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Grace Valley – Im Glanz des Abendsterns

Robyn Carr

Grace Valley – Im Glanz des Abendsterns

Roman

Aus dem Amerikanischen von Gisela Schmitt

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Dr. June Hudson erwachte, weil das Telefon klingelte. Es war stockdunkel draußen, und als sie sich auf die Seite drehte und auf den Wecker sah, war es Viertel nach sechs. Sie hatte wohl verschlafen. „June Hudson“, meldete sie sich.

„Wer war dieser Mann?“, fragte ihre vierundachtzigjährige Tante Myrna.

June schaute neben sich. Da lag er. Jim. Der gerade ausgiebig gähnte und sich den Oberkörper rieb. Es war also kein Traum gewesen. Er war hier, bei ihr, leibhaftig, nachdem er so lange fort gewesen war.

Tante Myrna war nicht die Einzige, die keinen Schimmer von Junes geheimem Freund gehabt hatte. Bis auf wenige Eingeweihte hatte niemand in der Stadt etwas geahnt. June bereitete sich auf einen Erklärungsmarathon vor.

„Sein Name ist Jim, und ich stelle ihn dir vor, sobald sich die Gelegenheit bietet, Tante Myrna. Vielleicht schon heute Vormittag. Du wirst ihn mögen.“

„Wo kommt er her? Was macht er?“

Das weiß ich auch nicht so genau, dachte June. „Später, meine Liebe. Zu viele Details. Und jetzt muss ich erst mal aufstehen und zur Arbeit fahren. Bis dann.“

Sie legte das Telefon zurück auf den Nachttisch, blickte zu Jim hinüber, schüttelte den Kopf und seufzte lächelnd. Erneut schrillte das Telefon. „Ich habe keinen Notdienst“, erklärte sie. „Soll der Anrufbeantworter drangehen.“

Amüsiert zog Jim eine Augenbraue hoch. „Zu viele Details?“, zitierte er sie.

„Ja, und vermutlich müssen wir sie alle erfinden.“ June sprang aus dem Bett. Sie war nackt. „Ich dusche jetzt. Würdest du bitte den Anrufbeantworter abhören? Falls ein Kollege einen medizinischen Rat benötigt, bring mir das Telefon rüber. In Ordnung?“

Aus der Küche ertönte die Stimme von Junes Vater. Instinktiv griff June nach dem Bettlaken und schlang es um sich. Elmer Hudson war einer der wenigen, den sie von Jim erzählt hatte, allerdings auch nicht alles. „Damit hast du wohl in ein Wespennest gestochen“, sagte Elmer und lachte keuchend. „Ich glaube, ich trinke heute Morgen meinen Kaffee bei George im Café. Mal gucken, was ich da zu hören bekomme.“

„Er ist schon ein Original“, bemerkte Jim.

„Ein Lacher pro Minute.“ June schnitt eine Grimasse. „Vielleicht fällt dir ja eine gute Geschichte ein, während ich unter der Dusche bin.“

Sie wartete, bis das Wasser warm geworden war, und betrachtete sich im Spiegel. Ihre Taille verschwand bereits langsam.

Noch vor einem Jahr war sie Single gewesen und weit und breit kein Mann in Sicht. Vor sechs Monaten hatte sie Jim kennengelernt und dennoch weiterhin geglaubt, sie würde kinderlos bleiben. Doch dann war es mit Jim ernst geworden, und während einer emotionalen Verabschiedung hatten sie sich ihre Liebe geschworen. Und vor zwei Wochen war ihr Bauch noch ziemlich flach gewesen, aber ab dem Moment, als sie erfuhr, dass sie schon im vierten, fünften Monat war, schien sie auseinanderzugehen wie ein Hefeteig. Mittlerweile war Jim zurückgekehrt – hoffentlich, um endgültig zu bleiben –, und ihre Schwangerschaft war nicht mehr zu übersehen. Sie hatte bereits ein kleines Bäuchlein.

Am Abend zuvor war sie auf dem großen Herbstfest in der Stadt gewesen, und während sie sich auf der Feier amüsierte, stand er plötzlich vor ihr. Ab da hatte es nur noch sie beide gegeben. Die anderen Leute, das Fest – alles um sie herum war vergessen, sobald sie einander in die Arme fielen und sich küssten. Und anschließend waren sie schnell verschwunden, ohne sich zu verabschieden. Doch natürlich war Jims Auftauchen nicht unbemerkt geblieben – halb Grace Valley hatte sie bei ihrer stürmischen Begrüßung beobachtet.

Schon wieder klingelte das Telefon. June hätte klar sein müssen, dass die halbe Stadt heute versuchen würde, sie zu erreichen, um herauszufinden, wer der mysteriöse Fremde an ihrer Seite war. Wahrscheinlich konnte sie froh sein, dass sich nicht noch am Abend die ersten neugierigen Anrufer gemeldet hatten.

Die Wahrheit – die sie allerdings niemandem verraten wollten – war die, dass June Jim im letzten Frühjahr kennengelernt hatte, als er mitten in der Nacht einen Verletzten zu ihr in die Praxis brachte. Er war maskiert gewesen und hatte sie mit einer Waffe bedroht, während sie seinem Kumpel eine Kugel aus der Schulter herausoperierte. Allerdings hatte sie von Anfang an gespürt, dass dieser große, attraktive Mann mit den schönen blauen Augen kein Krimineller war – obwohl er sich sehr bemühte, so auszusehen. Kurz darauf, nachdem sie sich bereits in ihn verliebt hatte, erzählte er ihr, was er in Wirklichkeit machte – er war Undercover-Agent bei der Drogenbehörde. Damals ermittelte er verdeckt in den Bergen nahe Grace Valley; es ging um eine illegale Cannabis-Farm, die gestürmt werden sollte. Nach der Razzia wurde Jim zu einem letzten Einsatz geschickt, nachdem er den Job an den Nagel hängen würde. Weder June noch Jim hatten zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass sie in naher Zukunft Eltern werden würden.

June war von ihrem Vater großgezogen worden, der vor ihr als Arzt in Grace Valley tätig gewesen war. Sie war immer sehr fokussiert auf ihre Arbeit, und auch als sie unerwartet mit Übelkeit, Müdigkeit und Gefühlsschwankungen zu kämpfen hatte – was bei ihr absolut unüblich war –, war sie nicht auf den Gedanken gekommen, dass sie schwanger sein könnte. Sowie sie endlich wegen ihrer rätselhaften Symptome ihren Kollegen John Stone aufsuchte, stellte sich heraus, dass ihre Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war.

June kam aus der Dusche und trocknete sich ab, wobei sie ins Schlafzimmer lief. Sie wickelte sich in ihr Handtuch, das nasse Haar fiel ihr auf die Schultern. „Weißt du noch? Bevor du zu deiner letzten Mission aufgebrochen bist, habe ich noch zu dir gesagt, ich könnte wahrscheinlich gar keine Kinder kriegen …“

„Ja, ich erinnere mich“, antwortete Jim nickend. Er saß im Bett, das Laken bis zur Hüfte hochgezogen, und hatte bereits eine Tasse Kaffee in der Hand. Junes Collie Sadie, der eigentlich nicht auf die Möbel durfte, lag zusammengerollt zu seinen Füßen. Sadie hob den Kopf und schaute June hoheitsvoll an. „Da sieht man mal, wie gut du dich selbst kennst“, meinte Jim.

