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Glutvoll geküsst und eiskalt verführt?

1. KAPITEL

„Es ist mir eine große Freude, Ihnen heute Madeline Holland vorstellen zu dürfen. Ab sofort wird sie als verantwortliche Managerin mit Sitz in Sydney für die Premier Hotels Group zuständig sein.“

Nachdem der wohlwollende Applaus verklungen war, schaute der Vorsitzende der Konferenz über seine Lesebrille zu Madeline. „Bitte erzählen Sie uns ein wenig von Ihnen, meine Liebe. Ich weiß, dass Sie lange für Global Hospitality gearbeitet haben und …“

Madeline erwiderte sein Lächeln, strich ihren dunkelroten Kostümrock glatt und wollte gerade aufstehen, als die Tür aufflog und mit einem Knall gegen die Wand prallte.

Alle Anwesenden wandten sich dem Störenfried zu. Neben Madeline saß ihre beste Freundin Kay, die als Regionalmanagerin der Hotelgruppe hier in Queenstown, Neuseeland, auch für die Sicherheit zuständig war. Madeline spürte, dass Kay sofort bereit war einzugreifen, falls es nötig sein würde.

In der Tür stand ein großer, schlanker, elegant gekleideter Mann, der einen Aktenstapel in der Hand hielt. Madeline stockte der Atem, als sie ihn sah, und ihre Knie begannen zu zittern. Denn mit eben jenem Mann hatte sie gestern eine heiße Nacht verbracht.

Sein dunkelblondes Haar trug er relativ lang, seine Nase war markant, seine Oberlippe eher sinnlich, und der Dreitagebart unterstrich seine lässig-elegante Erscheinung. Madelines Lächeln gefror regelrecht, als sie an die leidenschaftliche Nacht mit ihm zurückdachte. Sie erinnerte sich genau an das Funkeln seiner grünen Augen, die jetzt glücklicherweise hinter einer Sonnenbrille verborgen waren.

Oh nein, dachte sie und sank auf ihrem Stuhl zurück. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Ob er gewusst hatte, wer sie war? Vielleicht hatte er sich schon in der Nacht vorgenommen, hier in dieses Meeting zu platzen. Und sie hatte nichts davon gemerkt, sondern war in seinen Armen vor Lust vergangen.

Auf ihrem Stuhl machte sich Madeline so klein wie möglich.

Ehe der Mann den Raum betrat, schien er die Versammlung mit einem kurzen, abschätzenden Blick zu überfliegen. „Guten Tag, Ladies und Gentlemen“, begann er ohne Umschweife. „Mein Name ist Lewis Goode.“ Er verteilte die Akten an die Anwesenden, und Madeline sah betreten zu Boden. Sie hoffte inständig, dass er sie nicht ansprach. Ihr Herz klopfte wie wild bei dem Gedanken, dass er sie mit einem anzüglichen Lächeln, einer schlüpfrigen Bemerkung vor allen anderen bloßstellen konnte.

Doch nachdem er die Akten losgeworden war, ging er zum Vorsitzenden, reichte ihm die Hand, lächelte gewinnend und setzte sich auf einen freien Platz. Dort nahm er die Sonnenbrille ab, steckte sie in seine Jacketttasche, sah auf und musterte die Anwesenden. „Es gibt einige unter Ihnen, die mich bereits kennen.“

Den Vorstandsvorsitzenden, die auf den Plätzen direkt neben ihm saßen, warf er ein Lächeln zu, dann schaute er zum Rest der Belegschaft.

Madeline rutschte noch tiefer. Sie umklammerte die Tischkante, als müsste sie sich vor dem Ertrinken retten. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Eigentlich wäre sie ja noch nicht einmal hier gewesen, ebenso wie Kay, denn sie beide gehörten nicht zur obersten Führungsriege des Unternehmens. Doch da Kay dieses Jahrestreffen hier in Queenstown organisiert hatte, hatte sie darum gebeten, teilnehmen und Madeline als jüngstes Mitglied im Management vorstellen zu dürfen.

„Für diejenigen, die mich noch nicht kennen, hier einige Informationen“, fuhr Lewis Goode fort. „Ich halte ab sofort die Aktienmehrheit an der Premier Hotels Group und fungiere somit von jetzt an als alleiniger Geschäftsführer.“

Verblüffung zeichnete sich auf einigen Gesichtern ab, doch die meisten der Direktoren wirkten gleichmütig. Madeline hingegen schlug die Hand vor den Mund, um nicht entsetzt aufzuschreien.

