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Gottes Künstler

Vorwort

Sprechen wir über uns. Sie und mich. Sie, mein geschätzter Leser, haben bestimmt gewartet.

Sie mussten einige Zeit warten, aber nun sehen Sie das neue Werk, das Buch, das Sie hier vor sich haben, vor sich. Ich bin froh, dass Sie sich die Zeit nehmen möchten, dies hier zu lesen.

Ich hoffe, Ihnen gefällt, was Sie lesen und Sie wollen mehr. Ich möchte nicht viele Worte machen, aber die wichtigste Person sind Sie, geschätzter Leser. Gerne dürfen Sie mir wieder Ihre Kritiken und Anregungen unter meinen Kontaktdaten hinterlassen. Aber nun beginnen wir. Folgen Sie mir die Wege dieses Werkes entlang.

Ihr

H. T. Lang

www.holger-t-lang.de

E-Mail: h.t.lang@icloud.com

Der Umgang mit einem Egoisten ist darum so verderblich, weil die Notwehr uns allmählich zwingt, in seinen Fehler zu verfallen.

Marie von Ebner-Eschenbach

1.   Gottes Künstler

Hier stand sie also wieder. An einem Ort, an dem sie sich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß zu setzen.

Zwei Monate nach seiner Verhaftung stand Max Shamwell noch immer mit einem Bein in der Freiheit. Nicht zuletzt dank seines windigen und redegewandten Staranwalts, Philipp Carter, dem keine Finte zu schmutzig war, um Steine in die Mühlen der Justiz zu werfen. Ginge es nach Carter, wäre Shamwell bereits auf freiem Fuß.

Was waren ein paar brutale Morde gegen eine strahlende Karriere? Es war, wie so oft im Leben, schwer zu erkennen, wer das wahre Monster war. Der geständige Massenmörder oder derjenige, der ihn gewissenlos verteidigen konnte?

Es war Shamwell selber, der die Strategie seines Anwalts ohne einen Moment des Zögerns unterhöhlt und sich langsam aber sicher auf den Weg zum Todestrakt gebracht hatte. Ein für Normalsterbliche unverständlicher Akt, denn trotz seiner Gräueltaten war die Beweislast gegen ihn denkbar dünn: Keine verräterischen DNS-Spuren an den Tatorten, die mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten. Keine Augenzeugen. Oder besser gesagt, keine lebenden Augenzeugen. Es war der Besitz von konservierten Teilen der Opfer, der ihn auf Platz Eins der Täterliste hatte vorrücken lassen. Doch insgesamt gab es leidlich wenig, dass man Max Shamwell nachweisen konnte. Zahllose seiner Präparate blieben unidentifiziert.

Am Ende war es Shamwells schier endlos scheinendes Vergnügen, die Jury mit den widerlichen Details seiner Taten an den Rand des Brechreizes zu bringen, das ihm zum Strick wurde. Jedes seiner grausamen Worte hatte er mit einem sympathischen Lächeln und der Professionalität eines geschulten Gerichtsmediziners vorgetragen. Kein blutiges Detail wurde ausgelassen.

Ganz die narzisstische Persönlichkeit, die er war, schien es ihn mehr aufzubringen, wenn man versuchte, ihm die Verantwortung für seine furchtbaren Handlungen abzusprechen, als dass er eine Strafe fürchtete. Eine unerwartet unschöne Erfahrung, die sein Anwalt machen durfte, als er versuchte, zu argumentieren, dass der Angeklagte sich schlichtweg ‚nur‘ an den Tatorten bedient hätte, an denen er in beratender Funktion anwesend gewesen war, um sich einen Kitzel zu verschaffen. Shamwells Reaktion war, gelinde ausgedrückt, ausfallend und gipfelte darin, dass er den Fundort eines weiteren Opfers preisgab, das noch nicht aktenkundig gewesen war. Und so nahm er das vorläufige Urteil mit einer regelrecht greifbaren Befriedigung auf. Wahrscheinlich in Gedanken schon bei der Horde an Blitzlichtern, die vor dem Gericht auf ihn warten würden.

