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Gold

ZUM BUCH

Goldrausch 1849 in Kalifornien: Abertausende ehrliche Digger arbeiten in den Claims. Da hetzten einiger Falschspieler und Mörder die ansonsten harmlosen Deutschen, Amerikaner, Chinesen, Mexikaner und Indianer gegeneinander auf.

1. Ho! Kalifornien!

»Land! – Land!«

Über die blaue, leise wogende See schallte der jubelnde Ruf von der Mastspitze herunter. »Land! Land!«, schrie es überall wie ein Echo zurück, aus der Kajüte wie aus dem Zwischendeck heraus, von einem Ende des Decks zum anderen.

Noch dämmerte kaum der Morgen, aber dieser erste lichte Streifen, der den östlichen Horizont erhellte, hatte auch die noch ferne gezackte Küste dem vom Top ausschauenden Steuermann verraten. Schon vor Tag war es ihm während der Wache einmal so gewesen, als hätte er dumpfes Brandungsrauschen vernommen. Deshalb stieg er nach oben, und der dämmernde Morgen zeigte ihm, dass er sich nicht geirrt hatte. Der Jubel über diese frohe Kunde kannte keine Grenzen, und auch der alte Seemann freute sich über die willkommene Abwechslung, wenn auch aus anderem Grund als die Passagiere.

»Gott sei Dank«, murmelte er vor sich hin, als er langsam an der Want des Fockmastes wieder an Deck herunterkam, »jetzt werden wir die verwünschten Landlubbers, das Passagierpack, endlich los. Wie die Kerle grölen, weil sie bald wieder Schlamm treten können! Das weiß ich aber gewiss, das war die letzte Fahrt, die ich mit einem Passagierschiff gemacht habe! Lieber auf einem alten Walfischfänger Blubber (Tran) auskochen, als sich noch einmal mit so einem Gesindel abzuplagen. Hallo – da kommen sie ja alle! Jetzt sieh einer diese blinden Maulwürfe!«

Er lachte grimmig vor sich hin, blieb aber noch in der Want und sah auf das Deck hinunter, wo gerade die Zwischendeckpassagiere aus der Vorderluke heraufdrängten.

Für den Seemann musste es auch ein komischer Anblick sein, wie die verschlafenen Gesichter der Leute, noch nicht recht munter, verdutzt umhersahen. Viele blickten nach oben, als wollten sie einen hohen, ganz nahen Berg betrachten. Die wenigsten von ihnen wussten auch, in welche Himmelsrichtung sie sehen mussten.

Als dann aber endlich die glänzende Sonne dem Meer entstieg, ließ sich das schwarz abzeichnende Land nicht mehr verkennen. Leider war die Brise nicht günstig, um die Küste anzulaufen. Die Brigg ›Leontine‹ musste schräg dazu hinhalten, um dann durch Segelmanöver langsam näher zu kommen.

Gegen Mittag frischte der Wind dann etwas auf, und der Bug der ›Leontine‹ konnte sich mehr der Küste zuwenden. Die Brise blieb aber sehr schwach, und das Schiff rückte trotz der ausgeblähten Segel nur langsam von der Stelle.

Den Passagieren durfte man es nicht verdenken, dass sie der Erlösung von dem engen Schiffsleben entgegenjubelten. Die ›Leontine‹, eine deutsche Brigg, hatte seit ihrem Auslaufen aus Hamburg eine fast sechsmonatige Reise hinter sich.

Unterbrochen war die Fahrt nur von einem einwöchigen Aufenthalt in Rio de Janeiro und Valparaiso. Das war allerdings nur eine kurze Abwechslung gewesen, und alle befürchteten außerdem, viel zu versäumen. Diese ersten Auswanderer nach Kalifornien, die gerade erst in Deutschland die fabelhaftesten Berichte über die Goldfunde gehört hatten, hatten alle noch den Kopf voll goldener Hoffnungen und Träume. Nach den Gerüchten fand man in den Minen eine Unze Gold täglich. Wenn man diese nur zu zwanzig Talern taxierte, konnte man sich gut ausrechnen, was man mit jeder Woche nutzlosem Warten verlor.

Endlich, endlich war das so heiß ersehnte Ufer am Horizont in Sicht, und die Leute drängten jetzt hastig durcheinander, umso rasch wie möglich ihre Vorbereitungen zum Landen zu treffen. Dabei wollte keiner noch unnötige Zeit versäumen.

Die Passagiere aus der Kajüte und vom Zwischendeck hatten sich bislang ziemlich streng voneinander getrennt gehalten. Der Kapitän des Schiffes erlaubte es auch nie, dass die Zwischendeckpassagiere das Hinterdeck betraten. Natürlich konnte er umgekehrt den Kajütpassagieren nicht verbieten, sich dann und wann unter die weniger begünstigten Passagiere zu mischen. Aber von dieser Möglichkeit hatten sie nur wenig Gebrauch gemacht. Jetzt allerdings wurde durch die Nähe des Landes jede Form aufgehoben. Es war so, als würden die Leute ahnen, dass sie doch bald alle in einen Topf geworfen wurden. Alles drängte jetzt nach vorn zur Back, dem Überbau des Vorkastells am Bugspriet. Von dort wollte man einen möglichst vollen Überblick zur Küste gewinnen.

Wie fast überall auf den Passagierschiffen, so glaubten auch hier die Reisenden, dass sie, kaum dass man Land gesichtet hatte, auch bald aussteigen könnten. Zur Freude der Matrosen putzten sich viele auch bereits für den Landgang heraus, um sich dann am Abend wieder umzuziehen.

So standen auch jetzt auf der Back der ›Leontine‹ viele Menschen in den fantastischsten Trachten. Einige hatten nur ein einfaches Hemd übergezogen, einige dünne Jacken, andere dagegen trugen die langen Jacken der Städter oder sogar einen Frack, dazu Stöcke in der Hand und hohe, schwarze Hüte auf den Köpfen.

Besonders auffallend unter ihnen war ein Mann, den man an Bord bis dahin kaum bemerkt hatte. Er trug einen erbsgelben, allerdings stark mitgenommenen Mantel, der zahlreiche Kragen verschiedener Breite aufwies. Der Mantel reichte bis auf die Knöchel herunter, wo er ein Paar schwere, mit Nägeln beschlagene Stiefel sichtbar werden ließ. Auf dem Kopf trug die Erscheinung einen schmalrandigen, abgeschabten Hut, in der Hand einen hellgrünen Baumwollregenschirm. Ob unter dem Hut überhaupt ein Kopf steckte, war nicht zu erkennen.

Neben ihm stand ein junger, sehr sorgfältig gekleideter Mann. Er hatte frisch frisierte und geölte Haare, seine Stiefel glänzten hell geputzt. Neugierig betrachtete er mehr seinen Nachbarn als das nahe Land. Es kam ihm sonderbar vor, fast ein halbes Jahr lang mit all diesen Leuten auf dem enggedrängten Schiff zusammen gewesen zu sein und jetzt plötzlich jemand zu entdecken, der ihm völlig fremd war. Hufner, wie der junge Mann hieß, war aber zu schüchtern, um ihn einfach anzusprechen. Doch ein Kaufmann, von dem man erzählte, dass er Hamburg wegen schlechter Geschäfte verlassen musste, um in Kalifornien bessere zu machen, kannte keine Hemmungen. Er zog den gelben Mantelkragen ungeniert zurück und rief dann erstaunt aus:

»Ballenstedt! Hol's der Henker, Junge, wie siehst du denn aus?«

»Wie soll ich denn aussehen, Herr Lamberg?«, sagte der junge Mann sehr ruhig, während seine Nachbarschaft in lautes Lachen ausbrach. »Man darf doch wohl seinen Mantel anziehen?«

»Natürlich darf man«, lachte der Hamburger, der sich selbst noch nicht umgezogen hatte. »Aber wenn du jetzt nicht gerade sehr frierst, hättest du dir deinen gewaltigen Überzug noch sparen können. Oder willst du gleich an Land?«

»Sowie wir anlegen!«, war die entschiedene Antwort.

»Und wo ist dein übriges Gepäck?«

»Hier!«, antwortete Ballenstedt. Dabei zeigte er ein rotes Baumwolltaschentuch unter dem Mantel, in das er seine Habseligkeiten verpackt hatte. Auch eine Schaufel kam zum Vorschein, die er jedoch schnell wieder unter dem Mantel verbarg, als er die Fröhlichkeit seiner Mitreisenden bemerkte. Aber die hatten doch viel zu sehr mit sich zu tun, um sich weiter noch um den merkwürdigen Menschen zu kümmern.

Jetzt sprangen auch die Matrosen nach vorn, um den Anker ›klar‹ zu machen, und damit wurde die Unterhaltung völlig unterbrochen. Der Ort musste geräumt werden, und die Passagiere verstreuten sich wieder über das Deck. Über die Schanzkleidung des Schiffes sahen sie weiter sehnsüchtig zum Land hinüber.

Auffallend unter ihnen war auch ein älterer Herr, der schon für den Landgang völlig gerüstet war. Eine lange Pfeife im Mund, die rechte Hand auf dem Rücken, ging er ernst auf und ab. Dabei summte er ständig eine Melodie völlig falsch vor sich hin.

»Na, Justizrat, sind Sie auch schon fertig?«, redete ihn da ein kleiner Mann in einem grauen Rock an. Er saß auf der Nagelbank des Fockmastes und hatte den Justizrat schon eine Weile lächelnd beobachtet. Er war Apotheker aus Hannover, ein drolliger, aber netter Mensch.

»Ich? – Ja!«, sagte der Justizrat und drehte sich rasch um. »Habe das verwünschte Schiffsleben satt – machen, dass ich an Land komme – daran gedenken – hol's der Teufel!«

Der Mann sprach außerordentlich schnell, musste aber noch rascher denken, denn er verschluckte immer die Hälfte seiner Worte. Die andere Hälfte polterte er so barsch heraus, dass es sich ständig anhörte, als würde er mit allen nur schimpfen.

Ohlers, der Apotheker, kannte ihn aber schon und war auch nicht der Mann, sich leicht einschüchtern zu lassen. »Der Herr Justizrat scheint mit der Behandlung nicht ganz zufrieden zu sein!«, sagte er und lachte leise.

»Hundeleben!«, bezeichnete der Justizrat kurz seine augenblickliche Situation. »Wollen's Kapitän aber schon anstreichen – Kriminalprozess!«

»Na, herzlichen Glückwunsch! Der arme Kapitän!«, sagte Ohlers.

»Ach, Justizrat, auch schon gestiefelt und gespornt?«, näselte in diesem Augenblick ein langer junger Mann, ein Kajütpassagier. Es hieß, dass seine Eltern ihn zu ihrem eigenen Besten nach Kalifornien geschickt hatten, um ihn in Hamburg loszuwerden. Er hatte die Hände in den Taschen vergraben und lehnte sich jetzt an einen Hühnerkasten auf Deck, als ob er seinen Beinen das Gewicht seines dürren Körpers nicht weiter anvertrauen wollte.

»Jawohl, Herr Binderhof!«, brummte der Angeredete, stieß eine dicke Tabakswolke aus und sah den Kajütpassagier nur über die Schulter an. »Ihnen besser gefällt – können hierbleiben!«

»Danke Ihnen, Justizrat«, lachte der Lange. »Es sei denn, Sie schenken mir weiter Ihre Gesellschaft!«

»Unausstehlicher Mensch!«, brummte der Justizrat in den Bart, qualmte noch stärker als vorher und lief auf die andere Seite des Decks.

»Verrückter Kerl«, entgegnete der Lange. »Was erzählte er Ihnen denn eben, Ohlers?«

»Oh, bloß von Ihnen, Herr Binderhof«, sagte der Apotheker.

»Von mir?«

»Ja, Herr Binderhof, er erzählte mir, wie glücklich Ihre Eltern waren, dass Sie unbedingt nach Kalifornien wollten!«

»Holzkopf!«, brummte Binderhof, verließ den Hühnerkasten und schlenderte ärgerlich zur Kajüte zurück. Ohlers sah ihm amüsiert hinterher, als Herr Hufner an ihm vorüberkam. Die Gelegenheit war zu verlockend, um nicht ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen.

»Herr Hufner, Herr Hufner, Sie scheinen auf bösen Wegen zu sein!«, drohte er ihm lächelnd mit dem Finger.

»Ich? Aber Herr Ohlers, ich wüsste nicht, weshalb? Ist etwas passiert?«, rief der junge Mann bestürzt ans.

»Noch nicht!«, sagte Ohlers ernst. »Aber Sie haben sich so herausgeputzt, als ob Sie in San Francisco auf Eroberung ausgehen wollen, und dabei sitzt Ihre Verlobte zu Hause und weint Ihnen nach!«

»Wirklich nicht, da tun Sie mir aber unrecht, Herr Ohlers!«, rief Hufner und errötete dabei tatsächlich.

»Na, na, ich hätte größte Lust, Ihrer armen Verlobten mit der nächsten Post ein paar Zeilen zu schicken und sie zu warnen!«

»Um Gottes willen, machen Sie keine Witze!«, rief Hufner erschrocken. »Sie haben keine Ahnung, wie eifersüchtig sie ist, und sie würde den Spaß sofort ernst nehmen! Glücklicherweise hat ja unsere Trennung nun die längste Zeit gedauert!«

»Was? Wollen Sie gleich wieder umkehren?«, rief Ohlers erstaunt.

»Nein, das nicht«, sagte Hufner vergnügt. »Aber es ist abgemacht, dass sie mir in drei Monaten, von meiner Abreise gerechnet, nachkommen soll. Sie kann also schon jetzt in Rio de Janeiro sein.«

»Aber was um Gottes willen wollen Sie mit Ihrer Verlobten hier in Kalifornien machen?« Ohlers schüttelte den Kopf. »Sie wissen ja selbst noch nicht einmal, was aus Ihnen wird! Hat sie denn Geld?«

»Meine Verlobte? Nein, aber da drüben liegt doch Kalifornien!«, antwortete Hufner und lächelte vergnügt.

