Logo weiterlesen.de
Goldener Oktober in der Provence

PROLOG

Eigentlich gehörte Juliet Monroe nicht zu den Frauen, die bei jeder Kleinigkeit in Ohnmacht fielen, aber hierbei handelte es sich ja schließlich nicht um eine Kleinigkeit! Während sie neben ihrer Stiefmutter in dem stickigen Büro des Rechtsanwaltes saß, der Frank Monroes Testament verlas, wurde ihr auf einmal schwarz vor Augen.

Anscheinend hatte sie nicht nur ihren geliebten Vater verloren, sondern auch noch Medallion, das wunderschöne Weingut, das sie zusammen mit ihm in den letzten neun Jahren aufgebaut und zum Florieren gebracht hatte. Wieso in aller Welt hinterließ er es nicht ihr, sondern ausgerechnet ihrer Stiefmutter, die er vor sieben Jahren geheiratet hatte?

Als sie die Tragweite dieser Klausel begriff, warf Margaret ihrer Stieftochter ein hämisches Grinsen zu. Doch die Schadenfreude der älteren Dame sollte nicht lange währen.

„Ihr Vater verfügte, dass das Haus, die Sammlung von Gemälden aus dem achtzehnten Jahrhundert sowie die antiken Möbelstücke Ihnen gehören, Miss Monroe. Lediglich die Schlafzimmermöbel sollen im Besitz Ihrer Stiefmutter verbleiben“, fuhr der Anwalt fort.

„Das kann nicht sein!“, riefen beide Frauen wie aus einem Mund.

Fassungslos sackte Margaret auf ihrem Stuhl zusammen.

„Fehlt Ihnen etwas, Mrs. Monroe?“, fragte der Anwalt besorgt.

Natürlich wusste Juliet, dass auch Margaret nie in Ohnmacht fiel, dafür hatte ihre Stiefmutter aber einen ausgeprägten Hang zur Dramatik.

„Wasser“, murmelte Margaret kraftlos. „Ein Glas Wasser!“

„Und Sie, Miss Monroe? Kann ich Ihnen auch etwas bringen?“

Oh, ja! Am liebsten etwas Hochprozentiges, das den Schock und die Enttäuschung betäubt …

Juliet schüttelte den Kopf.

Als der Anwalt mit einer Flasche Wasser zurückkehrte, sagte sie so ruhig wie möglich: „Da muss ein Irrtum vorliegen, Mr. Danielson! Wahrscheinlich haben Sie es falsch verstanden. Wieso sollte mein Vater Margaret das Weingut hinterlassen? Schließlich kann sie damit ebenso wenig etwas anfangen wie ich mit einem Haus voller staubiger alter Gemälde und Antiquitäten.“

„Diese staubigen alten Gemälde und Antiquitäten haben mich eine hübsche Stange Geld gekostet!“, zischte Margaret, die sich anscheinend von ihrem Schwächeanfall erholt hatte.

„Ja, ich weiß nur zu gut, wie gern du immer das Geld meines Vaters ausgegeben hast!“

„Er war mein Ehemann, also stand mir das zu“, erwiderte ihre Stiefmutter schnippisch und sank wieder in sich zusammen. „Und ich habe ihn so sehr geliebt. Was soll ich jetzt nur ohne ihn tun?“

„Aber ich bitte Sie, meine Damen“, mahnte der Anwalt. „Es tut mir wirklich furchtbar leid für Sie beide, und ich verstehe auch sehr gut, dass Sie aufgebracht sind. Doch so lautet nun einmal der Letzte Wille ihres verstorbenen Vaters und Ehemannes.“

„Aber das ergibt keinen Sinn!“, beharrte Juliet. „Ich habe schließlich längst ein eigenes Haus. Und Möbel brauche ich auch nicht. Mein Vater und ich haben Medallion zusammen aufgebaut. Er kann mir doch nicht einfach so den Boden unter den Füßen wegreißen.“

Langsam zog Mr. Danielson ein paar Blätter aus einer Mappe und reichte sie den beiden Frauen. „Vielleicht kann dieser Brief ein wenig Licht in die Angelegenheit bringen.“ Sofort erkannte Juliet die gestochene Handschrift ihres Vaters, und ihr Herz begann wild zu klopfen.