Trotz ihrer Schutzweste und der omnipräsenten Überwachung fühlte sich die FBI-Agentin Claire Brooks ungeschützt, als sie vor der Tür zu Shamwells Zelle stand. Bis auf einen unschönen Zwischenfall am Anfang seiner Haft, galt Shamwell als tadelloser Insasse. Dieses Monster versteckte sich hinter einer Maske aus Höflichkeit und Intelligenz. Wenn es nach Claire gegangen wäre, hätte sie seine Präsenz niemals wieder ertragen müssen.

Aber es war nicht ihre Entscheidung gewesen.

Das elektronische Klicken der Tür erinnerte sie höhnisch daran, dass ihre Schonfrist abgelaufen war. Sie umfasste den Umschlag, den sie hielt, fester.

„Wenn es Probleme gibt, geben sie ein kurzes Handzeichen. Der Raum ist videoüberwacht“, sagte der Wärter.

Sie fragte sich, ob er etwas so Offensichtliches aussprach, um sie zu beruhigen, oder ob es einfach Protokoll war. Sah man ihr den Widerwillen und die Unsicherheit dermaßen an? Mit bewusster Anstrengung zwang sie, ihren Kiefer zu entspannen.

„Natürlich. Es wird nicht lange dauern“, antwortete sie ruhig.

Zumindest nicht, wenn es nach ihr ging. Dieser ganze Auftrag war einfach nur bürokratischer Bockmist und ein perfider Racheakt ihres ehemaligen Partners, der sich keiner Finte zu schade war, wenn es darum ging, ihr reinzureiben, wer von ihnen beiden am längeren Hebel saß. Aber wer war das Fußvolk, um gegen Befehle aufzubegehren? Sie hatte ihren formellen Einwand zur Akte gebracht und mehr als den Hinweis, dass man sie nach ihrer Meinung fragen würde, wenn diese von Belang wäre, hatte es ihr nichts eingebracht.

Mit festen Schritten ging sie in die Zelle und ließ die Tür hinter sich zuschwingen. Shamwell stand in einer Ecke des Raumes, der außer der geringen Größe überraschend angenehm eingerichtet war. Ein Schreibtisch, ein Bett, mehrere Regale, ein Flachbildfernseher, der in die Wand eingelassen war, einige Ölbilder - aus Sicherheitsgründen nicht hinter Glas- und ein abgetrennter Toilettenbereich, der durch seine Anordnung, auch ohne Tür, ein Gefühl von Privatsphäre vermittelte. Es lohnte sich anscheinend, einen überteuerten Anwalt an der Leine zu haben.

Shamwell stand im hinteren Drittel des Raumes. Sein Gesicht war nicht der Tür zugewandt. Als hätte er ihr Eintreten nicht bemerkt, blätterte er weiter in einem Buch, das er in seiner Hand hielt.

Verdammter Machtfreak, dachte sie angewidert.

Allein ihn zu sehen, rief übelkeitserregende Erinnerungen an seine Tatorte in ihr hoch. Sie war nicht zimperlich und eine der letzten, die nach einer Begehung, die Wand mit Essensresten schmückte, aber dank Shamwell war sie nahe dran gewesen. Es erinnerte sie auch daran, dass das einzig befriedigende an Shamwells Festnahme, der süßbittere Nachgeschmack war, etwas Gutes vollbracht zu haben. Alle Boni waren an ihren Partner gegangen, der ihrer bescheidenen Meinung nach, in die Hölle fahren konnte, um sich dort den Arsch grillen zu lassen. Wie sie mit diesem Schwein jemals hatte schlafen können, war ihr bis heute ein Rätsel.

Ein dumpfer Schmerz aus ihrer Zahngegend, mahnte sie, dass sie kurz davor stand, mit den Zähnen zu mahlen. Sie zwang sich dazu, in der Gegenwart zu bleiben.

Als hätte er den Stimmungswechsel gewittert, schloss Shamwell das Buch umsichtig und wandte sich ihr mit einem Lächeln zu.

„Agentin Brooks, ich dachte schon, ich hätte nie wieder die Ehre ihrer Anwesenheit.“

„Ich bin hier, weil ich muss und nicht, weil ich es will“, stellte sie trocken klar.

