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Goldmond

Über die Autorin

Schon in jungen Jahren interessierte sich Susanne Picard für fantastische Stoffe: Zu den ersten Erinnerungen gehören die Mondlandung von Apollo 11 und Märchenfilme wie Schneewittchen von Disney. Nach diversen Umwegen als Kinomitarbeiterin und Redakteurin fürs Business-Fernsehen, arbeitet sie seit 2007 als Lektorin, Übersetzerin und Autorin im Fantasybereich. Sie lebt und arbeitet in Bonn.

BASTEI ENTERTAINMENT

Karte Uyranar

Prolog

Immer wieder steigt die Erinnerung in ihm auf.

Wie der Nebel, der sich an diesem frühen Morgen aus den Wäldern erhebt.

Der Heiler kann einfach nicht vergessen, wie der Tod in sein Leben kam.

Er steht am Rand der hölzernen Plattform weit über dem Tal, der Himmel über ihm ist noch dunkel. Die Weiße Sonne, die sich jeden Morgen schon vor der Purpursonne zeigt, ist noch nicht über den Horizont gestiegen. Nur ein zartes Orange im Osten zeigt an, dass der Tag aufzieht und die Dunkelheit bald vertreiben wird. Doch für Telarion birgt dies keinen Trost in sich.

Noch beherrschen Nebel und Kälte die Welt. Die Wolken sind dicht und wehen selbst so weit oben am Berg in unterschiedlich dichten Schwaden durch die Tempelhalle, in der er steht. Die angenehme Frische der feuchtkalten Luft wird verschwinden, wenn die ersten Strahlen der Weißen Sonne über den Baumwipfeln die Nebel vertreiben. Hitze wird sich ausbreiten und die Kälte, die ihn umgibt, austrocknen.

Er ist ein Elb, und in ihm lebt die Magie der Luft und des Windes. Sie gleicht den Nebeln, dem frühen Morgen, der noch die Winterkälte in sich trägt, Und so versucht er, seine Magie mit der morgendlichen Brise zu nähren. Er breitet die Arme im Gebet aus, als wolle er die Nebelschwaden zu sich einladen.

Er weiß, für einen Außenstehenden sähe es aus, als wolle er sich gleich vom Rand des Tempelraums aus in die Lüfte erheben. So als könne er sich mit den niedrigen Wolken, die das Kloster des Goldmonds umgeben und durch es hindurchwehen, vereinen. Und dann gelingt es: Das brennende Feuer, das seit sechs Zehntagen so schmerzhaft in ihm lodert, scheint mithilfe des Morgenwinds vertrieben; eine Last, die sich förmlich auflöst und von der Brise davongetragen wird.

Die Magie der Luft entspricht seinem innersten Wesen, das er wie einen grünlichen Wirbelsturm empfindet. Jetzt ist dieser frei und wird von der dunklen Magie nicht mehr niedergedrückt.

Der Morgenwind umschmeichelt nicht nur seinen Körper, sondern dringt in ihn ein, bis in den letzten Winkel, mischt sich mit dem Wind seiner Seele, hebt ihn hoch – und dann schwebt sein Geist plötzlich weit über der Welt. Nur vereinzelt lugen die baumgekrönten Hügel des Landes Norad aus den Frühnebeln. Die letzten Sterne verblassen am Nordrand der Welt, dort, wo die schneebedeckten Gipfel des Zendar-Gebirges in den dunkelblauen Himmel ragen.

Unter ihm liegt ein endloses Wolkenmeer. Telarion ist frei. Seine Magie, seine Seele, das, was ihn ausmacht, ist von kühlem Wind durchzogen und schwebt durch die Unendlichkeit des Äthers.

Doch dann wirft die Weiße Sonne gleißend die ersten Strahlen über den Horizont.

Der Schmerz, den die heiße Helligkeit auslöst, lässt Telarion aufstöhnen. Am Rand des Tempelraums geht er in die Knie.

Das fremde Feuer in Telarion ist erneut entzündet. Der Wirbelsturm, der für wenige kostbare Augenblicke frei und kalt in den Himmel stieg, trocknet schlagartig aus, und ohne weiteren Übergang ist er wieder gefangen in seinem Körper. Einem Körper, der seit sechs Zehntagen zu heiß ist, der schmerzt, weil fremde Magie eine Wunde in ihn gerissen hat, die nicht heilen will.

Denn vor sechs Zehntagen spürte er, dass sein Vater, der König aller Elben, starb.

Dajaram, wie sein jüngerer Sohn ein Heiler und Magier der Luft, wurde von dunklem Feuer vernichtet, wie es nur die Geschöpfe des Dunklen Mondes zu wirken verstehen und das für Elben den Tod bedeutet. Als Heiler hat Telarion gelernt, diese Art von Magie zu verachten und zu verabscheuen. Er vermag mit der Gabe des Lebens das Gleichgewicht der Magie in der Seele eines Wesens wiederherzustellen; die Gabe des Todes zerstört diese Balance. Telarion verabscheut diese Magie, diese Kraft, die nicht vom Goldmond stammt, sondern von dessen Zwilling, dem Dunkelmond. Er kann sich nicht vorstellen, was sie Gutes bewirken sollte. Er kennt nur den Schmerz, den sie anrichtet.

Telarion weiß, dass der Dunkle Mond Akusu die Menschen aus Neid erschuf. Denn es war sein Zwilling, der Goldmond Vanar, der als Erster auf den Gedanken kam, sich ein Volk zu schaffen: das der Elben, dem auch Telarion selbst angehört. Es waren die Elben, die die Gabe des Lebens erhielten, wie auch das Geschenk, das Wasser zu beherrschen, die Lüfte und den Wind, den jedes lebendige Wesen auf dieser Welt atmet.

Als Heiler ist Telarion stolz darauf, gleich zwei dieser Geschenke des Goldmonds in sich zu tragen: die Gabe des Lebens und die Magie der Luft. Auch sein Vater Dajaram besaß diese Gaben, und so hatte sich zwischen Vater und Sohn ein besonderes Band gebildet.

Umso bitterer ist es für Telarion, dass dieses Band zerrissen wurde. Er hatte es von Anbeginn seines Lebens in sich gespürt, immer war der Vater da gewesen, eine in sich ruhende Präsenz, die ihm Halt und Frieden gab. Bis zu jenem furchtbaren Tag, als Flammenpeitschen dieses Band gewaltsam zerrissen.

Zuerst dachte und hoffte Telarion, der Vater sei nur verletzt. Doch nach dem Schmerz, der ihn beinahe umbrachte, war dort, wo zeit seines Lebens die Verbindung zu Dajaram war, nur noch Leere. Eine finstere Leere, in der seither Feuer haust. Feuer, das nicht hell ist und erleuchtend, sondern vernichtend und düster wie die Nacht.

An diesem Morgen ist es besonders schlimm. Gestern erhielt Telarion einen Brief seines Zwillingsbruders. Tarind ist um ein Weniges älter als er. Yveth von Kantis brachte ihn und Telarion am gleichen Tag, ja, in der gleichen Stunde zur Welt.

Doch der Brief schenkte nur wenig Trost. Tarind bestätigt darin, was Telarions Seele längst wusste: wer der Mörder des Vaters ist. Jetzt ist diese Tatsache in Tinte auf Pergament gebannt. Es ist Siwanon Amadian, der, den die Elben den Höchsten der Menschen nennen, ein Fürst der Kinder des Dunkelmonds, welche sich keinen König wählen wie die Elben. Der Herr von Guzar, so heißt es, beherrsche die Magie des Todes und habe vom Dunklen Mond die Kraft erhalten, die Seelen aller Wesen zu vernichten, so er es wünscht. Tarind nahm ihn jenseits des Saphirmeers gefangen, nahm ihm die Magie und brachte ihn hierher.

Heute wird der ältere Sohn des Dajaram hier eintreffen, zusammen mit seinem Gefangenen.

Nun hat der brennende Schmerz in der Seele Telarions einen Ursprung. Der Tod hat eine Gestalt und einen Namen.

Je höher die Sonne steigt, desto schlimmer tobt das Feuer in seinem Inneren. Es ist, als verschlängen die Flammen den Wirbelsturm seiner Seele, und als er schon glaubt, es nicht mehr ertragen zu können, spürt er, dass die Wolken, die den Kampf gegen die dunkle Glut aufgeben wollten, neue Stärke finden.

Diese Kraft kommt nicht aus ihm selbst. Die Wolken in ihm werden mit einem Mal dichter, kühler und formen sich zu Regen. Erste Tropfen fallen ins Feuer.

In Telarions magischen Seelenwind mischt sich zögernd eine blaue Kraft, in der sich Goldglanz spiegelt, als scheine der Goldmond darauf. Die Flammen, die ihn zu verzehren drohten, zischen bösartig, sie fürchten sich mit einem Mal und wehren sich gegen die funkelnden Nässe. Doch langsam weichen sie zurück, während die vereinzelten Tropfen nach und nach zu stetem Regen werden.

Der Windwirbel in ihm gewinnt Kraft aus dem Schauer und klart auf. Erst kann Telarion es kaum glauben, sein Körper bleibt vor Anstrengung angespannt. Doch der Regen fällt sanft und rauschend und drängt die lichtlosen, glühendheißen Flammen zurück. Der Tod verliert an Macht.

Telarions Atem beruhigt sich.

Langsam wird ihm bewusst, dass eine wohltuend kühle Hand auf seiner Wange liegt.

»So kurzes Haar«, spottet eine Stimme, die der seinen gleicht. »Die Frauen am Hof von Bathkor werden sich das ihre raufen, wenn sie sehen, dass du deine Schönheit geopfert hast, um Heiler zu werden, kleiner Bruder.«

Kühle, feuchte Finger gleiten von der Wange über Telarions Schläfe und berühren die schwarzen Haarfransen, die ihm die Stirn bedecken. Dann zupfen sie spielerisch an den einzigen drei Strähnen, die auf Telarions Schulter fallen und von goldenen, silbernen und grünen Fäden umwickelt sind.

Telarion muss lächeln. Sein Zwilling Tarind gibt sich gern erfahrener, ist er doch unmerklich älter. Seit Telarion denken kann, weiß Tarind sich zu behaupten und durchzusetzen, auch wenn Telarion vielen als der Klügere gilt. Telarion macht das nichts aus. Er weiß, seine Kraft ist das Heilen, und er ist dankbar, dass er als Prinz sein Leben dieser Kunst widmen darf, statt mit Dajaram, Yveth und Tarind am Hof in Bandothi zu leben.

Als er die Augen öffnet, ist es, als blicke er in sein Spiegelbild. Tarinds Züge gleichen seinen eigenen aufs Haar, doch während Telarions Augen grün sind wie junges Laub, sind die von Tarind blau wie der Morgenhimmel. In ihnen stehen Stolz auf seinen prinzlichen Rang und ein Wagemut, der Telarion fremd ist.

»Tarind. Du bist sehr früh hier.«

Der Bruder erwidert das Lächeln. »Du dachtest wohl, weil Ireti darauf bestand, mich zu begleiten, wäre ich langsamer?«

Telarion muss lachen. Er weiß, wie sehr Tarind an seiner Frau hängt. Ireti ist schön und Tarind noch jung. Beide sind Magier des Wassers und waren einander schon lange vor ihrer Hochzeit zugetan. Telarion dagegen hat sich bisher für keine Frau entschieden – ein weiterer Anlass für den Zwilling, ihn bei jeder Gelegenheit mit mildem Spott zu bedenken.

»Komm mit«, sagt Tarind. »Der Goldmond beschenkte mich nicht so verschwenderisch mit der Gabe des Heilens wie dich, doch vielleicht habe ich diesmal das Mittel, dich zu heilen.«

Tarind lässt Telarions Haare los. Der Regen im jüngeren Bruder versiegt. Der Seelensturm ist wiederhergestellt, doch noch lodern in der Tiefe seiner Magie die dunklen, tödlichen Flammen, als lauerten sie auf eine Gelegenheit, wieder hervorzubrechen.

Beinahe ist Telarion versucht, die Hand des Bruders festzuhalten. Er fühlt sich noch erschöpft und hat Angst, das Feuer könnte neu entflammen. Denn Tarinds Ankunft bedeutet auch, dass der Fürst der Menschen, der Dajaram den Tod und Telarion den Schmerz brachte, sich in seiner Nähe befindet.

Doch er mag die Furcht dem Bruder gegenüber nicht zugeben. Tarind hielte sie für Schwäche. Stattdessen erhebt sich Telarion. Er muss seine Muskeln strecken, bevor er dem Zwilling folgt, der schon die Halle durchquert. Doch die täglichen Waffenübungen, die Telarion absolviert, und die der Vater ihm zur Bedingung machte, um hier, weitab des Hofs, als Heiler zu leben, lassen ihn den Anschluss nicht verlieren.

Bevor er den von geschnitzten Säulen umgebenen Tempelraum verlässt, wendet Telarion sich noch einmal um und verneigt sich mit ausgebreiteten Armen gen Osten; die Himmelsrichtung des Goldmonds.

Wie immer bedenkt Tarind die Ehrerbietung des Bruders mit Spott.

