Logo weiterlesen.de
Gottes kleiner Finger

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Eins – Der Sonnenturm
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  1. Zwei – Der Stein
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  19. 18
  20. 19
  21. 20
  1. Drei – Zerbrochenes Glas
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  19. 18
  20. 19
  1. Epilog
  2. Nachwort

Über den Autor

Risto Isomäki ist Schriftsteller, Wissenschaftsredakteur und Umweltaktivist. Er hat bereits an mehreren internationalen Umweltprojekten mitgearbeitet.

Durch seine Sachbücher und Romane hat er wichtige, aber vergessene Themen aufs Tapet gebracht. Sein Bestseller Die Schmelze (2005) warnte vor dem Schmelzen des Festlandeises und vor der Gefahr, die große Tsunamis für Kernkraftwerke darstellen. Ascheregen (2007) machte auf die mit Brutreaktoren verbundenen Risiken sowie auf die Schädlichkeit des in Tabakwaren enthaltenen radioaktiven Poloniums aufmerksam. GOTTES KLEINE FINGER ist sein dritter Thriller, der auf Deutsch erscheint.

MAADI, ÄGYPTEN

FEBRUAR 1915

An dem Tag, an dem die erste Revolution der Sonnenenergie starb, bevor sie überhaupt geboren wurde, glühte die Sonne so großartig und grausam wie immer am ägyptischen Himmel. Frank Shuman saß auf dem Erdboden und sah zu, wie seine Lebensarbeit zerstört wurde.

»Effendi, Sir, wir müssen gehen«, hörte er Omar al-Hadidi immer wieder sagen.

»Ich kann die Parabolrinnen nicht unbewacht zurücklassen«, klagte Shuman.

Er war von mittlerer Statur und trug trotz der Hitze einen korrekten grauen Anzug und eine Brille mit runden Gläsern. Die Maschinengewehrgarben der Türken knatterten jetzt schon viel näher. Unter den Lärm der leichten Waffen mischten sich inzwischen auch vereinzelte Kanonenschüsse.

Shuman sah dort, wo die Granaten explodierten, dunkle Wolken zum Himmel aufsteigen. Er hatte gehört, dass zwanzigtausend Türken an mehreren Stellen den Suezkanal überquert und Kairo und Alexandria angegriffen hatten.

Hinter ihnen gab es in einigen Kilometern Entfernung fünf lange, in Nordsüdrichtung angelegte und acht Meter voneinander entfernte Parabolrinnen mit spiegelblanker Oberfläche. Jede war etwa sechzig Meter lang und vier Meter breit. Die blanken, trogartigen Reflektoren warfen das gebündelte Sonnenlicht auf die im Brennpunkt der Rinnen angebrachten schwarzen Röhren. Shuman wusste, dass die Rinnen insgesamt eine Leistung von etwas mehr als fünfzig Pferdestärken würden produzieren können.

»Effendi«, sagte Omar noch nachdrücklicher.

Eine einsame Granate explodierte nur wenige Hundert Meter entfernt, und feiner Sand und Staub regnete auf sie herab, sodass sie eine Weile husten mussten und zu ersticken glaubten. Überall fielen kleine Steine herab. Etwas Scharfes streifte Shumans Nase und schnitt eine Wunde hinein, die sofort zu bluten begann.

»Wir waren so nahe dran«, seufzte Shuman.

»Ich weiß, Effendi. Aber hier sind wir nicht mehr sicher. Die Türken kommen!«

Shuman erinnerte sich an all ihre früheren demütigenden Misserfolge und die unzähligen Schwierigkeiten, die sich ihnen auf ihrem Weg entgegengestellt hatten. Wie er, ausgehend von der alten Idee des Schweden Ericsson, allmählich immer besser funktionierende Sonnenkraftwerke gebaut hatte, zunächst in Tacony in den Vereinigten Staaten und dann im ägyptischen Maadi. Er erinnerte sich nur zu gut an all die Male, wo seine Errungenschaften in den Zeitungen und bei verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen verspottet und verächtlich gemacht worden waren, mal sehr direkt, mal verklausuliert.

Erst in allerletzter Zeit, als jene fünf Reflektoren in Maadi ihre endgültige Form gefunden hatten, war der Spott überraschend verstummt. Die Deutschen hatten berechnet, dass Shumans Sonnenkraftwerk so viel Kohle einsparen würde, dass es sich in vier Jahren amortisiert haben und einen jährlichen Zins von fünfundachtzig Prozent auf die Investition erbringen würde. Der Deutsche Reichstag hatte deswegen eine Sondersitzung zur Sonnenenergie anberaumt und ihn, Frank Shuman, als Hauptredner eingeladen, eine Ehre, die der deutsche Staat noch niemals zuvor einem Erfinder hatte zuteilwerden lassen. Deutschland hatte bei ihm ein Sonnenkraftwerk für Südwestafrika bestellt, das viel größer sein sollte als das von Maadi. Auch Lord Kitchener wollte für den britischen Sudan einen großen Prototyp des Sonnenkraftwerks haben, um das Wasser für die Bewässerung seiner achttausend Hektar großen Baumwollplantagen heranpumpen zu können. Sogar die wissenschaftlichen Zeitschriften, die früher seinen Unternehmungen sehr skeptisch gegenübergestanden hatten, wie etwa sein alter Feind Scientific American, hatten plötzlich angefangen, dieses Sonnenkraftwerk zu rühmen. Was natürlich auch kein Wunder war, denn mithilfe seiner Kraftwerke würden nur einige zehntausend Quadratkilometer Sahara bald den Energiebedarf der gesamten Menschheit decken können.

Alles wäre so gut gewesen. Wenn nur …

Plötzlich mischte sich ferner, dröhnender Donner unter den Gefechtslärm – dann ein schwereres, langsameres Heulen –, und die Landschaft vor ihm zersprang zu einem Hexenkessel hoher schwarzer Explosionswolken. Das Krachen der Explosionen stürzte über sie herein wie eine Wand.

Shuman begriff, dass die bei Alexandria vor Anker liegenden zwölf englischen Kriegsschiffe das Feuer eröffnet hatten, um die britischen Landstreitkräfte bei der Abwehr des Angriffs zu unterstützen.

»Effendi, wir müssen gehen«, sagte Omar wieder. »Wir können später zurückkommen. Der Angriff wird abgewehrt, da bin ich ganz sicher. Die Engländer sind stark in der Übermacht!«

Ja, vielleicht, dachte Shuman. Was aber, wenn das Kraftwerk bei dem Beschuss vernichtet wird, bevor die Türken sich zurückziehen?

Widerstrebend ließ Shuman sich von Omar zu dem Automobil führen, das jenseits des Hügels wartete. Omar sah, dass Shuman die Tränen aus den Augen rannen.

Omar hatte recht, der Angriff der Ottomanen blieb stecken. Noch während desselben fatalen Februars würden die Türken achtzigtausend Mann in der großen, entscheidenden Schlacht von Sarıkamıs¸ gegen die Russen verlieren. Die Briten würden gegen die Türken dreihunderttausend Mann in Ägypten und eine Million Mann in Mesopotamien und zusammen mit den Franzosen eine halbe Million Mann auf dem Balkan konzentrieren, und das ganze, früher so mächtige ottomanische Reich, das von allen Seiten heftig bedrängt wurde, würde bald in seinen Fugen krachen.

Aber die britischen Ingenieure von Shumans Sonnenkraftwerksprojekt wurden zum Wehrdienst einberufen, der eine hierhin, der andere dorthin. Seine Gruppe zerfiel, und von ihren Mitgliedern waren nach dem Krieg nicht mehr viele am Leben. Wenig später hörte auch Deutsch-Südwestafrika auf zu existieren, sodass auch die deutschen Sonnenkraftwerksbestellungen hinfällig geworden waren. Nach Kriegsende hatten die Briten die arabische Halbinsel, die zum ottomanischen Reich gehört hatte, besetzt und plötzlich bemerkt, dass sie auf unermesslichen Ölvorkommen saßen. Und für jemanden, der viel, viel mehr Öl hatte als irgendjemand sonst, lohnte es sich nicht, eine Energiequelle zu erschließen, die ohne Mühe für alle zugänglich war.

Frank Shuman kehrte als gebrochener Mann in die Vereinigten Staaten zurück und starb, noch bevor der große Krieg zu Ende war.

Die verbogenen Parabolrinnen des in den Kämpfen teilweise zerstörten Sonnenkraftwerks blieben verlassen in Maadi zurück. Der Wind häufte eine immer dickere Schicht Wüstensand über ihnen auf. Schließlich machte sich niemand mehr die Mühe, sie zu bewachen. Die Metallplatten der Reflektoren und die Eisenstangen, die sie an ihrem Platz gehalten hatten, verschwanden allmählich und wurden von den Menschen genutzt, die dafür Verwendung hatten. Nach einiger Zeit waren von Shumans Kraftwerk nur noch einige Gebäude aus Lehm übrig, deren Strohdächer verbrannt waren und die in der gnadenlosen Sonnenhitze allmählich zerbröckelten. Dann waren auch sie dahin, und nichts erinnerte mehr an den Ort, an dem beinahe eine die Geschicke der ganzen Welt beeinflussende Revolution stattgefunden hätte.

