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Grace Valley - Im Licht des Tages

Robyn Carr

Grace Valley – Im Licht des Tages

Roman

Aus dem Amerikanischen von Gisela Schmitt

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

June Hudson hatte Nerven wie Drahtseile. Sie war siebenunddreißig Jahre alt und seit über zehn Jahren Ärztin in Grace Valley. Ihr Job war einfach nichts für Leute mit schwachen Nerven. Sie hatte auf dem Rücksitz eines Pick-ups ein Baby zur Welt geholt, neben einer Kühlbox, in der das abgetrennte Bein eines Holzfällers lag, auf den Rettungshubschrauber gewartet und einfühlsam, beruhigend auf einen Marihuana-Anbauer eingeredet, der mit einer geladenen Waffe auf sie zielte. Sie war eine Frau. Aber sie war auch tough. Stark. Furchtlos.

Das heißt, natürlich war sie nicht völlig furchtlos – doch sie hatte gelernt, furchtlos zu erscheinen. Ein alter Arzttrick.

Und dann erreichte sie an einem frühen Morgen der unheilvolle Anruf, der ihren Puls in die Höhe und ihr den Schweiß auf die Stirn trieb. Ihre Beine gaben nach, und sie sank hilflos auf den Küchenstuhl.

Eigentlich begann es ganz harmlos. Ihre Freundin Birdie erzählte ihr, ihr Sohn Chris käme mit seinen zwei Jungs nach Hause. Die Jungs waren vierzehnjährige Zwillinge.

„Aber nur zu Besuch?“, meinte June.

„Nein, sie wollen bleiben. Er und Nancy lassen sich scheiden.“

June schwieg. Sie war schockiert und irritiert. Scheidung?

„Er hat übrigens gefragt, ob du noch Single bist …“, plapperte Birdie weiter. In ihrer Stimme schwang Hoffnung mit.

In diesem Moment bekam die furchtlose June Angst. Chris war ein Exfreund von ihr, genau genommen ihre erste Liebe. Und der Erste, der ihr das Herz gebrochen hatte. Damals hatte sie sich geschworen, wenn sie Chris Forrest je wiedersähe, würde sie sich an ihm rächen für das, was er ihr angetan hatte.

Er war das einzige Kind von Birdie und Judge Forrest und hatte die letzten achtzehn Jahre in Südkalifornien gelebt. Mit seiner Frau, die er ebenfalls noch von der Schule kannte: Junes ehemaliger Rivalin Nancy Cruise. Er hatte sich nur selten in Grace Valley blicken lassen, denn seine Eltern hatten ihn lieber in San Diego besucht. Wann immer er hier war, versuchte June ihm aus dem Weg zu gehen. Falls sie ihm dennoch begegnete, behandelte sie ihn äußerst reserviert. Mit ihrer Haltung wollte sie ihm beweisen, dass sie die Vergangenheit hinter sich gelassen hatte und er ihr gleichgültig war.

Allerdings stimmt das leider nur teilweise. Natürlich dachte sie nicht ständig an ihre Beziehung, die zwanzig Jahre her war und unschön geendet hatte. Doch immer, wenn sie ihn sah, erinnerte sie sich unwillkürlich an zwei Dinge: Erstens, dass Chris kurz nach dem Schulabschluss wegen Nancy Cruise mit ihr Schluss gemacht hatte, ohne überhaupt noch mal mit ihr zu sprechen. Und zweitens, dass er immer noch so gut aussah wie damals. Sie hasste ihn für beides.

Und jetzt, wo er so gut wie geschieden war, erkundigte er sich, ob June immer noch zu haben war? Davon träumst du wohl, Chris Forrest, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie plauderte noch eine Weile mit Birdie, die natürlich sehr aufgeregt war wegen der bevorstehenden Veränderungen. Nachdem sie aufgelegt hatten, blieb June noch einen Moment sitzen und fantasierte darüber, wie sie Chris einen langsamen, schmerzhaften und qualvollen Tod bereiten könnte. Da klingelte das Telefon wieder.

„Schon gehört? Chris Forrest zieht zurück nach Grace Valley“, berichtete ihr Vater Elmer ihr.

„Ach wirklich?“ June tat so, als wüsste sie von nichts. „Da werden sich Birdie und Judge aber freuen.“

„Offensichtlich hat er sich von Nancy getrennt und hat das Sorgerecht für die Kinder.“

„Wie schön.“

„Er ist geschieden“, betonte Elmer noch einmal.

„Das meinte ich nicht“, erwiderte June. „Sondern, dass er mit seinen Söhnen hierher zurückkommt. Für seine Eltern ist es zumindest schön.“

„Findest du das nicht spannend?“, bohrte Elmer weiter nach. „Dass er wieder Single ist?“

Ihre Wangen glühten, doch ganz bestimmt nicht vor Leidenschaft. Ihr Vater ging ja wohl nicht allen Ernstes davon aus, dass sie diesen Mistkerl mit offenen Armen empfangen würde? „Ganz sicher nicht. Das ist hundert Jahre her. Ich war damals noch ein halbes Kind!“

„Ach so. Gibt’s heute Abend Hackbraten bei dir?“

„Dad? Weißt du zufällig, wann sie eintreffen werden?“

„Ich glaube, Judge sagte, so bald wie möglich, denn Chris muss die Jungs ja in der Schule anmelden. Was ist denn nun mit heute Abend? Es ist doch Dienstag, oder nicht?“

„So bald wie möglich?“ Abwesend berührte sie ihr Haar, das noch feucht vom Duschen war. Sie konnte binnen kürzester Zeit einen entzündeten Blinddarm herausoperieren und dabei eine so winzige Narbe hinterlassen, dass jeder plastische Chirurg vor Neid erblasste, doch was das Bändigen ihres schulterlangen, dunkelblonden Haares – straßenköterblond, wie ihre Mutter es genannt hatte – betraf, hatte sie keinerlei Geschick.

Sie hatte immer Nancy um ihr volles, braunes, glänzendes Haar beneidet.

June betrachtete ihre Hände. Es waren Arzthände. Kurze Nägel, raue Fingerknöchel, weil sie sich dauernd die Hände waschen musste und … O nein! War das etwa ein Altersfleck?

Sie erfuhr noch, dass Chris, Nancy und ihre Söhne Mitglieder in einem Country Club waren.

„Wir sehen uns dann so gegen sechs hier bei mir, Dad.“

„Ist alles in Ordnung mit dir, June? Du klingst so müde. Wurdest du letzte Nacht viel rausgeklingelt?“

In diesem Moment meldete sich ihr Pager im Schlafzimmer, der auf Vibration gestellt war, und fing an, auf dem Nachttisch zu tanzen. Grrrr. Rasch rannte sie hin, das Telefon noch am Ohr. „Nein, niemand hat mich rausgeklingelt. Die Nacht war ruhig. Ich muss los, Dad. Man piept mich an. Bis später!“

„Bis dann“, erwiderte er.

Der Pager zeigte die Nummer der Polizeistation, dazu die 911, damit June wusste, dass es sich um einen dringenden Notfall handelte. Chris Forrest war vergessen. „Hier June.“

Deputy Ricky Rios hatte sie angefunkt. „Chief Toopeek wurde wegen einer Schießerei zu den Culley-Stallungen gerufen. Er sagt, du sollst so schnell wie möglich kommen.“

„Brauchen wir auch einen Notarzt oder einen Hubschrauber?“, erkundigte sie sich, während sie in ihre Schuhe schlüpfte.

„Er hat nur nach dir gefragt.“

June schnappte sich ihre Handtasche und band sich rasch die Haare zusammen, pfiff ihren Collie Sadie herbei und hatte binnen fünfzehn Sekunden das Haus verlassen. Sie teilte sich die Rufbereitschaft mit ihrem Kollegen John Stone, dem anderen Arzt vor Ort, und momentan stand ihr der neue Rettungswagen zur Verfügung. Das Auto war so neu, dass sie noch immer Respekt vor ihm hatte, und trotz Blaulicht und eingeschalteter Sirene raste sie nicht wie eine Verrückte los. Es war früh am Morgen. Sie wollte nicht mit Wildtieren zusammenstoßen oder mit einem langsam fahrenden landwirtschaftlichen Fahrzeug zusammenprallen.

