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Good Girls

Über die Autorin

Laura Ruby ist in New Jersey aufgewachsen, bevor es Handys gab. Sie hat einen Großteil ihrer unglücklichen Jugend damit zugebracht, traurige Gedichte zu schreiben und ihre Haare in allen möglichen Farbtönen zu färben, die in der Natur nicht vorkommen. Sie lebt mit ihrer Familie in Chicago. GOOD GIRLS ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.

BASTEI ENTERTAINMENT

»… erst viel später wusste ich,

warum meine Fotos nicht gut sind.

Weil ich schön bin,

wenn ich mich bewege.«

Ani DiFranco, »Evolve«

Nackt

Ash sagt, sie ist die Königin der Nacht. Ich sage, ich bin die Fürstin der Untoten. Dad wirft im Vorbeigehen einen Blick ins Badezimmer, in dem wir uns gerade zurechtmachen. Er findet, wir sehen aus wie zwei verrückte Mädchen aus Jersey.

»Klappt ja bestens«, sagt Ash.

Wir haben uns verkleidet. Mit schwarzen Netzhemden, hochgekrempelten Cargohosen, löchrigen Netzstrümpfen und Armeestiefeln. Unsere Gesichter sind weiß geschminkt, die Augen tiefschwarz mit Kajal umrandet. Ash hat schwarzes Haarspray mitgebracht und schon fast die ganze Dose für ihre lockigen, braunen Haare aufgebraucht. »Mal sehen, was für dich noch übrig ist, Rapunzel.«

»Spar dir deine Sprüche und sprüh mir das Zeug lieber auf die Haare«, gebe ich zurück. Meine Haare sind blond und hüftlang. Ash sprüht die vorderen Strähnen komplett schwarz an. Die auf dem Rücken werden schwarz-blond gestreift. Unser Kater Cat Stevens – alias Stevie, der Schnurrminator – sitzt auf dem Toilettenspülkasten und beobachtet uns argwöhnisch. Das laute Zischen des Haarsprays behagt ihm ganz und gar nicht. Fauchend ergreift er die Flucht.

»Was habt ihr denn mit Stevie angestellt?«, ruft Mom vorwurfsvoll von unten. »Armer schwarzer Kater«, tröstet sie ihn.

Als Ash fertig ist, begutachten wir uns im Spiegel. »Wir sehen echt cool aus«, sagt sie. Das kann man wohl sagen! Düster, schaurig und blutleer, wie es sich für anständige Vampire gehört. Meine Begeisterung hält sich trotzdem in Grenzen. Mein schwarzer BH ist zu eng und die Träger schneiden mir in die Schultern. Die Netzstrümpfe kratzen. Mir ist schrecklich heiß und ich bin jetzt schon völlig verschwitzt. Außerdem sind meine Wimpern so dick getuscht, dass ich kaum noch aus den Augen sehe.

Bei Ash ist es was anderes. Sie hat eine gepiercte Augenbraue, spitze Wangenknochen und kann auf Spanisch fluchen, weil sie eine mexikanische Großmutter hat. Deshalb ist sie sowieso ziemlich cool. Ich beuge mich vor und betrachte mich von Nahem im Spiegel. »Hätte ich mir bloß diese Kontaktlinsen gekauft, die ich vor Kurzem gesehen habe. Die waren giftgrün mit schlitzförmigen Pupillen, wie bei einer Eidechse.«

Ash runzelt die Stirn. »Du hast die coolsten Augen auf dem ganzen Planeten. Bernsteinfarben.«

»Genau«, sage ich. »Wie dieses gelbe Zeug, wo die Moskitos immer reinfliegen.«

»Außerdem«, fährt sie ungerührt fort, »kauft man sich keine Kontaktlinsen, bloß weil man einmal auf eine Halloweenparty geht.« Ash klimpert mit den Wimpern ihrer schokobraunen Augen. »Und jetzt hör endlich auf zu jammern.«

»Tschuldigung.« Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass das wirklich unsere letzte gemeinsame Halloweenparty ist.«

Ash wirft mir einen drohenden Blick zu. »Jetzt fang bloß nicht wieder damit an. Ständig dieses ›Ich kann immer noch nicht glauben, dass das unser letztes was-weiß-ich-was ist‹. Wir haben Oktober. Bis zu den Sommerferien sind es noch acht Monate!«

»Du meinst wohl sieben.«

»Dann eben sieben.«

»Eigentlich sechs, wenn man die Ferien nicht mitzählt«, sage ich.

»Audrey, das entscheidende Wort ist Monate. Außerdem«, erklärt sie und versetzt mir einen Stoß in die Rippen, »gibt es im Moment wirklich Wichtigeres, über das du dir Gedanken machen solltest.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel über einen gewissen Jungen namens Luke DeSalvio, der heute Abend bestimmt auch zu Joelles Party kommt. Ich nehme an, du weißt, wen ich meine.«

»Ach so, ja«, sage ich.

»Hört euch das an!«, sagt Ash. »Ach so, ja. Dabei kriegst du kaum noch Luft vor lauter Aufregung.«

»Schon gut. Du sagst doch selbst immer, es wäre nichts Ernstes. Wir sind nur Freunde«, sage ich.