»Sooo?«, sagte Ohlers gedehnt. »Und das ist alles?«

»Na, ist das nicht genug?«, lächelte Hufner zuversichtlich. »Ich habe volle drei Monate Zeit, mir ein Vermögen zu erwerben. Als Kaufmannsgehilfe kann ich da natürlich nicht arbeiten, selbst wenn ich drei- bis vierhundert Dollar Gehalt bekäme. Für drei Monate wären das nur höchstens tausend Dollar, und damit kann man noch nicht viel beginnen. Aber ich gehe jetzt in die Minen. Eine Unze Gold ist mir täglich sicher. Drei Monate, den Monat nur zu siebenundzwanzig Arbeitstagen gerechnet, liefern doch immerhin ein kleines Kapital von wenigstens 1620 Talern. Dabei habe ich einige glückliche Tage, die gar nicht ausbleiben können, noch nicht gerechnet. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Goldwäscher an manchen Tagen fünf- bis sechshundert Dollar gefunden haben.«

»Und nur auf solche Meldungen hin lassen Sie Ihre Verlobte nachkommen?«

»Wieso nicht?«, wiederholte Hufner erstaunt. »Als ob das nicht Sicherheit genug wäre! Fragen Sie einmal Frau Siebert, oder lassen Sie sich einmal die Briefe zeigen, die ihr Mann aus San Francisco geschrieben hat! In drei Tagen haben zwei Mann aus einer alten Schlucht für viertausend Dollar blankes Gold herausgegraben. In drei Tagen, sage ich Ihnen!«

»Da haben die beiden allerdings ein gutes Geschäft gemacht!«, meinte Ohlers. »Wie viele mögen aber da oben in den Bergen hocken und hacken und schaufeln, ohne mehr zu finden, als sie täglich für das Leben brauchen? Und wie teuer wird da oben der Proviant inzwischen sein? Nein, Hufner, wo ein Viergroschenbrot fünf spanische Dollar kostet, hört die Gemütlichkeit auf.«

»Aber weshalb sind Sie denn nach Kalifornien gegangen?«, Hufner sah Ohlers lächelnd an. Er war sich sicher, dass er ihn nun gefangen hatte.

»Also wirklich nicht, um da oben in den alten, faulen Bergen nach Gold zu buddeln!«, rief aber der Apotheker. »Kranke Menschen wird es genug in San Francisco geben. Leichtsinniges Gesindel, das sich in den Minen so lange herumgetrieben hat, bis es die Knochen nicht mehr regen kann. Die fallen mir nachher in die Hände, und dass ich die auspressen will, bis sie auch kein Korn Gold mehr hergeben, darauf können Sie sich verlassen!«

Ihr Gespräch wurde hier unterbrochen, weil zwei andere Personen den Gang heraufkamen. Sie gingen an die Larbord-Schanzkleidung und sahen zum Land hinüber. Es handelte sich dabei um die gerade erwähnte Frau Siebert und den Assessor Möhler, den gefälligsten, bescheidensten, aber auch wunderlichsten Menschen unter der Sonne.

Siebert, ein leichtsinniger Abenteurer, war nach Amerika gegangen, um sein Glück zu suchen. Frau und Kinder hatte er in Deutschland zurückgelassen und jahrelang nichts von sich hören lassen. Aber fast noch mit der ersten Kunde von Goldfunden in Kalifornien traf auch ein Brief von ihm ein. Siebert war mit anderen Deutschen bei einem Trupp Freiwilliger, die von den Vereinigten Staaten nach Kalifornien geschickt wurden. Sie sollten von dem Land Besitz ergreifen. Die bunt zusammengewürfelte Schar der Abenteurer hielt zunächst gut zusammen und besetzte ein entsprechendes Gebiet, in dem sie sich aufhielten. Kaum drang aber die Kunde der neuentdeckten Goldminen zu ihnen, als sie auch schon fast alle desertierten, um selbst nach Gold zu graben.

Es war eigentümlich, aber diesen Leuten fielen gleich zu Beginn die reichsten Stellen zu. Einige von ihnen gruben in wenigen Tagen den Goldwert von Tausenden von Dollars aus den Bergschluchten.

Zu ihnen gehörte auch Siebert, der trotz seines wilden Lebens ein gutes Herz hatte und jetzt sofort an seine Familie schrieb. Seine Beschreibung der kalifornischen Schätze lief sofort durch die Nachbarschaft und verleitete viele, die Heimat zu verlassen und ebenfalls nach den Schätzen zu suchen.

Niemand war glücklicher als Frau Siebert, die von Haus zu Haus lief und den Brief ihres Mannes vorzeigte. Wie sie dabei beneidet wurde, lässt sich denken. Sie verlor aber auch keine Zeit, um sich für die Reise zu rüsten. Das Geld für die Überfahrt hatte ihr Mann nach Hamburg überwiesen. Das erste Schiff, das nach San Francisco ging, nahm sie und ihre Kinder an Bord.

Unterwegs wurde die Frau, die so lange Zeit ärmlich gelebt hatte, mit besonderer Ehrfurcht behandelt. Ging sie doch in Kalifornien keiner unsicheren Zukunft entgegen, und ihr Mann gehörte zu den wenigen Glücklichen, die gleich zu Anfang die Schätze des Landes ausbeuten konnten. Sie hatten den Rahm abgeschöpft, und die Frau traf jetzt nur noch dort ein, um die Früchte der leichten Arbeit zu genießen. Sicherlich kannte ihr Mann die besten und reichsten Stellen in den Bergen und konnte allen die beste Anleitung geben – wenn er nur wollte. Jedermann behandelte deshalb seine Frau besonders achtungsvoll und tat alles Mögliche, um ihr nur zu gefallen. Vielleicht legte sie dann bei ihrem Mann ein gutes Wort ein!

Dieses ehrfurchtsvolle Benehmen der Leute an Bord verwöhnte sie aber. Nach dem Brief ihres Mannes musste sie sich für eine reiche Frau halten. Das bislang unbekannte Gefühl, jemanden fördern zu können, kam dazu. So schüchtern sie an Bord gegangen war, so zuversichtlich wurde sie nach und nach, und ihre Einbildungskraft half ihr dabei, sich das Leben in Kalifornien in den glühendsten, lebendigsten Farben auszumalen.

Assessor Möhler war ganz das Gegenteil von ihr. Er hatte bereits das 50. Lebensjahr erreicht, sprach aber nie über seine früheren Verhältnisse. Einige an Bord schienen ihn aber von früher her zu kennen, und so erfuhren auch die anderen bald, dass er doch in ganz guten Verhältnissen in Deutschland gelebt hatte. Es waren seine beiden verheirateten Töchter, die ihn nach Kalifornien getrieben hatten. Alles hatte er für seine Kinder getan, musste aber doch bald erkennen, dass er ihnen überall im Wege stand. Seine Kinder zeigten ihm das auch ständig, und der gutmütige Mann suchte die Schuld für das schlechte Verhältnis zu ihnen nur bei sich selbst. Allen Mitreisenden gegenüber war er liebenswürdig und gefällig, trotz häufiger Neckereien. Kein Messer wurde an Bord geschliffen, zu dem er nicht den Stein drehte, kein Knopf angenäht, den er nicht aus einem großen Vorrat zusammen mit Nadel und Faden lieferte. Sein Kochgeschirr wanderte von Hand zu Hand. Oft kam es verbeult und beschädigt zurück, und er schwor sich, nichts mehr auszuleihen. Doch dieser Vorsatz hielt nie länger als bis zur erneuten Bitte eines Reisegefährten – denn eine Bitte konnte er nun einmal nicht abschlagen.

Schon in Deutschland hatte er sich sehr gern mit kleinen Kindern beschäftigt. Die einzigen, die er an Bord vorfand, gehörten Frau Siebert. Die kleinen Wesen merkten schnell, wie freundlich er zu ihnen war. Wo er sich aufhielt, hingen sie sich an ihn, und er wurde es nicht müde, sich mit ihnen zu beschäftigen, sie zu säubern und sogar umzuziehen. Eine Menge Spiele kannte er und fertigte Bilder an, schnitt ihnen Figuren und Häuser aus Papier aus und war mit einem Wort der gute Geist der drei Kinder an Bord.

Frau Siebert hatte zunächst sehr dankbar auf seine Bemühungen reagiert. Nach und nach überließ sie aber die ganze Kinderarbeit dem Assessor und kümmerte sich dafür um seine Wäsche. Von Rio ab aber fand sie, dass eigentlich alles selbstverständlich war, und als der Assessor wieder einmal den Wäschekübel hervorholte, tat sie so, als würde sie es nicht bemerken.

Von da an war der Assessor seine eigene Waschfrau, kümmerte sich aber nach wie vor um die Kinder. Frau Siebert bedankte sich nicht mehr bei ihm, hatte sich aber vorgenommen, dass ihr Mann ihm dafür eine gute Stelle nennen müsste.

Das versprach sie dem Assessor auch von sich aus, und der gutmütige, einfache Mann freute sich aufrichtig. Kalifornien kam ihm jetzt nicht mehr so fremd und öde vor, er würde ja dort einen Freund vorfinden, der ihn mit Rat und Tat unterstützen könnte. Mit diesen Gefühlen sah er, das jüngste Kind der Sieberts auf dem Arm, zum Land hinüber. Er zeigte dem dreijährigen Jungen die Berge, hinter denen sein Vater wohnte.

»Die Frau ist versorgt«, sagte jetzt Herr Hufner mit unterdrückter Stimme zum Apotheker, »der Mann hat ein Heidenglück gehabt!«

»Wer? Der Assessor?«

»Pst, nicht so laut! Nein, ich meine Siebert. Ich weiß nicht, wie viel tausend Dollar er mit seinen Kameraden regelrecht aus der Erde geschaufelt hat. Aber solche Stellen gibt es noch mehr, und die Matrosen kennen ein gutes Sprichwort: ›Es sind noch so viele gute Fische im Meer, wie sie herauskommen!‹«

»Ja, ich kenne da auch ein gutes«, sagte Ohlers, »nämlich: ›Schuster, bleib bei deinem Leisten!‹«

»Wieso?«, erkundigte sich Ohlers erstaunt.

»Ach, ich meine nur. Ich bin aber sicher, dass die, die jetzt noch am liebsten mit der Schaufel und der Spitzhacke spazieren gehen, bald merken werden, dass das keine sehr angenehme Unterhaltung ist, die sie sich ausgesucht haben. Aber – der Geschmack ist verschieden. Wenn ich mich nicht irre, kommt da unser verrückter Amerikaner angeschlichen. Bin neugierig, was der eigentlich in Kalifornien verloren hat und was er da mit seiner Frau will!«

Der Passagier, von dem er sprach, war ein noch junger, schlanker und blasser Mann. Er war Amerikaner und wurde auf dem Schiff aufgrund seines merkwürdigen Verhaltens nur kurz ›der Verrückte‹ genannt. Schiffspassagiere sind sehr schnell mit solchen Beinamen zur Hand. Er war erst in Valparaiso mit seiner jungen, sehr liebenswürdigen Frau an Bord gekommen. Er konnte tagelang auf dem Quarterdeck sitzen, ohne ein Wort mit jemand zu reden. Dabei starrte er nur auf das Meer hinaus, in die Richtung, in der er Kalifornien vermutete. Die Zwischendeckpassagiere vermuteten, dass er sich nur einen Platz im Wasser aussuchte, wo er demnächst hineinspringen wollte.

Während der ersten Tage war er auf dem Schiff umhergewandert und musterte die Reisenden genau. Er sah sie starr und aufmerksam an, ohne einen anzusprechen. Fast schien es so, als suchte er jemand unter ihnen. Am ersten Tag hatte er sich auch die Passagierliste geben lassen und aufmerksam durchgesehen. Ob er aber einen Bekannten zu finden hoffte oder sich davor fürchtete, wusste niemand.

So war es verständlich, dass sich die Passagiere über sein merkwürdiges Verhalten die merkwürdigsten Geschichten erzählten. Aber er hielt sich still zurück, und endlich wurde man es auch leid, sich mit ihm zu beschäftigen. Er wurde kurzerhand mit seinem Beinamen abgefertigt.

Seine Frau war kaum achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Wenn sie an Deck erschien, wich sie nie von seiner Seite. Er war ihr gegenüber stets zärtlich und sehr aufmerksam, ja, er konnte dann sogar heiter sein. Nur wenn sie ihn verließ, kam wieder der düstere, unheimliche Geist über ihn.

Aber heute schien selbst ihre Gegenwart den sonst beruhigenden Einfluss auf ihn verloren zu haben. Mit dem Land in Sicht überkam ihn eine seltsame Unruhe. Immer wieder lief er über das ganze Deck bis zum Bugspriet, starrte zur Küste hinüber, als ob er damit ihre Ankunft dort beschleunigen könnte, und kehrte dann wieder auf das Quarterdeck zurück.

Ein weiterer Kajütpassagier befand sich noch an Bord. Es war ein alter Arzt, der nur ›der Doktor‹ genannt wurde. Er hatte die Nachbarkabine des Amerikaners und war der Einzige, mit dem er sich einmal unterhielt. Dann klagte er über Schmerzen im Kopf und über Beklemmungen in der Brust und ließ sich von dem Arzt leichte Medikamente verschreiben. Er nahm sie zwar gehorsam ein, aber das Übel besserte sich nicht.

Doktor Rascher bemerkte bald, dass es sich um eine Gemütskrankheit handelte, die tiefere Ursachen hatte. Alle Anspielungen darauf blieben jedoch erfolglos. Der Patient leugnete hartnäckig, irgendetwas in dieser Richtung zu kennen, und wich jeder Andeutung aus. Er schien entschlossen, den fremden Arzt nicht ins Vertrauen zu ziehen, und der konnte deshalb seinen Zustand auch nicht bessern.

Hetson, der Amerikaner, hatte wieder eine Weile über Bord gesehen, während Ohlers ihn schweigend und kopfschüttelnd beobachtete. Endlich richtete er sich auf, hob gegen Süden, von wo aus sie gekommen waren, seine Faust drohend und murmelte einige englische Worte, die weder der Apotheker noch Hufner verstanden. Dann drehte er sich wieder um, um auf das Quarterdeck zu gehen. Die nebenstehenden Zwischendeckpassagiere würdigte er mit keinem Blick.

»Ob sie wohl Irrenhäuser in San Francisco haben?«, sagte Ohlers, der ihm nachsah. »Es ist vielleicht keine schlechte Spekulation, ein großzügiges Institut da drüben anzulegen. Eigentlich und genau genommen ist schon die Hälfte von denen, die jetzt hinüberfahren, schon halb verrückt. Dass es bei den meisten dort drüben zum Ausbruch kommt, ist fast sicher. Ich muss mir die Sache noch einmal gründlich überlegen.«

Hetson ging inzwischen auf dem Quarterdeck auf und ab. Seine Frau ging zu ihm und legte ihren Arm in seinen, und das schien ihn zu beruhigen. Jedenfalls verließ er jetzt das Deck und ging in seine Kajüte hinunter.

Mittag rückte heran, und der Kapitän hatte sich mit dem Steuermann auf dem Deck eingefunden. Sie trugen ihre Geräte, um die Schiffsposition zu bestimmen. Leider versteckte sich aber die Sonne gerade gegen zwölf Uhr. Wenn auch die Seeleute versuchten, wenigstens einen Schein von ihr zu bekommen, blieb es doch vergebliche Mühe.