Obwohl June auch ein Funkgerät im Wagen hatte, meldete sie sich nicht bei Tom Toopeek. Denn viele Leute in Grace Valley besaßen ebenfalls Funkgeräte, und June wollte ihn deswegen nicht über Funk zu näheren Einzelheiten ausfragen, sonst würde es schnell in der Stadt die Runde machen. Im Grunde genommen konnte man den Leuten allerdings auch gleich mitteilen, was Sache war – spätestens zur Mittagszeit würden alle Bescheid wissen.

Daniel und Blythe Culley wohnten auf einer mittelgroßen Ranch mit vielen Hektar Land, auf dem sich zwei Pferdeställe und fünf Pferche befanden und das ausreichend Weidefläche für die Tiere in den Ausläufern des kalifornischen Küstengebirges bot. Ursprünglich stammten sie aus Kentucky und hatten klein angefangen. Aber vor knapp zehn Jahren hatten sie mit einem ihrer Hengste große Erfolge bei Pferderennen in San Francisco und San Diego gefeiert, und ihr Stall wurde berühmt. Sie beschäftigten Züchter, Trainer und manchmal auch Jockeys, bis zu zwanzig Personen, je nachdem, wie viele Pferde bei ihnen standen. Ihre Kunden kamen von überall, und die Culleys hatten das ganze Jahr über gut zu tun.

June machte sich nicht die Mühe, Vermutungen darüber anzustellen, was geschehen sein könnte. Hier besaß fast jeder eine Waffe, vor allem die Leute, die in der Bergen lebten und in Kontakt mit Wildtieren kamen. Vielleicht war einem der Stallhelfer ein Missgeschick passiert oder eine Meinungsverschiedenheit war ausgeartet – was allerdings eher unwahrscheinlich war. Die Culleys waren bodenständige Leute. Still, doch freundlich und hilfsbereit. Einen Stall wie den ihren aufzubauen erforderte eiserne Disziplin und stetiges Engagement, deswegen sah man die beiden nicht oft in der Stadt. Farmer, Rancher, Winzer, Holzfäller – sie alle arbeiteten von früh bis spät, nur um abends früh schlafen zu gehen und am nächsten Morgen früh aufzustehen und weiterzuarbeiten. Die Culleys führten eine solide Ehe. Gemeinsam hatten sie alles aufgebaut. June fand es ein bisschen traurig, dass die beiden keine Kinder hatten – sicher wären sie auch tolle Eltern gewesen.

Es war sieben Uhr morgens, und ein dünner Frühnebelschleier umgab das Haus, obwohl die Sonne schon durch die Bäume schien. Toms Range Rover parkte knapp hundert Meter vom Haus entfernt. Tom stand neben seinem Auto, das Gewehr in der Hand. Auf einem umgekippten Fass lag Daniel, seine Hose bis zu den Oberschenkeln heruntergelassen, den nackten Hintern in die Luft gereckt, weil er mit Schrotkugeln gespickt war.

„Daniel, was zum Teufel …“ Sie stieg aus dem Rettungswagen.

„Die Alte hat den Verstand verloren!“, antwortete er.

„Willst du sagen, Blythe war das?“

„Wohnt hier eine andere Alte?“

„Na ja, ich …“ Eigentlich sind sie doch noch gar nicht so alt, dachte June. Blythe durfte etwa fünfundfünfzig sein und Daniel vielleicht etwas älter. Schwer zu schätzen. Als sie nach Grace Valley gezogen waren, waren sie noch ein junges Paar gewesen. June hatte sie nie behandelt – was ihr erst in diesem Moment auffiel. Suchten die beiden wohl in einer anderen Stadt einen Arzt auf? Wieso hatten sie sich nie von Elmer behandeln lassen? Sie kannten ihren Vater gut. Doch vielleicht war gerade das der Punkt – das ging vielen Menschen in der Stadt so: Sie wollten mit ihrem Arzt nicht persönlich befreundet sein.

„Wo ist Blythe denn?“, erkundigte sie sich.

Tom sprach kein Wort, sondern deutete nur mit dem Gewehr aufs Haus. Im Morgennebel sah June Blythe in einem Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen, eine Schrotflinte lag auf ihren Beinen.

„Hast du schon mit ihr geredet?“, fragte June Tom.

„Nur aus sicherer Entfernung. Mir scheint, sie braucht ein bisschen Zeit zum Nachdenken.“

„Wenn sie noch sehr viel länger nachdenken darf, wird sie hier rüberstapfen und mir die Knarre an den Kopf halten, den ich mir vor über dreißig Jahren besser hätte untersuchen lassen! Bevor ich mich auf all das eingelassen habe!“, murmelte Daniel.

June begutachtete sein verletztes Hinterteil. „Ich muss Sie wohl mit in die Praxis nehmen, Daniel. Da habe ich eine feine Pinzette und das entsprechende Verbandsmaterial. Alles halb so schlimm.“ Sie hustete hinter vorgehaltener Hand und meinte dann: „Es könnten allerdings Narben zurückbleiben.“

„Aber Sie können mich nur in die Praxis schaffen, wenn ich auf dem Bauch liegen kann!“

„Schon klar. Meinen Sie, Sie können alleine auf die Liege steigen?“

„Ich will’s versuchen.“

„Und ich überlege mir, was wir für Blythe tun können.“

„Für sie tun können?“, stieß ihr Mann hervor.

„Soll ich sie vielleicht einsperren?“, mischte Tom sich ein.

„Was machen Sie denn üblicherweise, wenn jemand auf eine Person schießt? Schmeißen Sie ’ne Party?“

„Kommen Sie, Daniel“, sagte June beruhigend. „Mal schauen, ob Sie aufstehen und zum Wagen laufen können. Was haben Sie denn eigentlich getan, um Blythe so auf die Palme zu bringen? Ich kenne sie nur als liebe, freundliche Person.“

„Tja, da kennen Sie sie schlecht“, erwiderte er knurrend und hievte sich von dem Fass. Rasch steckte er die Hände in die Hosentaschen, damit ihm die Hose nicht noch weiter herunterrutschte, und humpelte mit Junes Hilfe und mit kleinen Schritten zur Heckklappe des Krankenwagens.

„Wirklich, ich habe sie nur als reizende, entzückende Person erlebt. Versuchen Sie nicht meinen brandneuen Rettungswagen allzu sehr vollzubluten.“

Der Mann blieb stehen und starrte sie an.

„Also …“ Entschuldigend zuckte sie die Schultern. Vorsichtig gingen sie weiter.

Obwohl June die Fahrertür offen gelassen hatte, thronte Sadie majestätisch auf dem Beifahrersitz. Sie war ein Arbeitshund und unternahm nichts von sich aus, ohne Kommando. „ Sadie, braves Mädchen. Komm, du darfst kurz auf die Wiese.“ Der Collie schien sie anzulächeln, als er aus dem Auto ins Gras sprang.

„Ich wüsste zu gern, was Sie angestellt haben“, wiederholte June.

„Ja, das wüssten Sie gern.“

Mit dem Gewehrkolben nach vorne gerichtet ging Tom langsam auf die Veranda zu. Jetzt, wo Daniel und June mit dem Krankenwagen verschwunden waren, traute er sich, sich Blythe zu nähern. Er erkannte, dass sie erschöpft und traurig aussah. Vielleicht hatten die beiden die ganze Nacht gestritten, möglicherweise dauerte ihr häuslicher Zwist schon seit Tagen oder Wochen an.

Blythe Culley war nicht eigentlich eine Schönheit, doch sie hatte ein süßes Gesicht, das strahlte, wenn sie lächelte, und rosige Wangen. Nur tat sie das gerade nicht. Sie war ein bisschen pummelig geworden im Lauf der Jahre, und ihr einst schwarzes Haar durchzogen ein paar Silberfäden. Ohne die dunklen Ringe unter den geröteten Augen sah sie eigentlich sehr hübsch aus.

