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Glut in dunklen Augen

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1. KAPITEL

Leo Christakis, mit vierunddreißig Jahren Kopf des weltweit agierenden Christakis-Firmenimperiums, saß entspannt am schmalen Ende des Konferenztisches und hielt die anderen Anwesenden allein durch sein Schweigen in angespannter Erwartung.

Niemand wagte, sich zu bewegen. Alle Dossiers, die auf der polierten Tischplatte lagen, blieben geschlossen. Nur die Akte vor Leo war aufgeschlagen. Fünf Minuten verstrichen, dann zehn. Keiner der Anwesenden gab auch nur das leiseste Geräusch von sich.

Jemand hatte versucht, Firmengelder zu stehlen. Das allein war schon schlimm genug. Was Leo jedoch am meisten ärgerte, war die stümperhafte Ausführung. Jeder Laie konnte diesen Betrug auf den ersten Blick entdecken. Leo beschäftigte keine inkompetenten Mitarbeiter. Deshalb stand auf der Liste der möglichen Diebe genau ein Name.

Rico, sein eitler, oberflächlicher und selbstsüchtiger Stiefbruder und der einzige Mensch in dieser Firma, der allein aus Gefälligkeit beschäftigt wurde.

Wie, zum Teufel noch mal, dachte Leo wütend, kommt Rico auf die Idee, er könne mit einem so dilettantisch vorbereiteten Verbrechen unentdeckt davonkommen? Schließlich war es ein offenes Geheimnis, dass in unregelmäßigen Abständen unangekündigte Buchprüfungen durchgeführt wurden – nur so ließ sich ein multinationaler Konzern leiten.

Dieser arrogante Idiot! Reichte es ihm nicht, dass ihm dafür, dass er fast nichts leistete, ein ansehnliches Gehalt gezahlt wurde? Wieso glaubte er, er könne sich einfach so am Honigtopf bedienen?

„Wo ist er?“, fragte Leo, woraufhin alle Anwesenden ihre Köpfe abrupt hoben.

„In seinem Büro“, sagte Juno, seine persönliche Assistentin. „Er wurde über dieses Meeting informiert, Leo“, fügte die junge Frau rasch hinzu, falls Leo auf den Gedanken kam, Rico könne glauben, er sei zu dem Treffen nicht erwartet worden.

Sein Stiefbruder war ein Schmarotzer. Es verstand sich von selbst, dass die Mitarbeiter seiner Firmen Schmarotzer nicht mochten. Leo brauchte nur den Kopf zu heben, um in den Mienen der anderen Anwesenden seinen letzten Gedanken bestätigt zu sehen.

Theos! Wie sollte er diesen Fehltritt nur vertuschen, wenn so viele Menschen Bescheid wussten und insgeheim Ricos Kopf forderten?

Wollte er es denn überhaupt vertuschen? Die Antwort, musste Leo sich eingestehen, lautete Ja. Es zu vertuschen war ihm lieber, als sich mit den Konsequenzen der Wahrheit zu befassen.

Ein Dieb in der Familie.

Heiße Wut brandete in ihm auf. Mit einer abrupten Handbewegung schlug der das Dossier zu und stand auf.

Juno sprang ebenfalls auf. „Ich gehe und …“

„Nein“, fiel Leo ihr ins Wort. „Ich selbst werde gehen und ihn holen.“

Eine seltsame Unruhe durchlief die anderen Anwesenden, als Juno sich wieder setzte. Wäre Leo in der richtigen Stimmung gewesen, hätte er vielleicht die vielsagenden Blicke bemerkt, die sich seine Mitarbeiter verstohlen zuwarfen, aber natürlich hatte er keine Augen dafür.

Ebenso wenig schaute er zur Seite, während er das vornehme Foyer des Londoner Christakis-Büros durchquerte. Sonst hätte er sehen können, wie sich in diesem Moment die Türen des Lifts öffneten.

Er war zu sehr damit beschäftigt, den plötzlichen Herzinfarkt zu verfluchen, der seinen geliebten Vater vor zwei Jahren das Leben gekostet hatte, und der ihm die missliche Aufgabe übertragen hatte, den Babysitter für die beiden lästigsten Menschen, die er kannte, zu spielen: Das waren seine neurotische, aus Italien stammende Stiefmutter Angelina und ihr kostbarer Sohn Rico Giannetti.