„Und das Beste ist: Da war ich schon schwanger!“

„Für eine Ärztin hast du nicht gerade gut auf die körperlichen Anzeichen geachtet.“

„Na ja, bei anderen Menschen schon“, wandte June ein. „Ah, du hast schon Kaffee gekocht?“

„Ja. Und ich habe Sadie gefüttert und rausgelassen.“

„Ich sehe schon: Es ist sehr praktisch, dass ich dich habe. Kommst du heute mit mir in die Stadt? Ich würde dich gerne mit ein paar Leuten bekannt machen. Viel länger sollten wir damit nämlich nicht warten.“

„Wieso?“

Sie löste das Handtuch. Die Wölbung ihres Bauches war deutlich zu erkennen. Liebevoll schaute Jim sie an. „Ich möchte dich gerne so bald wie möglich meiner Familie und meinen Freunden vorstellen.“

„Nimm dir heute doch am besten frei“, schlug er vor. „Wir könnten nach Reno oder Lake Tahoe fahren und heiraten, ehe ich sie treffe.“

Ihr wurde ganz heiß. Heiraten? Jetzt schon? Was wusste sie denn über diesen Mann, außer dass er schnarchte und sie ihn heiß und innig liebte? Im Grunde war er ein Unbekannter, und sie würde ihn sicher nicht heiraten, solange sie sich nicht besser kennengelernt hatten.

Aber sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, wo er doch einen so romantischen Vorschlag gemacht hatte. Also beugte sie sich zu ihm und küsste ihn rasch. „Zu spät, sich zu zieren, Jim. Was meinst du? Wie sollte unsere … Geschichte lauten?“

Er streichelte mit dem Zeigefinger ihre Wange. „Je weniger Lügen, desto unkomplizierter die Tarnung. Mein Vorschlag wäre der: Ich habe im Osten des Landes bei der Polizei gearbeitet und lasse mich nun hier, im Westen, nieder. Ich habe dich letztes Frühjahr kennengelernt, während ich zufällig in der Gegend war und einen Freund zu einem Arztbesuch begleitete.“

„Dieser Mann war ein Krimineller! Ein Drogenfarmer!“

Jim zuckte mit den Schultern. „Ja, aber wir waren dennoch Freunde. Dachte er zumindest.“

„Ach, so funktioniert das!“, erwiderte sie. Sie setzte sich aufs Bett und wartete wie ein kleines Mädchen darauf, dass er weitererzählte. Doch in diesem Moment ging erneut das Telefon, und sie lauschten beide der Stimme auf dem Anrufbeantworter. Es war Dr. John Stone. „Hallo, June. Ich wollte nur fragen, ob du dir den Tag heute vielleicht freinehmen möchtest, oder zumindest den Vormittag. Ich schaffe das heute in der Praxis auch gut alleine, falls du … nun ja … andere Dinge zu tun hast. Hihi.“

„Besserwisser“, murmelte sie. „Also, Mr Post, was für ein Cop bist du?“

„In meinen zwanzig Dienstjahren habe ich fast alle Abteilungen durch. Und in den letzten Jahren war ich überwiegend mit Papierkram beschäftigt.“

„Stimmt das nicht sogar?“, entgegnete sie.

Er nickte. „Leider ja.“

„Aber was hast du dann hier gemacht?“

„Ich habe mich nach einem hübschen Ort umgesehen, an dem ich mich niederlassen könnte. Und Grace Valley wäre sogar in Betracht gekommen, selbst wenn ich mich nicht in die hiesige Ärztin verliebt hätte.“

„Ich bin sehr beeindruckt“, lobte June ihn. „Geschichten erzählen kannst du wirklich gut.“

Er beugte sich zu ihr. „Na ja. Ich bin Profi. Oder besser gesagt, ich war Profi.“

„Also könntest du mich jederzeit anlügen.“

Er legte seine große Hand auf ihren Nacken unter ihr nasses Haar und zog sie an sich, um sie sanft zu küssen. „Ich habe keine Ahnung, wieso, doch du hast mich von Anfang an durchschaut und wusstest die Wahrheit über mich. Der einzige andere Mensch, dem das gelingt, ist meine Schwester Annie.“ Er lächelte. „Allerdings sind meine Gefühle für dich ganz anderer Natur.“

„Da bin ich aber erleichtert.“ June sprang auf. „Jetzt darfst du unter die Dusche. Und beeil dich. Lass uns den Tratschtanten in der Stadt zuvorkommen!“

June und Jim fuhren in ihrem kleinen Pick-up in die Stadt. Normalerweise hockte Sadie auf dem Beifahrersitz neben June, doch jetzt saß Jim dort. Also quetschte sich der Hund kurzerhand zwischen die beiden.

June rief John per Handy an. „Ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass ich jetzt auf dem Weg in die Stadt bin, zusammen mit meinem … Also, ich bringe Jim mit, damit ihr ihn alle kennenlernen und ihm euren Genehmigungsstempel aufdrücken könnt.“

„Nein, June“, antwortete John mit gespieltem Entsetzen, „ich finde, der Mann an deiner Seite ist ganz allein deine Sache.“

„Das wäre mir neu“, meinte sie und musste lachen.

Als sie um die nächste Kurve bogen, entdeckten sie auf dem Seitenstreifen einen liegen gebliebenen Pick-up, der schon aufgebockt war. Der linke Hinterreifen war abmontiert. June bremste. Der Wagen war eine alte Karre, völlig überladen mit Paketen, Kisten und Kinderbettmatratzen. Zwei kleine Kinder, die offensichtlich zum Friseur mussten, standen neben dem Auto. Sie waren schmutzig und wirkten reichlich verwahrlost. Beide hatten keine Jacke an, obwohl der Morgen kühl war. Sie waren nicht nur nicht warm genug anzogen, sondern schienen auch unterernährt zu sein.

Die Sachen auf dem Pick-up waren nicht mit einer Plane abgedeckt, und der Himmel verdunkelte sich zusehends. Es war Oktober, was in diesen Breiten den Winter einläutete. Bald würde es bis zum Frühjahr nicht mehr aufhören zu regnen.

Wahrscheinlich war die Familie mit ihrem bescheidenen Hab und Gut unterwegs, um irgendwo einen Neuanfang zu wagen. Das kam oft vor in der Umgebung von Grace Valley. Sobald das Wetter schlechter wurde, gab es für die Holzarbeiter und Bauarbeiter keine Arbeit mehr. Die Farmer brauchten ihre Saisonarbeiter nicht mehr, und so waren diese Leute auf staatliche Unterstützung angewiesen.

„So ein Mist“, murmelte June. „Wir müssen wohl mal anhalten. Die Leute scheinen Hilfe zu brauchen.“

„Kein Problem. Wir haben doch alle Zeit der Welt. Die Ballons sind noch nicht aufgeblasen.“

„Wenn du glaubst …“

„June, schnell! Halt an!“, rief Jim. „Ich glaube, der Frau geht es schlecht!“

June fuhr rechts ran und sprang aus dem Wagen. Jetzt sah sie, was los war. Fahrer- und Beifahrertür des anderen Wagens waren offen. Eine hochschwangere Frau auf dem Beifahrersitz hielt sich den Unterleib und lehnte, das Gesicht schmerzverzerrt, in ihrem nach hinten gestellten Sitz, einen Fuß stemmte sie gegen das Armaturenbrett. Neben ihr stand ein junger Mann, vermutlich ihr Ehemann.

Sofort holte June ihren Arztkoffer. „Jim, du musst mir helfen!“, meinte sie, während sie zu der Frau rannte. „Ich bin Ärztin“, sagte sie zur Begrüßung und schob den Mann zur Seite, der ohnehin tatenlos zusah. Schon tropften Blut und andere Flüssigkeiten auf den Boden, und June hob kurz das geblümte Kleid der Frau an, um sich zu vergewissern: Ja, das Baby kam.