»Und ein bisschen mehr«, fügt Ash mit gesenkter Stimme hinzu, damit es meine Eltern nicht hören können. »Noch ein bisschen Sushi mit Zungenkuss gefällig?«

Ich lächle schweigend. Das ist Ash, meine Freundin, deren Namen stets in einem Atemzug mit meinem genannt wird: AshundAudrey, AudreyundAsh. Dabei habe ich ihr so vieles nicht erzählt. Und jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur eins: Luke und ich sind keine Freunde. Wir sind überhaupt nichts. Genau das will ich ihm heute Abend sagen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Falls wir darauf zu sprechen kommen. Obwohl wir bisher nie viel miteinander geredet haben.

»Zu dieser Party werden jede Menge Jungs kommen«, sage ich. »Wer weiß? Vielleicht sehe ich mich nach was Neuem um.«

»Wirklich?«, fragt Ash. »Dann wirst du ja doch noch vernünftig.«

Ihr Handy blökt wie ein Schaf und sie wirft einen Blick aufs Display. »MMS«, sagt sie. Sie drückt ein paar Tasten und das Foto erscheint. »Mein kleiner Bruder in seinem Spiderman-Kostüm.«

Ich schaue ihr über die Schulter. »Wie süß.«

»Von wegen. Dieser Giftzwerg hat letzte Woche in eine Zimmerpflanze gepinkelt.« Ash legt das Handy auf den Rand des Waschbeckens zurück und betrachtet kopfschüttelnd ihr Spiegelbild. »Bei dir sieht das Haarspray echt gut aus, was man von mir leider nicht behaupten kann. Meine Haare sehen wie japanische Nudeln aus.«

Ich muss lachen. »Wie japanische Nudeln mit Tintenfischgeschmack«, sage ich.

»Du musst deinen Eltern unbedingt sagen, dass sie mit dir auch mal in ein normales Restaurant gehen sollen. Zum Beispiel zum Pizzaessen.«

»Machen wir doch auch. Allerdings essen wir dann Vollkornpizza mit Ziegenkäse.«

»Ziege. Bäääh!«, macht Ash.

Meine nicht-ganz-normalen Eltern erwarten uns im Wohnzimmer mit zwei Gläsern Wein und einer Digitalkamera in der Hand. Der Wein ist für sie, die Kamera für uns. Eigentlich kann ich dieses dämliche Fotografieren nicht ausstehen. Ich brauche niemanden, der festhält, wie aus dem süßen kleinen Mädchen ein sonderbarer Teenager wird. Dad lässt sich trotzdem nicht davon abbringen und heute Abend macht es mir ausnahmsweise nichts aus. Vielleicht weil ich nicht mehr wie ich aussehe. Wir posieren auf dem antiken Kirchenstuhl vor der gelben Wand. Dad macht ein paar Schritte rückwärts und stolpert beinahe über den Wohnzimmertisch. Mom lacht und nippt an ihrem Weinglas. Sie strahlt und sieht glücklich aus. Meine Eltern lieben diesen Moment. Wenn ich mich zum Ausgehen fertig mache und noch nicht weg bin. Ich frage mich, ob sie mich vermissen werden, wenn ich aufs College gehe und nicht mehr zu Hause wohne. Außer Cat Stevens haben sie nur mich.

»Also«, sagt Dad. »Dann schaut mal wie richtige Punkmädels aus!«

»Dad, das heißt Punks«, korrigiere ich ihn. »Ohne Mädels.«

»Oh, Verzeihung«, sagt er. »Seid ihr bereit? Und jetzt sagt ›Spaghetti!‹«

Wir rufen beide ›Spaghetti!‹, meinem Dad zuliebe. Auf dem Foto haben wir schwarze Haare, bleiche Gesichter und dunkle Lippen, aber wir grinsen wie zwei fünfjährige Mädchen. Als Ash das Foto sieht, sagt sie zu mir: »Ich glaube, wir müssen noch etwas an unserer Außenwirkung arbeiten. Wir müssen uns düstere Gedanken machen.«

»So?«, fragt Mom interessiert. »Was denn für düstere Gedanken?« Sie schreibt Krimis, aber die von der liebenswerten Sorte. Mit netten alten Damen, süßen Kätzchen und vielen selbst gebackenen Plätzchen. Ach ja, und einem Mord oder zwei. Tod durch Stricknadeln. Düstere Gedanken an sonnigen Orten.

Ash versucht, so dämonisch wie möglich auszusehen. »Wahnsinn«, erwidert sie. »Tod und Verderben.«

Ich versuche an etwas Düsteres zu denken, aber das Einzige, was mir einfällt, sind traurige Gedankenfetzen: über Luke und mein letztes gemeinsames Halloween mit Ash. Ich sage nichts. Wenn ich schon der Schrecken der Vampire bin, muss ich nicht alles noch schlimmer machen.

