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Gott will uns tot sehen

Über den Autor

Dimitrij Wall wurde 1986 in Kasachstan geboren. Nach seinem Hauptschulabschluss besuchte er zunächst die höhere Handelsschule, um dann an der Fachoberschule für Wirtschaft sein Fachabitur nachzuholen. Nach dem Abbruch des Studiums der Wirtschaftspädagogik zog es ihn nach Berlin. Zuletzt war er freier Autor bei Vice.

Über das Buch

Mein Herz war in Ordnung, es raste vor Wut.

Da saßen wir, aufgemischte Aus­siedlerkinder mit blutigen Nasen und geschwollenen Lippen, auf einem Bordstein im matten Bielefeld, tausende Kilometer westlich des Urals, der Felsenmauer, hinter der wir nie hätten hervorkommen sollen. Aber wir waren weiter gekommen als die Truppen Dschingis Khans.

Dimitrij Wall erzählt vom Rand der Gesellschaft, vom Kampf gegen die Machtlosigkeit und vom Sinn des Träumens.

Er erzählt von der Welt, in der wir leben und die wir doch alle so unterschiedlich wahrnehmen. Eine Welt, in der zwei Brüdern der Einlass zum Schulfasching verwehrt wird, weil ihnen das Eintrittsgeld fehlt und der ältere auf die Frage »Ist eine Mark viel?« des jüngeren antworten muss: »Ja, eine Mark ist viel.« Eine Welt, in der du ein Handy für einen Euro bekommst, die guten Gespräche aber unerreichbar scheinen.

Dimitri hat ein Scheißleben. Mit dem Tod der Mutter ist die Familie auseinandergebrochen. Er schlägt die Zeit tot, er kifft, starrt stunden-, tagelang an seine Zimmerdecke, und manchmal liest er. Puschkin, Gogol, Dostojewski. Doch neben der russischen Literatur hat ihm seine Mutter etwas Wichtiges hinterlassen: den unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Er nimmt Ausbeuterjobs in Fabriken an, eine erniedrigende, harte Zeit beginnt, doch Dimitri ist wütend und selbst bewusst, er macht keine Kompromisse. In einem Handyladen macht er eine Ausbildung, das Schlimmste scheint überstanden. Aber er muss bald erkennen: Ein Anzug ist noch keine Garantie für ein gutes Leben.

Ein wütendes Debüt über die deutsche Wirklichkeit, eine eindringliche Milieustudie, ein entlarvendes Gesellschaftsporträt.

Dimitrij Wall

titelseite

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Früher war da ein Mensch, der redete, lachte und weinte, und jetzt waren da nur noch ein Stein und etwas Erde, auf der bunte Blumen wuchsen. Wir glauben unser Leben lang, dass wir etwas Besonderes sind, und am Ende werden wir von Maden gefressen. Ein Tropfen fiel mir auf die Hand. Ich schaute nach oben, der Himmel verdunkelte sich, Gewitterwolken zogen heran. Ich ging zurück zum Auto und fuhr zur Arbeit.

Meine Mutter war seit fünf Jahren tot, und ich arbeitete in diesem Laden, verkaufte Telekommunikation und meine Seele. Auch an jenem verregneten Montagmorgen, als dieser Mann in den Laden stürmte und mich anbrüllte: »Zweitausend Euro! Ich werd’ das nicht bezahlen! Sicher nicht, ihr Bonzenärsche! Keinen Cent werdet ihr Juden von mir bekommen!«

Er musste wahnsinnig sein. Ich verdiente, wenn es hoch kam, tausend Euro im Monat und war Agnostiker.

»Das ist mir völlig egal«, erwiderte ich und wandte mich dem Pokerspiel auf meinem Computer zu. Für einen Augenblick schien er sich im depressivblauen Verkaufsraum zu verlieren. Dann brüllte er wieder los:

»Jetzt hör mal zu! Ich hab diesen Vertrag bei euch gemacht, und die kleine Blonde hinterm Tresen hat mir versprochen, dass ich nie mehr als 25 Euro pro Monat dafür zahlen muss!«

Er hatte Glück, dass ich nur eine durchschnittliche Hand bekam. Ich passte und pausierte das Spiel.

»Kleine Blonde haben mir auch schon so einiges versprochen«, sagte ich.

Er verstummte für einige Sekunden und stammelte schließlich: »Ich dachte ja nur …«

»Ja, das ist euer Problem. Ihr denkt alle nur. Zeig mal her den Mist.«

Behutsam breitete er die Rechnung auf dem Tresen aus. Seine tätowierten, leicht verdreckten Hände zitterten und offenbarten eine wilde Jugend. Die Rechnung war nicht nur fast doppelt so hoch wie zwei meiner Monatsgehälter, sie war auch mit lauter Blut- und Fettflecken bespritzt. Dieser Mann musste die Kontrolle über sein Leben längst verloren haben, vielleicht hatte er sie auch noch nie gehabt, aber jetzt hatte er auf jeden Fall ein paar zweifelhafte Abos.

»Du hast lauter Abos heruntergeladen«, erklärte ich ihm.

»Was für Abos? Was ist das? Ich benutze dieses Scheißhandy nicht. Meine Freundin telefoniert damit.«

Noch ein Schwachsinniger, der in der Gosse landen würde, weil er Verträge für andere Schwachsinnige abgeschlossen hatte. Aber mit der Gosse schien sich dieser Nikolaj Schneider ohnehin bereits auszukennen – das verrieten sein hochprozentiger Atem und die schmutzige Kleidung. Das Kruzifix aus rotem Gold war vermutlich ein Erbstück und sicher sein letztes Vermögen.

»Alles was ich für dich tun kann, ist, die Abos zu kündigen. Das Geld wirst du bezahlen müssen.«

Seine Pupillen weiteten sich. »Einen Dreck werde ich tun! Keinen Cent wirst du von mir bekommen, du Pisser in deinem billigen Anzug!«

Ich wandte meinen Blick wieder dem Pokerspiel zu. Ich hatte eine gute Hand. Zwei Damen. Damit kann man arbeiten, dachte ich. Nikolaj fluchte, fuchtelte mit den Armen, schnappte sich die Rechnung und riss sie in Stücke. Dann verließ er wutschäumend den Laden und versuchte dabei, die Tür zuzuknallen. Aber sie war gefedert, und ich verlor gegen eine Straße. Ich hatte schon schlimmere Jobs.

Die Sonne spiegelte sich auf dem glatt polierten Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone, und ich saß im Schaufenster und schaute den Leuten beim Einkaufen zu. Ich wollte, dass es regnete.

In der Mittagspause kam Wladimir vorbei. Ich verriegelte die Ladentür, und wir legten uns auf die Sofas im hinteren Teil des Ladens, um einen Joint zu drehen. Das Gras war wirklich stark, also holte ich noch ein bisschen von dem Sekt, den mein Chef für die Kunden gekauft hatte. Wladimir erzählte mir, was er alles hatte stehlen können.

»Ich hab vorhin zwei Fernseher im Wald versteckt. Nach der Arbeit hole ich sie ab. Willst du einen?«

Ich nahm einen großen Schluck aus der Sektflasche und reichte sie ihm. Fernseher konnte ich nicht mehr ertragen.

»Nein. Das wäre doch schon der zweite. Gib ihn jemand anderem.«

»Wie du willst«, sagte er und deutete auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Ist die nicht schön? Auf der Verpackung stand: ›Für den besten Enkel der Welt, meinen geliebten Patrick‹.«

Ich griff wieder nach der Flasche und nahm noch einen Schluck. Man musste nur oft genug zu kurz kommen, bis man anfing, sich zu holen, was man brauchte, dachte ich und sagte dann:

»Ja, kann sich wirklich sehen lassen.«

Er nahm sie ab und reichte sie mir. Sie hatte ein goldenes Gehäuse mit Glasboden, durch den man das automatische Uhrwerk bestaunen konnte, und ein schwarzes Lederarmband, das sich auf der Rückseite wunderbar samtig anfühlte. Sie musste einige tausend Euro wert sein. Keine Ahnung, wieso Leute so etwas mit der Post verschickten.

Nachdem Wladimir verschwunden war, nickte ich ein. Von einem ungeduldigen Klopfen wurde ich geweckt. Vor dem Laden wartete schon der nächste Kretin. Nur dass dieser hier einen Anzug trug und so was wie ein Verkaufscoach war, den die Zentrale geschickt hatte, damit ich nicht vergaß, warum ich eigentlich dort war.

»Dimitri«, schleimte er, »schön, dich zu sehen!«

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Ben.«

»Wie laufen die Geschäfte?«

»Die Geschäfte?«

»Frank sagt, dass du in letzter Zeit kaum was verkauft hast. Woran liegt’s?«

»Vielleicht am Internet. Oder an den Leuten. An mir jedenfalls nicht, ich hatte schließlich einen der besten Ausbilder, nicht wahr?«

Ben fühlte sich offensichtlich geschmeichelt, wusste aber nicht, was er erwidern sollte. Darauf hatten sie ihn nicht vorbereitet, die Wirtschaftspsychologen dieses Milliardenkonzerns.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis der erste Kunde das Geschäft betrat. Ein Mann in den Vierzigern, Schnurrbart, und so interessiert, dass er nur pleite sein konnte, vermutlich auch einen Schufa-Eintrag hatte. Ben begann sofort, auf ihn einzureden, gab sich richtig Mühe, ihn von einem Mobilfunkvertrag samt Flatrate und überteuertem Handy zu überzeugen. Innerhalb von nur ein paar Minuten hatte er den Mann so weit. Ben war ein wahrer Profi, der selbst vermeintlich bedürfnislosen Menschen und Nonkonformisten ein Handy hätte verkaufen können. Die beiden gingen zum Point of Service (den man in diesem Unternehmen so nannte, weil man sich dann wichtiger fühlte) und begannen, sich mit falscher Freundlichkeit zu überhäufen. Ben gab die Kundendaten ins System ein, lächelte affektiert und bat mich, das Handy aus dem Lager zu holen. Er hatte es mir gezeigt, nur so konnte es laufen, so verkaufte man richtig. Sein Studium und sein Designeranzug machten ihn zum Gewinner. Ich dagegen war nur ein Stück abgestandene Scheiße in einem Anzug von C&A und würde darin bald vor dem Jobcenter stehen. Ich brachte ihm also das Handy, und wir drei warteten schweigend auf die Auftragsbestätigung. Dann kam sie, die Vertragsablehnung. Negativer Schufaeintrag. Es fühlte sich gut an. Ben begann, den Mann aus dem Laden zu ekeln. In seinen Augen konnte ich erkennen, dass er eine verwöhnte Kindheit gehabt haben musste. »Sie haben eine negative Bonität, Herr Frese. Ihr Auftrag wurde leider abgelehnt«, sagte er, während er nach dem Handy griff, das er bereits aus dem Warenwirtschaftssystem gebucht hatte. Der Kunde steckte seinen Ausweis ein und verließ beschämt den Laden. Bonität war das neue Karma. Kapitalismus ließ einfach keine Fehler im Umgang mit Geld zu. Ich schaute wieder zu Ben rüber. Der Mann, der mich in die Welt der Verkaufspsychologie einführen sollte, war gescheitert.

»Beim nächsten Mal klappt’s bestimmt«, ermunterte ich ihn.

Ben warf mir einen gekränkten Blick zu, aber der ließ mich kalt. Und so versuchte er es wieder mit Professionalität. »Ich möchte, dass du den nächsten Kunden übernimmst.«

»Sehr gerne.«

Wir warteten über eine Stunde, doch es wollte einfach niemand mehr das Geschäft betreten. Alles spielte mir in die Karten, und ich dachte: Ha! Mir könnt ihr diese Flaute nicht in die Schuhe schieben – als Ben auf die Idee kam, dass ich doch vor dem Laden Flyer verteilen könnte.

»Mal ehrlich, Ben. Dafür bezahlt ihr doch Promoter. Zumindest in anderen Filialen.«

Ben hatte genug. Sichtlich angefressen griff er sich sein Notizbuch und schrieb irgendeinen Satz rein, der auf »mangelnde Einsatzbereitschaft« endete. Dann warf er sich seine Londoner Messenger Bag über die Schulter und wünschte mir einen angenehmen Feierabend. Ich schaffte es gerade noch, ihm hinterherzurufen: »Grüß Frank von mir, Ben!«

Hin und wieder ließ sich Fred blicken. Er war mal eine große Nummer gewesen, damals in den Achtzigern, bevor er gesessen hatte, ihm die Zähne ausfielen, sich seine Haut in Falten legte. Wofür Fred einsitzen musste, habe ich nie erfahren. Darüber verlor er kein Wort. Es musste etwas mit Raub oder Betrug zu tun gehabt haben, was weiß ich. Für Mord oder Vergewaltigung war er jedenfalls zu deprimiert. Er brachte mir eine Cola, und wir unterhielten uns.

»Du siehst nicht gut aus, Junge«, sagte er. »Irgendwie erschöpft.«

Ich blickte zum Schaufenster raus.

»Vielleicht solltest du den Job hier kündigen?«

»Und wer bezahlt dann meine Rechnungen?«

»Ach, papperlapapp. Die besten Dinge im Leben bekommt man kostenlos. Hat dir das deine Mutter nicht gesagt?«

»Meine Mutter ist tot.«

»Das tut mir leid.«

»Ist ja nicht deine Schuld.«

»Was ist mit deinem Vater?«

»Keine Ahnung.«

Jetzt blickten wir beide zum Schaufenster raus.

»Die Jungs, die drinne so ausgesehen haben, haben es nicht geschafft.«

»Hm. Wie hast du’s eigentlich geschafft?«, wollte ich wissen.

»Kreuzworträtsel, Hesse und ein bisschen wichsen.«

Wir lachten kurz.

»Mal im Ernst. Ich hab viel Scheiße gebaut in meinem Leben. Ich hab Menschen …«

Seine Augen wurden glasig, als Nächstes würden Tränen folgen. Wie konnte er nur? Wieso brachte er mich in Verlegenheit? In dem Moment, in dem er weiterreden wollte, betrat ein Kunde den Laden.

»Hallo. Haben Sie hier auch PCs?«, fragte er.

»Nein. Nur Handys.«

»Aha. Sie sehen aus wie ein Elektronikmarkt.«

»Bitte gehen Sie. Sehen Sie nicht, dass ich Kundschaft habe?«

»Das ist ja wohl … Ich kann’s nicht … So was habe ich noch …«, plärrte er, während er wieder zur Tür rausging.

»So Fred, entschuldige. Was wolltest du eben sagen?«

»Ach, sieh mich an …«

»So übel siehst du gar nicht aus. War schon mal schlimmer.«

»Mag sein. Aber die beste Zeit hab ich hinter mir.«

Er machte wieder eine Pause. Was auch immer er sagen wollte, es fiel ihm sichtlich schwer.

»Junge, du solltest nicht den Fehler machen, das Leben einfach so hinzunehmen.«

»Es gibt keine Fehler. Es gibt nur Konsequenzen.«

»Egal, was es gibt oder nicht. Hör auf, deine Zeit zu vergeuden. Eröffne ’ne kleine Bar in der Karibik, such dir ein süßes Mädel, das dich liebt, und, na ja, steck von Zeit zu Zeit einen weg.«

Ein weiterer Kunde betrat den Laden.

»Guten Tag. Bekomme ich hier auch Druckerpatronen?«

Ich sah ihn kurz an und wandte mich dann ab.

»Die Karibik ist sicher schön, wenn man sie bezahlen kann.«

»Schon wieder kommst du mir mit deinem Geld. Ein Flugticket wirst du dir ja wohl noch leisten können«, meinte Fred.

»Hallo! Ich habe Sie was gefragt«, unterbrach uns der Kunde erneut.

»Warum gehen Sie nicht einfach?«, fragte ich ihn.

Der Mann machte einen erbosten Eindruck und stampfte zum Ausgang.

»Wenn du auf Provisionsbasis arbeitest, kommst du hier nie raus«, scherzte Fred.

»Weißt du, Fred, meine Mutter hat Chemie studiert und anschließend Bomben für die Sowjetunion entwickelt. Sie hatte kein sehr gutes Leben, obwohl sie die einzige Akademikerin der Familie war, und sie hat immer gesagt:

›Ich hab dich nicht in die Welt gesetzt, damit du schuftest. Geh studieren, solange ich noch lebe. Wenn ich sterbe, dann wirst du es nicht mehr können. Euer Vater wird euch hängenlassen.‹ Dann musste sie weinen. Ich hab das früher nicht verstanden.«

Wir schauten einen Moment lang zu Boden.

»Sag mal, Fred, hast du eigentlich jemanden? Also ich mein’ Familie?«

»Nein. Niemanden. Zumindest niemanden, der mich vermisst.«

Wir nahmen einen Schluck von unseren Colas und schwiegen noch eine Weile. Dann kam der nächste Kunde in den Laden. Er wusste, dass ich Handys verkaufte, und wollte eines von ihnen haben. Ich bat Fred, kurz zu warten, doch er bestand darauf, zu gehen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Der Antiquitätenhändler aus dem Nachbarladen erzählte mir einige Tage später, dass sie Fred in seiner Wohnung gefunden hatten. Er hing an der Decke.

Nikolaj lebte noch. Mindestens einmal die Woche kam er in den Laden, um einen Teil seiner Rechnung zu begleichen oder einfach nur, um zu reden. Inzwischen hatte er sich gefangen und war ziemlich gut auf mich zu sprechen. Er erzählte mir sogar von seinem Geheimnis: »Eigentlich bin ich Beamter«, sagte er. »Lebensmittelkontrolleur. Aber momentan bin ich krankgeschrieben. Ich trinke. Doch die nennen das Alkoholkrankheit. Ich nenne es lieber Trinken. Ich spiele auch Gitarre. In Russland hatte ich meine eigene Band. Aber die anderen Jungs sind alle dortgeblieben. Keine Ahnung, was aus ihnen geworden ist.«

»Du bekommst also Geld fürs Trinken, versteh ich das richtig?«

»Ja, ich bin eigentlich Künstler. Ich male«, gab er zurück.

»Und was bekommst du so dafür?«

»Deutschland ist ein gutes Land. Hier kannst du trinken und Geld verdienen. In Russland musst du dich für eine Sache entscheiden«, sagte er, zog einen kleinen Flachmann aus seinem langen, schwarzen Mantel, der ein bisschen nach Erbrochenem müffelte, und bot mir einen Schluck an. Das Zeug schmeckte fürchterlich, aber es wirkte.

»Ich hab ’ne Freundin«, fuhr Nikolaj fort, nachdem auch er sich einen ordentlichen Schluck genehmigt hatte, »sie war früher eine Prostituierte. Na, eigentlich ist sie es immer noch, sie nimmt bloß kein Geld mehr. Jedenfalls kann sie lauter Kunststücke. Sie hat auch eine Tochter. Ein ziemlich nettes Mädchen. Wir treffen uns heute Abend bei mir. Wie sieht’s mit dir aus? Interesse?«

»Ich überleg’s mir.«

»Sieh dir diesen überheblichen Narren an«, sagte Nikolaj jetzt.

Draußen schlenderte ein Mann mit grauem, zurückgegeltem Haar, weißem Hemd und Tweedjacket am Laden vorbei und winkte durchs Schaufenster. Es war der Antiquitätenhändler, der beschloss, hereinzukommen.

»Mensch, Nikolaj! Wie geht es dir?«, fragte er.

»Ach«, sagte Nikolaj und drehte sich weg.

Aber Hoffmann ließ sich nicht abwimmeln. Er löcherte Nikolaj mit einem ganzen Repertoire an dämlichen Fragen. Was macht die Arbeit? Wie geht’s der Familie? Ihr habt euch scheiden lassen? Schnell hatte Nikolaj genug und verschwand.

»Kommt der hier öfter vorbei?«

»Ja, gelegentlich.«

»Um den solltest du einen großen Bogen machen. Er ist Alkoholiker. Manchmal sitzt er in der Fußgängerzone und spielt stundenlang Gitarre – alles auf Staatskosten. Und das als Russe! Noch mehr von denen und wir können einpacken.«

»Meine Mutter war Russin.«

»Ja, aber du bist anders und willst arbeiten«, erklärte er.

»Hör zu«, sagte ich, »ich muss hier jetzt weitermachen. Hab noch eine Menge zu erledigen.«

»Na schön. Sag Bescheid, wenn ich was für dich tun kann. Ich helfe gern.«

Ich versuchte, mich mit Poker abzulenken. Dann ging ich in den Supermarkt, wo diese hübsche Kassiererin arbeitete, die mir immer schöne Augen machte, und kaufte eine Flasche Weißburgunder.

Frank hatte ein Riesenhaus. Frank hatte einen SUV. Frank hatte ein Cabrio, ein Quad, ein Motorrad, zahlreiche Fahrräder. Frank hatte eine Frau mit stattlichem Arsch. Auch hatte er einen Schrank voller Gewehre. Frank hatte in diesem Leben so ziemlich alles. Frank, das war mein Boss. Also der Mann, der dafür sorgte, dass ich einen Job hatte und mir allerhand Zeug kaufen konnte. Zuweilen lud er mich in sein Traumleben ein, um mich zu motivieren, mich zu einem besseren Verkäufer und Menschen zu machen. Diesmal saßen wir in seinem persönlichen Traumwohnzimmer. Im Fernseher lief eine verblödete Castingshow, und seine Frau servierte eiskaltes Bier aus der hauseigenen Zapfanlage, geräucherten Schinken und Käsehäppchen. Es dauerte nicht lange, bis er zur Sache kam.

»Der Laden steckt tief in den roten Zahlen, Dimitri. Was ist da los?«

»Ich weiß es nicht, Frank. Ich arbeite so hart ich kann.«

»Den Laden habe ich nur wegen dir eröffnet. Er sollte dein Baby sein.«

Natürlich. Nur wegen mir, aber sicher doch, dachte ich. Und dann sagte ich es einfach:

»Weißt du, Frank, um ehrlich zu sein, will ich das alles nicht mehr. Ich höre auf. Vielleicht gehe ich studieren oder auf Reisen. Mal schauen, vielleicht mache ich ganz was anderes.«

»Studieren? Du hast doch gar kein Abitur. Und wie stellst du dir das vor, so ganz ohne Geld?«

»Geld ist mir egal, Frank. Ich will frei sein. Ich will noch was erleben. Ich bin Anfang zwanzig.«

Wir nippten an unseren Bieren. Dann fuhr mein Boss fort:

»Ich denke, es wäre gut für uns beide, wenn du mal ein bisschen Urlaub machst. Wie lange bist du jetzt alleine im Laden? Zwölf Monate? Kein Wunder, dass es mit dir durchgeht. Und wenn du wiederkommst, dann reden wir noch mal darüber. Was denkst du?«

Was für Chefs gut ist, ist für Arbeitnehmer Genitalherpes, dachte ich. Trotzdem ließ ich mich auf sein Angebot ein. Ein bisschen Urlaub würde sicher nicht schaden. Ich könnte die Zeit nutzen, um meine Gedanken zu ordnen und zu entspannen. Was war ich doch für eine armselige Kreatur. Alles, was ich besaß, war Freiheit, und die verkaufte ich für einen mickrigen Tausender. Aber nur vierhundert davon waren offiziell, den Rest zahlte mir Frank schwarz aus. Ich nahm es mir am Monatsende aus der Kasse und verbuchte es als Privatentnahme. So hatten Frank und ich es einmal vereinbart. Natürlich nur für die Anfangszeit, die jetzt schon beinahe ein ganzes Jahr dauerte und wahrscheinlich noch zehn weitere Jahre dauern würde, wenn es nach Frank ginge. Ich hatte aber die Befürchtung, dass er mich irgendwann hängenlassen würde, und war daher ziemlich skeptisch, was meine zukünftige Entlohnung anging. Vor allem war ich es jetzt, da Frank nun wusste, dass ich keine Lust mehr auf den Job hatte. Ich wiederum wusste, dass er meinen Urlaub dafür nutzen würde, sich ein detailliertes Bild von der Situation im Laden zu verschaffen, um mir nach Möglichkeit einen Strick daraus zu drehen. Seine wohlhabende Visage verriet es.

Wir tranken noch einige Biere und machten etwas Smalltalk. Dann verabschiedeten wir uns voneinander, und ich fuhr zurück zur Filiale, um die Spuren meiner Mittagspausen zu beseitigen und mir etwas Geld aus der Kasse zu nehmen, damit ich während des Urlaubs liquide war. Ich nahm fünfhundertfünfzig Euro und schrieb: Dimitri, Juli, Privatentnahme.

Wir waren auf dem Weg zum Fusion-Festival und legten irgendwo zwischen Bremen und Hamburg einen kurzen Halt ein, um zu tanken. Während sich die Mädels frisch machten, baute Alex einen massiven Joint und bot mir ein paar Züge davon an. Dass auch ein bisschen Koks den Weg in die Tüte gefunden hatte, erzählte er mir aber nicht. Schon ging es los. Das Zeug begann mir zuzusetzen. Nervosität machte sich breit, die schnell, schnell, immer schneller in Panik umschlug, während wir mit 150 die Autobahn entlangfuhren und Jill und Linda redeten und redeten und nicht aufhören konnten zu reden, und die Bäume, die angsteinflößenden LKWs vorbeiflogen; sie flogen uns entgegen, es musste jeden Augenblick so weit sein, wir würden sterben, ich würde sterben, mein Herz, mein Herz würde aufhören zu schlagen, für immer. Aber es schlug doch, und es schlug heftig, ich konnte es in meinem ganzen Körper fühlen, der jetzt kein einfacher Körper mehr war, er war eine Waffe, eine Waffe, die meinem Bewusstsein mit Artilleriefeuer einheizte, und ich konnte das nicht mehr lange aushalten. Ich rutschte auf dem Sitz hin und her, ich öffnete das Fenster, schnappte nach Luft, fraß Fliegen, Motten, Mücken, lachte, lachte laut, und dann – endlich – war es geschafft, ich war besiegt, ich fügte mich diesem Stoff, ich wurde eins mit ihm, und meine Haut war samtig, und meine Augen waren schwer und träge, und das Leben war schön, und ich war nicht allein, und wir fuhren Spaß haben, tanzen, schwimmen, fühlen, wir fuhren dem Paradies entgegen, und wir waren jung, unsterblich und geil, wir waren die letzten Menschen, ja, genau das waren wir, und jeder konnte es wissen und jeder, der es nicht verstehen würde, war nichts weiter als ein Roboter, ein Zahnrad im großen System des Materials – zum Glück gab es uns.

In der Ferne konnte man erste Lichter erblicken. Es war bereits dunkel, als wir Lärz erreichten, und die Wirkung der Kokatüte war längst abgeklungen. Eine endlose Kolonne Blech bahnte sich ihren Weg zu den Toren des Festivalgeländes, einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz. Die Fusion war eine politisch motivierte Veranstaltung, sogenannte Ferienkommunisten hatten sie ins Leben gerufen. Mittlerweile schien es in diesem Land sogar den Kommunisten ziemlich gut zu gehen. Einige fuhren Mercedes, Audi, BMW. Andere hatten Wohnmobile, so groß wie Häuser. Aber egal, wir waren nicht hier, um Politik zu machen. Wir wollten uns gehen lassen, uns Drogen einschmeißen und tanzen. Also gab mir Alex eine der grünen Mickeymäuse, und während ich mir ernstzunehmende Hoffnungen auf einen grandiosen Rausch machte, verging etwa eine Stunde, in der nichts passierte, weder auf dem Weg zum Festival noch in meinem Bewusstsein.

Neben uns hielt ein alter Wohnbus. Auf dem Dach waren Lautsprecher angebracht, die psychedelische Klänge freisetzten. Die Mühle war voller Neo-Hippies, solchen Leuten, die die ganze Welt bereist und barfüßig auf Feldern getanzt hatten, während ich aus dem Schaufenster geschaut und nichts empfunden hatte außer Leere; einer beängstigenden Leere. Sie winkten uns zu, und einer von ihnen, ein schlaksiger, bärtiger Kerl mit freiem Oberkörper und Dreads, kam aus dem Bus heraus und bot uns ein paar Züge von seiner Tüte an. »Hey, Freunde. Wie geht’s?«, fragte er. »Sehr gut«, erwiderte Alex, noch bevor ich begriffen hatte, dass der Kerl eine Frage gestellt hatte. Mich hatte es wieder voll erwischt. Aber diesmal weitaus angenehmer. Ein Kribbeln lag auf meinem Gesicht und verdrängte alle Sorgen, machte mich glücklich und beschwingt. Jill und Linda schien es ähnlich zu gehen. Sie saßen auf dem Rücksitz und fassten sich an, streichelten sich über die Haut und durchs Haar. Die Es hatten also ihren Job angetreten, und der bärtige Acid-Freak lehnte immer noch an Alex’ Tür. Ich konzentrierte mich auf seine Lippenbewegungen, die mich an die eines Fisches erinnerten.

»Ihr verfügt nicht zufällig über die nötigen Papiere?«, fragte er jetzt.

»Was? Nein, nein. Mit so was haben wir nichts zu tun«, sperrte sich Alex.

»Und irgendwas anderes?«

Alex zögerte einen Augenblick. Doch dann bot er ihm ein paar von den Es an. Ich diente ihm dabei als Testimonial: »Schau ihn dir an. Er steht für die Qualität«, sagte Alex und grinste. Ich muss ziemlich überzeugend gewirkt haben, denn unser neuer Freund wollte gleich zehn Stück kaufen. Er bot uns an, das Geschäft im Bus abzuwickeln.

»Du bist der Kaufmann. Du solltest rübergehen«, meinte Alex und drückte mir das Tütchen mit den etwa zweihundert Placebos in die Hand. Jetzt musste ich sogar schon im Urlaub arbeiten. Ich ging also, oder segelte vielmehr, in ihre rollende Burg. Ich hatte ihn nie gesehen, aber ungefähr so muss der Bus in Boyles’ »Drop City« ausgesehen haben, zumindest stellte ich ihn mir so vor; bunte Vorhänge, allerhand Aufkleber und Malereien und so ein Zeug. Drinnen erwarteten mich sechs, vielleicht auch sieben von diesen Freaks. Die meisten trugen Bärte, darunter auch eine Frau. Sie wirkten, als hätten sie noch nie Probleme gehabt, als hätten sie sich nie die Hände schmutzig gemacht oder sich geprügelt. Es waren verhätschelte Blagen. Aber ich hatte jetzt professionell zu sein und den Deal abzuwickeln. Ich holte den radioaktivgrünen Beutel hervor, und diese Freigeister wurden ein bisschen nervös. Scheiße, dachte ich, vielleicht waren es ja Zivis? Dann wäre jetzt sowieso alles zu spät.

»Also, einer von euch Bärten wollte mir zehn davon abkaufen. Was ist jetzt?«

»Willst du vielleicht auch einen Hauch?«, fragte mich eines der Mädels und hielt mir einen Joint ins Gesicht. Sie war mit Abstand die attraktivste, was nicht bedeutete, dass sie gut aussah, aber ich nahm ihr Angebot an. Derweil legten die anderen das Geld zusammen.

»Du bist Widder, stimmt’s?«, fragte sie mich.

»Nein. Ich bin leider auch nur ein Mensch.«

Noch bevor sie weiterreden konnte, kam der Kerl mit dem Geld.

»Was soll’s eigentlich kosten?«

»Siebzig. Festivalpreis.«

Er wusste, dass er keine große Wahl hatte, und nahm zehn für siebzig. Aus Großzügigkeit ließ ich ihm eine zusätzliche Pille da. Sie bedankten sich, und ich verließ ihren Bus. Ich hatte meinen Job erledigt und unser Benzingeld wieder reingeholt.

Kurz nach Mitternacht konnten wir endlich unser Lager aufschlagen – irgendwo in der Nähe der ehemaligen Landebahn. Eigentlich war es nur ein Zelt, in dem wir zusammen auf einer großen aufblasbaren Gummimatratze schlafen wollten. An Schlafen war jedoch nicht zu denken. Es gab ungeheuer viel zu entdecken und zu feiern. Wir schnupften von Alex’ Kokain und machten uns gleich nach dem Zeltaufbau auf den Weg zur Turmbühne. Die Route war gesäumt von düsteren Gestalten, die aus Zelten, Autos, Wohnmobilen und Scheißhäusern auf den Feldweg stolperten und irgendwas schwadronierten. Ich hörte gar nicht richtig hin, meine Ohren hatten längst auf Musikempfang geschaltet. Nur Jill konnte ich hören, und sie war verdammt aufgedreht. »Linda, Linda, kannst du das riechen?«, piepste sie.

»Was denn? Was riechen?«

»Das Leben! Es riecht so zauberhaft!«

Ich schnupperte, aber es roch nur nach einem Gemisch aus Pisse, Schweiß und Marihuana. Vielleicht meinte sie ja genau das. Ich fragte Alex, und wir brachen in schallendes Gelächter aus. Wir waren die glücklichsten Menschen der Welt, dieser verdammten, kümmerlichen Welt. Und dann sahen wir sie: Auf Sand und Glasscherben tanzten die Ferienkommunisten, mit weit aufgerissenen oder geschlossenen Augen, und ließen sich von 4/4-Takt und Wind treiben. Diese bewegungsfreudige Masse tat so, als würde es auf der Erde keine Probleme geben; sie sprühte Funken, winzige kleine Käfer, die auf Regenbögen rutschten, und Schweiß. Ich ließ es zu, verfiel der lauwarmen Brise, dem funkelnden Nachthimmel und all diesen grinsenden Gestalten, den Profiteuren von Weltkriegen und gesetzlichen Urlaubsregelungen. Ich tanzte und grinste, tanzte und …

Nach einigen Stunden war ich plötzlich alleine. Die anderen waren verschwunden. Sicher sind sie zum Lager gegangen, dachte ich. Aber wo war dieses verfluchte Lager? Und warum war es so dunkel? Lauter Fragen, auf die mein Gehirn keine Antworten finden konnte, kreisten in meinem dröhnenden Schädel. Ich beschloss, einfach draufloszumarschieren, und ging dem Mond, der extrem stark leuchtete, entgegen. Während ich ihm näher kam, entdeckte ich einen zweiten Mond, der wesentlich weiter oben im Nachthimmel stand und nur halb so stark leuchtete. Das war der echte Mond. Was ich anfangs für den Mond gehalten hatte, war nur ein riesiger, leuchtender Ballon. Wütend pisste ich irgendwohin. Dann rannte ich los und schrie: »Alex, du mieser Drecksack! Komm raus, verdammt!« Einige der Camper waren davon nur wenig angetan.

»Just shut the FUCK UP!«, schrie eine Stimme.

»Jill, Linda, wenn ich euch finde, dann ramponier’ ich euch den Arsch!« Jemand schrie: »Hör endlich auf zu brüllen, du Penner!« Ich stolperte, fiel hin, jagte mir ein bisschen Rollsplitt in Hände und Knie. Einen Augenblick lang blieb ich liegen und schaute den Sternenhimmel an, dann fiel mir auf, dass ich auf einer warmen, geteerten Fläche lag. Es war die ehemalige Landebahn. Das Lager konnte nicht mehr weit sein.

Es brannte Feuer und roch nach Würsten. Alex hatte den Grill angeworfen und saß auf einem der herausnehmbaren Van-Sitze, trank Bier und grillte eine Wurst.

»Ihr Drecksäcke! Warum habt ihr mich allein gelassen?«, maulte ich.

»Du wolltest doch nicht mit. Wir haben dich mindestens zehnmal gefragt. Du wolltest da bleiben.«

»Ach jaaa«, sagte ich. »Wo ist das Bier?«

»Im Kofferraum. Bring mir eine Flasche mit.«

Ich holte uns ein paar Herforder und setzte mich neben Alex.

»Wo sind die Mädels?«, fragte ich.

»Die liegen im Zelt und erholen sich. War wohl ein bisschen zu viel für sie, das alles.«

Ich nahm mir einen Spieß, steckte eine Wurst drauf und hielt sie ans Feuer. Nach einer Weile platzte die Pelle, und das heraustropfende Fett verpuffte auf der glühenden Holzkohle. Ich warf die Wurst in die Nacht hinein. Alex werkelte in der Zwischenzeit an einer Tüte herum. Er schien ziemlich zufrieden zu sein.

»Sag mal, bist du glücklich mit deinem Leben?«, fragte ich ihn.

»Es gibt immer was zu bemängeln, aber im Großen und Ganzen bin ich glücklich, ja.« Er leckte das Pape.

»Und was macht dich glücklich?«

Alex zündete die Tüte an und nahm einen kräftigen Zug. Wahrscheinlich war es das. »Schau dir Jill doch an. Sie ist eine Superfrau. Sie weiß genau, was sie will. Und ich bin glücklich darüber, dass sie mich will.«

An Jill war wirklich alles super. Ihre langen Beine, ihr natürliches, blassblondes Haar und vor allem ihre Einstellung. Sie war ein richtiger Glücksgriff, nicht so eine Verrückte wie Zoja.

»Ist das alles? Dein gesamtes Glück basiert auf einer Frau?«

Alex nahm noch einen Zug und reichte mir den Joint rüber. »Du denkst zu viel nach«, sagte er. »Lass dich treiben, Mann. Mach nur noch die Dinge, die sich gut anfühlen. So wie dieses Festival. Fühlt es sich nicht gut an, hier zu sein?«

»Doch. Natürlich, aber …«

»Nichts mit aber. Genieß das einfach«, unterbrach er mich.

Im Zelt raschelte etwas. Es war Jill, die ein bisschen zerzaust, aber mit einem Lächeln herauskroch.

»Hey, her mit dem Joint«, sagte sie und setzte sich auf Alex’ Schoß.

»Dimi«, sagte sie und zog an der Tüte, »wovor hast du so viel Angst?«

»Vor dem einfachen Leben. Der ganzen stupiden Arbeit. Vor Hypotheken und Krediten für Fernseher, Autos und Computer. Vor Pauschalreisen und Möbeln aus dem Katalog. Vor Frauen, die zu viel Make-up tragen.«

»Du bist doch verrückt …« Jill hustete.

»Ich wäre gern verrückt! Was gibt es Besseres, verdammt?! Dann kann man endlich alles hinschmeißen und das sein, was man wirklich will«, phantasierte ich und dachte, dass ich ein Feigling war.

»Und das wäre?«

»So genau weiß ich das nicht. Aber wenn ich verrückt wäre, würde ich sagen, irgendwas zwischen Schriftsteller, Rockstar und Arschloch.«

»Du denkst nicht nur zu viel, du träumst auch noch zu viel. Das ist keine gute Mischung«, warf Alex ein.

»Lass ihn doch. An Handyverkäufern mangelt es sicher nicht. Aber mach dir keine falschen Hoffnungen, Dimi. Die Leute lesen kaum noch«, meinte Jill.

Ich ließ meine Bierflasche fallen und hob sie wieder auf. »Dann kann ich immer noch Rockstar werden.«

»Oder Arschloch«, sagte Alex und hob sein Bier. »Lasst uns anstoßen. Auf unseren verrückten Freund: das Schriftsteller-Rockstar-Arschloch.« Die Flaschen klirrten, und ich war Schriftsteller. Ich musste nur noch anfangen zu schreiben.

Der Morgen im Zelt war grausam. Die Matratze verlor Luft, und wir mussten im Wechsel aufstehen und nachpumpen. Abgesehen davon schliefen die anderen sehr unruhig und drängten mich ständig an den Rand, so dass ich einige Male auf den harten Zeltboden rutschte. Zu allem Übel hatte uns auch noch die Morgensonne richtig eingeheizt. Nach nur ein paar Stunden Dämmerschlaf war die Schmerzgrenze erreicht. Linda und Jill begaben sich auf die Suche nach den Duschinseln, und Alex und ich begannen den Tag mit ein paar zermahlenen Pillen, die wir durch die Nase zogen, was nicht nur ein Wahnsinnsbrennen bewirkte, sondern auch einen unvergleichlichen Rausch. An Frühstück war nicht zu denken. Wir schnappten uns ein paar Flaschen Pils und marschierten los. Egal zu welcher Uhrzeit man unterwegs war, es waren immer Menschen da, die tanzten. Auf den mit Gras bedeckten Hangars, im Sand, auf Bäumen, Wohnmobilen, Bänken und Stühlen. Überall tanzten sie und fühlten sich gut, fühlten sich unsterblich. Es war angenehmer und leichter, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen oder am Fließband zu stehen oder Handys zu verkaufen, also machten wir mit. Ich entdeckte eine Kleine, die mir ziemlich gut gefiel. Ich schaute ihr in die Augen, und sie sagte: »Deine Pupillen machen mir Angst. Da ist nichts außer Schwarz.« Ich dachte, es wäre eine gute Idee zu lächeln.

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