Sie hatte mit ihrem neuen Chef geschlafen!

„Gestern Morgen hat das australische Kartellamt der Übernahme zugestimmt, die ich seit einem Jahr geplant habe“, sprach er weiter. „Denjenigen im Vorstand, die mich unterstützt haben, möchte ich danken. Jenen, die das nicht getan haben …“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause. „Jenen, die das nicht getan haben, möchte ich mitteilen, dass ich nichts mehr schätze als Loyalität. Und zwar mir gegenüber. Falls Sie diese Loyalität nicht leisten können, sollten Sie mich umgehend davon in Kenntnis setzen. Ich werde dann dafür sorgen, dass Sie eine ordentliche Abfindung erhalten.“

Die Blicke richteten sich neugierig auf die Vorstandsvorsitzenden, doch deren Mienen blieben undurchdringlich.

„Wie Sie alle wissen“, sagte Goode, „gibt es bei einer Firmenübernahme immer auch Umstrukturierungen. Ich werde alles einer eingehenden Prüfung unterziehen. Ebenso müssen sich alle Manager erneut um ihren Job bewerben.“

Kay wandte sich zu Madeline und sah sie entschuldigend an. Schließlich hatte Madeline einen ziemlich guten Job aufgegeben, um für Premier Hotels zu arbeiten. Was Kay natürlich nicht wissen konnte, war, dass sie an mehr schuld war als an Madelines Jobwechsel. Denn sie hatte, ohne es zu wollen, für das magische Zusammentreffen von Madeline und Lewis gesorgt.

Für eine unvergessliche Nacht …

„Das trifft allerdings nicht auf meinen Vorgänger Jacques de Vries zu, der das Unternehmen sofort zu verlassen hat.“ Unruhe breitete sich im Rau aus, denn Jacques de Vries war der Gründer dieser internationalen Hotelkette und so etwas wie eine Galionsfigur für die Hotels. Lewis machte erneut eine Pause und sah Madeline direkt in die Augen. „Und Madeline Holland wird wie vorgesehen ihren Posten als Managerin der australischen und neuseeländischen Hotels antreten.“

Madeline atmete tief durch, und Kay sah lächelnd zu ihr hinüber. In ihrer Miene stand deutlich Erleichterung zu lesen, und Madeline wusste genau, was das zu bedeuten hatte. Vermutlich wäre es Kay zu peinlich gewesen, die Freundin nach zwölf Jahren Abwesenheit wieder nach Neuseeland gelockt zu haben, um dann mit ansehen zu müssen, wie sie sofort gefeuert wurde.

Wie gut, dass Kay nichts ahnt, dachte Madeline verzweifelt. Wie soll ich aus diesem Schlamassel je wieder rauskommen?

Sie fühlte Lewis’ Blick immer noch auf sich ruhen und wäre am liebsten davongelaufen.

Lewis lächelte schwach, als könnte er ihre Gedanken lesen. „Ihnen eilt ein guter Ruf voraus, was Organisation und Verwaltung betrifft, Miss Holland“, sagte er. „Ihre erste Aufgabe wird darin bestehen, die Zentrale von Premier Hotels von Singapur nach Sydney zu verlagern. Ich freue mich auf eine enge Zusammenarbeit mit Ihnen.“

Kay stieß sie an und lächelte, doch Madeline war immer noch wie benommen von den Gefühlen, die sein Blick und sein Lächeln bei ihr auslösten. Ihr war auch nicht entgangen, dass er die Worte „enge Zusammenarbeit“ besonders betont hatte. Ganz abgesehen davon, dass er sich jetzt endgültig verraten hatte: Wenn er wusste, dass sie in Fachkreisen einen guten Ruf besaß, dann war ihm vergangene Nacht auch klar gewesen, mit wem er ins Bett ging.

Nach außen hin bemühte sie sich, gelassen zu wirken, aber unterschwellig bahnte sich Wut ihren Weg, trotz aller Ängste, die sie gerade durchstand.