Nach den Fotos muss ich Mom versprechen, mein Handy mitzunehmen. Sie scheint allen Ernstes zu glauben, es könnte mich beschützen: vor Autounfällen und bösen, betrunkenen Jungs, die es auf meine Jungfräulichkeit abgesehen haben. Ja, ich nehme das Handy mit. Ja, ich rufe an, wenn irgendwas ist. Wir verabschieden uns und schlagen die Tür hinter uns zu. Ash fährt. Weil ich in der Grundschule eine Klasse übersprungen habe, bin ich die Einzige in unserer Stufe, die noch keinen Führerschein hat. Dazu kommt noch, dass man in New Jersey erst mit siebzehn seinen Führerschein machen darf und nicht schon mit sechzehn wie in den meisten anderen Bundesstaaten. Wenigstens lassen mich meine Eltern so lange ausgehen wie meine Freunde. Ich bin zwar sechzehn dreiviertel, aber Mom sagt, tief in meinem Inneren habe ich eine alte Seele. In letzter Zeit fühle ich mich auch so. Je näher wir dem Haus kommen, in dem Joelle wohnt, desto stärker wird das Kribbeln im Bauch. Ich drücke fest die Daumen und schicke ein stummes Stoßgebet zum Himmel: Bitte, lieber Gott, mach, dass ich mich heute Abend nicht blamiere. Lass mich ein bisschen Spaß haben.

Es dauert eine Weile, bis wir einen Parkplatz gefunden haben. Bei Joelles Halloween-Partys ist immer die Hölle los. Seit der siebten Klasse feiert sie jedes Jahr. Nur Neulinge oder Nieten tauchen ohne Verkleidung auf. Die müssen dann eins von Joelles alten Ballettröckchen tragen, ob sie wollen oder nicht. Beim Hineingehen sehe ich einen Jungen mit einem leuchtend rosa Tutu. Er sieht absolut lächerlich aus und genau das soll er auch.

Als Joelle uns entdeckt, läuft sie zu uns. Um ein Haar wäre sie über ihr langes, weißes Kleid gestolpert. »Wie seht ihr denn aus!«, kreischt sie. »Da kriegt man ja echt Angst!« Joelle ist als Göttin oder so was verkleidet. Sie trägt ein hauchdünnes Kleid, goldene Armreifen, Glitzerpuder auf den Wangen und lange Locken. Ash sagt, Joelle verkleidet sich immer so, dass sie trotzdem hübsch aussieht und nicht schrecklich. Joelle würde sich niemals als Mumie oder Monster verkleiden, nicht einmal als Punk. Joelle möchte wie Joelle aussehen, nur ein bisschen glamouröser.

»Sag mal, was bist du denn?«, will Ash wissen.

»Was heißt hier, was bist du denn?«, kreischt Joelle. Sie gehört zu der Sorte Mädchen, die gerne kreischen. Vor allem wenn viele Leute in der Nähe sind. »Antigone, natürlich! Die tragische Figur aus der griechischen Mythologie.«

»Anti was?«, fragt Ash.

Joelle stemmt die Hände in die Hüften und stampft mit dem Fuß auf. »Antigone!«

»Anti-Atomkraft?«, sagt Ash.

»Antiautoritär«, sage ich.

»Vielleicht solltet ihr zum Theater gehen«, sagt Joelle. Joelle will Schauspielerin werden. Eigentlich ist sie schon Schauspielerin. Ihre Mutter hat sie mehrfach vom Unterricht befreien lassen, weil sie diverse Auftritte hatte: bei Werbespots, als Laienschauspielerin und sogar bei einer Fernsehserie.

Ash zieht ihre geschwärzten Augenbrauen hoch. »Das Theaterspielen überlassen wir lieber dir. Aber wenn du Antigone bist, dann bin ich Frodo aus Herr der Ringe

»Verdammtes Miststück«, sagt Joelle und boxt ihr in den Arm.

»Wer ist verdammt?«, sagt Luke. Er steht plötzlich neben uns im Flur. Er trägt schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd mit weißem Papierkragen. Ich habe plötzlich das Gefühl, nicht mehr genug Luft zu bekommen.

»Wie geht es Ihnen, Vater?«, erkundige ich mich.

Er legt mir die Hand auf den Kopf. »Mein Kind, du bist eine Sünderin.«

Ash schnaubt verächtlich. »Du musst es ja wissen!«

»Wieso denn?«, sagt Luke. »Ich bin schließlich kein Priester, sondern Pastor. Pastoren dürfen.«

»Dürfen was?«, frage ich. Luke grinst anzüglich und ich werde rot. Ich bin froh, dass es dunkel ist und ich weiß geschminkt bin. Luke weiß trotzdem Bescheid. Sein Grinsen wird noch breiter. Dann zieht er weiter. Die Stelle, auf der gerade eben noch seine Hand lag, fühlt sich warm an. Wie nach einer Kopfmassage. So geht es mir jedes Mal, wenn er in meiner Nähe ist. Mein Verstand rinnt aus dem Ohr. Nur mein Körper bleibt übrig. Ein Körper, den ich kaum noch beherrschen kann. Es ist ein Wunder, dass meine Beine ihm nicht einfach hinterherlaufen und mich ihm zu Füßen werfen. Das wäre nicht das erste Mal.

»Er ist echt süß«, sagt Joelle. »Ihr zwei seid doch immer noch zusammen, oder?«

»Kommt drauf an«, sage ich. Ich beobachte, wie Luke mit Pam Markovitz redet. Sie ist als streunende Katze verkleidet. Mit struppigen Ohren, Schnurrhaaren und allem drum und dran. Luke zieht sie an ihrem zottigen Schwanz. Mein dummer, hirnloser Körper reagiert prompt: Meine Hände ballen sich zu Fäusten und mein Magen zieht sich zusammen.

