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Grace Valley – Im Schutz des Morgens

Robyn Carr

Grace Valley – Im Schutz des Morgens

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Gisela Schmitt

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

June blieb am Morgen etwas länger unter der Dusche stehen als sonst, weil sie an das Einstellungsgespräch dachte, das ihr heute noch bevorstand. Sie führte die einzige Arztpraxis in der Kleinstadt Grace Valley in Kalifornien. Diesen Job hatte sie von ihrem Vater gewissermaßen geerbt, Elmer „Doc“ Hudson. Elmer war inzwischen zweiundsiebzig und tat so, als wäre er im Ruhestand. In Wirklichkeit war das nur eine charmante Beschreibung dafür, dass er die Praxis zwar nicht mehr selbst führte, sich dennoch permanent in die Arbeit seiner Tochter einmischte.

Die Notwendigkeit für einen zweiten Arzt wurde jeden Tag deutlicher. June hatte bereits mit mehreren Kollegen gesprochen, doch bisher hatte sich kein geeigneter Partner für die Praxis gefunden. Heute kam also ein weiterer Anwärter vorbei, Dr. John Stone. Er war vierzig Jahre alt und hatte sein Studium an der Stanford University und der Medizinischen Fakultät der University of California absolviert. Seinen Facharzt in Frauenheilkunde und Geburtshilfe hatte er an der Johns Hopkins University in Baltimore gemacht, danach war er acht Jahre an einer renommierten Frauenklinik tätig gewesen und hatte noch ein Studium der Familienmedizin drangehängt. Er war genau der Richtige für Grace Valley. Aber war Grace Valley auch das Richtige für ihn?

June versuchte, ihn sich vorzustellen. Sicher so ein Yuppie aus Sausalito. Bestimmt war er mal im Rahmen einer Weinprobe nach Grace Valley gekommen und glaubte nun, dass man hier als Arzt ein lockeres Leben hätte. Die herrliche Landschaft mit Bergen, Tälern und dem Meer lockte schließlich jedes Jahr mehr Städter an, die sich dauerhaft niederließen. Vielleicht hatte er aber auch schon mal einen Urlaub in der Region verbracht, spekulierte June, in einer kleinen Frühstückspension an der Küste. Nein. Eher besaß ein wohlhabender Freund von ihm aus San Francisco in der Nähe ein luxuriöses Feriendomizil – jemand, der es sich leisten konnte, nicht mehr zu arbeiten. Die Golfplätze oder Segelreviere konnten John Stone jedenfalls nicht angelockt haben – so etwas gab es hier nämlich nicht. Hier war eher Wandern angesagt oder Camping, und auch das nur für echte Abenteurer. Was also wollte er hier? Wahrscheinlich würde er ihr von seiner Sehnsucht nach Ruhe und Frieden erzählen, nach Sicherheit und schöner Umgebung, denn all das gab es in Grace Valley im Überfluss. Apfelkraut. Traditionell gefertigte Quilts, echte Familienerbstücke. Unverschlossene Haustüren, schmucke Häuschen mit umlaufender Veranda und Kuchen, die auf der Fensterbank abkühlten. Idyllisches Landleben. Anstand. Einfachheit.

Wahrscheinlich sollen seine Kinder nicht in der schmutzigen Großstadt aufwachsen, sondern weit weg von Drogen und Verbrechen. Dass das Militär regelmäßig mit Hubschraubern das kalifornische Küstengebirge und die Trinity Alps nach Marihuana-Plantagen absuchte, würde ihm mit Sicherheit nicht gefallen. Durch die häufigen Luftrazzien in den Wäldern stellten Wanderungen inzwischen ein gefährliches Abenteuer dar, da man nie wusste, wer gerade Drogen anbaute und welche Wege und Orte von den illegalen Betreibern kontrolliert und gegen unerwünschte Eindringlinge vehement verteidigt wurden. Cannabis war das meistangebaute zum Verkauf bestimmte Agrarprodukt Kaliforniens. So weit die traurigen Tatsachen – und das alles fand nur einen Steinwurf entfernt von Grace Valley statt.

Was Ruhe und Frieden betraf – davon wünschte June sich selbst auch ein bisschen. Genau deshalb sah sie sich ja nach einem Praxiskollegen um.

Sie drehte das Wasser ab und trocknete sich die Haare.

June hatte sich bewusst dafür entschieden, in der Kleinstadt zu praktizieren, in der sie aufgewachsen war. Sie kannte die Herausforderungen, und ihr war klar, dass es hier spannender zugehen konnte als in jeder Unfallambulanz einer Großstadtklinik. Aber ihr waren auch die Unannehmlichkeiten nicht fremd – sie erlebte sie täglich. Dazu gehörte die mitunter unpassende Intimität zwischen Arzt und Patient. Denn sie war mit vielen ihrer Patienten auch befreundet – das passierte einem Mediziner in der Großstadt eher selten. Bisher waren alle Anwärter, mit denen sie gesprochen hatte, darauf aus gewesen, weniger arbeiten zu müssen, keine Überstunden mehr zu schieben und die generelle Überbeanspruchung, die sie aus ihren Großstadtpraxen kannten, hinter sich zu lassen. Nach dem Gespräch wurde den Medizinern dann meistens klar, dass Grace Valley wohl doch nicht das Richtige für sie war. Sie würden hier nur eine bestimmte Art von Stress gegen eine andere eintauschen, die Tätigkeit blieb genauso anspruchsvoll. Es bedurfte schon ganz bestimmter Eigenschaften, um sich den medizinischen Bedürfnissen einer ganzen Stadt stellen zu können.

Das Telefon klingelte. Sie sah auf die Uhr. Es war sechs Uhr fünfzehn.

Das war auch so eine Sache. So etwas wie den Begriff „Bereitschaft“ gab es hier nicht. Man war einfach immer erreichbar. Punkt.

Sie streckte die Hand nach dem Hörer aus, doch im selben Moment gab das schnurlose Telefon den Geist auf. Kein Saft mehr. Mal wieder hatte sie vergessen, es auf die Station zu legen. Rasch wickelte sie sich das Handtuch um und rannte mit tropfenden Haaren runter zum Telefon in der Küche.

Und bekam erst mal einen Schock. Da waren Fremde in ihrem Wohnzimmer! Instinktiv duckte sie sich hinter die Küchentheke und spähte über die Kante ins Wohnzimmer, während das Telefon immer weiter klingelte. Spielten ihre Augen ihr einen Streich, oder war das wirklich wahr? Da saßen vier Personen – ein Mann, eine Frau und zwei Teenager, Junge und Mädchen. Eine schreckliche Narbe zog sich über die gesamte linke Gesichtshälfte der Frau. Es dauerte einen Moment, bis June erkannte, dass die Narbe nicht von einer frischen Wunde stammte – ihretwegen war die Familie also nicht hier. Die vier hockten auf ihrem Sofa, schauten sie freundlich an und schienen keineswegs irritiert über Junes Anblick.

Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln.

„Sind Sie der Arzt?“, fragte schließlich der Mann.

„Ähm, ja. Das bin ich wohl.“

Die altmodische Kleidung und das fragwürdige Benehmen ließen darauf schließen, dass diese Leute im wahrsten Sinn des Wortes Hinterwäldler waren, irgendwelche Farmer wahrscheinlich. Grace Valley lag an der Kreuzung von drei Countys, und man konnte unmöglich darauf schließen, woher die Familie kam. Jedenfalls kannte June sie nicht. Vielleicht waren sie zum allerersten Mal in ihrem Leben bei einem Arzt.

„Wir haben ein Problem mit unserem Jungen.“

June wickelte das Handtuch fester um sich und streckte die Hand nach dem Telefonhörer aus. „Entschuldigung“, sagte sie zu den Leuten. „Ich kümmere mich sofort um Sie.“ Rasch duckte sie sich wieder hinter den Tresen. „Hallo?“, fragte sie ins Telefon.

„Hallo“, antwortete ihr Vater. „Ich dachte, ich sage dir lieber mal Bescheid, dass gerade eine Familie aus Shell Mountain sich bei George Fuller nach dem Weg zu deinem Haus erkundigt hat.“

„Und was zum Teufel hat sich George dabei gedacht, es ihnen einfach zu sagen?“, fauchte June leise.