Liebe Margaret, liebe Juliet,

ich weiß, Ihr beide habt Euch nie sehr nahegestanden. Leider, wie ich finde, denn Ihr seid beide gleich einsam. Ich wünsche mir, dass die zwei Menschen, die ich auf der Welt am meisten liebe, einander Trost und Unterstützung geben, wenn ich nicht mehr da bin. Und ich glaube, den einzigen Weg gefunden zu haben, um dies sicherzustellen.

Juliet, Margaret wird deine Hilfe benötigen, um Medallion weiterführen zu können. Margaret, ich bin mir darüber im Klaren, dass du dich bisher nie für das Weingut interessiert hast, aber du bist intelligent und wirst dich sicher gut einarbeiten. Außerdem bin ich überzeugt, dass Juliet dich weiterhin im Haus wohnen lassen wird. Im Gegenzug bitte ich dich, Juliet wie bisher als Chefwinzerin arbeiten zu lassen. Nur durch sie wird die Qualität unseres Weins, der wir unseren großartigen Erfolg verdanken, erhalten bleiben.

Ich liebe Euch beide, und es macht mich sehr traurig, dass ich nicht mehr bei Euch sein kann. Nur der Gedanke, dass ihr zwei noch einander habt, tröstet mich ein wenig.

Bitte gebt gut aufeinander acht.

Zärtlich strich Juliet mit dem Finger über die Unterschrift ihres Vaters am Ende des Briefes und beobachtete ihre Stiefmutter von der Seite, die noch immer las.

Bitte gebt gut aufeinander acht.

Um nicht laut aufzulachen, biss Juliet sich auf die Lippe. Genauso gut hätte er sie darum bitten können, sich in die Lüfte zu erheben und um die Welt zu fliegen. Gut, Margaret und sie konnten durchaus auch einmal ein paar freundlichere Töne anschlagen, wenn die Umstände es verlangten. Zu Weihnachten zum Beispiel, wenn die ganze Familie gemeinsam am Tisch saß und ein höflicher Small Talk unumgänglich war. Aber im Grunde fand Juliet ihre Stiefmutter geistlos und egozentrisch. Margaret schien ihrerseits auch keine wärmeren Gefühle für ihre Stieftochter zu hegen, jedenfalls bezeichnete sie diese oft missbilligend als zu vorlaut und burschikos.

Nein, Freundinnen waren sie weiß Gott nicht! Nur Frank Monroe zuliebe hatten sie einander toleriert. Jetzt, da er nicht mehr unter ihnen weilte, brach dieses Kartenhaus gespielten Respekts zusammen.

„Ich werde mir einen Anwalt nehmen. Das ist doch einfach lächerlich!“, rief Margaret, knüllte den Brief zusammen und warf ihn dem Anwalt auf den Schreibtisch. „Ich sollte alles erben. Der Richter ist da bestimmt meiner Meinung. Immerhin war ich Franks Ehefrau!“

„Ja, ganze sieben Jahre lang“, warf Juliet ironisch ein und stand auf. „Ich bin seine Tochter – und zwar schon seit fast dreißig Jahren, falls du das vergessen hast. Trotzdem wäre es natürlich viel gerechter, wenn du alles bekämst! Selbst unser Weingut, das du in deinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal betreten hast.“

„Du kannst es einfach nicht ertragen, dass er mich geliebt hat, nicht wahr?“

Juliet ignorierte diese Frage. Ihre Stiefmutter hatte nämlich gar nicht so unrecht. Doch warum hatte ihr Vater ausgerechnet ein derart oberflächliches Exemplar heiraten müssen?

„Auch ich werde mir einen Anwalt nehmen!“, stieß sie hervor. „Wir werden ja sehen, wer am Ende was bekommt.“

„Aber, meine Damen“, bat der Rechtsanwalt beschwichtigend. „Wollen Sie das wirklich tun? Ein Gerichtsverfahren könnte Monate oder gar Jahre dauern. Ganz davon zu schweigen, wie viel Zeit, Nerven und Geld es sie beide kosten würde. Warum einigen Sie sich nicht auf einen Kompromiss? Die Lösung Ihres Problems scheint mir auf der Hand zu liegen. Wenn Sie das Weingut nicht haben möchten“, sagte er zu Margaret, „und Sie keinen Wert auf das Haus und die Antiquitäten legen“, fügte er zu Juliet gewandt hinzu, „dann könnten Sie doch einfach Ihre jeweiligen Besitzansprüche der anderen Dame überschreiben.“

„Ein sehr vernünftiger Vorschlag“, stimmte Juliet zu.