Auf offener See hat das nicht viel zu sagen, das Schiff hält seinen Kurs, und ein heller Tag gleicht alles wieder aus. Hier aber, dicht vor einer fremden Küste, deren Landmarken keiner von ihnen kannte, war eine Sonnenobservation wichtig. Nur so konnten sie die genaue Breite bestimmen. Bei der günstiger wehenden Brise trieben sie jetzt aber auch dem Land immer näher. Sie hofften darauf, ein anderes Schiff zu treffen, das ihnen die unbekannte Einfahrt in die Bucht von San Francisco zeigen konnte.

Mehr und mehr traten jetzt auch die schroffen, felsigen und vollkommen kahlen Küstenberge des Festlandes hervor. Deutlich konnten sie in ihrer Nähe einige Segel erkennen. Aber dadurch ließ sich nicht erkennen, wo die Einfahrt lag, denn einige fuhren südlich, andere nach Norden hinauf. Andere änderten ihren Kurs völlig und fielen vor der Küste wieder ab. Es war klar, dass diese Schiffe die Einfahrt ebenso wenig kannten wie sie selbst. So musste die ›Leontine‹ ihren Kurs wieder ändern, um den Uferklippen nicht zu nahe zu kommen.

Die Passagiere wussten allerdings nicht, was sie davon halten sollten. Auf offener See waren sie gezwungen, die Führung des Schiffes dem Kapitän zu überlassen. Sie hatten keinen Anhaltspunkt, wo sie sich befanden, und dafür waren ja die Seeleute auch zuständig. Hier aber wurde das ganz anders. Hier sahen sie das Land hell und klar mit all seinen Einschnitten und Kuppen, seinen Bergen und Tälern liegen. Dass der Kapitän da nicht geradezu drauflos fuhr und Anker warf, kam ihnen unverantwortlich vor. Man betrog sie um weitere kostbare Stunden! Die Gefahr, die ihnen vor einer fremden Küste bei plötzlich auftretendem Sturm drohte, kannten sie nicht.

Mr. Hetson war ebenfalls wieder an Deck gekommen. Der Anblick der fremden Schiffe schien ihn erneut aufzuregen. Er lief zu dem Kapitän und verlangte von ihm zu erfahren, was das für Fahrzeuge wären und wo sie herkämen. Da jedoch keines beflaggt war, ließ sich das nicht bestimmen. Nur die Stellung ihrer Segel konnte Vermutungen darüber erlauben, ob es sich um Engländer, Franzosen oder Deutsche handelte.

Die Sonne neigte sich zum Horizont, und die ›Leontine‹ brasste ihre Segel um und hielt von der Küste ab, anstatt ihren Anker auszuwerfen. Die Passagiere, die sich für den Landgang vorbereitet hatten, waren erbost. Erst mit Dunkelheit war der junge Amerikaner in seine Kajüte gegangen. Auch die meisten anderen Passagiere gingen trotz des wunderbar warmen Abends in die Hauptkajüte, um mit Kartenspielen und einer Bowle den ›hoffentlich letzten‹ Abend an Bord zu feiern.

Nur der Doktor ging mit dem Steuermann eine Weile auf dem Deck auf und ab. Als der Seemann nach vorn musste, blieb der Doktor allein stehen, lehnte sich über das Deck hinaus und sah nach dem Steuerruder hinunter, das in der leicht bewegten See einen Feuerstrudel zog und in tausend Funken blitzte und glitzerte.

»Doktor!«, flüsterte da eine leise, ängstliche Stimme an seiner Seite.

Rasch fuhr er empor, denn an der Stimme hatte er Mrs. Hetson erkannt.

Die junge Dame stand in ihren Schal gehüllt neben ihm.

»Mrs. Hetson? Was treibt Sie denn in der feuchten Nachtluft allein an Deck? Wo ist Ihr Mann?«

»Er schläft, Doktor«, antwortete die Frau sichtlich erregt. »Ich habe den Augenblick genutzt, um Sie einmal allein zu sprechen. Ich fürchte, dass wir später an Land dazu keine Gelegenheit mehr haben werden. Ich ... ich weiß nur nicht, ob Sie die Geduld haben, mir eine Viertelstunde zuzuhören.«

»Aber Mrs. Hetson, selbst wenn ich kein Arzt wäre, wäre dieser Zweifel ungerecht. Sie wollen mit mir über Ihren Mann sprechen?«

»Ja«, sagte die junge Frau leise und sah sich um, ob auch niemand in der Nähe wäre. Nur der steuernde Matrose lehnte an den Speichen des Rades, konnte aber von der mit unterdrückter Stimme und in englischer Sprache geführten Unterhaltung nichts verstehen. Der Steuermann war wieder auf das Quarterdeck gekommen und stand an einer Treppe zum Mitteldeck, um den Gang des Schiffes zu beobachten.

»Ich dachte es mir«, sagte der Arzt, »und habe mir lange gewünscht, dass Sie oder er offen zu mir wären. Ich hätte Ihnen dann vielleicht Hoffnung auf seine Heilung geben können. Sein Leiden scheint mir tief und schwer zu sein. So leicht man aber äußere Krankheiten nach ihrem Erscheinungsbild beurteilen kann, so schwer sind die Seelenleiden eines Patienten herauszufinden, wenn er dem Arzt dabei nicht hilft. Und ein seelisches Leiden ist es mit Sicherheit, unter dem Ihr Mann leidet.«

»Sie haben recht«, antwortete sie leise. »Ich habe ihn schon oft gebeten, mit Ihnen zu sprechen. Er hat mir sogar streng verboten, mit jemand überhaupt darüber zu sprechen. Aber ich fühle, dass ich nur zu seinem Besten handele, wenn ich mich darüber hinwegsetze. Ich muss auch meinethalben reden, wenn mich nicht die Sorge um ihn schließlich aufreiben soll.«

»Fassen Sie sich«, bat der alte Mann die erregte Frau und zeigte zu dem aufmerksam gewordenen Matrosen hinüber. »Die Leute verstehen fast alle etwas Englisch, und wir brauchen keinen weiteren Zeugen.«

»Ja, das ist richtig«, sagte die junge Frau jetzt völlig ruhig und gesammelt. »Seien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich etwas weiter aushole. Ich will mich dabei so kurz wie möglich fassen.«

»Gut, kommen Sie hier herüber zur Schanzkleidung. Auf die See hinausgesprochen, verhallen die Worte, und niemand an Deck kann hören, über was wir sprechen.«

Die Frau trat zu ihm, lehnte sich mit ihrem Arm auf das breite Holz und sagte dann ruhig:

»Ich will Ihnen alles ersparen, was mich selbst betrifft. Nur so viel müssen Sie aber wissen, dass ich vor etwa zwei Jahren mit einem Landsmann von mir, einem Engländer, in meiner Heimat verlobt wurde und ihn auch liebte. Er war Seemann und wollte nur noch eine Reise nach Ostindien machen, nach seiner Rückkehr wollten wir heiraten. Wenige Tage später traf die Schreckensnachricht bei uns ein. Sein Schiff war gleich beim Auslaufen aus der Themse auf den Goodwin Sands verunglückt und mit der gesamten Mannschaft untergegangen. Nur ein einziger Matrose sei wie durch ein Wunder gerettet worden und wieder an die englische Küste gebracht.

Mich warf der Schmerz um, und lange Zeit lag ich krank im Bett. Mein Vater nahm mich deshalb umso lieber mit, als man ihm eine amtliche Sendung nach Buenos Aires anbot. Luft- und Ortsveränderung sollten mich von meinem Kummer heilen.

Wir reisten ab, und schon unterwegs erholte ich mich völlig. Unser Aufenthalt in der Argentinischen Republik dauerte nicht lange. Die politischen Verhältnisse in dem unruhigen Land zwangen meinen Vater, dem allmächtigen Diktator Rosas aus dem Weg zu gehen. Wir schifften uns nach Chile ein, und in Valparaiso lernte ich meinen jetzigen Mann, Mr. Hetson, kennen. Er hatte meinem Vater in aufopfernder Weise viele Dienste erwiesen. Dabei lernten wir ihn als einen aufrichtigen und edlen Mann kennen und gewannen ihn lieb. Als er mich bat, ihn zu heiraten, willigte ich ein. Er war unendlich glücklich und trägt mich bis heute auf den Händen. Unser Hochzeitstag kam heran. Wir sollten im Hause des amerikanischen Konsuls getraut werden und waren gerade im Begriff, dorthin zu fahren. Da trafen mehrere Depeschen für meinen Vater aus Europa ein, die er natürlich bis nach dem Schluss der feierlichen Handlung liegen ließ.«

Mrs. Hetson schwieg einen Augenblick, als ob sie erst Kräfte sammeln müsse, um die Erinnerung an diese Zeit noch einmal durchzustehen. Als sie der Arzt aber mit keinem Wort unterbrach, fuhr sie endlich nach kurzer Pause langsam fort.

»Als wir nach Haus zurückkehrten, wo meine Eltern ein kleines Fest für uns arrangiert hatten, fand ich auch einen Brief für mich vor. Schon beim Anblick der Aufschrift durchlief mich ein Zittern. Ich will Sie aber nicht ermüden, sondern Ihnen einfach die Tatsachen mitteilen. Der Brief war von Charles ...«

»Von wem?«

»Von meinem früheren Verlobten«, flüsterte die Frau. »Nach dem Schiffbruch seines eigenen Fahrzeugs wurde er von einem amerikanischen Schoner gerettet. In der Nacht und am nächsten Tag tobte ein Nordoststurm und hinderte das Schiff daran, an Land zu setzen. So ließen sie Europa hinter sich, und Charles war gezwungen, die Reise nach Brasilien mitzumachen. Da aber warf ihn ein starkes Fieber monatelang auf das Krankenlager. Schon bewusstlos brachte man ihn an Land und in das Spital.

Als er wieder zu sich kam und an uns nach England schrieb, erhielt er von dort keine Antwort mehr. Wir waren abgereist und hatten sogar eine volle Woche in derselben Stadt, Rio de Janeiro, zugebracht, ohne etwas von ihm zu wissen. Sowie er sich aber wieder erholt hatte, reiste er nach England, erfuhr unseren Aufenthaltsort und schrieb uns nach Buenos Aires. Aber auch der Brief verfehlte uns, da wir inzwischen nach Valparaiso verzogen waren. Als er endlich unseren neuen Wohnort erfahren hatte, schrieb er von England erneut, schrieb von seinen Erlebnissen und seiner Liebe zu mir und dass er dem Brief auf dem Fuß folgen würde.«

»Weiß Ihr Mann von diesem Brief?«, erkundigte sich der Arzt.

»Ja«, antwortete die Frau. »Ich war schließlich verheiratet und fühlte, dass ich kein derartiges Geheimnis vor ihm haben dürfte, wenn nicht unser ganzes künftiges Glück gefährdet sein sollte. Eine Verbindung mit Charles war ja völlig unmöglich geworden, und ich hoffte, dass mein Mann mir genug vertrauen würde, meinen Versicherungen zu glauben. An diesem Abend konnte ich allerdings den Mut dazu noch nicht aufbringen.

Aber am nächsten Morgen erzählte ich ihm alles, zeigte ihm den Brief und versicherte ihm, dass ich zwar Charles früher geliebt hätte, jetzt aber entschlossen wäre, jede Verbindung mit ihm abzubrechen. Das nächste Postschiff sollte meinen Brief an ihn mitnehmen, in dem ich ihm das Geschehene auseinander setzte und ihn bat, sich mit der unabänderlichen Situation abzufinden.«

»Und wie nahm Ihr Mann das Geständnis auf?«, fragte der Arzt leise.

»Am Anfang so ruhig und vernünftig, wie ich nur hoffen und erwarten konnte«, erwiderte die Frau. »Er dankte mir herzlich für das Vertrauen und bedauerte den Unglücklichen, der durch eine Verkettung solcher Unglücksfälle um mich gebracht wurde. Er bat mich auch, ihm so rasch wie möglich zu schreiben, denn nur wenn er alles wusste, konnte er auch verstehen, wie es dazu gekommen war.

Ich schrieb also den Brief, den ich meinem Mann zu lesen gab. Er war vollkommen damit einverstanden, und die nächste Post nahm ihn nach England mit. Von diesem Tag an wurde mein Mann unruhig. Immer wieder las er Charles' Brief, in dem ja stand, dass er keine Antwort erwarte, sondern gleich selbst kommen würde.

Vergeblich versicherte ich ihm, dass ich Charles nicht sehen wollte, selbst wenn er nach Valparaiso käme. Ich war fest überzeugt, dass er sofort zurückreisen würde, wenn er erführe, was inzwischen geschehen war.

Es blieb alles umsonst. Tag und Nacht ließ es ihm keine Ruhe. Der Gedanke, dass Charles kommen und mich zurückfordern würde – so unwahrscheinlich das war –, setzte sich immer fester in ihn. In einem Ausbruch der Verzweiflung bat er mich schließlich, mit ihm in ein anderes Land zu fliehen. Er sei nicht mehr imstande, diese aufreibende Angst zu ertragen.

Ich willigte ein. Meinem Vater hatte ich alles berichtet. Er redete mir selbst zu, den Wunsch meines Mannes zu erfüllen. Da legte gerade Ihr Schiff, das nach San Francisco weitergehen sollte, an. Mein Mann entschloss sich, diese Gelegenheit sofort zu nutzen.

Unsere Vorbereitungen waren schnell getroffen. Allerdings sah ich nicht ein, weshalb sie mein Mann so heimlich betrieb. Da gestand er mir, dass er fürchte, dass mein früherer Verlobter uns auch nach Kalifornien folgen würde. Er habe deshalb beschlossen, ihn von unserer Fährte abzubringen. Im Hafen lag nämlich noch ein anderes Schiff, das nach Australien gehen sollte. Es blieb ein Brief für Charles zurück mit der Meldung, dass wir uns nach Neuholland eingeschifft hätten.

Vergeblich bat ich meinen Mann, doch bei der Wahrheit zu bleiben und sich fest darauf zu verlassen, dass Charles unsere Ruhe nicht stören würde. Schon diese Bitte weckte sein Misstrauen, seine Eifersucht. Er begann zu glauben, dass mir daran läge, ein Zeichen zu hinterlassen, und überwachte jeden meiner Schritte, solange wir uns noch an Land befanden. Meine Eltern beschwor er bei allem, was ihnen heilig sei, Charles nicht unseren wirklichen Aufenthaltsort zu verraten. Dabei befand er sich ständig in einer furchtbaren Erregung. Ich sehnte den Tag herbei, an dem wir endlich Chile verlassen konnten. Ich hoffte, dass sich seine Unruhe legen würde, wenn wir erst einmal an Bord waren.«

»Aber das hat sich nicht erfüllt?«, sagte teilnahmsvoll der Arzt.

»Nein, im Gegenteil, seit wir das Land in Sicht haben, ist es noch stärker wieder ausgebrochen. Schon in den ersten Tagen unserer Reise hatte er die fixe Idee, dass sich Charles heimlich mit an Bord geschlichen habe. Erst als er sich fest vom Gegenteil überzeugt hatte, wurde er ruhiger.