„Holen Sie eine Matratze von der Ladefläche und legen Sie sie in meinen Wagen. Beeilung!“, instruierte sie den Mann. „Jim, kannst du bitte die Patientin aus dem Auto heben und sie auf die Matratze betten. Es muss jetzt alles sehr schnell gehen!“

Der Mann schaute sie verwirrt an, befolgte dann aber ihre Anweisung – allerdings ließ er sich viel zu viel Zeit. Jim war viel größer und stärker als dieser schmächtige Kerl. Seine Wangen waren eingefallen, die Hose schlabberte ihm um die Beine. Unterbewusst hatte June die Familie schon als arm und halb verhungert abgespeichert – vielleicht war der Typ auch deshalb so langsam –, doch jetzt ging es erst einmal um die Geburt.

Kaum lag die Matratze auf dem Boden, setzte Jim die Frau darauf ab. June drückte ihm ihr Handy in die Hand und sagte: „Drück auf Wiederwahl und ruf John an. Er soll mit dem Notarztwagen kommen.“ Danach nahm sie ein Paar Handschuhe aus ihrer Arzttasche.

„Wir haben kein Geld für einen Krankenwagen“, mischte sich der Mann ein. „Ich habe unser letztes Kind auch selbst geholt, ich kann das.“

„Nein, können Sie nicht. Das Kind liegt falsch herum, ich muss es drehen. Jetzt holen Sie mir bitte ein paar Handtücher oder von mir aus auch Kleidungsstücke, zum Aufwischen und zum Zudecken Ihrer Frau und des Babys.“ Rasch zog sie die Handschuhe an. „Wie heißen Sie?“, fragte sie. Mit einer Hand hielt sie den Kopf des Kindes, mit der anderen drückte sie sanft auf den Uterus der jungen Mutter.

„Er… Erline. Davis.“

„Ist das Ihr drittes Kind?“

„Das vierte. Eins kam tot zur Welt.“

„Hatten Sie schon mal Probleme bei Ihren Geburten?“, erkundigte sich June.

„Nur bei der Totgeburt.“ Plötzlich schrie sie auf. Laut. Grauenvoll. Bis auf June erschraken alle.

„Waren Sie damals im Krankenhaus?“

„Ja. Ja. Mit den anderen zu Hause lief alles gut.“

„Das kann man bei einer Geburt nie voraussagen. Und jetzt atmen Sie bitte kurz und flach und versuchen Sie, nicht zu pressen, während ich das Kind wende. Das wird wehtun, doch es geht ganz schnell.“

„Ich … Ich werd’s probieren.“

„Mehr müssen Sie nicht tun.“ June drehte vorsichtig das Kind, und die Mutter stöhnte und keuchte vor Schmerz. „So, Erline, das war’s schon.“ June hob den Kopf und rief laut: „Wo bleibt das Handtuch?“

Im Hintergrund hörte sie Jim reden. Offensichtlich erklärte er John gerade, wer er war und was er brauchte. Dann vernahm sie über Erlines Stöhnen den Vater, der seine Kinder anfuhr, woraufhin eins zu weinen anfing.

Kurzerhand zog June ihre Jacke und den weißen Pullover aus, den sie über einem dünnen Top trug. Sie legte ihn neben die junge Frau. „Okay, es kann losgehen. Wenn Sie so weit sind.“

Es folgte eine kurze Stille und ein Moment des Stillstands, als sammle die Mutter noch einmal all ihre Kraft. Danach presste sie laut keuchend, und der Kopf des Babys war zu sehen. June benutzte einen Nasensauger, um Nase und Mund des Babys frei zu machen, obwohl das kaum nötig war. Trotz der widrigen Umstände stieß das Kind einen schrillen Schrei aus. Mit einem Finger half June bei einer kleinen Schulter nach, und schon war Erlines Sohn auf der Welt.

„Erline, das haben Sie gemacht wie ein Profi. Es ist ein Junge! Etwa dreitausendfünfhundert Gramm, würde ich schätzen, vielleicht etwas weniger.“ Sie wickelte das Baby in ihren Pullover, schlang die langen Ärmel um das kleine Bündel und legte das Kind seiner Mutter auf den Bauch. Anschließend streifte sie die Handschuhe ab und suchte in ihrem Arztkoffer nach einer Klemme, die sie an der Nabelschnur befestigte. Sie trennte sie noch nicht durch, denn es war besser, wenn John und die Kollegen von der Notfallaufnahme alles unversehrt zu sehen bekamen. Hoffentlich tauchte er auf. Sie breitete ihre Jacke über Mutter und Kind. Erline zitterte vor Kälte.

„Hab kein Handtuch gefunden“, berichtete der Mann hinter ihr.

June drehte sich zu ihm um. „Sie haben einen Sohn, Sir. Er scheint gesund zu sein, doch er muss sicherheitshalber im Krankenhaus durchgecheckt werden.“

„Dafür haben wir erst recht kein Geld“, erwiderte der Mann, ohne sie anzuschauen. Er wühlte in seinen Hosentaschen und förderte ein paar Scheine zutage. Kein dickes Geldbündel, aber sowie er die Zwanziger auseinanderrollte, begann es sofort nach Marihuana zu riechen. Es war der typische Geruch, der den Händen, der Kleidung und dem Geld derjenigen anhaftete, die die Cannabispflanzen ernteten.

Der Mann versuchte, June vierzig Dollar in die Hand zu drücken. Erst jetzt blickte er sie an. Seine Pupillen waren erweitert, und jetzt wusste sie auch, warum er so lethargisch wirkte. Alle möglichen Typen bauten in den Bergen Marihuana an. Leute, die nur auf das Geld aus waren und die Pflanzen daher als nützliches Grünzeug betrachteten. Das waren die, die meist in einer Ecke ihres Gartens ein paar Pflänzchen zogen. Dann gab es diejenigen, die den Anbau professionell betrieben und deren Siedlungen so groß wie Städte waren und deren Felder so riesig waren wie die der Sojafarmer im Mittleren Westen. Auf einer solchen Farm hatte Jim als Undercover-Agent gearbeitet. Und nicht zu vergessen solche Idioten wie Erlines Mann, kleine Drogenabhängige, die das Zeug für den Eigenbedarf anbauten und das bisschen, was sie verdienten, für noch mehr Gras verschleuderten.

„Ich brauche Ihr Geld nicht“, erklärte June ihm. „Ich bin mir sicher, dass Ihnen die Kosten erstattet werden. Und ich will ganz sicher kein Geld, das nach Marihuana stinkt. Stecken Sie das lieber weg, bevor Sie sich Ärger einhandeln. Raucht Ihre Frau das Zeug auch?“

„Nein. Nicht, solange sie schwanger war“, antwortete er.

„Ich rauche überhaupt nicht“, mischte sich Erline ein.

„Ich hab dich aber schon ein, zwei Mal dabei beobachtet“, erwiderte er.

„Ich bin lediglich aus medizinischen Gründen daran interessiert, wissen Sie“, meinte June.

Jim gesellte sich zu ihnen. Er hielt die beiden kleinen Mädchen auf dem Arm, die zwischen zwei und drei Jahre alt waren. Sie hatten alle beide strähniges, blondes Haar, trugen Baumwollhosen und T-Shirts, die zu dünn für dieses Wetter waren. An den Füßen hatten sie Sandalen ohne Strümpfe. Jims Miene war undurchdringlich. Das ältere der beiden Kinder hatte einen hellroten Fleck auf der Wange, als hätte es sich gerade eine Ohrfeige eingefangen, und es versuchte, die Tränen zurückzuhalten.

Der Mann packte das Geld wieder weg und streckte die Arme nach seiner Tochter aus. „Möchten Sie Ihren Sohn denn gar nicht sehen?“, fragte June. Sanft bugsierte sie ihn zum Auto, wo seine Frau und das Baby auf der Matratze lagen.