Warum schafft mir nicht jemand die verweichlichten Playboys mit ihren überängstlichen Müttern vom Hals, ging es Leo durch den Kopf. Er sehnte den Tag herbei, an dem Rico endlich seine leichtgläubige Braut heiraten und ein neues Leben in Mailand beginnen würde.

Das hieß natürlich, falls es ihm gelang, Rico aus diesem Schlamassel zu befreien, ohne dass sein eigener Ruf oder der der Firma Schaden nahm. Ansonsten würde Rico nirgendwohin gehen, außer ins Gefängnis.

Was würde Natasha tun, wenn sie jemals herausfand, dass sie einen Dieb geheiratet hatte?

Warum sein Stiefbruder überhaupt entschieden hatte, Miss Steif und Prüde Natasha Moyles zu heiraten, blieb Leo ein Rätsel. Sie entsprach so gar nicht dem dürren Starlet, das Rico sonst bevorzugte. Im Gegenteil besaß sie eine perfekte Sanduhrfigur, mit langen Beinen und fantastischen Kurven, die sie allerdings durch ihren lausigen Kleidergeschmack völlig ruinierte. Und sie verhielt sich kalt und höflich und reserviert – zumindest in Leos Gegenwart.

Weshalb Natasha sich ausgerechnet in einen Tunichtgut wie Rico verlieben musste, war ein weiteres Rätsel, das Leo nicht begriff. Gegensätze ziehen sich an? Oder legte sie ihre kühle und steife Haltung bei Rico ab?

Vielleicht wurde sie im Schlafzimmer zu einer Sexgöttin. Denn in ihr steckte auf jeden Fall das Potenzial einer wilden und hemmungslosen Sexgöttin. Weiche weibliche Gesichtszüge, große blaue Augen und ein sinnlicher sexy Mund, der geradezu darum flehte, geküsst zu werden.

Theos, fluchte Leo abermals, als ein vertrautes süßes Verlangen sich tief in seinem Inneren bemerkbar machte. Allein die Erinnerung an Natasha Moyles’ Mund hatte, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, diese Wirkung auf ihn ausgeübt.

Zur gleichen Zeit trat – von ihm unbeachtet – die Frau seiner Träume aus dem Lift.

Natasha blieb wie angewurzelt stehen, als sie die unverkennbare Gestalt in dem dunklen Anzug erkannte, die mit eiligen Schritten das Foyer durchquerte.

Ihr Herz tat einen merkwürdigen kleinen Sprung. Einen Moment dachte sie tatsächlich darüber nach, ihrem ersten Impuls nachzugeben, kehrtzumachen und wieder mit dem Aufzug nach unten zu fahren. Sie konnte später mit Rico sprechen, wenn sein Stiefbruder nicht mehr da war.

Sie mochte Leo Christakis nicht. In seiner Gegenwart fühlte sie sich stets unbehaglich und angespannt. Er besaß die Fähigkeit, auch noch ihre kleinste Schwäche aufzuspüren und diese mit sarkastischen Kommentaren zu belegen.

Glaubte er, ihr sei nie das spöttische Grinsen aufgefallen, das er immer dann aufzusetzen schien, sobald er seinen Blick ungehemmt über ihren Körper wandern lassen konnte? Glaubte er, es sei schön, vor Verlegenheit zu erstarren, weil er sich insgeheim über ihren Kleidungsstil lustig machte? Nur weil sie ihre Kurven lieber verhüllte, anstatt wie die anderen Frauen zu betonen, die seinen erlesenen Zirkel frequentierten?

Nicht, dass es eine Rolle spielt, was Leo Christakis über mich denkt, versicherte Natasha sich. Gleichzeitig weigerte sie sich zu akzeptieren, dass ihr Blick wie magisch von seinem Rücken angezogen wurde. Oder dass sie unbewusst die Hand gehoben und verführerisch mit einer blonden Haarsträhne spielte, die dem sorgfältig gesteckten Knoten entkommen war. Oder dass sie ihre kleine schwarze Handtasche vor ihr hellblaues Kostüm hielt, als sei sie ein Schild, mit dem sie ihn abwehren konnte.

