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Goldener Glanz der Hoffnung

PROLOG

„Alles?“ Jennifer Faulkner bekam weiche Knie. Sie umklammerte den Telefonhörer, sodass ihre Knöchel weiß hervortraten. Ungläubig ließ sie sich auf den nächstbesten Stuhl sinken.

„Die Cottonwood Farm“, sagte der Anwalt mit näselnder Stimme, „und das Geld, das Ihr Großvater kürzlich in der Lotterie gewonnen hat. Er hat alles Ihnen hinterlassen.“

„Ich verstehe.“

Aber Jennifer verstand ganz und gar nicht. Nach dem Tod ihrer Großmutter vor zehn Jahren hatte Grandpa sie fortgeschickt, und seitdem hatte er sich nicht mehr bei ihr gemeldet. Warum hatte er ausgerechnet sie zur Alleinerbin bestimmt?

„Sie werden einen ganzen Batzen Erbschaftssteuern zahlen müssen“, fuhr der Anwalt fort, „trotzdem bleibt mehr als eine Million Dollar für Sie übrig.“

„Eine Million Dollar“, flüsterte Jennifer, während ihr Verstand versuchte, mit diesem Schock fertig zu werden.

Sie wollte das Geld nicht. Sie wollte Grandma Dolly und Grandpa Henry zurück. Sie sehnte sich nach der warmen, gemütlichen Küche der Cottonwood Farm außerhalb von Jester im Südosten Montanas. Als Kind hatte sie stets die Ferien dort verbracht, während ihre Eltern rund um den Globus gejettet waren. Doch selbst eine Million Dollar würde ihr die Großeltern nicht zurückbringen.

„Miss Faulkner? Sind Sie noch dran?“

„Verzeihung. Was haben Sie gesagt?“

„Es wäre gut, wenn Sie herkommen und sich um die Farm kümmern. Außerdem müssten Sie ein paar Papiere unterschreiben. Mein Büro ist in Pine Run, südwestlich von Jester. Kennen Sie den Ort?“

„Ja, zumindest kannte ich ihn vor zehn Jahren.“

„Seitdem hat sich nichts verändert.“ Der Anwalt lachte. „Meine Kanzlei befindet sich direkt gegenüber vom Gericht.“

„Wie war noch mal Ihr Name?“

„Durham. Hank Durham.“

Unwillkürlich musste sie lächeln. In Montana hatten selbst die Anwälte Namen wie Rodeoreiter. Montana. Ihr Zuhause.

Sie verdrängte die nostalgischen Erinnerungen, die in ihr aufstiegen. „Ich weiß noch nicht, wann ich kommen kann. Ich melde mich bei Ihnen.“

Jennifer beendete das Gespräch und lehnte sich zurück. Der Tag hatte eine ganz und gar unerwartete Wendung genommen. Als sie heute Morgen aufgewacht war, hatte ein eisiger Wind den Schnee durch die Straßen Chicagos getrieben. Augenblicklich war ihr klar geworden, dass sie keinen weiteren Tag als Verwaltungsassistentin von Brad Harrison bei Lake Investment Consultants überstehen würde. Sie hatte sich heute krankgemeldet, um ihre Kündigung zu schreiben.

Hank Durhams Anruf hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Sie war bereit, Chicago hinter sich zu lassen. Sie schaute sich in dem winzigen möblierten Apartment um. Der Umzug würde ein Kinderspiel werden. Ihr gehörte nichts in dieser Wohnung außer einem Übertopf mit duftenden Narzissen, einem gerahmten Foto ihrer Großeltern an deren vierzigsten Hochzeitstag und dem durchscheinenden Moosachat, den Luke McNeil ihr im Sommer vor zehn Jahren geschenkt hatte.

Luke McNeil.

Er hatte ihr das Herz gebrochen. Ob sie schlief oder wach war: Noch immer sah sie sein Bild vor sich, auch wenn sie ihn seit zehn Jahren weder gesehen noch seine Stimme gehört hatte. Aber wie sollte sie einen Mann vergessen, den sie seit dreiundzwanzig Jahren liebte? Damals war sie fünf Jahre alt gewesen, und er hatte ihr das Leben gerettet.