„Na ja. George denkt nie viel, wenn es sich vermeiden lässt.“

„Sie sind nämlich schon da! Sind einfach ins Haus getrampelt und haben es sich auf meiner Couch bequem gemacht, während ich noch oben unter der Dusche stand.“

„Herrjemine! Soll ich vielleicht ...“

„Ich bin so gut wie nackt! Ich musste runter in die Küche ans Telefon und trage nur ein Handtuch!“

Elmer lachte leicht pfeifend – jahrelanges Pfeiferauchen forderte seinen Tribut. „Ich wette, damit haben sie nicht gerechnet.“

„Ich bringe George um!“

Elmer konnte vor Lachen kaum noch sprechen. „Ich schätze ... du hast dich noch nie ... so geärgert ... wie jetzt ... weil du mal wieder den schnurlosen Apparat nicht aufgeladen hast!“

War ihr Vater etwa Hellseher? Wie dem auch sei, sie fand seine neue Gabe in diesem Augenblick alles andere als amüsant. „Dad, falls du George vor mir zu Gesicht kriegen solltest, richte ihm aus, dass ich ihn lange leiden sehen will, bevor er stirbt!“

„Schaff dir einen Hund an, June. Wie oft habe ich dir das schon gesagt? Soll ich rüberkommen?“

„Nicht nötig. Ich schaffe das schon.“

„Na gut. Ist heute Hackbraten-Abend?“

„Falls ich den Tag überlebe.“ June legte auf, ohne sich zu verabschieden. Elmer würde sich länger, als ihr lieb war, an diesem Moment ergötzen.

June überprüfte, ob ihr Handtuch fest saß, dann erhob sie sich und musterte die Familie. Der Vater trug eine Anzugjacke, die mindestens dreißig Jahre alt war, die Mutter hatte einen Hut auf dem Kopf. Sie hatten offensichtlich ihre Sonntagskleidung an wegen des Arztbesuches. Eine allzu anstrengende Reise schienen sie nicht hinter sich zu haben. Auf den ersten Blick hätte sie nicht den Jungen, sondern die Frau für krank gehalten. Ihre Narbe verlief von der Stirn bis hinunter zum Kinn, über ein versehrtes Auge, dessen Lid schlaff herunterhing. Die Frau sah aus, als hätte man ihr eins mit der Axt übergezogen. Und allein ihr Anblick verursachte June Kopfschmerzen, obwohl die Verletzung schon etliche Jahre alt sein musste. Vielleicht sogar ein Unfall aus der Kindheit.

Der Junge musste in äußerst schlechter Verfassung sein, wenn sie eigens seinetwegen in die Stadt gekommen waren. June fiel auf, dass er nur an einem Fuß einen Stiefel trug, am anderen bloß einen sauberen Strumpf. Kein gutes Zeichen.

„Ich werde mich rasch anziehen, dann schaue ich mir Ihren Sohn an. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind.“

So viel zum Thema Ruhe und Frieden des Landlebens.

Elmer hatte seine Patienten immer zu Hause empfangen. Seine Praxis befand sich nicht in einem Anbau oder einem extra Gebäude, sondern bestand aus zwei Räumen im Erdgeschoss ihres Wohnhauses, das vom ersten Dorfarzt eigens so gebaut worden war.

Wenn ein Patient auftauchte, der nur einen Schuh trug, musste sein anderer Fuß so stark geschwollen sein, dass er in keinen Schuh passte. Auf solche Hinweise zu achten, hatte June bereits als Kind gelernt.

Die Familie stellte sich vor, allerdings war Reden nicht ihr Ding. Nur mühsam erfuhr June, dass dem Jungen eine Eselstute auf den Fuß getreten war. Die Wunde schwärte, das Fleisch begann bereits zu faulen. June sah auf den ersten Blick, dass mehrere Mittelfußknochen gebrochen sein mussten. Normalerweise wussten die Leute vom Land, wie man Knochenbrüche verarztete. Vielleicht hatte der Junge aber ein Stoffwechselproblem, das die Heilung erschwerte. Sie würde auf jeden Fall einen Blutzuckertest machen, um festzustellen, ob er an Diabetes litt.

„Sie hätten mich früher aufsuchen müssen“, tadelte June die Eltern. Sie hatten sich als Clarence und Jurea Mull vorgestellt, die Kinder hießen Clinton und Wanda und waren sechzehn beziehungsweise dreizehn Jahre alt. Clinton war ein kräftiger, gut aussehender Junge. In Wanda erkannte June die Schönheit der Mutter wieder, die nun so tragisch entstellt war. Clarence und Wanda waren keine jungen Eltern, June schätzte sie beide auf Mitte fünfzig. „Der Fuß ist gebrochen, Muskeln und Gewebe haben Schaden erlitten, weil der Fuß nicht geschont wurde. Dazu kommt die Nekrose rund um die Wunde. Tut das nicht weh?“

Der Junge zuckte mit den Schultern. „Ja, schon. Aber Ma ...“

„Es ist meine Schuld“, unterbrach Jurea ihn. „Ich habe die Wunde versorgt und ihm einen Verband gemacht.“

„Und vermutlich haben Sie ihm auch eine Kräutermedizin gegen die Schmerzen verabreicht – seine Pupillen sind erweitert. Damit sollten Sie vorsichtig sein.“

„Doch es wirkt gut gegen Schmerzen, oder nicht?“

„Zu gut. Nur deshalb konnte Ihr Sohn mit dem gebrochenen Fuß herumlaufen, und die Verletzung hat sich weiter verschlimmert. Wie sind Sie denn hergekommen? Mit dem Auto?“

„In unserem alten Pick-up“, erklärte Clarence.

„Schaffen Sie es noch bis Ukiah oder Eureka?“

Er zuckte die Achseln. „Wir kommen nur langsam voran, aber wir kommen voran.“

June zog dem Jungen vorsichtig wieder den Strumpf über den schwarz verfärbten, stark geschwollenen Fuß. „Wie langsam?“, erkundigte sie sich.

„Schneller als 50 Kilometer in der Stunde schafft die Kiste nicht mehr.“

„Dann habe ich eine bessere Idee“, schlug June vor. „Einer der Deputys wird Sie nach Rockport fahren, ins Valley Hospital. Sie müssen den Jungen zu einem Spezialisten bringen.“

„Ich bringe ihn hin, wo er hinmuss.“ Clarence nickte zur Bestätigung.

„Und zwar so schnell wie möglich“, erwiderte June, während sie zum Telefon ging. „Aber das ist Ihnen vermutlich klar, sonst hätten sie ihn nicht um sechs Uhr morgens zu mir gebracht.“

„Glauben Sie, dass der Fuß abstirbt?“, fragte der Vater.

June schaute ihn an. Ein Hinterwäldler, der abgestorbenes Gewebe als unheilbar gangränös erkannte? Vielleicht interpretierte sie in seine Frage ja nur etwas hinein, doch ...

„Wenn Sie den Jungen nicht ins Krankenhaus bringen, könnte er in der Tat den Fuß verlieren. Oder noch schlimmer. Das wollen Sie sicher nicht riskieren.“

„Spezialisten sind teuer, oder nicht?“

„Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Kosten, Mr Mull. Über solche Dinge lässt sich reden. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie Sie Unterstützung erhalten können, wenn Sie knapp bei Kasse sind.“ Sie wählte eine Nummer.

„Ich habe noch nie Schulden gemacht.“

„Da bin ich mir sicher.“ Dann sprach sie in den Telefonhörer. „Ricky? June hier. Kannst du mir einen Gefallen tun? Ein junger Patient von mir braucht dringend einen Transport ins Valley Hospital, er muss zu einem Spezialisten. Ich schreibe ihm auf, an wen er sich zu wenden hat, dann schicke ich ihn dir gleich zum Polizeirevier. Vielen Dank für deine Hilfe.“

June schrieb den Namen des Krankenhauses und des Arztes auf, dann nahm sie eine Packung Antibiotikum aus ihrem Arztkoffer. Sie füllte ein Glas mit Wasser und reichte es zusammen mit den Tabletten dem Jungen. Den Zettel drückte sie Clarence in die Hand. Als er die Hand danach ausstreckte, rutschte sein Hemdsärmel nach oben und June entdeckte eine Tätowierung auf seinem Handgelenk.