Sie war nicht seinetwegen gekommen. Er war nur der arrogante und überhebliche Stiefbruder des Mannes, den sie in sechs Wochen heiraten sollte. Falls Rico jedoch keine sehr überzeugenden Antworten auf die Anschuldigungen geben konnte, mit denen sie ihn gleich zu konfrontieren gedachte, würde die Hochzeit nicht stattfinden!

Natasha spürte, wie alle Farbe aus ihren Wangen wich, während sie sich an den heutigen Morgen zurückerinnerte. Ein Unbekannter war so überaus freundlich gewesen, ihr ein Foto auf ihr Handy zu schicken. Warum nur empfanden Menschen Vergnügen dabei, einer Frau ein Bild von ihrem Verlobten zu senden, wie er gerade in den Armen einer anderen lag? Glaubten sie, nur weil sie in der Popmusikbranche arbeitete, würde sie keine Gefühle besitzen, die man verletzen konnte?

Die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst, den Blick fest auf den grauen Teppichboden gerichtet, schritt Natasha den Korridor entlang, der zu Ricos Büro führte – wobei sie, ohne es zu wissen, Leo Christakis folgte.

Die Tür war geschlossen, doch Leo hielt sich nicht mit Anklopfen auf. Er stieß die Tür weit auf, machte einen Schritt nach vorne und erstarrte angesichts des Anblicks, der sich ihm bot.

Einige Sekunden dachte Leo tatsächlich darüber nach, ob er nicht vielleicht träumte. Es fiel ihm wirklich schwer zu glauben, dass Rico zu einer solchen Unverfrorenheit fähig war. Sein durchaus attraktiver Stiefbruder stand vor dem Schreibtisch, die Hose war bis zu den Knöcheln heruntergerutscht. Zwei schlanke Frauenbeine waren um seine Hüften geschlungen. Der Raum war erfüllt von eindeutigen Lauten.

Überall auf dem Boden lagen Kleidungsstücke verstreut.

„Was zum Teufel …?“, stieß Leo angewidert in genau dem Moment hervor, als er hinter sich einen erstickten Schrei wahrnahm. Er wirbelte herum.

Und blickte in das vor Entsetzen starre Gesicht von Ricos Verlobten.

„Natasha?“, fragte er verwirrt, hatte er doch angenommen, die hübschen Beine gehörten zu ihr.

Aber Natasha hörte ihn nicht. Sie war vollkommen damit beschäftigt, ihren schlimmsten Albtraum wahr werden zu sehen.

Allmählich bemerkten auch die beiden Verursacher des Chaos’, dass sie nicht mehr alleine waren. Wie aus weiter Ferne sah Natasha, wie Rico den Kopf hob und sich umwandte. Übelkeit stieg in ihr auf, als ihre Blicke sich trafen.

Dann bewegte sich die Frau. Ein blonder Kopf mit blauen Augen kam hinter Rico zum Vorschein. Die beiden Frauen starrten sich an.

„Wer zum …?“ Leo drehte sich wieder zu dem Liebespaar um.

Die Frau stütze sich mit einem Arm auf dem Schreibtisch ab und stieß mit der anderen Rico von sich. In diesem Moment erkannte Leo das wahre Ausmaß der Katastrophe.

Cindy, Natashas Schwester. Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Er drehte sich wieder zu Natasha herum, doch die stand nicht mehr hinter ihm, sondern rannte, so schnell sie konnte, auf den Lift zu.

Wutentbrannt richtete er seine Aufmerksamkeit auf das schuldige Paar. Die ernsten Finanzfragen, die er Rico eigentlich hatte stellen wollen, waren vergessen. „Ich bin fertig mit dir, Rico“, schrie er den jüngeren Mann an. „Zieh dich an und dann verschwinde von hier, bevor ich dich aus dem Gebäude werfen lasse. Und nimm deine Schlampe mit!“

Damit knallte er die Tür zu und rannte hinter Natasha her. Gleichzeitig empfand er ein seltsames Gefühl der Zufriedenheit, weil ihm so unverhofft ein Grund geliefert worden war, Rico aus seinem Leben zu verbannen.

