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Glücksprinz

Ist es eine Krimi-Groteske, ein Psychodrama oder eine Milieubeschreibung, was die Autorin Brigitte Stolle (1959) hier in acht atemlose Tage hineingepackt hat … oder von allem etwas? Wir tauchen ein ins Kleinkriminellen-Milieu der Quadratestadt Mannheim, lernen zwei ungleiche und doch vom selben Elternhaus geprägte Schwestern kennen und wissen nicht, ob wir über die Kathie und ihre verschrobene Gedankenwelt, ihren Hang zu Sprichwörtern, platten Lebensweisheiten und John-Wayne-Filmen lachen oder weinen sollen. Die Sprache des Romans, die dem geringen Bildungs- und Reifegrad der Hauptperson angepasst ist, verleiht dieser bitterbösen Geschichte nicht nur einen lebensechten Anstrich, sondern auch eine gewisse Komik …

Eine interessante Stellung kommt der einsamen und unglücklichen Katze zu, „der einzigen sympathischen Person der Handlung“, mit der die Protagonistin ihre Wohnung teilt. Sie scheint mit Kathies traurigem Schicksal auf geheimnisvolle Weise verbunden: tropftropf, Katzenblut und Menschenblut …

Komm Schwester, gib mir Deine Hand

Wir wolln gemeinsam ein Stück Weges ziehn

Im Schatten, wo die grauen Blumen blühn

Und abseits schreitend, alles Laute fliehn

Komm Schwester -

Die Schatten kühlen … Schwesterlein

Sie kühlen jedes Leid so zart und lind

Wie Kinderkuss, wie weicher weißer Wind

Die Schatten kühlen und die Nacht ist blind

Komm Schwester …

Alfred Lichtenstein (1889-1914)

Brigitte Stolle

Glücksprinz

Mannheimer Krimistück in 8 Tagen

INHALT

Die Personen werden vorgestellt

Die Katze

DONNERSTAG

FREITAG

SAMSTAG

Die Manuela

SONNTAG

MONTAG

DIENSTAG

MITTWOCH

DONNERSTAG

Die Personen werden vorgestellt

Die Kathie: 35-jährige Buchhalterin. Macht sich über das Leben und die Menschen ihre ganz eigenen, höchst sonderbaren Gedanken. Liebt John-Wayne-Filme – und den Bruno.

Die Mutter: Wortlos, mollig, gutmütig. Hält aus Freude an familiärer Harmonie am liebsten ihre Klappe.

Der Vater: Schnäpselt gerne einen oder zwei. Liebt Fußball und ein ordentliches Heim. Alter Grabscher.

Die Schwester: 40-jährige Chefsekretärin. Groß, blond, schlank. Erfolgreich im Beruf. Isst nicht besonders gerne Sushi und ist vorübergehend in ihren Chef verliebt.

Der Schwager: Ehemaliger Bäcker und Altenpfleger. Jetzt selbstständiger Finanzberater. Ist einem guten Tröpfchen zu keiner Tages- und Nachtzeit abgeneigt. Wird in angetrunkenem Zustand widerlich respektive weinerlich. Kurz: Ein kultivierter, feiner Mann.

Der Bruno: Schmieriger Angestellter einer schmierigen Spielhölle. Bedient das Klischee des Ekelpakets. Nennt alle Frauen Schwesterchen und findet das recht witzig. Treibt undurchsichtige Geschäfte. Liebt die Kathie nicht. Oder doch?

Die Katze: Meist DAS VIECH genannt. Die einzig wirklich sympathische Person der Handlung.

Fernerhin: Kollegen und Kolleginnen der Kathie, ein braungebrannter Dermatologe und seine Sprechstundenhilfe, zwei Angestellte einer Zeitarbeitsfirma, der alte Hausarzt der Familie, mehrere Chefs, Kunden des GLÜCKSPRINZEN, Mario, die Dame im Ledermini, zwei Gorillas und ein ganzer Haufen Sanitäter auf einmal.

