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Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

– Grundriss eines philosophischen Meisterwerks –

Werkerschließung im Rahmen der Sommerakademie der Academia Philosophia, Italien, Castelfranco di Sopra, 2017

DER AUTOR

Bernd Waß studierte an der Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg Analytische Philosophie. Zum Doktor der Philosophie promovierte er bei Prof. Dr. Reinhard Kleinknecht, Prof. Dr. Otto Neumaier und Prof. Dr. Volker Gadenne, mit einer Arbeit zur Philosophie des Geistes. Er ist Philosoph und Privatgelehrter, ordentliches Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie und Gründungsmitglied der Academia Philosophia. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte finden sich in der Metaphysik, insbesondere der Philosophie des Geistes, und der Erkenntnistheorie.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Gottfried Wilhelm Leibniz – Philosoph, Mathematiker, Erfinder

3 Eine Frage des Standpunkts

4 Der Anfangspunkt der Philosophie Leibniz’

4.1 Neuzeit und Aufklärung

4.2 Empirismus und Rationalismus

4.3 Das allgemeine Prinzip des Grundes

5 Wichtige Bausteine im (Denk-)System Leibniz’

5.1 Begriffstheorie

5.2 Theorie der Ideen und der möglichen Welten

5.3 Theorie der Existenz

5.4 Erkenntnistheorie: Theorie der Erkenntnisgrade

5.5 Zeichentheorie

6 Die Monadologie – Leibniz’ Substanzmetaphysik

6.1 Monaden als seelenhafte, das Universum spiegelnde Substanzen

6.2 Selbsttätigkeit und Perzeption als ontologische Konstitutionsprinzipien

6.3 Einheit und Ich-Identität

6.4 Vielheit und Individualität der Monaden

6.5 Monadische Organisation des Lebendigen und Allbeseelung des Universums

6.6 Differenzierung des Lebendigen und Hierarchie der Monaden

7 Leibniz’ dreifaches Freiheitsproblem

7.1 Die Freiheit Gottes

7.2 Die Freiheit des Individuums

7.3 Die Freiheit individueller Handlungen angesichts durchgängiger Kausalität

8 Leibniz’ Theodizee – von der Zulassung des Übels in der besten Welt

8.1 Das Theodizeeproblem

8.2 Der Grundgedanke der Leibnizschen Theodizee

8.3 Die Lösung des Theodizeeproblems

9 Leibniz’ Idee einer universellen Harmonie

9.1 Einheit und Vielheit

9.2 Die musikalische Harmonie

9.3 Die Universalharmonie

9.4 Das Empfinden und Denken der Harmonie

10 Die Achillesferse der Metaphysik Leibniz’

Literaturverzeichnis

Konventionen

Vorwort

Ich bin auf ein neues System gestoßen, von dem ich etwas in den gelehrten Zeitschriften von Paris, Leipzig und Holland und in dem bewunderungswürdigen Dictionnaire Bayles gelesen habe. Seitdem glaube ich, das innere Wesen der Dinge in einem neuen Lichte zu sehen. Dieses System scheint Platon mit Demokrit, Aristoteles mit Descartes, die Scholastiker mit den Neueren, die Theologie und Moral mit der Vernunft zu versöhnen. Von allen Seiten scheint es das Beste zu nehmen und dann weiter fortzuschreiten, als man jemals gekommen ist. Ich habe in ihm eine verständliche Erklärung der Einheit von Seele und Leib gefunden, etwas, woran ich zuvor verzweifelt war. Die wahren Prinzipien der Dinge finde ich nunmehr in den substantiellen Einheiten, die dieses System einführt, und in ihrer durch die Ursubstanz vorherbestimmten Harmonie. Ich finde hierin die erstaunlichste Einfachheit und Gleichförmigkeit, so daß man sagen kann, es sei alles und immer nach verschiedenen Graden der Vollkommenheit dasselbe. Jetzt begreife ich, was Platon darunter verstand, wenn er die Materie für ein unvollkommnes und wandelbares Wesen ansah, was Aristoteles mit seiner Entelechie sagen wollte, was jenes Versprechen eines anderen Lebens sagen will, das nach Plinius selbst Demokrit machte, – wieweit die Skeptiker recht hatten, wenn sie gegen die Sinne eiferten, in welchem Sinn die Tiere wirklich, gemäß der Meinung Descartes’, Automaten sind, während sie doch andererseits, in Übereinstimmung mit der allgemeinen Meinung der Menschen, Seelen und Empfindung besitzen. Ich sehe ferner jetzt, wie man der Lehre derjenigen einen vernünftigen Sinn geben kann, die allen Dingen Leben und Wahrnehmung verliehen haben; wie dies Cardano, Campanella und besser als sie die verstorbene Gräfin von Conaway, eine