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Gothic Girl

PROLOG

Ihre Lungenflügel brannten. Jeder Atemzug war, als würde sie züngelnde Flammen schlucken. Aber sie durfte sich nicht ausruhen, musste weiterlaufen. Angstvoll warf sie einen Blick über die Schulter. Sie sah nichts, hörte nur diese grellen Stimmen.

Panisch hetzte sie tiefer hinein in den Wald und nahm kaum noch Notiz von dem Geäst, das ihr ins Gesicht peitschte und ihre Kleidung aufriss. Ihre Arme und Beine waren zerkratzt. Doch für Schmerzen blieb ihr keine Zeit. Wieder warf sie einen hektischen Blick zurück und bereute es auf der Stelle. In weiter Ferne sah sie ein gleißend-grelles Licht, das durch die Baumreihen auf und ab hüpfte.

Es kam immer näher, und es stand außer Frage, dass es nur ein Ziel hatte: sie selbst!

Tränen der Verzweiflung schossen aus ihren Augen und liefen in einem steten Rinnsal ihre glühenden Wangen hinab.

Schrille Stimmen drangen hysterisch zu ihr – beinahe verachtend. Sie wollte sie nicht hören und presste sich die Handflächen gegen die Ohren. Es half nichts. Die klagenden Laute gingen ihr durch Mark und Bein, wurden eindringlicher und gefährlicher.

Noch einmal blickte sie zurück. Da erkannte sie, dass sie noch so schnell laufen könnte. Es wäre vergebens.

Der gleißende Lichtschein strahlte immer heller und war nur noch wenige Baumreihen entfernt. Es war ein Wettlauf, den sie niemals gewinnen würde. Wie zur Bestätigung dieser Einsicht prallte sie mit der Stirn gegen einen hervorstehenden Ast und stürzte zu Boden. Ein alles durchdringender Schmerz durchschoss sie und wich dann einer lähmenden Übelkeit. Eine wohlwollende Schwärze umfing sie.

Doch es waren ihr nur wenige kurze Augenblicke des Vergessens gegönnt. Als sie die Augen wieder öffnete, manifestierten sich die Lichtpunkte zu Silhouetten, die mehr und mehr Gestalt annahmen.

Fliegende … Wesen umkreisten sie. Geschöpfe mit riesigen Klauen an den Stellen, wo sich Hände und Füße befinden sollten!

Das Mädchen versuchte auf die Beine zukommen, schaffte es aber nicht und robbte verzweifelt den mit Moos bewachsenen Boden entlang. Der schwelende Klang der Wesen übertönte sogar ihr eigenes angsterfülltes Geschrei. Sie schwirrten um sie wie Raubvögel, die mit ihr spielten.

Eines der Wesen löste sich schließlich aus dem Kreis und stürzte auf sie hinab.

Sie spürte nur noch einen kalten Luftzug …

1. KAPITEL

4 Stunden zuvor

Gänsehaut überzog ihre Unterarme. Noch nie hatte Addison etwas so bewegt wie diese Stimme.

„Die sind großartig“, schrie ihr Reiley ins Ohr. Das war eine glatte Untertreibung. Sie waren schlichtweg göttlich! Obwohl sie den Song nicht kannte – geschweige denn jemals etwas von den Newgoths gehört hatte, spürte sie die unbändige Magie, die von dieser Band ausging. Gebannt hing sie an den Lippen des charismatischen Sängers, der irgendetwas von einer zerflossenen Liebe sang. Sie fühlte seinen Schmerz mit jeder Silbe, die den Weg aus seinem Mund fand. Als wäre ihm eine Art Zauber eigen, die alle Anwesenden im Saal fesselte.

Angetrieben von einem zurückhaltenden Schlagzeug, legte eine Gitarre ihre schleppende melancholische Melodie wie eine zweite Haut unter die Stimme des Sängers.

