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Gods of Ivy Hall, Band 1: Cursed Kiss

Für Iris, weil du diesen Weg von Anfang an mit mir gehst und ich mir keine bessere Weggefährtin wünschen könnte

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Erin

Komm schon, Drache. Spuck Eis!

Ein Klick, und der imposante Kristalldrache vor mir bäumt sich auf die Hinterbeine, reißt das riesige Maul mit den eiszapfenbewehrten Zähnen auf und spuckt – nichts. Nicht mal eine einzige Schneeflocke.

»Shit.« So lange sitze ich da jetzt schon dran, und der Kaiser meiner Drachenwelt ist immer noch völlig harmlos. Wenn man von den armlangen Krallen und dem tödlichen Schwanz absieht, natürlich.

Ich seufze. Was hab ich nur falsch gemacht? Ich öffne das Designprogramm und fange an, wild auf die Tastatur einzuhacken. Irgendwo muss ich ein Stückchen falschen Code übersehen haben.

»Erin!« Ein Zischen schreckt mich hoch. Und auch alle anderen im Game-Lab. Ich muss grinsen. Maya. Sie steht an der Schranke und hält sich wahrscheinlich für total unauffällig. Was sie mit ihren glänzenden schwarzen Haaren und ihrer makellosen dunklen Haut selbst dann nicht wäre, wenn sie nicht wie wild mit den Armen fuchteln würde. »Erin! Wo bleibst du denn, verdammt?«

Ich sehe auf die Uhr. Kurz vor acht! »Shit, shit, shit.« Hastig raffe ich meinen Laptop, mein Handy und mein Headset zusammen und sprinte zum Ausgang, wo ich einfach über die Schranke springe, anstatt darauf zu warten, dass Tom sie aufmacht.

Er seufzt nur resigniert. »Viel Spaß, wobei auch immer.«

Ich lächle ihm entschuldigend zu und renne dann neben Maya her zum Ausgang.

»Du hast nur noch vier Stunden, hast du das vergessen?«, fragt sie in gedehntem, singendem Tonfall. Immer wenn sie aufgeregt ist, kommt ihr starker Südstaatenakzent durch.

»Nein! Also … ja. Wie du siehst.«

Sie seufzt. »Hast du wenigstens was zum Anziehen dabei? Es dauert zu lange, jetzt noch zum Verbindungshaus zurückzugehen.«

Mit einem Räuspern deute ich an mir auf und ab.

Maya mustert mit fachmännischem Blick die ultrakurze Jeans, die ich über einer knielangen Leggins trage, die knöchelhohen Stiefel und mein Witcher-Shirt und schüttelt den Kopf. »Komm mit.«

Sie zerrt mich über die langen Flure des IT-Gebäudes nach draußen. Im warmen Licht der untergehenden Sonne wirken die Türmchen und Erker des Campus wie ein Schloss aus einem Märchen. Uralter Efeu überwuchert fast alle Gebäude, und nur die Kletterrosen, die jetzt am Frühlingsanfang gerade die ersten Knospen tragen, versuchen, dem Efeu den Platz an den zartgrauen Mauern streitig zu machen. Selbst nach einem halben Jahr habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, hier studieren zu dürfen.

»Erin!« Maya lässt mir keine Zeit, den Anblick zu genießen. Sie hetzt mich über die riesige Freitreppe hinauf ins Gebäude der Sportstudenten, durch die hohe marmorne Eingangshalle mit den ausladenden Treppen und den verschnörkelten Collegewappen in den Umkleideraum zu ihrem Spind und holt ein halb durchsichtiges Top heraus.

Ich starre sie an. »Das trägst du zum Sport?«

Sie schnaubt. »Eher danach. Man weiß ja nie, was sich ergibt. Hier.«

Ich rupfe mir das Witcher-Shirt runter und ziehe das weich fließende silbrige Teil über, das wirklich nichts der Fantasie überlässt. Wenigstens trage ich zufällig meinen schönsten BH. Maya scheint das auch zu bemerken, denn sie sieht gar nicht so unzufrieden aus. Sie reicht mir noch ihren Kajal und ihre Wimperntusche, die ich mir hastig auftrage. Die Augenringe von der Programmierparty gestern Nacht kann allerdings nicht mal ihr Superconcealer übertünchen.

»Ich frage mich ja immer, warum mit dieser Göttinnensache nicht auch ein Rundum-Beauty-Paket einhergeht«, murmle ich. »Ein bisschen Glitzer hier und da, überirdische Schönheit, so was halt. Das wäre echt praktisch.«

Sie mustert mich und zuckt mit den Achseln. »Ich schätze, man kann von Hades nicht erwarten, dass er an so was denkt. Also muss es halt so gehen.«

»Na, vielen Dank auch«, pruste ich.

Sie grinst. »Sorry, so hab ich das nicht gemeint.« Sie sieht mich an und lächelt beinahe liebevoll. »Du siehst süß aus.«

Ja, süß. Oder niedlich, das sagen fast alle. Es spricht auch nichts gegen niedliche Sommersprossen, wenn man sich niedlich fühlt. Ich hingegen fühle mich eher … wütend. Das Einzige an mir, das meine Gefühle wirklich widerspiegelt, sind meine Haare. Feuerrote unbezähmbare Locken, die mir über den Rücken fallen. Und ziemlich oft auch ins Gesicht.

Ich ziehe den Haargummi raus, schüttle die Haare aus und hake mich bei Maya unter. »Also los, lass uns ein wenig Spaß haben.« Spaß haben. Schön wär’s.

Ich stopfe mein Shirt und meine anderen Sachen in Mayas Spind, und wir stürzen nach draußen, wo Kali schon auf uns wartet. In ihrer schwarzen Lederjacke und dem Minirock, der eher als Stirnband durchgehen könnte, sieht sie wie immer bewundernswert cool und selbstsicher aus. Die dicken dunkelroten Strähnen in ihren schwarzen Haaren tragen das ihre dazu bei.

»Hey«, begrüße ich sie und hake mich auch bei ihr unter.

»Wohin?«, fragt sie. »Zu den Beta Kappas? Da findet man immer was.« Sie grinst vielsagend. Die Studentenverbindung der Footballer hat uns noch nie enttäuscht.

Ich schüttle den Kopf. »Heute findet die After-Spring-Break-Party statt.« Ich werde nie verstehen, warum man nach den berühmt-berüchtigten Frühlingsferien, in denen die Studenten sich an den amerikanischen Stränden sammeln, um zu feiern, direkt im Anschluss auch noch eine Party braucht. Aber heute kommt es mir ganz gelegen.

Kalis Augen weiten sich. »Nice! Die hatte ich ganz vergessen. Wird die nicht dieses Jahr von den Vestalinnen ausgerichtet?«

Ich verziehe das Gesicht. »Ja, leider.«

»Was heißt da leider? Deren Partys sind eine geniale Fundgrube für uns. Da könnte ich meine Quote für ein Jahr an einem Abend erfüllen.« Ihre Augen blitzen, als wäre sie für diese Challenge unbedingt zu haben.

Aber Maya wirft ihr einen bösen Blick zu. »Denk nicht mal dran, das wäre viel zu auffällig.«

Kali zuckt mit den Schultern. »Bringt eh nichts. Der gute alte Hades würde trotzdem sieben Tage später ein neues Opfer von mir wollen.«

Maya wendet sich an mich. »Bist du dir sicher mit der After-Spring-Break-Party? Die ist am anderen Ende des Campus.«

Und der ist ziemlich groß. Ivy Hall erstreckt sich über ein langes Stück Küste in der Nähe der kleinen Stadt St. Ives, inklusive einiger kleiner Inseln, die durch schmale Kanäle vom Festland getrennt und durch Brücken an den Campus angeschlossen sind.

Mayas Blick fällt auf mein Handgelenk.

Sofort überkommt mich das Bedürfnis, die Hand hinter meinem Rücken zu verstecken. Wie albern. Als hätte Maya es nicht schon oft genug gesehen. Als hätte sie nicht genau das Gleiche. Ich senke den Blick auf das Tattoo, das sich wie ein filigranes Armband um mein Handgelenk windet. Den meisten Leuten fällt es gar nicht auf, aber ich spüre es in jeder Stunde, jeder Minute, jeder Sekunde, als wäre es aus Blei.

Ich konzentriere mich auf die Stelle, an der die zarten geschwungenen Linien ein wenig auseinanderweichen. Es erinnert mich immer an die Dornenranken, die sich um die Campusgebäude schlingen. Aus ihnen wächst ein filigranes Ziffernblatt. Dort, auf der Innenseite, wo die Haut am zartesten ist, genau da, wo mein Puls schlägt, dort läuft die Zeit. Meine Zeit. Und Jennas.

Drei Stunden und 35 Minuten.

Es wird mindestens 25 Minuten dauern, bis wir drüben sind. Dann noch Anstehen an der Türkontrolle, im Gedränge den Richtigen finden, falls er überhaupt von Anfang an dort ist Und wenn wir auf ihn warten müssen … Mist, Mist, Mist.

»Das kann ziemlich knapp werden.« Maya sieht mich zweifelnd an.

»Ja, ich weiß, aber es muss dort sein.« Es muss der sein.

Sie mustert mich prüfend, dann seufzt sie. »Wenigstens sind die anderen diese Woche alle ohne Probleme durchgekommen.« Sie tippt hastig etwas in ihr Handy, mein eigenes vibriert sofort in meiner Tasche. Ich muss nicht nachsehen, um zu wissen, dass sie eine Gruppennachricht geschickt hat, die den anderen den Weg zur After-Spring-Break-Party weist. Dann scheucht sie uns über den Campus, hindurch zwischen merkwürdig vielen Studenten. Sonst ist an einem Sonntag um die Uhrzeit nicht so viel los. Angestrengt folge ich Mayas Zickzackkurs. Bis ich plötzlich gegen sie stoße.

»Sorry! Ich habe nicht gesehen, dass du …« Ich verstumme, als ich Mayas Blick folge und sehe, warum sie stehen geblieben ist. Wir sind bei der großen Kreuzung angekommen, wo die Hauptwege des Campus abzweigen. Wegweiser zeigen in alle möglichen Richtungen zu den verschiedenen Gebäuden der Uni. »Universitätsstadt St. Ives« steht auf einem, der ins Landesinnere deutet, denn auch in der Stadt gibt es noch einige Gebäude, die zum College gehören. Auf einem anderen Wegweiser, der auf die Küste gerichtet ist, prangt in halb verwitterten Buchstaben der Name »Bloody Marsh Battlefield«. Normalerweise machen die Studenten einen großen Bogen um das alte Schlachtfeld mit seinen unzähligen morastigen Bächen. Und die, die sich nicht auskennen, machen nur einmal den Fehler, freiwillig hinzugehen. Vor allem ist niemand so wahnsinnig, sich im Dunkeln dort aufzuhalten.

Heute allerdings stehen den ganzen Weg entlang riesige Zuschauertrauben, und ein endloser Strom von Menschen wälzt sich vor uns über den Weg. Männer, Frauen und Kinder in historischen Kostümen, lachend, schwatzend und über und über mit Matsch und Dreck bedeckt, versperren uns den Weg. Weiterkommen unmöglich.

Maya flucht leise, aber ich kann nicht anders, als den Umzug mit offenem Mund anzustarren. Sie schleppen Gewehre, Säbel, Bajonette und Fahnen. Erst auf den zweiten Blick fällt mir auf, dass sie lose in Gruppen geordnet sind, die verschiedene Uniformen tragen. Ein paar von ihnen haben Trommeln, und hier und da gibt es einen Reiter auf einem Pferd.

