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Grantlecke

Alfred J. Schindler

Grantlecke

39 bayerische Kurzgeschichten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Grantlecke

 

39 bayerische Kurzgeschichten

von

ALFRED  J. SCHINDLER

 

INHALTSVERZEICHNIS

  1. Die Fußballwette

  2. Völlige Entspannung

  3. Geliebte Schwiegermutter

  4. Die S-Bahn-Fahrt

  5. Mein Spezial-Rennrad

  6. Das Klassentreffen

  7. Die Anhörung

  8. Unsere Jugend

  9. Das Wetter

  10. Im Stau

  11. Die Jungfernfahrt

  12. Beim Zahnarzt

  13. Beim Einkauf

  14. Unser TV-Programm

  15. Allerliebste Nachbarn

  16. Am Chinesischen Turm

  17. Auf dem Flohmarkt

  18. Beim Friseur

  19. Das Rendezvous

  20. Das Überraschungsmahl

  21. Im Krankenhaus

  22. Der Euro-Virus

  23. Der Suizidversuch

  24. Vorsicht!

  25. Der 450-Euro-Job

  26. Schlafstörungen

  27. Das Appartement

  28. Das Fliegenpärchen

  29. Selbstüberschätzung

  30. Ziehung der Lottozahlen

  31. Die lieben Autos

  32. Der ungebetene Gast

  33. Das große Warten

  34. Fünf Seiten „Nichts“

  35. Der Waldspaziergang

  36. Frau Ertl und ihr Windhund

  37. Diverse Träume

  38. Tommy, der Kater

  39. Die „Saupreußn“

01 Die Fußballwette

Heute spielen die Bayern! Ich habe auf sie gewettet! Hof­fentlich gewinnen sie auch! Aber das nehme ich wohl sehr an, denn sonst hätte ich ja nicht gewettet! Der heutige Gegner heißt Manchester United und es geht um alles! Wer holt den Titel? Die Bayern oder die Manchesteraner? Das Spiel findet um 20.45 Uhr in der neuen Arena in München statt, und ich habe mir selbstver­ständlich wieder einmal eine sündhaft teuere Eintritts­karte besorgt. Diese Begegnung muss ich sehen!

Und zwar live!

Sie müssen wissen: Ich bin ein eingeschworener Fußball­fan. Leider war es mir persönlich nicht vergönnt, selbst Fußball zu spielen, weil ich es ganz einfach nicht kann. Punkt. Sie müssten mich mal sehen, wenn ich mit unserer Nachbarjugend einen heißen Ball riskiere! Mit dem rech­ten Fuß kann ich ja überhaupt nicht schießen. Ich habe da keinerlei Gefühl. Mit dem linken Fuß geht es so einiger­maßen. Ich habe früher immer und immer wieder trainiert, aber es ist dabei leider nichts herausgekommen. Ich sage:

„Wenn man es nicht kann, soll man es gefälligst bleiben lassen!“

Also, vergesse ich es eben und überlasse es den Profis. Wenn ich wie­der auf die Welt komme, werde ich entweder Fußballprofi, Tennisprofi, Basketballprofi, Boxprofi oder auch Golfpro­fi. Vielleicht entscheide ich mich auch fürs Profirennfah­ren. Hauptsache Sportprofi! Grundschule, acht Klassen, das dürfte wohl zum Lesen und Unterzeichnen des Profi­vertrages genügen!

Ja, ja, Fußballprofi müsste man eben sein!

Wie viele Tausende andere Bun­desbürger auch, stelle ich mich schließlich wieder abends, bei strömendem Regen und Windstärke acht bei lockeren fünf Grad Celsius an die volle Abendkasse und blättere mein schwerverdientes Geld für die fast ge­schenkte Eintrittskarte hin. Man muss mir doch ins Gehirn geschissen haben! Nicht wahr?

Also, meine Frau wundert sich über mich ja auch immer wieder, wenn ich schließlich nach einem verlorenen Spiel zum wiederholten Male nachts um ein Uhr völlig durch­gefroren und pitschnass nach Hause komme. Wenn ich dann am nächsten Morgen völlig übermüdet und saugran­tig am gemeinsamen Frühstückstisch sitze, schaut sie mich nur mitleidig an und schüttelt leicht den Kopf. Ich sehe es ihr natürlich genauestens an und lästere:

„Das war das letzte Mal, dass ich ins Stadion gegangen bin! Diese Superpflaumen haben gestern doch tatsächlich in der 90. Minute das Gegentor, das zum Verlust der Par­tie geführt hat, kassiert!“

Ich bin wirklich zutiefst erzürnt, jedoch bis zum Mittags­tisch legt sich mein Ärger dann wieder etwas. Ich durch­blättere den Sportteil meiner Zeitung und lese, dass die Bayern gestern Abend sehr unglücklich verloren ha­ben. Also, wenn ich es mir recht überlege: Es stimmt. Sie hatten wirklich ein Saupech! Normalerweise hätten sie diese Partie mindestens 5:1 gewinnen müssen, wenn nicht dieser saublöde Schiedsrichter gewesen wäre. Der Typ war einwandfrei parteiisch! Vierteilen sollte man ihn, die­sen windigen und inkompetenten Mistkerl!

Zurück zu dem heutigen, aktuellen Spiel: Ich stehe in der geliebten und fast weltweit bekannten Bayernkurve, habe meinen dicken Wintermantel von Woolworth fest um mich gezurrt, damit ich nicht einfriere und freue mich auf das Spiel der Spiele. Meinen Wagen musste ich zwei Kilometer entfernt parken, da nichts mehr frei war. Macht ja nichts. Ein bisschen laufen schadet nie. Natürlich sitzt auf mei­nem halb eingefrorenen Schädel schief, wie sollte es auch anders sein, die heiß geliebte, rot-blaue Bayern-Kappe! Und ich habe zur Feier des Tages eine TOP-Wette bei Oddset abgeschlossen. Der Fall ist für mich sonnenklar: Bayern wird entweder 2:0 oder 3:0 gewinnen. Eine ganz sichere Angelegenheit! Genau diese beiden Alternativwetten habe ich im Lottogeschäft bei uns in Feldkirchen heute abgeschlossen. Wie, Sie möchten ger­ne wissen, wie viel ich investiert habe? Also, wissen Sie, bei solch einem Traumspiel lasse ich mich ja wirklich nicht lumpen! Ich habe nicht wie üblich jeweils 2,50 Euro, sondern dieses Mal 500- Euro pro Tipp gesetzt. Die Quo­ten sind seltsamerweise auch recht gut. Auf Bayern-Sieg stehen die Quoten sogar etwas höher als auf Manchester-Sieg! Ja, denken die denn, dass wir uns von ein paar links fahrenden Eng­ländern fürchten? Die kann sich aber auf was gefasst ma­chen, diese Möchtegern-Mannschaft, das kann ich Ihnen aber versichern!