Die Türen des Lifts schlossen sich, bevor er ihn erreicht hatte. Mit einem leisen Fluch auf den Lippen hastete Leo zur Treppe. Im nächsten Stockwerk gab es zwei weitere Aufzüge, nur das oberste wurde von einem einzigen bedient. Er warf einen raschen Blick auf die Anzeigen, um zu sehen, wohin Natasha wollte. Dann eilte er in die wartende Kabine und drückte auf den Knopf für die Tiefgarage.

Unten angekommen, schaute er sich kurz um. Natashas Mini leuchtete wie ein roter Punkt in einer trüben Welt aus modernem Silbergrau und Schwarz. Sie stand vor ihrem Fahrzeug, die Hände auf das Dach gestützt. Ihre Schultern bebten. Vielleicht weint sie, überlegte er. Doch als er näher kam, sah er, dass sie sich übergeben hatte.

„Ist schon gut …“, murmelte er und legte seine Hände auf ihre Schultern.

„Rühr mich nicht an.“ Sie zuckte zurück.

„Ich bin nicht Rico“, verteidigte er sich.

Natasha wirbelte herum und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.

Überrascht machte Leo einen Schritt nach hinten. Natasha zitterte. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie jemanden geschlagen!

Plötzlich traf sie eine neue Welle der Übelkeit, und sie musste sich wieder am Dach ihres Wagens festhalten.

Rico und Cindy … wie konnte er ihr das nur antun?

Wie konnte sie ihr das nur antun?

Warme Hände legten sich abermals auf ihre Schultern. Diesmal zuckte sie nicht zusammen, sondern überließ sich der Trost spendenden Geste.

Leo hielt sie fest, als sie nach einem Taschentuch suchte. Er spürte, wie sie zitterte. Sie hatte den Kopf gesenkt und entblößte einen eleganten Nacken. Wieder durchströmte ihn das süße Ziehen, und er wandte den Blick rasch ab.

Was sollte er jetzt tun? Sie war nicht sein Problem, meldete sich eine innere Stimme. Er hatte ein Meeting zu leiten, musste sich um ein ernsthaftes finanzielles Problem kümmern und anschließend ein Dutzend weiterer geschäftlicher Entscheidungen treffen, bevor er heute Abend zurück nach Athen flog.

Ein Mann trat unvermittelt aus den Schatten. Es war Rasmus, sein Sicherheitschef, der ihn neugierig musterte. Leo schüttelte nur den Kopf, woraufhin der andere Mann wieder mit der Dunkelheit verschmolz.

Dann dachte er daran, Natasha wieder zurück in sein Büro zu bringen, damit sie sich beruhigte. Allerdings konnte er sich nicht sicher sein, dass ihm das gelang, ohne dass jemand – Rico oder ihre Schwester – sie dabei sah, und es zu einer weiteren unschönen Szene kam.

„Geht es wieder?“, fragte er, als ihr Zittern ein wenig nachließ.

Sie nickte kurz. „Ja, danke“, flüsterte sie.

„Jetzt ist nicht die Zeit für Höflichkeiten, Natasha“, sagte er ungeduldig.

Abrupt entzog sie sich ihm. Sie hasste ihn, weil er Zeuge ihres Untergangs geworden war. Ein Foto zu bekommen, das Rico in den Armen einer anderen zeigte, war eine Sache. Aber ihn beim Sex mit ihrer eigenen Schwester zu überraschen, war etwas ganz anderes.

Allein der Gedanke löste eine neue Woge der Übelkeit aus. Natasha rang um Selbstkontrolle und kramte in ihrer Handtasche nach den Wagenschlüsseln. In dem Mini befand sich eine Flasche Wasser. Am liebsten wäre sie in den Wagen gesprungen und einfach davongefahren. Doch dazu war sie nicht in der Verfassung.