Joelle folgt meinem Blick. »Blöde Schlampe!«

»Ich hab gehört, Pam soll Jay Epstein im Kino einen geblasen haben«, sagt Ash.

»Echt?«, frage ich. »Wer sagt das?«

»Jay Epstein.«

»Eine sehr zuverlässige Quelle«, sage ich.

»Und wenn schon«, sagt Joelle. »Alle wissen doch, dass sie es mit jedem macht.«

»Seht euch bloß an, wie sie ihren Hintern in dem engen Teil rausstreckt«, fügt Ash hinzu. »Das sieht doch widerlich aus!«

»Luke scheint es jedenfalls nicht zu stören«, sagt Joelle. Als sie meinen Gesichtsausdruck sieht, fügt sie hastig hinzu: »Ich meine, er ist echt süß. Aber du kannst wirklich froh sein, dass er nicht dein richtiger Freund ist.«

»Ach was. Wer braucht schon einen festen Freund?«, schnaubt Ash. »Wir wollen schließlich noch lange nicht heiraten. Außerdem hat Audrey Recht. Sie sagt immer, wir gehen ja sowieso bald aufs College.«

Eigentlich sollte es mir nichts ausmachen, dass Luke so gerne flirtet. Alles soll ganz locker und easy sein. Dummerweise scheint vor allem er von unserer lockeren Freundschaft zu profitieren. »Sind noch andere Typen da?«, frage ich.

»Na, hoffentlich«, sagt Ash. »Ich hab seit Wochen keinen mehr gehabt.«

Joelle geht weg, um uns ein Glas Wasser zu besorgen. Es gibt also Bier, das wir vor ihrem Vater verstecken müssen. Aber wahrscheinlich bleibt er wieder so lange in seinem Arbeitszimmer über der Garage, dass er sowieso nichts mitkriegt. Ash und ich folgen Joelle ins Wohnzimmer. Es ist mal wieder alles vertreten: Penner, Hexen, Teufel, als Cheerleader verkleidete Footballspieler und als Footballspieler verkleidete Cheerleader. »Wie originell!«, bemerkt Ash. Immerhin gibt es einen Jungen, der eine Schwimmweste und ein Papp-Aquarium auf dem Kopf trägt. Als wir ihn fragen, als was er sich verkleidet hat, sagt er: »Ich schwimme gegen den Strom.« Das Aquarium ist mit roten Fischen beklebt. Die weißen Zähne leuchten in seinem blau geschminkten Gesicht.

Ash zieht mich sofort zu jedem halbwegs ansehnlichen Jungen, den wir noch nicht kennen. Joelle rennt mit ihrer Digitalkamera herum und macht schlechte Fotos. Luke zieht von Mädchen zu Mädchen, klaut Hexenhüte und geht mit einem Dreizack, den er sich vorübergehend von einem der Teufel ausgeborgt hat, auf die Jagd. Pam Markovitz und Cindy Terlizzi sitzen tuschelnd nebeneinander auf dem Sofa. Sie werfen mir böse Blicke zu und grinsen gehässig. Als wäre ich daran schuld, dass alle Pam für eine Schlampe halten. Ich achte nicht auf sie, rede mit diesem und jenem und versuche krampfhaft, das Fest zu genießen. Trotzdem habe ich das Gefühl, überhaupt nicht anwesend zu sein. Ich fühle mich wie ein Beobachter aus weiter Ferne. Ash ist genervt, weil ich nicht gut drauf bin, und beginnt mit dem Aquariumjungen zu flirten. In der Hoffnung, dass sich etwas ergeben könnte. Hin und wieder klingelt oder brummt oder dudelt ein Handy und die Leute schreien über die Musik hinweg: »Was? WAS?«

Ich kippe den Rest Bier hinunter und gehe zur Kühlbox, um mir ein neues zu holen. Dabei mag ich überhaupt kein Bier.

»Ach herrje. Wer wird denn so ein trauriges Gesicht machen? Wo ist denn unser Mädchenschwarm?«

Ich drehe mich um. Vor mir steht Chilly. Er trägt Schlabberjeans, Turnschuhe und ein T-Shirt mit der Aufschrift »Doofes Kostüm bitte hier einschieben.« Joelle hat es offenbar als Verkleidung durchgehen lassen. Jedenfalls trägt er kein Tutu.

»Wer?«, frage ich.

»Du weißt genau, wen ich meine«, sagt er.

»Tu ich nicht«, sage ich. Wenn ich Chilly sehe, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Seine Augen sind leuchtend grün wie radioaktive Algen und sein Mund erinnert mich an einen glitschigen Regenwurm.

»Ich wundere mich, dich hier zu sehen«, sagt er. »Musst du nicht noch für Tausende von Prüfungen büffeln? Oder noch eine Fremdsprache lernen?«

»Kroatisch«, gebe ich zurück. »Aber das kann ich morgen auch noch machen.«

»Du bist ja so ein braves Mädchen. Macht es dich nicht wahnsinnig, dass du nicht den besten Schulabschluss der Stufe machen wirst?«

Vergangenes Jahr war ich die viertbeste in unserer Stufe und musste mich ganz schön dafür abrackern. Viele Leute halten mich für eine Art Genie, nur weil ich mal eine Klasse übersprungen habe. Ich glaube nicht, dass ich schlauer bin als die anderen. Höchstens merkwürdiger.

