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Goethes Verhältnis zur Musik

Über das Buch

Goethe mochte Schubert nicht? Er ließ sich von Musikfreund Zelter zu viel sagen? Goethes Verständnis von Musik hat man oft belächelt. So wurde behauptet, Goethe sei bei musikalischen Fragen von seinem Freund und Experten Carl Friedrich Zelter abhängig gewesen. Davon kann nicht die Rede sein. So vertrat Goethe vehement die (richtige) Ansicht, das Moll sei auf natürliche Weise entstanden, was Profis wie Zelter damals kategorisch ausschlossen. Für gute Musik besaß Goethe einen sicheren Instinkt, Schuberts „Erlkönig“ begeisterte ihn, und dass wir Heutigen immer noch Mozart hören, hat er vorausgesehen.

Unterhaltsam zeichnet Küpper Goethes abwechslungsreiche Entwicklung zum fundierten Musikkenner nach. Irrtümer werden klar benannt. So scheiterte Goethes Traum, eine eigene Oper auf die Bühne zu bringen, weil er seine Texte für wichtiger hielt als die Musik. Seine Gedichte wollte er unbedingt vertont sehen. Die Komponist(inn)en liebten seine Gedichte – aber Goethes genaue Vorstellungen über die Umsetzung in Musik interessierte sie nicht weiter. Die Problematik der Verwandlung von Lyrik in Musik (von Küpper hier erstmals eingehend analysiert) hat Goethe nie ganz durchschaut.

Für Goethekenner und -liebhaber bietet das Buch neue Sichtweisen, und wer von Goethe nicht viel weiß, erfährt nebenbei die wichtigsten Stationen im Leben dieses außergewöhnlichen Menschen.

Dietlinde Küpper

Nach Abschluss ihres Magisterstudiums in Germanistik und Musikwissenschaft arbeitete Küpper fünf Jahre in Italien als Lehrerin und Übersetzerin. Für den Bayerischen Rundfunk und die Deutsche Welle verfasste die Autorin u.a. Features über Mozart, Händel und zeitgenössische Musik sowie mehrere Essays über Richard Wagner. Sie veröffentlichte eine Studie über die amerikanische Sinfonikerin Gloria Coates.

Dietlinde Küpper

Goethes Verhältnis zur Musik

Nichts kapiert und alles verstanden

Inhalt

Über das Buch

Einleitung

Jugend im Reichtum

Studium in Leipzig

Straßburg und die Begegnung mit Herder

Zurück zuhause – die letzten Jahre vor Weimar

Weimar und das Musikleben am Hof

Die Auseinandersetzung mit dem musikalischen Theater

Italien und die Begegnung mit der Kirchenmusik des 16. Jahrhunderts

Goethe als Intendant des Hoftheaters Weimar

Die Begegnung mit Johann Friedrich Reichardt

Die Freundschaft mit Carl Friedrich Zelter

„Nacktes Liederwesen“?
Zur Problematik der Vertonung von (Goethes) Gedichten

Klangmalerei und Strophenform –
Goethes Forderung an seine Liedkomponisten

Das Gespür für gute Musik:
Erlebnisse mit Bach, Händel Mozart und Beethoven

Begegnungen mit Musik der jüngeren Generation

Hausmusik am Frauenplan

Die „Tonlehre“: Polarität und Musiktheorie

Resümee

Personenregister

Verlauf von Goethes Leben

Quellen

Literatur

 

„Und so verwandle ich, Ton- und Gehörloser, obgleich Guthörender, jenen großen Genuss in Begriff und Wort. Ich weiß recht gut, dass mir deshalb ein Drittel des Lebens fehlt, aber man muss sich einzurichten wissen.“
(Goethe am 2.5 1820 an Zelter)

Einleitung

Ende August 1763, kurz vor seinem 14. Geburtstag, saß der verwöhnte und an allen möglichen Dingen interessierte Johann Wolfgang Goethe mit Schwester Cornelia und den Eltern wieder einmal im Konzert. Die Ratsfamilie gehörte zur obersten Schicht der Stadt Frankfurt und hatte zu zeigen, dass man auch kulturell auf sich hielt. Dieses Konzert war ein ganz besonderes, das man unter keinen Umständen verpassen durfte. Zwei ungewöhnliche Kinder waren angesagt: Die zwölfjährige Maria Anna, die Klavier spielte wie eine erwachsene Virtuosin, und ihr siebenjähriger Bruder Wolfgang, der atemberaubende Musik ganz unvorbereitet aus dem Ärmel schüttelte, so dass Zuhörer Angst um ihren Verstand bekamen. „Ich sehe es wahrlich noch kommen, dass dieses Kind mir den Kopf verdreht, wenn ich es noch oft höre; es macht mich begreifen, daß es schwierig ist, sich gegen den Wahnsinn zu schützen, wenn man Wunder sieht…“ schrieb der Korrespondent Friedrich Melchior von Grimm aus der französischen Hauptstadt. Mozart hießen die Kinder, von ihren Eltern auf einer Konzertreise durch Europa begleitet. Goethe, der damals schon ein halbes Jahr gründlichen Klavierunterricht hinter sich hatte, schien weit davon entfernt, angesichts des kleinen Genies die Fassung zu verlieren. Zwar erinnerte er sich noch als alter Mann an dieses Ereignis, haften geblieben waren aber weniger musikalische Aspekte, sondern in aller Deutlichkeit die schicke Frisur und der Degen, den der in Schale geworfene kleine Künstler an der Seite trug.