Sie schloss die Augen und sah die Prärie vor sich, die zwischen der Farm der Faulkners und der McNeils lag. Fast spürte sie wieder die Wärme auf der Haut. Der Sommerwind hatte das dicke Moskitogras gekräuselt und die Köpfe der gelben und rosa Wildblumen nicken lassen. Der Duft von Sonnenhut hatte die Luft erfüllt.

„Wer zuerst beim Bach ist!“, hatte Lukes jüngere Schwester Vickie McNeil gerufen. „Der Verlierer füttert die Schweine!“

Jennifer liebte die kleinen Ferkel der McNeils, aber sie hasste die großen Sauen. Wann immer sie sich ihr näherten, zitterte sie vor Furcht. Vickies Herausforderung verlieh ihr Flügel, und in ihren Turnschuhen jagte sie über den Pfad aus festgestampfter Erde, der zum Bach und dem schmalen Steg führte. Die Sonne brannte ihr ins Gesicht. Als Vickie sie einzuholen drohte, rannte sie schneller. Mit viel Schwung erreichte sie die einfache Holzbrücke, doch die Bohlen waren vom Sprühnebel des Flusses glitschig. Sie wollte bremsen. Bevor sie zum Stehen kam, stürzte sie schon kopfüber in den schnell dahinfließenden, von der Schneeschmelze angeschwollenen Bach.

Sie konnte nicht schwimmen, und selbst wenn sie es gekonnt hätte, wäre sie niemals gegen die reißende Strömung angekommen. Ehe das eiskalte Wasser über ihrem Kopf zusammenschlug, hörte sie nur noch Vickies panischen Schrei.

Wie durch ein Wunder wurde sie von starken Händen gepackt und an die Oberfläche gezogen.

„Bisschen kalt zum Schwimmen, Kleines!“, meinte der zehnjährige Luke scherzhaft. Der Schrecken stand ihm allerdings ins Gesicht geschrieben, als er Jennifer zu sich und seiner Angelrute ans Ufer zog.

„Ich bin ausgerutscht“, gab sie zurück und biss sich auf die Lippen, um die Tränen zurückzuhalten. Sie bewunderte Luke McNeil und wollte sich auf keinen Fall noch weiter vor ihm blamieren. Mit den guten Absichten war es jedoch im nächsten Moment vorbei: Sie spuckte das Wasser aus, das sie geschluckt hatte, und begann in den nassen Kleidern zu zittern.

„Deine Knie bluten ja!“ Luke fischte ein Tuch aus seiner Angelausrüstung, tauchte es in den Bach und tupfte ihr anschließend die Beine ab. Vorsichtig versorgte er sie, kümmerte sich um sie wie um ein neugeborenes Fohlen oder ein krankes Kälbchen. „Du musst dich an einem Stein gestoßen haben.“

Lukes Gesicht entspannte sich langsam zu einem Lächeln, und Jennifers Kinderherz schlug Purzelbäume. Das kohlschwarze, dichte und glatte Haar, die hohen Wangenknochen und die dunkle Haut waren das Erbe seiner indianischen Vorfahren in der ansonsten rein schottischen Familie. Der einzige Hinweis auf seine keltische Abstammung waren die Augen, die blau waren wie ein See in den Highlands. Ohne diese Augen – und ohne Jeans, Stiefel und T-Shirt – hätte man ihn leicht für einen jungen Krieger vom Stamm der Sioux oder Crow halten können. Jennifer wusste, dass er wie der Wind rennen und reiten konnte, als sei er im Sattel zur Welt gekommen. Für einen Jungen seines Alters war er außerdem ungewöhnlich kräftig, denn sonst hätte er sie kaum aus den tosenden Fluten ziehen können.

Im Schatten der Weiden und Pappeln säuberte er behutsam ihre Wunden, dann riss er zwei Streifen von seinem Hemd ab und verband damit ihr Knie. Später hatte seine Mutter ihm eine Standpauke gehalten, weil er sein neues Hemd ruiniert hatte.