Und auch optisch wusste diese Band voll und ganz zu überzeugen. Konnte es wirklich sein, dass es derart gut aussehende Jungs in ihrer Heimatstadt gab? Ihr Blick wechselte zwischen dem Sänger und dem Gitarristen. Als befürchtete sie, eine Nuance ihres Minenspiels und ihrer Gestik zu verpassen.

Die beiden sahen sich sehr ähnlich: groß und schlank und unnatürlich blass. Die Augen des Sängers waren tiefdunkel geschminkt und wirkten wie schwarze mandelförmige Löcher in seinem Kopf.

Einzelne Strähnen seiner langen dunklen Haare hatten sich aus dem Zopf gelöst und fielen ihm wie im Wind wiegende Grashalme ins Gesicht. Um seinen Hals schlang sich ein breites Halsband, das ihm etwas Mystisches verlieh – es ließ ihn einer griechischen Gottheit ähneln.

Auch der Junge an der gezackten E-Gitarre war eine attraktive Erscheinung. Mit jeder Bewegung verdeckten seine struppigen, bis zum Kinn reichenden Haare immer wieder Teile seines markanten und doch so weichen Gesichts.

Schade, dass er die Augen die ganze Zeit über geschlossen hat, dachte Addison. Sie wiegte sich im Takt und blendete alles um sich herum aus. Vergessen war die Angst, dass ihre Mutter ihr auf die Schliche kommen könnte. In diesem Augenblick war es schier unvorstellbar, dass sie zunächst gar nicht hatte herkommen wollen.

Mit dieser Art Musik hatte sie bislang nichts anzufangen gewusst. Und schon gar nicht mit dem durchgehend schwarz gekleideten, schräg aussehenden Publikum. Dass sie Reiley dennoch zum Gothic-Festival begleitete, war ein echter Freundschaftsdienst.

Ganz plötzlich verließ die Band die Bühne, und die Hallenbeleuchtung sprang an. Addison tat es den anderen Zuschauern gleich, riss die Arme in die Luft und stimmte in den Jubel ein. Trotzdem fühlte sie einen kleinen Stich Traurigkeit.

Mit einer ungekannten Melancholie schaute sie der Stagecrew bei den Umbauarbeiten für die nächste Gruppe zu. Viel lieber hätte sie noch stundenlang dieser Band gelauscht und sich im Anblick der beiden Jungs verloren.

„Ich geh mir was zu trinken holen“, riss Reiley sie aus ihren schwerfälligen Gedanken. „Willst du auch was?“

Addison nickte und schaute ihrer besten Freundin hinterher. Sie beneidete Reiley um ihr Aussehen. Reiley hatte eine tolle Figur und wusste sich sexy zu kleiden, ohne dass es billig wirkte. Auch wenn sie in der Schule ganz normal herumlief, konnte sie sich für derartige Veranstaltungen super in Szene setzen.

An Addison selbst sah der Möchtegern-Gothic-Look einfach nur aufgesetzt aus. Wie ein schlecht sitzendes Halloween-Kostüm. Es war aber auch schwer, aus ihrem Klamottenfundus etwas halbwegs Passendes für dieses Event herauszukramen. Nervös zupfte sie sich ihre Korsage zurecht, die sie unter einem schwarzen Baumwoll-Bolero trug. Obwohl es heiß war, wagte sie es nicht, diesen auszuziehen. Viel zu nackt wäre sie sich vorgekommen.

Während sie eingeengt im Pulk stand und gelangweilt darauf wartete, dass endlich die nächste Band die Bühne betrat, lauschte sie den Gesprächsfetzen ihrer unmittelbaren Nachbarn.

„Aus den Newgoths wird mal was ganz Großes“, sagte ein Mädchen mit bunt gefärbten Rastalocken und hohen Lack-Plateaustiefeln.