»Nun komm schon, Bruder. Vanar wird es verstehen und trotzdem zulassen, dass du eines Tages Abt in diesem seinem Tempel wirst.«

»Ich bin Heiler der zweiten Ordnung, Tarind«, weist Telarion ihn zurecht. »Es ist meine Pflicht, dem Goldmond die Ehre zu erweisen. Was könnte dringender sein als das?«

Tarind hebt die Augenbrauen. »Du hast meine Nachricht wohl nicht sehr gründlich gelesen? Sagte ich dir nicht, dass ich den Mörder unseres Vaters mitbringen würde?«

Telarion ist ebenfalls stehen geblieben. »Doch. Aber das heißt nicht, dass ich diesem Meister des Todes begegnen muss.«

Tarinds Gesicht wird hart. »Lass dir noch einmal sagen, dass es dieser Menschenfürst war, der unseren Vater tötete. Wie kannst du da an deine Gebete an Vanar denken? Du hast die Trauer unserer Mutter nicht erlebt. Und leugne es nicht, ich habe gerade erst deine Trauer und deinen Schmerz gespürt.«

Telarion nickt. »Das ist wahr. Aber …«

Doch Tarind unterbricht ihn sofort, noch bevor der jüngere Zwilling seine Bedenken äußern kann. »Schon seit Jahren versuchen der Fürst von Guzar, die Kharitin von Erathi und der Zaranth von Solife – alle vom Volk des Akusu! – den Elben das Recht auf Herrschaft über die Welt streitig zu machen. Wer wollte leugnen, dass das Leben, die Gabe des Vanar an die Elben, den Sieg über den Tod davontragen muss? Und doch sind es diese drei, die sich zusammentaten und uns die Herrschaft über die Welt verweigern. Das sollte einem so ergebenen Diener des Vanar wie dir besonders übel aufstoßen!«

Telarion nickt. Der Vater, der König des Elbenvolks, zögerte zeitlebens, gegen diese drei Dunkelmagier – ein Magier des Feuers, einer des Todes und eine Erdhexe – in den Krieg zu ziehen. Und doch, wer wüsste nicht, dass der Herrscher von Solife für die Dürren verantwortlich ist, die die Länder der Elben seit Jahrzehnten heimsuchen. Dass die Kharitin von Erathi Heuschreckenplagen über die Wälder und Felder der Elben von Larondar und Nisanti schickt. Und dass ganz sicher der Fürst von Guzar es war, der erst kürzlich die Pest, die tödlichste Krankheit von allen, in die Stadt Bandothi schickte, in der sich der Herrschersitz der Elben befindet. Nur der Heilkraft des Dajaram war es zu verdanken, dass sowohl in der Festung Bathkor, die über der Stadt thront, als in Bandothi selbst nur wenige Todesopfer zu beklagen waren. Der König aller Elben rief sogar seinen jüngeren Sohn zu sich, um bei der Heilung der Kranken zu helfen.

Die Erinnerung an all das Leid, das die Seuche verursachte, die Plagen, die immer noch von den Menschenfürsten beschworen und über die unschuldigen Bewohner aller Länder gebracht werden, den Kummer, den sie in seiner eigenen Familie, ja, in seiner eigenen Seele verursachten, verhärtet Telarions Herz.

Er erwidert Tarinds Blick nun offen. »Lass uns gehen«, sagt er grimmig.

Als sie an das Verlies kommen, in dem man den Menschenfürsten gefangen hält, ist Telarion zunächst überrascht. Das Gelass, in dem man den Fürsten gefangen hält, sieht in seinen Augen beinahe idyllisch aus, auch wenn es kaum mehr als eine Mulde im Berg ist, drei Klafter tief in den Fels gehauen. Der graugrüne Granit, in den die Grube geschlagen wurde, wird ständig von der Gischt des Wasserfalls daneben benetzt, und so sind Boden und Wände des Verlieses mit saftig grünen Moospolstern bewachsen, die die Kanten des Felsens mildern, ja, sogar bequem sein mögen. Die Luft ist so durchdrungen von kühlem, glitzerndem Wasser, dass die Strahlen der Weißen Sonne kleine Regenbogen über der Grube bilden. Zwischen den Mooskissen haben sich auf dem Boden klare Wasserlachen gebildet, manche eine Handbreit tief, sodass einem, der dort festgehalten wird, ständig frisches Wasser zur Verfügung steht.

Nur langsam wird Telarion klar, welche Qual diese von den Magien der Pflanzen und des Wassers durchdrungene Umgebung für einen Dunkelmagier wie den Fürsten bedeuten muss. Siwanon Amadian ist bekannt dafür, dass er nicht nur der Magie gebietet, Seelen in die Jenseitige Ebene zu bringen. Er besitzt auch die Kraft des Feuers, das durch die Gischt ständig gelöscht wird. Erschöpft lehnt der Fürst der Menschen in einer Ecke an der Wand, die trockener ist als der Rest des Gelasses.

Plötzlich lodert Zorn in Telarion auf. Der Zorn fühlt sich heiß an, fremd und düster. Er wandert um die Mulde herum, er will dem Mörder des Vaters, dem Auslöser von so viel Leid und Tod, ins Gesicht sehen. Doch der Fürst hat den Kopf gesenkt. In Telarion erwacht eine feine Stimme, die sagt, dass dieses kraftlose Geschöpf dort unten kaum noch Feuer für sich selbst besitzt, geschweige denn solches, das den jüngeren Prinzen von Norad nähren könnte. Doch er ignoriert sie. Tarind hat recht: Jemand, der so viel Leid auslöste, verdient das Mitleid eines Heilers nicht.

Dann erwacht der Dunkelmagier. Als spüre er die Anwesenheit Tarinds und Telarions, sieht er plötzlich auf. Sein Blick ist wie ein Feuerstrahl, denn die Augen des Fürsten von Guzar leuchten im leuchtenden Gelb des Bernsteins. Die Pupillen darin sind rund und dunkel wie die Nacht, nicht goldfarben, und geformt wie ein liegender Arkanuss-Kern.

Telarion schaudert unter diesem Blick. Erst, als er ihn abschüttelt, kann er sich auf die Gestalt des Fürsten konzentrieren, die weniger fremd anmutet. Der Fürst wirkt groß, edel, auch wenn seine Haut mit dunklen Sommerflecken übersät ist, so wie Akusu, der Dunkelmond, mit Feuern bedeckt ist. Die Flecken lassen die Haut des Fürsten schmutzig erscheinen. Sein Gewand war einst von prachtvollem Gelb wie das Feuer, an den Säumen mit Bergkristallen und Diamanten bestickt. Es wirkt, als sei es einer Rüstung nachgebildet. Telarion fühlt sich unwillkürlich an die alten Darstellungen des Syth in den Tempelwänden der Feste Bathkor erinnert. Syth, den man auch den Schöpfergeist des Chaos und der Vernichtung nennt, wird meist als Krieger abgebildet.

Auch die Haartracht des Fürsten erinnert an die des Syth. Viele der Strähnen, manche von hellem Blond, manche beinahe braun, sind zu dünneren oder dickeren Zöpfen geflochten, andere ähnlich wie bei Telarion mit dunklen, gelben und silbernen Bändern umwunden, wieder andere hat der Fürst verfilzen lassen. Doch keinem Haar wurde gestattet, frei zu fallen wie das der Elben.

Telarion weiß, so ist es Sitte bei den Kindern des Dunklen Mondes. Keines von ihnen trägt die Haare offen.

Obwohl der Fürst schwach erscheint, lässt die Ähnlichkeit mit dem Schöpfergeist der Zerstörung ihn bedrohlich wirken, und Telarion hat auf einmal Mühe, die Flammen, die seine Seele zu verschlingen drohen, im Zaum zu halten. Sie lodern beim Anblick dieses Seelenherrn höher auf denn je.

Auch wenn es dem Dunkelmagier offenbar an Kraft fehlt, richtet er sich auf, als er seine hohen Besucher erkennt. Für einen Augenblick ist zu erkennen, dass er ein Mensch von großer Macht gewesen ist. Er muss sich an die feuchte, von Moos glitschige Wand stützen, doch er sieht furchtlos zu den Zwillingsprinzen auf. Im gleichen Moment erscheint hinter ihm, hinter einem Busch am Rand der Mulde, ein dunkler Fleck, der das Licht zu schlucken scheint.

Irritiert fliegt Telarions Blick dorthin, doch er kehrt zum Fürsten zurück, als dieser zu sprechen beginnt. Seine Stimme ist sonor und ruhig, fast heiter.

»Ich grüße Euch, Ihr Prinzen von Norad.«

Tarind erwidert den Gruß nicht. »Fürst Amadian«, ruft er. »Ihr solltet es einsehen: Den Elben – und damit mir als Nachfolger des Dajaram – gebührt die Herrschaft! Die Schöpfergeister Ys und Syth, die die Welt erschufen, schenkten dem Goldmond die Gabe des Lebens. Für seinen dunklen Zwilling blieb nur die Macht über den Tod.«

Telarion erkennt, dass Tarind diese Diskussion schon öfter mit dem Fürsten geführt hat. »Prinz, Ihr seid nicht der Herrscher der Welt, genauso wenig, wie Ys und Syth dem Goldmond die alleinige Herrschaft schenkten«, erwidert Siwanon. »Die Zwillingsmonde erhielten die Herrschaft der Welt zu gleichen Teilen! Das Siegel selbst müsste verändert werden, wenn es so sein soll, wie Ihr sagt.«

Telarion hört und sieht, dass er seine ganze Kraft in die Stimme stecken muss, damit diese das Donnern des Wasserfalls übertönt. Wieder sagt ihm eine innere Stimme, dass der Menschenfürst in seiner Schwäche keine Magie mehr wirken kann. Und doch ist der dunkelfeurige Fleck hinter dem Busch aus Süßholz, der gleichzeitig mit dem Erwachen des Fürsten erschien, nicht verschwunden.

Tarind zuckt beim Hinweis auf das uralte Siegel der Welt, das eigentlich nichts weiter als eine Legende ist, zusammen, als habe der Fürst ihn geohrfeigt. Doch er fasst sich schnell.

»Das Siegel?«, spottet er. »Das ist eine Legende, von Menschen gemacht, um den Elben die Herrschaft zu verweigern. Deshalb musste mein Vater sterben!«

Ein spöttisches, wenn auch erschöpftes Lächeln breitet sich über Siwanons Gesicht. »Prinz Tarind, ich sagte es Euch schon einmal.« Jetzt klingt er, als würde er mit einem ungezogenen Knaben reden. »Ich habe mit dem Tod Eures Vaters nichts zu tun. Es scheint mir eher, als wärt Ihr derjenige, der aus dem Tod Dajarams den meisten Nutzen zieht. Ist es nicht so? Der Tod Eures Vaters kam für Euch wahrlich zum rechten Zeitpunkt!«

In den bernsteinfarbenen Augen funkelt es. Siwanon lacht leise.

Tarind schreit zornig auf und streckt die Hand in Richtung des Fürsten aus. Der Dunkelmagier muss unter den Fluten, die dank Tarinds Wassermagie auf ihn einströmen, die glatte Felswand loslassen und, nach Luft ringend, in die Knie gehen.

Telarion ist sprachlos. Wie kann dieser Mensch es wagen? Wer ist er, dessen Volk das Volk des Todes ist, dass er den Herrscher der Elben belehren will? Wieder hallt der Todesschrei des Vaters durch Telarions Seele und entzündet das Feuer in ihm aufs Neue. Der Wind seiner Seele wird wieder zum Feuersturm, ohne dass er etwas tun kann. Doch er will es auch nicht mehr. Er begrüßt, dass Glut in ihm wieder auflodert, dunkle Glut, wie der Fleck hinter dem Busch, der gewiss mit der tödlichen Gabe des Fürsten zusammenhängt.

Mit aller Macht, die ihm, dem Herrn des Lebens, über die magische Essenz aller Wesen gegeben ist, lenkt Telarion den Sturm, der durch ihn hindurchtobt, auf diesen Mann dort unten.

Siwanon geht in die Knie, er kann Wasser und Sturm nichts mehr entgegensetzen.

Wilde Zufriedenheit steigt bei diesem Anblick in Telarion auf, und für einen Augenblick muss er sich fragen, ob dieses Gefühl wirklich seine eigenes ist. Ein Heiler sollte so etwas nicht empfinden. Doch im nächsten Moment hat die Glut seines Zorns – es ist doch sein Zorn? – die Scham verschlungen.

Als Siwanon noch einmal das Gesicht zu den Prinzen hebt, sieht Telarion, dass das vormals kraftvolle Bernsteingelb seiner Augen erloschen ist.

Schließlich sinkt Siwanon in eine Pfütze, in der sich die bemoosten Wände und die Gischt des Wasserfalls spiegeln. Tarind richtet sich auf. Sein Blick ist auf das Gebüsch am Rand des Verlieses gerichtet, dorthin, wo Telarion noch ein Abbild des dunklen Feuers sehen kann, so dunkel, dass der Fleck beinahe violett wirkt. Der Fürst? Siwanon Amadian hat die Macht darüber, die Seele vom Körper zu trennen. Vielleicht auch die eigene. Vielleicht kann er, der Herr des Todes, selbigen überlisten.