Jennifer hatte die Stofffetzen heimlich ausgewaschen und in ihrer Schatzkiste aufbewahrt, bis sie die Cottonwood Farm für immer verlassen hatte. Das war im selben Jahr geschehen, in dem Luke sie gebeten hatte, ihn zu heiraten.

Seit jenem Morgen vor dreiundzwanzig Jahren liebte sie Luke McNeil. Und so sehr sie es versuchte: Sie schaffte es nicht, ihn aus ihrem Herzen oder ihren Gedanken zu verbannen. Luke war vermutlich auch der Grund, warum es mit Brad Harrison nicht klappte. Oder mit den anderen Männern, mit denen sie vor Brad zusammen gewesen war. Wer konnte schon gegen so einen mächtigen Konkurrenten bestehen?

Unvermittelt klingelte das Telefon, und Brad meldete sich: „Ich brauche dich hier. Auf der Stelle, Jen.“

„Ruf die Aushilfe an. Ich komme nicht.“

„Den ganzen Tag nicht?“

„Nie mehr“, sagte sie mit ungeheurer Befriedigung. „Morgen hast du meine Kündigung.“

Ehe er protestieren konnte, legte sie ohne schlechtes Gewissen auf. Seit dem katastrophalen Trip nach Paris vor einigen Wochen sah sie Brad Harrison in einem ganz neuen Licht. Er hatte ihr einen romantischen Urlaub versprochen, nur sie beide in der Stadt der Liebe. Allerdings hatte er wohl vergessen zu erwähnen, dass sie von morgens bis abends an Meetings mit französischen Bankern und Brokern teilnehmen würden und dass sie genug Arbeit für fünf Sekretärinnen erledigen sollte. Doch Brad hatte erwartet, dass Jennifer alles allein bewältigen würde.

Sehr romantische Ferien.

Es war noch schlimmer gekommen. Als sie wieder in Chicago gewesen war, hatte sie eine Nachricht von Finn Hollis erhalten, dem Freund ihres Großvaters. Während sie sich in Paris hatte ausbeuten lassen, war ihr Großvater gestorben, und sie hatte die Beerdigung verpasst.

Schuldgefühle hatten sie gequält. Schon vor Monaten hätte sie sich bei ihrem Großvater melden sollen, nachdem in den Zeitungen und im Fernsehen ausführlich über die „Main Street Millionäre“ aus Jester berichtet worden war. Grandpa Henrys Tippgemeinschaft hatte bei der Montana-Lotterie den Jackpot geknackt, und die zwölf glücklichen Gewinner hatten sich vierzig Millionen Dollar teilen dürfen. Der Anteil ihres Großvaters hatte nach Abzug der Steuern bei etwas über einer Million gelegen.

„Genial“, hatte Brad gesagt, als er den Namen ihres Großvaters in der Zeitung gelesen hatte. Er wusste, dass sie in Jester gelebt hatte. „Wir sollten den alten Knaben besuchen. Ich könnte ihm Tipps geben, wie er seinen Gewinn gut anlegen kann.“

„Ich kann ihn jetzt nicht anrufen.“

„Warum nicht?“

Zwar sehnte sie sich von ganzem Herzen nach Grandpa Henry und der Cottonwood Farm. Doch sie war unter äußerst unerfreulichen Umständen von dort fortgegangen. Vorher war es ihr unwahrscheinlich erschienen, dass sie nach zehnjähriger Unterbrechung die Beziehung je wieder aufnehmen könnte – nach der Nachricht war es ihr nun geradezu unmöglich vorgekommen. „Nach all diesen Jahren wird er denken, ich sei nur hinter seinem Geld her.“

„Du kannst ihn davon überzeugen, dass es nicht so ist“, hatte Brad argumentiert, aber Jennifer war sich dessen nicht so sicher gewesen.

Eigentlich hatte sie nie verstanden, warum ihr Großvater sie gebeten hatte, die Farm zu verlassen. Er hatte nur gesagt, dass er ihren Anblick nicht länger ertragen würde. Kein besonders verheißungsvolles Zeichen, um die Beziehung wiederaufleben zu lassen.