»Bis zum Ende des Schuljahrs sind es noch acht Monate«, sage ich. »Bis dahin kann noch viel passieren.«

»Vergiss es«, sagt er. Er nimmt einen Schluck aus seiner Flasche. Es ist kein Bier, sondern Ginger Ale. »Du wirst Ron niemals einholen. Der schlägt jeden. Und Kimberley würde eher Selbstmord begehen, als sich den zweiten Platz wegschnappen zu lassen. Ich weiß nicht mehr, wer Platz drei belegt, aber eins steht fest: Du wirst ihn oder sie niemals einholen.«

»Und wenn schon? Was kümmert dich das überhaupt? Du schläfst doch sowieso nur im Unterricht.«

»Mir ist das schnurzegal. Meine Noten werden mich genau dorthin bringen, wo ich hinwill.«

»Ganz bestimmt«, sage ich. Ich habe das dringende Bedürfnis, ihm auf die Schuhe zu kotzen. Ich kann es einfach nicht fassen, dass ich mal mit ihm zusammen war. Am liebsten würde ich mir die Finger in die Ohren stecken und die Erinnerungen aus meinem Gehirn kratzen. Er macht einen Schritt auf mich zu. Sein Algenblick ist auf meine Brust geheftet. »Wie wär’s, wenn wir uns ein bisschen amüsieren?«

»Nein«, sage ich.

»Komm schon«, sagt er. »Du bist frei und ich bin auch frei.«

Ich denke: Du bist immer frei. Ich sehe mich suchend nach Luke um. Ein Riesenfehler. Chilly schnaubt verächtlich.

»Du brauchst dir um ihn keine Sorgen zu machen. Er ist bereits beschäftigt.«

Chillys sandpapierraue Fingerspitze berührt meine Wange. »Es macht ihm bestimmt nichts aus, dich mit jemandem anderen zu teilen.«

Ich schlage ihm auf die Finger und gehe weg. Ich höre, wie Chilly hinter mir laut lacht und wünschte, ich hätte ihm mein Bier ins Gesicht geschüttet oder etwas ähnlich Dramatisches getan. Aber die dramatischen Auftritte sind eher Joelles Spezialität. Chilly weiß das. Deshalb nervt er mich so gerne.

Oben im Bad leere ich mein Bier in einem Zug und überprüfe im grellen Neonlicht mein Make-up. Ich sehe aus wie die Fürstin der Untoten. Allerdings wie eine, die in Selbstmitleid versinkt. Was nützt es schon, sich einen Plan zurechtzulegen, wie man am besten mit jemandem Schluss macht, wenn derjenige zu beschäftigt ist? Weil er andere Leute am Schwanz ziehen und mit einem Dreizack verfolgen muss. Ich habe plötzlich überhaupt keine Lust mehr, auf dieser Party zu sein. Ich überlege, ob ich Mom anrufen soll, damit sie mich abholt.

Ich grüble immer noch darüber nach, ob ich gehen soll oder nicht, als ich Luke im Flur über den Weg laufe. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, hat er mich in eines der Schlafzimmer gezogen und die Tür mit einem Fußtritt wieder zugestoßen.

»Hey«, murmle ich.

»Selber hey«, sagt er. Er – oder vielleicht auch jemand anders – hat den weißen Kragen an seinem Hemd abgerissen. Jetzt ist er ganz in Schwarz gekleidet. Er sieht teuflischer aus als alle verkleideten Teufel zusammen. Wenn es wirklich einen Teufel gibt, denke ich, dann hat er goldblondes Haar und große blaue Engelsaugen wie Luke.

»Ist was?«, sagt er, weil ich ihn anstarre.

»Nein«, sage ich. »Ich muss jetzt gehen.«

»Ach, komm schon. Wir hatten doch noch gar keine Zeit, ein bisschen Spaß zusammen zu haben.«

»Das liegt vermutlich an den vielen Kätzchen, die es hier gibt«, bemerke ich.

»Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?«, fragt er.

Ich verdrehe die Augen. Seine Hand umschließt meinen Oberarm und drückt mich sanft. Er lächelt und eine Sekunde lang hasse ich ihn. Dann verfliegt das Gefühl sofort wieder. So wie immer.

»Lass mich los«, sage ich.

»Stimmt was nicht?«

Ich seufze. Gar nichts stimmt. Vielleicht ist es das Bier. Notiz an mich selbst: Bier.

»Habe ich dir schon gesagt, wie toll du heute Abend aussiehst?«, sagt er.

Ich weiß genau, dass er sich nur einschmeicheln will. Aber das Kompliment freut mich trotzdem. Da sieht man mal, wie dämlich ich bin. »Danke«, entgegne ich. Er beugt sich vor, um mich zu küssen, aber ich weiche ihm aus. »Ich glaube, das ist keine gute Idee.«

Erstaunen. »Warum nicht?«

»Darum. Ganz einfach.«

Er glaubt mir nicht. Ich glaube mir auch nicht. Mein Körper jubelt praktisch vor Vergnügen. Bestimmt kann Luke es hören.