„Mr Mull, es wäre eine Tragödie, wenn Clinton seinen Fuß verliert. Eine noch größere Tragödie allerdings wäre es, seine Verletzung zu ignorieren, denn dann stirbt er womöglich an einer Sepsis. Blutvergiftung. Das kennen Sie vermutlich noch aus Vietnam. Also bringen Sie Ihren Sohn bitte zu einem Spezialisten ins Krankenhaus. Das hier ist ein Antibiotikum“, fügte sie an Clinton gewandt hinzu. „Nimm vier Stück jetzt sofort und dann alle vier Stunden eine, bis die Packung leer ist. Und zeig das Medikament auf jeden Fall dem Arzt im Krankenhaus. Sag ihm, wie viele Tabletten du genommen hast. Es könnte sein, dass er dir andere Tabletten gibt, okay? Wissen Sie, wo die Polizeistation von Grace Valley ist? Oder soll ich mit Ihnen in die Stadt fahren?“

„Nein, nicht nötig. Das schaffen wir schon“, meinte Clarence. „Es ist ja nicht weit.“ Damit erhob er sich und trug seinen Sohn, der gut und gerne einsachtzig groß war, auf seinen Armen aus dem Haus. Clarence Mull war ein sehr stattlicher Mann.

Ihr Pick-up, geschätztes Baujahr 1940, ächzte bedenklich, als die Familie einstieg. Nachdem der Wagen mehr kriechend als fahrend verschwunden war, schloss June die Haustür ab und lief zurück ins Schlafzimmer, um sich endlich anzuziehen. Die Mulls waren keine unbedarften Landeier, die es nicht besser wussten, als unangekündigt beim Arzt hereinzuplatzen. Oh nein. Clarence wollte seinen Sohn nur nicht an einen öffentlichen Ort wie ein Krankenhaus bringen. Vielleicht war er ein Marihuana-Bauer. Oder ein Kriegsveteran, der unter Verfolgungswahn litt. In den Bergen wimmelte es von eigentümlichen Gestalten.

Rasch schlüpfte sie in eine Gabardinehose mit schicker Bügelfalte und wählte dazu eine Seidenbluse und eine bestickte Weste. Immerhin hatte sie heute noch ein Einstellungsgespräch vor sich.

Sie schaute in den Spiegel, und ihr entfuhr ein „Ach du Scheiße“. Ihre Haare waren ungekämmt getrocknet, während sie Clinton Mull untersucht hatte, und jetzt standen sie in alle Richtungen ab. Seufzend steckte sie das Durcheinander zu einem Knoten hoch. Das Thema Haare war noch nie ihres gewesen.

2. KAPITEL

Tom Toopeek stand mit nackter Brust vor dem Badezimmerspiegel und band sein langes, seidiges schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. In diesem Moment öffnete seine Frau Ursula, mit der er seit achtzehn Jahren verheiratet war, die Tür und reichte ihm ein frisch gebügeltes Hemd hinein.

„Tom, gerade hat jemand von den Cravens angerufen. Einer der jüngeren Söhne, welcher, weiß ich nicht. Er sagte nur, dass sein Daddy echt sauer sei. Mehr musste er auch nicht sagen, denn es war schon zu hören. Gus schlägt wieder mal das Haus kurz und klein. Und seine Familie kriegt vermutlich auch was ab.“

Tom war bereits in sein Hemd geschlüpft, jetzt nahm er seine Waffe samt Holster aus dem Schrank im Schlafzimmer.

„Fährst du direkt raus zu ihnen?“, erkundigte sich seine Frau.

„Logisch.“ Ohne ein weiteres Wort befestigte er das Holster an seinem Gürtel.

Im Morgengrauen raus zu den Cravens. An einem dieser Tage würde es mal zu spät sein.

Ursula hielt ihm einen dampfenden Kaffeebecher hin. Er küsste sie, nahm den Becher und ging durch den langen Flur, vorbei an den Schlafzimmern seiner Kinder. Seine fünfzehnjährige Tochter Tanya öffnete unvermittelt die Zimmertür und stellte sich ihm in den Weg. „Daddy, kannst du ihn nicht endlich einsperren?“

„Ich sperre ihn jedes Mal ein, Tan. Und jetzt lass mich durch, ich muss mich beeilen.“

„Er wird noch jemanden umbringen. Er muss ins Gefängnis!“

„Ich rufe Ricky an, dass du Verstärkung brauchst!“ Ursula beobachtete besorgt ihren Mann.

„Nein“, erwiderte Tom. „Ruf lieber Lee zu Hause an und sag ihm, wir treffen uns vor Ort. Er wohnt in der Nähe.“

„Sei vorsichtig, Tom. Bitte sei vorsichtig. Gus wird dich sofort erschießen, wenn er ...“

„Ich sorge schon dafür, dass er mich nicht erschießt. Ruf jetzt Lee an.“

Gus Craven war der mieseste Dreckskerl im ganzen Valley. Er hatte fünf Söhne, alle etwa im selben Alter wie die fünf Toopeek-Kinder. Ihre ältesten waren jeweils fünfzehn. Aber natürlich hatten sie nichts miteinander zu tun. Tom hielt seine Familie von den Cravens fern, die eine Farm im oberen Mendocino County besaßen, nahe der Grenze zum Humboldt County. Es war ein bescheidener Hof mit wenigen Tieren und kaum ertragreicher Ernte. Trotzdem hätte es besser laufen können, aber Gus war ein Säufer und ließ sich regelmäßig volllaufen. Dann schlug er seine Familie zusammen, randalierte im Haus und musste zur Ausnüchterung weggebracht werden. Es gab aber auch Tage, an denen er seine Frau und die Kinder verprügelte, ohne dass er einen Tropfen angerührt hatte. Ein widerliches Ekel war er.

Toms Pflicht als Polizeichef bestand darin, Gus immer einen Schritt voraus zu sein, damit die Prophezeiung seiner Tochter nicht wahr wurde. Die Polizeistation von Grace Valley war mit drei Mann besetzt. Ricky Rios und Lee Stafford, seine beiden Deputys, waren beide dreißig Jahre alt, junge Ehemänner und Väter. Zu dritt waren sie rund um die Uhr im Dienst. Jeder Bewohner im Valley konnte Tom oder seine Kollegen auch zu Hause anrufen, wenn die Polizeistation geschlossen war. Wie an diesem Morgen.

Tom fuhr mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit über die County Road 92, aber die Polizeisirene ließ er ausgeschaltet, um Gus nicht zu warnen. Tom wollte ihn wegschaffen, bevor Gus spitzkriegte, dass einer der Jungs ihn alarmiert hatte. Der Mann hatte schon zahlreiche Tage und Wochenenden wegen seiner Ausfälle in Gewahrsam verbracht, und das reichte üblicherweise aus, damit er wieder zur Vernunft kam. Doch leid tat es Gus nie, was er anrichtete. Diesmal würde Tom ihn ein bisschen länger aus dem Verkehr ziehen. Er hatte ihn gewarnt. Es war gar nicht nötig, dass seine Frau Leah ihn anzeigte. Tom selbst würde ihn wegen Gewaltanwendung und Körperverletzung anzeigen. Das wäre dann seine fünfte Anzeige diesbezüglich, und diesmal würde er in den Knast gehen. Richter Forrest war es ebenfalls leid, den Mann immer wieder auf der Anklagebank sitzen zu haben. Und Tom hatte die Nase voll davon, dass Gus keinerlei Konsequenzen aus seinem Verhalten zog.

Jeder in der Stadt hasste Gus. Ohne Ausnahme. Wieso war dieser Mann bloß so widerwärtig? Er stammte nicht aus dem Valley, niemand kannte seine Familie. Wenn die Cravens in die Stadt kamen, einkaufen oder in die Kirche gingen, machten die meisten Leute einen Riesenbogen um Gus. Sie begrüßten zwar Leah und die Jungs, aber mit Gus wechselte freiwillig niemand ein Wort. Das Schlimmste an der ganzen Situation war die Tatsache, dass dieser Kerl ein Stück Land im Valley erworben und ein Mädchen aus Grace Valley geheiratet hatte. Leah war eine von ihnen, und trotzdem schien niemand etwas für sie tun zu können.