Nach allem, was wir wissen, war Goethe ein stark visuell veranlagter Mensch. Die Welt und ihre Erscheinungen erlebte er plastisch, in seinen Zeichnungen spürt man eine starke physische Präsenz der Dinge. Optische Eindrücke standen Goethe noch nach Jahrzehnten bis ins Detail vor Augen. Die Musik aber, eine Kunst, für die man das Sehen überhaupt nicht braucht, empfand er zeitlebens als seiner Natur fremd. – Trotzdem hat das Allroundgenie Goethe, Profi in so verschiedenen Fachgebieten wie Anatomie und Gesteinskunde, in Malerei und Bildhauerei, die Musik nicht links liegen gelassen. Immer wieder wandte er sich ihr zu, erforschte Musikstile vergangener Zeiten, ließ sich von ihr inspirieren und trösten. Sein schon in der Jugend gelegtes Fundament an musikalischem Wissen erweiterte er enorm, befreundete Musiker erklärten ihm neue Entwicklungen in der Komposition bis ins Detail.

Goethe wurde 82 Jahre alt und erlebte eine spannende Periode der europäischen Musikgeschichte: Bei seiner Geburt 1749 lebte Händel noch zehn Jahre; Mozart, Beethoven und Schubert sollten noch geboren werden (und vor ihm sterben). Bei seinem Tod 1832 hatte Berlioz gerade die „Symphonie Phantastique“ komponiert und Richard Wagner begann, von seiner großen Zukunft zu träumen.

Länger als andere Künste und Wissenschaften brauchte die Musik, bis sie Goethe in ihren Bann zog, bis sie ihn innerlich packte und nicht mehr losließ. Noch im Alter beklagte er sich, dass er sich in ihr nicht heimisch fühle, bewies aber in musikalischen Fragen immer wieder großen Weitblick. In der Debatte um das Verhältnis zwischen Dur und Moll beharrte er auf einer Sichtweise, die seine musikalischen Zeitgenossen belächelten, die aber erst vor wenigen Jahren wissenschaftlich untermauert werden konnte. Wie er sich die Welt der Musik trotz der Widerstände seiner Natur nach und nach zu eigen machte, ist eine spannende Geschichte, die von vielen Widersprüchen gekennzeichnet ist.

Jugend im Reichtum

Am 28. August 1749 brachte die 18-jährige Catharina Elisabeth Goethe geb. Textor am Frankfurter Hirschgraben ihr erstes Kind, Johann Wolfgang, zur Welt. Ein Jahr zuvor hatte die lebenslustige junge Frau den 21 Jahre älteren, etwas pedantischen Rat Johann Caspar Goethe geheiratet: eine standesgemäße Ehe, und darauf kam es damals an. Immerhin war sie die Tochter des Kaiserlichen Rats und Bürgermeisters Johann Wolfgang Textor, und da war es mehr als angemessen, wenn auch der Ehemann den Ratstitel trug.

Frankfurt am Main gehörte als Freie Reichsstadt zu den wichtigsten Städten in Deutschland. Die Freien Reichsstädte hatten – zumindest formell – im Staate viel zu sagen: Zusammen mit den Kurfürsten und den Fürsten gehörten sie zu den drei Entscheidungsgremien des Reichstags. Die stolze Stadt stand wegen der prächtig ausgerichteten Kaiserwahlen und –krönungen, und nicht zuletzt als Messe- und Bankenzentrum im Mittelpunkt des europäischen Interesses. Wenn der kleine Johann Wolfgang durch die Stadt schlenderte, gab es viel zu sehen: das Treiben am Markt, das An- und Ablegen der Marktschiffe am Main, die dunklen mittelalterlichen Gassen Frankfurts, belebt von verschiedenen Läden und Handwerksbetrieben; fremdartig gekleidete Besucher aus allen Landesteilen und aus dem Ausland.