Viel später besuchte ein kleines, vielleicht sieben oder acht Jahre altes Mädchen mit seiner Mutter diesen Ort. Das Mädchen untersuchte eifrig die Steinfundamente der alten Gebäude, die aus dem vom Wind aufgehäuften Sand herausragten. Sie grub mit dem Fuß im Sand herum und war enttäuscht, als darunter kein blank schimmerndes Metall zum Vorschein kam. Nur feiner, heller Staub stieg in die Luft, der ein Weilchen wie weißer Rauch herumwirbelte, bis ein Windhauch ihn mit sich fortführte.

»Was machst du da, Razia?«, jammerte ihre Mutter.

Das Mädchen sah seine Mutter an, und seine Augen glänzten vor Eifer.

»Großmutter hat gesagt, dass es hier einmal so eine Fabrik gab, die Strom produzierte – nur aus Sonnenlicht. Da waren große Metallspiegel, die das Sonnenlicht reflektierten und es in Strom verwandelten.«

Die Mutter seufzte schwer und nahm ihre Tochter entschieden bei der Hand.

»Du darfst nicht alles glauben, was deine Oma sagt. Sie ist schon alt und weiß nicht mehr alles so ganz richtig.«

»Aber, Mutter …«

»Razia, alle wissen, dass es weder hier noch sonst irgendwo jemals so etwas gegeben hat.«

Aber Mutter, es hat sie wirklich gegeben, Großmutter hat mir Fotos davon gezeigt, dachte Razia al-Qasreen, als ihre Mutter sie entschlossen von dem Ort fortzog, an dem Frank Shumans Traum einst im Sand zerronnen war.

Eins

DER SONNENTURM

1

Ein schwarzer Mercedes raste in einer dunklen Nacht die linke Spur einer bayerischen Autobahn entlang. Das Auto wurde von einem vielleicht dreißig Jahre alten jungen Mann gelenkt. Die drei anderen Fahrstreifen waren voller schwerer Lkws. Ihre Rücklichter leuchteten im Dunkeln, als wäre eine knallrote Schlange unterwegs, die sich zum Schwanz hin verjüngte. Sonst gab es nur wenig Verkehr.

Der Mercedes fraß die Kilometer und überholte einen Lkw nach dem anderen, sie blieben gleichsam stehen, nachdem die Limousine an ihnen vorbeigerauscht war.

Auf der Rückbank des Wagens saßen zwei Personen, ein Mann und eine Frau. Die Frau musste sich schon dem Rentenalter nähern, aber sie war offenbar noch in guter physischer Verfassung. Sie hatte weißes, sprödes Haar und ein sonnengebräuntes Gesicht. Der Mann neben ihr hatte den über dem Gürtel gewölbten Bauch eines Menschen von mittlerem Alter und ein leicht beschädigtes Lid, das halb über das linke Auge herabhing.

»Ulrich, fährst du jetzt nicht ein wenig zu schnell?«, fragte die Frau auf Deutsch.

Der Mann am Lenkrad lachte, und die Nadel des mattgrün schimmernden Tachos ging von hundertsechzig auf hundertfünfzig herunter, und dann noch weiter auf hundertdreißig.

»So ist es viel besser«, sagte die weißhaarige Frau billigend.

»In unserem Land wäre das immer noch eine sehr beachtliche Geschwindigkeit«, sagte der neben ihr sitzende Mann.

Er sprach Deutsch mit starkem Akzent.

»Dein Landsmann, wie hieß er doch gleich, du meinst, er wäre bereit, mich zu empfangen?«, fragte die Frau.

Ihr Begleiter nickte.

»Bestimmt. Ich glaube, es ist das Beste, ihn einfach aufzusuchen. Nina hat den Flug schon gebucht, für Dienstag. Frag sie nach den Einzelheiten.«

»Gut. Hast du direkt mit ihm gesprochen?«

Der beleibte Mann schüttelte den Kopf.

»Nein. Er ist schwer erreichbar. Aber bist du sicher, dass wir ihm vertrauen können?«

Die Frau zuckte die Achseln.

»Woher soll ich das wissen? Aber beide, Fizzpatrick und Bicheno, haben ihn empfohlen. Und zwar wärmstens.«

»Warum sollte er auf unser Angebot eingehen?«

Ein müdes Lächeln erhellte für einen Augenblick das Gesicht der Frau.

»Bicheno sagt, dass er der Versuchung wahrscheinlich nicht widerstehen kann. Bicheno vermutet, dass er, wenn wir ihm damit gewissermaßen die Möglichkeit bieten zu zeigen, wie man zum Beispiel in Afghanistan und im Irak hätte vorgehen müssen, den Köder schlucken wird.«

»Wenn deine Freunde, die Senatoren, so gut Bescheid wissen, dann wird es bestimmt funktionieren«, bemerkte der Mann trocken. »Wir werden sehen.«

»Die Arbeiten sind wieder fast zum Erliegen gekommen, schon seit bald zwei Wochen«, sagte die Frau müde.

»Ich weiß.«

»Die Löhne werden die ganze Zeit gezahlt, obwohl nichts geschieht. Wenn das so weitergeht, dann trocknet das Projekt alle meine anderen Unternehmungen aus, ich bekomme allmählich an allen Ecken und Enden ernsthafte Cashflow-Probleme. Entweder wir unternehmen etwas dagegen, oder ich muss das Handtuch werfen.«

Lange Zeit sagte der Mann nichts, er schaute nur nach den Lichtern der entgegenkommenden Personen- und Lastkraftwagen, nach den hoch oben auf dem Berg in der Dunkelheit leuchtenden Straßenlaternen und den erleuchteten Fenstern der Häuser.

»Ist es schon so schlimm?«, fragte er schließlich.

»Mittlerweile ja. Wenn es so weitergeht, wird Gottes Kleiner Finger niemals fertig.«

»Dann hoffe ich inständig, dass Fizzpatrick und Bicheno wissen, wovon sie reden.«

2

Wieder begann es zu regnen, und die Frau öffnete ihren großen gelben Regenschirm. Geräuschvoll prasselten die schweren Tropfen darauf nieder. Der Schirm schützte den Oberkörper, aber auf dem Asphalt explodierten die Regentropfen wie winzige Bomben zu feinen Partikeln, und ihre Hosenbeine wurden sofort nass. Ihre Mokassins waren schon völlig durchweicht, denn die Straße war überflutet, die Straßengräben rauschten wie kleine Stromschnellen, und die Gullys konnten das vom Himmel herabstürzende Wasser nicht fassen.

Wie weit ist er gegangen?, dachte die Frau nervös, während sie sich immer weiter in die dunkle Gasse hineinbegab. Hinter ihr waren die flackernden Lichter der Wolkenkratzer von Manhattan zu sehen, und das vertraute Brausen der Stadt dröhnte ihr in den Ohren. Der Mann, den sie suchte, hatte nach Aussagen von Augenzeugen das Restaurant erst vor zehn Minuten verlassen und war in dieselbe Richtung gegangen.

Anscheinend nahm der Regen noch zu. Himmel, das ist ja fast schon tropisch, dachte die Frau, als ein heftiger Windstoß ihr beinahe den Regenschirm aus der Hand riss. Das Wasser kam ihr fast waagerecht entgegen, sodass sie jetzt schon bis zur Taille nass geworden war.

Wo bist du?, dachte sie, während sie durch die von einem verstopften Gully verursachte Überschwemmung watete. Am Rand der dunklen Gasse lag eine Menge Unrat. Müllsäcke aus Plastik, Zigarettenschachteln, Limonadeflaschen und Einwegverpackungen aus Schaumstoff. Igitt, was für ein Dreckhaufen, dachte sie angewidert. Ich sollte hier wegziehen, irgendwohin, wo es nicht so eng und schmutzig ist. Zum Beispiel zurück nach Phoenix. Oder ganz woanders hin.

Sie blieb stehen und horchte. Irgendwo in der Ferne hörte sie das Brausen und Hupen des Verkehrs. Der Wind heulte im Cañon zwischen den hohen Gebäuden. Die Regentropfen trommelten auf den Regenschirm. Das in den Fallrohren herabstürzende Wasser erzeugte einen metallischen Klang.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterzugehen, obwohl die Suche ihr allmählich hoffnungslos erschien. Außerdem wusste sie, dass diese Gegend nicht zu den sichersten von New York gehörte. Andererseits würde sich wohl niemand die Mühe machen, sie bei einem solchen Hundewetter auszurauben oder zu misshandeln.

Da sah sie, was sie gesucht hatte.

Ein einsamer Mann hockte an der Wand. Die Frau erkannte ihn sofort. Die kleine freudige Erregung, die sie dabei spürte, überraschte sie ein wenig. In dieses Gefühl mischte sich eine Prise Gereiztheit, Mitleid und vielleicht auch etwas … Sie wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Das hätte die Lage erheblich komplizierter und schwieriger gemacht, als ihr im Augenblick lieb war.

Der Mann war völlig durchnässt. Er lehnte den Kopf gegen ein verstopftes Fallrohr, und von irgendwo ganz oben ergoss sich das Wasser direkt auf ihn. Er ließ es sich über das Gesicht laufen, als hoffte er, es möge etwas von ihm abwaschen, das er unbedingt loswerden wollte.

Wieder regte sich Mitgefühl in ihr.

»Hallo«, sagte sie schlicht.

Der Mann drehte sich um. Das Wasser pladderte ihm auf die Schädeldecke und rann ihm durch die Haare in den Nacken und auf die Brust. Der Mann erkannte die Frau sofort.

»Grüß dich«, sagte er.

Er wirkte müde und traurig.

