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Grablichter

Über die Autorin

Eva Almstädt absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Ihr erster Roman KALTER GRUND wurde zum Auftakt der erfolgreichen Serie um die Lübecker Kommissarin Pia Korittki. Die Autorin lebt mit Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein.

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Irgendetwas passiert heute – und zwar nichts Gutes, dachte Jan Dettendorf, als er aufwachte. Sein zweiter Gedanke war, dass er keine Vorahnung hatte, sondern einfach nur schlechte Laune. Er hasste es, wenn sich der Signalton von Lisannes Funkwecker schon vor dem Morgengrauen in seine Träume fraß.

Am liebsten hätte er sich das nervtötende Teil geschnappt, um es in seiner Faust zu zerquetschen. Splitternder Kunststoff, der befriedigend schmerzhaft in die Innenfläche seiner Hand schneiden würde, während der Wecker seinen provokativen Piepton aushauchte …

Doch Jan Dettendorf lag nur reglos da. Es fühlte sich so an, als wäre seine Daunendecke über Nacht mit Schlamm gefüllt worden. Acht Minuten Pause bis zum nächsten Alarm. Spätestens dann würde Lisanne aus dem Bett aufspringen, es sei denn … Hoffnungsvoll schob er eine Hand zu ihr hinüber. Seine Fingerspitzen ertasteten die warme Haut über ihrem Schlüsselbein. Er strich den Hals hoch zu ihrer Wange und fühlte das Haar, das über ihrem Gesicht lag.

Das Bettzeug raschelte. »Wie spät ist es?«, hörte er sie mit klarer Stimme fragen.

Er stöhnte. »Nicht einmal sechs. Es ist noch stockdunkel draußen.«

Die Matratze knarrte, als Lisanne sich aufsetzte. »Hörst du es auch? Es scheint mal wieder stürmisch zu sein«, sagte sie.

Die kahlen Zweige der Linde vor dem Haus scharrten an den Lamellen der Außenjalousien. Es knackte im Gebälk des Dachstuhls, und die Temperaturen im Schlafzimmer erinnerten Jan Dettendorf an den Eiskeller seiner Großmutter. Er hatte die Fenster seines Hauses immer noch nicht erneuern lassen. Es pfiff durch alle Ritzen. »Absalom hasst Sturm«, sagte er, ohne sich große Hoffnung zu machen, Lisanne damit von ihrem Trainingsplan abbringen zu können.

Seit ein paar Wochen stand sie in aller Herrgottsfrühe auf, um noch vor der Arbeit mit ihrem Pferd trainieren zu können. Früher war sie abends geritten, doch seit der Umstellung auf die Winterzeit war es dann bereits zu dunkel. Deshalb hatte Lisanne beschlossen, ihr Training im Gelände in die frühen Morgenstunden zu verlegen, pünktlich zum Sonnenaufgang.

Er hörte, wie Lisanne die Decke zurückschlug, und griff nach ihrem Handgelenk. »Lass das Reiten heute ausfallen. Bei dem schlechten Wetter!«

»Was hast du denn auf einmal? Wir haben das alles doch schon ausgiebig besprochen.«

Die Besprechung hatte so ausgesehen, dass sie ihm ihre Pläne dargelegt hatte, er seine Einwände äußern durfte und dann alles so geschehen war, wie sie es gewollt hatte.

»Ich hatte einen blöden Traum … Er hatte mit dir zu tun, draußen im Wald …« Mit einem Mal erinnerte Dettendorf sich wieder. Und besser noch: Er wusste, dass Lisanne diese Art von Traum interessieren würde.

»Ach ja? Was war denn da? Bist du deshalb besorgt? So kenne ich dich ja gar nicht.«

»Bleib einfach hier. Ich finde …« Er zog sie wieder zu sich ins Bett. »… dass wir die Zeit auch besser nutzen können.«

»Schweif nicht vom Thema ab. Was hast du denn nun geträumt?«, fragte sie.

»Ich war im Wald, im Schwarzen Brook, dort, wo die Trainingsstrecke entlangführt, und da war ein Kopf, er … er hing in einem Baum … ein hässlicher kleiner Kopf. Er sah verbrannt aus. Es war … Ach, vergiss es.«

Mit einem Mal fand er es peinlich, über den Albtraum zu sprechen, er kam sich geradezu kindisch vor. Durch den dünnen Stoff ihres T-Shirts konnte er Lisannes Körper fühlen. Er hörte, wie das Blut in seinen Adern rauschte, vergrub die Nase in ihrer Halsbeuge und sog ihren Geruch ein. Dann drehte er sich mit ihr herum, sodass er auf ihr lag. Sie ließ es geschehen, doch ihre nächste Frage folgte so zuverlässig wie die Weckintervalle ihres Weckers: »Was war das denn für ein Kopf?«

»Keine Ahnung. Denk nicht mehr daran …«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Wieso verbrannt?«, fragte sie weiter. Ihre Hand strich gedankenverloren seinen Rücken hinunter. »Ein Kopf ohne Körper oder ein Totenschädel? Vielleicht hast du von meinem neuen Artikel geträumt: Herzlos, kopflos, skrupellos. Habe ich ihn dir schon zu lesen gegeben?«

»Oh, ich weiß nicht …« Wie konnte sie jetzt an ihre Arbeit denken!

»Der Artikel wird frischen Wind hier ins Dorf bringen!« Ihre Hand, die am Ende des Rückens angekommen war, kniff kurz in seine Pobacke. Der Weckalarm ging erneut los. Sie befreite sich aus seiner Umarmung und schaltete den Wecker aus. »Verschieben wir alles Weitere auf später, okay?«

»Wann ist später?« Er konnte den frustrierten Unterton selbst heraushören. Sie hatten in letzter Zeit nicht mehr sehr oft miteinander geschlafen.

»Weiß ich noch nicht.«

»Lass uns heute Abend gemeinsam irgendwo essen gehen«, schlug er vor, »mal wieder nur wir zwei …«

»Wenn du mit mir essen willst …« Ihre nackten Füße tappten über die Holzdielen.

»Nicht nur …« Etwas würde passieren – irgendetwas. Die Beklommenheit, die er beim Aufwachen gespürt hatte, war wieder da.

»Da bin ich aber froh«, antwortete Lisanne. Die Zimmertür schnappte hinter ihr ins Schloss.

1. Kapitel

Oh Mist, hab’ ich geschlafen?« Pia Korittki dehnte vorsichtig ihre verspannten Halsmuskeln. Sie sah zu ihrem Kollegen Heinz Broders hinüber, der am Steuer saß.

»Wenn ich sage: wie ein Engel, erwürgst du mich noch. Aber es sah ganz danach aus, ja …«

»Haben wir die Ausfahrt verpasst?«

Broders schnaubte empört. »Hey, es ist eine der nächsten. Ich habe alles im Griff. Keine Sorge.«

Pia Korittki, Kriminaloberkommissarin bei der Lübecker Kripo, und ihr Kollege, Hauptkommissar Heinz Broders, waren auf dem Weg zu einer neuen Ermittlung. Es war kurz nach acht Uhr abends. Pia hatte bereits einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich gehabt, als der Leiter der Abteilung sie über den neuen Fall informiert hatte. Sie wischte sich verstohlen über den Mund und versuchte, wieder Luft durch die Nase zu bekommen. Seit ein paar Tagen war sie erkältet. Es fehlte nur noch, dass sie geschnarcht hatte.

»Hey, hier ist es! Wir müssen von der Autobahn runter!«, rief sie, als sie die letzte Bake an sich vorbeihuschen sah. Broders zuckte zusammen und zog das Lenkrad des Passats mit einem Ruck nach rechts. Der Wagen schoss die Ausfahrtsspur hinunter. Pia atmete geräuschvoll aus.

»Und wo geht es jetzt lang?«, fragte Broders, als sie auf die Landstraße stießen.

