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Gonji - Der Weg des Kriegers

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitat
  6. PROLOG
  7. ERSTER TEIL
  8. ERSTES KAPITEL
  9. ZWEITES KAPITEL
  10. DRITTES KAPITEL
  11. VIERTES KAPITEL
  12. FÜNFTES KAPITEL
  13. SECHSTES KAPITEL
  14. SIEBTES KAPITEL
  15. ACHTES KAPITEL
  16. NEUNTES KAPITEL
  17. ZEHNTES KAPITEL
  18. ELFTES KAPITEL
  1. ZWEITER TEIL
  2. ZWÖLFTES KAPITEL
  3. DREIZEHNTES KAPITEL
  4. VIERZEHNTES KAPITEL
  5. FÜNFZEHNTES KAPITEL
  6. SECHZEHNTES KAPITEL
  7. SIEBZEHNTES KAPITEL
  8. ACHTZEHNTES KAPITEL
  9. NEUNZEHNTES KAPITEL
  10. ZWANZIGSTES KAPITEL
  1. DRITTER TEIL
  2. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  3. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  4. DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  5. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  6. FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  7. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  8. SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  9. ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  10. NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  11. DREISSIGSTES KAPITEL
  1. EPILOG
  2. PERSONENVERZEICHNIS
  3. Über den Autor

Für Joseph Stefano,
dessen tiefgehende Einsichten die Grenzen
des Dramatischen ausloten.
Und dessen Lektionen ich vielleicht noch lerne.

Menschen fürchten den Tod,
wie Kinder sich davor fürchten,
ins Dunkle zu gehen, und so,
wie diese angeborene Furcht in Kindern
durch Erzählungen verstärkt wird,
geschieht es auch mit der anderen.

Francis Bacon

PROLOG

Ein geflüsterter Hauch des Bösen folgte dem Ritter und suchte die kalten Ritzen seiner Rüstung und seines Mantels, die bislang kein Schwert, keine Kugel und kein Reißzahn gefunden hatten.

Eine dichte Wolke von Eiskristallen bildete sich vor seinem Gesicht, während er das Pferd zügelte. Er musste zweimal kräftig ziehen, ehe sich das wiehernde Ross erneut in die Richtung des Grauens wendete, das sie zurückgelassen hatten. In der frostigen Luft fuhr das Schwert des Ritters scharf aus der Scheide. Er verfluchte die tauben Hände, die es ihm nach dem letzten Scharmützel unmöglich gemacht hatten, die Pistole nachzuladen.

Aber andererseits war keine Zeit mehr geblieben. Überhaupt keine Zeit für ihn, der weiterhin zu den Lebenden gehören würde.

Mit brennenden Augen erkundete er den schneebedeckten Pfad hinter ihm und konnte keinen Feind aufspüren. Er schob die Kapuze von der Sturmhaube zurück, um sein Blickfeld zu vergrößern. Er zitterte im eiskalten Wind und fand seine Sinne geschärft. Erfreut blickte er forschend in das verschneite Land der Nacht und verzog trotzig die Lippen.

Schüttere Pappelgehölze. Hügeliges, winterliches Ödland. Die sternenhelle Kuppel des Himmels. Die von seinem taumelnden Ross gezogene Fährte - sie bereitete ihm die größten Sorgen. Er beschloss, in dieser Nacht hellwach zu bleiben.

Zu nahe war er inzwischen dem Ziel. Zu große Mühen, zu viele Todesfälle hatte es gekostet, um vor Erschöpfung oder Hunger oder der bitteren Kälte dieses fremden Berglandes zu kapitulieren.

Vor ihm ragte im grau-blauen Mondlicht der zerklüftete östliche Ausläufer der Pyrenäen auf, der, aus der Sicht des Soldaten, den flachen weißen Horizont bis zu den ungesehenen stillen Tiefen des Mittelmeers abschirmte. Die kahlen Bäume standen im Mittelgrund dichter, boten aber keinerlei Versteck für irgendeinen lauernden Feind, den die Vorstellungskraft des Ritters heraufzubeschwören vermochte. Es hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschneit, und die tiefe samtene Weiße breitete sich unberührt aus, so weit das Auge reichte.

Alcala steckte das Schwert weg und trieb mit einem Klaps das schwankende Pferd weiter. Eisige Atemwolken markierten ihren Weg. Die wiederholte Bewegung belebte die starre, frostige Umgebung, und Alcalas schweißnasses Unterzeug klebte an ihm wie ein klammes Leichenhemd.

Aber er war am Leben. Das war mehr, als die übrigen armen Bastarde von sich behaupten konnten. Und wieso auch nicht? Sein einzigartiger Umgang mit Pistole und Schwert hatte ihm wieder mal die Haut gerettet. Das war unbestreitbar. Und falsche Bescheidenheit war gewiss ein genauso kostspieliger Makel wie hemmungsloser Dünkel. Si, darauf lief es hinaus.

Der kastilische Ritter griff nach unten und tätschelte die Tasche mit den versiegelten Befehlen des Hohen Offiziums. Sie waren unversehrt. Sie hätten ihm gleich zu Anfang anvertraut werden sollen; damals hatte ihn die Bescheidenheit daran gehindert, sich freiwillig als Kurier zu melden. Doch nun hatte göttliche Fügung sie ihm in die Hand gegeben. Hätte er sie von Anfang an mitgeführt, wäre es nicht nötig geworden, sie Gutierrez' steifen Fingern zu entwinden, nachdem …

Nein - sinnlos, daran zu denken!

Der Magen rumorte heftig, und er spuckte den üblen Geschmack in den Schnee.

In diesem Augenblick entdeckte er den Brandring fünfzig Schritte zu seiner Rechten. Dann die zusammengesunkene, traurige Gestalt darin. Dann erneut das Feuer - weich glühend - die kauernde Gestalt - und dann …

Nein, kein Feuer. Ein Glühen. Ein gedämpfter Schein, als wären Knollen aus blauem und orangefarbenem und blassgelbem Leuchten auf dem Schnee erblüht.

Santa Maria!

Eine junge Frau saß in der Mitte all dessen, die Knie bis ans Kinn gezogen, das Gesicht traurig. Sie trug einen schlichten Reisemantel, dessen Pastellfarbe im magischen Feuerschein unbestimmt blieb, die Kapuze wie eine Mantille über den Kopf gezogen.

Einen Augenblick lang stellte sich der Ritter vor, eine Inkarnation der Madonna erschiene ihm. Als Kind hatte er von einer solch erhabenen Begegnung geträumt. Und war er nicht gerade in nichts Geringerem als dem Auftrag des Hohen Offiziums der Inquisition unterwegs?

Der militärische Instinkt hieß ihn jedoch sofort wieder, eine argwöhnischere Haltung einzunehmen. Während er sich vorsichtig umblickte, zog er die Radschlosspistole und machte sich daran, sie mit tödlicher Gelassenheit zu laden, schussbereit zu machen, zu spannen, und zwang dabei mit schierer Willenskraft die tauben Finger zum Gehorsam.

Die geisterhafte Erscheinung betrachtete ihn matt und ihre Miene wechselte nicht.

Als er sich davon überzeugt hatte, dass die Pistole schussbereit war, lenkte Alcala sein Ross in Richtung der vom Feuerschein beleuchteten Maid. Ungeachtet jeglicher Gefahr tappte das Pferd pflichtgemäß durch die knirschenden Schneeverwehungen.

Als der glimmende Kreis nur noch zehn Schritte entfernt war, hielt der Ritter an und stützte die Pistole lässig auf dem Schenkel ab. Er setzte im unrasierten Gesicht eine strenge Miene auf und betrachtete die Frau forschend. Wie es schien, wurde ihre Melancholie nur noch von ihrem Liebreiz übertroffen.

Sie hatte nur Augen für die Pistole, als sie ihn ansprach. »Tut es. Tut es - por favor.«

Alcala schluckte schwer und legte den Kopf zweifelnd auf die Seite. »Wer seid Ihr? Was seid Ihr, dass Ihr so zufrieden auf der kalten Erde sitzt? Weder zittert Ihr, noch leidet Ihr unter der Nässe des Schnees. Ist es das Höllenfeuer, das Euch schützt?«

Ihr düsterer Blick wanderte vom Pistolenlauf zum Gesicht des Soldaten. Die Frau hatte dunkle Augen und rabenschwarzes Haar, und doch war ihr Gesicht für diese Gegend hellhäutig. Französin, nicht Spanierin, entschied Alcala.

»Ich bin ein Opfer«, erklärte sie nüchtern, »wie auch Ihr es sein werdet. Und er, der mich in diesem Zauberring gefangen gesetzt hat, könnte genauso gut als der Teufel betrachtet werden.«

Der Ritter schob das Kinn vor und mahlte mit dem Unterkiefer, während er sich mühte, ihre Worte zu verstehen.

»Also ist es ein Hinterhalt? Eure Helfer werden jedoch feststellen, dass ich kein leichter Gegner bin.«

Die junge Frau wandte den Kopf und blickte in die Ferne. »So hatte auch ich gesprochen. Vor welcher Schlacht flüchtet Ihr?«

»Flüchtet?«, wiederholte Alcala scharf und kniff mürrisch die Augen zusammen. »Ich flüchte vor gar nichts. Ich bin Korporal Ramon Alcala von den Dritten Kastilischen Pistoleros, und Ihr, Señorita - Ihr gebt einen recht armseligen Köder für eine Falle ab.«

Das unheimliche Flackern der Feuerblumen erhellte das Fleisch eines Schenkels, als sie sich von seinem strengen Blick abwandte. »So reitet denn weiter. Benutzt die Pistole, falls Ihr Mitleid habt, aber reitet weiter, solange Ihr noch Eure Haut tragt.«

Er zögerte, als er das Beben ihrer Stimme vernahm. Er blickte sich wachsam um, erwartete den sofortigen Angriff unsichtbarer Teufelsdiener, die wankend aus seinen Albträumen hervortraten. Nur der bittere Wind umschlang ihn. Trotzdem fächerten die weißen Wolken seines Atems schneller, als er seine nächsten Worte sprach.

»Erzählt mir«, sagte er unsicher, »erzählt mir von diesem - Teufel, der Euch gefangen gesetzt hat.«

»Ein Hexenmeister«, erläuterte die Frau über die Schulter. »Ein mächtiger Hexenmeister, der über dieses Gebiet herrscht.«

Alcala zog nachdenklich die Brauen hoch. »Derjenige, gegen den die Soldaten in der Garnison von Barbaso zusammengezogen wurden? Derjenige, der sich Domingo Negro nennt - Schwarzer Sonntag?«

»Genau jener. Aber was geht Euch das an?«

»Ich habe ein besonderes Interesse an seinem Treiben. Erzählt mir mehr. Alles, was Ihr wisst.«

Sie zuckte müde die Achseln. »Er ist ein wahrhaft hinterlistiger Mann. Hinterlistig und abgrundtief schlecht. Ich weiß nur, dass er mit harter, böser Hand über mein Volk herrscht. Sich nimmt, was er möchte. Und er hält mich hier schon seit so langer Zeit gefangen - seit so langer Zeit! Und wisst Ihr, welches Spiel er hier treibt? Der Zauberring verbirgt mich vor den Augen aller, die des Weges kommen, abgesehen von jenen, die weder den Mut noch die Klugheit aufbringen, mich zu befreien. Ihr seid der siebte, seit ich zuletzt mit dem Zählen aufhörte.«

Kochender Zorn brodelte in der Brust des Ritters und vertrieb die Kälte. Er schwang sich aus dem Sattel, und die Stiefel landeten knirschend im Schnee. Er leckte sich die trockenen und rissigen Lippen, während er unbeholfen durch den Schnee stapfte und sich dabei nur am Rande bewusst war, dass er bedächtiger zu Werk ging als nötig. Als er dem Ring näher kam und die Überraschung und heraufdämmernde Hoffnung der Frau erkannte, wog die Pistole kurz in der Hand, ehe er sie in den Gürtel steckte.

»Ist es möglich«, fragte sie ungläubig, während sie aufstand und ihre Worte mit schnellen Atemzügen unterstrich, »dass der Ring schließlich doch jemanden verkannt hat? Nach so langer Zeit? So furchtbar langer Zeit? Der Ring, er - er - hält mich warm - schützt mich vor Hunger - bewahrt mich in dieser Trostlosigkeit. Aber ich bin dessen so überdrüssig. Und bin so entsetzlich einsam!«

Alcala sah Tränen über die Wangen der Frau rinnen. Er rieb die schwitzenden Handflächen aneinander. »Was hindert Euch daran, den Ring einfach zu verlassen?«, wollte er wissen.

»Der Hexenmeister sagte …« Sie brach ab und wischte sich die Augen. »Er sagte, ich würde zu Asche verbrennen, falls ich jemals die Feuerblumen zu überschreiten versuchte. Ich bliebe geschwärzt zurück wie Asche am Morgen. Fürchtet Ihr Euch nicht?« Ihre Brust wogte von banger Erregung.

Er räusperte sich. »Nicht sehr. Habt Ihr es je versucht? Zum Beispiel mit einem Zipfel Eurer Kleidung?«

Ihre Augen wurden groß und drückten unschuldiges Erstaunen aus, als hätte sie eine Offenbarung vernommen. Sie warf die Kapuze zurück. Ihr glänzendes, zerzaustes Haar ergoss sich über eine Schulter. Ungestüme Vorfreude durchfuhr Alcala: Er glaubte, dass sie als Nächstes den Umhang abwürfe, und war schon zu der Überzeugung gelangt, dass sie darunter nichts trug als den Liebreiz weißer Haut.