»Ich weiß nicht, warum ich gerade dich angerufen habe«, fuhr er fort.

Vielleicht hattest du einfach niemand anders, den du hättest anrufen können, dachte die Frau.

»Ärgert es dich, dass ich …«

Die Frau schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Nein, es ärgert mich nicht. Aber hat es einen Sinn, dass du dort auf der Erde sitzt? Findest du das gut?«

Der Mann überlegte einen Augenblick. Das Wasser lief immer noch aus der Dachrinne direkt auf ihn herab.

»Ich bin wohl ziemlich betrunken«, sagte er schließlich. »Vielleicht habe ich ein oder zwei Gläser zu viel getrunken. Vielleicht waren es sogar mehr als zwei.«

Die Frau seufzte entnervt.

»Du kriegst eine Lungenentzündung, wenn du noch länger da sitzen bleibst. Es ist nicht besonders warm.«

»Ich weiß nicht. Ich hab es hier doch ganz gemütlich. Das Wasser … tut gut. Vielleicht spült es alles fort. Wenn ich nur Geduld habe …«

»Du kannst für die Nacht zu mir kommen, wenn du willst.«

»Ich möchte dir nicht zur Last fallen«, sagte er zögernd.

Die Frau lächelte.

»Du hast mir doch praktisch zu dieser Wohnung verholfen.«

Lange Zeit sagte der Mann nichts, sondern ließ weiter das Wasser über sich laufen.

»Vielleicht solltest du einfach gehen und mich hier sitzen lassen.«

»Ach, nun komm schon«, sagte die Frau. »Gehen wir, ich werde langsam nass.«

Sie klappte den Regenschirm zusammen, und im Nu waren ihre Haare und Schultern nass vom Regen. Sie verstand, dass es nur einige Minuten brauchte, bis sie selbst völlig durchnässt sein würde. Wirklich toll, dachte sie. Sie reichte dem Mann die Hand. Der zögerte einen Moment, ergriff sie dann aber doch.

Beinahe wäre er gestolpert, und die Frau musste ihn einen Augenblick lang stützen, bevor er das Gleichgewicht wiedererlangt hatte.

»Du musst ja so einiges intus haben«, bemerkte sie. »Ich wette, dass es eher zwölf als zwei Gläser waren.«

»Kann … sein«, bekannte er. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr.«

»Kannst du dich auf den Beinen halten?«

»Aber immer. Hör mal, es tut mir wirklich leid, dass ich dich bemüht habe. So hab ich nicht mehr getrunken, nachdem ich …«

Die Frau löste ihren Griff, und sie gingen auf die Einmündung der Gasse zu, sie voran und er ein paar Meter hinter ihr her. Der Wind blies jetzt direkt von vorn und schleuderte ihnen den Regen ins Gesicht.

»Sieh mal, sie waren doch alle … unschuldig. Keiner von ihnen hatte mit der Sache etwas zu tun … Aber woher hätte ich das wissen sollen?«

Die Frau hatte schon früher Bruchstücke dieser Geschichte gehört, aber sie verstand immer noch nicht recht, was geschehen war.

»Alice hatte zu keinem Zeitpunkt irgendeine Chance.«

Aha, dachte die Frau, jetzt geht das wieder los.

»Sie hätte es gar nicht erst versuchen sollen. Ein kleiner Fehler, eine Sekunde, und du kannst nichts mehr tun. Niemals wieder.«

Das verstehe ich sehr gut, dachte die Frau. Nur allzu gut.

Als sie sich dem Ende der Gasse näherten, glitt aus dem Schatten eine Reihe dunkler Gestalten hervor, die ihnen den Weg versperrten. Vier, fünf. Die Frau spürte leichten Ärger in sich aufsteigen. Das hatte gerade noch gefehlt.

»Ihr befindet euch auf Privatgelände«, sagte die erste Gestalt drohend, offenkundig der Anführer der Truppe.

Er war jung, kaum zwanzig Jahre alt. Er sprach absichtlich langsam und nachlässig und bemühte sich sehr, gefährlich zu wirken und älter, als er war. Rasch warf die Frau ihrem Begleiter einen Blick zu: Noch hingen seine Hände normal zu beiden Seiten herab. Die Frau wandte sich an den Anführer der Bande.

»Ich hab nur fünfzig Dollar bei mir«, sagte sie seltsam gleichgültig. »Und die brauche ich für das Taxi. Sorry.«

»Vielleicht hast du etwas anderes, das uns interessieren könnte«, sagte der junge Mann.

Die Reaktion der Frau überraschte ihn. Die Frau lachte, aufrichtig amüsiert.

»Also, jetzt ist aber gut. Ihr wollt mich doch nicht vergewaltigen. Bei diesem Wetter! Nun verzieht euch mal, bevor etwas Unangenehmes passiert.«

Der Bandenführer zuckte zusammen. Wieso hatte die Frau keine Angst? Er zeigte auf den Mann, der hinter der Frau stand.

»Vielleicht hat dein Freund ja mehr Geld.«

Der Mann verstand, dass sie über ihn sprachen. Er klopfte seine Taschen ab, fand seine Brieftasche und öffnete den Reißverschluss eines kleinen Extrafachs. Er zog eine Kreditkarte heraus und näherte sich mit der Karte in der Hand dem Anführer der Bande.

»Nehmt doch die hier, sozusagen als Vorspeise«, lispelte er. »Ich sag euch den PIN-Code, sobald er mir einfällt. Damit kriegt ihr schon was. Wenn ihr nur … wenn ihr uns nur in Ruhe lasst und wir gehen dürfen. Seid so lieb. Please.«

Der Mann schwankte heftig, so als fiele es ihm schwer, sich aufrecht zu halten. Es war, als hätte sich seine Trunkenheit plötzlich um ein oder zwei Promille verstärkt. Der Anführer wirkte erleichtert.

Die Frau sah ihren Begleiter, die ausgestreckte Hand und die Kreditkarte an. Plötzlich wirkte sie sehr misstrauisch, und ihre Stirn legte sich in Falten.

»Lauri«, sagte sie. »Nein! Auf keinen Fall. NEIN!«

Die Frau bedeutete dem Bandenführer, er solle stehen bleiben. Die Geste war so eindrucksvoll, dass er wie angewurzelt stehen blieb und selbst davon überrascht schien, dass er gehorcht hatte.

»Wäre das nicht … das Vernünftigste?«, versuchte es der Betrunkene. »Das ist nur Geld, davon kann man mehr aus der Wand ziehen. So viel, wie in der Bank vorhanden ist.«

Die Frau schüttelte den Kopf, und Ärger flammte in ihren Augen auf.

»Mach keinen Quatsch, du weißt sehr wohl, was ich meine. Du hast gesagt, nie wieder. Nie wieder durch deine Hand. Weißt du noch? Weißt du noch? Oder verstehst du etwa nicht, wovon ich rede?«

Die Frau machte eine kaum wahrnehmbare Bewegung mit dem Kopf nur ein paar Zentimeter in die Richtung der Hand des Mannes. Der Mann hielt die Kreditkarte zwischen drei Fingern, so als wäre sie das Skalpell eines Chirurgen. Der Blick der Frau war scharf und unnachgiebig. Die Miene des Mannes veränderte sich.

»Du hast es versprochen!«, schnauzte die Frau.

»Das ist, genau genommen, wahrscheinlich wahr«, gab der Mann zu.

Plötzlich klang er gar nicht mehr so betrunken.

»Warte wenigstens, bis ich von hier weg bin«, fuhr sie ihn an. »Ich möchte nicht sehen, was als Nächstes passiert!«

»Nein, das brauchst du nicht«, sagte der Mann langsam. »Du hast bestimmt ganz recht.«

Der Mann schob die Kreditkarte zurück in seine Brieftasche, die er einsteckte. Der Bandenführer wurde ärgerlich.

»Ey, was bildest du dir eigentlich ein?«

Er preschte vor, um sich die Brieftasche zu schnappen.

»Pass auf!«, schrie die Frau.

Der Bandenführer kam nicht dazu zu begreifen, was geschah. Der Arm des halb bewusstlos wirkenden Mannes erwachte plötzlich zu eigenem Leben, ohne dass er auch nur den Blick hob. Unfassbar schnell sprang er vor – niemand konnte sich so bewegen, schon gar nicht ein stark betrunkener Mann. Dann hielt seine Hand auch schon die des Bandenführers umklammert. Man hörte ein Krachen, als etwas nachgab. Der Bursche schrie vor Schmerz, als seine Handknochen brachen und die Knochenkanten sich in die Nerven und Muskeln bohrten. Dann wurde er an dem gebrochenen Handgelenk vorwärtsgezogen. Der Schmerz war unbeschreiblich, und plötzlich spürte der junge Mann einen Schmerz auch im Knie. Er hörte, dass von irgendwo weiter hinten etwas scharf durch die Luft sauste. Glas zerklirrte gegen jemandes Gesichtsknochen, und ein scharfer Schrei durchschnitt die Luft. Dann fiel er selbst mit dem Gesicht voran zu Boden. Er spürte, wie ihm mehrere Zähne ausbrachen, wie seine Lippen gequetscht wurden und wie sein Gesicht über den Asphalt schrammte. Ein schwerer Fuß stellte sich ihm auf den Nacken, während sein Arm mit fürchterlicher Kraft nach hinten gedreht wurde. Erschüttert ahnte er, dass sein Genick brechen und er gleich sterben würde.