Endlich wandte Lewis den Blick von ihrem erhitzten Gesicht. „Ich freue mich auch darauf, Sie alle besser kennenzulernen. Unsere Jahreskonferenz, die wir in den nächsten Tagen in diesem wunderbaren Eckchen Neuseelands abhalten, wird mir dazu Gelegenheit geben. Jetzt allerdings würde ich mich gern mit den Aufsichtsräten beraten und bitte die anderen Teilnehmer, uns zu entschuldigen.“

Stühle wurden gerückt, es gab Geflüster, als diejenigen, die nicht dazugehörten, aufstanden, ihre Aktentaschen und Papiere nahmen und den Raum verließen. Madeline senkte den Kopf und zwang sich, auf dem Weg nach draußen nicht zu drängeln. Glücklicherweise wurde Kay sofort von einigen Kollegen in Beschlag genommen, sodass Madeline Zeit hatte, sich zu sammeln.

Die Angestellten drängten sich um Kay. „Wussten Sie davon?“

Kay schüttelte den Kopf. „Ich hatte Gerüchte gehört, aber niemand hat erwartet, dass es so schnell geht.“

Madeline lehnte sich gegen die Wand, ohne dem Stimmengewirr allzu viel Beachtung zu schenken. Aufgeregt erkundigten sich die Mitarbeiter nach den wenigen Details, die schon bekannt waren. Wie hatte es passieren können, dass der mächtige Jacques de Vries derart ausgebootet wurde?

Der ehemalige Firmenchef war Madeline herzlich egal. Dafür hätte sie gern gewusst, was sich der neue Boss dabei gedacht hatte, mit ihr ins Bett zu gehen. Ohne es zu wollen, stiegen die Bilder der leidenschaftlichen Nacht vor ihr auf. Immer noch spürte sie den warmen, durchtrainierten Männerkörper unter ihren Händen, und die Erinnerung an die Liebesnacht mit ihm sandte einen heißen Schauer über ihren Rücken.

Um möglichst niemandem aufzufallen, drückte sie sich an die Wand, während sie fühlte, wie ihre Brustspitzen sich zusammenzogen. Achtundzwanzig Jahre war sie alt und stand dennoch hilflos da, schamerfüllt und ohne jedes Selbstvertrauen. Unwillkürlich dachte sie an eine andere Episode in ihrem Leben, die schließlich dazu geführt hatte, dass sie vor zwölf Jahren ihre Mutter, ihre Freunde und ihre Heimatstadt verlassen hatte. Madeline hatte hart an sich gearbeitet, um das beständige Gefühl der Wertlosigkeit und Unsicherheit loszuwerden. Eigentlich hatte sie geglaubt, damit erfolgreich gewesen zu sein.

Bis Lewis Goode gekommen war und sie verführt hatte.

Kay löste sich aus der Gruppe und kam zu ihr. „Ich brauche einen Drink“, murmelte sie. „Gehen wir in mein Büro oder an die Bar?“

„In dein Büro“, erwiderte Madeline sofort. Bloß nicht mit anderen Leuten reden müssen!

„Es tut mir leid, Honey“, sagte Kay. „Ich hatte keine Ahnung, dass so etwas passieren würde.“ Sie blieb am Schreibtisch ihrer Sekretärin stehen und sah Madeline an. „Möchtest du Chardonnay?“

Madeline nickte, und Kay bat die Sekretärin, eine Flasche und zwei Gläser von der Bar zu holen. Danach ging sie mit Madeline in das Büro.

„Ich hätte dich warnen müssen, dass etwas im Busch ist“, gab Kay zu.

Scheinbar ungerührt zuckte Madeline die Achseln. Sie war ihrer alten Schulfreundin viel zu dankbar, denn während sie selbst die Karriereleiter erklommen hatte, war es Kay gewesen, die sich um Madelines Mutter gekümmert hatte. Irgendwann später hatte die Freundin bemerkt, dass die alte Frau an Alzheimer litt, und Madeline schließlich zur Rückkehr bewegt. Kay hatte auch dafür gesorgt, dass Madelines Mutter in ein betreutes Wohnheim kam.

