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Göttlich versumpft

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Über den Autor

Juha Vuorinen, geboren 1967, trägt die Fackel der lodernen finnischen Mannesseele. Außer ein feinfühliger Lyriker ist dieser glatzköpfige Bukowski auch Radiojournalist, Kolumnist der meistgelesenen finnischen Boulevardzeitung, unermüdlicher Erforscher von Sternkarten und großherziger Wohltäter. Über seine Firma Diktaattori Oy (Oy ist die Aktiengesellschaft) hat Vuorinen Finnland mit sehr ungewöhnlichen Verkaufs- und Marketingideen verblüfft. GLORIOUSLY WASTED, die Filmversion von TAGEBUCH EINES SAUFKOPFS, hat sein Dezember 2012 über eine Viertelmillion Finnen in die Kinos gelockt.

Juha Vuorinen

Göttlich versumpft.

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Aus dem Tagebuch
eines Saufkopfs

Aus dem Finnischen
von Gabriele Schrey-Vasara

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel 1

Montag, 23.3.1998

Ich war am Abend in einem Pub in der Nähe, wo ich eine Lady auftat, die gut einen Kopf größer war als ich. Schon in der Kneipe merkte ich, dass die Dame mindestens so viel trinken konnte wie ich, also irrsinnig viel. Es gelang mir, die Riesin in meine Bude zu locken, indem ich ihr versprach, da gäbe es Schnaps. Das Weib hätte ihn aus dem Eimer gesoffen wie ein Pferd, wenn ich ihr einen hingestellt hätte. Gegen drei Uhr in der Nacht und ziemlich abgefüllt, pennte ich in meinem Hochbett ein. Als mein Radiowecker 3.15 zeigte, warf sich die Hünin splitternackt auf mich und fragte:

»Ficken wir?«

Es war der größte Fehler meines Lebens, dass ich zustimmte, denn das brachte mir die erste Räumungsklage ein. Erstens hatte die Megäre so lange Beine, dass ihre Knie im gleichmäßigen Takt gegen die Zimmerdecke rumsten, und zweitens schrie sie zweieinhalb Stunden lang ohne Pause:

»Mehr, mehr, fester, fester …«

Zum Schluss war ich so kaputt, dass ich fürchtete, mir würde beim Bumsen die Aorta platzen. Kurz vor sechs sackte die Walküre endlich weg. Gott sei Dank.

Dienstag, 24.3.

Ich wurde wach, weil mein Schädel fürchterlich brummte und ich dringend pinkeln musste. Auf dem Klo merkte ich, dass das Schiffen höllisch wehtat, und noch bevor die Pisse das Ende des Zapfens erreichte, schrie ich auf. Ich hatte einen so fiesen Kater, dass ich vor meinem eigenen Schrei fast in die Hose machte. Leider wurde auch mein Gespons vom Vorabend davon wach. Von dem Gehobel in der Nacht klebten mir die Haare an der Kopfhaut. Es sah aus, als hätte ich einen beschissenen Helm aus Haaren auf. Ich hoffte sehnlichst, die sexbesessene Madame würde bald verschwinden, damit ich mit meinem Kater alleine wäre. Aber sie dachte gar nicht daran, sich zu verziehen, sondern stand splitternackt in der Küche und bediente sich ungerührt am Bier aus meiner Notration. Leicht ungehalten zog ich nach und kippte rein, so viel ich konnte, bevor das Luder alle Pullen alleine köpfte. Von dem hastigen Trinken wäre mir beinahe der Magen hochgekommen. Die Olle machte immer noch keine Anstalten zu gehen, obwohl wir schon alle Mollen gezischt hatten.