Doch Margaret schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht“, sagte sie gedehnt. „Für die Ländereien des Weingutes ließe sich auf einer Versteigerung bestimmt ein guter Preis erzielen. Vor allem, wenn man vorher diese verdammten Weinstöcke entfernt.“

Einen Augenblick setzte Juliets Herzschlag aus. Das würde sie ihrer Stiefmutter durchaus zutrauen!

„Ich gebe dir für Medallion alles, was Dad mir vererbt hat“, sagte sie schnell. „Und wenn das nicht reicht, lege ich auch noch eine angemessene Summe obendrauf.“

„Hört, hört!“ Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf Margarets Gesicht aus.

„Dieses Weingut war der Lebenstraum meines Vaters. Viele, viele Jahre harter Arbeit hat er in Medallion investiert.“ Und ich auch, fügte sie im Stillen hinzu.

„Versprich mir, dass du unser Weingut nicht an irgendeinen Bauunternehmer verschacherst!“

Nachdem Margaret sie eine Weile schweigend betrachtet hatte, nickte sie schließlich. Dennoch blieb Juliet auf der Hut. So leicht gab ihre Stiefmutter doch sonst nicht nach!

„Okay. Das sehe ich ein. Ich weiß, dass Frank sehr an dem Weingut gehangen hat. Ich verspreche feierlich, es nicht an einen Bauunternehmer zu veräußern.“

Und das tat sie auch nicht. Fünf Monate später, als Juliet ihr Häuschen verkauft und die Summe, die ihre Stiefmutter für Medallion verlangte, beinahe zusammengebracht hatte, verscherbelte Margaret das Weingut an einen Winzer aus Kalifornien.

1. KAPITEL

Juliet stand auf dem Balkon des Hauses, das sie von ihrem Vater geerbt hatte, und beobachtete, wie ein silbernes Cabriolet rasant in die Straße zum Weingut einbog. Sie erhaschte einen flüchtigen Blick auf das blonde Haar, die sonnengebräunte Haut und das selbstbewusste Lächeln des Fahrers, denn trotz kühler vierzehn Grad fuhr er mit offenem Verdeck.

An einem anderen Tag hätte sie ihn wahrscheinlich für einen Verrückten gehalten oder jemanden, der eine Weinverkostung zu viel besucht hatte. Aber sie wusste ja genau, wer da heute so früh am Morgen in diesem schicken Sportwagen herangebraust kam.

Phillip Holland!

Schon allein sein Name brachte sie auf die Palme! Dieser Kerl hatte seine Anteile an dem jahrhundertealten Familienweingut Holland Farms im kalifornischen Napa Valley verkauft und ihr Medallion erworben, ohne dass sie auch nur den Hauch einer Chance gehabt hatte, es zu verhindern.

Bisher war sie ihm noch nicht persönlich begegnet, aber wie es aussah, bot sich wohl heute die Gelegenheit dazu. Sie wollte Medallion unbedingt zurückhaben – und sie würde es zurückbekommen! Einen Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken seinen Familienbesitz verkaufte, konnte man doch bestimmt dazu überreden, ein gerade erst erworbenes Weingut wieder aufzugeben? Und wenn nicht … wenigstens ihren Job als Chefwinzerin wollte sie behalten!

Eigentlich zog sie nie voreilige Schlüsse über Menschen, die sie nicht kannte, aber sie bezweifelte, dass sie Phillip Holland besonders mögen würde. Und zwar nicht nur, weil er besaß, was rechtmäßig ihr gehören sollte. Schließlich war sie in Winzerkreisen zu Hause, und von seiner Sorte hatte sie bereits genügend Exemplare kennengelernt: arrogante Erben riesiger Weingüter, die absolut keine Ahnung von der Weinherstellung hatten und sich einbildeten, dass man mit moderner Technologie die gleiche Qualität erreichen könnte wie mit jahrelanger hingebungsvoller Arbeit!