Shamwell wiegte seinen Kopf verständnisvoll. Er war ein attraktiver Mann mit hellbraunem Haar, einem strahlenden Lächeln und intelligenten grünen Augen. Tatsächlich war Shamwell Ende 30, aber er sah jünger aus. Ein Umstand, der unter anderem darauf zurückzuführen war, dass er kein einziges graues Haar hatte und zu den glücklichen Männern gehörten, die langsam im Gesicht alterten. Er war gut in Form, wenn auch auffallend blass. Ein Überbleibsel seiner Vorliebe für geschlossene Obduktionsräume, die im Gefängnis wenig besser geworden war. Er war der perfekte Schwiegersohn, wenn man auf die Sorte stand, die es mit dem fünften Gebot nicht ganz so genau nahm.

„Eine Schande. Sie sollten mehr tun, was sie wollen“, fügte er in bedauerndem Ton an. „Wo ist ihr Partner?“ Er ließ seinen Blick betont links und rechts an ihr vorbeigleiten. „Ah, ich erinnere mich. Er wurde befördert, richtig?“ Beiläufig legte er das Buch bei Seite und beobachtete dabei jede ihrer Reaktionen.

‚Die Blechtrommel‘, erfasste sie den Titel mit einem geschulten Auge.

„Das muss wehtun“, fuhr Shamwell währenddessen fort. „All die Recherchen, der große Durchbruch … und dann setzt ein anderer seinen Namen unter das Werk.“

Den Mund verziehend, kämpfte Claire gegen eine Welle von Abscheu.

„Ich bin nicht hier, um Smalltalk zu betreiben“, knurrte sie.

„Bedauerlich“, bemerkte er, als hätte er ihren unhöflichen Tonfall nicht wahrgenommen.

Während er amüsiert eine Augenbraue hob, griff sie in den Umschlag und knallte ein Foto auf seinen Schreibtisch.

„Aber wo wir schon von dem Thema ‚Werke‘ sprechen, bringen wir es hinter uns … was können sie mir hierzu sagen, Herr Shamwell?“, verlangte sie, zu wissen.

„Bleiben wir doch beim du … der guten alten Zeiten willen.“ Seine Aufmerksamkeit ging nur beiläufig zum Bild und dann wieder zu ihr.

Entnervt griff sie das Bild und hielt es ihm ins Gesicht.

„Das wurde vor zwei Wochen gefunden. Michael Weber, ein fünfjähriger Junge. Zerlegt wie ein verdammtes Steak!“, half sie einer Reaktion nach.

„Und weiter?“, fragte er gelangweilt.

Sie knallte das Bild bei Seite und zog ein Weiteres aus dem Umschlag. Eine widerliche Aufnahme eines Frauenkörpers, der auf groteske Art und Weise neu arrangiert worden war. Die blassen Arme und Beine standen neben dem Frauentorso hervor und gaben ihr das Aussehen eines entarteten Kraken. Ihr Kopf befand sich tief in der Bauchhöhle, wo er von aufgedunsenen Gedärmen gehalten wurde, die wie groteskes Haar um die Seiten des Gesichts flossen. Die Augen waren blutunterlaufene Kugeln, von denen der Sehnerv hing, wie blutige Tränen. Die Augäpfel waren nach innen gedreht worden. Ihr vorwurfsvoller trüber Blick nach innen gerichtet. Hinter dem widerlichen Konstrukt prangte eine blutige Schrift.

‚I see you‘.

Es schüttelte sie innerlich. Ein Bild zu sehen war eine Sache, aber sie war vor Ort gewesen, hatte den bestialischen Gestank und die lebensgroße Groteskheit aus nächster Nähe ertragen müssen.

Ein Funken echten Interesses leuchtete in seinen Augen auf.

Ja, du krankes Schwein, dachte sie. Das interessiert dich natürlich.

„Kommt ihnen das bekannt vor, HERR Shamwell?“

„Ah, ja … der erste große Erfolg ist doch immer etwas besonderes, nicht wahr?“

Sein Finger strich andächtig über das Bild. Angewidert entzog sie es ihm.