Zum Glück traf in diesem Moment John mit dem Rettungswagen ein. Erline und das Neugeborene waren schnell im Krankenauto untergebracht. June setzte die beiden Mädchen auf den Vordersitz des Krankenwagens und sagte zu Jim: „Ich muss fahren, damit John sich um Erline kümmern kann. Wir treffen uns dann später in der Stadt. Ist das in Ordnung für dich?“

„Habe ich eine andere Wahl?“

„Klar. Du kannst mit Sadie auch bei mir mitfahren.“

„Und was wird mit ihm?“, fragte Jim und deutete mit dem Kopf auf den Mann mit den stinkenden Geldscheinen.

„Um den mache ich mir keine Gedanken, sondern um die beiden“, entgegnete June und deutete auf den Rettungswagen.

„Wir treffen uns nachher im Café“, entgegnete Jim. „Ich stelle mich schon mal der Meute, während du arbeitest.“

June lächelte, denn ihr war klar, dass ihr Vater und einige andere Leute in der Stadt auf sie warteten. „Mein mutiger Mann.“

Jim schlüpfte aus seiner Jacke, deren Ärmel dreckverschmiert waren, und legte sie ihr um. „Wird unser Leben in Zukunft etwa so aussehen?“

„Ich glaube nicht. So was passiert nicht jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit.“

„Aber spannend wird es trotzdem, oder?“

Sie küsste ihn. „Für einen flexiblen Menschen wie dich sollte das kein Problem sein.“ Danach rannte sie zum Krankenwagen, stieg auf der Fahrerseite ein und raste mit Blaulicht davon.

Jim schaute den Vater des Neugeborenen an, der nur dastand und dümmlich seinen aufgebockten Wagen anglotzte. „Sollen wir den kaputten Reifen in den Kofferraum packen, und anschließend bringe ich Sie in die Stadt? Vielleicht können Sie ihn flicken lassen, danach den Wagen wieder flottmachen und ins Krankenhaus fahren.“

Der Mann zuckte die Achseln. „Ich glaube, ich lasse einfach den Reifen reparieren und verschwinde dann. Ich fand es eh nie gut, so viele Kinder zu haben.“

„Und Sie meinen nicht, dass man Sie vermisst?“, fragte Jim und zog eine Augenbraue hoch.

Der Mann blickte finster drein, begann jedoch langsam und ohne jede Begeisterung, den schweren Reifen zum Pick-up zu rollen. Jim nahm ihn ihm ungeduldig ab und wuchtete ihn in den Kofferraum. Als der Mann auf die Beifahrertür zuging, entdeckte er Sadie und beschloss: „Ich setze mich lieber nach hinten. Ich hab’s nicht so mit Hunden.“

Von mir aus gern, dachte Jim. Sadie hat’s nämlich nicht so mit Vollidioten. Laut sagte er: „Wie Sie wollen.“

2. KAPITEL

Obwohl die Einwohnerzahl von Grace Valley in den letzten zehn Jahren von etwa neunhundert auf über eintausendfünfhundert Gemeindemitglieder angewachsen war, hatte sich ansonsten nicht viel verändert. Der Valley Drive, der mitten durch die Stadt führte, war nur unwesentlich modernisiert worden. Es gab ein halbes Dutzend Geschäfte, dazu die Polizeistation, die Kirche und die Arztpraxis.

Am westlichen Ende der Hauptstraße lag Sam Cusslers Tankstelle und Autowerkstatt, die er seit fünfundvierzig Jahren betrieb. Schon als er die Kaufurkunde unterzeichnet hatte, war das Gebäude nicht mehr neu gewesen, und er selbst hatte auch nie einen Anlass gesehen, es zu verschönern. Inzwischen war Sam zweimal verwitwet und ging lieber angeln, als an der Zapfsäule zu stehen. In einer kleinen Stadt wie Grace Valley schraubten die meisten Leute selbst an ihren Autos herum, also musste Sam auch nicht allzu häufig als Mechaniker ran. Er schaltete daher für gewöhnlich einfach die Zapfsäulen ein, und wer bei ihm tankte, hinterließ auf einem Zettel, welchen Betrag er ihm schuldig war. Wenn die Fische mal nicht bissen, drehte Sam seine Runde durch die Stadt und sammelte das Geld ein.

Einen Block weiter war die Polizeistation, die sich in einem Einfamilienhaus befand. Der Sheriff hieß Tom Toopeek, unterstützt wurde er von seinen jungen Deputys Lee Stafford und Ricky Rios, die beide aus Grace Valley stammten. Tom war als kleiner Junge mit seinen Eltern hierhergezogen und war seit Kindertagen June Hudsons bester Freund. Seine Geschwister hatten mittlerweile alle die Stadt verlassen und lebten nun in der ganzen Welt verstreut. Doch Tom war geblieben und hatte das Haus seiner Eltern um einen Anbau erweitert, in dem er nun mit seiner Frau und den fünf gemeinsamen Kindern wohnte. Lee und Ricky hatte Tom persönlich als seine Deputys ausgewählt, sobald ihm die zwei Stellen bewilligt worden waren. Die jungen Männer besuchten die Polizeiakademie und lernten anschließend von Tom alles Wissenswerte über die Arbeit eines Gesetzeshüters in einer Kleinstadt.

Auf der Hauptstraße gab es außerdem einen Blumenladen, der derzeit allerdings geschlossen war, da die ehemalige Inhaberin, Sams junge Ehefrau Justine, vor Kurzem gestorben war. Dann waren da noch George Fullers Café, das jeden Tag geöffnet hatte, sogar an Weihnachten, die Bäckerei, die von Burt Crandall und seiner Frau Syl geführt wurde, die Arztpraxis und die presbyterianische Kirche. Inzwischen hatte die Gemeinde einen neuen Pfarrer, Harry Shipton, der frischen Wind nach Grace Valley brachte. Hinter Kirche und Café erstreckte sich ein Park am ausgedehnten Ufer des Windle River. Aufgrund seiner Größe wurde die Grünanlage häufig für Großveranstaltungen, zum Beispiel für das traditionelle Picknick am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, oder für das große Herbstfest genutzt. George Fuller hatte mehrere aus Backstein gemauerte Barbecuestationen angelegt, damit die Leute grillen konnten, wenn sie, mit Decken und Liegestühlen ausgestattet, zu diesen Anlässen in den Park kamen.

Am Highway 482 stand das Postgebäude, und am südlichen Ortsausgang fand der Bauernmarkt statt. Die Grund- und Mittelschule sowie die Highschool lagen strategisch günstig zwischen Grace Valley, Westport und Rockport, und es war ein Schulbus für die Schüler eingerichtet worden.

Grace Valley war nur eine von Dutzenden, vermutlich sogar Hunderten von Kleinstädten in Nordkalifornien, zwischen San Francisco und der Grenze zum Bundesstaat Oregon. Auf den ersten Blick glichen sich all diese Städte zwar, aber jede von ihnen war dennoch einzigartig und hatte seine speziellen Eigenheiten. In Grace Valley war der wichtigste Erwerbsfaktor nach wie vor die Landwirtschaft – Ackerbau, Viehwirtschaft, Fischerei, Holzindustrie, Weinanbau – und zunehmend auch der Tourismus, da die schöne, idyllische Gegend viele Touristen und Stadtmenschen anlockte, die vor dem hektischen Großstadtleben flüchteten. Mit der Zeit waren Gästehäuser und Frühstückspensionen entstanden, spezialisierte Fachgeschäfte aller Art und Restaurants, allerdings lagen die meisten davon in der Nähe des Highways und nicht in der Stadt.