Seit Juliet das College abgeschlossen hatte, arbeitete sie fünfzig Stunden die Woche, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Phillip Hollands dieser Welt hatten das natürlich nicht nötig! Trinken mochten sie können, aber ihr Wissen über Weine endete eben auch meist am Rand ihrer edlen Weingläser.

Fast zärtlich ließ sie den Blick über die Rebstöcke auf den Hängen schweifen, die sich wie die Flicken einer Patchworkdecke vor ihren Augen ausbreiteten. Cabernet, Chardonnay und Pinot gehörten zu den Sorten, die sie zusammen mit ihrem Vater angepflanzt hatte. Die Blätter der riesigen alten Platanen, die sich am Horizont abzeichneten, begannen bereits, sich bunt zu verfärben. Nicht nur in den kühleren Temperaturen, auch in den strahlenden Rot- und Goldtönen kündigte der Herbst sich an. Wie sehr sie den Herbst in Südfrankreich liebte!

Für eine Winzerin hieß das natürlich Erntezeit, und diese Lese versprach die beste in Medallions Geschichte zu werden. Die vergangenen neun Jahre hatten sie und ihr Vater im Schweiße ihres Angesichts gearbeitet. Zuerst, um das Gut aufzubauen, dann um sich und ihrem Wein in der Branche einen Namen zu machen. Jetzt endlich waren sie erfolgreich! Krampfhaft versuchte sie, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Ihr Vater würde die Früchte seiner Arbeit nicht mehr genießen können.

Energisch wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. In den letzten Monaten hatte sie wirklich schon genug geweint! Normalerweise weinte sie überhaupt nicht. Was halfen schon Tränen? Was konnten sie verändern? Ihre Mutter war damals nicht zu ihr zurückgekehrt, und ihr Vater war für immer von ihr gegangen, und das Weingut – hatte sie auch verloren. Nun, das würde sich noch herausstellen.

Fröstelnd verließ sie den Balkon, flocht ihr volles Haar zu einem strengen Zopf zusammen und machte sich für die Arbeit fertig. Wenn – oder bis – der neue Besitzer ihr nicht kündigte, hatte sie eine Aufgabe zu erfüllen.

Schon gestern Abend war Phillip Holland in Marseille gelandet. Da er sich von der langen Reise ziemlich erschöpft fühlte, hatte er beschlossen, dort ein Hotelzimmer zu nehmen. Allerdings hatte er dann vor lauter Aufregung die ganze Nacht kein Auge zugetan. Als die Sonne glutrot und verheißungsvoll über dem spiegelglatten Meer aufging, setzte er sich in sein Auto. Bis Le Pin, dem kleinen Städtchen, in dessen unmittelbarer Nähe Medallion sich in die hügelige Weinlandschaft der Provence schmiegte, waren es gut zwei Stunden Fahrt. Und er wollte nicht rasen, sondern die Schönheit der Natur genießen.

Als er an der Mittelmeerküste entlangfuhr, verspürte er plötzlich den drängenden Wunsch, sich den salzigen Wind um die Nase wehen zu lassen und all die herrlichen Ausblicke völlig ungehindert zu genießen. Also hatte er das Verdeck seines Cabrios heruntergeklappt. Was schadete das bisschen Kälte, wenn man dafür mit der frischen Seeluft und dem Duft von Zypressen und wildem Thymian belohnt wurde?

Schon bald führte sein Weg ihn weiter ins Landesinnere. Auch wenn er sich ungern von den malerischen Buchten der Côte d’Azur verabschiedete, die ausgedehnten Pinienwälder hatten ihren eigenen, geheimnisvollen Zauber. Kurz vor Le Pin öffnete sich die Waldlandschaft. Endlose Lavendelfelder und gemütliche Bauernhäuser boten sich seinem Blick – und endlich auch die ausgedehnten Weinhügel, die noch nach alter Tradition mit Ölbäumen statt Zäunen abgegrenzt wurden.

In Le Pin angekommen, hatte er sich eilig ein Zimmer in einem kleinen Hotel genommen und seine Sachen abgestellt. Bis er eine ordentliche Bleibe gefunden hatte, würde er dort wohnen bleiben. Aber jetzt wollte er endlich zu seinem Weingut!

