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Grandios Gescheitert

BERND INGMAR GUTBERLET

GRANDIOS
GESCHEITERT

MISSLUNGENE PROJEKTE
DER MENSCHHEITSGESCHICHTE

Mit Zeichnungen
von Krisztina Bradeanu

INHALT

VORWORT

Wie eine Verwandlung zum Reinsten:
DIE HERSTELLUNG VON GOLD

Wie eine unvollendete Symphonie:
DIE KATHEDRALE VON BEAUVAIS

Wie ein Ballett gegen die Schwerkraft:
DIE WASSERKUNST VON TOLEDO

Wie ein Symbol der Zeitenwende:
DER FRANZÖSISCHE REVOLUTIONSKALENDER

Wie ein Beitrag zur Weltverbesserung:
LUDWIG ZAMENHOFS ESPERANTO

Wie ein Weltenneubaumeister:
HERMAN SÖRGELS »ATLANTROPA«

Wie ein monströser Eingriff in die Schöpfung:
DIE KREUZUNG VON AFFE UND MENSCH

Wie eine Zähmung des Urwalds:
HENRY FORDS »FORDLANDIA«

Wie ein rasender Triumph:
HITLERS BREITSPURBAHN

Wie der Aufschwung per Knopfdruck:
DIE KYBERNETIK

Wie eine Revolution gegen die Natur:
DIE UMKEHRUNG DER SIBIRISCHEN FLÜSSE

Wie ein Schluck gegen die Grausamkeit:
DIE AUSROTTUNG DER KINDERLÄHMUNG

LITERATURHINWEISE

VORWORT

Das moderne Ideal des Fortschritts hat den Menschen nicht durch seine gesamte Geschichte begleitet, aber der Drang, seine Fähigkeiten zur Anwendung zu bringen und die Welt um sich herum zu gestalten, gehört zu seinem Wesen. Doch schon früh entstellten Größenwahn, Megalomanismus und Überheblichkeit diesen eigentlich höchst förderlichen Aspekt des Menschseins. Das Paradebeispiel des Abendlandes für menschliche Hybris ist bis heute der Turmbau zu Babel, von dem im elften Kapitel des ersten biblischen Buches Genesis berichtet wird. Die Menschen fordern ihren Gott heraus, indem sie den Bau eines mächtigen Turms anstreben, der himmelhoch wachsen soll. Damit der Mensch dem Himmel und damit dem Göttlichen aber nicht allzu nahe kommt, sendet Gott die Sprachverwirrung unter die Menschen, damit der Mangel an Verständnis untereinander das Projekt zu Fall bringt.

Die Geschichte vom gescheiterten Turmbau zu Babel soll dem Menschen vor Augen führen, dass er seine Fähigkeiten nicht dazu besitzt, über alles Maß hinweg die eigene Selbstübersteigerung zu betreiben. Dieses biblische Scheitern ist der drastische Hinweis darauf, dass nicht alles gut und zulässig ist, was machbar oder wünschenswert erscheint. Vielleicht ist der alttestamentliche Turmbau zu Babel nach der Sintflut der bekannteste biblische Topos, schon weil er über alle Zeiten hinweg auf doppelte Weise überzeugt: Der Drang des Menschen nach immer neuen Wagnissen und Rekorden ist bis heute nahezu ungebrochen, das biblische Turmmotiv weist also unzählige Entsprechungen auf. Und die Frage, was zu weit geht, wann der Mensch sein Können zähmen und seinen Drang nach neuen Höchstleistungen zügeln sollte, ist aktuell wie eh und je. Auch wenn es in unserer Zeit weniger um gottgleiche Anmaßung geht wie in der Bibel, und mehr um die Frage, wann der Bogen überspannt ist und die stolzen Fähigkeiten nicht mehr Gutes tun, sondern mindestens nachteilig oder zweifelhaft sind – wenn sie nicht gar die Lebensgrundlagen von Mensch und Natur gefährden und damit den Planeten insgesamt aufs Spiel setzen.

Das Scheitern hat viele Gesichter. Dieses Buch versammelt eine illustre Reihe von Projekten durch die Jahrhunderte, deren Umsetzung auf die eine oder andere Art fehlschlug. Inhaltlich ist die Bandbreite groß und reicht vom jahrhundertelangen Traum der Goldherstellung bis zum Glauben an die universelle Heilkraft einer Wissenschaft; von technizistischen Schwelgereien bis zum honorigen Streben nach Weltverbesserung. Die Urheber der Vorhaben wurden von unterschiedlichen Motiven getrieben: Sie reichen von Überzeugung und Idealismus bis zu Allmachtsfantasien, von allzu zuversicht­lichem Machbarkeitsglauben über bloße egomanische Profilierungssucht bis zu übersteigerter Technikeuphorie. Die zwölf Projekte sind ebenso verschieden voneinander wie ihr Inhalt und der Grund ihres Scheiterns. Sie führen uns nach Südamerika und Sibirien, nach Chile und Kastilien, in die stalinistische Sowjetunion und ins nationalsozialistische Deutschland, ins Frankreich des Mittelalters und der Revolutionsjahre, an die Gestade des Mittelmeeres, in den Regenwald des Amazonas und ins Innere Afrikas.

Einige Projekte sind so übersteigert oder vermessen, dass man bei aller Faszination ihr Scheitern nur begrüßen kann; das Misslingen anderer mag man bedauern. Aber sie sind auch in ihrem Planungsstand und dem Stand ihrer Erforschung verschieden: Manche sind in der Planung weit gediehen, ohne je den Punkt erreicht zu haben, wo die Umsetzung wirklich begonnen hätte. Mit anderen wurde tatsächlich begonnen, ohne dass rückblickend zu klären wäre, wie sie nach Fertigstellung wirklich ausgesehen hätten.

Die Arbeit an diesem Buch, das sich auf die Erkenntnisse ungezählter Forscherkollegen gründet, ergab, wie viel schwieriger das Erzählen vom Scheitern ist als das von stolzen Höchstleistungen und Erfolgen: Durch die Geschichte schenkten Chronisten dem Misslingen viel weniger Aufmerksamkeit als dem Gelingen. Das ist natürlich menschlich, aber auch bedauerlich. Denn das Scheitern ist ja nicht weniger menschlich, und Triumph und Fehlschlag gehören zueinander. Anmaßung und Übertreibung halten ihre Lehren für die Nachgeborenen bereit – und zwar in besonderem Maße für uns Menschen des 21. Jahrhunderts, die wir vor großen Herausforderungen stehen, um unseren fragilen Planeten und das Projekt Menschheit nicht in existenzielle Gefahr zu bringen.

