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Grau

Jasper Fforde

Grau

Ein Eddie Russett-Roman

Aus dem Englischen
von Thomas Stegers

BASTEI ENTERTAINMENT

Ein Morgen in Zinnober

2.4.16.55.021: Männer haben sich auf Interkollektivreisen nach Kleiderordnung Nr. 6 zu richten. Hüte werden nachdrücklich empfohlen, sind aber nicht vorgeschrieben.

Alles begann damit, dass mein Vater nicht das Letzte Kaninchen sehen wollte. Und es endete damit, dass ich von einer fleischfressenden Pflanze verspeist wurde. So hatte ich mir meine Zukunft nicht vorgestellt. Eigentlich hatte ich gehofft, in die Dynastie der Oxbloods einzuheiraten und ihr Bindfaden-Imperium zu übernehmen. Doch das war vor vier Tagen – bevor ich Jane kennenlernte, den Caravaggio wiederbeschaffte und Hoch-Safran erkundete. Und nun war ich, statt die Vorfreude auf chromatischen Aufstieg zu genießen, vollständig in den Verdauungssaft eines Yateveobaums eingetaucht. Es kam mir reichlich ungelegen.

Aber ganz so schlimm war es dann auch wieder nicht, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens hatte ich das Glück gehabt, kopfüber zu landen. Ich würde also innerhalb einer Minute ertrinken, was immer noch leichter zu ertragen war, als sich über einen Zeitraum von Wochen bei lebendigem Leib aufzulösen. Zweitens, und das war entscheidender, starb ich nicht als Unwissender. Ich hatte etwas entdeckt, das man sich auch mit noch so vielen Meriten nicht kaufen konnte: die Wahrheit. Nicht die ganze Wahrheit, aber doch mehr als die halbe. Deswegen kam mir das alles so ungelegen. Ich konnte mit der Wahrheit nichts mehr anfangen, obwohl sie viel zu gewaltig und zu ungeheuerlich war, um sie zu ignorieren. Trotzdem: Wenigstens hatte ich sie eine geschlagene Stunde in Händen gehalten, die Wahrheit, und ich hatte verstanden, was sie bedeutete.

Ich hatte nicht nach der Wahrheit gesucht. Eigentlich war ich in die Randzone geschickt worden, um eine Stuhlzählung vorzunehmen und mich in Demut zu üben. Die Wahrheit kam zu mir, zwangsläufig. Bei großen Wahrheiten geschieht das häufiger, so wie ein verlorener Gedanke sich einen freien Geist sucht. Und ich fand Jane, oder vielleicht fand sie mich, was im Grunde egal ist. Wir fanden uns gegenseitig. Obwohl sie eine Graue war und ich ein Roter, teilten wir ein Verlangen nach Gerechtigkeit, das über chromatische Politik hinausging. Ich liebte sie, und ich durfte annehmen, dass sie mich ebenfalls liebte. Immerhin entschuldigte sie sich, bevor sie mich in das kahle Rund unter dem ausladenden Yateveobaum stieß. Das hätte sie bestimmt nicht getan, wenn sie keine Gefühle für mich gehabt hätte.

Doch gehen wir zurück, vier Tage, in die Stadt Zinnober, das Regionalzentrum des Roten Sektors West. Mein Vater und ich waren tags zuvor mit dem Zug angekommen und hatten im Grünen Drachen übernachtet. Wir hatten am Morgengesang teilgenommen und saßen jetzt beim Frühstück, etwas enttäuscht, aber nicht weiter überrascht, dass die Grauen Frühaufsteher bereits allen Schinkenspeck aufgegessen hatten und nur noch sein exquisiter Duft im Raum schwebte. Es blieben ein paar Stunden bis zum nächsten Zug, und wir hatten beschlossen, uns einige Sehenswürdigkeiten anzuschauen.

»Wir könnten dem Letzten Kaninchen einen Besuch abstatten«, schlug ich vor. »Das sollte man sich nicht entgehen lassen, habe ich gehört.«

Mein Vater ließ sich von der Einzigartigkeit des Kaninchens nicht so leicht überzeugen. Die Schlecht Gezeichnete Karte, das Oz-Denkmal, den Colorgarten und noch dazu das Kaninchen, all das würden wir bis zur Abfahrt unseres Zuges sowieso nicht schaffen, meinte er und wies darauf hin, dass das Museum von Zinnober nicht nur die beste Sammlung von Vimto-Flaschen besäße, sondern montags und donnerstags dort auch ein Grammophon vorgeführt werde.

»Ein Vierzehn-Sekunden-Clip von Something Got Me Started«, sagte er, als könnte ein vager Hinweis auf den Roten Sänger mich rumkriegen.

Ich war nicht bereit, so schnell klein beizugeben.

»Das Kaninchen wird langsam ziemlich alt.« Ich hatte die Sicherheitshinweise in dem Prospekt So wird Ihr Besuch beim Letzten Kaninchen zu einem Erlebnis gelesen. »Und Streicheln ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben.«

»Das Streicheln ist nicht so schlimm«, sagte mein Vater, dem bei der Vorstellung dennoch schauderte. »Es sind die Ohren.« Und er fuhr fort: »Ich bin sicher, ich kann ein produktives und erfülltes Leben führen, ohne jemals ein Kaninchen gesehen zu haben.«

Er hatte recht, das konnte ich auch. Nur hatte ich meinem besten Freund Fenton und noch fünf anderen versprochen, die Taxazahl des einsamen Tierchens in ihrem Namen zu protokollieren, damit sie es als »stellvertretend erledigt« in ihre Tiersichtungsbücher eintragen konnten. Für dieses Privileg hatte ich ihnen sogar jeweils fünfundzwanzig Cent abgeknöpft, aber das kleine Vermögen schon ausgegeben: Lakritze für Constance und für mich ein Paar synthetischrote Schnürsenkel.

Mein Vater und ich verhandelten eine Weile. Schließlich war er damit einverstanden, alle Sehenswürdigkeiten der Stadt nacheinander abzuarbeiten, in einem Rundgang, um das Schuhleder zu schonen. Das Kaninchen würde zuletzt drankommen, nach dem Colorgarten.

Als die Entscheidung, das Kaninchen in die morgendliche Vergnügungstour zumindest einzuplanen, getroffen war, widmete sich mein Vater wieder seinem Toast, dem Tee und der Lektüre des Spectrum, und ich schaute mich in dem etwas ranzigen Frühstücksraum um. Ich wollte eine Postkarte schreiben und brauchte dazu etwas Anregung. Der Grüne Drache stammte aus der Zeit vor der Epiphanie und hatte, wie manch anderes im Kollektiv auch, schon einiges hinter sich, und von seinem ursprünglichen Glanz war nicht mehr viel vorhanden. Der Anstrich blätterte, der Stuck bröckelte, die Linoleumbeläge der Tische waren bis auf das Jutegewebe abgegriffen, und das Besteck war entweder verbogen, zerbrochen, oder es fehlte ganz. Der Duft von heißem Kaffee, Toast und Schinkenspeck, die etwas schnoddrige Freundlichkeit des Personals und das laute Geplapper der Fremden untereinander, die sich ihrer flüchtigen Bekanntschaft erfreuten, verliehen dem Haus jedoch einen ganz eigenen Charme, mit dem sich die vornehmeren, hoch angesehenen Teestuben zu Hause in Jade-unter-der-Limone niemals hätten messen können. Mir fiel allerdings auch auf, dass die Gäste den Raum unbewusst nach streng chromatischen Richtlinien aufgeteilt hatten, obwohl es für die Sitzordnung an farbtonlich unspezifischen Örtlichkeiten keine ausdrücklichen Regeln gab. Dem einzigen Ultravioletten hatte man aus Respekt einen Tisch für sich allein zugestanden, und an der Tür warteten einige Graue geduldig auf einen freien Tisch, dabei waren längst nicht alle Plätze besetzt.

Wir teilten unseren Tisch mit einem Grünen Paar. Die beiden waren fortgeschrittenen Alters und offenbar so wohlhabend, dass sie sich synthetischgrüne Kleidung leisten konnten. Jeder sollte Zeuge ihrer bedingungslosen Hingabe an ihren Farbton sein, eine demonstrative und geschmacklose Zurschaustellung, die sie sich zweifellos nur durch den Verkauf ihrer Kindallokation hatten leisten können. Unsere Kleidung war in einer konventionellen Schattierung gefärbt, sichtbar nur für Rote, sodass wir uns in den Augen der Grünen, die uns gegenübersaßen, allein durch unsere Roten Farbkennzeichen-Anstecker von den Grauen unterschieden, aber ebenso wie diese von ihnen verachtet wurden. Rot und Grün sind zwar komplementär, aber das muss nicht heißen, dass sich Rote und Grüne mögen. Das Einzige, was uns eint, ist die gemeinsame Abscheu vor den Gelben.

»Du da«, sagte die Grüne Frau und zeigte, ausgesprochen unfein, mit ihrem Löffel auf mich. »Bring mir Marmelade.«

Ich gehorchte pflichtbewusst. Dieses herrische Gebaren der Grünen Frau war nicht untypisch. Auf der chromatischen Skala lagen wir drei Ränge unter den Grünen, was uns offiziell dazu verpflichtete, ihnen zu Diensten zu sein. Doch auch wenn wir in der Ordnung tiefer standen, gehörten wir innerhalb des etablierten Farbmodells von Rot, Gelb und Blau doch zu den Primärfarben. Ein Roter bekäme immer einen Sitz im Rat einer Stadt – so weit würden es die Grünen mit ihrem Status als Blau-Gelbe Bastarde niemals bringen. Köstlich, wie sie sich darüber ereiferten. Im Gegensatz zu den etwas tumben Orangenen, die bescheiden blieben und ihr Schicksal gut gelaunt und bereitwillig akzeptierten, kamen die Grünen nie darüber hinweg, dass keiner sie wirklich ausreichend ernst nahm. Der Grund hierfür lag auf der Hand: Sie hatten die Farbe der Natur für sich allein gepachtet und meinten daher, der Umfang ihres Sehvermögens müsste sich in ihrer Stellung innerhalb des Kollektivs niederschlagen. Nur die Blauen konnten ihnen noch ansatzweise diesen Anteil am Spektrum streitig machen, da ihnen der Himmel gehörte. Dieser Anspruch jedoch basierte auf der schieren Ausdehnung der Farbfläche, nicht auf einer Vielzahl von Farbschattierungen, und an einem wolkigen Tag konnten sie ihn nicht einmal geltend machen.

Falls ich gedacht hatte, der Kommandoton der Grünen Frau wäre allein meiner Farbe geschuldet, dann hatte ich mich geirrt. Unter meinem Roten Farbpunkt trug ich ein Abzeichen: ›Muss sich in Demut üben‹. Es bezog sich auf einen Zwischenfall mit dem Sohn des Oberpräfekten, und ich war dazu verurteilt worden, es eine Woche lang zu tragen. Wäre die Grüne Frau etwas gemäßigter gewesen, hätte sie mich wegen des ›1000 Meriten‹-Abzeichens, das ich ebenfalls trug, gleich wieder von dem Auftrag entbunden. Aber vielleicht war ihr das egal, vielleicht hatte sie einfach nur Appetit auf Marmelade.

Ich holte das Glas von der Anrichte, brachte es ihr, nickte respektvoll und widmete mich wieder meiner Postkarte. Sie zeigte Zinnobers alte Steinbrücke, und der Himmel war gegen einen Aufpreis von fünf Cent hellblau übertüncht worden. Für zehn Cent hätte ich zusätzlich noch grün gefärbtes Gras bekommen können, doch die Karte war für meine zukünftige Verlobte Constance Oxblood gedacht, und die fand Übercolorierung vulgär. Die Oxbloods waren eindeutig alter Farbadel und zogen, wenn eben möglich, gedämpfte Töne vor, obwohl sie es sich hätten leisten können, ihr Haus in der höchsten Farbsättigung streichen zu lassen. Ihnen erschien vieles vulgär, dazu gehörten auch die Russetts, die sie als nouveau-couleur betrachteten. Daher mein Status als ›potentieller Verlobter‹. Mein Vater hatte ihnen ein, wie wir sagen, ›halbes Versprechen‹ abgerungen: Es bedeutete, dass ich erste Option für Constance war. Die Vereinbarung beruhte nicht auf Gegenseitigkeit, war aber trotzdem ein gutes Geschäft, ein Zugeständnis, denn obwohl nur ein rostroter Russett und vor drei Generationen noch Grau, war der Rotanteil in meiner Farbwahrnehmung möglicherweise sehr viel höher als angenommen, folglich durfte ich nicht einfach übergangen werden.

»Schreibst du an Fischgesicht?«, fragte mein Vater schmunzelnd. »So schlecht kann ihr Gedächtnis doch nicht sein, dass sie dich schon vergessen hat.«

»Stimmt«, räumte ich ein, »allerdings ist trotz ihres Namens Konstanz nicht gerade ihre hervorstechendste Eigenschaft.«

»Verstehe. Schwirrt Roger Marone noch um sie herum?«

»Wie die Fliege um die Aasblume. Und bitte nenn sie nicht Fischgesicht.«

»Mehr Butter«, sagte die Grüne Frau, »und trödel diesmal nicht rum.«

Wir frühstückten zu Ende, packten rasch unsere Sachen und gingen hinunter zur Rezeption. Mein Vater wies den Portier an, unsere Koffer zum Bahnhof bringen zu lassen.