Es ist soweit: Anstoß.

Schon in den ersten Minuten sieht man ganz deutlich, dass unsere Bayern-Mannschaft völlig überlegen ist. Ihr Spiel ist einfach flüssiger und aggressiver. Dann die 11. Minute: Ein Pass von Schweinsteiger quer übers Spielfeld genau auf Klose: TOR! Ha, ich habe es ja gewusst! Auf unsere Mannschaft ist eben Verlass! Hundertprozentig! Dieses Team ist einfach umwerfend! Eben unschlagbar! Ich vergesse völlig die schlechte bis hundsmiserable Wit­terung und verfolge gebannt das weitere, spannende Spiel. Die Manchesteraner holen einen Elfmeter heraus, aber unser Torwart hält! Dieser Teufelskerl aber auch! Was für ein phänomenaler Torwart! Und genau das zählt doch! Sonst nichts! Ich kann mich vor Begeisterung kaum mehr einkriegen, und dann fällt das 2:0 für die Bayern. Genau vor der Halbzeitpause. Einfach sagenhaft!

Phantastisch!

Ich gehe kurz zum Pinkeln, denn das hält keine Blase aus. Nicht mal meine! Wie ich gewettet habe? 2:0? 3:0? Beides natürlich. Wegen mir kann das Ergebnis, wie es nun ist, gerne bleiben. Genau so! Na ja, gut ein Törchen können sie ja noch schießen, aber ein Gegentor darf natürlich nicht fallen! Aber das schaffen diese Insulaner ja sowieso nicht! Da bin ich mir so ziemlich sicher. Die Bayern spielen nach wie vor überle­gen und dann, in der 88. Minute kommt Klose direkt im gegnerischen Strafraum zum Schuss. Eine Granate! Un­haltbar. Es steht 3:0! Ich habe gewonnen! Die Quote bei 3:0 steht 1:24. Der totale Wahnsinn! Ich habe tatsächlich 12.000- Euro gewonnen! Das muss ich erst einmal verdau­en!

Was mache ich mit dem vielen Geld?

Ein neuer Wagen?

Eine schöne Reise mit meiner Frau?

Oder lege ich einen Teil davon in Wertpapieren an?

Laut schreie ich durchs Stadion: „Jungs, ich könnte euch küssen! Ihr kleinen, wunderbaren Genies, ihr!“

So ganz nebenbei betrachte ich mir noch die letzte Minute des restlichen Spielgeschehens: Wie es scheint, kommen diese Engländer ja nicht einmal mehr über die Mittellinie hinaus! Es kann also nichts mehr passieren! Natürlich, war ja sonnenklar. Gerade, als ich mich umdrehen will, um das Stadion zu verlassen, der Schiedsrichter hat seine Pfeife schon in der Hand, um sie gerade zum Mund zu füh­ren, kommt ein weiter Pass von Schweinsteiger. Ein Schuss über fünfzig Meter direkt auf den rechten Fuß von Klose. Dann ein Knall: der Ball ist im Tor. Dieser gott­verdammte Scheißball!

Endstand 4:0.

Aus, alles vorbei. Ich könnte heulen. Ich könnte schreien. Das darf doch nicht wahr sein! Ich werde wahnsinnig! Ja, musste das denn sein? Haben euch denn drei Tore nicht gereicht? Immer diese grenzenlose Gier! Ich könnte diese Mannschaft in der Luft zerreißen. Wie kann man denn so kurz vor Schluss noch solch ein perfektes Tor schießen, wo doch schon alles gelaufen ist? Insbesondere meine Oddsetwette? Ich hätte den beiden Spielern vorher meinen Wettschein zeigen müssen! Vielleicht hätten sie sich dann in der Schlussphase etwas zurückgehalten! Und eine Beschwerde beim Trainer hilft ja nun auch nichts. Er würde mich höchstens auslachen. Kruzifix noch mal, jetzt reicht es mir aber mit diesen Bay­ern. Die haben mir den ganzen Abend versaut. Restlos. Und mein Konto auch. Ich zerreiße wehmütig meinen Tipp­schein mit der Doppelwette und betrachte völlig depri­miert die kleinen Fetzchen, wie sie durch die kalte Luft dahinwirbeln...

1.000- Euro Einsatz dahin...

12.000- Euro Gewinn hinweg...

Aber eines dürfen Sie mir glauben: Ab sofort gehe ich in Daglfing auf die Pferderennbahn! Denn bei diesen völlig harmlosen Pferdewetten kann ich ja auch nicht mehr ver­lieren, als bei den Bayern, oder? Und wenn ein bestimmtes Pferd, mein Superpferd, vorne ist, dann bleibt es das meist auch! Und außerdem spare ich mir ab sofort die völlig überteuerten Eintrittskarten! Sollen diese Bayern doch machen, was sie wollen!

Aber ohne mich!

02 Völlige Entspannung

Meine Frau und ich haben ja wirklich eine sehr nette Woh­nung in Feldkirchen. Sie ist nicht allzu groß - ich meine natür­lich die Wohnung - dafür ist sie aber sehr gemütlich. Am schönsten aber ist unsere heißgeliebte Terrasse mit dem großen, schönen, von Blumen umrandeten Garten. Es ist gerade Mitte Mai und ich nehme mir vor, dass ich den mor­gigen Tag ausschließlich auf der Terrasse, besser gesagt, auf der so bequemen Liege, verbringen werde. Nichts wird mich stören, nichts wird mich von meiner absoluten, wohl verdienten Ruhe ablenken!

Ich freue mich schon sehr darauf!

Es ist soweit: Montagmorgen, 09.00 Uhr. Herrlicher Son­nenschein. Völlige Ruhe. Eine Oase des Friedens und der totalen Glückseligkeit. Ich liege auf der breiten Liege und habe den großen, weißen Sonnenschirm aufgespannt, damit der heiße Planet nicht so sehr in mein Gesicht und auf den Körper brennen kann. 25 C im Schatten. Welch eine Wonne!

Ja, das ist Leben!

Ich liege vollkommen ruhig auf der neuen Liege, ihre Passform ist einfach perfekt, als es an der Wohnungstüre klingelt. Blöde Glocke, denke ich mir und schwinge mich aus meiner bequemen Position. An der Sprechanlage ist ein Postangestellter, der wissen will, ob ich für den Nach­barn, der über uns wohnt, ein Päckchen annehmen könnte, da dieser nicht zu Hause sei. Ich quittiere und nehme das Päckchen entgegen. Es ist etwa zwanzig Kilogramm schwer, und ich schleppe es keuchend ins Wohnzimmer.