Stattdessen fläzte sie sich nackt auf dem Sofa. Ihre Stelzen waren so lang, dass sie vom Sofa aus mit den Zehen den Fernseher hätte einschalten können. Ich hatte auf dem Klo einen Eimer aus Wasser, Zucker und Hefe am Blubbern. Zielsicher entdeckte das Biest mein Hausgebranntes, schleppte es ins Wohnzimmer und löffelte die halbvergorene Brühe mit der Kelle wie Quellwasser. Ich war so sauer, dass ich mitlöffelte. Wir becherten den ganzen Tag. Am Abend kletterte ich besoffen aufs Hochbett. Ich wurde wach, als die Leiter knarrte. Das Weibsbild stürzte sich auf mich, ihre Augen glänzten wie bei einer wahnsinnigen Kuh. Ich bekam die zweite Räumungsklage.

»Mehr, mehr, fester, fester«, kreischte die Stute. Zwischendurch beruhigte sie sich, aber als ich gerade am Einschlafen war, weckte mich ein Knurren dicht am Ohr.

»Ich will mehr von dir!«

Nach vier Stunden Getöse hörten wir auf, und ich wollte endlich schlafen, obwohl meine Lenden glühten wie im Feuer. Ich war gerade am Eindösen, da fuhr ich auf, weil in meinem Gedärm ein fürchterliches Schleudern einsetzte, wie in einer Zentrifuge. Das gärende kilju tat sein naturgegebenes Werk. Mir war klar, dass ich es über die Leiter nicht mehr rechtzeitig schaffen würde, also sprang ich seitlich vom Hochbett und trippelte mit kleinen Schritten zum Klo. Aus dem Lärm, der kurz darauf aus der Kloschüssel dröhnte, schloss ich, dass ich mir gerade die Därme aus dem Leib kackte. Der Schweiß, der mir in Strömen aus den Poren lief, bildete eine Pfütze auf dem Boden, während ich meinen ganzen Magen durch den Arsch presste. Nach einer Weile klopfte es an der Klotür, dann hörte ich eine flehende Stimme:

»Dauert es noch lange?«

»Ganz bestimmt!«, knurrte ich.

Gleich darauf wurde das Klopfen fordernder.

»Ich muss ziemlich dringend.«

Ich hörte ihren Magen grollen. Ihr Darm war vermutlich ein paar Meter länger als meiner, aber der Hausgepunschte tat auch da seine Wirkung. Die Schnepfe ging mir auf den Geist, ich rief ihr zu, sie solle gefälligst warten. Kurz darauf hörte ich, wie ihre fetten Schenkel hektisch gegeneinanderklatschten, dann tat es einen Kanonendonner, dann einen zweiten und noch einen dritten. Mit weinerlicher Stimme klagte die Xanthippe:

»Du hast mich ja nicht reingelassen …«

Die Grazie hatte die Wände im Flur kackbraun gemalert und, noch schlimmer, den Garderobenständer gleich mit dazu.

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Mittwoch, 25.3.

Am Morgen ging das Sahnestück. Sie fragte, ob wir uns noch mal treffen und ein bisschen reden könnten. Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, die Wände zu schrubben und zu kotzen. Zwischendurch ging ein Teil von mir Glimmstengel kaufen. Am Kiosk holte ich das Geld aus der Tasche, aber der Schein war so dreckig, dass ich ihn der Verkäuferin nicht geben mochte. Also ging ich wieder nach Hause, um mein Geld zu waschen. Am Abend kaufte ich bei einem Dealer zwei Liter Sprit. Ich nahm einen Probeschluck aus der einen Flasche: Das Gesöff hatte einen leichten Beigeschmack von Petroleum, aber der Verkäufer behauptete, der Stoff wäre sauber. Also erstand ich die zwei Flaschen und fing an zu trinken.

Donnerstag, 26.3.

Keine Erinnerung.

Freitag, 27.3.

Keine Erinnerung.

Samstag, 28.3.

Ich zittere und habe Angst. Unter dem Kram, den mein Alter mir in einer Kiste hinterlassen hat, habe ich irgendeine Pille gefunden. Die werfe ich mir jetzt ein. Das Fahrtenmesser halte ich die ganze Zeit in der Hand.

Sonntag, 29.3.

Keine Erinnerung.

Montag, 30.3.

Keine Erinnerung.

Dienstag, 31.3.

Aus dem Zustand meiner Matratze schloss ich, dass ich mindestens zwei Tage lang nicht mal aufgestanden war, um aufs Klo zu gehen. Ich fühlte mich seltsam, irgendwie unwirklich. Erst mal kippte ich sämtliche Pillen in die Schüssel, mir war zum Kotzen und zum Heulen. Also heulte und kotzte ich, danach ging’s mir besser. Dann klingelte ich nebenan und fragte, welcher Tag heute wäre. Die Nachbarin sagte, der letzte. Ich schämte mich, aber ich musste sie fragen, in welchem Monat. Zum Glück war sie so nett, es mir zu sagen. Plötzlich ging mir auf, dass heute mein Geburtstag war. Das erzählte ich gleich der Nachbarin. Sie umarmte mich und wollte wissen, wie alt ich würde. Es war mir zu peinlich, zu fragen, welches Jahr wir haben, also behauptete ich, ich würde einunddreißig. Meine Nachbarin sagte, das sei kaum zu glauben. Ich nahm es als Kompliment. Der Mann meiner Nachbarin besaß ein Moped und ich fragte, ob ich es mir borgen könnte, um zum Alko-Laden zu fahren. Weil ich Geburtstag hatte, lieh mir der Alte sein Opa-Moped samt Helm. Er hat mindestens Hutgröße 65. Er klagte immer, dass ihm der Nacken wehtut. Wenn ich so eine Riesenmelone auf dem Hals balancieren müsste, wäre ich bestimmt von der Hüfte aufwärts total steif. Obwohl ich vier Wollmützen unterzog, wackelte der Helm auf dem Kopf wie der Hintern einer alten Freundin. Trotzdem fuhr ich mit dem Moped zum Alko-Laden. Von irgendwelchen Gängen hatte der Alte nichts gesagt, daher nahm ich an, dass das Moped Automatik hatte, es fuhr auch fast sechzig, obwohl ich nicht schaltete. Ich kaufte sechs Flaschen Klaren und hängte die Tüte an den Lenker. Der Motor lief so heiß, dass er mir das eine Hosenbein verkokelte. Ich beschloss, die Abkürzung durch das Gebiet mit den Einfamilienhäusern zu nehmen. Irgendwie rutschte mir die Hand vom Gashebel, und da stellte sich heraus, dass das Moped noch einen zweiten Gang besaß. Jetzt begriff ich, was der Nachbar, der früher Automechaniker gewesen war, in seinem Keller getüftelt hatte. Der Schwachkopf hatte sein Moped getunt, im zweiten Gang fuhr es fast Hundertzwanzig. Ich brauste bei Rot über die Kreuzung – vorläufig ohne Zusammenstoß. Als ich in voller Fahrt auf eine zwei Meter hohe, dichte Weißdornhecke zuraste, bekam ich es mit der Angst zu tun, zumal ich plötzlich merkte, dass der Helm von dem Opa kein Visier mehr hatte.

Der Abflug durch die Hecke tat eigentlich nicht weh. Erst auf dem Betonboden im leeren Swimmingpool im Garten hatte ich auf einmal überall höllische Schmerzen. Leicht irritiert schraubte ich eine der heil gebliebenen und im Fahrtwind gekühlten Schnapsflaschen auf. Ich merkte, dass die einzige Stelle, die nicht schmerzte, der Hals war – von innen. Aber dann wurde es trotzdem richtig unangenehm, weil der eiskalte Schnaps mir die Kehle verbrannte. Ich ließ die Rakete des Nachbarn im Schwimmbecken liegen, kletterte raus und ging nach Hause. Unterwegs kaufte ich im Eckladen vier Packungen Pflaster. Sie hatten nur Lion King. Zu Hause klebte ich sie alle nacheinander auf. Mein Gesicht sah aus wie ein Kinderbild, die einzigen Stellen, an denen keine kleinen Löwen grinsten, waren die Augäpfel. Ich trank aus zwei Schnapsflaschen gleichzeitig. Allmählich ließ der Schmerz nach. Ich beschloss, morgen festzustellen, welches Jahr wir haben, und dem Nachbarn seinen Helm zurückzubringen. Und wenn ich es schaffte, würde ich danach noch zu den Bullen gehen und den Idioten mit seinem frisierten Moped anzeigen.

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Mittwoch, 1.4.1998

Heute war offenbar irgendein Deppentag, denn Kristian rief an und erzählte mit weinerlicher Stimme, er sei auf einem Familientreffen gewesen. Die ganze Sippschaft war nach dem Fest in einen Charterbus gestiegen, nur Kristian konnte nicht mitfahren, weil er noch saubermachen musste. Eine halbe Stunde später hatte er einen Anruf bekommen, der Bus wäre verunglückt. Ein türkisches Flugzeug war direkt auf den Bus gestürzt und hatte die ganze Sippe plattgemacht. Dann sagte Kristian noch, die ganzen Häuser und die zig Millionen, die er jetzt erben würde, könnten ihn niemals über den Verlust seiner Verwandten hinwegtrösten. Anschließend schwieg er eine Weile und fing dann plötzlich an zu singen:

»April, April, iss Hering, trink Schmutzwasser drauf …« Ich legte auf und ging zum ersten Mal kotzen. Als das Telefon erneut klingelte, zog ich den Stöpsel heraus und beschloss, mich erst morgen wieder zu melden.

Donnerstag, 2.4.

Weil das Telefon ausgestöpselt war, wurde ich nicht von seinem Klingeln geweckt, sondern von einem Wahnsinnsgebimmel an der Tür. Ich guckte durch den Spion, ob wirklich jemand draußen stand, denn in verkatertem Zustand hörte ich manchmal Geräusche, die es gar nicht gab. Als ich Kristians aufgedunsene, stoppelbärtige Fresse sah, ließ ich den werten Herrn herein. Ein Türspion ist, soweit ich weiß, aus gewölbtem Glas und müsste das Gesicht runder machen. Ich beschloss, den Immobilienservice anzurufen und prüfen zu lassen, ob mein Spion falsch eingebaut war, denn Kristians Visage war in Wahrheit noch aufgedunsener als durch den Gucker. Wir machten uns über den Fusel her, den Kristian mitgebracht hatte. Nachdem wir uns eine Weile warmgetrunken hatten, fragte Kristian, ob ich sehen wolle, wie er sich das Licht ausschießt.

»Von mir aus«, antwortete ich.

Kristian warf zwei teuflisch starke Schmerztabletten ein und sackte nach zehn Minuten weg. Ich soff allein weiter. Weil ich nichts zu tun hatte, dachte ich mir, ich könnte meinem Freund zum Dank für den Schnaps einen Dienst erweisen und ihm die unordentlichen Bartstoppeln rasieren. Also holte ich Schaum und Rasierer aus dem Bad. Ich war wohl schon ziemlich beduselt, denn nach der Rasur konnte ich Kristians Augenbrauen nicht mehr entdecken. Ich kann nicht mehr richtig gucken, dachte ich und kletterte auf mein Hochbett, um zu pennen.

Freitag, 3.4.

Ich wurde durch ein heftiges Geräusch aus dem Schlaf gerissen, was ich vielleicht am allermeisten hasse, weil ich ein eher schreckhafter Mensch bin. Aus dem Badezimmer kamen hysterische Schreie und dramatische Schluchzer. Ich kletterte nach unten, um nachzusehen, was los war. Kristian stand ungefähr einen Zentimeter vor dem Spiegel und betrachtete sein Gesicht. Er behauptete, er hätte Krebs. Mir klappte die Kinnlade runter. Dann fing er an zu erklären, er hätte vor einem Monat angefangen, sich einen Bart stehen zu lassen. Und jetzt wäre der Bart verschwunden, außerdem auch die Augenbrauen und an einem Auge sogar die Wimpern. Stattdessen wären überall kleine Narben aufgetaucht, und seine Nase wäre eingekerbt wie ein aufgeplatztes Grillwürstchen.

»Ich hab Krebs, ich hab Krebs«, jammerte Kristian. Ich fragte, ob die Pillen, die er zum Fusel geschluckt hatte, Zytostatika oder irgend so ein Zellgift waren. Er behauptete, es wären stinknormale Schmerztabletten, die das zentrale Nervensystem betäubten. Um Kristian zu beweisen, dass er keinen Krebs hatte, packte ich ihn an den Haaren und zog ihn wie verrückt durch das Bad. Ich weiß nicht, ob mit seinem Gleichgewichtssinn etwas nicht stimmte oder nur sein Kreislauf am Ende war, jedenfalls klappte er mittendrin zusammen. Als er wieder zu sich kam, zeigte ich ihm meine Hände.

»Guck mal, dir ist kein einziges Haar ausgegangen.«

Bevor er ging, bat Kristian, ich solle ihm eine Skimütze leihen. Die zog er so tief ins Gesicht, dass nur die blutige Nasenspitze zu sehen war. Auf einmal dröhnte mir fürchterlich der Kopf. Zum Glück hatte Kristian eine von seinen tollen Pillen im Bad vergessen.

Samstag, 4.4.

Keine Erinnerung.

Sonntag, 5.4.

Keine Erinnerung.

Montag, 6.4.

Ich habe den ganzen Nachmittag im dunklen Kleiderschrank gehockt und gezittert. Jetzt ist Schluss mit der Sauferei. Ab heute bleibe ich nüchtern.

Dienstag, 7.4.

Letzte Nacht habe ich ziemlich genau fünf Minuten geschlafen. Die restliche Zeit habe ich mich im verschwitzten Bett gewälzt und Zuckungen gekriegt. Die fünf Minuten reichten aber aus für einen Traum, in dem bis zum Hals enthäutete Dobermänner auf mein Hochbett sprangen, um mich zu zerfleischen. Ich wurde von meinem eigenen Schrei wach, ich hatte mir in die Hand gebissen. So fest, dass sie blutete. Ich schob die Hand unters Kissen und überlegte, ob ein Mensch von seinem eigenen Biss Tollwut kriegen kann. Am nächsten Morgen bin ich gleich zum Tierarzt, um mich gegen Rabies impfen zu lassen. Die Leute in der Praxis haben mir gedroht, die Polizei zu rufen, wenn ich nicht sofort verschwinde. Als ich rausging, hörte ich sie von irgendwelchen Spinnern reden. Keine Ahnung, wer gemeint war.

Mittwoch, 8.4.

Letzte Nacht habe ich schon eine Viertelstunde geschlafen. Ich fühlte mich direkt ausgeruht. Meine Netzhaut war so müde, dass ich den Schaukelstuhl von ganz alleine schaukeln sah. Ich weiß nicht, was für ein verdammter Hundezwinger in meinem Unterbewusstsein steckt. Im Traum klingelte es an meiner Tür. Ich machte auf, und da marschierten langhaarige Schäferhunde rein, in norwegischen Fischerpullovern. Anfangs benahmen sie sich ganz anständig, aber nachdem sie eine Weile in meiner Bude rumgeschnüffelt hatten, stürzten sie sich alle auf mich und fingen an, mich in Stücke zu reißen. Ich wurde von meinem Geheul wach. Wenn man nüchtern ist, hat man den ganzen Tag nichts anderes zu tun als über seine Träume nachzudenken. Davon wird man neurotisch.

Donnerstag, 9.4.

Gegen Mittag rief mein Vetter an, von dem ich so ungefähr vor zehn Jahren zuletzt gehört hatte. Er fragte, ob er Olavi bei mir in Pflege geben könne. Klar doch, sagte ich. Ich dachte mir, ich könnte das Söhnchen von meinem Vetter kennenlernen und mit ihm Fernsehen gucken. Dabei würden sich meine Nerven hoffentlich ein bisschen beruhigen. Am Nachmittag klingelte es. Klar, mein Vetter mit seinem Sohn. Ich öffnete und brachte mich mit einem Sprung hinter die Garderobe in Sicherheit. Ich zitterte am ganzen Leib, denn mein Vetter hatte einen Hund bei sich, der mindestens hundert Kilo wog.

»Platz, Olavi!«, befahl mein Vetter.

Der Riesenarsch klatschte auf den Boden. Na, immerhin schien das Viech zu gehorchen. Ich blieb mit dem angeblich braven Hund allein. Weil ich wissen wollte, um welche Rasse es sich handelte, lieh ich mir beim Nachbarn ein Hundebuch. Am ähnlichsten sah Olavi dem Foto von einem Mastiff, und das Gewicht passte auch. Bis zu hundert Kilo und mehr … Nachdem ich Olavis Rasse bestimmt hatte, beschloss ich, mich genauer über ihn zu informieren. In dem Buch stand, es sei typisch für Vertreter dieser Rasse, größere Gegner anzugreifen, denn sie fürchteten sich vor nichts. Außerdem hieß es, sie müssten mit fester Hand erzogen werden, sonst wären sie gefährlich für ihre Umgebung. Ich hatte solchen Schiss, dass ich laut heulte. Olavi kam zu mir und leckte mir mit seiner zeitungsgroßen Zunge über das Gesicht.

Später machten Olavi und ich einen Spaziergang. Offenbar war irgendeine Hündin läufig, denn Olavi rannte mit gesenkter Schnauze los. Ich hatte mir seine Leine fest um den Arm gewickelt, damit er mir ja nicht weglief. Ich hatte seit mehr als fünfzehn Jahren keinen Sport getrieben und kam schon beim Treppensteigen aus der Puste. Jetzt rannte ich gefühlte fünfzehn Kilometer ohne Halt. Nach einer kleinen Ewigkeit hörte ich auf zu rufen, weil ich merkte, dass mich das Gebrüll noch mehr Kraft kostete. Vor meinem Haus traf Olavi dann auf die läufige Hündin. Er leckte ihr die Dose wie ein Idiot. Als ich den erregten Rüden endlich wieder in meiner Bude hatte, wagte ich völlig ausgepumpt einen Blick in den Spiegel. Lederjacke, Jeans, Boots und Schirmmütze waren klitschnass, von dem, was ich darunter trug, ganz zu schweigen. Eigentlich hatte ich geglaubt, eine Lederjacke wäre wasserdicht. Ich stieg mit Klamotten in die Duschkabine. Dann noch einmal ohne. Mein Puls lag immer noch zwischen 300 und 400. Als ich das Wasser abstellte, wunderte ich mich über die Geräusche aus dem Wohnzimmer. Olavi war dabei, mein Sofa zu besteigen. Ich versuchte ihn wegzuscheuchen, aber er knurrte nur drohend. Den ganzen Abend saß ich auf dem harten Fußboden vor der Glotze, obwohl mir vom Laufen der Arsch richtig brannte. Ich musste die Lautstärke am Fernseher voll aufdrehen, denn Olavi rammelte das Sofa, die Sofakissen, jedes Kissen einzeln, und zweimal versuchte er sogar mich zu bespringen. Ich war stinksauer, dass ich mir keine Waffe besorgt hatte.

Freitag, 10.4.

Ich hätte wahrscheinlich zum ersten Mal seit einer Woche schlafen können, wenn das Hochbett nicht so gewackelt hätte, weil Olavi stundenlang die Leiter bestieg. Es wurde eine sehr lange Nacht.

Samstag, 11.4.

Olavi wurde gestern abgeholt. Ich schlief bestimmt zwei Stunden, nur träumte ich leider die ganze Zeit von Olavi. Was er im Traum mit mir tat, will ich nicht in mein Tagebuch schreiben. Der Traum wirkte so echt, dass ich gleich nach dem Aufwachen mein Arschloch abtastete, um festzustellen, ob es wirklich wund war.

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Dienstag, 14.4.

Scheiße, ich war jetzt neun Tage ohne Alk. Die Rettung kam heute um 12 Uhr, als ein Freund mich bat, als Möbelschlepper mit ihm nach Tampere zu fahren. Seine Schwester zog dahin, und er sollte ihre Möbel im Kleintransporter zu ihrer neuen Wohnung bringen. Mein Kumpel meinte, wir könnten über Nacht in Tampere bleiben. Er hatte irgendwelche Gutscheine für ein Hotel.

In Tampere luden wir die Sachen aus und fuhren zu unserer Unterkunft. Mein Kumpel hatte zwei Flaschen Klaren mitgebracht, die wir aufschraubten, sobald wir im Zimmer waren. Weil ich so lange nicht gesoffen hatte, wollte mir der Schnaps partout nicht zu Kopf steigen, während mein Kumpel schon vor neun am Ziel war. Jetzt hockte ich schon wieder allein vor der Glotze. Ich beschloss, in die nächste Kneipe zu gehen. Dort traf ich eine attraktive Lady, aber als ich ihr vorschlug, sie manuell zu befriedigen, war ich wieder allein, allerdings mit einer ziemlich großen Beule. Ich torkelte zurück zum Hotel.

Mittwoch, 15.4.

Weil ich nicht einschlafen konnte, trank ich die Minibar leer. Auf ex. Allem Anschein nach regt so ein Getränkemix die Hirntätigkeit an, jedenfalls kam mir spontan eine Idee. Ich stellte meine Armbanduhr und die von meinem Kumpel auf 8.00 Uhr. Dann rief ich bei der Rezeption an, bat flüsternd um einen Testanruf in unserem Zimmer und schlüpfte schnell ins Bett. Kurz darauf klingelte das Telefon, und mein Kumpel wurde wach. Ich nahm den Hörer ab und bedankte mich. Weckruf, erklärte ich meinem Kumpel. Der guckte ungläubig auf seine Uhr und fragte, wie spät es auf meiner wäre. Acht Uhr morgens, antwortete ich. Mein Freund sagte, wir müssten wohl zum Frühstück. Dann guckte er zum Fenster raus und wunderte sich, wo zum Teufel die Sonne steckte. Er war aber noch so besoffen, dass er trotzdem zum Frühstück ging. Ich versprach, gleich nachzukommen, schlich mich auf den Flur und beobachtete, wie er an der Rezeption vorbei in das geschlossene Restaurant marschierte. Kurz darauf stand die Rezeptionistin hinter ihm.

»Was wollen Sie?«, fragte sie.

»Frühstück.«

»Frühstück gibt es erst in fünf Stunden.«

»Was soll das für ein Scheißfrühstück sein, das um ein Uhr mittags serviert wird?«

Mein Kumpel brauchte ziemlich lange, um zu begreifen, dass es ein Uhr nachts war.

Ich lag prustend unter der Decke, als er ins Zimmer zurückkam.

Er sagte nur:

»Leck mich am Arsch.«

Am Morgen fuhren wir ab. Ich hatte einen fürchterlichen Brummschädel, obwohl ich nur einen Abend lang gebechert hatte. Unterwegs hielt mein Kumpel bei einem Gebrauchtwagenhändler mitten in der Walachei. Mir war so schlecht, dass ich nicht mit reingehen wollte. Ich guckte mir den Schrott auf dem Hof an, da krachte es plötzlich am Ackerrand, ein höllischer Knall, und im nächsten Moment flog das Dach einer Hütte durch die Luft! Zuerst dachte ich, jetzt krieg ich den Säuferwahnsinn, aber als mein Kumpel und der Autohändler kreidebleich aus dem Haus nebenan schossen, begriff ich, dass ich keine Fata Morgana gesehen hatte. Der Autohändler stammelte bloß:

»Denen ist der Brennkessel explodiert, oh du liebe Kacke, der Schnapsbrennkessel ist explodiert …«