Nun ließ sich Kay auf den Schreibtischsessel sinken und lud Madeline mit einer Handbewegung ein, sich ebenfalls zu setzen. „Ich hätte gedacht – wie übrigens alle anderen auch –, dass Jacques de Vries sich das Heft niemals aus der Hand nehmen lässt. Er hat das Unternehmen ja gegründet.“ Kay nahm ihr Handy und begann in Windeseile eine SMS zu tippen. „Offensichtlich stand der Aufsichtsrat nicht mehr hinter ihm.“

Madeline hatte den Firmengründer nie kennengelernt, aber sein Name war in der Hotelindustrie legendär. Die Premier Hotels Group operierte zum größten Teil in Australien, Neuseeland und Asien, doch es gab auch ein paar Hotels in den Vereinigten Staaten, wo sich auch der Firmensitz ihres ehemaligen Arbeitgebers Global Hospitality befand.

Kay lächelte. „Du bist bestimmt erleichtert, dass du dich nicht noch einmal bewerben musst. Ich frage mich, ob das auch für die Regionalmanagerin gilt.“

„Keine Ahnung“, bemerkte Madeline. „Erzähl mir was über Lewis Goode.“ Denn was wusste sie schon von ihm? Sie kannte seinen Blick voller Verlangen, den Duft seiner Haut, die Lust, die seine erfahrenen Finger, sein verführerischer Mund ihr bereiten konnten. „Ich habe seinen Namen schon mal gehört.“ Allerdings nicht letzte Nacht. „Mir war nicht bewusst, dass er auch in Hotels investiert.“

„Hat er bis jetzt auch nicht, soweit mir bekannt ist.“ Kay wies auf einen Stapel Wirtschaftsmagazine, die auf dem kleinen Konferenztisch lagen. Madeline langte hinüber, nahm ein paar und blätterte darin.

Schon auf dem zweiten Titel entdeckte sie das markante Gesicht von Lewis Goode. Anscheinend las sie die falschen Zeitschriften. Denn dieses Gesicht hätte sie bestimmt nicht vergessen.

„Er führt ein ganzes Firmenkonglomerat“, berichtete Kay. „Das bekannteste seiner Unternehmen ist Pacific Star Airlines. Er hat die Fluglinie vor fünf Jahren fast umsonst bekommen, und jetzt ist sie die zweitgrößte im pazifischen Raum.“

Madeline zwang sich, ihren Blick von dem Titelfoto zu lösen, schlug die Zeitschrift auf und suchte den Artikel. Wahrscheinlich war ihr Lewis Goode nur entgangen, weil sie in einem anderen Teil der Welt gearbeitet hatte. Und für den Job bei Premier Hotels hatte sie sich vor weniger als einem Monat beworben.

Woher wusste er also, wer sie war? Und weshalb hatte er sich ihr nicht vorgestellt? Doch sie wusste, weshalb. Ihr Zusammentreffen in dem verschneiten Chalet, das zur Hotelanlage Alpine Fantasy gehörte, hatte etwas Magisches gehabt. Sie hatten verabredet, den Zauber dieser einen Nacht nicht durch so profane Dinge wie Namen oder Titel zu zerstören. Es war ein Spiel gewesen, doch Lewis Goode hatte geschummelt. Was hatte er davon? Es schien ihr so billig, und sie hatte nicht die geringste Lust, ihm bei der Firmenübernahme behilflich zu sein.

Genau genommen befand sie sich in keiner beneidenswerten Situation. „Hoffentlich spielt er mit seinen Flugzeugen und überlässt das Hotelgeschäft den Leuten, die etwas davon verstehen“, meinte sie.

„Ich habe gehört, er soll ziemlich gut sein und die Dinge gern selbst in die Hand nehmen“, erwiderte Kay.

Wenn du wüsstest, dachte Madeline.

„Ich sollte mir Sorgen um mich machen“, fuhr Kay grimmig fort. „Unter uns, Madeline – und weil du ja jetzt meine neue Chefin bist: Wir müssen uns hier ziemlich nach der Decke strecken. Bete für eine grandiose Skisaison.“

Madeline hörte für einen Moment auf, sich selbst zu bemitleiden, und versuchte zu begreifen, was die Freundin ihr gerade gesagt hatte. Beide Frauen hatten sozusagen bei null angefangen und sich über die Jahre hochgearbeitet. In ihrer Freizeit hatten sie studiert, um beruflich voranzukommen. Madeline war dann ins Ausland gegangen, um in einer anderen Hotelkette Berufserfahrung zu sammeln. Dort machte sie die Jobs, die sonst keiner haben wollte, und ihre Erfolge verhalfen ihr zu raschen Sprüngen auf der Karriereleiter. Nach zehn Jahren war Kay hier in Queenstown Regionalmanagerin geworden, und das, obwohl sie ein Jahr ausgesetzt hatte, als ihre Zwillinge geboren wurden.

