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Glücklich die Glücklichen

Yasmina Reza

Glücklich
die Glücklichen

Roman

Aus dem Französischen von Frank Heibert
und Hinrich Schmidt-Henkel

Carl Hanser Verlag

Inhalt

Robert Toscano

Marguerite Blot

Odile Toscano

Vincent Zawada

Pascaline Hutner

Paola Suares

Ernest Blot

Philip Chemla

Loula Moreno

Raoul Barnèche

Virginie Déruelle

Rémi Grobe

Chantal Audouin

Jean Ehrenfried

Damien Barnèche

Luc Condamine

Hélène Barnèche

Jeannette Blot

Robert Toscano

Odile Toscano

Jean Ehrenfried

»Felices los amados y los amantes y los que pueden

prescindir del amor.

Felices los felices.«

»Glücklich die Geliebten und die Liebenden

und die auf die Liebe verzichten können.

Glücklich die Glücklichen.«

Jorge Luis Borges

Robert Toscano

Wir waren bei den Wochenendeinkäufen im Supermarkt. Irgendwann sagt sie, stell dich schon mal in die Käseschlange, ich kümmer mich um die anderen Lebensmittel. Als ich wiederkam, war der Einkaufswagen halb voll mit Müsli, Keksen, Pulvernahrung in Tüten und lauter Dessertcremes, und ich sag, wozu das alles ? – Wie, wozu das alles ? Ich sag, wozu soll das gut sein ? – Du hast Kinder, Robert, die mögen Crunchy-­Müsli, die mögen Schokotäfelchen, auf Kinder-Bueno stehen sie total, sie hielt mir die Packungen hin, und ich sag, das ist doch absurd, sie mit Zucker und Fett vollzustopfen, dieser Einkaufswagen ist absurd, und sie darauf, was für Käse hast du gekauft ? – Einen kleinen Ziegenkäse und einen Morbier. – Was, keinen Schweizer, schreit sie auf. – Hab ich vergessen, und ich geh auch nicht noch mal hin, zu lange Schlange. – Du weißt genau, wenn du nur einen einzigen Käse kaufen müsstest, dann Schweizer, wer isst bei uns denn Morbier ? Wer ? – Ich, sag ich. – Seit wann isst du Morbier ? Wer will schon Morbier essen ? – Hör auf, Odile, sag ich. – Wer mag denn diesen Scheiß-Morbier ?  ! Subtext natürlich »außer deiner Mutter«, neulich hat meine Mutter mal eine Schraube in einem Morbier gefunden, schrei nicht so, Odile, sag ich. Sie zerrt am Einkaufswagen rum und schmeißt ein Dreierpack Milka-Vollmilch rein. Ich nehm die Schokolade und leg sie wieder ins Regal. Und noch schneller lag sie wieder drin. – Ich hau ab, sag ich. Sie darauf, na dann hau doch ab, hau ruhig ab, mehr kannst du nicht sagen, ich hau ab, deine einzige Antwort; sobald dir die Argumente ausgehen, sagst du, ich hau ab, immer gleich diese absurde Drohung. Es stimmt schon, ich sag oft, ich hau ab, das gebe ich zu, aber wie soll ich es nicht sagen, wenn ich zu nichts anderem Lust habe, wenn ich keinen anderen Ausweg weiß als sofortige Fahnenflucht, aber ich gebe auch zu, dass ich das dann, nun ja, als Ultimatum formuliere. – Gut, bist du jetzt fertig mit Einkaufen ?, sag ich zu Odile und schiebe mit einem abrupten Stoß den Einkaufswagen vorwärts, sonst brauchen wir keinen Mist mehr ? – Wie redest du mit mir  ! Ist dir klar, wie du mit mir redest  ! Ich sage, geh weiter. Los  ! Nichts ärgert mich mehr als diese plötzliche Beleidigtheit, wenn alles stehenbleibt, alles erstarrt. Natürlich könnte ich sagen, Entschuldige bitte. Nicht einmal, ich müsste es zweimal sagen, im passenden Tonfall. Wenn ich zweimal im passenden Tonfall Entschuldige bitte sagen würde, könnten wir mehr oder weniger normal in den restlichen Tag starten, nur hab ich überhaupt keine Lust, diese Worte auszusprechen, es ist mir physiologisch unmöglich, wenn sie mitten im Gang mit den Gewürzen stehenbleibt, vor Entrüstung und Unglück entgeistert. – Geh weiter, Odile, bitte, sage ich beherrscht, mir ist heiß, und ich muss noch einen Artikel fertigschreiben. – Entschuldige dich, sagt sie. Wenn sie das in normalem Ton sagen würde, Entschuldige dich, dann könnte ich es sogar tun, aber sie raunt, sie verleiht ihrer Stimme etwas Tonloses, das ich nicht hinnehmen kann. Ich sage, bitte, ich bleibe ruhig, bitte, ganz beherrscht, ich sehe mich mit Vollgas über eine Stadtautobahn fahren und in voller Lautstärke Sodade hören, ein Lied, das ich vor kurzem entdeckt habe und von dem ich nichts verstehe, nur die Einsamkeit in der Stimme und das Wort Einsamkeit, das unendlich oft wiederholt wird, obwohl ich gehört habe, es bedeutet gar nicht Einsamkeit, sondern Sehnsucht, Mangel, Bedauern, Schwermut, lauter intime, nicht mitteilbare Dinge, die Einsamkeit bedeuten, so wie der alltägliche Einkaufswagen Einsamkeit bedeutet, der Gang mit Öl und Essig und der Mann, der im Neonlicht seine Frau inständig bittet. Ich sage, entschuldige bitte. Entschuldige bitte, Odile. Odile muss in dem Satz nicht unbedingt vorkommen. Klar. Odile ist nicht freundlich, ich füge Odile hinzu, um meine Ungeduld zu signalisieren, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass sie sich mit fliegenden Armen umdreht und auf die Tiefkühlprodukte zuläuft, also in den hintersten Tiefen des Supermarkts verschwindet, ohne ein Wort, und ihre Handtasche lässt sie im Einkaufswagen. – Was machst du denn, Odile ?, rufe ich, ich habe noch zwei Stunden, um einen sehr wichtigen Text über den neuen Run aufs Gold zu schreiben  !, rufe ich. Ein völlig lächerlicher Satz. Sie ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Die Leute starren mich an. Ich packe den Einkaufswagen und schiebe ihn in den hinteren Teil des Supermarkts, ich kann sie nicht mehr sehen (sie hatte schon immer das Talent zu verschwinden, auch in angenehmen Situationen), ich rufe, Odile ! Ich komme zu den Getränken, niemand: – Odile ! Odile ! Ich merke sehr wohl, dass ich die Leute ringsum irritiere, aber das ist mir völlig egal, ich durchpflüge mit dem Einkaufswagen die Gänge, ich hasse diese Supermärkte, und plötzlich sehe ich sie, in der Käseschlange, die noch länger ist als vorhin, sie hat sich wieder in die Käseschlange gestellt ! Odile, sage ich, als ich sie erreicht habe, ich spreche wohldosiert, Odile, das dauert noch zwanzig Minuten, bis du drankommst, gehen wir hier weg und kaufen den Schweizer woanders. Keine Antwort. Was macht sie ? Sie wühlt im Einkaufswagen herum und fischt den Morbier wieder heraus. – Du willst jetzt nicht den Morbier zurückgeben ?, sage ich. – Doch. – Den schenken wir Maman, sage ich, um die Stimmung aufzuhellen. – Meine Mutter hat vor kurzem eine Schraube in einem Morbier gefunden. Odile lächelt nicht. Sie steht aufrecht und beleidigt in der Büßerschlange. Meine Mutter sagte zu ihrem Käsehändler, ich bin niemand, der immer Geschichten macht, aber Ihrem erstklassigen Ruf als Käsehändler zuliebe muss ich Ihnen mitteilen, dass ich in Ihrem Morbier einen Schraubenbolzen gefunden habe, dem Typ war das vollkommen wurscht, er hat ihr nicht mal die drei Rocamadours geschenkt, die sie an dem Tag kaufen wollte. Meine Mutter gibt damit an, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt und mehr Format gezeigt hat als der Käsehändler. Ich trete zu Odile und sage leise, ich zähle bis drei, Odile. Ich zähle bis drei. – Hörst du mich ? Und warum nur denke ich in dem Moment, als ich das sage, an die Hutners, ein befreundetes Paar, das sich, koste es, was es wolle, im ehelichen Wohlergehen eingerichtet hat, sie nennen einander neuerdings »mein Herz« und sagen Sätze à la »Heute Abend essen wir was Schönes, mein Herz«. Ich weiß nicht, warum mir die Hutners einfallen, wo mich gerade ein ganz entgegengesetzter Zorn erfüllt, aber vielleicht besteht gar kein so großer Unterschied zwischen Heute Abend essen wir was Schönes, mein Herz und Ich zähle bis drei, Odile, in beiden Fällen liegt