Jetzt, mit dem Land vor uns und den vielen fremden Schiffen, scheint die alte Angst noch stärker zurückzukommen. Auf jedem Fahrzeug, das den Eingang zur San-Francisco-Bai sucht, fürchtet er den Mann, den er für seinen Nebenbuhler hält. Er zittert sogar schon vor dem Betreten des fremden Bodens, weil Charles vielleicht schon eher da sein könnte.

Ich bin über seinen Zustand, der schon an Wahnsinn grenzt, verzweifelt. Deshalb drängte es mich auch, einmal mein Herz jemand ausschütten zu können. Wem hätte ich besser vertrauen können als gerade Ihnen?«

»Ihr Vertrauen soll auch nicht enttäuscht werden, verehrte Frau«, sagte der alte Mann gerührt. »Aber ich weiß nicht, wie ich Ihnen da beistehen kann. Ihr Mann hat diese unglückliche, fixe Idee, und da ist mit äußeren Mitteln nichts zu bessern.«

»Wenn man ihm nur die Nachricht bringen könnte, dass Charles wirklich nach Australien gegangen ist!«

»Um Gottes willen, nicht!«, rief der Arzt schnell. »Dann hätte er doch erst die Gewissheit, dass er Sie wirklich verfolgt, und findet nie wieder im Leben Ruhe. Wie ich hörte, kommen von Australien auch sehr oft Schiffe nach San Francisco, und jedes würde seiner Unruhe neue Nahrung geben.«

»Aber was soll, was kann ich tun? Wie soll das enden, wenn diese fixe Idee mehr und mehr überhandnimmt? Schon jetzt hält sein Körper diese ständige Aufregung kaum durch.«

»Vor allen Dingen sollten Sie weiterhin aufrichtig zu Ihrem Mann sein. Der geringste Widerspruch, den er findet, würde sein Leiden nur noch verschlimmern. Geben Sie ihm keinen Anlass zum Verdacht, und hört er auch nichts mehr von dem vermeintlichen Nebenbuhler, so ist die Zeit sein bester Arzt und wird ihn bald wieder vollkommen herstellen.«

»Aber wenn nicht?«, fragte die Frau und faltete ängstlich ihre Hände. »Wenn in dem fremden Land die entsetzlichen Träume stärker und stärker werden?«

»Vertrauen Sie auf Gott«, unterbrach sie ernst der alte Mann. »Bedenken Sie vor allen Dingen, dass Sie durch solche ängstlichen Fantasien auch Ihre eigene Gesundheit mutwillig untergraben. Seien Sie stark, das neue, aufregende Leben da drüben wird den besten und heilsamsten Einfluss auf Ihren Mann haben. Jetzt ist er noch auf dem engen Schiff eingeschlossen und Tag für Tag ohne jede Beschäftigung. Da ist es kein Wunder, wenn er sich umso stärker seiner unglücklichen Idee hingibt. Erst einmal in dem praktischen kalifornischen Leben, von all dem Drängen und Ringen nach Gold und Schätzen erfasst, wird er auch nach und nach seine trüben Gedanken vergessen.«

»Ich will es hoffen«, seufzte die Frau aus tiefstem Herzen. »Ich selber will gern alles tun, was in meinen Kräften steht, um ihn aufzuheitern und zu zerstreuen – wenn nur sein Geist nicht schon gelitten hat!«

»Das befürchte ich nicht«, sagte freundlich der Arzt. »Geben Sie sich aber nicht selber solchen gefährlichen Träumen hin, darin wird schon alles gut werden. Ich kenne ja nun sein Leiden, und sollten Sie in San Francisco meine Hilfe benötigen, so werde ich Ihnen jederzeit zur Seite stehen.«

»Das lohne Ihnen Gott«, sagte die Frau und ergriff zitternd seine Hand.

Der alte Herr bot ihr freundlich seinen Arm und geleitete sie zu der in die Kajüte hinabführenden Treppe. Dort verließ er sie, um an Deck zurückzukehren.

2. Das goldene Tor

Sonnen licht und klar brach der nächste Morgen an. Kaum warf aber der erste Dämmerschein seinen mattgrauen Strahl über die ruhig wogende See, als das Deck der ›Leontine‹ schon von Passagieren wimmelte.

»Da liegt das Land! Da ist Kalifornien!«, schoss der Ruf wie ein Lauffeuer durch das ganze Zwischendeck.

Der Kapitän hatte die erste Hälfte der Nacht so weit wie möglich vom Land abgehalten, nach acht Glasen aber (um Mitternacht) ließ er die oberen Segel abnehmen, um nicht zu viel Fortgang zu machen. Dann segelte er gerade wieder auf die Küste zu, um bei vollem Tag nahe genug zu sein. Bei dem ruhigen Wetter hatte er auch nichts für sein Schiff zu befürchten. Mit anbrechendem Morgen lag er kaum zwei englische Meilen von der Küste entfernt. Jetzt, bei guter Sicht der Brandung, lief er nach Norden auf.

Acht verschiedene Fahrzeuge konnten sie um sich zählen. Einige waren noch weiter südlich, andere weiter oben im Norden, einzelne noch draußen in See. Keines von ihnen schien aber die Einfahrt zu kennen.

»Hallo!«, schrie da plötzlich der Obersteuermann, der in das Marssegel geklettert war, um einen besseren Überblick zu haben. Er deutete mit dem Arm nach der schroffen Felsküste hinüber. »Was ist das da drüben?«

»Wo? Was gibt es dort?«, rief der Kapitän, der mit dem Fernglas in der Hand auf dem Quarterdeck stand. Er zog das Teleskop auseinander und sah hinüber.

»Ein Segel, so wahr ich lebe, das gerade aus dem Felsen herauskommt«, rief der Seemann fröhlich zurück. »Da muss die Einfahrt sein! Sehen Sie da drüben den flachen Felsenkegel, Kapitän, mit scharf ausgezackter Wand daneben?«

»Ich hab's!«, rief der Kapitän zurück, und der Steuermann ergriff ein neben ihm hängendes Seil, um blitzschnell an Deck zu gleiten.

Langes Ausschauen war nicht mehr nötig. Der Kapitän hatte mit seinem guten Fernrohr die schmale Felsschlucht ermittelt, aus der gerade jetzt das helle Segel sichtbar wurde. Im Nu flogen die Rahen herum, und der Bug strebte der ersehnten und lange gesuchten Einfahrt entgegen.

Auch die anderen Fahrzeuge hatten aufgepasst. Als sie die plötzliche Kursänderung der ›Leontine‹ bemerkten, änderten sie auch alle ihren Kurs. Vielleicht hatten sie auch schon das Segel entdeckt und dort die Einfahrt vermutet.

Je näher man jetzt der Küste kam, umso deutlicher erkannte man, dass sich dort die schroffen Felsen trennten und einen schmalen, kanalartigen Eingang bildeten. Gerade in diesem Augenblick kam noch eine amerikanische Brigg heraus, und sie wussten nun, dass sie wirklich vor dem Golden Gate, dem Goldenen Tor, Kaliforniens lagen.

Das war ein Jubel an Bord, als sich die Passagiere plötzlich ihrem Ziel so nahe sahen! Alles drängte nach vorn, das so lange ersehnte Ufer endlich begrüßen zu können oder um wenigstens zu den hohen, kahlen Felsen zu starren, die rechts und links die Einfahrt bezeichneten. Zwischen den Passagieren, die überall im Wege standen, pressten und schoben fluchend die Matrosen. Wo das nicht genügte, machten sie ohne Weiteres von ihren Fäusten Gebrauch, bis sie genug Raum für ihre notwendigen Arbeiten hatten.

Jetzt, wie mit einem Zauberschlag, klafften die beiden schroffen Felsenwände zurück. Das Fahrzeug schoss, von Wind und Flut begünstigt, rasch durch die enge Straße. Weit voraus öffnete sich das herrliche, großartige Wasserbecken der Bai von San Francisco. An der rechten Seite konnten sie, von einer vorspringenden Landzunge geschützt, den Mastenwald der dort ankernden Schiffe erkennen.

Das war ein Drängen und Fragen und Jubeln und Laufen an Bord! Immer mehr entfaltete sich das Leben der Bai vor ihren Augen, aber zum Antworten hatte niemand mehr Lust oder Zeit. Jeder wollte nur sehen und genießen. Gerade voraus enthüllte sich mit jeder Schiffslänge mehr das eigentliche Ziel der langen Fahrt, die Hauptstadt ihrer goldenen Träume, San Francisco.

Noch konnten sie erst einzelne, verstreute Häuser und Zelte auf den nächsten Hügeln erkennen. Plötzlich aber, als sie die Spitze der Landzunge umfuhren, lag die merkwürdigste Stadt der Erde in ihrer ganzen Ausdehnung vor ihnen. Im Vordergrund lagen Hunderte von abgetakelten Schiffen, den Hintergrund bildeten kahle Berge.

Der niederrasselnde Anker – die herrlichste Musik nach so langer Fahrt – brachte sie auch erst wieder richtig zu sich und verkündete ihnen, dass ihr passives Leben, das sie fast ein halbes Jahr geführt hatten, jetzt einem abwechslungsreichen Platz machen müsse.

Der Anker fasste – das Hinterteil ihres Fahrzeugs schwang herum, den Bug jetzt wieder der Einfahrt zugekehrt. Zu gleicher Zeit fielen die Rahen und flatterten die gelösten Segel. Die Matrosen kletterten nach oben, um die in der scharfen Brise wehende Leinwand zu beschlagen.

Das Manöver, das sonst die volle Aufmerksamkeit der Passagiere hatte, blieb jetzt völlig unbeachtet. Da draußen war mehr zu sehen, als ihnen ihr eigenes Schiff und die Besatzung bieten konnten. Wer nicht gerade damit beschäftigt war, sein eigenes Gepäck zusammenzuraffen, stand an der Schanzkleidung und sah zu dem lärmenden Leben und Treiben der Bai hinüber.

Vielleicht zweihundert Schritt von der ›Leontine‹ lag eine Bremer Barke, die ebenfalls gerade erst eingelaufen war. Sie hatte ein flaches Boot längsseits, in das die Seeleute die Gepäckstücke der Passagiere hinabließen.

Das Fahrzeug war geräumig genug, um eine ziemlich schwere Last und eine Anzahl von Menschen zu fassen. Kisten und Kästen, Ballen, Fässer, Koffer und Hutschachteln standen schon in großer Menge weggestaut. Die bunt zusammengewürfelte menschliche Fracht hütete ihr Eigentum und wartete auf den Moment des Abstoßens.

Fast alle waren bis an die Zähne bewaffnet mit Flinten, Pistolen, Säbeln und Dolchen. Ganze Bündel Spaten, Spitzhacken und Brecheisen lagen ebenfalls in dem Boot aufgeschichtet. Ein paar matrosenähnliche Burschen mit roten, chinesischen Schärpen und Strohhüten auf, aber unbewaffnet, schienen die Führer des kalifornischen Bootes zu sein.

»Alle an Bord?«, rief jetzt der Steuermann der Bremer Barke vom Deck hinunter.

»Alle – Gott sei Dank, dass wir dieses nichtsnutzige Schiff hinter uns haben!«, schrie einer der Passagiere.

»Ihr werdet froh sein, wenn ihr hier trockenes Brot zu kauen habt!«, rief der Kapitän vom Quarterdeck.

»Und das wird uns schmecken, wenn wir Ihre Fratze dabei nicht mehr sehen müssen, Kapitän Meier!«, lautete die wenig schmeichelhafte Antwort.

»Werft die Falle da los!«, tönte der Ruf des Steuermanns über Deck. »Na, was soll das? Was schleppt ihr das Boot noch weiter nach vorn? Hinunter mit den Tauen!«

»Jawoll, Stürmann!«, lachte einer der Matrosen. »Alles in Ordnung – soll gleich besorgt sein!«

»Halt! Was werft ihr da noch hinunter?«, schrie der Steuermann plötzlich, als sechs oder acht weißleinene, festgeschnürte Säcke in das Boot hinabflogen. »Was ist das? Was geht da vor?«

»Nichts, mein Herzchen, nur unsere Garderobe«, lautete die Antwort des Matrosen zurück. Wie die Katzen folgten ebenso viele Seeleute ihrem vorangegangenen Eigentum in das Boot.

»Halt, Donnerwetter, das wird zu viel! Wir sinken!«, riefen die beiden Eigentümer.

»Gott bewahre, Kameraden. Stoßt ab! Ahoi!« Damit stemmten sie sich gegen die Außenwand ihres Schiffes und schoben das vierkantige Fahrzeug ein Stück in das offene Wasser hinaus.

»Ihr dürft nicht abstoßen! Bleibt hier! Halt! Meine Jolle hinunter!«, schrie und tobte der Kapitän auf seinem Deck herum. Die Flucht seiner Leute direkt vor seinen Augen war für ihn kein Spaß.

Die Bootsführer kümmerten sich aber wenig um seine Ausrufe. Sie bekamen von jedem Kopf, den sie mehr hinüberbrachten, einen Dollar extra, und dann waren sie selbst weggelaufene Matrosen, die andere Kameraden nicht so leicht im Stich ließen. Sie führten zwar nur zwei Ruder, und das Boot ging so schwer im Wasser, dass sie entsetzlich langsam damit fortrücken konnten. Aber das Land war auch nicht weit entfernt. Das erst erreicht, und alle Kapitäne der Bai hätten sie nicht wieder holen können.

Kapitän Meier dachte nicht daran, sie erst bis ans Land zu lassen. Er hoffte immer noch, genug Autorität über seine Leute zu besitzen, um sie vorher zurückzuholen.

Rasch sank seine schon bereitgehaltene Jolle auf das Wasser. Mit seinen beiden Steuerleuten, dem Zimmermann und dem Koch setzte er den Flüchtlingen nach, die er auch bald eingeholt hatte. Das viereckige, kastenartige Fahrzeug war gerade vor dem Bug der ›Leontine‹ vorübergefahren, und zwar so dicht, dass das eine Ruder die angespannte Ankerkette streifte. Da schoss die leichtgebaute Jolle heran, und der Kapitän beorderte seine Leute barsch zu sich an Bord herüber. Sein Empfang war aber nicht ermunternd.

»Komm herüber und hol uns, Schatz!«, riefen ihm die Matrosen höhnend zu. Die Passagiere überhäuften ihren Schiffsführer mit Schmähungen. Alle nur denkbaren Schimpfwörter wurden gegen ihn geschleudert. Dabei blieb es nicht, denn Stückchen mit hartem Zwieback flogen gegen ihn, und mit den Blechbechern schöpften einige Wasser und gossen es nach ihm.