„Ich hab gehört, dass sie kurz davor stehen, einen Plattenvertrag an Land zu ziehen“, erwiderte eine andere verschwörerisch, die sich in eine lila-pink-schwarze Streifenstrumpfhose gezwängt hatte.

„Und die kommen wirklich hier aus der Gegend?“

„Einer von ihnen soll sogar auf die Keene High gehen.“

Addison horchte auf. Das war ihre Highschool!

„Wer? Der Sänger?“ Die Stimme des Rasta-Mädchens überschlug sich beinahe vor Hysterie.

„Ne, der nicht. Ich glaube, der Bassist.“

Die erlöschende Hallenbeleuchtung ließ die Unterhaltung jäh verstummen. Im nächsten Augenblick strahlten bunte Scheinwerferspots die Bühne an. Die Menge stimmte in einen erwartungsfrohen Jubel ein. Mehrere verborgen liegende Nebelmaschinen spuckten eine wabernde weiße Rauchmasse aus, die sich schnell in alle Himmelsrichtungen ausbreitete und ein Vanille-Aroma mit sich zog.

Durch den Dampf waren mit Instrumenten bewaffnete aufgestylte Mädchen zu erkennen, die ihre Fäuste in die Höhe reckten. Eine einzelne Gitarre klang verzerrt auf. Addison erkannte das Stück sofort. Es war ein Song von Marilyn Manson, von der Girlie-Band aber eigenwillig interpretiert.

Die Melancholie war verflogen. Und als schließlich das Schlagzeug einsetzte, ließ sie sich vom harten Rhythmus treiben, hüpfte mit der Masse auf und ab. Nun waren doch alle gleich. Sie sang jede einzelne Strophe voller Inbrunst mit. Es zählten nur noch das Hier und Jetzt.

Der Durst und ein anschließender Blick auf die Uhr rissen sie aus ihrer Euphorie. Verdammt, sie hätten längst auf dem Heimweg sein sollen! Doch wo war Reiley? Addison schaute sich nervös um.

Die Dunkelheit, der Nebel, und das aufblitzende Stroboskoplicht machten es schier unmöglich, in dem riesigen Gesichtermeer ihre Freundin auszumachen. Addison kämpfte sich quer durch den Raum und versuchte ihr Glück an den Getränkeständen im vorderen Hallenbereich.

Dabei lenkte sie ein Tumult an einem Merchandisingstand ab. Neugierig trat sie näher heran und stellte sich auf die Zehenspitzen. Ihr Herz machte einen aufgeregten Hüpfer, als sie den zotteligen Kopf des Sängers der Newgoths erblickte. Er stand hinter einem mit schwarzem Samt abgedeckten langen Tisch und versuchte sich von der Menge, die ein Autogramm von ihm haben wollte, nicht einschüchtern zu lassen.

„Darf ich mal durch?“, fragte eine männliche Stimme hinter ihr.

Überrascht warf Addison ihren Kopf herum und sah in ein Paar wundervolle braune Augen. „Natürlich“, stammelte sie dem Gitarristen der Newgoths entgegen. Beim Lächeln entblößte er eine strahlend weiße Zahnreihe mit einer Lücke genau in der Mitte. Er berührte sie leicht an der Schulter, was sie wie ein Schauer durchrann. Sanft schob er sich an ihr vorbei.

„Bruderherz, tauchst du auch noch auf?“, rief ihm der Sänger lachend entgegen.

Natürlich, deshalb die Ähnlichkeit, dachte Addison.

Daraufhin teilte sich die Menschentraube und ließ den Gitarristen der Band durch. Addison schaute ihm fasziniert hinterher. Er war einen halben Kopf größer als sie, trug ein durchgeschwitztes schwarzes T-Shirt mit dem Schriftzug der Band Ramones und dicke Lederbänder an seinen schlanken Handgelenken. Langsam schloss sich die Menge hinter ihm.

„Jayden“, flüsterte sie leise. Sie mochte den Namen.

