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Gods of Ivy Hall, Band 2: Lost Love

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Erin

Ich will sie nicht mehr sehen, Jennas blutige Tränen. Ich will, dass es aufhört. Aber jede Nacht starrt sie mich in meinen Träumen an, meine große Schwester. Kein Ton kommt über ihre totenblassen Lippen, kein einziges Wort. Dennoch sagt sie etwas. Nein, sie schreit es förmlich mit ihrem Blick.

Es ist noch nicht vorbei, Erin.

Es wird nie vorbei sein.

Nie.

Als ob ich das nicht wüsste. Ich habe lange genug alles versucht. Warum muss sie es mir jede Nacht erneut in meine Seele brennen? Am liebsten würde ich zurückschreien, mit all der verzweifelten Wut in mir.

Stattdessen sitze ich schweißgebadet in dem schmalen Doppelbett in unserem Hotelzimmer, presse mir die Hand auf den Mund und versuche, nicht zu laut zu atmen.

Vorsichtig werfe ich Summer neben mir einen Blick zu. Meine kleine Schwester. Sie rührt sich nicht. Langsam entspanne ich mich. Es war nicht leicht, den wahren Inhalt meiner Albträume einen ganzen Sommer lang vor ihr zu verstecken. Manchmal ist sie nachts neben mir aufgewacht und ich musste mir irgendetwas ausdenken, um sie abzulenken.

Aber meistens schläft sie, als könnte die Welt um sie herum untergehen, ohne dass sie es bemerkt. Auch jetzt hat sie sich vollkommen in das dünne Bettlaken eingemummt. Nur ihre Nase und ein paar lange blonde Haare schauen aus ihrem Kokon hervor.

Bevor unsere Eltern gestorben sind, hat sie immer breit ausgestreckt in ihrem Bett gelegen, sich die ganze Nacht herumgeworfen und ist mehr als einmal auf dem Boden neben dem Bett aufgewacht. Aber von dem Tag an, als man es uns gesagt hat, lag sie nur noch still da. Eingehüllt und versteckt. Als wollte sie die Aufmerksamkeit des Schicksals nicht auf sich ziehen.

Vergeblich.

Trotz all meiner Bemühungen ist auch sie einen Pakt eingegangen. Einen Pakt mit … Ich schiebe den Gedanken weg. Schiebe die Erinnerung weg.

Atme tief durch.

Wenigstens muss Summer nicht als Rachegöttin arbeiten.

Aber die Wahrheit ist: Ich konnte sie nicht schützen, und der Gedanke, wie sehr ich versagt habe, mischt sich mit der Erinnerung an Jennas blutige Tränen zu einem dunklen Schmerz in meiner Brust.

Es wird nie vorbei sein.

Nie.

Wieder und wieder höre ich es in meinem Kopf.

Warum, Jenna? Warum ist es nicht wenigstens für dich vorbei?

Ich dachte, nachdem ich den neuen Pakt mit Arden geschlossen habe, durch den Jenna nicht mehr mein Unterpfand ist, würden die Träume aufhören. Ich dachte, wenn Jenna nicht mehr Gefahr läuft, für meine Vergehen im Tartaros zu landen, könnte sie sich beruhigen. Ich habe geglaubt, wenn ich dafür sorge, dass sie nicht über den Fluss gehen und ein Schatten werden muss, könnte ich ihr die verzweifelte Angst nehmen, uns endgültig zu vergessen. Die Angst um uns.

Aber auch dabei habe ich versagt.

Und jetzt schreit Jenna jede Nacht in meine Träume, was ich nicht einsehen will: Ich werde mich und Summer nie von dem Pakt befreien können.

Kurz überfällt mich der Gedanke wie eine düstere, klebrige Welle aus Hoffnungslosigkeit. Aber dann packe ich das Bettlaken und schlage es heftig zurück.

Schluss mit dem Selbstmitleid.

Es gibt einen Job zu erledigen. Vorsichtig schwinge ich die Beine zur Seite. Das dämliche Bett knarzt. Aber Summer rührt sich nicht. Ein Glück.

Während ich aufstehe, greife ich nach meinem Handy.

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Hastig ziehe ich mir eine kurze Jeans und ein T-Shirt über und mustere Summer noch mal, während ich auf Zehenspitzen zur Tür schleiche. Ich mag es nicht, sie in den abgewrackten Hotels, die wir uns gerade so leisten können, allein zu lassen, vor allem nicht, wenn sie schläft. Genauso, wie ich es hasse, sie ständig anzulügen. Aber ich habe keine andere Wahl.

Und wenn das klappt, was ich schon den ganzen Sommer über plane, dann werde ich sie noch viel öfter anlügen und mich davonschleichen müssen. Aber das wäre es wert und ich weiß, dass Summer das genauso sehen würde. Immerhin tue ich es für sie.

Mein Herzschlag beschleunigt sich.

Seit ich es aufgegeben habe, einen Ausweg aus dem Pakt finden zu wollen, seit jenen schrecklichen drei Monaten vor dem Sommer, in denen ich alles versucht habe und mir schließlich eingestehen musste, dass nichts davon funktionieren wird, habe ich einen neuen Traum.

Eine verrückte, total durchgeknallte Idee. Und heute teste ich zum letzten Mal, ob ich es wagen kann, diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen.

So leise wie möglich schlüpfe ich durch die Tür, ziehe sie hinter mir zu, lege dann kurz das Ohr an den abgeplatzten Lack und horche. Immer noch ist alles ruhig. Schnell schlüpfe ich in meine Sneaker, dann haste ich los.

Trockene Hitze schlägt mir entgegen, als ich aus der schäbigen Lobby des Hotels auf die Straße trete. Arizona ist Ende August eine Hölle aus brennendem Sand und glühendem Gestein, auch nachts ist es noch so warm, dass mir der Schweiß auf der Stirn steht. Ich laufe über die Hauptstraße. Wir haben uns in einem größeren Touristenort eingemietet. Eigentlich mögen Summer und ich das nicht, aber einmal die Woche, am Freitag, muss es sein. Freitags brauche ich eine Bar oder eine andere Location, mit vielen Menschen, die ausgelassen feiern.

»Roddys Beer Ranch« blinkt in riesigen neonblauen Buchstaben über dem heutigen Etablissement meiner Wahl. Ich reiße die Tür auf und freue mich auf einen Schwall herrlich kühler, übertrieben kalter Klimaanlagenluft. Stattdessen laufe ich in eine stickige Wand aus Bierdunst und Zigarettenrauch. Shit. Ständig vergesse ich, dass die altersschwachen Klimaanlagen hier in der roten Wüste neben den Canyons nicht gegen die Hitze und den Rauch ankommen.

Wir sind hier nicht in Las Vegas.

Das hat Summer gesagt und dann über mein bestätigendes Schnauben gelacht. Sie weiß, wie sehr ich Las Vegas geliebt habe. Die grandiosen Hotels, die leichte Jagd und – die wunderbaren, modernen Klimaanlagen.

Die Erinnerung an den Sommer mit meiner kleinen Schwester steigt in mir auf. Wir beide auf dem Motorrad, unter unseren Reifen schlängelt sich der Asphalt wie ein endloses Band durch die schiere Weite der immer wechselnden Landschaft aus Feldern, Sümpfen und Bergen. Die Sonne brennt auf uns herunter, bringt Seen zum Glitzern und lässt das Meer an der kalifornischen Küste in einem unglaublich intensiven Türkis leuchten. Und über allem Summers glückliches Lachen. Wunderbare Wochen, in denen ich fast vergessen konnte, wer und was ich bin.

Wochen, in denen ich langsam angefangen habe, an meinen verrückten Traum zu glauben und Pläne zu schmieden.

Ich reiße mich zurück in die Wirklichkeit. Jetzt ist nicht der richtige Moment, um zu träumen. Erst die Arbeit, so wie jeden Freitag. Und dann … ja, dann das Vergnügen.

Ich mache ein paar Schritte in die Bar hinein. Der Barkeeper mustert mich misstrauisch und ich halte meinen gefälschten Ausweis bereit, falls er mich fragt, ob ich schon einundzwanzig bin. Aber in diesem Moment stürzt sich eine Horde Backpacker mit ihren Bestellwünschen auf ihn und tilgt mich aus seinen Gedanken.

Ich streife durch die Bar.

Er lauert in den Schatten am hinteren Ende des Raumes. Und sofort verfliegt meine gute Laune.

Ich nähere mich ihm und nicke ihm kühl zu. Als er einen Schritt ins Dämmerlicht des Barraums hinein macht, sehe ich das pelzige Gesicht seiner Ratte unter seinem Hemdkragen hervorlugen. »Damon.«

»Erin. Wie geht’s?« Sein freundliches Lächeln bildet einen seltsamen Kontrast zu der Abneigung, die ich verspüre.

Du hast mich hintergangen.

Ich würde es ihm gern vor die Füße schleudern. Aber wozu? Es ist kein Geheimnis, dass ich ihm immer noch nicht verziehen habe. Dass ich ihm niemals, nicht mal mehr ansatzweise, vertrauen werde.

Die Erinnerung daran, wie sehr er mich verraten hat, sitzt noch zu tief in meinem Herzen. Erst durch seinen Betrug habe ich verstanden, dass ich ihn tatsächlich irgendwie mochte. Wir waren zwar nicht gerade Freunde, aber dass er mich nur aus Eifersucht dazu bringen wollte, den Mann, den ich liebe, zu küssen und ihm die Seele zu rauben, das hätte ich ihm trotzdem nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen zugetraut.

Die Angst, dass er meinem Traum gefährlich werden könnte, begleitet mich tagtäglich. Dabei könnte ich wirklich seine Hilfe brauchen, wenn ich es nur wagen könnte, ihm davon zu erzählen. Von dieser Idee, die Summer mir immer wieder wie einen Floh ins Ohr gesetzt hat, bis ich ebenfalls angefangen habe, daran zu glauben.

»Können wir loslegen?«, frage ich kühl.

Sein Lächeln verblasst. »Okay«, murmelt er. »Der Typ, von dem ich dir vor ein paar Tagen erzählt habe, der schon länger auf der gleichen Route unterwegs ist wie ihr – er ist hier.« Damon nickt vielsagend in eine dunkle Ecke hinein, aber durch den Dunst in der Bar kann ich nichts erkennen. »Ich hoffe, dass wir ihn heute auf frischer Tat ertappen.«

»Gut. Dann los.«

Über den Sommer ist es zu unserer Angewohnheit geworden, dass wir gemeinsam nach neuen Opfern suchen. Vielleicht, weil ich ihm nicht mehr glaube, wenn er behauptet, dass jemand meinen Kriterien entspricht. Was weiß ich denn schon, welche Ziele er verfolgt? Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass er mir vielleicht schon mehrfach Typen als Opfer vorgesetzt hat, die er bloß aus dem Weg räumen wollte. So, wie er es bei Arden versucht hat. Ein weiterer Grund, warum ich ihm immer noch nicht verzeihen kann. Weil er vielleicht dafür gesorgt hat, dass ich jemanden geküsst habe, der es nicht verdient.

Aber er ist immer noch der beste Schnüffler in meinem Umkreis und er ist jetzt derjenige, dem ich die Seelen nach meinem Kuss übergebe. Und wenn ich ihn bei der Recherche begleite, kann er mir keinen Unsinn erzählen. Mich immer wieder zur Recherche mit ihm davonzuschleichen, um einen Typen zu finden, der meinen Kuss wirklich verdient hat, war auf einer Rundreise und mit Summer im Schlepptau nicht gerade einfach. Manchmal mussten wir ein paar Tage irgendwo bleiben, nur damit ich sichergehen konnte, dass es den Richtigen erwischt, und dann musste ich Summer jedes Mal davon überzeugen, dass dieses seltsame Wüstenkaff irgendwo im Nirgendwo uns echt viel zu bieten hat.