Kapitän Meier sah ein, dass da mit Gewalt nichts zu machen war. Er ließ den Bug des Schiffes herumwerfen und hielt, so schnell es ging, auf die nächste Landung zu. Wahrscheinlich wollte er dort gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Wenn das seine Absicht war, kam er jedenfalls zu spät, denn das Lichterboot gelangte bald darauf an eine Stelle, wo die Matrosen bequem an Land konnten. Sie schulterten ihre Säcke, zahlten ihr Überfahrtsgeld und waren im nächsten Augenblick im Gewühl am Ufer verschwunden. Das Boot ruderte jetzt langsam dem gewöhnlichen Landungsplatz entgegen.

Es schien so, als wollte der Kapitän der ›Leontine‹ seinem Kollegen zu Hilfe eilen. Er besann sich dann jedoch und mischte sich nicht in die Auseinandersetzung, denn ein günstiger Ausgang wäre sehr zweifelhaft gewesen.

Die Passagiere und besonders die Matrosen hatten dieser Szene mit großem Interesse zugeschaut. Wie auf Verabredung stockten alle Arbeiten. Der Kapitän selbst vergaß ganz, dass sich die eigenen Leute vielleicht daran ein Beispiel nehmen könnten. Als die Deserteure mit Jubel den Abhang hinunterliefen, rief er seine Mannschaft mit lauter und barscher Stimme an die Arbeit zurück.

Dadurch wurden auch die Passagiere gemahnt, ihre Zeit nicht nutzlos zu vergeuden. Dort drüben lag Kalifornien, und alles drängte und schrie durcheinander nach einem Boot, um das Schiff so schnell wie möglich zu verlassen.

Die Auswanderer nach Nordamerika oder Australien scheuen sich, ihr Schiff gleich am ersten Tag der Ankunft zu verlassen. Sie wollen sich doch erst einmal umsehen und den Boden kennenlernen, auf dem sie ihre neue Heimat gründen wollen. Aber hier suchte sich alles rücksichtslos eine Gelegenheit, schnell an Land zu kommen, Boden zu gewinnen, den man mit Spaten und Spitzhacke bearbeiten konnte. Dass dort Gold lag, verstand sich von selbst.

In diesem Drängen konnte sich natürlich keiner um den anderen kümmern. So geschah es denn auch, dass Frau Siebert, der man bis dahin jede Freundlichkeit erwiesen hatte, allein und unbeachtet mit ihren drei Kindern an Deck stand. Mit klopfendem Herzen sah sie auf die Bai, von wo sie jeden Augenblick das Boot ihres Mannes erwartete. Das geankerte Schiff zeigte schon lange die Hamburger Flagge, er wusste, dass sie von dort um diese Zeit eintreffen musste, und hatte sicher schon seit Wochen auf sie und die Kinder gewartet. Er hatte ja auch in seinem Brief versprochen, sie gleich von Bord abzuholen – aber er kam nicht.

Nur der alte Assessor Möhler war bei ihr geblieben. Er sorgte sich um das jüngste Kind, das in der allgemeinen Verwirrung an Deck vielleicht zu Schaden kommen könnte. Dann sagte ihm auch ein nicht gerade ermutigendes Gefühl, dass er immer noch früh genug das fabelhafte Land betreten würde. So gab er der Frau Schutz und suchte zugleich auch bei ihr Schutz. Er glaubte auch, dass er unter keinen günstigeren Umständen die Bekanntschaft des reichen Kaliforniers machen konnte.

Eine große Anzahl der kleinen Boote kreuzte herüber und hinüber zwischen den verschiedenen Schiffen und dem Land, oft dicht auch an ihrem Schiff vorbei. Wenn sie angerufen wurden, schüttelten sie den Kopf oder antworteten nicht, sie hatten ein anderes Ziel. Was kümmerten sie die Neuangekommenen, denen Schiff auf Schiff folgte.

Nur ein paar leere Boote, von einzelnen Männern gerudert, legten längsseits, um Passagiere mit hinüberzunehmen. Es waren Amerikaner, die sich mit ihren eigenen Booten auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienten. Die Passagiere wunderten sich darüber, solche Leute noch hier zu finden. Warum waren die nicht oben in den Minen und gruben Gold?

Mr. Hetson hatte seit dem Passieren des Goldenen Tores das Deck noch keinen Augenblick verlassen. Er rief jetzt eines der Boote heran und mietete es für einen enormen Preis für seine Frau und sein Gepäck. Andere Boote wurden von den übrigen Kajütpassagieren in Beschlag genommen. Mehrere Stunden mochten vergangen sein, als das viereckige, kastenähnliche Fahrzeug, das den Matrosen der Bremer Barke zur Flucht verholfen hatte, zwischen den Schiffen sichtbar wurde und auf sie zuhielt.

Der Kapitän der ›Leontine‹ war inzwischen schon lange mit seiner eigenen Jolle an Land gefahren, und der Steuermann wollte das gut gemerkte Fahrzeug nicht anlegen lassen. Den Passagieren brannte aber das Deck unter den Füßen, und sie drohten dem Seemann, ihn über Bord zu werfen, wenn er ihnen verbieten wolle, das Schiff zu verlassen.

Das leichte Boot nahm übrigens keinerlei Notiz von den drohend hinübergerufenen Worten des Offiziers. Einige Passagiere warfen Taue hinunter, und die Matrosen sahen tatenlos zu. Alle, die ihr Gepäck schon bereit hatten, reichten Koffer und Kisten hinunter. Dann kletterten sie, so schnell sie konnten, hinterher.

Von dem Treiben völlig unberührt, stand Frau Siebert an Bord und hatte nur Augen für die vom Land abstoßenden Boote, um dann immer wieder enttäuscht zu werden. Der alte Assessor sprach ihr ständig Mut zu und bat sie, nicht ungeduldig zu werden. In dem Wirrwarr an Land hätte Herr Siebert die Ankunft ihres Schiffes übersehen können. Wenn er aber darauf gewartet habe, dann hätte er auch die ihnen folgende Flotte bemerken müssen. Noch eine Hamburger und eine Bremer Flagge wehten von deren Masten, und es wäre doch möglich, dass er zuerst zu den falschen Schiffen gefahren sei.

Die Frau nickte schweigend. So zuversichtlich sie bislang aufgetreten war, so beengend war jetzt das Gefühl, das sie, eingenommen hatte. Sie kam sich einsam und verlassen in dem fremden Land vor. Natürlich wusste sie, dass das ja nur für ein paar Stunden dauern musste, aber sie hatte sich den Empfang doch anders ausgemalt. Sie hatte gehofft, dass ihr Mann an Bord springen würde, solange noch alle Passagiere versammelt waren, um sie dann im Triumph an Land zu bringen. Und jetzt – ein Boot nach dem anderen glitt an ihnen vorüber, und in keinem war der so heiß Erwartete.

Der Eigentümer des viereckigen Lichterboots war mit an Bord gekommen und lehnte an der Schanzkleidung, um das Einladen der Fracht zu überwachen. Was sonst an Bord vorging, schien ihn überhaupt nicht zu interessieren, denn er hatte nur Augen für die auf seinem Boot eingestauten Güter. Der Assessor stand kaum zwei Schritt von ihm entfernt, aber der Bootsmann drehte ihm den Rücken zu und überhörte auch ein paar höflich an ihn gerichtete Fragen des alten Mannes. Wer von ihm etwas erfahren wollte, musste laut sprechen.

»Heda, Hans!«, rief er da plötzlich in deutscher Sprache einem der Männer im Boot zu. »Donnerslag, pack nich alles da hinüber nach Stürbord. Du willst uns woll den Kasten umdrehn?«

»Aber die Passagiere ...?«, rief der Mann zurück.

»Die sollen sehen, wo sie Platz finden!«, lautete die Antwort. »Hinüber damit, Junge, wir können ja sonst das eine Ruder nicht führen!«

»Verzeihen Sie«, fasste sich der Assessor jetzt ein Herz, als er den Mann deutsch sprechen hörte. Er klopfte ihm leicht auf die Schulter.

»Ja?«, sagte der Seemann und drehte den Kopf nach ihm um.

»Kennen Sie einen Herrn Siebert hier in Kalifornien?«, erkundigte sich der Assessor. Er war jetzt fest entschlossen, die Sache aufzuklären. Die Frau horchte auf, als sie den Namen hörte.

»Ja, guter Mann, Kalifornien ist groß, und da mögen schon einige Siebert herumlaufen. Einen Gottlieb Siebert habe ich allerdings gekannt, wenn es der sein soll?«, antwortete der Bootseigentümer und sah wieder aufmerksam zu seinem Fahrzeug.

»Gottlieb heißt mein Mann!«, rief da die Frau und trat rasch auf den Bootsführer zu. »Kennen Sie den, guter Freund, und ist er in San Francisco?«

»Hm«, sagte der Mann und drehte sich nach ihr um. »Sie sind seine Frau? Ja, ich weiß, er hat sie von Deutschland erwartet.«

»Ist er in San Francisco?«, bat die Frau.

»Jedenfalls nicht weit davon«, murmelte der Deutsche leise vor sich hin und spuckte seinen Tabaksaft über Bord. »Tut mir leid, Madame, den ... haben wir vorgestern begraben.«

»Begraben?«, schrie die Frau und fasste in Todesangst den Arm des Mannes, der ihr die furchtbare Nachricht übermittelt hatte. Selbst der Assessor setzte das kleine Kind, das er bislang auf dem Arm hatte, auf das Deck, denn er befürchtete, dass er es fallen ließe. Der Schreck war ihm in die Glieder gefahren. Der Deutsche nickte und sagte:

»Ja, tut mir leid, aber ... Sie hätten es ja doch erfahren müssen, und so ist es vielleicht besser, Sie hören es gleich von Anfang an. Er ist an einer Art Ruhr gestorben, und die Sache muss entsetzlich schnell gegangen sein. Abends waren wir noch zusammen, am anderen Morgen lag er tot in seinem Bett.«

Frau Siebert war in die Knie gesunken und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Ein paar Passagiere kamen näher, um zu erfahren, was passiert sei.

»Siebert ist tot!«, ging da die Nachricht von Mund zu Mund. »Na, das ist eine schöne Geschichte – die arme Frau, die sitzt jetzt da. Was ist aus seinem Gold geworden?«

Der Deutsche zuckte die Achseln.

»Es sind böse Zustände hier in Kalifornien«, meinte er. »Es sollte mir lieb sein, wenn seine Frau noch etwas davon fände, aber ... es sind schon zwei Tage vergangen. Na, jetzt fragt mal in Nergels deutschem Boarding-Haus nach. Halt, da, Hans ... nimm nichts mehr ein – wir haben genug! Was jetzt nicht mitkann, muss bis zur nächsten Fuhre warten. Runter mit euch, wer mitfahren will, wir stoßen jetzt ab, und wer nicht drin ist, bleibt zurück!«

Der Mann schwang sich dabei auf die Schanzkleidung und hinüber. Er wollte eben nach unten gleiten, als der Assessor noch einmal seinen Arm ergriff.

»Wie hieß das Haus, das Sie uns nannten? Wo hat Siebert gewohnt?«, fragte er rasch und ängstlich.

»Nergels Boarding-Haus«, lautete die kurze Antwort. »In der Pacific Street.« Im nächsten Augenblick war er unten bei seinen Leuten.

Ihm drängten die Passagiere nach, die ihre Sachen bereits im Boot hatten. Andere winkten ein ähnliches Boot heran, das gerade vorüberfuhr und dem Ruf folgte. Schließlich fuhren sie in der Bucht nur umher, um Passagiere und Güter von den frisch eingelaufenen Schiffen an Land zu befördern. Um die Frau kümmerte sich niemand mehr, auch wenn sie der Meinung waren, dass es wohl schlimm für sie wäre, ohne Mann allein in Kalifornien zu sitzen. Aber sie hatten alle viel zu viel mit sich selbst zu tun und konnten ja doch nichts an ihrer Lage ändern.

Nur der alte Assessor war zurückgeblieben. Als das zweite Lichterboot von Bord abstieß, kauerte Frau Siebert immer noch auf dem Deck, das Gesicht hinter ihren Händen versteckt. Der alte Mann stand neben ihr, hielt das jüngste Kind auf dem Arm und zeigte ihm die lebendige Bai. Das Herz blutete ihm, als er dem Kind das rege, lustige Treiben da drüben zeigte, um es abzulenken.

3. Auf kalifornischem Boden

Während einer so langen Seereise auf engem Raum zusammengedrängt, gewöhnen sich natürlich die Passagiere aneinander. Man isst aus einem Topf, schläft unter einem Deck zusammen und ist so daran gewöhnt, die gleichen Gesichter jeden Tag zu begrüßen, dass einem etwas fehlt, wenn man am nächsten Tag die alten Gefährten nicht wieder begrüßt. Unterwegs werden oft Pläne gemacht, dass man nach der Landung zusammenhalten oder sich zumindest später schreiben will. Was geschieht nach der Landung?

Wenn man einen Tropfen Quecksilber auf den glatten Boden wirft, so hat man einen guten Vergleich zu einer Schiffsgesellschaft an Land. Der erste Schritt im Goldland trennt alle Bande, löst alle Versprechungen und verstreut die Einzelnen wie Spreu im Wind.

Schon auf dem Überfahrtsboot existierte keine Gemeinschaft mehr. Jeder musste auf sein eigenes Gepäck aufpassen und seine in verschiedene Ecken geworfenen Sachen zusammensuchen. Sowie das Boot festen Grund berührte, keuchte alles den ziemlich steilen, staubigen Hang hinauf, umso schnell wie möglich in das neue Leben einzutauchen. Wer dachte hier noch daran, sich von den Reisegefährten zu verabschieden? Fand man sich später wieder zusammen, umso besser. Falls nicht – nun, hier war Kalifornien, und jeder musste sehen, wie er durchkam.

Mr. Hetson hatte mit seiner Frau die Landung schon viel früher erreicht. Ein leerer Karren, der Waren an den Strand brachte, stand zufällig bereit. Er wurde sofort gemietet, um ihr Gepäck in irgendein Hotel zu bringen. Es ging eine Weile durch die bunten Straßen dieser wunderlichen Stadt, die eine Mischung aus Zelten und Schuppen bildete. Dann hielt er vor einem typischen Gebäude, halb Zelt, halb Hütte. Die Wand neben der Tür bestand aus übereinandergenagelten Brettern, die andere Seite aus Segeltuch. Über dem Eingang stand mit großen, schwarzen Buchstaben der Name »Union Hotel«. Kein Zweifel, man hatte ein Hotel erreicht!

»Union Hotel« – der Verschlag sah eher einer Jahrmarktsbude ähnlich, in der man für wenig Eintrittsgeld Kuriositäten sehen konnte. Aber lieber Gott, in solch einem ›neuen‹ Lande durfte man auch nicht hoffen, die Bequemlichkeiten des alten Vaterlandes wiederzufinden. Vielleicht hielt auch das Innere mehr, als das Äußere versprach. Hetson wollte jedenfalls erfahren, ob er hier ein eigenes Zimmer für sich und seine Frau bekommen konnte.