Pia zeigte nach links. »Dort entlang.« Sie nahm sich vor, das nächste Mal wieder selbst zu fahren, egal, wie müde sie war. Schon im Lübecker Feierabendverkehr hatte Heinz Broders ruppig und unkonzentriert agiert. Irgendetwas lag ihm auf der Seele, denn besondere Eile war eigentlich nicht geboten. Sie kamen sowieso zu spät. Viel zu spät. Wie eigentlich immer, wenn die Mordkommission gerufen wurde.

»Wir müssten gleich da sein«, sagte sie, als die Autoscheinwerfer das gelbe Ortseingangsschild erfassten: Kirchhagen. »Hier muss es gleich in den Wald gehen.«

»Was steht auf dem Zettel? Irgendwo links?«

»Ja, ein Stück weiter vorn.«

Sie passierten eine wuchtige, ein wenig erhöht liegende Dorfkirche. Wenig später stieß eine dichte Hecke bis an die Straße. Genau dahinter lag die Abzweigung verborgen.

»Soll das etwa eine richtige Straße sein?«, fragte Broders, als er in den schmalen Asphaltweg einbog, der direkt ins Dunkle führte.

»Ein landwirtschaftlicher Nutzweg«, antwortete Pia.

Broders schaltete das Fernlicht ein. Die Fahrbahn war verschmutzt, Lehmbrocken und Steine prasselten von unten gegen das Bodenblech. Die schmale Straße wand sich wie ein Bach in seinem Bett zwischen zwei hohen Knicks und verschwand im Nirgendwo. Pia, die ein Fax mit einem grob skizzierten Lageplan vor sich auf dem Schoß liegen hatte, knipste die Innenbeleuchtung an.

»Hey, das blendet! Wie soll ich jetzt sehen können, ob mir ein Reh, ein Wildschwein oder ein Elch vors Auto hoppelt?«

»Das merkst du dann schon.« Pia versuchte, die wirr aussehenden Linien auf dem Papier mit den örtlichen Gegebenheiten in Einklang zu bringen. »Wir kommen gleich über einen Fluss oder Bach oder so. Dahinter müsste die Straße einen scharfen Rechtsknick machen. Da sollen wir unseren Wagen stehen lassen und uns mit Gerlach und ein paar Leuten von der örtlichen Kripo treffen.«

»So stellt sich Gabler das zumindest vor«, sagte Broders misstrauisch.

Kriminalrat Horst-Egon Gabler, ihr gemeinsamer Vorgesetzter, der Leiter des Kommissariats 1 der Lübecker Bezirkskriminalinspektion, war am späten Nachmittag von der Rechtsmedizin über einen Todesfall informiert worden, der nicht, wie irrtümlich angenommen, auf einen Unfall zurückzuführen war. Und jetzt waren sie auf dem Weg zum Fundort der Leiche.

»Hier beginnt das eingezeichnete Waldstück«, sagte Pia und deutete nach rechts auf die ersten kahlen, im Scheinwerferlicht grau aussehenden Baumstämme. Der Wald dahinter war undurchdringlich. »Guck mal! Da steht schon das erste Reh!«

Mit reflektierenden Augen starrte es zu ihnen herüber, rührte sich aber nicht vom Fleck. »Ich hab’s doch geahnt, und wo eins ist, sind auch die anderen nicht weit«, sagte Broders und schaltete zwei Gänge runter. Der Motor heulte auf, und das Reh verschwand mit ein paar langen Sätzen zwischen den Bäumen.

Die Straße führte über den kleinen Wasserlauf, mehr Graben als Bach und im Dunklen kaum zu erkennen, und machte dann einen scharfen Rechtsknick.

»Hast du schon eine Ahnung, was das hier heute Abend werden soll?«, fragte Pia, während ihre Augen die Felder und Wiesen nach dem vereinbarten Treffpunkt absuchten.

»Sag bloß, du wärst jetzt lieber zu Hause bei deinem Schatz, statt hier gleich mit mir durch das Unterholz zu kriechen?«, spottete Broders.

»Mein Schatz muss auch arbeiten. Also, was soll’s.«

»Manchmal fällt es einem gar nicht so auf, doch irgendwann ist das Leben vorbei, ohne dass man ein Privatleben geführt hat«, stellte ihr Kollege mit einem Anflug von Bitterkeit in der Stimme fest.

Pia unterdrückte ihr aufwallendes Unbehagen gegen dieses Thema. Sie hatte ihren Freund Hinnerk heute eigentlich anrufen wollen, war aber wieder einmal nicht dazu gekommen … »Und das von dir, Broders, unser aller Gewissen in der Abteilung«, sagte sie spöttisch.

»Täusch dich nicht. Übrigens, wenn wir nicht gleich da sind, fahre ich zurück.«

Was war los mit ihm? Schon seit ein paar Tagen waren Pia Veränderungen an ihm aufgefallen. Er hatte seine blank gescheuerten Polyesterhosen gegen Jeans ausgetauscht, trug neuerdings weiße und hellblaue Hemden unter seinen Pullovern, und sein Bart sah frisch gestutzt aus. Außerdem, und auch das war neu, hatte er auf den neuen Auftrag mit griesgrämiger Miene reagiert.

Hinter der nächsten Biegung tauchten zwei Autos mit eingeschaltetem Standlicht auf. Broders trat auf die Bremse. Ein Streifenwagen stand dicht an die dornigen Zweige des Knicks gedrängt, während Gerlachs Privatwagen die Zufahrt zu einem Acker blockierte. Broders hielt direkt davor an. Pia und er stiegen aus.

Michael Gerlach, ein Kollege von Pia Korittki und Heinz Broders, lehnte an einem offen stehenden Gatter und versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden. Als er die Neuankömmlinge aus Lübeck sah, hob er grüßend die Hand. Zwei Männer in Regenjacken und Gummistiefeln traten hinzu, die sich als Ernst Barth und Thomas Kalosch von der Kriminalpolizeistelle Bad Oldesloe vorstellten.

»Ursprünglich sah es heute Morgen danach aus, als hätten wir es mit einem Reitunfall mit tödlichem Ausgang zu tun«, erklärte Barth, während er die kleine Gruppe dicht am Knick entlang in Richtung Wald führte. »Bei der Toten handelt es sich um eine Frau aus Kirchhagen, eine Lisanne Olsen. Sie ist heute Morgen zu einem Geländeritt aufgebrochen, ihr übliches Trainingspensum, wie man uns sagte, aber sie ist nicht wie sonst zum Stall zurückgekehrt. Sie ist erst später am Vormittag tot aufgefunden worden, als dem Besitzer des Reitstalls auffiel, dass ihr Pferd nicht in seiner Box stand und auch das Sattelzeug fehlte. Er ist die Strecke mit seinem Hund abgegangen und hat die Tote hinter einem Hindernis liegend aufgefunden. Er war mit der Frau befreundet, also muss es ein furchtbarer Schock für ihn gewesen sein.«

»Wie heißt der Mann?«

»Jan Dettendorf. Er wohnt auch in Kirchhagen. Das Pferd der Verunglückten stand bei ihm im Stall.«

»Ist das Spurensicherungsteam schon vor Ort?«, fragte Pia.

»Seit einer halben Stunde. Deren Fahrzeug mit dem Beleuchtungskram steht ein Stück den Waldweg hinunter. Der Boden ist sehr feucht, eventuell müssen wir die nachher mit einem Schlepper rausziehen lassen.« Barth zeigte am Knick entlang. »Wir gehen hier herum, damit Sie nicht auch noch durch den Graben müssen.« Er warf einen vielsagenden Blick auf Gerlachs lehmverschmierte Lederschuhe.

»Kommt Kriminalrat Gabler noch?«, meldete sich Kalosch erstmals zu Wort.

»Er ist noch mal rüber ins Institut für Rechtsmedizin zu Dr. Kinneberg gefahren«, antwortete Broders.

