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Glücksspiel des Schicksals

1. KAPITEL

Bunter Lichterglanz fiel auf Sebastian Case, forderte ihn lockend auf, einmal sein Glück zu versuchen. Er ignorierte das elektronische Gepiepse und Geklingel der Spielautomaten, die unablässig von Gewinn und Verlust kündeten. Glücksspiel hatte keinerlei Reiz für ihn. Harte Arbeit und Beharrlichkeit, an diese Dinge glaubte er, nicht an das Glück.

Unerwartet versperrte ihm ein Paar um die Sechzig den Weg. Die Frau beharrte darauf, dass es zum Büffet links herum gehe, während ihr Ehemann versicherte, sie seien beim Keno-Saal falsch abgebogen. Beide lagen falsch.

Bevor Sebastian um sie herumgehen konnte, hatte ihn die Frau schon ausgemacht.

„Vielleicht kann uns hier jemand helfen.“ Sie lächelte ihn freundlich an, während sie nach einem Namensschild an seinem Anzug suchte. „Hallo … junger Mann. Ihr Hotel ist wirklich traumhaft. Aber auch etwas unübersichtlich. Wie kommen wir bitte zum Büffet?“

Offensichtlich hielt sie ihn für einen Angestellten. Kein Wunder, er war wohl der einzige Besucher des Casinos, der einen Anzug trug und nicht auch dort arbeitete.

„Halten Sie sich einfach rechts, dann sehen Sie es schon.“ Er deutete in die gewünschte Richtung.

„Hab ich doch gleich gesagt.“ Die Frau warf ihrem Mann einen triumphierenden Blick zu, obwohl sie selbst keine Ahnung gehabt hatte. „Danke schön!“

Sebastian nickte ihr kurz zu und ging dann weiter zu der Reihe von Aufzügen, die zu seiner Suite im fünfzehnten Stockwerk führten. Es wäre besser für Missy, dort zu sein, dachte er. Während er mit seinen Anwälten letzte Änderungen an dem Vertrag besprochen hatte, der den Erwerb von Smythe Industries besiegeln sollte, war seine Assistentin plötzlich wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Das war beinahe sechs Stunden her.

Er kam ins Grübeln. Dreimal hatte er ihr auf die Mailbox gesprochen und ihr vier oder fünf E-Mails geschickt. Keine Antwort. Nicht ein Wort von ihr. Dabei war niemand zuverlässiger und tüchtiger als Missy. War sie etwa in Schwierigkeiten geraten?

Das laute hektische Las Vegas lockte die Touristen an, versprach ihnen großartige Erlebnisse und ließ sie dann mit faden Erinnerungen und leeren Taschen zurück. War Missy darauf reingefallen? Da sie aus einer kleinen Stadt in Texas stammte, konnte sie die Gefahren hier vielleicht nicht einschätzen. War sie gerade dabei, ihr Monatsgehalt an einen dieser Spielautomaten zu verfüttern? Womöglich hatte sie auch das Hotel verlassen und wurde nun auf der Straße von irgendjemandem belästigt …

Von einem der Würfeltische ertönte tosender Beifall. Gut, dass er sein BlackBerry auf Vibrationsalarm gestellt hatte, sonst hätte er nicht bemerkt, dass eine Nachricht eingegangen war. Er verlangsamte seine Schritte, als er das Handy aus der Jackentasche zog. Endlich hatte Missy geantwortet. Doch schon die erste Zeile der SMS ließ ihn erstarren.

Hiermit kündige ich.

Ungläubig las er die knappen Worte. Missy und kündigen? Nicht doch!

Seit vier Jahren war sie jetzt schon seine Assistentin. Sie waren ein Team. Wäre sie unzufrieden, hätte er es gewusst.

Hastig wählte Sebastian ihre Nummer. Nach viermaligem Läuten sprang die Mailbox an.

„Melde dich.“

Ohne abzuwarten schickte er eine SMS, weil er wissen wollte, wo sie war. Dreißig Sekunden später kam ihre Antwort.

In der Bar.

In welcher Bar?

Ungeduldig wartete er ab.

Im Zador.