Kali kichert. »Jedes Mal, wenn du vergisst, dass es dich in die Südstaaten verschlagen hat, kommen die irren Kriegsrollenspieler und erinnern dich wieder daran, dass du in Georgia bist.«

Maya schüttelt den Kopf. »Das ist kein Rollenspiel. Sie stellen möglichst authentisch historische Schlachten zwischen Engländern und Spaniern nach, um so neue Erkenntnisse zu gewinnen.«

»Behaupten sie, damit sie sich im Dreck wälzen und mit ihren Waffen spielen dürfen, ohne dass jemand sie für vollkommen durchgeknallt hält.« Kali grinst immer noch.

Maya seufzt. »Wir sollten machen, dass wir an ihnen vorbeikommen.« Sie wirft mir einen besorgten Blick zu, der mich aus meiner Starre reißt. Meine Zeit läuft. Wir müssen zur Party. Jetzt.

»Und zwar bevor die Kanonen uns erreichen.« Maya deutet den Weg entlang Richtung Battlefield.

Tatsächlich. Kanonen. Auch sie sind voller Matsch und Dreck. Sie sind schwerfällig und ziemlich groß und werden von vielen Menschen manövriert. Wenn die vor uns stehen, versperren sie uns endgültig den Weg. Aber wie sollen wir noch vor ihnen auf die andere Seite kommen, solange die ganzen Soldaten vor uns vorbeimarschieren?

»Schnell, da desertieren ein paar. Bestimmt wollen die auch lieber zur After-Spring-Break-Party statt zum History-Picknick.« Kali lacht und wirft sich förmlich in das Loch, das ein paar der Darsteller in den Zug gerissen haben. Maya und ich folgen ihr. Wir schaffen es gerade noch durch die Menge, bevor die Lücke sich wieder schließt.

Erleichtert treibt Maya uns wieder an. Mit langen Schritten hasten wir quer über den Campus, vorbei an den verschnörkelten Gebäuden der einzelnen Fakultäten, an der großen Bücherei und an den vielen kleinen Läden und Shops, die sich dazwischenkuscheln und in denen sich sogar jetzt um diese Uhrzeit noch Studenten mit Laptops, dicken Büchern und Kaffeebechern geradezu stapeln. Vorbei an den riesigen Gebäuden, in denen die Studenten wohnen, die sich keiner Studentenverbindung angeschlossen haben oder nicht genommen wurden. Immer wieder werfe ich einen Blick auf mein Handgelenk, wo sich die Zeiger auf dem Ziffernblatt unaufhörlich weiterdrehen. Nur der ganz große, der die Tage anzeigt, bewegt sich nicht. Er steht schon auf null.

Atemlos erreichen wir endlich das Haus der Vestalinnen. Es ist aus dem gleichen grauen Stein wie die Gebäude der Universität, hat die gleichen verspielten Verzierungen um die Fenster, türmt sich mit der gleichen altehrwürdigen Wucht vor uns auf, mit der es wohl verstecken will, dass es nur eine Miniaturausgabe eines der riesigen Wohnheime ist. Das typische Haus einer Studentenverbindung eben, von denen es hier auf dem Campus unzählige gibt. Die Musik, die uns von drinnen entgegendröhnt, ist allerdings gar nicht altehrwürdig und auch nicht die Typen, die sich im Garten vor dem Eingang versammelt haben und uns mustern, während wir an ihnen vorbeigehen. Sie grinsen sich an, stoßen ihre Bierflaschen gegeneinander. Ich verziehe das Gesicht. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann sind es alkoholisierte Kerle. Die Typen scheinen zu merken, was ich denke, denn ihr Lachen folgt mir den ganzen Weg bis zum Ende der Schlange, die sich vor dem Verbindungshaus gebildet hat.

»Ganz schön weit bis zum Eingang.« Angespannt mustere ich die große Flügeltür. Man sollte es wohl eher ein Portal nennen. Denn rechts und links neben der Tür wurden griechische Säulen aufgestellt, auf denen ein dreieckiges Dach ruht. »Vestalinnen« steht dort in pseudo-altgriechischer Schrift.

Kali schnaubt. »Hades würde sich kaputtlachen, wenn er das sehen würde. Und Vesta erst. Vestalinnen. Ts.«

»Sie finden es eben schick«, murmle ich. »Es bedeutet nichts.«

»Eben. Es bedeutet nichts. Sie leben nicht wie Vestalinnen, eher im Gegenteil. Sie wissen wahrscheinlich nicht mal, dass das eigentlich Priesterinnen der Göttin Vesta sind.« Sie deutet auf die pseudogriechischen Buchstaben. »Einer römischen Göttin.« Für einen Moment klingt sie fast wütend. Aber dann lacht sie und streicht sich eine ihrer dicken dunkelroten Strähnen hinter die Ohren. »Egal. Solange die Party keine von diesen grausamen Togapartys ist, wo alle in alten Betttüchern rumlaufen und so tun, als wären sie Cäsar.«

»Erst mal müssen wir es überhaupt reinschaffen.« Ich hätte wissen müssen, dass heute unheimlich viele Leute kommen würden. Die Partys der Vestalinnen sind sehr begehrt. Es ist nicht leicht reinzukommen, viele werden wieder weggeschickt, und ich hatte gehofft, dass das die meisten Leute davon abschrecken würde, es überhaupt zu versuchen. Weit gefehlt.

Drei Stunden und zehn Minuten.

Nervös suche ich die lange Schlange vor der Tür nach einem bekannten Gesicht ab und entdecke mehrere. Erleichtert dränge ich mich bis zu der Gruppe durch, wobei ich die ungehaltenen Kommentare der anderen Wartenden ignoriere.

»Izanagi, Loki, ein Glück, ihr seid schon da.« Ich umarme sie als Zeichen für die anderen in der Schlange, dass wir zusammengehören. »Und ziemlich weit vorn.«

»Wir waren in der Nähe und konnten uns gleich in die Schlange stellen, als Mayas Nachricht kam. Sie hat geschrieben, dass es bei dir mal wieder knapp ist«, erklärt Loki.

»Danke.«

Izanagi streicht sich die schwarzen Haare seitlich über die Stirn. Dann mustert er mich. »Du wirkst irgendwie ganz schön angespannt«, meint er trocken.

Ich verziehe nur das Gesicht.

Kommentarlos greift er nach meinem Arm. Er pfeift leise, als er mein Ziffernblatt sieht. »Vielleicht nächstes Mal nicht wieder bis zur letzten Minute warten?« Seine Stimme ist plötzlich leicht besorgt, gar nicht mehr frech wie gerade eben noch.

Ich schlucke schwer. Eigentlich will ich es nicht so knapp werden lassen. Aber in der Sekunde, in der ich meine Quote erfüllt habe, springt die Uhr an meinem Handgelenk auf null zurück, und dann fängt alles wieder von vorn an. Ich will die Zeitspanne immer bis zum Letzten ausnutzen, um es nicht öfter tun zu müssen als nötig. Um es nicht mehr Leuten antun zu müssen als nötig. Izanagi weiß das sehr gut, deswegen sagt er auch nichts mehr, während ich nervös von einem Bein auf das andere trete, bis wir endlich zu den Türstehern vorgelassen werden. Sie tragen Togen.

Kali verdreht die Augen.

Die zwei muskelbepackten Kerle mustern uns der Reihe nach. Kali mit ihren wahnsinnig dunklen Augen und dem winzigen Minirock, der ihre langen Beine enthüllt. Maya in ihrem weißen Kleid, die ihre Lippen schürzt. Den drahtigen Loki, der eigentlich Daniel heißt, aber aussieht wie Tom Hiddleston, nur in Blond und etwas zu klein, und seinen Namen sowieso immer gehasst hat. Als Letztes nehmen sie sich Izanagi mit den verwuschelten, etwas zu langen schwarzen Haaren vor. Er trägt eine Jeansjacke lässig über einem weißen T-Shirt. Der eine der beiden Türsteher, ein gut aussehender Typ mit glatt rasiertem Schädel, mustert Izanagi mit einem ziemlich unverschämten Blick. Er tastet seinen hochgewachsenen, gut gebauten Körper von oben bis unten mit Blicken förmlich ab, als wäre er nichts weiter als ein Stück Fleisch! Ekelhaft. Aber Izanagi bleibt cool und zwinkert ihm nur zu. Vielleicht hat er den Kerl schon auf seiner Liste für den nächsten Kuss.

»Ihr könnt rein«, sagt der Unverschämte.

Die anderen gehen durch, ohne sich nach mir umzusehen. Ich will ihnen nach, aber der zweite Türsteher, ein braunhaariger Herkulesverschnitt, tritt mir in den Weg. Panik macht sich in mir breit, und ich werfe einen verstohlenen Blick auf mein Ziffernblatt. Komm schon. »Ähm, ich gehöre dazu.«

Er mustert mich. »Du siehst nicht aus, als wärst du schon alt genug. Gehst du überhaupt hier auf die Uni oder bist du aus der Highschool weggelaufen?« Er grinst seinen Kumpel an. »Sorry, aber Schüler können wir nicht reinlassen.«

Ich fluche innerlich. Noch ein Nachteil davon, wenn man niedlich aussieht. Kali ist jünger als ich, trotzdem wird sie nie aufgehalten, weil sie locker wie achtzehn aussieht. Ich hingegen sehe gerade mal so eben aus wie sechzehn. Denn so alt war ich, als ich den Pakt geschlossen habe. Ich setze an, etwas zu sagen, da raunt der Türsteher mir etwas zu. »Jedenfalls nicht ohne Schutz. Dir könnte ja wer weiß was passieren.« Er lächelt mich vielsagend an.

Nicht ausrasten, Erin. Bleib ruhig. Dummerweise steigt die Wut trotzdem in mir auf.

In diesem Moment erspähe ich Maya, die mir von drinnen einen warnenden Blick zuwirft.

Setz ihn einfach auf deine Liste. Aber jetzt hast du keine Zeit dafür, scheint ihr Blick zu sagen.

Außer, ich disponiere kurzfristig um. Aber nein, ich habe mein Opfer diese Woche ganz bewusst ausgesucht. Nummer 132 muss unschädlich gemacht werden, sofort. Der hier kann warten.

Ich atme tief durch und grinse dann zuckersüß. »Wenn ich deinen Namen wüsste, könnte ich jedem sagen, dass ich unter deinem Schutz stehe.« Ich lächle betont kokett. »Sicher wird sich niemand trauen, das infrage zu stellen.«

Er grinst, beugt sich zu mir und raunt mir seinen Namen ins Ohr, den ich in Gedanken sofort auf meine Liste setze. Dann lässt er mich vorbei. Offensichtlich und ziemlich vorhersehbar reicht es ihm, dass ich sein Ego ein wenig gestreichelt habe. Entnervt dränge ich mich an ihm vorbei, bereit, ihm doch noch eine zu verpassen, sollte er auch nur daran denken, mir auf den Po zu hauen. Aber erstaunlicherweise lässt er mich ohne Weiteres durch. Im Inneren des Verbindungshauses halte ich gar nicht erst nach den anderen Ausschau. Nicht mal mehr drei Stunden, das ist schon unter normalen Umständen sehr wenig Zeit.

»Hey, da bist du ja. Techtelmechtel mit dem Türsteher?«, fragt Izanagi.

»Das hätte er wohl gern gehabt. Oder nicht so gern, jedenfalls nach dem Kuss.«

Er lacht, und wir betreten die große Marmorhalle. Eine Treppe an der Seite führt von dort aus in das obere Stockwerk, wo die Zimmer der Studenten sind. Mein Blick bleibt kurz an einem Bild von einer blonden Studentin hängen. Zwei Mädchen stehen davor, und eine von ihnen himmelt es geradezu an. Das andere Mädchen wirkt merkwürdig fehl am Platz. Bestimmt ist sie neu und bekommt gerade alles über Lyra, die Studentin auf dem Bild und Anführerin der Vestalinnen, erzählt.

Izanagi seufzt. »Dieser Kult um sie nimmt langsam lächerliche Ausmaße an.«

Das eine Mädchen ist offensichtlich seiner Meinung, denn sie verdreht heimlich die Augen, während die andere auf sie einredet.

Kali und Loki gesellen sich zu uns, und Kali hält mir ein kleines Glas hin, wobei sie schon mal interessiert die weiblichen Besucher der Party nach einem Opfer für die nächste Runde abcheckt. Der Drink raucht leicht. Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

»Zur Einstimmung.« Sie hebt ihr Glas und kippt den Inhalt runter.

»Ich trinke nicht bei der Arbeit«, antworte ich möglichst beiläufig.

»Versteh ich nicht. Du?« Sie sieht Loki an.

Der grinst und kippt als Antwort seinen eigenen rauchenden Shot runter.

»Hier.« Ich will mein Glas wieder Kali in die Hand drücken.

Sie hebt abwehrend die Hände. »Behalt es und nimm es zur Desinfektion oder so.« Sie streckt mir die Zunge raus.

Ich muss lachen. »Das wär dann eher für hinterher.« Ich gebe mein Glas Izanagi, der schon darauf schielt.

»Bist du sicher?«, fragt er.

Ich nicke. Wahrscheinlich sollte ich ihnen endlich mal sagen, dass ich Alkohol nicht ausstehen kann. Aber dann würden sie vielleicht fragen, warum, und ich habe keinen Bock, darüber zu reden. »Betrunken arbeiten ist gefährlich«, sage ich stattdessen. Es ist keine Lüge, ich finde wirklich, dass es besser ist, bei der Arbeit als Rachegöttin alle Sinne zusammenzuhaben. »Das führt bloß dazu, dass man …«

»… verdammt viel Spaß hat?«, unterbricht Izanagi mich und zwinkert mir zu.

Kali lacht wissend. »Eben. Und hinterher kann man sozusagen reinen Tisch machen, indem man den One-Night-Stand gleich küsst. Hat nur Vorteile. Niemand erfährt was davon, und unser Geheimnis bleibt gewahrt.«

»Also ich finde den Gedanken nicht angenehm, den Kuss bei einem Kerl anwenden zu müssen, mit dem ich gerade noch im Bett war.« Ich sage nicht, dass es mir im Moment schon reicht, überhaupt jemanden küssen zu müssen.

»Stimmt. Das kann unschön enden. Noch blöder ist allerdings, wenn der Kuss mittendrin aus Versehen passiert.« Maya, die sich inzwischen zu uns gesellt hat, verdreht die Augen, als würde sie aus Erfahrung sprechen.

Kali kichert. »Ja, das kann einem echt den Abend versauen, auch wenn es gut für die Quote ist.«

Shit, die Quote. »Okay, macht, was ihr wollt, ich muss schauen, dass ich endlich zum Zug komme.«

»Mach das, wir tanzen eine Runde.« Maya zieht die anderen in die Mitte der Eingangshalle, die als Tanzfläche genutzt wird.

Ich sehe mich im Verbindungshaus um. Angewidert verziehe ich das Gesicht. Es ist, als würden alle Typen auf dieser Party ihren miesen Charakter förmlich ausdünsten. Wie kann man nur freiwillig hierherkommen? Dabei ist das Haus selbst eigentlich ganz nett hergerichtet, modern, aber trotzdem leicht schummrig. Es gibt einen gemütlichen Aufenthaltsraum, der jetzt als Chill-out-Lounge fungiert, eine Tanzfläche, auf der man nicht nur eng aneinandergedrängt tanzen, sondern auch mal zu mehreren richtig feiern kann. Es ist ein Haus, in dem es sich gemütlich abhängen lässt. Wofür ich allerdings jetzt wirklich keine Zeit habe.

Zwei Stunden 45 Minuten.

Ich recke den Hals. Wo steckt Nummer 132 nur? Er muss hier sein, ich habe alles genau recherchiert und geplant.

»Warum wartest du auch immer bis kurz vor knapp?«, wirft Maya mir im Vorbeitanzen zu. Sie kann es einfach nicht lassen. Wahrscheinlich wird sie mir nachher einen Vortrag halten, obwohl sie weiß, warum mir das immer wieder passiert. Dummerweise kann ich es ihr nicht übel nehmen. Sie hat ja recht, aber diese Party ist der einzige Ort, der sich eignet. Der einzige, wo ich Nummer 132 unauffällig begegnen kann.

»Nimm doch einen anderen. Gibt hier genug Auswahl.« Maya tanzt wieder an mir vorbei.

Ein heftiger Stoß bringt mich aus dem Gleichgewicht. Instinktiv fahre ich herum. Ein Mädchen mit zwei Gläsern in der Hand und einem Blumenkranz in den Haaren ruft mir ein »Sorry!« zu und verschwindet dann in der Menschenmenge. Ich will ihr antworten, aber mein Blick bleibt an einem Typen hängen, der in einiger Entfernung in der Nähe der Chill-out-Lounge steht. Das Licht eines Scheinwerfers fällt halb von hinten auf ihn, sodass ich die Farbe seiner Haare nicht erkennen kann. Es wirkt, als bestünden sie aus Licht.

Sei nicht albern. Er ist eben blond.

»Sieht aus, als hätte er einen Heiligenschein!«, schreit Maya mir ins Ohr, um die Musik zu übertönen, die jetzt immer lauter wird.

Ich schnaube. Keiner der Kerle hier würde einen Heiligenschein auch nur erkennen, selbst wenn man ihn mit der Nase draufstoßen würde. Trotzdem gehe ich unwillkürlich ein Stück auf ihn zu, bis ich sein Gesicht sehen kann. Er sieht gut aus, etwas kantig, aber das mag ich, vor allem die etwas zu große Nase.

»Ja, nimm den, der sieht nach leichter Beute aus«, drängt Maya, die gerade wieder an mir vorbeikommt. »Du hast nur noch …« Sie nimmt meinen Arm und hebt ihn an, um auf mein Tattoo zu sehen.

Ich entwinde ihr meine Hand. »Zwei Stunden und 35 Minuten. Ich weiß!«, zische ich. »Deswegen muss ich Nummer 132 finden, den ich schon die ganze Woche im Auge habe, und zwar bevor die Zeit abläuft.« Und bevor er seine Freundin das nächste Mal wirklich umbringt. »Der da, der interessiert mich nicht.«

Was für eine grandiose Lüge. Ich kann mich kaum von seinem Anblick losreißen. Ein zugegeben ziemlich heißer Anblick, soweit ich das hier im Halbdunkel und im Gegenlicht erkennen kann. Eindeutig sportlich, aber nicht zu muskulös, drahtig, aber mit breiten Schultern.

Aber das ist nicht der Grund, warum er mich anzieht. Da ist etwas an ihm, das ihn von den anderen unterscheidet. Als würde er gar nicht hierhergehören. Etwas, das mein Herz zum Rasen bringt.

In dem Moment sieht er zu mir herüber, und unsere Blicke treffen sich.

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Arden

Bässe dröhnen, die Menschenmasse auf der Tanzfläche schwappt im Takt hin und her. Die Musik hat einen guten Beat. Feiern kann man hier, auch wenn ich mir nicht gerade diese Verbindungsparty dafür ausgesucht hätte.

Nicht gerade dieses Haus.

»Hey, mach nicht so ein Gesicht, Arden.« Carson stößt seine Bierflasche gegen meine Colaflasche. »Nur Cola zu trinken, war deine Idee. Dabei würde ich dir heute großzügigerweise sogar mal ein Bier erlauben.«

Sein gönnerhafter Tonfall bringt mich zum Lachen. »Danke, oh Captain, mein Captain, deine Großzügigkeit kennt keine Grenzen.«

»Nicht wahr?« Er klopft sich auf die Schulter. »Bin ich der beste Teamcaptain, den du jemals hattest, oder was?«

Tatsächlich ist er das sogar wirklich. In den drei Monaten, die ich hier in Ivy Hall bin, habe ich ihn als Anführer des Fechtteams schätzen gelernt. Auch wenn seine Motivationsmethoden etwas merkwürdig sind. Oder vielleicht gerade deswegen. Aber natürlich lasse ich es mir nicht nehmen, ihn ein wenig aufzuziehen. Zweifelnd lege ich den Kopf zur Seite. »An meiner alten Uni war der Teamcaptain auch nicht übel. Er hatte auch den Säbel als Waffe, genau wie du und ich.« Sich für den Säbel zu entscheiden, ist ein Statement, an dem wir einander erkennen.

Sofort tritt ein ehrgeiziges Glitzern in Carsons Augen, das eher in die Trainingshalle als auf die Party passt. »Wie heißt er? Damit ich Bescheid weiß, wenn ich das nächste Mal im Kampf auf ihn stoße. Ich suche immer nach würdigen Gegnern.«

Ich öffne den Mund, schließe ihn dann aber wieder. Wie hieß der Typ noch mal? »Sorry, fällt mir gerade nicht ein.«

Carson starrt mich kurz an, dann lacht er ungläubig, aber es schlägt schnell in ein wissendes Grinsen um. »Versteh schon. Wir alle haben in den Ferien zu hart gefeiert. Das mindert manchmal die Gedächtnisleistung. Ich allerdings sorge dafür, dass mein Team mich trotz Spring Break nicht so einfach vergisst.« Er hält mir sein Smartphone hin. Darauf sind er, Sergej und ein paar andere an einem Strand zu sehen. In üblicher Spring-Break-Manier, mit schreiend bunten Badeshorts und schwarzen Reflektorstreifen unter den Augen.

»Kommt mir bekannt vor«, sage ich. Stimmt sogar. Aber dass ich meistens nur Cola trinke, hat damit nichts zu tun. Ich mag es nicht, wie sich die Welt verbiegt, wenn man zu viel Alkohol intus hat. Ich habe lieber alle meine Sinne beisammen.

Carsons Augen weiten sich. »Sorry, Mann, ich hab total vergessen, dass du ja dieses Mal arbeiten musstest.« Er grinst gutmütig. »Aber kein Problem. Nächstes Jahr bist du dabei. Sofern du dir bei der internen Meisterschaft einen Platz verdienst. Schaffen könntest du es, immerhin hattest du das zweitbeste Ergebnis heute.« Das beste hatte natürlich er.

Ich lächle matt. »Das heute war nur zum Warmwerden. Bei der internen Meisterschaft mach ich dich fertig.«

Carson grinst zufrieden und klopft mir auf die Schulter. »Challenge accepted. Ich wusste, du bist richtig bei uns im Team.« Für ihn ist der Wettkampf im eigenen Team wichtiger als der gegen andere Teams. Das ist seine Strategie als Teamcaptain, um uns zu Höchstleistungen anzufeuern. Keine Ahnung, ob es daran liegt, aber das Fechtteam von Ivy Hall ist eines der besten in den USA.

»Hey, Lust, gemeinsam was aufzureißen?« Er deutet auf zwei Mädchen, die mir vage bekannt vorkommen. Wahrscheinlich aus irgendeinem Kurs. Carson seufzt übertrieben. »Die Johnson-Zwillinge. So hot.«

Sie sehen zu uns herüber, und eine von ihnen hält meinen Blick fest. Ihr Lächeln wirkt nicht nur äußerst verführerisch, sondern auch sympathisch. Trotzdem schüttle ich den Kopf, ohne auch nur darüber nachzudenken.