„Sie hatten einen stressigen Morgen“, sagte er zu ihr.

„Ich war wohl etwas gereizt.“

Er hob die Augenbrauen. Tom Toopeek war Cherokee. Als kleiner Junge war er von Oklahoma nach Kalifornien gekommen. Er war nicht in einem Reservat aufgewachsen. Seine Eltern Philana und Lincoln, die immer noch bei ihm und seiner Familie lebten, hatten ihn dennoch in der Tradition ihres Volkes erzogen. Deswegen hörte Tom eher zu, als dass er redete, und wartete eher ab, als übereilt zu handeln. Diese Taktik hatte sich bewährt.

„Ich denke, jetzt ist alles geklärt“, erwiderte Blythe, wobei ihr eine dicke Träne über die Wange lief.

Tom lehnte das Gewehr gegen das Verandageländer. Mit zwei Schritten stand er vor Blythe und nahm ihr die Schrotflinte ab, die sie immer noch auf dem Schoß liegen hatte, und überprüfte, ob sie noch geladen war. Anschließend stellte er sie neben seine eigene Waffe. „Nein, Blythe, es ist noch nicht geklärt. Ich habe mit Daniel gesprochen.“

„Was hat er gesagt?“ Sie sah verblüfft aus, als hätte sie Angst, Einzelheiten ihres Streits könnten an die Öffentlichkeit dringen.

„Er hält Sie für verrückt, um es mal so auszudrücken.“

Die Furcht in ihren Augen verschwand und wich einem wütenden Ausdruck. „Aha. Das war ja klar.“

„Wollen Sie mir verraten, wieso Sie Ihrem Mann eine Ladung Schrot in den Hintern gejagt haben?“

„Weil er mir Dinge an den Kopf geworfen hat, die er besser nicht gesagt hätte.“

„Zum Beispiel?“

„Ich glaube nicht, dass das etwas zur Sache tut.“

„Vielleicht doch“, entgegnete Tom. „Ich wüsste gern, was ein Mann sagen muss, damit seine Frau auf ihn schießt. Daniel ist kein Trinker. Er war also sicher nicht betrunken und hat im Haus randaliert. Er ist nicht gewalttätig, im Gegenteil – ich halte ihn für eher sanftmütig, obwohl er natürlich sehr viel Kraft hat. Wenn Sie mich fragen, gehört er zu den guten Ehemännern hier im Valley. Sie können doch froh sein, ihn zu haben.“

Blythe begann leise zu weinen. Ihr Kinn sank nach unten, ihre Miene war gequält, sie erbebte, und Tränen tropften auf ihren Busen. „Sie sagen es. Ich kann froh sein, ihn zu haben. Und jetzt wird eine andere ihn haben statt mir.“

Und damit stand sie auf, marschierte ins Haus und knallte die Tür hinter sich zu.

Tom konnte sie in diesem Zustand unmöglich allein lassen. Womöglich tat sie sich etwas an. Er überlegte, welche von ihren Freundinnen er wohl anrufen könnte, damit sie vorbeikäme und sich um sie kümmerte, allerdings fiel ihm partout niemand ein. Daniel und Blythe lebten recht abgeschieden auf ihrer Ranch. In Grace Valley kannte und mochte man die beiden zwar, doch hatten sie auch Freunde?

Als die Stallhilfen bemerkten, dass der Streit vorbei war, trauten sie sich wieder raus. Tom fragte drei von ihnen, ob sie jemanden wüssten, der sich um Blythe kümmern könnte. Doch die Männer zuckten nur ratlos die Achseln und schüttelten den Kopf.

Tom konnte natürlich einfach eine Nachbarin bitten vorbeizuschauen. Allerdings ging es hier ja nicht darum, dass die Scheune brannte oder jemand krank war. Hier ging es um einen ernsten Streit zwischen den Eheleuten. Da musste sich schon jemand der Sache annehmen, der mit den beiden befreundet war – oder ein Profi.

Schließlich rief er Jerry Powell an, den Therapeuten.

„Will sie denn mit mir sprechen?“, wollte dieser als Erstes wissen.

„Das ist mir egal, Jerry. Entweder sie redet mit dir, oder sie muss auf die Polizeiwache. Komm doch bitte her.“

June hatte mittlerweile mit ihrem Patienten die Praxis erreicht, wo sie ihm die Schrotkugeln aus dem Hintern zog. Sie löcherte Daniel, womit er Blythe so in Rage versetzt hätte. Aber er wiederholte die ganze Zeit nur stur: „Die Frau ist verrückt geworden.“

Später holte ihn einer seiner Arbeiter in einem Pick-up ab, dessen Ladefläche mit Heuballen bedeckt war. Daniel war froh, sich für die Heimfahrt darauflegen zu können.

June versorgte nun die anderen Patienten, von denen sich ziemlich viele nach Daniel erkundigten. In einer freien Minute löste June ihren Zopf und bürstete sich die Haare. Es war hoffnungslos. Die Strähnen standen wild nach allen Seiten ab, und ihre leichte Naturwelle machte das Ganze auch nicht besser. Seufzend band sie den Wust an Haaren wieder zusammen.

Heute kam sie erst sehr spät zu ihrer Tasse Kaffee in Fuller’s Café. Normalerweise schaute sie immer gegen sieben rein, bevor sie die Praxis öffnete. Der verspätete Koffein- und Zuckerstoß hatte Auswirkungen auf ihre Laune gehabt, denn eigentlich war June ein ausgeglichener Mensch.

„Viel zu tun heute Morgen, was?“, begrüßte George Fuller sie. „Erst Daniel Culley mit seiner Ladung Schrot im Hintern, und gleich wird Chris Forrest zurückerwartet. Stehst du eigentlich immer noch auf ihn, June?“

„George! Werd bitte nicht albern! Wir reden von einer Highschool-Liebe!“

„Wieso sollte er denn sonst nach Grace Valley zurückkehren?“

„Woher soll ich das wissen? Vermutlich, weil seine Eltern hier leben? Oder weil es hier besser für die Kinder ist? Oder ganz einfach, weil es ihm hier gefällt?“

George grinste blöd. „Vielleicht will er ja wieder mit dir zusammen sein.“

„George! Highschool!“

„Ob er schon gehört hat, was für eine übellaunige Zicke du geworden bist?“

„Halt einfach die Klappe und gib mir meinen Kaffee und eine Bärentatze, dann bessert sich meine Laune schlagartig. Es ist halt schlimm, wenn du mir jeden Morgen die Ohren volljammerst.“

„Du kriegst seit zehn Jahren jeden Morgen Bärentatzen und Kuchenteilchen von mir, June, und trotzdem bist du noch so dünn wie damals auf der Schule. Stimmt mit deinem Stoffwechsel irgendwas nicht?“

„Wahrscheinlich.“

George klopfte sich mit einer Hand auf den Bauch, über dem das Hemd spannte. Er sah aus, als wäre er im siebten Monat schwanger. „Dann ist meiner sicher völlig hinüber.“ Er grinste.

„Und nicht nur dein Stoffwechsel“, entgegnete June und griff nach ihrem Kaffeebecher und dem Gebäck.

Sie drehte sich um und hörte ihn sagen: „Ich nehme es dir nicht übel, June. Ich hätte vermutlich auch schlechte Laune, wenn ich den Morgen damit zugebracht hätte, einem alten Kerl Schrot aus dem Hintern zu pulen.“

Mal was anderes, dachte sie und wollte zurück in die Praxis gehen. Doch da entdeckte sie Tom, der mit ein paar Leuten am Tresen stand, und ging zu ihm.

„Wir haben eine Wette laufen, Doktor“, meinte Ray Gilmore zur Begrüßung. „Ich schätze, Blythe hat Daniel dreißig Splitter in den Hintern gejagt, aber Sam sagt, er hätte Dan damals die Flinte verkauft, und sie würde sich nicht dafür eignen, gleich vier ganze Ladungen auf ein so kleines Ziel zu feuern. Er tippt deswegen auf maximal zwölf Splitter. Also, wer muss den Kaffee zahlen?“

„Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun?“, entgegnete sie.