Er rief sich den Grundriss des Casinos ins Gedächtnis und ging dann nach links. Ein kurzer Fußmarsch brachte ihn zum Zador. Die rot gestrichenen Wände, die schwarzen Accessoires und die asiatisch anmutenden Kunstwerke gaben Sebastian das Gefühl, an einem exotischen Ort gelandet zu sein. Längsseits der Wände tauchte eine Reihe stattlicher Aquarien, in denen Koikarpfen ihre Bahnen zogen, die Bar in schummriges Licht. Sebastian schritt den Raum ab, in der Hoffnung, Missy an einem der kleinen Tische zu entdecken. Sein suchender Blick wurde von einer Rothaarigen an der Theke abgelenkt.

Die Frau saß zum Barkeeper gewandt und war mit ihm in ein Gespräch vertieft. Von dort, wo Sebastian stand, konnte er ihr Lachen nicht hören, aber vermutlich war ihre Stimme rauchig und kehlig. Ein betörender Klang, den Männer so unwiderstehlich fanden. Sie saß auf dem Barhocker, die Beine seitlich übergeschlagen. Ihr kurzes Kleid gab den Blick auf ihre schlanken Waden und die schmalen Fesseln frei.

Auch ohne ihr Gesicht zu erkennen, war er bereits von ihr wie elektrisiert.

Ihre Ausstrahlung hatte eine solche Anziehung auf ihn, dass er sich dabei ertappte, schon in ihre Richtung zu gehen, bevor ihm der Grund für seinen Besuch in der Bar wieder einfiel.

Er schaute sich noch einmal um, doch Missy war an keinem der Tische zu sehen. Nun, das hatte auch noch etwas Zeit.

Erst mal wollte er diesen Rotschopf am Tresen kennenlernen.

„Nicht doch. Das hat er wirklich gemacht?“

Sebastian war nun nahe genug, um die Stimme der Rothaarigen wiederzuerkennen. Er zuckte zusammen. „Missy?“

Seine Assistentin wandte den Kopf und blickte ihn unter langen dunklen Wimpern hindurch an. Wäre sie irgendeine Frau gewesen, hätte er den langen, herausfordernden Blick als Flirt verstanden. Aber dies hier war Missy.

„Hallo Sebastian.“ Ihre dunkle Stimme ließ ihn wohlig erschauern. Missy drehte sich ein Stück auf ihrem Barhocker und deutete auf den leeren Platz neben sich. „Joe, einen Tequila für meinen Boss.“

Sebastian ließ sich auf dem Stuhl nieder. Kaum zu glauben, was er da sah. Wo war denn ihre Brille? Der Blick aus ihren dunkelbraunen Augen begegnete ihm mit offener Neugierde. Sie wartete darauf, dass er irgendetwas sagte.

„Was soll diese Nachricht?“, wollte er wissen, wobei er sich nur mit Mühe von dem hinreißenden Anblick losreißen konnte. „Da hast du dir wirklich den passenden Moment ausgesucht, um zu kündigen.“

Sie schob das Schnapsglas in seine Richtung. „Dafür gibt es nie den passenden Moment.“

Er trank den Tequila, ohne auf dessen Geschmack zu achten. Der Alkohol brannte in seiner Kehle, aber dies war nichts im Vergleich zu der aufsteigenden Wärme in ihm.

Irgendwann in den letzten Stunden, seit sie beide aus dem Flugzeug gestiegen waren, hatte sie ihr dichtes kastanienbraunes Haar aus dem strengen Zopf befreit und um gut dreißig Zentimeter gekürzt. Ihre neue Frisur wogte und floss seidengleich über ihre Schultern. War ihr Haar schon immer so glänzend und lebendig gewesen? Er fühlte das Verlangen, durch ihre Haare zu streichen und mit den weichen Strähnen zu spielen. Beinahe konnte er die Berührung ihrer Locken auf seiner Haut spüren.

Sein Blick wanderte an ihr herunter. Sie hatte den unförmigen Hosenanzug gegen ein eng anliegendes Kleid getauscht, das ihre Brüste betonte. War ihre Haut eigentlich schon immer so hell und makellos gewesen? Oder schien es ihm nur so durch den Kontrast zu dem tiefen Schwarz ihres Kleides?

Und überhaupt, ihre Haut … hatte sie jemals so viel davon gezeigt?

Die Missy, die er kannte, war anständig und zurückhaltend. Die Frau auf dem Stuhl neben ihm dagegen machte aus ihrer Sinnlichkeit keinen Hehl.