Carson verdreht die Augen. »Wie du willst. Bleibt mehr für mich. Wünsch mir Glück. Sie haben den Ruf, ziemlich schwer zu erobern zu sein. Mal sehen, ob ich sie auch allein von mir überzeugen kann.« Er schiebt sich durch die tanzende Menge.

Sergej und Armando prosten mir Arm in Arm zu. Kurz bevor sie mich auf die Fläche drängen können, schrammt ein Mädchen mit zwei randvollen Gläsern in den Händen und einem Blumenkranz in den Haaren an mir vorbei. Sie schreit mir eine Entschuldigung ins Gesicht, drängt sich aber schon weiter, bevor ich antworten kann, und rempelt ein paar Meter weiter ein anderes Mädchen an, das erschrocken herumfährt.

Und zu mir hersieht.

Wahrscheinlich wollte sie dem Mädchen irgendetwas antworten, denn sie hat den Mund geöffnet, sagt aber nichts. Stattdessen starrt sie mich an, als hätte sie einen Geist gesehen.

Oder meine Haare.

Ihre Haare sind allerdings auch nicht gerade unauffällig. Wilde rote Locken, die sie umgeben wie flüssiges Feuer, aus dem ihre Augen hervorblitzen wie Eiskristalle. Oder es ist nur das Stroboskoplicht. Wahrscheinlich Letzteres.

Unwillkürlich mache ich einen Schritt auf sie zu. Bist du verrückt? Was soll das? Sofort bleibe ich stehen. Es ist keine Option, sie anzusprechen.

Für sie gilt das wohl nicht, denn sie kommt auf mich zu. Dabei starrt sie mich immer noch an, als wäre ich von einem anderen Stern. Dann fällt ihr Blick auf meine Hände.

»Du trinkst Cola?«

Ich blinzle sie an. »Äh. Ja?« Gute Antwort, Arden. Nur weiter so, dann ist sie bestimmt auch schnell überzeugt, dass mit dir zu reden keine Option ist.

»Okay«, sagt sie.

»Okay«, antworte ich.

Es ist offiziell. Dieses Gespräch wird als der seltsamste Erstkontakt zwischen zwei Studenten auf einer Party in die Geschichte eingehen. Trotzdem oder gerade deswegen ist es das vielversprechendste Gespräch, das ich hatte, seit ich in Ivy Hall angekommen bin.

Ich werfe ihr ein Lächeln zu und halte ihr die Flasche hin. »Möchtest du?«

Sie sieht mich so perplex an, als hätte ich ihr keine Cola angeboten, sondern meinen Erstgeborenen. Mindestens. Oder als würde sie denken, dass ich ihr eine angefangene Cola hinhalte. »Ich hab noch nicht davon getrunken«, schiebe ich hinterher.

»Äh. Nein. Danke. Nein. Ich … muss weg.«

»Sicher.« Unwillkürlich muss ich grinsen. »Das würde ich nach diesem Gespräch wohl auch sagen.«

Sie starrt mich an, aber dann lächelt sie. Nur ganz kurz huscht es über ihr Gesicht, aber ich kann trotzdem den Blick nicht davon abwenden.

»So schlimm war es gar nicht«, sagt sie.

Jetzt bin ich es, der lachen muss. Wieder lächelt sie dieses Lächeln, das mich vollkommen gefangen nimmt. Einen Moment lang habe ich den Eindruck, dass sie noch etwas sagen will, aber dann dreht sie sich um und geht.

Ich sehe ihr nach, während sie sich durch die Menge schlängelt, und in mir macht sich das dumme Gefühl breit, dass ich sie nicht so schnell vergessen werde, wie ich es eigentlich sollte.

»Respekt.«

Ich fahre herum. Carson tritt neben mich und starrt dem Mädchen nach. »Ich glaube, du bist der einzige Typ, der es schafft, auf einer Verbindungsparty eine Frau aufzureißen, indem er Cola trinkt.« In seiner Stimme schwingt ein Lachen mit. »Das macht mich wirklich stolz, dein Teamcaptain zu sein.«

Ich verziehe das Gesicht. »Ich enttäusche dich ja nicht gerne, aber ich glaube, das war am Ende doch eine Abfuhr.« Oder?

Noch einmal sehe ich dem Mädchen nach. Irgendwie hoffe ich wohl, dass sie es sich anders überlegt und noch mal zurückkommt, damit wir dieses seltsam unterhaltsame Gespräch fortsetzen können und ich eine weitere Chance habe, sie zum Lächeln zu bringen. Aber sie ist längst zwischen den anderen Feiernden verschwunden.

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Erin

Na toll. Jetzt habe ich durch diesen Typen noch mehr Zeit verloren.

Ich widerstehe dem Drang, mich noch einmal nach ihm umzusehen. Er ist nicht wichtig.

Es ist Nummer 132, den ich jetzt endlich finden muss. Wo steckt er nur?

Die Mädchen, die ich vorhin in der Marmorhalle gesehen habe, fallen mir ein. Sie scheinen hierherzugehören. Ich überlege kurz, ob ich sie nach einem großen, breit gebauten Typen fragen soll. Aber da sehe ich, wie Maya sich gerade auf die beiden stürzt und »Georgina?« ruft. Sie packt das eine der beiden Mädchen, das vorhin so fehl am Platz wirkte, an den Schultern.

»Was geht denn hier ab?« Kali ist neben mir aufgetaucht. Sie starrt Maya und das Mädchen mit offenem Mund an. »Seit wann wildert sie in meinem Revier?«

»Äh«, murmle ich. »Keine Ahnung.« Ich kann mir jetzt wirklich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob Maya es plötzlich auch auf die weiblichen Übeltäter abgesehen hat, um die sich eigentlich Kali kümmert, und eigentlich ist es auch völlig egal. Hier auf St. Ives Island gibt es durch die riesige Uni genug Nachschub für uns alle.

Kali scheint sich etwas Ähnliches zu denken, denn sie zuckt mit den Schultern und dreht sich zu mir.

»Suchst du immer noch nach dem Typen? Nummer … Der wievielte ist es?«

Ich nicke düster. »Nummer 132.« 131 Kerle habe ich geküsst, seit ich mit sechzehn Jahren zur Rachegöttin geworden bin, und heute kommt Nummer 132 dazu.

Kali verzieht das Gesicht. »Immer dieser Buchhalterslang. Warum nennst du die Dinge nicht beim Namen?«

Ich will etwas sagen, aber sie redet schon weiter.

»Arschloch 132. Das trifft es doch eher.«

Ich muss grinsen.

»Da.« Sie legt den Kopf schief. »Das ist besser. So kriegst du den Kerl vielleicht auch rum, wenn du ihn findest. Aber mal im Ernst. Warum muss es denn ausgerechnet der sein? Ich weiß, du willst nur echte Mistkerle küssen, und ich finde deine Prinzipien auch total niedlich, ehrlich. Aber nimm doch einfach irgendeinen, bevor du noch zu spät dran bist. Irgendwie sind sie doch alle Mistkerle. Ganz tief drinnen. Sagst du jedenfalls immer, wenn ich mich richtig erinnere, oder?«

Das stimmt so nicht ganz, aber bevor ich sie korrigieren kann, macht sie ein versonnenes Gesicht und ahmt meine Stimme nach. »Jeder Mann hat ein Skelett im Schrank, man muss nur tief genug graben.«

»Wow«, erwidere ich, nur halb in der Lage, es sarkastisch klingen zu lassen, weil ich eigentlich lachen will. »Wenn ich mal ein Stimmdouble brauche, nehme ich dich. Nur der Kaugummi muss dann weg.«

Kali starrt mich übertrieben entsetzt an. »Was? Nein. Dann kommen wir nicht ins Geschäft.«

»Eigentlich will ich mit Nummer 132 ins Geschäft kommen. Wenn ich ihn endlich mal finden würde.«

Sie seufzt und pustet sich ihre Ponyhaare aus der Stirn. »Also gut, wenn du so nett fragst, helfe ich dir eben.«

Wir trennen uns, und ich suche jede Ecke des Verbindungshauses nach ihm ab. Damon hat mir versichert, dass er heute hier sein wollte, hat mir sogar noch geschrieben, dass er ihn am Eingang gesehen hat. Aber er ist nicht da. Immer wieder werfe ich einen Blick auf mein Handgelenk. Zwei Stunden 20 Minuten. Zwei Stunden fünf Minuten. Wo steckt er nur? Bei einer Stunde 45 Minuten gebe ich mir einen Ruck und schleiche mich ins obere Stockwerk, wo die Zimmer sind. Ich störe nur ungern die Privatsphäre der Mädchen, die hier wohnen, aber vielleicht hat er ja eine von ihnen »überzeugt«, mit ihm auf ihr Zimmer zu gehen. Dummerweise dauert es ewig, die Zimmer zu durchsuchen, und ich finde dort nur ein paar Pärchen, die einvernehmlich die Privatsphäre der Vestalinnen stören. Mist. Und die Sucherei hat mich auch noch verdammt viel Zeit gekostet. Nur noch 53 Minuten. Was mache ich, wenn ich ihn nicht mehr finde? Ich rase wieder nach unten, Kali direkt in die Arme.

»Immer noch nicht fündig geworden?«

Ich schüttle verzweifelt den Kopf.

Sie deutet hinter sich in eine dunkle Ecke. »Was ist mit dem? Den hab ich gerade eben entdeckt.«

Ich folge ihrem Blick. Mein Herz macht einen Satz. Tatsächlich, das ist er! »Hey! Du hast ihn gefunden!« Erleichtert lasse ich Kali stehen.

»Toll. Das ist also der Dank«, höre ich sie noch murmeln, aber ich merke ihr an, dass auch sie erleichtert ist. Keine von uns wünscht der anderen, die Quote erst in letzter Minute zu erfüllen oder die Deadline gar zu verpassen. Allein schon beim Gedanken überläuft mich ein Schauer.

Während ich auf die dunkle Ecke zugehe, richte ich mich gerade auf und zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht. Kali hat recht. Damit habe ich mehr Chancen auf Erfolg. Wut funktioniert nicht so gut bei den Kerlen. Jedenfalls bei den meisten nicht.

Ich bleibe stehen, checke noch mal, dass er es wirklich ist. Sogar die Bilder rufe ich noch mal auf, die Damon mir per WhatsApp geschickt hat, und er hat einen wirklich guten Job gemacht. Sie zeigen eindeutig, wie der Mistkerl seine Freundin krankenhausreif schlägt. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich wahrscheinlich nicht einfach zugesehen und Fotos gemacht. Aber Damon greift uns nur unter die Arme, die Drecksarbeit überlässt er uns.

Ruhig Blut, Erin, ruhig Blut. Immerhin ist das Damons Job. Ohne ihn könntest du deine Quote niemals erfüllen.

Ich atme tief durch, setze ein verführerisches Lächeln auf und schlendere wie zufällig an der dunklen Ecke vorbei, in der Nummer 132 sitzt. Er ist einer von diesen typischen Frat Boys, gut aussehend, groß, breite Schultern, die blonden Haare hochgegelt. Auf seinem Shirt über den braunen Shorts prangt in Grün das Logo der Uni. Er sieht aus wie der perfekte Gentleman, der Traum jeder Schwiegermutter und Objekt der Begierde der Hälfte der Vestalinnen. Aber mich täuscht er nicht. Ich kann aus zehn Kilometern Entfernung riechen, dass er nicht in der Lage ist, eine Frau glücklich zu machen. Muss so ein Rachegöttinnending sein. Oder einfach Erfahrung.

