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Goodbye Hollywood

Cindi Myers

Goodbye Hollywood

1. KAPITEL

„Alle bitte wieder auf ihre Plätze. Wir müssen die Szene noch einmal durchgehen.“

Tanya Bledso ignorierte das Stöhnen der Ensemblemitglieder und wartete darauf, dass alle wieder ihre Ausgangspositionen auf der Bühne einnahmen. Staubkörner tanzten im Licht des einzigen Scheinwerfers über den schon reichlich abgenutzten Bühnenbrettern – ein himmelweiter Unterschied zu den Fernsehbühnen Hollywoods, auf denen Tanya zehn Jahre lang zu Hause gewesen war.

Wenn ihre damaligen Kollegen sie jetzt sehen könnten, würden sie entweder schaudern oder lachen, aber darüber wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken. Sie war nach Crested Butte in Colorado zurückgekehrt, um ein neues Leben zu beginnen, und wenn sie dafür einen Haufen Einwohner durch eine Amateuraufführung begleiten musste, dann sollte es eben so sein.

Wenigstens tat sie so noch immer das, was sie am meisten liebte, wenn natürlich auch nicht auf dem hohen Niveau, das sie mal angestrebt hatte.

„Machen die das in Hollywood auch immer so?“, fragte ihre beste Freundin Angela Krizova, die erschöpft auf einer Chaiselongue lag und sich mit einem Fächer Luft zufächelte. „Arbeiten bis zum Umfallen?“

„Am Set wird perfekte Arbeit erwartet“, antwortete Tanya. „Schauspieler arbeiten sehr hart.“

„Mag ja sein, aber wenigstens werden sie dafür bezahlt“, sagte der Hauptdarsteller des Stücks, Stadtrat Oscar Renfield, während er seine Position in der Bühnenmitte einnahm. „Wir hingegen sind nur Amateure.“

„Und du bist der größte Amateur von allen, Oscar!“, rief der für die Beleuchtung zuständige Bill Freeman aus dem Hintergrund.

Oscar wartete, bis das Gelächter abgeklungen war. „Na ja, mit Tanya könnten wir uns natürlich nicht vergleichen“, sagte er und lächelte seine Regisseurin voller Zuneigung an.

Alle hier waren so lieb zu Tanya. Man behandelte sie wie einen großen Star, obwohl ihre Karriere sich auf ein paar Werbespots und eine Rolle in einer Seifenoper beschränkte. Sie hatte wirklich ein Riesenglück mit dem Job als Leiterin des Crested Butte Center for the Arts and the Mountain Theater gehabt – vermutlich hatten ihre Eltern sich für sie eingesetzt.

Umso wichtiger war es, gute Arbeit zu leisten. „Ach, kommt schon“, sagte sie. „Nur noch das eine Mal, versprochen.“

Unter schwachem Protestgemurmel schlurften die übrigen Ensemblemitglieder an ihre Plätze. Tanya kontrollierte Angelas Zeile. „Wie soll ich wissen, ob ich dir vertrauen kann, Steve?“, sagte Angela. „Es ging schon letztes Mal mit uns schief.“

In diesem Augenblick wurde die Tür zum Zuschauerraum aufgestoßen, und ein Mann mit einem sperrigen Kulissenteil erschien. „Wohin soll ich das bringen?“, fragte er, wobei seine Stimme in dem leeren dunklen Saal widerhallte. Ohne die Antwort abzuwarten, trug er die Außenwand eines altmodischen Saloons den Gang hoch. Vor der Bühne setzte er sie ab und stützte sich auf die Öffnung über der Schwingtür. „Ich habe noch drei weitere Teile davon im Lkw liegen.“

Tanya hatte zunächst geglaubt, dass ihre Ohren ihr einen Streich spielten, aber als das Licht des Scheinwerfers auf das Gesicht des Mannes fiel, wusste sie, dass ihr Instinkt sie nicht getrogen hatte. Jack Crenshaw war älter geworden und hatte inzwischen einen sehr muskulösen Oberkörper, aber sein volles dunkles Haar fiel ihm wie früher in die Stirn, und seine intensiven blauen Augen waren noch genauso durchdringend.