Dank der vielen Ausflügler entstanden ganz neue Tätigkeitsfelder. Kaum hatten Künstler und Kunsthandwerker eine Gegend für sich entdeckt, eröffnete bald darauf die erste Galerie. Nachdem sich die Touristen für die hübschen kleinen Ortschaften begeisterten, schossen immer mehr kleine Pensionen wie Pilze aus dem Boden. Es gab zunehmend mehr Weinbauern und entsprechend viele Probierstuben. Und je mehr Menschen die Gegend besuchten, desto mehr hochpreisige Restaurants machten auf.

Allerdings wohnten auch Leute in Grace Valley, die weder mit dem Tourismus noch mit der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienten. Myrna Hudson-Claypool zum Beispiel war eine erfolgreiche Schriftstellerin und Sarah Kelleher eine der bekannteren Künstlerinnen vor Ort. Und natürlich waren da noch die Gutbetuchten, die sich zwischen Gebirge und Meer niedergelassen hatten, einfach aus dem Grund, weil sie es sich leisten konnten.

Selbstverständlich gab es aber auch in Grace Valley Menschen, die Geld und Arbeit brauchten. Sie suchten Jobs in der Baubranche oder in der Holz- und Landwirtschaft. Es waren überwiegend Saisonarbeiter, die von einer Stadt zur anderen reisten. Gewisse illegale Erwerbsmöglichkeiten existierten allerdings auch hier, wo die Welt vermeintlich noch in Ordnung war, Marihuana-Anbau oder Wilderei zum Beispiel. Der Traum vom schnellen Geld lockte einige zweifelhafte Gestalten nach Grace Valley.

Der junge Mann, der jetzt in Junes Auto auf der Rückbank saß, war einer dieser Typen. Er hieß Conrad Davis, und so, wie er aussah, war das Geld wohl doch nicht so schnell gekommen, wie er es sich erhofft hatte. Jim hatte es eilig, den Kerl wieder loszuwerden. Nachdem er viele Jahre als Undercover-Agent für die Drogenbehörde gearbeitet hatte, hatte er ein Näschen für solche Vögel – und sein Instinkt ließ ihn fast nie im Stich. Auf den ersten Blick wirkte Conrad nur wie ein unglückseliger Nichtsnutz, allerdings ahnte Jim, dass mehr dahintersteckte. Conrads Bewegungen waren langsam – vermutlich, weil er auf Droge war. In seiner Miene zeigte sich eine Art von Wut, an der nicht sein Marihuana-Konsum schuld war. Im Gegenteil: Wer Gras rauchte, war eher relaxt und gut drauf, allerdings nicht wütend. Jim vermutete, dass bei diesem jungen Mann wohl auch ein bisschen Crystal Meth dazukam.

Jim hielt an der Autowerkstatt. Er kannte Grace Valley noch nicht so gut, daher fand er nichts dabei, dass so viele Fahrzeuge auf den Valley Drive, vor allem rund um das Café, unterwegs waren. Das Werkstatttor war offen, und Jim entdeckte drinnen einen großen, braun gebrannten, attraktiven Mann. Er hatte komplett weißes Haar, aber ansonsten jugendliche Gesichtszüge und breite Schultern. In einer Hand hielt er einen Besen, in der anderen eine Angelrute, als würde er überlegen, welchen von beiden Gegenständen er benutzen wollte. Während Jim ausstieg und auf ihn zuschritt, lehnte der Mann beides an die Wand.

„Ach, deswegen ist hier so viel los“, begrüßte ihn Sam. „Viel mehr als sonst.“

Jim streckte ihm die Hand hin. „Mein Name ist Jim Post. Ich bin … äh …“

„Sam Cussler.“ Sam schlug ein. „Ich weiß, wer Sie sind. Mehr oder weniger jedenfalls.“

Als Jim den Namen hörte, konnte er Sam sofort einordnen. June hatte ihm so viel über die Stadt und ihre Bewohner erzählt. „Schön, Sie kennenzulernen, Mr Cussler.“

„Wenn Sie weiter so förmlich sind, wird es wohl noch eine Weile dauern, bis wir zum ersten Mal zusammen angeln gehen. Sie angeln doch, oder nicht?“

„Wann immer es meine Zeit zulässt, Mr … Sam.“

„Gut. Denn angeln gehen muss man hier.“ Sam spähte an Jim vorbei hinaus zu Conrad, der sich damit abplagte, den schweren Reifen aus dem Wagen zu wuchten. „Bisschen schwach auf der Brust, der Junge, was?“

Jim hatte Conrad beinahe vergessen. Rasch nahm er ihm den Reifen ab und rollte ihn rüber zu Sam. „Ich war heute Morgen mit June auf dem Weg in die Stadt, da kamen wir an diesem Mann und seiner Familie vorbei. Sie hatten eine Autopanne, und die Frau stand kurz vor einer Geburt. June holte das Kind auf die Welt und hat die frischgebackene Mutter mit dem Baby und den zwei anderen kleinen Kindern in die Klinik begleitet. Ihn hat sie mir überlassen – samt plattem Reifen.“ Jim schaute hinüber zu Conrad, der beim Auto stehen geblieben war. Er hatte sich angelehnt und wühlte mit den Händen in seinen Hosentaschen. „Der Reifen ist ganz sicher nicht das Einzige, was einen Schaden hat“, stellte Jim fest.

Sam stieß einen kleinen Pfiff aus. „Sieht aus, als wäre er eine Weile auf der Felge gefahren.“

„Also braucht er einen neuen Reifen?“

„Sehr wahrscheinlich. Ich kann zwar versuchen, dieses Ding zu reparieren, doch garantieren kann ich nichts.“

„Können Sie mir nicht einfach einen neuen Reifen verkaufen? Ich zahle das“, erwiderte Jim. Er wollte nicht, dass der junge Mann sein schmutziges Drogengeld unter die Leute brachte. Er wollte nur, dass er weiterfuhr. „Dann bringe ich ihn zurück zu seinem Wagen.“

„Machen Sie sich keinen Stress deswegen, das erledige ich schon. Ich schätze mal, im Café warten eine Menge Leute auf Sie … Und immerhin ist das mein Job, auch wenn ich damit nicht mal genug verdiene, um Steuern zu zahlen.“

Jim blickte die Straße hinunter. „Ist es da immer so voll zur Frühstückszeit?“, erkundigte er sich.

Sam grinste breit. „Eher nicht.“

Allmählich dämmerte es Jim. Man wollte ihn unter die Lupe nehmen. „Hmm“, meinte er. „Ich freue mich ja auch, alle zu treffen, allerdings habe ich June versprochen, mich persönlich um diesen jungen Mann zu kümmern. Und wenn ich gleich mein erstes Versprechen breche, wird sie es sich am Ende noch anders überlegen mit mir.“

Sam kniff fragend die Augenbrauen zusammen. Er kannte June, seit sie klein war, und bezweifelte, dass das der wahre Grund für Jims Zurückhaltung war. Wahrscheinlich hing es mit diesem Conrad zusammen. „Aber Sie möchten die Leute doch sicher nicht noch länger auf die Folter spannen“, erwiderte Sam.

„Ich bringe nur rasch den Mann zurück zu seinem Auto, danach komme ich sofort wieder“, antwortete Jim.

„Wie Sie meinen“, entgegnete Sam brummend, griff nach dem Reifen und rollte ihn in die Werkstatt.

Eine halbe Stunde später zog Jim die letzte Mutter an dem neuen Reifen an Conrads Wagen fest. Er war der beste von allen Reifen an diesem Wagen, obwohl es nur ein runderneuertes Modell war, das Sam ihm zu einem guten Preis überlassen hatte. Jim erhob sich und streckte den Rücken. Ohne Jacke würde er an diesem kühlen, feuchten Morgen frieren.