Tarinds Blick ist zornig, als sehe er dort das Gleiche wie Telarion. Seine Hand fährt in einer wütenden Geste in diese Richtung, er ruft etwas Unverständliches.

Einen Augenblick später ist der violette Fleck fort, als habe es ihn nie gegeben.

Ein Soldat, der Pflanzen zu kontrollieren vermag, steigt nun auf ein Zeichen Tarinds mithilfe von Lianen hinab ins Verlies und untersucht den leblos daliegenden Leib des Fürsten. »Seine Seele ist fort, Mendaron Tarind!«, ruft er schließlich hinauf.

Für einen Augenblick scheint Tarinds Gesicht von Wut verzerrt. Doch dann glätten sich seine Züge wie die eines Königs, der sich seiner Herrschaft gewiss ist.

Tarind springt mit einem Satz zu dem Soldaten und dem leblosen Körper des Fürsten Amadian hinab. Er selbst legt die Fingerspitzen auf die Stirn des Menschen, dann nickt er kurz.

Er zieht ein wakon aus der Schärpe an seiner Hüfte, und bevor jemand eingreifen kann, hat der neue König der Elben dem Fürsten der Dunkelmagier die Klinge ins Herz gestoßen. Langsam, so als wolle er es auskosten.

Für einen Augenblick ertappt sich Telarion dabei zu denken, wie unangemessen dies ist. Die Seele des Fürsten von Guzar war bereits fort. Nun auch noch den Körper zu vernichten ist eine Grausamkeit, die dem König des überlegenen der beiden Völker nicht gut zu Gesichte steht.

Doch der Bruder erstickt die Scham im Keim. »Es ist vollbracht«, sagt Tarind, als er wieder aus der Grube klettert. Sein Lächeln zeigt Telarion, dass er triumphiert. »Die Söhne des Dajaram haben ihren Vater gerächt – gemeinsam!«

Nach einer kurzen Pause fügt Tarind hinzu: »Ich bin König!« Er blickt zu Telarion. »Und du bist mein Zwilling!«

Er lacht, als er Telarions Verblüffung bemerkt. »Man sagt, du seist der klügere Zwilling, während ich der ältere und entschlossenere bin. Doch nur gemeinsam sind wir eins«, sagt Tarind. »Sei also mein Verwalter. Mein Heermeister. Mein Heiler. Mein Ratgeber.« Er macht eine Pause und wird ernst. Doch in seinem Blick leuchten Stolz und Liebe auf den jüngeren Sohn des Vaters. »Ich bin kein Ganzes ohne meinen Bruder«, wiederholt er, als dieser schweigt. Er legt Telarion die Hände auf die Schultern. »Ich brauche dich. Kann ich auf dich zählen, Zwilling?«

Wieder spürt Telarion, wie sanfter, blaugoldener Regen in den Wolkenwirbel seiner Seele fällt. Es fühlt sich nach dem scheinbar ewigen Schmerz des dunklen Feuers, das nun beinahe verschwunden ist, an, als wäre er neugeboren. Tarind hat nicht zu viel versprochen.

Telarions Blick fällt auf den leblos daliegenden Dunkelmagier am Boden der Felsmulde. Selbst mit dem Blick eines Heilers kann Telarion kein Seelenfeuer mehr dort erkennen. Auch der dunkle Fleck im Gebüsch darüber bleibt verschwunden.

Der Menschenfürst ist tot. Genauso wie das quälende dunkle Feuer in ihm nur noch Asche ist, die vom stetig fallenden blauen Regen fortgewaschen wird.

Dankbarkeit erfüllt ihn. Er weiß jetzt, dass die Wunde, die ihm der Tod des Vaters riss, dank seines Zwillings heilen wird.

»Von der gleichen Mutter zur gleichen Stunde geboren«, sagt er. »Ich bin dir ergeben. Ja, du kannst auf mich zählen, Bruder.«

Kapitel 1

Nachdem die Welt geschaffen war und jedes Ding seinen Platz gefunden hatte, wählte Ys ihre Wohnstatt im Norden auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt. Doch Syth lag die Kälte dort nicht, die die Dinge erstarren lässt, die Weite über der Welt, die dünne Luft und die grenzenlose und majestätische Ruhe des ewigen Gipfelschnees. Er, der immer neu erschaffen muss, zog die Hitze der südlichen Ebenen vor, die Erde, aus der er Dinge formen konnte und in deren Tiefen das Feuer immer neues Gestein bildet. Dort, unter dem höchsten der südlichen Berge, ließ er sich nieder und gestaltete seine Wohnung aus Feuer und Stein und dem Kristall, der unter dem Gewicht der Welt selbst entsteht.«

Von der Schöpfung der Welt

Erste Rolle der Schriften des Klosters der Quelle

Das rosige Licht brach sich funkelnd auf den Wassern des Bachs. Es war, als explodiere in der ewig grünlichen Dämmerung des Hochwaldes der Feuerball eines Dunkelmagiers.

Das Licht überraschte Telarion dermaßen, dass er unvermittelt stehenblieb und geblendet die Augen schloss. Beinahe erwartete er das Zischen von verdampfendem Wasser, das wütende Fauchen von Flammenmagie, die sich gegen sprudelndes Wasser zur Wehr setzte. Doch das Funkeln blieb lautlos. Nur kaum hörbares Plätschern – die Schritte seines Fluchtgefährten im Bach – drang an sein Ohr und entfernte sich stetig von ihm.

Gomaran hatte nicht bemerkt, dass sein Fluchtgefährte und Herr stehengeblieben war.

Das eiskalte Wasser floss um Telarions Knie. Das schmale Gewässer, durch das er und sein Milchbruder nun schon seit Tagesanbruch marschierten, um für die Häscher der Königin keine Spuren zu hinterlassen, hatte sich an dieser Stelle überraschend erweitert, sodass sich das Blätterdach der Dutzende von Klaftern hohen Qentarbäume darüber öffnete. Die Purpursonne stand hoch am Himmel, und so waren ihre Strahlen warm. Wärmer als alles, was Telarion im letzten Zehntag gespürt hatte.

Der Wind seiner Seele wirbelte auf, als heize man ihn unversehens an, stürmte bis in die Fingerspitzen und prickelte dort angenehm.

Ohne es wirklich zu wollen, streckte Telarion die Hand wie um das Licht einzufangen aus. Er musste bald weiter – der Tempel der Weisen, sein Ziel, war nicht mehr weit –, doch unter den Mammutstämmen der Qentar würde es wieder dämmrig und kühl sein. So, wie es Elben, die Herren des Wassers, der Luft und der Kälte, angemessen war. Dämmriger Wald war ihre Heimat, ebenso wie das Meer.

Doch das rötliche Licht warb um Telarions Gegenwart. Es umfloss seine Finger und tropfte durch sie hindurch, als wolle es ihn hier an Ort und Stelle festhalten. Für einen Augenblick glaubte er, die Strahlen sammelten sich tatsächlich in seiner Hand. Die Handfläche wurde so warm, als häufe sich Sand aus der Wüste von Solife darauf. Sand, der langvermisste Feuermagie in sich barg.

Die Magie der Tochter des Siwanon.

Das Murmeln des Bachs wurde zu ihrem Lachen, das Funkeln des Lichts auf dem Wasser zu einem der raschen Blicke, die Sanara Amadian ihm oft geschenkt hatte, als er versuchte, sich ihre Feuermagie während ihrer Gefangenschaft zu unterwerfen. Er hatte es immer wieder versucht, bis unmerklich das Gegenteil geschehen war: Sie hatte sich in seine Seele geschlichen. Sie hatte ihn, den Heiler, erobert.

Und er hatte es geschehen lassen.

Er ballte die Finger zusammen und ließ die Hand sinken. Die Hitze weckte nicht nur gute Gedanken und Gefühle.

Er rief sich die Geschehnisse ins Gedächtnis, bei denen er das letzte Mal eine feurige Kraft auf der Handfläche gespürt hatte. Es waren üble Bilder, die vor seinem inneren Auge dahinzogen, Bilder, die er nie würde vergessen können. Warmes, lebendiges, lohgelbes Feuer hatte er in der hohlen Hand geborgen, nur um es gleich darauf auf seinen Zwilling zu schleudern. Das Bild von Tarinds zerstörter Seele, einst ein blauer Teich, in den goldglänzender Regen fiel, entstand in ihm. Doch dank der brennenden Körner in Telarions Hand, durch die Macht des Feuers und der Erde, die von Sanara Amadian stammte, versandete und verschlammte dieser Teich. Und so war Tarind gestorben – er war an der tödlichen Hitze erstickt, die sein Bruder auf ihn geschleudert hatte. Der Seelenteich des Königs war ausgetrocknet.

Er, Telarion Norandar, Heiler der zweiten Ordnung, Heermeister und Truchsess des Königs, hatte seinen Zwilling und den gewählten Herrscher der Elben getötet.

Tarind hatte den Tod verdient. Und es war nur gerecht, dass Telarion ihm diesen mit der letzten Flamme Sanara Amadians gebracht hatte. Denn er hatte es getan, um zu überleben und König Dajaram zu rächen. Tarind hatte selbst zum Tod des Vaters beigetragen, ja, ihn sogar veranlasst und Telarion dazu gebracht, ihn, den Heiler und Herrn des Lebens, bei einem Mord zu unterstützen. Er hatte seinen Zwilling über ein Jahrzehnt hinweg darüber belogen und ihn benutzt, um sich selbst die Macht zu erhalten.

Und doch wusste Telarion, egal, wie gerecht der Tod Tarinds auch sein mochte, er machte ihn zum Verräter am eigenen Volk – hatte er den Mord doch nur mit der schändlichsten Magie vollbringen können, die ein Elb sich vorstellen konnte. Selbst die Aufzählung von Tarinds Taten brachte seinem Bruder keinen Frieden.

Es fiel Telarion schwer, den Willen aufzubringen, sich aus der Lichtinsel über dem Bach zu entfernen. Die Strahlen der Roten Sonne tanzten fröhlich über die Wellen des dahineilenden Bachs und waren Strafe und Glück zugleich. Strafe, weil dieses Feuer ihn an den brennenden Schmerz erinnerte, den er mit dem Tod Dajarams verband und weil es auch dem Bruder den Tod gebracht hatte.

Glück, weil er diesen Anblick seit drei Mondumläufen mit Freude verband; seit er Sanara Amadian begegnet war. Einem Wesen, das er früher mit dem Tod gleichgesetzt hatte, denn Tarind hatte ihm gesagt, ihr Vater sei der, der Dajaram umgebracht habe. Doch seit sie seine Seele berührt hatte, wusste er, dass Feuer und Hitze nicht nur Tod bedeuteten. Beides war auch Leben, Gesang und Lachen.

Sanara Amadian.

Wieder war ihm, als seien es ihre Finger, die über seine Wange strichen, nicht das purpurrote Licht. Die Scham darüber, den Zwilling getötet zu haben und damit den eigenen Treue-Schwur gebrochen zu haben, zerfiel in den feurigen Sonnenstrahlen zu Asche. Übrig blieben Freude am Licht und eine wundersame Sehnsucht.

Ein unterdrückter Ruf in der Ferne riss Telarion aus den bittersüßen Gedanken.

Sein Gefährte – Gomaran.

Etwas sirrte dicht über Telarions Kopf hinweg und schnitt eine seiner kurzen, widerspenstigen Haarsträhnen ab, die nicht zu bändigen waren. Ohne nachzudenken, riss Telarion das daikon, das einschneidige Langschwert der Elben, aus dem Waffengurt. Er warf das Bündel Decken und Ausrüstung, das er trug, seit er und Gomaran die Reittiere an der südlichen Grenze zum Waldland zurückgelassen hatten, ans Ufer des Bachs und stürmte in die Richtung, aus der der Pfeil gekommen war. Im nächsten Moment war Waffengeklirr zu hören: Offenbar war Gomaran schon auf Gegner getroffen.

Für einen kurzen Moment verfluchte Telarion, dass er sein Verlangen nach den Strahlen der Purpursonne nicht eher unterdrückt hatte. Gerade er, ein Elb, der seit über einem Mondumlauf auf der Flucht vor den Patrouillen der Königin war, hätte es besser wissen müssen, als sich durch diesen Wunsch von seinem Gefährten trennen zu lassen. Nun war Gomaran ein gutes Stück voraus und auf sich gestellt.

Doch Telarion blieb keine Zeit für Reue. Er hörte das daikon des Gegners, bevor er es blitzen sah, und konnte sich gerade noch unter der heransausenden Klinge wegducken. Seine jahrelange Übung als Heermeister des Königs zahlte sich jetzt aus. Noch im Fallen riss er sein eigenes Schwert nach oben und parierte den Hieb, was den Gegner erschrocken aufkeuchen und zurückspringen ließ. Telarion kam wieder auf die Beine, doch er hielt nicht inne, sondern ließ einen Hagel von Schlägen auf den Gegner niederprasseln, die dieser zwar parierte, ihm aber die Möglichkeit nahm, seinerseits anzugreifen. Telarion drang stärker auf ihn ein, bis es ihm gelang, seinem Gegenüber von unten einen Hieb in den Schwertarm zu versetzen.