 

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Wie eine Verwandlung zum Reinsten
DIE HERSTELLUNG VON GOLD

Seitdem zum ersten Mal ein Mensch auf Gold stieß, ist das Edelmetall heiß begehrt. Es war möglicherweise sogar das erste Metall überhaupt, das der Mensch entdeckt hat, vermutlich vor über 6.000 Jahren. Die ältesten Goldartefakte stammen von der bulgarischen Schwarzmeerküste und wurden auf die Zeit zwischen 4400 und 3900 v. Chr. datiert. Seine herausragende Stellung unter den Metallen behauptete das Gold aber auch dann noch, als andere hinzukamen, denn es galt als reinstes der Edelmetalle und erlangte mythische Bedeutung: als Symbol alles Himmlischen und damit Göttlichen, für Sonne und Licht. Ob die Inka Südamerikas, die Ägypter, die Babylonier oder die Chinesen – alle belegten das seltene Material mit besonderer Bedeutung. Dazu gehört, dass es hymnisch besungen und sein Ursprung vorzugsweise mit den Göttern in Verbindung gebracht wurde. Gegenteilige Ansichten gab es ebenfalls – wegen der Habgier, die die Kostbarkeit des Metalls auslöste. Schon im 1. Jahrhundert n. Chr. wünschte sich der Universalgelehrte Plinius der Ältere, das Gold möge aus dem Leben entfernt werden, und rund neunzehn Jahrhunderte später nannte es der Ökonom John Maynard Keynes »ein barbarisches Metall«.

Farbe, Unvergänglichkeit, Seltenheit und stoffliche Eigenschaften – es ist weich, das dehnbarste Metall überhaupt und somit gut zu verarbeiten – machten es zu einem teuren Material, das für Schmuck verwendet wurde und schließlich für Geld. Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. stellte man Legierungen mit Silber und Kupfer her, um das Edelmetall härter zu machen. Seit seiner Entdeckung wurden schätzungsweise 100.000 bis 120.000 Tonnen Gold gefördert und verarbeitet, jährlich kommen bis zu 2.500 Tonnen hinzu. Zusammen ergäbe das einen hübsch glänzenden Würfel von gut 20 Meter Kantenlänge. Allerdings ist unser Planet mit Gold nicht gerade reich gesegnet: In 1.000 Tonnen Erdkruste lassen sich gerade einmal drei bis fünf Gramm des edlen Stoffes finden, 1.000 Tonnen Meerwasser enthalten sogar nur ungefähr ein Gramm.

Die ersten Goldmünzen werden dem lydischen König Kroisos zugeschrieben, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte und bis heute als Inbegriff sagenhaften Reichtums gilt. Gold- und Silberwährungen erwiesen sich als Erfolgsgeschichte – bis vor wenigen Jahrzehnten noch war beispielsweise der US-Dollar eine Goldwährung: Für das in Umlauf befindliche Papiergeld lagerte die entsprechende Menge Gold im legendären Fort Knox im Bundesstaat Kentucky. Der Goldstandard ist aus der Mode gekommen, was in Zeiten staatlicher Schuldenkrisen bedauerlich erscheint. Angesichts verfallender Währungen und abstürzender Börsenkurse fliehen Anleger in das vermeintlich sichere Edelmetall, dessen Wert dann zwar schwindelerregende Höhen erklimmt wie zuletzt im globalen Börsentaumel 2011, aber natürlich auch wieder ins Bodenlose fallen kann.

Da Gold so kostbar war, dauerte es nicht lange, bis Fälschungen angeboten wurden und Falschmünzerei zum Problem wurde. Dabei handelte es sich meist um Legierungen, also Mischungen von Gold mit einem anderen Metall, denen man die Zugabe von Fremdstoffen nicht sofort ansah. Gleichzeitig kamen aber auch Ersatzstoffe auf den Markt, die gar kein Gold enthielten, beispielsweise die Kupfer-Zink-Legierung Messing, die schon seit dem 2. vorchristlichen Jahrtausend Verwendung fand. Wer auf sie als vermeintliches Gold hereinfiel, bescherte dem Fälscher einen guten Ertrag. Aber natürlich wurden Stoffe wie Messing auch ganz redlich als Ersatzstoffe angeboten. Über viele Jahrhunderte, in vielen Kulturen waren für die Streckung von Gold oder gar seine Herstellung aus einem anderen Stoff die Alchemisten zuständig.

Alchemie – Vorläufer der modernen Chemie

Die Alchemie ist eine sehr alte Disziplin, der der Name Wissenschaft aus moderner Sicht nicht zusteht. Ebenso wenig aber hat sie verdient, als ausschließlich okkult, abwegig und betrügerisch verunglimpft zu werden. Auch hier hat üble Nachrede sich als historisch beständig erwiesen, hinzu kommt die enorme Halbwertszeit übertrieben sensationslüsterner Vorstellungen. Von einem streng rationalistischen modernen Standpunkt aus gesehen, weisen Religion und Alchemie denselben Ursprung auf: den Drang nach Erklärungen angesichts fehlender wissenschaftlicher Grundlagen, von denen wir heute profitieren können. Zu den Errungenschaften der modernen Wissenschaften war es ein langer Weg, beginnend mit dem ersten Menschen, der »Warum?« fragte und nach Antworten suchte. Auf diesem Weg ist aus der Alchemie schließlich die moderne Chemie hervorgegangen – so wie die Astronomie als »exakte Wissenschaft« die Astrologie als durchaus verdienstvolle Vorläuferin hat. Auf Grundlage des Wissens, das ihnen zur Verfügung stand, befassten sich die Alchemisten mit den in der Natur vorkommenden Stoffen und ihren Eigenschaften. Dazu gehörte die Verwandlung dieser Stoffe – auch der einfachen Metalle, deren Transformation in ein Edelmetall man für möglich hielt. Selbst die über Jahrhunderte größte intellektuelle Kapazität, der griechische Philosoph Aristoteles, bestätigte mit seinen Erklärungen über die Beschaffenheit der Natur die Möglichkeit, Stoffe in andere zu verwandeln. Auf ihn konnte man sich berufen mit der Auffassung, alles in der Natur strebe nach Perfektion, denn das schloss auch Stoffe ein, die wir für tot befinden, darunter Metalle. Folglich schien auch die Herstellung von Gold als einen Versuch wert, weil es nach Wissen und Überzeugung der Zeit durchaus vorstellbar war. Wer also aus Eisen Gold machen wollte, suchte nach einem Stoff, der bei diesem Prozess ein bisschen nachhalf.