Natürlich hätte er auch Sam die Sache überlassen können – keine Frage. Doch dass Conrad nicht gerade kräftig war, spielte keine Rolle mehr, falls er eine Waffe in seinem Pick-up hatte. Jim wollte schlichtweg vermeiden, dass der hilfsbereite Sam von dem Kerl ausgeraubt – oder gar verletzt – würde. Oder beides.

„Hey. Danke, Mann“, sagte Conrad. „Ich bin Ihnen was schuldig.“

„Lassen Sie’s mal gut sein. Wissen Sie, wie Sie zum Valley Hospital in Rockport kommen?“

„Ich habe mich noch nicht genau entschieden, ob ich hinfahre“, antwortete er und lächelte schief, wobei er seine ungepflegten Zähne zeigte.

Jim musste tief Luft holen, um nicht die Geduld zu verlieren. „Ganz egal, wo Sie hinfahren – sorgen Sie dafür, dass Sie nicht wieder in Grace Valley landen. Haben Sie das kapiert?“

„Hey Mann, mir gefällt es hier aber. Weil die Leute so freundlich sind.“

„Das könnte sich sehr schnell ändern, Mann.“

Jim stieg schnell in Junes Auto, bevor er noch mehr sagen oder tun würde, und ließ den jungen Mann stehen. Er wendete und machte sich auf den Rückweg in die Stadt. Dabei dachte er, dass sein „Ruhestand“ wohl doch nicht so langweilig werden würde wie befürchtet. Vor allem nicht hier, in dieser Gegend.

John wies Mutter und Baby auf die Entbindungsstation ein, während June dafür sorgte, dass die beiden anderen Kinder auf der Sozialstation der Klinik unterkamen, bis ihr Vater sie abholen würde. Das Personal war informiert. Sollte der Vater nicht auftauchen, würden die Kinder mittels eines Sozialarbeiters vorübergehend in einer Pflegefamilie untergebracht.

Nachdem alles erledigt war, fuhren June und John zurück nach Grace Valley.

„Wird Jim jetzt hierbleiben? Und dich zu einer ehrbaren Frau machen?“

„Du bist ja gar nicht direkt. Ja, er scheint wohl hierzubleiben.“

„Welche Erleichterung.“

„Wusstest du eigentlich, dass ich ohnehin mit dem Gedanken gespielt hatte, ein Kind zu kriegen? Auch ohne Mann? Abgesehen davon, dass meine biologische Uhr tickte, fand ich auch, dass mein Leben an mir vorbeigeht. Andererseits bin ich natürlich auch eine hoffnungslose Romantikerin, und deswegen gefällt es mir so auf jeden Fall viel besser. Doch geplant war das alles nicht.“

„Okay, dann werde ich mal weiterhin so tun, als ob ich nicht bemerkt hätte, dass du die Frage nach der Hochzeit nicht beantwortet hast. Denk allerdings nicht, dass ich der Einzige bin, der dich darauf ansprechen wird.“

„Glaub mir, ich mache mir diesbezüglich schon lange nichts mehr vor.“

„Wieso hast du ihn eigentlich vorher nie erwähnt?“, bohrte John weiter.

„Tja. Das ist ein bisschen kompliziert.“

„Davon gehe ich aus. Aber diese Frage wirst du doch wenigstens beantworten können. Damit könntest du die Leute übrigens auch von der besagten anderen Frage ablenken. Also los, du kannst mit mir üben.“ Er sah zu ihr rüber, und eine Strähne seines sonst makellos gestylten Haars hing ihm in die Stirn.

„Na ja, wir haben nicht gerade viel Zeit miteinander verbracht – auch wenn mein Zustand anderes vermuten lassen könnte.“

John stieß einen Pfiff aus. „Super, June. Vager kannst du es nicht ausdrücken, oder?“

„Also gut, pass auf. Ich habe ihn … Ich weiß gar nicht mehr … Anfang des Jahres kennengelernt. Ungefähr zur selben Zeit, als du hergezogen bist. Er tauchte in der Praxis auf, ein Freund von ihm hatte sich verletzt. Keine Ahnung mehr, weswegen sie in der Gegend waren, Camping oder Jagdausflug oder so. Jedenfalls versorgte ich seinen Kumpel, und ein paar Tage später schaute Jim dann an einem Sonntagnachmittag bei mir zu Hause vorbei, um sich noch einmal zu bedanken. Wir saßen zusammen auf der Veranda, tranken Eistee und verliebten uns.“

„Aha“, meinte John. „Wie süß.“

Sie ignorierte seinen Kommentar, weil ihr klar wurde, dass es wirklich gut war, sich auf dieses heikle Gespräch vorzubereiten. „Immer wenn er in der Gegend war, was nicht oft war, besuchte er mich kurz. Und weil es keine Hotels in der Stadt gibt … obwohl … einmal übernachtete er auch in Westport, in diesem Hotel mit dem Steakhaus …“ Lügen, ohne wirklich zu lügen, fand sie heraus, bereitete ihr Spaß. Es war wie Schach spielen – man musste sich einfach auf alle Kleinigkeiten besinnen.

„Und jetzt eine schwierige Frage: Wie hat er auf die Nachricht reagiert? Dass du schwanger bist?“

Da musste sie sich nichts ausdenken. „Das ist leicht zu beantworten: Er war begeistert!“

„Na, das ist doch wunderbar!“ Zum ersten Mal in dieser Unterhaltung riss John keinen Witz. Erst letzte Woche hatte er June untersucht und ihr zu ihrer großen Überraschung mitgeteilt, wie weit die Schwangerschaft bereits fortgeschritten war. Auch Ärzte waren eben nicht unfehlbar. „Du hattest wirklich keinen Schimmer, oder?“

„Ich habe keine Sekunde damit gerechnet.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, widersprach er ihr. „Susan und ich wussten schon nach drei Wochen, dass Sydney unterwegs war.“

„Aber du bist ja auch in erster Linie Gynäkologe und nicht Allgemeinmediziner. Du musst dich mit so was beschäftigen. Und außerdem hatte ich irgendwie angenommen, dass ich sowieso keine Kinder mehr kriegen könnte. Jedenfalls nicht so leicht.“

John musste laut lachen. „Das klingt nicht gerade nach Empfängnisverhütung.“

„Wieso sagst du das?“

„Das denken alle Frauen, die es noch nicht erwischt hat.“

June bekam beinahe einen Herzinfarkt, sowie sie in der Stadt eintrafen. Die Hauptstraße und sämtliche Parkplätze waren total verstopft, als wäre eine wichtige Versammlung. Das letzte Mal, dass es ein solches Verkehrschaos gegeben hatte, war bei der Ankunft ihres Kollegen John gewesen, weil alle den neuen Arzt sehen wollten. Damals waren einige Frauen meilenweit gefahren, nur um einen Blick auf John Stone zu erhaschen.

„Was ist denn hier los?“, stieß sie hervor.

„Als ob du das nicht wüsstest“, erwiderte John.

Und da begriff sie: Die Autobesitzer waren alle im Café, das aus allen Nähten zu platzen drohte. Ihr Wagen stand gleich gegenüber, vor der Praxis, wo Jim ihn neben dem Auto ihres Vaters geparkt hatte.

Weil es keine freien Parkplätze mehr gab, hielt John mit dem Rettungswagen mitten auf der Straße und blockierte dabei ein paar Pick-ups. „Ich mach mich gleich auf den Weg rüber zur Praxis und fülle die Bestände wieder auf. Aber erst mal will ich nichts verpassen!“, kündigte er an und stieg aus dem Auto.

„John“, protestierte June. „Vielleicht will jemand wegfahren.“

„Garantiert nicht, bevor sie nicht deine Geschichte gehört haben“, entgegnete er und schritt auf das Café zu.