Schon als Teenager hatte er die Blicke sämtlicher Frauen zwischen sechs und sechzig auf sich gezogen, und auch jetzt richtete Tanya sich bei seinem Anblick unwillkürlich auf und fuhr sich nervös durchs Haar.

Ihre Handbewegung lenkte seine Aufmerksamkeit auf sie, und für einen Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte, begegneten sich ihre Blicke. Tanya schlug das Herz plötzlich bis zum Hals. Genau deshalb war sie Jack bisher auch so erfolgreich aus dem Weg gegangen. Sein Anblick erinnerte sie nur daran, wie sie mit achtzehn gewesen war – so jung und voller großer Träume.

Jacks Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, bei dem ihre Knie weich wurden. „Nun, wenn das nicht unsere Hollywoodprinzessin ist“, sagte er.

Sein Tonfall war so kühl, dass Tanya zusammenzuckte, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Klar, sie waren damals nicht gerade im Guten auseinandergegangen, aber inzwischen müsste er ihr doch längst verziehen haben, oder? Sie waren praktisch noch Kinder gewesen.

Es musste einen anderen Grund für sein abweisendes Verhalten geben. Vielleicht hatte er ja etwas gegen das Theater an sich oder einfach nur einen eigentümlichen Humor. „Hallo, Jack“, sagte sie.

Betont langsam ließ Jack den Blick über sie gleiten. Bei seinem kalten Gesichtsausdruck erschauderte Tanya. In Crested Butte hatte sich während ihrer Abwesenheit viel verändert, aber sie hätte nicht gedacht, dass das auch auf Jack zutraf.

„Ich nehme an, du bist hier der Boss?“, fragte Jack so emotionslos, als würde er mit einer total Fremden sprechen. „Wo sollen die Kulissen hin?“

Tanya blinzelte. Oh ja, Jack hatte sich verändert, und, wie so viele Dinge in ihrer Heimatstadt, eindeutig nicht zu seinem Vorteil. „Sie werden hinter der Bühne gelagert“, antwortete sie und nickte in die ungefähre Richtung.

„Würdest du mir vielleicht etwas genauer zeigen, wo?“ Jack lächelte noch immer, aber seine Stimme klang feindselig.

„Ich gehe schon“, sagte Barbie Fenton, Angelas Zweitbesetzung, bevor Tanya die Chance hatte, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Barbie lief nach hinten. „Ich komme gleich zurück.“

„Wir wollten doch gerade die Szene noch mal durchgehen!“, protestierte Tanya.

„Dafür brauchst du mich nicht wirklich“, antwortete Barbie und war verschwunden, bevor Tanya noch etwas erwidern konnte.

Sie richtete die Aufmerksamkeit wieder auf ihr Skript und versuchte, ihre Gereiztheit und ihre Verwirrung zu verbergen. Was war nur mit Jack los? Klar, er hatte sie seit ihrer Rückkehr nach Crested Butte vor einigen Monaten noch nicht aufgesucht, aber sie hatte sich eingeredet, dass er wahrscheinlich einfach nur zu beschäftigt war.

Oder dass er, genauso wie sie, noch etwas Zeit brauchte, um sich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass sie wieder hier war. Nach all den Jahren mussten sie schließlich erst wieder einen neuen Umgang miteinander finden.

Hinter der Bühne erklang tiefes Gelächter. Tanya erstarrte, während sie ein längst vergessenes Verlangen in sich aufsteigen spürte. Es war ganze zehn Jahre her, dass sie Jack das letzte Mal hatte lachen hören, aber ihr Körper reagierte genauso, als sei es erst gestern gewesen.

Noch ein Beweis dafür, wie erbärmlich ihr Privatleben in Hollywood gewesen war. Offensichtlich hatten auch sieben Jahre Ehe nicht das Feuer löschen können, das Jack damals in ihr entfacht hatte.

