, während zwei Dämonen neben ihm herumstanden und darauf warteten, dass es aufwachte.

„Ich habe dir ja gesagt, du sollst nach Hause gehen“, stellte Bishop noch einmal fest. Er sah mich nicht an. „Wenn es dich also stört, was ich getan habe, bist du allein daran schuld. Ich habe nur meinen Job erledigt, okay? Was übrigens nicht heißt, dass ich Spaß daran habe.“

Mir war bewusst, dass er recht hatte. Es war sein Job - nur war er so bemerkenswert abgeklärt. „Hör zu, ich … Es tut mir leid, was heute Abend im Crave abgelaufen ist. Mir ist klar, dass du deswegen sauer auf mich bist.“

„Du denkst, ich bin sauer?“

„Du solltest es sein.“

„Ach ja?“ Er zog eine Augenbraue hoch. Seine Miene war nun nicht mehr ganz so harsch. „Okay, dann bin ich halt sauer.“

„Ich wusste es.“

„Du hättest trotzdem gehen sollen. Dir missfällt das Ritual. Vor allem, da es sich diesmal um ein Mädchen handelte.“

„Das ist doch lächerlich. Ich hatte mich einfach daran gewöhnt, dass bisher nur Jungs dran waren. Wieso sollte ich das Ritual wegen eines Mädchens anders empfinden? Oder hört sich das jetzt sexistisch an?“

„Sie ist bald wieder ganz hergestellt.“

„Du hast so überhaupt nicht gezögert. Keine Sekunde.“

„Und das irritiert dich?“

„Ein bisschen“, musste ich zugeben. Er schaute mich an. „Gibt es viele weibliche Engel?“

„Ist sie das denn? Ich habe das Tattoo nicht gesehen.“

Ich nickte. Da Engel und Dämonen in der Welt der Menschen nicht mit richtigen Flügeln ausgestattet sein konnten - es handelte sich dabei ohnehin weniger um physische, als um metaphysische Merkmale - hatten sie nur gewisse Male an der Stelle der Flügel. Sie sahen aus wie eine große Tätowierung, die sich über den Rücken und die Seiten ausbreitete. Engelsflügel waren durch feine, federige Linien skizziert, Dämonenflügel durch dicke, dunkle und stark verschlungene. Nur so konnte man die Wesen auf Anhieb unterscheiden.

„Es gibt eine gleich große Anzahl von männlichen und weiblichen Engeln“, erklärte Bishop.

„Gleich, alles ist gleich“, murmelte ich. „Wegen des Gleichgewichts des Universums, vermute ich.“

Er musterte mich. „Du bist durcheinander.“

Ich wandte den Blick nicht von ihm ab. „Hast du Roth wirklich gesagt, dass er mich töten darf, wenn ich die Kontrolle verliere?“

Er ließ sich einen Moment Zeit mit der Antwort. „Nein.“

Allerdings hatte der Dämon so überzeugend geklungen - dass etwas an der Sache dran sein musste. Ich wollte die Wahrheit erfahren. „Was waren denn dann deine Worte, die ihn auf diesen Gedanken gebracht haben?“

Sein Blick wurde eindringlicher. „So etwas wie vorhin, mit diesem Jungen, darf nicht noch einmal geschehen. Es ist zu gefährlich, Samantha.“

Es war so fürchterlich kalt heute Nacht - oder auch nicht. Vielleicht lag es nur an mir und meinem seelenlosen Dasein. Meine Jacke war jedenfalls nicht dick genug, um mich warm zu halten, und meine dünne Strumpfhose auch nicht. Ich fröstelte. „Das ist also der wahre Grund dafür, warum du dich diese Woche von mir ferngehalten hast. Damit ich nicht in Versuchung komme, dich noch mal zu küssen. Damit ich dir nicht noch mal wehtue.“