Jetzt kann mich nichts mehr stören, und ich begebe mich wieder in die liegende Position. Da ich letzte Nacht etwas schlecht geschlafen habe, nicke ich sofort ein.

Gerade als ich sich der erste, wunderschöne Traum ein­stellt, (er handelt von einem großen Lottogewinn, den ich gemacht habe.) geht es los. Kurz bevor ich im Traum den dicken Scheck entge­gennehme, beginnt der Nachbar links von uns, der offen­sichtlich nichts anderes zu tun hat und dessen Rasen doch noch absolut ordentlich aussieht, mit seinem dezent klingenden Diesel-Motorrasenmäher seine Arbeit. Leicht ergrimmt stiere ich provozierend zu ihm hinüber, aber der Kerl bemerkt offensichtlich gar nicht, dass ich meine Ru­he haben will. Solch ein unsensibler Zeitgenosse, aber auch!

Nach etwa dreißig Minuten, es ist fast halb elf Uhr, stellt er sein Gerät ab. Er ist fertig mit seiner völlig nutzlosen Arbeit. Mir kann es fast egal sein. Ich nehme mir vor, dass ich es das nächste Mal umgekehrt genau so machen werde.

Rache ist süß!

Ich koche mir daraufhin eine duftende Kanne Kaffee und bereite mir einen Eiskaffee zu. Einfach köstlich!

Ja, das ist Leben!

Ich hole mir die Abendzeitung aus dem Briefkasten und lese, auf meiner äußerst bequemen Liege sitzend, ein we­nig das Neueste. Die Artikel sind wie üblich hochinter­essant und spannend zugleich.

Ich lege die Zeitung zur Seite und versuche, zu entspan-nen. Und es gelingt mir. Innerhalb von fünf Minuten kann ich meine Augen nicht mehr offen halten und liege völlig ermattet auf meiner Liege. Ich sinke sofort in tiefen Schla­f. Ich träume gerade von frischen Weißwürsten mit knusprigen Brezen und einem kühlen, frischen Weißbier, als es passiert:

Mein Handy (ich Rindvieh habe es frühmorgens gewohn­heitsmäßig eingeschaltet) klingelt wie verrückt. Meine Frau Ilse ruft an und fragt, wie es mir geht. Sie fragt des Weiteren, ob ich diese neuen, tollen Turnschuhe haben möchte, die sie in irgendeinem Geschäft in der Fußgän­gerzone gerade gesehen hat. Ich hatte sie heute Morgen, bevor sie zu ihrem Einkaufsbummel in die Stadt gefahren war, gebeten, nach solchen Schuhen Aus­schau zu halten. Ich bitte sie, mir diese Schuhe mitzu­bringen und lehne mich zurück. Das verfluchte Handy schalte ich kurzerhand aus. Sie kann ja auch am Festan­schluss anrufen, wenn sie noch irgendetwas braucht. Ich trinke meinen herrlichen Eiskaffee, der mittlerweile fast kocht, und rauche gerade eine meiner würzigen Zigaret­ten, als mich die Müdigkeit schon wieder übermannt.

Entspannt lege ich mich auf die heißgeliebte Liege und drehe mich zur Seite. Jetzt wird gepennt! Mit der Hoff­nung, dass ich nun meine Ruhe haben werde, entschlum­mere ich tief und fest.

Nach knapp einer Viertelstunde klingelt es schon wieder an der Wohnungstüre. Ich springe wie von der Tarantel gestochen hoch und eile zur Türe. Der rücksichtslose Nachbar mit dem Rasenmäher fragt mich sehr höflich, ob ich zufällig drei Eier für ihn hätte. Idiot, denke ich mir, warum kaufst du dir deine doofen Eier nicht bei Penny um die Ecke? Bist du etwa zu faul, in deinen Wagen einzu­steigen und loszufahren? Aber ich wahre die Form, des Friedens willen, und bringe ihm seine drei Eier. Ich hoffe, dass sie nicht mehr allzu frisch sind und knalle die Türe zu. Er soll es schon merken, der alte Rüpel. Flugs begebe ich mich zum Kühlschrank, werfe eine tiefgekühlte Pizza von Aldi in den Elektroherd und lege mich kurz hin. Zwan­zig Minuten braucht das Ding, bis es fertig ist.

Ich entspanne mich ein wenig und schlafe prompt ein, ob­wohl ich das gar nicht beabsichtigt habe.

Beißender Qualm reißt mich aus meinen Träumen. Ich habe soeben geträumt, dass es bei uns brennt, und ich stürze wie wahnsinnig zum Elektroherd. Die ehemals so schöne Pizza ist nur noch ein bestialisch stinkender, schwarzer Haufen.

Ja, Haufen!

Das darf doch nicht wahr sein, denke ich mir und räume zähneknirschend den Schweinestall auf. Die ehemalige Pizza fliegt in ho­hem Bogen in den Mülleimer. Dieser kippt um und die ge­samten Abfälle wie Gurkenschalen, Dosen, durchweichte Pappkartons und Essensreste der letzten zwei Tage lie­gen schön verstreut in einem bizarren Muster in der klei­nen Küche herum. Es stinkt ziemlich. Mir stinkt es auch, ganz gewaltig sogar! Ich räume alles auf, putze alles weg, und fluche leise vor mich hin. Jetzt würde ich ja allzu ger­ne ein paar Rühreier essen. Aber leider habe ich diesem rücksichtslosen Rasenfresser die letzten Eier geliehen. Ich überlege schon, ob ich sie nicht wieder zurückholen soll, entschließe mich dann aber, mir ein Fleischsalatbrot zu machen. Da kann wenigstens nichts passieren! Von wegen! Vor lauter Nervosität (mein Magen hängt mir schon fast in den zitternden Knien) fliegt mir das fertige Brot auf den Boden. Jetzt reicht es mir aber. Ich putze erneut, hole mir die Eisbombe, die noch im Tiefkühlfach liegt, und verdrücke sie komplett. Der größte Hunger ist gestillt. Jawohl!

Ja, das ist Leben!

Ich begebe mich auf meine so wunderbare Liege und ver­suche, ein wenig zu entspannen, als es in meinem Bauch zu rumoren beginnt.

„Scheiß Eis!“ Schreie ich laut über die Terrasse. „Kruzifix noch mal!“

Flugs renne ich zur Toilette und schaffe es gerade noch, mich hin zu setzen. Das war knapp, das kann ich Ihnen aber sagen! An Verstopfung leide ich jedenfalls nicht! Mit starkem Gewichtsverlust wanke ich zurück auf die Terras­se. Es ist 13.30 Uhr und es herrscht Mittagsruhe. Gesetz­lich! Ich beschließe, da ich aus mir ganz unerfindlichen Gründen sehr müde und auch geschafft bin, mich etwas hinzulegen.