„Ich will nicht dein Vertrauen, Roxanne, sondern deine Mitarbeit“, las Oscar vor. „Es ist in deinem Interesse, mit mir zu kooperieren.“

„Das stimmt nicht“, sagte Angela.

„Aber der Text an der Stelle gefällt mir nicht“, widersprach Oscar. „Meiner ist viel besser.“

Die Auseinandersetzung der Darsteller riss Tanya aus ihren Gedanken. „Was?“ Hastig durchblätterte sie ihr Skript, wobei sie versuchte, ihre Verwirrung zu verbergen.

„Die richtige Zeile lautet: ‚Es soll sich auch für dich lohnen‘“, sagte Angela. „‚Es ist in deinem Interesse, mit mir zu kooperieren‘, klingt nach Bankerjargon.“

„Aber ich bin Banker“, protestierte Oscar.

„Deine Rolle aber nicht“, erinnerte Tanya ihn. „Bitte lies die Zeile so, wie sie im Skript steht.“

„Bei deinem Spruch würde ich eher einem Grizzlybären vertrauen“, sagte Angela.

„Ich bin aber viel kuscheliger.“ Oscar grinste anzüglich.

Tanya beeilte sich mit dem Durchlauf, beendete die Probe und ging hinter die Bühne, um mit Jack zu reden. Sie hätte ihn schon längst aufsuchen sollen. Vielleicht nahm er ihr ja einfach nur übel, dass sie es noch nicht getan hatte. Nun, sie war alt genug, um sich zu entschuldigen. Schließlich sprach nichts gegen eine Freundschaft zwischen ihnen.

Sie sehnte sich so sehr nach etwas Vertrautem in der Stadt, die sich in ihrer Abwesenheit so stark verändert hatte. Bei ihren kurzen Stippvisiten bei ihren Eltern war ihr nie aufgefallen, dass die verschlafene Bergarbeiterstadt sich nach und nach in eine quirlige Touristenattraktion verwandelte.

An den Berghängen drängte sich inzwischen ein Wohnhaus an das andere, und die Hauptstraße war voller neuer bunter Läden, Restaurants und Bars, in denen sich Abend für Abend Touristen und Einheimische trafen.

Tanya ging um einen Stapel alter Kulissen herum und blieb abrupt stehen, als sie plötzlich leises Stimmengemurmel hörte. Vor ihr im gedämpften Schein einer Deckenlampe stand Barbie mit dem Rücken zur Saloonwand, und Jack beugte sich über sie.

Er schob gerade eine Haarsträhne hinter Barbies Ohr, eine intime Geste, deren Anblick Tanya den Atem verschlug. Verlegen und mit heißen Wangen drehte sie sich wieder um. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, hinter Jack herzulaufen?

Jack hörte ein Geräusch und hob den Kopf. Gerade noch rechtzeitig sah er Tanya in der Dunkelheit verschwinden. Er seufzte und lächelte Barbie entschuldigend an. „Ich sehe mal lieber nach, was die Chefin will.“

Barbie verzog das Gesicht. „Nur weil sie ein paar Jahre in Hollywood war, halten alle sie für die Größte“, sagte sie. „Aber wenn sie wirklich so toll war, warum ist sie dann nicht dageblieben?“

Stimmt, warum eigentlich nicht? fragte Jack sich. Er wusste schon länger, dass Tanya Bledso wieder in der Stadt war, war jedoch bis jetzt seinem Vorsatz treu geblieben, ihr aus dem Weg zu gehen. Aber dann hatte seine Neugier doch gesiegt.

Er hatte sich überlegt, dass sie bestimmt im Theater war. Schließlich war sie praktisch dort aufgewachsen. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie als Siebzehnjährige mit ihrer Darstellung der Laurey in Oklahoma! alle an die Wand gespielt hatte.