Ein paarmal hatte Jennifer ihrem Großvater geschrieben und ihn angerufen. Ihre Briefe waren ungeöffnet zurückgekommen, ihre Anrufe nie erwidert worden. Aus Angst vor weiteren Zurückweisungen hatte sie schließlich aufgegeben. Und nun war es zu spät. Für immer.

Erfüllt von Trauer und Heimweh, sah Jennifer jetzt in den Schneesturm vor ihrem Fenster hinaus.

Hank Durham lieferte ihr den perfekten Vorwand, um nach Jester zu fahren. Aber ihr Großvater war tot und Luke McNeil nur noch eine Erinnerung. Warum also sollte sie zurückkehren?

1. KAPITEL

Eine Woche später

Sheriff Luke McNeil fuhr sich durch das dichte schwarze Haar und blickte finster in das Weiß, das draußen vor dem Fenster seines Büros herumwirbelte. Für den Monat März war es reichlich winterlich, und es sah aus, als würde das noch eine Weile so bleiben. Wie sollte Luke den eingestürzten Pavillon im Stadtpark richtig untersuchen, wenn die Ruinen unter einer zentimeterdicken Schneedecke verborgen waren?

Er wusste nicht, ob er es mit einem Unfall, einem unglücklichen Zufall oder gar einem Mordversuch zu tun hatte. Der Gedanke machte ihn kribbelig. Seine Aufgabe war es, die Menschen von Jester zu beschützen, und das konnte er nicht, wenn er die Fakten nicht kannte.

Gott sei Dank war niemand ums Leben gekommen. Aber warum war der Pavillon überhaupt zusammengebrochen? Luke lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch. Wenn das verdammte Schneetreiben nur aufhören würde, dann könnte er die Überreste untersuchen, anstatt im Büro herumzuhängen und wilde Spekulationen anzustellen.

Genauso gut konnte er sich dem Papierkram widmen. Der Stapel auf seinem Tisch war bedrohlich hoch und konnte jeden Moment in einer Lawine niedergehen, wenn er ihm nicht auf der Stelle zu Leibe rückte.

Gerade griff er nach der obersten Akte, als die Bürotür aufflog und gegen die Wand knallte. Derselbe eisige Windstoß, der die Tür aufgedrückt hatte, wehte Wyla Thomsen in sein Büro.

Luke kam mit den meisten Leuten gut aus, aber Wyla Thomsen machte ihn jedes Mal nervös. Vielleicht lag das an ihrem Talent, ihre Nase ständig in die Angelegenheiten anderer zu stecken. Oder daran, dass sie so schamlos mit ihm flirtete, obwohl sie mehr als zehn Jahre älter war als er und zwei Scheidungen hinter sich hatte.

Sie packte die Tür und versuchte sie zuzudrücken. Selbst eingemummt wie ein Eskimo wirkte die große Frau spindeldürr. Als er ihr helfen wollte, konnte sie die Tür trotz der heftigen Windes endlich schließen. Sie drehte sich zu Luke um. Ein paar kurze rote Haare lugten unter ihrer Kapuze hervor. Sie verzog das Gesicht, als hätte sie etwas Schlechtes gegessen oder gerochen.

„Du musst schnell kommen, Sheriff“, erklärte sie atemlos.

„Gibt es ein Problem?“ Trotz seiner Abneigung sprang Luke sofort auf die Beine und griff nach seiner Jacke.

„Amanda Bradley und Will Devlin.“

Luke entspannte sich und sank wieder auf den Stuhl. Seit mindestens zwei Jahren stritten sich Amanda und Dev um das Gebäude, das ihnen beiden gehörte. Dev betrieb in seiner Hälfte den Heartbreaker Saloon, Amanda den Ex-Libris-Buchladen in ihrer. Die beiden waren wie Öl und Wasser, und die Geschäfte passten genauso wenig zusammen wie ihre Eigentümer. Dev war fest entschlossen, Amanda ihre Hälfte mit seinem Lottogewinn abzukaufen. Allerdings weigerte Amanda sich ebenso beharrlich, zu verkaufen.