»Nein, Lauri, tu das nicht!«, schrie die Frau so laut, wie sie nur konnte.

Aus dem Augenwinkel sah der Bursche, dass die Frau mit aller Kraft, mit der ganzen Kraft ihres Körpers und ihrer Schenkel und ihrem ganzen Gewicht den Mann in eine andere Richtung drehte, sodass er ihm das Genick nicht würde brechen können. In einiger Entfernung kauerte einer seiner Kameraden am Boden, das Gesicht zerfetzt und blutig. Die drei anderen standen vor Schreck wie erstarrt. Er konnte immer noch nicht glauben, dass das alles tatsächlich geschah.

»Lauri, ich bin nicht in Gefahr«, erklärte die Frau eilig, halb schreiend. »Alles ist gut, und sie tun mir nichts Böses sie tun mir nichts Böses SIE TUN MIR NICHTS BÖSES, du brauchst mich nicht zu verteidigen!«

Ja, ich meinerseits … bin völlig bereit … euch in Ruhe zu lassen, dachte der Bursche und schnappte nach Luft. Er spürte, wie das Gewicht in seinem Nacken zunahm. Jetzt sterbe ich, dachte er. Dann ließ der Druck plötzlich nach.

Katharine Henshaw sah durch den von den Regentropfen gewebten Schleier hindurch, wie in den Händen der drei immer noch dastehenden Bandenmitglieder etwas aufblitzte. Messer? Der Bursche, den Lauri mit einer Flasche beworfen hatte, jammerte schwach.

»Nun hört aber mal auf«, sagte Katharine müde. »Ihr solltet jetzt wirklich keine Dummheiten machen.«

Die jungen Leute sahen sie unsicher an, plötzlich ganz hilflos.

»Messer helfen hier gar nichts«, erklärte Katharine. »Er würde sie nur euch selbst in den Leib rammen. Das könnt ihr mir glauben. Ihr seid in einer Minute tot, wenn ihr jetzt nicht beiseitegeht.«

Keine Reaktion. Der am Boden liegende Bursche wirkte leblos.

»Wollt ihr denn sterben?«, schrie Katharine. »Warum? Weshalb? Warum bloß? Habt ihr niemanden, für den ihr leben wollt? Keine Freundin? Kinder? Keine Mutter? Geht nach Hause!«

Die Bandenmitglieder starrten Katharine und Lauri an und konnten sich nicht entscheiden, was sie tun sollten. Aber sie gaben den Weg nicht frei.

»Na, wie ihr wollt«, seufzte Katharine. »Wir gehen jetzt. Ihr müsst euch entscheiden. Ob ihr sterben wollt oder leben. To be honest, I couldn’t really care less.«

Die Bandenmitglieder traten ohne ein Wort zur Seite. Katharine Henshaw fasste Lauri Nurmi bei der Hand und zog ihn halb mit Gewalt durch die Gruppe hindurch, ohne noch zur Seite oder hinter sich zu blicken.

3

Als Lauri Nurmi erwachte, wusste er nicht, wo er sich befand. Die Luft war wärmer, als er es in Erinnerung hatte, sie streichelte sein Gesicht wie Seide. Der Regen hatte aufgehört. Gut. Der New Yorker Winter war manchmal allzu grau und rau.

Um ihn herum standen stachelige Bäume mit kleinen Blättern und leuchtend gelber Rinde. Ihre Wipfel waren weit ausladend, als wollten sie all diejenigen schützen, die vor der Sonne oder dem Regen unter ihnen Zuflucht suchten. Regenschirmakazien, dachte er verblüfft.

Vor ihm lag ein See, und in etwa zehn oder fünfzehn Kilometern Entfernung schimmerte blau das gegenüberliegende Ufer. Der See war von schwarzem Schlamm umgeben, und in der Nähe der Wassergrenze gab es einen hellgrauen, stellenweise ganz weißen Streifen. Salz und Schlamm. Vielleicht war er gar nicht mehr in New York.

Im flachen Uferwasser standen mindestens eine halbe Million Flamingos wie ein unermesslicher rosa Wald. Ihre aus dem Wasser aufragenden dünnen Beine waren wie lichtes rosa Schilf. Um die Flamingos herum schwammen Tausende und Abertausende von Wildenten und Gänsen wie flache, dichte schwarze Flöße auf dem Wasser. Dazwischen fielen ihm große Pelikane sowie schwarz-weiße Kormorane auf. Die Kormorane sahen aus, als stammten sie aus einer viel älteren Zeit. Sie waren wie altertümliche Vögel, die man sich gut in der Gesellschaft von Dinosauriern vorstellen konnte. Auf dem Schlammfeld tummelten sich mit flinken Bewegungen Watvögel, die in kugelförmigen Schwärmen das Ufer entlangflogen. Die Bäume an der Wassergrenze waren voller zierlicher weißer Kuhreiher, viele Hunderte in jedem Baum. Im Uferwasser staksten auch Graureiher, schwarz-weiße Störche und zahlreiche der wesentlich größeren Goliathreiher.

Weiter entfernt ragten aus dem See hohe, grau-verdorrte Bäume heraus, in deren Ästen Kormorannester hingen wie seltsame Früchte. Lauri sah, dass es in dem See noch mindestens drei weitere riesige Ansammlungen von Flamingos gab. Aus der nächstgelegenen erhoben sich plötzlich fünfzehn- bis zwanzigtausend Vögel in die Luft. Sie klöppelten für einen Augenblick den Himmel voll mit rosa Spitzen.

Am Ufer tummelten sich zwei Dutzend graubrauner, struppiger Wasserantilopen. Lauris Miene wurde ganz weich, er hatte die freundlichen und sympathischen Wasserantilopen immer gern gehabt. Auch im Dunkeln erkannte er klar die Hinterteile der von ihm abgewandten Tiere und deren typisches, V-förmiges Gehörn.

Von einem Akazienwald her kam eine hundertköpfige Pavianhorde auf ihn zu. Die Weibchen trugen ihre Jungen auf dem Rücken oder am Bauch, die größten Männchen entblößten das Gebiss und zeigten ihm ihre Eckzähne. Unter den Köteln, die die Wasserantilopen am Ufer hatten fallen lassen, bemerkte Lauri auch einen größeren und drohenderen, noch dampfenden Dunghaufen. Er verriet, dass dort noch einen Augenblick zuvor mindestens ein Büffel gewesen war. Lauri schaute zu den Seiten und hinter sich, konnte das Tier aber nirgends entdecken. Trotzdem wagte er nicht, sich zu entspannen, denn der afrikanische Büffel verstand sich darauf, sich in der Landschaft zu tarnen. Er war von heftigem, unberechenbarem Wesen und sehr gefährlich. Die Afrikaner fürchteten den Büffel mehr als jedes andere wilde Tier. Mehr als das Nilpferd und den Elefanten, ganz zu schweigen von den Löwen.

Lauri richtete den Blick wieder auf die nahe Ansammlung von Flamingos. Die Landschaft war ihm vertraut. Er war hier schon oft gewesen. Links erkannte er in der Ferne die grau-, rot- und weißbunten Häuserreihen der Stadt. Dort schimmerten die Museumsgebäude von Hyrax Hill, und unmittelbar dahinter erhoben sich die sanft ansteigenden, mit Pyrethrum-Pflanzungen bedeckten Hänge einer großen Caldera.

Bin ich wirklich am Nakuru-See?, fragte Lauri sich im Stillen. In Kenia? Dies muss der Nakuru sein, denn dort unten am See befinden sich bestimmt mehr als zwei Millionen Flamingos, und dies hier ist weder der Bogoria- noch der Natronsee.

»Aber was mache ich hier?«, fragte er laut. »Eigentlich bin ich doch in New York?«

Dies muss ein Traum sein, schloss er.

Dann fiel sein Blick auf einen großen Findling. Er hatte das Gefühl, dass er den Stein nicht gesehen hatte, als er das letzte Mal in dieselbe Richtung geschaut hatte. Auf dem Stein saß eine einsame menschliche Gestalt.

Lange, dunkle Haare, die sich in dem sanften Windhauch leise bewegten. Eine ungezügelte Locke fiel ihr ins Gesicht. Mokassins. Ein ärmelloses schwarzes T-Shirt. Abgewetzte Jeans mit ausgefransten Hosenbeinen und einem durchgescheuerten Knie.

Lauris Herz schlug schneller. Er erkannte, wer dort auf dem Stein saß, obwohl das natürlich nicht sein konnte. Er hatte sich geirrt, es falsch gesehen.

Lauri erhob sich und ging näher heran. Die Frau wandte den Kopf und sah ihn direkt an.

Es schnürte Lauri die Kehle zu, und er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen traten, denn es konnte kein Irrtum sein. Auf dem großen Stein vor ihm saß Alice Kleiner Falke Donovan. Seine vor zwei Jahren verstorbene Frau.

»Hallo, kleine Rothaut«, sagte Lauri.

Alice antwortete nicht.

»Schön, dich wiederzusehen«, sagte Lauri. »Mit dir zu sprechen. Ich hab dich so vermisst. Natürlich weiß ich, dass dies nur ein Traum ist, aber es ist trotzdem schön, dich zu sehen.«

»Wie kannst du so sicher sein, dass es nur ein Traum ist?«, fragte Alice leise.

Was könnte es sonst sein?, dachte Lauri. Alice deutete auf den See.