Phillip brachte sein Auto zum Stehen und stieg aus. Die Hände in die Hüften gestützt, sah er sich um. Er lächelte stolz, soweit sein vom kalten Fahrtwind halb erfrorenes Gesicht es zuließ. Die vorangegangenen Besuche hatten ihn nicht im Mindesten auf die herbstliche Schönheit Medallions vorbereitet.

Auch im Sommer hatte er die Landschaft der Provence mit ihren dichten, einsamen Pinienwäldern und violett leuchtenden Lavendelfeldern wunderschön gefunden. Damals hatte er verstanden, warum der tiefblaue Himmel über Frankreichs Süden seit Jahrhunderten Maler und Dichter inspirierte! Doch sosehr ihm die satten Blau- und Grünschattierungen des Sommers auch gefallen hatten, sie waren nichts im Vergleich zu den kräftigen Farben des Herbstes! Phillip konnte sich kaum sattsehen an dem blutroten Blättermeer der Platanen, das sich in einem atemberaubenden Kontrast von den immergrünen Pinien abhob, die dem Städtchen Le Pin seinen Namen gegeben hatten.

Fröstelnd rieb er seine klammen Finger. Das war der Preis für seine Fahrt ohne Verdeck, doch was machte das schon? Er fühlte sich lebendiger als je zuvor!

Erwartungsvoll betrat er Medallions Probierstube. Dieses Weingut gehörte ihm! Ihm allein! Er würde die Entscheidungen treffen, und zwar ohne seine Ideen vor irgendjemandem rechtfertigen zu müssen. Geschweige denn um eine Erlaubnis zu bitten, die er dann doch nicht bekam. Oh nein! Endlich war er der Boss!

Eine knappe halbe Stunde später geriet diese Überzeugung allerdings ein wenig ins Wanken, als eine junge Frau energisch in die Probierstube marschierte. Sie musste so um die dreißig sein, und ihre zusammengezogenen Augenbrauen ließen nichts Gutes ahnen.

Groß war sie, nur ein paar Zentimeter kleiner als seine 1,82 Meter, und schlank – sofern man das unter dem riesigen Wollpullover, den sie trug, erkennen konnte. Ausgewaschene Jeans und Gummistiefel komplettierten ihr Outfit. Trotzdem wirkte sie sehr weiblich.

Als sie den Raum betrat, unterbrachen alle Angestellten sofort ihre Arbeit und warfen einander nervöse Blicke zu. Eine bedrückende Stille breitete sich aus, und Phillip hatte das ungute Gefühl, dass sich hier niemand auf seine Seite stellen würde.

„Sie müssen Miss Monroe sein“, begann er, um das unbequeme Schweigen zu beenden. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, fuhr er fort und ging mit ausgestreckter Hand auf sie zu. „Ich bin Phillip Holland.“

Ihre Augen waren also grün, und ihr Haar, das sie aus unerfindlichen Gründen in einem streng geflochtenen Zopf trug, hatte die warme Farbe von frisch gemahlenem Zimt. Irgendetwas an ihr reizte ihn, ohne dass er es genau hätte benennen können. Dem klassischen Schönheitsideal entsprach sie jedenfalls nicht, und ihr Sinn für Mode schien auch nicht besonders ausgeprägt zu sein. Seine Ex-Verlobte Mira hatte immer ausgesehen, als sei sie gerade von den glänzenden Seiten eines Modemagazins gesprungen.

Die hohen Wangenknochen und die schmale Nase bildeten mit dem vielleicht etwas zu breiten Mund ein charmantes Ensemble. Bemerkenswert schien ihm das passende Wort, um sie zu beschreiben.

Noch immer presste sie ihre sonst sicherlich vollen Lippen zusammen. Schließlich stieß sie hervor: „Miss Monroe wird aber überhaupt nicht gern mit ‚Miss Monroe‘ angesprochen.“

Trotz ihres kühlen Tons schaffte Phillip es, sein Lächeln aufrechtzuerhalten. Wahrscheinlich fiel es ihr nicht leicht, einen neuen Besitzer zu akzeptieren. „Wie werden Sie denn gern angesprochen?“, fragte er freundlich.