Leah war erst dreiunddreißig. Tom kannte sie noch aus der Schule. Sie war mit einer seiner Schwestern befreundet gewesen. Ein schüchternes, aber hübsches Mädchen – und clever. Wieso sie sich für Gus Craven entschieden hatte, blieb allen ein Rätsel. Er war sieben Jahre älter als sie und noch nie auch nur annähernd freundlich gewesen. Jedenfalls nicht, soweit sich Tom erinnern konnte.

Das Farmhaus der Cravens hatte sechzig Jahre auf dem Buckel und war mittlerweile ziemlich renovierungsbedürftig. Die Veranda war abgesackt, überall blätterte die Farbe ab, die Fliegenfenster waren zerrissen. Innen sah es noch schlimmer aus.

Die Sonne stieg gerade über den Bergen auf und warf lange Schatten. Tom parkte den Range Rover an einer schwer einsehbaren Stelle und registrierte sofort, dass im hell erleuchteten Haus Aufruhr herrschte. Im selben Moment traf sein Deputy Lee Stafford ein.

Schon als Tom die Wagentür öffnete, hörte er den Lärm. Geschrei, Gebrüll, Türenschlagen, das Zerbrechen von Gegenständen, hektisches Gerenne. Gus tobte und fluchte, während Leah ihn anflehte, endlich aufzuhören. Tom zog seine Waffe und checkte, ob sie geladen war.

„Gehen wir ihn holen.“ Er nickte Lee zu.

Im Gleichschritt rannten die beiden Männer die Verandatreppe hoch. Lee stellte sich mit dem Rücken an die Wand neben die Eingangstür, die Tom jetzt mit einem Fußtritt öffnete. Tom übernahm die heiklen Aufgaben immer selbst. Er wollte nicht, dass sich die Deputys an seiner Stelle in Gefahr begaben – obwohl sie beide sieben Jahre jünger waren als er.

Gus wandte seine wässrigen Augen der Tür zu. Seinen dreizehnjährigen Sohn hatte er mit der einen Hand an den Haaren gepackt, mit der anderen Hand wollte er ihm gerade einen Schlag versetzen. Leah klammerte sich verzweifelt an seinem Arm fest, ohne echte Hoffnung, den Schlag verhindern zu können. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Tom, wie schön es wäre, wenn Gus bewaffnet wäre. Dann könnte er ihn einfach erschießen, und die Sache wäre ein für alle Mal erledigt. Und er müsste nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben. Doch der Gedanke verflog so schnell, wie er gekommen war. Tom war eben vor allem eins: der Gesetzeshüter.

„Lass den Jungen los, Gus“, forderte er den Mann auf.

„Das hier geht dich nichts an!“

Tom eilte durch den Raum und trat dabei auf zerbrochenes Glas; es stank nach Alkohol und Schweiß und Fett. Der metallische Geruch von Blut lag in der Luft. Er zählte nach. Eins, zwei, drei, vier. „Leah, wo ist Stan?“ Stan war der Jüngste, erst sechs Jahre alt.

Sie ließ Gus los. Ihr Gesicht war voller blauer Flecken und völlig verheult. Sie trug ein altes, abgewetztes Nachthemd. „Oben. Ich schätze, er versteckt sich.“

„Welches von euch stinkenden Mistviechern hat den Indianer-Bullen gerufen?“, donnerte Gus und schüttelte den Jungen heftig, den er immer noch festhielt.

„Gus“, warnte Tom ihn. „Lass den Jungen los und geh weg von ihm. Sofort.“

„Ich brauche nur einen Grund, um dich zu verklagen, Toopeek!“, schrie Gus.

Tom stieß ein müdes Lachen aus. Verklagen? Er warf Lee seine Waffe zu und schlenderte beinahe gemächlich auf Gus zu, während er die Handschellen aus dem Gürtel zog. Gus machte große Augen, als Tom ihm mit einer blitzschnellen Bewegung eine Handschelle ums Handgelenk legte. Dann zerrte er ihm unsanft den Arm auf den Rücken und brachte ihn zu Fall, sodass Gus mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden zu liegen kam. Gus schrie vor Wut, doch sein Geschrei wurde von dem abgewetzten Teppich gedämpft. Der Sohn, den er an den Haaren festgehalten hatte, sprang davon. Leah hielt sich eine zitternde Hand vor den Mund, in ihren Augen stand die pure Angst.

Tom schnappte sich Gus’ anderes Handgelenk, was etwas schwieriger war, weil er sich wehrte. Als es gelungen war, stellte Tom ihm einen Fuß auf den Rücken. „Ich habe dich gewarnt, Gus, und Richter Forrest hat es dir auch versprochen – diesmal wanderst du in den Knast!“

„Ich wandere nirgendwo hin! Sie wird mich nicht anzeigen! Keiner von ihnen!“

Tom war sich nicht sicher, ob Gus wirklich so dumm war, wie er sich manchmal anhörte. Im Grunde hatte er immer nur viel zu sagen, wenn er betrunken war. Nüchtern war er mürrisch und still und schien seine verängstigte Familie mit Blicken zu steuern. Seine Augen waren dann zu Schlitzen verengt. Tom warf dem fünfzehnjährigen Frank einen Blick zu. Er sah die Augen des Vaters, sah auch Gus’ Hass darin. Frank war ein großer, schlaksiger Junge, schon fast ein ebenbürtiger Gegner für seinen Vater. Tom wurde in diesem Moment klar, dass der Albtraum nicht mehr lange dauern würde. Etwas würde passieren. Entweder würde Gus seine komplette Familie auslöschen, oder Frank würde Gus umbringen. So konnte es jedenfalls nicht weitergehen.

Tom riss Gus auf die Füße. „Wir hatten das alles oft genug. Niemand von ihnen muss dich anzeigen. Das werde ich erledigen.“ Er schob Gus zur Tür. „Ich setze ihn in den Wagen, dann komme ich zurück und sehe nach, ob jemand ernstlich verletzt ist. Okay?“

Leah schüttelte den Kopf. „Schon okay. Ich kümmere mich um die Jungs.“

„Wehe, du sagst nur ein Wort gegen mich, Frau! Wenn du das tust ...“ Tom schlug Gus mit der flachen Hand gegen den Kopf, damit er den Mund hielt. „Ha! Die Polizei misshandelt mich! Misshandlung durch die Polizei!“

Lee steckte seine Waffe ein und lachte laut. „Oh Mann, Sie haben Nerven, Gus.“

„Willst du dich etwa mit mir anlegen? Los, nimm mir die Handschellen ab, dann gehen wir raus auf den Hof!“

„Schön wär’s.“ Lee blickte ihn bedauernd an.

Zusammen mit Tom packte er Gus, der fluchte und um sich trat, während sie ihn zum Wagen brachten.

Kurz darauf betrat Tom wieder das Haus. Leah hatte den kleinen Stan auf dem Schoß und wischte sein tränenverschmiertes Gesicht mit einem Waschlappen ab. Frank stand starr daneben, den Rücken an die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Auf seinem Wangenknochen prangte ein frischer blauer Fleck. Das ist Gus’ Vermächtnis, dachte Tom traurig. Auch diese Jungs werden später ihre Frauen und Kinder schlagen. Vermutlich sogar am ehesten derjenige von ihnen, der gerade am meisten erbost war über das gewalttätige Verhalten seines Vaters.