Insgesamt war die Bandbreite alchemistischer Betätigung groß: Sie reichte von der Destillierung reiner Substanzen und dem Ausprobieren neuer chemischer Verfahren über die Herstellung und Erprobung von Arzneien bis zur Umwandlung profaner Stoffe in Edelmetalle. Auch die Zusammensetzung der Akteure wies eine große Bandbreite auf, von verschrobenen Außenseitern bis zu gewieften Propagandisten in eigener Sache, von armen Kirchenmäusen bis zu hoch bezahlten Experten an Fürstenhöfen. Manche strebten uneigennützig nach Erkenntnissen, andere witterten das große Geld, manche waren krude Esoteriker und Mystiker, andere messerscharfe Analytiker und nur einen Schritt vom abstrakt denkenden Wissenschaftler entfernt. Als durchaus praktisch ausgerichtete Disziplin war für die Alchemisten die Anwendung ihrer Erkenntnisse immer allgegenwärtig – sei es zur Herstellung von Arzneien oder von begehrten Edelmetallen und Edelsteinen. Alchemie ist aber auch eine theoretische und spekulative Profession. Und eine philosophische: Ernsthafte Alchemisten betrieben ihre durchaus anspruchsvollen Naturstudien auch mit dem Ziel der Vervollkommnung der eigenen Seele.

Für die Menschen des Altertums, des Mittelalters und eines Teils der Neuzeit besaß Alchemie einen Sinn, auch wenn uns das aus heutiger Sicht als völlig abwegig erscheinen mag. Aber ihnen standen nun einmal weniger Gewissheiten zur Verfügung, und sie bekamen weniger Antworten auf dieselben Fragen nach den Mechanismen von Natur und Kosmos, die uns bis heute beschäftigen. Wir modernen, westlich geprägten Menschen dagegen wissen uns in einer in jeder Hinsicht aufgeklärten Zeit, in der nicht nur das Individuum alte Fesseln abgestreift hat und das Leben bequem und vergnüglich wurde, sondern fleißige Wissenschaftler die Welt und was sie zusammenhält ganz überwiegend enträtselt haben. Wenn wir einmal davon absehen, dass Enträtselung auch Entzauberung bedeutet und dass die modernen Errungenschaften dem menschlichen Seelenleben nicht nur Gutes tun: Wir verlassen uns doch recht bequem auf die Erkenntnisse anderer, auch wenn wir uns ehrlicherweise eingestehen müssten, dass wir Quantenlehre, Relativitätstheorie und Elektronenphysik ebenso wenig verstehen wie die Transmutationslehre der Alchemisten. Letztere hat nur eben ausgedient. Zweifellos gab es allerlei zweifelhafte Unternehmungen in der Alchemie, aber die stellen nur einen Teil der Geschichte dieser protowissenschaftlichen Disziplin dar – ganz abgesehen davon, dass abwegige Versuche und absonderliche Verfahren in der Geschichte der Menschheit mitunter zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt haben.

Wer noch im 16. oder 17. Jahrhundert, kurz vor und während der sogenannten wissenschaftlichen Revolution, sich als Alchemist betätigte, konnte sich zu den eifrigsten Naturforschern zählen. Und so wie die Naturwissenschaft Chemie aus der Alchemie hervorging, unternahmen einige der herausragenden Figuren der wissenschaftlichen Revolution alchemistische Experimente, darunter der Urvater der modernen Physik Isaac Newton und einer der Mitbegründer der modernen Chemie, Robert Boyle. Ein weiterer Alchemist, dem durchaus ein Platz im Pantheon der Wissenschaften zusteht, gehört ebenfalls zu den Begründern der modernen Chemie: der Hallenser Andreas Libavius, der an den Universitäten in Wittenberg und Jena studierte und später in Basel, Jena und Rothenburg ob der Tauber wirkte. Sein Werk Alchemia aus dem Jahr 1597 gilt als erstes systematisches Lehrbuch der Chemie – aber es enthält auch eine Stelle, in der der Professor die Transmutation beschreibt, also die Herstellung von Gold oder Silber. Darüber hinaus spricht Libavius von der Beschaffenheit des Steins der Weisen und ergeht sich in Schriftmystik.

Alchemie wurde in verschiedenen Kulturen praktiziert; sowohl in China und Indien als auch im alten Ägypten und der hellenistischen Welt befassten sich Gelehrte mit ihrer Theorie und Praxis. Ob sich dies unabhängig voneinander vollzog oder Lehren und Vorstellungen durch kulturellen Austausch weitergegeben wurden, ist eine strittige Frage. Für die arabische Alchemie und die des lateinischen Mittelalters lieferte Aristoteles das Lehrgebäude von der Beschaffenheit der Natur. Er sah als unteilbare Grundstoffe der Natur vier Elemente am Werk: Feuer, Wasser, Erde und Luft, die jeweils zweien der Qualitäten warm und kalt, trocken und feucht zugeordnet waren. Dazu gesellt sich die Urmaterie, die weder Form noch Eigenschaften besitzt. Die Elemente lassen sich ineinander umwandeln, dabei muss eine der Qualitäten sich verändern: Feuchtes Wasser beispielsweise wird dann zur trockenen Luft. Den Alchemisten galt diese Vier-Elemente-Theorie als Beleg dafür, dass die Transmutation eines Metalls in ein anderes möglich sein musste. Die griechische Metallkunde zählte sieben Metalle, die jeweils einem der fünf damals bekannten (weil mit bloßem Auge erkennbaren) Planeten plus Sonne und Mond zugeordnet wurden. Die Zuordnungen veränderten sich ebenso wie das, was unter die Metalle gezählt wurde, aber stets wurde Silber mit dem Mond – und Gold, natürlich, mit der Sonne assoziiert. Nach damaliger Auffassung waren Gold und Silber vollendet, bestanden aber wie die anderen Metalle aus zwei Grundstoffen: Schwefel und Quecksilber, Letzteres vorherrschend beim Silber, Ersteres beim Gold. Da war es eben noch ein weiter Weg bis zum Periodensystem, mit dem heutige Chemielehrer ihre Schüler traktieren und das in Gruppe 11 mit der Ordnungszahl 79 und unter dem Symbol Au das Gold als eigenes Element führt, während Schwefel oder Quecksilber eigenständige Elemente mit anderen Eigenschaften sind.