Ich weiß, dass nicht alle Typen Arschlöcher sind. Aber ich bin seit Jahren keinem mehr begegnet, dessen Freundlichkeit nicht nur eine nette Fassade war. Unwillkürlich sehe ich mich nach dem Typen von gerade eben um.

Verdammt, Erin, was tust du da?

Ich konzentriere mich wieder auf das miese Schwein vor mir.

Lass das. Beschimpf ihn nicht. Sonst widert er dich so sehr an, dass du ihn nicht küssen kannst, und dann verpasst du die Deadline doch noch.

Ich atme tief durch. Darren Bradford. Nummer 132. Also los.

Ich schleiche mich ein Stückchen näher. Hoffentlich hat er nicht schon ein Mädchen aufgerissen. Er ist ziemlich gut darin, wenn man seiner Freundin glauben darf. Natürlich war es ein schreckliches Verbrechen, dass sie ihn gefragt hat, warum er fremdgeht. Da musste er sie ja schlagen. Und es war nicht das erste Mal. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Meine Haare knistern. Ist wohl auch so ein Rachegöttinnending, dass sie ein Eigenleben entwickeln, wenn ich verdammt wütend bin. So wie jetzt. Mist. Warum ist es gerade heute so schwierig, ruhig zu bleiben? Gerade heute, wenn ich der Menschheit mal wirklich einen Dienst erweisen kann, indem ich den Kerl aus dem Verkehr ziehe.

Mein Handgelenk pulsiert schmerzhaft. Ich muss das Ziffernblatt nicht ansehen, um zu wissen, dass es dunkelrot angelaufen ist. Die Warnung, dass ich nur noch 45 Minuten habe.

Ich mache einen Satz auf Nummer 132 zu. Er schaut hoch.

»Hey«, säusle ich.

Er kneift die Augen zusammen, und sein Blick gleitet an mir auf und ab. An den ganzen 1,65 Metern. Dabei lässt er sich ziemlich Zeit.

Komm schon, ich weiß, dass du auf kleine Frauen stehst, weil du denkst, dass die sich nicht wehren können.

Aber er macht nach wie vor keine Anstalten, auf meine offensichtliche Kontaktaufnahme einzugehen.

»Ich fühle mich heute so einsam«, sage ich mit heller Stimme, die mich innerlich selbst die Augen verdrehen lässt.

Aber der Kerl setzt sich etwas auf. Er wirkt angetan. »Ach ja?« Er schnalzt mit der Zunge und lächelt. »Warum tut denn keiner was dagegen, bei so einer Süßen wie dir?«

In mir krampft sich alles zusammen. Widerlicher Schleimbeutel. Ich muss schon fast würgen, wenn ich auch nur dran denke, seine Lippen auf meinen zu spüren. Aber es hilft nichts.

»Weiß ich auch nicht.« Ich klimpere mit den Augen und drehe mich verlegen hin und her. Habe ich lange einstudieren müssen, diese dämlichen Moves. Scheinbar beherrsche ich sie perfekt, denn Nummer 132 klopft auf seinen Schoß.

Uäh.

»Oh, ich … ich hätte gern etwas frische Luft. Hier drin ist es so stickig.« Ich schlage unschuldig und zugleich lüstern die Augen auf. Maya sagt, dieser Blick sei meine absolute Spezialität. Ich finde eher meinen Roundhouse-Kick ziemlich gut, aber den kann ich hier leider nicht anbringen. Nicht, wenn ich die Deadline schaffen will.

Der Typ steht auf und sabbert sich dabei schon halb voll. Igitt.

Ich drehe mich um, froh, ihn wenigstens kurzfristig nicht sehen zu müssen, und gehe mit wackelndem Hintern zur Terrassentür. Meiner Recherche nach muss sich im Garten der Vestalinnen in einer Hecke ein verstecktes Plätzchen finden lassen. Eines, das hoffentlich nicht schon von anderen besetzt ist. Letztes Mal bin ich mit meinem Opfer aus Versehen an einem Romantic Hot Spot gelandet, wo die halbe Uni versammelt war. Da die Zeit mir wieder mal davongelaufen war, musste ich Nummer 131 dort küssen.

Damon war nicht begeistert.

Ich schiebe mich durch die feiernde Studentenmenge auf die Tür zu, dränge mich nach draußen, sehe mich um, ob 132 mir auch folgt. Er tut es. Einen winzigen Moment gönne ich es mir, die frische Luft hier draußen einzuatmen. Viel davon. Hilft vielleicht gegen die Abscheu, jemanden zu küssen, der Frauen für sein Eigentum hält. Hände packen mich um die Taille, und der Typ wirft mich gegen die Mauer. Wahrscheinlich hält er das für sexy. Aber warum auch nicht? Auf Schleudertrauma und dergleichen scheint er ja zu stehen.

Dummerweise ist hier kein guter Ort dafür. Zu viel Publikum. Ich habe keinen Bock, dass morgen merkwürdige Fotos auf den Blogs und auf Instagram auftauchen. Und Damon wird sich auch freuen, wenn ich seine spärliche Freizeit nicht damit verschwende, meine Spuren verwischen zu müssen.

Ich drücke den Kerl ein Stück von mir weg. »Nicht hier«, sage ich, scheinbar verschüchtert, was 132 zu gefallen scheint. Schnell werfe ich einen Blick durch den Garten und entdecke die Hecke, von der ich gelesen habe. In einem geheimen Forum der Vestalinnen, in das ich mich eingehackt habe. War gar nicht so leicht, zwischen all den Posts über Lyras Liebschaften, ihren tragischen Unfall und ihr anhaltendes Koma die richtigen Infos zu finden.

Ich ziehe den Kerl zur Hecke. Zunächst ist nichts zu sehen, aber dann öffnet sich zwischen den Büschen ein Spalt. Ich schlüpfe hindurch und ziehe 132 mit hinein. Drinnen angekommen, drehe ich mich zu ihm um und sehe ihn voll Vorfreude an. Hoffe ich jedenfalls.

Komm schon. Tu es.

Seine Augen glitzern begehrlich, und er stürzt sich auf mich. Leider auf meine Haare, die er gegen seine Nase drückt und genüsslich den Geruch einsaugt. Ich rolle mit den Augen. Was ist aus dem guten alten Kuss geworden? Ungeduldig schiebe ich Nummer 132 weg, wobei ich mich sehr zurückhalten muss, ihn nicht einfach gegen die gegenüberliegende Hecke zu pfeffern.

Mein Handgelenk pocht. Nur noch 38 Minuten. Und mit dem Kuss ist es nicht getan. Ich muss Hades das Ergebnis meiner Arbeit ja auch noch bringen.

Ich konzentriere mich wieder auf 132. Sein Gesicht nähert sich meinem. Sein Bieratem schlägt mir ins Gesicht. Wie ich das hasse. Kurz bevor unsere Lippen sich berühren, sehe ich diesen Ausdruck in seinen Augen. Die Gier. Den Hunger, der mir sagt, dass ich für ihn nichts bin als ein Objekt seiner Gelüste.

Nichts. Ich bin nichts. Ich bin niemand.

Ich atme tief durch, atme dieses dämliche Gefühl von Unzulänglichkeit weg, das in mir aufsteigen will. Das hilft mir jetzt nicht. Ich brauche Wut! Ich sammle sie in mir und konzentriere mich darauf, nicht mehr Erin zu sein.

Ja, ich bin nichts und niemand!

Ich bin nicht Erin. Und es ist nicht Erin, deren Taille du mit deinen Händen betatschst. Es ist nicht Erin, die deinen Bieratem abkriegt. Es ist die Rachegöttin in mir. Ihr Herz ist kalt. Sie kennt keinen Ekel. Keine Tränen. Sie kennt nur die Wut. Und du, du wirst diese Wut jetzt auch kennenlernen!

Na gut, ein bisschen pathetisch. Aber es hilft, mich in die richtige Stimmung zu bringen. Ich packe ihn am Kragen und küsse ihn. Seine Lippen berühren meine.

Wieder ein Kuss, der nicht nach Liebe, sondern nach Rache schmeckt. Der nicht Nähe bedeutet, sondern unendliche Einsamkeit.

Der Typ stöhnt leise auf.

Ich spüre einen Anflug von Panik. Wie immer. Dieser Bruchteil einer Sekunde, in dem mir klar wird, dass ich keinerlei Kontrolle mehr habe und dem Kuss genauso hilflos ausgeliefert bin wie er. Eine einzige Berührung meiner Lippen reicht aus, um meine Aufgabe zu erfüllen, und dann nimmt alles seinen Lauf.

Zum Glück geht es schnell.

Ich stoße ihn weg und mit ihm das dumpfe Ziehen in meiner Brust.

Nummer 132 stolpert zurück, seine Augen sind glasig. Aber etwas bleibt an meinen Lippen hängen. Ein schillernder Faden, der bald zu einem Strom wird, der vor seinen entsetzten Augen breiter wird, immer schneller auf mich zuströmt und schließlich abreißt.

Selbst wenn ich wollte, ich könnte es nicht stoppen.

Aber ich will auch gar nicht. Ich denke an die Freundin dieses Mistkerls, an meinen Vertrag und an … Mein Herz schlägt schneller.

»Wasnlos?«, ächzt der Typ. Dann fällt sein Blick auf das bläuliche Schillern zwischen uns. Er reißt die Augen auf. »Fuck. Nie wieder Bier.« Dann fällt er der Länge nach hintüber. Ein netter Nebeneffekt der Partys, auf denen wir jagen. Und so ziemlich das einzig Gute an Alkohol. Er macht es uns leicht, das, was nach dem Kuss passiert, als Auswirkung des Rauschs zu verkaufen.

Ich starre auf 132 hinunter. Darren. Ohne es zu wollen, springt mir sein Name in den Kopf. Ich schiebe ihn fort. Er ist nicht Darren für mich, sondern der 132. Kerl, der von mir bekommen hat, was er verdient. Ich kann nicht leugnen, dass das trotz allem eine gewisse Genugtuung mit sich bringt. Manchmal fühlt es sich sogar ein wenig an wie ein Rausch, wenn die Wut nachlässt und ich an das Mädchen denke, das nun nie wieder von ihm grün und blau geschlagen werden wird.

Als mein Handgelenk warnend pulsiert, hole ich schnell das kleine Glasröhrchen aus der Jeans, ziehe den Stopfen und fange die schillernden Schlieren darin ein. Kurz bleibt mein Blick daran hängen, wie sie in dem Glas hin und her wabern. Wie hübsch die Seele doch ist.

Ich sehe auf ihren ehemaligen Besitzer hinunter.

Nummer 132 wird sein Leben weiterleben, ohne eine Gefahr für andere zu sein. Er wird nicht mehr hassen, nicht mehr wüten, niemanden mehr verletzen, weil er es ohne seine Seele nicht mehr wollen wird. Na gut, er wird auch nicht mehr er selbst sein, sondern nur noch eine Art menschlicher Roboter, der sein Leben abspult, so gut es eben geht. Ich verdränge das miese Gefühl, das dieser Gedanke in mir weckt. Er selbst zu sein, hat mehrere Menschen in große Gefahr gebracht und seinen Freundinnen das Leben zur Hölle gemacht. Damit ist jetzt Schluss, und das ist gut so.

»Das wird knapp.«

Ich zucke zusammen.

Neben Nummer 132 steht Damon, das Gesicht zu einem matten Lächeln verzogen. Die braunen Haare fallen ihm in die Stirn, sodass ich seine Augen kaum erkennen kann, und irgendwo in der Nähe ist sicher auch seine Ratte. Eins muss man ihm lassen, seine Termine hält er immer brav ein, und auch ohne Termin spürt er es sofort, wenn eine Göttin seine Hilfe braucht. Wie er es allerdings macht, dann immer aus dem Nichts aufzutauchen, hat er mir leider noch nicht verraten. Schade, wäre eine ziemlich nützliche Fähigkeit.