Der Kaiserliche Rat, dem sowohl Goethes Großvater als auch sein Vater angehörten, bildete die oberste gesellschaftliche Klasse. Die Sozialstruktur der Reichsstadt war streng hierarchisch und rigide, wobei die oberen Schichten mehr oder weniger hochnäsig auf die anderen Schichten herunterblickten: auf die Bürger ohne politischen Einfluss, die Kaufleute ohne Bürgerrecht, die Juden, die im Getto leben mussten, oder gar die fast rechtlosen Bauern und Leibeigenen. Der im August 1749 geborene Bub hatte also großes Glück: Seine Familie war hoch angesehen und vermögend, die Mutter intelligent, liebevoll und meist gut gelaunt, und der Vater scheute keine Kosten für seinen Nachwuchs. Vom Kaiser hatte Johann Caspar sich zwar seinen hohen Titel erkauft. Als der Kaiser aber bald darauf starb, blieb Goethe zwar das Ansehen eines Kaiserlichen Rats, aber keine damit verbundene Tätigkeit. Johann Caspar Goethe hatte glücklicherweise ein großes Vermögen geerbt, und auch ohne Arbeit war genügend Geld da, um der Familie ein wohlhabendes Leben zu garantieren. Aber auch Rat Goethe brauchte - wie jeder Mensch - eine Aufgabe. Er fand sie im Einsatz für die Bildung seiner Kinder, ihr widmete er sich mit Leib und Seele. Der gestrenge Vater Goethe unterrichtete selbst (wie das damals noch oft üblich war), schickte den Nachwuchs zeitweilig in eine Schule für Kleinkinder, vor allem aber engagierte er zahlreiche Hauslehrer. Wolfgang und die um ein Jahr jüngere Cornelia, eine Weile auch der kleine Jacob (Herrmann Jacob starb 1759 mit sieben Jahren, auch vier weitere Geschwister starben früh: Catharina Elisabeth 1754-56 / ein totgeborener Sohn 1756 / Johanna Maria 1757–59 und Georg Adolf 1760-61), wuchsen unter strengen Argusaugen auf. Das hätte für die Kinder leicht zur Qual werden können, doch Cornelia und Wolfgang waren außergewöhnlich intelligent und wissbegierig, und das Ganze ging gut. Schon mit drei Jahren lernten sie lesen und schreiben, mit sechs Italienisch und mit sieben Latein, später dann Griechisch, Hebräisch, Französisch, Mathematik und Geographie, Reiten, Fechten und Tanzen. Wolfgang reichte auch das noch nicht: Gerne strich er durch die Stadt (was seine Schwester als Mädchen nicht durfte), schaute sich in den geschäftigen Gassen die Augen aus dem Kopf, freundete sich mit Apothekern oder Malern an und ließ sich von ihnen komplizierte Sachen erklären.

Musik spielte in Frankfurt eine wichtige Rolle. Jahrhundertelange höfische Repräsentation hatte bedeutende Musiker in die Stadt geführt, wie Orlando die Lasso oder Georg Philipp Telemann. Während seiner Amtszeit Anfang des 18. Jahrhunderts hatte Telemann eine eigene Konzertgesellschaft gegründet und den Frankfurtern musikalische Abende schmackhaft gemacht. Wer in vornehmen Bürgerhäusern auf sich hielt, besuchte Konzerte und musizierte möglichst selbst. Auch Vater Caspar Goethe hatte eine Laute zuhause stehen, allerdings stimmte er das Instrument „länger als er darauf spielte“, wie der Sohn in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ (Die dreiteilige Autobiografie gab er zwischen 1811 und 1813 heraus; nicht ganz im Sinne des Titels bemühte er sich um genaue Erinnerung des lange Zurückliegenden) vielsagend schreibt. Auch die junge Mutter blieb vom Bildungsdrang ihres Mannes nicht verschont: Johann Caspar erwartete, dass sie regelmäßig sang und sich auf dem Klavier übte. Eines ihrer Lieder auf einen Text des berühmten Opernlibrettisten Metastasio, „Solitario bosco ombroso“, konnte Sohn Wolfgang auswendig.

Nicht nur in Konzerten zeigte die Ratsfamilie Goethe Präsenz. Regelmäßig ließ man sich auch bei den Opernaufführungen des Theaterdirektors Theobald Marchand sehen, der in Frankfurt volkstümliche Opern aus dem französischen Nachbarland aufführte. Das war leichtere Musik, einfach im Aufbau und unterhaltsam im Geschehen – und nicht zuletzt der „neueste Schrei“. Denn Oper hatte bis zur Mitte des 18. Jh eigentlich vor allem die große italienische „Opera Seria“ bedeutet – mit schweren Koloraturarien, aufgeführt bei repräsentativen Festen des Adels oder der Herrschaftshäuser.

Die Oper entstand um 1600 in Italien und trat bald darauf einen Siegeszug durch Europa an. Im 17. und 18. Jahrhundert war sie immer noch von Italien dominiert; in Deutschland, England und Frankreich (Frankreich pflegte neben der italienischen auch eine eigene große Oper, die „Tragédie lyrique“) sang man Opern auf italienisch, importierte Sänger und Komponisten; Künstler wie Händel, Hasse und noch der jugendliche Mozart fuhren in den Süden, um Opernschreiben direkt an der Quelle zu lernen.