»Hier entlang«, sagte Barth und ging weiter. Die anderen folgten ihm. »Achtung jetzt, nicht stolpern … Vorsicht, der Baumstumpf! Da vorne in dem Waldstück ist es schon …« Der unstete Lichtfinger seiner Taschenlampe tastete sich über morsche Weidezäune, tiefe Pfützen und halb entlaubte Sträucher am Wegesrand. Eine blasse Mondsichel schimmerte durch die dünne Wolkendecke, beleuchtete Äcker und Weiden, die sich in Richtung Autobahn zogen. Ein schwacher Wind trug die Verkehrsgeräusche als ein ständiges Rauschen zu ihnen herüber, das sich so anhörte, als führe ein endloser Güterzug vorbei.

Gut einen Kilometer hinter ihnen lag Kirchhagen. Pia blickte über die dunklen Felder zurück und konnte die Silhouette des hoch aufragenden, von Scheinwerfern angestrahlten Kirchturms sowie ein paar Dächer und Baumkronen gegen den gräulich schimmernden Nachthimmel erkennen.

Als sie in den Wald hineingingen, wurde es schlagartig stockfinster. Die Nadeln, mit denen der Boden bedeckt war, federten jeden ihrer Schritte ab. Broders, der auch eine Taschenlampe mitführte, richtete den Lichtstrahl stur auf den Boden.

Pia stutzte, als sie plötzlich den Abdruck eines Pferdehufs erkennen konnte. »Gehen wir jetzt direkt über die Spuren, die das Pferd verursacht hat, dessen Reiterin heute Morgen tödlich verunglückt ist?«, fragte sie verwundert.

Barth drehte sich um. »Hier wimmelt es nur so von Hufspuren. Außerdem: Es gibt nur diesen einen Weg dorthin, oder wollen Sie quer durchs Unterholz kriechen?«

»Warum nicht?«, versetzte Pia. Es war ziemlich müßig, einen Tatort zu besichtigen, über den schon zig Leute hinweggetrampelt waren.

»Besprechen Sie das mit meinem Chef, er ist gleich da vorn«, sagte Barth und setzte sich wieder in Bewegung.

Zwischen den Bäumen wurde ein Lichtschein sichtbar. Zwei Scheinwerfer auf Stativen leuchteten ein kleines Areal im Wald fast taghell aus. Hart stachen die Umrisse eines massiven Hindernisses zwischen zwei Bäumen aus der Dunkelheit hervor. Der Waldboden sah aufgeweicht aus. Die Kriminaltechniker bewegten sich in ihren Schutzanzügen zwischen schlaff herunterhängenden rot-weißen Absperrbändern, die das Areal einschlossen. Sie hatten eine Plane darübergespannt, um die noch verbliebenen Spuren vor einem möglichen Regenguss zu schützen. Irgendwo brummte ein Generator leise vor sich hin.

Das war also der Unfallort oder vielmehr der Tatort, wenn der Rechtsmediziner mit seiner Vermutung recht behalten sollte.

Ein weiterer Mann in einer braunen Lederjacke mit Fellkragen kam ihnen entgegen. Er stellte sich als Kriminalhauptkommissar Günther Sattler vor und begrüßte die Ankömmlinge. Dann deutete er auf die Szenerie im Hintergrund. »Hier ist die junge Frau heute Morgen tot aufgefunden worden. Sie ist ausgeritten, und vermutlich ist ihr Pferd beim Sprung über dieses Hindernis gestürzt. Ein Mann namens Jan Dettendorf hat Reiterin und Pferd auf der anderen Seite des Hindernisses gefunden. Als er die Frau entdeckt hat, war sie seiner Aussage nach bereits tot. Ihr Pferd hat noch gelebt, musste aber später vom Tierarzt eingeschläfert werden. Der herbeigerufene Notarzt hat jedenfalls nur noch den Tod der Reiterin festgestellt. Fast gleichzeitig war ein Streifenwagen von uns hier vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinerlei Anlass zu der Vermutung, dass es sich nicht um einen tödlichen Reitunfall handeln könnte …«

Sie gingen um die Absperrung herum. Pia ließ das Hindernis aus rohen Holzstämmen und die unmittelbare Umgebung auf sich wirken. Im Boden rund um das Gatter konnte man Huf- und Fußabdrücke erkennen. Die abgestorbenen Gräser hatten die Farbe bleicher Knochen angenommen. Im wassergefüllten Graben hinter dem Hindernis schwammen rostbraune Blätter. Pia hatte das Gefühl, auf einer Freilichtbühne zu agieren. Die undurchdringliche Schwärze um sie herum, dazu das Knacken und Rauschen und Fiepen, die typischen Waldgeräusche, ließen ihre Kopfhaut prickeln.

»Ich habe Jan Dettendorfs Aussage aufgenommen, nachdem die Tote weggebracht worden war. Mehr schien zu dem Zeitpunkt nicht erforderlich zu sein«, erklärte Sattler. »Als am späten Nachmittag dann der Anruf aus Lübeck kam, dass es sich möglicherweise doch nicht um einen Unfall gehandelt hat, sind wir unverzüglich wieder hierher gefahren und haben abgesperrt.«

»In der Zwischenzeit war der Ort hier unbeaufsichtigt?«, fragte Pia.

»Ja, eine Weile schon.«

»Sieht beeindruckend aus, dieses Hindernis«, sagte Broders und trat dicht an die Absperrung. »Gehört das so? Warum sind die Balken nicht einfach runtergefallen, als das Pferd dagegengestoßen ist?«

»Das sind keine Hindernisse wie auf einem Springparcours. Hier handelt es sich um Geländesprünge, also feste Hindernisse«, sagte Sattler. »Jan Dettendorf hat diese Strecke erst letztes Jahr angelegt. Und der versteht was davon, Hindernisse zu bauen …«

»Wir werden uns mit Herrn Dettendorf unterhalten müssen«, sagte Gerlach.

Sattler zog kommentarlos die Schultern hoch.

Pia hatte bisher nichts Ungewöhnliches in diesem Waldstück entdecken können, bis auf die Tatsache vielleicht, dass jemand mit seinem Pferd freiwillig solch hässliche Barrieren überwinden wollte, wenn man doch einfach drum herum reiten konnte.

Einer der Kriminaltechniker winkte ihnen zu. Pia kannte ihn von früheren Fällen. Es war Schelling, dessen Meinung sie außerordentlich schätzte.

»Kommen Sie mal mit«, sagte dieser und führte die kleine Gruppe um die Absperrung herum zu einem Baum ganz in der Nähe des Hindernisses. »Sehen Sie genau hin …« Er deutete auf eine bestimmte Stelle. »Es ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen: eine dünne Einkerbung in der Borke. Es handelt sich um einen sechs Millimeter tiefen Einschnitt, fast wie von einem Messer verursacht.«

»Aber es war kein Messer?«, fragte Broders.

»Wir vermuten, dass hier ein dünnes Stahlseil befestigt worden ist. Wir haben dieselbe Spur auch an dem Baum auf der anderen Seite des Hindernisses gefunden. Verbindet man die beiden Einkerbungen, erhält man eine gedachte Linie, etwa fünfzehn Zentimeter oberhalb des Hindernisses.«

»Sie meinen, jemand hat ein dünnes Stahlseil oberhalb des Hindernisses gespannt, und das war die Ursache dafür, dass das Pferd gestürzt ist?«, fragte Pia.

»Das ist eine Möglichkeit.«

Pia starrte, von düsteren Bildern bedrängt, auf den Baumstamm. Die Beschädigung der Borke war mit bloßem Auge kaum zu erkennen. »Gibt es eine andere Erklärung für so ein Stahlseil als die, dass jemand einen Sturz provozieren wollte?«, fragte sie nachdenklich.