Er versucht noch einmal, mich zu küssen, und ich wende mein Gesicht ab. »Was ist denn los?«, fragt er, als er merkt, dass ich es ernst meine. Seine Hand gleitet von meinem Arm herunter.

»Ich muss dir was sagen.« Ich hole tief Luft. »Ich will das nicht mehr.«

»Was willst du nicht mehr?«

»Das tun, was wir hier machen.«

Er antwortet nicht. Er legt den Kopf schräg und scheint wirklich verblüfft. Das macht mich erst recht fertig.

»Ich will das nicht mehr tun. Ich will nicht mehr …« Ich suche nach den richtigen Worten. »Ich will im Moment lieber mit niemandem was haben.«

Er runzelt die Stirn. Blinzelt. Sieht mich schweigend an. »Aber warum denn nicht?«, sagt er schließlich. »Ich dachte, wir hätten beide unseren Spaß.«

»Unseren Spaß. Ja, klar«, sage ich. Was ich nicht sage, ist: Ich finde es schön, dass wir uns in den letzten zweieinhalb Monaten bei jeder Party nähergekommen sind. Aber irgendwie haben wir nichts miteinander zu tun. Ich finde es schön, dass wir in dieselbe Schule gehen. Aber wenn ich dir im Flur begegne, hast du kaum mehr als ein »Hey« für mich übrig, ganz egal, wie oft deine Zunge meinen Hals berührt hat.

Da ich nicht weiterspreche und vorher noch nie etwas in der Art zu ihm gesagt habe, hat er natürlich keinen Schimmer, wovon ich eigentlich rede. Ich stehe da und beobachte sein Mienenspiel. Ich kann mir vorstellen, was er denkt: Hat sie etwa irgendwas von Liebe gesagt? Heißt das, unsere lockere Beziehung ist beendet? Soll ich mich lieber mit Pam Markovitz amüsieren? Was soll das alles?

Jetzt tut er mir fast leid. So ist das mit Teufeln. Sie sorgen dafür, dass man sich schlecht fühlt.

Wahrscheinlich starre ich ihn schon wieder an, denn Lukes Miene entspannt sich wieder. Ich betrachte seinen perfekten Schmollmund mit den vollen, rosafarbenen Lippen. Seinen hübschen Mädchenmund in einem kantigen, kräftigen Jungengesicht. Ich kann nichts dagegen machen, es macht mich total an. Luke steht so nah vor mir, dass ich seinen Geruch riechen kann. Warm und sauber, irgendwie herb-würzig und nach Seife. Ein umwerfender Geruch. Dieser Geruch macht mich ganz benommen. Bin ich betrunken? Kann es sein, dass man nach zwei Dosen Bier schon betrunken ist?

Sein Stirnrunzeln ist verschwunden und meins wohl auch, denn er ignoriert einfach, was ich gesagt habe. Er zieht mich an sich und küsst mich. Ich spüre seine Brust an meiner, seinen Arm um meine Taille, seinen muskulösen Körper und denke: Na schön. Noch einmal, aber danach ist endgültig Schluss. Schluss mit diesen oberflächlichen Jungsgeschichten. Und wenn sie noch so gut aussehen und nach Seife duften. Aus, Schluss und vorbei. Endgültig.

Luke lässt sich Zeit. Vielleicht weil er etwas spürt oder fürchtet, ich könnte es mir noch einmal anders überlegen. Seine Lippen küssen mich zärtlich. Während die dumpfen Basstöne unter uns wie ein Herzschlag pulsieren, werden Lukes Küsse heftiger und drängender. Und wieder breitet sich dieses wohligwarme Gefühl in meinem Bauch aus. Meine Haut prickelt von Kopf bis Fuß und mein Verstand zerfließt auf dem Fußboden.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, ehe er seine Hände unter meine vielen Oberteile schiebt und mich rückwärts aufs Bett drückt. Schon wieder keine so gute Idee. Auf dem Bett kann er mir meine Kleider ausziehen, bis nichts mehr da ist, hinter dem ich mich verstecken kann und es nicht mehr schaffe, Nein zu sagen.

Ich sage: »Nein.«

Er murmelt etwas an meinem Schlüsselbein. Etwas, das mit: »Ich … ich will, ich brauche, ich …« anfängt. Es raubt mir den Verstand. Genügt es nicht, dass ich mich in seiner Nähe in ein keuchendes, sabberndes Wolfsmädchen verwandle? Soll er alles von mir sehen? Alles von mir haben? Nur weil er es will?

Ich stelle meine Füße auf und drehe ihn auf den Rücken. Dann ziehe ich ihn hoch, bis er auf der Bettkante sitzt.

»Was soll das?«, fragt er.

»Klappe halten.«

Ich gehe vor ihm auf die Knie. Ich kann ihn nicht dazu zwingen, mir zuzuhören oder mich zu verstehen oder ihm wichtig zu sein. Und das will ich auch gar nicht. Aber ich will etwas tun. Damit er sich so fühlt wie ich. Diesmal wird er mich anflehen. Diesmal wird er nackt sein.

Und das tue ich auch.