Doch danach hatte sie einfach nur abschätzig über die Vorstellung, in Crested Butte zu bleiben, gelacht und war in den erstbesten Bus nach Westen gestiegen. Sie hatte große Pläne gehabt, in denen ein Bauarbeiter aus der Kleinstadt keinen Platz hatte.

„Jack? Ist alles in Ordnung mit dir?“ Barbie tippte ihm auf die Schulter.

Er blinzelte verwirrt. „Was?“

„Du siehst so merkwürdig aus. Als ginge es dir nicht gut.“

„Nein, alles in Ordnung.“ Jack richtete sich auf und zwang sich zu einem Lächeln. „Bis bald, Barbie. Pass auf dich auf.“

Er traf Tanya im Zuschauerraum an, einen Stapel Skripte sortierend. „Hey!“, rief er.

Sie wirbelte zu ihm herum. Ihre Wangen waren gerötet, und sie hielt die Skripte an sich gepresst wie einen Schutzschild. „Oh. Hi, Jack“, antwortete sie und musterte ihn kühl. „Dein Kommen hat mich überrascht.“

„Nicht so sehr wie mich deine Rückkehr.“ Jack verschränkte die Arme über der Brust und lehnte sich gegen die erste Sitzreihe. „Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hast du mir ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass du der Stadt hier für immer den Rücken zukehren wolltest.“

Tanya drehte sich wieder um und fuhr mit dem Sortieren fort. „Ich bin inzwischen erwachsen geworden und habe eine Tochter. Mir wurde einfach bewusst, dass diese Stadt hier der passende Ort ist, um ein Kind großzuziehen.“

Jack war von dieser unerwarteten Nachricht wie vor den Kopf gestoßen. Was? Tanya hatte eine Tochter? Die Vorstellung löste merkwürdige Gefühle in ihm aus. „Das wusste ich ja gar nicht“, sagte er. „Und was ist mit ihrem Vater?“

„Er ist Schauspieler.“ Tanya stapelte die Skripte auf einem Tisch in einer Nische neben der Bühne und drehte sich zu Jack um. „Wir sind inzwischen geschieden. Ich wohne wieder bei meinen Eltern, bis ich etwas Eigenes gefunden habe. Sonst noch was?“

Allerdings. Was ist mit dem süßen Mädchen von früher passiert? Jack erkannte die gepflegte Frau hier mit den blonden Strähnchen, der Seidenbluse, den Designerjeans und dem spröden Verhalten nicht wieder. „Und wie lange gedenkst du diesmal zu bleiben?“, fragte er kühl.

„Für immer. Das hier ist von jetzt an mein Zuhause.“

„Hier hat sich während deiner Abwesenheit eine Menge verändert“, antwortete Jack.

Tanyas Gesicht verdüsterte sich. „Allerdings. Ich würde mir wirklich mal gern denjenigen vorknöpfen, der für all die Neubauten hier verantwortlich ist.“

„Das wäre dann wohl ich“, gab Jack mit grimmiger Befriedigung zurück.

Tanya starrte ihn an. „Du?“

„Ja.“ Jack richtete sich auf. „Ich habe die meisten dieser Häuser gebaut und dabei einen hübschen Gewinn gemacht.“ Er war zwar nicht in die Großstadt gegangen, hatte aber trotzdem etwas aus sich gemacht.

„Warum?“, fragte sie. „Das hier war eine wunderschöne Stadt, bis Menschen wie du sie fast ruiniert haben.“

„Menschen wie ich? Du hast gut reden, wenn man bedenkt, dass du es vor zehn Jahren gar nicht abwarten konntest, von hier wegzukommen!“

Wütend funkelten sie einander an. Nur das Knacken im Gebälk und Tanyas Atemzüge waren zu hören. Jack war über die Intensität seiner Wut überrascht. Als Tanya ihm vor zehn Jahren mitgeteilt hatte, dass sie die Stadt verlassen würde, war er zu geschockt gewesen, um zu reagieren. Die Wut auf sie war erst nach ihrer Abreise gekommen, aber eigentlich hatte er gedacht, das alles längst überwunden zu haben.