»Ein herrlicher Tag«, sagte der Geschäftsführer, als wir unsere Rechnung bezahlten. Er war ein dünner Mann mit einer edel geformten Nase, und er hatte nur ein Ohr. Der Verlust eines Ohrs war nicht ungewöhnlich, da Ohren unerfreulicherweise leicht abzureißen waren, ungewöhnlich war vielmehr, dass er es nicht wieder hatte annähen lassen, eine relativ einfache Prozedur. Noch weit interessanter war, dass er sein Blaues Farbkennzeichen oben am Kragenaufschlag trug, was als inoffizielles, wenn auch allgemein akzeptiertes Signal galt, dass er unter der Hand ›etwas organisieren‹ konnte, gegen Entgelt versteht sich. Wir hatten zum Abendessen Langusten bestellt, und er hatte sie nicht aus dem Bezugsscheinheft ausgestanzt. Es hatte uns eine halbe Merite gekostet, die wir dezent in die Serviette gewickelt hatten.

»Jeder Tag ist ein herrlicher Tag«, antwortete mein Vater munter.

»Ja, das stimmt«, sagte der Geschäftsführer freundlich, während wir unser Feedback austauschten. Feedback für das Hotel, weil es sauber und einigermaßen komfortabel war, und Feedback für uns, weil wir dem Haus keine Schande bereitet hatten, weder durch schlechte Tischmanieren noch durch lautes Reden in öffentlichen Räumen. »Haben Sie es noch weit heute Morgen?«

»Wir fahren nach Ost-Karmin.«

Schlagartig änderte sich das Verhalten des Blauen. Er sah uns merkwürdig an, gab uns die Meritenbücher zurück, wünschte uns eine frohe, möglichst ereignislose Zukunft und wandte sich rasch einem anderen Gast zu. Wir bedachten den Portier mit einem Trinkgeld, bestätigten uns gegenseitig noch mal die Abfahrtszeit des Zuges und machten uns auf den Weg zur ersten Station unserer Sightseeingtour.

»Hm«, ließ sich mein Vater vernehmen, nachdem wir unsere zehn Cent gespendet und das etwas heruntergekommene, aber saubere Kartenhaus betreten hatten und nun die Schlecht Gezeichnete Karte betrachteten. »Ich werde daraus nicht schlau.«

Die Schlecht Gezeichnete Karte war eigentlich nichts Besonderes, doch ihren Namen hatte sie durchaus verdient. »Wahrscheinlich hat sie genau aus diesem Grund die EntFaktung überlebt«, deutete ich an, denn die Karte war nicht nur rätselhaft, sie war auch ausgesprochen selten – außer der berühmten Geochromatischen Ansicht der Welt der Einstigen von den Gebrüdern Parker war es die einzige bekannte prä-Epiphanische Karte überhaupt. Ihre Seltenheit machte sie allerdings nicht interessanter. Minutenlang starrten wir das verblasste Pergament an und hofften, unser Unverständnis der Karte entweder auf ein höheres Level heben zu können oder zumindest den vollen Gegenwert unserer zehn Cent zu bekommen.

»Je intensiver man hinguckt, desto rasanter verringert sich die Eintrittsspende«, erklärte mein Vater.

Ich überlegte, ob ich ihn fragen sollte, wie lange wir sie uns angucken mussten, bis das Kartenhaus uns Geld schuldete, aber ich ließ es bleiben.

Er steckte den Reiseführer wieder ein, und wir traten nach draußen in den warmen Sonnenschein. Ein bisschen betrogen um unser Geld fühlten wir uns schon, gaben aber dennoch positives Feedback, da ja nicht der Kurator Schuld an der langweiligen Ausstellung war.

»Dad?«

»Ja?«

»Warum war der Hoteldirektor so abweisend, als von Ost-Karmin die Rede war?«

»Die Randzonen stehen im Ruf, von großer antigesellschaftlicher Dynamik zu sein«, beantwortete er nach einigem Nachdenken meine Frage, »und manche meinen, diese Ereignisfülle könnte zu fortschrittlichem Denken führen, mit allen Risiken, die damit für die Stagnation verbunden sind.«

Eine diplomatische Bemerkung von großer Weitsicht, wie sich in den folgenden Tagen noch häufig bestätigen sollte.

»Na gut«, sagte ich, »aber was meinst du

Er lachte.

»Ich meine, wir sollten uns jetzt das Oz-Denkmal angucken. Es ist mir egal, ob es so langweilig ist wie Magnolienfarbe, langweiliger als die Schlecht Gezeichnete Karte kann es zumindest nicht sein.«

Wir gingen die Straßen entlang Richtung Museum und ließen das bunte Treiben, den Staub, die Hitze und den Lärm von Zinnober auf uns wirken. Es wimmelte von Händlern, die mit Dingen des täglichen Bedarfs Geschäfte machten – wir trafen auf Viehhalter, Wasserverkäufer, Pastetenmänner, Geschichtenerzähler und Gewichtschätzer –, während in den kleinen Läden die längerfristigen Bedürfnisse befriedigt wurden: Hier arbeiteten Reparateure, Kunsthandwerker, Löffelhändler und Rechenkünstler, die Additionen und Subtraktionen anboten. Schlichter und Schlupflochkundler, die einen in allen die Regeln betreffenden Fragen berieten, konnten minutenweise engagiert werden, und es gab sogar einen Laden, der nur Schweblinge anbot, und einen anderen, der sich auf Postleitzahlengenealogie spezialisiert hatte. Zwischen alldem beobachtete ich ein höheres Aufkommen an Gelben als üblich, vermutlich sollten sie illegalen Farbtausch und Samenhandel unterbinden und darauf achten, dass niemand mit einem scharfen Gegenstand herumlief.

Zinnober, ungewöhnlich für ein Regionalzentrum, lag ziemlich am Rand der zivilisierten Welt. Im Westen erstreckte sich das Rotsteingebirge, und außer einigen isolierten Vorposten wie Ost-Karmin gab es keinerlei Siedlungen. Die unbewohnte Zone, das bedeutete wildes Land, Megafauna, versunkene Orte mit unerschlossenen Farbrestevorkommen und sehr wahrscheinlich Banden nomadisierenden Gesindels. Spannend und beängstigend zugleich. Bis vor einer Woche hatte ich von Ost-Karmin noch nie gehört, geschweige denn gedacht, dass ich dort einen Monat auf Bewährung in Demut verbringen sollte. Meine Freunde waren entsetzt und brachten ihren Ärger leise bis verhalten zum Ausdruck, verkündeten sogar, sie würden eine Petition initiieren, wenn sie nur einen Bleistift auftreiben könnten.

»Die Randzonen sind ein Sammelbecken für Haltlose, Einfältige und Farbtonschwache«, bemerkte Floyd Pinken, der ehrlich gesagt von allen dreien etwas hatte.

»Und sieh dich vor Schwächlingen und Selbstbefleckern, Fremdgehern und Unzüchtlern vor«, fügte Tarquin hinzu, der bei seiner Familiengeschichte in dieser Aufzählung auch keine schlechte Figur abgegeben hätte.

Dann sagten sie noch, dass ich eindeutig übergeschnappt sein müsste, die Sicherheit der Dorfgrenzen auch nur für eine Sekunde zu verlassen, und klärten mich darüber auf, was eine Reise in die Randzonen für Folgen haben würde: Nach einer Woche würde ich mit den Fingern essen, mich krumm halten und mir das Haar schulterlang wachsen lassen. Beinahe hätte ich mich mit Hilfe eines Darlehens meiner zweimal verwitweten Tante Beryl von dem Auftrag freigekauft, doch Constance Oxblood hielt gar nichts davon.

»Was sollst du da machen?«, hatte sie mich gefragt, als ich ihr den Grund für meine Reise nach Ost-Karmin nannte.

»Eine Stuhlzählung, mein Schätzchen«, hatte ich ihr erklärt. »Die Zentrale befürchtet, die Stuhldichte könnte unter die vorgeschriebene Marge von 1,8 pro Person gefallen sein.«

»Wie unfassbar aufregend! Zählt eine Ottomane auch als Stuhl oder eher als großes, steifes Kissen?«

Dann sagte sie noch, dass ich beträchtlichen Mut und löbliche Tapferkeit bewiese, wenn ich hinführe, also entschied ich mich doch dafür. Bei der Aussicht, in die Familie der Oxbloods aufgenommen zu werden und mich als präfekttauglich zu erweisen, konnte ich die Horizonterweiterung, die eine Reise und die Möbelzählung ohne Zweifel mit sich bringen würden, ganz gut gebrauchen. Vier Wochen in der eigentlich unerträglich primitiven Umgebung der Randzonen würden mir das durchaus bieten.

Das Oz-Denkmal übertraf die Schlecht Gezeichnete Karte allein schon durch seine Dreidimensionalität. Es war eine Bronzegruppe äußerst seltsam geformter Tiere, das Ganze zwei Meter hoch und knapp anderthalb Meter breit. Nach Auskunft des Museumsführers war sie vor drei Jahrhunderten im Zusammenhang mit der EntFaktung in Stücke zerlegt und in den Fluss geworfen worden, deswegen waren nur zwei der ehemals fünf Figuren übriggeblieben. Die am besten erhaltene stellte ein Schwein dar, das ein Kleidchen und eine Perücke trug, außerdem gab es noch einen rundlich geformten Bären mit Schlips. Von der dritten und vierten Figur war fast nichts übriggeblieben und von der fünften nur zwei an den Knöcheln gestutzte Klauenfüße, die keinem heutigen Lebewesen zuzuordnen waren.

»Für ein Schwein sind die Augen sehr groß, fast wie bei einem Menschen«, sagte mein Vater bei näherer Betrachtung. »Ich habe einige Bären in meinem Leben gesehen, aber keiner hatte einen Hut auf dem Kopf.«

»Anthropomorphismus war damals ziemlich im Schwange«, behauptete ich kühn, aber eigentlich gehörte das längst zum Allgemeinwissen. Die Einstigen hatten noch viele andere unerklärliche Gewohnheiten, allen voran die Neigung, Fakten durch Fiktion zu verfälschen, wodurch es sehr schwierig wurde, zu unterscheiden, was tatsächlich passiert war und was nicht. Die Skulptur war zum Gedenken an Oz errichtet worden, so viel war immerhin bekannt, doch die Widmungsinschrift auf dem Sockel war bis zur Unkenntlichkeit verwittert, sodass sie zu den anderen, durch die Jahrhunderte überlieferten Geschichten um Oz in keinen nachvollziehbaren Zusammenhang gebracht werden konnte. Die »Oz-Frage« war lang und breit in Debattierclubs diskutiert, etliche wissenschaftliche Aufsätze darüber im Spectrum publiziert worden. Doch während die Smaragdstadt heute noch als Zentrum für Bildung und Qualifikation existiert und Überreste der Blechmänner in großer Zahl durch Wertgutsammel-Kommandos ausgegraben worden waren, hat sich im gesamten Kollektiv bisher kein einziger Hinweis auf Ziegelsteinwege gefunden, weder aus natürlichem noch aus synthetischem Gelb – und dass Affen fliegen können, diese Möglichkeit haben Naturforscher schon vor langer Zeit ausgeschlossen. Oz, so die weit verbreitete Meinung, war eine Fiktion gewesen, und eine höchst kuriose obendrein. Dennoch, die Bronzeskulptur war geblieben. Alles ein großes Rätsel.

Die Exponate im Museum sahen wir uns danach nur noch flüchtig an, und auch nur die von mehr als bloß allgemeinem Interesse. Stehen blieben wir vor der Sammlung von Vimto-Flaschen, dem konservierten Ford Fiesta, der auf schamlos offensichtliche Weise auf alt getrimmt worden war, und schließlich vor dem Turner, von dem mein Vater behauptete, es sei »nicht sein Bestes«. Dann begaben wir uns ein Stockwerk tiefer und bestaunten die realistischen Darstellungen in dem lebensgroßen Gesindel-Diorama, das eine typische Homo-feralensis-Siedlung zeigte. Alles wirkte irritierend echt, voller Wildheit und ungezügelter Lust. Es basierte auf Alfred Peabodys bahnbrechendem Bericht Sieben Minuten unter Gesindel. Wir betrachteten die Schaufensterpuppen zusammen mit einer kleinen Gruppe Schulkinder, die die niedere Ordnung Mensch studierte, sicher als Teil eines Arbeitsprojekts im Fach Historische Theorie.

»Fressen die wirklich ihre eigenen Kinder?«, fragte entsetzt eine der Schülerinnen, die fasziniert auf das Tableau starrte.

»Selbstverständlich«, antwortete der Lehrer, ein älterer Blauer, der es besser hätte wissen müssen. »Und wenn du deinen Eltern nicht gehorchst, die Regeln nicht befolgst und dein Gemüse nicht isst, kommen sie auch zu dir und fressen dich.«

Ich selbst hatte so meine Zweifel an diesen lächerlichen Behauptungen über das Verhalten von Gesindel, aber ich behielt sie für mich. Historische Theorie war im Grunde Wilde Theorie, mehr nicht.