»Keine, die einleuchtend ist.«

»Heimtückisch und gemein«, stellte Broders mit kalter Stimme fest. »Aber war es ein Mordanschlag oder nur ein böser Scherz? Die Reiterin hätte ja genauso gut mit ein paar Prellungen davonkommen können.«

»Wir haben ein paar Aufnahmen von den Baumstämmen gemacht«, sagte der Kriminaltechniker. »Das Stahlseil wurde zwar entfernt, aber wir werden etwas von der Rinde abschälen und mit ins Labor nehmen. Wer weiß, vielleicht können wir etwas mehr über das verwendete Material herausbekommen.«

»Wäre schön, wenn wir wenigstens irgendetwas bekämen, mit dem wir arbeiten können«, sagte Broders. »So ein Stahlseil wird ja wohl nicht in jeder Haushaltsschublade zu finden sein.«

»Wir sind hier auf dem Land, Broders«, sagte Gerlach und deutete mit dem Kopf in Richtung Kirchhagen. »Hier hat jeder Zweite eine voll ausgestattete Werkstatt.«

Pia versuchte, die Tat vor ihrem inneren Auge ablaufen zu lassen. Das alles konnte nur bedeuten, dass derjenige, der das Stahlseil gespannt hatte, nach dem Sturz noch einmal hier gewesen sein musste, um es wieder zu entfernen. Und zwar während die Frau hier schwer verletzt oder sterbend am Boden gelegen hatte. Sie musste daran denken, was Gabler ihnen über die Erkenntnisse der Rechtsmedizin berichtet hatte: Die Todesursache war nicht der Sturz vom Pferd gewesen. Die Verletzung, die zu Lisanne Olsens Tod geführt hatte, wurde ihr erst danach zugefügt, als sie schon am Boden lag. Einen festen Schlag ins Genick hatte Dr. Kinneberg als Todesursache vermutet. Jemand hatte der Frau hier, mitten im Wald, an einem präparierten Hindernis aufgelauert.

2. Kapitel

Anke Loss stand im Flur und griff gewohnheitsmäßig nach ihrem hellgrauen Anorak, der vorn an der Garderobe hing. Im Spiegel sah ihr eine schmale Gestalt mit müdem Gesicht entgegen, und sie entschied, dass ihr ein bisschen Farbe guttäte, auch wenn sie nur drei Häuser weiter zu einer kleinen Geburtstagsfeier ging. Immerhin würde er da sein. Sie nahm die orangefarbene Wildlederjacke vom Bügel und zog sie über. Hauptsache, es regnete nicht schon wieder. Dazu die neuen hochhackigen Stiefel – schon besser. Sie strich sich das volle braune Haar aus dem Gesicht und lächelte sich aufmunternd zu. Wo Daniel nur wieder blieb?

Sie hatte ihren Mann vor einer Dreiviertelstunde das erste Mal vorsorglich an den Termin heute Abend erinnert, dann im Drei-Minuten-Takt, aber wenn er vor dem Rechner saß, hörte und sah er nichts.

Sie hatte die Kinder allein zu Bett gebracht, das Zähneputzen kontrolliert, die Betten aufgeschüttelt, vorgelesen, Spieluhren aufgezogen, und nun endlich schienen sie zu schlafen. Sie griff nach dem Empfänger des Babyfons und steckte ihn in ihre Jackentasche.

»Daniel, es ist nach acht!«, rief sie verhalten, und sofort knarrte und krächzte das Babyfon in ihrer Tasche. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingerspitzen gegen den Türrahmen. Gleich würde sie allein losgehen. Die Weinflasche und ein Taschenbuch lagen dekorativ verpackt auf der kleinen Flurablage. Sie hatten den gleichen Geschmack, Thorsten Maybach und sie, nicht nur, was guten Wein und gute Bücher betraf. Seltsam, dass so ein Mann allein lebte.

»Ich gehe jetzt«, sagte sie so laut, wie es mit schlafenden Kindern im Haus eben möglich war. In diesem Moment kam Daniel die Treppe herunter. Wie immer trug er seine ausgebeulte Cordhose und das alte Sweatshirt. Sein Haar sah ungewaschen aus. Bei ihrem Anblick stutzte er. »So aufgebrezelt? Wir gehen doch nur zu den Nachbarn …« Immerhin sah er sie überhaupt an. Es musste an dem leuchtenden Orange liegen.

»Ich hatte Lust auf ein bisschen Farbe …«, antwortete sie leichthin.

»Und ich habe gar keine Lust«, sagte er halblaut und suchte nach seinen Schuhen.

»Das ist ja nichts Neues bei dir. Vielleicht solltest du dich nicht jeden Abend in deinem Arbeitszimmer vergraben, Daniel. Wenn du schon gestern nicht an der Einwohnerversammlung zur geplanten Umgehungsstraße teilgenommen hast, könntest du jetzt wenigstens etwas Interesse an dem Thema zeigen. Das geht auch dich an«, antwortete sie und beobachtete leicht besorgt seine Reaktion. Sie klemmte sich Wein und Buch unter den Arm und zog die Haustür auf.

»Ich weiß gar nicht, worüber ihr euch alle so aufregt. Die werden die neue Umgehungsstraße sowieso genau dorthin bauen, wo es ihnen in den Kram passt. Wahrscheinlich ist alles schon längst entschieden, ihr wisst es nur noch nicht.«

»Du bist ein unverbesserlicher Pessimist, Daniel. Manchmal kann ich nicht glauben, dass einer wie du Tag für Tag eine Abteilung leitet und Entscheidungen trifft. Wie halten deine Leute es nur mit dir aus?«

»Davon verstehst du nichts«, sagte er, sein Gesicht war ernst. Lag es nur daran, dass er keine Lust auf Nachbarschaftsklatsch hatte, oder steckte er in beruflichen Schwierigkeiten? Anke wurde ein wenig flau. Sie kamen jeden Monat gerade mal so über die Runden mit den Raten für ihr Haus. Leise, um die Kinder nicht zu wecken, zog sie die Haustür hinter sich ins Schloss. Feiner Nieselregen schlug ihr ins Gesicht, als sie neben ihrem Mann zum Nachbarhaus hinübereilte.

»Anke, Daniel, schön, dass ihr da seid.« Thorsten Maybach nahm die Geschenke entgegen und legte sie auf der Flurkommode ab. Während er ihre Jacken an die Garderobe hängte, sah Daniel sich neugierig um. Er ist noch nie hier gewesen, dachte Anke alarmiert. Sie musste aufpassen, was sie sagte.

»Alles in Ordnung bei dir?« Thorsten ließ seine warme Hand einen Moment länger auf ihrem Schulterblatt ruhen, als der offiziellen Begrüßung angemessen war.

»Oh, klar doch«, sagte sie lächelnd und trat einen Schritt zurück. »Alles Gute zum Geburtstag, Thorsten! Vielen Dank für die Einladung.«

Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Mehr war nicht drin. Daniel stand neben ihnen, sein langes Gesicht wirkte unbeteiligt, aber Anke war sich sicher, dass er jedes Wort, das sie mit Thorsten wechselte, genau registrierte. Bei ihrem nächsten Streit bekäme sie alles aufs Butterbrot geschmiert.

Im Wohnzimmer musterte Anke die anderen Gäste. Fast alle aus der Straße waren anwesend. Das war nicht weiter überraschend, denn sie pflegten hier eine gute Nachbarschaft. Nur Gina Arzberg-Wenning schien noch nicht da zu sein. Die einzige alleinstehende Frau in der Siedlung, und ausgerechnet sie versäumte Thorsten Maybachs Feier? Dafür entdeckte Anke auch Leo Körting unter den Gästen, dem ein Hotel etwas außerhalb von Kirchhagen gehörte. Mit seiner solariengebräunten Haut und dem Kaschmirsakko passte er nicht so recht in das Bild bürgerlichen Understatements, das die anderen boten. Alle waren eher lässig gekleidet, ihre Gesichter sahen winterblass und müde aus. War dieser Körting mit Thorsten Maybach befreundet? Das wäre ihr neu.