Sam und Ray schauten sich an, zuckten mit den Schultern und meinten: „Nein. Du etwa?“

„Diese Stadt“, stieß sie kopfschüttelnd hervor und blickte Tom an. „Was hast du mit Blythe gemacht?“

„Sie scheint sich wieder beruhigt zu haben“, informierte er sie, was ihre Frage nicht wirklich beantwortete.

„Einen so heftigen Streit hätte ich den beiden niemals zugetraut“, meinte June. „Mit einer Waffe, die zum Einsatz kam!“

„Da hast du recht“, pflichtete Tom ihr bei.

„Tja, die Ehe ist eben eine delikate Angelegenheit“, mutmaßte sie.

Tom, Sam und Ray waren alle verheiratet. Alle drei schüttelten den Kopf. Einer stieß einen Pfiff aus, der andere lachte reuevoll, und der dritte murmelte: „Da hast du verdammt recht.“ Das kam ausgerechnet von Sam, dem energiegeladenen Siebzigjährigen, der vor Kurzem die sechsundzwanzigjährige Justine geheiratet hatte.

„Apropos, June“, wechselte Ray das Thema, „du bist doch bestimmt schon ganz aufgeregt, weil dein alter Lover bald wieder in der Stadt ist. Und er ist wieder Single, wie erzählt wird.“

Es würde noch ein langer Tag werden.

2. KAPITEL

June, Tom Toopeek, Chris Forrest und Greg Silva waren zusammen aufgewachsen. Als beste Freunde, Vertraute. Bis zur Pubertät schien es den Jungs gar nicht aufzufallen, dass June ein Mädchen war. Ab dann musste sie gewisse Dinge mit sich allein ausmachen. Doch die Jungs zeigten sich wenig sensibel. Sie kletterten auf den großen Baum vor ihrem Zimmer und versuchten, einen Blick auf sie zu erhaschen. Einmal fiel Chris dabei herunter und brach sich den Arm. Elmer machte den Gipsverband etwas schwerer als nötig, und Chris lief sechs Wochen mit Schlagseite herum.

Ab Ende der Mittelstufe waren Chris und June ein Paar – und sie blieben auch bis zu ihrem Highschool-Abschluss zusammen. Sie war Cheerleaderin, er Quarterback in der Football-Mannschaft. Allerdings gab es da noch eine Cheerleaderin, die ein Auge auf Chris geworfen hatte: Nancy Cruise. Ihr war es egal, dass er eine Freundin hatte. Und Chris zeigte sich empfänglich für ihre Avancen. Er fragte sich immer, ob es wirklich das Wahre war, sich so früh zu binden. Und wenn er dann loszog, landete er meistens bei Nancy, die sich darüber hämisch freute. Doch Chris kehrte jedes Mal reumütig zu June zurück und versprach ihr, es nie wieder zu machen, während Nancy weiter daran arbeitete, sie auseinanderzubringen. Vier Jahre ging dieses Tauziehen um Chris weiter. Obwohl June eindeutig mehr Zeit mit Chris verbrachte, lauerte die Gefahr in Form von Nancy immer und überall.

Noch unerträglicher als Nancy war allerdings ihre Mutter. Eine dominante, herrische Frau, die in der Stadt gefürchtet war. Sie hatte den Vorsitz in jedem Komitee und war drei Jahre hintereinander die Vorsitzende des Lehrer-Eltern-Ausschusses. Sie war eine Tyrannin. Egal was Nancy versuchte, June anzutun, Mrs Cruise setzte immer noch einen drauf.

Die Sache mit Nancy und Chris war das einzig Schlechte, was ihr aus ihrer Schulzeit in Erinnerung geblieben war. Sie hätte mit dem Idioten schon nach seinem ersten Fehltritt Schluss machen sollen. Aber wie die meisten Mädchen wollte sie eben einen Freund haben, und sie wollte keinen anderen als Chris. Chris flehte sie an, June hielt ihm Vorträge – und gab am Ende doch nach. Und schenkte ihm ihre Jungfräulichkeit. Und von da an zog es ihn auch nicht mehr zu der anderen hin. Das wusste sie.

In einem Punkt waren sich Chris und June allerdings uneinig: wie wichtig die schulische Leistung war. June lernte gern und hatte gute Noten. Chris langweilte sich schnell, war ruhelos und konnte sich nicht lange konzentrieren. Sie gehörte zu den Jahrgangsbesten, er schaffte seinen Abschluss nur mit Ach und Krach. Ihre unterschiedliche Auffassung diesbezüglich führte schließlich auch zum Bruch zwischen ihnen. June erhielt ein Stipendium und ging nach Berkeley zum Studieren, wohingegen Chris es gerade mal auf das örtliche College schaffte.

Eine Zeit lang schrieben sie sich lange Liebesbriefe, genossen die leidenschaftlichen gemeinsamen Stunden am Wochenende, schmiedeten Pläne für die Semesterferien und stellten sich vor, dass sie heiraten würden. Kurz nach Weihnachten in ihrem ersten Studienjahr entschied sich June dafür, das Studienfach zu wechseln – statt Krankenschwester wollte sie nun Ärztin werden. Das Studium war anspruchsvoller und kostete viel Zeit. June fuhr nicht mehr so oft nach Hause, und aus ihren langen Liebesbriefen wurden ein paar spärliche Zeilen. Eines Tages rief ihre Mutter Marylin sie an und erzählte ihr, dass Chris sein Studium geschmissen hatte und zur Navy gegangen war – und Nancy Cruise mit ihm durchgebrannt war.

June hörte nichts mehr von ihm. Keine Erklärung, keine Entschuldigung, nicht einmal ein Wort des Abschieds.

Sechs Monate später hatte er zum ersten Mal Heimaturlaub. Mrs Cruise schmiss eine Riesenparty für das glückliche Paar und lud die ganze Stadt ein – auch June. Das Ganze erinnerte an die Ehrenrunde eines Siegers im Stadion.

June war am Boden zerstört. Sie war ein Wrack. Doch sie war auch wütend. Erst jetzt wurde ihr klar, dass Chris vier Jahre lang mit ihr und Nancy zusammen gewesen war, und die Tatsache, dass er insgesamt zwar mehr Zeit mit ihr verbracht hatte, konnte sie nun auch nicht mehr trösten. Es wäre vermutlich immer so weitergegangen, wenn sie nicht nach Berkley gegangen wäre. Chris war einfach ein mieser Bigamist. Sie konnte froh sein, dass sie ihn los war, und war erleichtert, als er und Nancy wegzogen. Von da an konzentrierte June sich voll auf ihr Studium. Das Leben in Berkeley war spannender als das Leben in Grace Valley, und es bot ihr eine willkommene Ablenkung. Sie dachte kaum noch an Chris und falls doch, wünschte sie ihm, dass er unglücklich war.

Jetzt saß June an ihrem Schreibtisch und hatte eine Patientenakte vor sich, ohne sie wirklich zu lesen. Sie grübelte darüber nach, wie es sein würde, Chris nach all den Jahren wiederzusehen. Eigentlich hatten sie sich nie offiziell getrennt. Er hat einfach eine andere geheiratet, schoss es June durch den Kopf.

Aber jetzt war alles anders. Er war wieder Single.

Nachdem sie damals ihren Liebeskummer überwunden hatte, freute sie sich darüber, wie sich ihr Leben entwickelte – ohne Chris. Nach ihm hatte sie auch nicht gerade wie eine Nonne gelebt und mehrere Beziehungen gehabt. Mittlerweile war sie siebenunddreißig – sie hatte immer noch genug Zeit.

Und dann erinnerte sie sich wieder an den Telefonanruf ihrer Mutter …

Und an die dummen Bemerkungen, die sie wegen Chris hatte schlucken müssen.

Und dass sie nie erfahren hatte, wieso …

„So kann es nicht weitergehen. Ich brauche Ablenkung“, sagte sie laut zu sich. „Ich muss aufhören, in der Vergangenheit zu schwelgen. So ein Unsinn!“ Sie blätterte in der Akte, schaute auf die Uhr und fragte sich, was es wohl bei ihrer Tante Myrna zum Mittagessen gab.