„Selbst wenn die Hotelgruppe in Schwierigkeiten steckt, kann er doch nicht einfach das Touristenzentrum Neuseelands aufgeben“, sagte Madeline.

Queenstown war zu allen Jahreszeiten ein beliebter Ort für Abenteuertouristen. Es gab daher unzählige Unterkünfte der verschiedensten Kategorien. Premier besaß mit seinen Hotels Waterfront, Lakeside und Mountainview Häuser an den begehrtesten Plätzen der Stadt. Als Madeline und Kay damals ins Hotelfach gegangen waren, hatten die drei Premier-Hotels direkt neben den Namen der besten Arbeitgeber in Queenstown gestanden.

Die Tür wurde geöffnet, und die Sekretärin trat ein. Sie trug ein Tablett mit einer Flasche Chardonnay sowie zwei Gläsern. „Draußen ist ein Mr. Lewis Goode, der Sie sprechen möchte“, berichtete sie. „Allerdings hat er keinen Termin.“

Madeline hob abrupt den Kopf. Er war hier? Sie sprang sofort auf und schaute sich nach einem Fluchtweg um.

Kay atmete tief durch. „Gut, Felicity. Bringen Sie noch ein Glas.“

Als die Sekretärin den Besucher hineinbat, kam Lewis geradewegs auf Kay zu und reichte ihr mit einem angedeuteten Lächeln die Hand. Madeline stand nervös daneben und rieb ihre feuchten, kalten Hände am Stoff ihres Kostüms.

„Ich wollte Sie treffen, bevor die Konferenz beginnt“, sagte Lewis zu Kay. „Soweit ich weiß, organisieren Sie dieses Event.“

„Ja.“ Kay wirkte fast entspannt. „Das ist eines meiner vielen Talente. Haben Sie Madeline Holland schon offiziell kennengelernt?“

Er wandte sich Madeline zu, und sofort begann ihr Herz wie wild zu schlagen. Doch als sie in seine grünen Augen blickte, war da kein Abglanz der vergangenen Leidenschaft zu entdecken. Kühl und abschätzend musterte er sie und lächelte knapp, als amüsierte ihn etwas.

„Nein, nicht offiziell“, erwiderte er und streckte die Hand aus. „Madeline.“

Zögernd reichte sie ihm die Rechte, weil sie genau wusste, dass sich ihre Finger vor Nervosität ganz kalt anfühlten. Seine Haut dagegen war warm und trocken, und sein Händedruck war fest. Als er ihre Hand freigab, meinte Madeline, die Berührung immer noch zu spüren.

„Sie haben zehn Jahre lang für Global Hospitality gearbeitet?“, fragte er.

Madeline nickte, weil sie wahrscheinlich nur ein Krächzen herausgebracht hätte.

„Wieso sind Sie zu Premier gewechselt?“, wollte er wissen.

„Ich …“ Madeline schluckte, um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. „Ich wollte wieder in der Nähe meiner Heimat sein.“

Er runzelte die Stirn. „Heimat?“

„Meine Mutter lebt hier in einem Pflegeheim.“

„Madeline und ich sind zusammen aufgewachsen“, erklärte Kay. „Wir haben sogar gemeinsam als Zimmermädchen hier im Premier Waterfront Hotel angefangen, als wir sechzehn waren.“

Lewis warf Madeline einen erstaunten Blick zu. „Das wusste ich nicht.“

Die Tür zum Büro wurde geöffnet, und Kays Sekretärin trat ein, um das dritte Weinglas zu bringen.

„Ich hoffe, dass Sie ein Glas Chardonnay mit uns trinken“, lud Kay ihn ein. „Wir wollten auf Madelines Heimkehr anstoßen.“

Ein paar Sekunden lang hoffte Madeline inständig, dass er ablehnen würde. Doch dann wandte er sich lächelnd an Kay. „Wenn Sie mich nicht als Eindringling empfinden, gern.“

„Überhaupt nicht.“ Schwungvoll nahm Kay die Weinflasche und begann einzuschenken, während Madeline hilflos auf die goldfarbene Flüssigkeit starrte, die in die Gläser rann. Sie musste sich zwingen, nicht ständig zu Lewis zu schauen, und sie fragte sich, ob auch Wölfe mit ihrer Beute spielten wie Katzen, ehe sie zum tödlichen Biss ansetzten.