Stattdessen streckte sie die Hand aus.

»Nein, nein!«, warnte sie der Soldat. »Bleibt auf Abstand!«

Sein Schwert fuhr scharrend aus der Scheide. Er packte es mit beiden Händen und grub die Spitze unter einer orangefarbenen Feuerblume in den Schnee. Ein Wolf heulte irgendwo auf der verschneiten Ebene. Alcala blickte hinter sich, wo sein Pferd schnaubte und mit den Hufen scharrte.

»Kennt Ihr das Geheimnis?« Besorgt berührte die Frau mit beiden Händen ihren Hals.

»Ich bin nicht sicher. Haltet Abstand …«

Alcala holte tief Luft und schleuderte die glühende Kugel aus dem Kreis. Sie stieg empor wie ein Irrlicht und sank langsam wieder in einem Bogen herab, der sie zurück in den Zauberring zu führen schien. Der Ritter hob abwehrend das Schwert, während die Frau nach Luft schnappte. Die Blüte aus brennender Zauberkunst landete jedoch im Schnee, der sie mit brodelndem Zischen empfing und in einer kurzen Dampfwolke löschte.

Durch diese natürliche Folge seines Tuns ermutigt, beförderte der Ritter erst eine weitere und dann eine dritte Kugel zauberischen Leuchtens in die Glut löschenden Schneewehen. Sobald er auf diese Weise etwa ein Drittel des Zauberrings weggeräumt hatte, hielt er an dessen Rand inne und zeigte der jungen Dame den Anflug eines Lächelns.

»Ich kenne nicht einmal Euren Namen.«

»Zeit für Namen, Worte, Zärtlichkeiten ist später«, flüsterte sie rasch. »Könnt Ihr mich hier herausholen?«

Er streckte die Hand über den durchbrochenen Zauberring aus, spürte die Wärme innerhalb des Kreises, winkte der Frau. Langsam, zögernd trat sie auf ihn zu, berührte seine Finger, ergriff sanft seine Hand, während ihre Augen die Tränen zurückhielten, der Mund lautlose Worte bildete.

Endlich fand sie die Stimme wieder.

»Ich weiß - ich weiß nur eine Art, um Euch zu danken«, flüsterte sie innig. »Aber Ihr müsst über meine Unbeholfenheit hinweg sehen. Es liegt so lange zurück, dass …«

Ihre Lippen berührten seine, und ihrer beider Atemzüge mischten sich hitzig. Sie küsste ihn drängender, schlang die Arme um seinen Hals, tastete mit der Zunge nach seiner.

Schließlich wich der Korporal der Pistoleros von ihr, strich ihr zärtlich über die Schultern, betrachtete die Bereitschaft in ihren feuchten Augen und der wogenden Brust.

»Es ist noch warm hier drin«, flüsterte sie. »Warm und weich. Die Nacht ist lange und gefahrvoll für den Reisenden. Nichts jedoch erlangt hier Zutritt.« Sie zog ihn an seinen behandschuhten Händen zur Mitte des Kreises.

Ergebenheit war eine Tugend des Ritters. Ja, und auch Abstinenz in ungefähr gleichem Maße. Viele Wochen waren verstrichen, seit er sein Weib gesehen hatte. Und er hatte keine andere Frau gehabt.

Der verzauberte Kreis, den er mit der dankbaren Jungfrau teilte, hatte eine Weite von gut drei Metern und war warm wie eine Meeresbrise im Mai und duftete wie die Gärten von Granada. Der Boden war getränkt mit Engelshauch und sich darauf zu betten nach so vielen Nächten auf gefrorener Erde oder zusammengesunken im Sattel, das war - zusammen mit einer so verführerischen Jungfrau - eine Verlockung, der nachzugeben bei jeder noch so strengen Beichte verziehen werden konnte.

Und so zog Alcala die Handschuhe aus, setzte die Sturmhaube ab und befreite sich von Schwertgurt und Pistole. Die Alarmrufe seiner Seele ebenso wenig beachtend wie das erneute Auftauchen magischer Feuerblumen, die den Zauberring wieder schlossen. Und er hörte nicht die Rufe der Raubtiere in der Wildnis, deren Geheul die Nachricht von einem Rudel zum Nächsten übermittelte.

Alcala drückte die Frau aus dem Glutring an sich, begierig darauf, ihren Körper erneut zu spüren. Ihre schlanken Arme umschlangen seinen Hals; ihre Finger zerzausten ihm die Haare, während sie ihn herabzog und ihrer beider Lippen miteinander verschmolzen.

Tiefer, langsam immer tiefer glitten diese nichtmenschlichen, zupackenden Arme, verschränkten sich die Hände hinter seinem Rücken und drückten zu. Pressten ihm die Luft aus den Lungen, dass er nicht mehr ausreichend atmen konnte. Als er jedoch versuchte, seine Lippen von der Saugwirkung der ihren zu befreien, stellte er fest, dass sein Mund eingeschlossen war von übelkeiterregender klebriger Nässe.

Vor Entsetzen und Schmerzen quollen ihm die Augen hervor, als sein Rückenpanzer unter ihrer tödlichen Umarmung zerbrach. Er erhielt noch einen flüchtigen Eindruck von einem milchigen eintönigen Grau, das sich in ihren zuvor so sinnlichen Augen ausbreitete, und dann erfüllten blendende, weißglühende Blitze sein Blickfeld, als ihm zischend die letzte Luft aus den Lungen gepresst wurde und das Vakuum diese zermalmte.

Das letzte Geräusch, das er in der Qual des Erstickens vernahm, kündete davon, wie der Brustkorb nachgab. Schwärze überwältigte ihn, ersparte ihm Anblick und Gefühl des nassen peitschenden Gliedes, das sich durch Stahl bohrte und dies erneut tat - sich durch Fleisch und Knochen seines Rückens grub, hämmernd und bohrend -, bis es sein stehen gebliebenes Herz fand und herausriss.

Das reiterlose Pferd wieherte und stampfte und führte wilde Bocksprünge zwischen den winterstarren Pappeln aus. Es wollte ausreißen, fand jedoch keinen Fluchtweg durch den Ring aus dunklen Gestalten, der sich mit der Hölle eigener Geschwindigkeit ringsherum schloss.

ERSTER TEIL
AUF LEISEN SOHLEN
WANDELT DER TOD

***

ERSTES KAPITEL

Panik ist, was unter Belastung aus dem Wirrwarr eines undisziplinierten Verstandes hervorpurzelt.

Iyé - nein. Das trifft es nicht ganz. Arbeite daran. Denk weiter nach. Wehre weiter - die Panik ab.

Der beißende Wind peitschte auf die Nordhänge der Pyrenäen ein und schüttelte Pferd und Reiter im weißen Mantel unerbittlich durch. Nachts in einem blendenden Schneesturm die abschüssigen Serpentinen in Angriff zu nehmen, war der schiere Wahnsinn.

Der Wahnsinn des Gejagten und des Hungernden.

Sabataké Gonji-noh-Sadowara hatte sich schon lange an solchen Wahnsinn gewöhnt.

Er gab die philosophischen Erwägungen auf, ließ sie im widerhallenden Heulen des Sturms davontreiben. Eine Zeit lang dachte er an gar nichts. Dann sann er über die grausame Möglichkeit von Erfrierungen nach und geriet so in eine freudlose Stimmung, die wiederum bittere Erinnerungen wachrief. Er hatte Visionen von Vedun, einer Stadt, die er zu lieben gelernt und die zu zerstören er beigetragen hatte; und von Simon Sardonis, dem skurrilen Lykanthropen, der widernatürlichen Antwort auf Gonjis zehnjährige Suche, die er aufgrund einer halb verstandenen Prophezeiung begonnen hatte; Visionen von unvollendeten Aufgaben und verratenen Grundsätzen; von selbstgewählter Pflicht und gescheiterter Verantwortung; von wundersamen Kenntnissen, die keinen Gewinn brachten; von seinen eigenen wechselnden Schwerpunkten und vielschichtigen Überzeugungen. Er erlebte die flüchtige Wärme vertrauter Gesichter - guter Gefährten und standhafter Schwertbrüder -, unvermittelt verzerrt von Schmerzen, geprägt von der Ausdruckslosigkeit des Todes.

Wer sind sie?

Seine Gedanken versanken und wandelten sich im gebrochenen Rhythmus der pflügenden Hufe Toras. Es lag Stunden zurück, glaubte er, dass er zuletzt hinter sich geblickt, die Bergflanke hinabgeblickt hatte auf das, was ihm folgte. Zu jenem Zeitpunkt hatte er sich mühsam durch die bewaldeten unteren Hänge gekämpft, unfähig zu irgendetwas anderem, als sich energisch voranzutreiben. Bergan, unaufhörlich bergan zu den Gipfeln, die die Landschaft Spaniens beherrschten, ihn aus dem bitteren Winter des verhassten Frankreichs herausführen würden. Unter den herrschenden Umständen bot sich ihm kein anderes Ziel: die Pyrenäen erstreckten sich endlos weit nach Westen und im Osten winkte ihm nur das eisige Grab des Mittelmeers. Und hinter ihm kamen die erbarmungslosen Verfolger.

Wer zum Teufel sind sie überhaupt?

Sie waren nachts aufgetaucht, in einer lange zurückliegenden Nacht, die auf den Mond des Äußersten Schreckens folgte - als eine Stadt systematisch zerstört, von ihrer unaussprechlichen Verdorbenheit gesäubert worden war. Sie waren beinahe lässig herangerückt, dunkel und lautlos, als würden sie von dem alles umschlingenden Höllennebel herbei getragen, der ihnen vorauseilte. Ihre Zahl schien gering; vielleicht nicht mehr als ein Dutzend. Was sie an Waffen mitführten, blieb unbekannt, abgesehen von den tödlichen Geschossen von Armbrust und Langbogen, deren erste Salve Gonjis halbe Gruppe mit der wahllosen Kaltschnäuzigkeit der Pest niederstreckte. Die Hälfte der Überlebenden fiel unter der nächsten Salve, und so gebrochen, müde und verwundet waren die Übrigen, dass ihnen die schändliche Flucht als einzige Alternative erschien.

Von Scham über ihre Demonstration von Schwäche gepeinigt, rissen sie hin und wieder die Pferde herum und griffen die fernen Verfolger an. Dann fiel ein weiterer Glücksritter unter dem Treffer eines Bolzens schreiend aus dem Sattel, und noch einer. In machtloser Wut zählten sie jeweils ihre Verluste, akzeptierten das Unausweichliche und setzten grimmig die Flucht fort.

Als sie nur noch zu dritt waren, fanden sie heraus, welche Taktik die Verfolger anwendeten. Die Jäger kamen des Nachts am besten voran. Bei Tage erblickte man sie eher selten, und sie verloren an Boden, wenn der Morgen heraufdämmerte, und stellten die Verfolgung jeweils ganz ein, wenn die Wintersonne das hellste Licht spendete. An dem schicksalhaften Tag, als Gonjis Gruppe Cartier verlor, hatten sie ihre Pferde bis zur Erschöpfung durch die eisstarre Landschaft gejagt, eine falsche Fährte gelegt, kehrtgemacht, irreführende Gegenstände verstreut und Wildfallen aufgestellt, die ihre baldige Rückkehr versprachen.

In jener Nacht schliefen sie voller Zuversicht, bis sie zur Stunde des Hasen von einer wiehernden Pfeilsalve und den Todesschreien Cartiers geweckt wurden. Gonji und Emeric flüchteten unter Beschuss aus dem Lager. Das Pferd Emerics wurde in vollem Galopp erschossen, sodass sich Gonji gezwungen sah, den benommenen Freund mit auf Toras Rücken zu nehmen.

Sie suchten Zuflucht in einem Dorf. Zwei Nächte später wurden sie von den aufgebrachten Bewohnern vertrieben, die dann jedoch auf den eigenen Straßen und Veranden niedergemacht wurden. Gonji und Emeric waren zu Ausgestoßenen geworden, verflucht und gemieden von anderen Menschen. Darüber hinaus mussten sie sich mit dem Gedanken anfreunden, dass ihre Verfolger übernatürlich begabt waren, aber Gonji hatte bei all seinen Begegnungen mit Hexerei und Magie nichts gelernt, was ihm dabei half, mit diesen Höllenhunden fertig zu werden.

Die gespenstische Armee setzte ihnen weiter nach, ein lautloser, böser, wolkiger Schatten, der sich mit unmenschlicher Unerbittlichkeit über den elfenbeinfarbenen nächtlichen Horizont wälzte.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die beiden Flüchtlinge körperlich an das nächtliche Leben angepasst, und der scharfsinnige Emeric, stets so optimistisch, wie er gewandt mit dem Säbel war, fand allmählich sogar in ihrer augenblicklichen Lage Grund zur Hoffnung. Er erklärte, die schleichende Fäulnis des Bösen, die sich in dieser Zeit durch Europa ausbreitete, wäre bei mehreren großen Begegnungen, an denen Gonji beteiligt war, aufgehalten worden. War nicht der Böse selbst inzwischen so gereizt über seine Schwierigkeiten mit diesem einzelnen Samuraikrieger, dass er sogar diese Dunkle Kompanie darauf angesetzt hatte, Gonjis Kreise zu stören? Entweder war es das, oder Gonji hatte sich zum »Prügelknaben des Karma« entwickelt - zumindest nach Emerics bedeutungsloser, aber auf verdrehte Art und Weise erfreulicher kulturübergreifender Deutung.