Daniel gesellte sich sofort zu den Senkbleis, sodass Anke Gelegenheit hatte, zu Thorsten in die Küche zu verschwinden.

»Kann ich dir helfen?«

»Oh, nett von dir, aber ich habe alles im Griff. Du kannst gern schon zu den anderen rübergehen.«

»Was macht denn Leo Körting hier? Kennst du ihn näher?«

»Ach, der hat mich neulich mal angesprochen. Ich glaube, er sucht Unterstützung wegen der geplanten Umgehungsstraße.«

Anke nickte. Leo Körtings Hotel war klein, aber fein, in einem romantischen Fachwerkhaus, zwischen Feldern und Wiesen gelegen. Er warb mit guter Küche, Ruhe und unberührter Natur. Wenn die geplante Ortsumgehung in naher Zukunft im Osten um Kirchhagen herumführte, dann wäre es dort vorbei mit Ruhe und Beschaulichkeit. Da konnte Körting sein Hotel auch gleich dichtmachen.

Anke war aber eigentlich nicht in die Küche gekommen, um mit ihrem Gastgeber zu reden. »Was diese Straße angeht, müssen wir jetzt zusammenhalten, das ist klar«, sagte sie leise und berührte wie zufällig seine Hüfte. Thorsten hielt in der Bewegung inne und sah zur offen stehenden Küchentür. Musik und Stimmengemurmel klangen zu ihnen herein.

Sie ging einen Schritt näher, sodass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. Das Gefühl, jeden Moment entdeckt zu werden, machte ihr Spaß. Thorsten griff ihr ins Haar, beugte sich zu ihr hinunter, doch ein Geräusch ließ ihn innehalten. Morgen, formten seine Lippen. Und dann lauter: »Lass uns reingehen. Nimmst du das Tablett mit den Gläsern?«

So ein Feigling, dachte sie. Es war doch nur irgendwer an der Küchentür vorbeigegangen. »Warum machen die überhaupt so eine Umweltverträglichkeitsuntersuchung, wenn die nachher angeblich sowieso keine Rolle mehr spielt?«, fragte Heidi Senkblei gerade, als Anke Loss und Thorsten Maybach wieder ins Wohnzimmer traten. Heidi Senkblei wohnte im Osten von Kirchhagen und sah sich, wie die anderen auch, vom Ergebnis der Umweltstudie benachteiligt.

»Das gehört zu so einer Voruntersuchung einfach dazu. So sind nun mal die Vorschriften«, erwiderte Daniel. Mit anderen Menschen konnte er also Konversation machen! Sieh an, sieh an, die Umgehungsstraße interessiert ihn also auch, dachte Anke verärgert.

»Aber warum ist die Natur hier im Osten weniger wert als die im Westen? Kann mir das mal einer erklären? Letzten Endes muss es doch um die Menschen gehen und nicht um ein paar Kröten und Vögel«, beharrte die Senkblei.

»Bei diesen Umweltstudien geht es sowieso hauptsächlich um das sogenannte Schutzgut Mensch«, erklärte Daniel geduldig. »Sie wollen die Natur für den Menschen schützen, denn wir sind ein Teil des Ökosystems. Die Studie hat wohl gezeigt, dass sich in den Korridoren im Osten weniger Konfliktpunkte befinden als im Westen. Da gibt es das Wäldchen, Biotope, Fließgewässer …«

»Fließgewässer!«, schnaubte nun auch Karl Senkblei. »Ich bin alle möglichen Streckenführungen zu Fuß abgegangen. Die Au ist an der Stelle, wo die eine Trasse langführen würde, nur ein schmaler Graben, da bin ich rübergehüpft!«

Daniel zuckte nichtssagend mit den Schultern. Gegen die aufgewühlten Emotionen kamen sachliche Argumente sowieso nicht an. Was hatten abstrakte Begriffe wie Raumwiderstandsdichte und Konfliktpotenzial denn für ein Gewicht, wenn die Gefahr bestand, dass demnächst direkt hinter dem eigenen Gartenzaun eine stark befahrene Straße entlangführen sollte?

»Dieser dreckige kleine Bach im Westen ist doch ein Witz«, sagte Leo Körting. »Da stehen ganz andere Interessen dahinter, wenn sie die Straße bei uns im Osten bauen wollen.« Er redete leise, aber etwas in seinem Verhalten bewirkte, dass alle ihm zuhörten. »Entscheidend ist doch, wer hier wie viel Einfluss auf die Entscheidung des Ministeriums nehmen wird, nicht wahr? Also: Die Landwirte im Westen, wie Dettendorf und Reuter, werden alles daransetzen, dass die Straße östlich um Kirchhagen verläuft, das ist doch klar. Den Anwohnern an der Hauptstraße liegt vor allem daran, dass die Umgehungsstraße überhaupt gebaut wird. Wir hier im Osten haben die schlechtesten Karten. Die ortsnahe Ostvariante ist die kürzeste und deshalb auch die wirtschaftlichste Strecke, und angeblich ist auch noch diese Raumwiderstandsdichte geringer als im westlichen Umland von Kirchhagen. Die Frage ist, wie wir trotz dieser Voraussetzungen unsere Interessen durchsetzen können.«

»Gar nicht«, sagte Daniel. »Wenn es heißt: Geld oder Natur, dann gibt das Geld den Ausschlag, das ist doch klar. Wenn die Westumgehung und die ortsferne Ostumgehung zu teuer sind, wird die Straße ortsnah und östlich um Kirchhagen herum verlaufen.«

»Die ortsnahe Ostvariante und die Westvariante sind in etwa gleich lang. Ich habe es auf der Karte nachgemessen«, sagte Heidi Senkblei.

»Ja, und deshalb müssen wir uns für die Westvariante starkmachen, nicht für die ortsferne Ostumgehung. Dann haben wir eine realistische Chance«, sagte Leo Körting bestimmt. Kein Wunder, sein Hotel wäre von der ortsfernen Ostvariante am stärksten betroffen, dachte Anke Loss.

»Dann haben wir vor allem Reuter, Dettendorf und Konsorten gegen uns. Die werden sich mit allen Mitteln wehren, weil sie der Meinung sind, eine Westumgehung gefährde ihre Existenz. Die neue Straße würde deren Land durchschneiden und damit die Hauskoppeln von den Höfen abtrennen«, sagte Thorsten Maybach.

»Ach, die bekommen einen Tunnel oder eine Brücke oder so … Aber was ist mit dem Wertverlust unserer Eigenheime? Stehen da keine Existenzen auf dem Spiel?«, fragte Heidi Senkblei in die Runde.

Auf einmal redeten alle durcheinander.

»Ich werde mein Hotel jedenfalls nicht kampflos aufgeben, ich werde …« Weiter kam Leo Körting nicht, denn die Türglocke schrillte.

Thorsten Maybach ging hinaus und kam wenig später mit einer völlig verstörten Gina Arzberg-Wenning ins Wohnzimmer zurück. Anke Loss bedachte die unscheinbare Frau mit einem genervten Blick. Wollsocke nannte sie sie für sich, weil sie meistens Selbstgestricktes trug und sich die Haare mit Henna färbte. Heute klebte ihr eine feuchte rote Strähne auf der erhitzten Stirn. Thorsten zog einen Stuhl für sie heran, doch Gina Arzberg-Wenning dachte nicht daran, sich zu setzen, sondern klammerte sich zitternd an Thorsten Maybachs linken Arm.

Die anderen Gäste schienen noch gar nichts bemerkt zu haben.