Sehnsüchtig denke ich an Las Vegas zurück. So viele Menschen. Glücksspiel. Alkohol. Dort hatten wir es so unglaublich leicht, echte Mistkerle zu finden. Und niemand hat sich gewundert, wenn jemand sich plötzlich seltsam verhält und wie betäubt durch die Gegend stolpert, weil er durch meinen Kuss seine Seele verloren hat.

Deswegen magst du Vegas? Weil du dort besser arbeiten kannst? Ich kann Izanagis entgeistertes Gesicht förmlich vor mir sehen. Kurz muss ich grinsen. Gott, wie ich es vermisse, mit den anderen auf die Jagd zu gehen.

Aber dann konzentriere ich mich wieder auf den Typen, der sich jetzt aus seiner Ecke herausschält. Bisher konnten wir nie genug Beweise finden, um ihn dingfest zu machen. Das soll sich heute ändern.

Möglichst unauffällig spielen Damon und ich eine Runde Darts, während wir beobachten, wie der Typ sich an ein hübsches Mädchen heranpirscht, das allein am Tresen steht oder besser hängt. Sie hat wohl schon ein paar zu viel intus. Der Typ setzt sich zu ihr und bestellt ihr einen weiteren Drink und dann noch einen. Das allein ist noch kein Verbrechen, nichts, wofür man ihn anzeigen könnte. Der Barkeeper, der das Mädchen längst hätte wegschicken müssen, schert sich auch nicht darum, sondern schenkt ihr weiter kräftig nach.

Irgendwann scheint das Objekt unserer Begierde zu denken, dass es genug ist, denn er packt das halb bewusstlose Mädchen unter den Achseln und begleitet sie zum Hinterausgang, der zum Parkplatz führt. Gott, wie ich es hasse, dass wir nicht früher eingreifen können. Aber wir müssen ganz sicher sein. Es wäre ja auch möglich, dass sie sich doch kennen und sich am Ende herausstellt, dass er sie nur nach Hause bringt.

Unwillkürlich sehe ich vor mir, wie Kali die Augen verdrehen würde, wenn sie hier wäre.

Hey, sage ich in Gedanken. Es ist unwahrscheinlich, aber möglich.

Die Hintertür fällt hinter Nr. 154 ins Schloss.

»Schnell jetzt«, raune ich Damon zu.

Er nickt und schlüpft vor mir durch die Tür. Draußen sieht er sich um, ob auch wirklich niemand in der Nähe ist. Meine roten Locken sind einfach unübersehbar. Und mit Kapuze oder Kopftuch wäre ich in einer Bar nicht weniger auffällig. Hades hat wirklich nicht nachgedacht, als er mich zur Rachegöttin gemacht hat.

Nein. Nicht Hades. Arden.

Ein eisblauer Blick zuckt durch meine Gedanken, aber ich reiße mich am Riemen und folge Damon nach draußen, sobald er mir durch die Hintertür zuwinkt. Wir schleichen zu dem altersschwachen blauen Kombi, den der Typ immer an einer möglichst abgelegenen Stelle parkt, und sehen gerade noch, wie er das jetzt bewusstlose Mädchen auf den Rücksitz schiebt. Der Blick, den er ihr dabei zuwirft, gar nicht freundschaftlich, sondern eindeutig schmierig und ekelhaft, treibt mir die Galle in den Mund.

Ganz sicher bringt er sie nicht nur einfach nach Hause. Viel eher glaube ich, was Damon vermutet: dass er sie irgendwo an eine einsame Stelle bringt, wo er ihre Wehrlosigkeit ausnutzt, und sie dann irgendwo allein in der Wüste zurücklässt und verschwindet, damit es so lange wie möglich dauert, bis sie sich zur nächsten Polizeiwache durchkämpfen kann.

»Okay, das reicht. Den erledige ich.«

»Erin!«, zischt Damon. »Hier doch nicht. Wir sollten ihn verfolgen. Wenn er sie wirklich an einen einsamen Ort bringt, wäre es dort perfekt.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich riskiere sicher nicht, dass wir ihn aus den Augen verlieren.«

»Du weißt, dass wir das so nicht machen.«

Ich fahre zu ihm herum. »Ja. Ich weiß, dass du nur zuschaust. Und dann kommst du zu mir gelaufen, damit ich die Typen erledige«, fauche ich. »Und genau das werde ich jetzt tun.«

Damon zuckt unter meinen Worten zusammen.

Es verschafft mir eine seltsame Befriedigung. Ja, ich wollte ihn verletzen. Es fühlt sich mies an und gleichzeitig irgendwie, als wäre es mein Recht, nach allem, was er getan hat.

Aber dann überwiegt das miese Gefühl.

Ich muss daran denken, wie Damon mir den ganzen Sommer über geholfen hat, während ich mit Summer unterwegs war. Er hat recherchiert, hat teilweise schon vor uns einen Ort abgecheckt, damit ich, trotz Rundreise mit meiner kleinen Schwester, überall meine Quote erfüllen konnte. Und zwar ohne dass Summer etwas bemerkt. Ja, Damon hat mich hintergangen. Aber diesen Sommer war er unersetzlich für mich.

»Tut mir leid«, sage ich seufzend. »Das war unfair.«

Und doch ist da immer noch dieses Gefühl, dass er es verdient hat. Es fühlt sich fremd an, so zu denken, als wären es nicht meine Gedanken. Als wäre es nicht mein gerechter Zorn.

Ich schüttle den Kopf und wende mich wieder Opfer Nr. 154 zu. Er hat sich gerade ans Steuer gesetzt.

Ich balle die Fäuste und treffe eine Entscheidung. »Das hier ist anders. Das Risiko, dass er uns wieder entwischt, ist zu groß.«

Bevor Damon etwas erwidern kann, springe ich auf das Auto zu und reiße die Tür auf. »Willst du nicht lieber mal eine, die dich freiwillig nimmt?«

Der Typ starrt mich an, für einen kurzen Augenblick zu entsetzt, um irgendwas zu sagen. Ich packe ihn an seinem T-Shirt, zerre ihn ein Stück zu mir heraus und küsse ihn.

Es ist kein angenehmer Kuss. Meine Lippen sind aufgesprungen von der trockenen Hitze und seine schmecken nach Alkohol und Zigarettenrauch – und nach ekelhaftem Mistkerl. Trotzdem stürze ich mich mit meiner ganzen Wut auf seinen Mund, spüre den Schmerz in meiner aufgerissenen Haut und Ekel, weil ich jemanden wie ihn überhaupt berühren muss.

Aber ich tue alles. Alles, damit es sich nicht anfühlt wie ein echter Kuss. Nicht wie der Kuss. Dieser eine, wunderschöne Moment mit Arden, der sich mir für immer in meine Seele geschrieben hat.

»Shit! Ich hasse das.« Ich stoße Nr. 154 von mir. Er sackt mit leeren Augen in sich zusammen.

Anfangs habe ich gehofft, dass meine Erinnerung verblassen würde, durch diese ganzen Küsse, die ich ausführen muss. Als würden sie seinen Kuss von meinen Lippen tilgen. Aber so ist es nicht. Egal, was ich tue, jedes Mal, bei jedem einzelnen verdammten Kuss überfällt mich der Gedanke an ihn. Und daran, wie ein Kuss sich anfühlen kann, wenn man jemanden wirklich liebt.

Seitdem verabscheue ich meinen Job noch mehr.

»Erin?« Damons Stimme ist sanft, als wüsste er, was ich denke, was die Sache nicht besser macht.

»Ja, schon gut!«, fahre ich ihn an.

Ich wische mir mit der Hand über die Augen, bevor ich die Glasphiole aus meiner Hosentasche hole und die bläulichen Schlieren darin auffange. Dann drücke ich sie Damon in die Hand.

Ein Blick auf mein Handgelenk zeigt mir, dass der Countdown aufgehört hat. Hades hat mein Opfer akzeptiert, in dem Moment, als ich Damon die Seele übergeben habe.

Und wieder hat Summer absolut nichts mitbekommen. Ganz langsam hebt sich meine Stimmung. Der letzte Test. Das war er.

Kurz überlasse ich mich meinem Traum.

In der Nähe von Ivy Hall gibt es eine Schule, auf die Summer gehen könnte. Wir könnten uns regelmäßig sehen. Nicht nur alle paar Wochen in den Ferien, sondern jeden Tag.

Vor diesem Sommer habe ich nicht daran geglaubt, dass es klappen könnte, ein gemeinsames Leben mit meiner kleinen Schwester, aber dieser Sommer mit ihr hat mir Hoffnung gemacht, weil es mir trotz allem gelungen ist, vor ihr zu verheimlichen, dass ich eine Rachegöttin bin und jede Woche einem Mistkerl die Seele rauben muss. Bisher ist sie nicht mal in die Nähe meines Geheimnisses gekommen, sie ahnt null und nichts, und wenn ich das schaffe, obwohl wir sogar im gleichen Zimmer schlafen, dann werde ich es doch sicher auch schaffen, wenn sie eine Stunde entfernt von mir wohnt.

Heute ist der letzte Freitag dieser Sommerferien. Der letzte Abend, an dem etwas hätte schiefgehen können. Aber auch heute ist alles gut gegangen.

Langsam steigt die Erkenntnis in mir auf, dass mein Plan jetzt Wirklichkeit werden wird. Für einen Moment wird mir schwindelig vor Freude. Morgen werde ich in Summers Schule anrufen und alles in die Wege leiten!

Der Gedanke zaubert ein winziges Lächeln auf meine Lippen. Fast schon fröhlich sehe ich Damon an. »Ich bin für heute raus, viel Spaß beim Aufräumen.« Mit beschwingtem Schritt will ich an ihm vorbeigehen, aber dann bleibe ich wie angewurzelt stehen. »Nein«, flüstere ich. »Oh nein.« Langsam mache ich ein paar Schritte zurück in den winzigen dunklen Parkplatz hinein, bis ich wieder bei Damon angekommen bin, und greife nach seinem Arm.

»Erin, was …?«

»Schhh«, mache ich, ziehe Damon hinter ein Auto und deute zum Eingang des Parkplatzes.

Damon verengt die Augen. Dann reißt er sie entsetzt wieder auf. »Fuck.«

Es ist Summer.

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Erin

Summer steht an der Ecke des Hauses, in dem sich die Bar befindet, und sieht sich suchend um.

»Warum schläft sie nicht?«, zische ich Damon zu.

Sonst hat es doch auch immer geklappt.

Ich halte nach einem Fluchtweg Ausschau, aber der Parkplatz ist eine Sackgasse und die Tür zur Bar lässt sich nur von innen öffnen. »Wir müssen hoffen, dass sie nicht herkommt.«

Genau in diesem Moment macht Summer einen Schritt auf den Parkplatz.

Damon schnaubt leise. »War ja klar.«

»Vielleicht weiß sie nicht, dass wir hier sind.«

»Erin?«, ruft Summer jetzt leise. »Ich weiß, dass du hier irgendwo bist.«

Damon verdreht die Augen.

Mir entkommt ein hilfloses Lachen, das den Aufruhr in meinem Inneren nur minimal übertönt. »Und jetzt?«

»Am wichtigsten ist, dass sie die beiden dahinten nicht entdeckt.« Er wirft einen Blick zurück auf das Auto, aus dem der Typ jetzt halb heraushängt.

Ich schließe die Augen. »Ja, das wäre nicht schlecht.« Sarkasmus trieft von meinen Worten. »Aber wie machen wir das? Irgendwelche Ideen?«

Damon presst die Lippen zusammen.

Summer kommt näher.

Gut. Keine Zeit für lange Überlegungen. »Ich muss sie ablenken.«

Ich springe auf.

»Erin, warte …«, zischt Damon, aber ich mache eine Handbewegung, dass er stillhalten und schweigen soll, und gehe dann auf Summer zu, die dem Auto hinter uns jetzt gefährlich nahe kommt. Mein Gott, ich will gar nicht wissen, was sie denkt, wenn sie die Überreste meiner Arbeit sieht.

»Hey, Schwesterchen«, rufe ich. Wow, total natürlich und unauffällig.