Emeric stellte darüber hinaus fest, dass die Dunkle Kompanie immer dann am schnellsten aufschloss, wenn die beiden Flüchtlinge von ihrer Verzweiflung übermannt wurden. Die Vorstellung war ernüchternd: Gonji hatte schon vor langer Zeit entdeckt, welche Kraft in Glaube und Überzeugung lag: die Macht der Rechtschaffenheit selbst, wenn sie gegen das übernatürliche Böse antrat. Wie lange jedoch konnte jemand den siegreichen Glauben an das Gute bewahren, wenn nichts gewonnen wurde außer einem Stillstand der Kräfte?

Die Offenbarung sollte das Totengeläut des großmütigen Emeric sein.

Wenig später war der Schneesturm über sie hereingebrochen. Nachdem die gespenstischen Jäger sie in den Winkel gezwungen hatten, den die öde Mittelmeerküste und das erdrückende Gebirge bildeten, wussten sie, dass ihnen nur noch zwei Wege offen standen: die gewundenen, verschneiten Pässe zu ersteigen oder umzukehren und sich dem sicheren Tod zu stellen.

Ein Teil Gonjis sehnte sich nach einem schonungslosen Ende seiner Wanderungen, aber ein namenloser Instinkt trieb ihn weiter voran. Er musste noch mehr erfahren. Dinge mussten bereinigt werden. Er wurde noch in Europa gebraucht.

Emeric jedoch schaffte es nicht mehr. Geschwächt vom Fieber und seit Tagen ausgehungert, hatte Emeric sich geschlagen gegeben. Gonji spürte noch immer den Griff des sterbenden Freundes um seinen Fußknöchel nach diesem unmöglichen Bogenschuss - gezielt, wie er wohl wusste, auf ihn selbst. Er musste die Finger des Toten gewaltsam vom Stiefel lösen, und bei der wütenden Flucht die sturmumtosten Berghänge hinauf betete er, bis ihm die Stimme versagte, der Kami des Krieges möge ihm etwas schicken, das er töten konnte, und auch die Kraft, es zur Strecke zu bringen.

Und was war mit Simon Sardonis? Oftmals während der Verfolgungsjagd hatte er geglaubt, den Schrei des Werwolfs im Nachtwind zu vernehmen, den Triumph einer bestätigten Hoffnung kaum verhehlend.

Aber nein. Der Grejkill, das Tier mit der Seele eines Menschen, hatte ihn vor langer Zeit verlassen und wich sorgsam jedem seiner Versuche aus, sich erneut mit ihm zusammenzutun und den Prophezeiungen auf den Grund zu gehen, die sie miteinander verbanden. Und Gonji war das sinnlose Spiel der Zurückweisung leid geworden.

Tora stolperte und warf ihn beinahe kopfüber in den Schnee. Gonji hatte keine Ahnung, was das Tier dazu trieb, weiter ins Gebirge hinaufzusteigen, und wie es den Weg fand. Orientierungspunkte blieben verborgen. Gonji konnte nicht erkennen, wie dicht sie am Rande des Pfades entlang stolperten; die Furcht vor einem tödlichen Absturz war geschwunden, je mehr sich die Taubheit und die Wogen der Hungerschmerzen ausbreiteten. Allmählich glaubte er, Geister zu sehen. Zweimal griff er mit nutzlosen Fingern nach dem Sagami, als der höhnende Wind den herabstürzenden Schnee zu fast greifbaren Luftskulpturen formte. Kreaturen aus weißen Albträumen tanzten an der Seite des Samurai und ihm wurde klar, dass er den Dämonen, die einem Menschen den Verstand raubten, am besten zuvorkam.

Er prüfte, wie es um seine Waffen stand.

Die Schwerter waren an der Gürtelschärpe festgefroren. Die Helmbarte ragte imposant hinter ihm auf, führte von der Lanzenschale durch den Sattelgurt, auch wenn er den Schaft nicht mehr spürte. Der prächtige Langbogen, den ihm die Miliz von Vedun geschenkt hatte, lugte ihm über die Schulter - von der Sehne befreit und nutzlos, die eingerollte Sehne wahrscheinlich durch die Feuchtigkeit ruiniert, die inzwischen durch alle Schichten der Winterkleidung gesickert war. Die Pistolen, die er heute schätzte, nachdem er sich jahrelang gegen die Unehrenhaftigkeit solcher Waffen gesträubt hatte, wölbten sich immer noch unter dem Stoff einer robusten, gut eingefetteten Tasche, aber das Pulver hatte vermutlich das gleiche Schicksal erlitten wie die Bogensehne.

Hai, Gonji-san, du bist wirklich in einer tollen Verfassung, um …

Auf einmal wurde der schmale Bergpfad direkt vor ihnen verschlungen - von einer Granitnase, mit Schnee und Eis überkrustet, die ihnen den Weg ebenso wirkungsvoll versperrte wie eine Doppelreihe österreichischer Lanzenreiter.

»Tora! Direkt vor dir!«, brüllte Gonji mit sich überschlagender Stimme und wusste nicht recht, ob die Zügel seine Botschaft auch übermittelten. »Halt, du dummes Tier!«

Tora schnaubte und wieherte, war einen Augenblick lang ohne Orientierung. Er schwenkte nach rechts, und Gonji glotzte, als er über die Panzerhaube des Rosses hinweg die Abbruchkante erblickte. Sein geschrumpfter Magen revoltierte. Dann blickten sie in die Richtung, aus der sie kamen. Hier zeigte sich der Weg jedoch ebenso zuverlässig durch all die Schneeverwehungen versperrt wie der weitere Weg bergan. Wie waren sie nur hierher gelangt?

Gonji fuchtelte mit der Hand im alles verhüllenden weißen Vorhang und hielt sich unter den rüttelnden Windböen mit den Knien im Sattel. Er sah nur atemberaubende Weißheit, die sich in Haufen endlos erstreckte. Zerklüftete Gipfel - die nur Stunden zuvor nicht zu sehen gewesen waren - ragten in den sturmgepeitschten Nachthimmel. Eine glänzende glatte Fläche weit im Osten war vielleicht das Meer.

Und weiter unten - eine nicht auszulotende Strecke weit unterhalb von ihm auf einem angrenzenden Hang …

Die Dunkle Kompanie.

Gonji konnte das Sagami nicht ziehen. Hoch richtete er sich im Sattel auf, legte die linke Hand auf den Griff des geschichtenumwobenen Katana und schrie den Kriegsruf seines Clans in den gleichgültigen Sturm:

»Sado-wa-raaa-aa-a!«

Das Rumpeln setzte unweit der Grenze des ewigen Schnees ein, ein Stück unterhalb von ihm. In Gonjis klingelnden Ohren schien es aus allen Richtungen widerzuhallen. Hier bot sich ihm, sagte er sich, ein majestätischer, großartiger Anblick, würdig der Aufmerksamkeit jedes Menschen, den es wie ihn danach verlangte, die endlosen Wunder des Daseins zu erleben.

Es war eine gebührende Art zu sterben.

Selbst wenn er dazu Gelegenheit gehabt hätte, Gonji bezweifelte, dass er vorher Gebrauch von seinem Seppuku-Schwert gemacht hätte. Er gedachte, auf der Lawine ins Vergessen und zur Wiedergeburt zu reiten. Er hatte den einzigen Weg gefunden, der unabwendbaren Hetzjagd der Dunklen Kompanie auf seine Seele zu entgehen.

Mit glasigem Blick verfolgte er das wunderbare Zusammenspiel der Ereignisse, als die unteren Hänge einbrachen, und ergötzte sich an dem rollenden Gewoge. Als der erste Schnee von oben auf ihn einprasselte, wappnete er sich für den großen Sturz. Dann war der Ehrfurcht gebietende Augenblick vorüber, so unvermittelt, wie er es Bergbewohner hatte erzählen hören. Jede Bewegung erstarrte unterhalb seiner Position, abgesehen vom Nachsinken der Landschaft in ihre neue Form. Nur das Echo blieb zunächst, verstummte dann aber auch alsbald.

Ich bleibe unverändert zurück.

Die Welt zeigt dem Himmel ein neues Antlitz.

Die Berge erzählen von diesem Geschehen.

Gonji sann eine ganze Weile lang über seine Empfindungen nach und beschloss, das Ereignis eines Tages in die Form eines angemessenen Waka zu gießen. Forschend nahm er die Hänge unterhalb des Bergpfads in Augenschein; seine Sinne wurden lebendiger, sein Verhalten vorsichtiger. Er erblickte keine Spur mehr von den dämonischen Jägern. War es möglich, dass sich die Natur ihm so gnädig gezeigt hatte? Hatte Emeric es nur um wenige Nächte versäumt, die Antwort auf ihre Notlage mitzuerleben?

Tora wieherte leise und tappte vorsichtig nach links, jetzt wieder bergauf, und scharrte mit den Hufen in den frischen Schneeverwehungen, die ihm den Weg zu versperren trachteten. Etwas lockte das Pferd zu dem Granitsims, der sie schon zuvor am Weiterkommen gehindert hatte. Die Erschütterungen hatten die Schneedecke heruntergeschleudert, und jetzt wurde erkennbar, dass es sich tatsächlich um einen Hohlraum in der Felswand handelte. Eine Aushöhlung.

Gonjis Atem ging vor Anspannung zischend. Er drängte Tora weiter, aber das Ross wagte sich nicht in den tiefen Schnee vor ihm. Der Samurai wälzte sich aus dem Sattel und ächzte dabei vor Schmerzen. Sobald er das Gleichgewicht wieder gefunden hatte, machte er sich mit fast kindlicher Begeisterung daran, sich durch den Schnee zu graben, und zog dabei die Zügel hinter sich her. Als er den Felsvorsprung erreichte, stieß er einen vernehmlichen Laut der Erleichterung aus.

Die Öffnung gähnte vor ihm wie eine gewaltige Augenhöhle in der Bergflanke. Und es war mehr als ein Hohlraum. Es war eine Höhle. Hoch genug, dass er hätte hineinreiten können.

Der Samurai führte das Ross in die Dunkelheit und sorgte sich nicht um diese, scherte sich nicht im Mindesten darum, wie er ein Feuer anfachen oder ihnen beiden Nahrung verschaffen konnte, sondern genoss es vielmehr, dem Sturm zu entkommen, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, in die jetzt das Blut zurückkehrte. Er stampfte mit den eingewickelten Stiefeln, sowohl um das Empfindungsvermögen zu stärken, als auch um die Festigkeit der neuen Umgebung zu prüfen. Der Boden fiel ins Höhleninnere hinein ab, und ein kurzes Stück hinter dem Eingang wich der hereingewehte Schnee glattem Felsgestein. Nach den Echos zu urteilen, musste die Höhle beträchtliche Ausmaße haben. Leise und undefinierbare Geräusche stiegen von tief innerhalb des Berges auf und weckten Gonjis Wachsamkeit, aber Toras ungeduldiges Stupsen an seiner Schulter sorgte dafür, dass er weiterging.

Er wollte schon stehen bleiben, sich der Müdigkeit ergeben und zu Boden sinken, um die eigene Verfassung zu prüfen, als ihm das weiche zauberische Leuchten in unbestimmter Entfernung tiefer in der Höhle auffiel.

Ein Schimmer von der Flüchtigkeit eines nebelumwallten Sonnenuntergangs spielte über das Gestein des Bodens. Tora schnaubte hinter Gonji. Dieser zog erneut am Zügel, und als das Pferd keinen Widerstand leistete, führte er es auf den unheimlichen Anblick zu. Fast sofort spürte Gonji, wie ihm die herrliche Wärme übers Gesicht strich. Erleichterung durchlief ihn - auch wenn die von Kälte klamme linke Hand instinktiv den Griff des Sagami fest packte -, und er lenkte die unsicheren Schritte jetzt schneller auf dieses Phänomen zu.

Ein Schatten glitt vor ihm dahin, wo sich die Dunkelheit spaltete. Gonji holte zischend Luft und stolperte vor Überraschung beinahe mitten hinein.

Es war sein eigener Schatten. Das zunehmende Licht, das aus dem Gestein selbst hervorstrahlte, sickerte jetzt aus den Rissen und Spalten in Wänden und Boden der Höhle und erweckte Gonjis Schatten zu waberndem Leben. Erst fürchtete er, dass er vielleicht zu hastig in eine furchtbare Falle getappt war, dann jedoch fiel ihm auf, wie sich das Gesteinsleuchten verhielt: Wenn er sich mit der Hand bestimmten leuchtenden Steinen näherte - denn nicht die ganze Höhlensubstanz reagierte so -, wurde das aus ihnen strahlende Licht stärker, ging von mattem Rot über Rubinrot zu herbstlicher Glut über, spendete Wärme und Licht gleichermaßen.

Zauberfeuer - glühende Lava - der Vorraum der Hölle?

Es belebte, dessen war er sicher, und in seiner derzeitigen Verfassung interessierte er sich für nichts anderes. Schmerzhaft prickelte das wiedererwachende Leben in Händen und Füßen. Und Tora zeigte keinerlei instinktive Furcht davor weiterzugehen.

Sie erreichten einen weiteren Durchgang. Das magische Licht zeigte ihnen plötzlich den Weg in eine große Vorhöhle, den Knotenpunkt für eine Reihe von Tunneln und Nebenhöhlen, die sich möglicherweise wie eine Bienenwabe durch den ganzen Berg zogen, wenn man von ihrer Größe ausging, wie sie an den Eingängen erkennbar wurde. Als Gonji die Vorhöhle durchquerte, stellte er aufs Neue fest, wie kalter Stein auf menschliches Bedürfnis reagierte. Seltsam, das Gestein hinter ihm leuchtete nicht mehr, und er vermochte kaum noch den windgepeitschten Höhleneingang zu erkennen. Das Gestein, das ihn jetzt umgab, begrüßte ihn jedoch, als würde es von Esse und Blasebalg eines ungesehenen Eisriesen angefacht.