„Was ist hiermit?“

Sie hob wieder das erste Bild. Es zeigte ein Kind aus verschiedenen Blickwinkeln. Dessen abgetrennte Hand steckte in seinem Mund, als wäre es ein Fremdkörper, der versuchte, in die zu kleine Kehle zu kriechen. Nur saß der Kopf verkehrt herum auf dem kleinen nackten Körper, der stumpfe Arm trat zwischen den gespreizten Beinen hervor, wie ein übergroßes Glied. Die Beine endeten an den Knien, Unterschenkel und Füße teilten sich dieselbe Blickrichtung wie das kleine, verzerrte Gesicht.

‚I see you‘, prangte in blutigen Buchstaben auf dem Boden. Die Leiche war in keinem guten Zustand, Witterung und Zeit hatten ihr sichtlich zugesetzt.

Er schenkte dem Bild kaum mehr als einen Seitenblick. Es hatte nichts, das ihn reizte, oder in irgendeiner Weise zu stimulieren schien. Wenn überhaupt, so wirkte es, als sei es selbst ihm zuwider, auf eine zeitverschwendende Art und Weise.

„Das gehört nicht zu meinen Werken, Fräulein Brooks.“

„Das hier wurde vor zwei Wochen aufgefunden“, fügte die FBI-Agentin an.

Shamwell machte eine verwerfende Geste.

„Und was soll ich damit? Darauf onanieren?“, sein linker Mundwinkel kräuselte sich spöttisch, als die Agentin erst rot dann blass wurde. Sie war schlecht darin, ihre Impulse zu verbergen. Es wurde nicht besser, wenn das Gegenüber einem den Umstand unter die Nase rieb.

„Vielleicht tue ich Ihnen den Gefallen sogar, wenn sie lieb darum bitten. Aber nicht wegen dieser Beleidigung für die Augen.“

„Schluss mit diesen Spielchen! Wurden sie oder wurden sie nicht informiert, dass wir wegen eines Falls mit ihnen sprechen würden?“

Mit einer irritierend höflichen Geste bot er ihr den Schreibtischstuhl an. Claire hätte ihm selbigen am liebsten über den Kopf geschlagen. Das versuchte sie nicht mal zu verbergen. Sie würde den Teufel tun, wie ein kleines Kind zu ihm aufzuschauen, während er vor ihr stand!

Als sie keine Anstalten machte, sein Angebot anzunehmen, ließ sich Shamwell selber in den verschmähten Stuhl nieder und schlug ein Bein über das andere, während er sich mit der Antwort Zeit ließ.

„Mir wurde von meinem Anwalt mitgeteilt, dass Fräulein Brooks mit mir reden will. Und ich habe zugestimmt. Zugegeben, ich hatte auf einen erfreulicheren Grund für den Besuch gehofft, also habe ich ihm klargemacht, dass seine Anwesenheit überflüssig ist. Ich gestehe, dass mich der Rest des Gesprächs nicht sehr interessiert hat.“

„Erfreulicheren Grund …“, presste Claire ungläubig hervor.

„Verstehen sie mich nicht falsch, Fräulein Brooks“, lächelte er, die Hände ausbreitend. „Ihre Anwesenheit ist eine angenehme Abwechslung zu den Damen, die ihre Woche mit Sex mit einem quasi verurteilten Psychopathen würzen wollen. Sie würden sich wundern, wie viele geistlose Zuschriften und Heiratsanträge jemand wie ich bekommt.“

Claire starrte ihn fassungslos an. Nicht wegen dem nicht nachvollziehbaren Verhalten ihrer Geschlechtsgenossinnen, das war ein Thema für sich, sondern wegen Shamwells schamloser Andeutung, dass sie sich angemeldet hatte, um ein Schäferstündchen mit ihm abzuhalten.

„Sie sind ein widerliches, krankes Egoschwein! Ein Wunder, dass die Erde noch nicht angefangen hat, sich um sie zu drehen!“

Claire warf jegliche Diplomatie in den Wind. Verdammt, sie wollte nicht mal hier sein! Es war eine Farce!