»Gute Arbeit«, sagt er. »Aber das habe ich von dir auch nicht anders erwartet.«

Ich verdrehe die Augen. Schleimer. Letzte Woche beim Romantic Hot Spot klang das noch ganz anders. »Walte deines Amtes, okay? Ich muss schnell das Zeug wegbringen, wie du ja schon bemerkt hast.« Ich halte die Phiole mit dem bläulichen Schimmern darin in die Höhe.

»Kein Problem, ich räume alles auf.« Er zwinkert mir zu und deutet auf die Phiole. »Bist du sicher, dass ich die nicht nehmen soll? Wenn du sie mir gibst, hört der Countdown sofort auf. Genau so, als hättest du sie Hades persönlich gebracht.«

Unwillkürlich schließe ich die Hand um die Phiole und drücke sie eng an meine Brust. Ich gebe sie immer selbst ab, und nichts könnte mich daran hindern.

Er kommt langsam und mit ausgestreckter Hand auf mich zu, als wäre ich ein verschrecktes Tier. »Die anderen vertrauen mir die Phiolen auch an. Mach es dir nicht so schwer. Dafür bin ich doch da, Erin. Um dir zu helfen.«

Ich kneife die Augen zusammen. »Komm nicht näher, wenn du nicht mein nächstes Opfer werden willst!« Keine Ahnung, ob mein Kuss bei ihm Wirkung zeigen würde, aber er versteht hoffentlich, was ich meine.

Damon bleibt stehen, seine Augen glitzern. »Vielleicht will ich das ja. Ich habe sowieso gerade keine Freundin.« Er neigt sich etwas zu mir und wackelt mit einer Augenbraue. »Willst du den Job nicht übernehmen?«

»Na sicher.«

»Wirklich?«

»Aber klar doch. Wenn die Hölle zufriert. Oder Persephone für immer in der Unterwelt bleibt.«

Damon lacht.

Wieder pulsiert mein Handgelenk. 33 Minuten.

Ich lasse Damon einfach stehen und laufe zurück ins Verbindungshaus. An der Terrassentür sehe ich mich noch mal um. Damon ist gerade dabei, Nummer 132 aus der Hecke zu helfen. Der Typ ist aufgewacht, aber er wirkt desorientiert und benebelt.

Mit Damons Unterstützung läuft er durch die Menge der Feiernden, und um ihn herum bildet sich ein Loch, als würden sie vor ihm zurückweichen. Menschen spüren es, wenn jemand keine Seele mehr hat. Sie fühlen sich davon abgestoßen, weichen instinktiv davor zurück. Familie, Freunde, alle Menschen werden sich in Zukunft von Nummer 132 fernhalten. Viele unserer Opfer verlassen die Uni, aber alle sind froh darum, und niemand wundert sich darüber. Und Damon kümmert sich darum, dass nicht auffällt, wie viele es sind.

Damon klopft Nummer 132 auf die Schulter und schiebt ihn dann langsam auf das Haus zu. Ich gehe hinein. Stickige Dunkelheit umfängt mich. Seufzend schiebe ich mich durch die im Takt über die Tanzfläche wabernde Menschenmenge. Bis ich aus dem Augenwinkel etwas sehe. Abrupt bleibe ich stehen und lasse ein paar kostbare Sekunden verstreichen. Nicht weit von mir steht der Typ von vorhin, der mit dem Heiligenschein und der Cola. Er sieht sich nach allen Seiten um, als würde er jemanden suchen.

Mich.

Shit. Was denke ich da für Blödsinn? Warum sollte ich wollen, dass er an mich denkt? Nur weil er kein Bier trinkt, sondern Cola? Das kann schließlich eine einmalige Sache gewesen sein. Ich will weitergehen, aber genau wie vorhin bleibe ich stehen und starre ihn an. Er erinnert mich an das, was ich früher geantwortet habe, wenn mich jemand gefragt hat, wie ich mir meinen Freund vorstelle.

Es sollte jemand sein, mit dem ich einfach so barfuß über den Strand laufen kann. Und wenn es dunkel wird, möchte ich mit ihm am Meer unter den Sternen liegen und reden, bis wir beide heiser sind und bis ich vergesse, dass die Welt um uns herum überhaupt existiert. Es sollte jemand sein, dem ich wirklich und wahrhaftig vertrauen kann.

Mein Herz pocht schmerzhaft in meiner Brust, und es schnürt mir die Kehle zu.

Nein. Hör auf, dir so was zu wünschen. Das war vorher.

Bevor mein Dad gestorben ist und als ich noch geglaubt habe, dass es viele Männer gibt wie ihn. Männer, die liebevoll sind und deren Lachen so echt ist wie die Gefühle in ihren Augen. Schon lange weiß ich es besser. Spätestens in jener einen grausamen Nacht habe ich verstanden, dass Freundlichkeit meist nichts weiter ist als ein Ablenkungsmanöver, damit man nicht hinter die Fassade schaut. Aber genau das tue ich, Woche für Woche, seit ich Rachegöttin bin. Nicht immer findet sich dahinter ein Mann, der meinen Kuss verdient, aber immer einer, der lügt, betrügt oder Frauen wie Dreck behandelt.

Auch bei einem, der so unglaublich sympathisch aussieht wie er.

Hastig drehe ich mich um und laufe davon.

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Arden

Ich streife durch das Verbindungshaus der Vestalinnen. Dabei sehe ich mich immer wieder nach ihr um, bis ich mich dabei ertappe und es mir verbiete. Ich sollte lieber nach Carson und den anderen suchen.

Halbherzig nach ihm Ausschau haltend, setze ich meinen Weg fort. Vielleicht wäre es auch ein guter Zeitpunkt, um von hier zu verschwinden. Es ist noch nicht so spät, ich könnte es sogar noch für eine Stunde in die Bibliothek schaffen.

Ich muss über mich selbst lachen. Wenn Carson wüsste, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, jetzt noch zu lernen, wäre er vielleicht nicht mehr so stolz. Obwohl ich ihm durchaus zutrauen würde, dass er ein Auge darauf hat, dass alle in seinem Team ihre Noten in Ordnung halten. Irgendwie traue ich ihm fast alles zu.

Dass ich ihn später mit den beiden Zwillingen sehe, gibt mir recht. Er hat mich und meine Cola jedenfalls nicht gebraucht, um sie alle beide von sich zu überzeugen.

Aber dann runzle ich die Stirn, als beide anfangen, aufgeregt auf ihn einzureden. Ich schlendere zu ihnen hinüber, für den Fall, dass er etwas Beistand braucht.

»Wir müssen was tun, Carson, jetzt, bevor was passiert. Er sollte gar nicht hier sein. Er ist ein richtiger Mistkerl«, sagt eines der beiden Mädchen gerade. Ihre Wangen sind rot und ihre Augen blitzen.

Carson sieht sie verständnislos an. »Wer?«

»Darren Bradford. Schaut aus, als könnte er kein Wässerchen trüben, behandelt seine Freundinnen aber wie Dreck. Und alle anderen auch. Ich dachte, der wäre nach dem letzten Vorfall rausgeflogen. Aber er ist immer noch hier. Ich habe ihn gerade gesehen.« Hektisch sieht sie sich um und schüttelt sich dabei ein bisschen.

Ihre Schwester nickt angewidert.

Carson blickt sie zweifelnd an. »Wird schon nicht gleich was passieren. Sind ja auch viele Leute hier. Er wird sicher nicht vor allen gewalttätig werden.«

»Nein, du verstehst nicht«, sagt das eine Mädchen. »Er hat schon mal versucht, uns was ins Glas zu tun. Drogen. Damit wir uns nicht wehren.«

Etwas in meiner Brust zieht sich zusammen, und in mir sammelt sich Wut. Langsam nähere ich mich und nicke den Mädchen und Carson zu. »Das klingt wirklich übel.«

Das Mädchen mustert mich. »Wir waren nicht die Ersten, bei denen er das versucht hat. Zuletzt hat er ein Mädchen sogar verfolgt, bis er mit ihr allein war, und sie belästigt. Zum Glück konnte er noch rechtzeitig gestoppt werden. Danach wurde er eigentlich rausgeworfen.«

»Vielleicht ist er gar nicht mehr eingeschrieben, sondern kommt nur noch zu den Partys«, sagt das andere Mädchen grimmig. »So oder so, wir müssen etwas tun.«

Ich stimme ihr zu. »Vielleicht können wir dafür sorgen, dass er vom Campus entfernt wird.«

Sie nickt. »Wir sollten die Türsteher warnen, damit sie ihn nicht noch mal reinlassen.« Sie holt ihr Handy raus, tippt kurz auf dem Display herum und zeigt uns dann per Google-Suche ein Bild von ihm.

»Aber vor allem müssen wir ihn und das Mädchen erst mal finden, bevor er ihr noch was antut.«

Alarmiert sehe ich sie an. »Das … Mädchen?« Ohne zu wissen, warum, ahne ich, was sie sagen wird.

»Ja. Ein Mädchen mit langen feuerroten Locken. Deutlich kleiner als er.«

Ich balle die Fäuste. »Wann habt ihr sie mit ihm gesehen und wo?«

»Gerade eben noch. Dort drüben.« Sie deutet auf eine dunkle Ecke. Ich haste schon los, höre nur noch ein paar Wortfetzen von Carson, der ihnen bei der Suche helfen will. Als ich bei der Ecke ankomme, sind sie natürlich nicht mehr dort. Ich dränge mich weiter durch die Menge bis zum Ausgang und am Türsteher vorbei, aber er hat das rothaarige Mädchen nicht rauskommen sehen. Ich schaue mich nach allen Seiten um. Ein Mensch kann doch nicht einfach so verschwinden! Wenn sie vorn nicht rausgekommen sind, müssen sie im Garten sein. Mit großen Schritten bahne ich mir einen Weg zurück durch die Menge und trete durch die Terrassentür. Im Garten ist viel los, aber ich sehe auf den ersten Blick, dass sie nicht hier ist.

»Arden?«

Es ist Carson, der mich von drinnen fragend ansieht. Ich schüttle den Kopf. Er auch. Er bedeutet mir mit einer Handbewegung, dass er drinnen weitersuchen will. Ich nicke. Mein Blick fällt auf eine Hecke ganz am Ende des Gartens. Dort ist nicht viel los. Ein guter Ort, um jemanden zu verschleppen. Ich gehe darauf zu. Ich sehe weder das Mädchen noch diesen Darren, aber dafür einen Typen, ungefähr in meinem Alter. Er kniet vor der Hecke. Irgendetwas ist seltsam an ihm, aber es dauert eine Weile, bis mir auffällt, dass er mit jemandem redet. Bloß ist da niemand.

Nein, das stimmt nicht ganz.

Zu seinen Füßen, fast komplett von ihm verdeckt, sitzt eine fette Ratte.

Ich räuspere mich.

Er sieht zu mir auf. »Willst du irgendwas?«, fragt er, als wäre es völlig normal, was er da macht.