Der Mann schrie auf und ließ sein daikon fallen. Wasser spritzte auf, als er auf einem algenbewachsenen Stein ausrutschte und fiel.

Telarion bückte sich, packte seinen Gegner am Kragen, riss ihn hoch und schleuderte ihn ans Ufer. Dann folgte er, umfasste das Heft seines Schwerts noch einmal fester und schlug mit dem Knauf der Waffe erst gegen den Unterkiefer seines Gegners, dann gegen die Schläfe. Es knackte, als die Zähne des Mannes aufeinanderschlugen, dann verdrehte er die Augen und sackte bewusstlos in sich zusammen. Telarion griff nach dem Schwert des Soldaten und schleuderte es mit aller Kraft ins Dickicht. Dort würde es so schnell nicht wiederzufinden sein.

Er wandte sich Gomaran zu, der sich mehrere Klafter entfernt gegen zwei Gegner zur Wehr setzen musste. Rasch war Telarion bei den Kämpfenden und riss den, der ihm näher stand, an der Schulter zu sich herum. Einen Augenblick später hatte er ihm den Schildarm um die Kehle geschlungen und drückte zu. Der Mann rang nach Atem, doch vergeblich; der ehemalige Heermeister des Königs hielt ihn mit seinem magischen Arm und verhinderte so, dass die Luft seine Lungen erreichte. Die Kraft verließ den Soldaten, er ließ sein daikon fallen und wäre zu Boden gesunken, hätte der Arm des Fürsten ihn nicht weiter unter dem Kinn gehalten.

Gomaran nutzte den Augenblick der Verwirrung des zweiten Mannes, als dieser seinen Gefährten zusammenbrechen sah, hieb ihm seine Klinge über die Brust und stieß einen Wimpernschlag später zu. Der Mann fiel tot in sich zusammen.

Ein Gurgeln verriet, dass Telarion dem Soldaten, den er festhielt, wieder zu atmen erlaubte.

Der Mann nutzte die Gelegenheit sofort. Er wand sich mit einer geschickten Drehung aus Telarions Griff und riss noch im Wenden das wakon, ein Kurzschwert mit gebogener Klinge, aus dem Gürtel. Telarion zuckte zusammen, als das wakon das gewickelte Hemd zerschnitt, das er trug, und einen blutigen Streifen auf seiner Brust hinterließ. Telarion sprang zurück, doch er schaffte es trotz der plötzlichen Schmerzen, mit beiden Händen das daikon zu greifen und für einen Angriff anzuheben.

Der Mann drang auf ihn ein. Telarion konnte seine Schläge abwehren, doch es fiel ihm schwer, die Wunde tat weh. Als der Soldat das bemerkte, bückte er sich rasch, hob sein in den Bach gefallenes daikon auf und drang nun mit beiden Klingen auf den ehemaligen Heermeister des Königs ein.

Doch er hatte Gomaran vergessen. Als er vor Telarions nächstem Schwerthieb zurückwich, spürte er bereits, wie sich die Spitze von Gomarans daikon in seinen Rücken bohrte.

Der Mann hielt augenblicklich inne. Er schnaubte und warf Telarion einen verächtlichen Blick zu. Doch nach einigen Augenblicken warf er sein Schwert mit einem Ruck ins Farn. Das wakon folgte.

Jetzt ließ auch Telarion seine Klinge sinken. Die Brust schmerzte, dennoch stand der Fürst aufrecht. Nur sein Atem ging etwas schneller. Er sah verächtlich auf den Mann herab und gab sich vor Iretis Fußvolk keine Blöße.

Der Mann wirkte nicht eingeschüchtert. »So tief seid Ihr also schon gesunken, Daron Norandar, dass Ihr Euresgleichen bekämpft!«

»Was hast du erwartet? Du und deine Spießgesellen haben uns ohne ein Wort angegriffen«, sagte Gomaran. Er zog sein eigenes wakon aus der Schärpe und schnitt dem Mann den blaugrünen Waffenrock vom Leib, um ihn in Streifen zu reißen. Einen davon reichte er Telarion, der die Hände des Mannes fest auf den Rücken band. Mit den anderen ging Gomaran zu dem dritten Soldaten hinüber, der immer noch bewusstlos zwischen den Wurzeln des Qentars lag, wo Telarion ihn liegen gelassen hatte.

Telarion stieß den Gefesselten von sich, sodass er zu Boden ging, packte ihn dann aber und schleifte ihn zum Stamm eines Yondars, der am Ufer des Bachs wuchs. Der Soldat zischte wütend, als der ehemalige Heermeister der Elben neben ihm niederkniete und die Finger des Schildarms eng um seine Kehle schloss.

Telarion konzentrierte sich kurz, er spürte mit der Macht des Heilers die Magie des Wassers und – ganz schwach – die des Feuers in dem Elb, der vor ihm lag. Ein Landarias-Elb.

Das Volk dieser Wälder hatte sich so oft mit Menschen gemischt, dass die meisten von ihnen sowohl die dunklen Magien des Akusu als auch die goldenen des Vanar in sich trugen.

Als Telarion die Kälte seines inneren Sturms in den Mann schickte, um sein Feuer zu löschen, stöhnte der Elb auf. Er versuchte, den Kopf zu wenden, um Telarions Hand und damit die Qual, die sie verursachte, abzuschütteln, doch es gelang ihm nicht. Ermattet gab er nach kurzer, vergeblicher Gegenwehr auf. Ohnmächtig vor Zorn sah er denjenigen an, der ihm mit Fingern und Magie so erbarmungslos den Atem abschnürte.

Kurz zuckte der Gedanke durch Telarion, dass die Anwendung der Magie auf diese Weise eines Heilers und Fürsten unwürdig war.

Doch dann rief er sich ins Gedächtnis, wem dieser Mann diente.

»Wie viele seid ihr?«, fragte er, und seiner Stimme waren die Zweifel nicht anzuhören. »Ihr seid nicht nur zu dritt. Woher wusstet ihr, wo ihr meinen Gefährten und mich finden könnt?«

»Ich rede nicht mit Verrätern«, stieß der Gefangene hervor.

»Ich bin Heiler«, erwiderte Telarion ungerührt und umfasste die Kehle des Mannes enger. »Ich werde jeden, der das Leben verachtet, töten und dabei keinen Unterschied machen, zu welchem Mondvolk er sich zählt. Du bezeichnest mich als Verräter und dienst der dunklen Königin. Das sagt genug über dich aus. Du lebst nur, weil ich es dir gestatte.«

Der Gefangene rang nach Luft und versuchte erneut vergeblich, sich aus dem Griff zu befreien. Doch er gab sein Bemühen vorerst auf, als er spürte, dass Gomaran hinter ihn trat und die Spitze seines Schwerts auf seine Wange richtete.

»Du hast doch die Frage des Fürsten verstanden. So antworte ihm!«, rief Telarions Gefährte drohend. »Los, rede!«

Telarion hielt den Gegner auch weiterhin erbarmungslos fest und begann nun, dem Mann die Reste der Feuerkraft zu entziehen, die seine magische Kälte noch nicht hatte löschen können. Wie jeder aus dem Volk des Vanar konnte auch Telarion allen Wesen die Kräfte des Akusu nehmen und damit seine eigene Magie nähren. Diese Macht untereinander anzuwenden galt den Elben als verachtenswert, doch Telarion rief sich ins Gedächtnis, wem dieser Mann unterstand: Ireti von Larondar, der Witwe seines Zwillings, die seinen Vater und damit beinahe auch ihn ermordet hatte. Die Frau, die sich nun Königin nannte und die eine Magie besaß, die die Elben die Magie des Todes nannten. Ireti Landarias war eine Seelenherrin und wandte ihre Macht, die Jenseitigen Nebel zu betreten und darüber zu herrschen, auf eine so ehrlose Weise an, dass Telarion schon beim Gedanken daran übel wurde.

Unwillkürlich schlossen sich seine Finger stärker um die Kehle des Soldaten. Wer dieses Weib so verehrte wie dieser Mann, verdiente die Gnade und das Erbarmen eines Heilers nicht. Wieder keuchte der Elb, als die Kraft des Feuers aus ihm in den ehemaligen Heermeister zu fließen begann. Er warf Telarion einen zornigen Blick zu.

»Nun, woher wusstet Ihr, wo Gomaran und ich zu finden sind?«

»Meine Herrin, die auch … die auch die Eure ist und der Ihr so grausam das Lebensglück geraubt habt, weiß vieles, was den Kindern des Vanar verborgen bleibt. So konnte sie mir auch sagen, wo Ihr Euch befindet.« Der Mann unterbrach sich, er konnte nicht weitersprechen und rang wieder um Atem. Sein Gesicht erbleichte in dem Maße, wie das Feuer aus ihm in den Fürsten floss.

Telarion runzelte die Stirn. Was der Soldat gesagt hatte, ließ ihn aufhorchen. Er schloss kurz die Augen. Und als er sie wieder öffnete, sah er seine Umgebung mit den Augen eines Heilers.

Zuerst fiel sein Blick auf einen dunkelgrünen Lebensbaum aus Ranken, der sich über einen feuergelben Strom beugte: Gomaran, der über dem elbischen Soldaten stand. Der Baum, das Abbild der Magie seines Milchbruders, schien lebendig, wuchs ständig, trieb immer neue, goldfarbene Schösslinge aus, die größer wurden, in dunkles Grün übergingen, aufblühten und dann wieder verwelkten. Ein Bild, das Telarion seit Kindertagen vertraut war, vertrauter fast als der blaugoldene Regen seines Zwillings.

Durch den Gefangenen dagegen floss ein Strom, der in einem seltsam gelblichen Licht glitzerte, als spiegele sich Feuerschein in seinen Fluten. Doch das Feuer leuchtete düster, als sei es an den Ufern eingefroren wie ein Strom im Winter, und bewegte sich nur noch langsam. Telarion hatte ihm viel Kraft entzogen.

Etwas weiter hinten war ein grünlich-roter Fleck dort zu sehen, wo Gomaran den anderen Überlebenden der Landarias-Elben an die Wurzeln des Qentar gebunden hatte: Ein Baum, der im Gegensatz zu dem Gomarans aus Sand und roten Kieseln zu bestehen schien – der Soldat, den er zuerst bewusstlos geschlagen hatte.

Ein Pflanzenmagier, der auch die Erde beherrschte. Er lebte noch, auch wenn sein Seelenbaum die Zweige hängen ließ, als sei ihnen das eigene Gewicht zu schwer geworden. Der Mann war zweifellos schwer verletzt, doch er würde überleben.

Die Welt, die Telarion so wahrnahm, schien stiller zu sein als die wirkliche, die man sehen, hören und berühren konnte. Er sah tiefer in die Schatten, die sich nun, wo die Weiße Sonne sich langsam dem Horizont zuneigte, unter den großen, dichtbelaubten Bäumen bildeten. Dort, wo sich die Wedel des Königsfarns über den Ranken der Raqor- und Schwarzbeerensträucher wölbten, wurde das dunkle Grün des Unterholzes so schwärzlich, dass schwer zu sagen war, ob sich nicht vielleicht eine Spur Violett hineinmischte. Hier und da waren rötliche, gelbe oder andersfarbige Punkte und Flecken zu sehen: die schwachen Abbilder der Tiere und Pflanzen, die diesen Wald bevölkerten und denen zwar Magie innewohnte wie allem Lebendigen der Welt, aber keine Seele.

Doch abgesehen davon rührten die düsteren Schatten unter den Bäumen sich nicht. Telarion erinnerte sich, dass das violette Licht von Iretis Seele flackerte wie Feuer, dessen Flammen Dunkelheit waren. Kalte, tödliche Flammen der Finsternis. Doch die Schatten unter den Bäumen waren nur schwarz. Alles schien ruhig, nichts verdächtig zu sein. Wenn Ireti aus den Schatten, den Nebeln des Jenseits zusah, dann versteckte sie sich gut.

Telarion wandte sich wieder dem Soldaten zu, der sich unter seinem unbarmherzigen Griff wand.

»Du sagst, deine Herrin weiß, wo wir sind?«

»Das … das gefällt Euch wohl nicht! Aber sie kennt uns alle und sieht in unsere Herzen. Auch der Grund für Euren grausamen Brudermord ist ihr bekannt«, krächzte der Soldat voller Hass. »Ihr tatet es, weil Ihr einen Teil Eurer Magie einer Feuerhexe und Dunkelmagierin schenktet, statt diese im Namen Eures Bruders dem Goldmond zu unterwerfen!«

»Mir ist gleich, welche Lügen Ireti über mich verbreitet«, erwiderte Telarion kalt. »Also, wie viele ihrer Sippschaft hat sie auf meine Spur gesetzt?«

»Ihr … Ihr werdet mich schon tö-töten müssen, denn ich werde meine Königin nicht verraten.« Der Gefangene keuchte, als bekäme er zu wenig Luft, um zu sprechen. Seine Augenlider begannen zu flattern, seine Haut schimmerte nun, da Telarion ihm beinahe jede Feuermagie entzogen hatte, bläulich.