„Wirklich ein Wunder, wenn sie mich fragen“, antwortete er ohne Ironie. „Übrigens, die Phrase, die sie suchen, ist ‚narzisstische Persönlichkeitsstruktur‘. Es befand sich in diesem Schundbrief eines Profilings im ersten Absatz.“

Ohne auf ihn zu antworten, packte Claire die Bilder grob zurück in die Hülle. Ihre ganze Haltung drückte aus, dass sie diese ganze Konversation bereits als gigantische Zeitverschwendung eingestuft hatte.

„Wie war ihr Name noch …?“, sinnierte Shamwell. „Ach ja, Sophia Hart. Hat sie nicht irgendeine ihrer ausgelutschten psychologischen Phrasen, die sie aus ihrem promovierten Ärmel schütteln kann? Würden ‚sexuell gestört‘, ‚möglicherweise verleugnete homosexuelle Impulse‘ und ‚traumatische Kindheitserlebnisse‘ nicht wunderbar für diesen Fall wiederverwertbar sein?“

Wortlos wandte sich Claire zur Tür, doch statt sich das Schloss öffnen zu lassen, fuhr sie noch einmal herum.

„Ihnen wird das Lachen noch vergehen, Shamwell. Die Kacke ist am Dampfen. Denken sie mal mit. Sie sitzen hier, und hier ist ein weiterer Mord mit der Handschrift des Gottes Künstlers. Zu was macht sie das, Herr Shamwell?“

Als hätte sie einen Schalter getroffen, wurde Shamwell ohne Vorwarnung zu einem explodierenden Bündel Wut, das so schnell an ihr war, dass nur ihre trainierten Reflexe verhinderten, dass sie sich ernsthaft verletzte, als er drohte ihre Kehle zwischen Tür Unterarm einzukeilen.

„ICH BIN KEIN TRITTBRETTFAHRER!“

Speichel sprühte ihr ins Gesicht. Warm und nass. Seine Stimme wurde schlagartig leise. Noch bedrohlicher.

„Glauben sie mir, Fräulein Brooks. Denken sie nicht mal diese Worte oder sie werden es bereuen …“

Eine Mischung aus Ekel und Triumph zog über ihr Gesicht. Sie rechnete sich hoch an, dass sie sich nicht die Blöße gab, über ihr Gesicht zu wischen.

„Das wissen wir beide. Ich wiederhole nur…“, presste sie hervor und stieß ihn zurück, als die Tür hinter ihr entriegelte, „was meine Vorgesetzten für Enteneier legen.“

Seine Wut schien einfach von ihm abzufallen wie eine zweite Haut.

„Gut, Fräulein Brooks. Ich mag es nicht, mich in Menschen zu täuschen.“

Die Tür wurde aufgerissen und zwei Wärter kamen in den Raum gestürmt.

Claire hielt sie mit einer Hand auf, während sie erst ihren Atem und dann ihre Fassung wiedererlangte.

„Nur ein Missverständnis. Ich habe alles im Griff.“

Die beiden Männer betrachteten sie zweifelnd, doch Shamwell stand bereits wieder in einem gebührenden Abstand und richtete seinen Kragen. Nachdem sie darauf bestand, zogen sich die Männer widerwillig zurück, allerdings nicht ohne ein „Wir bleiben in der Nähe“ im Raum hängen zu lassen.

Die FBI-Agentin nickte nur.

„Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte sie Shamwell trocken.

„Den infamen Gehirngespinsten der Stupiden“, half er weiter. „Erleuchten sie mich.“

„Es gibt von Anfang an Gerüchte über einen Mittäter und andere Ungereimtheiten, das wissen sie selber. Außerdem wirbelt Carter schon seit Wochen Dreck auf.“

Shamwells Gesicht verdüsterte sich.

„Nicht meine Worte“, erinnerte sie ihn, aber sein Missmut richtete sich diesmal nicht gegen sie.

„Ich arbeite alleine.“

„Man fragt sich derzeit, ob man den Falschen eingesperrt hat oder ob wir einen Nachahmer am Werk haben. Der Fall ist noch nicht an die Öffentlichkeit gegangen. Aus nachvollziehbaren Gründen“, fuhr sie fort.

„Ich kann sehen, wie das ihren bescheidenen Partner und ehemaligen Bettgefährten aus der Fassung bringen könnte. Er kann seine Kehrseite nicht von seinen Testikeln unterscheiden, wenn man seine Nase an selbige tackern würde.“

Claire lachte trocken auf. Shamwell lächelte sardonisch, aber mit den Gedanken nicht vollkommen bei der Sache.