Sebastian schüttelte den Kopf. „Was sagst du?“

„Ich sagte, jetzt bist du dran.“

Dran? Mit was?

Der Anblick ihrer Brüste war faszinierend. Er stellte sich vor, wie er sich vorbeugen und sein Gesicht in diesem einladenden Ausschnitt vergraben würde. Um sie mit seinen Lippen und seiner Zunge zu verwöhnen. Ihre zarten Brustspitzen zu liebkosen, bis sie vor Lust aufstöhnte …

Die Heftigkeit seines Verlangens erschreckte ihn. Er atmete tief ein. Ihr verführerischer Duft wirkte geradezu benebelnd auf seine Sinne.

„Sebastian?“

„Was?“ Unwillig wandte er den Blick von ihrem verlockenden Dekolleté ab und schloss kurz die Augen, um sich zu konzentrieren.

„Stimmt was nicht?“ Auf ihren Lippen zeigte sich etwas Geheimnisvolles und ausgesprochen Weibliches. Als ob sie seine Gedanken lesen könnte. Und daran Gefallen finden würde …

Was war nur mit dem bodenständigen und cleveren Mädchen passiert, auf das er sich in den letzten vier Jahren blind verlassen hatte? Vielleicht war es kein guter Einfall gewesen, sie nach Las Vegas mitzunehmen.

„Alles in Ordnung, danke.“ Was um Himmels willen war los mit ihm? Er konnte nicht mehr klar denken. Beim Anblick des leeren Tequilaglases fragte er sich kurz, ob sie womöglich etwas hineingetan hatte. „Worüber haben wir geredet?“

„Über meine Kündigung.“

Ihre Worte brachten ihn auf den Boden zurück. Sein Verstand wurde wieder klarer.

„Warum willst du plötzlich kündigen? Möchtest du mehr Geld? Oder eine bessere Position?“

„Ich will heiraten. Und Kinder kriegen.“

Diese Enthüllung erschütterte ihn. Missy war ihm immer wie die typische Karrierefrau vorgekommen. Sein Bild von ihr war von ihrer Tüchtigkeit und ihrem Engagement geprägt, das sie für die Case Consolidated Holding an den Tag legte. Ganz sicher hatte sie ein Privatleben, mit Freunden und Liebhabern, aber davon bekam er nie etwas mit.

„Aber deswegen musst du doch nicht gleich den Job hinschmeißen.“

„Es geht nicht anders.“

„Willst du mir etwa sagen, dass ich dich davon abhalte, zu heiraten und Kinder zu bekommen?“

„Genau.“ Ihre langen Wimpern verbargen etwas, das er in ihren Augen nicht lesen sollte.

„Aber warum?“

Sebastian bestellte einen weiteren Tequila beim Barkeeper, verneinte jedoch, als dieser fragend auf Missys Glas deutete. Wie viel hatte sie eigentlich getrunken? Es gab keine Anzeichen, dass sie zu tief ins Glas geschaut hatte. Aber wie war es sonst zu erklären, dass sie so überstürzt ihre Arbeit hinwerfen wollte?

„Du lässt mich ständig bis in die Nacht hinein schuften“, begann sie. „Du rufst mich zu allem möglichen Zeiten an, weil ich deine Reisetermine ändern soll oder Konferenzen arrangieren muss. Wie häufig habe ich am Wochenende arbeiten müssen, weil ich noch irgendwas im letzten Moment an deinen Präsentationen verbessern sollte, an denen ich schon die ganze Woche über gesessen habe?“

Wollte sie ihm zu verstehen geben, dass er zu viel von ihr erwarten würde? Möglicherweise hatte er sich mehr und mehr auf sie verlassen, je länger sie zusammengearbeitet hatten. Aber es gefiel ihm zu wissen, dass sie allzeit bereitstand, ihm zu helfen, wenn er sie brauchte.