Die Stoffe der Bühnenwerke stammten aus Mythologie und Antike; auf der Bühne litten, stritten und siegten hochgestellte Personen. Die Oper lebte vom Starkult: Im Zentrum stand die große Da-Capo-Arie, die den Anfangsteil am Schluss identisch wiederholte: Für psychologische Entwicklung der Figuren blieb wenig Raum, umso mehr war sie gespickt mit akrobatischen Stimmübungen für die Stars. Eine besondere Verehrung genossen die Kastraten: Männer, die man zu Eunuchen gemacht hatte, damit sie so hoch wie Frauen singen konnten, mit einem ganz eigenen Timbre, das die Massen manchmal bis zur Fassungslosigkeit hinriss.

Trotz der Explosion modernster, schwieriger Musik in den Arien wurde die Handlung der großen Oper mehr in den ausgedehnten Teilen mit Sprechgesang abgewickelt. Die Arien waren bestimmt von der ausgiebigen musikalischen Zeichnung der Gefühlslagen, während ihrer Darbietung passierte auf der Bühne nicht viel. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts empfand man die Opera Seria als zu steif und zu weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der einfachen Leute. Aus dem Bedürfnis nach einer lebensnäheren Darstellung entstand die „Opera Buffa“. Pergolesis „La Serva Padrona“ – 1733 als Pausenfüller für eine große Oper komponiert – machte Furore und wurde zum Vorbild. Die Hauptpersonen stammten jetzt aus dem einfachen Volk, die Handlung beschrieb ihr Alltagsleben. Die italienische Buffa wurde im Lauf des 18. Jahrhunderts neben der Seria immer wichtiger. Statt dem Wechsel zwischen Soloarien und Sprechgesängen gab es nun auch gesungene Ensembles, in denen sich die Handlung weiterentwickelte.

Zur gleichen Zeit entstanden auch im Ausland neue, einfachere Opernformen. In der französischen „Opéra Comique“ und der englischen „Ballad opera“ wechselten normal gesprochene Texte mit Liedern und Gruppengesängen. Mit dem Bedürfnis nach mehr Natürlichkeit, Einfachheit und freiem Gefühlsausdruck, mit ihrem Interesse an den Leiden und Freuden der einfachen Menschen entsprachen sie den modernen Ideen der Zeit. Die Opéra comique hatte – in Übersetzungen – im deutschen Nachbarland schnell Erfolg. Einige dieser Werke hat der junge Goethe mit seiner Familie in Frankfurt gesehen, so auch Rousseaus Singspiel „Le devin du village“ („Der Dorfwahrsager“), damals ein großer Renner auf den Bühnen. Wie schon im Konzert der Kinder Mozart scheinen auch hier die optischen Aspekte den jugendlichen Goethe mehr als die Musik beeindruckt zu haben. Jahrzehnte später erinnerte er sich noch an Einzelheiten: „Ich kann mir die bebänderten Buben und Mädchen und ihre Bewegungen noch jetzt zurückrufen“, schreibt er in „Dichtung und Wahrheit“.

Die Kinder sollten nicht nur die neueste Musik hören, auch auf praktische Erfahrungen legte Vater Caspar Wert. Anfang 1763, als Wolfgang dreizehn war und Cornelia zwölf, hielt Vater Goethe nach einem Klavierlehrer Ausschau. Der Sohn kannte da schon jemanden: Einmal war er beim Unterricht des Johann Andreas Bismann, Kantor am städtischen Gymnasium, dabeigewesen. „Für jeden Finger der rechten und linken Hand hat er einen Spitznamen, womit er ihn aufs lustigste bezeichnet, wenn er gebraucht werden soll. Die schwarzen und weißen Tasten werden gleichfalls bildlich benannt, ja die Töne selbst erscheinen unter figürlichen Namen. Eine solche bunte Gesellschaft arbeitet nun ganz vergnüglich durcheinander“, heißt es in „Dichtung und Wahrheit“.

Nachdem Wolfgang seiner Schwester Cornelia alle die Namen wie Deuterling oder Goldfinger, Gikchen und Gakchen feinsäuberlich mitgeteilt hatte, ließ auch sie beim Vater nicht mehr locker: Solch einen spaßigen Unterricht wollte auch sie haben und keinen anderen. Als der Unterricht dann begann, war die Enttäuschung groß: Die lustigen Namen waren verschwunden, die Noten blieben Noten und die Tasten schwarz und weiß. Schwester Cornelia war böse und fühlte sich vom Bruder an der Nase herumgeführt. Aber das Rätsel löste sich – denn plötzlich benutzte der findige Klaviermeister sie wieder einmal, denn er verfolgte mit ihnen ein ganz bestimmtes Ziel:

Musikzimmer Goethes.

© Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, Foto: Jürgen M. Pietsch

„Einer meiner Gespielen trat herein, mitten in der Stunde, und auf einmal eröffneten sich die sämtlichen Röhren des humoristischen Springbrunnens; die Däumerlinge und Deuterlinge, die Krabler und Zabler, wie er die Finger zu bezeichnen pflegte, die Fakchen und Gakchen, wie er z.B. die Noten f und g, die Fiekchen und Giekchen, wie er fis und gis benannte, waren auf einmal wieder vorhanden und machten die wundersamsten Männerchen. Mein junger Freund kam nicht aus dem Lachen, und freute sich, dass man auf eine so lustige Weise so viel lernen könne. Er schwur, daß er seinen Eltern keine Ruhe lassen würde, bis sie ihm einen solchen vortrefflichen Mann zum Lehrer gegeben.“

Trotz der Enttäuschung eines eintönigen Unterrichts haben die Goethekinder von Bismann profitiert. Cornelia war Jahre später im Bekanntenkreis als hervorragende Virtuosin geschätzt. Johann Wolfgang lernte zwar nur zwei Jahre lang bei Bismann, denn schon 1765 verließ er Frankfurt, um an einer auswärtigen Universität zu studieren. Aber auch er scheint sich nicht dumm angestellt zu haben. Ein zufälliger Zuhörer, der Jenaer Student David Veit, schrieb später über den 46-Jährigen an Rahel Levin-Vernhagen: „Goethe spielt Klavier, und gar nicht schlecht“.

Zwei Jahre Klavierunterricht sind nicht allzuviel – doch gestaltete sich dieser zu Goethes Zeiten kreativer als heute üblich. Man lernte nicht nur das Notensystem und übte Musikstücke, sondern hatte auch im Generalbassspiel fit zu werden: zu einer Melodie selbstständig die richtigen Akkorde zu greifen. Das ging natürlich nicht ohne ein gründliches Studium der Harmonielehre. So hat sich schon der jugendliche Goethe, auch wenn er nicht gerade leidenschaftlich Klavier spielte, eine fundierte Basis des harmonischen Aufbaus von Musik angeeignet. Als Erwachsener spielte Goethe nur noch selten: Zwar hatte er sich 1820 einen Flügel angeschafft – der war aber mehr für die durch Weimar reisenden Virtuosen gedacht, die er so in sein Haus locken konnte. Auf die solide Basis des gründlichen Klavierunterrichts konnte er zurückgreifen, als er sich Jahre später eingehender mit Musik und ihrem Aufbau beschäftigte.

Von dem leidenschaftlichen Interesse für Musik des alten Goethe konnte bei dem Heranwachsenden noch keine Rede sein: Das Kind und den Jugendlichen faszinierten vor allem Dinge wie das Zeichnen, das Sezieren von Blumen oder die Bücher der Bibliothek des Vaters. Nach allem, was wir wissen, war Goethe nicht musikantisch veranlagt, Musik lag ihm nicht im Blut. Er musste erst erwachsen werden und noch einige Erfahrungen sammeln, bis auch diese Kunst ihn packte und er sogar ohne Musik nicht mehr leben wollte.

1765 waren die beiden Goethekinder 16 und 15 Jahre alt, umfassend gebildet und belesen: Es war Zeit, an die Zukunft zu denken. Cornelias Weg war vorgezeichnet: Als Frau konnte sie ihre außergewöhnlich breite Bildung kaum in ihre Zukunft investieren. Sie musste sehen, dass sich ein passender Mann für sie interessierte: Heiraten und Kinder bekommen, darin bestand das festgelegte Lebensziel der Töchter der höheren Gesellschaft. Cornelia, die heutzutage wohl eine akademische Karriere gemacht hätte, quälte sich, heiratete relativ spät, bekam Depressionen und starb kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter mit 26 Jahren. Ein ähnliches Schicksal wartete auf Mozarts hochbegabte Schwester. Ihre Zukunft einer europaweit berühmten Pianistin scheiterte an Vater Leopold, der sie nach dem Eintreten der Pubertät ans häusliche Umfeld fesselte. Für Johann Wolfgang Goethe, Mutters „Hätschelhans“, galt es, ein angemessenes Studium ins Auge zu fassen. Der Vater bestand auf „Juristerei“, und zwar in Leipzig, wo er selbst einmal studiert hatte. Die Rechtskunde reizte den Sohn weniger, lieber hätte er sich in Göttingen den alten Sprachen und der Geschichte gewidmet. Mit einer dickgespickten Geldbörse Vaterhaus und Vaterstadt zu verlassen, war aber auch nicht die schlechteste Wahl für einen Sechzehnjährigen.

Studium in Leipzig

Der selbstbewusste und etwas überspannte Ratssohn Johann Wolfgang erreichte Leipzig am 3. Oktober 1765.