Ich höre Lukes leises Stöhnen und verschließe die Augen vor der Welt. Ich höre nicht, wie sich die Tür hinter uns öffnet. Und das Blitzlicht sehe ich auch nicht.

Das Foto

Ash ist kein Morgenmensch. Und ordnungsliebend ist sie auch nicht.

Als ich am Montagmorgen in ihr Auto steige, ist der Fußraum mit leeren Plastikbechern übersät. Ihre Hand umschließt einen frischen Becher mit Kaffee. Auf dem Rücksitz türmen sich lose Blätter, zerknüllte Servietten und diverse Kleider – frische und schmutzige. Am Armaturenbrett klebt ein angebissener Donut unbestimmten Alters. Ash und ich sind seit der sechsten Klasse befreundet. Seit sie den Führerschein hat, nimmt sie mich jeden Tag im Auto zur Schule mit. Das heißt, mittlerweile habe ich mich an ihre blutunterlaufenen Augen, den obligatorischen Kaffeebecher und das grauenhafte Chaos in ihrem persönlichen Umfeld gewöhnt. Ich finde es sogar schon gar nicht mehr so grauenhaft. Ich schnappe mir eine Handvoll Servietten, nehme allen Mut zusammen und kratze den Donut vom Armaturenbrett. Dann werfe ich ihn in den Aschenbecher mit den alten Kippen. Ash hört ständig mit dem Rauchen auf, um sofort wieder anzufangen.

Ein paar Minuten lang sage ich gar nichts. Ich warte, bis ausreichend Koffein durch Ashs Blutbahnen strömt. Nach einer Weile murmelt sie: »Du scheinst ja richtig glücklich zu sein.« Sie orgelt mit dem Gaspedal ihres alten Fords, damit er an der roten Ampel nicht ausgeht.

»Wie kommst du denn darauf?«, frage ich sie.

»Weil du dich nicht über die blöde Party oder das kratzige Kostüm beklagst. Oder wie lange es gedauert hat, das Make-up zu entfernen. Oder über die vierzehntausend Aufsätze, die du gestern noch schreiben musstest. Das heißt, du freust dich über irgendetwas.«

Ash freut sich nicht. Auf dem Rückweg von der Party hat sie mir erzählt, dass der Aquariumjunge eine Freundin hat, die auf die katholische Oberschule geht. Deshalb wollte er sich weder mit ihr noch mit sonst jemandem einlassen. Ich habe ihr an diesem Abend nichts davon erzählt, dass ich mit Luke Schluss gemacht habe. Aus irgendeinem Grund wollte ich es vorerst für mich behalten. Es fühlte sich besonders an, weil nur ich allein davon wusste. Oder zumindest ich allein wusste, wie ernst es mir damit war. Ich fühlte mich stark, als hätte ich einen Bann gebrochen. Ich schwor mir, mich wieder auf die Schule zu konzentrieren und ganz die Alte zu sein. Endlich war ich aus dem Käfig der Lust ausgebrochen. Alles würde wieder wie früher sein. Mich selbst eingeschlossen.

Als Ash im unbarmherzigen Montagmorgenlicht verschlafen in ihren Kaffee nuschelt, beschließe ich, sie in mein Geheimnis einzuweihen.

»Glücklich trifft es vielleicht nicht ganz«, sage ich. »Aber ich fühle mich gut. Ich habe am Samstag mit Luke Schluss gemacht.«

»Du hast was?«

»Ich habe mit Luke Schluss gemacht.«

Ihr Unterkiefer klappt nach unten. Dann sagt sie: »Wie kannst du mit einem Kerl Schluss machen, mit dem du gar nicht richtig zusammen warst?«

Die Bemerkung ärgert mich. »Wir haben die letzten zweieinhalb Monate was miteinander gehabt, Ash. Wir haben etwas getan. Und jetzt tun wir es nicht mehr.«

»Na schön«, sagt Ash. Sie stopft den Kaffeebecher in den Becherhalter. »Ich wette zehn Dollar, dass du es dir noch einmal anders überlegst.«

»Werde ich nicht.« Dabei horche ich kurz in mich hinein und frage mich, ob ich die Wahrheit sage. Doch, es ist die Wahrheit. Ich fühle es. Als Luke auf der Party sein Hemd über seinem makellosen Oberkörper zuknöpfte, sagte ich: »Es war schön mit dir. Tschüss dann. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben.« Dann ging ich aus dem Schlafzimmer, ohne mich noch einmal nach ihm umzudrehen.

»Ich will es einfach nicht mehr. Das ist alles«, sage ich.