Das westeuropäische Mittelalter erfuhr von der Alchemie indirekt über die Araber; Zentren der Vermittlung waren das islamisch beherrschte Sizilien und Spanien, dort vor allem die Übersetzerschule von Toledo. Ein Großteil des antiken Wissens war nach dem Untergang des Römischen Reiches für das lateinische Europa verloren gegangen, zu groß waren der Bruch und die Erschütterungen im Zeitenwandel der Völkerwanderung. Der Islam bewahrte das reiche Wissen der Antike und gab es, mit tatkräftiger Unterstützung der europäischen jüdischen Kultur, seit der Wende zum 12. Jahrhundert n. Chr. an das christliche Mittelalter weiter. Bereits 1144 veröffentlichte der in Spanien wirkende Engländer Robert von Chester das älteste der als Übersetzung aus dem Arabischen bekannten Werke zur Alchemie des Römers Morienus. Um 1200 übersetzte Alfredus Anglicus – Alfred der Engländer – einen rund zwei Jahrhunderte alten arabischen Text, der dem persischen Arzt und Gelehrten ibn Sina, latinisiert Avicenna, zugeschrieben wurde. Er wurde zu einer der grundlegenden theoretischen Schriften zum Thema Metallherstellung und -umwandlung, basierend auf der Naturtheorie des Aristoteles. Umso mehr Interesse die Alchemie fand, traten neben die Übersetzung antiker Werke zum Thema nunmehr auch zeitgenössische Texte. Einige Bücher fanden weite Verbreitung, mitunter weil sie die Autorenschaft berühmter Autoritäten reklamierten, wenngleich eine solche gar nicht bestand.

Diese Verbreitung und Fortentwicklung alchemistischer Lehren im Allgemeinen und von der Möglichkeit, aus unedlen Metallen Gold oder Silber herzustellen, im Besonderen bildete die eine Bedingung für den Aufschwung der alchemistischen Praxis. Das Interesse des mittelalterlichen Europa an dieser Kunst bedingten aber ebenso die Zeitumstände: Im 13. Jahrhundert wuchs angesichts eines bemerkenswerten kulturellen wie wirtschaftlichen Aufschwungs die Bedeutung von Metallen, sodass man damit zu experimentieren begann und Alchemisten wichtige Beiträge für die Fortschritte in der Metallurgie leisteten. In krisenhaften Zeiten wie dem 14. Jahrhundert wiederum stieg mit der Not ihres Wertes wegen das Interesse an den Edelmetallen – und gleichzeitig auch die Anfälligkeit der Menschen, auf betrügerische Machenschaften hereinzufallen. In den Jahrzehnten vor 1300 war der Goldpreis in die Höhe geschnellt, das Edelmetall rar geworden und entsprechend begehrt.

Kochrezepte zur Goldherstellung

Die Transmutation von Metallen als eines der großen Ziele der Alchemisten – und für viele die anzustrebende Vollendung ihres Alchemistenlebens – führte seit den ersten Übersetzungen aus dem Arabischen zu reichem Schrifttum. Was die Alchemisten darüber kundtaten, ist aus mehrerlei Gründen schwer zu verstehen: Sie verrätselten oder verklausulierten ihre Rezepte, um aus dem Geheimnisvollen Autorität zu beziehen und zu verschleiern, dass sie im Nebel herumstocherten. Außerdem sollte das Wissen geheim bleiben, weshalb man es so verschlüsseln musste, dass es nur in den richtigen Händen Anwendung finden konnte. Auf moderne Leser wirken zudem die häufig vorkommenden religiösen Konnotationen zweifelhaft – und natürlich steht uns unser Wissen im Weg, dass all diese Rezepte niemals erfolgreich gewesen sein können. Das heißt aber nicht, dass Vorführungen der Goldherstellung für Zuschauer unbefriedigend ausgegangen wären. Betrügerische Alchemisten scheuten sich nicht, das Experiment so zu arrangieren, dass am Ende zumindest ein wenig Glanz im Spiel war, der aber nicht notwendigerweise von echtem Gold stammte – und definitiv nicht von Gold, das in diesem Experiment hergestellt worden wäre.

Das dafür in zahlreichen Rezepten angebotene und von Augenzeugen im Alchemistenlabor berichtete Verfahren war zugleich ein chemischer und metallurgischer Prozess. Da die Herstellung von Gold nie gelingen konnte, fallen die Rezepte höchst unterschiedlich aus und lassen sich nicht befolgen wie ein simples Kochrezept. Für das Experimentieren mit der Transmutation von Metallen bedurfte es neben einiger Kenntnis chemischer Prozesse und Stoffe auch eines gut bestückten Labors mit den entsprechenden Gerätschaften. Dazu gehörte allen voran der Glaskolben, dessen Transparenz erlaubte, die Farbänderungen zu verfolgen, die im Prozess der Goldwerdung eine wichtige Rolle spielten. In der hochfahrenden Symbolik der Alchemisten stand der Laborkolben für das Ei oder die Gebärmutter. Unerlässlich waren leistungsfähige Öfen, deren Temperaturen jederzeit stimmen mussten, auch wenn bis zum 17. Jahrhundert noch kein Thermometer zur Verfügung stand.

Die kryptischen Arbeitsanweisungen und vagen Angaben hinsichtlich der Zutaten und des Prozedere bildeten aber nicht das einzige Hindernis; auch die richtige Zeit und Dauer musste beachtet werden. Manche Autoren folgten dem Wochenrhythmus, da laut Bibel die Welt in sieben Tagen erschaffen worden war. Andere machten den Ablauf eines Jahreszyklus mit seinen Jahreszeiten zur Bedingung oder zogen Tierkreiszeichen und ihre Perioden heran. Wieder andere griffen auf die neun Monate zwischen Empfängnis und Geburt zurück.

Von großer Bedeutung war stets die Person des Alchemisten, der genügend Tugenden in sich vereinen musste, um zum Erfolg zu gelangen. Die Größe des Vorhabens bedingte natürlich schon aus Prestigegründen einen kleinen, exklusiven Club von Menschen, die überhaupt dafür in Frage kamen. Chinesische Alchemisten standen darüber hinaus vor einem Problem, das die Möglichkeiten stark einschränkte: Einer Schrift zufolge musste der Adept vor der Transmutation hundert Tage lang fasten, dafür auf einen »berühmten hohen Berg« gehen und sein Werk nur vor zwei bis drei Zuschauern vollziehen. Außerdem könne man, so hieß es, die Kunst nicht aus Büchern lernen, sondern müsse von denen persönlich instruiert werden, die sie bereits beherrschen.

Eine oft genannte Voraussetzung war die Keuschheit – damals ohnehin eine beliebte Forderung an die zur besonderen Tat Entschlossenen. Und im frühen 14. Jahrhundert betonte der Arzt und Alchemist Petrus Bonus aus dem norditalienischen Ferrara, es brauche neben den handwerklichen Grundlagen den Glauben, um das große Werk der Transmutation zu stemmen. Ohne göttliche Erleuchtung sei der Stein der Weisen nicht zu finden. So wie der Mensch erlöst werden müsse, um zu Höherem aufzusteigen, durchlaufe auch das einfache Metall eine Art Erlösung zum Höheren in der Transformation zum Edelmetall. Insofern ließen sich Parallelen ziehen zwischen dem dumpfen irdischen Dasein des Menschen und dem plumpen Klumpen Blei, das sich durch Transmutation ebenso veredeln lässt wie der Alchemist eine höhere Stufe des Wissens und Bewusstseins erreichen soll.