Summer prustet los, aber dann wird sie wieder ernst. »Erin, was machst du hier?«

»Das Gleiche könnte ich dich fragen«, antworte ich, um sie hinzuhalten. Shit, was soll ich ihr nur erzählen? Auf jeden Fall irgendetwas, um sie hier wegzulocken. Wenn sie Damon und Nr. 154 nicht sieht und nicht ahnt, was wirklich vor sich geht, ist die Gefahr gebannt, und alles kann weitergehen, wie ich es geplant hatte. Nur weil sie mich einmal fast erwischt hat, ist ja nicht gleich alles verloren. Immerhin werden wir, wenn sie auf die neue Schule in der Nähe von Ivy Hall geht, nicht ganz so nah aufeinander hocken. Es wird dann leichter sein, alles vor ihr zu verheimlichen, als jetzt.

Ich mache noch einen Schritt auf sie zu und versuche, sie vorsichtig aus dem Parkplatz herauszulotsen. Weg von Damon und den verräterischen Hinweisen auf mein Rachegöttinnen-Dasein. »Wie wäre es, wenn wir das im Hotel …«

Summer schüttelt den Kopf. »Nein, Erin. Ich will jetzt wissen, was los ist.«

Okay. Kein Ding, ich kriege das hin. »Wie meinst du das?«, frage ich und klimpere unschuldig mit den Wimpern. »Nichts ist los, ich bin nur in die Bar …«

»Gib dir keine Mühe. Ich beobachte dich schon den ganzen Sommer«, flüstert Summer.

Mir bleibt das Herz stehen. »Was?«

Sie beißt sich auf die Lippen. »Angefangen hat es damit, dass du mir ständig irgendeinen Mist über deine Albträume aufgetischt hast.«

»Summer, ich …«

»Denkst du wirklich, ich glaube dir, dass du schreiend aufwachst, weil jemand alle deine Konsolen geklaut hat?«

Irgendwo hinter mir höre ich Damon verhalten prusten. In Gedanken werfe ich ihm einen bösen Blick zu.

»Ich will wissen, was du vor mir versteckst, Erin, und …« Sie verstummt. Ihre Augen sind feucht. »Warum du denkst, dass du etwas vor mir verheimlichen musst.«

Immer noch starre ich sie wie gelähmt an. Ich brauche eine Ausrede. Jetzt. Schnell.

»Ähm«, mache ich etwas hilflos.

Summer stemmt ihre Hände in die Hüften. »Das reicht mir als Erklärung nicht ganz.«

Wieder höre ich Damon leise prusten.

Und dann habe ich eine Idee. Ich fahre herum, haste die paar Schritte zu Damon und zerre ihn hinter dem Auto hervor.

»Hey, Erin, was soll …«

Ich ziehe ihn am Arm zu mir, bis unsere Nasen sich fast berühren. »Du hast doch gehört, sie will die Wahrheit wissen. Also kriegt sie eben die Wahrheit.«

Vielsagend sehe ich ihn an, dann wende ich mich wieder an Summer, mit einem lieblich verschämten Lächeln auf dem Gesicht, das ich sonst nur bei meinen Opfern anwende, um sie ins Verderben zu locken.

Summer zieht die Augenbrauen zusammen. Offensichtlich wirkt mein Lächeln bei ihr nicht.

Mist.

»Das hier ist Damon.« Ich schiebe ihn auf sie zu.

Sie mustert ihn, als wüsste sie nicht recht, was sie von ihm halten soll, und Damon mustert mich, als wüsste er es ebenso wenig.

»Damon ist mein heimlicher … äh … Freund.«

Damons Augen werden groß, aber er sagt nichts. Kann ich verstehen. Damon und ich – das ist so absurd, dass sein Gehirn offenbar aussetzt bei dem Versuch, es zu verarbeiten.

Ohne es zu wollen, muss ich grinsen.

»Wir sind sehr verliebt. Deswegen treffen wir uns schon die ganze Zeit nachts und … na ja … machen rum.« Ich werfe Damon einen Kuss zu und er weicht kaum merklich vor mir zurück.

Als hätte er Angst, ich könnte ihn wirklich küssen.

Ich gönne mir den Spaß und ziehe ihn an der Hand auf mich zu.

»Erin …«, stößt er eindringlich hervor. »Du darfst mich nicht küssen.«

Ich komme ihm noch etwas näher. »Natürlich nicht«, hauche ich ganz nah an seinem Mund. »Doch nicht vor meiner kleinen Schwester. Dabei will ich es so sehr.«

Ich höre, dass er schluckt. Gleichzeitig starrt er mich vollkommen entgeistert an. »Das … ich …«, macht er, als wäre sein Gehirn plötzlich komplett im Stand-by-Modus.

Ich verziehe das Gesicht. »Ja, ich weiß, Liebling. Total schade. Aber ich muss meine kleine Schwester nach Hause bringen.« Ich lasse ihn los, seufze schwer und schaue zu Summer hinüber.

Die absolut nicht überzeugt wirkt. Mist. Manchmal ist es echt unpraktisch, dass sie nicht naiv und gutgläubig ist.

»Aha. Das da ist also dein Freund?« Sie zieht eine Augenbraue hoch.

Ich nicke. »Damon. Ja. Mein Freund.«

»Und den verheimlichst du vor mir – warum genau?«

Mist, Mist, Mist. Aber okay, ich finde auch darauf eine Antwort. Komm schon, Gehirn. »Ich … wollte nicht, dass …«

»Du wolltest nicht, dass deine Schwester denkt, dass dir ein Kerl wichtiger ist als euer Sommer zu zweit, richtig?«, springt Damon ein.

Kurz starre ich ihn sprachlos an. »Ja, ja genau. Das ergibt total Sinn.«

Damon grinst. Ich grinse erleichtert zurück. Für einen kurzen Moment ist alles zwischen uns vergessen und ich denke wieder daran, dass wir vielleicht hätten Freunde werden können.

»Ist das wahr?«, fragt Summer.

Mein Blick zuckt zu ihr.

»Deswegen hast du dich heimlich mit ihm getroffen? Deswegen hast du dich immer rausgeschlichen?«

Hilflos sehe ich sie an. »Na ja. Ich wollte, dass es unser Sommer ist. Du solltest nicht denken, dass Damon mir wichtiger ist als du, und ich … ich wollte auch darauf verzichten, ihn zu sehen, aber er …«

Ich komme ins Stocken.

»Aber er ist der Einzige, der deine Albträume beruhigen kann?«, fragt Summer leise, als wüsste sie, wie das ist. Und ich muss wieder daran denken, wie sie als kleines Mädchen immer zu mir ins Bett gekrochen kam. Zu mir. Nie zu Jenna. Weil nur ich ihre Albträume beruhigen konnte.

Sie wartet auf Bestätigung, aber ich kann nicht sagen, was ich sagen müsste.

Niemand kann meine Albträume beruhigen, Summer.

Unwillkürlich sehe ich eisblaue Augen vor mir. Ich schiebe den Gedanken weg.

»Also geht es dir gut?«, fragt Summer.

Ich nicke.

Sie atmet erleichtert auf. »Ich wünschte, du hättest es mir früher gesagt. Wenn ich gewusst hätte, dass es jemanden gibt, mit dem du über alles reden kannst. Jemand, mit dem du glücklich bist …«, flüstert sie. »Ich freue mich so für dich. Dass es dir gut geht, ist das Allerwichtigste für mich.«

Oh Summer. Meine Augen werden feucht. Den ganzen Sommer macht sie das schon, sich um mich kümmern. Und es fühlt sich so verdammt gut an. So gut, dass ich mir wirklich wünschen würde, es könnte für immer so bleiben.

Sie und ich zusammen.

Meine Kehle wird eng, als mir klar wird, dass diese Möglichkeit soeben für immer gestorben ist. Den ganzen Sommer beobachtet sie mich schon. Während ich dachte, ich hätte alles perfekt im Griff, ist sie mir immer wieder gefolgt, und heute hätte sie mich fast erwischt. Sie hat die ganze Zeit etwas geahnt, und ich habe nicht mal gemerkt, wie nah sie der Wahrheit gekommen ist.

Der Schreck sitzt mir so tief in den Knochen, dass ich kaum ein Wort herausbringe. Aber dann zwinge ich meine Lippen zu einem Lächeln. »Das ist lieb von dir. Würde es dir etwas ausmachen, schon zum Hotel zurückzugehen und dort auf mich zu warten?«

Sie nickt. »Und dann erzählst du mir alles, ja?«

Sie wirft Damon einen frechen Blick zu, der sagt: Ja, wir werden die ganze Nacht über dich reden und Erin wird mir wirklich ALLES erzählen. Dann dreht sie sich um und lässt uns stehen.

Als sie über die Straße und in unser Hotel gegangen ist, atmet Damon hörbar auf. »Gerade noch mal gut gegangen.«

Ich schnaube und verziehe das Gesicht. »Für dich vielleicht. Ich hab dich jetzt als Lover an der Backe und muss mir lauter romantischen Kram ausdenken. Warum ich dich mag und so.«

Damon lacht nicht. Er sieht mich nur durchdringend an. »Sag mal … wäre es denn so schlimm, wenn Summer alles erfahren würde?«

Mein Lächeln verblasst. »Ja.«

»Erin. Sie ist jetzt selbst eine Rachegöttin, auch wenn sie es nicht weiß und keine Seelen rauben muss. Irgendwann wird sie es herausfinden. Oder glaubst du wirklich, dass du es für immer vor ihr verheimlichen kannst?«

»Nein«, flüstere ich.

Natürlich wird sie merken, dass sie nicht altert, aber ich hoffe einfach, dass sie es auf den Pakt mir Lyra schieben wird. Trotzdem, für immer und ewig werde ich es nicht vor ihr geheim halten können.

»Aber so lange wie möglich. Sie soll so lange wie möglich unbeschwert leben.«

»Ich glaube, sie wird damit umgehen können.«

Ich nicke. »Ja, das wird sie.«

Damon runzelt die Stirn. »Dann verstehe ich nicht, wo das Problem ist. Vielleicht ist es für sie gar nicht so schlimm, wie du denkst.«

Ich halte Damons Blick fest. »Ich habe meine Seele eingetauscht, um Summer vor diesem Wissen und einem Leben mit dieser Bürde zu bewahren, Damon. Glaubst du wirklich, ich würde das jetzt aufs Spiel setzen, nur weil ich …« Ich verstumme. Mich einsam fühle, wollte ich sagen.

Aber Damon weiß nicht, dass ich geplant hatte, Summer zu mir zu holen, und jetzt, da ich diesen Traum begraben muss, weil Summer der Wahrheit viel zu nahe gekommen ist, braucht er es nicht mehr zu erfahren. Genauso wenig wie den wahren Grund, warum ich Summer nichts sagen kann.

Den ganzen Sommer über hat sie immer wieder versucht herauszufinden, warum ich mich im Frühling in einen reißenden Fluss stürzen und darin sterben wollte. Sie weiß nicht, dass ich nicht vorhatte, tot zu bleiben, und natürlich will sie wissen, wovor sie mich in jener Nacht gerettet hat. Immerhin hat sie dafür den Pakt mit Lyra geschlossen, den sie vor mir geheim halten muss. Ich habe ihr zahlreiche falsche Erklärungen für die Ereignisse am Fluss präsentiert, aber sie hat mir nicht geglaubt. Wie eine Löwin hat sie darum gekämpft, mir zu helfen, damit es mir gut geht.

Wenn sie erfahren würde, was ich bin, was ich jede Woche tun muss und wie gottverdammt ich es hasse, würde sie niemals Ruhe geben. Sie würde versuchen, mir zu helfen, um zu erreichen, dass ich damit aufhören kann. Ja, ich würde ihr sogar zutrauen, dass sie in die Unterwelt steigt, Kerberos eins aufs Maul gibt, den Fährmann bequatscht und dann mit Hades darum schachert, dass er mich gehen lässt.

Aber das würde nicht funktionieren.

