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GORILLAWOOD

INHALT

- Vorwort von Chris Walas

- Einleitung

- Hollywood und die Gorillas

- Charles Gemora - König der Gorilla-Männer

- Charles Gemora - Die Filme (inklusive „Der Fall Ingagi" 65-73)

- Ray Corrigan - Gorilla im Sattel

- Ray Corrigan - Die Filme

- Emil Van Horn - Zwischen Nachtclubs und Nudisten

- Emil Van Horn - Die Filme

- Steve Calvert - Ein Gorilla hinterm Tresen

- Steve Calvert - Die Filme

- Art Miles - Ein haariges Schwergewicht

- Art Miles - Die Filme

- George D. Barrows - Der fleißigste Hollywood-Gorilla

- George D. Barrows - Die Filme

- Und es gab noch andere

- Hollywood-Gorillas für Zuhause

- Quellen

- Index

Vorwort von Chris Walas

Heiß. Richtig heiß. Unbequem. Das Atmen fällt schwer. Deine Bewegungen sind eingeschränkt und du musst in einer schwierigen Position verharren, die eine Belastung für deinen Rücken und die Beine ist. Durch deine verdeckten Ohren wirken Geräusche dumpf und distanziert. Irgendjemand schreit etwas und du springst auf, simulierst einen grausamen Nahkampf, fällst, springst wieder auf. Du bist Schweißnass und ringst nach Luft, als du versuchst, den Hals deines Gegners in tödlichem Griff zu halten, aber deine Hände sind so groß, dass du es schlecht abschätzen kannst und deine Finger das Ziel verfehlen. Schließlich wirfst du ihn auf den Boden und, vollkommen erschöpft, rennst du los und schnappst dir 55kg Frau und hebst sie hoch in die Luft und trägst sie fort in die Büsche. Der Regisseur schreit: „Nochmal! Und Gorilla, kannst du noch wilder sein?"

Das ist ein Beispiel für die Erfahrungen im Gorillakostüm. Aber das ist nur ein Teil und damit ist es noch längst nicht getan. Da sind die Vorbereitungsarbeit am Vortag, Reinigung und Reparaturen danach. Gorillakostüme bedeuten aufwändige Instandhaltung und erfordern regelmäßige Wartung.

Stell dir vor, du trägst die dickste Winterkleidung, die du dir denken kannst. Nun zieh darüber noch einen schweren Fellmantel. Nun stehe in der prallen Sonne oder unter heißen Studioscheinwerfern. Es ist heiß da drin!

Warum würde also jemand mit gesundem Verstand überhaupt in Betracht ziehen, so etwas zu machen? Die Schauspieler, mit denen ein Gorilla-Mann arbeitet, verdienen immer mehr Geld als er und das für vergleichsweise weniger Arbeit und Kopfschmerzen. Da gibt es auf jeden Fall einfachere Jobs, als ein Gorilla-Mann zu sein.

Aber in der gesamten Filmgeschichte, und besonders ungefähr in den ersten fünfzig Jahren, war der Gorilla-Mann ein wichtiger Bestandteil von Komödien, Mystery- und Horrorfilmen.

Was könnte wohl ein menschliches Wesen dazu bringen, die qualvolle Erfahrung zu erdulden, als würde man zu Tode gekocht und gleichzeitig ersticken? Welche mögliche Belohnung liegt im Tragen eines schweren und sperrigen Kostüms, das dein Gesicht so gut verdeckt? Jeder Schauspieler würde bei dem Gedanken scheuen, das Publikum könnte sein Gesicht nicht sehen. Und trotzdem, eine Anzahl Männer bestritt einen guten Teil ihres Lebensunterhalts, indem sie Gorillas im Kino und im Fernsehen waren. Wer waren also diese masochistischen Kämpfer? Sie kamen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten; Athleten, Stuntleute, Künstler und mehr. Vom gutaussehenden Hauptdarsteller Crash Corrigan bis zum kleinen Philippiner Charlie Gemora, es gab sie in allen Formen und Größen. Beides, ihre Kostüme und Auftritte, unterschieden sich ebenfalls stark. Von der überaus überzeugenden Arbeit Charlie Gemoras bis zu den Filmmonster-Possen von Crash und anderen.