Es musste daran liegen, überlegte sich der Samurai schließlich, dass dieser Ort wie die perfekte Zuflucht reagierte und sich auf die Bedürfnisse jeglicher Kreatur einstellte, die hier Unterschlupf suchte.

Jeglicher Kreatur, die hier Unterschlupf suchte!

Ein Kribbeln lief Gonji über die Haut. Vorsichtig blickte er sich in der Höhle um, aber hier schien nichts zu lauern, vor dem man sich hätte fürchten müssen. Er hatte die Pyrenäen oftmals überquert, kannte sich in ihnen aus, aber an etwas Derartiges erinnerte er sich nicht.

Trotzdem bereitete ihm irgendetwas Sorgen. Vor langer Zeit hatte er am Lagerfeuer eine bestimmte Warnung vernommen. Wessen? Wovor?

Endlich zuckte er die Achseln und drang tiefer ins Höhlensystem vor. Was war schließlich vorzuziehen: sich hilflos dem erbarmungslosen Grimm des Winters zu ergeben oder sich dem Schlagabtausch mit einem unbekannten, gesichtslosen Schrecken zu stellen?

Und so schlichen sie sich tiefer in den verlockenden Schoß des leuchtenden Höhlensystems.

Gonji hörte irgendwann Wasser plätschern und entdeckte eine kleine Höhle, durch die ein kühler Bergbach sprudelte. Gespeist aus der Schneeschmelze hoch über ihnen, trat er aus einer Spalte hervor und schlängelte sich durch ein Bett, das es sich gegraben hatte und ihn in weitere Höhlen führte. Wie geschmolzenes Gold wirkte er auf der verlockenden Tafel der Wärmesteine und ergoss sich klar und kalt in die Schaller des Samurai, mit der dieser das Wasser schöpfte. Er probierte es zunächst behutsam, fand es köstlich, schlug dann jede Vorsicht in den Wind und löschte seinen Durst. Tora wartete nicht erst auf eine Einladung und tat es ihm gleich.

In dieser Höhle entdeckte Gonji auch Felssimse, unberührt vom Licht der Glimmsteine, wo Pilze einer vertrauten, essbaren Sorte wuchsen. Er verschlang sie mit hörbarem Genuss, zügelte den Heißhunger jedoch nach einer Weile aufgrund seiner Disziplin und seines gesunden Menschenverstandes. Obwohl der Magen knurrend nach mehr verlangte, war er in seiner geschrumpften Verfassung empfindlich; darüber hinaus hatte es ein Krieger, der sich angesichts der möglichen Begegnung mit einem Feind den Wanst vollschlug, mit zwei Feinden zugleich zu tun.

Weiter oben an der Höhlenwand - mühelos in Griffweite, wenn man in Toras Steigbügeln stand - wuchs ein seltsamer Zwergbaum, der bei genauerem Hinsehen kleine Beeren trug, die zwar säuerlich schmeckten, aber essbar waren. Auch Tora wusste diese zu schätzen, obwohl sein Interesse alsbald zu den Blättern des winzigen Baumes wechselte.

Ein quälender Gedanke ging Gonji durch den Kopf: Was fände ich in diesem Füllhorn von Berg noch alles, wenn ich weiter darin eindringen würde? Schnell erinnerte er sich jedoch daran, dass sein Leben keinem solchen Weg aus glücklichen Fügungen folgte, und verwarf die verführerische Vision einer Höhle, in der ein Tisch bereitstand, darauf aufgetan Forelle, frisches Brot und französischer Wein. Stattdessen lehnte er sich zurück, war dankbar für das, was er hatte, und nahm schließlich seine Finger und Zehen in Augenschein.

Die mehrfachen Stoffschichten zum Schutz vor der Witterung hatten es nur mit knapper Not vermocht, die Zehen vor dauerhaften Schäden zu bewahren, aber solch schwerer Schaden war in der Tat nicht entstanden. Als das von den Erfrierungen resultierende Kribbeln nachgelassen hatte, stand er auf und bemühte sich, es Tora so bequem zu machen wie nur möglich, wobei er das treue Ross zugleich beruhigte und untersuchte. Sobald er mit dem Ergebnis zufrieden war, fühlte sich Gonji erneut von den erstaunlichen Wärmesteinen angezogen.

Er sammelte mehrere davon auf einem Haufen und schabte und hackte mit dem Tanto-Messer daran herum. Nachdem er die äußeren Gesteinsschichten entfernt hatte - die unter Druck bereitwillig genug abbröckelten -, stellte er fest, dass die Steine sowohl heller als auch heißer wurden. Der eigentliche Kern, so fand er schmerzhaft heraus, konnte Fleisch oder Wasser in seiner blendend gelben oder kobaltblauen Hitze kochen. Er baute sich einen schönen Herd und nickte, zufrieden mit sich.

Kein Weiterlaufen mehr. Hier beziehe ich für die Nacht Stellung.

Mit tiefer Verehrung und gemessenen Bewegungen setzte er sich mit gekreuzten Beinen vor das pulsierende Leuchten. Er hielt das prachtvolle Sagami horizontal vor sich und zog die glänzende Klinge langsam aus der Scheide. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen aus flackerndem Ebenholz zusammen, während er das himmlische Blitzen auf dem Wellenmuster betrachtete, das auf die Bearbeitung des Schwerts zurückging.

Wenn irgendein nächtlicher Unhold oder ein Höhlengespenst es nur wagen sollte, meine Harmonie zu stören …

Quälende Erinnerungen erschütterten seinen Gleichmut. Er knirschte mit den Zähnen, als er an den riesigen Höhlenwurm zurückdachte, der versucht hatte, sich durch die Reihen der Vedunischen Miliz zu fressen. An den Angriffsflug des Lindwurms, der dabei ätzende Geschosse abfeuerte; an den Drachen im Schwarzwald; die weinenden Vampirschwestern; Wolferang, das Höllengezücht …

Gonji lächelte freudlos und steckte das prachtvolle Schwert in die Scheide zurück. Er legte es links von sich ab - wo er es leicht ziehen konnte - und machte sich daran, für eine lange überfällige rituelle Waschung Wasser zu erwärmen. Während er sich dieser Waschung widmete, hing er vielen Gedanken nach und überarbeitete unfertige Gedichte, denn gern hielt er in solcher Form die Ereignisse eines Lebens auf Wanderschaft, voller Geheimnisse und Staunen fest. Er wusch jede größere Narbe, als handelte es sich um einen Schrein, und verharrte an der Narbe, die sich über ein Schulterblatt zog, in wehmütigem Gedenken, war sie doch einer lange verlorenen Liebe geschuldet.

Nachdem er sich wieder angekleidet hatte, verzehrte er noch mehr von den Pilzen und brütete dabei über einer aufgeklappten Karte.

Hai! Er nickte, als er zu einer Entscheidung gelangte. Dort wartet die nächste Station unerledigter Aufgaben.

Ohne es sich bewusst einzugestehen, hatte er sich schon lange erneut in Richtung Spanien bewegt - erneut in Richtung Aragonien. Im Grunde seit der Lykanthrop damit begonnen hatte, seine Fährte so gründlich zu verwischen. In Aragonien wollte Gonji dem Herzog Alonso Cervera gegenübertreten und ihm - egal, welchen Preis er dafür entrichten musste - alle Einzelheiten ihres leidigen Zusammentreffens vor drei - oder waren es schon vier? - Jahren schildern. Die ganze Geschichte von dem grausamen Schicksal, dem Theresa im Szekely-Clankrieg Ungarns zum Opfer gefallen war.

Theresa - und Gonjis ungeborenes Kind.

Er nickte grimmig, als er sah, welcher Weg ihn ohne Umschweife ans Ziel führte: Wollte er Saragossa ohne Verzug erreichen, musste er den Fluss Segre überqueren. Musste Barbaso und die gefürchtete Burg Malaguer passieren. Musste womöglich gar die Macht der Inquisition selbst herausfordern.

Karma.

Nicht zu wissen, wo er war, erfüllte ihn mit Panik.

Gonji wälzte sich von dem glühenden Steinhaufen weg und zog das Sagami, das mit scharfem Wimmern aus der Scheide fuhr.

Er war schweißnass. Er sah sich hektisch um, ehe sein Blick an Toras schnaubendem Maul hängen blieb. Das Gesicht des Fuchshengstes glänzte, und er rollte panisch mit den Augen.

Die Wärme hatte Gonji eingelullt, und er war eingeschlafen. Er konnte nicht erkennen, wie lange er geschlafen hatte und welche Tageszeit in der Welt außerhalb seiner Bergzuflucht herrschte. Aber was hatte ihn geweckt?

Ogros.

Der Samurai leckte sich die rissigen Lippen. Ogros - was? Die Legende - er erinnerte sich jetzt wieder, zumindest teilweise. Eine alte Frau, eine lächelnde alte Roma, die ihren am Lagerfeuer gebannt lauschenden Zuhörern Lügen auftischte.

Hütet euch vor Ogros. Ogros was?

Ein weiterer Begriff. Die Jäger der Nacht. Kinder des uralten Berges. Älter als Menschen und nach wie vor gefräßiger als diese.

Ehe er sich daranmachte, seine Habseligkeiten einzusammeln, lauschte Gonji endlose Minuten lang dem Singsang, der grölend von irgendwoher kam - von überall in dem Höhlensystem. Rhythmisch, schwerer Akzent, unleugbar primitiv.

Er war der Invasor, der Eindringling. Er besuchte ihren Berg, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Die Jäger … Die Jäger der Nacht … Er war nachts hier eingetroffen, in ihr Zuhause eingedrungen, während sie auf der Jagd waren. Aber nach wem?

Ogros.

In diesen Dingen kam es nicht darauf an, ob die Fakten sich an die Annahmen hielten. Die geistige Gesundheit verlangte, dass die lauernden, gestaltlosen Schrecknisse benannt und verdinglicht wurden.

Ross und Reiter verließen die Höhle so wachsam und lautlos wie nur möglich, wobei Tora in seinem Eifer, ins Freie zu gelangen, keine große Hilfe war. Die Dunkelheit schien inzwischen weniger bereitwillig vor den Glühsteinen zu weichen. Gonji kämpfte gegen die Gänsehaut an, als ihm unvermittelt klar wurde, dass ihn das Wirken der verzauberten Höhlen zu einem hervorstechenden Ziel machte.

Der Singsang rollte durch die Tunnel, pulsierend und kraftvoll.

Und mit sinkendem Mut wurde Gonji klar, dass sie zwar die Flucht ergriffen, er aber keine Vorstellung davon hatte, wohin sie ihn führte. Der mangelnde Orientierungssinn hatte ihn wieder mal in Schwierigkeiten geführt. Fluchend schlug er eine andere Richtung ein. Zweimal überquerten sie den Bergbach, ehe er eine Höhle wiederzuerkennen glaubte, in der sie schon gewesen waren. Er knirschte mit den Zähnen und zerrte einen widerspenstigen Tora durch den Höhleneingang.

Er trat auf etwas, das unter dem Fuß nachgab und leise, brüchige, knackende Geräusche erzeugte, während es nach seinem Stiefel griff.

Der Samurai schnappte vernehmlich nach Luft und zog das Katana. Die scharfe Klinge blitzte abwärts, durchschnitt aber nur hohle Luft. Gonji trat zweimal heftig zu, ehe es ihm gelang, das ärgerliche Ding an die Wand zu befördern. Das Licht der Glühsteine zeigte dem Blick seiner zusammengekniffenen Augen endlich, was er da vor sich hatte: einen skelettierten Brustkorb.

Die Höhle war voller Knochen. Eine Gebeinkammer, voll mit den weggeworfenen Skeletten von Menschen, Tieren und Dingen, die beidem und doch keinem angehörten. Malereien an den Wänden zeigten Szenen, die so unerfreulich waren, dass sich Gonji rasch von ihnen abwandte und wieder umkehrte, wobei er die Kiefer zusammenbiss und sich darauf konzentrierte, die Angst zu beherrschen. Jetzt überzeugt davon, dass sich in der bisherigen Richtung keine Fluchtmöglichkeit bot.

Der primitive Singsang erzeugte in den Tiefen des Berges Echos, während er einen Ausgang suchte. Gonji hielt das gezückte Sagami an der Seite, während er forschend in eine Höhle nach der anderen blickte und dabei jeweils wartete, bis im gleichgültigen Licht der magischen Steine langsam das Bild entstand. Das Schwert im beidhändigen Griff in Abwehrhaltung auf halber Höhe, so erwartete er jedes Mal den Angriff eines ihn aus der Düsternis anspringenden Schrecknisses. Gelegentlich wehrte sich Tora so heftig dagegen, einem Höhleneingang nahe zu kommen, dass der Samurai vor dem Spukraum zurückschreckte, das Schwert bereit, bis eine weitere Höhle mit ihrem Eingang drohte.

Endlich stieß er auf eine, deren Konturen ihm bekannt schienen. Außerdem fuhren Böen kalten Windes hindurch - eine willkommene Empfindung, war ihm doch der Biss des erbarmungslosen Winters inzwischen lieber als dieser tückische Ort. Als er jedoch den Bogen des Eingangs durchschritt, leuchtete keinerlei Schimmer auf, keine Spur jener Magie der verzauberten Steine. Nur ein absonderlicher Geruch drang in dünnen Schwaden auf ihn ein, ein Geruch, den die kalte Luft abzutöten versuchte.