Weil es nicht Hades ist, der darüber bestimmt.

Und Arden wird uns nicht gehen lassen. Niemals, das hat er absolut deutlich gemacht. Mir kriecht eine Gänsehaut den Nacken hinauf, wenn ich daran denke, was er mit Summer tun könnte, um sie für ihre Frechheit zu bestrafen oder nur um sie ruhigzustellen.

Eine Ewigkeit in den Tiefen des Tartaros.

Nein. Summer darf nie etwas erfahren.

Denn ich will auf gar keinen Fall, dass Summer sich meinetwegen in Gefahr bringt und das Leben verliert, das ihr zusteht.

Ein glückliches, normales Leben.

Weit weg von mir. Mühsam dränge ich die Tränen zurück, die in meiner Kehle hängen. Ich hatte so sehr gehofft, bald nicht mehr allein zu sein und auch Summer endlich eine Art Zuhause zu geben. Aber heute hat sie bewiesen, dass das nicht möglich ist. Sie hat die rosa Blase platzen lassen, die dieser Sommer war.

Und für ein paar Augenblicke fühlt sich diese Erkenntnis absolut unerträglich an.

Summer ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Der einzige Mensch, der mir noch etwas bedeutet.

Kurz zuckt ein Bild vor mir auf. Eine Gestalt mit aschefarbenem Haar und strahlend blauen Augen. Ich starre die Gestalt an, die nur in meiner Fantasie existiert. Ich halte den Blick aus diesen Wahnsinnsaugen fest, obwohl es eigentlich viel zu dunkel ist, um etwas zu erkennen. Ich spüre, wie mein Herz flattert, als er mich verwegen anlächelt.

»Erin. Was tust du nur?« Ardens samtig weiche Stimme umfängt mich.

Ich schlucke schwer. Natürlich ist er nicht hier. Es ist nicht der echte Arden, der mich so ansieht. Es ist eine Vision von ihm in meinem Kopf. Eine Vision, die so stark ist, dass ich sogar spüre, wie er meine Hand in seine nimmt und mit dem Daumen sanft über meinen Handrücken streicht.

»Verschwinde«, flüstere ich. »Verschwinde endlich aus meinen Gedanken!«

Ich hasse dich.

Aber mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich an seinen letzten Blick denke, so voller Zuneigung und Zärtlichkeit. Da weiß ich, dass es gelogen ist. Ich hasse Arden nicht. Ich würde mir wünschen, dass ich es könnte. Es würde mir Seelenfrieden geben. Aber Hass kommt tief aus dem Herzen. Und mein Herz will einfach nicht kapieren, dass es meinen Arden nie wirklich gegeben hat.

Das Trugbild löst sich in Luft auf. Aber nicht der Schmerz in meiner Brust. Und nicht die Erinnerung an jenen einen wunderbaren Kuss auf meinen Lippen.

Wie sehr ich mir wünschte, ich könnte dir alles erzählen, Summer.

Ich freue mich so für dich, dass es dir gut geht.

Kurz versinke ich in Selbstmitleid.

Das passiert mir ziemlich oft in letzter Zeit. Dabei bin ich doch eigentlich niemand, der Dingen nachheult, die er nicht haben kann.

Ich keuche auf.

Nein, ich bin niemand, der aufgibt. Nicht aus Mutlosigkeit und nicht aus Angst, nicht, nachdem ich gelernt habe, dass man immer eine Lösung finden kann, auch wenn man sie vielleicht noch nicht kennt.

Trotzdem hätte ich es fast getan. Fast hätte ich mir weisgemacht, dass ich es ertragen könnte, für immer eine Rachegöttin zu bleiben, wenn ich nur Summer bei mir hätte. Ich habe mich einlullen lassen von diesem Traum von einem Sommer. Ich habe mich ablenken lassen, von dem, was ich wirklich will.

Weil ich Angst hatte.

Denn es ist nicht wahr, dass es keine Möglichkeit gibt, aus dem Pakt zu entkommen. Es ist nicht richtig, dass ich nichts gefunden habe. Ich habe nur nichts gefunden, was niemanden in Gefahr bringt.

Ja, dieser Sommer war ein Traum. Aber jetzt ist es Zeit, aufzuwachen. Es ist Zeit, meiner Angst zu zeigen, wer ich wirklich bin.

Meiner Angst. Und Arden.

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Arden

Drei riesige Köpfe starren mich aus rot glühenden Augen an. Schleim tropft von ihren Lefzen und ein unmissverständliches Grollen dringt zwischen den mannshohen Reißzähnen hervor.

»Kerberos, mein Guter.«

Das Grollen wird so laut, dass der Boden unter meinen Füßen bebt.

Pyxis trippelt unruhig auf meiner Schulter hin und her und flattert mit ihren schwarzen Rabenflügeln.

»Du wolltest mitkommen«, raune ich ihr zu.

Sie krächzt eine leise Antwort.

Na gut, eigentlich wollte ich sie mitnehmen. Ich lasse sie nie aus den Augen und sie weicht mir nie von der Seite. Aber bald wird sie es müssen, sobald wir übergesetzt haben, über die Flüsse. Dazu müssen wir allerdings erst an meinem riesigen Schoßhund vorbei, der leider vollkommen vergessen zu haben scheint, wer ich bin.

Kein Wunder. Ich meide den armen Kerl wohl schon zu lange. Sein Knurren und seine rot glühenden Augen zerren zu viele Erinnerungen hervor.

Normalerweise muss ich auch nicht an ihm vorbei. Normalerweise kann ich mich hier unten frei bewegen und tue es auch. Aber heute ist alles anders, denn Hades hat mich gerufen. Und er will, dass ich auf demselben Weg zu ihm komme wie die Schatten.

Er ahnt etwas.

»Nein, sicher nicht«, grummle ich.

Nicht, dass ich eine Wahl hätte. Wenn Hades ruft, gehorcht man. Und wenn er befiehlt, dass man zu Fuß geht, dann geht man zu Fuß.

Und das bedeutet: als Allererstes an Kerberos vorbei.

Versuch bloß nicht, ihn niederzustarren, das hat schon bei der Ratte nicht funktioniert.

Unwillkürlich muss ich grinsen. Dann reiße ich mich am Riemen und gehe entschlossen auf Kerberos zu. Er muss mich nur erkennen. Ich hebe den Kopf, mache mir bewusst, wer ich bin.

Ich gehöre hierher. Ich bin ein Teil dieser Welt. Und du, Kerberos, bist genauso mein Diener wie der meines Vaters.

Die drei riesigen schwarzen Köpfe grollen so laut, dass Pyxis fast vor Schreck von meiner Schulter fällt. Aber dann verstummt Kerberos plötzlich. Fängt an zu winseln, legt den Kopf auf die Pfoten und lässt uns vorbei.

Pyxis’ Herz rast, während wir uns in den Strom der Toten einreihen, aber bald sind wir an der ersten Station angekommen und ich bleibe stehen.

Die drei Flüsse der Unterwelt.

Auch sie muss ich heute überqueren, genau wie die Toten es tun. Zuallererst den Styx, der jetzt vor uns liegt.

»Bald musst du mich verlassen«, sage ich zu Pyxis.

Als Antwort krallt sie ihre Füße schmerzhaft fest in meine Schulter.

Ich gehe zum Fluss Styx hinunter.

An seinem Ufer wartet eine gebückte Gestalt mit bodenlangem weißem Bart und in einem langen grauen Kittel. Charon, der Fährmann. Wahrscheinlich wusste er schon vor mir, dass ich kommen würde. Wahrscheinlich noch bevor mein Vater überhaupt darüber nachgedacht hat, mich zu sich zu rufen. Mit glühenden Augen starrt er zwischen die Seelen, die daraufhin zur Seite treiben, um mich durchzulassen. Langsam gehe ich auf ihn zu.

»Gios tou Ádi«, schnarrt Charon und senkt sein ergrautes Haupt vor mir.

Sohn des Hades. So nennt er mich. Es klingt seltsam fremd in meinen Ohren, nach so langer Zeit.

Charon lässt mich einsteigen. Er vertreibt ein paar tote Seelen, die sich zu uns ins Boot stehlen wollen.

»Nein«, knurrt er sie an. »Ihr nicht, eure Zeit ist noch nicht gekommen!«

Sie weichen vor seinem langen, knorrigen Stab zurück, als könnten sie seine Schläge tatsächlich spüren.

Ich frage mich, was sie getan haben, dass er ihnen die Überfahrt verweigert und sie hundert Jahre am Fluss ausharren lässt. Aber das zu regeln, ist sein Job, nicht meiner. Ich richte meinen Blick auf das gegenüberliegende Ufer.

»Das Wetter ist gut heute«, schnarrt Charon und ich drehe mich irritiert nach ihm um.

Das Wetter? Ist es schon so weit? Ich hole mein Smartphone heraus und checke das Datum. Netz hab ich hier natürlich keins. Der Ausbau des mobilen Internets ist hier noch nicht so weit.

Nein. Drei Wochen sind es noch bis zum Winter, der hier unten schon im September beginnt. Aber Charon freut sich das ganze Jahr über darauf. Und damit ist er wahrscheinlich nicht allein. Ich jedenfalls habe als Kind den Winter mit jeder Faser herbeigesehnt.

Sicher. Den »Winter« hast du herbeigesehnt, bemerkt eine leise Stimme in meinem Kopf. Ich schiebe sie weg.

Während Charon uns übersetzt, denke ich darüber nach, wie die Reise weitergehen wird. Ich halte Pyxis meine Hand hin, damit sie draufsteigt, dann setze ich sie auf meine Knie.

»Du kannst nicht weiter mitkommen. Was jetzt kommt, ist nichts für einen Raben«, sage ich zu ihr. Abgesehen davon, will ich auf keinen Fall, dass Hades sie sieht.

Ich wende mich an Charon. »Mein Rabe braucht Schutz.«

Er sieht mich an, unter buschigen Brauen hervor. Dann fällt sein Blick auf Pyxis und seine Augen werden groß. »Das ist …«

»Ja. Und deswegen ist es so wichtig, dass du sie für mich bewachst.« Ich bedeute Pyxis, auf seine Schulter zu hüpfen. Sie gehorcht widerwillig und schlüpft sogar unter seinen Umhang. »Er darf sie nicht sehen.«

Charon grummelt etwas in seinen Bart, aber er akzeptiert meine Bitte. Es hat eben auch Vorteile, hier unten aufgewachsen zu sein.

Das Boot schaukelt gefährlich, als ich aussteige. Ich nicke Charon zu, aber er ist schon wieder damit beschäftigt, die Schatten mit seinem langen Stab in Schach zu halten. Dieses Mal sind es solche, die aus der Unterwelt fliehen wollen.

Pyxis krallt sich in seine Schulter und lugt unter seinem Mantel hervor. Sie wirkt nicht gerade glücklich.

Aber ich muss weiter. Es ist nicht mehr weit. Wenn man einmal über den Styx ist, hat man das Schlimmste hinter sich. Zumindest streckenmäßig. Am Ufer des zweiten Flusses bleibe ich stehen. Lethe. Sie ist grau, ihr Wasser glatt und bewegungslos. Hineinzusehen ist, als wäre man blind und taub und innerlich vollkommen leer.

Früher habe ich mich immer von hier ferngehalten, aber jetzt knie ich am Ufer nieder und schöpfe etwas von dem grauen Wasser, halte mir erst die Hand an die Stirn und trinke dann. Es schmeckt metallisch und seltsam körperlos. Als würde es im Mund zu Nebel werden.

Dies ist dein Geburtsrecht, Arden. Aus dem Fluss Lethe zu trinken und nicht zu vergessen. Kein Schatten zu werden, sondern dich ewig zu erinnern.

Mein Vater. Pathos hat er echt drauf. Und Geschenke zu machen, die keiner haben will. Es ist nichts Schönes daran, nicht vergessen zu können.

Ein Schopf wilder roter Haare blitzt vor meinem inneren Auge auf.