Die Katze

Die Katze hat ein rötliches Fell, ihre Tatzen stecken in weißen Pelzpantöffelchen: ein wunderschönes Tier. Auf einem Auge ist die Katze blind. Das blinde Auge ist blau, das gesunde ist grün. Die Kathie hat die Katze im Tierheim ausgesucht und 20 Euro in die Futterkasse gespendet. Die Katze ist ein sanfter Charakter. Sie ist sehr ängstlich. Erst zwei Jahre ist sie alt. Die schlimmen Dinge, die sie in ihrem kurzen Leben erdulden musste, sind in ihrer kleinen Katzenseele eingebrannt wie ein Mal. Wäre sie ein Mensch, würde sie behaupten, ein dickes Buch darüber schreiben zu können und es niemals tun. An die bösen Episoden kann sie sich nicht genau erinnern. Sie war noch sehr jung zu jener Zeit. Und doch sind sie nicht ganz vergessen, die Gesichter, die gellenden Menschenstimmen, die Tritte. Aber sie lassen sich nicht mehr ineinanderfügen, eines hat sich vom anderen losgelöst, nichts ist fest und sicher. Und wenn der Katze ein Geräusch große Angst macht, weiß sie nicht warum und versteckt sich verzweifelt unter dem Sofa. Alles, was ihr in das weit aufgerissene gesunde Auge fällt, könnte die Ursache für ihre Angst sein und darum fürchtet sie die ganze Welt. Fest verankert in ihrem Gemüt ist das diffuse Entsetzen vor diesen großen Menschenwesen, die sie packen, in Kisten stecken, festhalten, schlagen, treten und streicheln. Im Tierheim fürchtete sie sich sehr vor den anderen Katzen, die sie vom Futternapf vertrieben, ihr die Krallen ins Gesicht schlugen und sie mit angelegten Ohren und fauchenden Mäulern von diesem behaglichen weichen Kissen verjagten, das sie so liebte. Eines schönen Tages zeigte eine dicke junge Frau mit dem Finger auf die Katze, die sofort misstrauisch wurde. Die zweite Frau sagte: „Des is unser Sorgekind.“ Da wurde die Katze verfolgt, in der dunklen Ecke, in die sie sich verängstigt zurückgezogen hatte, gestellt, gepackt und von schrecklichen Armen hoch in die Luft emporgehoben. Die fremde Frau betrachtete die Katze von allen Seiten, hielt sie an Bauch und Genick fest, bis die Widerstrebende schließlich von vier energischen Händen in einen Transportkorb gezwungen wurde. Da wusste die Katze, dass sie auf immer verloren war. Nach einer unendlich langen Zeit, während derer sie durchgeschüttelt und hin- und hergerüttelt wurde und sie sich vor Angst ganz flach auf das Kissen duckte, wurde der Korb plötzlich mit einem Ruck abgestellt und das Gittertürchen aufgerissen. Die Katze äugte mutlos aus der Öffnung heraus – nichts kam ihr mehr bekannt vor – und sie war sich sicher: Ihr letztes Stündlein hatte geschlagen. Um nichts in der Welt wollte sie die enge Behausung verlassen, aber eine forsche Hand kam ihr entgegen, packte sie und zog die Abgeneigte mit Gewalt heraus. Eine Kiste mit Sand wurde ihr gezeigt, eine Schüssel mit Wasser und Futter. Sie wurde gestreichelt und gehätschelt, doch als sie sich auch noch nach zwei Tagen verzagt, gebrochen und außer sich vor Angst unter dem Sofa aufhielt und die ihr entgegengebrachte Liebe nicht erwidern konnte, verlor die Kathie das Interesse an dem undankbaren Katzenviech und vergaß es sozusagen.

Ab und zu, aber sehr selten, wird die Katze angesprochen, mit „Na, du?“ oder mit „Na, Katze?“. Einen richtigen Namen bekommt sie nicht. Dennoch liebt die Katze Kathie – auf eine unspektakuläre und schüchterne Weise, so wie es ihrem Charakter entspricht. Befindet sich die Kathie außer Haus, was die meiste Zeit der Fall ist, untersucht und betrachtet die Katze ganz vorsichtig ihr Zuhause, probiert einmal diesen Sessel, einmal jenen Berg Wäsche zum Schlafen aus, isst, ruht und wartet geduldig. Am liebsten sitzt sie am Fenster und schaut mit dem starren, undurchdringlichen, fast gleichgültigen Blick ihres sehenden Auges auf die Straße hinunter, wo sich hie und da etwas bewegt und ihr Abwechslung verschafft. Dann überkommt die Katze ein leichter Anflug von Neugierde. Wie in Trance strafft sich ihr Körper und begibt sich mit unendlicher Langsamkeit auf eine Linie mit dem betreffenden Objekt. Doch ist die Konzentration nie von Dauer und die Langeweile nimmt wieder Besitz von der Katze. Aber manchmal, besonders in ihren unruhigen Träumen, während ihr Körper vor Anspannung bebt und der Schwanz auf- und niederzuckt, kommt ihr die Erinnerung an das wohl größte Erlebnis und Abenteuer ihres Lebens wieder ins Bewusstsein: die Erinnerung an die Maus …