Plötzlich riss jemand die Tür zu ihrem Büro auf. Charlotte, Krankenschwester in der Praxis, stand vor ihr. Sie roch sehr stark nach Zigaretten. Wie immer erschrak June heftig, denn wie üblich hatte Charlotte nicht angeklopft.

„Entschuldigung“, meinte Charlotte. „Dr. Hudson rief gerade an und wollte wissen, ob es bei dem Hackbraten heute Abend bleibt.“

June verzog das Gesicht und kaute auf ihrem Stift herum. Sie bedachte Charlotte mit einem verärgerten Blick. Immer sprach sie von Elmer als Dr. Hudson und von June als June. Charlotte hatte schon für ihren Vater gearbeitet und schien es June vorzuwerfen, dass Elmer sich zur Ruhe gesetzt hatte.

„Charlotte, wer kocht denn bei Ihnen?“, fragte June.

„Seit Bud nicht mehr arbeitet, hat er das übernommen.“

„Ist es da nicht etwas seltsam, wenn ich jeden Dienstag den Hackbraten zubereite, obwohl mein Vater auch nicht mehr arbeitet?“

Charlotte verschränkte die Arme vor ihrem Busen und funkelte June streng an. „Er hat diesen Hackbraten verdient.“

„Natürlich, das ergibt Sinn“, erwiderte June und widmete sich wieder der Akte. „Ich habe mit ihm bereits ausgemacht, dass wir uns um sechs Uhr treffen. Würden Sie ihn bitte daran erinnern?“ Sie kritzelte etwas auf den Rand der Akte, neben die Blutwerte des Patienten. Charlotte rührte sich nicht. June hob den Blick. Die Krankenschwester stand da wie erstarrt, die Lippen zusammengepresst, die Augen weit aufgerissen, bleich wie der Tod. Ein Arm bewegte sich zitternd in Richtung Brust, dann kippte die Frau um.

„Charlotte!“

June war sofort bei ihr, kurz darauf erschienen auch John Stone und Jessica. June horchte Charlotte ab. Nichts. Sie tastete am Hals nach ihrem Puls.

„Jessie“, rief John, „Wir brauchen den tragbaren EKG-Monitor und den Defibrillator hier. Und ruf bei der Polizei an, wir brauchen jemanden, der sie ins Valley Hospital fährt. June, fangen Sie mit der Herzmassage an. Ich hole das Intubationsset.“

June begann mit der Herzmassage. Sie zählte laut mit. „Eins, zwei, drei, vier …“

Die quietschenden Räder kündigten den Rollwagen an, auf dem sich der tragbare EKG-Monitor und der Defibrillator befanden, dazu Medikamente und weitere Instrumente, die bei Herzstillstandpatienten zum Einsatz kamen. John kniete sich neben Charlottes Schulter, riss ihren Kopf nach hinten, steckte ihr den Intubator in den Mund und begann mit der Wiederbelebung.

June unterbrach ihre Herzmassage, um Charlottes Schwesterntracht zu öffnen, damit sie die großflächigen Elektroden, Paddles genannt, anbringen konnte. „Jessie, informier bitte auch noch meinen Dad und Bud Burnham.“ Das Mädchen rannte davon. „Diese elende Qualmerei“, murmelte June.

„Beeilung“, mahnte John. „Haben wir einen Sinusrhythmus?“

Ihr EKG-Gerät war schon älter. Und langsam. June wartete gebannt darauf, dass der Graph ausgedruckt wurde. „Flach“, erwiderte June und nahm die Paddles zur Hand. Sie trug das Gel auf und setzte die Paddles auf Charlottes Brust. Dann rief sie: „Weg!“, und John hörte auf zu pumpen. Der Stromschlag riss Charlottes Körper in die Luft. Keine Veränderung. June erhöhte die Ladung, presste die Paddles wieder auf Charlottes Brust und wiederholte den Vorgang. „Komm schon, altes Mädchen! Weg!“ Sie warf einen Blick aufs EKG. Flach.

„Lidocain“, sagte John.

June machte ihm Platz, und er injizierte Charlotte die Flüssigkeit direkt in den Brustkorb. Kaum war er fertig, erhöhte June noch einmal die Ladung und setzte die Paddles an. „Sinusrhythmus“, stieß sie erleichtert hervor.

„Na bitte“, meinte John. „Stur wie immer. Infusion mit Ringerlösung TKO. Ich verabreiche Furosemid und Betablocker. Haben wir eine Krankenakte von ihr?“

„Jessie kann sie holen. Oje, das wird meinem Dad gar nicht gefallen. Charlotte hat dreißig Jahre für ihn gearbeitet. Minimum.“

„Es gefällt uns allen nicht, June“, erwiderte John nur. Er war zwar erst seit wenigen Monaten in der Praxis, doch er hatte die meist schlecht gelaunte, aber extrem fähige Charlotte bereits ins Herz geschlossen. „Ich bereite schon mal die Trage vor. Sie kommen hier allein zurecht?“

„Ja. Je schneller wir sie in die Kardiologie verlegen können, desto besser.“

John lief zur Hintertür, um den Sanitätern zu öffnen. June strich der Krankenschwester über die Stirn. „Als ich sagte, ich brauche Ablenkung, hatte ich damit allerdings nicht so was gemeint!“

June und Elmer verbrachten den Abend gemeinsam mit der Familie Burnham im Valley Hospital. Charlotte war wieder bei Bewusstsein und hielt sich wacker, aber der Vorfall war nicht bloß ein Warnschuss gewesen. Sie hatte einen Herzinfarkt erlitten. Noch waren die Folgeschäden nicht abzusehen. Klar war, dass Charlotte ihr Leben ändern musste, selbst wenn sie sich komplett erholte. Das betraf auch ihren Beruf.

„Sie hat immer gemeint, die Arbeit sei das Schönste in ihrem Leben“, erzählte ihr Sohn Archie.

June nahm aufmunternd seine Hand. „Und mir sagte sie immer, ihre Kinder wären für sie das Schönste in ihrem Leben.“

„Jetzt kann sie sich mehr um ihre Enkel kümmern“, warf Elmer ein. „Falls sie es nicht übertreibt.“

„Sie wird doch überleben, Doc?“, fragte Bud besorgt. „Klar, sie wird sich schonen müssen. Aber sie kommt doch durch, oder?“ Er sah abwechselnd June und Elmer an.

„Bud, das können wir im Moment noch nicht sagen“, entgegnete June. „Ihr Herz hat Schaden genommen. Doch was noch vor einigen Jahren ein sicheres Todesurteil war, ist dank des medizinischen Fortschritts heute oft gut behandelbar. Zum Glück erlitt sie den Infarkt in der Praxis, sodass wir sofort eingreifen konnten. Sie wurde direkt wiederbelebt und erstversorgt, und das ist sehr wichtig für den weiteren Genesungsvorgang.“

„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

„Ich bitte Sie!“, entgegnete June. „Charlotte war immer für uns da – und jetzt waren wir für sie da!“

Als sie später mit ihrem Vater das Krankenhaus verließ, sagte sie: „Wir brauchen eine neue Krankenschwester.“

„Ruf die Zentralstelle an. Sie werden uns jemanden schicken.“

„Schon klar. Aber ich meine langfristig. Charlotte wird ja nicht mehr wiederkommen.“

„Ich würde sie noch nicht abschreiben. So schnell ist sie nicht totzukriegen.“

June bezweifelte, dass er recht hatte.

John hatte den Bereitschaftsdienst übernommen und hatte deswegen den Wagen, also fuhr June mit ihrem Vater zurück nach Grace Valley. Auf der Fahrt telefonierte June mit John und informierte ihn über Charlottes Zustand. Spontan entschieden sie und Elmer, dass sie anstatt Hackbraten bei ihr Roastbeef im Café essen würden. Vorher holten sie noch Sadie, die geduldig in der Praxis gewartete hatte. Einen Vorrat an Hundefutter gab es bei George auch immer.