„Genießen Sie Ihre Heimkehr, Madeline?“, erkundigte sich Lewis höflich. Doch in ihren Ohren klang seine Frage mehrdeutig, denn er sprach ihren Namen mit einem sinnlichen Unterton aus. Obwohl sie den Namen Madeline immer altmodisch und verstaubt gefunden hatte, gefiel er ihr auf einmal beinahe.

Doch dann begriff sie, was er eigentlich meinte: Hattest du Spaß letzte Nacht, Madeline?

Anscheinend hatte er vor, sich auf ihre Kosten zu amüsieren. Das würde sie sich nicht gefallen lassen. Energisch hob sie den Kopf.

Kay reichte ihnen je ein Weinglas und warf Madeline einen fast vorwurfsvollen Blick zu. Offenbar fragte sie sich, weshalb die Freundin so verstockt schwieg. Krampfhaft umklammerte Madeline den Stiel ihres Weinglases und wünschte, die Erinnerung an Lewis’ Händedruck würde endlich verblassen.

Kay hüstelte. „Bleiben Sie zur Konferenz, Mr. Goode?“

Lächelnd wandte sich Lewis von Madeline zu Kay. „Nennen Sie mich Lewis, bitte. Ja, ich bleibe für die gesamte Dauer der Konferenz.“

„Queenstown ist ein Ort, an dem gestresste Manager aus aller Welt neue Energie tanken“, erläuterte Kay lächelnd. „Ich jage die Konferenzteilnehmer auf ein paar ziemlich wilde Abenteuertrips. Meine persönliche kleine Rache an der gesamten Chefetage.“

Lewis erwiderte ihr Lächeln. „Dann sollten wir das Angebot annehmen, Madeline, oder?“

„Ich habe zurzeit Urlaub“, erwiderte sie steif und nippte an ihrem Wein. „Mein Arbeitsvertrag beginnt am Ersten des nächsten Monats.“

Sein Lächeln war höflich, doch seine Stimme klang unnachgiebig, als er sagte: „Aber für die Jahreskonferenz werden Sie doch sicher Zeit haben, nicht wahr?“

Am liebsten hätte sie scharf gekontert, doch sie kniff und fand sich gleichzeitig feige. Stumm stand sie dabei, während Kay und Lewis sich unterhielten. All ihre Träume von einer triumphalen Heimkehr, von Karriere und Glück zerplatzten. Wenn herauskam, dass sie mit dem Boss geschlafen hatte, dann konnte sie in Queenstown niemandem mehr in die Augen sehen, ganz zu schweigen von ihren Untergebenen im Büro in Sydney.

Lewis genoss Madelines Unbehagen, während er mit einem Ohr Kays Geplapper zuhörte.

Seiner Meinung nach war Madeline Holland eine erstklassige Schauspielerin. Selbst in den leidenschaftlichsten Momenten hatte sie nicht erkennen lassen, dass sie wusste, wer er war. Jacques hatte seine Spionin gut ausgewählt.

Doch etwas anderes hätte er von Jacques de Vries auch gar nicht erwartet. Denn der Patriarch war der Konkurrenz immer einen Tick zuvorgekommen – bis heute Morgen.

Lewis nippte zufrieden an seinem Wein und freute sich an seinem Erfolg, den er seit zwei Jahren geplant und für den er hart gearbeitet hatte. Die meisten der Aufsichtsräte hatte er schon vor Monaten ins Boot geholt, doch dann hatte er erst mal abwarten müssen, bis die Kartellbehörde der Firmenübernahme zustimmte.

Als er daran dachte, wie entgeistert und wütend Jacques gewesen war, lächelte er unwillkürlich. Lewis selbst hielt sich nicht für einen gemeinen Menschen, aber in diesem Fall war Rache tatsächlich süß. Jacques hatte sich für unbesiegbar gehalten, doch heute hatte er lernen müssen, dass niemand unantastbar war, vor allem nicht Menschen, die ihre Macht auf die Unterwürfigkeit und Heuchelei ihrer Mitarbeiter gründeten.