Tanya wandte den Blick als Erste ab. „Das ist doch albern“, sagte sie. Dann holte sie tief Luft und streckte die Hand aus. „Also noch mal von vorn. Hi, Jack. Schön, dich wiederzusehen. Danke für deine Hilfe beim Bühnenbild.“

Ihre Hand mit den langen blassrosa lackierten Fingernägeln fühlte sich zart an. Jack atmete den Duft ihres blumigen Parfums ein und unterdrückte den Impuls, sie an sich zu ziehen, um sich zu vergewissern, ob ihre Lippen noch immer so süß schmeckten wie in seiner Erinnerung.

„Ganz meinerseits“, antwortete er steif, ließ ihre Hand los und trat einen Schritt zurück. Er brauchte dringend Abstand, bevor er noch etwas sagte oder tat, was er später bereuen würde. „Ich muss los.“

„Die nächste Probe ist am Dienstag“, sagte Tanya. „Ich würde mich freuen, dich wiederzusehen.“ Sie war eine so gute Schauspielerin, dass Jack ihr das fast abnahm, hatte aber doch seine Zweifel. Das, was sie früher mal miteinander verbunden hatte, war schon lange gestorben – in dem Moment nämlich, als Tanya in den Bus nach Los Angeles gestiegen war, weil Crested Butte ihr angeblich nichts mehr zu bieten hatte.

Im Grunde genommen war es vollkommen egal, warum sie zurückgekommen war. Die Frage war doch viel eher, wie lange Tanya es diesmal hier aushalten würde, bevor ihre Rastlosigkeit und Gier nach Ruhm sie wieder davontreiben würden.

Erschöpft lehnte Tanya sich gegen den Tisch mit den Skripten und starrte gedankenverloren vor sich hin. Jack hatte beim Verlassen des Theaters offensichtlich ihre Fähigkeit, klar zu denken, mit sich genommen. Sie hatte ihr Bestes versucht, ihm gegenüber kühl und souverän aufzutreten, war jedoch kläglich gescheitert.

Und der scharfe Stich der Eifersucht bei seinem Anblick zusammen mit Barbie machte die Sache auch nicht besser. Sie benahm sich ja fast so, als sei sie noch immer Jacks feste Freundin, die weibliche Hälfte des Traumpaars vom Jahrgang 1999!

Aber natürlich war Jack nicht ihr Freund, schon eine Ewigkeit nicht mehr. Was sie damals für ihn empfunden hatte, war das ungetrübte und unkomplizierte Glück der ersten großen Liebe gewesen. Erst später hatte sie lernen müssen, dass die Liebe eine komplexe Angelegenheit voller Fallstricke war.

Tanya entspannte sich etwas, als ihr eine vernünftige Erklärung für das alles einfiel. Sie reagierte nicht deshalb so stark auf Jack, weil sie noch etwas für ihn empfand, sondern weil er eine Zeit in ihrem Leben repräsentierte, die unkompliziert und unschuldig gewesen war und nach der sie sich genau deshalb zurücksehnte. In Los Angeles hatte sich trotz all ihrer Bemühungen niemand einen Pfifferling um sie geschert.

Sie war unter anderem deshalb nach Crested Butte zurückgekehrt, weil sie wieder ein Teil der engen Gemeinschaft dort werden und den inneren Frieden wiederfinden wollte, nach dem sie sich so sehr sehnte.

In diesem Augenblick wurde die Tür des Hintereingangs aufgestoßen, und ein kleines Mädchen mit langem blonden Haar lief den Gang entlang auf Tanya zu. „Mommy!“ Die Kleine rannte in Tanyas ausgestreckte Arme. „Emma hat einen neuen Hund, Joe-Joe! Er ist winzig klein, und seine Ohren sind so lang, dass er fast darauf tritt, wenn er läuft.“

„Wie süß.“ Tanya strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar und lächelte Angela zu, die hinter Annie herkam.