Als sie sich wieder mit der Flasche in der Hand aufrichtete, musste sie zur Seite ausweichen, um nicht in das Fiasko zu treten, das sie auf dem Boden hinterlassen hatte. Leo verhielt sich wenig hilfreich und bewegte sich keinen Millimeter. Natasha schob sich an ihm vorbei, wobei sie unweigerlich seinen Körper streifte. Die Berührung glich einem elektrischen Schlag. Natasha presste sich gegen die Seitenwand ihres Minis.

Mit gesenktem Blick löste sie den Verschluss der Flasche und trank einen Schluck. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Leo hingegen blieb einfach stehen, wie ein unheimlicher Schatten, und raubte ihr die Fähigkeit zu denken.

Aber das ist ja auch der großartige und ruhmreiche Leo Christakis, ein übermächtiges Wesen mit einem sagenhaften Repertoire an spöttischen Blicken und unverblümten Kommentaren, dessen einziges Anliegen es war, Geld zu scheffeln. Selbst während sie jetzt neben ihm stand, konnte sie seinen inneren Kampf spüren, auf die Uhr zu blicken. Er musste wichtigere Dinge zu tun haben, als bei ihr zu bleiben und Zeit zu verschwenden.

„In einer Minute bin ich okay“, stieß sie hervor. „Du kannst wieder an die Arbeit gehen.“

Ihre Worte klingen, schoss es Leo durch den Kopf, als sei Arbeit mein einziger Lebenssinn. Natasha Moyles hatte schon immer die Fähigkeit besessen, ihn mit ihrer höflichen und reservierten Art zu verärgern oder mit ihren kühlen flüchtigen Blicken zu streifen, als sei er es nicht wert, länger betrachtet zu werden. Seit sie einander im Londoner Apartment seines Stiefbruders vorgestellt worden waren, verhielt sie sich ihm gegenüber so.

„Trink noch einen Schluck Wasser und hör auf zu überlegen, woran ich gerade denke“, riet er ihr kühl. Die Gefühle, die ihn in ihrer Gegenwart durchströmten, behagten ihm gar nicht.

„Ich habe nicht versucht …“

„Doch“, unterbrach er sie. „Auch wenn du mich nicht magst, Natasha, kannst du mir doch ein wenig mehr Feingefühl zutrauen, als dich jetzt, nach dem, was du hast mit ansehen müssen, alleine zu lassen.“

Aber er besitzt nicht genug Feingefühl, mich nicht daran zu erinnern! ging es Natasha durch den Kopf, während der ganze Schrecken dessen, was sie gerade erlebt hatte, wieder lebendig wurde. Die Welt vor ihren Augen verschwamm. Es musste es bemerkt haben, denn er legte wieder seine Hände auf ihre Schultern. Am liebsten hätte sie ihn abgeschüttelt, doch es wollte ihr nicht gelingen. Sie brauchte den Halt, den er ihr bot, weil sie ansonsten in ein tiefes schwarzes Loch gefallen wäre.

Plötzlich hallte ein gespenstiges Geräusch durch die Tiefgarage. Es kam von dem Lift, der von irgendjemand zurück nach oben gerufen wurde. Leo stieß einen Fluch aus. Natasha hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich: ein magischer Moment, gegen den sie sich nicht wehren konnten und der sie beide wie gefangen hielt.

Theos, sie ist wunderschön, ging es Leo blitzartig durch den Kopf.

Unvermittelt eilte Natasha auf die Wagentür zu. Reflexartig schnellte Leo vor und erreichte die Tür vor ihr. Er umfasste ihr Handgelenk und nahm ihr die Schlüssel ab.

„W … was?“

Als Mann, der es gewohnt war, rasche Entscheidungen zu treffen, machte er mit ihrer gestammelten Frage kurzen Prozess. Leo wandte sich um, nahm Natasha an die Hand und marschierte mit ihr quer durch die Garage zu seinem eigenen schnittigen schwarzen Sportwagen.

„Ich kann selber fahren“, protestierte sie, als ihr klar wurde, was er vorhatte.

„Nein, kannst du nicht.“

„Aber …“

„Rico könnte gleich aus dem Aufzug kommen“, hielt er ihr vor. „Was ist dir lieber? Bei wem von uns willst du jetzt sein?“

Einfach, brutal und wirkungsvoll. Die grauenhaften Erinnerungen an das eben Erlebte stürmten auf sie ein. Sie war wie gelähmt.