»Wozu braucht Frank Reuter noch Hauskoppeln?«, fragte Karl Senkblei in die Runde, »der hat doch seine Milchquote verkauft, als er den Hof übernommen hat. Dettendorf ist es, um den wir uns Sorgen machen müssen, Jan Dettendorf, der mit dieser Journalisten liiert ist …«

»Sagt mal, lebt ihr eigentlich auf dem Mond oder was?« Die Gesichtsfarbe von Gina Arzberg-Wenning näherte sich dem Farbton ihrer Haare. Ihr schriller Ton sorgte dafür, dass alle anderen sie verblüfft anstarrten.

»Wisst ihr es denn noch nicht? Dettendorfs Freundin ist tot.«

Anke Loss schüttelte ungläubig den Kopf. »Gestern Abend war sie doch noch auf unserer Einwohnerversammlung«, sagte sie mit Nachdruck. Lisanne Olsen konnte nicht tot sein. Sie war nicht älter als sie selbst, vielleicht auch ein oder zwei Jahre jünger …

»Und jetzt ist sie tot. Marion Burmeister hat es mir vorhin erzählt, und die weiß es von Jan Dettendorf. Lisanne Olsen ist heute Morgen mit ihrem Pferd verunglückt. Ein tödlicher Reitunfall …«

Alle sahen sich betroffen an. Sogar Leo Körting war blass geworden. Er kippte den Rest Sekt in einem Zug hinunter und stand abrupt auf. »Scheiß Gäule. Wusste ich schon immer«, bemerkte er grob und verließ polternd den Raum.

Anke sah ihm nach. War ihr da irgendwas entgangen?

3. Kapitel

Nach der Besichtigung des Tatortes ließen sich Pia und Broders den Weg zu Jan Dettendorfs Haus erklären. Sie wollten ihn trotz der späten Stunde noch befragen. Er wohnte an der Hauptstraße, nur ein kleines Stück von der alles dominierenden Dorfkirche entfernt.

Das Haus von Dettendorf, das nur durch einen schmalen Vorgarten von der Hauptstraße getrennt war, lag dunkel und verlassen im Schutz zweier mächtiger Linden, die den Vordereingang flankierten. Der Weg dorthin sah im matten Schein der Straßenbeleuchtung sauber geharkt und unbenutzt aus. Hier ging man wohl nur zur Hochzeit rein und im Sarg wieder raus? Pia hielt nach einem zweiten Eingang Ausschau.

Hinter dem Gebäude schien sich ein gepflastertes Areal zu öffnen, an das Stallgebäude, eine kleine Reithalle und ein einzelnes Häuschen grenzten. Die Konturen verschwammen im Dunkeln. Als Pia um die hintere Ecke bog, schaltete sich die Außenbeleuchtung ein. Broders folgte ihr. Tatsächlich, hinten gab es auch eine Eingangstür. Sie klingelte, und kurze Zeit später sah sie durch eine Riffelglasscheibe, wie im Flur Licht angeschaltet wurde. Sie warf Broders einen kurzen Blick über die Schulter zu. Dettendorf war also zu Hause.

Die Tür öffnete sich, und im Gegenlicht erkannte Pia einen hochgewachsenen Mann, der seinen späten Besuchern mit gebeugten Schultern und schief gelegtem Kopf gegenübertrat.

»Ja, bitte?«, sagte er, und in seinem Tonfall schwang ein genervter Unterton mit. Ein großer Hund mit dunklem Fell versuchte, seinen Kopf an den Beinen seines Herrchens vorbeizuschieben. Der Mann zog ihn am Halsband zurück.

»Sind Sie Jan Dettendorf?«, fragte Pia.

Der Mann nickte nur.

»Mein Name ist Pia Korittki, Mordkommission Lübeck, und das ist mein Kollege Heinz Broders.« Sie zeigten ihre Ausweise. »Wir haben ein paar Fragen an Sie wegen des Todes von Lisanne Olsen.«

»Na, dann kommen Sie rein«, sagte Dettendorf und ließ sie eintreten. »Roberta und ich haben sowieso nichts mehr vor heute Abend.« Er deutet mit einer Kopfbewegung auf seinen Hund, dann führte er sie durch einen engen Flur in ein Zimmer am Ende des Ganges und knipste die Deckenbeleuchtung ein. Es schien eine Art Büro zu sein mit einem Schreibtisch, zwei Stühlen, einem Sessel und mehreren Regalen mit farbigen Ordnern. Roberta tapste hinter ihnen her und ließ sich auf einem Haufen verstreut liegender Zeitungen nieder.

»Kripo, so so«, sagte Dettendorf und bedeutete ihnen, auf den Stühlen Platz zu nehmen, die vor dem Schreibtisch standen. Er selbst setzte sich in einen bequem aussehenden Ledersessel und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust.

»Wir untersuchen den Tod von Lisanne Olsen. Wir waren eben noch draußen am Unfallort. Sie haben die Verunglückte entdeckt, hat man uns gesagt.«

»Ja, das stimmt«, antwortete er knapp. Das Licht der Deckenlampe malte dunkle Schatten unter seine Augen.

»Erzählen Sie uns der Reihe nach, wie sich das heute Morgen zugetragen hat. Lassen Sie sich ruhig Zeit dabei«, sagte Broders.

Dettendorfs Stimme klang brüchig, als er zu berichten begann: »Also, um es vorwegzunehmen, Lisanne und ich waren befreundet. Sie wohnte seit zwei Jahren hier mit auf dem Hof, und zwar in dem kleinen Haus nebenan, das sie vielleicht eben schon gesehen haben.« Er stockte und sah Pia und Broders Hilfe suchend an. Pia nickte und ermunterte ihn, fortzufahren.

»Das Haus hatte vorher ein paar Jahre leer gestanden, aber da Lisanne sowieso fast mehr hier als in ihrer Wohnung in Lübeck war, seit wir zusammen waren und ihr Pferd hier stand, habe ich das Häuschen hergerichtet und ihr vermietet. Es ist nichts Besonderes, aber sie mochte es so, wie es ist. Sie wollte nicht zu mir ins Haupthaus ziehen. Sie hat immer gesagt, sie bräuchte ihre Privatsphäre.« Er zuckte mit den Schultern, scheinbar noch immer verblüfft über diese Anwandlung von ihr. »Aber es war schön, so wie es war. Vielleicht hatte sie recht. Hier hätten wir uns nur über Haushaltskram in die Wolle gekriegt.« Es klang trotzig.

»Was ist heute Morgen passiert?«

»Lisanne hatte bei mir … übernachtet. Als der Wecker um kurz vor sechs läutete, ist sie gleich aufgestanden. Ich habe ihr noch gesagt, bleib doch liegen, es stürmt und regnet, das mag Absalom, das ist Lisannes Pferd, nicht. Aber sie ist trotzdem los. Ich bin dann noch mal eingeschlafen, und als ich gegen halb acht aufgewacht bin, hab’ ich mir nur schnell was übergezogen und bin rüber in den Stall zum Füttern. Dabei habe ich natürlich gesehen, dass Absalom nicht in seiner Box stand. Lisanne hat sich in den Kopf gesetzt, nächstes Jahr Vielseitigkeit mit ihm zu gehen. Hatte …« Er stockte und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. »Sie reitet … ritt … meistens morgens früh, weil sie freiberuflich für verschiedene Zeitungen arbeitete und abends oft nicht mehr zum Reiten kam. Es war kein Problem für sie, etwas später anzufangen. Viele wichtige Veranstaltungen, über die sie berichtete, waren abends. Früh Schluss zu machen, das wäre utopisch, hat sie immer gesagt.«

Pia nickte und warf einen Seitenblick auf Broders, der unruhig auf seinem Sitz hin und her rutschte.