»Du erinnerst dich doch? Wir sind hier schon einmal gewesen.«

Alice sprang vom Stein herab und ging auf den lichten Akazienwald zu. Lauri folgte ihr.

»Dieser Ort ist wichtig«, sagte Alice. »Das, was er uns lehren kann, ist wichtig.«

»Was meinst du?«

»Du musst ihnen helfen«, sagte Alice. »Sonst können sie alle sterben. Jeder Einzelne.«

»Jetzt verstehe ich nicht recht«, fragte Lauri verwundert.

»Es ist wichtig, dass du ihnen hilfst«, erklärte Alice. »Obwohl nichts genau so ist, wie es aussieht.«

Alice ging tiefer in den Akazienwald hinein. Die Wasserantilopen flohen vor ihnen in alle Richtungen.

»Wohin gehen wir?«

»Das wirst du gleich sehen.«

»Hier irgendwo ist jedenfalls ein Büffel.«

»Kümmere dich nicht darum. Er tut uns nichts.«

»Wie kannst du das wissen?«

»Vertrau mir.«

Sie stiegen den Hang hinauf. Alles erschien Lauri immer unwirklicher. Er wusste, dass er träumte, zugleich aber wuchs in ihm das unangenehme Gefühl, dass es sich um etwas anderes handelte. Etwas ganz anderes als einen gewöhnlichen Traum.

Als sie den Kamm erreichten, erstarrte Lauri verblüfft. Die ganze Landschaft hatte sich plötzlich verändert. Sie befanden sich nicht mehr in dem lichten Akazienwald, sondern vor ihnen erstreckte sich ein Meer von hohen gelblichen Sanddünen. Die Sonne stand plötzlich viel tiefer, sie war jetzt fast hinter dem rot lodernden Horizont verschwunden. Na, das erklärt alles, dachte Lauri erleichtert.

Alice zog sich die Mokassins aus und trat barfuß auf den Sand. Typisch Alice, dachte Lauri. Im Sand zeichnete sich etwas Rundes ab. Als sie näher kamen, sah Lauri, dass es eine aus glatten Steinen sorgfältig wie ein Mosaik zusammengesetzte runde Fläche war. Sie war offenbar künstlich angelegt worden und wirkte sehr alt.

Was ist das? Wer hat das gebaut?

Das ist ja ein seltsamer Traum, dachte Lauri verschwommen.

Etwas weiter entfernt waren im Sand zwei Reihen von Spuren zu sehen, breite, aber flache Eindrücke.

»Die Spuren von zwei Kamelen?«, vermutete er.

Alice nickte.

»Richtig. Die eine ist von deinem Kamel.«

»Moment mal. Dieser Traum wird allmählich ganz komisch. Wieso mein Kamel? Ich hab doch nur Pferde!«

»Du glaubst also immer noch, dass dies nur ein Traum ist?«

Es schauderte Lauri. Was meinte Alice denn nur? Sie zeigte nach Nordosten, auf eine hohe Sanddüne, die einen Kilometer entfernt aufragte.

»Er ist ungefähr in der Richtung dort«, sagte Alice. »Er ist von der nächsten Düne aus zu sehen.«

»Was ist dort?«

»Merk dir, was ich gesagt habe. Merk dir Nakuru.«

Alice bückte sich und zog ihre Mokassins an.

»Flieh in die Wüste, dann kannst du überleben«, sagte sie.

»Warum soll ich in die Wüste fliehen?«

Alice ließ seine Frage unbeantwortet.

»Denk an die Sprinkleranlagen als Waffe«, sagte sie stattdessen.

Noch mehr nützliche Hinweise, dachte Lauri. Als müsste ich wissen, worum es geht. Alice sah seine Verwirrung und deutete wieder über die Dünen hinweg in die Ferne. Als Lauri die Augen zusammenkniff, sah er im Dunkeln etwas, oder bildete sich zumindest ein, etwas zu sehen. Als ragten hinter den Dünen riesige Ochsenhörner auf.

»Ich bin doch gar nicht hier«, bemerkte Lauri. »In Wirklichkeit bin ich doch in New York.«

Sein Widerspruch beeindruckte Alice nicht.

»Wie du meinst«, sagte Alice. »Ich bin aber nur gekommen, um dir das zu sagen. Und dass du mich loslassen musst. Du musst verstehen, was ich jetzt bin. Dass ich nicht mehr das bin, was ich einmal war. Aber grüß Ayenwatha und Orinoco von mir.«

Lauri betrachtete die beiden Kamelfährten, die hinter der hohen Sanddüne verschwanden. Er sah nicht mehr die hinter den Dünen aufragenden Ochsenhörner, oder was auch immer es gewesen sein mochte.

»Könntest du bitte etwas weniger kryptisch sein«, bat Lauri. »Einfach mir zuliebe.«

»Na gut«, sagte Alice. »Leb wohl, mein Liebster.«

Lauri wandte sich Alice zu.

Aber dort, wo sie noch einen Augenblick zuvor gestanden hatte, befand sich jetzt nur ein verfaulter Leichnam. Den grinsenden Schädel bedeckten nur ein paar Hautfetzen, und schwarze Haare lösten sich in dicken Büscheln davon ab. Die Kleider hingen abnorm an dem Körper herab, der sich in ein Skelett verwandelt hatte.

Lauri schrie vor Entsetzen und erwachte von seinem eigenen Schrei.

4

Lauri richtete sich in eine halb sitzende Stellung auf. Er sah, dass Katharine Henshaw ihn von der Tür ihres Schlafzimmers her seltsam ansah.

»Ein böser Traum, oder?«

Lauri bemühte sich, die albtraumhafte Stimmung abzuschütteln, die der Traum bei ihm hinterlassen hatte. Er war ihm so fürchterlich real erschienen. Als wäre alles, was er gesehen hatte, wirklich passiert.

Lauri schaute auf die Uhr. Halb acht Uhr morgens. Noch tat ihm der Kopf nicht weh, er hatte offenbar so viel getrunken, dass der Kater erst noch kommen würde. Lauri erinnerte sich zwar daran, dass er völlig durchnässt gewesen war, aber nicht, wie er zu Katherine gekommen war. Und er wusste auch nicht mehr, ob er sich seine nassen Kleider selbst ausgezogen oder ob Katherine ihm geholfen hatte.

Seine Brieftasche lag auf einer kleinen Kommode neben der Tür.

»Ach ja, ich wollte eine Sache überprüfen«, sagte Katherine.

Sie nahm die Brieftasche und öffnete das Fach, in dem sich Lauris Kreditkarte befand.

»Sei vorsichtig«, sagte Lauri schnell.

Katherine runzelte die Stirn. Ganz vorsichtig zog sie die Kreditkarte hervor und hielt sie in den Fingern.

»Der eine Rand ist sehr scharf«, warnte Lauri. »Er besteht aus einer Art künstlichem Diamantkristall.«

»Ich hatte mir schon gedacht, dass es sich hier wieder um etwas besonders Gemeines handelt.«

Auf der Kommode stand in einer hohen Vase ein Strauß Rosen. Katherine nahm den Strauß aus dem Wasser und schnitt mit dem Rand der Kreditkarte leicht in die Stiele. Die Stielenden fielen auf den Teppich. Einige Blütenblätter segelten hinterher.

»Gott behüte!« Katharine zog hörbar den Atem ein. »Was hattest du damit vor? Wolltest du die Kinder zerstückeln?«

»Ich weiß ich es wirklich nicht«, sagte Lauri hilflos. »Ich hab wohl nicht besonders gründlich nachgedacht. Und ich war in Sorge um dich.«

»Du bist doch nicht ganz gesund«, schnauzte Katharine. »Du hast die beiden Jungen wahrscheinlich schwer verletzt. Man sollte dich hinter Schloss und Riegel stecken.«

Lauri kratzte sich das Kinn und starrte an die Decke.

»Da könntest du recht haben«, räumte er matt ein. »Das wäre wahrscheinlich eine ganz gute Idee, aus der Sicht des Gemeinwohls.«

Lauri drehte sich um und betrachtete durchs Fenster das morgendliche Lichtermeer.

»Am besten wäre es wohl, mich einzuschläfern«, sagte er. »Wie einen Hund, der für den Menschen gefährlich geworden ist.«

»Hah!«, rief Katharine aus. »Wie witzig! Eigentlich ein ganz guter Gedanke!«

Lauri wandte den Blick wieder Katharine zu.

»Es ist deine Schuld, dass ich immer noch lebe. Wenn du mir nicht den Druckverband angelegt hättest … Außerdem, wenn du davor nicht nach Sierra Vera gekommen wärst, hätte ich mir schon längst das Hirn herausgeballert und über die Wände des Wohnzimmers verteilt. Als Tapetenschmuck. Ich fand, die hatten ein wenig Auffrischung nötig.«

»Jetzt soll ich an all dem auch noch schuld sein!«

»Laut einem chinesischen Sprichwort bist du für einen Menschen, dem du das Leben gerettet hast, bis an dein Lebensende verantwortlich.«

»Das wurde beim Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuzes nicht genügend hervorgehoben«, knurrte Katharine verbittert. »Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich dich verbluten lassen. Andererseits wäre ich dann jetzt um drei Millionen Dollar ärmer. Eigentlich um noch mehr, wenn man die Steuerrückerstattungen und die Erträge des investierten Kapitals berücksichtigt.«

Lauri wickelte sich in die Decke und trat ans Fenster. Er betrachtete die insektengroßen Autos und die Menschen, die achtzig Stockwerke unter ihm wie kleine Ameisen herumwimmelten. Die Sonne schimmerte schon hinter den Wolkenkratzern.