Auf den Ruf des Karrenführers war eine Art Kellner in der Tür erschienen. Ohne Weiteres griff er einen Koffer und eine Hutschachtel auf und wollte damit wieder im Inneren verschwinden.

»Halt!«, rief ihm Hetson nach. »Kann ich hier ein eigenes Zimmer bekommen?«

»Eigenes Zimmer? Natürlich!«, sagte der Kellner. »Nr. 7.« Damit tauchte er wieder hinter der Leinwand unter.

Hetson blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, um den Platz näher zu betrachten. Aber selbst die bescheidensten Anforderungen fand er hier nicht erfüllt. Ein ›eigenes Zimmer‹ zeigte ihm der Kellner, aber es war nur ein kleiner Verschlag, eine Art Zeltabteilung, die einfach durch ein Stück blaues Kattun hergestellt war. Das ganze Hotel bestand aus acht oder zehn solcher Abteilungen, die nach oben offen ein gemeinsames Dach hatten. Sie erinnerten ihn an die Abteilungen, in denen man sich in Badeanstalten umziehen konnte.

Das konnte vielleicht eine Weile für Männer als Aufenthaltsort ausreichen. Man konnte jedenfalls darin existieren und es als eine Art Biwak betrachten. Aber eine Dame konnte hier auf keinen Fall einquartiert werden.

Der Karrenführer hatte inzwischen schon den größten Teil des Gepäcks heruntergegeben. Da erklärte Mr. Hetson, dass er hier unter keinen Umständen bleiben wollte. Ein passender Platz wäre wohl noch zu finden, ein schlechterer konnte es kaum werden.

Rasch ging er deshalb wieder zu dem Karren hinaus, um ihn als Transportmittel zu sichern. Ziemlich ratlos sah er auf die Menschenmenge, die die Straße hinauf- und hinunterwog. Da blieb ein Mann vor ihm stehen, betrachtete ihn einen Augenblick aufmerksam und rief dann aus:

»Hetson! Bei allem, was lebt! Kamerad, welcher glückliche Wind hat dich nach Kalifornien getrieben?«

Der Mann war eine so auffallende Persönlichkeit, dass jeder, der ihn einmal gesehen hatte, ihn nicht wieder vergessen konnte. Trotzdem konnte ihn Hetson, als er ihn überrascht ansah, nicht erkennen.

Um die große, kräftige Gestalt hing eine bunte, mexikanische Serape. Er trug sie in der Art der Spanier und Kalifornier, über die linke Schulter geschlagen. Seinen Kopf bedeckte ein breitrandiger, brauner Filzhut, unter dem die kleinen, stechenden, schwarzen Augen aus einem Wald von Kopf- und Barthaaren hervorsahen. Seine Beine steckten in Hosen aus schwarzem Samt, an der Seite offen und reich mit silbernen Knöpfen verziert. An den Schuhen klirrten schwere mexikanische Sporen aus polierter Bronze. An seiner weißen, fast zarten Hand funkelten fünf oder sechs Ringe mit Steinen, als er sie dem jungen Amerikaner entgegenhielt. Aber wer war der Mann?

»Entschuldigen Sie vielmals, Sie scheinen mich zu kennen, aber ich kann mich nicht erinnern, wo ...«, sagte Hetson etwas verlegen.

»Hahahaha!«, unterbrach ihn da lachend der Bärtige. »Habe ich mich so verändert, dass mich selbst ein alter Kommilitone nicht erkennt? Du erinnerst dich wohl nicht mehr an Bill Siftly, he?«

»Siftly? Ist das möglich?«, rief Hetson jetzt erfreut und ergriff seine Hand. »Das ist allerdings ein tolles Zusammentreffen. Du musst mir später erzählen, wie du hierher gekommen bist. Jetzt möchte ich dir meine Frau vorstellen.«

»Deine Frau!«, rief der neugefundene Freund erstaunt aus und drehte sich rasch nach der Dame um.

»Gentlemen!«, unterbrach da der Karrenführer die Unterhaltung. »Ich kann mir wohl denken, dass es schön sein muss, in diesem blutigen, verbrannten Land einen alten Bekannten zu treffen. Die Geschichte geht mich aber nichts an, und ich kann hier nicht stundenlang halten und meine Zeit versäumen. Zeit ist hier Geld, und wenn Sie mich nicht mehr benötigen, so bezahlen Sie mich.«

»Was ist, kommst du gerade erst an?«, erkundigte sich Siftly rasch.

»Ja, und ich suche ein Hotel, wo ich mit meiner Frau wohnen kann. In dem Nest hier ist es unmöglich.«

»Das kann ich mir denken«, lachte Siftly. »Aber ich kenne ein besseres. Dreh den Karren um und fahr zum Parkerhaus!«

»Kein Platz mehr«, brummte der Fuhrmann. »War schon vorhin mit einer anderen Ladung dort.«

»Ich mache euch Platz«, sagte Siftly zuversichtlich. »Komm mit mir, Hetson, und ich garantiere dir, dass sie dich aufnehmen. Lade alles wieder auf, was da liegt, wir sind gleich dort.«

Der Mann gehorchte mit ziemlich mürrischem Gesicht. »Fehlen noch zwei Stück, die der Kellner in das Haus getragen hat«, sagte er dann.

»Ach ja, ein Koffer und eine Hutschachtel«, rief Hetson. »Bitte, Kellner, bringen Sie die beiden Stücke wieder heraus.«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte der Angesprochene, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren. »Sobald Sie mir die fünf Dollar Miete für den heutigen Tag bezahlt haben.«

»Die Miete für den heutigen Tag?«, rief der junge Amerikaner erstaunt aus. »Ich habe noch gar nicht daran gedacht, mich hier einzumieten!«

»Sie haben von dem Zimmer mit Ihrem Gepäck Besitz ergriffen«, sagte achselzuckend der Kellner. »Ich hätte es in der Zwischenzeit schon dreimal wieder vermieten können. Wenn Ihnen unser Hotel nicht gut genug ist, zahlen Sie, was Sie schuldig sind, oder Sie bekommen Ihr Gepäck nicht eher wieder.«

»Das ist doch ein starkes Stück!«, rief Hetson wütend. »Ich will doch einmal sehen, ob ...«

»Zahle, um Gottes willen!«, beschwichtigte ihn jedoch Siftly. »Lass die Gerichte in Frieden, wenn du nicht hundert Dollar für deine fünf loswerden willst. Du kannst noch froh sein, dass der junge Herr mit der weißen Schürze nicht unverschämt war und zwanzig forderte. – Ich werde Sie empfehlen, Jack!«, wandte er sich dann an den Kellner. »Jetzt aber die Sachen heraus, denn unser Fuhrmann wird ungeduldig. Sie bekommen das Geld.«

Der Bursche nickte nur kurz mit dem Kopf, verschwand in der Tür und kam nach wenigen Minuten mit dem Gepäck zurück. Es wurde auf den Karren geworfen, Hetson zahlte und bot seiner Frau den Arm. Wenige Minuten später erreichten sie den Hauptplatz der Stadt, die sogenannte Plaza, und damit das Parkerhaus, ein mehrstöckiges hölzernes Gebäude.

Siftly hielt Wort. Der Wirt räumte dem Ehepaar eine kleine Stube. Mrs. Hetson konnte sich bald wenn auch nicht wohnlich, so wenigstens erträglich einrichten. Hetson hatte seinen so zufällig gefundenen Universitätsfreund gebeten, unten auf ihn zu warten. Siftly wollte ihn im Schenk- und Spielsalon des Hauses treffen. Nachdem die wichtigsten Sachen ausgepackt waren, stieg Hetson die schmale Treppe wieder hinab. Auf dem ersten Gang traf er auf Doktor Rascher von der ›Leontine‹, der eben seine Zimmertür hinter sich abschloss.

»Ah, sieh da, Mr. Hetson!«, begrüßte er ihn erfreut. »Haben Sie sich ebenfalls hier einquartiert? Das Haus ist wie ein Bienenstock, und Ihre Frau wird nicht viel zur Ruhe kommen.«

Hetson drückte ihm die Hand. »Ich freue mich, wenigstens Sie in der Nähe zu haben, Doktor. Wollen Sie in San Francisco bleiben?«

»Zunächst ja«, erwiderte der alte Mann. »Später werde ich aber hinauf in die Berge ziehen, um mir das Leben dort einmal mit anzusehen.«

»Und Gold zu graben?«

»Nein, das nicht«, lächelte der Doktor gutmütig. »Dazu reichen meine Kräfte wohl nicht aus. Der Hauptzweck meiner Reise ist, die Flora des Landes zu untersuchen. Ich will nicht im Mineralreich, sondern in der Pflanzenwelt meine Schätze sammeln. Ich glaube kaum, dass ich dabei einen Missgriff machen werde. Und Sie, Mr. Hetson, werden sich wohl auch eine andere Beschäftigung suchen als mit der Spitzhacke und Schaufel?«

»Wer weiß?«, sagte der junge Mann und lächelte dabei düster vor sich hin. »In den Bergen ... wenn sie so sind, wie ich sie mir denke ... entgeht man vielleicht mancher unangenehmen, unerwünschten Gesellschaft, die uns hier in der Stadt doch aufgedrungen wird. Ich habe große Lust, in die Minen zu gehen.«

»Mit Ihrer Frau?«

»Warum nicht? Den Zeitungen habe ich entnommen, dass gar nicht so wenig Frauen in den Bergen sind, und während der Sommermonate muss der Aufenthalt sogar reizend sein.«

»Das sollten Sie sich aber vorher noch einmal reiflich überlegen, Mr. Hetson«, sagte der alte Mann und schüttelte bedenklich mit dem Kopf. »Für einen einzelnen Mann mag es noch gehen, aber eine so zarte Frau wie Ihre hielte es nicht lange aus. Sie machen sich später bittere Vorwürfe! Gold ist schon eine gute Sache, und wir brauchen es zu unserem Leben. Aber wir dürfen dagegen doch nichts noch Kostbareres einsetzen, sonst bleiben wir immer die Verlierer, selbst wenn wir noch so viel erbeuten!«

»Keine Sorge, Doktor«, sagte Hetson. »Das Gold hat mich nicht nach Kalifornien geführt, und es wird mich auch nicht verleiten, einen dummen Streich zu begehen. Also, auf Wiedersehen, Doktor. Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie nachher einmal nach meiner Frau sehen könnten, Nr. 37. Ich bleibe vielleicht eine Stunde weg, und sie klagte vorhin über heftige Kopfschmerzen.«

»Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihre Frau auf festem Land zu begrüßen.«

Mit einer freundlichen Handbewegung sprang Hetson die Treppen hinunter, um seinen Gefährten zu suchen. Der Doktor folgte ihm langsam. Er wollte noch einige Änderungen in seinem Zimmer verlangen. Die kalifornische Lebensart war ihm noch zu fremd, die deutschen Gasthöfe hatte er noch nicht vergessen. Außerdem sehnte er sich wieder einmal nach einer kräftigen Mahlzeit mit grünem Gemüse und frischem Fleisch. Das musste man auf einer langen Seereise entbehren und vermisst es schließlich schmerzlich.

Der Speisesaal war ein großer, mit einer Menge Tische ausgestatteter Saal, zu dieser Tageszeit allerdings noch ziemlich leer. Zwischen Mittag und Abend war immer stille Zeit, die von den geschäftig hin und her eilenden Kellnern dazu benutzt wurde, die Tische für das Souper wieder in Ordnung zu bringen. Der Doktor war noch in Gedanken mit dem Schicksal der Hetsons befasst und achtete kaum auf seine Umgebung.

Der Oberkellner dieses Hauses war eine dürre, vertrocknete Gestalt. Wie alle anderen hatte er nur ein weißes Hemd und eine weiße Hose an. Sein Halstuch wurde mit einer Granattuchnadel gehalten. Sein echt französisches, sonnengebräuntes Gesicht war dem neuen Gast zugewandt, und gleich darauf sandte er einen seiner dienstbaren Geister zu ihm. Der Kellner war ein schlanker, junger Mann mit blondem Haar und blauen Augen. Sein Gesicht wies eine für einen Kellner unpassende tiefe Narbe in der Wange auf. Mit dem Speisezettel in der Hand trat er zu dem Gast, die Serviette über dem Arm.

»Anything you want, Sir?«

Der Doktor sah langsam, noch ganz in Gedanken vertieft, auf und starrte verwundert in das lächelnde Gesicht des Kellners.

»Was bringt Sie denn nach Kalifornien, Doktor?«, lachte er da plötzlich und streckte dem Doktor die Hand entgegen.

»Baron Lanzot?«, rief der Doktor und sprang erstaunt auf. »Liebe Güte, spielen Sie eine Komödie?«

»Wenn Sie wollen, ja«, lautete die Antwort des jungen Edelmannes. Er ergriff die Hand des Doktors und schüttelte sie. »Für zweihundert Dollar im Monat spiel ich für eine kurze Zeit Komödie, anstatt einem Phantom in den Minen nachzulaufen – dem Phantom des Millionärs.«

»Aber, um Gottes willen, Baron, wenn das Ihre Eltern erfahren ... Ihre Mutter würde sich zu Tode grämen!«

»Ich halte sie für eine vernünftigere Frau, Doktor. Sie wird lieber sehen, dass ich hier mein Brot ehrlich verdiene, als dass ich müßig herumlungere und Schulden mache. Alle, die das Schicksal an diese Küste geworfen hat, arbeiten für ihr Leben. Während ich hier einigen als Kellner serviere, lasse ich mir als Gentleman von anderen das Gold aus den Minen graben. Ob das nun direkt oder indirekt in meine Taschen kommt, bleibt sich gleich – wenn es nur den Weg dahin findet!«

»Sie sind Philosoph, Baron!«

»Bitte um Verzeihung, ich bin Kellner«, lachte der junge Mann. »Und wenn Sie nicht bald etwas bestellen, werde ich von meinem französischen Vorgesetzten dahinten wahrscheinlich Ärger bekommen.«

»Aber ich kann mich doch nicht von Ihnen bedienen lassen!«, rief der Doktor verlegen aus.