eine Art Wesensverengung vor, damit man die Zweisamkeit erträgt, eine natürlichere Harmonie kann es nicht geben als in dem Essen wir was Schönes, mein Herz, meine ich, nein, nein, und nicht weniger Abgründe, nur dass mein Ich zähle bis drei ein kleines Zucken in Odiles Gesicht hervorgerufen hat, ein Kräuseln der Lippen, einen winzigen Vorboten des Lachens, dem ich selbst auf gar keinen Fall nachgeben darf, logisch, solange ich nicht eindeutig grünes Licht dafür habe, auch wenn ich große Lust dazu verspüre, aber ich muss so tun, als hätte ich nichts gesehen, ich beschließe zu zählen, ich sage eins, ich flüstere es deutlich, die Frau gleich hinter Odile hat einen Logenplatz, Odile schiebt mit ihrer Schuhspitze etwas Verpackungsmüll weg, die Schlange wird länger und rückt kein bisschen vorwärts, ich muss jetzt zwei sagen, ich sage zwei, das Zwei ist offen, edel, die Frau dahinter drängt sich an uns, sie trägt einen Hut, eine Art umgestülpten Eimer aus weichem Filz, ich kann Frauen mit solchen Hüten nicht ausstehen, so ein Hut ist ein ganz schlechtes Zeichen, ich lege etwas in meinen Blick, das sie einen Meter zurückweichen lässt, aber es geschieht nichts, sie betrachtet mich neugierig, sie mustert mich abschätzig, riecht sie so übel ? Frauen, die sich in mehreren Lagen kleiden, verströmen oft einen bestimmten Geruch, oder liegt das jetzt an der Nähe zu den fermentierten Milchprodukten ? Das Handy in der Innentasche meiner Jacke vibriert. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich den Namen des Anrufers zu entziffern, weil ich keine Zeit habe, meine Brille herauszufischen. Es ist ein Mitarbeiter, der mir einen Tipp zu den Goldreserven der Deutschen Bundesbank geben kann. Ich sage ihm, dass ich gerade im Gespräch bin, und bitte ihn, mir eine Mail zu schicken, ich sage es, um die Sache abzukürzen. Vielleicht ist dieser kurze Anruf ja eine Chance: ich beuge mich vor und raune Odile ins Ohr, mit einer Stimme voller Verantwortungsbewusstsein, mein Chefredakteur will einen Infokasten über das Staatsgeheimnis der deutschen Reserven, und bislang habe ich null Infos darüber. – Und, wen interessiert’s ?, sagt sie. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln verhärtet sie sich, damit ich die Belanglosigkeit des Themas ermessen kann und, was noch schwerer wiegt, die Belanglosigkeit meiner Arbeit, meiner Bemühungen im Allgemeinen, als könnte man nichts mehr von mir erwarten, nicht einmal ein Bewusstsein für meinen eigenen Mangel an Ehrgeiz. Frauen nutzen alles, um dich runterzumachen, sie rufen dir liebend gern in Erinnerung, was für eine Enttäuschung du bist. Odile ist gerade einen Platz in der Käseschlange vorgerückt. Sie hat ihre Handtasche an sich genommen und hält immer noch den Morbier fest. Mir ist heiß. Ich ersticke. Ich wäre gern weit weg, ich weiß weder, was wir hier tun, noch, worum es eigentlich geht. Ich würde gern im Osten Kanadas auf Schneeschuhen dahingleiten, wie Graham Boer, der Goldsucher und Held meines Artikels, in vereisten Tälern die Piste mit Pflöcken markieren oder mit der Axt Bäume einkerben. Hat er Frau und Kinder, dieser Boer ? Ein Typ, der Grizzlys und Temperaturen von minus dreißig trotzt, wird sich kaum in einem Supermarkt den letzten Nerv rauben lassen, während alle Welt ihre Einkäufe macht. Ist das der richtige Ort für einen Mann ? Wer kann schon in diesen Neongängen voll unzähliger Großpackungen herum­irren, ohne in Mutlosigkeit zu verfallen ? Und zu wissen, dass man dorthin zurückkehren wird, zu allen Jahreszeiten, ob man es will oder nicht, denselben Wagen im Schlepptau, unter dem Kommando einer immer unnachgiebigeren Frau. Vor nicht allzu langer Zeit sagte mein Schwiegervater, Ernest Blot, zu unserem neunjährigen Jungen, ich kauf dir einen neuen Stift, mit dem da machst du dir die Finger fleckig. Antoine antwortete ihm, nicht nötig, ich brauche keinen Stift mehr, um glücklich zu sein. Das ist das Geheimnis, sagte Ernest, und dieses Kind hat es verstanden, den Anspruch auf Glück auf das Minimum zu reduzieren. Mein Schwiegervater ist der Weltmeister solcher überzogener Lebensweisheiten, die seinem Temperament völlig widersprechen. Ernest hat noch nie die geringste Verringerung seines Le­bens­­potentials gestattet (vergessen wir das Wort Glück). Als er nach seiner Bypass-Operation zum Rhythmus des Rekonvaleszenten gezwungen war und das Leben in bescheidenem Rahmen wieder lernen musste, ebenso wie die häusliche Zwangsarbeit, der er stets ausgewichen war, hatte er sich von Gott höchstpersönlich ins Visier genommen und mattgesetzt gefühlt. – Odile, wenn ich drei sage, wenn ich die Zahl Drei ausspreche, dann bin ich weg, dann nehme ich das Auto und lass dich mit dem Einkaufswagen sitzen. – Das würde mich wundern, sagt sie. – Das würde dich wundern, aber genau das tue ich, in zwei Sekunden. – Du kannst nicht mit dem Auto weg, Robert, ich habe die Schlüssel in der Handtasche. Ich suche umso dämlicher in meinen Taschen herum, als ich mich erinnere, dass ich mich selber der Schlüssel entledigt habe. – Gib sie bitte her. Odile lächelt. Sie keilt die Schultertasche zwischen ihren Körper und die Käsevitrine. Ich trete näher, um an der Handtasche zu ziehen. Ich ziehe. Odile leistet Widerstand. Ich ziehe am Riemen. Sie krallt sich daran fest und hält dagegen. Es macht ihr Spaß ! Ich packe die Handtasche am Boden, in einem anderen Kontext hätte ich keinerlei Mühe, ihr die Tasche zu entreißen. Sie lacht. Sie klammert sich fest. Sie sagt, sagst du nicht drei ? Warum sagst du nicht drei ? Sie nervt mich. Und dass diese Schlüssel in der Handtasche sind, nervt mich auch. Aber ich mag es, wenn Odile so ist. Und ich sehe sie gern lachen. Ich bin haarscharf davor, mich zu entspannen und dem neckischen Spiel zu verfallen, als ich ganz in der Nähe ein Glucksen vernehme, und ich sehe die Frau mit Filzhut, wie sie, ganz trunken vor weiblichem Einverständnis, mir offen ins Gesicht lacht, völlig schamlos. Mir bleibt keine Wahl. Ich werde brutal. Ich presse Odile gegen das Plexiglas und versuche, mir einen Weg in die Handtasche zu bahnen, sie wehrt sich, beschwert sich, ich täte ihr weh, ich sage, gib jetzt diese Schlüssel her, verdammte Scheiße, sie sagt, du spinnst ja, ich entreiße ihr den Morbier und schmeiße ihn in den Gang, schließlich ertaste ich die Schlüssel in dem Handtaschenchaos, angle sie heraus, schüttele sie vor ihren Augen und lasse Odile dabei nicht los, ich sage, wir hauen hier sofort ab. Die Frau mit dem Hut schaut jetzt entsetzt drein, ich sage zu ihr, du lachst ja gar nicht mehr, was ist ? Ich zerre Odile und den Einkaufswagen, ich manövriere sie an den Verkaufsständen vorbei und zu den Kassen am Ausgang, ich halte ihr Handgelenk fest gepackt, obwohl sie sich gar nicht mehr wehrt, eine Unterwürfigkeit, die nichts Unschuldiges an sich hat, mir wäre lieber, ich müsste sie rauszerren, am Ende muss ich es immer teuer bezahlen, wenn sie ihr Märtyrerkostüm anlegt. An den Kassen ist natürlich auch eine Schlange. Wir stellen uns in diese tödliche Reihe, ohne ein Wort. Ich habe Odiles Arm losgelassen, sie tut jetzt so, als wäre sie eine normale Kundin, ich sehe sogar, wie sie die Dinge im Einkaufswagen sortiert und ein bisschen aufräumt, um das Einpacken zu erleichtern. Auf dem Parkplatz fällt kein Wort. Im Wagen ebenso wenig. Es ist dunkel. Die Straßenlichter schläfern uns ein, und ich lege die CD mit den portugiesischen Liedern auf, mit der Frauenstimme, die dasselbe Wort wiederholt bis ins Unendliche.