Mit einem noch immer erhöhten Puls setzte sie die Suche nach Reiley fort und fand sie schließlich neben den Toiletten. Sie unterhielt sich mit zwei langhaarigen Jungs, die beide Bier tranken. Addison kannte ihre beste Freundin lange und gut genug, um jede ihrer Posen und Gesten folgerichtig deuten zu können. Die Art, wie sie sich die aschblonde Stirnlocke um den Zeigefinger drehte, ließ keinen Zweifel daran, dass einer dieser Jungs ihr Interesse geweckt hatte.

Sie stellte sich neben sie und tippte ihr fest auf den Oberarm.

„Addison!“ Die Verblüffung in ihrer Stimme klang gespielt.

„Wir müssen los. Wir sind ohnehin schon zu spät dran.“

Das gekünstelte Lächeln ihrer Freundin erlosch augenblicklich. Sie legte ihren Arm um Addison und schob sie zur Seite.

„Sag mal, spinnst du? Wir können doch jetzt nicht fahren. Guck dir mal die Jungs an, die sind doch total süß. Und sie kommen aus Boston.“

Sie betonte die Stadt beinahe liebevoll. Als wäre das etwas ganz Besonderes. Addison war das in diesem Moment egal. Sie wollte nur nach Hause, konnte schon das Donnerwetter ihrer Mutter hören.

„Komm, ich stell dich ihnen vor.“

„Ich will aber nicht vorgestellt werden!“ Sie versuchte sich aus der Umarmung zu befreien. „Du hast mir versprochen, dass du mich um elf heimbringst!“

Reiley reagierte gar nicht erst auf ihren Einwand. „Das ist Addison, meine beste Freundin“, sagte sie zu den beiden Jungs. „Und das sind Cole und Greg. Greg studiert übrigens Kunstgeschichte. Witzig, wo du doch auch so gerne malst, nicht, Addy?“

Toll, dachte Addison. Sie hasste es, so genannt zu werden. Und nun wusste sie auch, wie der Hase lief. Die Beute war bereits verteilt, und Cole zu Reileys Opfer auserkoren.

Genervt ließ sie die Begrüßungsarie über sich ergehen und schenkte diesem Greg ein unterkühltes Lächeln. Selbst wenn sie auf einen Flirt aus gewesen wäre, entsprach Greg so gar nicht ihrem Typ. Er war viel zu muskulös und hatte obendrein ungepflegte Zähne.

Er selbst schien sich für ein Geschenk an die Weiblichkeit zu halten. Mit einem breiten Grinsen wandte er sich ihr zu: „Na, wie geht’s denn so?“

Addison zeigte ihm die kalte Schulter und richtete ihr Wort an Reiley: „Also, was denn nun? Können wir fahren? Du hast es mir versprochen. Sonst wäre ich gar nicht erst mitgekommen!“

„Och, komm schon, Addy.“

„Nenn mich nicht Addy!“

„Warum denn nicht? Ich find’ Addy süß“, bemerkte Cole und versuchte sich wieder ins Spiel zu bringen. Sein Großstadtdialekt klang herablassend.

Am liebsten hätte sie erwidert, wie schnurzpiepegal ihr das war.

„Noch ’ne halbe Stunde, dann fahren wir, okay Süße?“, wollte Reiley sie beschwichtigen.

Das war ganz und gar nicht okay. Addison hätte längst zu Hause sein müssen. Allein die Vorstellung an ihre wartende Mutter ließ es ihr heiß und kalt über den Rücken laufen.

„Schau dir noch ein wenig die Band an! Wir treffen wir uns in einer Viertelstunde wieder hier, einverstanden?“

Sie drehte ihren Kopf zur Seite, um ihr unmissverständlich klar zu machen, dass es an ihrer Entscheidung nichts zu rütteln gab. Addison kannte ihre beste Freundin gut genug, um zu wissen, dass dies auch so war. Sie blies sich schnaubend eine Haarsträhne aus dem Gesicht und marschierte schnurstracks in Richtung Ausgang. Sie brauchte Reiley nicht. Einen Hauch von Stolz besaß sie schließlich auch noch. Und wozu gab es Taxis? Eine Unzahl davon wartete vor der Halle.