Unwillkürlich sehe ich mich noch einmal nach Pyxis um. Ich hätte nichts dagegen, sie ein paar meiner Erinnerungen fressen zu lassen.

Als ich wieder nach vorn sehe, liegt Lethe hinter mir. Man vergisst, dass man sie überquert hat. Sogar ich.

Vor mir liegt der Fluss Acheron. Seelen ziehen an mir vorbei und stürzen sich hinein. Keine einzige will jetzt mehr zurück. Sie sind ihre Erinnerungen losgeworden, den Schmerz jedoch nicht. Er wohnt in der Seele und wird schlimmer dadurch, dass man nicht mehr weiß, woher er stammt. Der Acheron reinigt sie von diesem Schmerz und sie entsteigen ihm als Schatten ihrer selbst. Im Acheron aber sammelt sich das ganze Leid der Welt und verschmutzt sein düsteres pechschwarzes Bett immer mehr.

Nicht gerade ein einladender Badeort, aber mir bleibt nichts anderes übrig.

Ich mache mir nicht die Mühe, mich auszuziehen, sondern stürze mich kopfüber in den Fluss. Er ist nicht nass, denn er besteht nicht aus Wasser. Und genauso wenig, wie Lethe mich vergessen lässt, reinigt der Acheron mich. Im Gegenteil, für ein paar Sekunden ist es, als wäre ich ein Mahlstrom in seinem Inneren, eine Art schwarzes Loch, das alles Übel und allen Schmerz der vorangegangenen Menschenleben anzieht.

Das ist dein Geburtsrecht, Arden.

Tolles Geschenk. Wirklich.

Ich glaube, ich bin noch nie so schnell geschwommen. Und wünsche mir im nächsten Moment, ich hätte mir mehr Zeit gelassen.

Denn dort, am Ufer des Acheron, auf der anderen Seite, wartet er auf mich.

Ein Mantel bauscht sich um seine Gestalt, scheinbar leer und schwerelos über dem felsigen Flussufer.

Hades. Der Unsichtbare.

Seine Kapuze verbirgt kein Gesicht, sondern nur unerträgliche Schwärze. Als Kind habe ich diese Kapuze einmal heruntergezogen und direkt in sein Gesicht geschaut. Ich war neugierig, ob ich ihm ähnlich sehe.

Ich bereue es heute noch.

Hades. Der unsichtbar Machende.

Der, dessen Blick die Seele auflöst und jeden zum Schatten macht. Mich hat sein Blick nicht zum Schatten gemacht, mir hat er nicht das Leben geraubt. Trotzdem habe ich nie wieder den Fehler gemacht, ihn direkt anzusehen.

Ich trete an ihn heran. Obwohl ich sein Gesicht nicht erkennen kann, bin ich mir sicher, dass er den Blick auf die Schatten gerichtet hat, die am Flussufer vorbeiziehen.

Mir schenkt er keine Beachtung.

»Vater«, sage ich und senke den Kopf.

Als er nichts erwidert, folge ich seinem Blick. »Zählst du Schatten, um besser schlafen zu können?«, versuche ich mich an einem Witz, der jedoch an ihm abprallt wie ein Gummiball an einer Mauer.

Ihm ins Gesicht zu sehen, macht schon keinen Spaß, aber sein fehlender Humor ist ein echter Partykiller.

Ich seufze. »Warum hast du mich gerufen?«

Unendlich langsam wendet er sich mir zu. Als müsste er das Konzept eines Wesens aus Fleisch und Blut zuerst wieder verstehen.

Seine Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen. Wie rücksichtsvoll von ihm. So muss ich nicht wegsehen.

Arden.

Seine Stimme manifestiert sich in meinen Gedanken. Und sein Blick brennt auf mir, als würde er über meine Gestalt gleiten, meine blaue Jeans und mein schwarzes T-Shirt genau mustern.

Du trägst seltsames Gewand.

Du auch. Ich verkneife es mir. Er würde es ohnehin nicht verstehen. Für ihn ist sein schwarzer voluminöser Umhang aus grauer Vorzeit immer noch der letzte Schrei.

»Das trägt man jetzt so«, sage ich.

Schweigen.

Zeit, antwortet er irgendwann. Ist ein seltsames Konzept.

Äh. Ja. Wenn man der Gott der Unterwelt ist, kann man das wahrscheinlich so sehen.

Es ist viel davon vergangen, seit du das letzte Mal bei mir warst.

»Hundertfünfzig Jahre«, antworte ich und erwähne nicht, dass er sich auch damals schon über die Kniebundhosen und die ziemlich ausufernde, kunstvoll gebundene Krawatte gewundert hat, die ich anhatte. Ich mochte das irgendwie. Es hatte was. Obwohl ich zugeben muss, dass Jeans und T-Shirt deutlich praktischer sind.

Das Wetter ist gut heute, denkt Hades in meinem Kopf.

Ich verdrehe die Augen. Ja, ja ich hab es kapiert. Alle freuen sich hier auf den Winter, wenn Persephone herunterkommt. Ich hingegen würde mich freuen, das Gespräch hinter mich zu bringen, bevor es so weit ist.

»Warum hast du mich gerufen?«, frage ich.

Ich hebe das Kinn und versuche, das ungute Gefühl zurückzuzdrängen, dass er längst alles weiß.

Weißt du, warum ich dich habe zu Fuß gehen lassen?, entgegnet er statt einer Antwort.

»Als …« Strafe? Aber bevor ich es sagen kann, unterbricht er mich.

Damit du sie dir genau ansiehst.

Sein dunkler Mantel bewegt sich ein wenig auf die Schatten zu, als würde er auf sie deuten.

Ich starre ihn kurz an, dann wende ich meinen Blick ab und mustere die Schatten. Aber sosehr ich mich auch anstrenge, ich verstehe nicht, was er meint. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit aller Macht versuche, nicht an das zu denken, was er mir gleich vorwerfen wird. Und vor allem, wie er mich dann bestrafen wird.

»Was ist mit den Schatten?«, frage ich vorsichtig, in Erwartung einer Falle.

Sie werden unruhig.

»Was?«, frage ich.

Das Nichts unter der dunklen Kapuze scheint sich zusammenzuziehen und auf mich zu richten.

Die Schatten spüren, wenn die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten.

Ich halte förmlich den Atem an. Gleich wird er behaupten, dass es an mir liegt. An dem, was ich getan oder besser nicht getan habe.

Fuck. Warum gerade jetzt, wo ich so kurz davor bin …

Ich wünsche, dass du der Sache für mich auf den Grund gehst.

»Vater, ich …« Warte. Was hat er gesagt?

Für einen Moment stecken seine Worte quer in meinem Kopf, bis ich verstehe, was sie bedeuten. Er will, dass ich der Sache auf den Grund gehe? Aber das würde ja bedeuten, dass er nicht weiß, woran es liegt?

Und vor allem weiß er nicht, dass ich …

Arden.

»Ja. Natürlich, ja.« Fast muss ich lachen vor Erleichterung. »Wenn es nur das ist … Ich kümmere mich darum, kein Problem.« Immerhin habe ich eine Ahnung, was es sein könnte.

Wieder diese starre Finsternis dort, wo eigentlich ein Gesicht sein sollte. Unter mir grollt leise der Boden.

Mein Herz setzt einen Schlag aus, als mir klar wird, dass ich einen Fehler gemacht habe.

Du wirkst nicht, als wäre dir der Ernst der Lage bewusst.

Ja, genau diesen Fehler.

Ich senke den Kopf, in dem Versuch, ihn mit meiner Demut zu besänftigen. »Doch, ich …«

Dies ist keines deiner Spiele, Arden.

Ich halte den Blick zu Boden gesenkt, auf die schwarzen Risse in der grauen Unendlichkeit des Hades. »Nein, natürlich nicht.« Nur mit Mühe kann ich verhindern, dass es wie das Knurren von Kerberos klingt.

Das Beben unter meinen Füßen wird stärker. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du es am eigenen Leib spürst.

Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf. »Was soll ich spüren?«, gebe ich zurück, nicht bereit, mich einschüchtern zu lassen. »Willst du mich in den Tartaros werfen?«

Nein. Wie solltest du dann meinen Auftrag erfüllen?

Noch einmal bebt es unter meinen Füßen. Diesmal nicht wie ein Grollen, sondern wie ein hämisches Lachen. Dann ist er fort.

Es ist, als wäre ein schwarzer Druck von meiner Seele genommen. Vorsichtig sehe ich auf. Ich bin immer noch da, wo ich Hades vorhin vorgefunden habe, und ich kann absolut nichts erkennen, was zu seiner Drohung passt.

Aber dann bohrt sich plötzlich ein heftiger Schmerz in meine Brust. Ich keuche auf, lege meine Hand darauf. Er wird stärker, so unerträglich schließlich, dass er mir den Atem nimmt. Ich reiße mir das Hemd auf, als könnte ich so besser Luft holen. Und dann sehe ich es.

Mein Tattoo.

Es ist rot und angeschwollen und pulsiert wie ein Fremdkörper in meiner Haut. Wellenartig breitet das Stechen sich von dort in meinen ganzen Körper aus bis hinauf in meinen Kopf, in meine Augen, macht mich blind.

Dann ist es vorbei.

»War. Das. Alles?«, keuche ich, meine Hand immer noch auf dem Tattoo.

Mein Tattoo. Ich werfe einen Blick auf die geschwollenen Linien.

Warum hat er gerade das gewählt?

Noch einmal pulsiert es in mir, Schmerz zuckt durch mein Gehirn wie ein Blitz.

Plötzlich verstehe ich, was dahintersteckt.

Es ist ein Vorgeschmack auf mein ganz persönliches VIP-Treatment im Tartaros. Eine Kostprobe der Strafe, die mich erwartet, wenn ich versage und seinen Auftrag nicht erfülle.

Ich ahne, was die Strafe ist. Und ich hoffe, ich werde nie herausfinden müssen, ob ich recht habe.

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Erin

Es wird schiefgehen, darauf kannst du Gift nehmen.

Vielleicht muss ich das ja sogar, wenn Hades mich erwischt und in den Tartaros wirft. Immer und immer wieder Gift nehmen und qualvoll sterben, nur um sofort wieder von den Toten aufzuerstehen und erneut Gift zu nehmen. Ja, das könnte eine passende Strafe sein.

Mir wird ganz anders und es schüttelt mich so sehr, dass ich fast das Motorrad verreiße, auf dem ich über die Interstate jage.

Aber nein, Hades wird mich kein Gift schlucken lassen. Ganz bestimmt nicht. Gift ist nicht gerade originell, und Hades ist berühmt dafür, dass er sich für jeden seiner »Gäste« im Tartaros etwas Besonderes einfallen lässt.

Ich verziehe das Gesicht.

Das VIP-Treatment.

Bei dem Gedanken muss ich lächeln und meine Gänsehaut verfliegt. »Ja«, flüstere ich in meinen Motorradhelm. »Das VIP-Treatment.«

Was das in meinem Fall wohl wäre?

»Er könnte meine Hände an meiner Konsole festtackern, sodass ich für immer Games zocken müsste«, überlege ich und muss grinsen.

Komm schon, Erin, was soll das denn für eine Strafe sein?

»Hey! Hast du schon mal The Witcher gespielt? Nach einer Weile nervt es, wenn Geralt ständig ›Lauf, Plötze! Lauf!‹ sagt. Aber stell dir mal vor, du müsstest das bis in alle Ewigkeit hören. Grausam. Oder bei Pokémon. Stell dir vor, Pikachu flüstert dir für alle Ewigkeit sein Pika-pika ins Ohr. Da wird das Gehirn doch gelb!«

Nein. Aber wenn man für alle Ewigkeit die Melodie von Tetris hören müsste, dann würde man wirklich wahnsinnig werden. Da bluten einem ja nach zwei Tagen schon die Ohren.

»Klingt, als hättest du das ausprobiert, Ard…«

Ich verstumme.

Was tue ich da?