Wie sich herausstellte, konnte der Phonograph doch nicht vorgeführt werden, denn sowohl das Gerät als auch die Musikscheibe waren mit einem sehr großen Hammer »außer Betrieb« gesetzt worden. Es war keine Böswilligkeit, sondern eine notwendige Maßnahme im Zusammenhang mit Fragen der Rücksprung-Konformität. Irgendein Blödmann hatte vergessen, das Gerät auf die Liste der diesjährigen Ausnahmezertifikate setzen zu lassen. Das Museumspersonal schien leicht verärgert darüber, denn mit der Zerstörung des Artefakts reduzierten sich die Vorführ-Phonographen des Kollektivs auf ein einziges Exemplar in Kobalts Museum für Das Große Ereignis.

»Aber ganz so schlimm war es auch wieder nicht«, fügte der Kurator hinzu, ein Roter mit sehr buschigen Augenbrauen. »Wenigstens darf ich jetzt behaupten, als letzte Person Mr Simply Red gehört zu haben.«

Nachdem wir detailliert Feedback gegeben hatten, verließen wir das Museum und machten uns auf den Weg zum Stadtpark.

Unterwegs hielten wir bewundernd an einem eindrucksvollen, uralten Wandgemälde an, das die gesamte Fläche eines Backsteingiebels zierte. Es forderte ein längst dahingeschwundenes Publikum auf: »Trink Ovomaltine und du bleibst gesund und lebensfroh.« Auf dem Bild waren eine Tasse zu sehen und zwei glückliche Kinder, die mit fußballgroßen Augen zufrieden und sehnsuchtsvoll in die Welt blickten. Obwohl verblasst, waren an den Lippen und dem Schriftzug noch immer rote Farbkomponenten zu erkennen. Prä-Epiphanische Wandgemälde waren selten, und wenn es sich um Darstellungen der Einstigen handelte, rundweg gruselig. Besonders die Augen. Die Pupillen waren, anders als die feinen, sauberen Punkte normaler Leute, unnatürlich weit und dunkel, und sie waren leer, ganz so als wären die Köpfe, in denen die Augen steckten, hohl – was dem Ausdruck von Glück auf den Gesichtern etwas seltsam Gekünsteltes verlieh. Wir blieben kurz stehen und gingen dann weiter.

Colorierte Gärten waren für jeden Besucher Pflichtprogramm, und was Zinnober in der Hinsicht zu bieten hatte, enttäuschte uns nicht. Der Garten war innerhalb der Stadtmauern angelegt, in der Nähe der Brücke, eine blattreiche Enklave im Halbschatten, mit Brunnen, Pergolen, Kieswegen, Statuen und Blumenbeeten. Es gab sogar einen Musikpavillon und einen Eisstand, nur keine Musik und auch kein Eis. Das wirklich Besondere an Zinnobers Garten jedoch war, dass die Farbe direkt aus dem Versorgungsnetz eingespeist wurde, wodurch alles außergewöhnlich hell leuchtete. Wir spazierten zur Hauptwiese, unmittelbar hinter dem malerisch efeuumrankten Rodin, und bestaunten die weite Fläche aus synthetischem Grün. Sie stellte eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Garten zu Hause dar, denn die ganze Anlage war auf die hiesige Überzahl Roter Augen eingestellt. In Jade-unter-der-Limone lag der Schwerpunkt eher auf Personen, die Grün sehen konnten, wodurch der Rasen für unsereins so gut wie gar keine Farbe bekam und alles Rote viel zu hell wurde. Hier dagegen herrschte ein nahezu perfektes Farbgleichgewicht, und schweigend genossen wir die raffinierte chromatische Symphonie, die sich vor uns abspielte.

»Ich würde meine linke Klöte hergeben, wenn ich im Roten Sektor wohnen könnte«, sagte mein Vater in einem seltenen Anflug von Derbheit.

»Die linke hast du schon vergeben«, erinnerte ich ihn. »In der vagen Hoffnung, dass der Alte Magenta frühzeitig in Rente geht.«

»Wirklich?«

»Letzten Herbst, nach dem Zwischenfall mit dem Rhinosaurus.«

»Ein Vollidiot, der Mann«, sagte mein Vater und schüttelte traurig den Kopf. Der Alte Magenta war unser Oberpräfekt und hätte wahrscheinlich, wie viele Purpurne, schon Probleme damit, sich selbst im Spiegel zu erkennen.

»Glaubst du, dass Gras wirklich diese Farbe hat?«, fragte mich mein Vater nach längerem Schweigen.

Ich zuckte mit den Schultern. Die Frage ließ sich kaum beantworten. Man konnte höchstens sagen, dass NationalColor der Meinung war, Gras sollte diese Farbe haben. Das war aber auch alles. Fragte man einen Grünen, wie grün das Gras sei, fragte der dich zurück, wie rot ein Apfel sei. Interessanterweise war das Gras jedoch nicht überall gleichmäßig grün. Eine etwa tennisplatzgroße Stelle am hinteren Ende des Rasens hatte sich in ein hässliches Blaugrün verfärbt. Diese Ungleichförmigkeit weitete sich wie ein Wasserfleck aus, die Farbabweichung hatte bereits einen Baum und einige Blumenbeete erreicht, die jetzt ungewöhnliche, weit außerhalb der Botanischen Standardskala liegende Farbtöne angenommen hatten. Irritiert beobachteten wir, wie jemand in der Nähe der Anomalie in eine Zugangsluke starrte, und gingen hinüber, um uns das anzusehen.

Wir hatten gedacht, er wäre ein Ingenieur von NationalColor, der sich des Problems annahm, aber es war ein Roter Parkwächter. Er sah auf unsere Farbkennzeichen und begrüßte uns freundlich.

»Probleme?«, fragte mein Vater.

»Schlimmer geht es gar nicht«, antwortete der Parkwächter entnervt. »Schon wieder eine Verstopfung. Ständig verspricht der Rat, den Park neu verrohren zu lassen, aber wenn es mal Geld gibt, wird es für Frühwarnsysteme gegen Schwäne, für Blitzableiter oder anderen Schnickschnack ausgegeben.«

Er redete freimütig, aber wir waren ja unter uns, deswegen konnte er sich sicher fühlen.

Neugierig spähten wir in die Zugangsluke, durch die die Cyanblau-, Gelb- und Magenta-Farbeinspeisungsrohre ihren Stoff in einen der zahlreichen, exakt kalibrierten Mischer einleiteten, um die für Gras, Sträucher und Blumen jeweils nötigen Tönungen zu erzielen. Von hier aus wurde das unter dem Park verlegte Netz aus Kapillaren versorgt. Die Colorierung von Gärten war eine hochkomplexe Angelegenheit, bei der es in erster Linie auf die Abstimmung der osmotischen Koeffizienten der verschiedenen Pflanzen mit dem jeweils spezifischen Gewicht des Farbstoffs ankam – bevor man sich den Problemen der Druckdichte, Verdampfungsrate und jahreszeitlich bedingten Farbvariationen widmen konnte. Coloristen mussten sich ihre Vergünstigungen und Boni hart erarbeiten.

Ich konnte mir gut vorstellen, was der Haken war, auch ohne einen Blick auf den Strömungsmesser. Die blaugrüne Schattierung des Rasens, der gräuliche Schimmer auf dem Scharbockskraut und der purpurrote Mohn wiesen auf einen lokalen Gelbmangel hin, und tatsächlich, so war es auch – der gelbe Strömungsmesser stand starr auf null. Der Sichtschlitz dagegen zeigte jede Menge Gelb, es gab also keine Versorgungslücke im Park-Unterwerk.

»Ich glaube, ich weiß, wo das Problem liegt«, sagte ich vorsichtig, schließlich wusste ich nur zu gut, dass unerlaubte Manipulation am Besitz von NationalColor eine Strafe von 500 Meriten nach sich zog.

Der Parkwächter sah erst mich an, dann meinen Vater, dann wieder mich. Er biss sich auf die Lippe, kratzte sich am Kinn, schaute sich um und senkte die Stimme beim Sprechen.

»Lässt es sich schnell beheben?«, fragte er. »Um drei Uhr haben wir eine Hochzeit. Es sind zwar nur Graue, aber man will sich ja nicht lumpen lassen.«

Ich sah zu meinem Vater, der mir zunickte, und ich zeigte auf das Rohr.

»Der gelbe Strömungsmesser klemmt. Der Rasen bekommt nur die Cyan-Komponente von Grasgrün. Und obwohl ich natürlich niemals eine Regelübertretung gutheißen könnte«, fügte ich noch rasch hinzu, damit ich auf der sicheren Seite war, falls sich plötzlich alles braun verfärbte, »denke ich doch, dass ein gut platzierter Schlag mit einem Schuhabsatz den Schaden beheben würde.«

Der Parkwächter schaute sich noch mal um, zog einen Schuh aus und befolgte meinen Rat. Fast umgehend war ein gurgelndes Geräusch zu vernehmen.

»Da kann man ja gelb vor Neid werden«, sagte er. »So einfach ist das? Hier.«

Er steckte mir eine halbe Merite zu, bedankte sich und zog los, um die Grasschnitte zur Cyan-Gelb-Rückgewinnung einzusammeln.

»Woher wusstest du das?«, fragte mich mein Vater, als wir außer Hörweite des Mannes waren.

»Zufällig aufgeschnappt«, antwortete ich.

Vor ein paar Jahren hatte es bei uns mal einen Magentarohrbruch gegeben, ein spannendes und zugleich dramatisches Ereignis – ein Purpur-Geysir, der sich über die ganze Hauptstraße ergoss. NationalColor war umgehend zur Stelle gewesen und hatte uns förmlich belagert. Ich meldete mich als freiwilliger Helfer in der Teeküche, um alles aus nächster Nähe mitzukriegen. Die technische Fachsprache der Coloristen war reichlich obskur, aber ein bisschen hatte ich trotzdem begriffen. Es war der Traum eines jeden Einwohners, bei NationalColor zu arbeiten, auch wenn die Aussichten gering waren: Makellose Augen, perfekte Feedbacks, zahllose Meriten sowie Kenntnisse in fortgeschrittenem Katzbuckeln waren nur die Grundvoraussetzungen, und lediglich einer von tausend qualifizierten Bewerbern wurde schließlich für das Eintrittsexamen zugelassen.

Wir schlenderten durch den Garten, solange die Zeit es uns erlaubte, saugten die synthetischen Farben in uns auf und bekamen umgehend gute Laune. Ungewöhnlich zwar, aber hier gab es Hortensien in beiden Farben und von zarter Hand gefärbte Azaleen, in einem Ton, der außerhalb der CYM-Skala lag; ein ganz seltener Luxus, offenbar ein Erbe von einem reichen Fliederlila. Man sah nur wenig reines Gelb, wie uns auffiel, wahrscheinlich um die Gelben zu beschwichtigen. Sie mochten ihre Blumen lieber im Naturzustand, und da sie Ärger machen konnten, wenn man nicht auf sie einging, ließ man ihnen gewöhnlich ihren Willen. Als wir auf dem Rückweg wieder an dem Rasenstück vorbeikamen, fing die verfärbte Stelle gerade an, sich wieder in helles Grasgrün zu verwandeln, auch bekannt unter der technischen Bezeichnung 102–100–64. Rechtzeitig zu der Hochzeit würde es seine ganze Farbintensität erreichen.

Wir verließen den Colorgarten und gingen zurück zum Hauptplatz. Unterwegs kamen wir an einem Fremdgeher vorbei, der am Straßenrand hockte, eingehüllt in eine raue Decke, aus der nur die bettelnde Hand herausragte. Ich legte meine eben erworbene halbe Merite hinein, und die Gestalt nickte zum Dank. Mein Vater sah auf die Uhr.

»Ich schlage vor«, sagte er mit wenig Begeisterung in der Stimme, »dass wir uns jetzt das Kaninchen-Erlebnis antun.«

Heilen nach Zahlen

2.6.19.03.951: Ein Einwohner gilt als Purpurner, wenn die Werte der Rot- und Blau-Wahrnehmung weniger als dreißig Punkte auseinanderliegen. Bei größerer Spanne wird die Person der dominierenden Farbe zugeordnet. Eheliche Konversionsregeln behalten ihre Gültigkeit.

Der Weg zu dem Kaninchen, das wir am Ende doch nicht sehen sollten, führte uns an Zinnobers Farbengeschäft vorbei, ein Umstand, den wir bei der Planung unserer Reise nicht beachtet hatten. Hätte ich gewusst, dass NationalColor hier eine Filiale betrieb, hätte ich darauf bestanden, mindestens fünfmal betont langsam daran vorbeizuschlendern. Das Schaufenster war in gedeckten Farben dekoriert, einem synthetischen Schlüsselblumengelb und Olivgrün sowie dem Schriftzug von NationalColor in Mittelblau, so wie ich mir den Himmel vorstellte. Verlockend in Reihen arrangierte Farbeimer wurden ausgestellt, dazu kleine Tuben Pflanzencolorierer für den heimischen Garten, falls man sich keinen Anschluss an das Versorgungsnetz leisten konnte. Für Leute, die ihre eigene Farbe zur Schau stellen wollten, gab es außerdem Dosen mit Textilfärbemittel und Glasampullen mit Lebensmittelfarben, auch gerne als Partyspaß benutzt, um drohende Langeweile bei Abendgesellschaften zu vermeiden.

Ich verlangsamte mein Schritttempo, als ich an dem Farbengeschäft vorbeiging, denn ostentatives Glotzen galt als ausgesprochen niederchromatisch, und Betreten war absolut tabu, hatte ich dort doch nichts zu suchen. Einige Farben in der Auslage konnte ich gut erkennen, zum Beispiel einen spezifischen Gelbton, der häufig bei Narzissen, Zitronen, Bananen und Ginster vorkommt, aber auch noch andere, wildschwüle Blauschattierungen, die ich noch nie gesehen hatte, ein freches Blassgelb, das wer weiß was schmückt, und ein wollüstiges Mauve, das ein Kribbeln im Schritt hervorrief. Auf den Dosen las ich Bezeichnungen, die mir schon bekannt waren, Umbra, Chartreuse, Gordini, Toter Lachs, Flieder, Feldkittel, Turquoise und Aquamarin, und andere, die ich noch nie gehört hatte, Maisbart, Pfarrhaus, Jaguar, Alter Bindfaden, Chiffon und Suffield. Ein Augenschmaus. Vor dem Eingang drosselte ich mein Schritttempo noch einmal, denn der Innenraum war genauso glänzend geschmückt wie das Schaufenster, und redegewandte, farbgewiefte Verkäufer von NationalColor halfen Präfekten aus entlegenen Orten bei der Auswahl. Unsere Präfekten hatten sicher ein ganz ähnliches Geschäft aufgesucht, um einen Preis für die Terra Verte, die jetzt unser Rathaus schmückte, auszuhandeln, ebenso Mr Oxblood. Constance’ Familie war wohlhabend genug, um sich Farben in Maßanfertigung mischen zu lassen – wilde, hinreißende Etrusker- und Klein-Tönungen, die bei den jährlich stattfindenden panchromatischen Gartenfesten der Familie den Geist freisetzen und den Kortex reizen sollten.

Dann waren wir am Laden und der Farbwunderwelt vorüber, und der Besuch des Kaninchens, der uns eben noch so fantastisch erschienen war, wirkte mit einem Mal dumpf und sinnlos. Der Bahnhof lag in der Richtung, in die wir liefen, an diesem Geschäft würden wir also heute nicht noch mal vorbeikommen, wenn überhaupt je.

Plötzlich ein Schrei, eine Rangelei, ein Aufprall, noch ein Schrei, und Sekunden später lief ein NationalColor-Angesteller auf die Straße.

»Du da!«, sagte er und zeigte auf den erstbesten Grauen, den er erblickte. »Schnell! Einen Mustermann! Beeil dich!«

Es gibt Momente im Leben, da kommt einem das plötzliche Unwohlsein oder gar der Tod eines anderen Menschen gelegen. Dies war so ein Moment, denn mein Vater war ein Mustermann, und das Pech eines Fremden konnte mir hier vielleicht Zugang zu dem Farbengeschäft verschaffen, wenn auch nur für ein paar Minuten. Ich zog meinen Vater am Ärmel.

»Dad …?«

Er schüttelte den Kopf. Er fühlte sich nicht verantwortlich. Es gab genug andere Heiler in Zinnober, und wenn die Situation außer Kontrolle geriet, würde er am Ende noch schlechtes Feedback abkriegen. Ich musste mir schnell etwas einfallen lassen. Ich tippte auf mein Handgelenk, wo ich sonst eine Uhr trage, und stellte dann die Hände wie Kaninchenohren an den Schläfen auf. Mein Vater begriff sofort, machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück zu dem Farbengeschäft. Die Wahl zwischen einem schlechten Feedback und der Möglichkeit, der Besichtigung des Kaninchens zu entkommen, war für ihn keine echte Wahl. Für mich war die Sache damit gelaufen. Wir sahen uns das Letzte Kaninchen doch nicht an, und ich war auf dem besten Weg, von einem Yateveobaum verschlungen zu werden.

Kaum hatten wir das Geschäft betreten, kitzelte mich der süßliche Geruch synthetischer Farbe in der Nase. Es war ein unverkennbarer Duft, eine seltsame Mischung aus verschmorten kandierten Äpfeln, Reispudding und Mottenkugeln. Er erinnerte mich an die jährliche Erneuerung der Farbanstriche, die ich als Kind miterlebt hatte. Wir stellten uns windabwärts von den Anstreichern auf und atmeten tief durch die Nase. Der Geruch frischer Farbe war unweigerlich mit den Vorbereitungen für die Feierlichkeiten am Gründungstag verbunden und mit Renovierungsarbeiten.

»Wer sind Sie?«, fragte der Blaue Colorist, der den Grauen losgeschickt hatte und misstrauisch das Rote Farbkennzeichen meines Vaters beäugte.

»Holden Russett«, sagte Dad. »Mustermann, Klasse II, Urlaubsvertretung.«

»Gut«, lautete die schroffe Antwort. »Dann legen Sie mal los.«

Während mein Vater sich hinkniete und sich um den Patienten kümmerte, sah ich mich neugierig um. An der Wand hingen Proben aller universell sichtbaren Farbtöne der NationalColor-Skala, eine Anleitung »für den schmalen Geldbeutel«, wie man seinen Garten selbst coloriert, und ein Plakat, das für eine brandneue Farbe warb, die erst kürzlich der Großen Farbmusterpalette hinzugefügt worden war: ein Gelbton, der es ermöglichte, Bananen von Zitronen und Vanillepudding chromatisch zu unterscheiden. Es gab auch Schablonen aus Seidenpapier für Wandgemälde im Maßstab eins zu eins, mit nummerierten Umrissen zur einfachen Übertragung, und neben der Theke standen Mischtrommeln, Malerstöcke, Verdünner, Reabsorbenzien, Pinsel in allen nur erdenklichen Stärken und – für die prestigeträchtigen Großflächenarbeiten – Farbrollen. Hinter den Farbeimern erkannte ich auch den Eingang zum Magnolienzimmer, in dem Kunden vor dem Genuss eines besonders zarten Farbtons ihre persönliche visuelle Farbpalette reinigen konnten.

Dad stieß mich an, und ich kniete mich neben ihn. Der Patient war ein gut gekleideter Herr im fortgeschrittenen Alter von etwa sechzig Jahren. Er lag auf dem Bauch, den Kopf zur Seite, die Augen blickten ausdruckslos in die Ferne. Offenbar hatte er bei seinem Sturz einen blauen Farbtopf umgeworfen, denn die Angestellten waren eifrig dabei, mit Schippen und Kellen die kostbaren Pigmente vom Boden aufzunehmen und wieder in den Topf zu befördern.

Dad fragte den Mann nach seinem Namen und klappte, als er keine Antwort erhielt, rasch seinen Reisemusterkoffer auf, woraus er einen Monitor entnahm, den er an ein Ohrläppchen des Mannes anschloss.

»Halt mal seine Hand, und achte auf seine Vitalzeichen.«

Der Monitor brauchte einen Moment, um die innere Musik des Mannes aufzunehmen, dann leuchtete die mittlere Lampe auf, ohne zu blinken, was ein gutes Zeichen war. Bernstein, stabil, vielleicht war es ja doch nur eine einfache Sommerschwermut.

Dad fasste in die Brusttasche des Patienten, zog das Meritenbuch des Mannes hervor und schlug die letzte Seite auf, wo der Chromatische Wert des Inhabers eingetragen war

»Oh, Scheibenkleister!«, sagte er, in einem Ton, der nur eins bedeuten konnte.

»Purpur?«, fragte ich.

»Rot achtundsechzig, Blau einundachtzig«, bestätigte er, und pflichtbewusst notierte ich den Wert auf den Unterarm des Mannes, während mein Vater die nötige Farbdosierung in die Messbrille einwählte. Eigentlich hatte ich nicht vor, beruflich in die Fußstapfen meines Vaters zu treten, aber ich hatte mich oft genug in seiner Nähe aufgehalten, um zu wissen, was in so einer Situation getan werden musste. Die meisten in der Chromatikologie verwendeten Breitband-Heilfarbtöne wirkten zwar unabhängig von der Farbwahrnehmung des jeweiligen Patienten, für die feineren Schattierungen jedoch brauchte man Standard Vision, um auf den Kortex einzuwirken, daher der Farbausgleich über die Messbrille.

»Ist er ein Purpurner?«, wiederholte einer der Verkäufer besorgt meine Frage. Purpurne hielten zusammen, und jede Nachlässigkeit beim Versuch, das Leben eines Purpurnen zu retten, konnte schwerwiegende Konsequenzen haben.

»Zu vierundsiebzig Prozent«, bemerkte ich nach einer rasanten Kopfrechenleistung und fügte, vielleicht unnötigerweise, hinzu: »Ganz bestimmt ein Präfekt.«

Wir wälzten den Mann auf die Seite, und als die Verkäufer und Kunden das an seinem Jackettaufschlag befestigte purpurfarbene Kennzeichen sahen, wurde es still im Raum. Nur der unerwartete Todesfall eines Ultravioletten hier im Geschäft hätte ihnen mehr Kopfschmerzen bereitet. Allerdings setzte es auch meinen Vater unter Druck. Wenn er hier versagte, bekäme er nicht nur negatives Feedback, sondern müsste sich auch rechtfertigen. Kein Wunder, dass Mustermänner nur ungern auf unerwartete Hilferufe reagierten.

»Wir hätten uns lieber das Kaninchen ansehen sollen«, murmelte er und setzte dem Mann die farbausgleichende Messbrille auf die Nase. »Gib mir mal eine 35– 89 – 96er.«

Ich ging die Reihe der kleinen, runden Glasscheiben in seinem Musterkoffer durch, suchte die gewünschte aus und reichte sie ihm.

»35– 89 – 96«, wiederholte ich wie ein Profi.

»Linkes Auge achtundsechzig Komma zwei Footcandle«, sagte Dad und schob die Scheibe in den entsprechenden Schlitz des Brillengestells. Er justierte den Lichtwert auf seinem Blitzer, und ein hohes Wimmern zeigte uns an, dass sich das Gerät auflud. Sorgsam notierte ich Zeitpunkt, Code, Dosierungsmenge und »L« für linkes Auge auf der Stirn des Purpurnen, damit die nachfolgenden Heiler wussten, was verabreicht worden war. Als der Blitzer funktionsbereit war, rief mein Vater: »Deckung!«, und alle Anwesenden im Geschäft kniffen die Augen zu. Ich hörte einen Piepston, das Zeichen, dass der Blitzer das Licht durch die farbige Glasscheibe auf dem Gestell entlud und es von dort auf die Netzhaut und den visuellen Kortex des Mannes gelangte. Es war ein komisches Gefühl, an das man sich einfach nicht gewöhnen konnte. Meine erste Blitzung dieser Art war im Zusammenhang mit meiner kombinierten Ebola-Masern-H6N14-Impfung im Alter von sechs Jahren erfolgt, und für einen kurzen Moment hatte ich Musik gesehen und Farben gehört, jedenfalls war es mir damals so vorgekommen. Außerdem hatte ich den ganzen Tag über gesabbert, was normal ist, und eine Woche lang den Geruch von Brot in der Nase gehabt, was nicht normal ist.

Der Purpur-Patient zuckte zusammen, als die Farbe in sein Sehzentrum sickerte. Die Scheibe musste hellorange sein, stark genug, um einen Mann diesen Alters wieder ins Leben zurückzurufen. Wie das genau funktionierte, wusste niemand so recht. Trotz aller Verdienste um die Gesundheit des Kollektivs blieb die Chromatikologie eine unterentwickelte Wissenschaft. Meinem Vater war das weitgehend egal. Er vermischte oder erforschte die nötigen Farbtöne nicht weiter, er stellte lediglich die Diagnose und verabreichte die erforderliche Farbschattierung. Wenn mein Vater mal milde gestimmt war, nannte er diese Methode bescheiden »Heilen nach Zahlen«.

Aber außer laut zu lachen, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben – eine befremdliche, doch nicht gänzlich ungewöhnliche Reaktion –, verschlimmerte sich der Zustand des Purpurnen sogar noch.

»Bernstein, blinkend«, las ich von dem Monitor ab, der noch immer an das Ohrläppchen angeschlossen war.

»Wir verlieren ihn«, hauchte mein Vater und gab mir die 35– 89 – 96er-Scheibe zurück. »Gib mir mal eine 116 – 37 – 97er.«

Ich suchte die hellgrüne Scheibe heraus und hielt sie ihm hin. Dad behandelte jetzt das andere Auge, rief wieder »Deckung!« und schaltete den Blitzer ein. Das linke Auge des Purpurnen zuckte wie wild, und seine Vitalzeichen sackten auf Rot und Bernstein, wild blinkend. Dad bat mich um eine 342 – 94 – 98er Scheibe, um unseren Patienten wieder ins Lot zu bringen und die Wirkung der 35 – 89 – 96er umzukehren. Das wiederum hatte einen radikalen Effekt – es ging nämlich nach hinten los. Mit einem letzten Aufbäumen erloschen alle Lebenszeichen, und der Ohrenmonitor sprang auf Rot, anhaltend.

»Er ist hinüber«, sagte ich entsetzt, und allen, die zugeschaut hatten, stockte vor Schreck der Atem.

»Nach einer einzigen 342 – 94 – 98er?«, entgegnete mein Vater ungläubig. »Unmöglich!«

Dad überprüfte die Scheibe, die ich ihm herausgesucht hatte, aber sie war in Ordnung. Er wischte sich die Stirn, holte die Neunzig-Sekunden-Sanduhr aus seinem Koffer und stellte sie neben sich auf den Boden. Bei Herzstillstand braucht das Blut neunzig Sekunden, um aus der Netzhaut abzufließen. Sobald der Augentod eintritt, gibt es keine Möglichkeit mehr, Farbe in den Körper des Patienten einzugeben, es ist aus und vorbei. Das wäre schlimm, sogar sehr schlimm, nicht nur, weil unser Mann ein Purpurner war, sondern weil durch seinen verfrühten Tod seine Funktionalität nicht zur Gänze ausgeschöpft worden wäre. Und jeder, der das Planziel nicht erreichte, war eine vergeudete kommunale Investition.

Dad probierte es noch mit einigen anderen Farbtönen, schaltete wieder den Blitzer ein, doch ohne Erfolg. Dann stellte er die Behandlung ein und überlegte fieberhaft, während der Sand unerbittlich durch die Uhr rieselte.

»Alle Versuche sind fehlgeschlagen«, flüsterte er mir zu. »Irgendwas ist mir entgangen.«

Im Geschäft war es mucksmäuschenstill. Keiner wagte zu atmen. Ich schaute hoch zu den Kunden und Angestellten, aber die sahen mich nur verständnislos an, unfähig, uns beizustehen. NationalColor kümmerte sich um Deko-Farbtöne, nicht um Heil-Farbtöne. Es mischte zwar auch euphorisierende Schattierungen, um die Einwohner bei Laune zu halten, aber das geschah nur nach Absprache mit dem General-Mustermann.

Plötzlich kam mir ein verwegener Gedanke.

»Die Farbtöne schlagen deshalb nicht an«, flüsterte ich, »weil der Mann gar kein Purpurner ist!«

Dad sah mich misstrauisch an. Falschkennzeichnung kam extrem selten vor, zehntausend Meriten Strafe stand darauf, also praktisch Reboot. Da konnte man auch gleich Schluss machen und sich in den Nachtzug legen.

»Selbst wenn es stimmt«, antwortete er drängend im Flüsterton, »es würde uns auch nicht weiterhelfen. Ist er ein Roter, ein Blauer, ein Gelber? Und wie viel Farbe kann er sehen? Wir bräuchten ein halbes Jahr, um alle Kombinationen durchzuspielen.«

Ich sah wieder nach unten, auf die Hand des Mannes, die ich immer noch hielt, und erst jetzt fiel mir auf, dass die Handflächen ganz rau waren, von einem Finger fehlte das oberste Glied, und die Fingernägel waren brüchig und ungepflegt.

»Er ist ein Grauer.«

»Ein Grauer?«

Ich nickte. Dad sah erst zu mir, dann zu dem Patienten, dann zu der Sanduhr. Die letzten Körner rieselten durch die Öffnung, und ohne einen konkreten Plan, außer der Standardvariante ›Nichtstun und Hoffen‹, nahm mein Vater dem Mann das Brillengestell ab, wählte eine Scheibe aus und blitzte, nachdem er noch »Deckung!« gerufen hatte, die Farbe dem Mann direkt in die Augen. Der Effekt war umwerfend. Der Graue krampfte, sein Herzschlag setzte wieder ein, und die Anzeige am Ohrmonitor sprang zurück auf Bernstein, stabil. Nach wenigen Minuten und der Anwendung einiger sorgfältig ausgewählter Farbscheiben, auf die der Patient positiv und vor allem vorhersehbar reagierte, stabilisierte sich sein Zustand bei Grün, blinkend. Alle im Geschäft zeigten sich erleichtert und plapperten drauflos. Für die Rettung eines, wie sie meinten, so bedeutenden Einwohners, hätte sich mein Vater ja wohl ein dreifaches A-Feedback verdient und einen Kuchen-Bon obendrein. Wir ließen sie reden und wechselten nur kurz Blicke, aber mein Vater ließ noch nicht ab von dem Mann. Warum die Chance einer völligen Heilung vertun? Das Kollektiv war auf jeden einzelnen Grauen angewiesen, eigentlich sogar mehr als auf Purpurne, auch wenn das nie jemand zugegeben hätte.

Eine Frau betrat hektisch das Geschäft und kniete sich neben uns. Sie stellte sich als Miss Pink vor, Junior-Musterfrau in Zinnobers Praxis. Verwundert sah sie meinen Vater an, als sie die vielen Farbtonziffern auf der Stirn des Grauen gelesen hatte, und er erklärte ihr mit gedämpfter Stimme, dass es sich bei dem Patienten um eine Falschkennzeichnung handelte.

»Soll das ein Witz sein?«, sagte sie und schaute so nervös, als reichte allein die Nähe zu so einem schlimmen Gesetzesbrecher aus, um selbst Schuld auf sich zu laden.

»Das ist mein voller Ernst. Kennen Sie den Mann?«

»Keiner von uns«, antwortete sie, nachdem sie ihn genauer betrachtet hatte. »Wahrscheinlich ein Grauer auf dem Weg zum Reboot, der nichts zu verlieren hat. Sehen wir doch mal nach.«

Sie knöpfte das Hemd des Mannes auf, um die Postleitzahl freizulegen, doch die sauber eingeritzte Nummer war durch ein Stück frisches Narbengewebe unkenntlich gemacht worden. Der gemeine Verbrecher hatte sich nicht allein mit einer Falschkennzeichnung zufriedengegeben, er hatte auch noch versucht, seine Identität zu verschleiern.

»Sieht aus wie ein LD2«, sagte mein Vater und untersuchte das fleckige Stück Fleisch. »Aber den Rest kann ich nicht erkennen.«

Miss Pink betrachtete die linke Hand des Grauen. Die Kuppe des Mittelfingers war sauber abgetrennt worden, wodurch eine Nagelbettidentifikation unmöglich geworden war. Wer immer der Mann war, er wollte nicht, dass man es herausfand.

»Warum ist er zusammengebrochen?«, fragte Miss Pink, die angefangen hatte, ein Feedback-Formular auszufüllen, damit wir unserer Wege gehen konnten.

Dad zuckte mit den Schultern.

»Wahrscheinlich Mehltau.«

»Die Fäulnis!?«

Sie schrie es beinahe. Die höchst unerfreuliche Möglichkeit, sich mit Mehltau zu infizieren, besiegte die natürliche Neugier und die guten Manieren, und urplötzlich drängte alles in unwürdiger Eile zur Tür. Noch nie hatte ich beobachten dürfen, wie acht Menschen auf einmal versuchen, durch eine Tür zu entkommen, aber sie schafften es. Innerhalb weniger Sekunden waren wir allein.

»Wenn ich die Wahrheit sagen soll«, fing mein Vater an, der einen feinen Sinn für Humor hatte, »weiß ich gar nicht genau, was er hat. Mehltau ist es jedenfalls nicht. Ich tippe eher auf ein Aneurysma. Zur Behandlung würde ich eine Palette heller Gelbtöne empfehlen, irgendwas um Gervais herum, aber Sie sollten ihn solange bewusstlos lassen. Es sei denn«, fügte er hinzu, »es hat ihn tatsächlich der Mehltau erwischt.«

»Ja«, sagte Miss Pink nachdenklich, »diese Möglichkeit müssen wir immer in Betracht ziehen.«

Sie versank in Schweigen. Niemand sprach gerne über Mehltau.

Das Wort

2.3.02.62.228: Bei Schwüren und Züchtigungen zu verwendende, genehmigte Wörter finden sich in Anhang 4 (erlaubte Ausrufewörter). Alle anderen Sehr Schlimmen Wörter sind streng verboten. Strafe bei Nichtbefolgung liegt im Ermessen des Präfekten, maximal 100 Meriten.

Miss Pink gab Dad positives Feedback, wir wünschten ihr einen guten Tag und traten aus dem Geschäft nach draußen in die Sommerschwüle. Wir lockerten unsere Krawatten um nicht mehr als das vorgeschriebene Maß und schauten uns um. Der Platz, eben noch quirlig und laut, war jetzt totenstill – die Stadtbewohner hatten eine vierzig Meter breite Bannmeile gezogen. Nicht ungewöhnlich, aber recht überflüssig. Mehltau war erst eine Stunde nach Eintritt des Todes hoch ansteckend. Dann überzogen zarte graue Ranken die Haut des Opfers, der sich rasend schnell ausbreitende Schimmelpilz übte ungeheuren Druck auf die Lunge aus, und in einem explosiven Todeshusten entluden sich die Sporen ins Freie. Das war der Moment, in dem man Panik kriegen und aus dem nächsten Fenster springen sollte, egal in welchem Stock man gerade war und ob das Fenster geöffnet war oder nicht.

Abgesehen von Arbeitsunfällen, Plötzlichem Körperversagen, aggressiver Megafauna, Gesindel und – das sollte mich besonders betreffen – dem einen oder anderen Yateveobaum, wird noch jeder vom Mehltau dahingerafft. Er ignoriert hartnäckig alle Farbton-Schranken und trifft den stärksten Violetten wie den schwächsten Achromatischen gleichermaßen. Eines Morgens wacht man mit langen Fingernägeln und einem tauben Gefühl in den Ellbogen auf, und zur Teezeit ist man nur noch Talg und Knochenmehl. Es klingt paradox, aber obwohl mit großem Abstand Todesursache Nummer eins, sterben tatsächlich nur sehr wenige Menschen unmittelbar an Mehltau. Sobald ein Opfer die Diagnose erhält und seinen tränenüberströmten Angehörigen krächzend einen Abschiedsgruß hingehaucht hat, wird er in den nächsten Grünen Raum gebracht, wo er in einen sehr angenehmen Traumschlaf geschickt wird und von dort in den Tod. So ist es einfacher. Wenn der Hustenanfall kommt, liegt die Leiche längst sicher in einem Sack verstaut im Kühlhaus.

Wir erreichten den Rand der Bannmeile, und die Schaulustigen, die sich versammelt hatten, machten Platz, um uns durchzulassen, doch nicht ohne uns mit Fragen zu bombardieren. Dad antwortete so schwammig wie möglich. Nein, er wisse nicht, ob Mehltau bestätigt worden sei oder nicht. Ja, Miss Pink habe die Situation unter Kontrolle. Ein Reporter des Zinnober Kurier bat ihn um ein Interview. Dad lehnte zunächst ab, doch dann erwähnte der Reporter, er beliefere auch das Spectrum mit Nachrichten, worauf Dad sich bereiterklärte, ein paar Worte zu sagen. Während er beschäftigt war, sah ich mich beiläufig ein bisschen unter den Stadtbewohnern um, behielt dabei aber auch die Zeit im Auge. Es waren noch einunddreißig Minuten bis zur Abfahrt unseres Zuges, und wenn zufällig ein lahmer Gelber Verifizierungsdienst hatte und wir unseren Anschluss verpassten, konnte es passieren, dass wir noch einen Tag länger hier verbringen mussten.

Das war der Moment, in dem ich Jane zum ersten Mal sah. Natürlich wusste ich da noch nicht, dass es Jane war. Ihren Namen erfuhr ich erst im Laufe des Nachmittags, nachdem sie ihr sagenhaftes Zauberkunststück abgeliefert hatte. Normalerweise gucke ich Frauen nicht hinterher, schon gar nicht im Beisein von Constance. Bei dieser Gelegenheit aber gaffte ich geradezu. Ich war wie vom Donner gerührt, wie im siebten Himmel, hin und weg – wie immer man es nennen will. Ich weiß auch nicht, was mich überkam. Sogar jetzt noch, wenn man mich halb ersoffen aus dem Yateveo ziehen, auf einen Baumstamm setzen und mich fragen würde: »Sag mal, Eddie, was genau fandest du eigentlich so attraktiv an der Frau?«, ich würde einfach nur von ihrer perfekten, leicht nach oben gebogenen Nase schwärmen, von ihrem niedlichen Stupsnäschen, und man würde mich für verrückt erklären und kurzerhand wieder in die Yateveosuppe zurückbefördern. Vielleicht beeindruckte mich nicht das, was sie war, sondern das, was sie nicht war. Sie war nicht groß, sie war nicht gertenschlank, sie wirkte weder gelassen noch selbstsicher. Ihr Haar war mittellang und so hinten zusammengebunden, dass es die Zulässigkeitsgrenze nur knapp unterschritt. Sie hatte große, fragende Augen, die mich förmlich aufsaugten, und strahlte eine stille Wut aus, die unter der Oberfläche köchelte. Ein Zug an ihr aber war besonders auffällig, etwas Ungestümes, eine Gerissenheit, die sie wahnsinnig anziehend machte. Constance und ihre privilegierte Position waren im Nu vergessen, und ich, jedenfalls für den Moment, konnte an nichts anderes mehr denken als an diese farblose Graue in der Latzhose.

Ich suchte nach etwas Passendem, um ein Gespräch anzufangen. Ich hatte einiges auf Lager, das, je nachdem, als geistreich oder intelligent durchgehen konnte, wenn auch nicht als beides. Warum ich überhaupt mit ihr reden musste? Keine Ahnung. In einer halben Stunde wäre ich von hier weg, und sehr wahrscheinlich würde ich nie wiederkommen. Aber ein paar Worte von ihr würden meinen Tag aufhellen, ein Lächeln von ihr mich gar eine ganze Woche lang begleiten.