Anhängerin Platons, und unser verstorbener Freund Franz Mercurius van Helmont, der übrigens freilich durch viele unverständliche und paradoxe Meinungen dunkel blieb, im Verein mit seinem verstorbenen Freund Heinrich Morus, getan haben. Ich sehe, wie die Gesetze der Natur, die vor dem Auftreten dieses Systems zu einem guten Teil unbekannt waren, ihren Ursprung in Prinzipien haben, die über das Materielle hinausgehen, wenn sich gleich im Materiellen alles auf mechanische Weise vollzieht. Im letzteren Punkt haben die spiritualisierenden Schriftsteller, die ich eben genannt habe, mit ihren »Archeen« und selbst die Cartesianer gefehlt, indem sie glaubten, daß die immateriellen Substanzen, wo nicht die Kraft, so doch wenigstens die Richtung oder Bestimmung der körperlichen Bewegungen zu ändern imstande seien. Nach dem neuen System hingegen befolgen Seele und Körper aufs vollkommenste die ihnen eigentümlichen Gesetze, während doch andererseits beide einander, soweit es nötig ist, gehorchen. Endlich habe ich, seitdem ich über dies System nachdenke, gefunden, inwiefern die Tatsache, daß auch Tiere Seelen und sinnliche Empfindungen besitzen, in keiner Weise gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele spricht: ja wie vielmehr nichts geeigneter ist, unsere natürliche Unsterblichkeit zu sichern, als die Annahme, daß alle Seelen unvergänglich sind (morte carent animae), ohne daß wir deshalb doch die Seelenwanderung zu fürchten hätten, da nicht allein die Seelen, sonder auch die Tiere lebend, empfindend, handelnd bleiben und bleiben werden. Es ist überall wie hier, und immer und überall wie bei uns, – gemäß dem, was ich Ihnen schon gesagt habe; nur daß die Zustände der Tiere mehr oder weniger vollkommen und entwickelt sind, ohne daß man jedoch jemals ganz und gar vom Körper getrennte Seelen anzunehmen brauchte, während wir nichtsdestoweniger, soweit als möglich, reine Geister sind, unbeschadet unserer Organe, die durch ihren Einfluss nie die Gesetze der Spontaneität stören können. Ich halte den leeren Raum und die Atome für unmöglich: wenngleich nicht aufgrund des cartesianischen Trugschlusses, der sich auf die angebliche Identität der Idee des Körpers mit der Idee der Ausdehnung stützt. Ich erblicke alles in Ordnung und Harmonie, mehr als man es bis jetzt jemals begriffen hat; die Materie in durchgängiger Organisation, nichts Leeres, Unfruchtbares und Vernachlässigtes, nichts zu Einförmiges, alles mannigfaltig, aber in Ordnung und, was alle Vorstellungskraft übertrifft, eine Zusammendrängung des gesamten Universums in jedem seiner Teile, ja in jeder einfachen substantiellen Einheit, deren jede es aber von einem verschiedenen Gesichtspunkt aus darstellt. Außer dieser neuen Analyse der Dinge habe ich die der Begriffe oder der Ideen und Wahrheiten besser begriffen. Ich verstehe nunmehr, was eine wahre, klare, distinkte, und wenn ich dieses Wort gebrauchen darf, adäquate Idee ist. Ich verstehe, welches die ursprünglichen Wahrheiten und die wahren Axiome sind, die Unterscheidung der notwendigen und der tatsächlichen Wahrheiten, des Vernunftgebrauchs der Menschen und der Folgerungen der Tiere, die nur ein Schatten von jenem sind. Kurz, Sie werden erstaunt sein, alles zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe, und vor allen Dingen zu erkennen, wie die Erkenntnis der Größe und Vollkommenheit Gottes dadurch erhöht wird. Denn ich kann Ihnen, vor dem ich kein Geheimnis habe, nicht verhehlen, wie sehr ich jetzt von Bewunderung und (wenn man sagen darf, diesen Ausdruck zu brauchen) von Liebe für diese oberste Quelle aller Dinge und Schönheit durchdrungen bin, nachdem ich gefunden habe, daß die Vollkommenheiten, welche dieses System erfüllt, alles übertreffen, was man sich jemals in Gedanken hat kommen lassen. Sie wissen, daß ich früher ein wenig zu weit gegangen bin und begonnen hatte, mich der Seite der Spinozisten zuzuneigen, die Gott nur eine unendliche Macht beilegen, ohne Vollkommenheiten und Weisheit bei ihm anzuerkennen und die, die Erforschung der Zweckursachen gering achtend, alles von einer blinden Notwendigkeit ableiten. Aber die neuen Einsichten, die ich seither gewonnen habe, haben mich davon geheilt [...].1