„Es ist schlimmer als je zuvor.“ Wyla klopfte sich den Schnee vom Parka. „Es geht um Leben und Tod!“

„Jetzt übertreib mal nicht. Es wird vielleicht mal etwas lauter, aber ich habe noch nie erlebt, dass Dev oder Amanda sich geprügelt hätten.“

„Vorhin standen sie kurz davor. Außerdem frieren sie sich noch zu Tode, wenn du nicht dazwischengehst.“

Ungläubig schüttelte Luke den Kopf. „Sie sind draußen? Bei diesem Wetter?“

„In Hemden!“

Luke unterdrückte einen Fluch, zog Jacke und Handschuhe an und griff nach seiner Mütze. In seinem Job musste er die Leute beinahe öfter vor ihrer eigenen Dummheit bewahren als vor kriminellen Elementen.

Ihm voraus trippelte Wyla aus der Tür hinaus auf die Main Street. Luke kämpfte sich durch das Schneegestöber, überquerte den Big Drawn Drive und ging am Friseurgeschäft vorbei auf den Saloon zu. Der Wind wehte Wyla förmlich vor ihm her.

Die Menschen in Jester hatten einen gesunden Respekt vor der Kälte. Diejenigen, die ihn nicht hatten, überlebten hier nicht. Dev und Amanda mussten sich ganz schön in Rage geredet haben, um diese Eiseskälte zu ignorieren. Luke konnte ihre Silhouetten vor sich kaum erkennen, und der Wind riss ihre Stimmen mit sich fort.

Er begann zu laufen. Diese Dummköpfe mussten ins Warme, ehe sie sich eine Unterkühlung oder gar Frostbeulen holten!

Gerade als er den Eingang zum Buchladen erreichte, trat eine Kundin aus dem Geschäft. Sie hatte den Kopf tief gegen den Wind gebeugt und die Arme voller Bücher. Luke versuchte auszuweichen, trat jedoch in dem Moment auf Eis. Es kam ihm vor, als würde er in Zeitlupe über das Eis schlittern, obwohl es vermutlich nur den Bruchteil einer Sekunde dauerte.

Der Zusammenstoß brachte sie beide aus dem Gleichgewicht, und die Bücher flogen im hohen Bogen durch die Luft. Angefeuert vom Adrenalin reagierte Luke im Nu. Wenn es sich um eine ältere Frau handelte, könnte sie sich bei einem Sturz die Hüfte brechen. Also schlang er die Arme um sie, zog sie an seine Brust und fing ihren Sturz ab, indem er sich auf den Rücken warf.

Der Aufprall war so heftig, dass ihm die Luft wegblieb. Doch vorher nahm er noch den Duft von Rosen wahr – ein vertrauter Duft, der ihn mit wehmütigen Erinnerungen und Sehnsucht erfüllte.

Wie betäubt lag er auf dem eiskalten Gehweg. Die Frau befand sich auf ihm. Trotz der dicken Kleidung schienen ihre Körper auf sehr intime Weise miteinander zu verschmelzen. Ihr Gesicht ruhte an seinem Hals, sodass er ihren warmen Atem auf der Haut spürte. Obwohl der Wind heulte, vernahm er ihr helles Lachen und Wylas Kreischen.

Gerade als Luke sich gefasst hatte und die Frau fragen wollte, ob sie verletzt sein, regte sie sich. Sie hob den Kopf, der nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Erneut verschlug es ihm den Atem.

Jennifer Faulkner!

Dunkelblonde Haarsträhnen lugten unter der Strickmütze hervor und umrahmten das engelgleiche Gesicht. Ihr Lachen spiegelte sich in den aquamarinblauen Augen, die ihn schon immer an eine tropische Lagune erinnert hatten. Ihre Mundwinkel zuckten, ihre Lippen luden zum Kuss ein, und ihre entzückenden Grübchen strahlten ihn an. Von der Kälte hatte sie rosige Wangen bekommen, und die Spitze ihrer kleinen, aber perfekt geformten Nase war ganz rot. Von den unwiderstehlichen Sommersprossen war deshalb kaum etwas zu erkennen.