Ich wurde in meinen Gedanken unterbrochen. Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge. Der angebliche Purpurne wurde auf einer Bahre und nicht in einem nahtlosen Polymersack aus dem Geschäft getragen, was bedeutete, dass es sich nicht um Mehltau handelte. Das wurde mit allgemeiner Erleichterung quittiert. Nur Janes Reaktion fiel vollkommen anders aus. Sie war nicht erleichtert, sie war besorgt. Mein Herz schlug plötzlich schneller. Sie wusste, wer der Mann war – und wahrscheinlich wusste sie auch, warum er hier war. Ich ging zu ihr und legte eine Hand auf ihren Unterarm. Doch meine Berührung, obwohl ohne jeden Hintersinn, löste einen wütenden Protest aus. Jane sah mich hasserfüllt an und knurrte bedrohlich: »Wenn du mich noch einmal anfasst, breche ich dir deinen Scheißkiefer!«

Ich war perplex. Sie hatte nicht nur ein Sehr Schlimmes Wort in den Mund genommen, sie hatte auch noch einem spektral Höherstehenden körperliche Gewalt angedroht, ohne dass auch nur die geringste Provokation vorlag. Ich reagierte schlecht und spulte die standardmäßig blanke Empörung ab.

»So darfst du mit mir nicht reden!«

»Und warum nicht?«

Die Frage war so unerhört, dass sie eigentlich keiner Antwort bedurft hätte, aber ich versuchte es trotzdem.

»Zum einen weil du eine Graue bist und ich ein Roter!«

Sie trat vor, zupfte das Rote Farbkennzeichen von meinem Revers, ließ es auf die Pflastersteine fallen und fragte sarkastisch: »Darf ich dir jetzt den Kiefer brechen?«

Mir fiel die Kinnlade herunter, nicht weil die Graue sie gebrochen hatte, sondern vor Staunen angesichts von so viel Unverschämtheit. Ich hätte sie fragen sollen, wer der angebliche Purpurne war, damit hätte ich sie kalt erwischt. Doch im selben Moment rief mich mein Vater, und ich wandte mich von ihr ab. Als ich mich wieder umdrehte, war die Graue in der Menge untergetaucht.

»Was suchst du?«

»Ein Mädchen.«

»Jetzt? Wo unser Zug in einer halben Stunde abfährt? Du bist wirklich ein hoffnungsloser Optimist, Eddie.«

Unsere Postleitzahlen wurden am Bahnhof nicht verifiziert. Der diensthabende Gelbe hatte bei einem anderen Reisenden einen Verstoß gegen die Kleiderordnung ausgemacht und musste sich darum kümmern – es ging um Arbeitsschuhe bei Reise-Freizeitkleidung Nr. 3. Nachdem wir also unser Gepäck abgeholt hatten und unsere Fahrkarten kontrolliert worden waren, suchten wir uns Plätze im hinteren Teil des Waggons und ließen uns nieder. Gedankenverloren sah ich aus dem Fenster.

»Ich habe etwas für dich«, sagte mein Vater und gab mir einen verbogenen Suppenlöffel, der durch jahrhundertelangen Gebrauch ganz abgegriffen war.

»Woher hast du den?«

»Aus der Westentasche des falsch gekennzeichneten Grauen. Anstelle eines Honorars.«

»Dad!«

Er zuckte mit den Schultern.

»Du hast ihm das Leben gerettet«, sagte er. »Und außerdem hast du keinen Löffel.«

Wenn es um Löffelknappheit ging, wurden anerkannte Verhaltensregeln gern außer Kraft gesetzt. Der Mangel war so eklatant, dass der Preis für einen Löffel fast unbezahlbar hoch war und dynastische Löffelerbfolge daher von großer Bedeutung. In die Löffel wurden Postleitzahlen eingraviert, und man trug sie am Körper, um Diebstahl vorzubeugen. Sogar die Regeln für Tischmanieren, eine der acht Säulen, auf denen das Kollektiv ruhte, waren gelockert worden, und es war gestattet, seinen Tee – unerhört! – mit dem Griff einer Gabel umzurühren.

Ich steckte den Löffel kommentarlos ein, schließlich stand der falsch gekennzeichnete Graue tatsächlich in meiner Schuld, und wir warteten darauf, dass die anderen Passagiere einstiegen.

»Sag mal«, fragte ich meinen Vater, »was hat ein Grauer, der sich als Purpurner ausgibt, in einem Farbengeschäft von NationalColor in Zinnober verloren?«

»Vorsicht«, sagte mein Vater lächelnd. »Neugier ist ein Treppensturz …«

»… und der Weg hinab ist kurz«, ergänzte ich zusammen mit ihm dieses häufig gehörte Sprichwort und fügte dann hinzu: »Wenn ich erst mal Senior-Aufseher bin, zahlt sich Wissbegier aus.«

»Falls du Senior-Aufseher wirst«, korrigierte er mich. »Wir wissen nicht, ob du die nötige Rot-Wahrnehmung hast – und Constance ist auch noch nicht erobert. Und noch etwas: Die Wissbegierigen haben meistens die hässliche Angewohnheit, im Reboot zu enden, so wie der kleine Carrot. Wie hieß er doch gleich?«

»Dwayne.«

»Genau. Dwayne Carrot. Zu viele dumme Fragen. Also, sieh dich vor.«

Nach diesem reichlich allgemein gehaltenen Ratschlag nahm er das Spectrum zur Hand und fing an zu lesen. Mein Vater und ich standen uns zwar einigermaßen nahe, aber ich hatte ihm nie verraten, dass ich sehr viel mehr Rot sehen konnte, als ich zugab. Die Frage war nicht, ob ich die nötigen fünfzig Prozent hatte, um zur Chromogenzija zu gehören und Senior-Aufseher zu werden, sondern ob ich die nötigen siebzig Prozent hatte, um möglicherweise zum Roten Präfekten aufzusteigen. Insgeheim war ich ganz zuversichtlich, aber absolut sicher war ich mir nicht. Die Farbwahrnehmung ist eine bekanntermaßen subjektive Angelegenheit, und es sind die vereinten Kräfte der menschlichen Schwächen – Selbsttäuschung, Übertreibung, Betrug –, die eine realistische Einschätzung vor dem Test unmöglich machen. Erst am Morgen des Ishihara hatten alle Zweifel ein Ende. Schummeln beim Colortest war unmöglich, der Colormann ließ sich nicht bluffen. Man war, was man sah, für immer. Mit dem Ishihara entschied sich dein Leben, dein Beruf und deine soziale Stellung, und alle quälenden Unwägbarkeiten waren vorüber. Man wusste, wer man war, was man zu tun hatte, welchen Weg man ging und was von einem erwartet wurde. Im Gegenzug akzeptierte man seine Position innerhalb der Colortokratie und hielt sich streng an die Regeln. Dein Leben war vorgezeichnet. Und alles in einer Zeit, die man braucht, um ein Blech mit Scones zu backen.

Reise nach Ost-Karmin

3.9.34.59.667: Um den Zuchtbestand zu erhalten und die öffentliche Ordnung zu gewährleisten, ist es Komplementärfarben strengstens untersagt, sich zu verehelichen. (Beispiele: Orange/Blau, Rot/Grün, Gelb/Purpur.)

Wenige Minuten später, nachdem die auf Hochglanz polierte Dampflokomotive angefangen hatte, rhythmisch zischend dicke Rauchwolken auszustoßen, setzte sich der Zug langsam in Bewegung und verließ Zinnober. Ich hörte das leise Wimmern des Gyro-Stabilisators, und in der Luft lag der Geruch von heißem Öl und Holzrauch. Wir gewannen an Fahrt und legten uns leicht in die Kurve, während es vorbeiging an Rangiergleisen voller Zwillingsschienenloks, die mit dem letzten Großen Sprung Zurück vor ungefähr hundert Jahren aufgegeben worden waren.

Es gab nur einen Passagierwaggon, und der war relativ leer. Zwei Blaue Fabrikdirektoren unterhielten sich laut über die Tatsache, dass die Beschäftigung wieder mal gestiegen sei und sie daher gezwungen wären, die Arbeitszeit der Grauen zu verlängern. Eine besorgniserregende Entwicklung. Wenn erst mal alle Grauen überbeschäftigt waren, würden die Nächsthöheren auf der Skala dazu herangezogen, das Defizit auszugleichen – Rote. Zum Glück kämen zuerst die mit einer geringen Rot-Wahrnehmung dran; die Überbeschäftigung müsste schon ein gefährliches Ausmaß annehmen, ehe ich dazu verpflichtet wäre, eine Hacke in die Hand zu nehmen oder mich ans Fließband zu stellen.

Den beiden besorgten Blauen gegenüber saß ein Gelber Senior-Aufseher, der die ganze Zeit im Handbuch der Zivilen Pflichten las, und vorne im Waggon zwei Orangene in etwas übertriebenem Aufzug, die aussahen wie Wanderschausteller. Die beiden Blauen hatten sich darüber mokiert, dass die vorderen Plätze eigentlich ihnen zustünden, und die Gelben und die Grünen hatten es ihnen nachgetan. Die Orangenen hatten lediglich höflich genickt und die anderen Passagiere dazu genötigt, Plätze ohne besondere Rangordnung einzunehmen, was alle sichtlich empört hatte. Ein amüsantes Theater, aber der Nachteil war, dass die beiden etwas herrischen Grünen, denen wir bereits beim Frühstück begegnet waren, sich uns jetzt direkt gegenüber niederließen und wir unsere gegenseitige Verachtung weiter pflegen konnten.

Ich saß am Fenster und sah mir die Landschaft an, hauptsächlich, um dem hasserfüllten Blick der Grünen Frau auszuweichen, die sich bestimmt schon eine neue Schikane für mich ausdachte. Ich war noch ganz voll von dem Erlebnis mit dem merkwürdigen Grauen Mädchen, das gedroht hatte, mir den Kiefer einzuschlagen. In knappen Worten hatte sie die fein abgestimmte soziale Ordnung, das Fundament des Kollektivs, beschmutzt, diffamiert, entwertet. Merkwürdig war nur, dass jemand, der zu so einer Grobheit fähig war, so lange überlebt hatte. Für gewöhnlich wurden Störenfriede bei der halbjährlichen Überprüfung des Meritenstandes und des Feedbacks ausgesondert. Wenn das System funktioniert hätte, wäre sie längst zum Reboot verfrachtet worden, um Manieren beigebracht zu bekommen. Die Tatsache, dass sie mich nicht noch stärker gereizt hatte, sowie ihre sozialen Defizite machten sie für mich nicht nur interessanter, sondern sogar attraktiv.

»Ich glaube, ich hätte gerne eine Tasse Tee«, sagte die Grüne Frau, die vermutlich in jedem Vertreter einer niederwertigeren Farbe, der untätig herumsaß, einen Faulpelz sah. Ich ignorierte die Bemerkung, es war ja noch kein Auftrag, aber das sollte sich bald ändern. Sie stieß mich mit der Spitze ihres Schirms an und wiederholte ihren Wunsch.

»Junge? Bring mir einen Tee. Ohne Zucker. Aber mit Zitrone, falls welche da ist.«

Ich sah sie an und holte tief Luft.

»Natürlich, Madam.«

»Und einen Keks. Mit Schokolade. Und wenn’s das nicht gibt, dann ohne Schokolade.«

Im Schaffnerabteil stapelten sich Kisten mit frischem Obst, Hühnerkäfige und Handgepäck, das nicht in die Güterwagen gehörte. Der Zug war zu klein, um die Arbeitskraft eines Grauen in einem Büffettwagen zu vergeuden, daher gab es nur eine kleine Kochnische zur Selbstbedienung. Ich war nicht allein im Schaffnerabteil. Auf einem Turm aus Lederkoffern saß ein ungepflegt aussehender Mann mittleren Alters, der in seiner Standard-Gesellschaftskleidung Nr. 4 – sportliche Freizeitjacke, gestreiftes Hemd und eine lose gebundene, unscheinbare Krawatte – völlig deplatziert wirkte. Als Reisekleidung denkbar ungeeignet. Auf dem speckigen Revers klebte ein fahles Gelbes Farbkennzeichen, und auf dem Kopf fehlte nicht nur der saubere Mittelscheitel, das Haar hatte überhaupt keinen Scheitel. Ich hätte ihn gleich, als ich seinen Farbton sah, links liegen lassen sollen, doch ein Gefallener Gelber hat immer etwas unsagbar Trauriges – vielleicht deswegen, weil andere Gelbe ihn noch mehr hassen als uns. Ich zündete den Spirituskocher an und setzte den Kupferkessel auf.

»Wohin fahren Sie?«, fragte ich ihn.

»Smaragdstadt«, sagte er leise, »mit dem Nachtzug.«

Er meinte zum Reboot. Die Ankunft am Reformkolleg bei Tagesanbruch sollte einen Neuanfang symbolisieren.

»Dann sind Sie im falschen Zug«, bemerkte ich. »Der Grüne Sektor Süd befindet sich auf der anderen Seite des Kollektivs.«

»Je weiter weg, desto besser. Ich bin seit einer Woche überfällig. Sie haben nicht zufällig was zu futtern dabei, oder?«

Ich gab ihm ein Stück Kümmelkuchen aus der Küche und steckte zehn Cent in die Dose. Er verschlang das Gebäck hungrig, dann nannte er mir seinen Namen, Travis Canary aus Kobaltstadt.

»Eddie Russett«, stellte ich mich vor, »aus Jade-unter-der-Limone, Grüner Sektor West.«

»Freundschaft?«

Es war ungewöhnlich, von einem Gelben die Freundschaft angeboten zu bekommen, und normalerweise hätte ich abgelehnt. Doch irgendwie mochte ich ihn.

»Freundschaft.«

Wir gaben uns die Hand.

»Und wo fährst du hin?«, fragte er.