Ich schüttle den Kopf. »Hast du ein Mädchen mit roten Haaren gesehen?«

Er verengt die Augen und steht auf. »Was willst du von ihr?«, fragt er, als hätte er mit einem Mal entschieden, dass Lügen zwecklos ist. »Ein Date?«

Ich würde ihm die Sache erklären, aber ich will nicht noch mehr kostbare Zeit verschwenden. »Klar«, antworte ich. »Sagst du mir jetzt, wohin sie gegangen ist?«

Ein Lächeln breitet sich langsam auf seinem Gesicht aus. »Wenn du mir versprichst, dass du sie nach einem Date fragst. Und am besten auch nach einem Kuss.« Er zwinkert mir vielsagend zu. Dann deutet er wieder nach drinnen. »Sie sind vorn raus.«

Ich fluche innerlich. Dann müssen sie mir gerade durchgerutscht sein, als ich wieder drinnen war. Ich renne sofort los, aber nach ein paar Schritten drehe ich mich noch mal nach dem Typen um. Er sieht mir mit glühenden Augen nach.

Die Ratte auch.

Nein, das muss Einbildung sein.

Egal jetzt. Das Mädchen. Sie braucht dich vielleicht. Ich lege einen Zahn zu, haste auf der anderen Seite aus dem Verbindungshaus und laufe den Weg entlang, zwischen den Studenten hindurch, die von der Party kommen oder gerade hingehen. Gehetzt sehe ich mich nach dem Mädchen um. Und tatsächlich – nur ein paar Meter vor mir sehe ich wilde rote Locken. Das ist sie! Diesen Darren sehe ich nicht.

Erleichtert bleibe ich stehen. Okay. Sie ist ihn wohl rechtzeitig losgeworden. Ich will mich gerade umdrehen und zurück zur Party gehen, als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie sie sich gehetzt umsieht. Dann rennt sie plötzlich los. Fast, als wäre der Teufel hinter ihr her.

Oder dieser Darren.

Im selben Moment sehe ich auf der anderen Seite des Weges ein Stück vor mir jemanden laufen. Könnte dieser Darren sein. Verfolgt der sie etwa doch? Na warte! Ohne lange nachzudenken, laufe ich ebenfalls los. An der nächsten Ecke habe ich sie sicher eingeholt und kann sie fragen, ob alles in Ordnung ist. Und dann ist die Sache erledigt.

An der übernächsten Ecke stelle ich mein Training infrage. Wahnsinn, ist die schnell! Flink außerdem, so wie sie sich zwischen den vielen Menschen hindurchschlängelt, die jetzt immer mehr werden. Und ziemlich seltsame Kostüme tragen. Aber ich habe keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Ich muss dem Mädchen folgen. Wir schlängeln uns zwischen den Menschen hindurch, vorbei am großen Wegweiser.

Dann sind wir plötzlich allein.

Ich bleibe stehen. Nein. Ich bin allein. Wo ist sie hin? Und der Typ, der sie verfolgt hat? Ich schaue hinter mich. In einiger Entfernung sehe ich den großen Wegweiser. Wir sind dort wohl in einen Weg eingebogen, der vom Hauptweg abzweigt. Ich schaue zum Hauptweg hinüber. Dort sehe ich jemanden laufen. Jemanden, der sein Abendtraining absolviert. Jemanden, den ich wohl fälschlicherweise für Darren gehalten habe. Ich sollte umkehren. Sieht so aus, als hätte ich mich geirrt. Aber wenn er sie nicht verfolgt hat, warum ist sie dann so schnell gerannt – und vor allem mit so einer Panik im Gesicht?

Ich sehe mich um. Hohes Gras. Vor mir nur noch Dunkelheit, in einiger Entfernung dahinter, sicher nicht mehr in Hörweite, die Uni. Der Weg vor mir ist nur in unregelmäßigen Abständen beleuchtet. Nicht gerade eine vertrauenerweckende Gegend. Ich erinnere mich an die Worte des Mädchens, dass dieser Darren schon mal jemanden verfolgt hat, bis er mit ihr allein war.

Entschlossen laufe ich noch ein paar Schritte hinein in die Dunkelheit.

»Was soll das?« Eine Stimme hinter mir. Eine verdammt wütende Stimme.

Ich fahre herum.

Das Mädchen mit den roten Locken steht vor mir, im spärlichen Lichtkegel einer Laterne. Ich sollte erleichtert sein, dass es ihr gut geht. Aber ich kann nicht anders, als zu denken, wie verdammt sexy sie aussieht, wenn sie die Hände so in die Seiten stützt und die Wut aus ihren Augen blitzt.

Zur Hölle, Arden, reiß dich zusammen.

»Komm ins Licht«, sagt sie mit fester Stimme.

Ich gehorche und mache ein paar Schritte nach vorn, bis sie mich sehen kann.

Ihre Augen weiten sich. »Du bist doch der von der Party!«

Das klingt nicht gerade begeistert. Also war das vorhin wohl doch eine Abfuhr.

»Sorry.« Ich hebe beschwichtigend die Hände. »Ich wollte dich nicht erschrecken. Es ist nur … angeblich laufen hier auf dem Campus manchmal merkwürdige Typen rum.«

Sie sieht mich vielsagend an. »Das kann ich bestätigen.«

Ich muss grinsen. »Ich wollte nur sichergehen, dass dir niemand folgt.«

Sie schnaubt belustigt. »Du meinst, niemand außer dir?«

Ein Lachen steigt in mir auf. »Ich meinte, merkwürdige Typen, die dir … an die Wäsche wollen.«

Ihre Mundwinkel zucken. »Ich auch.«

»Nein, ich …« Shit. Ich sehe ihr schon an, dass sie mir auch den nächsten Satz im Mund umdrehen wird. Trotzdem kann ich nicht anders. »Ich meinte, wenn du willst, begleite ich dich ein Stück.«

»Das dachte ich mir schon fast.« Ihre Augen blitzen amüsiert, keine Spur mehr von Zorn.

Ich öffne den Mund.

»Ja?« Sie legt den Kopf schief. »Komm schon. Rede dich nur weiter um Kopf und Kragen.«

Ein Lachen entkommt mir.

Ihr auch. »Sorry, das hat einfach zu viel Spaß gemacht.«

»Jap«, antworte ich sofort. »Ich heiße übrigens Arden.«

»Erin«, antwortet sie.

Unsere Blicke treffen sich. Ihr Lächeln verschwindet. Sie wird schlagartig ernst. »Ich komme allein klar, okay?« Sie will sich abwenden.

»Warte«, sage ich. »Jemand hat dich auf der Party mit diesem Darren Bradford gesehen. Ich dachte, dass er dich vielleicht verfolgt, und wollte dich warnen.«

Sie sieht mich merkwürdig an. »Deswegen bist du mir nachgelaufen?«, fragt sie leise. »Das war ziemlich … nett von dir.« Sie wirkt abwesend, aber dann sieht sie mich plötzlich entschlossen an. »Wie du siehst, ist er weg. Du kannst also verschwinden. Ich hab es eilig.«

»Klar. Wenn du das willst, kein Problem. Nur … ich will wirklich nicht aufdringlich sein, aber wenn dieser Darren es auf dich abgesehen hat, könnte es sein, dass er hier noch irgendwo rumlungert. Das scheint schon mal vorgekommen zu sein.«

»Keine Sorge, mit dem werde ich schon fertig.«

»Bist du sicher?« So schnell, wie sie gelaufen ist, traue ich ihr alles Mögliche zu. Aber dieser Darren ist fast doppelt so groß wie sie. Na gut, das ist vielleicht übertrieben. Aber zumindest kräftemäßig ist er ihr sicher deutlich überlegen.

Einen Augenblick lang wird ihr Gesicht weich, aber so schnell, wie der Ausdruck gekommen ist, ist er auch wieder verschwunden.

»Ich brauche deine Hilfe nicht, okay?« Sie dreht sich um, aber bevor sie geht, schaut sie noch mal über die Schulter. »Wage es ja nicht, mir zu folgen! Ich habe den schwarzen Gürtel. In Kung-Fu.« Damit verschwindet sie in der Dunkelheit.

Und ich sollte froh darüber sein. Das macht alles so viel leichter. Trotzdem dauert es einen Moment, bis ich mich aufraffen kann, zur Party zurückzulaufen.

Ich drehe mich um, will losgehen.

Aber vor mir, direkt auf dem Asphalt, sitzt eine riesige Ratte und starrt mich mit rot glühenden Augen an.

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Erin

Wie kann er es wagen, mich zum Lachen zu bringen? Wütend stapfe ich den Weg entlang. Was denkt er sich nur dabei, sympathisch zu sein und mir für ein paar Momente das Gefühl zu geben, er hätte sich wirklich um mich gesorgt? Das ist unmoralisch und unverschämt und … es kann nicht sein, dass er das ernst gemeint hat. Auf keinen Fall. Er wollte nur, was alle Kerle immer wollen. Nichts weiter.

Der Kuss von vorhin fällt mir ein. Das hungrige Glitzern in den Augen von Nummer 132. Sein Bieratem. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf. Ich schiebe die Gedanken weg. Es ist vorbei. Und ich habe ja auch was davon, abgesehen davon, dass ich die Kerle aus dem Verkehr ziehe. Mein Herz schlägt schneller bei dem Gedanken, dass es heute endlich wieder so weit ist, und die alte Sehnsucht steigt in mir auf. Endlich werde ich sie wiedersehen.

Das Pulsieren an meinem Handgelenk lässt mich hochschrecken und vertreibt alle anderen Gedanken aus meinem Kopf.

23 Minuten.

Die Phiole. Ich muss sie endlich abgeben, jetzt.

Dummerweise ist es viel zu weit bis zu unserem Verbindungshaus und dem geschützten Raum im Keller, wo ich Hades sonst immer rufe. Selbst, wenn ich weiter so schnell laufe. Deswegen bin ich auch hierher abgebogen.

Mein Blick schweift über das Bloody Marsh Battlefield, bleibt an der wabernden Dunkelheit über den langen Gräsern hängen. Ich bilde mir ein, unter dem Raunen des Küstenwindes das Plätschern der unzähligen Bäche zu hören, die das Feld durchziehen. Der Wind scheint die Stimmen der Toten mit sich zu tragen.

Niemand ist so wahnsinnig, im Dunkeln dorthin zu gehen.

Außer mir.

Ich zögere nicht länger, sondern verlasse den kleinen Pfad, der halbwegs sicher am Feld entlangführt, und tauche zwischen die Gräser ein. Das Licht der Straßenlaternen bleibt hinter mir zurück, nur das Mondlicht weist mir fahl den Weg. Immer wieder streifen die langen Halme meine Hände, lassen mich zusammenzucken. Es fühlt sich an, als würden sie nach mir greifen. Als würden sie mich tiefer in die Dunkelheit hineinziehen wollen, die über dem Bloody Marsh besonders intensiv zu sein scheint.

Der Grund, warum nie jemand hierherkommt, ich kenne ihn. Ich hasse ihn. Aber jetzt, jetzt brauche ich ihn.

Mit jedem Schritt, den ich tiefer in das Feld hineinmache, wird der Boden unter mir unzuverlässiger. Immer wieder trete ich fast in einen kleinen Bach. Feuchtigkeit kriecht durch meine Schuhe in meine Socken. Aber das ist nichts gegen das, was gleich passieren wird. Gar nichts. Gern würde ich mehrere Tage in nassen Schuhen herumlaufen, wenn ich dafür sofort umkehren könnte, aber das steht nicht zur Debatte.

Meine Hand tut schon weh, so heftig pulsiert jetzt mein Handgelenk. Das Ziffernblatt scheint sich in meine Haut einzubrennen.

Noch 17 Minuten.

Ich bleibe stehen. Im Herzen der Dunkelheit über dem alten Schlachtfeld spüre ich Hades’ Nähe. Ja, hier wird es gehen. Mit zitternden Fingern hole ich die Phiole hervor und halte sie vor mich, als könnte sie mich schützen.