Er sah mich fest an. „Du hast mir beim ersten Mal nicht wehgetan.“

„Aber vielleicht beim nächsten Mal.“

„Das wissen wir nicht sicher.“ Er wandte den Blick von mir ab, wirkte jetzt traurig. „Ich bin auf Distanz geblieben, weil ich herausfinden wollte, ob diese Anziehungskraft, die du auf mich ausübst, damit zusammenhängt, was du bist. Ob die Seele in mir eine Art Magnet ist, die mich seit unserer ersten Begegnung immer näher zu dir zieht.“

Genau davor hatte ich auch Angst. Dass diese … dieses übermächtige Dingsda, das ich für Bishop empfand, nicht real war. Dass es nur eine weitere Nebenwirkung meines Zustands war, wie das ständige Frieren und der permanente Hunger. Nur weil er eine Seele hatte, nach der ich mich verzehrte. „Und?“

Er runzelte die Stirn. „Es ist nicht eindeutig klar. Ich werde es erst mit Sicherheit wissen, nachdem wir deine Seele zurückgeholt haben.“

Mein Herz hämmerte plötzlich wie wild. „Glaubst du, das ist so einfach? Stephen aufspüren, meine Seele auftreiben, sie wie eine Batterie wieder einsetzen? Zack, Samantha ist wieder normal, und schon fühlst du dich in meiner Nähe nicht mehr so seltsam?“

„Nichts Wichtiges ist jemals einfach.“ Er sah mich bittend an. „Lass mich meine Arbeit tun. Lass mich Stephen finden. Und dann überlegen wir, wie es weitergeht.“

Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar, hielt eine Strähne fest und bemerkte, dass ich zitterte. „Ganz im Ernst? Roth hat recht. Selbst wenn ihr die Stadt von allen anderen Grays befreit habt, bin da immer noch ich. Das bedeutet, die Barriere bleibt bestehen, und ihr könnt nicht weg.“

„Schon gut.“ Bishop rieb sich die Schläfen, sein Stirnrunzeln vertiefte sich. „Alles ist gut. Alles wird gut. Das schwöre ich dir. Mach dir keine Sorgen. Es besteht absolut kein Grund dazu, sich Sorgen zu machen. Absolut keiner.“

In seiner Stimme nahm ich wieder diesen Wahnsinn wahr. Das kannte ich noch gut von vorher. „Alles in Ordnung bei dir?“

„Wieso sollte es mir schlecht gehen? Alles ist doch fantastisch!“ Sein Lachen klang schrill, verrückt.

Es ging ihm ganz und gar nicht gut. Weit davon entfernt. „Du hast gemeint, du wärst auf eine Alternative gestoßen, was du tun kannst, wenn der Wahnsinn zurückkehrt. Wie sieht die aus? Tief ein- und ausatmen? Meditation?“

„So was in der Art.“

„Ein bisschen detaillierter bitte!“

„Nicht wirklich.“

Es machte mich wahnsinnig, dass er immer auswich. „In Wirklichkeit hat sich überhaupt nichts geändert, stimmt’s? Du erzählst mir gar nichts!“

„Ich erzähle dir alles, was du wissen musst. Aber einige Dinge … möchtest du überhaupt nicht wissen.“

Ich zuckte zusammen. „Ich dachte, wir stehen das gemeinsam durch. Als Team. Die anderen kennen mein Geheimnis nicht …“

„Und du wirst es ihnen auch nie verraten.“ Er fasste mich bei den Schultern, als hätte das, was ich gesagt hatte, ihn erschreckt. Der Irrsinn in seinen Augen wurde sichtbar. „Hörst du? Keiner von ihnen darf jemals etwas über deine leiblichen Eltern erfahren!“

„Ist ja gut. Entspann dich.“ Ich nahm seine Hand. Zwischen uns stoben die Funken, und langsam verschwand der wahnsinnige Ausdruck auf seinem Gesicht wieder.