Kaum schließe ich meine geröteten, brennenden Augen, als der Nachbar quer über uns, ein junger Mann, seine total abgefahrene, irrsinnige Idiotenmusik aufdreht.

„Jetzt ist es aber genug!“ Fluche ich laut und springe hoch, dass die Liege umkippt. Ich stelle mich in den Gar­ten und schreie lauthals hinauf: „Machen Sie sofort Ihre absolut blödsinnige Musik aus, oder ich komme hoch zu Ihnen!“

Ich koche.

Nein, ich koche über.

Der Student hört meine leise, zaghafte Stimme natürlich nicht, da seine sanfte Musik etwas zu laut ist. Verflucht noch mal, ich werde ihn erwürgen. Jetzt ist Mittagspause! Mittagsruhe! Ich schalte mein Handy ein, suche im Tele­fonbuch seine Festnetznummer und rufe ihn an:

„Herr Müller, drehen Sie sofort Ihre Musik leiser!“

„Ich kann Sie leider nicht verstehen! Wer sind Sie? Was wollen Sie? Moment, ich mache meine Musik etwas lei­ser.“

Er tut es tatsächlich, und dann kläre ich ihn darüber auf, dass bis 15.00 Uhr Mittagsruhe ist. Er entschuldigt sich, und das Problem ist behoben. Ich hoffe sehr für ihn, und zwar für immer! Ich bin geschafft, total geschafft. Dieser Tag ist ja der völlige Wahnsinn! Einen solchen Stress ha­be ich sonst ja nie! Hat sich denn alles gegen mich ver­schwo-ren? Wissen diese bösen Nachbarn vielleicht, dass ich gerade heute entspannen möchte? Ich weiß es beim besten Willen nicht und kann es nur vermuten. Ich beruhi­ge mich wieder etwas und überlege, ob ich es wagen kann, mich auf die Liege zu legen. Ruht auf dieser unheimlichen Liege vielleicht ein Fluch? Ein unausgesprochener Anti-Ruhe-Fluch?

Ha! Jetzt liege ich ja schon wieder auf dieser doch so herrlichen Liege und genieße die absolute Ruhe, diesen Hochgenuss völligen Friedens. Ich verbanne sämtliche unsinnige Ideen hinsichtlich schwarzer Flüche und lächle vor mich hin. Zwar leicht angesäuert, jedoch lächelnd. Prompt nicke ich ein.

Gerade, als ich von einer einsamen Insel träume, auf der ich mich befinde, und auf der ich mich sehnlichst nach Menschen und ungehemmten Trubel sehne, gibt es einen fürchterlichen Knall. Die Blumenampel meiner Nachbarin, die über uns wohnt und deren kleines Päckchen ich ent­gegengenommen hatte, liegt in tausend Scherben, um­rahmt von bunten Blümchen undefinierbarer Art, direkt neben meiner Liege. Ich bin vor Schreck seitlich herunter­gefallen und hänge neben den Blümchen. Ein Tonsplitter dieser verfluchten Ampel hängt in meinem Hintern: schmerzhaft und tief. Es kann sich hier nur um eine Ver­schwörung handeln, das wird mir langsam klar. Eine ge­meinsame, hinterhältige Verschwörung der Personen in diesem furchtbaren Haus gegen meine gequälte Person.

Die vergönnen mir meine Ruhe nicht!

Die wollen, dass wir ausziehen!

Anders kann ich mir das Ganze nicht erklären.

Ich lasse alles so, wie es ist. Es sieht ganz fürchterlich auf unserer Terrasse aus. Sie können es sich bestimmt gut vorstellen, und ich begebe mich ins Wohnzimmer. Hier kann mir nichts mehr passieren. Gar nichts! Gott sei dank.

Ich lege mich, schließlich habe ich es mir auch redlich verdient, auf die superbequeme Couch und will gerade einschlafen, als es erneut an der Wohnungstüre klingelt. Die obere Nachbarin fragt, ob ich ihr gottverdammtes Päckchen habe. Ich lächle freundlich, knirsche laut mit den Zähnen und überreiche ihr das kleine und überaus handlich-leichte Päckchen.

„Könnten Sie es mir bitte hinauftragen?

„Kann ich nicht. Leider. Ich habe es in der Bandscheibe! Und Ihren Dreck, liebe Frau Nachbarin, können Sie auch gleich wegräumen! Ach ja: Falls Sie noch einmal eine Ihrer Blumenampeln über unsere Terrasse hängen, komme ich höchstpersönlich hoch und werfe Ihnen diese durch ihre geschlossene Balkontüre. Schönen Tag noch! Und sagen Sie gleich Ihrem jungen Nachbarn, diesem Möchtegern­studenten, dass ich ihm den Hals umdrehen werde, wenn er seine Musik noch einmal so laut aufdreht. Und diesem Idioten von nebenan sagen Sie, er kann die drei Eier be­halten! Schenke ich ihm! Kann er sich als Reserve auf­heben!“

Die Dame blickt verwundert.

Ich muss mich jetzt beherrschen, sonst passiert hier noch etwas!

„Jetzt ist aber Ruhe hier in diesem Irrenhaus!“ Schreie ich ihr noch hinterher, bevor ich die Wohnungstüre zuknalle, dass die Scharniere krachen.

Das Päckchen bringt sie sowieso nicht bis hoch. Was muss sie auch solchen Mist bestellen?

Es ist mir nun völlig egal, was die Leute von mir denken und lege mich völlig entspannt auf die bequeme und wei­che Couch. Gerade, als ich einnicke, kommt meine Frau nach Hause. Es ist inzwischen 17.00 Uhr und sie sagt:

„Schatzilein, du siehst ja so entspannt und erholt aus! Hattest du einen schönen und ruhigen Tag?“

Ich knurre irgendetwas Undefinierbares, drehe mich um, ohne die neuen Turnschuhe gesehen zu haben, und fange an, tief und gleichmäßig zu schnarchen.

Ja, das ist Leben!

03 Geliebte Schwiegermutter

Meine hoch verehrte Schwiegermutter ist ja wirklich ein ganz steiler Zahn! Das kann ich Ihnen aber sagen! Und obendrein ist sie mit allen erdenklichen Wassern gewa­schen! Wie? Sie haben auch solch eine Gestalt von Schwiegermutter? Sie Ärmste/r!

Meine Ehefrau und ich lernten uns ja vor einigen Jahren in einem Kurheim in der stürmischen Rhön kennen, und als wir uns gerade ein paar Monate kannten, zogen wir in Feldkirchen bei München zusammen in eine nette kleine Wohnung.