Gonji suchte sich einen Stein vom Durchmesser einer Handspanne aus, der in seinen behandschuhten Fäusten dunkelrot glühte. Er schlug mit einer Seite dieses Steins so lange an die Wand, bis er wie die Augustsonne leuchtete und er ihn nicht mal mehr am äußeren Rand halten konnte. Dann warf er ihn in die eiskalte Vorhöhle.

Beim Schock des Anblicks, der sich ihm im Licht des hüpfenden, blitzenden Steins bot, sträubten sich ihm die Haare. Leichen hingen in der tödlichen Luft. Tiere und Menschen. Gestreift mit den reflektierten Farben von Eis und Blut. Kopfunter aufgehängt, sodass sie sachte im Wind schaukelten. Manche vollständig, andere zerteilt. Konserviert, für einen erkennbaren Zweck haltbar gemacht.

Der Samurai schnitt eine Grimasse, und die Finger tasteten über den Griff des Sagami. Ein nackter Mann hing ihm am nächsten, die Arme schlaff baumelnd, das erstarrte Gesicht verzerrt von der Schwerkraft und einem ehrlosen Tod.

Gonjis Atem ging in Zügen enttäuschter Wut, während er Tora herumriss und den Weg zurückging, den sie gekommen waren. Er ging zu schnell, als dass das Gesteinsleuchten mit ihm Schritt halten konnte. Er verließ sich ganz auf die löchrige Erinnerung an schon zurückgelegte Schritte und blieb nur jeweils für kurze Sekunden stehen, wenn er zu stark die Orientierung verlor. Derweil stieg der Singsang weiter durch die abweisenden Tunnel auf.

Er fand den Bergbach wieder und orientierte seine weiteren Schritte an dessen sprudelndem Lauf, wobei er die Vorsicht zugunsten der Schnelligkeit vernachlässigte. Er war überzeugt, dass er sich an irgendeiner Stelle nach links wenden musste. Aber wo?

Nach wenigen qualvollen Minuten, in denen er durch die drohende Dunkelheit stürmte, blieb er stehen und blickte sich hilflos um, beide Füße an gegenüberliegenden Ufern des Bachs, gab den Steinen Zeit, an Lichtstärke zu gewinnen, den Tunnel zu erhellen und Gonjis Stiefel zu trocknen. Er regulierte die eigenen Atemzüge und beruhigte zugleich Tora mit tröstender Hand. Bildete er sich das nur ein, oder wurde der Singsang lauter? Zumindest kam er aus größerer Nähe. Pulsierte beharrlich. Gonji glaubte inzwischen, Silben unterscheiden zu können: huk-huk, huk-huk - kehlig und kriegerisch. Der passende Begleitgesang, wenn man Rücken brach und Schädel einschlug.

Aus einer Höhle ein Stück voraus drang weiches flackerndes Licht durch den schattengesprenkelten Bogen des Durchgangs. Ein Hinweis darauf, dass sie bewohnt war. Das Licht nahm aufreizend mal zu und mal ab, wechselte dabei vom Rot eines Sonnenuntergangs zu brennendem Rost.

Gonji knirschte mit den Zähnen und ließ den Zügel los. Er konnte einfach nicht widerstehen, einen Blick auf den Feind zu werfen, der gewiss hinter diesem bogenförmigen Durchgang lauerte.

Huk-huk - huk-huk.

Er huschte zur Tür und hockte sich dorthin, das Schwert kampfbereit. Er stieg den mannshohen Hang hinauf, um einen forschenden Blick in die Höhle zu werfen.

Nichts bewegte sich darin. Das bizarre Leuchten ging von Leuchtsteinen aus, die zu vier Haufen aufgeschichtet worden waren. Ein Nebenfluss des Bergbachs - oder vielleicht ein vollkommen anderer Fluss - speiste einen stillen Teich innerhalb erhöhter Ufer im Zentrum der Höhle. Die knorrigen Äste eines Baumes - eine größere Ausgabe der Sorte, von der er zuvor gespeist hatte - schlängelten sich über dem Teich durch die Luft. Die Beeren daran waren zu faustgroßen Knollen herangewachsen, die an Tomaten erinnerten. Nahrung für einen langen, kalten Ritt.

Gonji lief in die Höhle, suchte sich mehrere der reifsten Früchte aus und stopfte sie unter den Mantel. Er kostete eine. Sie war schwer von süßem Fruchtfleisch und süßlichem Saft. Dann nahm er den Geruch wahr - den unmissverständlichen Geruch von Menschenfleisch, das gebraten wurde. Und er verstand sofort, welchem Zweck die Haufen aus Leuchtsteinen dienten.

Er ließ die Frucht fallen, die er gerade gekostet hatte, und lief zu Tora zurück. Sie flüchteten den Bergbach entlang. In eine leere Höhle hinein und dann eine weitere. Die Tonhöhe des Singsangs stieg an und unter den schwingenden Echos hielt Gonji in allen Richtungen Ausschau nach einem Ausgang. Seine Lippen webten einen richtigen Vorhang aus seinen liebsten Verwünschungen.

(Etwas zu töten und die Kraft dazu!)

Eine weitere Bö kalter Luft drang aus einem Höhleneingang, an dem er vorbeikam. Sie war sauber und beißend vom Geschmack des Eises. Das nervenzermürbend träge Leuchten erfüllte schließlich den Eingang. Er erkannte die Stelle wieder, wusste jetzt, wo er war. Hindurch in die nächste Höhle …

Blendendes silbriges Sonnenlicht - Ausläufer von Schneewehen - er hatte den Ausgang gefunden!

Er zerrte Tora hindurch, stockte dann und dachte nach: die Steine! Sehr nützlich, wenn ein Feuer sonst nicht zu entfachen war. Er nickte knapp und wandte sich zurück.

»Hai! Warte hier, dummes Tier.«

In der angrenzenden Höhle erwiesen sich die meisten Steine als zu groß. Gonji suchte einige kleinere aus und betrachtete sie rundum, während sie aufleuchteten und seine Gedanken sich überschlugen, um einen effizienten Plan zu entwickeln. Sie unter die Kleidung stecken? In Toras Satteltaschen? Oder wohin?

Er stopfte sie unter den Mantel, wo sie bis zum Gürtel hinabrutschten. Allmählich kam er sich dumm vor. Er trat in den Haupttunnel hinaus, ohne noch auf den Singsang zu achten. Er hielt das Sagami in einer Armbeuge und sammelte weitere Leuchtsteine passender Größe ein. Er wollte sich gerade umdrehen und zu seinem Pferd zurückkehren, als er den hellen gelben Schein aus einer - zwei - nahen Höhlen fallen sah.

Die Steine rutschten ihm aus den Armen.

Der Singsang war jetzt durchsetzt von zufriedenem Grunzen, und dieser zweite Laut stammte eindeutig aus den hell erleuchteten Höhlen vor ihm. Ein Teil des Singsangs löste sich aus dem Hauptchor, sammelte sich an einem festen Punkt, näherte sich Gonji.

Furcht keimte in ihm auf, während er in das grelle Licht blickte. Erinnerte sich dabei an die dunkelrote Tönung, in der die Steine als Reaktion auf seine Bedürfnisse geleuchtet hatten.

Tora wieherte schrill und bockte in der Eingangshöhle, und ein Gebrüll von wilder Heiterkeit mischte sich mit den panischen Lauten des Tieres.

Der Samurai rannte zu seinem entsetzten Ross und die Haare standen ihm zu Berge. Zweimal stolperte er und erreichte schließlich die im hellweißen Licht liegende Eingangshöhle, um die Monster daran zu hindern, dass sie sein heftig bockendes Pferd erschlugen. Als sie sein Wutgeschrei hörten, stockten sie kurz, und dieser Augenblick sollte in der Gedächtnishalle seiner Albträume bewahrt bleiben.

Die Jäger waren zurück. Ogros!

Ogros - canibalis.

Es waren zwei. Riesige, behaarte Gestalten, obwohl er nicht erkannte, ob es das eigene Fell war oder ob sie Pelze trugen. Sie waren von menschenähnlicher Gestalt, aber Gonji gefror beinahe das Blut in den Adern, als er die leicht in die Länge gestreckten Schnauzen erblickte und darin die hundeartigen Reißzähne und die langen roten Zungen gewahrte.

Choléra - wenn man ihre gebeugte Haltung berücksichtigte, waren sie drei, vielleicht gar vier Meter groß.

Der Nächststehende hob den Prügel, mit dem er Tora bedroht hatte. Mit einem Triumphgeheul stolzierte er auf Gonji zu, hielt dabei die Waffe auf der Schulter. Die Muskeln des Samurai reagierten mit einer hoch angesetzten Abwehrhaltung, die unter anderen Umständen in Anbetracht des Größenunterschieds vielleicht komisch gewirkt hätte.

Gonji musterte den knurrenden Oger konzentriert und nahm am Rand des Blickfelds den tödlichen Schlagkopf des Prügels wahr. An einer Seite wies dieser eine messerscharfe Kelle auf, die teilweise mit Schnee gefüllt war. Die andere Seite - bestand einfach nur aus messerscharfen Kanten.

Das Monster kündigte seinen Hieb mit Gebrüll an, und Gonji duckte sich unter dem Prügel hindurch und warf sich ins Höhleninnere. Die Wand, vor der er gestanden hatte, explodierte in einem Funkenregen weißglühender Glimmsteine. Einige davon landeten im Fell der Kreatur, und sie schlug in primitiver Wut auf die versengten Stellen ein.

Gonji rollte sich ab und kam wieder auf die Beine, das Gesicht verzerrt, da die schwere Winterkleidung seine Bewegungen erschwerte. Diese Bestien waren schneller, als sie aussahen. Er hob das Katana abwehrend über den Kopf und musterte das zweite Monster, das wütend auf ihn losging und dabei seine schlaffe Last fallen ließ, eine Last von allzu leicht erkennbarer Gestalt.

Tora bäumte sich auf und schlug mit den Vorderhufen nach dem zweiten Oger. Dieser holte zu schnell mit dem Prügel aus, hämmerte ihn gegen die Höhlendecke und brachte sich selbst aus dem Gleichgewicht. Der Samurai griff ihn an, wandte sich dabei mal nach links, mal nach rechts, und das Sagami fuhr blitzend durch eine doppelte Finte. Das Monster schlug mit dem Prügel nach ihm, den es im Griff einer affenartigen Hand mit schwarzen Krallen hielt. Gonji wirbelte herum, um auszuweichen, und hieb dem Monster mit einem bösen Schlag bei sich drehender Klinge das Knie halb durch.

Dunkles Blut spritzte aus der Wunde, und bei dem entsetzlichen Schrei wurde Gonjis linkes Ohr taub. Der Oger kippte auf ihn zu, packte nach dem zerstörten Knie, und als seine mächtige Gestalt an dem Samurai vorbeistürzte, zertrümmerte dieser ihm mit einhändigem Hieb des Katana den Unterkiefer. Blut und Bruchstücke verfärbter Zähne prasselten in den Schnee der Eingangshöhle.

Die Schreie waren schnell vergessen, als ein Windstoß davon kündete, dass der Prügel des ersten Ogers auf Gonji herabsauste. Gonji duckte sich zu spät. Eine gefährlich scharf zugeschliffene Spitze zerfetzte ihm die Kleidung und grub sich ins Fleisch einer Schulter. Die Wucht des Hiebes riss ihn von den Beinen. Er wälzte sich zweimal zur Seite, um den weiteren wütenden Angriffen der Kreatur auszuweichen. Der Spielraum ging ihm jedoch aus, als er ans Gestein stieß.

Er saß in einem Winkel der Höhle in der Falle.

Der Oger knurrte einschüchternd, musterte das Sagami allerdings voller Respekt. Er war solche Schnelligkeit und Kampffähigkeit nicht gewöhnt bei den unachtsamen Reisenden, die die natürliche Beute seiner Lebensform bildeten.

Das Monster knurrte und scharrte vor der Nische des Samurai drohend mit der Waffe über den Boden, wie jemand, der gefährliches Ungeziefer aus seinem Schlupfwinkel zu stochern versuchte.

Plötzlich erkannte es seinen Vorteil und ging wie ein Wachhund auf die Beute los, legte den Prügel dabei zu einem Rammstoß an. Im selben Augenblick riss Gonji einen Dolch aus dem Stiefel und warf ihn mit kurzem Schnappen des Handgelenks, während er den Metallschneiden des Prügels auswich.

Das Monster heulte vor Schmerzen und Wut, umgeben von herabregnenden Felssplittern. Es trat mit einem krallenbewehrten Fuß auf Gonjis Beine, während der Samurai davonzukrabbeln versuchte. Der Prügel war vergessen, während die fleischfressende Schneebestie an dem in ihrer Brust steckenden Dolch zerrte.

Gonji schrie auf, während er sich unter Schmerzen bemühte, sich unter dem wulstigen Fuß des Ogers hinauszuwälzen. Mit einem Sichelschnitt des Sagami durchtrennte er die Kniesehne der um sich schlagenden Kreatur.

Hinter Gonji wimmerte der andere, niedergestreckte Oger noch immer vor Schmerzen, und andere Geräusche näherten sich aus dem Innern des Höhlensystems.

Gonji hörte nichts davon. Er stemmte sich auf die Beine, wobei das linke Bein heftig schmerzte. Seine Beinarbeit war ungenau und plump, aber das Katana traf wiederholt mit entsetzlicher Präzision, während es singend durch die Luft der eisigen Höhle fuhr. Gonji sprang mal heran, mal wieder vom Gegner weg, trennte der Kreatur eine halbe pelzige Klaue ab und schlug ihr tiefe Wunden in beiden Beinen. Der Samurai hob das Schwert zu einem weiteren Schlag, aber ein wüster Rückhandschlag schleuderte ihn an die Wand, so dass ihm die Luft aus den Lungen gehämmert wurde.

Das Bild verschwamm vor seinen Augen. Einen Augenblick lang wusste er nicht recht, wo sein Schwert lag. In einem wabernden Schleier entdeckte er Tora. Und die Leiche eines Mannes im Wappenrock der spanischen Kavallerie, das Gesicht eingeschlagen.

Die mächtige haarige Faust packte ihn um die Taille und zog ihn an diese brennenden Augen heran. Er spürte den heißen, stinkenden Atem der Kreatur im Gesicht. Den zermalmenden Griff, der aus rachsüchtigen, mörderischen Schmerzen resultierte. Und er wusste, was das Monster plante. Es wollte seinen Kopf zwischen den hundeartigen Kiefern zermalmen.

Der Oger gurgelte etwas mit seiner feuchten, kehligen Stimme, vielleicht eine abschließende Verhöhnung in seiner Sprache. In diesem Augenblick zog Gonji mit der linken Hand das Seppuku-Schwert. Seine Rechte führte die Klinge in einer kreisförmigen Stoßbewegung, die knackend und feucht schmatzend durch beide Augen des Monsters und die Nasenwurzel fuhr. Der zweite, verkürzte Angriff grub die grausame Spitze des Ko-dachi in den Hals des Ogers.

Gonji stürzte stöhnend zu Boden. Ein kurzer Gedanke ging ihm durch den Kopf: Erneut hatte er mit der Seppuku-Klinge, die ihm vielleicht eines Tages den rituellen Tod brachte, das Blut eines anderen vergossen.

Dann packte er das Sagami und steckte beide Schwerter in den Gürtel zurück, während er den schnaubenden Tora aus der Höhle führte, hinaus in einen zornigen silbernen Morgen. Der dichte Schnee auf dem Bergpfad erzeugte ein angenehmes Knirschen unter Toras Hufen, als Gonji wieder in den Sattel stieg und das Tier mit den Fersen an der Höhle vorbeitrieb, den geräumten Pfad hinauf, der zu den Pässen der Pyrenäen führte. Furchen im Schnee kündeten von den Räumarbeiten der nächtlichen Jäger - ogros canibalis - mit ihren grausamen Prügeln.

Der Samurai hörte sie hinter sich brüllen, aber die Laute fielen zurück, und er wusste irgendwie, dass die nächtlichen Jäger ihre altehrwürdigen Gewohnheiten nicht ändern würden, nur um Rache zu nehmen. Nur wenige Kreaturen außer dem Menschen forderten das Schicksal auf diese Weise heraus. Wer der Natur trotzt, buhlt um das Unnatürliche. Wer hatte das noch gleich gesagt? Ein Gefährte seiner Abenteuer aus früheren Tagen. Welcher? Er erinnerte sich nicht mehr.

Und er blickte auch nicht zurück. Derselbe sattelgehärtete Philosoph hatte ihm auch das Sprichwort genannt, das sich auf die Gesichter der Toten von gestern bezog.

Er folgte eine Zeit lang seinem Weg und zählte seine schmerzenden Stellen - die Schulterwunde war nicht tief, aber der Unterschenkel pochte -, und es kam nicht überraschend, dass er sich erneut nach Zuflucht vor der Kälte und dem grellen Sonnenlicht sehnte. Der Sturm hatte sich gelegt, und als sie die Grenze zu den spanischen Hängen überschritten, zeigten sich die Pässe sowohl weniger tückisch als auch weniger verschneit.

Die Glimmsteine waren, wie er feststellte, hier außerhalb ihrer normalen Umgebung aller magischen Eigenschaften beraubt. Er fragte sich erheitert, was ein Betrachter vielleicht gedacht hätte, wenn er sah, wie Gonji unter seinen schweren Mantel griff und Brocken nutzlosen Gesteins wegwarf. Und nur zwei der süßen roten Bergfrüchte waren unversehrt geblieben; rotes Fruchtfleisch hatte die gesamte Vorderseite von Kasack und Kimono verfärbt.

Er fütterte Tora mit den heilen Früchten und machte es sich im Sattel bequem. Bald nickte er ein, war der Tag doch seine übliche Schlafenszeit, und der Kopf ruckte unter der Schaller im Rhythmus der langsamen Schritte des Pferdes. Sein letzter Gedanke drehte sich um diese einzige Ähnlichkeit zwischen ihm und den menschenfressenden Ogern.

Im Unterschied zu ihm gerieten sie in ihren Schlafstätten nie an den eisigen Rand eines Absturzes, wie es ihm mehrmals an diesem Tag erging.

ZWEITES KAPITEL

Er jagte den wilden Keiler jetzt seit zwei Tagen und einer Nacht, und endlich hatte er dessen Unterschlupf gefunden und versperrt, obwohl das Tier es ihm nicht leicht gemacht hatte.

Mit rot unterlaufenen Augen und müde bis auf die Knochen, so stellte er doch fest, dass endlich aufs Neue Ordnung in seine Tage und Nächte eingezogen war, auch wenn er seit dem Abstieg über die kahlen spanischen Hänge der Pyrenäen nur wenig Schlaf gefunden hatte. Eine halbe Nacht hatte er auf der Lauer gelegen und auf seine Verfolger gewartet, aber entweder war die Dunkle Kompanie durch die Lawine umgekommen oder sie fand das Spiel nicht mehr amüsant. Eine dritte Möglichkeit verbannte Gonji mit einem Fluch und grimmiger Resignation aus seinen Gedanken: Vielleicht bestand ihre neue Taktik darin, ihn in trügerische Sicherheit zu wiegen und dann in ihrer kalten Wut in zwei, drei, zehn Nächten auf seinem weiteren Weg über ihn herzufallen.

Wenn es dazu kam, dann sollte es eben sein.

Karma.

Seit er spanischen Boden erreicht hatte, entdeckte er den Winter einer anderen Welt. Milder, mit konstanter Schneedecke, weniger nervtötend in seinem frostigen Biss. Gonji hatte einen Teil seiner Winterkleidung abgelegt und ritt jetzt in Jacke und Hose, kurzem Kimono und Reisemantel. Die dicken Tabi und die österreichischen Kavalleriestiefel reichten, um die Füße zu schützen.

Der Winter verwandelte Nordspanien in ein eisiges, natürliches Wunderland. Die mächtigen Wasserfälle, die die flachen Absätze der Vorberge hinabströmten, hatten an Wucht verloren und funkelten in einem klaren Kristallschimmer. Die u-förmigen Cirque-Täler schimmerten unterhalb davon, ihre symmetrische Schönheit und Perfektion nur durchbrochen vom glitzernden Schimmer vereister Teiche und Bodenfalten. Bei Tage borgte eine vielfarbige Aurora ihre Pracht vom lächelnden Kami des Himmels; bei Nacht breitete sich eine lautlose, geisterhafte Landschaft aus scharf umrissenen Schatten aus und das Antlitz des Mondes spiegelte sich auf der glänzenden Erde.

Der dumpfe Schmerz des Hungers lähmte jedoch allmählich Gonjis tiefe Wertschätzung für die Kunst der Natur. Der Bauch des Kriegers schrie die Seele des Dichters nieder.

Die winterliche Nahrungssuche fiel in Spanien nicht leichter als in Frankreich. Das froststarre Land gab nur wenig her. Er war einer schwer bewachten Karawane aus den Silberminen begegnet, die ihn, sobald sie seines halbasiatischen Aussehen gewahr wurde, als abstoßenden Charakter einstufte und mit wütend geschwungenen Waffen davonjagte, ohne ihm überhaupt Gelegenheit zu geben, das Wort zu ergreifen. Das einzelne kleine Dorf, auf das er zufällig stieß, erwies sich als von der Art abergläubischer Landbevölkerung bewohnt, die seit Langem sein Fluch war. Türen und Fenster wurden ihm vor der Nase zugeschlagen und verriegelt und aus Schießscharten richtete man Waffen auf ihn. Er fand keinerlei Fisch; seine Versuche mit der Fallenstellerei scheiterten, und er konnte kein Tier dazu überreden, einfach tot zu seinen Füßen umzufallen - obwohl Tora derzeit an der Spitze der Liste jener Tiere stand, denen er ein solches Schicksal wünschte.

Auf den wilden Keiler stießen sie, während dieser in einem kleinen Wald aus schlanken Bäumen und winterfestem Gebüsch nach Nahrung stöberte. Nachdem Gonjis Bogensehne beim Bespannen der Waffe gerissen war, setzte er sein Vertrauen in die Fähigkeiten seines Schwarzpulvers. Er lud die Pistole besonnen und leise, näherte sich dem Keiler zu Fuß, erreichte eine überraschend günstige Position und gab einen Schuss ab, der jedoch nur wirkungslos blitzte und zischte. Nach einem seiner häufigen Flüche auf diese ehrlose Gerätschaft sah er den erschrockenen Keiler in lässiger Gangart das Weite suchen und hörte ihn dabei über Gonjis Bemühen verächtlich schnauben.

So begann die Hetzjagd.

Gonji setzte dem Tier einen Tag und einen Teil der Nacht lang zu Pferd nach und fühlte sich dabei abwechselnd dumm und enttäuscht, denn er wusste nicht recht, was er tun würde, sobald er den Keiler erreicht hatte. Er verlor die Fährte einmal, als sich das Tier in einem weiteren Wäldchen unweit einer gut fünfzehn Meter hohen cuesta versteckte, und verfehlte den Rücken des Keilers nur knapp mit der Helmbarte, als dieser ihn überraschend angriff. Und Gonji nahm die Hetzjagd wieder auf.

Er verlor die Fährte aufs Neue und fand sie Stunden später wieder, als er sich gerade den Kopf über den Kadaver eines kleinen Nagetiers zerbrach, das der Keiler erwischt hatte, als wollte er Gonjis mitleiderregendes Jagdglück verspotten.

Dann ging die Jagd richtig los. Gonji galoppierte stundenlang über die verschneite Ebene hinter seiner Beute her, ritt kreuz und quer, holte sie immer wieder ein, nur um dann festzustellen, dass die Helmbarte beim Sport des Saustechens ein armseliger Ersatz für die Lanze war. Und traurigerweise auch, dass Toras alte Verletzungen und die Bürde der Zeit dem treuen Streitross Schnelligkeit geraubt hatten, wie Gonji schon lange vermutete.

Aber sie blieben dran, vom Stolz ebenso angetrieben wie vom Hunger. Zwei weitere Male erwischte der Samurai den Keiler mit der scharfen Schneide der Helmbarte. Dann wandte sich das Tier unerwartet zum Angriff, als verstünde es letztlich, dass es selbst im Vorteil war. Einen Augenblick lang überlegte Gonji, ob die Dunkle Kompanie so erstaunt gewesen war, als er sich zu ihr umwandte, wie er jetzt, den Angriff des listigen Tieres zu sehen. Tora wich vor den zustoßenden Hauern des Keilers aus und warf Gonji aus dem Sattel. Nur der Schnee verhinderte, dass sich dem Samurai das Steißbein in den leeren Bauch bohrte.

Jetzt hockte er vor dem Unterschlupf des wilden Keilers auf einem Knie im Schnee. Das Sagami lehnte an seiner rechten Schulter. Die Jagd würde so enden, wie sie von Anfang an hätte enden sollen.

»Dummes Tier!«, fauchte Gonji Tora an, der an die fünfzig Meter weit entfernt war. »Tatteriger alter Kutschengaul! Du bist zurück in deiner Heimat. Kannst du in deinem Heimatland nicht ein wenig Stolz zeigen?« Sein Hintern schmerzte bei jeder Bewegung.

Ein goldener Sonnenuntergang warf lange Schatten über das verschneite Ödland und umriss die absurde Verwüstung, die seine Jagd auf Morgen unberührten Schnees angerichtet hatte. Er hoffte, dass kein Feind irgendetwas davon gesehen hatte.

Der Keiler ging aus den tiefer werdenden Schatten auf ihn los.

Das Tier brüllte vor Wut über seinen Peiniger, winkelte die zwanzig Zentimeter langen Stoßzähne zum zerfetzenden Angriff und pflügte durch den hochstiebenden weißen Nebel, den sein heißer Atem in Fahnen zerriss.

Gonji führte eine Finte aus, bog sich aus der Bahn des Angriffs und versetzte dem Tier einen Hieb quer über die Schulter. Rotes Blut aus dem tiefen Schnitt spritzte in den Schnee, durch den das Tier mit seiner trunken wirkenden, dreibeinigen Gangart weiterrannte.

Der Keiler attackierte Tora mit wildem Wutgebrüll. Der Fuchshengst wieherte und ging durch. Gonji fluchte und rannte hinter seiner verletzten Beute her, die sich fast gemächlich auf den Rückweg zu ihrem Lager machte. Dann blieb der Keiler stehen, fixierte den Samurai mit den schwarzen, hasserfüllten Augen und stürmte erneut brüllend auf ihn los.

Der Samurai hob das Schwert hoch über die rechte Schulter, die Hände entlang des Hefts gespreizt, die Finger sanft auf der Haifischhaut, sodass der Griff beinahe schlaff wirkte. Gonji traf den verletzten Keiler quer übers Hinterteil und streckte ihn damit nieder. Ein schneller Doppelschlag …

Gonji brüllte seinen schwer errungenen Sieg in den dämmerigen Himmel hinauf. Die Überschwänglichkeit seiner skandinavischen Mutter brach sich kurz Bahn in einem improvisierten Siegestanz. Schnell fasste er sich wieder und machte sich auf die Suche nach Feuerholz, wobei ihm schon das Wasser im Munde zusammenlief.

Sein Dankesgebet an den Kami des Glücks erwies sich jedoch als voreilig.

Er eilte los, um gutes Anzündholz zu finden, und bereitete in einer Mulde vor der Cuesta hastig einen Lagerplatz. Jede Vorsicht in den Wind schlagend, entfachte er ein loderndes Feuer, wärmte sich kurz daran und genoss die Vorfreude auf die verlockende Mahlzeit.

Dann ging er ins Mondlicht hinaus, um Tora abzusatteln und es ihm für die Nacht bequem zu machen, und erkannte den eigenen Fehler zu spät. Er erblickte die Gefahr zuerst in Toras Augen, sah die Angst, als das Pferd den Kopf hochwarf, ehe er dann den Wind hörte, erzeugt vom Sturzflug des Grauens auf sein Lager hinab.

Er erstarrte einen Augenblick lang, als er es sah. Angesichts des Kreisens der mächtigen Schwingen glaubte er sich im ersten Augenblick wieder von einem Lindwurm angegriffen, aber die Kreatur war kleiner und vogelähnlicher als der säurespeiende Flugdrache. Sie führte im Sturzflug ein unmöglich erscheinendes Flugballett aus, bewegte dabei kaum die Flügel, bis sie nur noch eine Fußlänge über dem Kadaver des Keilers schwebte.

Sie schrie Gonji etwas mit einer wimmernden, jammernden Stimme zu, die erfüllt war von einem nach Intelligenz klingenden Spott, packte die schwere Last des Keilers - ein gutes Stück länger als einen Meter - und stieg unter mühsamem Flügelschlag höher. Die klauenbewehrten Füße und krallenbewehrten menschenähnlichen Hände hielten die Beute fest gepackt, während die Flügel gegen die Schwerkraft ankämpften. Langsam gewann die Kreatur an Höhe und näherte sich gleichmäßig ihrem Nistplatz auf der Klippe, die über dem prasselnden Lagerfeuer aufragte.

»Iyé!«, flüsterte Gonji, ganz erfüllt vom Anblick des entschwindenden Kadavers, der so teuer erkämpften Beute.

»Neeiiin!«

Er zog das Sagami, als er schon durch den knirschenden Schnee lief, und schwang es ohnmächtig in der Rechten. Als er unter der fliegenden Kreatur stand, das Katana in einer nutzlosen Abwehrhaltung auf halber Höhe, erreichte sie schon den Gipfel der Felswand. Er verfolgte, wie sie über der Kante verschwand, und empfand dabei einen Schmerz, der sich trotz lebenslanger Disziplin deutlich im Gesicht abzeichnete.

In der Höhe spähte das Vogelding über die Kante des Hangs, und der ungewöhnlich biegsame Schnabel stieß ein spöttisches Trällern aus. In den durchdringenden, intelligent blickenden Augen glommen Selbstzufriedenheit und List. Im Mondlicht führte es eine kurze Bewegung aus.

Die Genitalien des Keilers schlugen neben Gonji im zertrampelten Schnee auf.

Das Lagerfeuer tauchte die Umgebung in glutvolle Tönungen. Vor ihm kniete der Samurai, alle Gedanken im Zustand tiefer Meditation verstummt. Sein Schatten zeichnete sich gewaltig auf der Basis der steilen Cuesta hinter ihm ab. Vor ihm lag in der Scheide das Sagami, das von vielen Legenden umwobene Schwert.

Nach Abschluss seiner planvollen rituellen Waschungen kleidete er sich an, band gründlich seinen Haarzopf und schnallte sich die Daisho - das zusammengehörige Paar aus Lang- und Kurzschwert - mit Hilfe des Geschirrs auf den Rücken, das er seit Vedun benutzte. Den Tanto steckte er in den Stiefel, ehe er sorgfältig das verbliebene Schwarzpulver sichtete und sich das nahm, was ihm trocken genug erschien, um beide Pistolen zu laden. Er lud und spannte sie und steckte sie in den Obi. Dann stand er auf und blickte grimmig zu dem Nest hinauf, wo sein Quälgeist schrie und schnatterte.

Das Tier blickte zu ihm herab und scharrte mit einer Hinterklaue am Boden. Ein Teil der Eingeweide des Keilers fiel direkt zu Gonji herab. Der Samurai schlug das Zeug mit einer schnellen Abwehrbewegung zur Seite.

Er band sich das Hachi-maki um den Kopf - das Stirnband der Entschlossenheit. Die ganze Zeit lang gingen ihm böse Gedanken durch den Kopf. Bleierne Barren des Karma, die die Seele in die Tiefe ziehen, Gonji-san

Er war ein Tor, ein Karnickel, ein stümperhafter Versager. Seine Ahnen wandten sich beschämt ab. Der alte Todo hätte verlangt, dass er sofort Seppuku verübte, wenn er sich schon unfähig zeigte, die eigene Nahrung zu bewachen. Der verhasste Halbbruder Tatsuya - hai, sogar der tote Tatsuya lachte gewiss in der unbekannten Welt. Seht nur das Junge der blonden Tigerin - sogar die Vögel verspotten ihn ob seiner Fähigkeiten!

Die Spur eines Lächelns spielte um Gonjis Lippen. Er verbannte alle Gedanken und bereitete den Geist auf die kommende Begegnung vor. Er war heute ruhiger in seiner Entschlossenheit, wo ihn einst die Erwartung eines Zweikampfes mit der hungrigen Wut eines Infernos erfüllt hatte.

Die wundersamen Wechselhaftigkeiten des Lebens.

An der linken Hand trug er einen stachelbewehrten Panzerhandschuh - Nekode genannt -, ein Hilfsmittel zum Klettern in jenem Stil, den der alte Ninja-Meister gelehrt hatte. Eine geheime Freundschaft verband diesen mit einem naiven jungen Samurai, wenngleich dessen Vater das nicht wünschte. Jetzt leerte Gonji das Bewusstsein, damit ihn die Klettertechnik des Karumi-jutsu ungehindert führen konnte, und machte sich daran, die glatte Wand der Cuesta zu erklimmen.

Grabend und scharrend nutzte Gonji die Unebenheiten in der beinahe glatten Felswand. Der Nekode grub Spalten, wo zuvor keine existiert hatten. Mit Fingern und Zehen suchte Gonji Halt, klammerte sich wie eine Spinne an die Wand und knirschte vor Anstrengung mit den Zähnen. Er kämpfte gegen die betäubende Kälte an, spannte und entspannte nacheinander die verschiedenen Muskelgruppen, verlagerte sein Gewicht, ertastete sich den leichtesten Weg des Anstiegs, sondierte und probierte, machte den eigenen Körper leichter, wie er es durch die altehrwürdige Methode gelernt hatte.

Die ersten drei Meter fielen ihm leicht. Fünf. Wie hoch lag wohl das Nest? Fünfzehn - achtzehn Meter?

Wygyll.

Als ihn der Monstervogel plötzlich entdeckte und einen eigenartigen schrillen Schrei des Unglaubens ausstieß, fiel Gonji der Name des Tiers ein. Nicht der Name, den man ihm hier in Spanien gab. An den erinnerte sich der Samurai nicht. Der englische Name war es, der ihm erneut in den Sinn kam. Die Engländer hatten Bezeichnungen für alles. Für Dinge, die sie gut kannten; und für Dinge, an die zu glauben sie gar nicht eingestanden.

Diese Kreatur gehörte einer sehr alten Lebensform an, älter als die Menschheit. Aasfresser, die auf Klippen und Felsvorsprüngen nisteten.

Wygyll. Der Horst des Wygylls. Dreizehn Meter über ihm.

Etwas Stinkendes und Feuchtes klatschte Gonji auf die Schulter. Stücke von den Eingeweiden des Keilers. Er schüttelte das Zeug ab. Leise Bröckelgeräusche strichen an seiner Position vorbei. Dann knallte ihm ein Stein auf den Kopf, und Lichtfünkchen tanzten in der Schwärze, in die sich sein Blickfeld kurz verwandelte.

»Choléra!«, fluchte er, sein liebster europäischer Kraftausdruck, der wie so manches Mal auch jetzt dabei half, Dampf abzulassen. Er schüttelte den Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen, überzeugt davon, dass er eine Schnittwunde erlitten hatte. Der Schädel pochte an der Stelle, wo sich die Schwellung bildete.

Über ihm - das Rauschen von Flügelschlägen, als sich der Wygyll von seinem Nest emporschwang. Gonji wappnete sich, wachsam, aber entspannt.

Muss mich festhalten, wies er sich an. Wie gingen diese Kreaturen am liebsten vor? Ah - vier Klauen ausgestreckt; mit den hinteren zupacken, mit den vorderen hacken. Ein schlichtes Angriffsmuster, das einen Ochsen zerfetzen konnte.

Am Rand des Blickfelds sah er die fünf Meter überspannenden Schwingen träge Schleifen fliegen, an den äußersten Punkten sacht in Schräglage gehen und eine elegante Acht beschreiben, deren Mittelpunkt hinter dem ungeschützten Rücken des Samurai lag.

Ohne Vorwarnung endete das Luftballett. Mit einem Kriegsschrei, der durchdringender war als der beißende Wind, ging der Wygyll in den Sturzflug über. Die Flügel getrimmt, die Klauen zum Angriff gespannt.

Gonji entspannte seine Muskeln durch einen Willensimpuls. Er kletterte ein kleines Stück weiter die Felswand hinauf. Spürte den Luftzug des heranstürzenden Plünderers. Spürte, wie der Abstand schrumpfte. Elegant zog er eine Pistole, spannte den Hahn, drehte sich von der Felswand nach außen, wahrte dabei einen Dreipunkthalt …

Aber der Angreifer folgte einer zu indirekten Tangente. Gonji wusste, dass sein Schuss aus einem derart schiefen Winkel erfolgen würde, dass der Rückstoß den eigenen unsicheren Halt gefährdete.

Der Wygyll erkannte nicht die Gefahr, die von der Feuerwaffe ausging. Er stürzte mit vorgereckten Klauen herab, erpicht darauf, zu hacken und zu zerfetzen.

Gonji schoss - splfsss.

»Drecksding - Choléra!«

Er kam sofort wieder zu Sinnen, noch während der Wygyll aufschrie, erschrocken über das zischende Pulver der fehlgezündeten Pistole. Gonji schleuderte die nutzlose Waffe weg und langte über die Schulter nach dem Griff des Sagami. Aus lauter Angst vor der harmlosen Pyrotechnik geriet der Wygyll jedoch in plumpes Trudeln. Federn lösten sich bei dem heftigen Richtungswechsel aus seinen Flügeln.

Das fliegende Raubtier schwenkte über dem breiten Cirque-Tal von einer Seite zur anderen, aber ob es dabei Schnelligkeit oder Wut zusammenraffte, das konnte Gonji nicht erkennen. Das Monster attackierte Tora einmal, zweimal, und das wackere Ross bäumte sich auf und wehrte sich mit den Hufen.

Gonji nutzte die Gelegenheit, um einen weiteren Meter hochzuklettern. Er arbeitete gerade am zweiten Meter, als er erkannte, welche Absicht sein listiger Gegner jetzt verfolgte. Ein Stück entfernt lag am Fuß der Klippe ein durchnässtes Stück Holz. Der Wygyll stürzte sich voller Wut darauf und zerrte es aus der Umklammerung des gefrorenen Bodens, krächzte den Samurai an und schwang sich mit dem Holzstück unbeholfen in die Luft, wobei er sich in seiner Wut schnell an die Last gewöhnte.

Gonji machte große Augen. Er langte unsicher ein Stück nach oben, wich dann wieder einen Schritt weit zurück. Die Kreatur erreichte seine Höhe und stieg auf den mächtigen Schwingen weiter empor. Als sie die Abbruchkante erreicht hatte, schwebte sie über dem hilflosen Eindringling in sein Reich.

Gonji erlebte einen ausgedehnten Augenblick des Grauens, während der schwere Holzklotz zu ihm herabfiel. In der Illusion eines Augenblicks malte er sich aus, wie er irgendwie um das stürzende Geschoss herumsprang, das inzwischen sein Blickfeld ausfüllte …

Und er sprang in atemloser Enttäuschung von der Klippe und gab die hart erkämpfte Höhe auf. Er landete wie eine Katze im Schnee und rollte sich ab, um die Wucht des Aufpralls zu mildern, und er raffte seine Entschlossenheit schon wieder auf, ehe er zur Ruhe kam. Der abgeprallte Holzklotz traf ihn im Rücken.

Der Wygyll flog über ihn hinweg und schrillte ihn höhnisch an, während der Samurai gerade Waffen und Atem sammelte. Er warf einen Blick auf die zweite Pistole, steckte sie wieder in den Obi und erreichte durch einen Sprung mit Anlauf wieder die Felswand. Ohne auf seinen Feind zu achten, kletterte er unter Verwendung der zuvor erzeugten Ritzen hinauf. Diesmal ging es leichter, und er erreichte in Sekundenschnelle wieder seine letzte Griffposition von eben.