Haut auf Haut. Ihn zu berühren, entfachte meinen Hunger aufs Neue, das Wichtigste allerdings war jetzt erst mal, dass er sich beruhigte.

Die anderen waren nur darüber im Bilde, dass ich die Lichtsäule sehen konnte. Die volle Wahrheit kannten sie nicht.

„Wieder besser?“, fragte ich.

„Viel besser.“ Er nickte und umschlang meine Finger kurz mit seinen. Es fühlte sich herrlich und qualvoll zugleich an. Dann ließ er widerwillig meine Hand los. „Mir ist klar, dass dir manche Dinge, die ich erledigen muss, nicht gefallen, dennoch musst du mir vertrauen.“

„Das möchte ich ja gerne …“

„Aber?“

Mein Mund wurde trocken, als ich ihm nun in die Augen schaute. „Wie kann ich jemandem trauen, der mir nicht mal seinen echten Namen verrät?“

„Ich heiße Bishop.“

„Doch das war nicht immer dein Name.“

„Nein. Nicht immer.“ Er erwiderte eindringlich meinen Blick, und einen Moment lang dachte ich, er würde es mir sagen. Doch dann verschloss sich er sich wieder, und ich hatte keine Chance, hinter seine Schutzmauer zu sehen.

Versteht mich nicht falsch. Ich mochte seinen Namen. Wirklich. Er passte zu ihm. Aber es war nun mal kein echter Name. Er war erfunden, wie bei einem Hollywoodstar, der seine hässliche Vergangenheit hinter sich lassen wollte.

Jetzt fühlte ich mich noch unbehaglicher als vor unserem Vieraugengespräch. Wortlos folgte ich Bishop die dunkle Gasse entlang, zurück zu den anderen. Roth kauerte immer noch neben dem Engel, den Dolch in der Hand. Er betrachtete das Mädchen mit einer Art Raubtierblick.

„Was tust du denn da?“, wollte ich wissen.

„Sie ist echt sexy. Zu schade, dass sie ein Engel ist.“ Er grinste mich kühl an. „Ich habe unter ihrem Pullover nachgeschaut.“

Ich sah rot vor Wut. „Fass sie noch mal an und ich bringe dich eigenhändig um.“

„Bleib mal locker, Gray-Mädchen.“ Kraven stand mit verschränkten Armen daneben. „Ich habe ja auf ihn aufgepasst. Keine Sorge, er hat nichts gemacht. Er hat nur einen Blick auf ihren Rücken geworfen.“

„Sie riecht so gut.“ Roth ging tiefer in die Hocke und hielt sein Gesicht dicht vor ihres. „Nach Erdbeeren mit Sahne. Ich glaube, ich kriege Hunger.“

„Weg von ihr“, warnte Bishop ihn.

„Hol mich weg.“

Ich wollte dieses wehrlose Mädchen einfach nur beschützen. Ich war schon auf dem Weg zu Roth, um ihm mit meinen spitzen Schuhen einen gewaltigen Tritt zu verpassen, da japste das Mädchen und öffnete die Augen.

„Wiederauferstanden von den Toten.“ Roth bedachte sie mit einem zweideutigen Lächeln. „Willkommen zurück, schöne Frau.“

Sie starrte den Dämon an, der mit gezücktem Messer über ihr kauerte. Dann schoss ihre Hand nach vorn, und sie umklammerte seine Kehle.

„Runter von mir.“ Sie hob ihn an und schleuderte ihn auf die Erde. Mit Leichtigkeit entwaffnete sie ihn und hielt nun den Dolch an seinen Hals.

Überrascht stellte er fest, dass sie auf seiner Brust hockte.