»Ost-Karmin. Der Mustermann dort ist überraschend in Rente gegangen, und mein Vater soll ein paar Wochen für ihn einspringen, bis sie einen Nachfolger gefunden haben.«

»Ich wollte auch mal Mustermann werden«, sagte Travis, der gedankenverloren mit dem Etikett an einer Frachtkiste mit Kakaobohnen spielte. »Leute heilen und so. Aber ich bin Sortierbüroleiter, dritte Generation, deswegen hatte ich gar keine Wahl. Warum begleitest du deinen Vater? Bist du bei ihm in der Lehre?«

»Nein«, antwortete ich. »Ich habe Bertie Magenta beim Mittagessen dazu gebracht, die Elefantennummer zu machen. Zwei Milchfontänen schossen aus seiner Nase und ergossen sich über Miss Bluebird. Ich habe mich erfolgreich auf Jux-Status herausgeredet, aber der Oberpräfekt meinte, ein bisschen Nachhilfe in Demut könnte mir nicht schaden. Bertie ist nämlich sein Sohn.«

»Haben sie dir eine Sinnlose Aufgabe gestellt?«

»Ich soll eine Stuhlzählung durchführen.«

»Hätte schlimmer kommen können«, bemerkte er grinsend.

Das stimmte. Die Ernährungsforschungseinrichtung der Zentrale hätte mich auch dazu verdonnern können, die Stuhlkonsistenz des Kollektivs zu ergründen. Wohlgemerkt, das wäre der schlimmste Fall gewesen.

Ich fand Tee und tat eine Portion in ein häuschenförmiges Tee-Ei, dann suchte ich vergeblich nach etwas Zitrone. Travis sah sich um, fasste dann in seine Tasche und holte einen silbernen Farbmusterbehälter hervor. Er klappte die Dose auf, starrte intensiv auf die darin versteckte Farbe und sagte dann: »Auch ein bisschen Limone?«

Ich überlegte kurz, ob er mich zu einem Regelverstoß verführen wollte, um mir anschließend ein paar Meriten abzupressen, aber er wirkte wie ein Geprügelter, so hungrig und verloren, dass es aufrichtig gemeint sein musste. Außerdem hatte ich seit Monaten kein Grün mehr gelinst. Mein Vater war ziemlich streng in der Beziehung, weil er meinte, Limone könnte zu stärkeren Farben führen, andererseits war er aber auch realistisch: »Wenn du den Ishihara gemacht hast«, hatte er mal zu mir gesagt, »kannst du dir angucken, was du willst. Das ist mir beigeegal.«

»Na dann los.«

Travis hielt mir die Dose hin, und als mein Blick auf die beruhigende Tönung fiel, spürte ich, wie sich meine Muskeln entspannten und meine Angst vor der Reise nach Ost-Karmin nachließ. Alles auf der Welt kam mir plötzlich lustig vor, selbst die miesen Dinge, von denen es nicht wenige gab. Constance’ Wankelmut zum einen und dass ich das sonderbare, unfreundliche Mädchen mit der Stupsnase nicht mehr wiedersehen würde. Aber ich war Grünlinsen nicht gewohnt, und plötzlich erscholl Händels Messias in meinem Kopf.

»Sachte, Freundchen«, sagte Travis und klappte die Dose wieder zu.

»Wie bitte?«, erwiderte ich. Meine Ohren waren ganz taub von der Musik.

Er lachte und erkundigte sich, ob es Schubert sei.

»Händel«, sagte ich, und als meine Hemmschwelle durch den Limone-Genuss noch weiter gesunken war: »Weswegen hat man dich zum Reboot geschickt?«

Er überlegte einen Moment, bevor er antwortete.

»Weißt du, warum Einwohner davon abgehalten werden, innerhalb des Kollektivs den Wohnort zu wechseln?«

Ich wusste, dass es Reisebeschränkungen gab, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, den Grund zu hinterfragen.

»Ich nehme an, um die Verbreitung von Mehltau und respektlosen Witzen über Purpurne zu verhindern.«

»Es soll verhindern, dass die Post im Chaos versinkt.«

»Das ist eine unsinnige Unterstellung«, erwiderte ich.

»Wirklich? Der über Jahrhunderte unregulierte Wohnortwechsel hat zu einer großen Belastung geführt. Es kann passieren, dass Briefe unendlich oft nachgesendet werden, weil die Postzustellung nicht nur deine eigenen, sondern auch die Umzüge aller deiner Vorfahren innerhalb des Kollektivs nachverfolgen muss.«

Das stimmte. Die Russetts waren erst zweimal seit ihrer Herabstufung umgezogen, deswegen erhielten wir die Post meist innerhalb von ein paar Tagen. Die altehrwürdigen und weit gereisten Oxbloods mit ihrer prestigeträchtigen Postleitzahl SW3 dagegen beanspruchten einen Siebenundachtzig-Stationen-Nachsendedienst und konnten von Glück reden, wenn sie ihre Post innerhalb von neun Wochen bekamen.

»Ein bisschen verrückt«, räumte ich ein, »aber es funktioniert doch, oder?«

»Ganz und gar nicht. Wenn du oder einer deiner Vorfahren häufiger als einmal an ein und demselben Ort gelebt habt, verweist der Nachsendedienst standardmäßig auf die vorherige Nachsendung, und das Ganze geht von vorne los. Drei Viertel aller Postdienste gehen dafür drauf, die Post zu bewegen, die in Nachsendeschleifen steckt und überhaupt nie zugestellt wird. Aber der größte Blödsinn kommt erst noch: Die Betriebsparameter der Post sind in den Regeln festgelegt und können nicht verändert werden, deswegen hat die Zentrale Privatreisen eingeschränkt, um die Postdienste zu entlasten.«

»Das ist doch Wahnsinn«, sagte ich. Das Limone hatte mir die Zunge gelockert.

»So lauten die Regeln«, sagte der Gelbe. »Und die Regeln sind unfehlbar, wie du weißt.«

Auch das stimmte. Die Worte Munsells waren die Regeln, und die Regeln waren die Worte Munsells. Sie bestimmten all unser Tun und Handeln, und sie hatten dem Kollektiv fast vier Jahrhunderte Frieden beschert. Manchmal waren sie tatsächlich absurd – die Verbannung der Zahl zwischen zweiundsiebzig und vierundsiebzig war so ein Fall, und bisher hatte noch keiner erschöpfend erklären können, warum es verboten war, Schafe zu zählen oder Akronyme zu benutzen. Aber so waren nun mal die Regeln, und vermutlich aus gutem Grund – auch wenn der nicht immer ganz ersichtlich war.

»Und wo kommst du jetzt ins Spiel?«, fragte ich.

»Ich habe früher in der Hauptsortieranlage in Kobaltstadt gearbeitet. Ich habe versucht, die Regeln zu umgehen. Ich hatte ein Schlupfloch gefunden, um die Nachsendungen an längst verstorbene Empfänger zu stoppen. Als das schiefging, habe ich eine Beschwerde an die Zentrale geschrieben. Die hat mir eine ihrer üblichen Formbriefe geschickt: ›Ihre Eingabe wird bearbeitet.‹ Nach dem sechsten Brief habe ich aufgegeben und draußen vor dem Postamt drei Tonnen unzustellbare Postsendungen angezündet.«

»Das muss ja ein irres Feuer gewesen sein.«

»Wir haben Kartoffeln in der Glut gebraten.«

»Ich habe mal eine bessere Methode fürs Schlangestehen vorgeschlagen«, sagte ich. Es war ein halbherziger Versuch, Travis zu zeigen, dass er mit seinen radikalen Tendenzen nicht allein stand. »Eine einzige Schlange beim Mittagessen, und immer der, der vorne steht, geht zum nächsten frei gewordenen Austeiler.«

»Und? Wie ist das angekommen?«

»Nicht besonders gut. Ich musste sogar dreißig Meriten Strafe wegen ›Beleidigung der schlichten Schönheit der Warteschlange‹ zahlen.«

»Du hättest deinen Vorschlag als Standardvariable registrieren lassen sollen.«

»Funktioniert das?«

Travis meinte ja. Die Prozedur der Standardvariablen war eingerichtet worden, um minimale Änderungen der Regeln zu ermöglichen. Das beste Beispiel dafür war die Regel »Jedes Kind unter zehn Jahren erhält täglich um elf Uhr vormittags ein Glas Milch und einen Klaps«, die fast zweihundert Jahre lang als Munsells Überlieferung interpretiert und wörtlich genommen worden war. Kindern wurde das Glas Milch gegeben, danach bekamen sie einen Klaps auf den Po. Erst ein mutiger Präfekt wagte es, darauf hinzuweisen, natürlich taktvoll, dass es sich hierbei wohl um einen Druckfehler handele und es eigentlich Klops statt Klaps heißen müsste. Es wurde dem Irrtum des Kopisten zugeschrieben, keineswegs der Möglichkeit, dass auch die Regeln fehlbar sein konnten. Die Variable wurde trotzdem übernommen. Ein anderes gutes Beispiel war der Zug, mit dem wir fuhren. Die Schienenbahn war mit dem Dritten Sprung Zurück verbannt worden, doch ein schlauer Reiseoffizier hatte gefordert, wenigstens eine Einschienbahn weiter zu betreiben – seitdem war die gyrostabilisierte invertierte Monoschienbahn in Gebrauch. Schlupflochkunde auf höchstem Niveau.

»Es ist nicht allgemein bekannt, aber jeder darf einen Antrag auf eine Standardvariable stellen«, erklärte Travis. »Mehr als ablehnen kann der Rat nicht.«

»Das wird er in den meisten Fällen wohl auch tun.«

»Ja, aber dann hast du dich wenigstens abgesichert.«

Ich goss den Tee auf und sah mich nach Keksen um, fand aber keine.

»Hey«, sagte Travis, dem offenbar eine Idee gekommen war. »Wie ist es denn so in Ost-Karmin?«

»Ich weiß nicht. Es liegt in den Randzonen, es muss also ziemlich wild zugehen da.«

»Hört sich doch gut an. Wer weiß. Vielleicht hat ja ein Gelber Kamerad Mitleid mit mir und erwirkt ein Pardon für mich. Hast du zufällig fünf Meriten bei dir?«

»Ja, danke.«

»Ich kaufe sie dir für zehn ab.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Du musst mir schon vertrauen.«

Neugierig gemacht, gab ich ihm den Fünfmeritenschein.

»Danke. Und jetzt verpetz mich an den Diensthabenden Gelben, wenn wir in Ost-Karmin ankommen.«

Ich willigte ein, überlegte dann kurz.

»Kann ich noch mal das Limone linsen?«

»Okay.«

Ich linste noch mal und fühlte mich gleich wieder ganz sonderbar. In meinem Überschwang erzählte ich Travis, ich würde eine Oxblood heiraten.

»Wen?«

»Constance.«

»Nie gehört.«

»Das wurde aber auch Zeit«, schimpfte die Grüne Frau, als ich mit der Tasse Tee in der Hand zurückkam. »Was hast du so lange gemacht? Getrödelt? Wie der gemeinste Graue?«

»Nein.«

»Und mein Keks? Wo ist mein Keks?«

»Es gab keine Kekse. Nicht mal ungenießbare.«

»Hm«, sagte sie, in einem Ton, als hätte man sie furchtbar gekränkt, »dann geh und hol noch einen Tee für meinen Mann, Junge.«

Ich sah zu dem Grünen Mann, der bis jetzt gar nicht auf den Gedanken gekommen war, dass er vielleicht auch eine Tasse Tee haben wollte.

»Ach!«, sagte er. »Eine gute Idee. Mit Milch und einem Stück …«

»Er geht nicht noch mal«, ließ sich mein Vater vernehmen, ohne von seinem Spectrum aufzublicken.

»Ist schon in Ordnung«, sagte ich und dachte an Travis und seine Limonendose. »Es macht mir nichts aus.«

»Nein«, sagte Dad, diesmal entschlossener. »Du bleibst hier.«

Das Grüne Paar starrte uns ungläubig an.

»Entschuldigen Sie«, sagte der Grüne Mann mit einem nervösen Lachen, »im ersten Moment dachte ich, Sie hätten gesagt, er werde nicht noch mal gehen.«

»Das haben Sie ganz richtig verstanden«, antwortete mein Vater ungerührt, noch immer nicht von seiner Lektüre aufblickend.

»Und warum, bitteschön?«, verlangte die Frau in selbstgerechter Empörung mit schriller Stimme zu wissen.

»Weil Sie das Zauberwort nicht benutzt haben.«

»Wir brauchen das Zauberwort nicht zu sagen.«

Als Roter in einem Grünen Sektor zu wohnen hatte meinem Vater die Farbe nicht sympathischer gemacht. Das Spektrum war ganz gut vertreten in Jade-unter-der-Limone, doch die Grünen dominierten, und sie setzten eine pro-Grüne Politik durch. Hinzu kam, dass mein Vater nur ein Ersatz-Mustermann war, weil ein Grüner Mustermann ihn von einer dauerhaften Anstellung verdrängt hatte. Jedenfalls hatte er genug erlebt, um sich nicht herumkommandieren zu lassen. Ich hatte ihn zuvor noch nie auf einer Reise begleitet, aber es war ziemlich aufregend, zu erleben, wie er spektral Höherstehenden die Stirn bot.