Meine Hände krampfen sich fester um die Griffe des Motorradlenkers und ich konzentriere mich auf die Straße. Mit aller Macht versuche ich zu verdrängen, dass ich gerade ein eingebildetes Gespräch mit Arden geführt habe.

Wie krank ist das, bitte?

Schnell, denk lieber an Summer. Die Gedanken an sie sind schön und sicher, nicht so verdammt scharfkantig.

Aber sofort wird mir mein Fehler klar. An sie zu denken, ist nicht besser. Denn im nächsten Moment sehe ich schon vor mir, wie sie mich angeschaut hat, als ich sie vorhin in ihrer alten Schule abgeliefert habe.

Als wäre ich eine Schwerverbrecherin.

Da war diese steile Falte auf ihrer Stirn, die Trotzfalte, bei der Jenna immer der Angstschweiß ausgebrochen ist, weil sie sich fragen musste, was Summer wohl schon wieder ausgeheckt hat. Aber Summer hat dieses Mal nicht diskutiert, sie hat mich nur zum Abschied umarmt und mir ein »Pass auf dich auf!« ins Ohr geflüstert.

Wenn sie wüsste, wie sehr das dem widerspricht, was ich vorhabe.

Und schon bin ich wieder dabei, mir auszumalen, was mir im Tartaros alles blühen könnte. Und das meiste hat nichts mit Dauerzocken zu tun. Erst als ich mein Bike im Schuppen hinter dem Hexenhaus parke und den Motorradhelm abnehme, verblassen all die grausigen Visionen in meinem Kopf.

Ich atme tief ein.

Die feuchte Luft von Georgia schmeckt vertraut nach Salz und langem Gras und Rosen zwischen Efeu. Ich schließe den Schuppen ab und gehe zum Hexenhaus. Das Wohnzimmer unseres Verbindungshauses ist leer, der Kamin kalt. Die schiefen Holzbalken verströmen noch den schweren, süßlichen Geruch eines viel zu heißen Sommers. Auch er schmeckt vertraut.

Es fühlt sich fast wie ein Zuhause an. Fast.

Mit großen Schritten nehme ich die Treppe nach oben und stoße die Tür zu meinem Zimmer auf. Die Nachmittagssonne fällt durch die Fenster des Erkers auf meinen Schreibtisch, Staubpartikel tanzen in ihren Strahlen. Ich werfe meine Sachen auf das Bett, die Motorradhelme verstaue ich im Schrank. Dann sehe ich mich um.

Meine Playstation wartet neben dem Bett auf mich. Auf dem Schreibtisch steht mein Laptop, sein schwarzer Bildschirm verheißungsvoll, als würde er sich auf das neue Jahr freuen. Aufregung erfasst mich, weil ich vielleicht endlich mein Spiel fertig programmieren werde. Der Wunsch, mich jetzt sofort dranzusetzen, erwacht in mir. Aber das wäre nur eine Vermeidungstaktik. Ich sollte nicht warten. Besser, ich bringe es sofort hinter mich.

Ich lege mein Handbuch für Göttinnen auf den Schreibtisch, dann trete ich auf den Flur und wende mich nach rechts, wo Izanagis Zimmer liegt. Ein warmer Lichtschein fällt unter der Tür hindurch in den dunklen Flur. Ein Rest Sonnenlicht an diesem letzten Ferientag.

Ich klopfe an.

»Ja? Wer ist da?«

Izanagis freundliche Stimme lässt meinen Mund trocken werden. Was soll ich antworten?

Ich bin’s, Erin, und ich wollte dich einladen, bei meinem verrückten Plan mitzumachen. Wenn wir ganz viel Glück haben, springt dabei auch ein VIP-Treatment im Tartaros heraus.

Ich verziehe das Gesicht.

»Hallo?«, ruft er noch mal, und ich höre, dass er aufsteht.

»Ähm, ich bin’s, Erin.«

»Erin!« Die Tür wird aufgerissen und Izanagi steht vor mir. »Was machst du da draußen im Flur? Komm doch rein!«

Ich starre ihn an. Oder besser, seine Nacktheit, die nur von einem Handtuch um seine Hüften verdeckt wird.

Man sieht Izanagi wirklich an, dass er viel Zeit im Trainingsraum im Keller verbringt, sogar noch mehr als Maya, die Sport studiert. Er hat ein Footballstipendium und gibt alles, um daraus eine Profikarriere zu machen. Er ist groß und breitschultrig, aber keiner von diesen bulligen Typen. Kein Quarterback, sondern ein Runningback – drahtig, wendig und verdammt schnell.

»Ich … äh … wollte sichergehen, dass du salonfähig bist.« So hat es meine Mutter immer ausgedrückt.

»Salonfähig?« Er lacht. »Wolltest du mich auf einen Ball einladen?«

Ich reiße mich von seinem Anblick los. »Ach was. So hoch sind meine Anforderungen nicht. Ein T-Shirt zu dem Handtuch – und du bist schick genug für ein Selfie auf meinem Instagram-Account.«

Er grinst. »Hey, für dich ziehe ich mir sogar eine Hose an.«

Während er sich ein paar Klamotten zusammensucht, mustere ich sein Zimmer, dem man Izanagis Leidenschaft sehr genau ansieht.

Über dem schweren Schreibtisch aus dunklem Holz, der zur Einrichtung des Hexenhauses gehört, hängen motivierende Sprüche und ein Whiteboard mit seinem Trainingsplan. Auf der anderen Seite, über seinem Bett, grinst sein Lieblingsfootballspieler Michael Sam mit blutigen Lippen und einem blauen Auge von einem Poster herunter. Daneben hängt ein Wimpel der Atlanta Falcons.

»Wie war dein Sommer?«, fragt Izanagi, während er in seinem Schrank wühlt. »Hast du es ordentlich krachen lassen?«

Die Erinnerung an Summer und mich auf dem Motorrad zuckt vor meinem inneren Auge vorbei. »Das kommt drauf an, was du darunter verstehst. Aber ich würde sagen, es war ein ziemlich geiler Sommer.« Meine Stimme schwankt ein bisschen, und ich sehe, dass er es bemerkt. Aber er kommentiert es nicht. »Und bei dir?« Ich riskiere einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er jetzt Shirt und Shorts trägt. Ich drehe mich zu ihm um.

»Trainingscamp«, antwortet er. »Endlose Drills und keine Partys.« Er verzieht übertrieben gequält das Gesicht.

»Das klingt nach einem wirklich … schönen Sommer«, antworte ich trocken.

»Na ja. Offiziell keine Partys.« Er wackelt mit den Augenbrauen. »Wir wussten uns schon zu helfen, keine Sorge. Und zwar so, dass der Coach uns nicht erwischen konnte. Aber das Feiern geheim halten zu müssen, hat die Sache mit den Opfern eher noch komplizierter gemacht. Zum Glück hat Damon mir geholfen.«

Damon. Ohne es zu wollen, spüre ich Respekt für ihn in mir aufsteigen. Natürlich wusste ich, dass er nicht den ganzen Sommer nur für mich da sein konnte, aber dass er für die anderen auch schwierige Situationen zu meistern hatte, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. »Ja, mir auch.«

»Ehrlich, ich wüsste nicht, was ich ohne ihn täte.«

Ich senke den Kopf. Sollte ich Damon endlich verzeihen? Ihm zu verzeihen, bedeutet ja nicht, dass ich ihm auch vertrauen muss. Aber dann denke ich an Arden, den alten Arden, wie er sich für mich und Summer opfern wollte, obwohl er dachte, dass er seine Seele verlieren würde, und wie verdammt weh es getan hat, Arden zu küssen, in dem Glauben, dass ich ihn für immer verlieren würde – und zu wissen, dass es meine Schuld wäre.

Meine Hände ballen sich zu Fäusten.

Nein. Damon zu verzeihen scheint … unmöglich.

Izanagi legt den Kopf schief. »Ist irgendwas?«

Ich schüttle den Gedanken ab. Jetzt ist der perfekte Moment. Mein Mund wird trocken vor Nervosität. Wie albern.

Izanagi ist mein Freund. Er wird mich weder verraten noch für dumm halten.

Aber er könnte Nein sagen.

Ich atme tief durch. Los. Tu es. Jetzt.

»Ich bin gekommen, weil ich dich etwas fragen wollte.«

Izanagi hebt seine wunderschönen schwarzen Augenbrauen, bis sie die Stirnfransen seiner pechschwarzen Haare berühren. Er deutet auf sein Bett, als Zeichen, dass ich es mir dort bequem machen soll. Ich setze mich kerzengerade darauf, während er sich auf seinem Schreibtischstuhl niederlässt.

»Ja? Raus damit.«

»Ich … wollte dich fragen, ob du … ob du glücklich bist.«

Er verschluckt sich. »Bitte, was?«, fragt er hustend.

Ich muss grinsen. »Sorry, ich sollte so eine seltsame Frage nicht ohne Vorwarnung stellen.«

Izanagi schlägt sich mit einer Faust auf die Brust. Irgendwann hat er sich beruhigt und sieht mich fassungslos an. »Warum willst du das wissen?«

»Weil mich interessiert, ob du nicht gern was ändern würdest. In deinem Leben, meine ich.«

Zum Beispiel an einen trostlosen Ort im Tartaros umziehen, wo du für alle Ewigkeit bestraft wirst, weil du mir helfen wolltest.

Izanagi blinzelt mich an. »Äh. Ob ich glücklich bin? Bist du plötzlich zur Scientology konvertiert?«

Ich grinse. »Ich weiß nicht. Sind die dafür verantwortlich, wenn jemand nicht formulieren kann, was er sagen will?«

Seine Mundwinkel zucken.

Ich starte einen neuen Versuch. »Nervt es dich nicht, dass du niemanden küssen darfst?«

»Für meinen Geschmack muss ich viel zu viele Leute küssen.« Durch seinen Sarkasmus schimmert eine Verletzlichkeit, die meine Kehle eng werden lässt.

»Du weißt, was ich meine«, sage ich sanft.

Er nickt knapp. »Aber so ist es eben. Wir können nichts daran ändern. Wir sind in diese Falle getappt und jetzt müssen wir die Konsequenzen tragen.«

Ich horche auf. Eine Falle. Er hat es eine Falle genannt. Das klingt vielversprechend. Und ich habe mir schon vorher überlegt, was ich sagen will. »Willst du denn nichts daran ändern? Ich bin mir sicher, dass es hier auf dem Campus ein paar Typen gibt, die dir gefallen würden. Wäre es nicht schön, wenn du die Hoffnung haben könntest, irgendwann mit einem von ihnen glücklich zu werden?«

Izanagis Gesicht wird schlagartig ernst. »Nein.«

Mist. Okay. Argumente müssen her. »Ich weiß, dass du im Moment vielleicht nicht über so was nachdenkst, weil du Karriere machen willst, aber was ist denn in zehn Jahren oder zwanzig oder fünfzig? Glaubst du nicht, dass du dann …?«

»Nein«, unterbricht er mich. »Es gibt keinen einzigen Kerl hier auf dem Campus, mit dem ich glücklich werden möchte.« Seine Augen sind plötzlich dunkel und um seine Lippen spannt sich eine Ahnung von Schmerz.

»Warum nicht?«

Er fixiert mich, als würde er abschätzen, ob er mir anvertrauen kann, was in ihm vorgeht. Aber dann gibt er sich einen Ruck. »Weil ich schon jemanden habe, mit dem ich … glücklich werden möchte.«

»Aber das ist doch toll!«, flüstere ich. »Würdest du dir nicht wünschen, dass du ihn küssen könntest?«

»Zwischen uns wird nie wieder etwas sein.«

Ich starre Izanagi an. Er sagt es, als käme für ihn niemals jemand anders infrage. Und das, obwohl das Glück mit diesem Jungen vollkommen ausgeschlossen zu sein scheint.

Ich weiß, es ist gefährlich, aber ich beschließe, meinem Instinkt zu folgen. »Ist er der Grund für deinen Pakt gewesen?«

Izanagi sieht mich fast grimmig an, als würde er es hassen, dass ich das erraten habe. Aber dann seufzt er, sein Gesicht entspannt sich und er nickt.