Ohne den harten Griff zu lockern, unterbrach Telarion den stetigen Kraftstrom, der aus dem Mann in ihn floss.

Als habe er nur darauf gewartet, wand sich der Soldat mit einer einzigen, unerwartet kraftvollen Bewegung aus Telarions Griff.

Gomaran richtete blitzschnell seine Klinge aus und legte sie dem Mann unter das Kinn.

Telarions Finger griffen wieder härter zu. »Dir scheint an deinem Leben in der Tat weniger zu liegen als selbst mir«, sagte er.

»Ihr könnt mich quälen, wie Ihr wollt, Verräter!«, keuchte der Soldat. Doch jetzt schien es, als sei es die Verachtung, die ihm den Atem nahm, nicht Telarions Magie.

»Ist es das, was Ireti dir erzählt hat? Sie sollte besser den Spruch der Weisen beherzigen, der da sagt, dass wer im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen sollte. Sie selbst ist eine Dunkelhexe, eine Mörderin und Lügnerin und hat sich auf schändlichste Weise einen Thron angeeignet, der einer aus dem Haus Landarias nicht zusteht!«, stieß Telarion hervor.

»Was gibt gerade Euch das Recht, so über die Königin zu sprechen?« Der Mann hustete und würgte. »Ein elbischer Fürst, ein vom Goldmond Gesegneter, liebt eine Herrin des Todes! Ihr … Ihr riecht sogar nach dieser Schwarzzauberin«, fügte der Mann hinzu. »Die Königin sagte, Ihr wärt leicht an Eurem Geruch zu erkennen, der dem Harz von Yondarbäumen gleiche. Doch nun riecht das Harz verbrannt und angesengt. Nach seiner eigenen kalten Asche und nach Tod!«

»Schweig!«, befahl Telarion. »Ich lasse nicht zu, dass du den Namen Sanara Amadians beschmutzt. Dafür, dass ich meinem Zwilling das Leben nahm, werde ich Vanar einst Rede und Antwort stehen müssen, nicht aber einem Diener der dunklen Königin! Geschweige denn ihr selbst!«

»Der Syth möge Euch holen, Heiler – wenn er es nicht schon längst getan hat!«

Telarion schnaubte, zog sein wakon aus dem Gürtel und schickte sich an, dem Mann die Kehle durchzuschneiden. »Ich bin deiner Verehrung des Todes und deiner Leugnung des Lebens überdrüssig.«

»Nein! Genug!«

Die Stimme donnerte aus dem Nichts an Telarions Ohr. Er erschrak zutiefst und hätte den Mann beinahe losgelassen. Der nutzte die Gelegenheit erneut, sprang auf und versuchte zu fliehen. Im letzten Moment bekam Telarion ihn an seiner Brünne zu fassen und riss ihn wieder zu Boden.

»Ich bin dein Fürst, und ich gestatte dir nicht zu gehen!«, zischte er.

Zweige knackten, altes Laub raschelte, als aus dem Halbdunkel unter dem Farn mehrere Gestalten hervortraten.

»Steht auf und verratet uns, warum Ihr einen aus Eurem Volk festhaltet,« erklang ein Befehl.

Dann befanden Telarion, Gomaran und der Landarias-Elb sich in einem Kreis von Männern, die unbewaffnet schienen und gekleidet waren wie Shisans. Doch ihre Roben waren von keiner erkennbaren Farbe, wie es bei den Klöstern des Feuers, der Erde oder des Wassers und der Luft der Fall gewesen wäre. Am ehesten traf ein silbriges Grau zu. Der lose aufgesteckten Haartracht der Männer – ob Frauen darunter waren, war auf den ersten Blick nicht zu erkennen – nach zu urteilen, zählten sie selbst sich nicht zu einem der Mondvölker, denn während die Elben ihr Haar meist lose herabhängen ließen und höchstens Krieger einen kleinen Knoten am Hinterkopf trugen, banden Menschen es auf vielfältige Weise oder wanden wie Sanara Amadian kunstvoll ein Tuch um die sorgsam geflochtenen Strähnen.

Doch diese hier hatten die langen Haare zu einem dichten, einfachen Knoten gewunden, der von einem silbernen Stab gehalten wurde.

Telarion hatte Leute wie diese noch nie selbst gesehen, aber im Palast der Stürme davon gehört. Es waren Shisans, die dem Tempel der Weisen angehörten.

Einer der Mönche trat vor und sah mit einer Miene, die Telarion nicht deuten konnte, auf ihn herab. »Ihr wisst es vielleicht nicht, aber ihr habt die Grenze unseres Reiches überschritten. Und wir dulden hier keine Händel und keine Gewalt, also lass ihn los.«

Es war keine Bitte, sondern ein Befehl.

Telarion sah zu dem Landarias-Elb. Er wollte gerade ansetzen zu erklären, dass er dem Befehl nicht Folge leisten würde, doch zu seiner Überraschung schien die Kraft seiner Magie plötzlich erlahmt und die des Soldaten erstarkt. Telarions Finger zuckten zurück, als habe ein Blitz sie getroffen, als sei das Feuer in dem Mann vor ihm plötzlich aufgeflackert.

Der Landarias-Elb stieß Telarion von sich und wollte fliehen. Doch etwas ließ ihn stolpern. Vielleicht war er erschöpft, vielleicht hatte auch die Geste des Shisans damit zu tun, der links von Telarion stand. Er ging zu Boden. Erneut warf er dem ehemaligen Heermeister der Elben und auch dem Shisan, vor dem er in die Knie gegangen war, einen hasserfüllten Blick zu.

Erst jetzt bemerkte Telarion, dass es eine Frau war, eine Shisani. Ihr Haar war weiß, wie es das seiner Mutter gewesen war, die in Yakonak, nördlich des Zendargebirges in den Eisebenen von Kantis, geboren und aufgewachsen war.

Der Anführer der grauen Shisans sah Telarion missbilligend an.

»Ihr befindet euch auf Land, das zum Tempel der Weisheit gehört. Hier gelten alle Wesen gleich. Mörder und Unterdrücker sind hier nicht willkommen!«

Telarion erhob sich und sah dem Wortführer der Shisans ins Gesicht.

Irritiert bemerkte der ehemalige Heermeister der Elben, dass der Mönch grüne Augen hatte wie er selbst, doch seine Pupillen waren schwarz und rund wie eine Pfütze im Moor, die nichts mehr freigab, was sich in ihr fing. Es machte den Blick des Shisans stechend und unheimlich. Bevor er den Mann jedoch zurechtweisen konnte, ergriff dieser wieder das Wort.

»Deine Haartracht sagt mir, dass du einer bist, der von Vanar mit der Gabe des Lebens gesegnet wurde – und der dieses Geschenk in Demut annahm, um allen Wesen dieser Welt zu dienen. Warum quälst du diesen dort?«

»Ich bin Heiler der zweiten Ordnung, das ist wahr«, erwiderte Telarion nach einer knappen Neigung des Kopfes. »Dieser hier und seine Spießgesellen verfolgten uns. Sie hätten meinen Gefährten Gomaran und mich getötet, wenn es sie gekonnt hätten.«

Der Shisan sah an ihm und Gomaran vorbei ins Gebüsch, zu dem Soldaten, den Gomaran erschlagen hatte. »Wie er sagte, giltst du ihm als Verräter und Mörder«, sagte er. Er sprach das letzte Wort so aus, als bereite es ihm Übelkeit. »Und das nicht zu unrecht, wenn man den Kampf zwischen euch in Betracht zieht. Für einen Heiler verstehst du offenbar viel vom Kriegshandwerk.«

Telarion starrte ihn an. »So hast du den Kampf beobachtet«, stellte er nach kurzem Schweigen fest.

Als er vorhin nach Ireti gesucht hatte, hatte er das Abbild ihrer Magie nicht finden können. Aber auch die Magie dieser Mönche nicht, und doch standen sie hier vor ihm und sagten, sie hätten den Kampf beobachtet. Er hätte sie sehen müssen. Jetzt musste er sich fragen, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Umständen gab.

Seine Brauen zogen sich unmerklich zusammen, als der Shisan den Kopf neigte, ohne dass Entgegenkommen in seiner Miene zu lesen gewesen wäre. »Wir kamen erst spät hinzu. Zu spät, um den Tod des Dritten zu verhindern.«

»Dann steht es dir nicht zu, darüber zu urteilen, wer von uns im Recht ist und wer nicht« erklärte Telarion unwillig. »Du kennst unsere Geschichte nicht, also …«

»Nein«, unterbrach der Mönch ihn scharf. »Das tue ich nicht, jedoch scheint mir ein Heiler, der den Tod bringt und vorher einem anderen seines Volkes die Magie raubt, nicht gerade vertrauenswürdig in dieser Sache!«

Telarion schnaubte leise. »Nun, Weiser, ich sagte es diesem Mann dort und es gilt auch für Euch: Jeder Tod, den ich je brachte, war verdient. Jeder. Und ich werde mich nur vor Vanar selbst rechtfertigen, vor niemandem sonst.«

Der Shisan antwortete: »Wie auch immer es sich damit verhalten mag, Ihr seid hier nicht willkommen«, sagte er dann.

Telarion schüttelte den Kopf. »Ich bin gekommen, um in Eurem Tempel Aufnahme – und Weisheit! – zu suchen. Ich werde mich von den Dienern der falschen Königin nicht daran hindern lassen.«

»Falsche Königin!«, mischte sich der Landarias-Elb erbost ein. »Schon allein dafür verdient Ihr den Tod, Verräter! – Überlasst ihn und seinen Diener mir, Ihr Weisen, damit seinesgleichen ihn verurteilen und seiner gerechten Strafe zuführen kann!«

»Du und irgendeiner aus der Sippschaft dieser verräterischen Hure von Königin wäre meinesgleichen?«, stieß Telarion hervor. Am liebsten hätte er auch diesen Mann mit der stumpfen Seite seines daikons zum Schweigen gebracht, doch nahm er sich angesichts der feindlichen Übermacht zusammen. »Schon allein dafür sollte man dir die Kehle durchschneiden«, fügte er dann ruhiger hinzu.

Der Landarias-Elb zischte wütend und wollte sich auf den ehemaligen Heermeister Tarinds stürzen, doch die Eiselbin hinderte ihn daran. Der Mann tobte, was ihm aber nichts nützte, die Frau hielt ihn fest. Ihre Kälte zähmte das Feuer in dem Soldaten und dämmte seine Wut ein, ohne dass sie ihm Kraft fortnahm.

»Genug!« Die Stimme des Wortführers der Mönche klang scharf. »Wir gestatten Mord in unserem Reich nicht. Geht!«

»Nein«, widersprach Telarion. »Ich kam, um mit dem Ältesten Eures Ordens zu sprechen und seinen Rat zu erbitten. Ich werde nicht gehen, ehe ich das getan habe.«

»Wer glaubst du, dass du bist?«, erwiderte der Shisan erbost. »Du bringst den Tod und bist geübt im Waffenhandwerk, das straft deine Haartracht Lügen. Wesen wie du haben in unserem Heiligtum nichts verloren!«

Die Worte trafen Telarion. Er senkte den Blick.

Er hat recht, schoss es ihm durch den Kopf. Ich bin Heiler. Wieder wünschte er sich glühend, er hätte seinem Bruder an jenem schicksalhaften Tag nicht nachgegeben und ihm versprochen, als sein Truchsess zu dienen. Wie so oft in den letzten Zehntagen erwachte in ihm der mühsam unterdrückte Zorn auf den Zwilling, der ihn um das Leben im Palast der Stürme betrogen hatte und auch um den Frieden in seiner Seele.

Dann hob er den Kopf. »Wir befinden uns auf eurem Land. Folglich hast du ein Recht zu erfahren, wer ich bin. Ich bin Fürst Telarion Norandar, der jüngere Sohn des Dajaram von Norad. Mein Gefährte ist Gomaran von Malebe, der Großsohn des Dumi von Malebe. Und das da …«, er wies mit der Hand auf Iretis Soldaten, »… ist einer aus der Gefolgschaft der Ireti Landarias, die sich Königin nennt und behauptet, ich sei ein Verräter am Volk des Goldmonds!«

Der Shisan betrachtete ihn mit Interesse. »Und du sagst, du bist es nicht.« Es war eine Feststellung, kein Anerkenntnis.

»So ist es«, erwiderte Telarion grimmig.

»Er ist ein Mörder!«, rief der Soldat. »Ein Königsmörder!«

Der Mönch sah erst Telarion, dann den Streiter der Königin an. »Selbst wenn ich eure Geschichte kennen würde, könntet ihr kaum erwarten, dass ich diesen Streit für euch entscheide. Also verlasst unser Gebiet!«

Telarion schüttelte energisch den Kopf. »Ich habe Euch um keine Entscheidung gebeten«, sagte er kühl. »Ich bin gekommen, den Abt Eures Heiligtums aufzusuchen, und ich habe eine lange Reise hinter mir. Sagt mir nicht, dass euer Haus Fremden die Weisheit verweigert, wenn sie darum bitten. Ich weiß, dass dem nicht so ist.«

»Diese Weisheit geben wir nur an Wesen weiter, die anerkennen, dass keiner der Zwillingsmonde die Vorherrschaft hat. Doch du bist ein Heiler, ein Fürst, schenkt man deinen Worten Glauben. Ich sehe an dir kein Zeichen, dass du Dunkelmagie achtest – im Gegenteil. Diesem hier hast du sie soeben genommen, ebenso beleidigst du eine Landarias – das einzige Volk der Elben, das seine Gaben mit den Menschen teilte!«

Telarion starrte den Mann wütend an. Er war es als Königsbruder und Truchsess des Reichs der Elben nicht gewohnt, dass man in Zweifel zog, was er sagte. Zudem – eine Landarias wurde hier höher geschätzt als ein Norandar?