Was immer ihre Gründe waren, dass sie Gorillas sein wollten, sie schafften es, über die Jahre in hunderten von Produktionen zu erscheinen und meine Kindheit war von ihnen bevölkert.

Ich sah sie in den alten Republic-Serials. Ich sah sie in den MGM-Tarzanfilmen. Ich sah sie in den Universal-Horrorfilmen. Ich sah sie in den Little Rascals- und Bowery Boys-Komödien. Sie waren überall und ich liebte sie. Wie viele andere war ich auf unbeschreibliche Weise fasziniert von der Art, wie sie sich bewegten, vom Aussehen ihrer Kostüme und der unbestreitbaren Präsenz, die sie auf der Leinwand zeigten. Wer waren also diese Männer? Sie waren meine Helden.

Ob ich zum damaligen Zeitpunkt ihren Namen kannte oder nicht. Von all den Charakteren in all diesen Filmen wollte ich mehr als alles andere der Gorilla sein. Ich folgte ihren Taten so gut ich konnte, erkannte einen bestimmten Gorilla-Mann an der Art seines Kostüms oder der Art seiner Bewegungen, oder beides. Ich durchstand unzählige schreckliche Tarzan-Nachahmungen, nur für einen 1-minütigen flüchtigen Blick auf einen Gorilla-Mann. Es schien, dass immer wenn Hollywood Probleme hatte, als Lösung ein Gorilla in den Topf geworfen wurde. Ob es ein Gespensterhaus war (warum ist da ein Gorilla in einem Gespensterhaus?), das Labor eines verrückten Wissenschaftlers (hat jemals ein Wissenschaftler einen Gorilla im Keller gehalten?), die Weiten Afrikas (die immer verdächtig nach Südkalifomien aussahen) - es war egal. Für Jahrzehnte war der Gorilla die Antwort.

Und die Gorilla-Männer nahmen die Herausforderung an; kletterten auf Dächer, schwangen von Lianen, schleppten Frauen davon, bekämpften tapfere Helden, erduldeten grausame Experimente, wurden mit jemand anderem in einem Gorillakostüm verwechselt.

Nenne Irgendetwas, sie machten es. Unter heißen und schwitzigen, erschöpfenden Bedingungen, sie machten es.

Darum, an alle diese großartigen Darsteller und Künstler, danke für all die Schrecken, Nervenkitzel, Stürze und Lacher. Vielen Dank.