Wie Elmer gehörte auch Charlotte einfach zu Grace Valley. Seit vierzig Jahren arbeitete sie hier als Krankenschwester, und obwohl sie sechs Kinder hatte, hatte sie ihren Beruf nie aufgegeben. Jeder aus dem Valley hatte irgendwann schon einmal mit Charlotte zu tun gehabt. Natürlich hatte sich inzwischen herumgesprochen, dass sie einen Herzinfarkt erlitten hatte, und alle erkundigten sich bei Elmer und June, wie es ihr ging.

Als June und Sadie nach Hause kamen, war es bereits nach zehn Uhr abends – und das Licht auf ihrer Veranda brannte.

June hatte es nicht angelassen. Kaum dass sie bemerkte, dass auch das Innere des Hauses hell erleuchtet war, lächelte sie.

Sie hatte ihn im letzten Frühjahr kennengelernt – ihren geheimnisvollen Liebhaber. Jim Post war Undercover-Agent bei der Drogenbehörde und hatte damals in den Trinity Alps verdeckt als Marihuana-Anbauer ermittelt. Als einer der illegalen Farmer angeschossen wurde, brachte Jim ihn zu June in die Praxis, wo er sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwang, die Kugel zu entfernen und den Mann zu verarzten. Ihre Affäre entwickelte sich wenig später – ganz ohne Waffengewalt. June hatte sich sofort in den attraktiven Agent verliebt.

Das Dumme war nur, dass Jim immer noch für die Drogenbehörde arbeitete. Und deswegen durfte zu seiner und zu Junes Sicherheit niemand von ihnen erfahren. Einen geheimen Liebhaber zu haben war einerseits sehr erfüllend, andererseits auch sehr einsam.

Rasch lief sie ins Haus. Auf Zehenspitzen schlich sie durch das Wohnzimmer und die Küche ins Schlafzimmer, wo das Licht brannte. Jim hatte es sich in dem Sessel in der Ecke gemütlich gemacht. Seine Füße ruhten auf dem Polsterhocker, er hatte sich mit dem Bettüberwurf zugedeckt, ein aufgeklapptes Buch lag auf seiner Brust.

Seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte er sich einen Bart wachsen lassen, was ihm sehr gut stand. Seine Haare waren dafür jetzt kürzer, fast schon ein Igelschnitt. Er war nicht mehr so braun gebrannt, vermutlich, weil er die meiste Zeit im Büro sitzen musste. Der Sommer war so gut wie vorbei, und die Nächte wurden langsam schon kühl.

Mein Geheimagent, dachte sie lächelnd. Er rührte sich nicht, während Sadie und sie ihn betrachteten. Sie ging leise zu ihm, kniete sich neben den Sessel, nahm ihm vorsichtig das Buch von seiner Brust und legte ihren Kopf an dieselbe Stelle. Er schlang die Arme um sie.

„Was tust du denn hier? Du weißt doch, dienstags ist Hackbratenabend!“

„Der, wie mir scheint, ausgefallen ist. Ich habe bis neun Uhr gewartet und dann beschlossen, ins Haus zu gehen. Ich habe draußen das Licht angemacht, damit du weißt, dass ich da bin.“

„Es ist mitten in der Woche. Hast du etwa frei?“

„Nein. Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich.“

„Ich mag beides nicht hören.“

„Ich habe ein paar Tage Zeit.“

„Ist das die schlechte Nachricht?“, fragte sie wider besseres Wissen.

„Sie schicken mich nach Missouri, ins Ozark-Plateau. Weil ich mich ja jetzt in den Bergen so gut auskenne.“

Sie schwieg einen Moment. „Das ist sehr weit weg.“

„Wem sagst du das.“

„Warum konntest du nicht bis morgen damit warten, es mir mitzuteilen?“

„Das wollte ich dir nicht antun“, erklärte er. „Viele Highlights hat unsere Beziehung dir ja nicht zu bieten. Deswegen verdienst du zumindest die Wahrheit.“

Sie lächelte, verbarg ihr Lächeln allerdings vor ihm. Sie brauchte ihn gerade sehr. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass er da sein würde, um ihr an diesem traurigen Tag Trost zu spenden.

„Warum gab es denn keinen Hackbraten? Zu viele Patienten?“

„Ein Notfall. Unsere Krankenschwester, Charlotte. Sie erlitt heute in der Praxis einen schweren Herzinfarkt. Sie wäre fast gestorben.“

„Das heißt, ihr konntet sie retten?“

„John und ich haben sie wieder hingekriegt. Doch ihr Zustand ist nach wie vor kritisch.“

„Das heißt, du kannst wohl nicht spontan für ein paar Tage wegfahren?“

Sie wechselte abrupt das Thema. „Wenn wir uns früher kennengelernt hätten, als wir noch jünger waren, hättest du dich dann für einen anderen Beruf entschieden?“

„Du etwa?“, konterte er.

„Du hättest einen schlechten Ehemann abgegeben.“

„Und du eine Knallerehefrau.“

„Komplimente haben bei mir noch nie viel gebracht“, erwiderte sie und überlegte, ob er spüren konnte, dass sie lächelte. Eigentlich lächelte ja ihr ganzer Körper.

„Wenn du schon nicht für ein paar Tage mit mir verreisen kannst, würdest du dich wenigstens für mich ausziehen?“

„Na gut“, entgegnete sie schwer seufzend. „Da du ja bald wieder in den Krieg ziehen musst, ist das wohl das Mindeste, was ich für dich tun kann.“

Er drückte sie fester an sich. „Ich habe noch eine Neuigkeit zu vermelden. Obwohl ich damit wirklich bis morgen früh warten sollte, muss ich es dir unbedingt erzählen.“

Ein Schauer durchlief sie. Sie dachte gerade an Sex, nicht an pragmatische Dinge. „Worum geht’s?“

„Ich kann eigentlich nicht sagen, ob es gut oder schlecht ist. Das musst du entscheiden.“

„Also, spuck es schon aus. Was ist es?“

„Man hat mir angeboten, nach meinem aktuellen Auftrag den Dienst zu quittieren. Ohne Abzüge auszusteigen.“

Sie hob den Kopf und blickte ihn überrascht an. Was bedeutete das? Dass sein nächster Einsatz besonders gefährlich war? Dass er sehr lange dauern würde? Würde sie ihn monatelang nicht sehen? Und was bedeutete, man hätte es ihm „angeboten“? Konnte er also ablehnen? Und wenn er zustimmte, würde er dann von heute auf morgen vor ihrer Tür stehen, um für immer zu bleiben? Es waren eine Menge Fragen, die sich aus dieser Ankündigung ergaben, aber sie wollte nicht die ganze Nacht aufbleiben und reden. Sie wollte die ganze Nacht aufbleiben und … etwas anderes tun.

„Lass uns morgen darüber sprechen“, schlug sie vor und biss sich auf die Unterlippe. „Ich möchte nicht noch mehr wertvolle Zeit vergeuden.“

3. KAPITEL

Mitten in der Nacht stand June auf, schnappte sich ein Kleidungsstück vom Fußboden und schlich aus dem Zimmer. Wie konnte ein Mann, der ein so zärtlicher Liebhaber war und sich so sehr um ihre Bedürfnisse kümmerte, so grässlich schnarchen?

Es war Jims T-Shirt, das sie gegriffen hatte. Sie schlüpfte hinein. Es reichte ihr bis zu den Knien und rutschte ihr von der Schulter, aber sie wickelte sich darin ein und atmete seinen Geruch. Nur einen Tag länger würde er noch bleiben können, dann war er schon wieder weg. Doch bald würde er zurückkehren und dann für immer bleiben. Für immer?

Sie hörte sein widerwärtiges Schnarchen aus ihrem Schlafzimmer. Trotzdem musste sie lächeln. Vermutlich hatte er Polypen. Die konnte man rausnehmen.

Sadie war von dem Mann ebenfalls sehr begeistert. Sie hatte nicht einmal zusammen mit June das Zimmer verlassen. Dabei folgte sie ihr sonst auf Schritt und Tritt, wenn man ihr nicht explizit den Befehl „Bleib!“ gab. Offensichtlich schien sie das grausame Schnarchen nicht zu stören. Sie lag zufrieden neben dem Bett.