»Sie werden zufrieden mit mir sein«, unterbrach ihn der Kellner und überreichte ihm die Speisekarte. »Bitte, wählen Sie: Beefsteak, Roastbeef, Mutton chops, Eier, Kartoffeln, Bohnen – mehr Auswahl können Sie nicht verlangen. Unsere Weine sind vortrefflich und alle geschmuggelt.«

Der Doktor nahm den Speisezettel, schob ihn aber wieder von sich und rief:

»Also wirklich, Baron, die ganze Geschichte kommt mir wie ein toller Spuk vor. Ich sehe Sie zuletzt in der Soiree des Fürsten Lichtenstein ordensgeschmückt mit der Fürstin tanzen und jetzt mit der Serviette unter dem Arm und den Speisezettel in der Hand – gehen Sie, Sie halten mich doch zum Besten!«

Der junge Mann lächelte. »Da ich sehe, dass Sie Ihre in Kalifornien sehr kostbare Zeit mit vollkommen nutzlosen Ausrufen verschwenden, werde ich mich Ihrer annehmen und Ihnen selber etwas zu essen bestellen. Ich hoffe, Sie sind damit zufrieden. Wenn Sie nachher die Preise erfahren, werden Sie merken, dass wir hier keineswegs spaßen, sondern bitteren Ernst machen.«

Der junge Mann ging lachend zum Buffet zurück. Der Doktor saß noch immer stumm und starr vor Staunen an seinem Tisch, denn so hatte er sich Kalifornien doch eigentlich nicht gedacht.

Baron Lanzot – oder besser Emil mit seinem Kellnernamen – kam bald wieder zurück, servierte sehr geschickt und blieb dann an der anderen Seite des Tisches vor dem Gast stehen.

»Aber, bester Baron ...«

»Emil, wenn ich bitten darf ...«

»Es geht nicht, Baron, es geht wirklich nicht!«, rief aber der alte Mann verzweifelt aus. »Bedenken Sie, ich bin noch kein Kalifornier.«

»Das entschuldigt allerdings vieles«, erwiderte Emil. »Ich kann Ihnen übrigens versichern, dass Sie da noch manches erleben werden, wovon Sie im Augenblick nicht zu träumen wagen. Hier in Kalifornien sind alle Bande des gesellschaftlichen Lebens, die wir im alten Vaterland nur zu oft für unumgänglich nötig für jede Existenz halten, gelöst. Jeder lebt für sich, so gut oder so schlecht er kann – der Nebenmann kennt ihn nicht oder kümmert sich nicht um ihn. Wenn er oben schwimmt, hat er es nur allein sich selbst zu verdanken. Wir leben zwar unter den Gesetzen einer zivilisierten Nation, aber auch nur dem Namen nach. Keine Kraft ist ausreichend, um sie aufrechtzuerhalten. Deshalb blüht das Faustrecht wieder so wunderbar und herrlich hier wie bei uns daheim im Mittelalter.«

»Aber weshalb sind Sie nach Kalifornien gegangen?«

»Fragen Sie das Jahr 1848«, sagte achselzuckend der junge Mann. »Es gibt nichts Entsetzlicheres als einen Bürgerkrieg, und da ich die Wahl hatte, zog ich diese Verhältnisse vor. Ob sie mir auch auf Dauer zusagen werden, ist eine andere Sache, über die ich mir aber noch nicht den Kopf zerbreche. Jetzt bin ich in Kalifornien, und mit den Wölfen – Sie kennen wohl das Sprichwort. Wohnen Sie hier im Hause?«

Der Doktor nickte nur und arbeitete sich in die ihm vorgesetzten Speisen hinein. Dabei schüttelte er aber ständig den Kopf und schmeckte gar nicht, was er aß. Emil wurde in diesem Augenblick abgerufen, und das Gespräch war zunächst unterbrochen.

Hetson ging inzwischen in den Spielsalon, wohin ihn Siftly bestellt hatte. Als er den interessanten Raum betrat, vergaß er einen Augenblick, was ihn hergebracht hatte.

Es war ein nicht sehr hoher, aber wohl fünfzig bis sechzig Schritt langer und vierzig Schritt breiter Saal. Die Wände ziemlich kahl und nur hier und da mit schlechten Ölgemälden bedeckt. Man darf wohl kaum sagen ›geschmeckt‹, denn sie waren schlecht in der Motivwahl wie in der Ausführung. Sie sollten auch nicht dem Schönheitssinn der Besucher dienen, sondern ihre Sinne reizen und sie einige Zeit fesseln, und das erreichten sie auch.

Rechts war ein Buffet angebracht für alkoholische Getränke, im Hintergrund ein ziemlich rohes Gerüst aufgebaut, auf dem eine Anzahl Individuen saß und Musik machte. Sie bildeten zusammen zwar eine Art Orchester, und die entsprechenden Instrumente waren alle vertreten. In ihrem Zusammenspiel blieb aber immer mehr guter Wille als wirkliche Kunst erkennbar. Wenn man ihnen wenige Minuten zuhörte, fand man bald, dass sie sich über ein bestimmtes Stück geeinigt hatten und nun jeder nach Gehör seinen Einsatz gab. Wer dann zufällig aus dem Takt kam, wartete nur einen Augenblick, bis er die anderen wieder ›erwischen‹ konnte. Nachdem sie die verschiedenen Stücke auf diese Weise drei-, viermal durchgearbeitet hatten, ließ sich ganz gut unterscheiden, was sie eigentlich spielen wollten.

Es kam aber hier auch nicht darauf an, ordentlich zu musizieren. Es sollte nur Musik gemacht werden. Die wenigen amerikanischen Lieblingslieder und Nationalmelodien, die im Lande überall bekannt waren, lernte das Orchester auch bald spielen. Dazu gehörte vor allem der ›Yankee Doodle‹, dann ›Washingtons Marsch‹, das ›Sternenbanner‹ und ein sehr mittelmäßiger Marsch, den sie merkwürdigerweise ›Napoleons Rückzug‹ nennen.

Diese Melodien sang und stampfte das Publikum hier und da mit. Dabei war es bescheiden genug, sie wieder und wieder anzuhören, ob sie nun auf einem wirklich kunstvollen Instrument oder auf einer Maultrommel vorgetragen wurden. Die Musik lockte die Vorbeigehenden in den Saal, die Bilder hielten sie dort, damit sie ihr Geld am Trinkstand ausgaben und an den Spieltischen versuchten.

War das eigentliche Hasardspiel erst einmal versucht, waren Musik und Bilder nicht mehr nötig, um sie zu halten. Diese Spieltische bildeten auch deshalb das Zentrum des Saales. Hetson blieb überrascht auf der Schwelle stehen, denn in dieser Ausdehnung hatte er sich die ›Spielhöllen‹, von denen er früher schon so viel gehört und gelesen, doch nicht gedacht.

Etwa dreißig verschiedene Tische standen ungeordnet, wie es der Raum zwischen den Säulen gestattete, bunt durcheinander. Dazwischen war gerade genug Platz für die hindurchführenden Passagen. Jeder Tisch verfolgte seine eigenen Interessen, hatte sein eigenes Kapital und spielte auch oft sein eigenes Spiel.

Zwischen den Tischen drängten sich die Müßiggänger der Stadt hindurch, von denen es selbst in San Francisco genügend gab. Amerikaner und Deutsche, Franzosen und Engländer, Mexikaner und Kalifornier, alles in buntem Gemisch. Einzelne waren elegant gekleidet, andere in zerlumpter, abgerissener Minerkleidung, mit zerknickten Hüten und schiefgetretenen Schuhen.

Wer aber achtete auf die Kleidung? Das Gold, das auf den Tischen lag, ebnete alles. Und wenn die abgerissenen Burschen, was oft der Fall war, nur tüchtige Lederbeutel mit Goldstaub unter den zerrissenen Hemden trugen, war hier niemand, der ihre Gesellschaft beanstandete. Karten, Würfel, Roulette und alles, was sonst Glücksspiel heißt, fand sich hier vertreten. Bedeutende Summen wechselten ständig von einer Hand in die andere, ohne eine Äußerung der Leidenschaft hervorzurufen – einen leise gemurmelten Fluch manchmal ausgenommen.

Zu viel Neues wurde Hetson hier geboten, und er wäre noch eine Stunde dort stehengeblieben, wenn ihn nicht Siftly aus seinen Träumen geweckt hätte.

»Na, bist du da?«, lachte er. »Hier kannst du nun auch gleich die Quintessenz kalifornischen Lebens und Treibens kennenlernen. Hier konzentriert sich das ganze wunderbare Schaffen in den Bergen draußen. Diese Tische hier sind unser Barometer in San Francisco, wie der Reichtum im Landesinneren steigt und fällt. Sind die Tische schlecht besetzt, dann darfst du auch sicher sein, dass die Ausbeute in den Minen ungünstig ausfiel, durch welche Umstände auch immer. Drängt sich aber auch am Tage alles herein, wie das heute geschieht, so haben die Leute ›vortrefflich ausgemacht‹, wie sie sagen, und das Gold wandert lustig von Hand zu Hand. Hast du dein Glück schon an einem der Tische probiert?«

»Ich spiele nie«, sagte Hetson ruhig.

»Pah, das darf man hier in Kalifornien nicht sagen«, lachte sein Freund. »Dass du selber Gold graben willst, kann ich mir nicht denken, und dem Glück muss man selber ein Pförtchen öffnen, wenn es uns nicht ganz im Stich lassen soll. Ich zum Beispiel habe mir alles, was ich eigentlich besitze, an den Tischen da geholt, und mit einiger Vorsicht denke ich mir auf diese Art ein kleines Vermögen zusammenzulegen und dann nach den Staaten als reicher Mann zurückzukehren.«

»Und wenn du wieder verlierst, was du gewonnen hast?«

»Dem Kühnen lächelt das Glück, Freund!«, rief der Amerikaner und warf den Kopf trotzig zurück. »Ja, es gibt sogar Mittel, das Glück zu zwingen, uns zu gehorchen. Wenn du Lust hast, unterrichte ich dich vielleicht einmal in dieser Kunst. Jetzt aber wollen wir unsere Zeit hier nicht nutzlos versäumen, sondern einmal einen Gang durch den Saal machen. Ich muss dir doch Kalifornien erst vorstellen.«

Ohne auch weiter eine Antwort abzuwarten, zog er Hetsons Arm in seinen und schlenderte mit ihm in einen der Gänge hinein, die zwischen den Tischen hinführten. Einzelne waren eben unbesetzt, das heißt, es standen keine Fremden daran, denn zwei Spieler sitzen an jedem einander gegenüber. Zwischen ihnen war ein größerer oder kleiner Haufen Silberdollar, Goldstücke und Goldstaub in kleinen Lederbeuteln oder einzelnen ›Klumpen‹ aufgehäuft. Die müßigen Spieler mischten dann meistens ihre Karten, hoben ab und probierten mögliche Erfolge, bis ein Vorbeikommender auf eine der Karten setzte und dann auch meistens andere nach sich zog.

An verschiedenen Tischen standen dagegen die Spieler und Zuschauer so dichtgedrängt, dass man kaum vorüberkommen konnte. Das war dann ein sicheres Zeichen, dass hohe Einsätze das Interesse der Leute erregt hatten. Kopf an Kopf drängte sich über- und nebeneinander, und nicht selten standen dort sehr bedeutende Summen auf dem Spiel.

An einem der gerade nicht benutzten Tische saßen sich zwei Leute kartenmischend und stumm gegenüber. Vielleicht erregten sie durch ihren Kontrast Hetsons Aufmerksamkeit.

Der eine von ihnen war ein kleiner, rotbäckiger, dicker Mann mit ein paar entsetzlichen Vatermördern, die ihm selbst die Ohren halb bedeckten. Wenn er den Kopf zur Seite drehte, konnte er gerade über diesen Kragen hinwegsehen.

Der andere war das Gegenteil. Lang und knochendürr, zeigte er nicht eine Spur frischer Wäsche, die sonst im amerikanischen Anzug eine Hauptrolle spielt. Der enganliegende braune Rock war so fest zugeknöpft, wie er seine schmalen Lippen geschlossen und die kleinen braunen Augen zusammengekniffen hielt. Auch den hohen schwarzen Hut, den er selbst im Saal trug, hatte er sich tief in die Stirn gedrückt. Es sah so aus, als wollte der Mann sowenig wie möglich von seiner Person sehen lassen.

»Ein paar merkwürdige Gestalten«, flüsterte Hetson seinem Begleiter zu und deutete auf die beiden. »Welch verschiedene Menschen doch das Schicksal zusammenführt!«

»Nicht wahr?«, antwortete Siftly und lächelte. »Komm, wir wollen einmal an ihren Tisch treten, ich habe den beiden übrigens schon manchen Dollar abgewonnen. Ich glaube fast, es sind nicht eben die durchtriebensten Spieler im Saal, scheinen auch gerade keine besonderen Geschäfte zu machen!«

Ohne weiter die Zustimmung des Freundes abzuwarten, blieb er neben dem Tisch stehen, nahm eine Handvoll Dollars aus seiner Tasche und setzte sie auf die nächste Karte. Kein weiteres Wort wurde dabei gewechselt, die Spieler zogen die Karten ab – und Siftly hatte gewonnen.

»Versuch du es jetzt einmal, Hetson«, ermunterte er ihn. »Wer weiß, was dir in Kalifornien noch für ein Glück blüht, und den ersten Tag im Land sollte man nicht ungenutzt vorübergehen lassen.«

Hetson zögerte. Er hatte bis dahin wirklich noch nie gespielt. Aber das viele Geld überall auf den Tischen, das lockende Klingen der Münzen, der rasche Gewinn des Freundes – das alles reizte ihn. Er nahm einen halben Adler – ein Fünfdollarstück – aus der Tasche, setzte es und – gewann.

»Lass es stehen, die Sache geht ...«, flüsterte sein Gefährte.

Es wurde wieder abgezogen, aber diesmal verlor die Karte.

»Ich würde auf das As setzen«, sagte Siftly.

»Ich habe zu der Sieben mehr Vertrauen«, meinte Hetson und setzte jetzt zehn Dollar auf diese Karte. Wieder und wieder verlor er aber, und fünfzig Dollar waren in wenigen Augenblicken aus seinem Besitz in den der beiden Spieler übergegangen.

»Das weiß der Henker«, flüsterte Siftly mit einem noch kräftigeren Fluch. »Ich glaube, die beiden Halunken betrügen doch; aber warte, ich werde ihnen auf die Finger sehen. Setz jetzt fünfzig auf den Reiter – der hat dreimal hintereinander verloren und muss gewinnen.«

»Ich danke«, erwiderte aber ruhig der junge Mann. »Ich habe dir jetzt den Gefallen getan und für mich genug Lehrgeld bezahlt. Den beiden Herren gönne ich meine fünfzig Dollar, aber mehr Geld habe ich nicht für sie und werde auch nicht mehr spielen.«

»Unsinn! Du wirst ihnen doch nicht wirklich die fünfzig Dollar lassen, ohne wenigstens einen Versuch zu machen, sie wiederzubekommen?«, rief aber Siftly empört.