»Vielleicht könntest du eine Therapie machen«, schlug Katharine hilfsbereit vor.

Lauri hörte, wie Katharine sich hinter ihm bewegte, zum Kleiderschrank ging und etwas vom Bügel nahm.

»Ich gehe jetzt jedenfalls zum Seelenklempner«, fuhr sie fort. »Auch ich habe meine Dämonen.«

Lauri wusste im Wesentlichen darüber Bescheid, was es mit Katharines Dämonen auf sich hatte. Mit einigen davon hatte er nichts zu tun, aber an der Existenz einiger anderer trug er selbst die Schuld. Es schmerzte ihn, dass er die Last vergrößert hatte, die Katherine mit sich herumtrug.

Er erinnerte sich an die ersten Worte, die Katharine noch etwas zögernd ausgesprochen hatte, als sie ihn vor ein paar Jahren im Büro der Einheit zur Bekämpfung des Atomterrorismus bei der Regierung der Vereinigten Staaten aufgesucht hatte. Die Einheit hatte sechshundert Mitarbeiter, aber Katharine hatte von jemandem ausgerechnet seine Visitenkarte bekommen.

»Ich weiß, dass ich wahrscheinlich einen großen Fehler begehe, indem ich hierherkomme«, hatte Katherine gesagt. »Aber ich glaube, dass meine Sache wirklich wichtig sein könnte.«

Dann hatte sie Lauri direkt angesehen.

»Du wirst mir doch keine Schwierigkeiten machen, weil ich beschlossen habe, hierherzukommen? Nicht wahr?«

Lauri hatte ihr das Versprechen gegeben, aber es war ihm nicht gelungen, es zu halten, denn Kenneth Andrew hatte seine Einwände vom Tisch gewischt. Sobald er sein Versprechen gegeben hatte, war Katharine mit ihrer Horrornachricht herausgerückt.

»Hat Lithium 6 eine Bedeutung?«, hatte sie gefragt. »Ich meine, kann man damit etwas wirklich Schlimmes anrichten?«

Lauri hörte Katharines Schritte, als sie sich ihm näherte. Sie trug einen Morgenrock aus schwarzer Seide, der mit grünen und roten Drachen bestickt war. Über dem Arm hatte sie einen hellgrünen Bademantel, den sie Lauri reichte.

»Nimm den hier. Ich glaube nicht, dass deine Sachen schon trocken sind.«

Katharine war hochgewachsen und nur wenig kleiner als Lauri. Ihr wohlgeformter Körper hätte sich als Modell für jedes klassische Gemälde geeignet, abgesehen davon, dass jemand vielleicht ihre Schultern, die die einer Schwimmerin waren, für zu breit gehalten hätte. Katharines dunkel mahagonifarbenes, leicht gelocktes Haar fiel ihr den halben Rücken hinab. Die großen, oft ein wenig traurigen Augen hatte sie von ihrer ukrainischen Mutter oder von der armenischen Großmutter geerbt. Der etwas dunklere Teint verlieh Katharine noch zusätzlich eine gewisse Exotik.

»Kann ich einen Kaffee kochen?«, fragte Lauri.

»Würdest du auch gleich ein paar Eier braten?«

»Du brauchst noch nicht aufzustehen«, wehrte Lauri ab.

»Ich kann ja doch nicht mehr schlafen«, sagte Katharine und ging die Zeitung holen. Lauri zog den Bademantel an, den Katharine ihm gebracht hatte, schaltete die Kaffeemaschine ein, schlug vier Eier in die Pfanne und warf die Schalen in den Eimer für den organischen Müll. Er stellte fest, dass er gerade geleert worden war. Auch sonst herrschte in Katharines Wohnung kein solches Durcheinander wie in derjenigen, wo Lauri Katharine seinerzeit verhört hatte, als er noch für die Regierung der Vereinigten Staaten arbeitete. Katharines Küche war gut ausgerüstet und geschmackvoll eingerichtet. Offenbar hatte sie einen kleinen Teil der drei Millionen Dollar, die Lauri ihr verschafft hatte, und der Steuerrückerstattung, die der Staat ihr noch obendrauf gezahlt hatte, in die neue Wohnung investiert. In dem Regal, das die ganze Wand bedeckte, stand neben Sachbüchern viel Belletristik. Lauri ging die Buchrücken durch. Danach zu urteilen interessierte Katherine sich weiterhin für Kernphysik, Umweltprobleme und Menschenrechte sowie für die Geschichte der Ukraine, Südrusslands, der Türkei und Armeniens.

Lauris Handy klingelte. Es lag auf der kleinen Kommode in der Nähe der Badezimmertür. Offenbar war es aus seiner Jackentasche gefallen, als Katharine in der Nacht seine Kleider zum Trocknen aufgehängt hatte. Lauri sah nach der Nummer des Anrufers. Sie sagte ihm nichts.

»Nurmi.«

Auf dem Bildschirm des Handys erschien das Bild einer weißhaarigen Frau.

»Mein Name ist Annelies Schrader«, stellte sich die Anruferin vor. Die Stimme war dunkel und angenehm. Ruhig. Die Anruferin registrierte offenbar, wie Lauri gekleidet war.

»Ich weiß, es ist noch früh am Morgen«, entschuldigte sich Frau Schrader, »aber trotzdem hoffe ich sehr, dass Sie heute oder in den nächsten Tagen Zeit haben, mich zu treffen. Sind Sie sehr beschäftigt?«

»Also, im Moment habe ich nichts Besonderes vor … Aber könnte ich zuerst erfahren, worum es geht?«

»Näheres würde ich Ihnen am liebsten erst dann erklären, wenn wir uns treffen. Aber es geht um die Klimaerwärmung und ein – sagen wir, futuristisches Sonnenkraftwerk eines neuen Typs.«

»Das klingt ja ganz interessant. Ich verstehe nur nicht, was das mit mir zu tun hat.«

»Das kann ich Ihnen erklären, wenn wir uns sehen. Ich bitte Sie, ich bin extra nach New York gekommen, um Sie zu treffen.«

»Es fällt mir schwer, das zu glauben.«

Die Anruferin lachte, und es war ein leises, warmes, kicherndes Lachen. Lauri bedeckte das Telefon mit der Hand und sah Katherine an.

»Eine Frau aus Europa möchte mich treffen. Es handelt sich um ein neuartiges Sonnenkraftwerk.«

Katharine sah Lauri verwundert an.

»Vielleicht hat das irgendwie mit Alice zu tun«, überlegte Lauri laut. »Mit etwas, womit sie sich beschäftigte. Alice interessierte sich für Sonnenenergie.«

Wieder sprang eine kleine Kreissäge in seinem Bauch an. Zum millionsten Mal.

»Alice hat mir ihr gesamtes Eigentum vermacht«, seufzte Lauri. »Ich habe auch eine beachtliche Menge Aktien von Firmen geerbt, die Fotovoltaiksysteme produzieren, besonders von Nanosolar und SolFocus. Vielleicht hat es damit zu tun. Ich muss mich wohl darüber informieren.«

»Wenn du willst, könnt ihr euch hier treffen«, schlug Katharine vor.

»Danke«, sagte Lauri. »Wie war doch gleich die Adresse?«

5

Annelies Schrader traf pünktlich zur verabredeten Zeit ein. Als sie oben ankam, war es nur fünfzehn Sekunden nach zwei.

Schrader war eine auffallend große Frau. Ihre Haare waren weiß, das hatte Lauri schon während ihres Telefongesprächs bemerkt, aber sonst wirkte sie sehr fit. Sie war sehnig, fast mager, und wirkte Respekt gebietend. Gesicht und Gliedmaßen waren von der tropischen Sonne dauerhaft gebräunt. Es war, als hätte die Sonne alles überschüssige Wasser und Fett in ihr ausgetrocknet.

»Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen«, sagte Schrader, während sie Lauri Nurmi die Hand reichte. Ihr Händedruck war fest und trocken. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass sie mich so kurzfristig empfangen. Wie viel Zeit können Sie für unser Treffen erübrigen?«

»Im Augenblick haben wir keine anderen Verpflichtungen. Kaffee?«

»Danke, sehr gern.«

Sie setzten sich an den Tisch im Esszimmer. Katharine holte aus der Küche ein Tablett mit drei Tassen Kaffee, Milch und Zucker sowie einen Teller mit Schokoladenkeksen.

Anscheinend ist Katharines Küchenschrank heute viel besser sortiert als früher, dachte Lauri und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Katharine ahnte, worüber Lauri sich amüsierte, und machte ihm hinter Schraders Rücken eine lange Nase. Dann zog sie sich ins Wohnzimmer zurück, um in Zeitschriften zu blättern.

»Ich bin zurzeit Vorsitzende eines internationalen Unternehmenskonsortiums namens Sun Wind«, begann Frau Schrader. »Wir bauen in Ägypten, gut hundert Kilometer von der Oase Siwa entfernt, ein vollkommen neuartiges Sonnenkraftwerk.«

»Etwas genauer bitte: Um was für einen Typ von Kraftwerk handelt es sich?«, fragte Lauri.

Annelies Schrader lächelte rätselhaft.

»Es sollte mich wundern, wenn Sie nichts davon gehört hätten. Die Idee dazu hatte ein Landsmann von mir, ein Ingenieur namens Jörg Schlaich.«

Lauri wurde aufmerksam. Jetzt wusste er, wovon Schrader sprach.