Plötzlich hatte sie überhaupt keine Lust, dort hineinzugehen, doch die Sorge um Jim und das, was möglicherweise gerade mit ihm passierte, trieb sie hinein. Kaum bemerkten die Leute sie, ertönten von allen Seiten „Hallo“- und „Wie geht’s?“-Rufe. Man ließ sie durch, Männer klopften ihr auf den Rücken, Frauen drückten ihr kurz die Schulter. Ganz vorne stand der Ehrengast, er lehnte am Tresen und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand, eingerahmt vom Pfarrer und vom Polizeichef auf der einen Seite und Junes Vater und Sam Cussler auf der anderen. Sie alle hielten ihre Kaffeebecher in die Höhe, als wären es Bierkrüge.

Jim sah überhaupt nicht geschockt aus.

„Da ist ja unser Mädchen!“, rief Elmer aufgeregt. „Gib ihr eine Tasse, George, aber ohne Alkohol. Sie ist schwanger!“

„Dad!“, stieß sie hervor. Natürlich wurde sie rot und funkelte Jim wütend an. Doch er zuckte nur hilflos mit den Schultern. Die Menge lachte.

George reichte Elmer über den Tresen hinweg einen Becher, und er gab ihn an June weiter. Sie sah hinein. Der Kaffee schien mit Milch zu sein. Sie verzog das Gesicht, denn seit Kurzem hasste sie Milch.

„Tut mir leid, June“, entschuldigte sich Elmer. „Ich wollte es eigentlich für mich behalten, doch die Begeisterung hat mich mitgerissen. Ich dachte ja, ich würde ohne Enkelkinder sterben. Aber jetzt erzähl mal: Warst du schon beim Ultraschall? Wisst ihr schon, was es wird?“

„Das geht dich gar nichts an!“

„Wann wird geheiratet?“, schrie jemand aus der Menge.

„Wann kommt denn das Baby?“, fragte jemand anderes.

„Woher kennst du den Mann? Von hier ist er ja nicht“, stellte jemand fest.

June drehte den Kopf und versuchte erfolglos, herauszufinden, von wem die Fragen kamen. Sie sah eine Menge bekannter Gesichter: Johns Frau Susan; Birdie Forrest, die beste Freundin ihrer verstorbenen Mutter und ihre Taufpatin; Burt und Syl Crandall von der Bäckerei; Charlotte Burnham, ihre ehemalige Krankenschwester; Jessie Wiley, ihre Sekretärin und Arzthelferin. Viele Freunde und Patienten. Ganz offensichtlich war die Praxis geschlossen.

Elmer rannte geschäftig mit einer Flasche Jack Daniel’s herum, goss hier und da einen Schuss in Kaffeetassen, auch in Jims. Danach gab er die Flasche an jemanden aus der Menge weiter, beugte sich zu seiner Tochter und küsste sie auf die Wange. Er deutete mit dem Kopf auf Jim und zwinkerte ihr zu. „Er hat sich ziemlich gut angestellt, so ganz alleine hier.“

„Dad“, sagte sie flehend. „Der Arme!“

„Was heißt hier ‚der Arme‘? Schau ihn dir an! Hat man schon mal einen selbstzufriedeneren Kerl gesehen?“

Jim grinste und prostete ihnen zu. Er war alles andere als selbstzufrieden, sondern machte einfach gute Miene zum bösen Spiel. Das rechnete June ihm hoch an. Nur was, wenn er jetzt noch Bammel bekam und die Flucht ergriff? Sie wusste nicht, was sie mehr beunruhigte: die Tatsache, dass er den Rummel so gelassen nahm, oder die Möglichkeit, dass er auf einmal doch noch verschwinden könnte.

Eine Hand mit einer leeren Tasse tauchte vor June auf. „Hey, Doc“, bettelte John.

„Gebt John auch was“, befahl Elmer. „Er wird es brauchen, wenn seine Kollegin heiratet und in Mutterschutz geht!“

Wieder lachten alle, und erneut wurde June rot.

„Sind alle versorgt?“, fragte Elmer. „Denn ich würde gern einen Toast ausbringen auf das junge Glück …“

„So jung sind sie auch nicht mehr!“, brüllte jemand dazwischen.

Elmer hob seine Tasse. „Auf meine Tochter, auf ihren Zukünftigen – und auf mein Enkelkind!“

„Zum Wohl!“, riefen alle und prosteten ihnen zu.

June betrachtete weiter unglücklich die Milch in ihrer Tasse und sagte dann zu ihrem Vater: „Ist das nicht ein bisschen verfrüht?“

„Im Gegenteil, es ist fast schon zu spät!“, erwiderte er und starrte ungeniert auf ihren Bauch.

Einerseits war sie froh über die Witze und die ausgelassene Stimmung. Irgendwie hatte sie sich nämlich insgeheim davor gefürchtet, dass die Leute sie mit Verachtung strafen würden. Immerhin war sie in ihrem Alter immer noch unverheiratet, und plötzlich präsentierte sie der Stadt einen heimlichen Liebhaber. Rasch schob sie allerdings diesen Gedanken beiseite, denn die Neckereien schienen gar kein Ende nehmen zu wollen. Allmählich begann sie, sich zu ärgern. Sie fühlte sich bedrängt. Man würde sie nicht eher gehen lassen, bis sie sich zum Thema Hochzeit geäußert hatte. Doch allein durch die Vorstellung daran wurde sie rot wie eine Tomate und kriegte Beklemmungen.

„Also, wann soll die Hochzeit sein?“, fragte Harry in diesem Moment.

Als June zu stottern anfing, ergriff Jim das Wort. Dabei schaute er June an, die unter seinem Blick zusammenzuckte. „Wir hatten noch keine Gelegenheit, irgendwelche Einzelheiten zu besprechen. Da müssen Sie alle uns noch ein wenig Zeit geben.“

„Allzu viel Zeit scheint allerdings nicht mehr zu sein“, rief jemand.

„Stellen Sie sich der Herausforderung, junger Mann“, meinte ein anderer.

„Also bitte!“, erwiderte Jim und hob die Hand. „Diese Entscheidung überlassen Sie doch bitte June, okay? Man kann ihr doch ansehen, wie sehr sie doch noch erstaunt über all das ist, was gerade mit ihr geschieht!“

„Suchen Sie etwa nach Ausflüchten?“, erkundigte sich Elmer.

„Auf keinen Fall“, versicherte Jim ihm. „Aber ‚Geduld‘ ist hier wohl ein Fremdwort.“

„Verwechsle ich da etwas, oder ist die Schwangerschaft schon ziemlich weit fortgeschritten?“

„June wird nicht weniger schwanger davon, wenn wir die Einzelheiten noch in Ruhe besprechen“, erwiderte er und erntete ein Lachen von den Umstehenden. „Wir kümmern uns um die Planung, sobald der richtige Zeitpunkt da ist.“

June war ganz gerührt, wie er sie in Schutz nahm, wobei es ihn doch sicher selbst am meisten wunderte, dass sie es alles andere als eilig hatte, mit ihm vor den Altar zu treten.

„Wie war das?“, fragte eine ihr bekannte Stimme. Junes Taufpatin baute sich vor ihr auf. „Habe ich richtig gehört?“, fragte Birdie. „Es gibt noch kein Hochzeitsdatum?“

„Birdie, wir hatten einfach noch keine Gelegenheit, darüber zu reden“, wiederholte June. „Sobald wir mehr wissen, erfährst du es als Erste.“

„Das könnte dir so passen!“, entgegnete Birdie. „Du bist immerhin wie eine Tochter für mich. Und allein deswegen wird es ganz sicher bald eine Hochzeit geben.“

June ergriff ihre Hand. „Weißt du, diese Entscheidung solltest du wirklich uns überlassen“, bat sie flehentlich.