„Leah, ich bringe dich und die Jungs in die Arztpraxis. June soll sich das ansehen.“

„Ich bin okay, Tom“, wehrte sie ab. „Ich sehe mir die Jungs gleich an, und wenn einer von ihnen zum Arzt muss, bringe ich ihn hin. Wie lange wird er weg sein, Tom?“

„Ein paar Monate ganz sicher, vielleicht auch ein Jahr. Richter Forrest hat die Nase voll von seinen endlosen Entschuldigungen. Und du, Leah, musst endlich eine Entscheidung treffen. Viel Zeit bleibt dir nicht mehr.“ Er sah Frank an, Leah folgte seinem Blick. „Ich weiß, dass du das weißt.“

Sie lächelte hilflos. „Und wo soll ich mich mit meinen fünf Jungs verstecken?“

„Du musst nur Vertrauen haben, das ist alles. Ruf die Sozialarbeiterin an, sie hat bestimmt ein paar Ideen. Es gibt nicht nur die Frauenhäuser in der Stadt, sondern auch andere gute Hilfsprogramme. Es gibt Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, Familien wie euch zu helfen.“

Leahs Lachen klang entmutigt und hohl. „Ja, an mir haben sie auch eine Lebensaufgabe. Fünf Söhne, kein Geld, keine Fähigkeiten, und ein Ehemann, der geschworen hat, mich zu töten, sollte ich ihn jemals verlassen.“

Tom fischte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und zog die Visitenkarte von Corsica Rios vom Sozialdienst des Countys heraus. Corsica lebte in Pleasure, hatte aber einen engen Bezug zu Grace Valley – auch weil ihr einziger Sohn, Ricky Rios, hier Deputy war. Sie hatte Erfahrung mit Fällen von häuslicher Gewalt – persönlich wie beruflich – und hatte Ricky selbst als alleinerziehende Mutter großgezogen. „Ruf diese Frau an. Sie wird dir sagen, wo es Hilfe gibt. Du darfst nur nicht aufgeben, klar?“

Leah sah die Karte einen Moment lang an.

„Du musst mich für schrecklich halten“, sagte sie schließlich. „Weil ich es zulasse, dass er meiner Familie das antut.“

Tom legte seine große, starke Hand auf ihre schmale, blasse. „Nein, Leah. Niemand denkt, du lässt es einfach so zu.“

3. KAPITEL

Bevor June morgens in die Praxis fuhr, legte sie gewöhnlich einen Zwischenstopp in Fuller’s Café ein – natürlich nur, wenn es keine Notfälle gab. Dort holte sie sich einen Kaffee zum Mitnehmen und einen Bagel, ein Donut oder etwas anderes zu essen, schwatzte ein bisschen mit den Stammkunden und startete danach beschwingt in den Tag. Heute allerdings würde sie ihre freundliche Routine unterbrechen – denn sie musste George Fuller den Kopf waschen.

„Guten Morgen, June“, begrüßte er sie lauthals und schenkte ihr einen Kaffee ein.

„George, sag mal – hast du eigentlich den Verstand verloren?“

„Was ist los?“

„Was hast du dir dabei gedacht, diese Leute um sechs Uhr morgens zu mir nach Hause zu schicken?“

Er sah sie völlig perplex an. June war mit ihm zur Schule gegangen und kannte diesen Blick genau. George war nicht blöd, er stellte sich in manchen Dingen nur fürchterlich dumm an. „Ich habe sie nicht zu dir geschickt, June. Sie wollten nur deine Adresse wissen.“

„Gibst du allen Fremden in einem klapprigen Pick-up meine Adresse, wenn sie danach fragen?“

Wieder dieser Blick.

Tom Toopeek, seit Kindheitstagen Junes bester Freund, beendete seine Unterhaltung mit zwei Ortsansässigen und ging hinüber zum Verkaufstresen, wo June mit George diskutierte. Tom lehnte sich gegen den Tresen, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte eine Tasse in der Hand, auf der „Das Gesetz“ stand. George hielt diese Tasse immer für Tom bereit.

„Es war noch früh am Morgen und ich hatte gerade Buddy auf die Weide gebracht, als dieser alte Wagen neben mir hielt und der Fahrer – ein netter Kerl, wenn du mich fragst – mich fragte, ob ich ihm den Weg zu Doc Hudsons Haus beschreiben könnte. Ich fragte ihn, welcher Doc, alt oder jung, und er antwortete: ,June.‘ Wirklich sehr freundlich, als wärt ihr gute Freunde. Seine Familie sah auch nicht krank aus oder so, obwohl die Frau eine schlimme Narbe mitten im Gesicht hat, stimmt’s? Aber sie sah gut verheilt aus, also dachte ich nicht, dass sie deine Dienste in Anspruch nehmen muss. Ich dachte mir, du erwartest sie vielleicht. Gab’s Ärger?“

„Oh nein, George. Überhaupt nicht! Sie okkupierten nur einfach mein Haus, während ich oben unter der Dusche stand.“

Vergeblich versuchte Tom, sein Lachen zu unterdrücken. „Oh Mann, June, tut mir leid. Ich wusste ja nicht ...“

„Mein Name steht auf dem Praxisschild, George. Kein Wunder, dass der Mann ihn wusste!“

„Meine Güte, June ...“

„Sag gefälligst nie mehr jemandem, wo ich wohne, wenn du nicht mit absoluter Sicherheit weißt, dass ich diese Leute bei mir haben will! Ist das klar?“

„Und woher soll ich das wissen?“

„Ruf mich halt vorher an, George! Oder nenn ihnen die Adresse der Praxis und sag ihnen, wir machen um acht Uhr auf!“ „Geht klar, June. Tut mir wirklich leid. Hier, dafür gibt’s eine Bärentatze aufs Haus.“ Er griff ins Regal und nahm ein Stück Gebäck.

„Sieh zu, dass so was nicht noch mal vorkommt“, erwiderte June beschwichtigt. Sie bekam oft genug von George ihre morgendlichen Kohlehydrate aufs Haus, denn es war immer gut, sich mit Medizin und Gesetz gut zu stellen. Das wusste George ganz genau.

„Kannst dich drauf verlassen, June.“

George Fuller war sehr erfolgreich in Grace Valley. Sein Café sicherte ihm ein gutes Einkommen, er hatte ein großes Haus und eine nette Familie. Seine Frau war hübsch und intelligent. Seit Jahren war er Mitglied im Stadtrat, unterrichtete immer wieder an der Highschool und schrieb ab und an wohlüberlegte, wenn nicht sogar erkenntnisreiche Leserbriefe. In der Schule hatte er immer gute Noten gehabt, soweit June sich erinnern konnte, aber trotzdem waren immer wieder Situationen entstanden, in denen er sich wie ein Volltrottel aufgeführt hatte.

„Bist bestimmt ganz schön erschrocken, als du aus der Dusche kamst und plötzlich Besuch hattest“, stellte Tom fest. Immer noch zuckten seine Mundwinkel.

„Kann man so sagen. Vor allem, weil ich runter in die Küche ans Telefon musste und nur mein Lieblingshandtuch trug.“

Toms hohe Cherokee-Wangenknochen barsten beinahe vor Anspannung. „Was für ein Start in den Tag.“

„Für die oder für mich?“

„Ich schätze, das gilt für beide.“ Jetzt gab er sich keine Mühe mehr, sein breites Grinsen zu unterdrücken.

„Hat Ricky den Jungen schon nach Rockport gefahren?“

„Welchen Jungen?“, fragte Tom überrascht.

„Ich hatte heute Morgen auf dem Revier angerufen und darum gebeten, dass man einen jungen Patienten ins Krankenhaus bringt. Den Jungen aus meinem Wohnzimmer, der von seinen Eltern und seiner Schwester begleitet wurde. Die Familie Mull?“

Tom runzelte die Stirn. An den Namen konnte er sich absolut nicht erinnern. „Habe ich gar nicht mitbekommen, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Lee und ich mussten im Morgengrauen raus zu den Cravens, mal wieder für Ordnung sorgen.“

„Oh Gott, nicht schon wieder. Die arme Leah.“

„Jetzt hat sie erst mal Ruhe vor ihm. Ich bin sicher, dass Judge Forrest Gus so lange wie möglich wegsperren wird.“

„Das kann nicht lange genug sein.“

„Ricky hat mir erzählt, dass er etwas für dich zu erledigen hat, aber er sagte mir nicht, was. Vor fünfzehn Minuten hat er noch auf der Station gesessen und gewartet. Und eine Familie Mull kenne ich nicht.“

Die Deputys erledigten häufiger etwas für June, beziehungsweise die Praxis, ohne dass Tom darüber informiert wurde. Manchmal mussten Patienten transportiert oder Laborproben ausgeliefert, Blutkonserven oder anderes notwendiges Zubehör abgeholt werden. Alles Mögliche. Die Praxis funktionierte nur dank der tatkräftigen Unterstützung durch die örtliche Polizei so gut.