Küss die Dunkelheit.

Wie lange ich gebraucht habe, um herauszufinden, was damit gemeint ist. Ich schließe die Augen. Verlangsame meinen Atem.

Du kannst mich nicht beschwören, niemand kann Hades beschwören. Aber du hast die Macht, die Albträume der Toten zu rufen. Geister. Dort, wo einer Seele etwas Schreckliches passiert, bleiben sie zurück, auch wenn die Seelen als Schatten in den Hades eingehen. Die Geister sind wie Abdrücke in der Wirklichkeit. Denk an mich, wenn du sie beschwörst, und ich werde ihr Rufen als deines erkennen.

Ich nutze die Macht, die ich auch beim Kuss einsetze. Ich küsse die Dunkelheit, als würde ich meine Lippen auf die eines Mannes drücken. Ich überlasse mich ihr ganz. Der Wind wird lauter. Er reißt an meinen Kleidern, fährt mir grob durchs Haar und schmeckt salzig auf meinen Lippen. Das Meer wird wilder, ein Sturm tost wie in jener Nacht der Schlacht, die ich heraufbeschwöre.

Der Sturm war so heftig, dass die Soldaten sich hierherretteten. Hier, auf diesem morastigen Stück Wiese, würden sie eine gnädige Nacht lang ausharren können.

Wellen brechen sich brutal am Strand. Sie bringen Boote mit sich, die fast unter ihrer Wucht zerschellen. Die Boote spucken den Feind aus. Die Spanier, unberechenbare, gefährliche Gegner. Sie stürmen das Lager der englischen Soldaten.

Und aus der ruhigen Nacht wird ein erbarmungsloses Gemetzel.

Schreie werden laut. Waffen klirren. Die Gräser brechen unter der Wut des Kampfes. Die Bäche der Wiese färben sich rot.

Dazwischen ich.

Küss die Dunkelheit.

Mein Verstand weiß, dass es nicht echt ist. Aber ich spüre es, ich erlebe es, als wäre ich mittendrin. Ich gehöre zu niemandem. Ich stehe auf keiner Seite – und damit auf beiden. Jeder Tote, der ins Gras stürzt, gehört zu mir, denn er ist ein Mensch wie ich.

Einer von ihnen kommt auf mich zu. Es ist ein junger Mann. Nein, ein Junge. Viel zu jung, noch ein halbes Kind. Ein Bajonett ragt aus seiner Brust. Entsetzt sieht er mir direkt in die Augen, als könnte er mich sehen. Er fleht mich förmlich mit Blicken an, ihm zu helfen. Es bricht mir das Herz, als er vor mir in die Knie sinkt, aber ich kann nichts tun.

Starr halte ich still, inmitten von Tod und Blut. Fast niemand ist mehr übrig. Sie sind alle gefallen.

Verzweiflung steigt in mir auf. Wird zu Wut.

Küss die Dunkelheit.

Es ist das gleiche Gefühl, das ich spüre, wenn ich eines meiner Opfer küsse. Und es ist die gleiche Hilflosigkeit. Ich kann es nicht mehr steuern. Die Tore der Unterwelt öffnen sich, ob ich will oder nicht, und die Geister drängen nach unten, zu Hades.

Mit aller Macht denke ich seinen Namen.

Hades. Hades.

»Mit den tiefsten Schatten der Nacht reise ich zu dir.«

Ich sage es mit tauben Lippen immer wieder auf, während ich den Soldaten folge. Den Geistern der Toten, den Schatten der Nacht, den Albträumen, die nun vom Schlachtfeld in die Unterwelt ziehen, als hätte die Schlacht gerade erst stattgefunden. Sie gehen zu Hades, zu dem auch ich will. Natürlich gehe ich nicht wirklich hinunter, so wie auch sie nicht wirklich hinuntergehen. Sie sind nur eine Erinnerung, und ihr vergangenes Leid, das ich heraufbeschwöre, ist ein Leuchtfeuer für Hades, damit er mich findet.

Mit den tiefsten Schatten der Nacht reise ich zu dir. Hades. Höre mich. Höre die Geister.

Noch zwölf Minuten.

Hades.

Komm schon!

Ich blicke starr in die undurchdringliche Schwärze.

Wo bleibt er nur? Noch nie habe ich die zehn Minuten unterschritten. Und auch jetzt ist es nicht meine Schuld, dass es vielleicht bald das erste Mal ist. Ich bin hier! Aber wenn er so lange braucht, dass die Deadline verstreicht, lässt er das nicht als Entschuldigung gelten. Ich lache bitter. Nein, bestimmt nicht.

Da, endlich, verdichtet sich die Dunkelheit. Tiefschwarze Grausamkeit schlägt mir entgegen, so heftig, dass ich glaube, blind zu sein.

Er ist hier.

Mein ganzer Körper schreit, dass ich davonlaufen soll. Aber ich bleibe. Es ist zu spät, um wegzulaufen. Ungefähr zweieinhalb Jahre.

Die Dunkelheit wabert, Töne vibrieren in ihr. Sein leises Lachen. Als würde es ihm Spaß machen, dass ich so spät dran bin, und als wäre das alles für ihn bloß ein Spiel. Hass steigt in mir auf. Aber eins muss man ihm lassen: Einen effektvollen Auftritt hat er echt drauf.

»Hier!«, stoße ich hervor und strecke ihm die Phiole entgegen. Sie löst sich auf. Das bläuliche Schimmern flackert, dehnt sich aus und verflüchtigt sich dann irgendwo in der absoluten Finsternis.

Warten. Mein Herz klopft schmerzhaft in der Brust. Vor Freude. Vor Sehnsucht. Jetzt. Zeig sie mir jetzt. Ich starre so intensiv in die Dunkelheit, dass mir die Augen davon wehtun. Sie muss auftauchen. Die Finsternis wird leuchten, und dann wird sie vor mir stehen.

»Jenna.« Ich flüstere ihren Namen in die Nacht wie ein Flehen.

Jenna. Wo bist du?

Die Finsternis zerplatzt. Ihre Scherben dringen in meinen Mund, meine Nase, meine Seele.

»Nein!«, schreie ich. Ich springe auf. Meine Hände greifen nach der Dunkelheit, aber ihre Reste zerrinnen zwischen meinen Fingern. »Jenna!«

Wut und Panik vermischen sich in mir. »Das darfst du nicht!«, brülle ich. »Du musst sie mir zeigen. Du musst mich mit ihr reden lassen! Zeig sie mir. Zeig mir meine Schwester!« Mein ganzer Körper schreit, lehnt sich in den tosenden Wind, fällt nach vorn, auf die Knie.

Wasser dringt in meine Jeans. Ich vergrabe die Hände im Matsch.

Jenna. Jetzt erst wird mir bewusst, wie sehr ich es brauche, jede Woche mit ihr zu reden. Nur ein paar belanglose Worte, nur ein paar liebevolle Blicke. Nur deswegen halte ich das alles aus. Das ist das Einzige, was ich wirklich davon habe, eine Rachegöttin zu sein. Alles andere bedeutet mir nichts. Nicht die Kräfte, die ich sowieso für nichts einsetzen kann, außer um meinen Job zu machen. Nicht die ewige Jugend. Nur Jenna. Nur für sie tue ich das alles.

Seit jener Nacht vor zweieinhalb Jahren habe ich sie immer einmal in der Woche gesehen. Und jetzt nicht? Das darf nicht sein.

Der Schrei eines Raben zerschneidet die Luft über mir. Meine Wut zerfällt zu einem hilflosen Schluchzen, das sich in meiner Kehle bildet. Aber ich lasse es nicht heraus. Ich werde nicht weinen. Nicht hier. Nicht an diesem Ort, der ihm gehört.

Niemals wird er mich weinen sehen.

Ich hebe das Kinn und atme tief durch. »Du hast mir versprochen, dass ich Jenna sehen darf.«

Es ist ein Versehen. Ein Fehler. Bestimmt. Hades ist nicht perfekt und schon gar nicht allwissend. Das war schon einmal mein großes Glück. Und heute eben mein Pech.

Langsam löse ich meine steifen Finger aus dem Matsch und stehe auf. »Das lasse ich nicht zu«, sage ich in die Dunkelheit. »Ich werde sie sehen.«

Es ist ganz leicht. Ich muss nur ein weiteres Opfer heranschaffen, dann wird er mir Jenna wie immer zeigen. Ich zweifle nicht daran, trotzdem fühlt es sich fast unmöglich an, das Schlachtfeld hinter mir zu lassen und einfach zu gehen, ohne Jennas Stimme gehört zu haben. Ohne diesen Blick auf mir zu fühlen, diesen Große-Schwester-Blick, der mir sagt, dass alles in Ordnung ist, solange wir zusammen sind.

In mir wächst die Sehnsucht, wenigstens Summers Stimme zu hören. Meine kleine Schwester. So lange habe ich nicht mit ihr geredet. Ich könnte sie anrufen. Aber ich traue mich nicht. Ich traue mich ja nicht mal, ihr Nachrichten zu schreiben. Nicht vom Handy, nicht von meinem Laptop aus. Wer weiß, was Hades alles kontrolliert und überwacht. Summer ist dort, wo sie ist, in Sicherheit, und das kann ich nicht aufs Spiel setzen.

Hades hat Jenna, aber er hat keine Ahnung, wo Summer ist. Und das darf sich niemals ändern.

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Arden

Die Ratte starrt mich an.

Ich versuche, sie niederzustarren. Mit mäßigem Erfolg. Genau genommen ohne.

Sie kommt näher.

Okay. Denk nach. Ratten fallen nicht einfach so Menschen an.

Tollwütig sieht sie auch nicht aus. Vielleicht stehe ich nur zwischen ihr und ihrem Nest oder so was. Ich lasse sie vorbei, und dann vergessen wir das Ganze. Ich mache einen Schritt nach rechts. Die Ratte auch.

»Was willst du bloß?« Fuck. Jetzt bin ich schon wie der Typ vorhin im Garten und rede mit Ratten.

Mann. Ich wünschte, ich wäre der Typ! Der hat ausgesehen, als könnte er gut mit Ratten umgehen. Hey, ob er sie mir auf den Hals gehetzt hat? Moment, was denke ich denn da? Ein Typ, der mir Ratten auf den Hals hetzt? Ich glaube, ich werde langsam irre.

Ich werde einfach an dieser Ratte vorbeigehen. Betont cool schlendere ich auf die Ratte zu. Immer noch sehr cool mache ich einen kleinen Bogen um sie herum.

Sie springt mich an.

Gar nicht so cool mache ich einen erschrockenen Satz.

Geduckt kauere ich auf dem Weg. Die Ratte und ich fixieren einander. Die Bäume über uns rascheln, ein Rabe krächzt.

Dann dreht die Ratte sich plötzlich um und haut ab.

Ich ignoriere, dass mein Herz doch etwas schneller schlägt und auch, dass ich mich ziemlich lächerlich fühle, weil ich Erin gerade eben noch meinen Begleitschutz angeboten habe – und jetzt habe ich nur knapp gegen eine Ratte gewonnen. Das dumme Gefühl, dass die Ratte mich ganz ohne mein Zutun vom Haken gelassen hat, dass sie mich vielleicht gar nicht angreifen wollte, schiebe ich mal beiseite.

Ich atme tief durch, kratze zusammen, was von meiner Würde noch übrig ist und mache mich auf den Weg zurück zur Party. Ohne wirklich darüber nachzudenken, schaue ich dort noch einmal in den Garten, aber der Braunhaarige ist samt Ratte verschwunden.

Okay. Sicher habe ich mir alles nur eingebildet. Kein Ding.

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