Wieder musste er sich er sich an den Zweck und das Ziel seiner Reise erinnern, daran, auf wessen Land er hier stand.

Er musste den Tempel der Weisen erreichen.

»Was, wenn ich Euch beweise, dass ich einen Grund habe, Euren Ältesten aufzusuchen?«

»Du willst es beweisen?«, wollte der Mönch wissen. »Wie?«

Statt einer Antwort packte Telarion das dunkle Hemd, das er trug, dort, wo der Soldat Iretis es über der Brust aufgeschlagen hatte. Das Blut der Wunde trocknete langsam und hielt an einigen Stellen den zerfransten Stoff fest. Doch mit einem festen Ruck riss Telarion sich den Stoff vom Körper, um das eintätowierte Zeichen seines Hauses freizulegen.

Die Shisans raunten.

Doch ihre Reaktion war dem Fürsten in diesem Augenblick gleichgültig. Unwillkürlich warf er seinem Milchbruder einen verstohlenen Blick zu. Wie erwartet starrte dieser auf das Zeichen der adligen Abstammung seines Gefährten.

Telarion hatte dieses Wappen auf der Flucht vor dem Gefährten verborgen, denn es sah nicht mehr so aus, wie damals, als er es kurz nach seiner Geburt erhalten hatte und wie der Milchbruder es kannte: ein lichtgrüner Baum aus stilisierten Wolken, dessen Form einem Yondarbaum glich. Die Zweige dieses Baums, bisher gerundet wie Wirbel aus Dunst, der einem morgendlichen Tal entstieg, liefen nun in spitzen, lohgelben Flammen aus, die silbrige Funken sprühten.

Der ehemalige Heermeister spürte, wie Röte in seine Wangen stieg, als er die entsetzte Miene Gomarans sah. Der Schrecken und der Widerwille im Blick des Gefährten war kaum zu ertragen, als klar und deutlich zutage trat, dass die Magie des Königsbruders so eindeutig mit den dunklen Kräften des Hauses Amadian gemischt war.

Telarion spürte Scham, die er jedoch wieder unterdrückte.

Es gab keinen Grund, sich dessen zu schämen. Das Feuer gehörte nun zu ihm und machte ihn zu dem, was er fortan war. Er wandte sich wieder dem Anführer der Weisen zu und richtete das Hemd so gut es ging, sodass es ihm nicht in Fetzen vom Körper hing.

Der Mönch sah ihn mit neu erwachtem Interesse an. »Einer aus dem Haus Norandar mischte Feuer in seine Seele«, stellte er fest.

»Ich wurde nicht so geboren«, sagte Telarion. »Und doch ist das Feuer nun ein Teil von mir.« Er sah Gomaran bei diesen Worten nicht an, dennoch sagte er diese Worte nur für seinen Gefährten.

Der Mönch fasste sich. »Wie …«

»Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte«, fiel Telarion ihm ins Wort. »Doch Ihr seht, ich habe meine Gründe, Euren Tempel aufzusuchen.«

Der Anführer nickte langsam. »Wir werden dich mitnehmen. Lasst diesen hier gehen!«, rief er und wies auf den Landarias-Elb. »Ihr werdet ihn nicht anrühren!«

Telarion zuckte mit den Achseln. »Ich trage keinen solchen Hass in mir, dass ich ihn unbedingt töten müsste«, sagte er schließlich. »Aber ich sage Euch, ich erkenne weder seinen Auftrag noch diejenige an, die ihn mit selbigem hinter mir und meinem Gefährten herschickte. Ich werde nicht gestatten, dass einer wie er Hand an mich oder meinen Gefährten legt. Ansonsten mag er frei sein zu tun, was ihm beliebt.«

Er warf dem Landarias-Elb, der immer noch vor Wut glühte, einen verächtlichen Blick zu, dann wandte er sich um und ging ein paar Schritte am Ufer des Bachs entlang, um nach seinem Bündel zu greifen.

Seine ruhige Sicherheit schien den Mönch zu beeindrucken. Er nickte kurz, dann ließ die Eiselbin den Landarias-Elb langsam los. Er versuchte sogleich, sich wieder auf Telarion stürzen, doch als Gomaran sich ihm in den Weg stellen wollte, hielt der Fürst ihn ab.

»Nein.«

Es waren die Mönche selbst, die den Landarias-Elb nun fesselten.

Er tobte erneut vor Wut, als man ihn mit festen Trieben des Raqors band, dessen Ranken fingerlange Dornen besaßen. »Es wird meine Herrin nicht erfreuen, wie Ihr mit uns umgeht! Seit Jahrhunderten besteht Frieden zwischen den Weisen und meinem Haus, ein Frieden, der heute gebrochen wurde!«, stieß er schließlich hervor.

»Auch deine Herrin hat nicht zu entscheiden, wen der Älteste in seinem Heiligtum empfängt und wen nicht. Doch der Fürst von Norad hat recht, wenn er sagt, dass er um Rat bitten darf, besonders, wenn er sowohl goldene als auch dunkle Magie in sich trägt, das magst du ihr sagen«, wies der Anführer den Mann zurecht. Dann wandte er sich an Telarion. »Wir werden den Tempel morgen Mittag erreichen. Bis dahin erwarte ich, dass du und dein Gefährte euch unseren Gepflogenheiten anpasst.«

Telarion neigte zustimmend den Kopf, schulterte sein Bündel und folgte dem Mönch, der sich, ohne sich umzusehen, in genau nördliche Richtung in Bewegung setzte.

Gomaran folgte ihm, doch der Gefährte sprach kein Wort. Er sah auch nicht zu seinem Herrn und Vertrauten hinüber. Telarion hielt es für das Beste, es vorerst dabei bewenden zu belassen. Er sprach Gomaran seinerseits nicht an.

Der Weg führte schon bald aus dem Wald hinauf in die Berge, wo die Qentarbäume und der Königsfarn nicht mehr die immense Größe hatten wie im Tal. Doch der Weg war dadurch nicht einfacher zu finden. Er führte über Steine, um Felsen herum, an Abgründen vorbei. Die Wurzeln der Stämme bildeten wahre Stolperfallen, und Telarion und Gomaran wären auf dem unbekannten Pfad mehr als einmal gestürzt, hätte einer der Mönche sie nicht gehalten.

Telarion war dankbar, als der Anführer schließlich an einem Blockhaus anhielt, das offenbar nur dem Zweck diente, die Patrouille der Weisen aufzunehmen. Es bestand innen aus einem einzigen Raum mit einer großen Feuerstelle in der Mitte und einem lannon – einem beheizbaren Podest, das als Schlafstelle diente – an der Seite. Mit nur wenigen Griffen und Gesten hatten die Shisans die Feuerstelle in Gang gebracht und einen Kessel darüber gehängt, in dem nun Wasser aus einer Quelle neben dem Gebäude zum Kochen gebracht wurde.

Telarion achtete kaum auf die Shisans um sich herum, die routiniert ihrer Arbeit nachgingen und dabei zu seiner Überraschung lachten und scherzten, als befürchteten sie keinerlei Angriff. Sie fühlten sich auf ihrem Gebiet sicher und glaubten nicht, dass ihnen jemand Böses wollte.

Er hätte sie gern nach ihrem Leben im Tempel befragt, konnte er doch schon jetzt einen gewissen Neid kaum unterdrücken. Es wäre ein Leben gewesen, das auch er hätte führen können, hätte sein Zwilling ihn nicht darum betrogen.

Dann war da noch Gomaran, sein Gefährte. Der Einzige, der nach dem Tod Tarinds noch zu ihm hielt. Er dachte an den Moment in der Steppe von Entarat, nachdem er mit kaum mehr als einem Wasserschlauch und einem Stück Brot aus dem Heerlager geflohen war und in dem Gomaran aufgetaucht war: mit Reittieren, Decken, ein wenig Ausrüstung.

Nicht ein Mal hatte der Gefährte gefragt, wie es zum Tod Tarinds gekommen war, warum Telarion es getan hatte – nicht ein Mal hatte er davon gesprochen.

Nun saß der Mann, mit dem er aufgewachsen war, neben ihm, löffelte das Gemüse, das die Mönche mit ein wenig Getreide gekocht hatten, mied dabei den Blick des Milchbruders und schwieg.

Mit einem Mal ertrug Telarion dieses Schweigen nicht mehr.

»Willst du mir nicht endlich die Frage stellen, die dir auf der Zunge brennt?«, wollte er halblaut wissen. Die Mönche sollten nicht mitbekommen, was gesprochen wurde.

Gomaran antwortete erst nach einer Pause und ohne ihn anzusehen. »Ihr habt mir bisher nicht erzählt, wie es in Euch aussieht, Daron. Es ist wohl kaum an mir, Eurem Diener, Euch zu einer Beichte zu drängen, die Ihr nicht für nötig haltet.«

Der Vorwurf war deutlich, und Telarion konnte ihn gut nachempfinden. Das Feuer Sanara Amadians hatte ihn ergriffen, ohne dass er selbst dies gewollt oder beabsichtigt hätte – der Schöpfergeist der Harmonie hatte ihm dieses Feuer gegen seinen ausdrücklichen Willen geschenkt. Und so wahr diese Begründung sein mochte, sie klang sogar für ihn wie eine Ausrede. Er selbst hatte es forciert: Er hatte Sanara Amadian gefangengenommen, war in ihre Magie eingedrungen – etwas, das einem Heiler verboten war –, und in seinem Hochmut hatte er sie dem Tod entrissen, als ihre Seele den Körper bereits verlassen hatte. Dass er nun ihre Magie in sich trug, war Geschenk und Strafe zugleich.

Die Folgen seiner Taten auf den Schöpfergeist der Harmonie zu schieben, klang lächerlich und einfältig, und doch hatte er keine bessere Rechtfertigung anzubieten. Ein Hauszeichen war ein Geschenk. Niemand konnte es geben oder ändern – nur die vier Schöpfergeister selbst.

»Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll«, sagte er schließlich.

Zum ersten Mal wandte Gomaran ihm sein Gesicht zu. »Ihr seid Heiler. Ihr wart immer gerecht in meinen Augen und habt Vanar gedient. Er segnete Euch dafür mit der Gabe des Lebens wie keinen anderen aus unserem Volk. Dafür gebührt Euch meine Treue und meine Bewunderung.«

Sein Blick wanderte zu dem Wappen auf Telarions Brust, das notdürftig von den Resten des schwarzen Hemds bedeckt war. Der Fürst bezähmte seine plötzlich aufkommende Verlegenheit, um nicht an dem zerrissenen Stoff herumzuzupfen.

Als Gomaran das bemerkte, wandte er den Blick ab. »Mich wundert nicht, dass Ihr nicht zugeben wollt, dass sich diese Dunkelhexe Eurer Seele bemächtigt und sie verunreinigt hat«, sagte er dann. »Und doch enttäuscht es mich, dass Ihr mir das nicht sagen konntet.«

Telarion lag auf der Zunge, ihn zurechtzuweisen. Was wusste sein Milchbruder schon von der Wärme, die Sanara Amadian in ihm, Telarion, hinterlassen hatte! Davon, wie unverzichtbar die Magie dieser Tochter des Akusu ihm geworden war, wie sie den kalten Wind in ihm zum Wirbeln gebracht, seine Seele mit Leben gefüllt hatte!

Was wusste Gomaran schon davon, wie schwer es war, dieses Geschenk jeden Tag aufs Neue zurückweisen zu müssen, sich immer bewusst zu sein, dass es nie Erfüllung finden konnte.

Telarion wusste auf einmal, dass es keine Worte gab, mit denen er auch nur annähernd hätte beschreiben können, wie sehr seine Seele mit dieser Menschenfrau verbunden war.

»Ich könnte nicht ertragen, dass du dich vor mir fürchtest«, sagte er schließlich ausweichend. »Oder dass du denkst, ich sei nicht mehr ich selbst. Ich bin der, der ich immer war. Nur noch mehr.«

Gomaran schwieg und steckte schließlich das Stück getrockneten Rekarapfels, an dem er gekaut hatte, wieder in seine Tasche, als sei ihm der Appetit vergangen.

»Ich habe den Streit zwischen Euch und Tarind gehört, bevor Ihr ihm den qasarag in die Brust gestoßen habt«, sagte er dann. »Ich weiß, dass er es war, der Dajarams Tod zumindest billigte, ja, sogar ermöglichte. Niemand weiß, welchen Anteil Tarind tatsächlich am Tod Eures Vaters hatte, doch er betrog Euch von Anfang an, forderte Eure Treue, Eure Loyalität, wo er selbst keine zu geben bereit war, und nutzte Eure Rechtschaffenheit aus. Ich bezweifle daher keine Sekunde, dass er zu Recht starb, und ich halte es auch für gerecht, dass es durch Eure Hand geschah, Daron. Doch sagt mir ehrlich …« Mit diesen Worten wandte er sich Telarion zu. Seiner Stimme war anzuhören, wie sehr er sich beherrschen musste, um nicht laut zu werden. »Sagt mir ehrlich, ob dies auch für Euch der Grund war, Euren eigenen Zwilling zu töten. Sagt mir, dass nicht der Hass einer Feuerhexe es war, deren Dunkelheit in Euch lodert und Euch die Hand führte!«

Telarion starrte seinen Milchbruder betroffen an.

Er erinnerte sich daran, dass er Gomaran am letzten Tag vor dem Aufbruch des Heers in den Süden Vyranars bei einem Übungskampf verletzt hatte. Er war wütend gewesen, wütend darüber, dass der Schöpfergeist der Harmonie ohne seine Erlaubnis ein Stück seiner Seele verschenkt und es durch das dunkle Feuer einer Amadian ersetzt hatte. Er hatte Scham darüber empfunden, dass er, der Heiler und Herr des Lebens, nichts dagegen hatte tun können, solche Scham, dass er selbst Gomaran gegenüber geschwiegen hatte.

Es verwunderte nicht, dass Gomaran so dachte – und Telarion musste sich fragen, ob es nicht wirklich so gewesen war.

»War es so?«, fragte Gomaran. Seine Stimme klang nüchtern, und doch hörte Telarion die Erschütterung seines Gefährten heraus.

»Nein«, erwiderte Telarion nach einer Weile fest. »Es war mein eigener Zorn, die Wut und die Enttäuschung über seinen Verrat. – Doch hast du nicht ganz unrecht, Bruder«, fügte er leise hinzu. »Nur die Tatsache, dass er versuchte, die Feuermagie … ihre Feuermagie in mir zu löschen, brachte mich dazu, ihm den qasarag ins Herz zu stoßen. Ich wollte die Kraft seines Wassers löschen. Ich wusste, dass der magische Dolch genau das tun würde.«

Zum ersten Mal wurde Gomarans Gesichtsausdruck milder.

»Wir müssen das Heiligtum so bald wie möglich erreichen. Vielleicht wissen die Weisen einen Weg, Euch von diesem Seelenstück zu befreien, das Euch so vergiftet.«

Telarion wollte widersprechen und Gomaran zurechtweisen, denn das Feuer Sanaras vergiftete ihn nicht. Es hielt Wolken und Sturm in ihm lebendig und kraftvoll.

Aber er schwieg. Es kam ihm unwürdig vor, sich mit seinem Milchbruder im Beisein der Shisans aus dem Tempel der Weisheit zu streiten.

Es wurde still in der Hütte. Telarion und Gomaran machten es sich fern vom Feuer und dem lannon auf einem Lager aus trockenem Moos bequem, wo sich neben einigen anderen Mönchen auch die Shisani niedergelassen hatte, die das Eis beherrschte. Es war kalt genug für einen Heiler der Luft und der Kälte, und doch war da in Telarion ein Rest, der sich nach Wärme sehnte.

Er widerstand dem Verlangen, sich näher an die Glut des heruntergebrannten Feuers zu legen und versuchte zu schlafen.

Am nächsten Morgen war es noch dunkel, als die Shisans aufbrachen. Schnell wurde ein Frühstück aus Tee und dem grob gemahlenen Getreide eingenommen; die Weisen gaben auch ihren Gästen ein wenig davon ab.

Noch während Telarion die Reste des Tees trank, trat der Anführer an ihn heran. »Ich hatte nicht erwartet, dass Ihr noch hier seid, wenn ich erwache«, sagte er.

Telarion hob die Brauen. »Warum hätte ich fliehen sollen? Ich dachte, ich hätte Euch zu verstehen gegeben, dass ich Wert auf ein Gespräch mit eurem Ältesten lege.«

»Und jetzt sehe ich, dass es Euch ernst damit ist«, erwiderte der Anführer ungerührt, als habe er den Hochmut in Telarions Stimme nicht gehört. Er ließ dem Fürsten keine Gelegenheit zur Antwort, sondern erhob sich.

Ein Wassermagier löschte die Glut des Herdes, dann überließ man die Hütte wieder sich selbst.

Gomaran und Telarion folgten dem Anführer, der sie nun alle in die Berge hinaufführte. Die Bäume wurden weiterhin kleiner, und auch wenn sich bereits die ersten Strahlen der Weißen Sonne über den Horizont schoben, war der Morgennebel so dicht, dass es schien, als seien die Wolken selbst vom Himmel herabgesunken. Der ausgetretene Pfad, den sie einer nach dem anderen entlanggingen, war kaum zu sehen. Telarion gewahrte von seinem Führer, der vor ihm ging, nur einen Schemen, der immer wieder in den wirbelnden Schwaden verschwand.

Es ging bergauf. Nur langsam gewann die Sonne an Kraft, und allmählich wurde es heller, die Nebel schwanden. Telarion musste sich eingestehen, dass er das zunehmende Spiel des Lichts im Wald genoss, während Gomaran es stirnrunzelnd zur Kenntnis nahm.

Zwischen ihm und seinem Milchbruder herrschte auch weiterhin Schweigen. Es war nicht die vertraute Stille, die sie beide verband, es war, als misstraue der Hauptmann seinem Fürsten.

Kein schönes Gefühl. Doch Telarion wusste nicht, wie er es hätte ändern sollen. Gomaran hasste das Feuer in ihm – einen Teil, den der Fürst um nichts in der Welt wieder hergegeben hätte.

Der Tag wurde wärmer, je näher das Heiligtum rückte. Vielleicht lag es am Aufgang der Roten Sonne, dass Telarion den Eindruck hatte, das Feuer in ihm würde genährt, sodass ihm schon bald unangenehm warm war. Aber vielleicht war es auch nur die ständig bergauf gehende Wanderung, die an seiner Kraft zehrte. Die Purpursonne hatte bereits ihren Zenit überschritten, und sie erreichten eine erste Anhöhe.

Unwillkürlich blieb Telarion stehen, als sein Blick zum ersten Mal auf den Tempel der Weisheit fiel. Fast wäre Gomaran in ihn hineingelaufen.

Die Wand des Berges Simalang war hier schroff und nur von wenigen Absätzen unterbrochen, die zu schmal waren, um darauf Landwirtschaft zu betreiben. Auf einem der größten schmiegte sich die Tempelanlage eng an den Berg.

Weit über Telarion waren weiß verputzte Gebäude zu sehen, die im Licht beider Sonnen so hell schimmerten, als wären sie silbern. Wahrscheinlich beherbergten sie die wichtigsten Räume des Tempels, dessen Fenster in einem dunklen Rot bemalt waren, das beinahe in Violett und Purpur überging.

Während er weitermarschierte, konnte Telarion seinen Blick kaum von dem Gebäudekomplex abwenden. Mehr und mehr Details offenbarten sich, je weiter sie voranschritten. Schnitzereien unterhalb der Dächer waren zu erahnen, Malereien, die an den Säumen der Wände angebracht waren und durch den silbrig schimmernden Putz kaum zu erkennen.

An der östlichen Flanke der Felswand fiel ein Bach von einem Vorgipfel des Simalang herab. Das Donnern der Wasser war bis hier ins Tal zu hören. Auch unter dem fallenden Vorhang der Fluten waren Balkone, Pavillons und Brücken zu sehen, ebenso wie im Felsen westlich und hinter den Hauptgebäuden selbst Durchbrüche zu sehen waren, die man offenbar mit Einlegearbeiten aus gelbem Granit und Maßwerk aus rotem Sandstein gerahmt hatte. Aus einem vorspringenden, gewaltigen Fels oberhalb der Häuser hatte man überdachte Plattformen geschlagen und grün bemalt, sie ragten weit in die Luft des Tals hinaus.

Jedem der vier heiligen Elemente schien beim Bau Rechnung getragen worden zu sein: Wasser, Erde, Luft, Feuer. In der Mitte des Komplexes befand sich ein Turm, dessen Dach als Einziges in reinem Silber schimmerte. Wahrscheinlich war es mit Blattsilber belegt, zu Ehren des Schöpfergeistes der Harmonie, denn die Mönche und Shisanis, die hier lebten, fühlten sich der Ys verpflichtet.

Telarion wurde neugierig. Er erinnerte sich an den Palast der Stürme, in dem er so lange gelebt und in dem er seine Ausbildung als Heiler erhalten hatte. Der Palast der Stürme, den man auch den Tempel oder das Kloster des Ostens nannte, war ebenfalls in den südlichen Ausläufern des Zendargebirges gelegen, doch viele Tagereisen weit von diesem Ort hier entfernt. Man hatte ihn nicht so dicht an das Element der Erde gebaut wie diesen Tempel, der sich eng an die Bergflanke schmiegte, sondern aus duftendem Yondar- und Resatholz in die Qentarbäume gebaut. Sein Quartier dort war wenig mehr als eine hölzerne Plattform gewesen, deren Dach man den riesenhaften Blättern des Mayalabaums nachempfunden hatte.

Unwillkürlich fragte sich Telarion, wo man ihn hier unterbringen würde. Die weit ins Tal hinausragenden Plattformen aus Stein waren sicher für Luftmagier gedacht. Sie schwebten beinahe frei über dem Abgrund und waren mit den Felsen und den anderen Häusern über schmale Brücken verbunden. Der Gedanke, in einem Gemach zu wohnen, das so sehr den Räumlichkeiten im Palast der Stürme glich, gefiel Telarion.

Doch dann fiel ihm wieder ein, dass der Hauptmann der Mönche jetzt wusste, dass er auch Feuermagie in sich trug. Für Dunkelmagier waren sicher die Quartiere gedacht, die man in den Berg hineingehauen hatte, und die mit Galerien und dichtem Maßwerk abschlossen.

Nun, da sie dem Heiligtum immer näher kamen, war immer klarer zu erkennen, dass sie tief in den Berg hineinreichten. Vereinzelt waren in den Brüstungen Formen zu erahnen, die an Gebirgszüge und Flammen erinnerten. Telarion gewann den Eindruck, dass diese Gemächer niedrig seien, und er hoffte, dass er sie nicht würde betreten müssen. Die Vorstellung, dort die Last des Berges über sich zu haben, bedrückte ihn. Und doch ertappte er sich bei dem Gedanken, dass eine solche Höhle für die Tochter des Siwanon sicher ein besseres Quartier wäre als das, was er und Tarind ihr als Gefangene im kastron von Bathkor zugewiesen hatten.

Die Luft war immer noch warm und nun, da sie sich den Anlagen des Heiligtums näherten, zeigte auch die Landschaft Spuren von Bebauung und einer Nutzung, wie sie in Dörfern die Regel war, in denen Menschen oder Elben lebten. Zuerst ging der Weg durch kleine, terrassenförmige Wasserkornfelder, dann kamen Wiesen, auf denen die Grauschafe weideten, deren Fell die gleiche Farbe aufwies wie die Roben der Mönche, die Telarion und Gomaran hierhergebracht hatten.

Auch durch Haine mit Rekar- und Faranbäumen und Musabacapflanzen, von denen einige bereits Früchte trugen, führte der Weg. Der Duft der reifen Früchte war süß und eindringlich und doch angenehm fruchtig.

Unwillkürlich blieb Telarion stehen und atmete den Geruch ein, der ihn an Sanara Amadian erinnerte. Er war ihr nur als seiner Sklavin und Gefangenen begegnet, nur wenige Augenblicke hatte es gegeben, in er ihren Duft unverfälscht hatte aufnehmen können; meist hatte er an überreifes Obst erinnert, so als hätten Früchte zu lange in Feuchtigkeit oder Kälte gelegen.

Doch diese Haine waren in Sonnenlicht getaucht, und da viele der Bäume noch Blüten trugen, empfand Telarion ihn als leicht und süß. Und doch war er betäubend und weckte den Wunsch, eine der gelbroten Faran- oder Musabacafrüchte zu pflücken.

Dem Fürsten von Norad gefiel die Vorstellung, dass der Duft der Siwanonstochter dem dieser Obsthaine entsprach, und er ging langsamer, sodass er etwas hinter die Gruppe zurückfiel.

Auch als er die Gärten verlassen hatte und vor dem Tor des Tempels ankam, wo der Anführer bereits Gomaran vorstellte, verließ der Duft der frischen Früchte Telarion nicht. Als sie das Tor durchschritten und die Eingangshalle betreten hatten, wurde er zu Telarions Irritation sogar stärker. So stark, dass er kaum auf die bunten Wandmalereien und die kunstvoll geschnitzten Figuren der Schöpfergeister und der Helden vergangener Schlachten achtete, die die Nischen der Eingangshalle schmückten. Es war, als nähme etwas so Vergängliches wie der Duft von Obst und sommerlichen Blüten Gestalt an, als werde er fest.

Auf einmal wusste Telarion: Sanara Amadian war hier. Unruhe erfasste ihn, es war, als habe sich ein Feuer in ihm entzündet und lodere nun auf, da es die Nähe seines Ursprungs ahnte.

Er schalt sich selbst, als der Gedanke seinen Verstand erreichte, verdrängte ihn und sah sich weiter aufmerksam um, während der Hauptmann der Patrouille den Wachhabenden über die Gäste informierte. Sein Blick fiel auf die kunstvollen Statuen in den Nischen, die Syth den Krieger und Zerstörer, Akusu den Meister des Feuers und der Erze und Vanar den Herrn von Meer und Himmel zeigten.

Auch Ys, die Schöpferin, die Ordnung in das Chaos vor der Welt gebracht hatte und der er das Feuer in sich zu verdanken hatte, stand im Norden der Halle. Die Mönche hatten diesen Schöpfergeist anders dargestellt, als Telarion ihn in Erinnerung hatte. Als er Ys zusammen mit Sanara Amadian begegnet war, war ihre Gestalt klein gewesen, zierlich – beinahe unscheinbar und doch von beeindruckender Persönlichkeit. Er konnte sich kaum an ihr Gesicht erinnern, kaum an ihre Haartracht oder ihr Gewand. Nur die tiefe, klare Stimme war ihm im Gedächtnis haften geblieben, mit der sie ihm gesagt hatte, dass er es sei, den sie ausgewählt habe, um mit der Herrin des Mittags, des Feuers und der Seelen das Siegel der Welt zu finden und zu zerstören.

Telarion schloss die Augen und schlug das Zeichen der Ys vor der Stirn, dann hob er den Kopf, um das Abbild der Ys genauer zu betrachten. Die Mönche hatten sie hochgewachsen dargestellt, erhaben. Die Haare waren schwarz. Wie die elbischen Krieger trug sie einen kleinen Knoten auf dem Scheitel. Das silbrige Gewand war prächtig und wallte wie die losen Haarsträhnen, die schwarz waren wie seine eigenen, in einer unsichtbaren Bö um ihre schlanke Gestalt, als bestehe es aus hunderten von Schals und Fransen.

Ihr Gesicht schien auf ihn herabzulächeln, so als habe sie Telarion erwartet und heiße ihn willkommen. Im gleichen Moment wehte von draußen wieder der Duft der Faran- und der Musacabahaine herein. Es war, als wolle sie ihn erinnern, wozu er hier sei. Und wieder war er sich sicher, dass sich irgendwo, in einem der Quartiere für Dunkelmagier, Sanara Amadian aufhielt. Nicht weit fort von ihm.

Der Gedanke sorgte für Aufruhr in ihm. Er hatte nicht erwartet, sie wiederzusehen und fragte sich, wie er reagieren würde, wenn er ihr begegnete.

Ein Lachen klang wie von fern an sein Ohr. Telarion ballte die Hand zur Faust. Die Hoffnung, die das Wissen um Sanaras Anwesenheit hier hatte aufflammen lassen, tat nun plötzlich weh, als der Verstand diese Tatsache begriff.

Am liebsten wäre er auf der Stelle wieder umgekehrt – so sehr er auf der Reise die kleinen Erinnerungen an seine ehemalige Gefangene zu schätzen gewusst hatte, so sehr widerstrebte ihm nun der Gedanke, er könnte dem, was er so liebte, hier leibhaftig begegnen. Solange Sanara ihm fern gewesen war, hatte er diese kurzen Augenblicke der Wärme, eines flüchtigen Dufts und andere Dingen genießen können.

Doch nun, da er sie sicher hier wusste, war auch die Tatsache näher gerückt, dass er sich der Erkenntnis würde stellen müssen, dass all diese Wünsche, diese Sehnsüchte nicht wahr werden würden. Dass sie, die ehemalige Sklavin, ihn, den Herrn und Folterer, ablehnen würde.

Allein der Gedanke, sie könnte das tun, war so quälend, dass Telarion ihn kaum ertrug.

»Mendaron Norandar?«

Telarion fuhr herum und sah der Shisani ins Gesicht, die der Patrouille angehörte und die das Eis beherrschte. Der Hauptmann stand neben ihr.

Er neigte den Kopf. »Verzeiht meine Geistesabwesenheit. Ich war von der Lebendigkeit dieses Abbilds der Ys gefangen.«

Der Hauptmann nickte kurz. »Kanau wird Euch und Euren Gefährten zu einem Quartier für Magier des Windes bringen, Fürst. Der Älteste wird Euch morgen zur Weißen Stunde empfangen.«

»Das ist mir zu spät, Hauptmann«, sagte Telarion sofort. »Bitte, teilt dem Ältesten mit, dass ich ihn sofort sprechen muss.«

»Nein. Man sagte mir gerade, dass der Älteste Besuch einer Schülerin hat, die dringend ausgebildet werden muss. Er darf nicht gestört werden.«

Telarion runzelte die Stirn. »Ich bin sicher, dass er für den Fürsten von Norad ein paar Minuten erübrigen kann.«

Der Hauptmann wirkte konsterniert. »Nun, Kanau kann Euch zu seinen Gemächern bringen und anfragen, ob Ihr empfangen werdet«, sagte er dennoch. »Aber Ihr solltet Euch an den Gedanken gewöhnen, dass dies hier kein Ort ist, an dem elbische Rangabzeichen einen Wert haben … Fürst«, fügte er noch hinzu und betonte Telarions Rang so, als würde er ihn verspotten.

Telarion schnaubte ungehalten, verzichtete aber darauf, den Hauptmann zurechtzuweisen. Er wandte sich der Eiselbin zu und nickte zum Zeichen, dass er bereit sei.

Je näher Telarion den Gemächern des Ältesten kam, desto stärker schien ihm der Duft nach Faran- und Musacabafrüchten zu werden. Er wurde unruhiger, und auch wenn sein Verstand ihm sagte, dass der starke Früchteduft, der ihn umgab, nur deshalb stärker wurde, weil die Gänge, die Kanau ihn und Gomaran entlangführte, oberhalb der Obstgärten lagen, sagte ihm doch sein Herz, dass Sanara Amadian in der Nähe sei. Der Duft schien das Feuer im Windwirbel seiner Magie zu nähren und zu schüren.

Ein Seitenblick auf Gomaran, der nun auch sein Bündel trug, bestätigte ihm die Unruhe, die er selbst empfand. Sein Gefährte war besorgt. Wie immer bemerkte er, wenn Telarions Stimmung umschlug.

Schließlich blieb Kanau vor einer Tür stehen und bedeutete Telarion und Gomaran, auf einer Bank daneben Platz zu nehmen.

»Ich werde Seine Ehrwürdigkeit fragen, ob ihr eine Audienz erhaltet«, sagte sie kurz, dann verschwand sie hinter der Tür, die hinter ihr ins Schloss fiel.

Der Luftzug, den sie damit auslöste, hüllte Telarion wieder kurz in den Obstblütenduft, der die Flure des Klosters durchzog. Ohne es zu wollen, schloss der Fürst die Augen und atmete ein. Wieder klang ein Lachen an sein Ohr, von so fern, dass es Einbildung sein mochte.

»Daron, ich bin nicht sicher, ob dieser Ort Euch guttut«, hörte er dann Gomarans Stimme.

Telarions Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. »Du meinst, er schürt unnötigerweise das Feuer in mir, das du für schädlich hältst.«

Gomaran nickte. Doch weder er noch sein Herr konnten das Gespräch fortsetzen, denn nun waren auf der Treppe, die hinter der Tür zum Gemach des Ältesten führte, Schritte zu hören. Kurz hielten sie inne, dann öffnete sich der Flügel.

Eine Frau trat hervor, in die silbergrauen Roben eines Weisen gekleidet. Für ein Kind des Akusu, die den Elben oft klein und untersetzt vorkamen, war diese Frau groß und schlank und reichte ihm bis zum Kinn.

Telarion hätte beinahe gelächelt, als Sanara Amadian vor ihm stehenblieb. Sie schien keine Furcht zu empfinden, wie sie ihr Volk sonst in Anwesenheit der Kinder Vanars befiel. Als sei sie sich ihres Ranges der Tochter eines der höchsten Menschenfürsten bewusst, erwiderte sie herausfordernd seinen Blick.

Für einen Augenblick hielt er den Atem an. Über viele Zehntage hinweg war sie zu einer Art Traum geworden. Ihre Eigenschaften, das, was sie ausmachte, waren Erinnerungsfetzen gewesen, ein Duft, ein Klang, ein Sonnenstrahl, der ihm ins Auge fiel. Nun aber stand die Verkörperung dieser Eindrücke, dieser Dinge, die kaum mehr als Gedanken gewesen waren, leibhaftig vor ihm.

Vorsichtig legte er die Hände auf den Rücken, als könnten seine Finger sonst der Versuchung nicht widerstehen, nach ihr zu greifen. Sie zu berühren, um sich zu vergewissern, dass sie echt und wirklich war. Er wandte sich nicht ab und wagte kaum zu blinzeln, denn auch wenn sein Verstand wusste, dass es Unfug war. Sein Herz fürchtete, der winzigste Augenblick, in dem sein Blick nicht auf sie fiele, ließe sie verschwinden wie einen Traum.

Er nahm sich die Zeit, sie zu betrachten. Ihre Haare waren nicht mehr von einem darstar umwunden oder hochgesteckt, doch sie fielen ihr auch nicht offen über den Rücken, sondern waren kunstvoll geflochten und gebunden. Ihre Farbe schwankte zwischen der von reifem, hellem Weizens, und der von dunklem Flachs, den man zu Leinen spinnen konnte. Farben, die dem Spätsommer entsprachen. Als sie ihr von Sommerflecken übersätes Gesicht nach einem höflichen Nicken zu ihm hob, funkelten die bernsteinfarbenen Augen angriffslustig. Sie war alles, was er nicht war. Sommer, Mittag, Licht. Wärme.

Und es macht sie nur schöner.

»Daron Norandar«, grüßte sie ihn knapp. Wie alle Menschen schien sie die Worte zu singen.

Er schüttelte seine Faszination ab und deutete eine Verbeugung an. »Die Schöpfergeister seien mit Euch, Dari Amadian«, erwiderte er.

Als habe sie nichts anderes erwartet, nickte sie ihm und auch Gomaran, der hinter Telarion stand und schwieg, noch einmal kurz zu, wandte sich ab und ging fort, bevor er seiner Freude Ausdruck verleihen konnte, sie getroffen zu haben. Es war, als gingen beide Sonnen gleichzeitig unter und überließen die Welt mit ihm darin der Dunkelheit. Er hörte kaum, dass Kanau ihn und Gomaran zum Ältesten rief.

Das Verklingen ihrer Schritte in der Ferne war eines der traurigsten Geräusche, die er je vernommen hatte.

Kapitel 2

»Der Thaut des Meeres war vom Goldmond aus der Gischt der Wellen geschaffen und mit allem beschenkt worden, was dieser zu geben hatte. Und doch spürte er in sich oft eine Leere, die selbst seine Verehrung für Vanar nicht füllen konnte. Wie die meisten Elben liebte Thautar – denn so nannte man ihn: ›der den Wellen befiehlt‹ –, die Nacht und das Mondlicht. Eines Nachts schwamm er weiter hinaus als sonst, bis zu einem Felsen, der wellenumtost inmitten der See stand und auf dem er dem Vanar ein Heiligtum gebaut hatte. Er erklomm den höchsten Felsen der Insel, auf dessen Spitze ein Tempel stand, der ganz aus Glimmer gemacht war. Dort, mitten im Meer, wollte er seinen Schöpfer fragen, was diese Leere in ihm zu bedeuten hatte.«

Von den Kriegen zwischen Elben und Menschen

Vierte Rolle der Schriften des Klosters der Quelle

Die Flammen des Herdfeuers loderten auf. Sanara schloss die Augen, ihre Hände beschworen wie von allein die Magie, die dem Feuer innewohnte.

Dann sah sie sich selbst. Ihr Körper saß vor dem Feuer, doch ihr Seelenbild stand. Es bestand aus Flammen, die erst noch gelblich brannten, zugleich in der Mitte des Raums und in ihr. Sie flackerten bernsteingelb, samtig und warm. Der Rauch ihrer dunklen Kraft, die Nebel zu beherrschen, kräuselte sich darin. Sanara wusste, sie musste in das Feuer hineingehen, um die Jenseitigen Nebel betreten zu können. Doch sie wusste auch, die Magie hatte einen eigenen Willen und musste gezähmt werden.

Sie erinnerte sich, was der Lehrer ihr gesagt hatte.

Sieh die Flammen in dir. Greife in dein Feuer und halte es in der Hand. Du hast die Macht darüber. Finde sie in dir.

Sanara sah sich selbst in ihrem weitläufigen Quartier, einem großen Raum, den man in eine Flanke des Berges Simalang gehauen hatte, und der nur nach Süden hin von Maßwerk und einer nach außen offenen Galerie begrenzt wurde. Als sie mit Ronan vor einem Zehntag im Kloster der Quelle angekommen war, hatte man ihr diesen Raum zugewiesen, ein Gemach, das größer war als ...

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