Addison überprüfte ihre Finanzen und erschrak, als sie aus ihrer Tasche lediglich einen einzelnen 5-Dollar-Schein fischte. Damit würde sie nicht allzu weit kommen. Dennoch steuerte sie zielstrebig auf das nächstbeste Taxi zu und klopfte gegen die Seitenscheibe, die sich augenblicklich senkte.

„Wohin?“, fragte sie ein mürrischer Mann in den Fünfzigern mit schuppig-grauem Haar. Er roch nach altem Schweiß und Zigaretten.

„Nach Keene“, sagte Addison, „Greenlawn-Street, ich hab aber nur fünf Dollar.“

Er schüttelte nur den Kopf und drückte den Knopf für das Seitenfenster.

„Bitte, zu Hause hab ich mehr Geld, wenn sie mich doch erst …“

Doch der Mann schenkte ihr keine Beachtung mehr und widmete sich wieder dem Computerspiel auf seinem Handy.

Frustriert wandte sie sich ab und machte sich auf den Weg zum nächsten Taxi. Doch auch dort dasselbe. Niemand wollte sie mitnehmen.

Andererseits waren es bis zu ihr nach Hause nicht mehr als anderthalb Meilen. Und zu spät kommen würde sie ohnehin. Damit musste sie sich abfinden. Also beschloss sie, den Heimweg zu Fuß anzutreten.

Außerdem war es wundervoll, draußen durch die erfrischende Nachtluft zu wandern. Ihr Körper war noch aufgeheizt vom Tanzen.

Während des Konzerts musste es geregnet haben. Feuchtwarmer Dunst stieg vom dampfenden Asphalt der zweispurigen Straße auf. Addison atmete tief ein und nahm den Harz des angrenzenden Nadelwaldes tief in sich auf. Der Mond war fast voll.

Solange sie die beleuchtete und menschenvolle Konzerthalle in ihrem Rücken wusste, fühlte sie sich noch wohl mit ihrer Entscheidung. Als diese jedoch nach der ersten Straßenwölbung verschwand und es nun nur noch der Mond und die Sterne waren, die auf sie herabschienen, schlug ihre Stimmung um.

Aus den angrenzenden Wäldern der Straße, die wie eine linealgerade Schneise in den Wald geschlagen worden war, hörte sie Tiergeräusche. Ein Kauz, vielleicht auch ein Uhu, und jede Menge anderer Geräusche, die sie beim besten Willen nicht einzuordnen wusste. Sie fügten sich zu einer unheimlichen Sonate zusammen, die Addison immer wieder nervös um sich blicken ließ.

Um die Anspannung zu lösen, summte sie eine Melodie vor sich hin. Erst nach einer Weile wurde ihr bewusst, dass es Bruchstücke von einem Song der Newgoths waren, den sie heute Abend zum ersten Mal gehört hatte. Sie staunte. Denn eigentlich gelang es ihr nie, eine Melodie auf Anhieb zu behalten.

Plötzlich schreckte sie auf. In die unheimlichen, aber doch irgendwie vertrauten Waldgeräusche hatte sich ein anderer Laut gemischt. Etwas Grelles, beinahe Klagendes. Und es kam näher, da war Addison sich sicher.

Automatisch bewegte sie sich auf die gestrichelte gelbe Markierung der Straße zu, um möglichst weit weg von beiden Waldseiten zu sein. Die klagende hohe Stimme, deren Herkunft sie nicht ausmachen konnte, wurde greller. Jetzt vernahm sie auch ein deutliches Kichern. Übernatürlich laut und bedrohlich verspielt klingend. Sie blieb stehen, um sicherzugehen, dass ihre Sinne ihr keinen Streich spielten.

Sie hielt den Atem an und horchte tief in die Nacht hinein. Auf einmal war es totenstill. Kein Tier gab mehr einen Laut von sich. Da war nur das rauschende Blut in ihren Ohren. Ein Knacksen drang aus dem Unterholz. Als würde ein Ast entzweigebrochen. Und noch eins. Mit einem Mal hörte sie es ganz deutlich. Aufgebrachtes Gelächter mehrerer weiblicher Stimmen. Eine Ortung war noch immer unmöglich. Sie drehte sich im Kreis, den Blick auf die dunklen Baumreihen gerichtet.

Dann sah sie etwas. Einen blassgrünen Schein in den Tiefen des Waldes zu ihrer Rechten. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder intensivierte sich das Licht, oder aber es kam näher. Und da die Stimmen lauter wurden, war die zweite Variante die wahrscheinlichere. Addison ächzte ängstlich und versuchte zu laufen. Doch ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen.

Wie gebannt starrte sie den immer näher kommenden Lichtschein an. So musste es einem Reh ergehen, das im Kegel des Scheinwerferlichts eines Trucks gefangen war.

Das Gekreische wurde schriller und lauter. Es schwoll derart an, dass Addison sich die Ohren zuhalten musste.

Gerade als das Licht die letzte Baumreihe erreichte und auf die Straße zu stürzen drohte, hupte es hinter ihr laut auf. Ein gelber gleißender Strahl blendete sie, als sie den Kopf herumriss.

Mit quietschenden Reifen kam ein aufgemotzter Dodge Challenger mit zwei breiten Streifen auf der Motorhaube unmittelbar vor ihren Füßen zum Stehen.

Ihr Herz schlug bis zum Hals. Panisch fuhr sie herum, doch von dem unheilvollen Licht gab es nicht mehr die geringste Spur, und anstelle des kreischenden Gelächters vernahm sie laute Rockmusik aus dem Inneren des Autos.

Ein Junge, vermutlich ein paar Jahre älter als sie, musterte sie hinter dem Fenster. Ein anderer saß auf dem Beifahrersitz und betrachtete sie mit unverhohlenem Interesse.

Dann wurde das Fenster an der Fahrerseite heruntergelassen. Addison wehte der Geruch von Alkohol und etwas Süßlichem entgegen.

„Wie blöd bist du denn, mitten auf der Straße herumzuspazieren? Lebensmüde oder was?“, fuhr sie der Fahrer an. Er hatte dunkles ungepflegtes Haar und ein Kinnbärtchen, das ihm das Aussehen einer Ziege verlieh.

Addison stammelte eine Entschuldigung. Mit zittrigen Knien näherte sie sich dem Fenster. Fahrt jetzt bloß nicht weg und lasst mich hier alleine, dachte sie ängstlich.

Sie zwang sich zu einem Lächeln und blickte in das Wageninnere. Da saßen vier Jungs, die ebenfalls vom Festival zu kommen schienen.

„Magst’n Stück mitfahren?“, fragte sie der Beifahrer. In seinem Mundwinkel steckte eine glimmende Zigarette. Er klang angetrunken.

„Ja, Kleines.“ Ein Kopf schob sich von der Rücksitzbank nach vorne. „Hier zwischen uns ist noch ein Plätzchen frei, da können wir es uns ein wenig gemütlich machen.“ Ein gehässiges Gelächter breitete sich aus.

„Eine sehr gute Idee“, sagte der Fahrer. Ohne Vorwarnung schoss seine Hand nach draußen und packte Addison fest an der Taille. Sein harter Griff trieb ihr Schmerzenstränen in die Augen.