Eines Tages offeriert mir meine Ilse, dass es doch Zeit wäre, mir ihre liebe Mutter vorzustellen. Da mein Führer­schein rein zufällig und hinterhältiger Weise aus einem mir völlig unverständlichen Grund in der Reinigung ist und wir deswegen zu diesem Zeitpunkt kein Auto haben, neh­men wir den Zug in den Odenwald. Dort „residiert“ sie nämlich, meine geschätzte Schwiegermutter. Sie, die ar­me Witwe. Ihr Mann war übrigens ein evangelischer Pfar­rer!

Wir beide steigen in den Zug der Deutschen Bahn und ma­chen es uns darin gemütlich. Da ich persönlich noch nie in meinem Leben mit einem solchen Zug gefahren bin, und die Gepflogenheiten in diesen öffentlichen Fortbewegungs­mitteln nicht so recht kenne, passiert mir folgendes: Ein Mann in Uniform – das DB-Zeichen ist auf seiner blauen Jacke wunderschön aufgestickt – kommt in unser sehr ru­higes Abteil. Ich empfinde dies als äußerst zuvorkommend und aufmerksam von ihm und frage Ilse, ob sie wohl ger­ne einen Cappuccino trinken möchte. Für mich bestelle ich bei dem Ober einen Kaffee und dazu einen kühlen Überkinger. Der Uniformierte schaut mich etwas verdutzt an, und man sieht ihm förmlich an, dass ihm so etwas noch nie in seiner doch so langen Karriere passiert ist. Er wird als Ober betrachtet! Aber woher soll ich das denn in Gottes Namen wissen? Ich bin ja in meinem bisherigen Leben ausschließ-lich mit dem Auto gefahren! Anstatt ei­nes ordinären Geldscheins gebe ich ihm kommentarlos unsere beiden Fahrkarten und er lächelt glücklich dar­über, nicht schon wieder einen der sogenannten Schwarz­fahrer erwischt zu haben. Wahrscheinlich hatte er mich vorher kurzzeitig in Verdacht.

Wer weiß?

Wir kommen in Erbach im Odenwald gesund an. Wir sind durstig und auch etwas müde und gehen zu Fuß zum Haus meiner mir noch unbekannten Schwiegermutter. Jetzt bin ich doch etwas aufgeregt, denn ich bin mir nicht sicher, ob mich die ältere Dame auch akzeptieren wird. Sie ist nämlich keine „normale“ Bürgerin, sondern ihre Eltern waren richtige Adelige! Ihr Vater war ein Graf, Strafverteidiger am Hofe des Fürsten von Soundso. So etwas Ähnliches hatte ich mir schon gedacht, als ich mei­ne liebe Ilse kennen-gelernt hatte. Sie legt nämlich meist auch einen ganz „fürstlichen“ Appetit an den Tag, wenn wir irgendwo zum Essen gehen.

Nein, Spaß beiseite.

Wir klingeln an der Haustüre des Hofes, nein, des Hauses, und PAULA, meine holde Schwiegermutter, öffnet uns, etwas theatralisch, wie ich finde. Sie lässt die schwere Eichentüre ganz langsam aufgleiten. Wie es scheint, öff­nen Adelige ihre Türen immer auf diese Art! Sie trägt ein dunkelblaues, eng anliegendes Kleid, und das in ihrem Alter! Eine etwa zehn Zentimeter lange, äußerst unauf­fällige, mit Brillianten umfasste Brosche, schmückt ihr diskretes Abendkleid. Die Brosche blendet mich im Son­nenschein, aber es ist erträglich, wenn ich die Augen zu­kneife. Vielleicht denkt die Dame, dass ich ein Augenlei­den habe, aber sie lässt sich natürlich nichts dergleichen anmerken. Absolut überlegen, kann ich nur sagen. Jeder hat sich nicht so im Griff wie sie! Ich bin nun schon mal sehr beeindruckt, denn so läuft keine Hausfrau in Deutsch­land herum – nicht eine!

Nachdem sie ihre Tochter innig gedrückt und geküsst hat – auch hier sieht man sofort, dass diese Umarmungen etwas ganz Besonderes sind, irgendwie sehr graziös und absolut professionell – reicht sie mir ihre zarte Hand. Man sieht sofort, dass sie ihr Handwerk versteht. Ich weiß mo­mentan beim besten Willen nicht, ob ich die mir darge­reichte, von Ringen übersäte Hand nun küssen, oder nur kleinbürgerlich schütteln soll. Da mir die Dame noch recht robust erscheint, entscheide ich mich für Letzteres. Viel­leicht würde sie sich auch denken, dass ich etwas ver­rückt bin, so sage ich mir, wenn ich ihre grazile Hand küs­sen würde. Ich stelle mich äußerst souverän und leicht stotternd bei ihr vor und sie bittet uns in die „Gute Stube“ hinein. Ihr erster Satz mir gegenüber lautet:

„Herr Müller, ich kann einen Fuchs machen!“

Dabei imitiert sie mit einer urkomischen Gesichtsgrimasse ein derartiges Tier. Urkomisch, finde ich. Ilse gluckst verhalten. Ich überlege: Ja, wo bin ich denn? Ich lasse mir aber nichts anmerken. Auch ich kann das, jawohl. Ich denke also, mich tritt der Huf eines mittelprächtigen Ade­ligenpferds, als ich all das sehe und höre. So leger hatte ich mir das Ganze ja wirklich nicht, nicht einmal in meinen tollkühnsten Träumen, vorgestellt!

Dieses ausgekochte Schlitzohr von Ex-Gräfin (sie hatte ja einen Bürgerlichen geheiratet und dadurch war ihr der Graf-Titel aberkannt worden) schafft es, dass ich momen­tan völlig perplex bin. Ja, das bin ich. Trotz ihres ansehn­lichen Alters von immerhin 77 Jahren sieht diese Frau nicht nur sehr gepflegt, sondern auch noch recht stabil aus. Nicht dass sie irgendwie voluminös wäre, nein, sie ist sehr schlank und irgendwie gut auf den Beinen. Da könnten sich so einige andere Leute in ihrem Alter noch mehr als eine Reihe von Scheiben abschneiden. Das kann ich Ihnen aber sagen! Ich bin also sehr angetan von mei­ner PAULA, und dies lasse ich mir auch sofort anmerken. Ich bin sozusagen schwer beeindruckt von ihr, wie ich schon anfangs erwähnte. Natürlich spreche ich sie mit „SIE“ an, ich würde sie aber auch, wenn sie es wünschte, mit „EUCH“ oder „IHR“ ansprechen. Das würde mir nicht das Geringste ausmachen. Wieso auch?

PAULA ist mir, wie bereits angedeutet, von Anfang an sympathisch. Wahrscheinlich begründet sich dies darin, dass ich gleich erkannt hatte, als ich sie kennen lernte, dass sie – wie bereits erwähnt - ein ab­solutes Schlitzohr ist, wie es im Buche steht. Ich persön­lich habe ja auch hauchdünne Ansätze zu dieser Art von Persönlichkeit.