Jim war vierzig Jahre alt. Er war nie verheiratet gewesen. Sie selbst war siebenunddreißig und hatte bisher auch noch nicht den Schritt vor den Altar gewagt. Da sie immer nur so wenig Zeit füreinander hatten, kamen sie allerdings nie dazu, richtig miteinander zu sprechen. Wie würde die Zukunft aussehen? Wollte er seinen Job tatsächlich an den Nagel hängen und dann nach Grace Valley ziehen, um mit ihr ein neues Leben anzufangen? Was, wenn sie überhaupt nicht zusammenpassten?

June saß im Schneidersitz auf dem Boden, vor ihr befand sich ihr alter Schallplattenspieler. Sie durchforstete die staubigen Plattenhüllen. Eigentlich hatte sie schon immer einen seltsamen Musikgeschmack gehabt. Sie mochte Musik, die altersmäßig eher ihrem Vater zuzutrauen war. Jetzt legte sie eine Perry-Como-Platte auf, stellte den Ton ganz leise. Sie lauschte der samtweichen Stimme, die ihr riet, jemanden glücklich zu machen, einfach jemanden glücklich zu machen.

Perry Como, Andy Williams, Nat King Cole, Mel Tormé, Johnny Mathis – bei ihrer Musik fühlte June sich immer wie an einem entspannten Nachmittag im Ruderboot auf dem See.

Plötzlich hörte sie Sadies Halsband klirren und kurz darauf das Klackern ihrer Tatzen auf dem Küchenfußboden. Sadie ließ sich neben ihr nieder. Sie hatte Jim im Schlepptau, der sich leise hinter sie setzte und seine langen Beine neben ihr ausstreckte. Er umarmte sie von hinten und küsste ihren Nacken.

„Ich muss dir etwas sagen“, begann June. „Doch nur, wenn du dir eine gemeinsame Zukunft mit mir vorstellen kannst. Ich wüsste einfach gerne, wie deine Erwartungen sind.“

„Ich will dich. Für immer.“

„Ganz sicher?“

„Bis jetzt ja. Allerdings bin ich mir sicher, wenn du dich anstrengst, kriegst du das noch besser hin.“

„Was? Einen besseren Mann zu bekommen?“

„Vergiss es. War nur so ein Gedanke.“

„Also, was ich dir eigentlich sagen wollte … Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich keine Kinder kriegen kann. Wie kommst du mit dieser Vorstellung klar?“

Sie spürte, wie er sich aufrichtete und sich etwas zurückzog.

„Aha“, stieß sie hervor. „Du hattest gar nicht vor, Kinder zu haben?“

„June, ich hätte nicht gedacht, dass du Kinder haben möchtest. Immerhin arbeitest du sehr viel. Du kümmerst dich um die gesamte Stadt.“

„Doch, ich hätte gern Kinder“, widersprach sie ihm. „Allerdings glaube ich, dass ich keine bekommen kann.“

„Und wieso nicht?“

„Ich habe die letzten Male, als du hier warst, jedes Mal vergessen, mein Diaphragma einzusetzen. Aber es ist nichts passiert. Und wenn ich ehrlich bin, war ich immer ein bisschen nachlässig in Sachen Verhütung.“ Sie blickte ihn über die Schulter an. „Komisch, so was ausgerechnet aus dem Mund einer Ärztin zu hören, was? Mit meinen Patienten schimpfe ich immer, wenn sie so was von sich geben.“

„Und warum hast du dann gestern Abend an dein Diaphragma gedacht?“

„Falls ich mit meiner Vermutung doch danebenliege. Denn ich wünsche mir ein Baby.“

„Wenn du dir so sehr …“

„Nein! Das würde ich dir nie antun! Ich würde keinen Mann mit einer Schwangerschaft überfallen! Nein, wenn ich wirklich ein Kind haben wollte, würde ich mir einen anonymen Samenspender suchen.“

In diesem Moment begann Frank Sinatra „New York, New York“ zu singen.

„Ihr Frauen seid doch seltsam“, meinte Jim. „Bis hin zu eurem Musikgeschmack.“

„Hättest du denn gerne Kinder?“, beharrte sie.

Leise lachte er. „Ich bin da flexibel.“

„Und wie stehst du dazu, dir deine Polypen entfernen zu lassen?“

Am nächsten Morgen, nach einer relativ schlaflosen Nacht, ging June duschen, zog sich an und verabschiedete sich mit einem Kuss von ihrem Agent. „Ich mag es, dich morgens zum Abschied zu küssen.“

„Ja, ja. Bald wirst du dich darüber beklagen, dass das Frühstück nicht rechtzeitig fertig ist …“

„Ich muss heute mindestens zweimal ins Krankenhaus, wegen Charlotte. Doch ich habe eine Idee. Mach dir doch einen gemütlichen Morgen und fahr dann rüber nach Westport. Da gibt es ein Steakhouse direkt am Meer, an das ein kleines Hotel angeschlossen ist, von wo aus man die Brandung hört. Wollen wir die Nacht dort verbringen? Die Klinik ist nämlich ganz in der Nähe.“

„Darfst du das denn?“, fragte er.

„Wenn ich gut lüge.“

„Ich verstehe.“

„Was soll denn das heißen? Du bist doch der Berufslügner von uns!“

„Nicht mehr lange.“

Doch wie lange noch, wusste sie nicht. Er hatte ihr auch keine näheren Details über seine anstehende Mission mitgeteilt. Dafür hatte er ihr ihren Wunsch erfüllt – sie hatten andere Dinge getan statt zu reden. „Vielleicht können wir heute Abend über alles sprechen, untermalt vom Rauschen der Brandung. Dann musst du dich auch nicht im Haus verstecken.“

„Gute Idee. Frag dort nach Dr. Stump.“

„Kannst du dir keinen anderen Namen ausdenken? Dr. Stump klingt so … unappetitlich.“

„Ich wollte mich als Orthopäden ausgeben. Nicht gut?“

Sie strich über seinen Bart und ging nicht auf seinen schlechten Scherz ein. „Dieser Bart ist interessant. Lässt du ihn noch länger stehen?“

„Ich breche damit in die Ozarks auf. Vielleicht muss ich ihn da abrasieren. Wieso?“

„Er verbirgt dein Gesicht. Das macht dich geheimnisvoll.“

„Er verbirgt vor allem meine Narben, falls du dich erinnerst.“

„Nur zu gut.“

Als seine Mission in den Trinity Alps erfüllt war und die Marihuana-Plantage von der Polizei gestürmt wurde, musste Jim um sein Leben rennen. Dabei war er einen steilen, felsigen Abhang heruntergerutscht. Ein Baum mit sehr harter Rinde hielt ihn auf, dann schlidderte er über Asphalt. Er hatte am ganzen Körper und vor allem im Gesicht schwere Abschürfungen und Blutergüsse davongetragen.

Ohne Gewissheit zu haben, ob er in Sicherheit war, hatte June in jener Nacht in der Praxis Dienst geschoben und sich um Cops wie Straftäter gekümmert, die bei der Razzia verletzt worden waren. Doch nachdem sie zu Hause angekommen war, hatte Jim dort auf sie gewartet, böse zugerichtet und ganz voller Blut.

Erst jetzt hatte sie sich davon überzeugen können, wie gut alles verheilt war.

Es verwunderte June nicht, Elmers Wagen auf dem Krankenhausparkplatz zu sehen. Vor dem Gebäude standen vier von Charlotte Burnhams Kindern um einen Aschenbecher herum. Bis zur Information durfte Sadie mitkommen, dort bot eine ältere Frau, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Klinik, June an, auf den Hund aufzupassen. Die anderen beiden Kinder der Burnhams warteten in einem Zimmer neben der Intensivstation. In kleinen Krankenhäusern wie diesem war es üblich, dass ganze Großfamilien praktisch einzogen, solange ein Angehöriger um sein Leben rang. Sie gingen erst wieder, wenn der Kampf verloren oder gewonnen war.