»Erzählst du es mir?«, frage ich leise.

Er lacht bitter. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er war mit mir auf der Highschool, wir waren beide im Football-Team. Und irgendwann dachten wir, die Zeiten hätten sich geändert, und sogar als Footballspieler könnte man es wagen, sich zu outen. Also haben wir es getan. Aber die Zeiten hatten sich nicht geändert.« Sein Blick driftet ab und seine Hände graben sich in die Lehne seines Stuhls. »Sie haben verständnisvoll getan, aber nachts nach dem Training haben sie uns einzeln abgefangen und verprügelt. Ich hatte Glück, er nicht. Sie haben ihm so sehr zugesetzt, dass er … auf einem Auge erblindet ist. Und damit konnte er seine professionelle Karriere als Footballspieler vergessen. Abgesehen von allem anderen.«

Mein Herz zieht sich zusammen für ihn und seinen Freund. Ich weiß, dass homosexuelle Profisportler heftigem Mobbing ausgesetzt sind und schlechtere Karrierechancen haben. Deswegen hat sich in der NFL noch nie ein aktiver Footballspieler geoutet.

Wut steigt in mir auf. Mühsam dränge ich sie zurück. »Also hast du den Pakt mit Hades gemacht und dich an ihnen gerächt?«

Er nickt. »Aber L…« Er stockt. »Mein Freund ist danach verschwunden. Er brauchte Zeit zum Nachdenken, irgendwann hat er sich gemeldet und mit mir Schluss gemacht. Er ist weggezogen und ich … ich weiß nicht mal, wo er jetzt ist.«

»Bereitet es dir Genugtuung?«, stoße ich hervor.

Eine steile Falte bildet sich auf seiner Stirn. »Spinnst du?«

»Ich meine, dass du jetzt ein Rachegott bist? Wenn du jemanden küsst, denkst du dann an diese brutalen Typen? Bist du froh, dass du sie damals aus dem Verkehr gezogen hast?«

Izanagi öffnet den Mund, als wollte er etwas sagen, aber dann schließt er ihn wieder. Er senkt den Kopf. Schüttelt ihn langsam.

»Diese Typen haben aus Hass gehandelt, Erin. Und was wir tun, ist nicht viel besser. Wir verwandeln unsere Wut in Rache und reden uns ein, dass wir damit etwas Gutes tun. Aber eigentlich tun wir nichts anderes, als mit Hass auf Hass zu reagieren, und das … ist …« Er hält inne. »Es fühlt sich verdammt mies an.«

Ich beuge mich etwas vor. »Also würdest du es gern beenden? Würdest du gerne aus dem Pakt entkommen, wenn es irgendwie ginge?«

»Natürlich, sofort.«

Mein Mund wird trocken. »Ich auch. Und ich glaube, dass es ganz vielen so geht wie dir und mir. Am Anfang denkt man, dass man das Richtige tut. Aber irgendwann wird einem klar, dass es nur eine Form von schrecklich falscher Selbstjustiz ist. Wir haben kein Recht dazu, irgendwelche Menschen zu bestrafen. Das ist barbarisch und vorsintflutlich. Ich will das nicht mehr. Und ich will andere finden, denen es genauso geht.«

Izanagi hat sich in seinem Stuhl aufgesetzt, er sitzt kerzengerade da und starrt mich mit verengten Augen an. »Was willst du damit sagen?«

»Wir sollten uns dagegen auflehnen«, sage ich beschwörend. »Wenn wir genug Leute sind, wenn wir Rachegöttinnen und Rachegötter aus der ganzen Welt zusammenbringen und gemeinsam gegen Hades rebellieren, dann muss er uns zuhören.«

Izanagi sieht mich sprachlos an. Und lacht. Es klingt ungläubig. Doch dann wird er wieder ernst. Schrecklich ernst. »Gegen Hades rebellieren? Wie stellst du dir das vor? Selbst wenn wir andere finden, die genauso denken wie wir, dann …«

»Das werden wir. Mit Mayas Hilfe. Sie ist auf der ganzen Welt vernetzt, sie kennt andere, die den Rachegöttinnen genauso helfen wie sie. Und jede von ihnen kennt unzählige Rachegötter und Rachegöttinnen. Wir müssen vorsichtig sein, aber wir können es schaffen.«

Mein Herz klopft jetzt wie verrückt. Bitte sag ja. Bitte. Hilf mir. Hilf mir, damit ich endlich wieder mit meiner kleinen Schwester zusammen sein kann.

»Nein.« Er sagt es ruhig, fast ein wenig bedauernd, aber er wirkt fest entschlossen.

»Warum nicht?«, frage ich verzweifelt. »Hades braucht uns, sonst würde er das alles doch nicht machen. Er braucht die Seelen, die wir ihm bringen. Das bedeutet, dass wir Macht haben!«

Er schüttelt den Kopf.

Shit. »Ich weiß, dass es beängstigend ist. Wenn Hades uns erwischt, dann bestraft er uns. Ich meine, wer möchte schon gerne für immer Pika-Pika hören oder die Musik von Tetris?«

Er starrt mich entgeistert an. »Was?«

»Was ich meine, ist: Ich … ich habe auch Angst.« So viel sogar, dass ich einen Sommer lang damit geliebäugelt habe, mich mit meinem Schicksal als Rachegöttin abzufinden. »Aber davon dürfen wir uns …«

»Das ist es nicht«, unterbricht er mich.

Ich verstumme. »Du hast keine Angst vor dem Tartaros?«

Er lächelt schief. »Natürlich habe ich Angst davor. Es wäre ganz schön dumm, sich nicht davor zu fürchten.« Er verstummt, fährt sich mit der Hand durch die Haare.

»Ich kann das bloß nicht riskieren«, sagt er leise.

»Warum? Warum willst du dich nicht wenigstens selbst befreien, wenn du mit deinem Freund schon nicht glücklich werden kannst?«

Er sieht mich lange an. »Weil er mich brauchen könnte«, flüstert er dann. »Und wenn ich zur Strafe für eine schiefgegangene Rebellion in irgendeinem dunklen Abgrund schmore, nutze ich ihm gar nichts.«

Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Seine Loyalität macht mich sprachlos und gleichzeitig hoffnungslos. Aber ich weiß, mir würde es genauso gehen. Wenn Summer verschwunden wäre, wenn ich befürchten müsste, dass es ihr nicht gut geht und sie irgendwann meine Hilfe braucht, dann würde ich niemals riskieren, dass Hades mich für immer in den Tartaros sperrt. Aber bei mir ist das anders. Ich will diese Rebellion, gerade weil Summer mich braucht, und ich sie, und weil wir nur zusammen sein können, wenn dieser verdammte Pakt endlich aufgelöst wird.

Und weil … Ja, ein bisschen auch, weil ich einfach nicht akzeptieren kann, dass Arden ungestraft davonkommt.

»Okay«, seufze ich trotzdem. »Das kann ich nachvollziehen.«

»Tut mir leid.«

Ich stehe auf. »Das muss es nicht.« Kurz halte ich inne und versuche, die Enttäuschung zu verarbeiten. Ich wusste, dass es schwierig werden würde. Aber er ist der Erste, den ich gefragt habe. Gleich beim ersten Versuch so einen Schlag versetzt zu bekommen, ist ziemlich demotivierend. Aber dann gebe ich mir einen Ruck.

Sei nicht dumm. Es gibt so viele, die du noch fragen kannst. Ich atme tief durch, lächle Izanagi an, verabschiede mich und mache mich auf den Weg zu Kalis Zimmer.

Sie sitzt zwischen ihren Mode-Zeichnungen auf dem Boden und stellt ihre Projektmappe für das neue Semester zusammen.

Ich rede mit ihr, rede auch mit Loki, der gerade sein Bücherregal umräumt und Platz für Schätze macht, die er über den Sommer ergattert hat.

Aber die Antwort ist bei beiden die gleiche. Sie haben wirklich gute Gründe, nicht mitzumachen. Und all diese Gründe haben nichts mit der Angst vor Hades zu tun.

Als die Tür von Lokis Zimmer hinter mir ins Schloss fällt, stehe ich im dunklen Flur und fühle mich plötzlich schrecklich einsam.

Ich dachte, ich könnte auf meine Freunde zählen, gerade jetzt, wo ich wirklich auf ihre Hilfe angewiesen bin. Denn allein kann ich gar nichts ausrichten. Obwohl mein Verstand mir sagt, dass ich es ihnen nicht übel nehmen darf und dass ich vor ein paar Monaten vielleicht genauso reagiert hätte, um Jenna zu schützen, will mein Herz das einfach nicht einsehen. Es zieht sich zu einer dunklen harten Kugel zusammen, die in meiner Brust schmerzt.

Dazu kommt die Wut auf all das, was ihnen und mir angetan wurde und dazu geführt hat, dass wir jetzt in dieser Situation sind.

Ohne weiter darüber nachzudenken, renne ich in den Keller und fange an, auf den Sandsack einzuprügeln.

Ich würde so gern Jenna um Rat fragen. Aber es war nicht gerade Jennas Spezialität, andere Menschen von etwas zu überzeugen, das sie nicht tun wollen. Wie lange hat sie vor ihrem Tod vergeblich versucht, ihren miesen Verlobten Kenneth zu überreden, dass er Summer und mich nicht so schlecht behandeln soll?

Abgesehen davon traue ich mich auch nicht, sie um Hilfe zu bitten. Jedes Mal, wenn ich den Hades öffne, um Jenna zu sehen, laufe ich Gefahr, Arden herbeizurufen, einfach indem ich an ihn denke. Genau wie damals, in jener Nacht, als ich es zum ersten Mal geschafft habe, mit Jenna in Kontakt zu treten. Am nächsten Tag hat Arden mir gesagt, ich wäre ihm in seinen Träumen erschienen und hätte ausgesehen wie Galadriel auf dem Powertrip.

Ich bin ihm im Traum erschienen, nur weil ich während meines Gesprächs mit Jenna einmal kurz an ihn gedacht habe! Arden hat zwar versprochen, dass er sich von uns fernhalten wird, aber natürlich kann ich ihm auf keinen Fall vertrauen.

Kurz spüre ich ein schmerzhaftes Stechen in der Brust. Ich verwandle es in einen weiteren Boxschlag, dresche mit voller Wucht auf den Sandsack ein. »Ha!«, schreie ich. Nimm das, Arden. Und das. Und noch mehr. Dafür, dass ich allein nicht gegen dich ankomme und die anderen mir nicht helfen.

Aber ich gebe nicht auf. Da sind noch Georgina und vor allem Maya und all die anderen Rachegöttinnen, die sie kennt.

Ich finde einen Weg, sie alle zu überzeugen.

Und vor allem finde ich einen Weg, dir zu entkommen.

Verlass dich drauf.

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Erin

Okay. Neuer Tag, neues Glück.

Ignorieren wir mal, dass ich mich wie gerädert fühle, weil Jenna mir die ganze Nacht Hiobsbotschaften ins Ohr geschrien hat und dann auch noch Arden durch meine Träume gelatscht ist und irgendetwas von Tetris im Tartaros erzählt hat.

Verdammt.

Ich will dich nie wiedersehen. Nie wieder, verstehst du mich? Egal, wie lange wir leben. Auch wenn wir die letzten Menschen auf diesem Erdboden sind. Ich will dir nie wieder begegnen.

»Ich habe das ernst gemeint. Todernst. Und das betrifft auch meine Träume!«, raune ich vor mich hin, bis mir auffällt, dass ich es schon wieder tue. Ich führe schon wieder ein imaginäres Gespräch mit ihm!

Wütend raffe ich meine Sachen zusammen und verlasse das Hexenhaus – viel zu früh. Die Vorlesungen beginnen erst in etwas mehr als einer Stunde. Aber ich muss einfach hier raus. Es ist, als wäre mein Zimmer komplett vollgestopft mit Jenna, Arden und den ganzen Neins, die die anderen mir gestern um die Ohren gehauen haben.

Wenigstens hält Arden sich an sein Versprechen, mir nicht unter die Augen zu kommen. Wahrscheinlich, weil es ihm in den Kram passt. Weil er hat, was er wollte, was auch immer es ist. Vielleicht habe ich Glück und sehe ihn im echten Leben wirklich nie wieder. Wenn ich jetzt noch den Pakt lösen und mein Unterbewusstsein davon überzeugen könnte, Arden nicht mehr in meine Träume zu zerren, dann wäre ich ihn endgültig los.

»Hey, Erin.«

Ich erstarre mitten im Schritt.

Eine dunkle Männerstimme.

Langsam drehe ich mich um.

Natürlich ist es nicht Arden. Ich weiß es sofort. Ich würde seine Stimme sofort erkennen. Aber mein dummes Herz zieht sich trotzdem schmerzhaft zusammen. Das Herz, das vor ein paar Sekunden noch beschlossen hat, ihn für immer zu vergessen. Gut gemacht, wirklich. Aber natürlich ist das nicht gerade leicht, wenn ich genau in einen der Menschen hineinlaufe, die mich an Arden erinnern.

»Hey, Carson.« Ich versuche, nicht genervt zu klingen. Er kann ja nichts dafür, dass Traum-Arden mich zum Morgenmuffel gemacht hat.

Er mustert mich, als würde er sich freuen, mich zu sehen, und öffnet den Mund, als würde er etwas sagen wollen. Er zögert seltsam lange. Dann gibt er sich einen Ruck. »Wie geht’s dir?«

Ich blinzle ihn an. Das fragt er mich? Nachdem er so lange überlegt hat? »Großartig. Ja, wirklich. Total perfekt. Ging mir noch nie besser. Heute ist der schönste Tag in meinem Leben.«

Er starrt mich an, dann fängt er an zu lachen.

Okay. Das war wohl etwas dick aufgetragen. Aber immerhin muss ich jetzt grinsen. Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, einem Menschen zu begegnen, der mich an Arden erinnert.

Carson wird wieder ernst. »Sag mal. Arden … Er hat sich bei dir wohl auch nicht gemeldet, oder?«

Das wollte er mich also fragen. Anscheinend liegt ihm doch mehr an Arden, als ich dachte. Und im Gegensatz zu mir hat er keine Ahnung, warum er so plötzlich verschwunden ist.

Ich schüttle stumm den Kopf.

Carson nickt. »Kann man nichts machen.« Er zuckt übertrieben beiläufig mit den Schultern, eine Geste, die nichts verraten soll und doch alles sagt. Er vermisst Arden, den alten Arden, genau wie ich.

In diesem Moment ertönt ein lang gezogenes »Daaaarrrliiiiiing, da bist du ja endlich!«, und Carson verschwindet unter einer Wolke goldener Locken.

Goldene Locken?

Oh Gott. Ich nehme alles zurück. Es IST schlimm, einem Menschen zu begegnen, der mich an Arden erinnert. Vor allem, wenn es gerade sie ist.

»Lyra.«

Ja. Genau die.

Carson wirbelt sie einmal in der Luft herum und stellt sie dann auf die Füße. Dabei lächelt er so gehirnvernebelt wie jemand, der gerade drei Nächte durchgemacht hat, um den High Score in einem alten Pac-Man-Spiel zu knacken. »Erin, das ist Lyra.«

Wie nett. Schön, dich kennenzulernen. Das könnte ich sagen. Aber ich will nicht. Ich starre sie lieber böse an, als wäre sie persönlich für alles verantwortlich, was Arden mir angetan hat.

»Ach, Carson, sei nicht dumm, wir kennen uns doch«, sagt Lyra und strahlt mich so freundlich an, dass mein ganzer Hass in sich zusammenfällt und ich sie am liebsten zu meiner besten Freundin erklären würde.

Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück. Ich erinnere mich daran, dass sie das schon immer konnte. Mich irgendwie mit ihrem Lächeln und ihrem Wesen zu bezirzen, sodass mein Gehirn denkt, ich würde sie mögen.

»Ihr kennt euch?«, fragt Carson, und dann geht ihm wohl auf, dass Lyra mal Ardens Freundin war, und ich … na ja, vielleicht auch etwas in der Art.

»Sollten wir besser gehen?« Er legt Lyra einen Arm um die Taille.

Sie schüttelt den Kopf. »Aber nein, Erin und ich sind inzwischen gute Freundinnen geworden, nicht wahr?«

Bitte, was? »Äh …«, mache ich und Lyra sieht mich herausfordernd an. Als wüsste sie genau, dass ich es nie wagen würde, vor Carson irgendetwas anderes zu behaupten. Dass ich es mir nicht erlauben kann, ihn davor zu warnen, sich mit ihr einzulassen, indem ich ihm die Wahrheit über sie erzähle. Dass sie meine kleine Schwester als Wetteinsatz benutzt hat und es deshalb auch ihre Schuld ist, dass Summer jetzt einen Pakt mit Arden hat. Dass es ihr egal ist, wie sehr sie jemanden verletzt, wenn sie nur bekommt, was sie will.

Mein neuer Deal mit Arden verbietet mir zwar nicht länger, mit anderen Göttern über meinen Pakt zu sprechen, aber Außenstehende dürfen nach wie vor nichts darüber erfahren – mit allen Konsequenzen.

Ich muss unbedingt einen anderen Weg finden, um Carson zu warnen. Er mag wie ein oberflächlicher Frauenheld wirken, aber Arden mochte ihn. Der alte Arden. Der gute Arden. Und das bedeutet, dass Carson meine Hilfe verdient hat. Was er ganz sicher nicht verdient, ist, von Lyra benutzt zu werden. Doch für mich besteht kein Zweifel daran, dass genau das der Fall ist. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was sie vorhat.

Ich verenge misstrauisch die Augen. Es hilft ein wenig gegen den Drang, Lyra an mich zu ziehen und nie wieder loszulassen. Shit. Ich sollte verschwinden, bevor sie mich genauso einwickelt wie den armen Carson. Den ich dann hilflos zurücklasse. »Weißt du, sie hat recht, wir kennen uns. Aber ich wünsche mir jeden Tag, wir wären uns nie begegnet. Sie hat die Angewohnheit, Menschen für ihre Zwecke zu nutzen.«

Carson blinzelt mich an, als hätte er nicht richtig verstanden, was ich da eben gesagt habe. Wahrscheinlich hat Lyra ihn wirklich mit ihrer Magie betört. Ich zögere kurz, dann ziehe ich einen Zettel aus meiner Hosentasche, kritzle meine Handynummer darauf und stecke sie in Carsons Brusttasche, wobei ich Lyras Blick festhalte. »Wenn du mal mit jemandem reden willst …« Oder wenn du eine Rachegöttin brauchst, die dich rächt, füge ich in Gedanken hinzu. »Ruf mich an.«

Carson wirkt verwirrt.

Über Lyras Gesicht hingegen zuckt unbändige Wut, bevor sie wieder herzzerreißend lieblich lächelt.

»Ich muss gehen«, stoße ich hervor, bevor Lyras wunderschönes, zartes, vertrauenerweckendes Lächeln mich doch noch in seinen Bann zieht und ich vergesse, dass sie mir mindestens genauso übel mitgespielt hat wie Arden. Immerhin hat sie mich mithilfe von Professor Thompson fast dazu gebracht, mich in einen tödlichen Fluss zu stürzen, um Summer Angst einzujagen.

Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um und lasse die beiden stehen. Während ich davongehe, werfe ich noch einen Blick zurück. Offenbar bin ich nicht zu Carson durchgedrungen, denn ich sehe, wie sie beide über das ganze Gesicht strahlen und sich dann verliebt küssen.

Der Schmerz packt mich so unerwartet und heftig, dass ich für einen Moment stehen bleiben muss. Atmen. Den Schmerz wegatmen. Und das wunderbare Lächeln in diesen eisblauen Augen. Aber dann schimpfe ich mich eine dumme Kuh. Warum kannst du ihn nicht endlich vergessen? Warum musst du ihm monatelang hinterherheulen?

Mein Handy erlöst mich. Es ist Summer. Mist. Schon 7:45 Uhr. Dabei wollte ich vor der ersten Vorlesung doch noch ein bisschen programmieren.

»Hallo, Schwesterchen!«, flötet sie, wie jeden Morgen bei ihrem Motivationsanruf, wie sie es nennt. Ich würde es eher als Kontrollanruf bezeichnen.

»Hey, Süße«, antworte ich. Ich bemühe mich, wirklich fröhlich und gut gelaunt zu klingen.

»Was ist los, Erin? Komm schon, ich höre genau, dass irgendwas ist. Du kannst mir alles sagen.«

Unwillkürlich muss ich lachen. »Ich hab dich so lieb, weißt du das?«

Sie lacht ins Telefon. »Da, das klingt schon besser.«

»Es geht mir immer besser, wenn ich mit dir geredet habe.« Nicht zum ersten Mal überlege ich, ob ich ihr nicht doch von meinen Albträumen erzählen sollte. Nur ein paar Dinge, damit wir darüber sprechen können. Aber was würde das nutzen? Sie könnte mir nicht sagen, was sie bedeuten, und ich dürfte ihr nicht alles verraten, denn ich muss ja vermeiden, dass sie doch noch errät, dass ich eine Rachegöttin bin. Am Ende würde sie sich noch mehr Sorgen um mich machen. Nein, lieber nicht. »Ich hab einfach schlecht geschlafen, sonst nichts.«

»Erin …«

Mist. Ich fürchte, es wird nicht mehr lange funktionieren, sie damit abzuspeisen.

»Ich muss jetzt zur Vorlesung, aber ich hab mich sehr gefreut, deine Stimme zu hören.«

»Ich auch«, antwortet sie.

Sobald sie aufgelegt hat, ist es, als würde die Welt um mich herum wieder ein bisschen grauer werden. Ich schüttle das Gefühl ab und begebe mich zum Hörsaal, wo ich tatsächlich noch ein paar Minuten an meinem Eisdrachen herumprogrammieren kann, bis die Vorlesung beginnt.

Zum Glück ist die heutige Stunde so anspruchsvoll, dass ich alles andere vergessen kann, und auch die Professoren der Seminare danach schonen uns nicht, nur weil es der erste Tag des neuen Semesters ist.

Erst als ich am Mittag wieder aus dem Gebäude trete und einen Raben über mir krächzen höre, kommt alles zurück. Der Ball. Der Kuss. Die blutigen Krallen, die Arden in diese schreckliche neue Version verwandelt haben. Nein. In sein wahres Ich.

Alles durch einen Vogel, der immer in seiner Nähe war, ohne dass ich es bemerkt habe. Ob das hier dieser Vogel ist?

Unwillkürlich sehe ich nach oben. Nein. Der Vogel ist nur eine gewöhnliche Krähe, viel zu klein für einen Raben und vor allem für das Tier, das Arden gehört.

Du bist jetzt nicht wirklich enttäuscht, oder?

»Nein«, murmle ich und beschleunige meine Schritte über den Campus, bis ich zu unserer Treppe komme, bei der wir uns mittags immer treffen. Es ist herrliches Wetter, die Sonne knallt herunter, als würde sie uns die letzten Tage des Sommers noch einmal so richtig schön machen wollen. Ich setze mich auf die Treppe, hole mein Peanutbutter-and-Jelly-Sandwich heraus und beiße hinein, aber dann vergesse ich zu kauen.

Wieder krächzt die Krähe. Und es spielt keine Rolle, dass sie kein Rabe ist. Ihr Krächzen holt die Erinnerung hervor, und ich sehe vor meinem inneren Auge, wie Arden über den Campus läuft, wie er mich bemerkt und auf mich zukommt. Wie er mich anlächelt und ich ihn frage, ob wir heute einfach nur als Freunde einen Tag zusammen verbringen wollen. Langsam lasse ich das Sandwich sinken.

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