Als er stoppte, um die Position des Wygylls zu bestimmen, sah er nichts weiter als Saphirsterne und das schiefe goldene Grinsen des Mondes.

Ah-oh! Etwas Neues, neh?

Flink und geräuschlos stieß sich die Kreatur direkt über ihm über die Felskante und stürzte wie das Geschoss eines Belagerungskatapults auf ihn herab, wobei sie einen armlangen, dicken, spitzen Ast in den Klauen hielt.

Das Katana fuhr mit leisem Klirren aus dem Rückengeschirr, während der Wygyll im freien Fall direkten Kurs auf Gonjis Gesicht nahm. Der Samurai schwang sich im letzten Augenblick nach außen und zur Seite und hielt sich dabei mit dem Nekode und den Zehen des linken Fußes fest. Er versetzte der Waffe des Tieres einen heftigen Schwerthieb, als es an ihm vorbeistürzte, und lenkte sie damit aus der tödlichen Bahn. Der Wygyll stieß einen schrillen Schrei aus und ging mit einer engen Schleife wieder in den Steigflug über und stürzte sich innerhalb von Sekunden erneut auf Gonji. Als er jedoch abbremste, um nicht gegen die Felswand zu krachen, zuckte Gonjis Schwert aufwärts und parierte den Ast. Der Samurai vollendete die Kreisbewegung mit einer Riposte aus dem Handgelenk heraus - ein weiches Twack! - ein Wirbel aus Federn …

Die Kreatur stieß ein hohes Jaulen aus. Blut strömte aus dem flachen Schnitt im gewölbten Brustkorb. Sie ließ den Ast los und wirbelte auf einer gewundenen Flugbahn davon, von den Schmerzen schier in den Wahnsinn getrieben.

Gonji erreichte einen schmalen Felssims auf halber Höhe der Cuesta. Er krallte sich ein Stück weiter hinauf und konnte die Füße auf den Felssims setzen. Seine Nerven vibrierten unter dem verzweifelten Wunsch, nicht wieder von der Felswand vertrieben zu werden, wo er doch seinem Ziel inzwischen so nahe war. Er steckte die blanke Katana-Klinge in den Obi. Kämpfte gegen das Gestein an, den nagenden Wind und die bittere Kälte, die eigenen steifer werdenden Sehnen.

Noch fünf Meter.

Der Wygyll stieß herab und schrie ihn an. Gonji rutschte mit einem Fuß aus und verlor beinahe den Halt. Er stoppte, um wieder festen Halt zu finden, und erkannte, dass er derzeit einem Angriff des Vogelwesens hilflos ausgesetzt war. Dieses erkannte die Lage ebenfalls und flatterte heran. Die starken Krallen schnitten voller Eifer durch die Luft, während die Distanz schrumpfte.

Gonji zog die zweite Pistole. Mit seiner ganzen Gelenkigkeit bog er sich nach außen und schoss auf die heranbrausende Kreatur. Er bellte dabei einen Kraftausdruck, der jedoch im Krachen des Schusses unterging, während die Radschlosspistole Rauch und Flammen rülpste. Der Wygyll gab immer wieder einen jaulenden schrillen Laut von sich, nachdem die Pistolenkugel inmitten einer Kaskade grau-weißer Federn einen Flügel durchschlagen hatte. Der Samurai war vergessen, während das Tier darum kämpfte, trotz der Flügelverletzung in der Luft zu bleiben.

Gonji warf die leergeschossene Pistole weg. Er zitterte, während er sich den zerklüfteten obersten Abschnitt der Felswand hinaufkämpfte und endlich mit dem stachelbewehrten Nekode die obere Kante erreichte.

Der Wygyll, der jetzt durch die Luft hüpfte und flatterte, dabei den erratischen Kurs eines Schmetterlings imitierte, griff ihn mit einer Folge ohrenzerreißender Schreie und prügelnder Schwingen an. So verletzt die Kreatur auch war, sie kämpfte jetzt um ihr heimisches Nest, dessen sie sich noch vor kurzer Zeit so sicher gefühlt hatte.

Aber Gonji hatte sein angestrebtes Ziel erreicht. Mit einem mächtigen Zug überwand er die Felskante. Kurz erblickte er eine riesige Flechtkonstruktion und den zerfetzten Kadaver des Keilers. Dann gruben sich die gewaltigen Krallen in seinen Rücken und packten Kleidung und Haut in gleichem Maße. Ein mühsamer Atemzug entfuhr ihm, als er vom Fels emporgehoben wurde. Kurz bot sich den aufgerissenen Augen der Anblick des langen Sturzes, des eigenen Lagerfeuers und des Fehlens aller Hemmnisse für einen Absturz in die Tiefe. Dann packte er über seine Schulter einen drahtigen Unterarm und hielt sich mit der Kraft des Überlebenswunsches daran fest. Das krächzende Tier wollte ihn fallen lassen, aber die andere Vorderklaue verhedderte sich in seinem Schwertgeschirr, und eine Hinterklaue hatte sich im Stoff des kurzen Kimonos verfangen. Die Kreatur schlug nach Gonjis Rücken und der Samurai brüllte vor Schmerzen und stach wiederholt mit dem Sagami nach oben, erwischte eine weiche Stelle hinter dem chitinartigen Schnabel und rammte dort die tödliche Schwertspitze hinein.

Der Wygyll kreischte und wand sich in der Luft, konnte seine Last nicht mehr tragen und schwenkte zurück über seinen Horst, wo ihn ein weiterer Stoß des glänzenden Katana veranlasste, sich von seinem Gegner zu befreien.

Gonji stürzte, rollte sich ab und verlor das Sagami im Schnee. Er zog das Ko-dachi und nahm es in eine hohe Abwehrhaltung. Der Wygyll ging mit großen, flügelschlagenden Sprüngen auf ihn los, ruderte mit den Schwingen und brüllte wie rasend über diesen Eindringling in sein Nest. Unter großen Schmerzen und mit rasch nachlassender Kraft schnappte die Kreatur immer wieder mit dem Schnabel zu. Gonji hielt sie jedoch mit dem Kurzschwert geschickt auf Distanz und erwiderte die zunehmend matteren Angriffe des Wygylls. Blutspritzer markierten die Spuren der Kreatur im Schnee.

Gonji konnte das Katana wieder aufheben und reckte es zum tödlichen Schlag. Etwas jedoch hielt ihn auf. Leises Piepen drang aus dem Flechtwerk des Nestes hinter ihm - das eher an eine Strohhütte für Menschen erinnerte als einen Horst für die wilden Tiere der Luft.

Die Jungtiere des Wygylls.

Als dieser sah, wie Gonji von seinen Jungen Kenntnis nahm, ging er mit seiner restlichen Kraft auf ihn los und warf für die Verteidigung des Nachwuchses das eigene Leben in die Bresche. Gonji begnügte sich jedoch damit, die Angriffe mit beiden Schwertern abzuwehren. Die Kreatur versuchte es erneut und erzielte damit auch nicht mehr Erfolg. Sie fiel zurück und blickte mit ihren von so scharfer Intelligenz kündenden Augen in die des Samurai.

Es dauerte ungefähr eine Viertelstunde, bis dieser seine Absichten deutlich gemacht hatte. Mit einer noblen Senkung des Kopfes und einem Hochziehen der verletzten Flügel drückte die Kreatur ihre Resignation aus. Sie schlurfte an ihm vorbei, hockte sich vor ihre Hütte und machte sich daran, ihre zahlreichen Verletzungen zu pflegen.

Während Gonji ihr dabei zusah, erfüllte ihn die Zärtlichkeit des Kriegers, wie sie der Bushido lehrte. Er empfand tiefes Mitgefühl mit diesem verlorenen Geschöpf und erinnerte sich jetzt wieder an die vollständige Legende, die es umgab.

»Ich kann kämpfen, das ist wahr«, erklärte er der aufmerksamen Kreatur, »aber ich werde nie ein Jäger sein, wie du es einst warst. Und jetzt fürchte ich, dass du wegen mir für lange Zeit weder jagen noch kämpfen wirst.«

Die Nestlinge - es waren zwei - wurden durch ihr bruchstückhaftes Verständnis der Menschensprache aus der Hütte gelockt. Sie erinnerten Gonji an nichts so sehr wie die winzigen geflügelten Amoretten - wenn auch mit weichen Schnäbeln anstelle von Mündern -, wie er sie aus künstlerischen Darstellungen kannte. Sie tappten mit unsicheren Schritten zu ihrem Vater und kuschelten sich in liebevoller Unschuld jedes unter eine seiner eingezogenen Schwingen.

Eine Stunde später saß Gonji am Fuß der Felswand vor seinem lodernden Lagerfeuer und empfand eine merkwürdige Mischung aus Erwartung, zufriedener Müdigkeit und formloser Wut.

Er stocherte mit einem Stock an einem Stück Keiler herum, das er briet. Der Rest dessen, was er mitgenommen hatte und der für vielleicht drei Tage reichte, steckte schon in einer Satteltasche. Er wusch seine Schnittwunden und Abschürfungen, während er über das traurige Wissen von den Wygyll nachsann.

Einst waren sie dem Menschen ähnlicher gewesen. Eine Lebensform, die Seite an Seite mit dem Menschen heranwuchs und in Fragen der Jagd dessen Freund und Mentor gewesen war - eine Lebensform hochintelligenter flugfähiger Humanoiden. Die Eifersucht des Menschen auf die Freiheit der Wygyll, unbekümmert über den Himmel zu ziehen, erwies sich als Ursache für ihren Niedergang. Ein mächtiger König wurde verzehrt vom Neid auf ihre herrliche Flugkultur und wies seinen Hofzauberer an, die Wygyll mit einem zweischneidigen Fluch zu belegen: ihre Menschenähnlichkeit verkümmerte, und sie wurden von einer Generation zur nächsten immer vogelhafter. Die Sprache, die sie mit dem Menschen gemeinsam hatten, ging verloren; und mit der Kraft der Sprache schwand auch ihre einzigartige Kultur dahin. Schlimmer noch, der finstere Fluch schlug sie mit dem Paradox des Völkermords durch Fortpflanzung - jede Frau dieser Lebensform starb, wenn sie ihre Jungen gebar, und es blieb dem trauernden Partner überlassen, eine Funktion zu erfüllen, für die er immer weniger Eignung mitbrachte. Die Fortpflanzung bedeutete den Tod für die Wygyll.

Gonji räusperte sich und spuckte in die knisternden Flammen. In der Stille vor dem Morgengrauen unternahm er einen Spaziergang, denn er hatte das Bedürfnis, den sauberen kalten Wind im Gesicht zu spüren. Das verschneite Tal glänzte matt im silbernen Licht des Mondes. Die ausgedehnte Perspektive der Einsamkeit - eine alte Plage des Samurai.

Hai, das ist Spanien, wie ich es kenne, dachte er in dem Versuch, sich aufzuheitern. Ich kenne das Land, seine Menschen, seine Monster und Zauberkünste. Das Land, in dem ich zuerst landete. Er versuchte, sich an eine farbenprächtige Wendung aus Gongora y Argotes Dichtung zu erinnern - so beliebt bei Hofe, als er zuletzt in Spanien gewesen war -, aber sie entzog sich ihm.

Und wie steht es um Philip? Den hungrigen Philip. Philip II. Regiert er nach wie vor, unterstützt durch habsburgische Macht? Konnte er seit der Großen Peinlichkeit seine Flotte neu aufbauen? Ich bezweifle es. Also stützt er sich weiterhin auf die Stärke seiner Landstreitkräfte, neh? Seine stolzen berittenen Bogenschützen. Keine unzuverlässigen Feuerwaffen konnten an die Stelle der Fähigkeiten treten, zu deren Vervollkommnung ich beigetragen habe. Hai, der König wird sich an mich erinnern, aber der Herzog von Aragonien ist es, über den ich mir die meisten Gedanken mache.

Cervera - und die Fanatiker, deren Macht aufblüht, wie ich gehört habe. Ob sie mich nach wie vor für das hassen und bedrängen, was zu sein ich nicht umhin kann?

Er kehrte zum Lagerfeuer zurück, bückte sich und hob eine taubengraue Feder aus einem Flügel des Wygylls auf. Er steckte sie in die Tasche, faltete seine Landkarte auseinander und markierte die Position der Cuesta mit einem kohlegefärbten Daumen. Später gedachte er den Namen dieser bedeutsamen Stelle einzutragen: Des Wygylls Horst: der Berg des Hungers.

Etwas fiel neben ihm in den Schnee. Er hob es auf und betrachtete es. Ein flacher, runder Stein, darin die kunstvolle Darstellung eines Menschen und eines riesigen Vogels eingeritzt, die einander geduckt gegenüberstanden und sich mit den Köpfen berührten. Geschützt wurde die Zeichnung von einer klaren harzigen Substanz, die ihn an die Lacke erinnerte, wie man sie für bestimmte kunsthandwerkliche Produkte in der verlorenen Heimat Dai Nihon verwendete. Und nach einiger Zeit erkannte er, woraus dieses Objekt mit dem eingeritzten Bild bestand.

Es war Teil eines chitinartigen Schnabels. Des Schnabels der verstorbenen Gefährtin des Wygylls.

Er blickte an der Felswand hinauf und sah, dass die Kreatur zu ihm herabsah. Ein Teil des Verbandes, den Gonji ihr angelegt hatte, war im blassen Mondlicht zu sehen.

Der Samurai verneigte sich vor seinem früheren Feind. Der Wygyll erwiderte die Geste, ehe er sich langsam aus Gonjis Blickfeld zurückzog.

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