»O doch«, erwiderte Hetson und drehte sich vom Tisch ab. »Denn der Versuch könnte mich mehr als das kosten. Aber was ist das für ein wunderbarer Ton, der auf einmal den Saal erfüllt? Eben noch dieses schauderhafte Lärmen mit allen möglichen Blas- und Streichinstrumenten und jetzt plötzlich diese himmlische Melodie. Wie kommt diese Musik in eine Spielhölle?«

Siftly hatte, von Hetson unbemerkt, mit dem hageren Spieler einen raschen, verstohlenen Blick gewechselt. Jetzt brummte er nur kurz und klimperte verdrießlich mit seinen Silberdollars in der Tasche. »Das ist das spanische Mädchen, das hier täglich zwei Stunden spielt – eine Stunde nachmittags und eine Stunde abends. Sie heißt, glaube ich, Manuela. Mir behagt ihr Gefiedel nicht besonders, und auch unsere Landsleute machen sich nichts daraus. Die Señores sind aber wie toll dahinter her. Sowie sie anfängt, wird der Saal gleich bunt von ihren farbigen Zarapen. Siehst du, wie sie dort schon hereinkommen? Ihnen zuliebe lässt man es sich schon eine kurze Zeit gefallen, denn die Burschen haben alle Gold und sind alle leidenschaftliche Spieler.«

Hetson blieb wie gebannt auf seiner Stelle, so mächtig ergriff ihn das Spiel des spanischen Mädchens, das er jetzt oben auf der Tribüne mit einer Violine stehen sah.

Die anderen ›Musiker‹ fühlten wohl auch, dass ihre Instrumente nicht würdig waren, dieses seelenvolle Spiel zu begleiten. Lautlos horchten sie den Tönen, die wie aus den Saiten einer Äolsharfe in der Luft zitterten. Aber auch nur die in der unmittelbaren Nähe der Künstlerin konnten einen Genuss davon haben, denn unten im Saal wogte die Menschenmasse genauso laut und lärmend durcheinander wie vorher. Was kümmerte sie die fremde Melodie! Und wenn es Engelsharfen gewesen wären – das Klimpern des Goldes hatte für sie einen besseren Klang.

»Hetson«, sagte da endlich ungeduldig der Amerikaner, »ich dachte, du wolltest mir etwas sagen. Ich habe weder Lust noch Zeit, dem Gefiedel da oben zu lauschen. Wenn du nicht einmal mehr spielen willst, so rück heraus mit dem, was du hast, oder ich gehe meiner Wege.«

»Du hast recht«, sagte Hetson rasch, griff seinen Arm und zog ihn zum Eingang. »Ich war ein Narr, mich so lange den fremden Eindrücken hinzugeben. Komm mit mir ins Freie, und du sollst alles wissen.«

»Hoho, hast du schon Geheimnisse, kaum dass du den Fuß auf unseren Boden gesetzt hast?«, erkundigte sich Siftly lachend.

»Geheimnisse nicht gerade, wenn ich dich auch bitten werde, mit niemand weiter darüber zu sprechen«, antwortete Hetson. Mit einiger Mühe drängte er zur Tür und erreichte endlich das Freie. »Aber ich brauche deinen Rat, und den wirst du mir wohl geben.«

Die beiden Männer hatten jetzt die Plaza wieder betreten und schritten Arm in Arm über den offenen Platz. Das ärgste Gedränge der hier auf- und abwogenden Menschen ließen sie dabei hinter sich. Als sie etwa die Mitte des Platzes erreicht hatten, blieb Hetson stehen und sagte:

»Existiert hier eine Stelle, wo man die Fremdenlisten einsehen kann?«

»Fremdenlisten?«, wiederholte Siftly erstaunt. »Was willst du denn damit? Wer kümmert sich denn hier um die, die kommen oder gehen?«

»Werden überhaupt Fremdenlisten geführt?«

»Ich glaube, ja. Wenn man auch die Leute selber nicht mit Fragen belästigt, müssen die Kapitäne doch ihre Passagierlisten einreichen, soweit ich gehört habe. Nur über die Tausende, die aus den Staaten über die Berge kommen, wird aus dem einfachen Grund keine Kontrolle geführt, weil das unmöglich wäre.«

»Die Schiffslisten genügen, wo kann ich sie einsehen?«, sagte Hetson rasch.

»Ich glaube, im Courthouse, wo ein Fremdenbüro eingerichtet ist. Aber du hast doch wohl keine Angst vor einem Gläubiger? Hahaha, der müsste viel Geld mitbringen, wenn er in dieser Zeit eine Klage gegen einen Amerikaner durchsetzen will. Ja, wenn du ein Fremder wärst! Außerdem bist du, so viel ich weiß, Anwalt, und ...«

»Es ist kein Gläubiger«, unterbrach Hetson finster den Redenden. »Die Sache, in der ich dich um deinen Rat bitten wollte, betrifft weder Geld noch Gut, sondern die Ruhe meines ganzen Lebens.«

»Was hast du?«, rief Siftly erstaunt. »Du bist ja ganz außer dir! Wen erwartest – oder wen fürchtest du?«

»Fürchten – du hast das richtige Wort genannt«, rief Hetson rasch, ergriff den Arm des Mannes und sah scheu über seine Schulter, ob das gefürchtete Schreckensbild schon vor ihm auftauchte.

»Ach was, fürchten!«, zischte aber der Amerikaner verächtlich zwischen den Zähnen hindurch. »Wenn es ein Wesen ist, dem man mit Pulver und Blei oder kaltem Stahl beikommen kann, was hast du da zu fürchten? Ich fürchte den Teufel nicht!«

Hetson sah wild und stier in seine Augen. Es war, als ob in ihm ein Hoffnungsstrahl dämmerte.

»Na, wer ist es?«, erkundigte sich Siftly mit ruhiger Stimme, während das verächtliche Lächeln noch immer um seine Lippen spielte.

»Der Bräutigam meiner Frau!«, flüsterte Hetson.

»Hahaha, das ist allerdings eine herrliche Verwandtschaft. Bist du denn der nicht selbst gewesen?«

»Hör mir zu«, sagte Hetson mit vor Aufregung fast heiserer Stimme. »Meine Frau war verlobt, ehe sie mich kennenlernte. Sie hielt ihren Verlobten für tot, heiratete mich und erhielt erst nach unserer Trauung die Nachricht, dass er noch lebe und sie aufsuchen wolle.«

»Und woher weißt du das?«

»Sie hat es mir selber gesagt und den Brief gezeigt.«

»Sie selbst? Hm, dann ist die Sache auch nicht so gefährlich. Sie will dann jedenfalls von ihm nichts mehr wissen.«

»Ich fürchte, sie liebt ihn heißer als je zuvor!«, flüsterte aber Hetson. »Sie tut nur das, was sie für ihre Pflicht hält!«

»Und weiß er, wo sie ist?«

»Ich hoffe, nein. Ich habe ihn jedenfalls auf eine falsche Fährte gesetzt, falls er nachforschen sollte. Aber wenn er nun doch ...«

»Du quälst dich mit einem Hirngespinst«, sagte kopfschüttelnd der Amerikaner. »Wozu die vielen ›Wenn‹ und ›Aber‹? Lass ihn doch erst kommen, nachher ist immer noch Zeit, ihn beiseite zu schaffen, falls er gefährlich werden sollte. Ist er ein Landsmann?«

»Nein, Engländer.«

»Ein Engländer? Puh – und dafür so viel Aufhebens!«, lachte der Mann und machte sich von Hetson los. »Ich hätte dich für vernünftiger gehalten. Ist er klug, so folgt er euch nicht nach. Kommt er wirklich, wollen wir es ihm austreiben, im fremden Revier zu jagen. Aber jetzt sag mir doch mal, was dir überhaupt eingefallen ist, mit einer Frau nach Kalifornien zu kommen! Was um Gottes willen willst du hier mit ihr tun, und wo willst du bleiben? In der Stadt?«

»Ich weiß es selbst noch nicht«, sagte Hetson. »Ich wollte nur weg – fort aus der Gegend, wo ich jeden Augenblick befürchten musste, auf meinen Nebenbuhler zu treffen. Da war Kalifornien ...«

»Das unglücklichste Land der Welt, das du dir aussuchen konntest!«, unterbrach ihn Siftly. »Später mag es möglich sein, dass Frauen und Familien hierher kommen, aber jetzt ist das ganze Land nur ein rauer Staat für Männer. Du könntest deine Frau wie eine Fürstin in jedem anderen Land leben lassen von dem Geld, das ihr hier nur für die nötigsten Dinge braucht. Aber das ist deine Sache, die du mit dir selbst abmachen musst. Ach, wie heißt eigentlich jener englische Herr, vor dem du so einen Respekt hast? Nur für den Fall, dass ich einmal mit ihm zusammentreffen sollte.«

»Golway – Charles Golway.«

»Gut, ich werde mir den Namen merken«, nickte Siftly.

»Und was soll ich jetzt tun?«

»Du? Nichts. Warte ab, bis er wirklich kommt, dann erkläre ihm ganz einfach, dass du ihm ohne weitere Warnung eine Kugel in den Kopf schießt, sowie er nur ein einziges Wort mit deiner Frau wechselt. Nachher machst du deine Drohung wahr. Die Gesetze brauchst du nicht zu fürchten. Sie schützen dich, wo du so auffallend in deinem Recht bist, und täten sie es nicht, sind wir selber Manns genug, um das zu besorgen. Jetzt aber muss ich fort, ich habe viel zu lange hier mit dir geplaudert. Heute Abend findest du mich wieder im Saal des Parkerhauses.«

»Aber das Courthouse?«

»Ist das lange Gebäude dort drüben«, sagte Siftly. Er deutete mit dem Arm über die Plaza, nickte Hetson zu und schritt rasch die zur Bai führende Straße hinab.

4. Die Plaza von San Francisco

Die Plaza oder der Hauptplatz von San Francisco, jetzt ein mit prachtvollen und massiven Gebäuden umgebener Platz, zeigte im Sommer des Jahres 1849 noch eine bunte Ansammlung von Holzbaracken und Zelten, wie sie die ersten Einwanderer nur schnell aufgeschlagen hatten.

Die obere Front nahm das alte Gerichtsgebäude ein. Es war aus ungebrannten Backsteinen, sogenannten ›adobies‹, unter mexikanischer Herrschaft erbaut worden. Sonst war aber in den wenigen Monaten seit der Entdeckung des Goldes der spanische Charakter der Stadt schon ganz verschwunden. Dafür war ein Stadtteil entstanden, der in seiner merkwürdigen Mischung mit keinem anderen Ort der Welt vergleichbar war. Nur an der unteren Front, dem Courthouse gerade gegenüber, stand ein einzelnes, mehrstöckiges Holzgebäude. Es war das schon erwähnte Parkerhaus, das ein Amerikaner namens Parker aufgebaut hatte. Jetzt erzielte er durch die Spieltische, die Wirtschaft und die Gästezimmer eine enorme Miete.

Dicht daneben befand sich das ›El Dorado‹, später eine der prachtvollsten Spielhöllen der Welt – damals nur ein großes, weitgedehntes Zelt. Rechts und links reihten sich andere kleinere Zelte und Holzschuppen an, in denen fast nur gespielt und getrunken wurde. Sie hatten auch keinen anderen Zweck, als ihren Insassen ein Dach zu bieten.

Die Plaza bildete den eigentlichen Mittelpunkt der Stadt. Während sie von den Hauptstraßen gekreuzt wurde, konzentrierte sich hier der eigentliche Verkehr San Franciscos. Wer von den Fremden in die Stadt kam, suchte vor allen Dingen diesen Ort auf oder wurde von den Menschenmassen dorthin gedrängt.

Sämtliche Hausierer glaubten auch, hier den besten Platz zum Ausstellen ihrer Waren zu finden. Sie boten sie teilweise in tragbaren Körben, aber auch auf rasch hingestellten und beweglichen Tischen an. Eine Kontrolle über diese Leute fand natürlich noch nicht statt. Wer etwas verkaufen wollte, suchte sich den Platz dafür selbst aus. War er dabei dem freien Verkehr im Wege, drängte ihn die Menschenmasse schon selber beiseite.

Der Hauptstrom dieser Menge wogte aber an den Häusern dahin. Die meisten schlenderten nur von einem Spielzelt in das andere, oder sie gingen auf der dort vorüberführenden Straße ihren Geschäften nach. Auf der Plaza sammelten sich nur hier und da kleine Gruppen, oder Einzelne kamen quer herüber, um den Weg nach einer der Wasserstraßen abzukürzen.

Dort hatte Siftly seinen wiedergefundenen Freund verlassen. Hetson blieb, als die bunte Zarape des Amerikaners schon lange in dem Gedränge der Fußgänger verschwunden war, noch immer wie träumend auf derselben Stelle stehen und starrte vor sich nieder.

Die Trostgründe, die Siftly für ihn gehabt hatte, schienen seine Unruhe eher vermehrt als vermindert zu haben. Hatte er nicht ziemlich fest angenommen, dass der gefürchtete Nebenbuhler ihm folgen würde? Schon der Gedanke daran trieb ihm das Blut rasend schnell durch die Adern und ließ sein Herz stärker klopfen. Es war der Gedanke an den möglichen Verlust seiner Frau. Er durfte ihn nicht weiter verfolgen, wollte er nicht wahnsinnig werden.

Vergeblich kämpfte er auch selbst mit allen Vernunftgründen dagegen an, vergeblich sagte und wiederholte er sich, dass ihn Jenny liebe, dass sie ihn nicht wieder verlassen würde. Ein tückischer Geist flüsterte ihm wieder und wieder ins Ohr, dass die erste Liebe das Herz eines Menschen nie verlasse. Seine krankhaft erregte Einbildungskraft malte ihm dabei den Nebenbuhler mit allen Vorzügen aus. Er brauchte nur zu erscheinen, um Jennys Herz wieder ganz zu gewinnen.

Über die Plaza kam eine wunderliche, uns nicht unbekannte Gestalt. Selbst die an Ungewöhnliches gewöhnten Amerikaner blieben vereinzelt stehen und sahen ihr kopfschüttelnd nach. Es war Ballenstedt mit seinem erbsengelben Kragenmantel, die Hose hochgekrempelt, die Stiefel frisch geschmiert, den Hut etwas nach hinten auf den Kopf gedrückt, in der linken Hand ein Bündel und unter den linken Arm den grünbaumwollenen Regenschirm geklemmt. In der rechten Hand hielt er eine Schaufel. Langsam und bedächtig kam er über die Plaza und schien sich nicht ganz einig, welche abzweigende Straße er eigentlich wählen sollte. Er blieb manchmal stehen, sah in die verschiedenen Himmelsrichtungen und konnte dabei zu keinem rechten Resultat gelangen.

Endlich hatte er die Stelle erreicht, an der Hetson noch immer verloren stand. Er ging auf ihn zu, berührte sachte mit dem Griff des Spatens seinen Ellbogen und sagte:

»Hören Sie einmal, können Sie mir nicht sagen, wo ich hier am schnellsten in die Minen komme?«

Hetson drehte sich rasch und fast erschrocken nach dem Mann um. Als der jedoch seinen Reisegefährten erkannte, fuhr er enttäuscht und ziemlich unbekümmert, ob er ihn verstand oder nicht, fort:

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