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Glücklich in deinen starken Armen

Kara Lennox

Glücklich in deinen starken Armen

1. KAPITEL

Die meisten Feuerwehrleute der neunundfünfzigsten Wache schliefen oder sahen sich einen langweiligen Actionfilm an. Drei von ihnen hatten sich um einen wackligen Tisch versammelt, um Karten zu spielen.

„Wie war das noch mal? Schlägt eine Straße einen Flush, oder ist es umgekehrt?“ Die einzige Frau in der Pokerrunde blickte ihre beiden Gegner verunsichert an.

Ethan Basque unterdrückte ein Stöhnen. So ein Anfängerglück! Er legte seine Karten auf den Tisch. „Das ist jetzt auch egal, Priscilla. Du hast schon wieder gewonnen.“

„Nicht so schnell“, schaltete Tony sich ein. „Pris, ein Flush schlägt eine Straße. Willst du setzen?“

Priscilla ordnete ihre Karten und kaute dabei auf der Unterlippe. „Na gut.“ Dann schob sie ihre gesamten Chips in die Mitte des Tisches – und erhöhte den Jackpot damit um ungefähr zwanzig Dollar.

Tony stöhnte. „Vergiss es. Du gewinnst.“

Lächelnd sammelte Priscilla die Chips ein. „Das nächste Mal zeige ich euch, wie man Bridge spielt. Vielleicht habt ihr da eine Chance gegen mich.“

Ethan lachte. „Und danach bringst du uns dazu, Tee zu trinken und uns die Fingernägel zu lackieren.“ Priscilla ignorierte seinen Kommentar.

Im Gegensatz zum Großteil seiner Kollegen genoss Ethan die Anwesenheit einer Frau in der Feuerwache. Er und Tony hatten allen klargemacht, dass jeder Ärger bekam, der sich mit Priscilla anlegte. Deshalb waren sie nicht gerade beliebt bei ihren Kameraden, die sie als Neulinge sowieso nicht akzeptierten.

Tony mischte die Karten. „Diesmal werde ich mein Geld zurückgewinnen.“

„Das bezweifle ich“, gab Priscilla zurück und stapelte ihre Chips ordentlich übereinander.

Plötzlich bereitete das schrille Läuten der Alarmglocke dem Spiel ein Ende. Tony ließ die Karten fallen, und alle drei Feuerwehrleute rannten wortlos zur Rutschstange.

Wie jedes Mal, wenn der Alarm ertönte, zog sich Ethans Magen zusammen. Als neueste Mitglieder der Truppe hatten er und seine beiden Kollegen außer einem brennenden Müllcontainer, einem kleinen Küchenbrand und einem Autounfall noch keinen ernsthaften Einsatz erlebt. Aber er wusste, eines Tages würde sich das harte Training auszahlen und er müsste das Gelernte anwenden. Und deshalb war er stets aufgeregt, wenn sie zu einem Brand gerufen wurden.

Viele der älteren Feuerwehrmänner nahmen die Treppe. Doch die drei Neulinge ließen es sich nicht nehmen, die Stange hinunterzurutschen, um zu den Löschwagen zu gelangen. Die neunundfünfzigste Wache war eine der wenigen in Dallas, in denen diese Stangen weiterhin in Gebrauch waren. Ethan landete mit einem gekonnten Sprung im unteren Stockwerk. Ihm folgten seine Kollegen, die zu unterschiedlichen Fahrzeugen rannten.

Ethan erreichte als Erster den Einsatzwagen. Rasch zog er sich seine feuerfeste Hose an, griff nach seiner Jacke und nahm auf dem Rücksitz Platz. Allen voran rollte die Ambulanz mit Tony an Bord aus der Halle. Tony hatte mehrere Jahre als Sanitäter gearbeitet, bevor er sich bei der Feuerwehr von Dallas beworben hatte. Priscilla befand sich auf einem anderen Wagen, auf dem sie zusammen mit Otis Granger den Schlauch bedienen würde.

Der Rest von Ethans Einheit stieg in das Auto ein. Keiner von ihnen respektierte Ethan. Für sie waren Tony, Priscilla und Ethan unfähige Neulinge. In diesem Punkt gab es keine Kameradschaft in der Truppe.

Bisher jedenfalls nicht.

Ethan war Leutnant Murph McCrae zugeteilt worden. Als Neuzugang gehörte es zu Ethans Aufgaben, möglichst nah an ihm dranzubleiben und von ihm zu lernen. Dagegen hätte Ethan nichts gehabt. Aber leider machte McCrae ihm ständig klar, wie wenig es ihm gefiel, einen Grünschnabel an seiner Seite zu haben. Der Rest der Besatzung bestand aus Captain Eric Campeon, dem Leiter der neunundfünfzigsten Wache, und Bing Tate. Tate war ein widerlicher Kerl: Es machte ihm Spaß, fortwährend Witze über Priscilla zu reißen, um sie zu demütigen.

Als der Wagen losfuhr, bekamen sie über Funk Anweisungen. Mittlerweile ertönte ein zweiter Alarm, der ihnen verdeutlichte, dass es sich um einen Großbrand handelte. Das Feuerwehrauto raste durch die Straßen von Dallas, und Ethans Herz schlug immer schneller. Der Moment war gekommen. Seine Feuerprobe stand kurz bevor.

Die neunundfünfzigste traf nicht als erste Einheit bei dem zweistöckigen Gebäude ein, aus dem schwarze Rauchwolken quollen. Der Captain der einundzwanzigsten Feuerwache hatte die Leitung übernommen. Er hatte bereits eine Strategie zur Bekämpfung des Feuers ausgearbeitet und verteilte Aufgaben. Angeblich befanden sich noch Menschen in dem brennenden Haus.

„Wir gehen hinein!“, rief der Einsatzleiter, woraufhin sich sofort mehrere Helfer mit Schläuchen bewaffnet in Bewegung setzten.

Von seinem Platz neben dem Wagen beobachtete Ethan die Feuerwehrleute und wartete auf Anweisungen. Priscilla schien sich nicht unter den vorrückenden Einheiten zu befinden. Er versuchte, sich keine Sorgen um seine Kollegin zu machen.

„McCrae, Sie und Ihr Assistent fahren die Leiter bis zum zweiten Stock aus“, befahl Campeon und deutete auf ein Fenster am Ende des Gebäudes. „Lassen Sie zuerst den Löschtrupp vor, und folgen Sie dann, um eventuell eingeschlossene Bewohner zu befreien.“

Ethan sollte hineingehen!

McCrae fuhr die Leiter aus und ließ zuerst Otis Granger und Priscilla mit den Schläuchen vor. Hoffentlich passierte seiner Kollegin nichts! Ethan zwang sich, nicht noch nervöser zu werden, und beschloss, McCrae alles nachzumachen. Der Leutnant besaß sehr viel Erfahrung und schien überhaupt nicht nervös zu sein. Wenn Ethan nur so ruhig bleiben könnte!

Dann kletterte er zum ersten Mal seit seiner Ausbildung mit Atemmaske in ein brennendes Gebäude. Seine Knie zitterten, und eine Stimme in seinem Innern warnte ihn davor, weiterzugehen. Trotzdem stieg er durch das Fenster und verlangsamte die Atmung, um den Sauerstoff nicht zu schnell aufzubrauchen. So hatte er es gelernt.

Er musste nichts anderes tun, als McCrae zu folgen. Auch wenn der Leutnant ein griesgrämiger alter Kerl war – er wusste, was zu tun war.

Ethan und McCrae durchsuchten die erste Wohnung, während Otis und Priscilla versuchten, die Flammen zu löschen. Und obwohl die Räume voller Rauch waren, hatte Ethan dank seiner Taschenlampe gute Sicht. Hier war allerdings niemand zu entdecken.

Im zweiten Apartment wurde es schwieriger. Sie schlugen ein Loch in die Wand, denn das war einfacher, als die solide Tür aufzubrechen. Als sie die Räume betraten, umhüllte sie schwarzer Rauch. Die Sicht war hier deutlich schlechter, und sie kamen nur langsam voran.

„Auf den Boden!“, wies McCrae ihn an. Doch Ethan kniete bereits und tastete sich vorwärts. Er hoffte, dass die Decke der Wohnung unter ihm nicht brannte.

„Ich habe jemanden gefunden“, verkündete McCrae ruhig.

Ethans Herz raste. Das war sein erster Brand, und das Leben eines Menschen hing davon ab, wie er in den nächsten Sekunden reagierte.

„Hier ist noch jemand“, fuhr McCrae fort. „Wir haben eine Frau und ein Kind. Und … um Gottes willen … eine Katze.“ Ihm war anzuhören, wie wenig er Katzen mochte.

Ethan kroch zu ihm und den beiden Bewohnern. „Ich habe das Kind.“ Das kleine Mädchen hielt ein Kätzchen in seinen Händen, das es um keinen Preis loslassen wollte. Als er das Mädchen hochhob und zum Ausgang brachte, atmete es schwer und wollte sich aus seinem Griff befreien. Ethan erkannte, dass das Mädchen einen Asthmaanfall erlitten haben musste.

„Ist schon gut“, beruhigte er die Kleine. „Ich bin hier, um dir zu helfen.“

Wenige Schritte entfernt hörte er die Frau schluchzen: „Meine Tochter … meine Tochter. Retten Sie sie zuerst!“

„Ich habe sie“, gab Ethan zurück.

„McCrae an Einsatzleitung“, sprach McCrae in sein Funkgerät. „Wir haben zwei Personen ausfindig gemacht und bringen sie jetzt raus. Bitten um Unterstützung.“

„Verstanden“, antwortete der Einsatzleiter.

Weil das Mädchen recht klein war, kam Ethan schnell voran. Vor allem, da es sich nicht mehr gegen ihn wehrte und beängstigend still geworden war.

Bitte, Kleine. Halte durch. Wir haben es bald geschafft.

Die erste Wohnung hatte sich inzwischen mit Qualm gefüllt. Ethan konnte kaum etwas sehen und hörte über sich, wie Ortis und Priscilla gegen die Flammen kämpften.

Als er mit dem Mädchen endlich das Fenster erreichte, wartete ein Feuerwehrmann auf der Leiter, um ihm das Kind abzunehmen. Ethan reichte es seinem Kollegen. Es atmete schwer, aber immerhin war es am Leben. Nachdem der Helfer das Kind nach unten gebracht hatte, stieg sofort ein anderer hinauf, um die Frau zu holen.

Auf allen vieren kroch Ethan McCrae entgegen und half ihm, die Frau zum Fenster zu bringen.

Als Ethan die Frau hochhob, sah sie ihm voller Sorge in die Augen. „Samantha?“, fragte sie mit schwacher Stimme.

„Wir haben Ihre Tochter“, beruhigte Ethan sie. „Sind noch weitere Personen in der Wohnung?“

„Nein. Bitte retten Sie sie.“

Und in diesem Moment, kurz bevor er sie durch das Fenster an seinen Kollegen übergab, spürte Ethan eine Spannung zwischen sich und der Fremden. Vielleicht war es auch bloß das Adrenalin in seinem Körper. Trotzdem haute ihn das Gefühl beinahe um.

McCrae tippte ihm auf die Schulter und brachte ihn dazu, sich wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren. Es gab noch viel zu tun.

Sie setzten die Suche fort, fanden aber niemanden mehr.

Und als sie schließlich das Signal zum Rückzug hörten, war Ethan froh, den Einsatz beenden zu können.

„Los!“, forderte McCrae ihn auf. „Das Gebäude kann jeden Moment zusammenbrechen!“

Durch das Fenster verließen sie das Haus und kletterten die Leiter hinunter. Ein lautes Krachen auf der anderen Seite deutete darauf hin, dass ein Teil des Daches eingestürzt war.

Nachdem Ethan unten angekommen war, blickte er sich gleich nach Priscilla um. Erleichtert stellte er fest, dass sie unverletzt geblieben war.

Um ihn herum standen die wenigen Bewohner und starrten fassungslos auf ihr brennendes Zuhause. Doch die Frau und ihre Tochter waren nirgends zu entdecken.

Wahrscheinlich waren sie bereits im Krankenhaus – oder in Tonys Ambulanz.

Ethan musste sich um andere Dinge kümmern. Die Arbeit war längst nicht getan.

„Basque!“, rief McCrae. „Hilf mir mit der Leiter!“

Für ein paar Sekunden hatte Ethan seine Hauptaufgabe vergessen, nicht von McCraes Seite zu weichen. Schnurstracks lief Ethan zu seinem Mentor. Die Folgen des Feuers beschäftigten ihn bis zum Ende seiner Schicht. Genauso wie die verängstigten Augen der wunderschönen Fremden.

Später auf der Wache sprang Ethan vom Feuerwehrwagen und streifte seine dreckige Kleidung ab. Er freute sich, dass seine Sachen ebenso verschmutzt waren wie die von allen anderen. Jetzt würde er nicht mehr als Neuling gelten.

Es war fast sechs Uhr morgens, und Ethans Schicht endete in einer Stunde. Als er seine Kleider zum Trocknen auslegte, tippte McCrae ihm auf die Schulter. „Basque.“

„Ja, Sir?“ Insgeheim fragte Ethan sich, was der Leutnant nun an ihm zu bemängeln hatte.

McCrae wich seinem Blick aus. „Du hast dich gut da draußen gemacht.“

Stolz atmete Ethan auf. „Danke, Sir.“ Diese Worte aus McCraes Mund zu hören war ein großer Triumph.

Schon am Anfang waren die Bedingungen schlecht gewesen, unter denen die Neuzugänge ihren Dienst angetreten hatten. Wenige Monate zuvor waren drei Männer der neunundfünfzigsten Wache bei einem Brand in einem Lagerhaus ums Leben gekommen. Das Drama hatte die gesamte Feuerwehr von Dallas schockiert.

Und mehr als einmal hatte Ethan sich anhören müssen, dass er und die beiden anderen die verstorbenen Männer nicht ersetzen konnten. Dennoch gaben sie ihr Bestes, obwohl man es ihnen von Beginn an nicht leicht gemacht hatte.

Keiner akzeptierte sie in der Mannschaft.

Wenigstens hatte Ethan Tony und Priscilla an seiner Seite. Gemeinsam mit ihnen hatte er die Ausbildung absolviert und hart trainiert. Tony kannte er bereits seit der Schulzeit. Mittlerweile waren die drei eng miteinander befreundet und gingen zusammen durch dick und dünn.

Sie konnten sich aufeinander verlassen und wollten auch das Vertrauen der anderen gewinnen. Das ging aber nicht von heute auf morgen. Doch in dieser Nacht hatte Ethan einen großen Schritt in die richtige Richtung getan. Und er wettete, dass Priscilla das ebenfalls gelungen war.

Nachdem er geduscht und sich umgezogen hatte, fand er seine Freunde in der Küche.

„Hey, da ist ja unser Held“, begrüßte Tony ihn. „Ich wünschte, ich hätte mit euch im Haus sein können, anstatt in der Ambulanz zu warten.“

„Unglaublich! Du hast zwei Menschen das Leben gerettet“, sagte Priscilla strahlend.

Erneut sah Ethan Mutter und Tochter vor seinem inneren Auge. Auch an das seltsame Gefühl musste er denken, das er beim Anblick der Frau verspürt hatte. „Das war nicht nur meine Leistung. McCrae war auch dabei“, erwiderte er. „Wisst ihr, ob es den Geretteten gut geht? Als ich aus dem Gebäude kam, waren sie nirgends zu sehen.“

„Ich habe sie ins Krankenhaus gebracht“, erklärte Tony. „Die Mutter war wohlauf. Die Kleine hatte allerdings einen Asthmaanfall. Aber ich glaube, mittlerweile geht es ihr besser.“

Ethan war erleichtert. Er wusste nicht, was er gemacht hätte, wenn sein erster Einsatz schiefgegangen wäre.

„Das hätte ich fast vergessen …“, meinte Tony. „Ich muss euch etwas zeigen.“ Er ging zu einem Karton, hob ihn hoch und stellte ihn auf den Tisch. Darin befand sich die bedauernswerteste Katze, die Ethan je gesehen hatte. Ihr Körper war starr vor Schreck, und ihr Fell war vom Ruß so schwarz, dass man ihre eigentliche Farbe nicht erkennen konnte.

„Glaubst du, wir sollten sie behalten?“, fragte Tony.

„Bist du verrückt?“, gab Ethan entsetzt zurück. „Wenn McCrae sie sieht, bringt er uns um.“

„Ich konnte sie nicht auf der Straße lassen. Das solltest du doch am besten verstehen, Ethan“, erklärte Tony und wandte sich Priscilla zu. „Als Ethan und ich zur Schule gingen, hat er immer halb tote Tiere nach Hause gebracht und seine Mutter angebettelt, sie behalten und gesund pflegen zu dürfen.“

Ethan lächelte. Tatsächlich hatte er oft Streuner mit nach Hause genommen – Tiere und Menschen. Tony war einer davon gewesen. Er war in einer Familie mit sieben Kindern aufgewachsen, und seine Eltern waren kaum dazu in der Lage gewesen, ihn zu versorgen. Deshalb hatte Ethan sich um ihn gekümmert, damit er etwas Ordentliches zu essen bekam.

Ethans Haus war zu Tonys zweitem Heim geworden. Immer wenn es bei ihm zu eng geworden war, hatte er sich zu Ethan geflüchtet. Seine Mutter hatte ein zu weiches Herz gehabt, um Tony wegzuschicken. Und manchmal hatte sie sogar für seine Geschwister gekocht, wenn er sie mitgenommen hatte.

Wieder ertönte der Alarm. Diesmal handelte es sich nicht um einen Brand, sondern um einen medizinischen Notfall. Tony sah auf seine Uhr und ging zur Tür. „In fünfzehn Minuten hätte ich Feierabend gehabt.“

Schweigend legte Priscilla ihr Bettzeug zusammen und verstaute es in ihrem Schließfach. Ethan versuchte nicht einmal, auf der Wache zu schlafen. Die ungemütlichen Matratzen und die feindselige Atmosphäre machten das unmöglich. Vielleicht würde er es irgendwann einmal schaffen, wenn er sich an die Umstände gewöhnt hatte.

Ethan blickte in den Karton. Das Kätzchen war vollkommen verängstigt. Behutsam streichelte er seinen Kopf. „Ich kümmere mich um dich, bis du wieder zu deinem Frauchen zurückkehren kannst“, sagte er sanft und lächelte. Jetzt hatte er die perfekte Ausrede, um die Frau und ihre Tochter wiederzusehen.

Er wollte sich nur vergewissern, dass es den beiden gut ging. Das redete er sich zumindest ein. Aus irgendeinem Grund konnte er die Frau nicht vergessen. Der Ausdruck in ihren Augen ließ ihn einfach nicht mehr los.

„Ich möchte Samantha noch ein paar Stunden zur Beobachtung hierbehalten.“

Kathryn Holiday nickte der Ärztin zu, die sie und ihre Tochter behandelte. Hoffentlich hatte das nichts Ernstes zu bedeuten! Samantha schien wieder wohlauf zu sein. Seit der Behandlung mit dem Inhalator fiel ihr das Atmen deutlich leichter. Bis auf ein paar Kratzwunden, die ihr die Katze in Panik zugefügt hatte, war sie unversehrt.

Kathryn fragte sich, was aus dem Kätzchen geworden war.

Aufmunternd lächelte die Ärztin ihr zu. „Ihre Tochter war etwas verwirrt, als sie eingeliefert wurde. Deshalb würde ich gern einige Tests durchführen, um sicherzugehen, dass sie keine bleibenden Schäden davonträgt.“

Kathryn nickte. „Natürlich.“ Sie war überglücklich, dass ihre Tochter und sie mit dem Leben davongekommen waren. Vorhin hatte ihr eine Schwester saubere Kleidung gebracht. Beinahe hätte Kathryn abgelehnt: Es hatte sie zu sehr an die Zeit erinnert, in der sie auf Spenden aus der Kirche angewiesen war. Aber schließlich konnte sie nicht in ihrem verrußten Nachthemd herumlaufen.

„Wir behalten Ihre Tochter hier in der Notaufnahme“, fuhr die Ärztin fort. „Dann muss sie nicht verlegt werden.“

„Kann ich bei ihr bleiben?“

„Selbstverständlich. Ich schaue, ob ich ein Klappbett für Sie finde.“

Kathryn umarmte die Ärztin. Alle waren so nett zu ihr und Samantha gewesen – die Ärzte und Schwestern, der charmante Sanitäter, der sie ins Krankenhaus gefahren hatte, und der Feuerwehrmann, der ihnen das Leben gerettet hatte.

Während der letzten Stunden hatte sie immer wieder an ihren Helden denken müssen. Wenn er und sein Kollege nicht gewesen wären, hätten Samantha und sie den Brand nicht überlebt. Sie erinnerte sich daran, wie stark seine Arme gewesen waren und wie beruhigend seine Stimme auf sie gewirkt hatte. Und diese Augen … Nie zuvor war sie einem Mann mit so schönen Augen begegnet.

Dabei kannte sie nicht einmal seinen Namen.

Wie versprochen brachte die Ärztin ihr ein Klappbett, das sie zusammen im Zimmer von Samantha aufstellten. Doch Kathryn konnte nicht schlafen. Stattdessen lauschte sie dem Atmen ihrer Tochter.

Noch vor Kurzem hatte Samantha Probleme gehabt, Luft zu bekommen. Jetzt atmete sie normal und schlief.

Die Kleine war so verängstigt gewesen, als sie Kathryn mitten in der Nacht geweckt hatte. Der Rauchmelder hatte Alarm geschlagen, aber Kathryn hatte einen tiefen Schlaf und hatte deshalb nichts davon mitbekommen. Zu diesem Zeitpunkt war der Raum bereits voller Rauch gewesen, und in der Ferne hatten sie die Sirenen der Feuerwehr gehört. Kathryn hatte in diesem Moment nur einen Gedanken gehabt: möglichst schnell aus dem Haus zu kommen.

Und dazu hätten sie mehr als genug Zeit gehabt, doch Samantha hatte ihr Kätzchen Bashira nicht zurücklassen wollen. Erst vor einer Woche hatten sie Bashira aufgenommen, und Samantha war kaum von dem Tier zu trennen. Wertvolle Sekunden waren verstrichen, während sie die Katze gesucht hatten. Und als sie sie gefunden hatten, war es so heiß und verqualmt in dem Raum gewesen, dass sie kaum Luft bekommen hatten. Plötzlich waren Wände gewesen, wo Kathryn sie nicht erwartet hatte. Und als sie dann über einen Stuhl gestolpert und hingefallen war, hatte sie die Flammen auf sich zukommen sehen. Samantha hatte geschrien, und Kathryn hatte bereits auf einen schnellen Tod gehofft.

Als die Feuerwehrmänner sie gefunden hatten, war Kathryn unvorstellbar froh gewesen. Und das war das Wichtigste: Sie hatten überlebt. Alles andere konnte man ersetzen.

Die Tür öffnete sich. Kathryn richtete sich auf und rechnete mit einem weiteren Arzt, der Samantha untersuchen wollte. Stattdessen stand ein blonder Mann mit unglaublich breiten Schultern in der Tür und sah sie verunsichert an. Er trug ein T-Shirt und ausgewaschene Jeans, und im ersten Moment glaubte Kathryn, er habe sich im Zimmer geirrt.

Als sie jedoch in seine Augen schaute, erkannte sie, dass es sich um einen ihrer Retter handelte. Ihr Herz schlug schneller.

„Wie geht es ihr?“, fragte der Mann leise, um Samantha nicht zu wecken.

„Besser.“ Kathryn stand auf und deutete auf den Flur. Stumm öffnete der Mann die Tür und ging mit Kathryn nach draußen. „Der Rauch hat einen Asthmaanfall bei ihr ausgelöst“, fuhr sie fort. „Aber sie hat gut auf die Behandlung angesprochen. Die Ärzte wollen sie nur für ein paar weitere Tests hierbehalten.“

„Und wie geht es Ihnen?“

„Gut.“ Auch wenn sie und Samantha den Brand überlebt hatten, war das nicht die Wahrheit. Nie zuvor war sie so durcheinander gewesen. Sie wusste nicht, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte.

Sie hatte kein Zuhause mehr. Ihr Portemonnaie samt Geld und Kreditkarten hatte sie in den Flammen verloren. Ein Auto besaß sie zwar noch. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wo sich der Schlüssel dafür befand.

Der Feuerwehrmann führte sie zu einer Bank und setzte sich mit ihr. „Mein Name ist Ethan Basque.“

Als sie seine Hand schüttelte, kam sie sich komisch dabei vor. Noch vor wenigen Stunden hatte er sie in den Armen gehalten. „Kathryn Holiday. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

„Das war mein Job.“ Er lächelte, und ihr Herz machte einen Sprung. Für sie war es nicht selbstverständlich, wenn jemand sein Leben riskierte, um das eines anderen Menschen zu retten. Für sie war er ein Held.

„Ich freue mich, dass Sie gekommen sind“, sagte sie. „Erkundigen Sie sich immer nach dem Wohlbefinden der Menschen, die Sie gerettet haben?“

Er zuckte mit den Schultern. „Bis jetzt ja. Sie und Ihre Tochter sind die Ersten, die ich aus einem brennenden Gebäude herausgeholt habe.“

„Wirklich?“

„Ich bin vorher noch nie bei einem richtigen Brand eingesetzt worden.“

„Sie haben das jedenfalls großartig gemacht.“

„Tut mir leid, dass wir Ihr Zuhause nicht retten konnten. Immerhin haben wir Ihren Kater in Sicherheit gebracht.“

„Bashira!“, stieß Kathryn überrascht hervor. „Das arme Ding. Ich dachte, er hätte das Feuer nicht überlebt.“

„Ich habe ihn mit zu mir genommen. Er sieht zwar ziemlich mitgenommen aus, aber ich glaube, es wird ihm bald besser gehen. Machen Sie sich keine Sorgen. Er kann bei mir bleiben, solange Sie wollen. Haben Sie Freunde oder Verwandte, bei denen Sie unterkommen können?“

Kathryn seufzte leise. „In unser altes Zuhause werden wir wohl nie wieder zurückkehren.“

„Wahrscheinlich nicht. Übrigens haben wir herausgefunden, wie der Brand entstanden ist. Ihr Nachbar von unten hat eine Zigarre brennen lassen.“

„Konnte er sich retten?“

Ethan nickte. „Alle konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Ihre Wohnung ist allerdings vollständig ausgebrannt. Es tut mir leid für Sie.“

Erneut seufzte sie und hielt die Tränen zurück. „Das dachte ich mir.“

„Gibt es jemanden, der Sie aufnehmen kann?“

„Ja. Sobald Samantha entlassen wird, gehen wir zu einer Freundin. Dort können wir wohnen, bis wir etwas Neues gefunden haben.“ Kathryn hatte ihre Arbeitskollegin Deb angerufen. Sie hatte ihr sofort ihr Sofa angeboten.

„Wie wäre es mit etwas zu essen?“, erkundigte sich Ethan.

Kathryn war versucht, sein Angebot anzunehmen. Sie war vollkommen fertig mit den Nerven und wusste nicht, was sie tun sollte. Und da tauchte dieser gut aussehende Mann auf, der sein Leben für sie aufs Spiel gesetzt hatte, und bot ihr seine Hilfe an.

Aber sie würde allein zurechtkommen.

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