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, hatte aber keine Chance, als seine zweite Hand nun ebenfalls nach ihr fasste und sie wuchtig gegen das Wagenblech presste. Mit aller Gewalt versuchte sie sich aus seiner schraubstockartigen Umklammerung zu befreien. Sie hämmerte mit ihren Fäusten auf seine Unterarme ein, erntete aber nur ein bissiges Lachen. Voller Panik nahm sie das Klicken der Hintertüren wahr, die geöffnet wurden. Der Kerl, der eben noch den fiesen Spruch auf den Lippen hatte, stieg aus und grinste sie diabolisch an.

„Komm schon, Kleines, wir wollen doch nur ein bisschen Spaß.“ Er nahm einen großen Schluck aus einer Bierflasche und warf sie anschließend achtlos auf die Straße, wo sie mit einem dumpfen Knall zersprang. Langsam, so wie ein Raubtier seine wehrlose Beute umkreist, kam er näher.

Addison wimmerte vor Angst und versuchte noch heftiger auf die Arme ihres Peinigers einzuschlagen. Als das nicht half, schlug und kratzte sie ihn, doch auch davon zeigte sich dieser unbeeindruckt.

Jetzt war der Junge dicht bei ihr. Er musste nur noch die Hand ausstrecken und nach ihr greifen.

Er fasste ihr ins Haar und hauchte ihr seine Bierfahne entgegen.

Auf einmal ging alles schnell. Sie sah ein weiteres Paar Scheinwerfer aufblitzen, die scheinbar aus dem Nichts kamen. Ein großer nachtschwarzer Wagen bremste dicht hinter dem Dodge. Eine Tür wurde aufgerissen und im selben Moment stürzte sich eine Gestalt auf den Kerl, der eben noch Addisons Haar in der Hand gehabt hatte. Dieser war derart perplex, dass er zunächst gar nicht begriff, wie ihm geschah, als ihm eine Faust ins Gesicht donnerte.

Zur gleichen Zeit lösten sich die Hände um Addisons Taille. Reflexartig wich sie nach hinten zurück. Als der erste Kerl aufgrund des Schlagabtauschs zu Boden ging, machten seine Kumpels Anstalten, den Wagen zu verlassen. In der Dunkelheit erkannte Addison, wie sich die Seitentür des Vans aufschob und diese weitere schwarze Silhouetten ausspuckte.

„Das würde ich an eurer Stelle bleiben lassen“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie klang ruhig, aber bestimmt.

Ihr Retter hob erneut seine Fäuste und machte sich auf einen Gegenangriff bereit.

„Jetzt reg dich ab, wir haben doch nur Spaß gemacht. Wir hätten der Kleinen schon nichts getan.“ Mühsam richtete sich der zu Boden Gegangene auf und stand zunächst unschlüssig herum. Auf ein Zeichen seiner Kumpels hin zog er sich murrend zurück. Der Fahrer gab Gas und ließ unter durchdrehenden Reifen die Kupplung kommen. Im nächsten Moment machte der Wagen einen Satz nach vorn und preschte los.

Eine Weile wurde es unwirklich ruhig auf der Straße. Addison stieß ein leises „Danke“ hervor. Ihr ganzer Körper zitterte vor Aufregung.

„Geht’s dir gut?“, fragte ihr Retter.

Sie nickte und wischte sich die immer schneller herunterkullernden Tränen mit dem Ärmel ihres Boleros aus dem Gesicht. Dann konnte sie es nicht mehr halten und weinte hemmungslos.

„Schon gut“, redete der Junge beruhigend auf sie ein. „Alles ist gut, lass es einfach raus.“ Er kam auf sie zu und legte den Arm um sie. Sie wehrte sich nicht und vergrub ihr Gesicht in seinen Schultern. In dieser Geste lag eine Wärme, wie sie sie noch nie zuvor gespürt hatte.

„Danke“, sagte sie noch einmal, „geht schon. Diese Idioten haben mich einfach auf dem falschen Fuß erwischt.“

„Was macht denn ein Mädchen auch allein auf dieser Straße?“ Er sah sie ...

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