Das A und O der Goldherstellung war eine Art Katalysator – die Substanz, die aus dem schnöden Blei blitzgelbes Gold zu zaubern vermochte. Dieser besondere Stoff wurde mal als Elixier (aqua vitae), mal als Stein der Weisen (lapis philosophorum), mal als »die Tinktur« bezeichnet; mal versuchte man ihn aus Vitriol, mal aus Salpeter, mal aus Quecksilber zu gewinnen. Die Alchemisten unterschieden das kleine und das große Werk (opus parvum und opus magnum) zur Herstellung eines weißen Elixiers, um Silber herzustellen, beziehungsweise des roten Steins der Weisen zur Produktion von Gold. Beim Stein der Weisen musste es sich aber keineswegs um einen gesteinsartigen Stoff handeln, meist ging es auch da um eine Flüssigkeit.

Schon in den frühesten bekannten Texten zur Alchemie aus dem Ägypten der hellenistischen Zeit ist von einem Pulver die Rede, das unedle Metalle zu Gold machen könne und bereits »Stein der Philosophen« genannt wird, aber kein Stein sein muss. Er wurde auch mit Decknamen wie Salamander, Basilisk oder Chamäleon belegt. Über die Jahrhunderte kristallisierten sich trotz aller Varietäten und Geheimniskrämerei ein paar Eigenschaften des Stoffes heraus: In festem Zustand von hoher Dichte, sollte er sich pulverisieren oder schmelzen, aber nicht verbrennen oder verdampfen lassen. Der Alchemist Ortulanus beschreibt ihn wie folgt: »Es wird ein roter, klarer, fließender, schmelzender und im Feuer beständiger, färbender und verwandelnder Stein entstehen, der den Merkur [Quecksilber] und jeden festen und weichen Körper durchdringt und zu wahrer goldmachender Substanz färbt, der jeden menschlichen Körper von aller Schwachheit reinigt und in der Gesundheit erhält, das Glas hämmerbar macht und die Edelsteine tiefrot färbt wie Karfunkel.« Es versteht sich, dass ein solches Stöffchen, das Blei in Gold zu verwandeln vermag, bedenkenlos auch für andere große Aufgaben in Frage kam. Unsterblichkeit gehörte selbstverständlich dazu.

Eine einflussreiche Kapazität auf dem Gebiet der Transmutations-Alchemie, ein anonymer Autor, der unter Bezug auf einen arabischen Alchemisten mit Dschãbir oder Geber zeichnete, unterschied Ende des 13. Jahrhunderts drei Ausführungen des Steins der Weisen: Die erste erlaubt nur eine vorübergehende Transformation, die zweite verändert nur eine einzige Eigenschaft des unedlen Ausgangsstoffes, die dritte hingegen macht daraus in jeder Hinsicht reines Gold. Dass das Unterfangen aber jeden noch so fähigen und ausdauernden Menschen auf eine harte Probe stellt, weiß auch Geber: »Der Forscher soll ein ruhiges Temperament haben und nicht leicht zornig werden, damit er nicht plötzlich einen Wutanfall bekommt und seine angefangene Arbeit in eine Ecke wirft und zerstört.«

Zum Ziel sollte man in mehreren Stufen gelangen. Meist spielte dabei eine Abfolge von Farben, die hinter dem Glas des Laborkolbens zu beobachten waren, eine wichtige Rolle: schwarz, weiß, gelb und rot, der sogenannte Pfauenschwanz. Oft sind es im Ganzen sieben Schritte, mitunter auch zwölf, seltener achtzehn. Je weiter man mit diesem Prozess vorankam, desto undurchsichtiger wurden die Arbeitsanweisungen. Zunächst ging es um die Beschaffung der notwendigen Grundsubstanzen und ihre Präparation in einem verschlossenen Kolbengefäß. Ein bunter Strauß an Ausgangsstoffen sollte da zur Anwendung kommen, am häufigsten aber Gold und Quecksilber, die in ihren Urzustand versetzt werden mussten, um als Baustein des Steins der Weisen zu dienen.

Folgende Schritte waren in wechselnder Reihenfolge zu tun: Solution (Verflüssigung), chemische oder physikalische Kalzination (Pulverisierung), Putrefaktion (Verfaulung), Fermentation (Gärung) und Koagulation (Verfestigung), dann die Multiplikation des Steins der Weisen, um die transmutierende Wirkung zu verstärken und eine gewünschte Menge Goldes herzustellen. Sodann folgte der Höhepunkt: die Projektion, in der die Substanz in das unedle Material eingebracht wird, um sich in Gold zu verwandeln. Dafür wurde meistens das unedle Metall in einem Tiegel geschmolzen (oder Quecksilber zum Sieden gebracht) und eine kleine Menge des Steins der Weisen hinzugegeben. Daraufhin entstand, so die Vorstellung, innerhalb weniger Minuten Gold – wenn der Adept alles richtig gemacht hatte. Dem angeblichen Alchemisten und Leibarzt der Könige von Aragon Arnald de Villanova wurde die mutige Prophezeiung zugeschrieben: »Wenn alles Meerwasser warmes Quecksilber wäre oder geschmolzenes unedles Metall und wenn ein wenig dieser Medizin daraufgeworfen würde, würde alles Wasser zu Gold oder Silber werden.« Arnald war allerdings ein scharfer Gegner der Alchemisten, die trotzdem seine Autorität nutzten und unter seinem Namen veröffentlichten.

Ein englischer Alchemist namens George Starkey, der Mitte des 17. Jahrhunderts wirkte, wurde unter dem Pseudonym Eirenäus Philalethes berühmt. Ihm als einem der wenigen sei es gelungen, das Geheimnis der Transmutation zu lüften, glaubten viele seiner Anhänger. Starkey amüsierte sich über all die Alchemisten, die mit Blut, Kot oder Urin hantierten, um den Stein der Weisen herzustellen. Er propagierte in Anlehnung an ältere Lehren Quecksilber, das mit dem Halbmetall Antimon und mit Silber amalgamiert werden müsse.