„Das habe ich nun wirklich nicht erwartet“, bemerkte Kraven, der immer noch gegen die Hauswand gelehnt dastand. „Aber es gefällt mir.“

„Ganz ruhig.“ Bishop schritt auf den wütenden Engel zu. „Alles in Ordnung.“

„Wie soll das hier in Ordnung sein?“, erwiderte sie. „Er hat an mir geschnüffelt wie ein geiler Köter. Sehr unprofessionell. Er muss einer der Dämonen sein.“

„Das gefällt mir“, sagte Roth anzüglich grinsend. „Du darfst dich jederzeit auf mich setzen, schöne Frau. Mit oder ohne Kleider.“

„Du bist widerlich.“ Sie drückte den Dolch so dicht an seine Kehle, dass sie ihn schnitt. Er zuckte zusammen, da Blut über seinen Hals rann. „Ich hasse Dämonen.“

Mit einer einzigen, mühelosen Bewegung sprang sie auf die Füße und inspizierte die goldene Waffe genauer. Sie schaute Bishop an. „Wer ist hier der Anführer?“

„Das bin ich“, antwortete er.

„Kommt auf den Tag an“, mischte sich Kraven ein.

Die Blondine warf ihm einen kurzen Blick zu. „Du bist auch so ein Dämon, stimmt’s?“

„Ist es mein Parfum oder mein gutes Aussehen, das mich verraten hat?“

Ich war schwer beeindruckt. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass diese Frau ängstlich und unsicher sein würde, wie vorher. Doch mit diesem Engel war offensichtlich nicht zu spaßen.

„Ich bin Cassandra“, stellte sie sich vor, als sie mich ansah. „Und du hattest gesagt, du heißt Samantha?“

„Das ist richtig. Samantha Day.“

Sie drehte den Kopf. „Ich dachte, du wärst ein Mensch, aber…“ Ihr Blick wanderte zu Bishop hinüber. „Ich fühle, dass sie keine Seele hat. Eine Gray? Das verstehe ich nicht.“

„Samantha ist anders als die anderen. Ich erkläre dir später alles.“ Beunruhigt musterte Bishop den Dolch, den der blonde Engel immer noch fest umklammerte. „Mein Name ist Bishop. Das ist Kraven. Und der Dämon, der auf dem Boden liegt und ein Pflaster braucht, heißt Roth. Willkommen in Trinity, Cassandra.“

„Schön, hier zu sein.“ Sie rieb ihre eben noch verwundete Brust und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Ziemlich blödes Ritual.“

„Ganz deiner Meinung.“ Er grinste zurück.

Ich hatte vorgehabt, Cassandra zu mögen, doch plötzlich spürte ich einen Stich der Eifersucht in mir.

„Bring mich in euer Hauptquartier, dort können wir eine Nachbesprechung abhalten“, schlug sie vor.

„Einverstanden.“ Bishop schaute mich an. „Samantha, geh jetzt nach Hause.“

Der schöne blonde Engel bekam das tolle Lächeln und ich zog die Arschkarte. Na super.

„Nein“, wandte Cassandra ein. „Sie begleitet uns.“

„Ist das wirklich nötig?“, hakte Bishop nach.

„Ich muss sie ein paar Dinge fragen.“

Er warf mir einen kurzen Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Cassandra schenkte, der er mit einem weiteren unwiderstehlichen Grinsen sein Arm anbot. „Selbstverständlich. Wie du möchtest.“

Sie nahm seinen Arm, und er spazierte mit ihr davon, ohne sich um uns anderen zu kümmern.

Ich blickte zufällig zu Kraven. Die Eifersucht drohte mir von innen die Brust zu zerreißen.

Er grinste nur. „Liebe tut weh, Süße.“

4. KAPITEL

Ich war selbst schuld. Bishop hatte mich ja aufgefordert zu gehen. Stattdessen hatte ich darauf bestanden, dazubleiben, um einem vermeintlich hilflosen Mädchen zu helfen, das, wie sich herausstellte, alles andere als hilflos war.