„Pausen gönnst du dir keine“, klagte sie und trank den letzten Schluck ihres bunten Cocktails. „Und mir schon gar nicht.“

„Ich verspreche dir, deine Wochenenden hast du ab sofort für dich.“

„Es geht doch nicht nur um die Wochenenden. Es geht darum, dass ich deine Arzttermine vereinbare, und wann dein Wagen in die Werkstatt soll. Ich muss mich mit den Handwerkern rumschlagen, die dein Haus renovieren, und alles aussuchen. Welche Wandfarbe, was für Fliesen, alles. Das ist dein Haus. Du solltest dich darum kümmern.“

Sie hatten diese Diskussion schon häufiger geführt. „Ich finde einfach, du hast ein Händchen dafür.“

„Mag sein, aber ein Haus einzurichten, das ist doch eher Sache einer Ehefrau.“

„Ich habe keine.“

„Noch nicht.“ Sie bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. „Deine Mutter hat mir erzählt, zwischen dir und Kaitlyn stehen die Dinge zum Besten.“

„Zum Besten wäre übertrieben.“

Auch wenn er sich darüber ärgerte, dass sie und seine Mutter sein Privatleben erörterten, konnte er sich wohl kaum beklagen. Schließlich war er es selbst, der von Missy Dinge gefordert hatte, die über die reine Arbeit hinausgingen. Und es war ja auch viel angenehmer, wenn sie sich nicht nur der beruflichen, sondern auch seiner privaten Belange annahm.

„Ihr beiden kennt Euch jetzt seit sechs Monaten“, fuhr Missy fort. „Das ist ganz schön lange seit deiner …“

Sie verstummte.

Seit seiner Scheidung vor sechs Jahren.

Sebastian hatte gar nichts dagegen, erneut zu heiraten. Und das hätte er auch wohl längst getan, wenn seine Exfrau nicht seine Fähigkeit, anderen zu vertrauen, ruiniert hätte.

Chandras Spielchen hatten der familiären Seite in ihm nicht nur einen Knacks versetzt. Sie hatten ihn zu einem zurückgezogenen Mann werden lassen, der keinerlei Interesse an romantischen Eskapaden mehr zeigte.

Zum Unglück aller Frauen richtete er seine Aufmerksamkeit nur noch auf das, was er völlig unter Kontrolle hatte: Geld verdienen. Sich um die Case Consolidated Holding kümmern.

„Okay, ich werde dich nicht mehr bitten, meinen Privatkram zu erledigen.“ Er würde all ihre Argumente Stück um Stück zerpflücken, bis keines übrig bleiben würde, und sie keinen Grund mehr hätte, ihn zu verlassen. „Ist das akzeptabel für dich?“

Ihre braunen Augen funkelten ihn an. „Nichts, aber auch nichts kann meine Meinung ändern, Sebastian. Ich kündige. Sobald die Woche um ist.“

„In der Nachricht stand was von zwei Wochen.“

„Von mir aus auch vier Wochen. So viel Urlaub habe ich noch angehäuft.“ Sie machte den Barkeeper mit einem Fingerzeig auf ihr leeres Glas aufmerksam.

„Meinst du nicht, du hast schon genug gehabt?“

Er nahm ihre Hand. Allein der Kontakt mit ihrer Haut hatte eine verblüffende Wirkung auf ihn. Jähes Verlangen nach ihr kam impulsiv über ihn. Was war nur mit ihm? Das hier war Missy. Vier Jahre lang hatten sie Seite an Seite zusammengearbeitet, ohne dass es zwischen ihnen auch nur geknistert hätte. Geschweige denn, dass er sich ersehnte, sinnliche Stunden mit ihr zu verbringen …

Sie war seine Angestellte, und daher war er doch für sie verantwortlich. Nur dass er nicht sehr verantwortlich dachte. Eigentlich dachte er überhaupt nicht. Er fühlte nur noch … Lust und Begehren.

„Du bist nicht mein Vater“, sagte sie und zog ihre Hand weg. „Sag mir nicht, was ich tun soll.“

Er rieb den Daumen über die Fingerspitzen. Immer noch konnte er die Sanftheit der Berührung spüren. „du bist doch nicht du selbst.“

„Und ob ich das bin.“ Sie leerte das Glas, das ihr der Barkeeper hingestellt hatte, bis zur Hälfte. „Weißt du eigentlich, was heute für ein Tag ist?“

„Der fünfte April. Morgen Abend startet die Managerkonferenz.“

Das Treffen brachte jedes Jahr die Führungskräfte der Dutzende von Firmen, die der Case Consolidated Holding gehörten, zusammen. Hier wurde die Gelegenheit geboten, sich über Unternehmensstrategien auszutauschen und mit den vielen verschiedenen Gesellschaften eine gemeinsame Zukunftsvision zu entwickeln.