Leo öffnete die Beifahrertür und drängte Natasha auf den Sitz. Ohne Protest ließ sie es geschehen, nur die Wasserflasche fiel ihr aus den gefühllosen Händen und landete im Fußraum. Als Leo die Tür schloss, tauchte Rasmus urplötzlich aus der Dunkelheit auf. Leo warf ihm die Schlüssel des Minis zu. Weitere Erklärungen waren unnötig.

Dann ließ er sich hinter das Steuer gleiten. Die auslaufende Wasserflasche ignorierte er. Reglos wie ein Stein saß Natasha da und sah starr auf ihre Hände, die verkrampft auf der schwarzen Handtasche lagen.

Leo startete den Motor, legte einen Gang ein und lenkte den Wagen mit quietschenden Reifen auf die Ausfahrt zu. Kurz darauf umfing sie helles Tageslicht. Das im Wagen eingebaute Telefonsystem schaltete sich automatisch ein. Auf einer Anzeige im Armaturenbrett flackerte Ricos Name auf. Leo drückte einen Knopf am Lenkrad und schaltete das Telefon aus.

Zehn Sekunden später begann das Handy in Natashas Tasche zu klingeln.

„Nicht rangehen“, warnte er.

„Hältst du mich für so dumm?“, stieß sie hervor.

Danach warteten sie in angespanntem Schweigen, bis das Klingeln aufhörte und die Mobilbox den Anruf entgegennahm.

Auf der Fahrt nach London meldete sich das Handy wieder und wieder. Und Leo wurde immer wütender. Er umklammerte das Lenkrad so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

Keiner von ihnen sprach ein Wort. Leo hatte keine Ahnung, was er hätte sagen sollen. Außer Obszönitäten, die die Frau neben ihn wahrscheinlich hätte erbleichen lassen, fiel ihm absolut nichts ein.

Natasha hingegen hatte sich in sich selbst zurückgezogen und erlebte immer wieder die Geschehnisse in Ricos Büro. Sie wusste, dass ihre Schwester außer Kontrolle geraten war, aber dass Cindy so tief sinken würde …

Immer wieder sah sie Cindys Gesicht vor sich. Triumph hatte sich auf ihrer Miene gespiegelt, gefolgt von einem nur allzu bekannten, trotzigen Schmollen, das Natasha die Wahrheit enthüllt hatte, warum ihre Schwester sich an Rico herangemacht hatte.

Eigentlich wollte Cindy ihn gar nicht. Tatsächlich mochte sie ihn nicht besonders. Sie konnte nur den Gedanken nicht ertragen, dass Natasha irgendetwas bekam, das sie nicht zuvor selbst ausprobiert hatte.

Egoistisch bis ins Mark, dachte Natasha gequält. Verwöhnt von zwei Eltern, die unbedingt glauben wollten, dass ihre Tochter der talentierteste Mensch der Welt war. Sie war hübscher als Natasha, lustiger und lebendiger und selbstverständlich viel begabter, als Natasha jemals hoffen konnte zu sein.

Gesegnet, nannten ihre Eltern sie immer. Denn Cindy konnte auch noch singen wie ein Vogel und versprach die neuste Popsensation am englischen Musikhimmel zu werden. Nach ihrer Teilnahme an einem nationalen Gesangswettbewerb kannte jeder Cindys Gesicht. Natasha hingegen hielt sich nahezu unsichtbar im Hintergrund. Ihr Job war es, dafür zu sorgen, dass es in dem wundervollen Leben ihrer Schwester keine Probleme gab.

Warum habe ich das zugelassen? fragte sie sich nun. Warum war ich damit einverstanden, mein eigenes Leben auf Eis zu legen und den Babysitter für eine verzogene Göre zu spielen, die es immer gehasst hat, mit einer älteren Schwester alles teilen zu müssen?

Weil, so lautete die einfache Antwort, ihre Eltern zu alt waren, um Cindy in Zaum zu halten. Und irgendjemand musste sich darum kümmern, dass ihre Schwester nicht völlig aus der Bahn geriet.