June warf einen Blick auf Charlotte. Ihrem Aussehen nach zu urteilen war es gut möglich, dass sie ihre Familie nicht mehr nach Hause begleiten würde. Ihre Haut hatte eine gräuliche Farbe angenommen, die Farbe des Todes, und obwohl sie die Augen geöffnet hatte, wirkten sie leblos. Eine Menge Schläuche waren an ihr befestigt.

Elmer saß neben ihrem Bett auf einem Stuhl, auf der anderen Seite stand ihr Ehemann Bud. June bat auf der Schwesternstation darum, sich Junes Akte anschauen zu dürfen. Sie sah sich das letzte EKG an, die Liste mit den verabreichten Medikamenten und die Tagesübersicht. Was sie jedoch am liebsten gelesen hätte, war dort nicht vermerkt. Würde Charlotte überleben?

Die Schwester scheuchte Bud und Elmer aus dem Zimmer. „Meine Herren, die Besuchszeit ist vorbei. Charlotte braucht jetzt ihren Schönheitsschlaf. Kommen Sie in einer Stunde wieder.“

Das Personal auf der Intensivstation achtete streng auf die Anzahl der Besucher und die Zeit, die sie bei den Patienten verbrachten. June durfte noch einmal hinein. Sie drückte Charlottes Hand, die ganz klamm war. Man hatte Charlotte eine Tracheotomiekanüle gelegt, damit sie Sauerstoff bekam, aber nicht sprechen konnte. Doch sie schaute June an und bildete stumm die Worte „vielen Dank, Doktor“.

Doktor. June unterdrückte das Bedürfnis loszuheulen. „Das wird schon wieder, Charlotte. Sie sind hart im Nehmen.“

Charlotte nickte, allerdings wirkte es nicht überzeugend. Sie schloss die Augen.

Als June das Zimmer verließ, fand sie Elmer im Warteraum. Er unterhielt sich mit den Angehörigen. „Dad, hast du kurz eine Sekunde?“ Er entschuldigte sich und ging mit ihr raus. „Wirst du hier gebraucht, oder kannst du mal eben mitkommen?“

„Wieso?“

„Hier liegt noch eine Patientin von mir. Du wirst dich freuen, sie zu sehen.“

„Wer ist es?“

„Jurea Mull. Heute wird ihr Verband gelöst.“

„Heute? Das darf ich auf keinen Fall verpassen!“

June kannte die Familie Mull mittlerweile seit ein paar Monaten. Eines Morgens war sie in ihrem Haus runter in die Küche zum Telefon gelaufen, nur mit einem Handtuch bekleidet – und da saß die komplette vierköpfige Familie in ihrem Wohnzimmer und wartete auf sie. Clarence, der Vater, ein Vietnamveteran, die Mutter Jurea und ihre Kinder Clinton und Wanda, beide im Teenageralter. Obwohl die Familie wegen einer Fußverletzung des Sohnes gekommen war, hielt June zunächst die Mutter für die Patientin. Jurea war von einer grässlichen Narbe entstellt, die vertikal über ihre Gesichtshälfte verlief, den Wangenknochen eindrückte und ein Auge verschloss. Als kleines Mädchen hatte Jurea einen Unfall gehabt, und da sie in den Bergen lebten, gab es keine medizinische Hilfe. Die Wunde verheilte, Schädelund Gesichtsknochen wuchsen entsprechend ihrer Altersentwicklung weiter – und das Ergebnis für Jureas Aussehen war erschreckend.

June war es gelungen, Jurea davon zu überzeugen, einen plastischen Chirurgen aufzusuchen, der mit seinem Team wirtschaftlich schwach aufgestellte Menschen und Leute ohne Krankenversicherung behandelte. Auf Jurea traf beides zu, und die Operation ihres Gesichtes bot dem Arzt eine echte Herausforderung, der er sich gerne stellte. Mit Sicherheit würde ein gelungenes Ergebnis Erwähnung in einem Fachjournal oder überhaupt in der Fachpresse finden. Dr. Cohen war überzeugt davon, dass eine vollständige Wiederherstellung von Jureas Gesicht möglich war, und nun hatte er die erste von mehreren Operationen durchgeführt.

„Es war die anstrengendste Operation für Jurea“, erklärte June ihrem Vater auf dem Weg zu ihrem Zimmer. „Dr. Cohen musste Teile des Wangenknochens abtragen und unter der Wange eine Plastikprothese anbringen. Dann wurde ihr Kinn neu geformt und das Narbengewebe entfernt, was der schwierigste Teil des Eingriffs war. Bei den nachfolgenden Operationen wird man sich darauf konzentrieren, weiteres oberflächliches Narbengewebe zu entfernen durch Dermabrasion.“

„Ist die ganze Familie hier?“, erkundigte sich Elmer.

„Da immer noch Sommerferien sind, schätze ich mal ja.“

Zu ihrer Überraschung war allerdings auch John Stone anwesend. „Und wer betreut die Praxis?“, fragte June ein bisschen vorwurfsvoll.

„Sie haben doch nicht geglaubt, dass ich mir das hier entgehen lassen? Jessie kommt für den Moment alleine klar. Außerdem möchte ich gleich auch noch Charlotte besuchen.“

Jurea saß aufrecht in ihrem Krankenbett. Eine Hälfte ihres Kopfes war mit einem dicken Verband umwickelt. Das, was von ihrem Gesicht und ihren Armen zu sehen war, wirkte stark sonnengebräunt im Kontrast zu den extrem weißen Laken und ihrem Nachthemd. June ging als Erste zu Jurea und erkundigte sich, ob sie nervös war, dann begrüßte sie nacheinander die einzelnen Familienmitglieder. Clarence, Jureas Mann, wirkte eher entsetzt als aufgeregt, der sechzehnjährige Clinton und seine vierzehnjährige Schwester Wanda waren dagegen ganz gespannt. Für sie war dies ein erster Schritt in Richtung Normalität für ihre etwas seltsame Familie.

Als June sie kennengelernt hatte, lebten sie abgeschieden in den Bergen. Jurea versteckte sich, damit niemand ihre Narbe zu sehen kriegte, und Clarence litt als Folge des Vietnamkriegs unter Paranoia und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Inzwischen befand er sich in Therapie und erhielt ein wirksames Antidepressivum. Dieser Umstand und die Erfolg versprechenden Besuche beim plastischen Chirurgen hatten der Familie neue Hoffnung geschenkt. Sie waren sogar in die Stadt gezogen, damit die Kinder endlich die Schule besuchen konnten.

„Wenn ich eins gelernt habe“, berichtete Dr. Cohen, der mit einem Tablett voller Verbandsmaterialien in den Raum gehastet kam, „dann, früh am Morgen zu den Patienten zu gehen an dem Tag, an dem ihr Verband abgemacht wird! Guten Tag zusammen! Sind alle so weit?“

Keiner gab Antwort. Alle hielten den Atem an.

Doch auch damit hatte Dr. Cohen Erfahrung. Er ließ die Familie nicht lange warten, sondern griff zur Schere und schnitt den Verband vom Kinn bis zur Stirn auf. Darunter war nur noch eine Augenklappe. Jureas Auge war in der Sehkraft von der Narbe nicht beeinträchtigt worden, doch nach all den Jahren war es nun extrem lichtempfindlich.

Obwohl man vor allem die vielen frischen Stiche auf ihrer Haut wahrnahm, hatte Jureas Gesicht zum ersten Mal seit dem Unfall wieder eine normale, beinahe symmetrische Form. Ihr Wangenknochen war gerichtet worden, Kinn- und Schläfenpartie neu geformt. Unter der frischen, roten Haut und den Schwellungen konnte man die dramatische Veränderung erahnen.

Das ungläubige Schweigen im Zimmer war Ausdruck des Staunens.

„Mama“, sagte Wanda. „Du bist schön.“

Sofort zückte Dr. Cohen einen Handspiegel, den Jurea zögernd ergriff. „Meine Güte“, hauchte sie. Vorsichtig berührte sie mit einer Hand ihre neue Wange.

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