„Heute ist mein Geburtstag.“

Sebastian durchzuckte es. Wieder einmal hatte er es vergessen. Normalerweise kursierte eine Glückwunschkarte im Büro, auf der er unterschrieben hätte. Ihren Schreibtisch hätten bunte Luftballons geschmückt, sodass er an ihren Geburtstag gedacht und ihr gratuliert hätte. Aber er war vollkommen damit beschäftigt gewesen, die Konferenz vorzubereiten und an seiner Eröffnungsrede zu feilen. Was war er nur für ein Chef, wenn er nicht einmal an den Ehrentag der Frau dachte, die so wichtig war in seinem Leben?

„Hab ich dir wenigstens etwas Nettes geschenkt?“

Sie hob die Arme und deutete an sich herunter. „Einen Wellness-Tag im Spa mitsamt Komplettverschönerung.“

„Da hab ich wohl einen guten Geschmack“, sagte er mit reumütigem Lächeln. „Du bist die schönste Frau hier.“ Angesichts dessen, dass sich fast nur Männer in der Bar aufhielten, war der Vergleich etwas unglücklich. Die wenigen Frauen waren älter und ohne jeden Schick.

Sie kniff die Augen zusammen. „Na, vielen Dank auch. Gut zu wissen, dass ich mit dem Haufen Großmüttern da mithalten kann. Das hebt mein Selbstvertrauen gewaltig.“

Sofort bedauerte er seine Worte. Das hätte er besser hinkriegen können. So etwas hatte sie nicht verdient, immerhin war heute ihr Geburtstag. Aber wie sonst hätte er zeigen sollen, wie umwerfend er sie fand. Am liebsten hätte er sie gleich mit nach oben in seine Suite genommen und ihr das sexy Kleid vom Leib gestreift …

Irritiert nahm er seine Erregung wahr. Er begab sich auf gefährliches Eis. Welche bislang verborgene Glut hatte aus Missy eine Verführerin gemacht, die ohne Weiteres Männern das Herz brechen würde? Was immer es war, seine Selbstbeherrschung war dahin.

„Ernsthaft“, versicherte er ihr. „du siehst großartig aus.“

„Wie jetzt? Großartig wie in ‚großartig‘?“, hakte sie nach. „Oder großartig für jemanden, der dreißig ist?“

Ein runder Geburtstag. Kein Wunder, dass sie so außer sich war. Ein neues Lebensjahrzehnt stand vor der Tür. Und vielleicht hörte sie die biologische Uhr auch schon ticken.

„Einfach nur großartig.“

Sie zog ein Gesicht. „Vielleicht glaubst du, dass ich überreagiere wegen dieser Jetzt-bin-ich-schon-dreißig-und-so-Geschichte.“ Sie wartete kurz ab, ob Sebastian einen Einwand hatte, doch er hörte ruhig zu. „Ich habe immer davon geträumt, mit achtundzwanzig zu heiraten. Das wäre perfekt gewesen. Beruflich hätte ich vorankommen können, durch die Welt reisen. Mich ein bisschen austoben. Ein paar Fehler machen, hier und da …“

Irgendwie konnte er sich Missy nicht dabei vorstellen, all diese Dinge zu tun. Sie ging mit Vorliebe ins Kino. Sie strickte gerne. Oder nahm heimatlose Katzen auf, um sich um sie zu kümmern. Wenn jemand dazu bestimmt wäre, daheimzubleiben und ein ruhiges Leben zu führen, dann wohl am ehesten Missy.

Aber das war, bevor sie sich in einen sündigen Engel verwandelt hatte, der himmlisch duftete und … ja, wie eigentlich schmeckte?

Er beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Sie schmeckte vollkommen.

Sie strich sich über die Stelle, an der er sie gerade geküsst hatte, und warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Wofür war das?“

„Alles Gute zum Geburtstag!“

Sie kniff die Augen zusammen. „Na, hoffentlich fühlst du dich auch noch so ausgelassen, wenn du siehst, was du für mein Geschenk ausgegeben hast.“

„Das macht mir nichts aus“, sagte er achselzuckend.

Missy Lippen öffneten sich in einem vollendeten Bogen. Wie hatte er nur so lange übersehen können, wie sinnlich ihr Mund war? Mit der fein geschwungenen Oberlippe und einer vollen unteren Lippe forderte ihr Mund es geradezu heraus, den roten Lippenstift wegküssen zu wollen.

Ohne Warnung holte sie aus und versetzte ihm mit der Faust einen heftigen Schlag auf den Arm. „Verdammt noch mal! Sebastian Case, du bist so ein Vollidiot!“

Mit diesen Worten ließ sie sich vom Hocker gleiten und stürzte davon. Während Sebastian sich die schmerzende Stelle an seinem Arm rieb, starrte er ihr überrascht nach. Für eine Frau hatte sie einen ziemlich kräftigen Schlag. Sie war schon am Ausgang, als er ebenfalls aufstand, ein paar Geldscheine auf den Tresen warf und ihr folgte.

Sie war nicht gewohnt auf High Heels zu laufen, daher konnte er sie mühelos einholen. Er legte seinen Arm um ihre Hüfte, um sie zu halten, als sie ins Stolpern kam. „Wohin willst du?“

„Ich will jetzt feiern gehen.“ Sie schob seine Hand weg.

Sebastians Handfläche kribbelte unangenehm. Um das Gefühl zu vertreiben, rieb er die Hände aneinander. Dabei sah er ihrem entschlossenen Abgang zu, bei dem ihre Kurven ein wenig ins Wackeln kamen.

Seine Exfrau war Model gewesen, dünn und ständig auf Diät. Mit einer ansprechenden Oberweite, die er bei Frauen bevorzugte, konnte sie nicht aufwarten. Vielleicht war das der Grund, dass sein Interesse an Sex mit ihr verloren gegangen war. Oder er war es einfach leid, auf ihre Spinnereien einzugehen. Ihre andauernden Lügen, dass sie schwanger sei, jedes Mal, wenn er von Trennung gesprochen hatte.

Missy steuerte nach rechts, als er noch im Geiste rekapitulierte, was in seiner Ehe alles schiefgelaufen war. Einen Moment später ging er ihr nach. Sie bewegte sich zielstrebig an den Spieltischen vorbei. Offenbar wusste sie genau, wohin sie wollte. An einem Roulettetisch holte er sie ein.

„Hast du eigentlich eine Vorstellung, was du da machst?“, fragte er, aber er ahnte die Antwort schon.

„Ich weiß ganz genau, was ich tue.“ Sie zog ein dickes Bündel Geldscheine aus ihrer Tasche. „Ich bin hier, um das zu verjubeln. Und ich gehe nicht eher, bis ich das getan habe.“

Missy hatte sich von dem Moment an, als sie am Nachmittag die Lobby des Hotels betreten hatte, in Las Vegas verliebt. Die klingelnden Spielautomaten erinnerten sie an das letzte Läuten der Schulglocke vor den großen Ferien. Die blinkenden Lichter und die Aussicht auf den Hauptgewinn, der an jeder Ecke zu warten schien, hatte das Kind in ihr wieder zum Vorschein gebracht. Sie konnte sich kaum zurückhalten, am nächstbesten Blackjack-Tisch zwanzig Dollar zu setzen. Mit einem Mal schienen fünfzehn Jahre gemächliches Leben wie ausgelöscht zu sein.

Sebastian legte den Arm auf ihre Schulter und stellte sich zwischen sie und den Roulettetisch. „Hier solltest du nicht spielen. Die Chancen sind gleich null. Lass uns lieber zum Blackjack gehen. Da kann man eher was gewinnen.“

Die Berührung ließ sie erschauern, obwohl er selbst warm war. Sein Griff war behutsam, aber Missy wusste, dass er auch anders konnte, wenn ihm die Geduld ausging.

Vermögend. Erfolgreich. Gewohnt, sich durchzusetzen. Notfalls mit allen Mitteln. Ein Mann, der alles in seinem Leben unter Kontrolle hatte. Niemals macht er Pause. Selten lächelte er. Und alle mussten für ihn ihr Bestes geben.

Hätte sie gewusst, was sie erwarten würde, als sie den Job bei ihm angetreten hatte, wäre sie wohl panisch aus seinem Büro geflohen. Stattdessen war sie von dem rätselhaften Sebastian Case fasziniert gewesen, von ihm, dem fantastischen, aber undurchschaubaren Geschäftsmann und Millionär.

Sie schüttelte seine Hand ab. „Interessiert mich nicht.“

„Du bist doch völlig durchgedreht. Wie viel hast du da überhaupt?“ Er nahm ihr das Geld aus der Hand und blätterte die Scheine kurz durch. Ein leiser Pfiff ging von seinen Lippen.

Da sie befürchtete, dass er ihr das Geld vorenthalten wolle, um sie vor sich selbst zu schützen, riss sie ihm die Scheine aus der Hand.

„Eigentlich war das für mein Hochzeitskleid gedacht, das ich mir immer gewünscht habe.“

Dass sie es für diesen Zweck hatte, überraschte ihn, aber er ließ sich nichts anmerken. „Und wie viel ist das genau?“

„Fünftausend Dollar.“

„Ganz hübsches Sümmchen, um es in Las Vegas durchzubringen.“ Seine Besorgnis ließ seine Stimme polternd erscheinen.

Missy wich seinem Blick aus. Seine Einmischung missfiel ihr. Am Ende hielt er sie noch davon ab, all ihre Vorsicht aufzugeben. „Stimmt. Zwei Jahre lang habe ich eisern gespart. Dreimal die Woche nichts als Thunfischsandwiches. Neue Klamotten habe ich mir nur gegönnt, wenn die alten schon fast hin waren. Und Kino und Ausgehen waren höchstens einmal im Monat drin.“

„Das hast du dir wirklich vom Mund abgespart“, sagte er mit ehrlichem Blick, auch wenn in seinen Augen ein Hauch von Spott schimmerte.

Missy reckte ihr Kinn. Sparen. Was wusste er denn schon davon? Er hatte achthunderttausend Dollar für ein Haus ausgegeben, nur weil ihm die Gegend so gut gefiel, dann hatte er es abreißen lassen, um für weitere zwei Millionen etwas zu bauen, das seinem Sinn entsprach. Eine Villa, in der er sich kaum aufhielt, da er so viel Zeit in der Firma verbrachte.

„Das habe ich“, sagte sie schlicht. Enttäuscht darüber, wie es in ihrem Leben gerade lief, war es für sie einfacher, alles an Sebastian auszulassen, als sich einzugestehen, was sie falsch gemacht hatte. „Interessiert es dich nicht, warum ich lieber mein Erspartes hier zum Fenster rausschmeißen will? Anstatt mir mein Traumkleid für die Hochzeit zu kaufen?“

„Das wüsste ich gerne.“ Beherrscht und gelassen klang er wie ein Feuerwehrmann, der einer alten Dame gut zuredet, sich von ihm retten zu lassen. „Lass uns doch irgendwo hingehen, wo es ruhig ist. Dann kannst du mir alles erzählen.“

„Ich will nicht irgendwo hin, wo es ruhig ist. Mein ganzes Leben war ruhig. Ich will jetzt mal was erleben.“

Unüberlegt tun, wonach einem der Sinn steht.

Sebastians Missbilligung würde sie nicht davon abhalten können. Sie hatte es satt, sich klein wie eine Maus zu fühlen, wenn doch eigentlich ein wilder Tiger in ihr schlummerte.

Als Tochter des Pfarrers einer kleinen Gemeinde war sie ein Kind freien Geistes, das Regeln missachtete und Autoritäten nicht anerkennen wollte. Zur Enttäuschung ihrer beider Eltern. Doch als sie in der Highschool war, hatten die unbeschwerten Tage für Missy ein Ende gehabt. Damals hatte ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten. Seitdem an den Rollstuhl gefesselt, hatte sie bei den einfachsten Verrichtungen Hilfe gebraucht. Mit der Verantwortung, sich jeden Tag um die Pflege ihrer Mutter zu kümmern, wurde Missy schnell erwachsen. Schließlich war ihre Mutter kurz nach Missys fünfundzwanzigstem Geburtstag gestorben.

„Hast du für heute nicht schon genug erlebt?“, fragte Sebastian. „du warst im Spa, du hast eine Menge getrunken. Komm, ich bring dich auf dein Zimmer.

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