Hohn und Spott für Alchemisten

Alchemisten wurden seit dem Mittelalter verhöhnt und verspottet. Das schlechte Image der Alchemisten bis in unsere Tage hängt unter anderem mit dem Versuch der Goldgewinnung zusammen und den beredt beklagten Betrügern, die mit der Aussicht auf reichen Erlös und angesichts vorzeigbarer Erfolge der Augenwischerei am Glaskolben mehr Aufmerksamkeit zuwandten als der tatsächlichen Herstellung von Gold. Allen Alchemisten dürfte gemein sein, dass ihre Tätigkeit im Labor den einfachen Zeitgenossen überwiegend suspekt bis gotteslästerlich erschien, zumal die chemischen Experimente Assoziationen von der gefürchteten Hölle weckten.

In jedem Fall war das Hantieren am Feuer und mit geschmolzenem Metall gefährlich. Ende des 14. Jahrhunderts tritt in Geoffrey Chaucers Canterbury Tales ein fahrender Alchemist auf, dessen Diener sein Los beklagt: »Mein Aug’ ist von der Arbeit blöd und matt. Da seht ihr, was man vom Goldmachen hat. Die Trugkunst hat so nackt mich ausgezogen, dass ich um all mein Hab und Gut betrogen.« Und der Goldmacher selbst klingt in der Beschreibung Chaucers alles andere als sympathisch: »Man kann ihn kennen, wo er geht und steht, da der Geruch von Schwefel ihn verrät. Er stinkt vor aller Welt wie eine Geiß, es ist ein Duft, so bockig und so heiß, dass, ist er eine Meile fern von dir, doch der Geruch dich ansteckt, glaube mir.« Ein Jahrhundert später zählt ein spottlustiger Sebastian Brant in seinem Narrenschiff die Alche­misten zu den betrügerischen Narren: »Damit ich nicht vergess hierbei, den großen B’schiss der Alchimei. Die macht das Silber, Gold aufgahn, das vorher in das Stöcklein getan.« Das verweist auf die Praxis betrügerischer Goldmacher, zu irgendeinem Zeitpunkt des alchemistischen Schauspiels namens Transmutation vom Publikum unbemerkt ein wenig Gold ins Spiel zu bringen, das dann am Ende als vermeintliches Neugold stolz präsentiert werden konnte.

Es war vor allem die ihr offenbar anhaftende Betrügerei, die überall da die Autoritäten auf den Plan rief, wo Alchemie praktiziert wurde. In China erließ ein Kaiser der Han-Dynastie, Jingdi, bereits 144 v. Chr. ein Verbot solcherart Betätigung mit der Begründung, dass durch den Versuch des Unmög­lichen die Alchemisten allzu viel Zeit und Geld verlieren und schließlich zu Betrügern werden. Wer auf frischer Tat beim Goldfälschen erwischt wurde, sollte öffentlich hingerichtet werden. Ein erstes europäisches Alchemieverbot erließ im Jahr 303 n. Chr. der römische Kaiser Diokletian, der auch gleich die zugehörigen Schriften verbrennen ließ. 1317 verdammte Papst Johannes XXII. die Alchemie in seiner Bulle »Spondent quas non exhibent« – sie versprechen, was sie nicht vorweisen. Das Ziel der »armseligen Alchemisten«, Gold herzustellen, sei inakzeptabel. Erstens widersprächen sich die Alchemisten untereinander, weshalb ihre Kunst keine Wissenschaft sein könne. Zweitens hätten sie zum Ziel, was in der Natur nicht vorkomme, weshalb sie gotteslästerlicherweise die Naturgesetze in Zweifel zögen. Und schließlich täuschten sie, weil sie gefälschte Metalle als echt verkauften und abwegige und widersprüchliche Lehren verbreiteten. »Um solche Praktiken für alle Zeiten zu verbannen, setzen wir durch diese Verordnung fest, dass jeder, der Gold und Silber dieser Art herstellt, (…) zur Strafe so viel Gold oder Silber zum Wohl der Armen zu zahlen hat, wie alchemistisches Metall vorhanden ist.« Wer aus dem falschen Gold gar Münzen schlug und in Umlauf brachte, sollte »all seinen Besitz verlieren und zeitlebens als ehrlos gelten«. Allerdings zielten Verbote zumeist auf Betrüger ab, seltener auf die Alchemie als solche.

Zuvor schon hatten Ordensversammlungen der Franziskaner und Dominikaner, damals in Glauben und Wissenschaft die maßgeblichen Autoritäten, ihren Mitgliedern alchemistische Betätigung strengstens untersagt und das Verbot immer wieder bestätigt – was im Umkehrschluss bedeutet, dass es immer wieder Verstöße gegen das Verbot gab und man sich daher genötigt sah, es zu wiederholen. Gegen entsprechende Verlockungen war auch die Geistlichkeit keineswegs gefeit.

Im Unterschied zu den obersten Kircheninstanzen interessierten sich zahlreiche Fürsten aber durchaus für die Alchemie – vor allem wegen der verlockenden Aussicht, mit den richtigen Experten bei Hofe genügend Geld zu produzieren, um im Handumdrehen den eigenen monetären Bedarf zu decken. Und wenn die Goldherstellung nicht gelang, begnügte man sich durchaus auch mit der Geldverschlechterung durch gestrecktes Gold. Interessanterweise sind es im 14. Jahrhundert insbesondere der französische und der englische Hof, die sich um das päpstliche Verbot nicht weiter scherten. Paris und London befanden sich in einem andauernden Zwist, der schließlich in den langwierigen und überaus kostspieligen Hundertjährigen Krieg mündete. Vom englischen König ­Edward III. ist aus dem Jahr 1329 ein Befehl erhalten, demzufolge John le Rous und Wilhelm von Dalby nach London geschafft werden sollten – mit oder ohne ihre Zustimmung. Dem König waren die alchemistischen Fähigkeiten der Männer zu Ohren gekommen. Da sie »mit ihrer alchemistischen Kunst, Silber herzustellen, imstande sind«, sollten sie »mit dieser Kunst uns und unserem Reich durch die Herstellung solchen Metalls viel Gutes tun können«.

Einige Jahrzehnte später engagierte auch Karl V. von Frankreich den Alchemisten Tommaso von Bologna, auf dass dieser für ihn Gold herstelle. Da tobte zwischen England und Frankreich bereits der Krieg, und zum Kräftemessen gehörte, dass man sich gegenseitig mit minderwertigem Geld das Leben schwer machte. Das ruinierte natürlich auch die eigene Währung, wie sich unter Edwards Nachfolgern Heinrich VI. und VII. erweisen sollte, die ein Jahrhundert später ebenfalls die Dienste von Alchemisten in Anspruch nahmen. Daher erließen auch Könige entsprechende Verbote, wenn Falschmünzer es gar zu bunt trieben, ähnlich verfuhr die Republik Venedig 1488 und die Reichsstadt Nürnberg 1493, die in ihrem Dekret ausdrücklich zwischen anständiger und betrügerischer Alchemie unterscheidet und für Letztere 50 Gulden Strafe oder die Ausweisung aus der Stadt verfügte. Dennoch, die Liste von Fürsten als Auftraggeber von Alchemisten ist lang und reicht von diversen Kaisern des Heiligen Römischen Reiches über die Medici, spanische und ungarische Könige, sächsische, pfälzische und brandenburgische Kurfürsten; aber auch kleinere Potentaten in Braunschweig-Wolfenbüttel, Württemberg oder Hessen-Kassel versuchten ihr Glück. Einige betätigten sich gar selbst als Alchemisten – und keineswegs nur aus Goldgier, sondern oft auch als echte Forschernaturen.

Aus der Zeit des Barock sind besonders viele Fälle von Fürsten-Alchemie überliefert. Das rührt daher, dass die Herrscher dieser Epoche wegen unaufhörlich steigender Ausgaben für Rüstung und Hofhaltung nie genug Geld zu haben schienen. Für Alchemisten war die Arbeit für einen Fürsten stets heikel, wenn er in der Erwartung stand, Gold herzustellen. Stellvertretend für zahlreiche Schriften warnte das Libellus de Alchimia: »Die siebte Vorschrift lautet, dass du dich vor allem davor hüten sollst, dich für irgendwelche alchemistischen Arbeiten mit Fürsten oder Herrschern einzulassen, zweier Gefahren wegen: Wenn du dich mit ihnen einlässt, dann kommen sie immer wieder zu dir und fragen: Meister, kommt ihr denn voran? Wann werden wir irgendeinen Erfolg zu sehen bekommen? Und da sie das Ende der Arbeit nicht erwarten können, sagen sie, es sei nichts, alles Schwindel, und du wirst das Nachsehen haben. Denn wenn du nicht zu einem guten Ende kommst, ziehst du dir ihren ewigen Unmut zu. Solltest du aber das Ziel erreichen, werden sie dich für immer halten wollen und nicht mehr gehen lassen.«

Das »weiße Gold«: Porzellan

Die Verlockung, von goldgierigen Herrschern reich entlohnt zu werden, rief trotzdem so manchen findigen Betrüger auf den Plan. Im brandenburgischen Küstrin wurde im Hochsommer 1709 der Alchemist Dominico Emanuele Caetano, der sich selbst klangvoller, aber gleichwohl erfunden Conte de Ruggiero nannte, am Galgen hingerichtet. Der Italiener Cae­tano, vermutlich aus der Nähe von Neapel gebürtig, hatte sich in Neapel, Venedig und Verona als betrügerischer Goldmacher betätigt und war jeweils geflohen, sobald er drohte aufzufliegen. Als das einmal nicht mehr glückte, kam er interessanterweise durch päpstliche Intervention wieder frei. Sodann verlegte sich Caetano aufs Ausland, ging über Spanien 1696 nach Brüssel, wo er an den Hof des bayrischen Kurfürsten Max II. Emanuel gelangte, der damals als Statthalter der Spanischen Niederlande fungierte. Der Kurfürst fiel auf die Versprechungen des Hochstaplers herein und strebte die Herstellung mehrerer Zentner Gold an. Als Caetano nicht liefern konnte, wurde er 1699 auf der Burg Grünwald bei München in Haft gesetzt.

Nach einigen Wirren durch Flucht und Freilassung gelangte er 1705 an den Hof des ersten Preußenkönigs Friedrich I., der durch seinen Aufstieg vom Kurfürsten zum König und die zur Anerkennung notwendigen Prunkmaßnahmen einen enormen Geldbedarf hatte. Caetano überzeugte den König anfänglich durch Transmutationen, die er geschickt manipulierte; doch als die Produktion größerer Geldmengen scheiterte und Cae­tano auf sein bewährtes Mittel der Flucht zurückgriff, ließ ihn der inzwischen überaus ungeduldige Friedrich festnehmen und in die Oderfestung Küstrin bringen. Der folgende Prozess endete mit dem Todesurteil, das an einem mit Goldflitter verzierten Galgen vollzogen wurde. Diese zweifelhafte Ehre wurde den zum Tode verurteilten Goldfälschern häufig angetan und ist als Abschreckungsmaßnahme für potenzielle Nachahmungstäter zu verstehen. Die Begebenheit beschreibt der Enkel des gestrengen Königs, Friedrich II. der Große, in seinen Schriften gewohnt lakonisch: »Ein Italiener namens Caetano versicherte dem König, dass er das Geheimnis des Goldmachens besäße. Er gab viel Gold aus, machte aber keines; der König rächte seine Leichtgläubigkeit an dem Unglücksmenschen, und Caetano wurde gehängt.«

Einige Jahre bevor Caetano nach Berlin kam, absolvierte ebendort ein sehr viel berühmterer, weil am Ende ungleich verdienstvollerer Mann eine Lehre zum Apothekergehilfen: Johann Friedrich Böttger. Er mühte sich unlustig an den einfachen Hilfsarbeiten, an Tiegeln, Mörsern und Retorten mit getrockneten Fliegen, eingelegten Würmern und Hundefett. Heimlich jedoch befasste er sich mit Alchemie – in der Hoffnung, den Stein der Weisen fabrizieren zu können. Eingeweiht in die Alchemie wurde er unter anderem angeblich von einem ominösen griechischen Mönch namens Laskaris, der ihm auch ein wenig Granulat vom originalen Stein der Weisen überlassen haben soll.

1701 gelang Böttger vorgeblich die Transmutation mittels einer roten Tinktur, mit der er schlagartig in Berlin und in ganz Preußen berühmt wurde. Selbst der Philosoph Leibniz hat darüber berichtet. In seiner Geldnot zeigte sich der preußische König höchst interessiert an dieser Sache, weshalb Böttger nach Sachsen floh. Er hegte die berechtigte Befürchtung, auf Friedrichs Befehl hin festgesetzt zu werden. Allerdings geriet er nun in die Fänge eines weiteren Fürsten in Geldnot, des sächsischen Kurfürsten August des Starken. Die beiden Herrscherkollegen gerieten über die Rechte an dem Goldmann gar in Streit. In seiner Bedrängnis versprach Böttger dem sächsischen Kurfürsten eine Riesenmenge Gold, die er aber nicht herzustellen vermochte. Als er daher zu fliehen versuchte, wurde er gefangen genommen und auf der Albrechtsburg in Meißen festgesetzt – mit der Maßgabe, gefälligst Gold herzustellen. Stattdessen gelang Böttger die Herstellung des »weißen Goldes«, des Porzellans, das Ende März 1709 der Welt präsentiert wurde. Und doch war Böttger erst 1714 wieder vollkommen frei und sah sich auch weiterhin der kurfürstlichen Forderung ausgesetzt, den Stein der Weisen zu finden. Noch heute befindet sich in der Dresdner Staatlichen Porzellansammlung ein 170 Gramm schwerer Klumpen puren Goldes, den Böttger aus Blei hergestellt haben soll.

Inzwischen waren die Wissenschaften weiter vorangeschritten, sodass die Möglichkeit der Goldherstellung ganz überwiegend ausgeschlossen werden konnte. Diesbezügliche Versuche wurden immer seltener, und mit der Zahl der Leichtgläubigen sank auch die der Betrüger. Ende des 19. Jahrhunderts aber kam die Transmutation wieder in Mode – zu einer Zeit, als beispielsweise die Erklärungsmodelle der Atomtheoretiker noch keineswegs unangefochten waren oder neue Erkenntnisse Alchemisten zum Anlass gereichten, ihre Überzeugungen als wissenschaftlich abgesichert anzusehen. Um 1900 machte in den USA ein gebürtiger Brite und angeblicher promovierter Wissenschaftler Schlagzeilen, der behauptete, Gold herstellen zu können. Stephen Henry Emmens, ein überaus streitbarer und selbstgewisser Mann, saß im Rollstuhl und betrieb eine Metallfirma in Pennsylvania. Er war ein anerkannter Fachmann in Metallurgie und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel Argentaurana, in dem er ein Verfahren zur Goldherstellung aus Silber propagierte. Emmens wurde als »unkonventioneller, schillernder, bilderstürmender, gleichzeitig wissenschaft­licher und pseudowissenschaftlicher Unternehmer« bezeichnet, »breit interessiert, mit fragwürdigen akademischen Weihen und mehr als nur einem Anflug von Paranoia und Megalomanie«. Das klingt wie die Definition eines modernen Alchemisten. Emmens behauptete, aus mexikanischen Silbermünzen Gold hergestellt zu haben, und brachte sogar die U.S. Mint, die Prägeanstalt der Vereinigten Staaten, dazu, eine ansehnliche Menge dieses Goldes aufzukaufen. Um was für ein Gold es sich tatsächlich handelte, konnte nie geklärt werden.

Wenige Jahrzehnte später foppte auf der anderen Seite des Atlantiks ein listiger Schwabe zahlreiche Leichtgläubige, darunter Erich Ludendorff, General im Ersten Weltkrieg und in den Zwanzigerjahren einer der Wegbereiter des Nationalsozialismus. Franz Tausend, ein Mann mit klassischer Hochstapler-Vita, behauptete entgegen aller chemischen Lehrmeinung, die Herstellung von Gold sei möglich – die Zeitungen attestierten ihm eine »einschmeichelnde Sprache«, die er offenbar gekonnt einzusetzen wusste. Er zweifelte die wissenschaftliche Chemie kurzerhand an und bestand darauf, dass auch Metalle organische Stoffe und daher zur Fortentwicklung fähig seien – wenn man sie nur richtig behandele. Andere chemische Elemente seien ebenfalls transformierbar. 1925 verbreitete Tausend, seit Längerem in Bayern tätig, er sei nunmehr in der Lage, Gold herzustellen. Und wie Jahrhunderte zuvor Fürsten in Geldnot auf großsprecherische Betrüger hereinfielen, so gingen nunmehr rechtsgerichtete deutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter den Verlockungen auf den Leim. Ein berühmter Mann wie Ludendorff kam als seriöses Aushängeschild wie gerufen, um Investoren anzuziehen, die allerdings ihr Geld verloren. Ludendorff dagegen verdiente mit und steckte einen Teil des Geldes in ein Naziblättchen, während Tausend reihenweise Schlösser aufkaufte. Doch die geprellten Anleger drangen auf einen Prozess, in dem der Goldmacher schließlich zu fast vier Jahren Haft verurteilt wurde.

Als wäre diese von den Medien ausgiebig ausgeschlachtete Affäre nicht des Lehrstücks genug gewesen, fiel in den Dreißigerjahren ein weiterer hochkarätiger Nazi auf einen Goldschwindler herein. Der »Reichsführer SS« Heinrich Himmler ließ sich mit dem selbst ernannten Goldhersteller Heinz Kurschildgen ein und verfuhr mit ihm ähnlich wie Edward III. oder August der Starke: Kurschildgen wurde als Sonderhäftling in die Berliner Gestapo-Zentrale verbracht und sollte dort in einem Schuppen sein Können unter Beweis stellen. Das verlief ebenso ergebnislos wie die Versuche des modernen Alchemisten Karl Malchus, der in Dachau in der Obhut der SS Gold herstellen sollte, abermals im Auftrag Himmlers.

Dieses neuerliche Goldfieber hatte in Deutschland zunächst maßgeblich mit den deutschen Geldsorgen nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs zu tun, aus der eine regelrecht erdrückende Reparationslast für die junge Weimarer Republik folgte. In diesem Klima übten sich Betrüger in wilden Versprechungen, wie das Land angeblich im Handumdrehen seine Geldsorgen loswerden könnte. Die Leichtgläubigkeit hochrangiger Nazis wirft dagegen ein Schlaglicht auf deren geistiges Format und ihre unersättliche Gier. Und doch unternahmen damals weltweit auch seriöse Wissenschaftler Versuche mit der Herstellung von Gold und erleichterten damit skrupellosen Betrügern das Geschäft.

Im Zuge wissenschaftlicher Fortschritte von Atomphysik und Atomchemie konnte seither auch tatsächlich nachgewiesen werden, dass sich Gold künstlich herstellen lässt. 1980 schafften Forscher, was über mehr als zwei Jahrtausende lang nirgendwo auf der Welt gelungen war: Im US-amerikanischen Lawrence Berkeley Laboratory in Kalifornien erreichten sie mit Hilfe eines Teilchenbeschleunigers die Umwandlung des bleiähnlichen Schwermetalls Bismut in Gold. Allerdings ist das Verfahren so aufwendig und teuer, dass der Goldpreis in unvorstellbare Höhen klettern müsste, um die Herstellung von Gold zu einer einträglichen Sache zu machen. Die Menge Goldes, die 1980 in Kalifornien hergestellt wurde, verschlang das stolze Sümmchen von 10.000 US-Dollar, entsprach aber nur dem Gegenwert von einem Milliardstel Cent. Ein schlechtes Geschäft.