»Sie meinen eine Sonnenwindmühle«, sagte Lauri. »Ein Sonnenwindkraftwerk, nicht wahr?«

Schrader nickte.

»Ganz recht.«

»Aber ist dieses Konzept nicht im Grunde unrealisierbar?«

Schrader schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, das ist eine durchaus mögliche und vernünftige Art, Sonnenenergie zu erzeugen.«

»Ich meine, dass sie wirtschaftlich unrentabel ist«, präzisierte Lauri.

»Ich würde mir wünschen, dass Sie selbst kommen und sich ein Bild davon machen können. SunWind kommt für sämtliche Kosten auf. Für Sie beide.«

Sie glaubt, wir seien ein Paar, dachte Lauri, machte sich aber nicht die Mühe, Schraders Irrtum zu korrigieren. Er sah Schrader neugierig an.

»Warum ich?«, fragte er gerade heraus. »Ich bin doch kein Ingenieur.«

Schraders Gesicht verdüsterte sich.

»Wir haben Probleme.«

»Was für Probleme?«

»Auf unserer Baustelle gibt es Sabotage. Die Fahrzeuge von Mitarbeitern und Transportunternehmen sind beschossen worden, etwa ein Dutzend Mal. Einer unserer Mitarbeiter und zwei Männer von den Transportunternehmen sind dabei ums Leben gekommen.«

Lauri nahm sich einen Schokoladenkeks vom Teller und biss ein Stück davon ab.

»Bei den Tätern scheint es sich um Ortsansässige zu handeln«, fuhr Schrader fort. »Aber wir haben den Verdacht, dass hinter all dem ein konkurrierendes Technologieunternehmen steckt.«

»Ist das nicht etwas weit hergeholt?«

Schrader sah Lauri verblüfft an.

»Glauben Sie das wirklich? Energie ist ein Milliardenbusiness. Bei den meisten Kriegen der Geschichte ging es um weitaus weniger.«

Lauri widersprach nicht, denn was Schrader gesagt hatte, war unbestreitbar.

»Sie werden also von der ägyptischen Regierung unterstützt?«, fragte Lauri.

»Offiziell ja. Aber ich habe den Eindruck, dass jemand einige Minister in der Regierung geschmiert hat. Die Regierung hat zu unserem Schutz ein motorisiertes Bataillon abgestellt, aber das ist nicht sonderlich aktiv. Praktisch liegt die Sicherheit der Baustelle weitgehend in den Händen unserer eigenen Sicherheitsleute.«

Lauri aß seinen Keks auf.

»Ich verstehe Ihre Schwierigkeiten«, sagte er dann.

Wieder hatte Lauri die Stimme von Alice im Ohr. Du musst ihnen helfen.

»Wir brauchen Hilfe und können dafür bezahlen. Wir wissen, dass Sie aus den Diensten der CIA ausgeschieden sind, und ich bin bevollmächtigt …«

»Moment, Moment«, protestierte Lauri. »Erstens habe ich niemals für die CIA gearbeitet, und zweitens …«

Schrader lächelte.

»Wie Sie meinen. Aber ich habe die drei Memoranden gelesen, die Sie über die Gefahren von Terroranschlägen mit strahlenden Waffen für die Bush-Regierung verfasst haben.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«

»Ich bin das Schreiben durchgegangen, in dem Sie erklären, warum die Vereinigten Staaten von Amerika Afghanistan oder den Irak nicht angreifen sollten. Ganz zu schweigen vom Iran. Ich habe auch das Memorandum gesehen, in dem Sie behaupten, dass al-Qaida sich im Irak auf einen Guerillakrieg vorbereitet und seine Kämpfer dorthin verlegt, sobald die Vereinigten Staaten die Stellungen der Taliban in Afghanistan bombardieren. So wie sie es dann unter Führung von al-Zarqawi natürlich auch getan haben.«

Lauri Nurmi wirkte peinlich berührt.

»Solche Papiere gibt es nicht, und es hat sie niemals gegeben.«

»Natürlich nicht. Aber ich habe Kopien davon in meinem Aktenkoffer. Wenn Sie wollen, dann kann ich …«

Lauri Nurmi machte eine abwehrende Geste.

»Schon gut, ich verstehe, was Sie sagen wollen.«

»Einige unserer Investoren sind Amerikaner, und über sie haben wir hochrangige Kontakte auch innerhalb der amerikanischen Regierung. Wir wissen also, warum Sie aus dem Dienst ausgeschieden sind.«

»Das sollte niemand wissen«, sagte Lauri Nurmi trocken.

»Wir haben einige Senatoren und noch ein paar andere Leute gefragt, wen sie für die Aufgabe empfehlen würden. Drei davon nannten Ihren Namen.«

Lauri Nurmi wirkte aufrichtig überrascht.

»Mein Spezialgebiet sind Atomwaffen«, erklärte er. »Nicht der Bau von Sonnenkraftwerken!«

»Uns interessiert jetzt vor allem Ihre allgemeine Herangehensweise«, sagte Schrader. »Ihre Fähigkeit, in islamischen Kulturen mit Einheimischen zu verhandeln. Ihr Talent, ihnen zu erklären, worum es geht. Ihre Fähigkeit, ihr Vertrauen zu gewinnen. Wir haben nicht nach Spezialisten für Atomwaffen gefragt, sondern wir wollten wissen, wer gut mit den Einwohnern des Gebiets verhandeln könnte. Es gibt dort Araber, die Ackerbauern sind, Arabisch sprechende beduinische Nomaden und Siwi sprechende Berber.«

»Für eine solche Aufgabe würde sich am besten ein Ägypter eignen«, schlug Lauri vor.

»Das stimmt schon«, räumte Schrader ein. »Aber auch die Europäer müssen ein Gesicht haben, denn alle wissen, dass es sich um ein gemeinsames Projekt der ägyptischen Regierung und der westlichen Länder handelt.«

Lauri nahm einen weiteren Schokoladenkeks vom Teller.

»Das sind gute Aspekte, aber ich bin nicht Ihr Mann«, sagte er entschlossen und vielleicht auch ein wenig entschuldigend. »Ich bin in Rente.«

Ich brauche sie nicht dafür um Verzeihung zu bitten, dass ich nicht bereit bin, dachte Lauri. Ich bin ihr nichts schuldig. Und dann hatte er wieder die Stimme von Alice im Ohr. Du musst ihnen helfen. Sonst können sie alle sterben.

»Wir bezahlen gut«, versuchte Schrader es noch einmal.

Aber Lauri sah, dass sie schon aufgegeben hatte.

Sonst können sie alle sterben. Jeder Einzelne. Oh, Teufel noch mal, dachte Lauri. Das war doch nur ein Traum!

»Ich hab genug Geld«, sagte Lauri matt. »Ich arbeite nicht mehr. Für niemanden. Ich mische mich in keinen einzigen gewaltsamen Konflikt mehr ein. Also: danke, aber nein danke. Es tut mir leid, aber sie müssen sich jemand anders suchen.«

Man hörte, dass Katharine sich vom Sofa erhob und in das Speisezimmer kam, um sich noch Kaffee zu holen. Während sie nach der Kaffeekanne griff, legte sie wie in Gedanken die neueste Nummer des Greenpeace Magazine vor Lauri auf den Tisch. Auf dem Titelbild trieben schmelzende Eisschollen im Meer. THE ARCTIC TIME BOMB, schrie die Schlagzeile in riesigen Lettern. Sollte er Katharines Geste als sanften Druck auffassen?, überlegte Lauri.

»Die Klimaerwärmung ist heute schon ein ganz reales und ernstes Problem«, bemerkte Katharine leichthin.

Oha, jetzt gerate ich schon zwischen zwei Feuer, dachte Lauri. Oder vielleicht sogar zwischen drei, wenn ich auch die Träume und den Druck hinzurechne, den die Toten ausüben.

Lauri spürte, dass er gleich Kopfschmerzen bekommen würde, und zwar heftige. Auch das noch. Ich werde nie wieder Alkohol trinken, dachte er, dies war das letzte Mal. Jetzt ist es genug.

Schraders Blick fiel auf das Schachbrett, das auf der Kommode stand.

»Spielen wir eine Partie Schach?«, schlug sie vor. »Das könnte eine gute Methode sein, gewisse Gesichtspunkte abzuklären, die mit der Situation zu tun haben.«

6

Ein einsamer Hubschrauber jagte über die von Termitenbauten, Akazienwald und niedrigem Gebüsch gesprenkelte Savanne. An dem Hubschrauber gab es keinerlei Kennzeichen. Außer dem Piloten saßen noch zwei weitere Personen darin. Beide waren sonnengebräunte Männer um die fünfzig und von westlichem Aussehen. Beide trugen eine Sonnenbrille. Der eine war fast kahl, der andere hatte dichtes schwarzes Haar, das an den Schläfen bereits ergraut war, und trug einen gepflegten Bart.

»Werden wir auch wirklich dorthin finden?«, fragte der Bärtige.

Die Besorgnis stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Mach dir keinen Stress, Richard. Die Anweisungen waren ziemlich genau«, sagte sein kahlköpfiger Reisegefährte.

Michael Cheney griff nach seiner grünen Schirmmütze, um seinen Schädel vor der prallen Sonne zu schützen, aber der durch das offene Fenster eindringende Wind packte sie und riss sie mit sich fort.