Chris Walas, 02.07.2015

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Was ist ein Hollywood-Gorilla? Diese Frage steht am Beginn, um zu erläutern, worum es in diesem Buch geht. Sicher ist KING KONG ein Gorilla aus Hollywood. Auch die Gorillasoldaten aus den PLANET DER AFFEN-Filmen sind Kreationen der Filmwelt, genau wie die britischen Affenmenschen in Stanley Kubricks 2001. Die folgenden Seiten behandeln aber nicht den meisterhaft animierten Riesenaffen aus der Trickwerkstatt Willis O'Briens oder die immer besser gestalteten Primaten des Kinos, die seit dem Ende der 1960er Jahre auf der Leinwand zu sehen waren. Hier geht es ausschließlich um Männer, die im Zeitraum von 1927 bis 1967 intensiv als Filmgorillas tätig waren. Charles Gemora, Ray Corrigan, Emil Van Horn, Art Miles, Steve Calvert und George D. Barrows bedienten den Bedarf nach Filmaffen, lange bevor Spezialisten wie der Make Up-Künstler Rick Baker oder der Choreograph Peter Elliott nahezu perfekte Menschenaffen für die Filmwirtschaft schufen. Sie gehörten zu einer besonderen Gruppe von Darstellern, die über eigene Kostüme verfügten und den Produzenten von Horrorfilmen, Dschungelabenteuern, Dramen und Komödien ermöglichten, Gorillas zu zeigen, weil echte Tiere niemals für einen Filmauftritt dressiert wurden. Sie bedienten jeder auf seine Weise einen speziellen Markt und waren dabei mehr oder weniger erfolgreich. Ihre Lebensgeschichten lesen sich oft abenteuerlich und die interessante Frage, warum sich ein hervorragender Maskenbildner, ein Filmcowboy oder ein Barkeeper zum Affen machten, kann nicht alleine mit monetären Gründen beantwortet werden. Wenn gestandene Männer über viele Jahre in unbequemen Fellanzügen pro Filmdreh mehrere Kilo Gewicht abschwitzten, kann es nur daran liegen, dass diese Herren auch Spaß daran hatten, als wilde Affen vor der Kamera zu erscheinen. Mein Selbstversuch in einem leicht gebauten Kostüm für ein Theaterstück war eine im wahrsten Sinne des Wortes hitzige Angelegenheit, aber im Vergleich zu der anstrengenden Arbeit der klassischen Gorilla-Männer lachhaft. Soviel Hingabe verdient Beachtung, die diese Männer nun mit diesem Buch bekommen. Im besten Fall verspürt der Leser während der Lektüre dieses Buches Lust, sich genauer mit den Herrschaften zu befassen und sich einen Haufen billiger Filme anzusehen. Das Buch ist so aufgebaut, dass einem biografischen Text zum jeweiligen Darsteller alle bislang identifizierten Filme folgen, in denen er mitwirkte - und zwar in Reihenfolge ihrer Veröffentlichung. In den seltensten Fällen wurde der Darsteller des Gorillas im Vorspann namentlich erwähnt, so dass rund acht Jahre mit Filmsichtungen hinter mir liegen, immer in der Hoffnung, dass einer der Herren im Film auftaucht. Das war manchmal hartes Brot, aber wenn ich fündig wurde, waren viele Stunden erfolgloser Suche vergessen. Da die meisten Filme nicht im deutschsprachigen Raum gezeigt wurden, sind sie mit ihrem Originaltitel benannt. Etwaige deutsche oder österreichische Titel finden sich danach, soweit ich sie ermitteln konnte. Im hinteren Teil des Buches findet sich eine auch Liste mit Veröffentlichungen für dem Heimgebrauch, falls ein Leser Interesse hat, einige der hier behandelten Filme aufzuspüren.

Für die Unterstützung bei der Fertigstellung dieses Buches möchte folgenden Menschen danken:

Den Gorilla-Nachkommen Diana (Gemora) Fox Jones und William Stevens für Informationen über ihre Väter, Jason Barnett für seine Recherchen zu Charles Gemora, Bob Burns für das Teilen von Bildmaterial, Craig Scott Lamb für Informationen zu Ray Corrigan, Thilo Gosejohann für den Gedankenblitz zum Titel dieses Buches, Nina Holzschneider für ihre Ubersetzungsarbeit zu BROOBA, Wolfgang Jahn für die Beschaffung seltenen Bildmaterials, Jörg M. Jedner und Ben Kozlowski für die Vermittlung von Ubersetzungstätigkeiten, Carsten H. Tritt für seine kompetenten Lektorendienste, Michael Bowen für die Einrichtung des New Yorker Gorillalagers (da manche Ebay-Händler partout nicht nach Ubersee versenden wollen) und Olaf Strecker für das Starten der Gorillasuche.

Besonderer Dank gilt dem talentierten Chris Walas für sein treffend formuliertes Vorwort und nicht zuletzt Thi-Cuc für die große Geduld mit einem Affen-besessenen Lebensgefährten. Ihr habt mir alle sehr geholfen - DANKE!

Und nun hinein in die haarige, verrückte, anstrengende und manchmal auch tragische Welt der Hollywood- Gorillas.