»Ich dachte mir also nichts dabei, als Absalom nicht da war, und bin nach dem Füttern wieder rüber, um zu duschen und in Ruhe zu frühstücken. Normalerweise ist Lisanne, bevor sie zur Arbeit gefahren ist, immer noch kurz bei mir reingekommen und hat einen Kaffee mit mir getrunken. Aber nicht immer. Wenn sie spät dran war, ist sie gleich losgefahren.«

»Um wie viel Uhr ist Ihnen aufgefallen, dass sie nicht von dem Ritt zurückgekehrt ist?«

»Erst kurz vor Mittag. Ich hatte hier im Büro zu tun. Später habe ich dann noch mal in den Stall geschaut. Als Absaloms Box immer noch leer war, dachte ich zuerst, sie hätte ihn vielleicht woanders hingestellt. Ich bin den ganzen Stall abgegangen. Dann habe ich die Sattelkammer kontrolliert und festgestellt, dass seine Trense und sein Sattel fehlten. Da wurde ich unruhig. Ich bin zu ihrem Haus rübergerannt und habe geklopft. Als Lisanne dort auch nicht war, bin ich mit Roberta losgegangen.«

»Woher wussten Sie, wo Sie nach Ihrer Freundin suchen mussten?«, fragte Pia.

»Sie hatte eine festgelegte Trainingsstrecke. Die bin ich abgegangen.«

»Sie haben sich zu Fuß auf den Weg gemacht?«

»Ja, ich bin gelaufen. Mit dem Auto kommt man nicht gut in den Schwarzen Brook. So heißt die Gegend. Mir war inzwischen klar, dass die Zeit drängte. Wenn sie womöglich gestürzt war und in der Kälte irgendwo draußen lag …«

»Um wie viel Uhr sind Sie losgegangen?«, fragte Broders.

»Mein Gott, ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Es war vielleicht halb zwölf.«

»Und haben Sie jemandem Bescheid gesagt? Sich vielleicht Hilfe geholt?«

»Ich wusste doch nicht, was passiert ist. Ich wollte erst mal selbst nachsehen.«

»Also gut, Herr Dettendorf«, sagte Pia. »Sie sind also mit ihrem Hund los, um ihre Freundin zu suchen. Wie haben Sie sie gefunden?«

»Roberta hat sie gefunden, hinter dem zweiten Sprung im Wäldchen. Kein ungefährliches Hindernis, das habe ich ihr immer wieder gesagt, aber sie hat darauf bestanden, dass sie einen Einsprung ins Wasser braucht, als Gehorsamsübung für ihr Pferd.«

»Einsprung ins Wasser? Was ist das?«, fragte Pia.

»Hinter dem Hindernis befindet sich ein Graben oder eine Vertiefung, die mit Wasser gefüllt ist.«

»Wer hat das Hindernis gebaut?«

»Ich.«

»Also gut, welches Bild bot sich ihnen am Unfallort? Wie haben Sie Lisanne Olsen vorgefunden?«, schaltete sich Broders ein. Irgendwie wirkte er ungeduldig.

»Sie lag … Lisanne lag hinter dem Sprung halb im Wasser.« Er schluckte. »Sie rührte sich nicht. Sie lag auf dem Bauch, und ich habe nicht gewagt, sie umzudrehen. Ich dachte, sie hat vielleicht eine Wirbelsäulenverletzung, obwohl sie eigentlich im Gelände meistens einen Rückenprotektor getragen hat … Ich habe sie angefasst, ihre Hand genommen, aber sie war eiskalt! Und ich … ich konnte keinen Puls fühlen. Verdammt, sie rührte sich nicht. Ich wusste nicht, wie ich ihr helfen sollte. Ich wollte sie wärmen, hab’ sie ein Stückchen aus dem Wasser gezogen, dann hab’ ich sie aber wieder hingelegt. Ich habe gleich danach telefoniert und Hilfe angefordert. Und dann habe ich neben ihr gesessen …« Er schüttelte den Kopf. »Roberta hat die ganze Zeit gewinselt. Absalom versuchte, auf die Beine zu kommen, aber er ist immer wieder weggeknickt. Ich hab’ gleich gesehen, dass es aus für ihn war. Seine Vorderläufe … Die Augen sind ihm vor Schmerz fast aus dem Kopf getreten …«

»Beruhigen Sie sich erst mal, Herr Dettendorf«, sagte Broders plötzlich ungewohnt sanft. »Möchten Sie irgendwas trinken, bevor wir weitermachen?«

»Ja, bitte«, sagte er rau. »Im Schrank in der Küche ist eine Flasche Whiskey. Ich könnte einen vertragen.«

Broders verließ das Zimmer, um sich auf die Suche zu machen. Pia blieb mit Dettendorf in seinem ungemütlichen Büro zurück. Sie musterten sich gegenseitig. Jan Dettendorf wirkte ausgelaugt. Das kurze braune Haar stand ihm wirr vom Kopf ab. Seine Kleidung – eine alte Jeans und ein dunkel gemusterter Pullover – schienen ihm viel zu groß zu sein. Er räusperte sich unbeholfen. »Ich kann es immer noch nicht fassen«, sagte er, »dass Lisanne tot sein soll. Sie hatte noch so viele Pläne …«

»Wissen ihre Eltern schon Bescheid?«, fragte Pia.

»Oh Himmel, nein. Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht. Ihre Eltern leben nicht mehr. Sie hat nur einen Onkel, der wohnt in Bad Oldesloe, und eine jüngere Schwester, die irgendwo im Ausland lebt. Die wissen noch gar nichts. Ich habe kurz daran gedacht, bei den Zeitungen anzurufen, für die sie gearbeitet hat. Als ob sie jetzt noch Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn sie Termine nicht einhält. Was für ein Blödsinn!«

Bevor Pia Gelegenheit hatte, etwas darauf zu antworten, kam Broders mit einer fast vollen Whisky-Flasche und einem Becherglas in der Hand ins Büro zurück.

»Bitte, manchmal hilft’s«, sagte er und goss zwei Finger breit ins Glas. »Wo waren wir stehen geblieben?«

»Sie sahen, dass das Pferd Schmerzen hatte«, sagte Pia.

»Ja. Ich habe auch noch unseren Tierarzt Manfred Freese angerufen und ihn gebeten, sofort zu kommen … Es hat ewig gedauert, bis der Rettungswagen kam. Sie haben nur noch Lisannes Tod feststellen können. Dann haben sie sie zugedeckt und gesagt, wir müssten warten. Sie könnten keine Verstorbenen im Rettungswagen mitnehmen.«

Pia konnte sich die verzweifelte Situation im Wald besser vorstellen, als ihr lieb war. »Was geschah dann?«, fragte sie.

»Der Tierarzt ist gekommen und hat gesagt, dass es das Beste wäre, Absalom einzuschläfern. Er hat ihm ein Barbiturat in die Vene gespritzt, und das war’s. Ich habe noch gewartet, bis der Leichenwagen kam und Lisanne abgeholt wurde. Ich wollte … sie nicht allein lassen …«

»Wann kam die Polizei?«

»Ich weiß es nicht mehr genau. Irgendwann kam ein Streifenwagen.«

»Haben Sie auf dem Hinweg oder während Sie im Wald waren irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt?«, fragte Pia.

Er merkte auf. »Wieso, was denn? Was hätte mir denn auffallen sollen?«

»Das fragen wir Sie. Es könnte ja sein, dass Sie jemanden gesehen haben oder dass etwas anders war als sonst.«

»Was wollen Sie denn damit andeuten? Dass Lisannes Tod vielleicht gar kein Unfall war?« Er begriff schnell.

»Wir wollen gar nichts andeuten. Bei nicht natürlichen Todesfällen muss immer eine kriminalpolizeiliche Ermittlung durchgeführt …«, erklärte Broders.

»Sie ist gestürzt!«, fuhr Dettendorf aufgebracht dazwischen. »Das war ein furchtbares Unglück! Was wollen Sie eigentlich herausfinden?«

»Welche Umstände zu Lisanne Olsens Tod geführt haben. Nicht mehr und nicht weniger. Könnten Sie uns bitte die Namen und Adressen von Lisannes Verwandten geben? Mit denen werden wir auch sprechen müssen«, sagte Pia.

»Okay.« Er schaltete seinen Rechner ein, tippte kurz auf der Tastatur herum, der Drucker im Regal sprang an und warf surrend ein Blatt mit einer Adresse aus, das Dettendorf Pia weitergab.

»Ich habe nicht viel. Da ist nur dieser Onkel, zu dem sie sporadisch Kontakt hatte. Zu der Schwester, die wohl in Frankreich lebt, hatte Lisanne überhaupt keine Verbindung mehr. Da habe ich keine Adresse.«

»Niemand sonst?«

»Ich glaube, so ungefähr jeder Einwohner von Kirchhagen hat sie gekannt«, sagte er. »Sie werden einiges zu tun haben.«

»Na schön. Wir werden jetzt gehen. Es war bestimmt ein schwerer Tag für Sie. Morgen wird sich noch mal jemand von uns bei Ihnen melden. Wenn Ihnen vorher noch was einfällt …« Pia gab ihm ihre Karte.

Sie verabschiedeten sich in dem engen, schlecht beleuchteten Flur. Als Dettendorf die Haustür öffnete, entwischte sein Hund nach draußen und wurde sofort von der Dunkelheit verschluckt.

Dettendorf pfiff, aber Roberta tauchte nicht wieder auf.

»Bis morgen. Wir melden uns.« Broders und Pia gingen zurück zur Straße. In diesem Moment donnerte ein Tanklastwagen die Hauptstraße entlang und der Luftzug zerrte an den Zweigen der Linden. Sie mussten abwarten, bis der Lärm verklungen war. Dann zog Pia ihr Mobiltelefon hervor.

»Mal sehen, wo wir Gerlach jetzt wieder einfangen«, sagte sie. »Bestimmt gibt es hier so was wie einen Dorfgasthof …«

Sie fanden ihren Kollegen wie erwartet im Dorfkrug, der einzigen Kneipe von Kirchhagen, die sich am südlichen Ortsende schräg gegenüber der Kirche befand. Er saß mit Schelling und einem weiteren Mann von der Spurensicherung an einem Ecktisch, jeder hatte ein großes Bier vor sich stehen und Schelling zusätzlich einen Teller mit Currywurst und Pommes.

»Ach, hier ist ’ne Party im Gange, während wir uns die Hintern blank schuften. Ich versteh’ schon, Gerlach, warum du dich so frühzeitig abgesetzt hast«, sagte Broders zur Begrüßung.

»Hey, das ist ’ne Dienstbesprechung. Setzt euch zu uns«, entgegnete Gerlach aufgeräumt. Er zog einen Stuhl vom Nebentisch heran.

Als Pia und Broders sich zu den anderen gesetzt hatten, kam der Wirt zu ihnen herüber und musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. »Welch Glanz in meiner Hütte! Auf der Durchreise, oder bleiben die Herrschaften länger in Kirchhagen? Ich hab’ auch Fremdenzimmer, die müssten aber erst mal gründlich gelüftet werden …« Sein Lachen ging in ein bellendes Husten über.

»Wir fahren heute Abend noch nach Lübeck zurück. Können Sie was Warmes zu essen anbieten?«

»Um diese Uhrzeit nur noch belegte Brote mit Spiegelei oder das da.« Er zeigte auf die Currywurst.

»Okay, für mich auch die Wurst«, sagte Broders. Pia entschied sich für das Brot mit Spiegelei. Der Wirt stapfte zurück hinter seine Theke und rief ein paar kurze Anweisungen durch eine Durchreiche nach hinten in die Küche.

Es war nicht mehr viel los um diese Tageszeit, stellte Pia mit einem Blick durch den Schankraum fest. An der Theke saßen drei Männer, die ihr Feierabendbier vor der Nase hatten. Ein paar Tische weiter saßen zwei Gäste, die immer mal wieder verstohlene Blicke zum Ecktisch hinüberwarfen, sich ansonsten aber angeregt zu unterhalten schienen.

»Wir sind die Attraktion des Abends, und außerdem haben wir Zuhörer«, bemerkte Pia halblaut.

»Ja, schon bemerkt. Aber was soll’s, spätestens morgen früh weiß jeder Bescheid, dass wir hier sind. Wir werden ’ne Menge Leute befragen müssen«, sagte Broders.

»Eigentlich sollten wir wirklich gleich hierbleiben. Dann könnten wir morgen in aller Herrgottsfrühe anfangen. Ihr wisst ja, die frühe Katze fängt die Maus.«

»Wie viele Biere hast du schon intus, Gerlach?«, fragte Pia ihn.

»Och …«

Wir werden morgen auf jeden Fall eine offizielle Aussage von Lisanne Olsens Freund, diesem Jan Dettendorf, aufnehmen. Und die Angehörigen, die vielleicht noch nicht Bescheid wissen, müssen dringend verständigt werden.«

»Wissen die noch nichts?«, fragte Gerlach.

»Dettendorf hat niemandem Bescheid gesagt. Was die Kollegen vor Ort herausgefunden haben, wissen wir noch nicht.«

»Wir werden als Erstes die Wohnung von Lisanne Olsen unter die Lupe nehmen. Versiegelt haben wir schon, aber wir haben bisher nur einen kurzen Blick reingeworfen. Will einer von euch mitkommen?«, fragte Schelling.

»Ja, ich bin dabei«, sagte Pia.

»Gute Idee«, warf Broders ein, »dann bist du morgen zuerst in der Wohnung der Olsen und kannst danach gleich zu Dettendorf rübergehen. Mit dem wird einer allein fertig, oder?«

»Ich und das Aufzeichnungsgerät, kein Problem.«

»Gerlach und ich werden zusehen, wen wir sonst noch von Lisanne Olsens Sippschaft auftreiben. Außerdem muss dann noch einer von uns mit den Leuten von der Zeitung sprechen.«

»Schwierig, weil sie freiberuflich gearbeitet hat«, merkte Gerlach an. »Wer macht’s?«

»Alle – wer Zeit hat …«, zitierte Pia ihren Chef, der diesen Satz gern sagte, wenn er unter Druck stand und nicht genug Leute zur Verfügung hatte.

»Genau, wer Zeit hat«, sagte Gerlach in sein fast leeres Glas. Der Wirt stellte zwei Teller mit üppigen Portionen vor Broders und Pia ab.

In diesem Moment wurde die Tür aufgezogen. Zwei Männer kamen herein und gingen auf die Theke zu. Einer von ihnen trug einen Lodenmantel und einen schwarzen Schal, der lässig über seiner Schulter hing, der andere eine Lederjacke. Sie wandten sich an den Wirt, der sich eher widerwillig, wie es aussah, zu ihnen herüberbeugte. Plötzlich lag eine eigenartige Spannung im Raum. Ein schwerer Lkw fuhr die Hauptstraße hinunter und ließ die Fensterscheiben vibrieren. Die Flüssigkeit in den Gläsern erzitterte.

Der Wirt begann mit mürrischem Gesichtsausdruck zwei Biere zu zapfen, die Neuankömmlinge gingen zu einem freien Tisch und setzten sich, nicht ohne vorher ihre Blicke fast drohend durch den Raum schweifen zu lassen.

»Hey, Leo, laufen deine Pferdchen auch fleißig?«, rief einer der Männer an der Theke halblaut in den Raum.

»Klappe, Franky. Oder soll ich mal rüberkommen?« »Warum nicht, Lodenmantel?«

Der Mantelträger wollte aufspringen, doch sein Begleiter hielt ihn zurück. »Bleib locker, Leo. Der ist doch schon voll bis unter den Scheitel. Wir wollen keinen Stress hier.«

»Hast noch mal Glück gehabt, dass ich was Besseres zu tun habe. Außerdem möchte Heinrich Ruhe haben in seinem Laden.«

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