Als sie ihn endlich erkannte, erstarb ihr Lachen. „Luke.“

Hastig kam sie auf die Füße. Beinahe wäre sie wieder hingefallen, wenn er sich nicht ebenfalls aufgerichtet und sie festgehalten hätte.

„He, nicht so schnell“, sagte er. Verärgert stellte er fest, dass er ein plötzliches Verlangen verspürte, das er zehn Jahre lang vergraben hatte. „Hast du dir wehgetan?“

Sie entzog sich seinem Griff, und er hätte schwören können, dass die arktischen Temperaturen um weitere zwanzig Grad gesunken waren.

„Nein“, erwiderte sie knapp. Sie wich seinem Blick aus und begann, ihre Bücher einzusammeln.

Offensichtlich hatten Dev und Amanda Waffenstillstand geschlossen, um ihr dabei zu helfen. Als Dev eines der Bücher aus einer Schneewehe fischte, riss Amanda es ihm jedoch aus der Hand. Sie wischte den Schnee mit ihrer Strickjacke ab und steckte es in eine Plastiktüte mit dem unverkennbaren Ex-Libris-Logo.

Eilig stopfte Jennifer zwei weitere Bücher in die Tüte. Vorher konnte Luke noch einen Blick auf die Titel werfen. So bekommen Sie mehr für Ihr Haus, Leben in Arizona und Langfristig investieren.

Er wollte sie beruhigen, doch Amanda Bradleys Zittern und der blaue Schimmer auf ihren Lippen erinnerten ihn daran, warum er überhaupt hier war. „Amanda“, meinte er, „sieh zu, dass du ins Warme kommst, ehe du hier draußen erfrierst.“

„Erfrieren?“, schnaubte Dev. „Diese Frau ist so hitzköpfig, die könnte glatt die ganze Stadt versengen.“

Luke drehte sich zu dem Barbesitzer um und warf ihm einen Blick zu, der schon härtere Burschen zur Räson gebracht hatte. „Wut schützt nur scheinbar vor Kälte, und ihr beide seid erstklassige Kandidaten für Frostbeulen und eine Unterkühlung. Ich schlage vor, dass ihr in eure Läden verschwindet, ehe ich euch wegen Störung der öffentlichen Ordnung festnehme.“

Der Wirt öffnete den Mund, als wollte er protestieren. Nach einem weiteren drohenden Blick von Luke überlegte er es sich aber anders. Er drehte sich abrupt um, was ein mutiges Unterfangen auf dem vereisten Gehweg war, und stapfte zurück in den Heartbreaker Saloon.

Mit einem abfälligen Naserümpfen machte auch Amanda auf dem Absatz kehrt. Sie verschwand mit Wyla Thomsen im Schlepptau im Buchladen.

Luke drehte sich zu Jennifer um und blinzelte überrascht. Sie war verschwunden.

Einen Moment lang empfand er einen starken Impuls zu fliehen. Genauso hatte er sich in den letzten Jahren hundertmal gefühlt, wenn er aus einem Traum von Jennifer erwacht war. Sein Rücken schmerzte an der Stelle, an der er auf den Gehweg gestürzt war. Dieser Schmerz überzeugte ihn, dass die Begegnung mit der Frau, die er vor langer Zeit geliebt hatte, kein Traum gewesen war. Sie war aus Fleisch und Blut und benutzte immer noch denselben Rosenduft wie mit achtzehn.

Doch das frische natürliche Mädchen von damals war in den letzten zehn Jahren zu einer kühlen eleganten Schönheit herangereift. Einen kurzen Moment lang hatte er sie im Arm gehalten, und jetzt spürte er den erneuten Verlust umso stärker.