„Nein, ihr überlasst das mal schön mir“, verkündete Birdie und tätschelte beruhigend Junes Hand.

Doch June war ganz und gar nicht beruhigt. Sie warf Jim einen besorgten Blick zu, doch er schüttelte nur den Kopf, als wollte er sagen: „Das ist deine Stadt. Und du bist diejenige, die zögert.“

Und dann spürte June, wie sich das Kind bewegte. Sie musste lächeln. Und dieses Lächeln wurde leider von Birdie vollkommen falsch interpretiert.

„Na siehst du“, sagte sie. „Alles wird ganz wunderbar.“

Etwa eine halbe Stunde später, nach vielen Umarmungen und Glückwunschküsschen, verließen June und Jim gemeinsam das Café. „Du hast dich echt tapfer geschlagen“, lobte sie ihn.

„Du allerdings nicht“, erwiderte er. „Es ist mir nicht entgangen, dass du dich einer gewissen Sache zu entziehen versuchst.“

Sie nahm seine Hand. „Es tut mir so leid. Es hat nichts mit dir zu tun. Es ist nur die bloße Vorstellung.“

„Was meinst du damit?“

„Ich wünsche mir, dass du Geduld mit mir hast. Und dass wir uns zu nichts drängen lassen und nichts überstürzen.“

„So wie deine Schwangerschaft?“

„Ich wollte immer heiraten und Familie haben“, erklärte sie. „Aber ich war so lange Single, ich bin in vielerlei Hinsicht festgefahren. Und deswegen wurde mir richtig schlecht, sobald du das erste Mal von Heiraten gesprochen hast.“ Sie drückte seine Hand fester. „Ich muss mich einfach erst mal an den Gedanken gewöhnen. Doch ich liebe dich.“ Er sah sie nicht an und antwortete ihr nicht. „Hey! Hast du gehört, was ich gesagt habe?“

Doch er starrte nur die Straße hinunter, zu Sam Cusslers Autowerkstatt. Davor stand der heruntergekommene alte Wagen, der unter dem Gewicht der Habseligkeiten der Familie Davis bedenklich in Schräglage war.

„Dieser Mistkerl“, fluchte Jim.

Im Café wurde es langsam ruhiger. Nur ab und zu erklang von einem der Tische lautes Gelächter und das Klappern von Geschirr im Hintergrund. Elmer, Sam und Harry saßen in einer Nische bei ihren Getränken, die inzwischen nur noch aus Kaffee bestanden. Jetzt, wo sie June und Jim gesehen hatten, verließen die meisten das Lokal.

„Ich schätze, ich sollte mal rüber in die Praxis gehen und nachschauen, ob John mich braucht. Vermutlich ist June ihm heute keine große Hilfe.“

„Ich habe gehört, wie sie verkündet hat, dass sie mit Jim raus zu Myrna fahren will“, erklärte Sam.

„Ich wäre ja zu gerne dabei, allerdings wurde ich nicht eingeladen“, stellte Elmer fest, während er sich erhob. „Treffen wir uns am Donnerstag im Pfarrhaus zum Pokern, Harry?“

„Darauf können Sie wetten. Sind alle dabei? Myrna auch?“

„Keine zehn Pferde könnten sie davon abhalten.“

Harry verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. „Niemand liebt sie mehr als ich, aber wenn sie nicht mal einen Abend aussetzt, bin ich bald wirklich pleite.“

„Wem sagen Sie das, Reverend“, bemerkte Elmer und verabschiedete sich. Es war eine bekannte Tatsache, dass Myrna seit Jahren beim Poker abräumte. Sie hatte fast nie Pech.

„Ist auf die Post hier eigentlich Verlass, Sam?“

„Keine Ahnung, Harry. Mir schreibt nie jemand.“

„Ich habe keine Ahnung, ob es an der Post liegt oder an meinem Freund. Ich habe jemandem vor ein paar Monaten Geld geliehen und, na ja … Eigentlich ist er verlässlich … Oder eben doch nicht, und ich habe einen Fehler gemacht. Er hatte mir zugesichert, er würde mir das Geld schicken, aber …“

„Es ist nicht nötig, dass Sie weitersprechen, Harry“, unterbrach Sam ihn und holte ein dickes Bündel Geldscheine aus der Tasche, aus dem er mehrere Zwanziger abzählte. „Ich kann Ihnen ja was zur Überbrückung leihen.“

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Sam. Ich mag es nicht, andere auszunutzen …“

„Machen Sie sich da mal keine Gedanken, Harry. Seit Justine tot ist, habe ich nichts und niemanden, wofür ich mein Geld ausgeben könnte.“ Er legte hundert Dollar auf den Tisch und schob Harry die Scheine hin. „Ich helfe gern.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen, mein Freund. Ich gebe es Ihnen zurück, sobald der Scheck eingetroffen ist.“

3. KAPITEL

Die vielleicht am meisten geliebte Einwohnerin von Grace Valley war Myrna Hudson-Claypool. Junes Tante Myrna lebte länger als alle anderen hier im Tal. Ihr Vater Charles Hudson war ein erfolgreicher Banker in der Bay Area gewesen, der seiner wesentlich jüngeren Ehefrau in Grace Valley ein stattliches Haus bauen ließ, in dem sie komfortabel wohnen, ihre große Familie unterbringen und Feste feiern konnten. Damit begründete Charles die Stadt, in der er leider nicht allzu lange leben sollte. Bei der Geburt ihres zweiten Kindes, Elmer, starb Myrnas Mutter. Zwei Jahre später, Myrna war gerade vierzehn Jahre alt, verschied auch ihr Vater Charles.

In den kommenden siebzig Jahren lebte Myrna ein exzentrisches und faszinierendes Leben. Als junge Frau traf sie sich nicht mit Freundinnen in ihrem Alter und wurde auch nicht von jungen Männern umworben, sondern zog ihren kleinen Bruder groß. Sie sorgte dafür, dass er die Schule und ein Medizinstudium abschloss – das Erbe ihres Vaters machte es möglich. Während dieser Zeit entwickelte sie eine wilde Leidenschaft für Bücher. Das Lesen rettete sie vor der Einsamkeit. Nachdem Elmer das Haus verlassen hatte und studierte, begann sie, selbst Romane zu schreiben. Erst Gruselromane und dann Mystery-Thriller. Im Alter von nunmehr vierundachtzig hatte sie mehr als sechzig Bücher veröffentlicht. Ein Ende war nicht in Sicht.

Niemand wusste, wie reich Myrna wirklich war, doch sie hatte die Stadt so großzügig beschenkt, als wäre sie ein Familienmitglied. Sie vermachte einen Teil ihres Besitzes der Stadt, damit dort ein Friedhof entstehen konnte, spendete eine Million Dollar für den Bau der Arztpraxis, und erst im vergangenen Jahr hatte sie June bei der Parade zum Nationalfeiertag am 4. Juli mit einem neuen Rettungswagen überrascht.

Myrna hatte die stets schlecht gelaunten Zwillinge Endeara und Amelia Barstow als Haushälterinnen eingestellt, weil sonst niemand dazu bereit war, allerdings waren die beiden auf das Gehalt angewiesen. Sie beschäftigte sie, obwohl sie keine große Hilfe waren und auch nicht besser kochen konnten als sie selbst. Myrnas nicht essbare Kreationen waren legendär, was sie jedoch nicht davon abhielt, in aller Regelmäßigkeit Dinnerpartys zu veranstalten.

Eine der seltsamsten und unterhaltsamsten Anekdoten über Myrna war die Geschichte ihrer Ehe. Erst spät hatte sie den Bund fürs Leben geschlossen und einen Mann geheiratet, der nicht aus Grace Valley stammte.

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