Ingo Strecker

HOLLYWOOD UND DIE GORILLAS

Seit den ersten Berichten verschiedener Entdecker des 17. Jahrhunderts galt der Gorilla als wilde, unkontrollierbare Bestie, die einen Menschen in Sekunden töten kann. Die unbändige Kraft und Größe der Menschenaffen muss auf diese Menschen furchteinflößend gewirkt haben und den friedlichen Tieren unvoreingenommen zu begegnen, war damals kaum möglich. Auch war nach der Rückkehr in die Heimat eine abenteuerliche Geschichte voller exotischer Gefahren interessanter als die bloße Beobachtung der großen Pflanzenfresser. So musste erst viel Zeit vergehen, ehe die wissenschaftlichen Arbeiten von George Schaller und Diane Fossey in der Neuzeit das Bild des Gorillas in der Öffentlichkeit änderten.

Als die amerikanische Filmproduktion Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Gorilla seinen Weg auf die Leinwand finden würde. Und dies natürlich in der allgemein akzeptierten wilden und mörderischen Variante. Dabei stellte die Darstellung von Affen die Filmleute immer schon vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Schimpansen waren eine naheliegende Wahl, da sie gut zu dressieren waren, doch ihr Einsatz war begrenzt, so dass schnell Bedarf nach Kostümaffen aufkam. Einer der ersten Gorillas der Filmwelt war wohl im Serial PERILS OF PAULINE aus dem Jahr 1914 zu sehen. Wie Fotos zeigen, war das Kostüm aber eher ein einfaches Faschingsmodell anstatt ein Versuch, auch nur annähernd realistisch zu sein. Alles änderte sich mit der ersten Tarzan-Verfilmung TARZAN OF THE APES (1918, TARZAN DER AFFEN), für die neben echten Schimpansen auch eine große Anzahl von Darstellern in Affenkostümen mitwirkte. Diese Kostüme waren einfache Fellanzüge, verfügten aber schon über detailliertere Affenmasken und auch Armverlängerungen, um den Eindruck echter Primaten zu vermitteln. Mit dem Beginn der 1920er Jahre machte der Film große Fortschritte, was auch für den Bereich des Spezial-Make Ups zutraf. 1920 erschien Bull Montana in GO AND GET IT als Gorilla mit dem Gehirn eines Menschen, doch er wirkte nach dem Schminken durch Cecil Holland wie ein stark behaartes humanoides Wesen - halb Mensch, halb Affe - und hatte keine Ähnlichkeit mit einem echten Gorilla. 1922 versuchte sich Lon Chaney in A BLIND BARGAIN ebenfalls am Design eines Affenmenschen, der erneut eine Mischung aus Mensch und Primat war und wohl mehr durch das Schauspiel Chaneys als durch sein Aussehen überzeugte. 1925 wirkte Bull Montana erneut als Affenmensch in THE LOST WORLD (DIE VERLORENE WELT) mit, wobei seine von Perc Westmore und Charles Gemora umgesetzte Verkleidung nahezu identisch mit der des Jahres 1920 war. Ein Jahr später wirkte Montana dann erneut als Affenmensch in VANISHING MILLIONS mit und trug hier zumindest eine etwas aufwändigere Affenmaske. Ebenfalls 1925 machte sich auch der frühe Hollywood-Cowboy Fred Humes in LORRAINE OF THE LIONS als Gorilla Bimi in einem überzeugenden Kostüm einen Namen. Später wurde es für Filme wie CIRCUS ROOKIES (1928, ZIRKUS-BABIES) vermutlich gegen ein Modell aus der Werkstatt Charles Gemoras ausgetauscht. 1927 folgte dann ein erneuter, sehr überzeugender Auftritt eines Darstellers in der Rolle eines Primaten, als Jacques Lerner in THE MONKEY TALKS (DER SPRECHENDE AFFE) seine Rolle aus dem Theater auch für die Leinwand übernahm. Lerner spielte einen Darsteller, der als sprechender Affe erfolgreich ist und diese Rolle auch neben der Bühne spielen muss, um den Schwindel nicht auffliegen zu lassen. Das gelungene Make Up, das dem Maskenbildner Jack Pierce zugeordnet wird, und Lerners Darstellung machen die Illusion perfekt und die Zeit der einfachen Kostümaffen schien vorbei.