„Juliet. Alle nennen mich Juliet“, erwiderte sie und reichte ihm mit so grimmiger Miene die Hand, dass er sich nicht sicher war, ob sie ihn begrüßen oder zum Armdrücken herausfordern wollte.

Juliet … dieser ausgesprochen feminine Name passte irgendwie nicht so recht zu ihr. Obwohl – vielleicht, wenn sie ihr langes Haar offen trug … Aber worüber dachte er hier eigentlich nach? „Es ist schön, Sie kennenzulernen, Juliet!“

Die warme Bemerkung ignorierend, schlug sie sofort einen geschäftlichen Ton an: „Ich wüsste gern, wie Ihre Pläne für Medallion aussehen. Und für seine Mitarbeiter, versteht sich.“

Verlegen begannen die Angestellten mit den Füßen zu scharren, und ein Raunen ging durch den Raum. Phillip räusperte sich. Damit hatte er nicht gerechnet. „Am Ende der Woche werde ich eine Mitarbeiterversammlung abhalten und die Einzelheiten klären. Bis dahin möchte ich mich erst einmal umschauen. Ein paar kleine Veränderungen werde ich natürlich vornehmen.“

„Welche zum Beispiel?“

Eins musste er ihr lassen: Diese Frau war unglaublich hartnäckig! Unter anderen Umständen hätte er sie sicher bewundert, aber im Augenblick fand er sie einfach nur anstrengend und unhöflich. „Das wollte ich, wie gesagt, am Freitag besprechen. Aber vielleicht hätten Sie jetzt schon einen Moment Zeit für ein Gespräch unter vier Augen?“

Selbstverständlich hatte er bemerkt, dass die Mitarbeiter jede einzelne seiner Bewegungen wie gebannt verfolgten. Besser er beendete diese Show jetzt!

„Stets zu Diensten“, murmelte Juliet ironisch.

„Gut, lassen Sie uns in mein Büro gehen!“

Obwohl sie sich natürlich weitaus besser auskannte, ließ Juliet ihm den Vortritt. Die Büroräume lagen im Obergeschoss direkt über der Probierstube. Das größte Zimmer befand sich ganz am Ende des Ganges. Zwar hatte sie erwartet, dass sich der neue Besitzer dort einrichten würde, dennoch ergriff ein wehmütiges Gefühl von ihr Besitz, als er ihr höflich die Tür aufhielt. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte ihr Vater noch hier gesessen.

Auch wenn sie sofort nach Margarets Verkaufsankündigung all seine Sachen, sogar jeden einzelnen Kugelschreiber, aus seinem Büro geholt hatte, erinnerte sie der Raum mit dem beeindruckenden Panoramablick über die Weinberge sehr an ihn und die vielen Stunden, die sie hier gemeinsam verbracht hatten. Es kostete sie ihre ganze Kraft, die plötzlich aufsteigenden Emotionen zu unterdrücken.

„Alles okay?“, erkundigte sich Phillip.

Langsam richtete sie den Blick auf Medallions neuen Besitzer. Beinahe hätte sie vergessen, dass sie nicht allein war. Schon seit sechs langen Monaten lag ihr Vater unter der Erde, doch der Schmerz hatte nicht im Geringsten nachgelassen. Eher schien er sich noch zu verstärken, seit sie begriffen hatte, dass sie ihren Dad tatsächlich nie mehr wiedersehen würde.

Phillips Frage konnte sie jetzt einfach nicht beantworten! Die Trauer überwältigte sie fast. Krampfhaft bemüht, die Fassung zu wahren, fragte sie stattdessen: „Warum wollten Sie mich sprechen?“

Lässig am Schreibtisch lehnend, erwiderte er: „Das dürfte Ihnen doch eigentlich klar sein, oder nicht?“

Sofort wurde Juliets Herz noch schwerer. „Sie feuern mich?“

„Nein!“

„Sie feuern mich also noch nicht jetzt?“

Nervös fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Dann fragte er halb amüsiert, halb verärgert: „Sie müssen den Dingen immer auf den Grund gehen, was?“

Vor Kurzem hatte sie ihren Vater verloren, ihr Weingut, und nun stand vielleicht auch noch ihr Job auf dem Spiel – was erwartete er eigentlich? „Ich weiß einfach gern, woran ich bin. Medallion bedeutet mir sehr viel.“

Zu ihrer großen Verwunderung nickte Phillip. Was verstand denn Mr. Cabrio davon?