»Wenn Ihr Sohn nicht bereit oder gewillt ist, einen einfachen Auftrag zu erledigen, dann können wir den Gelben bitten, in der Sache zu vermitteln«, drohte der Mann jetzt und deutete mit einem Kopfnicken zu dem Gelben Passagier. »Es sei denn«, ergänzte er, als ihm plötzlich der Gedanke kam, er könnte einen entsetzlichen Fehler begangen haben, »ich hätte die Ehre, einem Präfekten gegenüberzusitzen.«

Mein Vater war kein Präfekt. Sein Status als Senior-Aufseher war sogar nur ehrenhalber und mit keiner Machtbefugnis verbunden. Doch er hatte etwas, was sie nicht hatten: Namensanhängsel. Er funkelte die Grünen böse an und sagte: »Darf ich mich Ihnen mit meinem vollen Namen vorstellen: Holden Russett, GdC, mit Auszeichnung.«

Nur Mitglieder der Gilde der Chromatikologen, der NationalColor-Gilde und Absolventen der Universität Smaragdstadt durften Anhängsel hinter ihren Namen führen. Es waren die einzigen Akronyme, die erlaubt waren. Nervös geworden, sahen sich die beiden Grünen an. Nicht wofür die Bezeichnung stand, machte ihnen Angst, sondern das Unheilschwangere, das damit einherging. Viele hegten die Befürchtung – von den meisten Chromatikologen bereitwillig genährt –, dass Mustermänner, die man aus irgendeinem Grund verärgert hatte, die Verursacher kurz mit einem 332 – 26 – 85er-Muster anblitzten, was spontanen Hämorrhoidenbefall auslöste. Natürlich streng verboten, doch die Androhung eines Übels war achtmal schlimmer als das Übel selbst.

Der Grüne schluckte und vollzog eine komplette Kehrtwende. »Verstehe«, sagte er. »Vielleicht waren unsere Forderungen ein wenig übereilt. Ihnen noch einen schönen Tag.«

Sie standen auf und huschten durch den Waggon davon. Ich sah meinen Vater an, schwer beeindruckt von seinem Talent, einem Farbhöherwertigen die Meinung zu sagen. Das kannte ich von ihm noch nicht, und ich war gespannt, welche Seiten ich während unseres Aufenthaltes in Ost-Karmin sonst noch an ihm kennenlernen würde. Ihn jedoch schien das alles nichts anzugehen, denn er schloss die Augen und freute sich auf ein Nickerchen.

»Machst du so etwas öfter?«, fragte ich ihn und rieb mir die Schläfen. Das Limone zeigte ihre Wirkung, kleine Explosionen in Pink erfüllten den Rand meines Gesichtsfelds.

Er zuckte kaum sichtbar mit den Schultern.

»Ab und zu. Gutes Zusammenleben zeichnet sich dadurch aus, dass man die Macht hat, jemanden zu bitten, etwas für einen zu tun, die Macht aber nicht unbedingt ausübt. Unhöflichkeit ist der Mehltau der Menschheit, Eddie.«

Es war einer von Munsells Gemeinplätzen, aber im Gegensatz zu den meisten anderen traf dieser tatsächlich zu.

Wir hielten in Persimone-am-Fluss an, wo die Orangenen ausstiegen, ein paar Blaue zustiegen und aus einem der Güterwagen vorsichtig ein Klavier gehievt wurde, während gleichzeitig anderes Frachtgut kontrolliert und aufgenommen wurde. Mit Volldampf rollten wir weiter, kamen zehn Minuten später am Abzweig Dreikamm vorbei, holperten über einige Gipfel, bogen nach rechts ab, ratterten über eine Pfahljochbrücke aus Holz und liefen in ein weites baumloses Tal ein. Hier grasten verstreut einige Herden Riesenfaultiere, Giraffen, Kudus und Sprungziegen, die aber nicht weiter Notiz von uns nahmen. Dann änderte das Gleis seine Richtung, es ging nach Norden, und wir tauchten in ein liebliches Tal von unglaublicher Schönheit. Die Route verlief entlang eines plätschernden Flusses, dessen Bett mit Felssteinen übersät war; an beiden Ufern, gesäumt von Eichen und Silberbirken, erhoben sich steile Hänge, und hoch in der Luft, über den Kalksteinklippen, kreisten Falken.

Ich sah aus dem Fenster und spähte nach etwas Rotem wie ein Rafink nach einem Eckhörnchen. Es war Hochsommer, und der üppige Willkommensgruß der ersten Orchideen war verblasst, jetzt war die Zeit der Mohnblume, des Sauerampfers und der rosa Feuernelke. Sobald sie verwelkt waren, würden uns das Löwenmaul und die Heidenelke bis zum Ende der Jahreszeit am Leben erhalten, und so hangelten wir Roten uns mit frugaler Kost an Jahreszeitenblüten durch den Frühling und den Sommer. Allerdings stumpften unsere Sinne auch bei dem kühleren Wetter gegen Jahresende nicht ab. Der Herbst, obwohl für das Auge der Orangenen und Gelben sicher besser geeignet, bereitete auch uns immer wieder ein Bouquet heller Freude, wenn die Blätter es lange genug an den Bäumen aushielten, um ihr Grün durch eine unerwartete Warmwetterperiode in Rottöne verwandeln zu lassen. Für die anderen Farben galt mehr oder weniger das Gleiche. Die Gelben genossen über das Jahr verteilt mehr Blütezeiten, die Blauen und Orangenen weniger. Die Grünen, wie sie nicht müde wurden zu betonen, hatten nur zwei chromatische Jahreszeiten, den lebenssprühenden Überfluss und den abgestorbenen Überfluss. Mir wurde langweilig, und ich fing an, im Spectrum zu blättern.

Der Inhalt der Zeitschrift war so gut wie immer derselbe, auch diesmal: ein Leitartikel, der die einfache Funktionsweise der auf Farben basierenden Wirtschaft pries, auf den Seiten zwei und drei mit Zeichnungen illustrierte Berichte über die jüngsten Schwanattacken und Todesfälle durch Blitzschlag. Danach folgten einige »Top Tipps«, wie man seine Überlebenschancen verbesserte, wenn man vom Einbruch der Dunkelheit überrascht wurde. Dann die allwöchentliche Rassige Geschichte. Es gab Listen mit den aktuellen Betriebsstörungen im Schienennetz und schließlich die Seite mit der Wilden Wissenschaftlichen Hypothese, diesmal ein Artikel, der einen Zusammenhang zwischen der erhöhten Sonnenfleckenaktivität und der ansteigenden Ausbleichrate herstellte. Einige Leser hatten Amüsante Anekdoten beigesteuert, außerdem gab es noch einen Comic, Hasenmaskottchen Gus Honeybuns Geburtstagsglückwünsche, eine Vorschau auf die Gute-Laune-Messe, und am Ende wurden die Konkurrenten für den Vierten Großen Sprung Zurück in drei Jahren vorgestellt.

Als Erstes las ich jedoch immer die Anzeigen in der Rubrik Ehewünsche. Nicht weil ich eine Partnerin außerhalb meines Heimatdorfes suchte, sondern weil sie eine gute Übersicht über die Preise auf dem hochkomplexen chromatischen Heiratsmarkt boten. Das Thema war für mich deswegen relevant, weil mein Vater eine stattliche Summe aufbringen musste, um mich mit einer Oxblood zu verheiraten.

Es gab zwei Arten von Anzeigen. Die einen stammten von Eltern, die ihre Kinder unbedingt spektralaufwärts verheiraten wollten, mit jeder Menge Meriten als Beigabe, so wie diese hier:

»W, 21 (R: 32,2 %, G: 12 %), starke Tugenden, hübsch und hilfsbereit, imponierende Feedback-Beurteilung, sucht Chromogenzija-plus Familie. 4125 Meriten und siebenundvierzig Schafe Mitgift. Lieferung verhandelbar, Annahmeverweigerung vorbehalten. Besichtigung in Ocker-in-der-Senke, PO6 5AD.«

Auf der anderen Seite die Eltern, die bereit waren, ihre Kinder spektralabwärts zu verheiraten, um möglichst viele Meriten einzuheimsen, so wie dieser windige Kandidat:

»M, Gelb, Beta (G: 54,9 %, R: 22 %), 26, allgemein positives Feedback, gesund, jedoch kein Schönling. Etwas schludrig, Liste der Tugenden auf Anfrage. Suche 8000 Meriten oder annähernd. Angebot. Jede Familie wird berücksichtigt, Möbel inklusive. Bei Unfruchtbarkeit Teilerstattung. Besichtigung in Groß-Feigwurz, CA4 6HA.«

Zufällig entdeckte ich auch eine Anzeige aus Ost-Karmin, wo wir gerade hinfuhren:

»18, weiblich, mit starkem Purpuranteil, 75 echte Tugenden, zupackend und gefällig, Ei-Bon, Feedback ausgezeichnet. Angebote nur über 6000. Demnächst verfügbar. Annahmeverweigerung ausgeschlossen. Zahlung bei Lieferung. Besichtigung unbedingt empfohlen. Ost-Karmin, LD3 6KC.«

Die Anzeige steckte voller Codes, da die Bestimmungen, was gesagt werden durfte und was nicht, sehr streng waren. »Demnächst verfügbar« hieß, dass ihre Farbwahrnehmung noch nicht geprüft worden war, ihr Ishihara aber bald bevorstand; »starker Purpuranteil« bedeutete, dass sie sehr wahrscheinlich die Fünfzigprozentmarke erreichen würde, was die Preisforderung von sechstausend rechtfertigte. Umso mehr, als sie auch schon einen Ei-Bon hatte, also jederzeit zum Mustermann gehen und sich das Ovulationsmuster zeigen lassen konnte. Für Nachwuchs wäre also gesorgt. Zwischen den Zeilen las man, dass die Eltern eine wohlhabende Purpur-Familie suchten, die kürzlich an Farbton verloren, aber die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, ihre dynastische Stellung zurückzuerobern, und eine junge gebärfähige Frau brauchte. Die angegebene Zahl der Tugenden hatte wenig zu sagen, doch »Annahmeverweigerung ausgeschlossen« sprach Bände – der Purpurne mit der dicksten Brieftasche würde die junge Dame gewinnen, da sie jeden Bewerber annehmen musste, den ihre Eltern auswählten. Entweder war sie also sehr unterwürfig, oder ihre Eltern waren Tyrannen. Die meisten berieten sich heutzutage wenigstens mit ihren Kindern, bevor sie in ihrem Namen die Mitgift aushandelten, besonders fortschrittlich denkende Eltern räumten ihnen sogar ein Vetorecht ein.

Wir ließen das Tal hinter uns, da tauchte auf der linken Seite, am anderen Flussufer, eine scheinbar erst kürzlich verlassene Stadt auf. Ratternd, ohne anzuhalten, fuhren wir vorbei, doch den Namen des Bahnhofs konnte ich gerade noch erkennen: Rostberg. Der Bahnsteig war mit Tierexkrementen und vom Wind angelandeten Erdkrumen buchstäblich übersät, und in den Ritzen zwischen den Gehwegplatten wucherten einträchtig Gras und Unkraut. Seit man den Ort preisgegeben hatte, war offenbar alles unberührt geblieben. Auf den Kantinentischen des Bahnhofs standen noch Tassen und Teller, und im Warteraum, unter einem lecken Dach, verrottete ein Stapel Lederkoffer langsam zu schwarzem Mulch. Dahinter lag die Stadt, und abgesehen davon, dass hier und da ein paar Dachziegel und Fenster fehlten, sah sie so aus, als wäre sie bis vor maximal etwa fünf Jahren noch bewohnt gewesen.

Wir rollten durch Rostbergs aufgegebenes Ackerland, vorbei an ein paar Faraday’schen Käfigen und an Feldern, die jetzt mit hohem Gras, Buschwerk, Dornensträuchern und jungen Bäumen bedeckt waren. Wildwuchs hatte sich breitgemacht, nomadische Megafauna die Steinmauern eingerissen. Selbst die Eisenstruktur des Gewächshauses war unter der doppelten Einwirkung des Wetters von außen und dem starken Pflanzenwuchs von innen zusammengebrochen, der Ast eines unbeschnittenen Apfelbaums hatte mehrere Glasscheiben durchstoßen. Ohne menschliches Eingreifen wäre die Stadt in zwanzig Jahren unrettbar verloren. An einem unbemannten Bahngatter verließen wir die Stadtgrenze von Rostberg und fuhren dann am Rand eines sehr breiten Tals entlang, durch eine öde Wildnis, nur hin und wieder aufgelockert durch Waldflächen und Rhododendron, der hier sogar in noch größeren Mengen wuchs. Unterwegs, im Vorbeifahren, fielen mir einige mehr oder weniger versteckte Verweise auf die Einstigen auf: ein langer Abschnitt einer perfekten, vollkommen glatten Fahrbahn; einige verfallene Gebäude, die dem völligen Einsturz widerstanden hatten; die Reste einer Stahlbrücke, allein auf weiter Flur, da der Fluss, den sie einst überspannt hatte, sich schon lange einen anderen Lauf gesucht hatte; und, der spektakulärste Anblick: ein Telefonhäuschen aus Eisen, von Wind und Regen zu etwas sehr Filigranem gegerbt.

Nach weiteren zwanzig Minuten tauchten wir erneut in ein tiefes Tal, überquerten den Fluss und passierten eine V-förmige Scharte in den Bergen. Und dann, als die Bäume spärlicher wurden und sich der Rauch und der Qualm vorübergehend lichteten, erhaschte ich einen ersten Blick auf Ost-Karmin: die Zwillingsschornsteine aus Backstein, das Wahrzeichen der Linoleumfabrik, ...

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