„Diese Leute waren auch nicht von hier, Tom. Vielleicht wohnen sie oben in den Bergen oder sind Farmer aus einem anderen County. Der Vater kannte sich jedenfalls besser mit Verletzungen aus, als er zugab, und ich habe eine Tätowierung auf seinem Handgelenk gesehen. Vielleicht ist er ein Kriegsveteran oder ein Dope-Anbauer. Und Mrs Mulls Narbe – George hat sie eben schon erwähnt – zieht sich quer über eine Hälfte ihres Gesichts. Die arme Frau ist furchtbar entstellt, und vermutlich sieht sie auch auf dem einen Auge nichts. Wenn du sie schon mal gesehen hättest, wüsstest du, wen ich meine. Aber ihr Sohn brauchte dringend medizinische Hilfe. Ihm ist vor zwei Wochen oder so ein Esel auf den Fuß getreten, und inzwischen hat sich die Wunde entzündet und das Gewebe stirbt bereits ab. Wenn man noch länger wartet, wird er am Ende nicht nur den Fuß verlieren. Ich hatte schon Angst, dass sie gar nicht zur Polizeistation fahren. Vielleicht wollen sie nicht ins Krankenhaus.“

„Bist du ihnen auf dem Weg in die Stadt nicht begegnet?“

„Ich war erst noch bei Mikos Silva zum Blutdruck messen“, antwortete sie und schüttelte den Kopf.

„Und der Junge ist noch minderjährig?“, erkundigte sich Tom.

„Sechzehn. Aber trotzdem ...“

„Wir sehen uns mal um.“

„Sie fahren einen uralten Pick-up. Mit dem Ding kommen sie kaum von der Stelle, sie können also noch nicht weit gekommen sein.“ Bitte findet sie, bevor sie auf Nimmerwiedersehen in den Bergen verschwinden, fügte sie im Stillen hinzu.

Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand mit einem ernsthaften medizinischen Problem Junes Rat ignorierte. Trotzdem würde sie sich wohl nie daran gewöhnen.

Das Gelächter der vier alten Herren am Fenster unterbrach sie. George lehnte sich über den Tresen und versuchte, aus dem vorderen Fenster zu schauen. „Was ist los?“, rief er den Alten zu.

„Mary Lou Granger hat vor knapp einer Viertelstunde eine Kiste in die Presbyter-Kirche gebracht, und jetzt kommt die Frau des Pfarrers aus dem Pfarrhaus. Sie hat eine Spürnase wie ein Hund. Sie riecht es vom anderen Ende der Stadt, wenn ihr Mann mit einer anderen Frau allein ist.“

„Da kommt sie!“, rief ein anderer.

June und Tom gesellten sich ebenfalls ans Fenster und beobachteten, wie Mary Lou, eine attraktive junge Mutter um die dreißig, offensichtlich verärgert aus der Kirche kam. Sie trug eng anliegende Jeans und Stiefel und einen Pullover, der nicht ganz bis zur Hüfte reichte. Ihr dichtes, langes, braunes Haar wogte ihr in weiten Wellen über die Schultern. Als sie bei ihrem Kombi angekommen war, drehte sie sich noch einmal zur Kirche um, stampfte wütend mit dem Fuß auf und stieg schließlich ein.

„Wollen wir wetten, dass Pastor Wickham einen hübschen roten Streifen auf der Wange hat?“, fragte jemand.

„Er ist jedenfalls der mutigste Pfarrer, den wir jemals in dieser Stadt hatten“, meinte ein anderer. „Wenn er sich traut, sich den Zorn von Clarice Wickham zuzuziehen.“

„Genau das treibt ihn an, würde ich sagen.“

Die Männer brachen in Gelächter aus.

„Das ist nicht komisch.“ June schüttelte den Kopf über den Pastor.

„Ach, ich weiß nicht. Man darf den Humor nicht verlieren. Hast du ihn in letzter Zeit mal gesehen?“

„Nein, wieso?“

„Er trägt jetzt keine Perücke mehr. Er hat sich einer Haartransplantation unterzogen.“

„Ist nicht wahr!“

„Ist wahr. Seine Eitelkeit ist wirklich Ehrfurcht gebietend.“

Sie musste unwillkürlich kichern, doch dann wurde sie wieder ernst. „Ich denke, es wäre keine schlechte Idee, mal ein Wörtchen mit ihm zu reden, Tom. Du weißt besser als jeder andere, wie schnell solche Situationen eskalieren können. Seine aufdringlichen Blicke und die Tatsache, dass er seine Finger nicht bei sich behalten kann, werden ihm irgendwann echt Ärger einhandeln. Die Männer haben recht – Mrs Wickhams Zorn könnte übel enden. Was, wenn sie die Nase voll hat von seinen ewigen Eskapaden und Flirts? Sie wirkt auf mich ein bisschen, sagen wir, neurotisch.“

„Ich weiß ja, dass du recht hast, June. Vielleicht sollte ich wirklich mal mit ihm reden. Es wird auch nicht schaden, wenn er mitbekommt, dass wir alle wissen, was er so treibt.“ Tom zuckte die Schultern. „Es könnte ihm eine Warnung sein. Nur leider kann ich einfach nicht an mich halten, wenn ich mir seinen Haarschopf ansehe!“

June hob eine Augenbraue. „Ich wette, wenn er dir den Arsch tätscheln und dir ins Ohr blasen würde, könntest du es.“

Tom riss erstaunt die Augen auf, räusperte sich, leerte seinen Kaffee und sagte: „Da kannst du recht haben. Ich denke, ich fahre jetzt mal los. Vielleicht kann ich ja die Mulls in ihrem alten Pick-up überholen.“

Als June Hudson noch ein kleines Mädchen war, dachte sie immer, sie würde Arzthelferin bei ihrem Vater werden. Schon damals hatte sie begriffen, dass Doc Hudson das Leben der gesamten Stadt in seinen fähigen Händen hatte. Später machte June eine Ausbildung zur Krankenschwester, und sie hätte sicher auch ihren Abschluss gemacht, wäre nicht ihrem Chemieprofessor in Berkeley aufgefallen, dass sie ein besonderes Talent für die wissenschaftliche Arbeit besaß. Also wechselte sie mit der Zustimmung ihres Vaters an die medizinische Fakultät.

Während der Semesterferien arbeitete sie bei ihrem Vater. Bei ihm lernte sie nicht nur die Arbeit eines Allgemein- und Familienmediziners kennen, sondern die Arbeit eines Landarztes. Und das war ein großer Unterschied. Oft musste man auf dem Land mit weniger Ausstattung und Geräten auskommen, außerdem mussten sie häufig improvisieren, um die Patienten erfolgreich zu behandeln. June empfand es als weitaus anregender und herausfordernder als die Spezialisierung auf ein besonderes Fachgebiet. Welcher Arzt in San Francisco wurde schon um zwei Uhr nachts angerufen, um die Opfer eines Verkehrsunfalls zusammenzuflicken, weil der Rettungshubschrauber noch nicht da war? Wer fuhr nachts raus zu einem Holzfällercamp, um einen Mann und eventuell auch seine verletzten Gliedmaßen in das nächstgelegene Krankenhaus zu bringen?

Zwölf Jahre später kehrte June endgültig nach Grace Valley zurück, als frischgebackene, idealistische junge Ärztin. Doch sie musste feststellen, dass sie in der Zwischenzeit einiges über das Landleben vergessen hatte.