Ja, gleich und gleich gesellt sich eben gerne!

Sie hat uns zur Feier des Tages etwas sehr Gutes ge­kocht: Rinderbraten mit Knödeln. Ja, gut, bei uns in Bay­ern isst man entweder Schweinebraten mit Knödeln oder aber Rinderbraten mit Nudeln, aber sie, unsere geschätz­te PAULA, setzt sich ganz einfach darüber hinweg.

Sie mischt.

Recht hat sie!

Ich schwitze trotzdem etwas, als wir uns beim ersten gemeinsamen Abendmahl miteinander unterhalten, denn sie versteht es ganz meisterhaft, indirekte Fragen zu stellen. Man muss sich unglaublich konzentrieren, um nichts Fal­sches von sich zu geben. Ihren hellen Augen entgeht nichts. Gar nichts. Ich spüre ganz deutlich, dass ihr nicht die geringste Veränderung in meinem Gesicht, z. B. ein leichtes Zucken oder ein geringfügiger Augen-aufschlag, ein schier unsichtbares Stirnrunzeln oder eine leichtes Wackeln mit den Ohren, entgeht. Ich transpiriere also un­auffällig vor mich hin.

Sie sieht alles, und sie weiß alles.

Und genau dies gefällt mir so sehr an ihr. Sie ist geistig voll auf der Höhe. Ich bilde mir zwischendurch sogar ein, dass sie besser auf Draht ist, als ich es selbst bin. Man kann ihr kein X für ein O vormachen.

Solche Leute liebe ich nun mal!

Nach dem gemeinsamen Essen, welches ich in den höch­sten Tönen gelobt habe, will sie mit uns beiden Romme spielen. Sie setzt voraus, dass wir dieses Spiel kennen. Wir kennen es. Gott sei Dank. Wir spielen also zu dritt „Vierzig heraus“. Das heißt, dass man vierzig Augen in Dreierreihen haben muss, um überhaupt herauslegen zu dürfen. PAULA hat beim ersten Spiel exakt 39 Augen, und sie legt sie mit einer absoluten Selbstverständlichkeit heraus, und ohne mit der Wimper zu zucken, dass ich nur staunen kann. Ich mache sie sehr vorsichtig, ja behutsam, darauf aufmerksam, dass sie 39, und nicht 40 Augen auf den Tisch gelegt hat. Vielleicht will sie aber auch nur meine Intelligenz prüfen, ob ich überhaupt bis vierzig zählen kann!

Wer weiß?

„Ach, das habe ich ja gar nicht gemerkt, mein lieber Herr Müller! Wissen Sie, ich sehe etwas schlecht!“ Ist ihre wie aus der Pistole geschossene Antwort.

Sie lässt sich nichts anmerken. Ein Pokerface in Vollen­dung. Ich kenne mich nun aus. Haargenau sogar. So also läuft das bei ihr ab. Ilse hatte mir ja schon in der Zeit zuvor so einige Dinge über ihre Mutter erzählt. Ich weiß, dass PAULA leider etwas berechnend und egoistisch ist. Dies bekomme ich übrigens später noch am eigenen Leib zu spüren.

PAULA hat die schlimme Angewohnheit, ihre Tochter zu fragen, was ich gesagt habe, wenn ich irgend­etwas sage, weil sie den bayerischen Dialekt an­geblich nicht versteht. Und sie versteht ihn anscheinend, aber nur anscheinend, noch heute nicht!

„Was hat „ER“ gesagt?“

„Was hat „ER“ gemeint?“

„Was hat „ER“ gefragt?“

Ich denke, ich bin ein nuschelnder Ausländer in meiner eigenen Heimat! Diese Art, in der zweiten Person zu spre­chen, macht mich wahnsinnig, denn erstens spreche ich in ihrer Gegenwart korrekt hochdeutsch, also nach der Schrift, was für mich persönlich mehr als anstrengend ist, und zweitens ist sie ja angeblich schwerhörig. Komisch nur, dass sie sehr leise Sätze, die sie nicht verstehen soll, versteht. Ganz genau sogar. Ich möchte ihr jedoch nichts unterstellen. Wahrscheinlich nimmt sie nur mal so zwi-schendurch von ihrem superteueren Hörgerät die Bat­terien heraus, um sie etwas aufzupolieren. Vielleicht spielt sie auch damit?

Wer weiß das alles so genau?

Als sie uns letztens in Feldkirchen besucht hat (sie hatte sich selber lediglich für drei kurze Tage bei uns einge­laden) holen wir sie selbstverständlich mit unserem herr­schaftlichen Wagen vom Hauptbahnhof ab. Sie kann ja mit der Seniorenkarte äußerst günstig fahren. Bei ihrer so geringfügigen Witwenpension kann man sie dazu nur beglückwünschen, die Ärmste. Sie springt wie ein zartes, junges Rehlein aus dem letzten Waggon des etwa zehn Kilometer langen Zuges. Sie schiebt ihren rech­ten Arm, nachdem sie meine Frau und auch mich geherzt und geküsst hat, wie dies eben bei Adligen so der Fall ist, unter meinen linken Arm und drückt mir zugleich die bei­den kleinen, leichten und absolut handlichen Köfferchen in die Hand, so dass ich leicht in die Knie gehe. Dann fragt sie mich in ihrem dunkelroten, leicht geschlitzten Abendkleid, ihren soften, mit Federn geschmückten Hut in der Hand haltend, mit schwacher, graziler Stimme, jedoch mit hoheitlichem Unterton:

„Wo steht der Wagen, Kurt?“

Ich wundere mich doch sehr, dass sie nicht nach der be­währten Kutsche fragt...

Völlig unterwürfig erkläre ich ihr mit einem leichten Beben in der Stimme, dass ich die hoheitliche Karosse leider direkt hinter dem Hauptbahnhof auf einen Parkplatz stel­len musste. Es ist von der Deutschen Bahn unsinniger­weise verboten, mit dem Auto auf dem Bahnsteig zum En­de des Zuges fahren zu dürfen. Sie, PAULA, übergeht diese, mei­ne bescheidene Erklärung, total souverän mit einem un­durchdringlichen Lächeln und schreitet – sie geht nicht wie die anderen Leute, sprich, wie das niedere Volk - siegesgewiss vor sich hin. Hat sie vielleicht ihr Hörgerät wieder nicht eingeschaltet, oder nimmt sie mich ganz ein­fach nicht ernst? Oder nimmt sie mich doch ernst? Sie sieht wie immer hervorragend aus (sie ist inzwischen sechsundachtzig Jahre alt!) in jeder Beziehung, und dann klärt sie uns gnädigerweise über den für sie so überaus wichtigen Grund ihres Besuches auf:

„Bei euch in Bayern, meine lieben Kinder, ist das Permanenz-Make-up ja nur halb so teuer wie bei uns im Odenwald!“

Sie nennt mich ihr Kind! Ich bin nun doch den Tränen nahe und unterdrücke ein ergriffenes Schluchzen.