Mit der Hand machte er eine auffordernde Geste.

„Zeigen sie mir das Bild ein weiteres Mal.“

Bereitwillig überreichte Claire ihm den Umschlag. Diesmal ließ Shamwell den Aufnahmen mehr seiner Aufmerksamkeit zukommen. Sie wartete.

„Auf den ersten Blick so ziemlich alles, was ich vorhin gesagt habe. Vielleicht zusätzlich dem Prädikat ‚pädophil‘ und natürlich ‚stümperhaft‘. Ich könnte mich geschmeichelt fühlen, wenn diese dilettantische Zurschaustellung von Inkompetenz nicht mein Werk mit Füßen treten würde. Er hat nicht verstanden, um was es geht.“

„Um was geht es denn?“, fragte Claire, ganz die Agentin.

„Die Botschaft, Fräulein Brooks.“

Sie verzog angewidert das Gesicht. „Ich sehe keine Botschaft. Weder in dem Einen, noch in dem Anderen.“

„Wir beide wissen es besser, aber das tut im Moment nichts zur Sache.“

„Das ist keine Kunst, das ist abartig!“, explodierte sie, wütend darüber, dass er sich erdreistete ihr Meinungen in den Mund zu legen.

Shamwell seufzte und warf ihr das Halblächeln eines Erwachsenen zu, der ein tobendes Kind vor sich hatte.

„Umso genialer der Künstler, umso größer seine Verkennung durch die Massen. Wenn es einen Gott gibt, gibt es nur einen, der sein Werk vervollkommnen kann. Und das ist nicht diese verblendete Person, die glaubt an meinem Ruhm teilhaben zu können. Ich werde ihnen helfen, Fräulein Brooks“, sagte er.

2.   Endlosigkeit eines Egos

„Wir haben eine Anfrage durch das FBI. Das ist unter den Umständen eine gute Gelegenheit, die wir nicht verschwenden sollten. Wenn wir etwas haben, was sie wollen, können wir verhandeln.“

Carters Stimme war so aalglatt und korrekt wie sein Auftreten. Sie kroch einem ins Ohr, wie der Wurm, der er war. Zumindest in Shamwells Augen. Doch Carter hatte seinen Nutzen, auch wenn er dazu neigte, im dreisten Übereifer seine Kompetenzen zu überschreiten.

„Nicht interessiert.“

Das Gespräch langweilte ihn jetzt schon. Wie der Großteil der Menschheit in der Lage war, ihren Alltag mit derart schnöden Nichtigkeiten zu verschwenden, war ihm ein Rätsel.

„Gibt es keine Anfragen für Reportagen?“, fragte er, sich eines seiner Ölbilder als Fixpunkt seines Blickfeldes suchend. Die Bilder stammten aus einer Zeit, als er noch auf der Suche nach dem passenden Medium seines künstlerischen Ausdrucks war.

„Shamwell, ich kann wirklich nur empfehlen …“, kratzte Carters Stimme mit mehr Nachdruck an seinem Trommelfell.

Shamwell ließ ihn einfach weiterreden. Es interessierte ihn selten, was seine Umwelt zu sagen hatte, aber er hatte gelernt, den gegenteiligen Eindruck zu erwecken, wenn es von Nutzen war oder ihm nutzloses Geschwätz ersparte.

In diesem Fall traf beides nicht zu.

Carters verbaler Erguss drang über ein hoffnungslos veraltetes Telefon zu ihm, das noch an einem Kabel hing. Vielleicht weil man hoffte, ein paar der Häftlinge würden sich, angesichts des geistlosen Geschwätzes, das durch die Muschel schwallte, selber erdrosseln und so den Steuerzahler entlasten.

Seine Gedanken trifteten weiter zu seinem nächsten psychologischen Gespräch. Er hatte sich ein kurzweiliges Gespinst aus Lügen gestrickt, um den klischeehaften Erwartungen seiner eingefahrenen Kopfklempner vollkommen gerecht zu werden.

Erst hatte er sich schwierig gezeigt, dann in einem theatralisch meisterlichen, tränenreichen Durchbruch von allerlei erfundenen Misshandlungen in der Kindheit erzählt und wie das Auseinandernehmen von Puppen ihn in seinem Unglück getröstet hatte.

Seine Vorzeigeeltern würden es ihm nachsehen.

Sein Vater war eine zweidimensionale Person mit der Präsenz und dem Pflichtbewusstseineiner Ameise. Bedauerlicherweise war er ein besserer Arbeiter als Autofahrer gewesen. Seine Mutter war schon lange tot und nachdem sie sich gegen Ende selbst im Bett nicht mehr ohne Hilfe drehen konnte, würde sie es auch im Grab nicht mehr anfangen.

Ein ferner Name zündete den Funken eines Interesses bei ihm.

„Wer will noch mal kommen?“, fragte er.

„Wie ich gerade sagte …“, wiederholte Carter ergeben, „Agentin Brooks hat sich angemeldet.“

Shamwells gelangweilte Haltung fiel von ihm ab, als ein Kitzel erregten Interesses durch seine Nerven schoss. Warum Carter nicht einfach von Anfang sagen konnte, was von Interesse war, anstatt so viel Zeit mit Geschwätz zu verschwenden!

Claire Brooks … die dunkelblonde Agentin mit Pferdeschwanz und einem Blick in den Augen, der die Welt schon lange nicht mehr durch eine rosarote Brille sah. Sie war am Anfang ein Nichts am Rande seiner Wahrnehmung gewesen. Nicht mehr als ein rostiges Rädchen im Ermittlungsgetriebe. Weder bemerkenswert, noch in irgendeiner Art beachtenswert, sah man von dem Umstand ab, dass sie ihm gegenüber vom ersten Augenblick eine greifbare Abneigung an den Tag legte.

Bemerkenswert, wenn man sah, wie gerne und leicht sich Menschen normalerweise von sozialen Masken ablenken ließen. Man konnte fast glauben, sie wollten ausgenutzt werden. Trotzdem war Claire zu diesem Zeitpunkt keine ernst zu nehmende Persona für ihn gewesen. Es war nicht ihre Schuld. Es war schlichtweg eine Qualität, die sie sich mit der restlichen Masse der Menschheit geteilt hatte.

Das erste Mal war sie ihm aufgefallen, als sie vor seinem Kunstwerk ‚Abort‘ gestanden hatte. Während selbst hart gesottene Kriminologen um die Plätze an der frischen Luft wetteiferten, hatte sie nur blass und unmerklich schwankend vor dem Kunstwerk gestanden wie eingefroren. Selbst zu diesem Zeitpunkt war sie für ihn nicht mehr als ein Hund gewesen. Aber zumindest einer, der ihm flüchtige Zufriedenheit brachte. Er wusste, seine Fans zu schätzen, wie jeder gute Künstler.

Erst an dem, bedauerlicherweise buchstabengetreu nach Drehbuch verlaufendem Spektakel, um sein Ausstellungsstück ‚Festmahl‘ hatte er sich die Zeit genommen, sie wirklich wahrzunehmen: Claire Brooks, die ihm ohne Rücksicht auf Umwelt oder Folgen ins Gesicht knurrte, dass sie ihn im Auge hatte.

Nach einem spontanen Adrenalinstoß der süßesten Sorte, hatte er ihr beiläufig die Information zukommen lassen, dass ihr Partner, Simon Onelli, eine Affäre mit Irene Cooper, der Tatortfotografin, am Laufen hielt.

Brooks war zu seiner Überraschung und unsagbarer Begeisterung fluchend herumgewirbelt und hatte erst der Frau und dann ihrem Partner ein Veilchen verpasst, das sich sehen ließ. Ein Schauspiel absolut ungebremster Direktheit, die jegliche Disziplin oder Umsicht missen ließ und für das sie sich einem Disziplinarverfahren stellen musste.

Schlussendlich hatte man, zu Shamwells stiller Freude ein mahnendes Einsehen. Einerseits wegen ihrer ansonsten tadellosen Arbeitsleistung und dem Umstand, dass die Affäre sich als nachweisbarer Fakt herauskristallisierte.

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