Da waren zum einen die Menschen, die nur sehr zögerlich Vertrauen zu ihr fassten. Ein neuer Arzt, noch dazu eine Frau! Dabei kannten alle sie seit Ewigkeiten. Sie musste erst ein paar Jahre als Elmers Assistentin arbeiten, bevor man sie ernst nahm. Und sie musste ein paar – von den Einheimischen als medizinische Wunder bezeichnete – Taten vollbringen, bevor sie den ersten Holzfäller ohne Stiefel sehen durfte. Selbst als Elmer schon einige Zeit im Ruhestand war, wandten sich die Männer noch an ihn. Doch ihr Vater schickte sie alle zu June. Oft traf er diese Art von Patienten im Café, an der Tankstelle oder auf der Post. Doch bei den meisten Menschen im Valley hatte sich mittlerweile herumgesprochen, dass June die zuständige Ärztin war. Abgesehen davon war ihr Vater ihr auf professioneller und persönlicher Ebene ein großer Halt. Seit Junes Mutter vor neun Jahren gestorben war, waren sie beide füreinander da.

Zum anderen galt in Grace Valley die alte Regel, dass man sich schon im neunten Schuljahr seinen späteren Ehemann auszusuchen hatte – zumindest, wenn man sein restliches Leben in dieser Stadt verbringen wollte. Glaubte sie wirklich, dass eines Tages ganz zufällig ein gut aussehender Junggeselle in die Stadt kommen und sich unsterblich in sie verlieben würde, während sie seinen verletzten Knöchel verarztete? June war inzwischen siebenunddreißig, und ihre beiden besten Freunde waren ihr Dad und Tom Toopeek. Sie hatte zwar auch einige gute Bekannte in ihrem Quilt-Club, den Graceful Women, und hielt Kontakt zu ihren alten Schulkameradinnen. Einsam war sie also nicht, aber die letzte richtige Verabredung mit einem Mann war bestimmt fünf Jahre her. Elmer dachte lange, sie wäre noch Jungfrau, was sie merkwürdig und lächerlich fand. Zum Glück stimmte es auch nicht. Allerdings war sie inzwischen ganz schön festgefahren – und wohl auch zu unabhängig, um in einer Beziehung einfach nur das hübsche Gesicht zu spielen. Gegen ein bisschen Romantik in ihrem Leben hätte sie trotzdem nichts einzuwenden.

Grace Valley war ursprünglich ein Fischer- und Farmerdorf gewesen. Es lag am Schnittpunkt von drei Countys, etwas näher an Mendocino County als an Trinity und Humboldt. In Rockport gab es ein kleines Krankenhaus, ein etwas größeres in Eureka, und als June und Elmer vor zehn Jahren ihre gemeinsame Praxis eröffnet hatten, hatten die Leute das als Extravaganz angesehen. Eine Arztpraxis in einer Stadt mit neunhundert Einwohnern! Heute lebten in Grace Valley tausendfünfhundertvierundsechzig Menschen, und die medizinische Versorgung durch die Arztpraxis war notwendiger denn je.

June parkte gleich hinter der Praxis neben Charlotte Burnhams Wagen. Charlotte war sechzig Jahre alt und bereits Arzthelferin bei ihrem Vater gewesen. Eine taffere oder effizientere Kraft ließ sich kaum finden. Aber auch keine mürrischere. Der einzige Mensch, bei dem sich Charlotte jemals bemühte, freundlich zu sein, war Elmer. Trotzdem war ihr Ehemann Bud ziemlich vernarrt in sie. Inzwischen war June schon seit einer ganzen Weile die offizielle Ärztin, aber diesen Übergang schien Charlotte nicht wirklich mitbekommen zu haben. Natürlich erledigte sie ihre Aufgaben, aber sie behandelte June immer noch wie das kleine Mädchen, das seinen Vater in der Praxis besuchte, und nicht wie ihre Chefin. Doch June hatte aufgehört, sich darüber aufzuregen. Sie hatte einfach ihre Rachegelüste ausgelebt, indem sie Jessica Wiley einstellte, was Charlotte als schrecklichen Fluch empfand.

Charlotte kam gerade, als June aus ihrem Jeep stieg, aus dem Hintereingang, um eine Zigarette zu rauchen. In der Praxis war Rauchen selbstverständlich nicht gestattet. Charlotte würde jetzt eine Weile draußen bleiben, husten, wieder an die Arbeit gehen und über kurz oder lang die nächste Kippe brauchen. Neben der Hintertreppe stand eine Kaffeedose, die zur Hälfte mit Zigarettenstummeln gefüllt war. Schon seit Jahren versuchte June, Charlotte zum Aufhören zu bewegen.

„Frustzigarette?“, erkundigte sich June.

Charlotte holte tief Luft. „Heute brauche ich sie noch mehr als sonst“, gab sie von sich.

„Ach ja? Hat Jessie sich wieder extra für Sie schick gemacht?“

„Warten Sie’s ab.“ Sie nahm den nächsten Zug.

Die Sprechstundenhilfe Jessica war zwanzig. Sie hatte die Schule geschmissen, war aber trotzdem die beste Bürokraft, die June je hatte. Sie war sehr klug, einfallsreich und schnell im Kopf – aber auch ein wenig exzentrisch. Ihre Outfits waren immer äußerst auffällig. June war schon ganz gespannt, was sie heute erwarten würde. Die schwerfällige Charlotte und die avantgardistische Jessica sorgten jedenfalls immer für Abwechslung. Sie benahmen sich nicht gerade wie Mutter und Tochter.

Oder ... vielleicht doch?

June trat sich die Schuhe ab und stellte die schlammverkrusteten Stiefel vor die Tür, damit sie in der Sonne trocknen konnten. Auf dem Weg zur Praxis war sie noch beim alten Mikos Silva gewesen. Sie fuhr regelmäßig bei ihm auf seiner Farm vorbei, um ihm den Blutdruck zu messen. Seine Auffassung davon, es auf ihre Empfehlung hin „ruhig angehen“ zu lassen, sah so aus, dass er bis halb fünf morgens schlief und nur die Hälfte von der Arbeit erledigte, die er zu erledigen hatte. An diesem Morgen hatte sie in der Scheune nach ihm suchen müssen. Ein Farmer vom alten Schlag, wie Mikos einer war, konnte nicht lange still sitzen. Er hatte Angst, tot umzufallen, wenn er mal nichts arbeitete – ungeachtet aller medizinischen Ratschläge, die ihn zum Gegenteil bewegen sollten.

June schlüpfte in ihre Clogs und machte sich auf den Weg in die vorderen Praxisräume. Eigentlich wollte sie einen guten Morgen wünschen, aber der Anblick von Jessicas neuer Frisur raubte ihr den Atem.

Das Mädchen war ein Goth – so bezeichnete sie sich zumindest selbst. Schwarze Kleidung, viele Piercings an den seltsamsten Stellen, schwarzer Nagellack und Lippenstift. Es gab jedoch keinen Beweis dafür, dass sie irgendwelche schrecklichen Dinge tat – wie Menschenopfer bringen oder so etwas, trotz ihres Erscheinungsbilds, das unwillkürlich darauf schließen ließ. Heute schoss Jessica den Vogel ab. Sie hatte sich die Haare abrasiert bis auf einen bunten Irokesenkamm, der sich stolz in die Höhe reckte und dessen gewagte Strähnen in Lila, Blau, Rot, Orange und Gelb bei jeder ihrer Bewegungen hin und her wippten.

June war sich nicht sicher, wie lange sie ihre Sprechstundenhilfe angestarrt hatte, aber in diesem Moment kehrte Charlotte an ihren Arbeitsplatz zurück. June sah sie an, und Charlottes Blick verhieß nichts als grimmiges Elend. Und die Warnung: Wehe, Sie sagen ein Wort der Bewunderung zu ihr. Als June ins kleine Wartezimmer spähte, musste sie feststellen, dass alle sechs Augenpaare der wartenden Patienten ebenfalls auf Jessicas Irokesenfrisur gerichtet waren. In ihnen spiegelte sich eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Faszination.

„Es geht gleich los“, teilte sie den Wartenden mit. „Guten Morgen, Jessica. Neue Frisur?“

Jessica sah von ihrer Arbeit auf, lächelte sie auf entzückendste Weise an, denn sie war eine entzückende Person, und nickte. Durch das Nicken gerieten ihre verschiedenen Piercings in Bewegung – in den Ohren, der Augenbraue, der Nase und vermutlich auch an anderen Stellen, die June sich lieber nicht vorstellen mochte.

Sie schnappte sich den Stapel mit Patientenkarteien, den Charlotte bereitgelegt hatte, und ging zu ihrem Sprechzimmer. Die Krankenschwester folgte ihr und schloss die Tür hinter sich.

„Ich bin am Ende mit meiner Kraft“, stöhnte Charlotte.

„Nehmen Sie’s leicht. Es ist nur eine Frisur.“ June musste sich zurückhalten, um nicht eine Bemerkung über Charlottes eigene Frisur zu machen, dunkelrot getönt mit leichtem Hang zum Lila, die immer so aussah, als hätte sie schon vor zwei Wochen nachgetönt werden müssen, denn das Grau kam durch.

„Das dürfen Sie ihr nicht durchgehen lassen!“

„Charlotte, sie ist ein sehr nettes Mädchen und eine sehr effiziente Kraft.“ Fast hätte June laut gelacht. „Sie bringt Farbe in unsere Praxis!“

„Wieso erlaubt ihr Vater ihr diesen Irrsinn?“

Charlotte und Bud hatten sechs Kinder großgezogen. Keins von ihnen hatte es sich jemals getraut, den Scheitel auf der falschen Seite zu tragen oder sich gar die Haare abzurasieren oder zu färben. Doch Jessicas Vater Scott, ein fröhlicher, toleranter Künstler, der bereits mit zweiundvierzig Witwer war, überließ es seiner Tochter, ihren eigenen Weg zu gehen. June fand diesen Erziehungsstil gut, auch wenn sie das Charlotte gegenüber niemals zugeben würde.

„Was haben Sie zu Jessie gesagt?“

„Ich habe beschlossen, überhaupt nicht zu reagieren.“

„Sie nehmen sich Jessicas Kleidung und Frisuren unnötig zu Herzen, Charlotte. Vielleicht sollten Sie mal mit jemandem darüber reden? Wie wäre es mit einem Besuch bei Dr. Powell?“ Jerry Powell war der örtliche Seelenklempner – ein promovierter Psychologe mit Schwerpunkt Familientherapie. Er hatte sich auf der Suche nach einem ruhigen, friedlichen Leben nach Grace Valley zurückgezogen, nachdem er zwanzig Jahre lang eine Praxis im Silicon Valley geführt hatte.

„Wieso sollte ich mit dem Spinner reden?“

Jerry Powell war vermutlich ein ausgezeichneter Therapeut – allerdings war er davon überzeugt, er sei einst von Außerirdischen entführt worden.

„Er unterscheidet sich nicht sonderlich von den meisten Einwohnern hier.“

„Von uns glaubt doch niemand an außerirdische Raumschiffe, um Himmels willen!“

„Oh nein“, sagte June lachend. „Natürlich nicht. An Engel, vergrabene Schätze, indianische Geister, verborgene Höhlen und Big Foot – ja. Aber doch nicht an Raumschiffe!“

Charlotte presste die Lippen zusammen. „Ich glaube manchmal, Sie nehmen mich auf den Arm.“ Eilig verließ sie June.

Jerry Powell nahm seinen Kaffee mit ins Büro und wartete dort auf den ersten Patienten des Tages, Frank Craven. Ein Notfall – der Junge war an der Schulbushaltestelle in eine Schlägerei verwickelt gewesen und wurde nun von der Schule geschickt.

Jerry lebte erst seit wenigen Jahren in dem einstöckigen Haus. Einerseits würde er für die nächsten zwanzig Jahre in Grace Valley als Neuankömmling gelten, andererseits hatte man ihn im Ort bereits akzeptiert. Was nicht bedeutete, dass man ihn besonders bevorzugte oder sonst wie hegte und pflegte. Nein, man akzeptierte ihn als den Seelenklempner aus San Jose, der vor knapp zwanzig Jahren in Medienberichten behauptet hatte, er sei mit einem Außerirdischen-Raumschiff unterwegs gewesen. Den „Raumschiff-Shrink“ nannten einige ihn hier. Oder auch den „schwulen Raumschiff-Shrink“, obwohl in Grace Valley niemand genau wusste, ob Jerry Powell homo- oder heterosexuell war. Ohne Zweifel gab es eine Menge Einwohner, die ihn für bekloppt hielten, aber es gab auch genügend Menschen, die auf seine Dienste zurückgriffen. Er verdiente in der kleinen Stadt wesentlich besser, als er es zu hoffen gewagt hatte.

Die Garage des Hauses hatte er zu seiner Praxis umfunktioniert. Ein gepflasterter Fußweg führte zur Seitentür, damit seine Patienten nicht durch seine Privaträume zur Therapiesitzung gehen mussten. Die eine Hälfte der Garage diente als sein Büro, die andere als Wartezimmer. Außerdem hatte er ein großes Fenster einbauen lassen und konnte daher sehen, wann seine Patienten kamen. Und genau durch dieses Fenster bemerkte er jetzt auch den Polizeiwagen, einen braun-beigefarbenen SUV. Lee Stafford saß am Steuer, und Frank Craven stieg aus.

Jerry kam es vor, als sähe er sich selbst vor fünfunddreißig Jahren: dünn, schlaksig, zu lange Arme, schlecht geschnittene Haare, gesenkter Kopf und unbeholfener Gang. Eigentlich hatte sich daran nicht viel geändert, fiel Jerry auf. Er war eins vierundneunzig groß, hatte Schuhgröße 51 und schaffte es bis heute nicht, sein welliges blondes Haar zu bändigen. Und obwohl er versuchte, sich aufrecht zu halten, gelang es ihm selten – schließlich befanden sich neun Zehntel seines Körpers unterhalb des Kinns.

„Komm rein, Frank, komm rein“, begrüßte er den Jungen und hielt ihm die Tür auf. „Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet. Ich bin Jerry Powell.“

„Der Raumschiff-Typ“, murmelte Frank missmutig und mit geschwollenen Lippen.

„Genau der bin ich. Du hast einen aufregenden Morgen hinter dir. Möchtest du etwas trinken? Wasser? Saft? Limo?“

„Nein.“

„Bitte komm mit in mein Büro. Falls du es dir anders überlegt hast, sag es ruhig.“

Aber Frank folgte Jerry in sein Büro. Jerry wartete an der Tür, bis er sich einen Sitzplatz gesucht hatte. Er hatte die Wahl zwischen einer Couch und zwei Stühlen an einem niedrigen Tisch, oder er konnte sich auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch setzen. Doch Frank stand einfach nur da. „Setz dich“, forderte Jerry ihn auf.

„Wohin?“, fragte der Junge.

„Egal wo.“

„Wohin?“, fragte er noch mal. Offensichtlich wollte er es nicht selbst entscheiden.

„Wie wäre es hier?“, übernahm Jerry die Führung und deutete auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch.

Frank ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Dauert das hier lang?“

„Wahrscheinlich nicht. Ich will dir nur vorher rasch ein paar Dinge erklären. Ich werde mir Notizen machen, weil ich meinem Gedächtnis nicht traue. Diese Aufzeichnungen sind streng vertraulich. Auch wenn dein Schulleiter dich hierher geschickt hat, darf ich ihm nichts über unser Gespräch mitteilen. Ist das okay für dich?“

„Ist mir doch egal, was Sie dem sagen. Das blöde Arschloch.“

„Ich werde ihm nur mitteilen, dass unsere Sitzung stattgefunden hat“, informierte Jerry ihn ungerührt, als hätte er die Bemerkung gar nicht gehört.

„Ich hatte die Wahl. Schulverweis oder Therapeut.“

„Ja, und ...“

„Hätte ich die Wahl gehabt zwischen kurzzeitiger Beurlaubung und Therapie, hätte ich die Beurlaubung genommen.“

Jerry hatte die Beine übereinandergeschlagen und legte sich jetzt einen gelben Block auf die Knie, auf dem er das Datum notierte. 17. April. „Wieso hast du dich gegen den Schulverweis entschieden? Gehst du gern zur Schule?“

„Nicht wirklich. Aber meine Ma möchte gern, dass ich hingehe.“

„Aber jetzt hättest du die perfekte Entschuldigung gehabt. Ein Schulverweis.“

Frank zog an einem Faden seiner Jeans. Die Hose war in keinem guten Zustand, sie war alt und nun auch noch verdreckt von der Rauferei.

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