„Ich habe draußen zufällig Heather und Emma getroffen und angeboten, Annie zu dir zu bringen“, erklärte diese.

Heather Allison kümmerte sich an den Donnerstagabenden während der Proben um Annie, während an den Dienstagen Tanyas Mutter auf sie aufpasste.

„Danke.“

„Mommy, darf ich mir die Plakate im Foyer ansehen?“, fragte Annie.

„Okay, aber geh bitte nicht weiter weg.“ Lächelnd sah Tanya ihrer davonstürmenden Tochter hinterher. Die Kleine hatte von ihr das rotblonde Haar und die blauen Augen geerbt, von ihrem Vater jedoch die hohen Wangenknochen und die unzähmbare Energie. Sie machte grundsätzlich alles in Hochgeschwindigkeit.

„War der Typ, der mir da eben über den Weg lief, etwa Jack Crenshaw?“, fragte Angela neugierig.

„Kann schon sein.“ Tanya begann wieder, Skripte zu sortieren, und ignorierte den neugierigen Blick ihrer Freundin.

Angela setzte sich in die erste Reihe. „Ich habe gehört, dass ihr zwei auf der Highschool ein ziemlich heißes Pärchen wart“, sagte sie.

„Wir sind nur ein paar Mal miteinander ausgegangen“, wich Tanya aus.

„Ach ja? Ich weiß ja nicht, wie er früher so war, aber inzwischen ist er ein ziemlich angesehener Mann, vor allem hier in der Gegend. Wollt ihr an alte Zeiten anknüpfen?“

„Mach dich nicht lächerlich! Wir waren damals noch Kinder.“

Angela lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. „Nun sag schon! Knistert es noch zwischen euch?“

„Überhaupt nicht“, log Tanya. Klar hatte sie körperlich auf ihn reagiert, aber das bewies nur, dass sie eine ganz normale Frau war.

„Glaubst du, er interessiert sich noch für dich?“, fragte Angela.

„Quatsch! Als ich ihm hinter die Bühne gefolgt bin, hat er förmlich nach Barbie gelechzt.“

„Das junge Ding flirtet mit allem, was Hosen anhat.“ Angela machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ein Mann wie Jack braucht eine richtige Frau.“

„Dafür stehe ich bestimmt nicht zur Verfügung. Außerdem hat er mir erzählt, dass er für all diese neuen Schandflecken an den Berghängen verantwortlich ist.“ Tanya verzog angewidert das Gesicht.

Als sie damals nach Kalifornien ging, war sie zu sehr mit ihrer Zukunft beschäftigt gewesen, um sich Gedanken über die Stadt zu machen, die sie zurückließ. Aber im Laufe der Jahre, nach all den Enttäuschungen über ihre gescheiterte Ehe und ihre ins Stocken gekommene Karriere, dachte sie immer häufiger voller Sehnsucht an Crested Butte zurück.

In ihrer Erinnerung war Crested Butte die perfekte Kleinstadt – ein sicherer und schöner Ort, in den die Hässlichkeit der restlichen Welt keinen Zugang hatte. Auch Tanyas gelegentliche Besuche bei ihren Eltern hatten dieser Idealvorstellung nichts anhaben könnten. In ihren Augen war Crested Butte einfach wundervoll – das Einzige, das in ihrem Leben wirklich vollkommen gewesen war.

Angela lachte. „Ja, Jacks Firma hat so viele Wohnungen und Häuser gebaut, dass er inzwischen steinreich ist. Eine richtig gute Partie also.“

„Ich bin gerade nicht auf der Suche.“ In dem Jahr nach ihrer Scheidung hatte Tanya zu viel damit zu tun gehabt, sich um Annie zu kümmern und über die Runden zu kommen, als dass sie an eine neue Beziehung hätte denken können.

„Ich dachte, du bist nach Hause zurückgekommen, um hier sesshaft zu werden“, wandte Angela ein.