Die europäische Messestadt war nicht weniger bunt und aufregend als Frankfurt. Neben den juristischen Studien an der Universität, die der junge Mann nach Weisung des Vaters zu belegen hatte, besucht Johann Wolfgang Vorlesungen auch in anderen Fächern, liest jede Menge Bücher und schreibt seine ersten Gedichte im etwas gestelzten Stil des Rokoko; er nimmt Unterricht im Zeichnen, Radieren und Kupferstechen. Der junge Goethe lebte aus dem Vollen, aber er hatte es nicht leicht mit sich: Nicht nur zu viele leidenschaftlich verfolgte Interessen trieben ihn um, auch so manch hübsche Vertreterin des anderen Geschlechts machte ihn jetzt durcheinander. Vor allem aber wurde dem unausgeglichenen jugendlichen Hitzkopf seine überragende dichterische Veranlagung bewusst. Er entdeckte, dass er all seine aufwühlenden Erlebnisse griffig in Worte fassen konnte. Jahrzehnte später schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ über diese bewegte Zeit:

„Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige was mich erfreute oder quälte, oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen. Die Gabe hierzu war wohl niemand nötiger als mir, den seine Natur immerfort aus einem Extreme in das andere warf. Alles was daher von mir bekannt geworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession.“

Wie Frankfurt am Main war auch Leipzig eine Musikstadt, im Bürgertum und in Studentenkreisen musizierte man ausgiebig und besuchte Konzerte. 15 Jahre zuvor war in Leipzig Johann Sebastian Bach, Kantor der Thomaskirche, gestorben - seine Musik kannten damals aber erst wenige Spezialisten. Die Fäden des Leipziger Musikbetriebs liefen bei dem beliebten Singspielkomponisten und Initiator der Gewandhauskonzerte, Johann Adam Hiller, zusammen.

Dieser hatte sich schon 1752 mit dem beliebten Dichter Christian Felix Weiße zusammengetan, um nach den zahllosen übersetzten Stücken aus dem französischen Nachbarland die ersten echten deutschen Singspiele aufzuführen. Wie in der „Opéra Comique“ wechseln sich Lieder und kleine Arien mit längeren Textstellen ab, und es gibt die bei der „Opera Buffa“ üblichen Ensembles. Die Singspiele waren bald bei den Wandertruppen beliebt, denn ein Stück mit Musik füllte die Buden viel leichter als gesprochene Stücke. Die Schauspieler sangen selbst, Orchestermusiker suchte man sich vor Ort jeweils neu zusammen.

Hiller hatte mit seinen Singspielen viel Erfolg, widmete sich aber immer wieder der Musik seiner Kollegen. So verehrte er den „Opera-Seria“-Komponisten Johann Adolf Hasse, damals sozusagen der europäische Superstar in Sachen Oper. Hiller veranstaltete Konzerte mit Werken seines Idols, zu denen die Studentenschaft haufenweise strömte – unter ihnen auch Goethe. Wie gefiel ihm die Musik, nicht nur die von Hasse, sondern auch die von Graun, Benda, oder Pergolesi, die dort gespielt wurde? In „Dichtung und Wahrheit“ erfahren wir nichts darüber. Woran der alte Goethe sich in einem Brief noch erinnerte, sind wieder einmal die optischen Begleitumstände dieser Veranstaltungen: Zwei gefeierten Sängerinnen, Gertrud Schmeling und Corona Schröter (die er Jahre später von einem Wechsel nach Weimar überzeugte) hat er „als ein erregbares Studentchen wüthend applaudiert“, wie er am 3. Februar 1831 an Zelter schrieb.

Obwohl den jungen Studenten die Musik nur am Rand interessierte, kam er in Leipzig intensiv mit ihr in Berührung, denn er hatte mit den Brüdern Breitkopf Freundschaft geschlossen, Söhne des europaweit bekannten Musikverlegers. Das Breitkopfsche Haus war eines der musikalischen Zentren der Stadt. Die Familie veranstaltete regelmäßig Hauskonzerte. Man kann davon ausgehen, dass Goethe immer wieder ihre Musik hörte und bei der musikalischen Fachsimpelei anwesend war. Es ist anzunehmen, dass er bei diesen Dingen, die er noch nicht recht verstand, neugierig zuhörte. Welche neuen Erfahrungen mit Musik machte er? Welche theoretischen und praktischen Dinge lernte er über sie? In „Dichtung und Wahrheit“ verrät Goethe uns darüber wieder einmal nichts – viel spannender findet er den Bau des neuen Hauses der Familie, den er uns ausführlich beschreibt. Immerhin komponierte der Sohn Bernhard Theodor Breitkopf 1769 Goethes „Lieder mit Melodien“ und wurde so zum ersten der unzähligen Vertoner von Goethes Gedichten.

Im Sommer 1768 war Goethe nun schon drei Jahre in Leipzig, und es ging ihm gesundheitlich immer schlechter: Mitten in der Nacht musste er Blut erbrechen und fürchtete um sein Leben. Die schwere Krankheit (man vermutet, dass es sich um Lungentuberkulose handelte) ging einher mit einer schweren inneren Krise. Manchen Menschen machen die Anlagen und Talente, mit denen sie geboren werden, schwer zu schaffen. Der junge Goethe hatte es nicht leicht, sich selbst zu verkraften: Hoch begabt, schnell erregbar, leidenschaftlich mitgerissen von unzähligen Dingen, fühlte er sich an der Schwelle zum Erwachsenenalter wohl völlig überfordert. Er brauchte Ruhe und Neuorientierung, die Krankheit zwang ihn nun dazu. Der 19-Jährige packte seine Sachen, fuhr heim nach Frankfurt und lag erst mal ein paar Wochen im Bett. Dort umsorgten ihn Mutter und Schwester, der Vater scheute wie eh und je keine Kosten für das Wohlergehen und die Genesung seines Sohnes. Der Arzt Johann Metz rettete dem Schwerkranken das Leben – kaum minder wichtig erwies sich aber der seelische Beistand einer engen Freundin der Mutter, Susanna von Klettenberg. Die Mittvierzigerin war unverheiratet, sie hatte sich ganz ihrer dichterischen Begabung und der Religion verschrieben. Klettenberg hatte sich den Herrnhutern angeschlossen, einer Gemeinschaft, die sich Gott mehr mit dem Gefühl als intellektuell zu nähern versuchte. Der verwirrte und unglückliche Sohn der Freundin war ihr sympathisch, geduldig saß sie an seinem Bett und hörte den gewandten Reden des selbstbewussten Jugendlichen zu. Der wagte es doch geradezu, an Gott höchstpersönlich herumzukritisieren:

„Meine Unruhe, meine Ungeduld, mein Streben, mein Suchen, Forschen, Sinnen und Schwanken legte sie auf ihre Weise aus, und verhehlte mir ihre Überzeugung nicht, sondern versicherte mir unbewunden, das alles komme daher, weil ich keinen versöhnten Gott habe. Nun hatte ich von Jugend auf geglaubt, mit meinem Gott ganz gut zu stehen, ja, ich bildete mir, nach mancherlei Erfahrungen, wohl ein, dass er gegen mich sogar im Rest stehen könne, und ich war kühn genug zu glauben, dass ich ihm einiges zu verzeihen hätte. Dieser Dünkel gründete sich auf meinen unendlich guten Willen, dem er, wie mir schien, besser hätte zu Hülfe kommen sollen. Es lässt sich denken, wie oft ich und meine Freundin hierüber in Streit gerieten, der sich doch immer auf die freundlichste Weise und manchmal, wie meine Unterhaltung mit dem alten Rektor, damit endigte: dass ich ein närrischer Bursche sei, dem man manches nachsehen müsse.“

Doktor Metz und Frau von Klettenberg halfen dem Studenten nicht nur, gesund zu werden und mit sich selbst ins Reine zu kommen – sie machten ihn auch mit ungewöhnlichen Schriften aus dem Gebiet der Grenzwissenschaften bekannt. Goethe las Paracelsus und studierte mit aller Gründlichkeit die alchemistische Schrift „Opus magocabbalisticum et theosophicum“ (verfasst von Georg von Welling 1721), versuchte sich auch selbst an alchemistischen Experimenten. Zwar mangelte es ihm nicht an Skepsis, als er feststellte, wie sehr es in den Texten an wissenschaftlicher Konsequenz haperte. Doch sie weckten sein Interesse an tieferen Gesetzmäßigkeiten der Natur, seiner Phantasie prägten sich die blumig geschriebenen Texte für das ganze Leben ein. Als er später dem Wahrheitssucher „Faust“ Gestalt verlieh, profitierte er von seiner profunden Kenntnis des alchemistischen Instrumentariums und der entsprechenden Zauberformeln.

Erst Ostern 1770, anderthalb Jahre nach dem Ausbruch seiner Krankheit, konnte sich Goethe aufraffen, sein Jurastudium wieder aufzunehmen und zum Abschluss zu bringen. Der Vater hatte darauf bestanden, und bei der Wahl der Universität hatte der Sohn auch diesmal nicht mitzureden: vorgesehen war Straßburg im Elsass.

Straßburg und die Begegnung mit Herder

Während die Pferdekutsche durch die malerische Rheinebene Richtung Straßburg fuhr, sah Goethe schon lange vor der Ankunft wie ein Zeichen den gotischen Münsterturm hoch in den Himmel ragen. Der junge Student, der gerade seine Krise überwunden hatte, stand vor einem Neuanfang im Leben und Denken.

Kaum hatte er sein Quartier im Wirtshaus „Zum Geist“ bezogen, zog der 21-Jährige los Richtung Münster. Er war von dem architektonischen Wunder überwältigt, das mit fein untereinander abgestimmten filigranen Verzierungen über dem Boden zu schweben schien. Das 18. Jahrhundert mit seinem ausladenden Barock- und Rokokostil hielt gotische Bauten schlichtweg für hässlich und rückständig – Goethe war einer der ersten, die diese vergeistigte Architektur aus dem Mittelalter wieder schätzen lernten.

Der vielseitig interessierte Student fand sich zwar in einem überschaubaren mittelalterlichen Ort mit engen Gassen wieder – doch in der Universitätsstadt wehte die Luft geistiger Offenheit, man sprach sowohl Deutsch als auch Französisch. Als deutsches Gebiet war das Elsass nach dem Dreißigjährigen Krieg größtenteils an Frankreich gefallen - 1681 dann auch die Stadt Straßburg, die jedoch ihre althergebrachte reichsstädtische Verfassung von 1482 beibehalten durfte. So verblieb sie zwar unter der Oberhoheit des Königs von Frankreich, aber trotzdem eine Freie Stadt. Die Verwaltung war französisch, die gebildete Schicht sprach Französisch, das einfache Volk Deutsch. Frankreich förderte den deutschen Charakter der Stadt, so dass sich beide Kulturen ohne größere Konflikte mischen konnten.

Goethe hatte sich entschlossen, die vom Vater gewünschte Promotion bald hinter sich zu bringen. Geschickt steuerte er mit möglichst geringem Aufwand und möglichst zügig auf einen juristischen Abschluss zu, den er dann schon nach eineinhalb Jahren, am 6. August 1771, erreichte. Neben den juristischen Veranstaltungen besuchte er Vorlesungen in Medizin und Staatswissenschaft, vertiefte sich in Geschichte, Philosophie, Theologie und Chemie. – Wie stand es mit seinem Interesse an Musik? Obwohl er Noten lesen und musizieren konnte, hören wir von ihm nicht viel darüber. Immerhin lernte er Cello spielen – wie wir zufällig aus einem Brief an den Bekannten Salzmann am 3. Februar 1772 erfahren. Seit wann er spielte, wissen wir nicht. Vielleicht hatten die musizierenden Breitkopfs ihn schon in Leipzig auf die Idee gebracht, ein Streichinstrument zu lernen. Wie gut spielte er? Aus Frankfurt schrieb er kurze Zeit später an Herder: „Ich kann … das Violoncell spielen, aber nicht stimmen“ – ein interessanter Hinweis – präzises Hören fiel ihm wohl schwer. Weder in „Dichtung und Wahrheit“, noch in Goethes weiterem gut dokumentiertem Leben hören wir etwas über sein Cellospiel; vermutlich hat er das Instrument ziemlich bald in die Ecke gestellt und dort stehen lassen. Ein anderes wichtiges Element der Musik, der Rhythmus, lag ihm aber im Blut – und damit war er in der Hauptstadt des Elsass am richtigen Ort. Goethe schreibt in „Dichtung und Wahrheit“: „Aber in Straßburg regte sich bald, mit der übrigen Lebenslust, die Taktfähigkeit meiner Glieder. An Sonn- und Werkeltagen schlenderte man [an] keinen Lustort vorbei, ohne daselbst einen fröhlichen Haufen zum Tanze versammelt, und zwar meistens im Kreise drehend zu finden.“

Auch Goethe drehte sich bald mit. Tanzen konnte er, denn Vater Caspar hatte seine Kinder einst trainiert. Um die bestmögliche Figur abzugeben, ließ Goethe sich von einem Tanzmeister in alle Raffinessen des Walzers einführen. Er lernte leicht und schnell, wurde ein hervorragender Tänzer und machte – wohl das eigentliche Ziel des Unternehmens – großen Eindruck auf das weibliche Geschlecht.

Am studentischen Mittagstisch fand der junge Mann gleich Anschluss, parlierte in Französisch und Deutsch über Gott und die Welt, traf viele Mitstudenten und schloss neue Freundschaften. Den meisten seiner Bekannten war er an Bildung und Intelligenz weit voraus, wie er das schon gewohnt war. Im Herbst 1770 begegnete er dann aber einem Menschen, der ihn sehr schnell von seinem Podest herunterholte: der Theologe und Schriftsteller Johann Gottfried Herder. Trotz seiner 26 Jahre war er schon eine weithin bekannte Persönlichkeit und stand ganz anders im Leben da als der 21-jährige, genialische und großspurige Student. Herder hatte bei Kant in Königsberg Philosophie studiert, seine Veröffentlichungen fanden im ganzen deutschsprachigen Raum Beachtung. Vor Kurzem hatte er sein Amt als protestantischer Prediger aufgegeben, er arbeitete an seinem Werk über den Ursprung der Sprache. In Straßburg wollte er sich bei einem berühmten Chirurgen von einem Augenleiden kurieren lassen. Herder war ein Ausnahme-Intellektueller mit eigenständigen Visionen, ein Vordenker seiner Zeit. Goethe fühlte, dass hier ein Mensch war, von dem er profitieren konnte. Jede Diskussion, jedes Gespräch mit diesem faszinierenden Mann brachten neue Einsichten.

Um 1770 war die Zeit der Aufklärung noch in vollem Gang, die Gebildeten hatten sich mit Haut und Haar dem Ideal der Vernunft verschrieben. Allem, was irrational schien, was sich logischen Überlegungen entzog, brachte man größtes Misstrauen entgegen.

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