Jetzt fühlte ich mich wie ein Organismus unter dem Mikroskop, denn Cassandra beobachtete jede noch so kleinste Bewegung von mir, seit wir zurück in St. Andrews waren, der verlassenen Kirche in dem heruntergekommenen Viertel, in der das Team sein improvisiertes Hauptquartier eingerichtet und sein Nachtlager aufgeschlagen hatte. Doch nicht nur meiner Wenigkeit galt das Interesse des blonden Engels, Cassandra ließ ihren Blick auch über den hohen Innenraum, die bunten Glasfenster und die Kirchenbänke schweifen. Da es keinen Strom gab, brannten Hunderte von Kerzen, deren Licht dem Raum ein gespenstisches Glühen verlieh.

Mir taten langsam die Füße weh von diesen hohen Schuhen, die für Clubbesuche gedacht waren und nicht fürs Herumrennen durch die Stadt. Aber immerhin lenkte mich der Schmerz ab. So beschäftigte ich mich mit meinen Füßen und nicht mit den leichten Anflügen von Panik, die immer wieder in mir aufstieg. Ich kam mir innerhalb des Teams ein wenig vor wie eine Maus unter wilden Katzen - ganz egal, ob die Jungs Hörner oder Heiligenscheine besaßen.

Während Cassandra mich beäugte, musterte ich Bishop. Es fiel mir schwer, es nicht zu machen - ich musste ihn immer ansehen, wenn wir im selben Zimmer waren. Es gelang mir einfach nicht, ihn zu ignorieren, sosehr ich es auch versuchte.

Ich weigerte mich zu glauben, dass es allein seine Seele war, die mich so anzog. Doch das war seine Theorie dafür, warum ich so überirdisch verliebt in ihn war.

Für Colin empfand ich nichts dergleichen. Für niemand anderen mit einer Seele.

Bishop war einfach anders. Anders als alle anderen.

Und wenn sein Blick nun Cassandra durch den Kirchenraum folgte, als könnte er die Augen nicht von ihr lassen, spürte ich einen brennenden Schmerz in mir, der nichts mit dem Hunger in mir zu tun hatte.

Die Dämonen hatten in den Bänken auf der anderen Seite der Kirche Platz genommen. Kraven hatte sich in der dritten Bank von vorne niedergelassen.

„Warum haben sie einen weiteren Engel geschickt?“, wollte er missmutig wissen und durchschnitt mit seiner Frage die Stille, die seit unserer Ankunft herrschte. „Ich dachte, alles müsste ausgewogen sein. Und jetzt heißt es vier gegen zwei.“

„Das hier ist eine Ausnahme“, erwiderte Cassandra knapp. „Dämonen sind nicht vertrauenswürdig genug, um an einer Mission wie dieser teilzunehmen, ohne Ärger zu machen. Anwesende selbstverständlich ausgenommen.“

„Versuch nicht, mich einzulullen, Blondie. Du hast eben schon erklärt, dass du Dämonen nicht leiden kannst.“ Er grinste schief. „Du verletzt meine zarten Gefühle.“

Sie zog eine Grimasse. „Entschuldigung. Wie unhöflich von mir. Tatsache ist, dass ich noch nie einem Dämon begegnet bin.“

Roth saß in der vordersten Reihe und beobachtete sie vorsichtig, während er die kleine Wunde an seinem Hals rieb. Bei Dämonen und Engeln verheilten Verletzungen deutlich schneller als bei Menschen. Doch der goldene Dolch und das Ritual setzten diese Regel außer Kraft.

Dieser Dolch war für die übernatürlichen Wesen die gefährlichste aller Waffen.

„Kannst du Roths Wunde heilen?“, bat ich Cassandra, einfach um etwas zu sagen. Ich wollte an der Unterhaltung teilhaben und nicht nur das hilflose Mäuschen sein, das in der Ecke hockt, ohne einen Pieps von sich zu geben. „Nicht, dass das in deinem Interesse wäre. Ich wollte einfach nur wissen, ob alle Engel diese Fähigkeit besitzen.“

„Ja, das tun wir, allerdings in verschieden starken Ausprägungen. Ich bin eine sehr gute Heilerin.“ Sie sah den Dämon an. „Soll ich deine Wunde heilen?“

Roth zuckte mit den Schultern. „Mir egal.“

Sie machte ein angesäuertes Gesicht, während sie auf ihn zuschritt. „Ein echter Charmeur, was?“

„Ich geb mein Bestes.“ Roth erstarrte, als sie die Hand nach ihm ausstreckte und mit den Fingern seinen Hals berührte. Ein sanftes blaues Licht, und schon heilte seine sonnengebräunte Haut, gleich vor meinen Augen.

„Das ist ein großes Talent“, meinte Bishop. Seine himmlischen Fähigkeiten waren sehr eingeschränkt, da er ein gefallener Engel war. Er schaute Cassandra mit sehnsüchtigem Neid zu. Es tat mir im Herzen weh, ihn so zu sehen.

„So. Nachdem das geklärt ist, können wir uns dem eigentlichen Problem zuwenden.“ Cassandra drehte sich wieder zu uns um. „Eure Mission war es, die Stadt von der seit Kurzem bestehenden Heimsuchung durch seelenverschlingende Monster zu befreien. Und dennoch ist eines dieser Wesen in diesem Moment hier bei uns. Wieso?“

„Gute Frage“, warf Roth ein.

Dieser Engel war nicht zu unterschätzen. Cassandra mochte zwar harmlos aussehen, doch sie war das genaue Gegenteil.

Ihre Verwirrung konnte ich allerdings auch nachvollziehen. An ihrer Stelle hätte ich sicher dieselbe Frage gestellt.

„Samantha ist anders“, erwiderte Bishop ruhig. „Sie wird nicht von ihrem Hunger geleitet.“

Kraven stieß ein verächtliches Geräusch aus, und ich funkelte ihn wütend an.

„Ist daran etwas komisch?“, erkundigte sich Cassandra.

„Nein, Ma’am.“ Kraven legte seine in Stiefeln steckenden Füße lässig auf die Kirchenbank vor sich und überkreuzte die Beine. Ich machte mich schon darauf gefasst, dass er erzählen würde, was im Crave vorgefallen war, aber er schwieg.

Knaller. Ich behielt meine Dankbarkeit jedoch vorerst für mich.

Bishop fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar und schaute mich einen Moment bedeutungsvoll an, ehe er sich wieder an Cassandra wandte. Im schummrigen Licht konnte ich nicht erkennen, ob seine Augen glühten oder ob es der Glanz der Kerzen war.

„Samantha ist wichtig für uns“, fuhr er fort. „Sie besitzt eine spezielle übersinnliche Gabe - sie kann die Lichtsäule sehen. Das kann ich nicht mehr, seit ich gefallen bin.“

„Ich habe gehört, was dir passiert ist“, sagte Cassandra stirnrunzelnd. „Du scheinst allerdings beachtlich fit zu sein in Anbetracht dessen, was dir widerfahren ist.“

„Ich tue mein Bestes.“

„Du musst sehr wütend sein.“

„Jemand hat mich sabotiert, mich und die gesamte Mission. Jetzt muss ich mit den Konsequenzen leben, die damit einhergehen, wenn man eine Seele besitzt. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich darüber freue.“

„Es gibt auch keinen Grund zur Freude. Denn das, was geschehen ist, war unfair.“

„Das ist noch untertrieben.“ Bishops humorloses Schnauben erinnerte mich an seinen Bruder. „Meine Hoffnung besteht darin, dass das Ganze rückgängig gemacht wird, sobald die Mission beendet ist und ich mit den anderen zurückkehre.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Cassandra drehte sich um und musterte mich neugierig. „Du verfügst also über eine übersinnliche Wahrnehmung. Das ist selten, aber nicht völlig unbekannt. Vielleicht bist du mental stärker als andere Menschen.“

„Ich bin ganz gut in der Schule“, fühlte ich mich bemüßigt zu entgegnen. „Rein mental, meine ich.“

Cassandra und die anderen durften niemals herausfinden, was ich wirklich war, denn dann würde ich in noch größeren Schwierigkeiten stecken als jetzt schon. Wenn es Engeln und Dämonen verboten war, zusammen zu sein - und zwar so sehr, dass ihre Liebe zu einem Dämon meine Mutter zerstört und meinen Vater dazu gebracht hatte, ihr ins Schwarz hinterherzuspringen …

„Samantha ist anders, als ich es erwartet hatte“, bemerkte Cassandra. „Man hat mich zum Thema Grays gebrieft, und ich dachte, sie wären alle gleich.“

„Ich weiß.“ Bishop verschränkte die Arme vor der Brust. „Man hat uns erzählt, wir würden auf hirnlose Kreaturen treffen, die allein von ihrem Hunger gesteuert werden, geschaffen von einem anormalen Dämon, der Seelen verschlingt. Das stimmt auch. Abe nicht allen, die geküsst wurden, ergeht es so. Ich glaube, nicht nur Samantha ist anders. Wir haben damit begonnen, diejenigen zu eliminieren, die komplett den Verstand und die Kontrolle über sich verloren haben. Alles andere wäre Mord.“

Als ich das hörte, verspürte ich eine gewisse Erleichterung. Sie rannten also nicht wahllos durch die Stadt und brachten Grays um die Ecke.

„Bist du deswegen hier?“, fragte ich Cassandra. „Weil noch nicht alle Grays ausgelöscht wurden? Weil die Barriere immer noch da ist? Bist du … etwa für die Qualitätssicherung verantwortlich und hat man dich hierher geschickt, um zu beurteilen, wie die Lage ist?“

Immer, wenn ich nervös war, fing ich an zu plappern und Fragen zu stellen. Offen gestanden, wunderte ich mich selbst, wie lange ich den Mund gehalten hatte.

„Ja, Blondie“, schaltete Kraven sich in die Unterhaltung ein. „Was machst du überhaupt hier?“

„Ich habe natürlich eine Mission. Ein Teil dieser Mission besteht tatsächlich darin zu beurteilen, wie erfolgreich das Team ist …“, sie zögerte, „beziehungsweise wie erfolglos.“

„Und worin besteht deine eigentliche Aufgabe?“, erkundigte sich Bishop spitzfindig.

Bevor sie antwortete, bedachte sie uns vier mit einem Blick. „Wir wissen, dass das Schwarz derzeit nicht normal agiert.“

Allein die Tatsache, dass dieser Name laut ausgesprochen wurde, sorgte für ein unangenehmes Gefühl bei mir.

„Sind interdimensionale Portale zu übernatürlichen Friedhöfen schon jemals verlässlich gewesen?“ Bishop klang ein wenig zu lässig.

Er besaß denselben verdrehten Sinn für Humor wie Kraven, zeigte ihn aber als Anführer des Teams eher selten. Doch seit Cassandra da war, war er anders. Entspannter, umgänglicher. Mir schoss die Frage durch den Kopf, ob er sich mit ihr wohlfühlte - oder ob genau das Gegenteil der Fall war.

„Was wisst ihr darüber?“, hakte Cassandra nach, während sie zu Roth hinübersah.

Er zuckte die Achseln. „Das Portal öffnet sich immer dann, wenn es nötig ist - beim Tod eines übernatürlichen Wesens. Es saugt den Dreck ein, dann schließt es sich wieder. Bis auf die Tatsache, dass es die Grays wieder ausgespuckt hat, um mit ihnen die Stadt zu überschwemmen, scheint es ganz normal zu funktionieren.“

Sie runzelte die Stirn. „Es stimmt also. Was einmal im Schwarz gelandet ist, hat nun die Chance, es wieder zu verlassen.“

Ich musste gar nicht hinschauen, um zu bemerken, dass Bishop näher an mich herangerückt war. Ich spürte es.