„Ich bin vor allem deshalb zurückgekommen, weil ich gar keine andere Wahl hatte.“ Nach dem Scheitern ihrer Ehe hatte Tanya an ihre frühere Karriere anknüpfen wollen, doch nach den drei Jahren, in denen sie sich um Annie gekümmert und Stuarts zerbrechliches Ego gepflegt hatte, war sie bereits Schnee von gestern gewesen.

Es gab plötzlich ganz neue Agenten und Regisseure, und die Konkurrenz schlief auch nicht. Niemand scherte sich darum, dass sie für ihre Auftritte an der Highschool umwerfende Kritiken bekommen oder das Gunnison-County-Blatt ihr damals eine steile Karriere in Hollywood prophezeit hatte.

Abgebrannt und mutlos hatte sie schließlich das Angebot ihrer Eltern angenommen, nach Hause zurückzukehren. „Ich bin damals hier weggegangen, ohne einen Blick zurückzuwerfen, aber inzwischen weiß ich, dass Crested Butte der ideale Ort ist, um Annie großzuziehen“, sagte Tanya und ließ sich in den Sitz neben Angela fallen. „Ich wünschte nur, alles wäre noch wie früher. Es gibt so viele neue Häuser und Menschen.“

„Ich gehöre auch dazu, und so übel bin ich doch gar nicht, oder?“, sagte Angela lächelnd. „Und das Theater hat einen Riesenzulauf, zum Teil wegen genau der Menschen, die in den von dir verabscheuten Wohnblocks leben.“

„Ich weiß.“ Das eigentliche Problem lag vermutlich gar nicht im Wachstum der Stadt, sondern in der Enttäuschung darüber, dass das Leben, das sie von früher kannte, so nicht mehr existierte.

Tanya hatte einfach Schwierigkeiten damit, ihr nostalgisch verfärbtes Idealbild mit der Realität in Einklang zu bringen – noch so ein geplatzter Traum. Früher einmal hatte jeder sie hier gekannt, aber inzwischen war das nicht mehr so. Natürlich war das Leben längst nicht so anonym wie in der Großstadt, aber nie hätte sie damit gerechnet, sich dermaßen anstrengen zu müssen, um dazuzugehören.

„Du solltest vielleicht mal mit Jack ausgehen, wenn sich die Gelegenheit ergibt“, schlug Angela vor. „Er soll ein sehr amüsanter Gesellschafter sein.“

Tanya verzog das Gesicht. „Ich habe gerade keine Lust auf Männer.“ Es war zwar beruhigend zu wissen, dass ihre Instinkte noch funktionierten, aber sollte sie sich jemals wieder für einen Mann interessieren, dann für jemanden, der zuverlässig und liebevoll war und nicht ein so arroganter Angeber wie ihr Ex. Allerdings auch nicht jemand, der ihre kühnsten Träume kannte – und daher genau wusste, dass sie mit der Verwirklichung kläglich gescheitert war.

„Mommy, können wir auf dem Nachhauseweg ein Eis kaufen?“, fragte Annie, die gerade zu ihnen zurückrannte und scharf vor den beiden Frauen abbremste.

„Ich glaube, Grandma hat noch Eis im Tiefkühlfach“, antwortete Tanya. „Wenn wir sie lieb darum bitten, gibt sie uns bestimmt etwas davon.“ Sie stand auf. „Wir sollten lieber aufbrechen. Es ist spät.“

Die drei gingen ins Foyer. „Bis Dienstag dann, falls wir uns nicht vorher sehen“, sagte Angela und ging. Tanya kniete sich hin und half Annie dabei, den Reißverschluss ihrer Jeansjacke zuzumachen. Sogar im Juni waren die Abende in den Bergen viel kühler als in Kalifornien.

„Ich kann es gar nicht erwarten, dass es schneit“, sagte Annie. „Grandpa hat gesagt, dass er dann nach der Schule mit mir Schlitten fährt.“

Bei der Erinnerung an ihre vielen Stunden auf der Rodelbahn musste Tanya unwillkürlich lächeln.

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