„Du, meine liebe Ilse, wirst mir einen Termin in einer euerer Praxen besorgen. Und du, Kurt, zeigst mir die schö­ne Stadt München!“

PAULA hat nicht die überaus dumme Angewohnheit, zu fragen oder um etwas zu bitten! Nein: sie befiehlt! Und sie macht dies so gekonnt, dass man ihr unmöglich widerspre­chen kann. Sie bringt es tatsächlich so charmant herüber, dass man direkt froh sein kann, für sie etwas tun zu dür­fen. Ja, zu dürfen, denn dies, was man für sie tun darf, ist eine von ihrer adligen Hand dargereichte Gnade! Ihre Ver­wandtschaft um sie herum ist übrigens nicht ihre Ver­wandtschaft – nein – es sind alles, ausnahmslos, ihre treuen Untergebenen! Alle! Auch ihre fette Katze, und natürlich auch ich! Jawohl! Ich garantiere Ihnen: Wenn ich denselben Satz wie PAULA loslassen würde, also in die­sem generalstabsmäßigen Befehlston, würde man mir nur unverhohlen den Vogel zeigen.

Hundertprozentig!

Ja, gewusst, wie!

Trotz ihrer Allüren und ihrer äußerst bescheidenen Art (sie denkt immer nur an sich selbst) wirkt sie doch sehr sym-pathisch. Nur einmal hat sie mich auf einhundertacht­zig gebracht, als wir Drei miteinander an einem Frühlings­sonntag beim gemeinsamen Mittagessen am Feringasee waren. PAULA war wieder einmal drei Tage bei uns gewe­sen, und Ilse und ich waren etwas erschöpft ob ihrer so zurückhaltenden Anspruchshaltung. Wir hatten sie drei Tage lang nur bedient, sie herumgefahren und ihr tausend Dinge erklärt. Sie war bzw. ist neugieriger als ein fünfjäh­riges Mädchen! Und das ist für die Betroffenen ja über­haupt nicht anstrengend, wie Sie sich sicherlich gut vor­stellen können! Sie wollte also alles wissen, eben alles Erdenkliche! Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich vorher an der Volkshochschule einen Langzeitkurs als Fremdenführer absolviert hätte. Es war ihr nämlich völlig unverständlich, dass ich ihr über die Geschichte von Mün­chen nur etwa gut die Hälfte erklären konnte.

Wir Drei sitzen also ganz gemütlich in dem Speiserestau­rant beisammen, als ich sie recht laut frage:

„PAULA, wann möchtest du denn fahren?“

Wir müssen, nein wir dürfen sie ja noch zum Haupt-bahnhof bringen, da sich ihr königlicher Auftritt leider dem doch so traurigen Ende neigt. Für ein Taxi hat sie selbstverständlich kein Geld.

„Was hat „ER“ gesagt, Ilse?“

Ich denke, ich explodiere. Etwa vierzig Mal habe ich in den letzten Tagen ihre neuen, runderneuerten Augenbrauen bewundert, als sie mich viertelstündlich gefragt hatte, wie sie denn mit diesem ameisenartigen, grauen­haften Permanenz-Make-up über ihren grünen Katzenau­gen aussehe, und nun das! Das ist einmal zu viel! Ich ste­he auf, zünde mir mit zittriger Hand eine Zigarette an und schlendere geladen zum fürstlichen Wagen. Ich setze mich hinein und höre leise etwas Musik in „Bayern 1.“ Volksmusik, versteht sich, denn etwas anderes kann ich momentan beim besten Willen nicht ertragen.

Die Damen kommen. PAULA setzt sich wie selbstverständ­lich neben mich und schaltet das Radio aus. Ilse muss hinten einsteigen, und dann haut sie mir, die Königin aller Königinnen (diesen Kose­namen hat sie übrigens von mir) die Beifahrertüre derma­ßen zu, dass ich denke, mir fliegt der Kopf weg. Ich möch­te sie anschreien, was ihr einfällt, so mit unserem neuen, teueren Wagen umzugehen. Ein leichtes Ziehen an der Türe genügt ja vollkommen und es macht Plopp, aber ich reiße mich am Riemen. In einer Stunde ist sie ja weg. Schließlich, als ich sie völlig fertig frage, ob sie nun auch noch die Leopoldstraße sehen möchte, beugt sie sich nach hinten und fragt Ilse:

„Was hat „ER“ gefragt?“

Mordgedanken durchschwirren mein total überreiztes Ge­hirn. Ich gebe Gas, was ihr sehr gut gefällt, und rase mit knapp hundert Stundenkilometern Richtung Hauptbahn-hof. Die Gefahr, irgendwo geblitzt zu werden, ist mir in diesem Moment scheißegal. Die Leopoldstraße vergesse ich ge­flissentlich.

Nachdem ich nach einer Viertelstunde Suchens am Haupt­bahnhof endlich einen Parkplatz gefunden habe, bringen wir sie noch gemeinsam zu ihrem Zug. Ich trage ihre jetzt noch wesentlich schwereren Koffer und verabschiede mich höflichst. (Wahrscheinlich hat sie einige bayerische Stei­ne mitgenommen, überlege ich. Man weiß ja nie, was in solch einem hochherrschaftlichen Kopf vor sich geht.)

Sie ist enttäuscht, dass wir uns nicht mehr zu ihr in den Zug setzen, um ihre so wichtige Zeit vielleicht mit Romme etwas zu vertreiben, da der Zug ja erst in einer knappen halben Stunde abfährt. Aber ich winke innerlich ab und gehe. Sie kann einen schon fürchterlich nerven.

Wir sind beide heilfroh, dass sie endlich weg ist. Sie ist eben ein zähes altes Luder. In meinem Handy habe ich ihre Nummer unter „Queen“ abgespeichert.

„Gute Fahrt, PAULA!“

Aber trotz ihrer eigenwilligen Persönlichkeit mag ich die­se Frau doch sehr gerne. Ich kann ihr ganz einfach nicht böse sein, und ich weiß bis heute nicht,

... warum...