„Davon gehen wir aus“, entgegnete er. „Wenn ein übernatürliches Wesen sich im Schwarz wiederfindet, gibt es neuerdings eine Möglichkeit zu entkommen. Doch da die Barriere alles hier festhält, was in der Stadt sein Unwesen treibt, haben wir die Sache unter Kontrolle.“

„Und sitzen selbst in der Falle wie die Ratten“, murmelte Roth. „Alle Grays müssen sterben. Wer anders denkt, zögert nur das Unvermeidliche hinaus. Und nur mal fürs Protokoll: Ich finde nicht, dass Bishops Lieblings-Gray hier verschont werden sollte. Schließlich haben wir nicht den blassesten Schummer, ob sie ihre Seele wiederbekommen kann.“

„Wie war das?“ Cassandra sah wieder mich an. „Deine Seele existiert noch?“

„Derjenige, der sie genommen hat, hat sie als Ganzes aufgesaugt“, antwortete Bishop noch vor mir. „Der Plan ist, ihn zu finden, und sie ihr zurückzugeben.“

Sie betrachtete mich wieder wie ein Wissenschaftler eine faszinierende Mikrobe. „Deswegen bist du also anders, Samantha.“ Sie schaute Bishop an. „Habe ich recht?“

„Vielleicht“, meinte er. Er war der Überzeugung, dass mein Anderssein mit meiner Herkunft zu tun hatte.

Wie dem auch sei, ich wollte meine Seele zurück. Keine Frage.

„Sehr gut.“ Cassandra nickte und begutachtete nun ganz offensichtlich Bishops Körper. Und zwar so intensiv, dass sich meine Eifersucht wieder meldete. „Abgesehen von deinen persönlichen Schwierigkeiten scheinst du hier alles unter Kontrolle zu haben.“

„Das ist richtig.“

„Und wieso blutest du dann?“

Ich starrte ihn an.

„Wie bitte?“, fragte er erstaunt.

Sie deutete auf seinen Bauch. „Wobei hast du dich verletzt?“

Er biss die Zähne zusammen. „Das ist nichts.“

„Bishop!“, rief ich. „Wovon redet sie? Bist du verwundet?“

Er sah mich nicht an. „Nein.“

„Zieh dein Shirt hoch“, wies Cassandra ihn an. „Lass mich mal sehen.“

Er zögerte, schob schließlich aber doch sein Langarmshirt hoch und zeigte seinen flachen, muskulösen Bauch. Mir stockte der Atem. In seiner Haut waren tiefe Schnittwunden. Offensichtlich hatte die Blutung nachgelassen, aber sein Shirt war voller Blut. Da es schwarz war, war es mir vorher gar nicht aufgefallen.

Was für ein schrecklicher Gedanke! Die ganze Nacht war er verletzt neben mir hergelaufen und ich hatte nichts davon bemerkt! „Mein Gott! Was ist denn passiert?“

Jetzt schaute er mich an. „Nichts. Ich wollte Zach bitten, mich zu heilen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.“

„Nichts? Das nennst du nichts? Wer hat dir das angetan?“

„Er war es selbst“, erklärte Kraven gleichgültig und tauschte einen ironischen Blick mit Roth aus. „Das ist sein neuestes Hobby.“

Ungläubig starrte ich Bishop an. „Warum solltest du das machen?“

„Der Schmerz hilft mir, klar zu denken“, stieß er aus. „Er beseitigt meine Verwirrung. Ich muss konzentriert bleiben, ganz egal, was geschieht.“

Ich hielt mir erschrocken die Hand vor den Mund. Das war es also, was er entdeckt hatte.

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