1 Theophilus im ersten Brief an seinen Freund Philaletes, nach dessen Rückkehr aus England. In: Leibniz, Gottfried Wilhelm: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, Meiner, Hamburg, 1996, S. 31-33.

1 Einleitung

Seit der Gründung der Academia Philosophia im Jahr 2012 verstehen wir uns als Bindeglied zwischen den funkelnden Elfenbeintürmen der Philosophie einerseits und einer breiteren Hörerschaft andererseits. Es wäre schade, so dachten wir uns, wenn die Faszination philosophischer Weltdeutung nur jenem kleinen Kreis von Menschen vorbehalten bliebe, der sich von Berufswegen mit der Philosophie beschäftigt. Auch wenn die Hochzeit der Philosophie – so es sie denn jemals gegeben hat – in einer ökonomisierten und am Maßstab des Praktischen orientierten Gesellschaft allem Anschein nach vorüber ist, glauben wir nichtsdestoweniger, dass die Beschäftigung mit philosophischer Weltdeutung für unser geistiges Leben unverzichtbar ist. Der Entwurf einer feingliedrigen, vernünftigen und logisch zureichenden Weltanschauung, die Disziplinierung des Denkens und die Verbesserung der Urteilskraft können nirgendwo vorzüglicher gelingen als in der Philosophie. Nicht zuletzt deshalb bemühen wir uns um die Vermittlung wissenschaftlicher Philosophie und die Pflege eines breit angelegten philosophischen Diskurses; außerhalb der Mauern der Universitäten, eine fachfremde Hörerschaft im Blick, aber dennoch auf akademischem Niveau. Ein Programm, das uns immer wieder vor intellektuelle Herausforderungen stellt. Im Versuch eine solche Herausforderung zu bewältigen, nämlich eine Textgrundlage für den philosophischen Diskurs im Rahmen unserer alljährlichen Sommerakademie zu erarbeiten, ist das vorliegende Buch entstanden. ›Gottfried Wilhelm Leibniz – Grundriss eines philosophischen Meisterwerks‹ versteht sich daher als Einführung in die wesentlichen Stränge der Philosophie Leibniz’, insbesondere in seine weitreichenden metaphysischen Abhandlungen. Man kann es im Sinne einer Propädeutik lesen – als Vorbereitung zum Studium der Originaltexte –, als Verbindungsglied zu umfangreicheren Abhandlungen über Leibniz, aber auch als eine in sich geschlossene Arbeit, deren Anspruch es ist, Leibnizens Denken systematisch nachzuzeichnen und seinen Versuch einer metaphysischen Weltdeutung im Prinzip verständlich zu machen. Dementsprechend geht es hier nicht darum, dieses überaus komplexe Denkgebäude bis in den letzten Winkel zu durchdringen, was ohnehin unmöglich scheint, als vielmehr darum, es im Sinne einer gewissen Vertrautheit ein erstes Mal zu begehen. Die leitende Idee dabei, so könnte man metaphorisch sagen, bestand darin, das wie eine Kreisbewegung anmutende Denken Leibnizens, in dem der jeweilige Gedanke, gleichgültig an welchem Punkt man beginnt, stets einen vorhergehenden und einen nachgehenden aufzuweisen scheint, mit denen er untrennbar verwoben ist, auf eine Linie zu übertragen. Ein Kreis erlaubt nämlich in diesem Fall keinen, für unsere Belange brauchbaren, Einstieg, weil es keinen Punkt gibt, den man verstehen könnte, ohne nicht schon alles andere verstanden zu haben. Anders hingegen verhält es sich mit einer Linie: Hier gibt es einen Anfang, dem nichts vorhergeht, und aus dem alles andere folgt. Hat man den Anfang verstanden, so kann man sich Schritt für Schritt alles Weitere begreiflich machen. Um dies zu bewerkstelligen, wurde auf eine werkgeschichtlich korrekte Wiedergabe der Philosophie Leibniz’ verzichtet. Darüber hinaus sei der philosophischen Redlichkeit wegen gesagt, dass sich viele der hier angestellten Überlegungen auf die weitreichende Leibniz-Forschung Hans Posers stützen. Poser, der sich seit über vierzig Jahren, nahezu ausschließlich, mit Leibnizens Denken beschäftigt, gilt als einer der großen Leibniz-Forscher, und die von Wenchao Li, bei Meiner, herausgegebene Sammlung seiner deutschsprachigen Leibniz-Aufsätze, ist die Grundlage des hier vorgelegten.