Und, gib es ruhig zu, Natasha, anfangs warst du doch auch begeistert und stolz, ein Teil von Cindys aufregendem Leben zu sein.

Cindy hasste ihre Anwesenheit natürlich. Du hast dich nur an meinen Rockzipfel gehängt, sagte sie immer.

Wahrscheinlich stimmte das. Sie war zu einem pathetischen Anhängsel eines Popsternchens geworden, das auf herabfallende Krumen wartete, um ein bisschen am Ruhm ihrer Schwester teilzuhaben.

Rico kennenzulernen bedeutete für Natasha, ein echter Mensch mit eigenen Rechten und Gefühlen zu sein. Leider hatte sie geglaubt, er habe sich tatsächlich in sie verliebt.

Was für ein Witz, dachte sie jetzt. Alles war bloß ein schlechter Scherz.

Rico und Cindy …

Tränen brannten in ihren Augen.

Rico hatte mit ihrer Schwester getan, was er ihr immer verweigert hatte.

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Kehle.

„Alles okay?“, fragte der Mann neben ihr.

Natürlich nicht! wollte Natasha ihn anschreien. Ich habe gerade gesehen, wie mein Verlobter Sex mit meiner Schwester hatte!

„Ja“, flüsterte sie stattdessen.

Leo warf ihr einen raschen Seitenblick zu. Sie hatte sich nicht gerührt, saß immer noch mit gesenktem Blick stocksteif da, die Hände über ihrer Tasche gefaltet.

Hatte Rico diese Frau jemals auf seinem Schreibtisch verführt, wie er es mit ihrer Schwester getan hatte?

Als hätte sie seine Gedanken gehört, hob sie in diesem Moment das Kinn und blickte durch die Windschutzscheibe nach vorne. Ihr Profil gleicht dem einer makellosen Madonna, schoss es Leo unwillkürlich durch den Kopf. Doch als er seinen Blick zu ihrem Mund wandern ließ, fiel ihm wieder ein, dass diese Lippen garantiert nicht zu einer keuschen Heiligen gehörten. Weich und sinnlich, die Oberlippe ein wenig schmaler als die untere. Wieder vermeinte er ein Flehen zu hören: Küss mich …

Abermals durchflutete ihn heißes Verlangen. Nichts als eine momentane Schwäche, redete er sich stur ein.

Doch das stimmte nicht. Denn seit er Natasha auf ihrer Verlobungsparty begegnet war, hatte er eine seltsame erotische Neugier verspürt.

Auch ihre Schwester war dort gewesen. In ihrem apricotfarbenen Kleid, natürlich speziell für sie entworfen, damit jeder ihre perfekte Figur bewundern konnte, war sie gleich der Mittelpunkt der Party geworden.

Natasha hingegen hatte klassisches Schwarz getragen. Damals hatte ihn ihre Wahl schockiert. War Schwarz nicht die Farbe der Trauer? Er erinnerte sich, dass er eine Bemerkung in diese Richtung hatte fallen lassen.

Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen, überlegte er jetzt. Vielleicht hätte er seine sarkastische Meinung für sich behalten sollen.

Seither hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Natasha mochte also große dunkle Griechen nicht, die kein Blatt vor den Mund nahmen. Er hingegen mochte keine vorlauten Popsternchen, die dürr wie ein Ast waren. Das war Ricos Metier.

Er bevorzugte weibliche Frauen mit verführerischen Rundungen.

Wie Natasha.

Leo runzelte die Stirn, während sie die Themse überquerten. Was zum Teufel hatte Rico eigentlich mit Natasha gewollt? Hatte er etwa etwas mit der einen Schwester angefangen, um an die andere heranzukommen? Und hatte sein egoistischer Stiefbruder dann eine Art Gewissen entwickelt und Natasha gebeten, ihn zu heiraten?

Falls ja, war es mit seinem Gewissen nicht weit her.

„Wohin fahren wir?“, fragte Natasha, als er den Wagen mit quietschenden Reifen in eine enge Nebenstraße lenkte.

„Zu meinem Haus.“

„Aber ich will nicht …“

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