Verärgert mahnte er sich selbst zur Vernunft. Er war dreiunddreißig Jahre alt, und die alte Schwärmerei aus seiner Jugendzeit sollte längst vergessen sein. Warum überraschte es ihn so, dass Jennifer verschwunden war? Wenn sie auch nur einen Hauch von Anstand hatte, müsste ihr das Treffen mit ihm peinlich sein. Schließlich war sie vor zehn Jahren ohne Abschiedsgruß und ohne ein Wort der Erklärung einfach gegangen.

Obwohl seine Schwester und Jennifer noch Geburtstags- und Weihnachtsgrüße austauschten, wusste er so gut wie nichts über die Frau, die ihn einmal heiraten wollte.

Damals war sie plötzlich weg gewesen, genau wie heute.

Vermutlich war Jennifer zu seiner Schwester gegangen. Auch gut. Er musste sie nicht sehen. Dabei würden nur all die alten Emotionen wieder hochkommen – er sollte nicht auch noch Salz in die Wunden streuen. Am besten vergaß er, dass er sie überhaupt gesehen hatte. Sollte sie sich ruhig das Geld ihres Großvaters unter den Nagel reißen, die Farm verkaufen und sich wieder aus dem Staub machen! Hauptsache, sie störte nicht sein friedliches Leben, das er sich ohne sie aufgebaut hatte.

Wem versuche ich etwas vorzumachen?

Angestrengt redete er sich ein, dass die bittere Kälte der Grund für den Schmerz in seinem Inneren war. Gleichzeitig spürte er, dass es derselbe Schmerz war wie in jenem heißen Sommer. Was zum Teufel hatte sie in Jester zu suchen? Hätte sich Henrys Anwalt nicht um den Verkauf der Farm kümmern und ihr den verdammten Scheck per Post schicken können?

Er stampfte mit den Füßen auf, um die Blutzirkulation in Gang zu bringen. Nachdem er die Main Street überquert hatte, kämpfte er sich durch das Schneegestöber zum Eingang des Café-Restaurants Brimming Cup. Ein heißer Kaffee und ein Teller von Dans fantastischem Chili würden ihn wieder aufwärmen.

Als Luke die Tür aufstieß, hörte er das vertraute Klingeln der Glocke. Die warme Luft umhüllte ihn, und eine erneute Woge nostalgischer Erinnerungen überrollte ihn.

Seit Shelly Duprees Eltern das Diner in den Fünfzigerjahren eröffnet hatten, hatte sich bis auf die Top Ten der Country- und Westernsongs in der Jukebox nichts verändert. Alles sah genauso aus wie damals, als er Jennifer freitags nach der Kinovorstellung zum Heidelbeerkuchen eingeladen hatte.

Wie die Straße war auch das Diner bis auf den Koch verwaist. Dan Bertram hatte die Arme auf den grauen Tresen gestützt und blätterte in einer Ausgabe der Pine Run News.

Luke setzte sich auf einen der verchromten Barhocker am Tresen und zuckte leicht zusammen, weil sein Rücken immer noch wehtat. Dan faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite.

„Nicht viel los bei diesem Sturm, wie?“, begrüßte Dan ihn lächelnd. „Was kann ich dir bringen?“

„Kaffee und einen Teller Chili.“

„Kommt sofort.“

Während Dan sich an die Arbeit machte, blätterte Luke in der Zeitung. Dabei wanderten seine Gedanken wieder zum mysteriösen Einsturz des Pavillons. Er konzentrierte sich auf dieses Problem. Im Moment war er froh um alles, das ihn von Jennifer Faulkner ablenkte.

Dan kehrte mit einem großen Becher voll dampfendem Kaffee und einem Teller Chili zurück. Das Essen war mit gehackten Zwiebeln und geriebenem Käse garniert, genau wie Luke es gern mochte.

Automatisch nahm Luke den Teller und trug ihn zu seinem Stammplatz: Vom letzten Tisch am großen Fenster konnte er die ganze Straße überblicken. Während er noch immer über den Pavillon grübelte, stellte er das Geschirr auf den Tisch und wollte sich auf die blau gepolsterte Bank setzen. Mitten in der Bewegung stellte er fest, dass die andere Bank des Tisches bereits besetzt war.

„Hallo Luke. Verfolgst du mich?“

Jennifer!

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