„Ich hoffe, wir werden gut zusammenarbeiten, Juliet. Dieser Wechsel ist für alle nicht leicht. Und für Sie ist er verständlicherweise am unangenehmsten. Aber es wird nicht besser, wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass das Management nicht an einem Strang zieht.“

„Unsere Leute sind gute Arbeiter“, sagte sie mit weicher Stimme. „Ich will auf keinen Fall, dass sie entlassen werden!“

„Ich werde sie nicht entlassen“, versicherte er. „Und Sie auch nicht, Juliet“, fügte er hinzu. „Aber ich mag es gar nicht, wenn man mich öffentlich vorführt, wie vorhin in der Probierstube!“

„Tut mir leid“, murmelte sie, ernsthaft darum bemüht, es aufrichtig klingen zu lassen. „Das war nicht meine Absicht.“

Seufzend wechselte Phillip das Thema: „Ich bin übrigens sehr beeindruckt. Die Arbeitsabläufe sind ausgezeichnet strukturiert, und die Weine haben unglaubliches Potenzial. – Und ich weiß sehr gut, dass das Ihr Verdienst ist.“

Verlegen erwiderte sie: „Eher das meines Vaters. Er hat Medallion so sehr geliebt. Sein größter Wunsch war immer, dass unser Wein irgendwann in der ganzen Welt bekannt wird.“

„Ich habe gehört, dass Ihr Vater im vergangenen Frühling verstorben ist. Mein herzliches Beileid.“

„Danke.“

„Ich habe ihn übrigens einmal kennengelernt.“

Überrascht blickte Juliet ihn an. „Wirklich? Wann denn?“

„Vor ein paar Jahren auf einer Weinverkostung in San Diego. Das muss im ersten Jahr nach der Gründung von Medallion gewesen sein. Euer Chardonnay war schon damals bemerkenswert, das weiß ich noch bis heute!“

Stirnrunzelnd erwiderte sie: „Ja, er wurde auch immerhin mit Bronze ausgezeichnet. Ich fand aber, er hätte mindestens Silber verdient.“

„Ja, er war wirklich gut!“

Er schien sich tatsächlich daran zu erinnern! „Holland Farms hat Gold gewonnen“, warf sie ein.

„Stimmt, ja.“ Eigentlich hätte Juliet erwartet, dass er damit angeben würde. Doch stattdessen sagte er warm: „Ich mochte Ihren Vater sehr gern. Wir waren zusammen essen und haben uns über ein paar Ideen unterhalten, die ich für Holland Farms hatte.“ Auf einmal sah Phillip sehr nachdenklich aus. „Mein eigener Vater hat mir nie so interessiert zugehört wie Frank Monroe.“

Der dicke Kloß in ihrem Hals machte es ihr absolut unmöglich, zu antworten. Also nickte sie nur stumm.

„Ich kann mich nicht erinnern, Sie dort gesehen zu haben, Juliet.“

„In San Diego?“

„Ja.“

Das lag daran, dass sie einfach nicht der Typ war, der sich in Schale warf, um auf steifen Partys wildfremde Menschen in belanglose Small Talks zu verwickeln. Sie hasste es, sich über das Wetter zu unterhalten – außer natürlich, wenn es in irgendeiner Weise die Trauben gefährdete. Hinzu kam, dass sie sich in Jeans und Pulli wesentlich wohler fühlte als in Abendkleid und Pumps.

Wie oft hatte ihr Vater sich Vorwürfe gemacht und seine Erziehungsmethoden angezweifelt, weil seine einzige Tochter sich mehr für den Weinbau als für die Liebe interessierte. Juliet selbst konnte daran nichts Negatives finden. Klar, Männer machten das Leben aufregender, und sie ging ja auch ab und zu aus. Aber bisher hatte sie jede Beziehung beendet, sobald sie ein bisschen ernster zu werden schien.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Goldener Oktober in der Provence" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen