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Götternacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Epilog

Über die Autorin

Anna Bernstein wurde 1988 in München geboren. Heute lebt sie mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter in Berlin. Kunst und Musik gehörten schon immer zu ihrem Leben, aber das Schreiben entwickelte sich nach und nach zum wichtigsten Ventil für ihre Kreativität. Obwohl sie ihre Geschichten meist in fantastischen Welten oder vergangenen Zeiten ansiedelt, dient ihr als Inspiration stets das echte Leben. So sagt sie von sich selbst, dass sie erst seit der Geburt ihrer Tochter so richtig überzeugend tiefe Liebe beschreiben kann. Ihre ersten Geschichten verfasste sie als Kind über Pferde, und gewissermaßen schließt sich der Kreis 20 Jahre später mit ihrem ersten Roman GÖTTERNACHT, denn auch in dieser Geschichte spielen Pferde eine wichtige Rolle.

Prolog

Ein zarter Wind fuhr über den Boden und wirbelte tote Blätter in die Luft. Am Abendhimmel leuchteten bereits die ersten Sterne, während die letzten Strahlen der untergehenden Sonne am Horizont verglühten. Noch immer war es ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit, fast so, als wollte sich der Herbst mit allen Kräften gegen den hereinbrechenden Winter wehren. Aber die spärlich wachsenden Bäume auf den Berghängen waren kahl bis auf das letzte Blatt, und das Gras hatte sich braun verfärbt. Das ganze Land lag brach. Nur der Wald grünte, so, wie er es immer tat.

Eine Frau löste sich aus den Schatten. Sie war nur leicht bekleidet und in offenkundiger Hast. Schwer atmend hielt sie mit beiden Händen ihr weißes Leinenkleid hoch. Lange, blonde Locken flatterten im Wind. Die zierliche Gestalt lief nach Westen, direkt auf den Wald zu. Sie stolperte über einen Stein und verlor kurz das Gleichgewicht, eilte jedoch sofort weiter. Zu verwirrt waren ihre Gedanken, zu aufgewühlt ihr Herz.

Ihre Schritte wurden langsamer, je näher sie dem Wald kam. Kurz bevor sie ihn erreichte, blickte sie zurück. Ein Stück den Berg hinauf sah sie den weitläufigen Wall aus dicken, angespitzten Holzpfählen, der ihr Dorf umgab. Über dreihundert Menschen lebten in den dicht beieinanderstehenden Häusern aus Holz und Flachs. Menschen, die nicht wussten, was jenseits des Walls auf sie wartete. Menschen, die nie den Wald betreten hatten, weil sie sich vor den fremden Wesen fürchteten, die dort beheimatet waren.

Die Frau verharrte am Waldrand und blickte auf das Dorf, in dem sie aufgewachsen war. Sie konnte einige Männer erkennen, die noch zu dieser späten Stunde draußen am Feuer saßen und sich Geschichten erzählten. So nichtsahnend. So unwissend. Sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Nächtelang hatte sie geweint, hatte stark sein wollen und es doch nicht geschafft. Sie konnte nicht leugnen, dass es nun die Hoffnung war, die sie vorantrieb. Sie allein steuerte ihre Schritte.

Entschlossen löste sie ihren Blick von der Siedlung. Noch einmal atmete sie tief ein und raffte ihr Kleid. Dann übertrat sie die Grenze zum Wald.

Dunkelheit umhüllte sie. Nach nur wenigen Schritten war das Blätterdach so dicht, dass weder Sternen-noch Mondlicht zu ihr hindurchdrangen. Kein Laut war zu hören. Selbst das Rauschen der Bäume und das Knistern des Laubs, auf welches die Frau trat, klangen unwirklich und gedämpft. Der Wald verschluckte alle Geräusche. Sie dachte plötzlich daran, dass sie hier niemand würde hören können. Selbst dann nicht, wenn sie sich die Seele aus dem Leib schrie. Sie wollte nicht daran denken, was ihr passieren könnte, wenn sie entdeckt würde. Es war gefährlich, was sie tat. Das Betreten des Waldes war verboten. Aber nur sie wusste, warum. Sie hatte ihn gesehen. Sie war bei ihm gewesen. Bevor er sie verstoßen hatte.

Sie wollte sich nicht eingestehen, dass es vorbei war. Nach all dem, was sie erlebt hatten, nach allem, was sie für ihn empfand. Ohne ein Wort der Erklärung, ohne einen Funken Mitgefühl hatte er sie bei ihrem letzten Treffen abgewiesen. Sie wusste, dass er den Wald nicht verlassen konnte. Vielleicht aber wollte er es auch gar nicht. Sie erinnerte sich an die Finsternis in seinen Augen, als er sie wegschickte. Sein Urteil hörte sich endgültig an. Doch sie gehörte nicht zu jenen Menschen, die es einfach hinnahmen, wenn man sie verletzte. Sie verlangte eine Erklärung. Vielleicht würde sie sie heute bekommen, immerhin hatte er sie hierher gebeten. Ohne zu zögern, war sie dieser Bitte gefolgt, auch wenn sie ahnte, dass ihr der heutige Abend nur noch mehr Schmerz bringen würde.

Sie erreichte eine kleine Lichtung, die vom Mondlicht erhellt wurde. Weit und breit war niemand zu sehen, aber sie spürte die Anwesenheit eines anderen Wesens. War er es? Oder waren sie es?

Als sie in die Mitte der Lichtung trat und sich umsah, erschauerte sie. Der Wind war hier kälter. Sie faltete ihre Arme vor der Brust und versuchte sich zu wärmen. Ganz egal, wie lange es dauerte, sie würde warten, bis er sich zeigte.

Ein Geräusch schreckte sie auf. Ihr Blick schweifte suchend umher. In der Schwärze zwischen den Bäumen konnte sie fast nichts erkennen, doch dann hob sich ein grauer Fleck von den übrigen, dunkleren Farben ab und kam näher. Das fahle Licht umspielte vage einen Kopf und Schultern, ließ eine muskulöse, nackte Brust und langes Haar erahnen. Der Rest von ihm verschmolz mit der Finsternis um ihn herum.

Ihr Herz begann, wild zu pochen. Er war gekommen, er war tatsächlich hier. Für einen kurzen Moment hatte sie nicht mehr daran geglaubt. Bedeutete sie ihm doch noch immer etwas? Konnte er sie genauso wenig vergessen wie sie ihn?

Langsam schritt sie auf ihn zu und blieb so dicht vor ihm stehen, dass sie seinen Atem auf ihrem Haar spürte.

»Du weißt nicht, wie sehr ich mich nach dir gesehnt habe«, hauchte sie und streckte die Hand nach ihm aus.

Ihre zitternden Finger berührte weiche, warme Haut. Sein Herz schlug ruhig und kräftig. Sein Duft erfüllte die Luft. Sie sog ihn tief ein. So unendlich vermisst hatte sie diesen eigentümlichen Geruch. Sie lehnte sich unwillkürlich vor, ihre Körper berührten sich fast. Doch noch immer machte er keine Anstalten, etwas zu sagen. Stattdessen ließ er ihre Berührungen geschehen und schloss die Augen. Ihre zierlichen Finger streichelten ihm über die Schläfe.

Die junge Frau lächelte. Sie hätte nicht gedacht, ihm noch einmal so nahe kommen zu dürfen. Nicht nach den letzten Worten, die er zu ihr gesagt hatte. Worte, die Wunden in ihrer Seele hinterlassen hatten. Noch immer hallten sie in ihrem Kopf wider. Mit einem heftigen Kopfschütteln vertrieb sie sie aus ihren Gedanken und konzentrierte sich wieder auf diesen Mann, der so viele Gefahren auf sich nahm, nur um sie wiederzusehen.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, grub die Hände tief in seine Haare, spürte seinen Atem. Dann, ganz zart, berührte sie mit ihren Lippen die seinen. Sie hauchte ihm einen vorsichtigen Kuss auf den Mund und verharrte kurz. Er kam ihr nicht entgegen.

»Warum?«, fragte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Willst du mich nicht?«

Sie konnte ihn tief ein- und ausatmen hören. Ihr Herz drohte zu zerspringen. Sie wusste, dass er sich darauf vorbereitete, etwas zu sagen, das ihr nicht gefiel, und sie war sich nicht sicher, ob sie es ertragen konnte.

»Tochter der Uredos«, sagte er mit einer so tiefen und melodiösen Stimme, dass ihre Knie weich wurden. »Ich kann nicht bei dir bleiben. Das Gesetz verbietet es.« Sanft nahm er ihre Hände von sich und hielt sie in seinen eigenen. »Ich bin meinem Volk verpflichtet. Es wird sterben ohne mich. Vielleicht sogar durch die Hand deines Volkes.«

Sie trat zurück, entwand sich seinem Griff. Ihre Stimme zitterte. »Was soll das bedeuten?«, fragte sie, mühsam beherrscht. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und ihre Nägel gruben sich tief in ihr Fleisch. Doch sie zwang sich zur Ruhe. »Chiron, was hat das zu bedeuten? Verstößt du mich?« Sie stockte. »Schon wieder?« Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. »Wie kannst du das tun, wenn du weißt, wie sehr ich dich liebe?«

»Und ich liebe dich«, bestätigte Chiron. »Und doch wünschte ich, ich könnte es ungeschehen machen. Ich verliere das Wertvollste, das mir zum Geschenk gemacht wurde, wenn ich dich weiterhin liebe.« Er hob die Hand, um ihre Antwort abzuwehren. »Ich weiß, du bist verletzt. Und ich weiß, du kannst es nicht verstehen. Noch nicht. Aber glaube mir, eines Tages wirst du verstehen, warum ich mein Volk wähle und nicht dich.«

Sie trat noch einen Schritt zurück. Nur ein paar Fuß trennten sie, und doch schien diese Entfernung eine unüberwindbare Kluft zu sein. Ein unerträglicher Schmerz schnürte ihre Brust zusammen und ließ sie keuchen. Sie senkte den Kopf und wirkte viel kleiner, als sie es eigentlich war. »Nein. Nein. Nein«, murmelte sie. Immer wieder.

Chiron trat aus dem Schatten und blieb dicht vor ihr stehen. »Tochter der Uredos«, sagte er erneut. »Bitte weine nicht. Ich ertrage deine Tränen nicht. Ich bitte dich, hör mir zu.« Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und sah ihr tief in die Augen. »Mein Volk stirbt«, sagte er. Seine Züge verhärteten sich. »Und deines stirbt ebenfalls. Ich blicke zurück auf so viele Jahre, in denen unsere beiden Völker Verluste beklagen musste. Niemals zuvor waren wir so wenige. Ich möchte dir ein Geschenk machen. Aber nur, wenn du die Bedingungen akzeptierst, die ich festlege.« Chiron ließ von ihr ab und richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. Mit entschlossenem Blick sah er auf die Frau hinunter. »Hilf meinem Volk, zu überleben. Hilf ihm, wieder zahlreich zu werden und von Neuem zu erstarken. Mein Geschenk an dich wird dir ermöglichen, mein Volk zu beschützen. Unsere Völker zu beschützen.« Chiron streckte die Hand nach ihr aus und strich ihr zärtlich über das Gesicht. »Ich bewahre dich vor dem Tod. Wir werden verbunden sein. Für immer. Nun sage mir, Maid der Uredos, nimmst du dieses Angebot an?«

Sie zitterte. Ein Rauschen hob in ihren Ohren an und machte sie für einen kurzen Augenblick taub. Sie wollte lieber sterben, als jemals von ihm getrennt zu sein. Doch was genau bot er ihr da an?

»Wenn ich das tue«, sagte sie mit bebender Stimme, »wirst du dann bei mir sein? Werden wir uns treffen, so wie wir es immer getan haben?«

»Wir werden vereint sein«, sagte Chiron. »Aber ich kann dich nicht lieben. Dies ist der Weg, den ich für mich gewählt habe. Nun wähle den deinen, bevor es zu spät ist.«

Sie senkte ihren Blick und griff nach Chirons Hand, die noch immer auf ihrem Gesicht lag. Eines war ihr bewusst: Wenn sie jetzt verneinte, würde sie ihn nie wiedersehen. Wenn sie annahm, würde er sie trotzdem nicht lieben. Aber sie wäre ihm nahe, auch wenn er ihre Liebe nie auf dieselbe Weise erwidern konnte.

»Ich wähle den Weg mit dir«, sagte sie schließlich.

Chiron lächelte und beugte sich zu ihr hinunter. Sein Kuss war wild und stürmisch. Es sollte sein letzter sein.

Kapitel 1

Leah schloss die Augen. Unter sich spürte sie den warmen, starken Pferdekörper, der zielstrebig vorangaloppierte. Sie hörte das laute, regelmäßige Trommeln der Hufe. Der Hengst schnaubte gelassen. Für ihn war der Spurt über den Berg ein Kinderspiel, nichts, was ihn außer Atem brachte.

Der Wind fuhr durch Leahs Haare und trieb sie in ihr Gesicht. Ganz langsam streckte sie die Arme zu beiden Seiten aus. Sie legte den Kopf in den Nacken und drückte die Schenkel eng an den Pferdekörper. Wenn Rigo nur noch etwas schneller laufen würde, dachte sie, dann wäre es fast wie Fliegen.

Das Pferd reckte plötzlich seinen Hals nach vorne und beschleunigte. Schlagartig öffnete Leah die Augen und griff in die schwarze Mähne.

Der unebene Weg vor ihnen wurde von einem steilen Abhang begrenzt, und Leah zügelte ihren Hengst. Nur sehr widerwillig wurde er langsamer. Zu seiner rechten Seite lösten sich Steine und rollten über den Rand des Weges und den Berghang hinab. Leah blickte nach unten und lenkte Rigo mit fester Hand über den schmalen Trampelpfad, der in Richtung Tal führte. Schließlich erreichten sie die offene Wiese, an deren Horizont sie das Dorf ausmachen konnte. Sie spürte, dass der Hengst Anstalten machte, wieder davonzugaloppieren, aber sie streichelte seinen Hals und flüsterte beruhigende Worte in seine gespitzten Ohren. Aufmerksam hörte er zu und schritt langsam über die Ebene.

Die warmen Strahlen der Morgensonne fielen auf ihr Gesicht und erreichten schon bald die Reste des Schnees, die das Land im Schatten der Berge noch immer bedeckten. Darunter wagten sich die ersten Spitzen grüner Grashalme ans Licht und reckten sich der blassen Sonne entgegen. Der Tag erwachte in aller Ruhe.

Leah ritt mit dem Hengst Richtung Osten. Nicht weit entfernt erstreckte sich ein riesiger Wald, dessen Bäume dunkel und finster in den Himmel ragten. Das dichte Gestrüpp erlaubte keine neugierigen Blicke in das Innere und verbarg seine Geheimnisse gewissenhaft. Leah merkte kaum, wie ihr Pferd immer langsamer voranschritt und nach einigen Augenblicken schließlich stehen blieb.

Caldis, der verbotene Wald von Án Bruinhaìn, nahm sie einmal mehr gefangen. Bis auf das gelegentliche Heulen eines Wolfes hatte Leah noch nie einen Laut aus dem Wald gehört. Sie sah auch kein Wild am Waldrand äsen oder Vögel aus den Baumkronen fliegen. Es führten keine Spuren von Getier aus dem Wald hinaus oder wieder hinein. Die Bäume verloren ihre Blätter auch im Winter nicht. Der Wald säumte einsam einen der Berghänge, zwischen denen sich das Volk der Uredos vor Jahrhunderten niedergelassen hatte.

Leah erinnerte sich an einen Tag, der weit zurück in ihrer Kindheit lag. Damals, als ihre Mutter noch lebte und ihren kleinen Bruder unter dem Herzen trug, hatten sie zusammen am Rande des Waldes Feuerholz gesammelt. Zuerst hatte Leah die Stimme kaum wahrgenommen. Sie schien nur zu flüstern und wurde von dem Lied übertönt, welches ihre Mutter sang. Doch dann wurden die Worte lauter. Und während ihre Mutter nichtsahnend Zweig um Zweig stapelte und zu einem dicken Bündel zusammenflocht, war Leah der Stimme gefolgt, die eine so unbändige Anziehungskraft auf sie ausübte, dass sie sich bis heute nicht erklären konnte, warum sie trotz des Verbotes den Wald schließlich betrat. Selbst Kinder wussten, dass ein so großer Verstoß gegen die Stammesgebote mit dem Tod geahndet werden konnte.

In diesem Moment dachte Leah jedoch nicht über die Konsequenzen nach. Sie dachte nicht darüber nach, welche Furcht und Wut ihre Mutter verspüren würde, wenn sie sah, dass Leah die Grenze überschritt. Leah lauschte nur der Stimme und ihrem hellen, reinen Klang, fast wie Musik. Als Leahs Mutter bemerkte, wie ihr Kind die Grenze hinter sich ließ und beinahe zwischen den dicht beieinanderstehenden Stämmen verschwand, brach die Stimme im selben Augenblick ab, in dem ihre Mutter schrie.

Wolfsgeheul übertönte plötzlich das Geschrei. Leahs Mutter packte sie am Arm und zerrte sie hastig aus dem Wald hinaus. Niemals wieder bekam Leah eine solche Tracht Prügel. Sie missachtete nie wieder die Gesetze und war dem Wald bis zum heutigen Tag ferngeblieben. Nur manchmal, in Nächten, in denen sie schweißgebadet aus ihren Träumen schreckte, fragte sie sich, ob es wirklich nur eine Stimme gewesen war, die sie gehört hatte. Es gab Augenblicke, da glaubte sie, sich an mehr zu erinnern. An Schatten. Und an Augen.

Unter ihr begann Rigo zu tänzeln und riss sie aus ihren Gedanken. Der schwarze Hengst schnaubte argwöhnisch und drehte seine gespitzten Ohren in alle Richtungen. Nervös trat er von einer Seite auf die andere und schwang seinen Schweif.

»Samts, Rigo«, sagte Leah mit sanfter Stimme. »Ruhig. Es droht keine Gefahr.«

Sie spürte, wie Rigo sich entspannte. Ein letztes Mal warf sie einen Blick auf den Wald und versuchte, durch das dichte Blätterwerk ein Anzeichen von Leben auszumachen. Doch der Wald blieb still und gab sein Geheimnis nicht preis.

Leah seufzte und trieb Rigo an. Sie ließen den Wald hinter sich und erreichten die Felder, auf denen die Pferde ihres Vaters Balin grasten. Balin war einer der beiden Clanführer der Uredos und der beste Pferdezüchter der Gemeinschaft. Seine Pferde zeichneten sich durch Loyalität, Stärke und anmutige Schönheit aus, und sie waren teuer. Der Verkauf der Tiere ermöglichte Leah und ihrem Vater ein komfortables Leben in einem großen Haus. Die Pferdeherren, denn das waren die Uredos wahrhaftig, verehrten diese Tiere wie keine anderen. Sie waren die Kinder des Chirons und die treuesten Gefährten des Pferdevolks. Ein mancher hielt sie gar für heilig.

Die Pferdeherde graste verstreut auf den Wiesen um die Dörfer herum. Keine Zäune und keine Gatter hielten die stolzen Tiere gefangen. Leah zählte etwa fünfzig Tiere, einige von ihnen würden dieses Frühjahr Fohlen auf die Welt bringen.

Sie ritt Rigo langsam auf die Herde zu und ließ ihn an deren Rand anhalten. Sanft streichelte sie das glänzende schwarze Fell. Als sie abstieg, schmiegte sich der Pferdekopf zärtlich an ihre Schulter.

»Vielen Dank«, sagte Leah und streichelte den edlen Kopf des Hengstes.

Rigo schnaubte, schüttelte sich und schritt dann zu seiner Herde, um mit ihr zu grasen. Leah blickte ihm einen kurzen Augenblick hinterher, dann lächelte sie und rannte über die Wiese Richtung Süden. Der Boden war feucht von geschmolzenem Schnee, das kalte Wasser drang in ihre Schuhe und durchnässte den Saum ihres Kleides. Leah raffte den schweren Stoff und versuchte, das kalte, stechende Gefühl auf ihrer Haut zu verdrängen. Nur noch wenige Tage würden verstreichen, bis mit Each àm, der Zeit der Pferde, das neue Jahr begann.

Leah erreichte schon bald den Wall, der die Siedlung umzäunte. Seine angespitzten Holzpfeiler ragten weit in die Höhe und schützten das dahinterliegende Dorf Amnatos vor wilden Tieren. Leah passierte den gewundenen Zugang und atmete den Geruch von frischem Gerstenbrei und brennendem Holz ein, der sie dahinter empfing. Amnatos war das kleinere der beiden Dörfer, aus denen die Siedlung der Uredos bestand. Scettis, das zweite Dorf, lag weiter im Süden, jenseits des Flusses und geschützt durch einen eigenen Wall. Amnatos dagegen lag in Waldnähe.

Vor ihr erstreckten sich links und rechts schöne, gerade Häuser aus Holz und Flachs. Bereits zu dieser frühen Stunde herrschte rege Betriebsamkeit. Der hellbraune Staub, der den groben Boden bedeckte, wurde aufgewühlt und tauchte die Umgebung in buttriges Licht. Zwischen die Rufe der Händler und der Frauen mischte sich das Bellen Dutzender Hunde, die hinter den Häusern nach Fleisch- und Knochenabfällen suchten und sich gegenseitig die besten Futterplätze streitig machten. Keiner der Hunde war wirklich zahm, aber sie reichten aus, um andere Tiere fernzuhalten und die Dörfer zur Not zu verteidigen. Leahs Vater Balin war einer der wenigen, der seine Hunde gezähmt hatte. Leah fürchtete sich trotzdem vor den Tieren, egal ob gezähmt oder halbwild. Es war ihr nicht geheuer, dass sie ihr Verhalten im Gegensatz zu dem der Pferde so schlecht einschätzen konnte.

Während sie eilig den Pfad zwischen den Häusern entlanglief und dabei Pferdekarren und Frauen mit Körben voller Getreide auswich, versuchte sie die Blicke und das Getuschel zu ignorieren. Ihre Augen waren fest auf ein großes Haus in der Ferne geheftet. Alles, was ihr davor begegnete, blendete sie aus. Sie wusste, was die anderen über sie dachten. Und hin und wieder hörte sie auch, was sie über sie sagten. Es waren nicht immer freundliche Worte.

Weil sie nicht richtig darauf achtgab, was um sie herum geschah, stieß sie mit einem kleinen Jungen zusammen. Er landete auf dem Boden und sah Leah verdutzt an. Leah nahm erschrocken die Hände vor den Mund.

»Hast du dir wehgetan?«, fragte sie und bückte sich.

Sie erkannte den blonden Jungen als Iain, den Sohn des Fischers. Tapfer stand er wieder auf und klopfte sich den Schmutz von der Hose. Erst jetzt bemerkte Leah, dass neben ihm ein leerer Korb lag. Sein Inhalt, ein paar getrocknete Äpfel, hatte sich im Umkreis von ein paar Metern verteilt.

»Ich helfe dir, sie wieder aufzuheben«, sagte Leah freundlich und sammelte die Äpfel ein.

Iain nahm den Korb und schniefte. »Ich wollte eure Pferde füttern«, jammerte er.

Leah sah Iain streng an. »Aber du weißt doch, dass du nicht allein bis zu ihnen hinauslaufen darfst. Sie sind noch nicht zugeritten. Du könntest dich verletzten.«

»Du gehst auch zu ihnen«, entgegnete er trotzig. »Obwohl du es nicht darfst. Balin hat gesagt, du sollst nicht …«

»Ich weiß«, sagte Leah. »Mir passiert schon nichts. Die Pferde sind freundlich zu mir.«

»Weil du mit ihnen redest, nicht wahr?«, fragte Iain, und seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern. »Meine Mutter hat es mir erzählt. Sie sagte, als du noch ein Kind warst, hast du immer in den Pferchen geschlafen, und die Pferde standen über dir und um dich herum. Sie haben dich nicht totgetrampelt. Sie haben auf dich aufgepasst.«

»Wirklich?«, fragte Leah mit ausdruckslosem Gesicht. »Daran erinnere ich mich nicht.«

»Aber meine Mutter«, fuhr Iain unbeirrt fort. »Sie hat es gesehen. Sie sagt, dass du zaubern kannst. Ist deine Magie böse?«

Leah lächelte und reichte Iain die restlichen Äpfel. »Denkt deine Mutter, ich benutze böse Zauber?«

Iain atmete laut aus. »Ich weiß es nicht. Tust du das denn?«

Leah antwortete ihm nicht, sondern lächelte nur.

»Ich glaube, deine Magie ist gut«, sagte Iain. »Sonst würden die Pferde dich nicht reiten lassen. Mein Vater hat mir beigebracht, dass Pferde gute Menschen erkennen. Sie wissen, wenn jemand Schlechtes vorhat.«

»Dann ist dein Vater ein sehr kluger Mann«, meinte Leah und stand schließlich wieder auf.

Iain grinste.

»Aber versprich mir, dass du nie wieder allein zu den Pferden gehst«, ermahnte Leah ihn. »Dein Vater besitzt doch einen Wallach, um die Fischernetze aus dem Fluss zu ziehen. Füttere lieber euer eigenes Pferd, es wird dir bestimmt dafür dankbar sein.«

»Aber ich habe keine Angst vor den Wildpferden«, sagte Iain und stemmte stolz die kleinen Fäuste in die Hüften. »Ich bin ein echter Uredos aus Amnatos! Ich bin nicht so ein Hasenfuß wie die Jungen aus Scettis.«

Leah lachte. »Nein, das bist du wirklich nicht.«

Sie streckte gerade die Hand nach ihm aus, um über seine hellen Haare zu streicheln, als ein zorniger Ruf sie jäh davon abhielt.

»Iain!«

Leah blickte auf. Sie sah Boudicca, Iains Mutter, wie sie ungestüm quer über die Dorfstraße schritt und die Ärmel ihres Kleides hochkrempelte. Iain drehte sich erschrocken zu ihr um und klammerte den Korb mit Äpfeln ganz fest an sich.

Boudicca würdigte Leah keines Blickes, packte ihren Sohn bei der Hand und schimpfte. »Was machst du hier? Deine Schwester bekommt ein Kind, und die Hüterin wird jeden Moment hier sein! Du solltest doch Obst und Salbei für sie holen, oder soll sie uns für schlechte Gastgeber halten?«

»Es tut mir leid«, sagte Leah rasch. »Ich bin mit ihm zusammengestoßen, als ich einen Moment nicht aufgepasst habe. Iain trifft keine Schuld.«

Boudiccas Blick wanderte zu Leah. Ihr Gesicht verriet Nervosität. »Warum habe ich den Jungen dann eben mit dir reden sehen?«, fragte sie harsch. »Los, beeil dich, Iain. Ich muss zurück. Die Wehen haben begonnen, und es muss alles bereit sein, damit die Hüterin ungestört das Kind in diese Welt geleiten kann.«

Sie drehte sich um und ging, ohne sich zu verabschieden.

Leah blickte ihr noch eine ganze Weile nach. Manchmal hätte sie viel darum gegeben, die Gedanken der Menschen um sie herum erraten zu können. Hielt Boudicca sie wirklich für eine Hexe?

Leah hatte nie herausgefunden, woher ihre Fähigkeit kam oder wie genau sie funktionierte. Sie war mit dieser Gabe geboren worden und kannte das Leben nicht anders. Sie verstand die Gedanken und Gefühle der Pferde, erkannte ihre Angst und hörte ihnen zu. Wenn sie mit ihnen sprach, antworteten sie. Es war keine Zauberei, keine böse Magie. Die Arbeitspferde waren alle zahm und arbeiteten gut. Wenn sie sich unwohl fühlten, spürte Leah es sofort. Immer konnte sie genau sagen, welche Bedürfnisse sie hatten, welches Futter sie am liebsten mochten. Das Flüstern mit den Pferden war ein Geschenk. Und Leah war dankbar dafür, es erhalten zu haben.

Als Leah das Haus erreichte, hörte sie schon von draußen das dröhnende Bellen der Hunde. Sie zögerte kurz, dann schwang sie das Rinderfell über dem Eingang zur Seite und betrat das großzügige Haus. Neben dem großen Hauptraum mit der weiten Feuerstelle im Zentrum besaß das Haus noch zwei weitere Zimmer. Eines gehörte Leah, das andere ihrem Vater und früher auch ihrer Mutter. Ein schmaler Gang führte zu den Pferchen. Leah sah, dass die flache Pfanne über der Feuerstelle leer war. Balin hatte also noch nichts gegessen.

Leah nahm eine Hand voll Gerste aus einem Leinensack und zerstieß die Körner grob mit einem Stößel. Sie wollte den Brei fertig kochen, noch bevor ihr Vater merkte, dass seine Tochter den frühen Morgen über fort gewesen war. Doch kaum hatte sie angefangen, das Getreide zu mahlen, kamen die Hunde angelaufen und umkreisten Leah bellend. Diese Hunde waren die Menschen gewohnt und gut erzogen, doch Leahs Herz tat trotzdem einen kleinen Hüpfer. Die drei graubraunen Tiere sprangen übereinander, knurrten und heulten. Dann ertönte eine tiefe, feste Stimme.

»Artos, Anecto, Maris! Weg da!«

Balin, der Clanführer von Amnatos, erschien im Raum und erfüllte ihn sofort mit seiner Präsenz. Die Hunde neigten ihre Köpfe und schlichen sich in eine Ecke.

»Du!«, fuhr Balin fort, richtete sich zu seiner ganzen imposanten Größe auf und bedachte Leah mit einem schneidenden Blick. »Glaub nur nicht, ich hätte dein Verschwinden nicht bemerkt. Du hast dich angestrengt, möglichst leise zu sein, aber ich wusste es. Die Hunde begannen zu knurren. Wo bist du gewesen? Doch nicht etwa schon wieder bei den Wildpferden?«

Leah sah ihren Vater nicht an, sondern zerstieß weiter das Getreide, obwohl es mittlerweile schon fein wie Mehl war.

Balin atmete zischend ein und legte die Finger an die Stirn. »Leah, wie oft muss ich dir das denn noch erklären? Du kannst nicht einfach den Wall verlassen und draußen mit den Fohlen spielen. Die Menschen reden über dich. Sie sagen, du sprichst in fremden Zungen.«

»Ich spreche nicht in fremden Zungen!«, verteidigte Leah sich und stellte die Schale ab. »Das sagen sie doch nur, weil sie es sich nicht erklären können!«

Balin schritt auf seine Tochter zu und strich ihr das Haar aus dem aufgebrachten Gesicht. »Niemand kann es sich erklären«, sagte er, nun viel sanfter. »Ich auch nicht. Deine Gabe ist etwas Besonderes, und ich bin dir sehr dankbar für alles, was du für mich tust. Aber wenn du dich weiterhin so sonderbar benimmst, dann endest du irgendwann wie Una. Und ich könnte es nicht ertragen, dich so zu sehen. Ich möchte doch nur, dass du glücklich wirst und ein gutes Leben führen kannst.«

»Aber ich bin glücklich, Vater«, sagte Leah und ergriff seine Hand. »Wenn sie es doch nur verstehen könnten. Wenn sie mich es erklären lassen würden, dann …«

»Es wäre immer noch Magie für sie«, unterbrach Balin sie. »Und niemand außer der Hüterin vollbringt wahre Magie. Es ist nicht richtig, Leah. Hör auf damit.«

Leah wollte etwas entgegnen, doch Balin brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Dieses Gespräch hatten sie zuvor schon unzählige Male geführt, doch Leah hatte es nie geschafft, sich den Vorstellungen ihres Vaters anzupassen. Der Drang, auf dem Rücken eines Wildpferdes dahinzufliegen, war viel zu groß, um ihn zu unterdrücken. Wie oft schon war sie nach Hause gekommen und hatte ihren Vater krank vor Sorge aufgefunden. Die Pferde außerhalb der Siedlung ließen sich normalerweise nicht anfassen, geschweige denn reiten. So mancher vorwitzige Junge war schon mit einem deutlichen Hufabdruck am Körper wieder zurückgekehrt oder hatte sich ein Bein gebrochen.

Leahs Mutter war strenger als ihr Vater gewesen. Sie hatte es geschafft, ihre Tochter von den Pferden fernzuhalten, hatte ihr das Reiten verboten. Nach dem Verlust seiner geliebten Frau führte Balin diese Strenge fort. Aber er konnte nicht verhindern, dass Leah begann, sich über die Verbote hinwegzusetzen.

»Coira liegt in den Wehen«, nahm Leah das Gespräch wieder auf und wechselte dabei das Thema in eine unverfängliche Richtung. »Ich hoffe für sie, dass es ein Sohn wird. Es ist ihr größter Wunsch.«

Sie nahm das zerstoßene Getreide, füllte es in die Pfanne und goss Wasser hinterher.

»Chiron sei ihr gnädig«, meinte Balin, seufzte und ließ sich vor dem Feuer nieder, welches Leah schürte. »Sie ist noch so jung. Wer weiß, ob sie die Geburt überlebt.«

»Aislinn wird auf sie achtgeben«, sagte Leah. »Ich hörte, sie sei bereits auf dem Weg hierher.«

»Hör auf damit, diesen Namen zu sagen«, herrschte Balin sie an und hob dabei einen Finger. »Für uns ist sie entweder Mátra oder die Hüterin. Du weißt, sie gestattet es nicht, dass wir sie mit diesem Namen ansprechen.«

»Sie gestattet so vieles nicht«, sagte Leah leise.

»Still jetzt«, befahl Balin. »Es reicht. Du hast unrechtmäßig das Dorf verlassen und warst bei den Wildpferden, obwohl ich es dir verboten habe. Nun fordere dein Glück nicht zweimal heraus. Du weißt, dass die Hüterin dich hören könnte!«

Leah erwiderte nichts, während sie darauf wartete, dass das Wasser aufkochte, aber sie fühlte den Zorn in sich anschwellen, so wie er es immer tat, wenn sie sich gegen ein Unrecht nicht wehren konnte.

Am Nachmittag hörte man aus dem Haus des Fischers lautes Schreien. Das Wehklagen einer Frau wehte durch das Dorf und ließ die Hunde aufheulen. Leah legte hastig ihre Arbeit nieder und eilte nach draußen auf die Straße. Das halbe Dorf hatte sich vor dem Haus des Fischers versammelt. Auch Boudicca und Iain standen draußen. Der Hausbesitzer selbst schien jedoch am Fluss zu sein. Leah sah ihn nirgendwo.

Sie drängte sich durch die Menge und starrte, wie alle anderen, gebannt auf das Rinderfell, welches vor dem Eingang hing. Coira schrie und weinte. Unter ihr Klagen mischte sich das beruhigende Singen der Hüterin.

Iain klammerte sich an seine Mutter und blickte ganz erschrocken drein. »Mutter«, fragte er sie leise. »Stirbt Coira?«

»Schhhh«, sagte Boudicca und legte einen Finger an ihre Lippen.

Unter das Weinen der gebärenden Coira mischte sich Hufgetrappel. Leah sah die Straße hinauf und erblickte ihren Vater, der einen seiner Jährlinge am Strick führte. Das Fell des jungen Pferdes war weiß, darunter mischten sich vereinzelt graue Tupfen. Es war nervös und reckte unentwegt den Hals. Ein jammerndes Wiehern drang aus seiner Kehle. Leah löste sich aus der Menschengruppe und übernahm das Pferd von Balin.

»Ein Geschenk?«, fragte sie.

»Nein. Nur ein geliehenes Pferd für Alec und Boudicca«, entgegnete ihr Vater. »Es soll ihnen gute Dienste leisten, während Coira sich um ihr Kind kümmert. Sie brauchen jede Hilfe, die sie bekommen können.«

Leah streichelte dem ängstlichen Tier sanft über die Nüstern. »Sie ist noch jung«, meinte sie. »Sie kann noch keinen Karren ziehen.«

Die Stute spitzte die Ohren und lauschte auf die geflüsterten Worte, die Leah an sie richtete.

»Halte dich im Zaum, Leah!«, zischte Balin ungehalten. »Jeder kann dich sehen. Hör auf, mit diesem Pferd zu reden.«

Leah seufzte und verstummte dann. Die Stute begann erneut, nervös mit den Hufen zu stampfen.

Das Geschrei aus dem Haus des Fischers erreichte seinen Höhepunkt, dann brach es abrupt ab und versandete in einem erschöpften Stöhnen. Ein Raunen erhob sich unter den Anwesenden, die Aufregung und die Neugierde waren deutlich zu spüren. Leah stand auf den Zehenspitzen, um zu sehen, wann das Rinderfell endlich beiseiteschwang. Doch es war nichts zu sehen.

»Hört einer von euch das Kind?«, flüsterte jemand. »Warum weint es nicht?«

»Kann denn niemand das Kind hören?«

»Was geht darin vor?«

»Ist es tot?«

Das Murmeln wurde lauter. Leah konnte sehen, dass sich Boudiccas Fingernägel vor Angst in die Schulter ihres Sohnes gruben, der aufschrie und seine Mutter böse ansah. Viele besorgte Gesichter richteten sich auf den Eingang des Hauses. Von drinnen war kein einziger Laut zu hören. Leahs Herz klopfe schnell vor Anspannung. Was, wenn Coira tatsächlich ihr erstes Kind verloren hatte?

Als endlich die Hüterin im Eingang des Hauses erschien und ein in weißes Leinen und Fell gewickeltes Bündel auf dem Arm trug, konnte Boudicca die Tränen nicht mehr zurückhalten. Eine Welle der Erleichterung durchflutete die Menschen, und die aufgelöste Boudicca eilte zur Hüterin, um einen Blick auf das Baby zu werfen. Leah erkannte sofort, dass es dem Kind gut ging, denn ein Lächeln stand auf dem Gesicht der Hüterin, als sie es seiner Großmutter übergab.

Aislinn sprach einen Segen für das neugeborene Leben und legte ihre Hand auf die kleine Stirn. »Coiras Sohn ist stark«, sagte sie mit leiser Stimme. »Er kam ohne einen Schrei auf die Welt. Seine Augen sind wach. Ich erkenne das Herz eines aufrichtigen Mannes in ihm. Behandelt ihn gut.«

»Was ist mit meiner Tochter?«, fragte Boudicca besorgt. »Es hat so lange gedauert. Geht es ihr gut?«

»Sie wird wieder gesund«, antwortete die Hüterin sanft. »Die Geburt war hart und anstrengend für sie. Sie muss sich ausruhen. Ich werde täglich nach ihr sehen.«

Boudicca atmete erleichtert auf, dann ging sie ins Haus hinein. Iain folgte ihr geschwind. Die Menschenmenge löste sich daraufhin auf. Insgeheim fürchteten sich die Menschen vor der Hüterin und blieben selten lange in ihrer Anwesenheit.

Auch Balin machte Anstalten zu gehen. »Glen und sein Sohn beehren uns heute Abend«, sagte er zu Leah. »Sei rechtzeitig zu Hause. Das Fleisch muss zubereitet werden, und ich möchte ihnen frisches Brot anbieten können.«

Diese Worte rissen Leah unsanft aus ihren Gedanken. Sie hatte ganz vergessen, dass ihr Vater dies schon vor einigen Tagen erwähnt hatte. »Ich werde mich natürlich darum kümmern«, erwiderte sie.

Leahs Vater lächelte zufrieden und ging dann die Straße entlang in Richtung seines Hauses.

Die Stute, die Leah nach wie vor am Strick hielt, stieg plötzlich und wieherte laut. Leah versuchte, dass außer sich geratene Pferd zu beruhigen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die Hüterin auf sie aufmerksam wurde und sie mit seltsam regungsloser Miene beobachtete. Das Pferd beruhigte sich nur langsam, denn Leah wagte nicht, in Gegenwart der Hüterin mit ihm zu sprechen. Sie erinnerte sich daran, dass niemand außer der Hüterin wahre Magie vollbringen durfte. Aus Furcht, dafür bestraft zu werden, schwieg sie und streichelte der Stute stattdessen sanft den Hals.

Als sie sich endlich beruhigt hatte, drehte sich Leah zur Hüterin um. Sie stand immer noch völlig regungslos vor dem Haus und sah Leah aus klaren Augen an, die Stirn ganz leicht in Falten gelegt. War es Misstrauen, das Leah zu spüren glaubte? Oder eher eine Art unterschwelliger Neugier, die von Fragen getrieben wurde, zu denen die Hüterin bisher keine Antworten gefunden hatte?

Die Blicke der beiden Frauen trafen sich.

Bei jeder Begegnung mit der Hüterin spürte Leah eine unerklärliche Unruhe in ihrem Inneren. Schon seit sie ein kleines Kind war, hatte die Hüterin die Kranken geheilt, Schwangere und Gebärende begleitet und die Geschichte ihres Volkes erzählt. Und Leahs Vater berichtete, dass sie es auch schon in seiner Kindheit getan hätte. Doch das Gesicht der Hüterin war nicht das einer Greisin. Sie hatte das Antlitz einer jungen Frau, makellos in ihrer Schönheit und Furcht erregend in ihrer Erbarmungslosigkeit.

Aislinn, die kalte Frau der Tann, so wurde sie von den Alten genannt, wenn sie um ein Feuer saßen und flüsterten.

Die Hüterin sah Leah aufmerksam und berechnend an, als erwartete sie etwas. Leah konnte ihrem Blick kaum standhalten. Sie sah schließlich auf den Boden, während die Hüterin langsam auf sie zuging und eine zierliche Hand hob, um das nervöse Pferd zu streicheln. Leah war ihr so nah, dass sie den eigentümlich schweren Duft der Hüterin riechen konnte. Er benebelte ihre Sinne und verwirrte ihren Geist.

»Die Stimmen der Pferde sind die Stimmen des Waldes«, sagte sie. »Ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd. Aber weißt du, was ein Reiter ohne Pferd ist?«

Leah stockte der Atem ob dieser direkten Frage. Sie schüttelte den Kopf.

Die Hüterin lächelte. »Er ist bloß noch ein Mensch.«

Leah verstand nicht, was die Hüterin damit sagen wollte. Sie wagte nicht, etwas zu sagen. Nie zuvor hatte die Hüterin mit ihr gesprochen. Und noch nie zuvor war sie ihr so nahe gewesen. Ihre tiefblauen Augen blickten verstörend intensiv unter einer ernsten Stirn. Ihr goldblondes, gelocktes Haar wallte ihr weit bis über die Hüften.

Als sie die Hüterin ansah, erschien es ihr geradezu unwirklich, dass diese Frau ein Mensch sein sollte. Sie schien um keinen Tag zu altern. Ein merkwürdiger Glanz ging von ihr aus, und Kälte umhüllte sie.

»Man erzählt sich, dass du sonderbar mit den Pferden sprichst«, sagte die Hüterin langsam und blickte Leah abschätzend in die Augen. Ihr Lächeln war verschwunden. »Die Menschen flüstern. Ich kann sie hören. Sie halten dich für eine Hexe.«

Leah schluckte. Angst keimte in ihr auf.

»Du musst dich nicht dafür entschuldigen«, fuhr die Hüterin mit kühler Stimme fort. Sie streichelte weiterhin sanft das Pferd, und es schloss dabei entspannt die Augen. »Deine Gabe stammt von Chiron. Er beschützt die Pferdemenschen. Sei ihm dankbar für dieses Geschenk. Aber er wird eine Gegenleistung erwarten. Nichts geschieht ohne einen Grund.«

»Was für eine Gegenleistung?«, fragte Leah so leise, dass es beinahe ein Flüstern war.

»Das wird sich zeigen«, antwortete die Hüterin und ihre Augen verengten sich dabei. Sie musterte Leah erneut auf diese beunruhigende Weise, die Leah das Gefühl gab, als würde die Hüterin etwas erwarten. »Chiron hat für jeden von uns einen Plan. Wie deiner aussieht, wirst du schon bald selbst erkennen.«

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging die Straße entlang hinaus aus dem Dorf.

Kapitel 2

Als der Abend anbrach, kümmerte sich Leah um ein üppiges Abendessen. Seit einer halben Stunde briet das Fleisch eines geschlachteten Bullen am Spieß über dem Feuer in der Mitte der Hütte. Auch wertvolles Trockenobst und Wein standen bereit.

Leah freute sich auf Glen, den Clanführer von Scettis, und seine Geschichten aus dem anderen Dorf. Scettis lag so weit unten im Tal, jenseits des Flusses, dass ein Marsch dorthin fast eine Stunde dauerte. Deshalb bekam Leah den zweiten Clanführer nur sehr selten zu Gesicht, und seinen Sohn Gael sogar noch seltener.

Balin hatte seine Hunde in einen der Pferche bei den Ställen eingesperrt und trat nun wieder zurück in den Wohnraum zu Leah. Er trug ein prachtvolles Gewand; sein rotes Haar und der Bart waren geflochten und geschmückt. Seine Schultern zierte das Fell eines riesigen grauen Wolfes, ein Erbstück seiner Familie. An seinem Gürtel hing ein kunstvoll gearbeitetes Schwert in einer schlichten Scheide. Leah gefiel es, wie erhaben und mächtig ihr Vater aussah. In ihm erkannte sie den ganzen Stolz und die Leidenschaft ihres Volkes.

»Nun hör mir aufmerksam zu«, sagte er, während er sich den Stoff auf seiner Brust glattstrich. »Ich möchte, dass du dich heute gut um Glens Sohn kümmerst. Sei freundlich und galant zu ihm und bitte, sprich nicht von deinen Pferden. Es ist wichtig, dass ihr beide einander versteht.«

Leah legte die Stirn in Falten. »Weshalb?«, fragte sie.

»Ihr seid die Kinder eurer Väter, die Kinder von Clanführern. Man erwartet von euch, dass ihr diese Aufgabe übernehmt, wenn eure Väter es nicht mehr zu tun vermögen. So wie Glen und ich uns hier einfinden, werdet ihr euch irgendwann zusammen an einem Ort einfinden und das Überleben unserer Gemeinschaft sichern.« Er fasste Leah sanft, aber bestimmend ans Kinn, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. »Du bist kein Kind mehr, Leah. Die Zeit der Sorglosigkeit ist vorüber. Ab dem Augenblick, in dem dich die Hüterin am Tage des Festes weiht, bist du erwachsen und erhältst alle Rechte, aber auch alle Pflichten einer Uredos. Es liegt an dir, dich heute zu beweisen. Mach mich stolz und zeige mir, dass du eine geborene Anführerin bist.«

Leah sah ihn verwirrt an. Zum ersten Mal sprach ihr Vater mit ihr über eine Zukunft als Clanführerin. Sie hatte immer angenommen, dass diese Aufgabe dem Ehemann zufiel, den sie irgendwann wählte. Die Dörfer anzuführen blieb häufig eine Familienangelegenheit.

»Ich habe keinen Mann«, sagte Leah zurückhaltend. »Glaubst du wirklich, dass ich Clanführerin werden kann?«

»Wenn es so weit ist, wirst du einen haben«, antwortete Balin. »Und vielleicht sogar schon viel eher, als du vermutest. Mein Gefühl sagt mir, dass du sehr bald einen Ehemann finden wirst, der dir gerecht wird.«

Als er sich von ihr abwandte, fühlte Leah sich für einen Moment unwohl. Doch nachdem er das Haus verlassen und den Weg zum Fluss hinunter eingeschlagen hatte, um seine Gäste in Empfang zu nehmen, verflog das Gefühl und wich Nervosität. Sie blieb zurück und achtete darauf, dass das Fleisch nicht verbrannte und das Fladenbrot warm blieb. Ihre Gedanken schweiften ab. Ein Clanführer zu sein bedeutete auch die regelmäßige Zwiesprache mit der Hüterin. Leah wusste nicht genau, ob ihr diese Vorstellung gefiel. Sie mochte die Art nicht, wie die Hüterin sie ansah, ja geradezu musterte, als wüsste sie sehr genau, welche Fähigkeiten Leah besaß. Schlimmer noch, Leah wurde das Gefühl nicht los, dass die Hüterin sogar eine Antwort auf die Frage wusste, weshalb Leah diese Gabe besaß.

Mit den Fingern kämmte sie sich das lange Haar und wartete darauf, dass ihr Vater zurückkam. Das schöne Gewand aus fein gewebtem und gefärbtem Stoff schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihre schlanke Gestalt. Ihre Mutter hatte das Kleid einst für sich selbst genäht. Sie hatte nie die Gelegenheit gehabt, es auch zu tragen.

Leah hörte die Stimmen schon von weitem und stand bereit, um die Gäste freundlich zu empfangen. Glen, der Clanführer von Scettis, war der Erste, der das Haus betrat, und wie schon so oft zuvor war Leah von seinem bloßen Anblick überwältigt. Der große, muskulöse Mann hatte ungewöhnlich breite Schultern, wildes, schwarzes Haar und einen langen geflochtenen Kinnbart. Seine blauen Augen mit dem strengen Blick blitzten unter buschigen Augenbrauen hervor. In seinem Gesicht und am Hals prangten Narben von einem Kampf, den er vor einigen Jahren mit einem Mann ausgetragen hatte, der seine Stellung einnehmen wollte. Glens Präsenz schien den gesamten Raum auszufüllen und ließ ihn merkwürdig luftleer wirken. Schräg über den Schultern trug er das abgezogene Fell eines Tieres, das Leah nicht zuordnen konnte. Aber es musste zu Lebzeiten riesig gewesen sein.

Leah übergab ihm als Gruß ein süßes Gebäck. Sie spürte Glens Blick auf sich, als er die Süßigkeit nahm. Er sagte nichts, was Leah verunsicherte. Dann legte er sein Schwert als Zeichen des Friedens nieder und setzte sich an das Feuer. Direkt hinter ihm erschien sein Sohn Gael.

Leah war beinahe entfallen, wie hübsch er war. Er war zwei Jahre älter als sie, und seit dem Fest von Each àm vor einem Jahr, als sie ihm zuletzt begegnet war, hatte er sein jugendliches Aussehen verloren. Seine Gesichtszüge waren härter und markanter geworden. Er sah seinem Vater unglaublich ähnlich, nur der Bart fehlte. Doch die Augen, diese klaren blauen Augen mit dem beängstigend scharfen Blick … Leah fühlte sich, als könne er direkt durch ihr Äußeres hindurchsehen, als würde ihm keine ihrer Bewegungen entgehen. Seine Präsenz raubte ihr beinahe den Atem.

»Möchtest du etwas Süßes?«, fragte sie ihn, froh, dass ihre Stimme ruhig klang. Sie hielt ihm den Teller mit Gebäck hin.

Gael legte sein Schwert neben das seines Vaters, nahm sich ein Gebäckstück und biss davon ab. Er blickte Leah direkt in die Augen. Unwillkürlich wich sie einen Schritt vor ihm zurück und biss sich unsicher auf die Lippen. In diesem Augenblick huschte ein kurzes Lächeln über Gaels Gesicht, dann ging er an ihr vorbei und setzte sich ohne ein Wort zu sagen zu seinem Vater. Leah verspürte einen jähen Schauer, und ihr Herz begann wild zu pochen.

Als Balin schließlich das Haus betrat, nahm auch er seine Waffe ab. Er sah zufrieden und glücklich aus und legte eine Hand auf Leahs Arm. »Schenke unseren Gästen Wein ein«, sagte er.

Leah stellte den Teller weg. Gaels Verhalten beunruhigte sie ein wenig. Sie hatte Schwierigkeiten damit, ihn einzuschätzen, und dachte kurz an ihre Mutter. Sie war eine wunderbare Gastgeberin gewesen. Leah wusste, dass sie ihre Mutter nicht ersetzen konnte. Trotz ihrer Befangenheit klärte sie ihre Gedanken und versuchte, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Gael sollte keinen falschen Eindruck von ihr bekommen.

Sie reichte Glen einen Becher und schenkte ihm Wein ein. Er unterhielt sich angeregt und lautstark mit Balin, und sein dröhnendes Lachen drang in alle Winkel des Raumes. Als sie Gael seinen Wein reichte, sprach er zum ersten Mal mit ihr, leise, sodass keiner ihrer Väter es verstehen konnte.

»Dein Haar riecht nach Heu.« Er reckte sich leicht zu ihr hoch, zog eine blonde Strähne durch seine Finger und lächelte.

Leahs Herz klopfe aufgeregt.

»Gael, lass das Mädchen in Frieden«, sagte Glen plötzlich. »Du wirst später noch genug Gelegenheit haben, dich mit ihr zu unterhalten. Sei nicht unhöflich.«

Gael ließ Leahs Haarsträhne fallen und wandte sich mit verkniffenen Lippen dem Gespräch der zwei Clanführer zu.

Leah, noch immer verwirrt von Gaels plötzlicher Berührung, schnitt das Fleisch in dünne Scheiben und trug es den Männern auf. Sie selbst aß kaum etwas davon, saß nur still da und hörte sich an, was ihr Vater und Glen zu sagen hatten. Ansonsten kümmerte sie sich darum, dass der Wein ungehindert floss. Gael beteiligte sich hin und wieder am Gespräch, und Leah erkannte seine Freude und seinen Stolz darüber, dass ihm die Clanführer zuhörten.

Leah selbst schaffte es kaum, sich auf das Gesagte zu konzentrieren. Ihre Gedanken waren unstet und schweiften immer wieder ab. Zu Gael, der sich so sehr verändert hatte. Zu seinen kräftigen, aber dennoch schönen Händen, zu seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen und dem Haar, das im Schein des Feuers wie dunkle, warme Erde wirkte. Aber sie dachte auch an ihre Begegnung mit der Hüterin vor einigen Stunden. Seit diesem Augenblick hatte sie sich Aislinns Worte ständig in Erinnerung gerufen. Sie hatte Balin nichts von dem erzählt, was die Hüterin zu ihr gesagt hatte. Auf irgendeine Weise spürte sie, dass die Worte nur für sie allein bestimmt gewesen waren. Sie dachte daran, wie ernst die Hüterin gesprochen und mit welch berechnendem Blick sie Leah angesehen hatte. Glaubte die Hüterin, dass ihr etwas passieren würde? Der Preis, von dem sie gesprochen hatte? Beinahe fürchtete Leah sich vor den kommenden Tagen, vor der Zukunft, die vor ihr lag. Das Fest von Each àm stand unmittelbar bevor. Nur noch sechs Tage, und das große Feuer würde erneut auf dem Hügel der Uralten brennen und Án Bruinhaìn in rotgoldenes Licht tauchen.

»Leah!«

Der scharfe Ton ließ sie zusammenfahren. Als sie sich ihrem Vater zuwandte, waren auch Glens und Gaels Blicke auf sie gerichtet.

»Kind, träum nicht vor dich hin!«, sagte Balin. »Wo bist du nur mit deinen Gedanken?«

»Es tut mir leid, Vater«, entschuldigte sie sich und lächelte versöhnlich. In Gaels Augen zu blicken wagte sie nicht.

»Ich habe Glen gerade von dem weißen Hengst erzählt, den er für seinen Sohn ausgesucht hat. Ich möchte, dass du Gael in die Ställe begleitest und ihm das Pferd zeigst. Beantworte ihm alle Fragen, die er an dich hat. Er wird ihn nächste Woche abholen.«

Leah gehorchte, auch wenn sie es nicht mochte, wie Glen sie ansah. Seine schneidenden blauen Augen waren zu Schlitzen verengt und gaben ihr das Gefühl, als würde er nach einem Makel an ihr suchen. Sie schaffte es nicht, ihn direkt anzusehen, so unangenehm war ihr sein bohrender Blick. Als Gael aufstand, spürte Leah die Aufmerksamkeit beider Clanführer so deutlich, dass sie am liebsten davongelaufen wäre. Ihr Gespräch war längst verstummt. Die Blicke der beiden folgten ihnen.

Sie erreichten die Ställe, und aus dem hintersten Pferch drang ein mehrstimmiges, leises Knurren. Leah versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie Furcht vor den Hunden hatte. Auf keinen Fall wollte sie in Gaels Gegenwart Schwäche zeigen. Sie war ohnehin schon nervös genug, nun, da sie mit ihm alleine war.

Leah führte Gael zu einem Pferch, in dem ein sehr schönes, blütenweißes Pferd mit grauer Mähne stand. Seine dunklen Augen blickten wach und klar auf die Besucher. Leah spürte die Verwunderung des Tieres über den unbekannten jungen Mann. Es hob den Kopf und sah Gael regungslos an. »Sein Name ist Balfour«, sagte Leah und strich dem Hengst beruhigend über den Hals. »Er war der Anführer seiner Herde, bevor mein Vater ihn zu sich holte.« Sie sah Gael an und wartete auf eine Regung von ihm. »Es gibt keine größere Ehre, als der Reiter eines Leithengstes sein zu dürfen. Mein Vater muss dich sehr achten.«

»So sehr, wie ich ihn achte«, sagte Gael und streckte die Hand nach Balfour aus.

Der weiße Hengst hob den Kopf noch ein Stück weiter und blähte seine Nüstern.

»Wer hat ihn eingeritten?«, fragte Gael, ohne den Blick von Balfour zu lassen.

»Das war ich«, antwortete Leah stolz. Doch dann stockte sie. Was, wenn Gael es nicht für schicklich hielt, dass Leah die Arbeit eines Mannes übernommen hatte? Doch ihre Sorge blieb unbegründet. Gael ging auf diesen Umstand nicht ein.

»Was kannst du mir über ihn erzählen? Gehorcht er? Ist er ein gutes Streitross?«

»Streitross?«, fragte Leah verwundert. »Erwartest du einen Kampf? Wir leben hier in Frieden, es gibt keinen Grund, Kriegspferde auszubilden.«

»Ich bin der Sohn eines Clanführers«, sagte Gael. »Eines Tages werde ich seinen Platz einnehmen. Dann liegt es in meiner Verantwortung, Scettis und auch Amnatos vor jedweder Gefahr zu schützen. Wir mögen in Frieden leben, doch der Frieden kann trügerisch sein. Es ist besser, man bereitet sich auf alles vor. Ich werde ein gutes Streitross benötigen, sollte es je so weit kommen, dass ich in den Kampf ziehen muss.«

Leah musterte Gael eingehend. Wieso waren seine Gedanken wohl so dunkel? Die Uredos lebten seit Jahrhunderten in Frieden, nie waren Fremde bis nach Án Bruinhaìn gelangt. Leah war sich nicht einmal sicher, ob jemand außerhalb des Landes vom Volk der Uredos wusste. Das Land grenzte im Süden an das offene Meer. Im Norden, Osten und Westen wurde es von einer Bergkette eingeschlossen, die so hoch war, dass niemand sie zu erklimmen vermochte. Den höchsten Punkt dieser Kette bildete der Berg Caldis’ drà, an dessen Hängen der verbotene Wald und die Siedlung der Uredos lagen. Ganz im Osten führte ein schmaler Pfad zwischen zwei niedrigeren Bergen hindurch, doch der Pass war schon vor Jahrhunderten unter Geröll begraben worden.

Leah trat neben Gael und berührte Balfours Stirn. »Er ist ein gutes Pferd«, sagte sie schließlich. »Er war einst ein Anführer, genauso wie du einer werden wirst. Er weiß, was es heißt, ein Volk zu leiten und zu beschützen. Du kannst dich auf ihn verlassen. Er ist stolz und mutig und wird dir gute Dienste leisten.«

Gael ließ das Halfter des Hengstes los und wandte sein Gesicht Leah zu. »Bildest du alle Pferde deines Vaters aus?«

Sie hatte nicht mehr damit gerechnet, dass Gael diese Frage stellen würde, und fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, dass er sie für diese Arbeit weniger mögen könnte. »Nein. Nicht alle. Ich helfe, wenn ich kann. Mein Vater ist schließlich allein.«

Gael schien zu überlegen und seine nächsten Worte sehr sorgsam zu wählen. »Each àm findet in wenigen Tagen statt. Ich weiß, dass du diesen Winter zwanzig Jahre alt geworden bist. Du darfst dem Fest dieses Mal bis zum Schluss beiwohnen.« Er hielt kurz inne. »Fürchtest du dich?«

Leah wendete den Blick von ihm ab. »Es gibt nichts, wovor ich mich fürchten muss«, sagte sie.

»Möglicherweise vor dem Verlust deiner Unschuld«, meinte Gael und ging einen Schritt auf sie zu. »Du hast keinen Ehemann. Du bist weder verlobt noch hast du einen Geliebten. Dein Vater erzählte mir, dass es niemanden gibt, der um dich wirbt.«

Es klang fast wie ein Vorwurf.

»Mein Vater drängt mich, mir eine Braut zu suchen«, fuhr Gael fort. Er sah, wie Leah verdutzt aufblickte, und lächelte sie an. »Ja, auch ich bin unverheiratet, obwohl ich längst vermählt sein sollte. Unsere Väter wünschen sich, dass wir beide bald einen Partner finden. Sie wollen ihre Enkelkinder vor ihrem Tod in den Armen halten und ihre eigenen Kinder in guten Händen wissen. Ich habe meinem Vater noch nie einen Wunsch so gerne erfüllt wie diesen.«

Leah begann zu zittern. Mit einem Mal wusste sie, worauf Gael hinauswollte. Sie erkannte den Grund für das merkwürdige Verhalten ihres Vaters und Glens. Warum Balin wollte, dass Leah Gael zu den Pferchen geleitete und sie somit mit ihm allein war. Doch während all diese Erkenntnisse auf sie einstürmten und ein siedend heißes Gefühl in ihrem Magen verursachten, konnte sie nur noch einen einzigen Gedanken fassen. Gael zog es tatsächlich in Betracht, sie als seine zukünftige Frau zu erwählen.

Gael wollte gerade nach ihrer Hand greifen, als sie hastig einen Schritt rückwärtsging. »Mein Vater hat nach mir gerufen«, log sie.

»Ich habe nichts gehört«, sagte Gael.

»Ich muss zurück ins Haus.«

Sie ließ ihn bei den Ställen stehen, wohl wissend, wie unhöflich dies war, doch ihre Aufregung spülte das schlechte Gewissen in einer Woge hinfort. Ihr Atem ging schnell und flach, obwohl sie nicht rannte. An der Stelle, an der sich ihre Fingernägel in die geballten Hände gruben, schmerzte ihre Haut.

Es ging alles viel zu schnell. Sie hatte Gaels Absichten verstanden, noch bevor er sie wirklich ausgesprochen hatte, und sie war so aufgeregt, dass sie es keinen Augenblick länger in seiner Nähe aushalten konnte. Er war nicht irgendein Bürger des Dorfs. Er war der Sohn eines Clanführers. Jeder würde von dieser Liaison erfahren, alle Augen wären auf sie gerichtet. Leah war sich noch nicht im Klaren darüber, ob sie das wirklich wollte, aber wenn sie an Gael dachte, sich seine schönen Augen in Erinnerung rief, dann konnte sie das warme, prickelnde Gefühl in ihrer Magengegend nicht ignorieren.

Gael lief ihr nicht hinterher, und Leah war unendlich froh darüber. Als sie den Hauseingang erreichte, hörte sie von innen die Stimmen der beiden Clanführer. Sie blieb stehen und versuchte sich zu beruhigen. Keinesfalls sollten die beiden von dem erfahren, was soeben vorgefallen war.

»Wir werden später noch oft von diesen Tagen sprechen«, hörte Leah ihren Vater laut sagen. »Die Tage, in denen wir uns zu einer Familie vereinten.«

»Die Mitgift wird nicht unerheblich sein, nehme ich an?«, fragte Glen.

»Sie wird dich und deinen Sohn zufriedenstellen. Er ist prächtig gediehen. Wenn sie einer zähmen kann, dann er.«

Leah hörte die beiden Männer lauthals lachen. Sie lehnte sie sich an die Hauswand und legte die Hände auf ihr pochendes Herz. Das warme Gefühl in ihrem Magen erstarb. Zähmen? Ging es wirklich darum?

»Wir werden Feste feiern und auf unsere Enkelkinder anstoßen«, polterte Balin.

Leah hörte zwei Weinbecher aneinanderstoßen.

»Auf Gael und Leah«, fuhr Balin fort. »Mögen sie sich finden.«

Kapitel 3

Der Glühkäfer landete auf einem Grashalm und verharrte dort regungslos. Sein Unterleib erstrahlte in einem phosphoreszierenden Violett, das man noch aus hundert Metern Entfernung gut sehen konnte. Er war so groß wie ein Daumennagel und schlank wie eine Libelle. Der Grashalm bog sich unter seiner schweren Last. Das einsame Zirpen des Käfers wehte über die Ebene und verhallte schließlich in den Bäumen des Waldes. Er war allein. Plötzlich schnappte eine Hand nach dem Käfer. Der Grashalm knickte um.

Una schloss die Hände um das leuchtende Tier, sodass das violette Licht zwischen ihren Fingern hindurchschimmerte.

»Musst keine Angst haben«, flüsterte Una und führte ihre geschlossenen Hände ganz nah an ihre Lippen. »Musst leuchten. Musst ins Glas hinein und ganz hell leuchten.«

Sie umfasste den Glühkäfer mit den Fingern ihrer linken Hand. Das Tier blinkte und zappelte verzweifelt. Aus ihrem Weidenkorb holte Una ein kleines Glasgefäß heraus und legte den Käfer hinein. Sie verschloss die Öffnung mit Heu und ging in die Hocke. Das violette Licht des Käfers erleuchtete ihr Gesicht, ließ Sterne in ihren Augen aufflackern.

»Funkel, funkel, kleines Tier, du weißt, jetzt gehörst du mir«, sang Una leise vor sich hin, während sie das Glas immer wieder drehte, um den Käfer besser betrachten zu können.

Sie lächelte und entblößte ihre gelben Zähne. Das schmutzig blonde Haar fiel ihr wirr und verknotet über die Schultern und in die Stirn. Unas Augen besaßen keine richtige Farbe. Sie waren genauso blass und farblos wie ihre Haut, die an einigen Stellen dunkle Flecken aufwies. Sie betrachtete den Glühkäfer von allen Seiten wie einen äußerst kostbaren Schatz und zischte unverständliche Worte in seine Richtung.

Wolfsgeheul zerschnitt die Stille. Una hob erschrocken den Kopf und blickte sich um. Der Wald war sehr nahe. Eine sanfte Brise strich durch das Gras und brachte den Duft von feuchter Erde mit sich. Wieder heulte ein Wolf. Der Käfer im Glas zirpte lauter.

»Musst still sein!«, flüsterte Una harsch. »Die hören uns! Die hören uns und kriegen uns!«

Sie ließ das Glas in ihren Korb fallen und hastete davon. Als der Wind schärfer wurde, trug er das Heulen der Wölfe weit hinaus über das Land. Der Leib des Glühkäfers blinkte schneller. Una bedeckte das Glas mit dem restlichen Heu und erstickte somit das violette Leuchten. Sie hatte den Dorfwall fast erreicht, als das Heulen stoppte. Una blieb stehen und atmete schwer. Sie blickte zum Wald. Ihre Augen schienen durch das helle, fahle Mondlicht trüb wie Milch. Noch immer zirpte der Käfer.

»Musst still sein«, wiederholte Una, diesmal ruhiger, und klopfte gegen das Glas, ohne den Blick von den Wäldern abzuwenden. »Musst still sein.«

Das leise Mahlen der Pferdekiefer hatte eine beruhigende Wirkung auf Leahs aufgewühltes Gemüt. Gelegentlich waren ein Schnauben und ein Scharren zu hören. Es war dunkel im Stall, die Körper der Pferde waren nur anhand ihrer schemenhaften Silhouetten auszumachen. Leah saß in einem leeren Pferch an einen Heuhaufen gelehnt und zwirbelte feine Halme zwischen ihren Fingern. Ihre Gedanken verweilten nicht länger hier, sondern bewegten sich weit weg, zu den Tagen, als sie noch ein Kind war. In letzter Zeit dachte sie oft daran zurück, wie einfach ihr Leben gewesen war und wie sehr es sich nun veränderte.

Ihr Vater bemühte sich in den letzten Tagen verdächtig stark um ihre Gunst. Er hatte Rigo eingefangen, damit Leah auf ihm reiten konnte, sobald er zahm war. Doch Leah dachte nur an Gael. Sein Gesicht schlich sich in ihre Träume, verfing sich in ihren Gedanken. Jede Frau würde sich glücklich schätzen, wenn ein so schöner und ehrbarer Mann sich für sie interessierte. Bisher war er für sie nicht mehr als ein flüchtiger Spielgefährte aus Kindertagen gewesen, dem man in fortschreitendem Alter entwächst.

Noch immer konnte sie seine Berührungen spüren, fühlte seine Finger an ihrem Haar. Sie sah noch die verwirrten Gesichter der beiden Clanführer vor sich, als sie ohne Gael in das Haus zurückgekehrt war. Glen hatte gefragt, wo sein Sohn blieb, aber Leahs Kehle war vor Aufregung so zugeschnürt gewesen, dass sie nicht hatte antworten können. Als Gael ihr schließlich nachgekommen war und sie seinen Blick auffing, hatte sie für einen Moment befürchtet, dass er den Schwindel durchschaute. Doch er war stumm geblieben. Lediglich sein Gesichtsausdruck zeigte Verwirrung. Zum Abschied hatte er ihr einen federleichten Kuss auf die Hand gehaucht. Die Stelle, an der seine Lippen sie berührten, brannte nach wie vor. Für Leah war dies wie ein Versprechen. Gael gehörte zu jenen Männern, die bekamen, was sie wollten, wenn sie es verlangten, dessen war sich Leah sicher.

Aber noch hatte Gael nichts verlangt. Es war sehr wahrscheinlich, dass er bis nach dem Fest wartete. Das Fest, an dem sie morgen endlich das erste Mal teilnehmen durfte.

»Das ist so unwirklich«, flüsterte sie. »Wie ein Traum.«

Leah schreckte auf. Ein Geräusch drang an ihr Ohr. Kleine Steine, die von raschen Schritten hinfortgesprengt wurden. Ein heiseres Atmen. Es wurde lauter, kam näher. Leah richtete sich auf und blickte aus dem Pferch. Jemand lief die Straße entlang, obwohl bereits alle Feuer erloschen waren. Sie öffnete den Pferch und trat hinaus aus dem Stall. Sie erkannte die Frau. Ihre Art, sich zu bewegen, war so einzigartig, dass Leah selbst angesichts der Dunkelheit wusste, wer sich Zugang zum Dorf verschafft hatte.

»Una!«, rief sie leise genug, dass es niemanden in den Häusern aufschreckte. »Una, hier bin ich!«

Die Frau hörte auf zu rennen und blickte sich stattdessen atemlos um. Es erfüllte Leah immer wieder mit Mitleid, wenn sie die schmutzigen, zerrissenen Lumpen sah, in die Una sich hüllte. Altes, schlecht gegerbtes Rinderleder, die Löcher gestopft mit dem Fell selbst erlegter Eichhörnchen.

Una humpelte stark. Sie drehte den linken Fuß beim Gehen nach innen und nahm so eine immerwährend gebückte, schiefe Haltung ein. Una sah schon so aus, seit sie geboren wurde. Sie war aus den Dörfern gescheucht worden, als sie noch ein Kind war. Seitdem lebte sie in den Bergen, aber sie kam hin und wieder zurück und wurde zumindest zeitweise geduldet. In den Wintermonaten erlaubte man ihr das Schlafen bei den Hunden, doch im Morgengrauen, wenn man sie fand, jagten Schläge und Tritte sie wieder davon. Die verstoßene Una. Das Schicksal hatte ihr einen grausamen Streich gespielt.

»Was tust du hier?«, fragte Leah und nahm Una bei der Hand. »Was, wenn man dich sieht? Hast du denn vergessen, was dann mit dir passiert?«

Una hielt für einen Moment inne und verzerrte das Gesicht, als sie sich scheinbar an die Schmerzen erinnerte. Doch dann schlich sich wieder das Funkeln in ihre hellen Augen, und sie lächelte.

»Das Käferchen finden, das Käferchen finden!«, sagte sie und zog ein verschlossenes Glas aus ihrem Korb hervor. Sie hielt es Leah ganz nah vor das Gesicht und lächelte immer verzückter.

»Sieh nur!«, sagte sie begeistert. »Sieh nur! Leuchtender Brummkäfer! Hat gezappelt, hat gezirpt. Hatte keine Chance. Leuchtet nun für mich allein!«

»Es ist nur ein Glühkäfer«, meinte Leah. »Lass ihn wieder frei, Una. Er ist ein Bote des Frühlings. Möchtest du ihn nicht fliegen sehen?«

Una sah verwirrt aus. Sie drückte das Glas an ihren Körper und legte die Arme darum, als ob sie es schützen wollte.

»Ist meins!«, stellte sie klar. »Hab es gefangen, das tanzende Käferchen. Ist meins!«

»Er wird traurig sein«, sagte Leah. »Bestimmt hat er einen Freund, der nach ihm sucht. Möchtest du ihn traurig machen?«

Die Falten auf Unas Stirn wurden noch tiefer. Sie wippte leicht mit ihrem Körper hin und her, trat von einem Fuß auf den anderen und klammerte das Glas an ihre Brust.

»Lass ihn fliegen, Una«, bat Leah. »Du wirst sehen, er wird sich freuen und dir dankbar sein.«

Una atmete schwer. Unentschlossen hob sie das Glas an ihr Gesicht und betrachtete den Käfer, der noch immer blinkte und zirpte. Ihr Blick huschte zwischen ihm und Leah hin und her, als wöge sie ab, wer von beiden ihr wichtiger war. Sie tippte mit einem Finger gegen das Glas, sodass der Käfer kurz das Gleichgewicht verlor und mit seinen schillernden Flügeln flatterte.

»Trauriges Käferchen?«, fragte Una.

Leah schwieg. Wie immer fühlte sie Mitleid, wenn sie beobachten musste, wie einfach Unas Verstand war. Es kam ihr vor, als wäre die Frau noch immer ein Kind, welches die Welt um sie herum nicht begriff. Dabei war Una alt. Wie alt genau, wusste Leah nicht, aber vermutlich war sie beinahe doppelt so alt wie Leah selbst. Sie sah es an den Falten in ihrem Gesicht, bemerkte es an dem trüben Glanz ihrer Augen. Diese Augen hatten viel Leid gesehen. Unas Eltern lebten schon lange nicht mehr. Sie war allein auf dieser Welt.

Zögerlich nahm Una das Heu aus dem Glas, stülpte es um und fing den Käfer mit ihrer Hand auf. Er hörte auf zu blinken und leuchtete nun wieder durchgehend violett. Etwas zaghaft krabbelte er umher, spannte dann seine Flügel und flog laut summend davon. Der leuchtende Fleck zog enge Kreise und wirbelte hoch über ihnen umher. Er flog so schnell, dass sein farbiger Hinterleib abenteuerliche Muster in den Himmel malte. Ein letztes Brummen, ein besonders kräftiges Leuchten und er verschwand schließlich in der Dunkelheit.

»Siehst du, Una?«, fragte Leah. »Er hat für dich getanzt.«

»Tanzendes Käferchen«, flüsterte Una, deren Augen noch immer die Stelle beobachteten, an der der Käfer verschwunden war.

Leah nahm Unas Hand und zog sie sanft in Richtung des Stalls, aber Una folgte ihr nur widerwillig. Gebannt starrte sie weiter in den Himmel, als hoffte sie, der Glühkäfer würde zu ihr zurückkommen. Leah schaffte es schließlich, sie in das Heu in dem leeren Pferch zu setzen.

»Warte hier auf mich«, sagte sie. »Ich bin gleich wieder da. Hörst du, Una?«

Endlich blickte Una ihr in die Augen. »Warten«,

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