Obschon Leibniz zu jenen Philosophen gehört, deren philosophisches Schaffen von ihrer Lebensgeschichte nahezu unbeeinflusst blieb, anders als dies etwa bei Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche der Fall ist, werden wir uns in Kapitel 2 – Gottfried Wilhelm Leibniz: Philosoph, Mathematiker, Erfinder – nichtsdestoweniger mit der Person Leibniz beschäftigen. Der Bogen dieses biographischen Abrisses spannt sich vom Achtjährigen, dem auf Anraten eines Freundes der Familie, die äußerst umfangreiche väterliche Bibliothek geöffnet wird, und der sich in der Folge mit der Ideenlehre Platons, der Logik des Aristoteles und der Metaphysik der Scholastiker vertraut macht, über Leibnizens Zeit in Paris, auf die so bedeutende wissenschaftliche Entdeckungen zurückgehen, wie beispielsweise die Leibniz-Reihe oder die Infinitesimalrechnung, bis hin zu seinen späten, so berühmten philosophischen Arbeiten, wie beispielsweise der ›Theodicée‹, also den ›Essais über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels‹, die neuen ›Abhandlungen über den menschlichen Verstand‹ oder die ›Monadologie‹.

Kapitel 3Eine Frage des Standpunkts – dient der Vorbereitung des Lesers auf die vor ihm liegende »metaphysische Höhenwanderung«. Es gilt sozusagen eine angemessene Ausrüstung zur Verfügung zu stellen, die im Wesentlichen darin besteht, eine Vorstellung von Metaphysik auszubilden, die unserem modernen, weithin säkularen Weltverständnis Rechnung trägt. Nur auf diese Weise ist man imstande der Philosophie Leibnizens von der Warte unserer Zeit aus zu folgen und die metaphysischen Gestalten in den Griff zu bekommen, die hier im Spiel sind. Dementsprechend bedarf es zunächst eines adäquaten Metaphysikbegriffs. Im Ausgang von Alfred North Whitehead und Viktor Kraft werden wir die Metaphysik als diejenige Disziplin einführen, die im Erfolgsfall nicht nur eine Theorie der Bewusstseinsphänomene hervorzubringen vermag, sondern darüber hinaus auch eine allgemeingültige und notwendige Erkenntnis bewusstseinstranszendenter Realität. Des Weiteren werden wir die Gütekriterien einer jeden solchen Theorie, oder besser gesagt, einer jeden solchen Metaphysik diskutieren. Obschon man angesichts des Primats der empirischen Wissenschaften, in einem ersten Impuls dazu neigt, sie als bloßes Spiel der Einbildungskraft harsch zurückzuweisen, zeigt sich, dass der Probierstein der Erfahrung durch Probiersteine der Vernunft ersetzt wird, die nicht minder gewichtig sind. Es handelt sich um analytische Anwendbarkeit, logische Perfektion und erkenntnislogische Kohärenz.

In Kapitel 4Der Anfangspunkt der Philosophie Leibniz’ – suchen wir nach einem brauchbaren Einstieg in Leibnizens Denken, von dem aus sich alles Weitere entwickeln kann. Dieses Denken fällt nämlich nicht nur in die Zeit des erkenntnistheoretischen Streits zwischen Vertretern von Rationalismus und Empirismus, sondern auch in die Zeit der Aufklärung – dem Vorhaben, über das Primat der Vernunft, alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Kein Stein sollte mehr auf dem anderen bleiben und eine bloß durch Autorität begründete Vorstellung von Wirklichkeit und Wahrheit wurde zunehmend abgelehnt. In diesem Umfeld tief greifender wissenschaftlicher, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Wandlungen, werden wir schließlich mit dem allgemeinen Prinzip des Grundes fündig werden. Seines umfassenden Geltungsbereichs wegen, ist es nicht nur das Konstitutionsprinzip der gesamten Metaphysik Leibniz’, sondern zugleich ihr Fundament.

Im Ausgang dieses so zentralen Prinzips müssen wir uns in Kapitel 5Wichtige Bausteine im (Denk-)System Leibniz’ – mit weiteren, für das Verständnis seiner Philosophie unverzichtbaren, Zusammenhängen beschäftigen. Ohne eine hinreichende Kenntnis der Begriffstheorie, der Theorie der Ideen und der möglichen Welten, der Theorie der Existenz sowie der Erkenntnis- und Zeichentheorie wären nämlich alle Bemühungen, dieses komplexe Denkgebäude zu durchdringen, vergebens. Vor allem die Theorie der möglichen Welten bedarf einer eingehenden Betrachtung. Hierauf ruhen nämlich so bahnbrechende Konzepte wie die prästabilierte Harmonie, die Idee einer von Gott verwirklichten besten unter den möglichen Welten, die Konstitution der Welt der Monaden aber auch die Individualität und Freiheit der Individuen.

In Kapitel 6Die Monadologie: Leibniz’ Substanzmetaphysik – wartet nach einem herausfordernden Aufstieg der erste große Gipfelpunkt: die Monadologie. Jetzt vermögen wir die Täler und Gipfel, die wir bereits durchschritten haben zu überschauen und ein Gesamtbild zu entwerfen. Man könnte zunächst nämlich glauben, dass die von Gott verwirklichte Welt – die Beste unter den möglichen – jene sei, die dem gleichkommt, was wir in moderner Terminologie als materielles, physikalisches, die Kausalordnung konstituierendes, sich in Raum und Zeit aufspannendes und empirisch wahrnehmbares Universum bezeichnen. Eine Welt, der wir uns im Alltag gegenübergestellt sehen, von der wir selbst ein Teil sind und die wir in den Wissenschaften zu durchdringen suchen. Das aber trifft nur bedingt zu: Gott verwirklicht vielmehr eine unendliche Zahl individueller, seelenhafter Substanzen – die sogenannten Monaden. Die Monaden sind das Einzige, was wirklich existiert; allem anderen kommt nur abgeleitete Realität zu. Was aber sind Monaden und wie lässt sich das Universum in ihrem Gefolge als abgeleitete Realität verstehen? Die Monadologie, die Lehre von den Monaden, den fensterlosen, metaphysischen Punkten, die Leibniz unter dem Titel ›Lehrsätze der Philosophie‹ 1714 verfasst, gilt als Antwort auf diese Frage.1 Es ist Leibnizens wichtigster metaphysischer Text, mit dem er sozusagen zum »letzten Streich« ausholt. Ein Geniestreich, denn in der Monadologie verschmelzen die einzelnen Teile seiner Philosophie rückwirkend zu einem Ganzen. Die Monaden sind sozusagen der Gravitationspunkt dieses Ganzen, weshalb wir uns um ein gut fundiertes Verständnis ihres Aufbaus und ihrer inneren Logik bemühen.

In Kapitel 7Leibniz’ dreifaches Freiheitsproblem – stellt sich uns unter dem Gesichtspunkt des alten philosophischen Streits über Freiheit und Notwendigkeit die Frage, wie sich der, aus dem System Leibniz’ scheinbar zwangsläufig ergebende, metaphysisch-theologische Determinismus mit dem eigentlichen Ziel Leibnizens, nämlich der Versöhnung einer auf der Annahme von Kausalgesetzen aufruhenden und durch Gottes Vorauswissen bestimmten, mechanistischen Deutung des Weltgeschehens mit der Freiheit der Individuen, in Einklang bringen lässt. Im Versuch hierauf eine Antwort zu geben, diskutieren wir Leibniz’ dreifaches Freiheitsproblem: erstens das Problem der Freiheit Gottes, angesichts der Notwendigkeit die beste aller möglichen Welten zu erschaffen, zweitens das Problem der Freiheit des Individuums, angesichts der göttlichen Vorherbestimmung seiner gesamten Lebensgeschichte und drittens die Freiheit individueller Handlungen angesichts durchgängiger Kausalität.

In Kapitel 8Leibniz’ Theodizee: von der Zulassung des Übels in der besten Welt – kommen wir nicht nur zum zweiten Gipfelpunkt, sondern auch zum »Sündenfall« in Leibnizens Metaphysik. Solange man nämlich bereit ist Ethik und Moral aus dem Spiel zu lassen, ist das logisch-begriffliche Gebäude, das wir in den zurückliegenden Kapiteln zu durchdringen suchten, über weite Strecken von großer philosophischer Feingliedrigkeit. Doch ein gewichtiger Stein des Anstoßes ist und bleibt seine ethisch-moralische Dimension. Sobald sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, vermag sie es einen zornig zu machen: Wie um Himmelswillen kann einer behaupten, die von Gott verwirklichte Welt sei die beste aller möglichen Welten, angesichts der nicht enden wollenden „Schrecken und Nöte, angesichts dessen, was Menschen täglich ihresgleichen an Unmenschlichem antun, angesichts einer waffenstarrenden Welt und angesichts aller Vorbereitungen sie unbewohnbar zu machen“2? Das Theodizeeproblem, das seit Leibniz, der diesen Begriff prägte, in der Doppelfrage besteht, wie das Übel in der Welt, angesichts der Allmacht und Güte Gottes möglich ist und wie Gott ein allmächtiger und gütiger Gott sein kann, wenn es doch Übel gibt, muss zufriedenstellend gelöst werden, will man sich dem Sarkasmus Voltaires und dem beißenden Spott Schopenhauers entziehen.

In Kapitel 9Leibniz’ Idee einer universellen Harmonie – schließt sich der Kreis unserer philosophischen Betrachtungen. Was mit der prästabilierten Harmonie im Reich der möglichen Welten begonnen hat, das findet in der Universalharmonie sein Ende. Schon als Student kommt Leibniz mit der Harmonielehre Erhard Weigls in Berührung, der die Auffassung vertritt, dass die Welt in einem harmonischen Gefüge besteht, und dass sich dieses Gefüge mathematisch beschreiben lässt. Tatsächlich ist der Harmoniegedanke beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Von jeher hat er im Denken der Menschen eine wichtige Rolle gespielt, vor allem im Hinblick auf ein friedliches Zusammenleben. Als Idealtyps des Harmonischen galt dabei immer der musikalische Wohlklang, der im Zusammenkommen mehrerer Töne zum Einklang besteht. Es ist der Gedanke der Einheit in der Vielheit, der hier durchschimmert und den jeder Harmoniebegriff zum Ausdruck bringt. So definiert Leibniz: Harmonie ist Einheit in der Vielheit. Was damit bezeichnet ist, ist ein Verhältnis zwischen einem Ganzen und seinen Teilen; der Schlüssel zum Verständnis der universellen Harmonie.

In Kapitel 10Die Achillesferse der Metaphysik Leibniz’ – beziehen wir uns abschließend, das hinter uns Liegende, gedanklich erinnernd, noch einmal abschreitend, auf einen Punkt radikaler Verwundbarkeit des Systems Leibniz’, nämlich auf die Frage nach der Existenz Gottes. Sein gesamtes philosophisches Denkgebäude steht und fällt mit der Antwort, die man hierauf zu geben vermag. Doch abgesehen von Viktor Kraft, der dafür plädiert, diejenigen Entitäten als existierend anzuerkennen, die in einer konsistenten Theorie hypostasiert werden, findet sich bei Leibniz explizit ein Beweis für die notwendige Existenz Gottes. Der Vorwurf, sein gesamtes Machwerk beruhe auf einer Annahme, die im besten Fall unbewiesen, im schlechtesten Fall aber unhaltbar ist, scheint damit zumindest fürs erste zurückgewiesen zu sein.

1 Der Titel ›Monadologie‹ ist seit der deutschen Übersetzung von Köhler 1720 geläufig.

2 Poser, Hans: Leibniz‘ Philosophie, Meiner, Hamburg, 2016, S. 247.

2 Gottfried Wilhelm Leibniz – Philosoph, Mathematiker, Erfinder1

Gottfried Wilhelm Leibniz wird zwei Jahre vor dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, am 21. Juni 1646 in Leipzig geboren. Sein Vater ist Inhaber des Lehrstuhls für Moralphilosophie der Universität Leipzig und seine Mutter die Tochter eines angesehenen Leipziger Juristen. Leibniz’ Eltern gehören dementsprechend zum gelehrten Bürgertum Leipzigs, der zu diesem Zeitpunkt bedeutendsten sächsischen Universitäts- und Handelsstadt. Kaum sechsjährig verliert Leibniz 1652 seinen Vater. Seine Mutter, von der nur wenige Charakterzüge einer frommen, um das Wohlergehen ihrer Familie besorgten, Frau aus den Stereotypen der zeitgenössischen Leichenpredigten bekannt sind, stirbt 1664. Nachdem ihm achtjährig, auf Anraten eines Freundes der Familie, die äußerst umfangreiche väterliche Bibliothek geöffnet wird, weil er sich ohne fremde Hilfe des Lateinischen bemächtigt hatte, beschäftig sich Leibniz u. a. mit der Ideenlehre Platons, der Logik des Aristoteles und der Metaphysik der Scholastiker. Bereits als zwölfjähriger beginnt er im Zusammenhang mit den Problemen der Logik über eine Art Alphabet nachzudenken, das aus Grundbegriffen und Grundaussagen allen Denkens besteht, und das es erlaubt, allein durch die Verknüpfung der Buchstaben und die Analyse der Worte, sämtliche Wahrheiten abzuleiten. Was sich hier schon früh auszukristallisieren beginnt, ist der Gedanke eines umfassenden Zeichensystems, der ihn sein gesamtes philosophisches Leben hindurch begleiten wird – die Idee einer sogenannten Characteristica universalis. Leibniz glaubt nämlich, dass es auf der Grundlage einer solchen Universalsprache, allein durch logisches Schließen, möglich ist, nicht nur alle logischen Wahrheiten, sondern auch alle Tatsachenwahrheiten herzuleiten. Vieles deutet daraufhin, dass er von Beginn an eine rationalistische Grundhaltung einnimmt, der zufolge sich die Wirklichkeit, wegen ihrer begrifflichen Struktur, allein durch die Verstandestätigkeit erfassen lässt. Erst zwei Jahrhunderte später werden Russell und Gödel, in Form der Mengenantinomie und der Unvollständigkeitstheoreme, zeigen, dass Leibnizens Vorhaben prinzipiell undurchführbar ist, mithin eine ausschließlich rationalistische Deutung der Welt unmöglich. Dem jungen Leibniz, der sich in der Bibliothek seines Vaters mit der Lektüre der großen Philosophen beschäftigt, ist eine derartige Horizontenge naturgemäß noch fremd. Es ist auch kaum verwunderlich, dass ihn der Schulunterricht nur wenig zu begeistern vermag und ebenso wenig, dass er 1661, noch nicht fünfzehnjährig, mit den Grundlagen des Fachs bereits bestens vertraut, das Studium der Philosophie in Leipzig beginnt. Zwei Jahre später erwirbt er mit der Schrift ›De principio individui‹ das Baccalaureat. Das in dieser Abhandlung aufscheinende Problem, das Verhältnis von Sein, Individuum und Einheit, sollte zu einem Grundproblem seines Philosophierens werden, und auch die Grundlagen seiner Metaphysik klingen bereits an. Darüber hinaus kommt Leibniz erstmals mit den Schriften Bacons, Keplers, Galileis und Descartes’ in Berührung. Sein erwachendes Interesse für mathematische und physikalische Fragen lässt ihn für ein Semester nach Jena gehen, um den Mathematiker, Astronomen und Physiker Erhard Weigl zu hören. Weigl – ein Pythagoreer – macht ihn dort mit dem Gedanken einer umfassenden, durch Zahlen charakterisierbaren Harmonie der Welt bekannt. Nach seiner Rückkehr wendet er sich an der Universität Leipzig dem Studium der Rechtswissenschaften zu, doch weil sich ältere Bewerber übergangen fühlen, bleibt ihm die Promotion zum Doktor beider Rechte – dem weltlichen Recht und dem Kirchenrecht – verwehrt. Der nun zwanzigjährige Leibniz wechselt an die Universität Altdorf in Nürnberg und wird 1667 ebendort mit einer so hervorragenden Leistung promoviert, dass ihm die akademische Kurie unverzüglich eine Professur anbietet. Leibniz aber schlägt das Angebot aus. Einerseits glaubt er nicht, dass die Entfaltung seiner Fähigkeiten in den verkrusteten Strukturen einer Universität ungehindert vonstattengehen kann, andererseits will er unbedingt in den diplomatischen Dienst. Er verlässt Nürnberg mit dem Ziel Holland, besucht aber noch in Frankfurt seinen entfernten Verwandten Friedrich Sigismund Deurlein. Wie schon in Leipzig und Nürnberg stellt Leibniz auch bei Deuerlein in Frankfurt einen Schuldschein auf das ererbte Vermögen seiner Eltern aus – die zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich einzige Einnahmequelle des jungen Juristen.

Auf Empfehlung des einflussreichen Diplomaten und kurmainzischen Ministers Baron von Boineburg, den Leibniz in Frankfurt kennenlernt, widmet er seine kleine Schrift zur Reform des Rechtswesens, die er im Herbst 1667 verfasst, dem Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn. Schönborn nimmt ihn daraufhin in seine Dienste.

Schon in den ersten Monaten in Mainz wird ein Grundzug von Leibniz’ universalistisch ausgerichteter, damit oftmals aber auch sehr sprunghafter Arbeitsweise deutlich: an allen theologischen, wissenschaftlichen und politischen Fragen seiner Zeit Anteil nehmend, entwirft er Abhandlungen zu religiösen Streitfragen, philosophischen, politischen, philologischen, physikalischen, mathematischen und historischen Problemen, widmet sich [...] der Justizreform, ist für die Familie Boineburg als Anwalt unterwegs, macht Eingaben an den Kaiser, um ein Privileg für eine wissenschaftliche Zeitschrift zu erwerben, und knüpft ein weitverzweigtes Korrespondentennetz, das ihm am Ende seines Lebens mit mehr als 1100 Briefpartnern aus sechzehn Ländern in gedanklichen Austausch gebracht haben wird.2

Darüber hinaus entstehen erste Entwürfe zu einer deutschen Akademie der Wissenschaften, entsprechend dem französischen und englischen Vorbild.

Probleme der Wissenschaftsorganisation und der Wissenschaftssystematik beschäftigten Leibniz von da an bis zu den ausgereiften Plänen der Berliner Akademie auf der organisatorischen Seite und bis zu den Entwürfen einer Scientia generalis und Characteristica universalis als Universalwissenschaft bzw. universeller Logik und Zeichentheorie auf der systematischen Seite.3

Angesichts der französischen Besetzung Lothringens im September 1670, die Bedrohung Hollands vor Augen, reist Leibniz 1672 in geheimer Mission nach Paris, um den Sonnenkönig Ludwig den XIV zu einem Krieg gegen Ägypten zu bewegen. Mit seinem Ägyptischen Plan

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