„Sie haben den Hass Ihrer Untergebenen für Furcht und Respekt gehalten, Jacques“, hatte er dem alten Mann vorhin gesagt, ehe er ihn aus der Präsidentensuite verwies und ihm Hausverbot für das Hotel erteilte. „Es ist mir leichtgefallen, die Aufsichtsräte für mich zu gewinnen.“

Nun warf er der nervösen Frau, die neben ihm stand und es geflissentlich vermied, ihn anzusehen, einen forschenden Blick zu. Heute Morgen, als er gegangen war, hatte er sie aus seinem Kopf verdrängt, weil Arbeit auf ihn wartete. Nun gönnte er sich einen Moment des Nachdenkens.

Ihre Wimpern und Augenbrauen waren dunkel, doch ihr dichtes langes Haar, das sie jetzt in einem hübschen Knoten trug, war blond. Ein ungewöhnlicher Schönheitsfleck lenkte unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf ihre hohen Wangenknochen. Lewis bewunderte erneut den warmen Ton ihres Teints. Noch vor wenigen Stunden hatte er seine Lippen auf ihre zarte Haut gepresst, während sie noch schlief. Jetzt, da er neben ihr stand, nahm er ihren eleganten Duft wahr und atmete tief durch. Offensichtlich bemerkte sie es, denn sie runzelte die Stirn und richtete ihre tiefblauen Augen unverwandt auf ihre Schuhe.

Ja, dachte er, Madeline Holland vergaß ein Mann nicht so schnell. Er hatte sich entschieden, sie als Mitarbeiterin zu behalten, nachdem er ihre Unterlagen studiert hatte. Was für sich sprach, war außerdem, dass sie gegenüber dem alten Chef zu keinerlei Loyalität verpflichtet war. Das hieß, man konnte sie nahtlos in die neue Firma integrieren. Mit ihr zu schlafen war zwar nicht geplant gewesen, doch es kam als netter Bonus dazu.

Die intensiven Gefühle jedoch, die das Zusammensein mit Madeline in ihm ausgelöst hatte, kamen völlig unerwartet. Er hatte die Nacht im Alpine Fantasy Retreat verbringen wollen, um lästigen Fragen bis zur Konferenz aus dem Weg zu gehen. Als die neuseeländische Schönheit auftauchte, ging er sofort davon aus, dass das einer der Winkelzüge von Jacques de Vries war. Lächerlich, dachte er, doch er nahm sich, was ihm so freigiebig geboten wurde. Es wurde eine aufregende, eine unvergessliche Nacht. Und nun war Madeline seine Mitarbeiterin.

Lewis war überaus zufrieden mit seinem Werk und lächelte Madeline gewinnend an. Sie hatte sich ihren Bonus verdient, und tatsächlich hatte ihr entsetzter Gesichtsausdruck, als er vorhin in die Konferenz geplatzt war, so etwas wie Mitgefühl in ihm hervorgerufen. Allerdings hatte auch er keine Ahnung gehabt, dass er sie bei diesem Meeting antreffen würde, denn sie hatte nicht auf der Einladungsliste gestanden.

Als er bemerkte, dass Kay eine Antwort von ihm erwartete, riss er sich von Madelines Anblick los. „Wie bitte?“

Kay fragte, ob er bei der Gala am nächsten Abend an derselben Stelle und für dieselbe Dauer Sprechzeit wie Jacques de Vries beantragen würde, der ja nun nicht mehr als Redner in Erscheinung treten würde.

„Natürlich“, erwiderte er höflich. „Allerdings glaube ich nicht, dass ich so geschwätzig bin wie er.“ Lewis sah auf seine Armbanduhr und stellte sein halb leeres Glas auf den Schreibtisch. Die Abenddämmerung tauchte den See und die Berge, die vom Büro aus zu sehen waren, in purpurfarbenes Licht. Da ihm klar war, dass die Straßen hier oben schnell zufroren und die Fahrt zum Chalet etwa vierzig Minuten dauerte, musste er sich verabschieden.

„Kay, ich möchte morgen ins Penthouse hier im Hotel ziehen“, sagte er. „Wie ich höre, ist die Präsidentensuite frei geworden.“

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