»Mist!«, fluchte Cheney.

»Hoffentlich schießt uns niemand mit einer tragbaren Rakete ab«, sagte Richard Brunel. »Der Sudan ist eine ziemlich unruhige Gegend!«

»Nicht dieses Gebiet hier. Die Kämpfe konzentrieren sich auf Darfur und auf die Sümpfe des Sudd.«

Die Ebene erstreckte sich bis zum Horizont. Aber darin waren jetzt auch zwei einsame, hohe Hügel zu erkennen.

»Das muss die Stelle sein«, sagte der Pilot.

»Mir gefällt das überhaupt nicht«, bemerkte Brunel.

»Du wirst doch jetzt nicht kneifen!«, rief Cheney aus. »Rate mal, was es gekostet hat, dieses Treffen zu arrangieren!«

»Wen treffen wir?«

»Keine Ahnung. Wohl kaum jemanden, der wirklich wichtig ist. Aber hoffentlich ist es jemand, der über die Kette eine Nachricht weitergeben kann. Sodass sie zu den eigentlichen Entscheidungsträgern gelangt.«

»An diesem Deal ist etwas faul«, murmelte Brunel unzufrieden.

Er betrachtete die unter ihnen dahingleitenden unregelmäßigen Reihen von Akazien und rötlichen Termitenbauten. Hier und dort gab es auch Dörfer aus runden, strohgedeckten Lehmhütten. Um jedes Dorf herum lag ein Flickenteppich kleiner Äcker.

Brunel bemerkte, dass einige Dörfer wüst zu liegen schienen. Die Dächer der Hütten waren verkohlt und eingestürzt, sodass nur die runden, schlammigen Wände übrig waren. Lag Cheney wirklich richtig, wenn er behauptete, das Gebiet sei sicher?

»Und wenn Nurmi das Angebot nun gar nicht annimmt?«, fragte Brunel herausfordernd.

»Er wird es annehmen«, sagte Cheney überzeugt. »Glaub mir. Ich kenne ihn. Meinst du, ich hätte meinen Arsch bis hierhergeschleppt, wenn es nicht unbedingt sein müsste?«

Als sie sich den Hügeln näherten, sahen sie, dass an den Hängen einige Dutzend Zelte aus schwarzem Stoff aufgeschlagen waren. Hier und dort standen angepflockte Pferde, Kamele und kleine Herden von weißen, schwarzen und bunten Ziegen.

Der Hubschrauber landete bei den Hügeln. Alle drei stiegen aus. Die Sonne brannte heiß vom wolkenlosen Himmel, und sofort brach ihnen der Schweiß aus.

»Und nun?«, fragte Brunel.

»Jetzt warten wir, bis jemand kommt und uns begrüßt.«

»Oder uns eine Kugel in den Kopf jagt!«

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Cheney. »Sie brauchen Geld.« Aber er klang nicht sehr überzeugend.

Einen Augenblick später näherten sich ihnen drei in lange weiße Burnusse gekleidete Gestalten. Jede von ihnen trug ein Sturmgewehr.

»Das sieht nicht gut aus«, fand Brunel.

»Im Gegenteil, das stand zu erwarten«, versicherte Cheney. »Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn sie keine Waffen trügen. Warte hier, ich geh und rede mit ihnen.«

Cheney eilte den Ankömmlingen entgegen. Er vermutete, dass der Mann, der vor den anderen herging, der Anführer war, und steuerte auf ihn zu.

»Michael Cheney.«

Cheney streckte die Hand aus, aber der Mann ergriff sie nicht.

»Sprich«, forderte er ihn auf.

Das Gesicht des Mannes war ausdruckslos. Als würde man zu einer Betonwand sprechen, dachte Cheney. Er schluckte ein paarmal, ehe er anfangen konnte.

»Wir haben ein gemeinsames Problem«, sagte er und wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. »Du verstehst sicherlich, was ich meine.«

»Das ist möglich.«

Da soll sich einer mit diesen verdammten Kameltreibern auskennen, dachte Cheney gequält. Scheiße, Dick hatte recht, wir hätten nicht hierherkommen sollen.

»Ich meine das Ungeheuer, das gerade bei der Oase Siwa entsteht«, erklärte Cheney. »Das ist für uns ein großes Problem. Und wie ich glaube, wird es auch für euch ein großes Problem werden.«

»Warum willst du mit mir darüber sprechen? Und warum sagst du, dass der sogenannte Kleine Finger Gottes auch für uns ein Problem ist?«

Der Mann sprach gebrochen Englisch mit arabischem Akzent und wirkte nicht besonders interessiert. Cheney schwitzte immer heftiger in der brennenden Sonne.

»Wenn der Strompreis zusammenbricht, wer will dann noch zweihundert Dollar für ein Barrel Öl bezahlen?«, sagte er.

Der Mann rieb sich das Kinn. Cheney fand, dass er jetzt zum ersten Mal etwas neugierig wirkte.

»Hast du einen Vorschlag?«

»Wir schlagen ein taktisches Bündnis vor. Im Geist von Kautilya und Arthashastra. Der Feind meines Feindes und so weiter.«

Das Gesicht des Arabers verzog sich zu einem angespannten Lächeln.

»Du schlägst uns … ein taktisches Bündnis mit der amerikanischen Großindustrie vor?«

Der Gedanke schien ihn höchlich zu amüsieren.

»Ist das denn so befremdlich?«, wunderte sich Cheney.

Der Araber lachte laut auf. Auch seine Begleiter grinsten. Dann wurden sie ernst.

»Wenn ihr uns helft, können wir zumindest die Kosten abdecken, die durch die Arbeit möglicherweise entstehen. Vielleicht auch etwas mehr.«

»Erklär das.«

Konzentriert hörte der Mann zu, als Cheney seinen Vorschlag erläuterte.

Dann fragte er:

»Warum macht ihr das nicht selbst?«

»Es ist besser, wenn die Attentäter so aussehen wie Einheimische«, erklärte Cheney. »Wenn Vertreter westlicher Konzerne Eigentum der ägyptischen Regierung zerstören, ist die Wirkung vielleicht nicht die gewünschte.«

Der Araber nickte.

»Ich verstehe, was du meinst. Aber warum sollte euer Atomkraftwerk für uns weniger nachteilig sein als Gottes Kleiner Finger?«

Wieder wischte sich Cheney den Schweiß von der Stirn.

»Wenn die Elektroautos nicht mit Öl konkurrieren können, dann bekommt ihr für den Rest eures Öls die zweihundert Dollar pro Barrel«, sagte er. »Vielleicht auch ein bisschen mehr. Sonst könnte ein großer Teil eures geliebten Öls sogar im Boden bleiben. Das Geld entscheidet.«

Der Araber sah Cheney ungläubig an und schüttelte den Kopf.

»Eine solche Frage kann ich nicht allein entscheiden«, sagte er dann. »Warte hier.«

Cheney blickte zu der am Himmel glühenden Sonne hinauf.

»Hier ist es verdammt heiß. Könnte ich nicht mit ins Zelt kommen?«

»Wenn du willst. Aber wenn du siehst, wer alles dort ist, müssen wir dich töten.«

»Das war doch bestimmt ein Witz?«, fragte Cheney leicht besorgt.

Das Gesicht des Arabers war wie versteinert.

»Dann bleibe ich vielleicht hier«, brummte Cheney.

Der Araber ging zu einem Zelt und hob den Stoff an, der die Türöffnung bedeckte. Im Inneren schwebte stark duftender, süßlicher Rauch. Dort hielt sich nur ein einziger Mann auf. Sein Gesicht war übersät von entstellenden Narben, und einer seiner Arme endete oberhalb des Ellbogens. Sein richtiger Name war Midhat Mursi al-Sayid Umar, aber die ganze Welt kannte ihn unter einem anderen Namen. Abu Khalib al-Masri war der Leiter der Abteilung, die bei al-Qaida für die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen zuständig war. Die Welt glaubte, er sei im Januar 2006 bei einem Angriff der amerikanischen Kampfflugzeuge auf das Dorf Damadola in der nordwestlichen Provinz Pakistans ums Leben gekommen. In Wirklichkeit hatte Al-Masri jedoch nur einen Arm verloren. Außerdem war seine Wirbelsäule gebrochen, und er hatte an verschiedenen Stellen in seinem Körper Metallsplitter, von denen man nur einen Teil hatte entfernen können.

»Was will er, Fouad?«, fragte al-Masri.

Al-Masri änderte seine Lage auf den Kissen. Die Bewegung war langsam und vorsichtig, aber trotzdem verzog sich sein Gesicht vor Schmerzen zu einer Grimasse. Fouad Badou sah seinen Chef mitfühlend an.

»Sie wollen unsere Hilfe«, antwortete er.

»Was meinst du damit?«, fragte al-Masri, und die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Al-Masri keuchte ein wenig, und Fouad wusste, dass das von den ständigen Schmerzen in den Verletzungen herrührte. Nicht einmal das Opium, das al-Masri fast pausenlos rauchte, konnte die Schmerzen im Zaum halten. Fouad wusste, dass al-Masri nur am Leben blieb und weiterlebte, um seine wichtigste Aufgabe zum Abschluss zu bringen. Sobald die Arbeit getan wäre, würde er gerne gehen. Der Tod würde für al-Masri in erster Linie die Befreiung von den endlosen Qualen bedeuten, die von den ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Gottes kleiner Finger" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen