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Gott wartet an der nächsten Ecke

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Einleitung
  5. 1 EINE HUNDEGESCHICHTE
  6. 2 EINE KINDERGESCHICHTE
  7. 3 DIE NACHT
  8. 4 DIE SPUR
  9. 5 WIE EINE FLAGGE IM WIND
  10. 6 DER KREIDEKREIS
  11. 7 EIN ANGESEHENES MITGLIED DER GESELLSCHAFT
  12. 8 JEDE MINUTE ZÄHLT, MÉNDEZ
  13. 9 DIE STRASSE DER HUNDERT SCHATTEN
  14. 10 DER BLICK DER KATZE
  15. 11 DIE STADT DER TOTEN SONNEN
  16. 12 DIE FRAU MIT DEM VERLÄNGERTEN ZEH
  17. 13 DER MANN MIT DEM VORGESCHOBENEN LINKEN FUSS
  18. 14 DAS MESSER
  19. 15 DIE NACHT, DER BAUM UND DIE PIANO-BAR
  20. 16 DAS PALACE HOTEL
  21. 17 EIN BÜRO NEBEN DEN LÖWEN
  22. 18 GANDARIAS ZWEITER TOD
  23. 19 DER MANN MIT DEM RUHIGEN BLICK
  24. 20 DER MANN IM ROLLSTUHL
  25. 21 GOTT WARTET AN DER NÄCHSTEN ECKE
  26. 22 EIN HOTEL IN KAIRO
  27. 23 EIN SCHIFF MIT NAMEN »NILE«
  28. 24 DAS MÄDCHEN
  29. 25 ERSTE ENTHÜLLUNG
  30. 26 DIE BOTSCHAFT
  31. 27 DER SÄULENSAAL
  32. 28 ANLEITUNG ZUM GLÜCKLICHSEIN FÜR UNGLÜCKLICHE
  33. 29 DER BLICK DER BLINDEN
  34. 30 DIE MAMLUKENGRÄBER
  35. 31 DER FRIEDHOF DER LEBENDEN
  36. 32 KENNEN SIE MICH NICHT, MÉNDEZ?
  37. 33 DAS EVANGELIUM NACH MÉNDEZ
  38. 34 »ICH HABE MEIN EIGENES GESETZ«
  39. 35 DER MANN IM ROLLSTUHL

Francisco González Ledesma

Gott wartet
an der nächsten Ecke

Kriminalroman

Aus dem Spanischen
von Sabine Giersberg

Gott wartet an der nächsten Ecke ist ein schwarzer Roman, durch den sich ein großes weißes Lächeln zieht. Treten Sie ein und lesen Sie: Wenn es möglich ist, Gott an einer Straßenecke zu begegnen, kann er einem auch in den Seiten eines Buches erscheinen …

Juan Antonio de Blas

1 EINE HUNDEGESCHICHTE

Ich weiß nicht, ob Sie schon mal von Palmira Rossell gehört haben«, sagte Méndez zu dem Journalisten Carlos Bey.

Carlos Bey half ihm bereitwillig über die regennasse Fahrbahn und stellte bewundernd fest, dass Méndez in Hochform war, denn er hatte die Bedrohung durch die fahrenden Autos unbeschadet gemeistert und keinen Schuh verloren, als er sich hastig auf den Bordstein flüchtete. Als sie in Sicherheit waren, zündete sich der Journalist eine Zigarette an und sagte leise: »Nein, ich habe nicht von ihr gehört, aber ich muss gestehen, dass mich das auch nicht sonderlich interessiert. Sie sind nur mit perversen Rubensweibern befreundet, die violette Dessous tragen, zu gregorianischen Gesängen sündigen und den unschuldigen, armen Neffen vom Pfad der Tugend abbringen wollen. Sollte Palmira Rossell zu dieser Sorte gehören, sprechen wir am besten über etwas anderes.«

Sie hatten soeben die Calle Urgel überquert und gingen sie nun hinauf, den Mercado de San Antonio und die alten Rondas im Rücken. Méndez liebte diese geschlossene Welt mit ihren strengen Regeln, in der jede Bewegung der Frauen, jeder Blick der Männer uralt zu sein schien und in der er die Hauseingänge, die Ladenschilder, das einfache und geheime Leben der Leute kannte. Vielleicht war Carlos Bey deshalb so überrascht, dass sie in die entgegengesetzte Richtung marschierten.

»Ich dachte, wir würden zur Avenida del Paralelo gehen«, sagte er.

»Nein, heute nicht.«

»Aber das sind doch Ihre Viertel, Méndez.«

»Schon, aber heute will ich zu Palmira Rossell. Deshalb habe ich sie vorhin erwähnt. Sie ist nicht so, wie Sie glauben, im Gegenteil: Sie ist eine moderne, beherzte Intellektuelle mit einem kleinen Verlag. Wahrscheinlich wird sie jung sterben, das Bett umringt von Gläubigern, doch das weiß sie nicht. Ich gehe zu ihr, weil sie mich mit einem Buch beauftragt hat.«

»Ein Buch? Sie, Méndez?«

»Warum wundert Sie das? Ich schreibe gut, Bey. Als ich jung war, habe ich brillante Protokolle getippt, in denen der Aussagende immer irgendetwas gestand. Aber bei diesem Buch geht es nicht um mein Spezialgebiet, also die Huren, die in ihrem Gewerbe Schiffbruch erlitten haben. Ich soll eine Geschichte über Tiere schreiben, genauer gesagt, über Hunde.«

Sie kamen am Urgel-Kino vorbei, wo Rocky I bis III gelaufen war und selbst linke Ideologen ihre Krisen vergessen hatten. Méndez erklärte: »Palmira Rossell weiß, warum sie mich beauftragt. Ich habe immer an schäbigen Orten gelebt, um die man besser einen Bogen macht, die aber einen Vorteil haben: Es geht dort sehr menschlich zu. Und auch wenn das paradox klingen mag: Ich habe immer gesagt, das wahre menschliche Wesen findet man in Tiergeschichten, vor allem in Hundegeschichten. Wissen Sie, Bey, ich kenne unzählige Geschichten. Von Straßenkötern, Terriern, Salonfiffis und sogar von geheimnisvollen Betthündchen. Aber es geht immer um Stadthunde, die vom Land sind anders. Soll ich Ihnen mal eine wahre Geschichte erzählen, Bey? Schade, dass so etwas nie in Ihrer Zeitung erscheint.«

»Tiergeschichten drucken wir nicht, nur ’ne Menge Eseleien«, verteidigte sich Bey.

»Der Fall ist anders. Er hat echt menschliche Qualität, das kann ich Ihnen versichern. Also: Eines Tages sehen die Scheißhundefänger eine herrenlose Hündin und bringen sie zum Tibidabo in dieses schreckliche Heim, wo die armen Hunde für die Sünden der Menschen büßen. Und was macht das Tier? Es frisst vom ersten Tag an, was seine verängstigten Gefährten nie tun. Und wie geht es weiter? So unglaublich es klingen mag: Die Hündin schafft es, ein Loch in den Zwinger zu machen. Und nachts, wenn sie keiner sieht, haut sie ab. Doch was noch viel unglaublicher ist: Am nächsten Morgen ist sie wieder da. In der nächsten Nacht dasselbe Spiel: Sie haut ab, kommt zurück. Mehrere Tage, während sie auf den Tod wartet, ist sie eine mustergültige Gefangene, die tagsüber frisst und ruht und nachts scheinbar schläft. Bis die eifrigen Wächter über den öffentlichen Frieden im Namen der städtischen Verordnungen und all dieser anderen Regeln mit Sesselfurzergeruch festhalten, dass niemand die Hündin abgeholt hat, und sie töten, ohne etwas von ihrem Abenteuer mitbekommen zu haben. Und auf dem Neuen Friedhof (der, wie der Name schon sagt, der alte ist) am anderen Ende der Stadt hören Kinder die ganze Nacht Welpen fiepen. Am nächsten Morgen sucht man nach ihnen, aber es ist zu spät. Der ganze Wurf ist gestorben, verhungert. Bis auf den einen, der die ganze Zeit weiterfiept.«

Carlos Bey blieb stehen.

Die Zigarette war ihm aus dem Mund gerutscht und auf den Boden gefallen, doch er hatte es nicht bemerkt. »Jetzt sagen Sie mir nicht, es ist so, wie ich denke, Méndez«, flüsterte er.

»Es ist genau wie Sie denken, Bey. Ich will verdammt sein, wenn dem nicht so ist. Die Hündin wurde gefangen, als sie ihre Jungen säugte, und sie begriff sofort, dass ihre Welpen verhungern würden. Deshalb hat sie das Loch gemacht und ist jede Nacht geflohen. Und warum kam sie jeden Morgen bei Sonnenaufgang zurück? Weil sie in dem Tierheim etwas bekam, das sie woanders nicht finden konnte: eine sichere Mahlzeit. Sie wusste, es war der einzige Ort, an dem sie die nötige Kraft tanken konnte, um ihre Welpen zu ernähren. Das ist an sich schon erstaunlich. Aber noch erstaunlicher ist, dass sie die Kraft hatte, zweimal in der Nacht die Stadt zu durchqueren. Und erst recht, dass sie sich nie verlaufen hat. Bedenken Sie, man hat sie in einem Auto und in einem verschlossenen Käfig zum Tibidabo gebracht, Bey. Sie kannte den Weg nicht.«

Bey fuhr sich mit der Hand über die Augen.

»Eine traurige Geschichte.«

»Im Grunde sind alle Tiergeschichten todtraurig.«

»Ja.«

»Aber sie lehren uns eines, Bey: Die großen Wahrheiten des Lebens sind sehr simpel, und die Tiere kennen sie besser als wir.«

»Kennen Sie viele Tiergeschichten, Méndez?«

»Viele, hab ich ja schon gesagt. Ich könnte ein Buch damit füllen. Klar, die Hunde leisten mir in den Altstadtvierteln jede Nacht Gesellschaft. Wenn ich an der Ecke Wache schiebe (in meinem Alter schiebe ich immer noch Wache, und mit ein wenig Glück lohnt sich die Langeweile), treffe ich auf ihre suchenden Blicke. Sie werden es nicht glauben, aber es sind fragende Blicke. Ich denke, ich werde Palmira Rossell zusagen und das Buch schreiben.«

Carlos Bey schob die Hände in die Taschen und setzte sich wieder in Bewegung. Es wehte ein schneidender Herbstwind, der den Dreck aus der Stadt fegte, und auf sein Gesicht fielen ein paar Regentropfen.

Plötzlich drehte er sich zu Méndez um.

»Ich weiß, Sie werden mir die Frage nicht beantworten können«, sagte er leise, »aber was ist aus dem Welpen geworden?«

»Natürlich kann ich die beantworten, Bey. Das Ganze hat sich erst kürzlich zugetragen, Palmira Rossell hat davon durch einen der Jungs erfahren, die in der Nähe des Friedhofs gespielt haben. Sie kannten die Hündin, sie wussten, dass man sie zum Tibidabo gebracht hatte, und sie waren sehr überrascht, als sie sie eines Nachts wieder vorbeiflitzen sahen. Palmira hat ihre Spur verfolgt und die Wahrheit ans Licht gebracht. Daher stammt die Idee, ein Buch mit Hundegeschichten zu verfassen, und eine davon, zweifellos die brillanteste, wird die Geschichte meines Lebens sein. Aber Sie haben nach dem Welpen gefragt. Nun, Palmira hat ihn. Als ich seine Geschichte hörte, habe ich ihn sofort ins Herz geschlossen, und ich denke, ich werde ihn zu mir nehmen. Ich hege die Hoffnung, dass er sich an die Atmosphäre in meiner Pension gewöhnt und nicht gleich aus dem Fenster springt. Dabei ist es in der Pension schon viel besser geworden, Bey, glauben Sie mir. Ja, ich weiß, sie liegt im Barrio Chino, und die meisten Gäste sind junge Araber im heiratsfähigen Alter, aber ich denke, der Hund wird sich dort wohlfühlen. Der Cognac ist jedenfalls ausgezeichnet.

Wollen Sie nicht in dem Café da auf mich warten, Bey? Ich werde sicher nicht länger als zwanzig Minuten bei Palmira brauchen. Oder müssen Sie in die Redaktion?« Er deutete auf ein Café, in dem sich mehr Leute drängten als in der Metro.

»Nein, noch nicht. Heute habe ich Nachtdienst.«

»Die Nacht war die letzte Freundin der Journalisten. Jetzt ist ihnen nicht mal mehr die geblieben.«

Sie befanden sich im höher gelegenen Teil der Calle Urgel, in der Nähe der Plaza de Francesc Maciá und der Calle Buenos Aires, mit den Pizzerien und anderen Lokalen, wo nicht der Preis, dafür aber die Zeit fürs Essen festgelegt war. »Die Stadt ist verloren, sehen Sie sich um, die meisten Leute schauen als Erstes auf die Uhr, wenn sie aus dem Restaurant kommen«, bemerkte Méndez und verschwand. Aber nach kaum zwanzig Minuten war er schon wieder zurück und zischte: »Mist.«

»Was ist, Méndez? Werden Sie das Buch nicht schreiben?«

»Klar werde ich das Buch schreiben. Weniger klar ist, ob ich auch Geld sehen werde. Aber ich bin sauer, weil Palmira Rossell den Welpen nicht mehr hat.«

»Wie? Was ist passiert? Hatten die im Verlag am Monatsende nichts mehr zu essen?«

»Der Junge, der ihn gefunden hat, ist ein Bekannter von Palmira, und er hat ihn geholt. Der Welpe hat die ganze Zeit gejault, weil ihm die Mutter fehlte. Palmira Rossell hat jetzt wieder ihre Ruhe, aber sie fürchtet, der Junge könne den Hund aussetzen. Und darum habe ich beschlossen: Ich will ihn haben, also werde ich ihn suchen.«

»Verflucht, Méndez. Sie haben mir durch den Fußmarsch schon bewiesen, dass Sie in Form sind, aber um diese Zeit kriegen mich keine zehn Pferde auf den Neuen Friedhof. Keine zehn Pferde.«

»Ich gedenke weder zu Fuß zu gehen noch zum Neuen Friedhof. Nur bis zur Avenida de Icaria, in der Nähe der Gräber. Übrigens, wissen Sie, dass man die ganze Gegend wegen dieser beschissenen Olympischen Spiele umpflügen will? Die sind imstande und setzen ein Hotel oder eine Zahlstelle mitten auf den Friedhof. Keine Sorge, wir leisten uns ein Taxi. Noch steht mir das Wasser nicht bis zum Hals. Das ist meist um den zwanzigsten der Fall.«

Das Taxi fuhr sie in einem endlosen Stop and Go durch die Vía Layetana, am Hafen vorbei und die Avenida de Icaria hinauf. Hier wurde ein neues, zauberhaftes Land heraufbeschworen, wo jeder ein gemütliches Plätzchen zum Essen findet. Das Taxi setzte sie vor den Toren des Friedhofs ab, wo sie die Jungen bei der Jagd auf die über die Friedhofsmauern streifenden Katzen vorfanden.

»Auf diesem Friedhof wimmelt es von Katzen«, brummte Méndez. »Ich schreite jetzt zur brillanten Verhaftung eines Jungen. Hey, junger Freund, kennst du Pedrito Cuenca?«

»Der da hinten.«

Pedrito Cuenca machte keine Anstalten zu fliehen, obwohl er das dumpfe Gefühl hatte, dass Méndez gerade irgendeiner Gruft entstiegen war. Nach dem Welpen befragt, deutete er auf eine verfallene Lagerhalle auf der anderen Straßenseite.

»Er ist abgehauen«, sagte er. »Er hat sich da irgendwo versteckt, weil es dort immer noch nach seiner Mutter riecht. Keine Sorge, ich werde ihn finden. Und Sie wollen ihn wirklich haben?«

»Seine Mutter hat sich für ihn geopfert, und bei euch kommt er unter die Räder.«

»Ach was. Hier wimmelt es von Hunden, und wir finden sie immer wieder. Sollen wir ihn suchen?«

»Klar. Ich geb dir hundert Peseten.«

»Sie werden sich in den Ruin stürzen.«

»Also zu meiner Zeit bekam man für hundert Peseten … Ach, ich weiß nicht mehr, was man bekam. Gut, mein Freund, fünfhundert. Okay?«

»Okay. Wenn Sie da allein hingehen, kommen Sie nicht lebend raus, wissen Sie. Alles voller Löcher und Schutt. Ein Haufen Scheiße. Tagsüber geht das noch, aber nachts … Auf, los, gehen wir. Und was ist mit euch? Kommt ihr, ihr Schisser?«

Wie Francos berüchtigte maurische Garde betrat der Trupp, um Méndez formiert, die Ruinen, wo man um diese Zeit nicht mehr die Hand vor Augen sah. Nur ferne, blasse Lichter ließen vage die Umrisse des Gebäudes erahnen, dessen Wände bald für immer fallen würden. Katzen miauten im Dunkeln und suchten einander, und hin und wieder hörte man dazwischen das ängstliche Geheul eines Hundes, der sich verlaufen hatte. Méndez stürzte einmal, stolperte zweimal und fluchte dreimal, am Ende auch auf die fünfhundert Peseten und den verdammten Jungen. Die maurische Garde amüsierte sich, als sie sah, wie schwer es Carlos und diesem von den Toten Auferstandenen fiel, sich durch den Schutt zu kämpfen. Dem mal lauter, mal leiser werdenden Winseln des Welpen folgend, legten sie einen langen Weg zurück, der sie in immer unzugänglichere Winkel führte. Einer der Jungen murmelte: »Der hat sich wirklich verlaufen. Oder er hat was gefunden. Das ist nicht der Platz, an den die Mutter ihn gebracht hatte.«

»In diese verdammte Bruchbude würde man nicht mal die Köchin des Bischofs bringen«, beklagte sich Méndez.

Er stieß mit voller Wucht gegen die Überreste einer Wand, stürzte, riss die Arme hoch, stützte sich an Bey ab und konnte auf diese Weise einen Überschlag gerade noch vermeiden, rutschte aber auf einem Schutthaufen aus und landete am Ende auf dem Hosenboden mit gespreizten Beinen in einem Loch. Sogleich stellten sich drei unangenehme Empfindungen ein: Er befand sich in einer unwürdigen Lage, saß auf etwas Weichem, Stinkendem, wahrscheinlich einem toten Tier, und der Welpe versuchte ängstlich winselnd, seine Schnauze zwischen seinen Beinen durchzuschieben.

»Verdammt. Und alles nur wegen einer Hundegeschichte«, war alles, was er herausbrachte.

Doch das Gefühl der Würdelosigkeit wurde angesichts des Bewusstseins, auf einem toten Tier gelandet zu sein, rasch bedeutungslos. Hastig holte Méndez sein Feuerzeug aus der Tasche, unterdrückte einen weiteren Fluch und entzündete im Schutz der Hand eine Flamme. Der rötliche Lichtstrahl fiel in das Loch, und zwei Dinge blitzten auf: ein Metallarmband und die verängstigten Augen des Welpen.

Méndez brummte: »Ich hab ihn.«

Doch er hatte noch etwas ganz anderes gefunden: Er hatte – das zeigte ihm die flackernde Flamme seines Feuerzeugs deutlich – ein weibliches Gesicht mit dunklen leeren Augen vor sich, auf die sich die Einsamkeit des Himmels herabgesenkt zu haben schien. Da lag eine Tote. Es war die Leiche eines Mädchens.

2 EINE KINDERGESCHICHTE

»Ich, Señor, vertrete, so wahr ich hier stehe, eines der ernsthaftesten Spezialgebiete der Kultur. Ich bin ein Spezialist für Hintern. Lachen Sie nicht, denken Sie nicht, jeder könne sich mit einem gewissen Anspruch auf Wahrheit und damit auf Ewigkeit über diese vielen Zwecken dienende runde Form äußern, die ebenso viel über den Charakter aussagt wie das Gesicht, die Gestik oder die Zungenfertigkeit. Ich, Señor, bin aus Leidenschaft und Feldforschung ein Spezialist für Hintern geworden. Das heißt aus Liebe und Leidenschaft zum Tier. Dazu bedarf es einer guten Beobachtungsgabe, Geduld und einem Gespür für die Einschätzung von Umfängen, zumindest, wenn man einen Hintern, einen fremden Hintern, Sie verstehen schon, im Ruhezustand beschreiben will, wie beispielsweise in einer Zeichenakademie. Wenn er sich bewegt, muss sich der Beobachter auch mit dem Gleichgewicht der Massen, den Gesetzen der Schwerkraft und vor allem mit dem Pendelgesetz auskennen. Ein sich wiegender Hintern mit dem entsprechenden Hüftschwung ist eine der faszinierendsten Naturerscheinungen. Ich beziehe mich dabei, Sie ahnen es bereits, ausschließlich auf den weiblichen Hintern, denn der männliche Hintern mit seinen geometrischen Formen entbehrt jeglicher Fantasie und jeglichen Reizes und ist folglich nicht von öffentlichem Interesse. Aber mir ist natürlich nicht entgangen, dass der männliche Hintern in der Ästhetik, der Politik und im Bankwesen auf dem Vormarsch ist und auf wirtschaftlichem Gebiet eine geradezu vernichtende Effizienz entfaltet.«

Er hielt inne und warf einen Blick durch das Fenster des Círculo de Liceo, der Jahr um Jahr sacht von den Zweigen der Bäume, den Flügeln der Vögel und den Händen der Nacht liebkost wurde und so seinen ganz eigenen Charme entwickelt hatte. Dann stieß er mit Méndez an, und beide tranken schweigend, wohl wissend, dass ihnen in dieser Welt des Liceo nichts gehörte. Méndez wagte sich vor: »Der menschliche Hintern als Kunstform, welch merkwürdige Disziplin, mein Freund. Ich denke, jemand sollte sich mal ernsthaft in einer Doktorarbeit damit beschäftigen. Ich habe den Eindruck, so wie sich die Sitten entwickelt haben, ist der männliche Hintern inzwischen unzähligen Gefahren und brisanten Belagerungen ausgesetzt. Was hindert Sie also daran, ihn, sofern er noch jungfräulich ist, als ethisches Objekt zu betrachten? Aber da Sie von Ästhetik sprechen, will ich Ihnen sagen, dass mir – als einfachem Beobachter von der Straße, versteht sich – der Hintern des Mannes immer besser gebaut erschien als der Hintern der Frau. Er ist fester, schmaler, und vor allem sitzt er höher. Das weibliche Hinterteil – selbst das der Venus – ist einem sonderbaren Gesetz unterworfen, dem Gesetz der Erschlaffung. Sie haben bestimmt schon festgestellt, dass er dazu neigt, nach unten zu sinken, und damit ist eine optimale Nutzung nicht mehr garantiert.«

»Der weibliche Hintern hat enorme Strukturprobleme, in der Tat«, räumte Reus, der alte Journalist, ein, »aber er ist ein Kunstwerk. Natürlich erschlafft er, aber dafür hat er viele Vorzüge: Er ist großzügig, weich, breit und üppig, vor allem Letzteres. Das macht ihn zu einem so verlockenden Angebot für die verschiedenen Attribute der Männlichkeit, zu denen für mich auch ein gesundes Gebiss zählt. Aber erlauben Sie mir, noch mal auf den Aspekt der Üppigkeit zurückzukommen, mein Freund, auf die Augenweide, die er darstellt« – seine Augen glänzten – »die perfekte runde Form, die nachgewiesenen Federungseigenschaften. Ich weiß nicht, warum die Frauen sich ihrer Hintern schämen und den Pölsterchen den Kampf ansagen. Das ist ein Fehler historischen Ausmaßes mit schwerwiegenden Folgen für die Menschheit, denn er wird die Leidenschaft abtöten, die Anfänge sind bereits zu sehen, und es werden keine Kinder mehr geboren.«

Méndez stimmte ihm zu, blickte von seinem Fenster aus auf den halb heruntergekommenen Teil der Ramblas – der heruntergekommene fing für ihn ein wenig weiter unten an, in der Nähe des Denkmals von Pitarra, der von fünf Uhr nachmittags bis fünf Uhr morgens von seinem Stuhl aus die Sünden der Stadt vergab – und betrachtete seine kleinen Paradiese: das Café de la Ópera, den Llano de la Boquería, die Einmündung der Cardenal Casañas, angrenzend die Calle Roca, wo man zu anderen Zeiten noch Frauen gefunden hatte, die zu allem bereit waren, außer dazu, auf das Geld für ihre Dienste zu verzichten. Méndez erinnerte sich an die eine oder andere: an Chus, die immer denselben Morgenmantel trug, an Nieves, die immer betete, bevor sie das Zimmer betrat, und an Mae, die versuchte, mit zwei Anhängern ein riesiges behaartes Muttermal zu überdecken. Dann wanderte sein Blick über die üblichen kleinen Gauner: die Junkies, die Araber, die Frauen vom Straßenstrich in der Calle San Pablo und die Luden, die sie voller Liebe ins Gelobte Land führten. Der friedvolle Anblick beruhigte seinen Geist.

»Ich bin ein Spezialist in Sachen Nachtleben, Señor«, sagte Reus. »Ich habe ruhmreiche und stinkende Gazetten erlebt, wie Las Noticias und La Publicitat, die wurden in diesen Straßen um eine anständige Uhrzeit gemacht, also nach zwei Uhr morgens. In jüngerer Zeit, also sozusagen erst gestern, habe ich Bekanntschaft mit El Correo Catalán in der Calle Baños Nuevos gemacht, wo die Küchenschaben an den Lampen sitzen, und dem Büro in den Ramblas, wo die todmüden Redakteure im Morgengrauen nach der Letzten Ölung oder ihrem Lohn verlangen. Jetzt wird der Journalismus frühmorgens betrieben, wenn die Rasierstuben öffnen, und das war mein Tod. Ich habe einen Redakteur kennengelernt, Ángel Marsá, ein echtes Urgestein, der ist nach dem Umzug von El Correo von den Ramblas nach Ensanche in einen komatösen Zustand gefallen und hat aufgehört zu arbeiten. Aber was würde der erst heute sagen, wo bekanntlich alle Zeitungen in der Zona Franca entstehen, neben Reifenstapeln und Lagern mit italienischen Nudeln. Aber ich will Sie nicht langweilen, Señor Méndez. Das ist mein Problem. Hier bin ich nun im Círculo del Liceo, bereit, gescheite Menschen zu treffen, die zu meiner Beerdigung Mozart auflegen.«

»Sie gehören nicht zum Círculo de Liceo«, sagte Méndez, der das Elend der Stadt immer auf Anhieb erkannte.

»Natürlich nicht«, erwiderte der alte Reus, »als Journalist von der Straße, oder anders formuliert, als verkrachte Existenz. Ich hätte nicht mal zehn Prozent des Mitgliedsbeitrages zahlen können. Aber ich bin mir sicher, Sie gehören auch nicht zu dem erlauchten Kreis, Méndez, auch wenn Sie mich hierher zum Essen eingeladen haben.«

»Natürlich gehöre ich nicht zu diesem Verein der Ewiggestrigen. Aber es gibt barmherzige Seelen, die mir erlauben, mich hier unter die Leute zu mischen, zwischen den Bildern von Ramón Casas im Salon herumzuschnüffeln und mich an einen Tisch zu setzen und einen Freund zum Essen einzuladen. Das Essen zahle ich, mein Freund, aber ich will gerne gestehen, zu einem Sonderpreis. Das ist der erste Exzess, den ich mir gönne, seit ich mir in fortgeschrittenem Alter zwei Weiber gleichzeitig ins Bett geholt habe, ohne vorher auszuprobieren, ob es das auch aushält.«

Reus murmelte: »Danke für das Essen. Wahrscheinlich denken Sie, es sei ratsam, diese Welt nicht ohne einen Akt der Barmherzigkeit zu verlassen.«

»Keine Sorge. Die Saison ist vorbei.«

»Warum haben Sie mich eingeladen, Méndez? Wir sind beide gleich alt, desillusioniert und arm, und man muss uns schon mit einem Kran anheben, um in die Gänge zu kommen. Aber ist das der Grund? Ein kleiner Plausch mit Blick auf die Bäume der Rambla? Ist das alles?«

Méndez kniff die Augen zusammen, und für ein paar Sekunden erkannte man wieder die Augen der alten Schlange.

»Reus, Sie kennen sich doch genau mit der Anatomie des Hinterns aus«, sagte er geheimnisvoll.

»Wie gesagt: ein Steckenpferd. Aber eigentlich kenne ich mich mit der Anatomie des gesamten menschlichen Körpers aus. Mehr als mir lieb ist.«

»Sie müssen Ihre Tochter ertragen, nicht wahr?«

»Seit Ewigkeiten ertrage ich sie und höre ihr zu. Seit Ewigkeiten lässt sie ihre Wälzer bei mir auf dem Esszimmertisch herumliegen.«

»Sie wohnt noch bei Ihnen?«

»Bei wem sollte sie sonst wohnen? Eine Frau, die Gerichtsmedizinerin ist, heiratet nicht so mir nichts, dir nichts, auch wenn sie hübsch ist. Erstens hat sie Geld; sie macht, was sie will, sie ist egoistisch geworden. Ist doch normal, oder? Warum sollte sie auch auf etwas verzichten? Zweitens kann eine Eva Reus trotz ihres unwürdigen Erzeugers nicht den erstbesten Mann heiraten. Sie braucht einen Übermenschen, verstehen Sie, und die sind rar gesät. Warum sage ich das? Ach ja, weil sie anspruchsvoll geworden ist. Auch das finde ich übrigens ganz normal. Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass Eva nicht heiraten und mir keine Enkel schenken wird. Andererseits ist das ja auch eine gehörige Erleichterung. Stellen Sie sich mal vor, Mendez, ich müsste mich in ein paar Jahren blitzschnell verstecken, wenn meine Enkel in den Puff kommen.«

Er leerte sein Glas und knallte es dann auf den Tisch, und sein Blick wurde so hart und durchdringend wie der von Méndez.

»Jetzt sagen Sie mir nicht …«, brummte er.

»Was?«

»Dass Sie mich wegen meiner Tochter zum Essen eingeladen haben.«

»Keine Sorge, ich will nicht um ihre Hand anhalten«, verteidigte sich Méndez. »Es muss höllisch schwer sein, vor einer Gerichtsmedizinerin zu bestehen. Wenn man es sich nach harter Arbeit gut gehen lässt, sagt sie womöglich: ›Jetzt treten die Samenleiter in Aktion.‹ Sehen Sie, Reus, das einzig Anständige am Sex ist die Fantasie, die Lüge. Wenn man die Schlacht haarklein erklärt bekommt, ist sie verloren. Um die Wahrheit zu sagen, Ihre Tochter interessiert mich als Frau überhaupt nicht, aber ich will mit ihr reden.«

»Und dafür benutzen Sie mich.«

»Mensch, Reus, wie viele Jahre kennen wir uns jetzt? Sogar einer wie ich kann doch mal einen Freund zum Essen einladen.«

»Verflucht, Méndez, wenn ich vor Jahren jemanden zum Essen eingeladen habe, auf Kosten der Zeitung, versteht sich, wollte ich ihn ausquetschen. Wenn es Ihnen darum geht, dann raus mit der Sprache. Aber nur unter der Bedingung, dass Sie noch eine Flasche Wein bestellen.«

Méndez bestellte einen gut gekühlten Esmeralda, der leicht durch die Kehle rann, ihm aber zweifellos auf den Magen schlagen würde, sobald man ihm die Rechnung präsentierte. Er gestand: »Ich will mit Ihrer Tochter reden, Reus.«

»Worüber?«

»Sie soll die Schweigepflicht brechen. Vielleicht gibt es in dem Fall sogar überhaupt keine Schweigepflicht. Oder sie ist nicht von Bedeutung. Egal, sie soll mal drauf pfeifen.«

»Um was geht’s?«

»Eva hat ein Mädchen obduziert, das ich gestern tot aufgefunden habe.«

»Trotzdem gibt man Ihnen keine Informationen zu dem Fall, nicht wahr?«

»Genau.«

»Und warum nicht?«

»Weil der Fall an die Mordkommission gegangen ist und ich nur der hinterletzte Inspektor des hinterletzten Vorstadtreviers von Barcelona bin. Der Mann der billigen Pensionen, der Sexshops, der nach Urin stinkenden Hauseingänge mit benutzten Spritzen, der Ecken mit rolligen Katzen. Mir erklärt man nie etwas. Ich habe einen Bericht verfasst, und das war’s. Nicht einmal ein ›Danke, Méndez‹. Aber ich lasse mich nicht einfach so abschieben. Deshalb will ich alles wissen und die Sache weiterverfolgen.«

»Wie weit?«

»So weit es geht.«

»Warum, Méndez?«

»Wegen der Augen des Mädchens.«

Die rechte Hand des alten Reus, in der er die Weinflasche hielt, begann auf einmal zu zittern. Er stellte die Flasche auf den Tisch und murmelte: »Sie waren offen, nicht wahr?«

»Ja. Und in ihnen war der Himmel.«

»Was reden Sie da, Méndez?«

»Ich kann es nicht erklären. Ich hatte das Gefühl, der Himmel hätte sich auf ihre Augen herabgesenkt. Das war wie ein Zeichen für mich.«

»Nur Kindern ist das Privileg vergönnt«, murmelte Reus, »ein Stück Himmel im Blick zu tragen.«

»Ich muss unbedingt mit Ihrer Tochter sprechen, Reus.«

»Das wird nicht nötig sein.«

»Wieso nicht?«

»Weil sie mir alles haarklein erzählt hat. Sie hat mir den Bericht gezeigt, den sie der Polizei übergeben hat und den man Ihnen vorenthält. Sie können sich ja denken, zwischen Vater und Tochter erzählt man sich alles, was man so erlebt, vor allem, wenn man zusammenwohnt. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen sogar eine Kopie des Berichts besorgen, auch wenn Sie keine Flasche Wein mehr bestellen.«

»Ich bin gerührt, mein Freund. Und wohlgemerkt: Das war ich nicht mehr, seit Franco 1945 gesagt hat, Spanien sei eine organische Demokratie.«

Reus leerte sein Glas, schnalzte mit der Zunge und murmelte: »Fragen Sie.«

»Alter.«

»Zwölf.«

»Dreckskerl.«

»Sie sind ein Befürworter der Todesstrafe, nicht wahr, Méndez?«

»Natürlich bin ich für die Todesstrafe. Mit der Würgschraube, an einem Freitag während der Fastenzeit, ausgeführt von einem Henker aus Albacete. Aber finden Sie mal einen. Solche Fachleute gibt es nicht mehr.«

»Das Gesetz gibt es nicht mehr. Weiter, Méndez.«

»Name.«

»Weiß man noch nicht.«

»Wie, den weiß man noch nicht?«

»Ist doch klar. Meiner Tochter hat man den Leichnam so übergeben, wie er aufgefunden wurde. Und welches zwölfjährige Mädchen hat schon einen Ausweis bei sich? Es gab natürlich auch keine Tätowierungen. Keine besonderen Merkmale. Na ja, die Polizei weiß wahrscheinlich, was sie in solchen Fällen zu tun hat.«

»Ja«, sagte Méndez unsicher: »Fingerabdrücke überprüfen, aber das wird in dem Fall schwierig, weil die Kleine ja nicht mal einen Personalausweis hat. Und die Vermisstenanzeigen durchgehen. Aber woher weiß Eva, dass sie zwölf Jahre alt war?«

»Anhand der körperlichen Entwicklung und weil sie noch keinen Eisprung hatte. Aber es ist natürlich nur eine Schätzung.«

Méndez Blick wurde noch härter und undurchdringlicher. Wie ein Pfeil schien er durch die Bäume der Ramblas zu schießen, bevor er sich wieder Reus zuwandte.

»Wurde sie vergewaltigt?«, fragte er unvermittelt.

»Nein.«

»Kein sexueller Missbrauch?«

»Nein.«

»Sicher?«

»Meine Tochter irrt sich bei so etwas nicht, Méndez. Das hat sie als Allererstes untersucht.«

Méndez seufzte vernehmlich.

»Das beruhigt mich«, sagte er leise.

»Und was macht das? Sie ist tot.«

»Verdammt, das ist nicht dasselbe. Vielleicht erspart das dem Mörder den Henker von Albacete. In dem Fall würde ich mich mit einem aus Sevilla zufriedengeben. Denen sagt man nach, sie seien nett und würden Witze erzählen, während sie ihre Arbeit zu Ende bringen.«

»Waren Sie schon mal bei einer Hinrichtung dabei, Méndez?«

»Ja, bei einer. Im Ocaña-Gefängnis. Noch gar nicht so lange her.«

»Und, wie lange hat es gedauert?«

»Uff, mindestens zehn Minuten. Und der Henker hat sich einen Finger in der Schraube eingeklemmt. Aber damals war das Handwerk schon im Aussterben begriffen.«

»Nun, wenn Sie das beruhigt, kann ich Ihnen sagen, dass das Mädchen nicht sexuell missbraucht wurde, Méndez. Man hat sie nur getötet, wenn das für Sie weniger tragisch ist.«

»Wie wurde sie getötet?«

»Das wissen Sie besser als ich, Méndez.«

»Sah nach durchgeschnittener Kehle aus.«

»Richtig. Ein gezielter Schnitt, ohne Zögern, sauber, wie von einem Profi. Eva sagt, die Tat wurde von einem Rechtshänder mit einem Rasiermesser ausgeführt. Der Schnitt verläuft von rechts nach links, der Mörder war größer als sein Opfer, klar, und damit der Hals straff blieb, hat er sie an den Haaren hochgezogen.«

»An den Haaren hochgezogen … Wie sonderbar!«

»Meine Tochter sagt, da ist sie sich ganz sicher, sie hat es im Polizeibericht unterstrichen, weil mit Sicherheit Haare des Opfers am Täter zurückgeblieben sind. Weitere Einzelheiten: Die Kleine wurde nicht in dem Gemäuer getötet, sondern dort abgelegt, wahrscheinlich am Abend zuvor. Ich weiß schon, was Sie mich jetzt fragen werden, Méndez. Meine Tochter hat auch darüber nachgedacht.«

»Genau. Wie sah der Ort aus, an dem das Mädchen getötet wurde?«

Reus leerte ein weiteres Glas Wein.

»Sie wissen besser als ich, Méndez, dass man über Faserpartikel an Kleidung und Haut den Ort bestimmen kann, wo die Leiche gelegen hat. Eva wollte auf Nummer sicher gehen und hat die gründlichste Untersuchung ihres Lebens gemacht. Und was hat sie gefunden? Spuren vom Schutt des verfallenen Hauses, aber keine anderen, und das heißt, das Opfer befand sich wahrscheinlich an einem sauberen Ort. Es gab auch keine Spuren von Schmutz unter den Nägeln oder an den Haaren. Auch nicht unter den Schuhsohlen, was für Teppiche spricht. Eva hat daraus geschlossen, dass das Mädchen die letzten Stunden seines Lebens in einem möblierten Zimmer verbracht hat, wo es wahrscheinlich auch getötet wurde. Dann wurde es in einem sauberen Auto zu dem Gemäuer transportiert und wie ein Tier im Müll entsorgt.«

Méndez räusperte sich.

Er starrte hinaus auf die Ramblas, als könnte er im Licht der Kioske, in der Nostalgie der Laternen, der Traurigkeit in den Fenstern und dem Auf-und-ab-Wandern der Huren eine Antwort finden.

»Ist das alles?«, fragte er.

»Nein«, murmelte der alte Reus. »Meine Tochter glaubt noch etwas herausgefunden zu haben, aber es ist ein rein persönlicher Eindruck, im Bericht hat sie nichts davon erwähnt. Sie glaubt, dass hinter dem Tod dieses Mädchens irgendeine Kindergeschichte steckt. Sie kann es nicht erklären, aber sie stützt sich auf ein paar konkrete Details. So befanden sich zum Beispiel an den Fingerspitzen des Opfers mikroskopisch kleine Staubpartikel, von einem Stück Kreide, wie meine Tochter sagt. Und zwischen den Zähnen befanden sich winzige Radiergummipartikel. Sie wissen, dass die Kleinen manchmal darauf herumkauen. Am rechten Ohrläppchen hatte es einen winzigen grünen Fleck, der von einem Buntstift stammen könnte. Aber sie hat es unerwähnt gelassen, weil sie befürchtete, die Polizei könnte das lächerlich finden. Doch bevor ich todesmutig Ihrer Einladung gefolgt bin, hat sie mir noch gesagt, sie würde all das in einem ergänzenden Bericht festhalten. Fazit: Meine Tochter glaubt, das Opfer könnte an einem Ort ermordet worden sein, wo sich andere Kinder ihres Alters befanden, verstehen Sie? Eine Schule vielleicht. Schulen sind meiner Ansicht nach äußerst gefährliche und brutale Orte. Als Erstes lernen die Kinder, dass ihre Mutter sie verlassen hat. Und als Zweites – und das ist weit nützlicher –, wie hübsch die Lehrerin ist.«

3 DIE NACHT

Nachdem Méndez den alten Journalisten nach Hause gebracht und ins Bett verfrachtet hatte – es war ihm wie ein Sterbelager vorgekommen –, war er in sein Revier in der Calle Nueva zurückgekehrt. Im Unterschied zu den guten Zeiten, die mehr und mehr in Vergessenheit gerieten, war die Straße menschenleer, und das schon um Mitternacht. Nur die Kreuzung mit der San Ramón war noch ein wenig belebt, aber die vier Frauen, die noch auf den Beinen waren, glichen Schatten. Die ersten Bars machten schon zu. Über der ganzen Straße schwebte eine einsame, bedrohliche Stille.

Méndez betrat die Pension durch die Bar. Die Wirtin döste hinter der Theke. Es waren nur noch wenige Gäste da, und einer spielte auf der Gitarre ein Lied voller arabischer Wehmut, das Méndez nicht kannte.

Die Wirtin spürte seine Anwesenheit und öffnete ein Auge.

»Ah, Señor Méndez.«

»Hallo, wie geht’s? Ich wollte Sie nicht stören. Deshalb habe ich mich hereingeschlichen.«

»Haben Sie schon zu Abend gegessen?«

»Ja, ich habe einen Freund eingeladen. Aber denken Sie nicht, wir wären in irgendeinem miesen Schuppen eingekehrt. Stellen Sie sich vor, wir waren im Círculo del Liceo.«

»Sie werden an einer Vergiftung sterben, Méndez.«

»Stimmt, ich hab schon so ein flaues Gefühl im Magen.«

»Bei diesen Lokalen weiß man nie, wer einkaufen geht.«

»Irgendeine von der Generalitat unterstützte Sopranistin im Ruhestand. Sagen Sie mal, hat der Hund sehr gejault?«

»Scheißköter. Ich habe ihn im Hof in eine Kiste gesetzt und ihm Wasser und Futter hingestellt, aber er hat nur geheult. Der ist völlig durchgedreht und schreit ständig nach der Mutter.«

»Ich nehme ihn mit auf mein Zimmer«, sagte Méndez. »Dann findet er Trost.«

»Wieso?«

»Vielleicht hält er mich für seinen Vater.«

»Sie sollten nicht in den Círculo de Liceo gehen oder sonst irgendwohin, wo man Tafelweine serviert, sonst wird es noch ein schlimmes Ende mit Ihnen nehmen. Ach, übrigens: Während Sie weg waren, sind zwei Nachrichten eingetroffen, allerdings keine von der Mutter des Hundes.«

»Von wem dann?«

»Verdammt, was ist nur aus Ihnen geworden, Señor Méndez. Sie verhaften nur noch Straßenköter.«

»Jetzt kommen Sie zum Punkt, und sagen Sie mir, wer angerufen hat. Außerdem kennen Sie mich noch aus anderen Zeiten, als ich ein Tiger war und bis zum Überdruss linke Separatisten verhaftete. Bin ich etwa mit der Miete im Rückstand? Nein? Dann doch ein wenig Respekt für all die Dienstjahre, wenn ich bitten darf.«

»Diese Zeiten sind lange vorbei, Señor Méndez. Außerdem erzählt man sich, dass Sie ihnen Tabak und Zeitungen in die Zellen geschmuggelt und ihnen als Laufbursche gedient haben. Na ja, was soll’s! Vielleicht ist der Hund, den Sie verhaftet haben, ja auch ein Separatist. Also, wie gesagt, es haben zwei Leute angerufen, beides Vorgesetzte. Der eine, Kommissar Barrios, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie ihm für den Kranz von Inspektor Climent zwölftausend Peseten schulden. Und dann noch einen von Ihrem Boss, Sie sollen heute Nacht eine Ermittlung übernehmen.«

»Ich?«

»Tut mir leid, Señor Méndez, aber er hat gesagt, nur Sie kämen dafür infrage. Und das um diese Zeit.«

Méndez wurde blass. Ihm taten die Beine weh, ein Völlegefühl quälte ihn – die gerechte Strafe dafür, dass er päpstliches Fleisch und in Weihwasser aufgezogenen Fisch gegessen hatte –, seine Lider zuckten, und er verspürte einen stechenden Schmerz im Nacken. Noch nie hatte er sein Bett so herbeigesehnt. Doch weil der jaulende Hund auch nicht gerade eine geruhsame Nacht versprach, murmelte er: »In Ordnung, ich rufe an. Oder am besten gehe ich gleich auf dem Revier vorbei. Ist ja um die Ecke.«

Er ging die verlassene Calle Nueva hinunter, die früher so voller Leben gewesen war und in der jetzt nicht einmal mehr eine Katze ihre Haut riskierte. Lediglich ein paar Bars und auf posthume Speisen spezialisierte Lokale hatten noch geöffnet. In der Tür zum Revier standen der wachhabende Polizist und eine Gruppe von Junkies. Ihrem Benehmen nach zu schließen, sah es eher so aus, als wollten die Junkies den Polizisten verhaften.

»Pass auf, dass sie sich nicht gleich auf dich stürzen«, sagte Méndez im Vorbeigehen.

Er ging hinauf und ließ sich auf seinen Tisch fallen.

Madero, einer seiner Vorgesetzten – auf dem Revier waren eigentlich alle seine Vorgesetzten –, nahm bedächtig vor ihm Platz.

»Zum Glück hast du die Nachricht erhalten«, sagte er.

»Ja.«

»Tut mir leid, dass ich dich um diese Zeit belästigen muss.«

»Kein Problem, um zehn Uhr morgens wäre schlimmer gewesen. Es müsste von der Weltgesundheitsorganisation verboten werden, vor zehn aufzustehen. Das Verbot hätte bestimmt großen Erfolg.«

»Nur du kannst den Job übernehmen. Gallardo ist abgehauen. Er hatte einen Vertrauensposten im Modelo-Gefängnis und ist getürmt.«

»Warum der Aufwand? Er hätte doch einen Freigang nutzen können. So wie der Strafvollzug läuft, frage ich mich, warum die Gefängnisse überhaupt noch Gitter haben.«

»Du hast Gallardo damals verhaftet, nicht wahr?«

»Ja. Und zwar so, dass er möglichst ungeschoren davonkommt, denn er ist ein feiner Kerl. Ich vermute mal, sie haben ihm nicht allzu viel aufgebrummt.«

»Drei Jahre. Wusstest du das nicht?«

»Ich habe ihn nicht wiedergesehen.«

»Warum?«

»Ich schäme mich, Leute im Gefängnis sitzen zu sehen, die ich selbst verhaftet habe.«

»Aber ihr seid doch weiterhin befreundet.«

»Deshalb schäme ich mich ja.«

»Und was ist mit denen, die nicht deine Freunde sind?«

»Die können von mir aus dort vermodern.«

Der abgehalfterte Polizist zog ein Päckchen Ducados aus der Tasche und steckte sich eine Kippe in den Mund, doch sie fiel auf den Boden, und er musste sich bücken, um sie aufzuheben. Als er sie wieder zwischen die Lippen schob, war sie schmutzig, aber das schien ihn nicht sonderlich zu stören. Er zündete sie an und nahm einen tiefen Zug.

Madero sagte: »Weißt du, Méndez, es war ein Riesenfehler, dass er abgehauen ist. In einem Monat wäre er rausgekommen.«

»Was sagst du da?«

Méndez war blass geworden. Um ein Haar wäre ihm die Zigarette nochmals aus dem Mund gefallen.

»Dann hat er sich alles kaputt gemacht«, stammelte er. »Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es einfach nicht. Ein Mann wie er weiß, dass er’s nicht vermasseln darf.«

»Deshalb könntest du ihm einen großen Gefallen tun, Méndez. Versuch ihn zu finden, bevor es zu spät ist, bevor der Haftbefehl ausgestellt wird. Wenn er vor dem Morgengrauen zurück ist, lässt sich noch etwas machen, dann können wir die Angelegenheit unter den Teppich kehren. Wenn er vor dem ersten Appell wieder im Gefängnis ist, ist nichts passiert.«

»Und das sagst du, weil ich sein Freund bin?«

»Ja. Weil du sein Freund bist.«

Méndez sah ihn misstrauisch an.

»Das nehme ich dir nicht ab, verdammt.«

»Und warum nicht?«

»Weil ihr euch einen Dreck um Leute wie Gallardo schert. Außerdem ist er vielen Polizisten ein Dorn im Auge, denn wenn Gallardo schlecht drauf ist, ist er eben schlecht drauf. Wenn er sich aus dem Staub gemacht hat, denkt ihr doch alle ›zum Teufel mit ihm‹. Als ob du dir um so jemanden Sorgen machen würdest. Die Sache ist, der Chef will ihn aus irgendeinem Grund dingfest machen, und er denkt, ich kann das für ihn erledigen, weil ich Gallardos Gewohnheiten und seine Verstecke kenne. Du willst dich nur gut mit dem Chef stellen und spielst den Mittelsmann. Aber du hast mir nicht die Wahrheit gesagt. Das stinkt doch zum Himmel.«

Er sah Madero in die Augen und wartete darauf, dass er gleich abwinken würde, nach dem Motto ›du mich auch‹. Aber diesmal nicht. In Maderos Blick lag nur eine große Traurigkeit.

»Da ist noch etwas, Méndez«, murmelte er.

»Spuck’s aus.«

»Aber ja … Du hast mich ja nicht ausreden lassen. Wir wollen verhindern, dass Gallardo eine Dummheit begeht. Abgesehen von der Flucht. Wir wollen verhindern, dass er einen Kerl findet und tötet, der auf seiner Liste steht. Deshalb ist er getürmt.«

»Und wieso?«

»Gallardo ist verzweifelt.«

»Und warum ist er verzweifelt?«

»Weil er befürchtet, dass man seine Tochter umgebracht hat. Seit zwei Tagen hat er nichts mehr von ihr gehört. Und sie ist noch ein Kind.«

Méndez, der bis dahin keine Regung gezeigt hatte, legte den Kopf leicht in den Nacken und schloss die Augen. Sein Gesicht, das ohnehin immer blass war, weil er nicht zu den Sonnenanbetern gehörte, wurde noch weißer. Seine Finger krallten sich um den Tischrand.

Die brennende Zigarette fiel ihm aus dem Mund.

»Was sagst du da? Ein Kind?«

4 DIE SPUR

Madero begleitete ihn bis zur Calle Manso gegenüber vom San-Antonio-Markt. Es war eine Gegend mit kleinen Läden, vertrauenswürdigen Metzgern, Kurzwarenhändlerinnen mit dickem Hintern, Second-Hand-Läden und Cafés, in denen sie einen kannten und man in Raten zahlen konnte. Die Gegend der Marktwagen, der streunenden Katzen, der verirrten Tauben und der einsamen Männer, die wehmütig daran denken, dass ihre Mutter schon dort eingekauft hat. Méndez liebte all das, getrieben von einer stillen Sehnsucht: Hier war sein Leben verstrichen, ebenfalls in Raten, hier hatte er mit Begeisterung die schlichten, ungeschminkten Szenarien betrachtet, die unveränderlich zur Geschichte der Stadt gehörten: Früher waren es im Wesentlichen die Hinterteile der Ladenbesitzerinnen gewesen, im Alter waren es nur noch verirrte Tauben.

Madero sagte: »Ganz schön einsam hier, was?«

»Na ja, wenn in der Calle Nueva schon kein Schwein auf der Straße ist, wie soll dann hier etwas los sein, wo die Leute im Morgengrauen aufstehen.«

Er blickte zu den stillen, kleinen Balkonen empor, zu den über hundert Jahre alten Häuserfassaden.

»Aber wer sagt dir denn, dass das tote Mädchen in der Gerichtsmedizin Gallardos Tochter sein könnte?«, fragte Madero.

»Ich habe natürlich keinen Beweis, wie gesagt, das Mädchen ist noch nicht identifiziert. Aber das ist mir zu viel Zufall.«

»Das wäre ja schrecklich. Dann könnte man es Gallardo nicht mal verdenken, dass er sich den Kerl vorknöpft, finde ich. Ich schwöre dir, als ich dich vorhin auf dem Revier angesprochen habe, wollte ich wirklich nur verhindern, dass er eine Dummheit begeht. Ich wusste nichts von dem toten Mädchen.«

Méndez sah ihn argwöhnisch an.

»Wenn Gallardo ihn findet, macht er ihn kalt«, sagte er leise.

»Und was wirst du tun?«

»Einsammeln, was von ihm noch übrig ist.«

»Du glaubst nicht an das Gesetz, nicht wahr?«

»Was glaubst du, Madero?«

Madero gab ihm keine Antwort.

Méndez sagte mit erstickter Stimme: »Lass uns das Mädchen für einen Moment vergessen und noch mal von vorn anfangen. Du hast gesagt, Gallardo sei aus dem Gefängnis abgehauen, weil er einen Kerl kaltmachen wollte. Erzähl mir was über ihn.«

»Es handelt sich um Paco Robles. Er genießt ein gutes Ansehen, ist nie länger als fünf Minuten in Haft, lebt in Saus und Braus und vögelt wie ein Weltmeister, also ein richtiger Hurensohn. Das genaue Gegenteil von Gallardo, der ein Pechvogel ist. Aber sie sind mal ins Geschäft gekommen.«

»Ja, Gallardo hat sich mal als Kleindealer verdingt, als seine Frau ihn verlassen hat«, erinnerte sich Méndez mit verlorenem Blick. »War es das?«

»Ja.«

»Weiter.«

»Also, Paco Robles hat ihm eine Lieferung übergeben, damit er sie unter die Leute bringt. Gallardo sollte ihm natürlich das Geld bringen, aber das hat er nie getan. Paco Robles hat ihn bezichtigt, er hätte das Scheißzeug auf eigene Rechnung verkauft und die Kohle behalten.«

»Unmöglich«, sagte Méndez. »Gallardo mag sein, was er ist, und ich selbst hab ihn oft verflucht, aber er ist kein Betrüger.«

Madero zuckte die Achseln.

»Ich behaupte ja nicht, dass es so war. Ich sage lediglich, wie es ausgesehen hat und welche Schlüsse Paco Robles gezogen hat.«

»Und die aus seiner Sicht nur logisch waren. Und?«

»Er hat ihn unter Druck gesetzt, damit er endlich zahlt, und weil Gallardo bei seiner Mutter geschworen hat, man hätte ihm die Ware gestohlen und er könnte nichts dafür, hat Robles zwei Schläger auf ihn angesetzt, und die haben ihn verprügelt. Aber nicht mal das hat geholfen. Um die Berufsehre zu retten, hat er ihm als Nächstes einen Gorilla auf den Hals gehetzt. Aber einen von der billigen Sorte.«

Méndez steckte sich die nächste Zigarette in den Mund. Jetzt, da man aller Welt das Rauchen verbieten wollte, ging es ihm vor allem darum, die Flamme der Revolution des Proletariats nicht ausgehen zu lassen.

»Und weiter?«

»Nun, wie gesagt: Es war ein billiger Gorilla. Er hat es nicht mal geschafft, Gallardo umzulegen, der ist ihm zuvorgekommen. Zumindest gehen wir davon aus, obwohl man es nie beweisen konnte. Ehrlich gesagt, haben wir uns auch nicht übermäßig angestrengt, um das zu beweisen, du weißt ja, wie das ist, wenn irgendwo ein Hackbällchen mit dem Fleisch eines Luden auftaucht. Niemand reißt sich bei der Ermittlung ein Bein aus. Aber wir haben immer geglaubt, dass Gallardo ihn getötet hat. Und Paco Robles hätte ihm mit Sicherheit noch einen Gorilla geschickt und diesmal einen weit besseren, aber da geschah etwas, womit keiner unserer beiden Ganoven gerechnet hatte: Du hast Gallardo wegen einer früheren Sache verhaftet, und er kam ins Modelo-Gefängnis. Es war so etwas wie Vorsehung, denn so konnte Robles sich den zweiten Gorilla sparen.«

»Er hätte jemanden damit beauftragen können, ihn im Gefängnis zu töten«, sagte Méndez seelenruhig. »So was passiert alle Tage. Der Staat hätschelt seine Verbrecher und schützt sie mehr als die Opfer, bis sie ins Gefängnis kommen: Dann vergisst er sie einfach. An dem Ort, wo sie am meisten vom Staat kontrolliert werden sollten, sind sie ganz allein ihrem Schicksal überlassen. Hast du eine Ahnung, wie viele Menschen sich im Gefängnis umbringen? Vergiss es. Dort bringt sich niemand um. Sie werden getötet.«

»Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, jemanden zu beauftragen«, räumte Madero ein, »aber vielleicht war Robles das letztlich doch zu kompliziert. Es ging auch einfacher: Er hat gesagt, wenn er das Geld nicht rausrückt, würde er seine Tochter umbringen. Vermutlich hat Gallardo das nicht sonderlich ernst genommen … bis er auf einmal nichts mehr von seiner Tochter gehört hat.«

Méndez Gesicht war nur noch ein weißer Fleck. Er murmelte: »Das passt alles perfekt zusammen. Jetzt verstehe ich sehr gut, warum Gallardo abgehauen ist und Paco Robles um jeden Preis an den Kragen will. Machen wir uns an die Arbeit.«

»Verdammt, Méndez, du machst dich an die Arbeit. Ich gehe ins Bett.«

»Willst du mir nicht mal bei der Sache mit dem Mädchen helfen?«

»Um das Mädchen kümmert sich die Mordkommission, halt dich da raus. Du bist nur ein einfacher Bulle aus der Armeleutegegend, so wie ich, auch wenn ich jünger bin und besser aussehe. Wir verfolgen Verbrecher im Ruhestand, denen es recht wäre, wenn wir sie verhaften würden, damit sie jemanden zum Reden haben. Verdammter Mist, Méndez. Der letzte, den du wegen irgendwas verhaftet hast, brachte bereits seit Jahren Blumen an das Grab der letzten Hure, die ihn ausgehalten hat. Und bei dem letzten Betrüger, den du beim illegalen Glücksspiel erwischt hast, ging es um ein paar läppische Peseten. Machen wir uns nichts vor, Méndez: In einem so ernsten Fall wie der Ermordung eines kleinen Mädchens bleibst du außen vor.«

»Verstehe. Ich soll also bloß Gallardo verhaften.«

»Genau.«

»Und wenn ich nebenbei Paco Robles bei irgendetwas erwische, wäre das noch besser, nicht wahr?«

»Mustergültig, Méndez. Ich könnte dich küssen.«

»Fick dich.«

Méndez schlug kräftig mit der Handfläche auf die Metalljalousie des Ladens, vor dem er stand. Der wurde hochgezogen, und der Polizist blickte in die verschreckten Gesichter der Bewohner: allen voran der Ladeninhaber Mane mit seiner Frau, dahinter ein Bruder und eine Schwester und zuletzt ein im Haushalt lebender Großcousin, der ein Verhältnis mit Manes Frau hatte.

Mane stammelte: »Mein Gott, Méndez!«

Bo Derek, seine Frau, kreischte: »Schon vor Stunden haben wir die Polizei verständigt, so was. Und dann schickt man ausgerechnet Sie.«

»Ich kenne Gallardo«, sagte Méndez, »und bei aller Bescheidenheit würde ich mich als sein Freund bezeichnen. Sie werden sich erinnern, ich war schon einmal hier, im Geschäft, bevor ich ihn verhaftet habe. Und ich weiß, dass sich die kleine Juli in Ihrer Obhut befindet.«

»Ja«, sagte Mane. »Sie ist unsere Nichte. Da müssen wir uns doch um sie kümmern.«

Sie ließen Méndez eintreten. Es war ein bescheidenes Kurzwarengeschäft, überall stapelten sich die Kartons, die Regale schienen jeden Moment zusammenzubrechen, und die Registrierkasse ließ jedes Sammlerherz höher schlagen. Die warme Luft aus den hinteren Zimmern drang bis in das Geschäft vor. Das einzig Erbauliche, dachte Méndez, war das Werbeplakat mit einer Frau, die einen Seidenstrumpf über ihr Bein streifte.

»Seit wann ist Juli verschwunden?«, fragte er.

»Seit einem Tag«, erklärte Bo Derek, »aber Gallardo glaubt, es wären schon zwei. Juli hat jeden Morgen im Gefängnis angerufen, im Büro, da hat ihr Vater einen Job. Aber einmal hat sie es vergessen. Und am Nachmittag ist sie fortgegangen und nicht wieder aufgetaucht. Das ist jetzt die zweite Nacht, in der sie nicht nach Hause kommt. Zuletzt gesehen hat man sie in der Sprachenschule gleich hier nebenan, in der kann man sehr gut Englisch lernen. Und günstig. Eine anständige Schule« – Bo Derek weinte –, »die anderen haben gesehen, wie sie die Schule verlassen hat, aber sie ist nicht nach Hause gekommen. Ich habe mit allen Freundinnen gesprochen. Keine weiß etwas. Keine kann es verstehen.«

Méndez dachte an die Obduktionsergebnisse. Er fragte: »Werden auf dieser Schule Radiergummis verwendet? Und Kreide?«

»Na ja … Ich denke schon. Warum?«

»Ach nichts. Ich werde mich dort mal umsehen, sobald sie aufmachen. Haben Sie ein Foto von Juli? Ich weiß ja nicht, wie sie aussieht.«

Bo Derek antwortete für alle. Die anderen Anwesenden trauten sich offensichtlich nicht, den Mund aufzumachen. Auch der Ehemann sagte kein Wort, vielleicht befürchtete er, von den Vibrationen könnte ihm eines seiner beiden Hörner abfallen.

»Wir haben keins, Señor Méndez. Das kommt Ihnen merkwürdig vor, nicht? Ein so hübsches Mädchen, das bei uns lebt … Aber so ungewöhnlich ist das nicht. Ihr Vater hat alle mitgenommen.«

»Klar … Ist ja auch verständlich«, murmelte Méndez. »Hören Sie …«

»Ja?«

Der alte Polizist strich sich mit dem Finger über die Lippen und schloss für einen Moment die Augen. Er müsste Mane bitten, ihn in die Gerichtsmedizin zu begleiten, um das Opfer zu identifizieren. Aber er brachte es nicht übers Herz. Sie sahen alle so niedergeschlagen aus, und er fragte sich, ob diese Formalität nicht noch ein paar Stunden Zeit hatte. Was machte das schon?

Außerdem hatte er noch eine wichtige Nachricht.

»Gallardo ist geflohen.«

»Was sagen Sie da?«

Bo Derek war entsetzt. Sie fasste Méndez am Revers und schüttelte ihn. Das fiel ihr nicht schwer, denn sie war eine Walküre mit achtzig wohlverteilten Kilo, unter der die Betten knarrten. Méndez erschreckte der Gedanke, die Dame könnte ihn eines Tages dazu überreden wollen, mit ihm eine Nummer in der Reiterstellung zu schieben.

»Er wird uns doch nichts tun wollen?«, jammerte sie. »Er wird doch nicht denken, wir hätten uns nicht um seine Tochter gekümmert? Wir haben ihm doch nur einen Gefallen getan, wir haben sie aufgenommen, als sie kein Dach über dem Kopf hatte.«

»Darum geht es nicht«, sagte Méndez und schob ihre Hände von seinem schmuddeligen Kragen. »Vielleicht kommt Gallardo gar nicht hier vorbei, aber falls doch, müssen Sie mir unbedingt Bescheid geben. Oder am besten, ich rufe jede Stunde an und versuche mit ihm zu reden. Gallardo ist geflohen, weil er befürchtet, dass seiner Tochter etwas Schlimmes zugestoßen ist. Und weil er zu wissen glaubt, wer als Täter infrage kommt.«

»Etwas Schlimmes? Was wissen Sie, Señor Méndez?«

Es war ein Fehler hierherzukommen, dachte der alte Polizist. Mir blieb nichts anderes übrig, aber verdammt, trotzdem war es ein Fehler. Jetzt wird gleich das Gekreische losgehen, und es wird wie eine vorweggenommene Beerdigung der Kleinen sein.

Er blickte traurig in den Flur hinter dem Laden. Alte Tapeten, die sich schon in Streifen ablösten. Eine Jungfrau von Montserrat mit dem Schriftzug »Willkommen«. Ein Foto, das den glorreichsten Moment in Manes Leben festhielt, denn er war darauf neben Rifé, einem ehemaligen Spieler des FC Barcelona, abgelichtet. Das Wappen einer Sardanatanzgruppe. Eine gelb-weiße Fahne, Souvenir einer Wallfahrt nach Rom.

Eine einfache, naive Welt, Tag für Tag, Pesete für Pesete aufgebaut, die von einem Augenblick auf den anderen eingestürzt war, und Méndez wusste, dass niemand die Teile je wieder zusammenfügen könnte.

Nein, er brachte es nicht übers Herz, sie das Mädchen noch heute Nacht identifizieren zu lassen.

»Hat sich irgendein perverser Kerl an Juli herangemacht, obwohl sie noch ein Kind war?«, fragte er. »Hat ihr jemand nachgestellt?«

»Warum fragen Sie das?«

»Weil die Welt voll von Perversen ist«, erklärte Méndez feierlich.

»Nein, niemand hat ihr nachgestellt.« Piris konnte auf einmal sprechen. »Sie war doch noch so jung.«

Wenn sie älter wäre, hättest du ihr nachgestellt, du Wichser, dachte Méndez.

Er ging zur Tür.

»Gehen Sie schlafen«, sagte er leise, »im Moment können Sie nichts tun. Morgen werden Sie all Ihre Kraft brauchen … Aber keine Sorge, ich werde nicht eine Minute ruhen. Ich habe auch schon zwei Spuren, die werde ich verfolgen. Ach ja, und in einer Stunde rufe ich an.«

Nach der barmherzigen Lüge mit den beiden Spuren (er hatte nicht eine einzige) verließ er den Laden. Die Straße war leer und feindselig, nicht einmal eine Katze gab einem das Gefühl, dass die Stadt noch lebte. Er vernahm das tröstliche Geräusch seiner Schritte, die friedvolle Einsamkeit. Das grenzte an ein Wunder, denn sonst hörte man in Barcelona nur das Rauschen einer rastlosen Menge.

Da fiel es Méndez wie Schuppen von den Augen.

Er blieb stehen.

Verflucht, warum war er nicht vorher drauf gekommen?

Er hatte doch eine Spur, wenigstens eine. Und sie könnte ihn sehr weit bringen.

Das Mädchen selbst hatte sie ihm gegeben, bevor es starb.

5 WIE EINE FLAGGE IM WIND

Eilig machte sich Méndez auf den Weg. Jetzt hatte er ein Ziel. Und wieder vernahm er das beruhigende Geräusch seiner einsamen Schritte.

Oder doch nicht so einsam?

Méndez spitzte die Ohren, wie es die Hunde tun, besonders die Straßenköter, denen keiner das Fressen hinstellt, die dafür aber auch niemanden ertragen müssen. Entweder es handelte sich um ein Echo, oder jemand verfolgte ihn. Er ging weiter, und erneut hallten seine Schritte in der Nacht wider.

Er hatte das Dach des Marktes und seine schwache Beleuchtung hinter sich gelassen. Jetzt wurde die Dunkelheit dichter, undurchdringlicher. Er drehte sich um.

Der Mann, der fünf Meter hinter ihm ging, blieb stehen.

Méndez sagte: »Hallo, Gallardo.«

Gallardo war nicht schlecht gekleidet. Sein Anzug war fast neu. Das Hemd war sauber, soweit man das bei dem spärlichen Licht beurteilen konnte, und er trug sogar eine Krawatte, was bei einem Sträfling nicht so üblich war. Das harte, wie in Stein gemeißelte Gesicht zeigte keine Regung.

»Hallo, Méndez«, sagte er in neutralem Ton.

»Jetzt sag nicht, du bist in diesen Klamotten aus dem Knast getürmt.«

»Natürlich nicht. Aber ich hatte Geld, um mir was zu kaufen. Wenn man ausbricht, ist es wichtig, dass man anständig gekleidet ist, unauffällig. Wussten Sie das nicht, Méndez?«

Sie standen jetzt zwei Schritte voneinander entfernt. Méndez sagte leise: »Seit wann verfolgst du mich, Gallardo?«

»Ich hab das Geschäft meiner Verwandten beobachtet, da sah ich Sie hineingehen und beschloss, draußen zu warten. Warum sollte ich mir das antun? Damit sie mir eine Szene machen? Um zu sehen, wie Piris seine Hand auf Bo Dereks Hintern legt? Um Mane an seinen Hörnern zu fassen?«

»Du hattest mir schon erklärt, wie es dort zugeht, Gallardo.«

»Ja, aber Sie sollen wissen, dass es mir nicht darum geht, sie bloßzustellen. Es sind gute Leute.«

»Das sind sie«, sagte Méndez.

Gallardo war noch ein wenig näher gekommen. Seine Hände zitterten. Sein Blick war nicht mehr abweisend und verschlossen, sondern ängstlich.

»Juli war nicht da, nicht wahr?«, stammelte er.

»Nein.«

»Wissen Sie, warum sie verschwunden ist?«

»Ehrlich gesagt, nein.«

Gallardos Fingerknochen knackten, ein metallisches Klicken, das durch die dunkle Straße hallte.

»Aber ich weiß es, Méndez«, sagte Gallardo. »Jetzt, wo ich mir sicher bin, dass Juli verschwunden ist, weiß ich, was ich zu tun habe.«

»Paco Robles aufspüren, nicht wahr? Und wozu, wenn ich fragen darf?«

»Um seine Eier zu segnen, nachdem ich sie ihm herausgerissen habe, Méndez.«

»Überlass das mir, Gallardo. Ist dir eigentlich klar, dass du einen schweren Fehler begehst, wenn du auch nur einen Finger krümmst? Na ja, den hast du schon begangen. Aber jetzt mach wenigstens nicht alles noch schlimmer. Wenn du Robles tötest, bringt dir das zwanzig Jahre ein.«

»Und einen Tag.«

»Und einen Tag, Gallardo. Aber das scheint dir ja nicht viel auszumachen.«

Der Flüchtige kam noch näher an ihn heran und ließ die Knöchel wieder knacken, aber diesmal war das metallische Geräusch intensiver und länger. Erst da bemerkte Méndez, dass Gallardo vier miteinander verbundene Ringe an den Fingern trug, jeder mit einer metallischen Spitze, die eine schreckliche Eisenfaust bildeten.

»Hören Sie, Méndez«, murmelte er, »ich sage Ihnen jetzt mal drei Dinge. Erstens: Ganz gleich, was sie mir aufbrummen, ich werde wieder flüchten. So schwierig ist das nicht. Zweitens: Ich weiß, dass Sie mich auf Ihre Art verstehen, also werden Sie mich nicht verpfeifen. Und drittens: Es ist mir völlig egal. Wissen Sie, Méndez, ich habe nur Juli, und wenn ihr jemand was angetan hat, wird er dafür zahlen. Ich glaube nicht an das Gesetz, und Sie glauben nicht an das Gesetz, also tun wir unsere Arbeit. Ich suche Robles, erledige ihn, und dann stelle ich mich. Aber versuchen Sie nicht, mich vorher zu verhaften, Méndez, denn Sie sind mir scheißegal. Notfalls werde ich auch Sie fertigmachen.«

Das war kein Scherz. Méndez wusste das, doch er zuckte nur souverän die Achseln und sagte leise: »Das würde mir nicht schmecken, wegen der Versicherung. Weißt du, ich hab eine abgeschlossen, zugunsten eines Vereins für reumütige gefallene Mädchen.«

»Und was ist daran so schlecht?«

»Sie würden leer ausgehen, weil sich bis jetzt noch keine reumütig gezeigt hat.«

»Ach, leck mich, Méndez.«

»Mensch, jetzt hab dich doch nicht so, so rede ich nun mal. Außerdem will ich dir helfen.«

»Was sagen Sie da?«

»Ich will dir helfen, verflucht. Warum, glaubst du, stehe ich mir hier um diese Zeit die Beine in den Bauch, statt es mir in der Calle Nueva gemütlich zu machen? Ich habe dich gesucht, damit du keine Dummheit begehst. Aber jetzt wollen wir mal Tacheles reden, Gallardo.«

Er ging mit ihm in der Nähe der Gran Vía in eine Kneipe mit Neonröhren, Tiefkühlpizza und Hotdogs aus den Überresten der Kämpfe im Irak, die noch geöffnet hatte, auch wenn der Wirt ständig auf die Uhr sah. Die Calle Nueva ist doch nicht so schlecht, dachte Méndez. Er legte den Arm um Gallardos Schulter, wie ein Schwuler, der alles daransetzt, doch noch zum Zug zu kommen, und nötigte ihm einen Cognac auf.

»Hör mal«, log er, »ich weiß nicht, was mit deiner Tochter ist, aber ich werde sie finden, denn ich habe eine Spur. Eine Spur, der ich allein nachgehen muss. Du wärst mir nur im Weg.«

»Was wollen Sie mir sagen, Méndez? Ich soll die Füße still halten, während Sie im Dreck wühlen?«

»Du würdest mich nur stören, ich schwör’s dir.«

»Dann lassen Sie mich auf eigene Faust suchen.«

»Das dauert keine halbe Stunde, Gallardo.

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