Ja, einmal, vor Ewigkeiten, da hatte unsere Katze eine Maus erwischt. Ihre erste Regung beim Anblick des fremden Tieres: maßloses Erschrecken. Die leichte Bewegung im hohen Gras war mehr zu ahnen als zu sehen. Ohne den Grund zu wissen, schlich sich die Katze – fast auf dem Bauch robbend – an dieses unbekannte Ding heran. Plötzlich aber wich alle Angst wie von Zauberhand von ihr. Instinktiv erkannte die Katze, dass dies ihre wahre Bestimmung und ihr wirkliches Leben sei. Alle Sinne geschärft, die Bewegungen nicht mehr zaghaft und unfrei, sondern sicher und wohl koordiniert, tastete sie sich auf leisen Sohlen heran und stürzte sich im richtigen Moment auf die entsetzt aufschreiende Maus, umschloss deren zuckenden Leib fest mit ihren Krallen und hielt das Maul direkt über den Kopf ihrer Gefangenen. Die Lust, sofort zuzubeißen und dieses Genicklein unter ihren scharfen Zähnen zerbersten zu hören, war unwiderstehlich groß und unbeschreiblich süß und köstlich. Dennoch wusste sie sich zu beherrschen und zog ihre Krallen langsam wieder aus dem kleinen Körper heraus. Die überraschend freigelassene Maus konnte, trotzdem sie sich aus Todesangst in einem schweren Schockzustand befand, ihr Glück kaum fassen. Weg, schnell weg von dieser reißenden Bestie, rasch fort, fort, dort hinein in das rettende Erdloch, wo die Brüder und Schwestern warteten, die Frau und die Kinder. Ein glückliches Geschick ließ sie noch einmal davonkommen. So etwa waren die Empfindungen der Maus im ersten Freudentaumel. Ihre schweren Verwundungen jedoch ließen ein eiliges Entweichen nicht mehr zu, das Loch war weiter entfernt als angenommen, Kraft und Schnelligkeit waren überschätzt worden. Denn schon spürte sie den heißen Atem des Raubtieres erneut über sich, die Krallen des Häschers, die sich wieder und wieder schmerzhaft in ihren Körper bohrten wie tödliche Dolche, immer wieder, bis dieser nur noch eine arme blutende Masse war. Erneut ließ die Katze ihr Opfer frei, ließ die vor Hoffnung trunkene Maus ein paar Schrittchen vorwärtstorkeln und sich in Richtung Heimat schleppen. Manchmal zog sie ihre Beute mit der ganzen Pranke wieder zu sich zurück, manchmal bewies sie ihre große Geschicklichkeit dadurch, dass sie der Maus nur eine einzige Kralle in den Körper trieb und sie mit Hilfe dieser Kralle hin und her warf, sie einmal auf den Rücken drehte, um sie im nächsten Moment hoch in die Luft zu schleudern. Ach, das war eine Freude für die Katze gewesen! Fast hatte sie bedauert, dass die Bewegungen der Maus immer matter und hinfälliger wurden, als diese von einer Ohnmacht in die nächste fiel und sich in ihren wenigen klaren Momenten nur noch millimeterweise und unter größter Anstrengung vorwärtsbewegen konnte. Doch kurz bevor der Lebensfunke der Maus ganz verloschen war, hatte die Katze endlich zugebissen und der Qual schließlich ein Ende bereitet.

Solche oder ähnliche Gedanken mag die Katze sich machen, wenn sie in Kathies Wohnung am Fenster sitzt und mit ihrem geheimnisvollen Auge unmerklich suchend und prüfend auf die Straße hinunterblickt.

Zwei sich widerstreitende Mächte wohnen in deiner Seele, kleine Katze. Eine tödlich grausame und eine überaus zärtliche. Und doch bist du keine gespaltene Persönlichkeit. Voller Hoffnung bist du, dass die beiden zu einer Einheit verschweißten Wesensarten, eine jede zu ihrer Zeit, sich von der anderen ablösen und für sich allein zum Zuge kommen darf.

DONNERSTAG. Die Kathie macht im Büro eine interessante Entdeckung, haut einen Hautarzt übers Ohr, ärgert sich über die Katze und verbringt einen gemütlichen Fernsehabend mit John Wayne, Bier und Salzstangen.

Um siebzehn Uhr dreißig verlässt die Kathie das Büro. Als Letzte, wie gewöhnlich. Der Chef hat auch schon bemerkt, wie fleißig die Kathie ist, wie lange die immer vor ihrem Bildschirm sitzt, wie sorgfältig die arbeitet. Mehrmals hat er sie schon darauf angesprochen. Nicht wirklich ernsthaft interessiert. Mehr abwesend und in seine eigenen Gedanken versponnen. Ob sie denn nicht endlich Feierabend machen will? Bestimmt wartet der Freund schon sehnsüchtig auf ihr Nachhausekommen. So etwas macht die Kathie unbändig stolz: dass der Chef denkt, sie hätte einen Freund. Alle Selbstbeherrschung muss aufgeboten werden, um nicht vor sich hinzugiggern vor lauter Vergnügen, hihi. „Ja, aber die Arbeit hier muss unbedingt noch erledigt werden“, sagt sie dann – ein Schuss geschäftige Sachlichkeit macht sich nicht schlecht – und zeigt auf einen Stapel Kontoauszüge. Manchmal, an tolldreisten Tagen, wagt sie auch einmal den kecken Satz: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Dabei errötet die Kathie zart und der Chef schmunzelt. Ein voller Erfolg. Ob es ein Fingerzeig ist? Vielleicht zieht der Chef bereits in Erwägung, sie in der Firma fest einzustellen. Sie ist gut im Rechnen, eine Bereicherung für die Abteilung. Die Kathie gibt die Hoffnung nie auf, denn die Hoffnung ist wie Honig in einer Tasse voll bitterem Wermut-Tee. Schon ein Löffelchen davon versüßt das widerlichste Gebräu und macht alles genießbar.

Aber der Chef ist wie alle Chefs. Flugs verschwindet er wieder in seiner eigenen Gedankenwelt, lächelt zerstreut und nuschelt unverbindlich vor sich hin: „Brav, brav“ oder: „Des lob isch mir, des lob isch mir“. Es ist von jeher seine ureigene Spezialität, Unwichtiges zweimal zu sagen.

Erst wenn der Chef endlich bemerkt hat, dass die Kathie noch da ist, verlässt die sie das Büro und macht sich auf den Heimweg. Heute hat er es ziemlich spät bemerkt, das ärgert die Kathie. Vor lauter Hast lässt sie ihren Schirm auf dem Schreibtisch liegen. Es fällt ihr erst auf der Straße auf. Natürlich: Es regnet in Strömen. Also noch einmal zurück. Kein Mensch ist mehr da, nur die Putzfrau ist am Arbeiten. „Oder was die so arbeiten nennt“, denkt die Kathie giftig. Im selben Moment, als sie in das offene Bürozimmer hinein- und auf ihren Schirm zustürzt, steckt die Putzfrau ein Bonbon in den Mund. Das ist dreist. Schlimm genug, dass die während der Arbeit dauernd mit dem Handy am Ohr herumläuft. Die Kathie ist sich ziemlich sicher, dass die auch mit den Bürotelefonen herumtelefoniert. In die Türkei. Da kommt die nämlich her. Und das wird teuer. Da geht die Firma irgendwann den Bach runter. Manche Kollegen sind einfach zu blöd für alles, die vergessen sogar, ihre Telefone abzuschließen. Die denken nur an eines: „Raus hier, fort, weg, heim!“ Die haben nur ihr Vergnügen im Kopf, mehr nicht. Und jetzt nimmt diese freche Person einfach eines von Kathies Bonbons aus dem Glasschälchen, wickelt es aus und steckt es genüsslich in den Mund. Es geht ganz schnell, aber die Kathie hat alles genau beobachtet. Ein Skandal. Nehmen ohne zu fragen ist Diebstahl. Das lernt man doch schon in der Schule. Aber in der Türkei wahrscheinlich nicht. Die Kathie muss unbedingt mit dem Chef darüber reden. Seit einiger Zeit passieren hier dauernd solche Sachen; tut man nichts dagegen, reißt es ein und es werden Zustände daraus. Da verschwinden Süßigkeiten, Schokolade, Mon Chéri vor allem. Jeden Tag beschwert sich eine andere Kollegin, dass die Gummibärchen weg sind. Oder die Ferrero Küsschen. Bisher hat es noch niemand direkt angesprochen. Höchstens klammheimlich hintenherum. Aber die Kathie hat einen guten Riecher und ahnt, dass sie selbst verdächtigt wird. Weil sie immer so lange im Büro hocken bleibt am Nachmittag. Weil die Kollegen neidisch sind, dass der Chef ihre gute Arbeit lobt. Weil die Kathie so gut mit Zahlen umgehen kann. Weil sie ein bisschen dicker ist als die anderen. Aber jetzt kann sie endlich erzählen, was sie gesehen hat: „Die Putzfrau war’s!“ Wahrscheinlich auch das mit den Raffaellos. Und den verschollenen Erdbeerjoghurt letzte Woche, den hat diese Person ganz sicher auch auf dem Gewissen. Wer einmal stiehlt, dem glaubt man nicht. Dann muss die eben gehen. Diebstahl ist immerhin ein Kündigungsgrund. Und zwar fristlos. Aber immer werden die Aushilfskräfte verdächtigt. Weil die fremd sind und nie irgendwo richtig dazugehören. Die sind immer an allem schuld. Aber jetzt hat die Kathie den Fall gelöst, jetzt kann ihr keiner mehr dumm kommen.

Klar, manchmal kriegt sie so einen richtigen Heißhunger auf etwas Süßes, wenn sie nachmittags so lange arbeiten muss. Da kann sie nichts dafür. Dann schleicht sie in fremden Zimmern herum und sucht sich was zum Naschen in den Schränken und Schubläden. Aber nur, weil sie so viel zu tun hat und ausgenutzt wird. Da wird man ganz schwach dabei. Essen muss der Mensch. Sonst kann man nicht arbeiten. Das sagt der Vater auch immer: „Wer schafft, braucht Kraft“. Genau, sie arbeitet schließlich wie ein Pferd. Sie leistet etwas. Aber diese Putzfrau … die fährt mit ihrem dreckigen Lumpen doch bloß kurz über die Tische, schlapp-schlapp, und leert die Aschenbecher aus. Bestimmt holt die sich die ausgelesenen Zeitungen aus den Papierkörben und setzt sich gemütlich hin und liest, wenn alle gegangen sind. Die tut ja immer bloß so, als versteht sie nicht richtig Deutsch. Dabei ist Deutsch so leicht. Und beim Zeitunglesen braucht’s dann einen Schokoriegel dazu. Oder ein Stück Kuchen. In den Büros wird ja den ganzen Tag süßes Zeugs gegessen. Und literweise Kaffee getrunken. Dauernd bringt jemand selbst gebackenen Kuchen mit. Käsekuchen, Apfelkuchen, Gugelhupf mit Mohn. Dann wird der aufgeschnitten und verteilt und alle fragen nach dem Rezept, weil der so gut schmeckt und weil ihn alle nachbacken wollen. Angeblich. In Wahrheit wollen die sich nur einschmeicheln. Alle miteinander. Die, die den Kuchen mitbringen und die, die nach dem Rezept fragen. Die Kathie hat das Kaspertheater von Anfang an haargenau durchschaut. Albern ist das, richtig kindisch. Sie selbst kann nicht backen. Und selbst wenn, das wär ja noch schöner: Kuchen backen für das Pack, das freche. Und kaufen? Nein, da ist ihr das Geld zu schade.

Die Kathie ist fünfunddreißig und ziemlich mollig. Ihr Bauch ist so dick, dass sie nur Hosen und Röcke mit Gummizug tragen kann. Das liegt daran, dass sie so klein ist: ein Meter fünfzig höchstens. Deswegen zieht sie immer Schuhe mit hohen Absätzen an. So wirkt man größer und auch etwas schlanker. Aber der Arzt sagt, sie leide an Adipositas. Die Kathie hasst das Wort. Es begleitet sie seit ihren Kindertagen. Die Ärzte reden immer vornehm von Adipositas, meinen aber damit, dass die Kathie fett ist und trauen sich bloß nicht, ihr das direkt zu sagen. Also verstecken sie sich hinter dem ausländischen Wort.

Der da ist auch so einer. Dabei geht ihn das überhaupt rein gar nichts an. Es ist ein Doktor für Hautkrankheiten. Sie geht zu ihm hin, weil sie die hässlichen Pickel nicht loskriegt. Auf ihrem Gesicht sind sie, auf den Armen, auf der Brust. Sie jucken und werden von Zeit zu Zeit gelb. Besonders im Gesicht sind sie unangenehm. Die Kathie braucht eine Kreme, damit die Pickel abheilen. Die Pickel hat sie schon sehr lange, wahrscheinlich von Anfang an. Genau erinnern kann sie sich nicht. Sie hat schon viele Kremes ausprobiert. Sie geht immer zu einem anderen Hautarzt. Einer wird irgendwann schon dabei sein, der sich auskennt, der ihr eine gute Kreme verschreibt. Man braucht viel Geduld bei Pickel-Krankheiten. Geld auch, weil die Kremes nicht billig sind. Der da ist unfreundlich, richtig arrogant. Er sieht aus wie einer, der das ganze Wochenende Golf oder Tennis spielt. Wahrscheinlich beides gleichzeitig. Braungebrannt wie ein Neger ist er noch dazu. Er betrachtet sich die Pickel aus der Nähe und ekelt sich. Die Kathie bemerkt es sofort. Er hat bei der Untersuchung sein Gesicht nicht unter Kontrolle. Er macht eine faltige Stirn und zieht die Unterlippe in die Breite. Dabei dehnt sich sein Kinn großflächig aus. Die Kathie schaut schnell von seinem Gesicht weg, sonst muss sie laut herausprusten. Ein kleines Kichern kann sie nicht unterdrücken, das Kinn sieht wirklich zu komisch aus. Weil sie den Mund fest zusammenpresst, wird ein verunglücktes Grunzen daraus. Jetzt macht der Arzt wieder ein neues Gesicht, dieses Mal ein erschrockenes, weil er denkt, die Kathie muss niesen. Schnell zieht er Gesicht und Hand von ihr weg. Danach betupft er vorsichtig Kathies Haut mit einer hellen Flüssigkeit und sagt, er will nun ihre Brust anschauen. Auf der Brust sehen die Pickel kein bisschen anders aus als im Gesicht. Sie hat es ihm gleich zu Anfang gesagt. Trotzdem soll sie den BH ausziehen. Jetzt schaut er widerwillig und macht wieder sein blödes Kinn dazu. Bestimmt findet er ihre Brust zu fett. Denn als er die Lippen wieder in der normalen Stellung hat, fängt er an, vom Abnehmen zu reden. Dauernd reden die vom Abnehmen. Gymnastik soll sie machen und regelmäßig schwimmen gehen, viel Obst und Gemüse essen, nicht so viel Fabrikwurst. Wenig Salz und keine scharfen Sachen. Sie kriegt ein Rezept und soll in einer Woche wiederkommen. „Guck mich noch einmal ganz genau an“, sagt die Kathie in Gedanken zu ihrem braungebrannten Hautarzt, „denn du siehst mich jetzt zum letzten Mal in deinem Leben, du arroganter Dreckskerl.“ Es macht ihr viel Spaß, solche Sachen zu denken. Der kann sie mal kreuzweise, der soll schon noch sehen, wenn keine Patienten mehr zu ihm kommen. Aus ist’s dann mit Golf und Tennis. Mit der affigen Arzthelferin macht die Kathie lang und breit einen Termin aus. Nein, da kann sie nicht – sie ist schließlich eine berufstätige Frau. Nein, sie kann nicht nach Belieben in der Firma ein- und ausgehen, wie es der Arzthelferin gerade so passen täte. Wie Tennisbälle werden die Termine hin- und hergeworfen, angeboten und angenommen. Dann wieder zurückgegeben. Dann wieder angenommen und erneut verworfen. Man feilscht und handelt: „Ja, das ginge. Obwohl …?“ Nein, da hat sie schon einen ganz wichtigen anderen Termin. Eine Stunde früher wär besser – oder lieber eine Stunde später? Die Kathie blättert aufreizend langsam in ihrem Terminkalender. Doch, sie wird’s einrichten können. „Also am nächsten Donnerstag um siebzehn Uhr.“ Sie lächelt der jungen Frau honigsüß zu. Das kommt bei ihr selten vor. Aber sie fühlt sich in Hochstimmung. Den braungebrannten Affen hat sie jetzt reingelegt. Und die fade Ziege gleich mit dazu.

Die Kathie geht nicht gerne zu Fuß. Zum Glück kommt gerade eine Straßenbahn. Die Löwen-Apotheke ist nur eine Haltestelle entfernt. Kathie nimmt ihre Kreme entgegen wie eine Kostbarkeit. Wo sie schon mal in der Innenstadt ist, will sie noch eine Kleinigkeit essen.

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