04 Die S-Bahn-Fahrt

Kürzlich fahre ich mit unserem Wagen von Feldkirchen im Osten von München Rich­tung Stadtzentrum. Mein Ziel ist der Münchner Hauptbahn­hof, weil ich mir dort ganz spezielle Zigarillos kaufen möchte, die ich bei uns weder in einer Tankstelle, noch in irgendeinem Kiosk kriegen kann. Dort angekommen, fahre ich das Fahrzeug frohen Mutes und mit leisem Pfeifen auf den Lippen in die Tiefgarage und löse, da ich ja sehr schnell wieder zurück sein werde, einen Parkschein für Kurzzeitparker. Den Beleg schiebe ich, da ich ein sehr ordentlicher Mensch bin, irgendwo hin, und mache mich auf den Weg nach oben. Für eine Stunde Parken verlangen die übrigens nur drei Euro, was ich persönlich für sehr günstig empfinde. Fast geschenkt! Ich gehe also hoch in die Verkaufshallen der Deutschen Bundesbahn und suche mir den ganz speziellen Verkaufsstand, an dem es meine geliebten Zigarillos gibt. Ich kaufe fünf Packungen, und dann hole ich mir noch schnell in der Bahnhofshalle einen Becher Kaffee, da ich ja noch genug Zeit habe. Schließ­lich möchte ich, da ich ein sehr sparsamer Mensch bin, keine Parkzeit verschenken, denn wer macht das schon in diesen kargen Zeiten?

 

Plötzlich bemerke ich zu meinem großen Schrecken, dass sich mein Autoschlüssel nicht mehr dort befindet, wo er immer ist: An einer langen Kette am Gürtel meiner Hose.

 

Der Schlüsselbund ist weg!

Verloren!

 

„Verfluchte Scheiße“, brülle ich lauthals und völlig ent­hemmt durch die dunkle Tiefgarage. „Was mache ich denn jetzt nur?“

 

Da ich ein sehr schnell denkender und auch entschlosse­ner Mensch bin, entscheide ich mich kurzfristig und aus dem Stegreif heraus, mit einer dieser sogenannten S-Bahnen vom Hauptbahnhof nach Feldkirchen zu fahren, um zu Hause meinen Ersatzschlüssel zu holen. Vor lauter Aufregung versäume ich, mir eine Fahrkarte zu kaufen. Im Grunde genommen ist mir dies aber auch scheißegal, denn ich bin noch nie mit solch einer S-Bahn gefahren und weiß auch gar nicht, wo es diese Fahrkarten gibt. Ich habe keinen Cent Kleingeld bei mir – nur 100- bzw. 200-Euro-Scheine, und ich werde doch nicht so verrückt sein, mir eine solch teuere Karte für diese kurze Wegstrecke zu kaufen!

 

Man muss seinen Alltag schließlich etwas würzen, ein we­nig Spannung hineinbringen. Klar! Inzwischen ist meine innere Anspannung schon sehr gestiegen, da ich mich wahnsinnig über mich selbst ärgere, weil ich nur wegen dieser scheiß Rillos nun all diesen Schlamassel am Hals habe. Zugleich überlege ich angestrengt, was eigentlich S-Bahn heißt:

 

S-chnellbahn?

S-uperbahn?

S-chienenbahn?

S-portbahn?

S-eniorenbahn?

S-ammelbahn?

S-tudentenbahn?

S-chwerbehindertenbahn?

S-ausebahn?

S–printbahn?

 

Ich weiß es nicht, und es kann mir ja auch egal sein. Hauptsache ist, dass ich schnell nach Hause komme, um den verfluchten Ersatzschlüssel zu holen. Obendrein habe ich Angst, dass vielleicht derjenige, der den Original­schlüssel findet, sich in die Tiefgarage begibt, mit der Funkfernbedienung den Wagen öffnet und damit losfährt. Ich hätte doch die Polizei einschalten sollen, aber nun ist es zu spät. Ich könnte zwar jetzt immer noch mit meinem Handy die Bullen informieren, aber sicherlich haben die für solch einen Kleinmist keine Zeit.

 

Hintereinander frage ich etwa vierzehn bis dreiundzwan­zig Leute, an welchem Bahnsteig, und in welche Richtung diese S-Bahn wohl geht. Vorher war ich noch versehent­lich in den Bereich der U-Bahnen geraten, aber man hatte mich freundlicherweise wieder nach oben geschickt. Ein kompetenter Bahnbeamter ist bei aller Anstrengung auch nicht aufzutreiben und so verlasse ich mich eben auf zwei identische Aussagen von all diesen Leuten, die ich belä­stigt hatte. Der eine, ein Farbiger, erklärte mir in perfek­tem deutsch, dass diese von mir gewünschte S-Bahn die S6 sei. Er wisse dies ganz genau, weil er in Feldkirchen eine deutsche Freundin habe, die von ihm hochschwanger sei. Die andere Person, die dasselbe aussagte, also be­züglich S-Bahn, ist eine Schülerin, die vorgibt, aus Feld­kirchen zu stammen. Sie sagt bei jedem zweiten Wort „Al­ter“ zu mir, was ich jedoch lächelnd wegstecke. Die Faust zuckt jedoch in meiner rechten Hosentasche unmerklich. Sie muss wahrscheinlich mit geübtem Kennerblick sofort erkannt haben, dass ich tatsächlich schon Großvater bin. Schließlich, der Wagen parkt inzwischen schon ca. zwei Stunden in der dunklen Tiefgarage, steige ich zu meiner Jungfernfahrt in die S6 ein. Ich bekomme tatsächlich noch zwischen ein paar Schülern einen so genannten „Platz“. Ich wundere mich, wie bequem diese Sitze doch sind. Wahrscheinlich sitze ich hier „Erster Klasse“, ohne dies eigentlich gewollt zu haben. Ich frage die drei Schüler höflich und auch freundlich, ob wir hier wohl in der Ersten Klasse sitzen würden. Schallendes Gelächter dringt in mein Ohr, dass ich tatsächlich denke, ich sei im falschen Film.

 

„Meine Herren“, sage ich zu den Dreien, „warum lachen Sie denn so?“

 

Sie schauen mich wie einen minderbemittelten Hofnarren aus dem 15. Jahrhundert an und fangen schon wieder an, vor lauter Lachen zu brüllen:

 

„Erster Klasse, keucht der eine, „was für ein herrlicher Witz!“

„Ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie uns verarschen?“ Fragt mich der Zweite.

 

Der Dritte hält sich zuerst diskret zurück, weil ihm erstens vor lauter Lachen die Tränen in der Hose stehen und zwei­tens, weil er überhaupt keine Luft mehr kriegt. Dann gibt er von sich:

 

„Wir befinden uns in der Economy-Class, gu­ter Mann!“

„Entschuldigen Sie“, entgegne ich höflich „ich habe ja nur gefragt!“

Der erste Sprecher raunt seinem Nachbarn zu: „Der wäre wohl besser in die S5 eingestiegen, was?“

 

Ich habe diese Aussage ganz deutlich gehört, und frage ihn, wohin denn diese S5 ginge.

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