»Weißt du eigentlich, was du da gerade sagst?«, fragt sie. »Du willst Luke DeSalvio nicht mehr. Jeder will Luke DeSalvio. Wenn du dich weiter mit ihm abgibst, fragt er dich vielleicht sogar, ob du mit ihm zum Abschlussball gehst.«

»Ich mache nicht mit irgendeinem Typen rum, nur für den Fall, dass für den Abschlussball keine Cheerleaderin als Begleitung zur Verfügung steht.«

»Ich glaub, es schneit!« Sie trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad. »Er ist nicht irgendein Typ. Ich dachte, du magst ihn. Ich dachte, du magst ihn nicht nur, sondern mehr als das.«

Ich seufze. »Ist ja auch so. Oder war ja auch so. Ich wusste einfach nicht, ob ich wirklich ihn wollte oder nur seinen Körper …«

»Du Tier!«

»Genau, das ist es ja. Bin ich eben nicht. Ich würde gern mit der Person reden können, mit der ich mich abgebe.«

»Reden? Mit einem Jungen? Wozu?« Als sie meinen Gesichtsausdruck sieht, lacht sie. »War nur Spaß.« Sie kramt unter dem Donut nach einer Zigarette. Schließlich gibt sie auf, als sie keine findet. »Wahrscheinlich bin ich einfach nur überrascht. Ich meine, es ist absolut die richtige Entscheidung. Trotzdem finde ich es bemerkenswert, dass er sich ausgerechnet dich ausgesucht hat. Auch wenn ich das nicht gerne sage.«

»Vielen Dank für das Kompliment«, sage ich.

»Du weißt genau, was ich meine«, sagt sie. »Ausgerechnet du, Miss Überfliegerin, Einserkandidatin, Wunderkind und zukünftige Harvardstudentin –«

»Hör endlich auf mit dem Quatsch.«

»Und er, der sportliche Typ mit dem goldenen Teint und dem …«

»… sagenhaften Hintern?«

Ash setzt eine schockierte Miene auf. »Also, so ein freches Mädchen!«

»So ein dummes Mädchen«, sage ich. »Wer weiß, warum er sich überhaupt mit mir abgegeben hat. Vielleicht stand ich einfach nur auf seiner Liste.« Ich binde mir meine Haare, die zum Glück wieder blond sind, mit einem Haargummi zusammen. »Ich hab das mit dem lockeren Zusammensein ausprobiert. Es ist nichts für mich. Es ist, als würde ich versuchen, jemand anderes zu sein. Als wollte ich so sein wie er.«

Ash denkt kurz nach. »Vielleicht ist die Idee gar nicht so übel. Zu versuchen wie Jungs zu sein. Schau sie dir doch an. Sie machen einfach, was sie wollen, und keinen stört’s. Warum sollten wir nicht auch so sein?«

Ich seufze. Das ist nicht meine Freundin Ash, die ich schon seit ewigen Zeiten kenne. Die Ash, die ich kannte, war bis über beide Ohren in Jimmy verliebt. In Jimmy, den Dichter, Gitarrespieler und zukünftigen Rockstar. Eineinhalb Jahre waren sie zusammen. Bis ihm aus unerfindlichen Gründen sämtliche Sicherungen durchgebrannt sind und er sie mit einer Neuen mit glänzendem Barbiehaar und riesigen Barbiebrüsten betrogen hat. Seitdem redet sie von nichts anderem mehr. Wie frei Jungs sind. Wie sie dem hinterherjagen, was sie wollen, es bekommen und wie glücklich sie dabei sind. Dass es viel besser ist, unverbindliche Jungsgeschichten zu haben als einen festen Freund, weil man dann wenigstens nicht verletzt wird.

Ich weiß, dass das nicht stimmt. Aber ich werde mich hüten, Jimmys Namen zu erwähnen. Nach Jimmy wurde Ashley zu Ash und Jimmy wurde zu einem Gespenst. Für Ash ist Jimmy so gut wie tot. »Das Wunderkind hat keine Zeit für Luke DeSalvio oder für irgendeinen anderen Kerl«, sage ich. »Das Wunderkind muss sich um seine Noten kümmern, damit die Unis bei ihm Schlange stehen.«

Ash lächelt. »Ich kann nur hoffen, dass die Unis meine Mathenoten übersehen. Und meine Chemienoten. Und die Vier, die ich letztes Jahr im Grundkurs Kochen kassiert habe.«

»Ich weiß bis heute nicht, wie du es geschafft hast, in Kochen eine Vier zu bekommen.«

»Mrs Hopper hat uns Mayonnaise machen lassen. Nennst du das etwa Kochen? Du kannst dir die Uni sicher aussuchen.«

Ich nehme Ashs Kaffeebecher aus dem Halter und trinke einen Schluck kalten, bitteren Kaffee. »Nichts ist sicher.«

seperator

Es ist Studienzeit und Chilly macht Jagd auf Audrey. Als er in die Bücherei schlendert, setzt er sich mir mit verschlagenem Grinsen gegenüber. Seine Augenbrauen zucken und er sieht mich vielsagend an. Ich habe trotzdem keine Ahnung, was er mir sagen will. Ich ignoriere ihn, nehme eines meiner Bücher, schlage es auf und tue so, als würde ich lesen. Shakespeare. Viel Lärm um nichts. Bla, bla, bla, sagte Beatrice. Bla, bla, bla, sagte Benedikt. Deine Lippen sind wie Würmer.

»Schöne Party gehabt?«, sagt Chilly.

»Ja.« Ich versuche meine Stimme noch tonloser klingen zu lassen als die eines Roboters. In der Hoffnung, dass er mich in Frieden lässt. Vergebens.

»Jemanden verführt?«

»Du hast wirklich nur Sex im Kopf«, entgegne ich.

»Wo denkst du hin. Ich habe auch an vielen anderen Stellen Sex.«

»I

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