Marguerite Blot

In den fernen Tagen meiner Ehe gab es in dem Hotel, wo wir im Sommer mit der Familie hinfuhren, eine Frau, die jedes Jahr wiederkam. Heiter, elegant, sportlich geschnittene graue Haare. Sie war überall, ging von einer Gruppe zur anderen und aß jeden Abend an einem anderen Tisch. Oft sah man sie am Spätnachmittag mit einem Buch. Sie setzte sich immer in eine Ecke des Salons, damit sie im Auge behielt, wer kam und ging. Bei jedem bekannten Gesicht strahlte sie und winkte mit ihrem Buch wie mit einem Taschentuch. Eines Tages kam sie mit einer großen brünetten Frau im duftigen Plisseerock. Sie waren unzertrennlich. Sie speisten vorm See, spielten Tennis, spielten Karten. Ich fragte nach, wer diese Frau sei, und bekam zu hören, ihre Gesellschafterin. Ich akzeptierte dieses Wort, so wie man ein normales Wort ohne besondere Bedeutung eben akzeptiert. Jedes Jahr tauchten sie zur selben Zeit dort auf, und ich sagte mir, ah, da ist Madame Compain mit ihrer Gesellschafterin. Dann gab es einen Hund, den eine von beiden an der Leine führte, aber er gehörte offenkundig Madame Compain. Jeden Morgen sah man sie zu dritt losgehen, der Hund zerrte sie voran, sie versuchten ihn zu halten, indem sie seinen Namen in allen Tonlagen riefen, aber vergebens. Diesen Winter im Februar, also viele Jahre danach, bin ich mit meinem erwachsenen Sohn in die Berge gefahren. Er läuft natürlich Ski mit seinen Freunden, ich wandere. Ich liebe das Wandern, ich liebe den Wald und die Stille. Im Hotel hatte man mir einige Wanderwege empfohlen, aber ich wagte mich nicht an sie heran, weil sie zu weit wegführten. In den Bergen und im Schnee sollte man nicht allein und nicht allzu weit weg sein. Lachend dachte ich, ich sollte eine Annonce bei der Rezeption aufhängen, alleinstehende Frau sucht angenehme Begleitung zum Wandern. Und da fiel mir gleich Madame Compain mit ihrer Gesellschafterin ein, und mir wurde klar, was Gesellschafterin eigentlich heißen sollte. Diese Erkenntnis jagte mir einen Schrecken ein, weil Madame Compain auf mich immer den Eindruck einer etwas verlorenen Frau gemacht hatte. Auch wenn sie mit den Leuten lachte. Wenn ich es recht bedenke, vielleicht sogar gerade, wenn sie lachte und sich für den Abend schön angezogen hatte. Ich wandte mich an meinen Vater, mit anderen Worten, ich hob die Augen gen Himmel und murmelte, Papa, dass ich bloß keine Madame Compain werde ! Es war lange her, dass ich mich an meinen Vater gewandt hatte. Seit er gestorben ist, bitte ich ihn manchmal, in mein Leben einzugreifen. Ich blicke gen Himmel und spreche mit heimlicher, dringlicher Stimme zu ihm. Er ist der einzige, an den ich mich wenden kann, wenn ich mich ohnmächtig fühle. Außer ihm kenne ich niemanden im Jenseits, der von dort aus auf mich achtgeben würde. Ich komme nie auf den Gedanken, mit Gott zu sprechen. Ich war immer der Ansicht, dass man Gott nicht stören darf. Man kann nicht direkt zu ihm sprechen. Er hat keine Zeit, sich mit Einzelfällen zu beschäftigen. Oder wenn, dann mit außergewöhnlich ernsten Fällen. Im Konzert der Fürbitten sind meine im Grunde lächerlich. Ich empfinde dasselbe wie meine Freundin Pauline, als sie eine Halskette wiederfand, die sie von ihrer Mutter geerbt und im hohen Gras verloren hatte. Bei der anschließenden Fahrt durch ein Dorf hielt ihr Mann vor einer Kirche an und wollte hineinstürmen. Die Tür war verschlossen, und er rüttelte panisch am Riegel. – Was machst du denn da ? – Ich will Gott danken, antwortete er. – Gott ist das egal ! – Ich will der heiligen Jungfrau danken. – Hör mal, Hervé, falls es Gott gibt, falls es die heilige Jungfrau gibt, meinst du, dass vom Universum aus gesehen und in Anbetracht der irdischen Misshelligkeiten meine Halskette für sie irgendeine Rolle spielt  ? ! ... Ich rufe also meinen Vater an, der mir erreichbarer scheint. Ich bitte ihn um klar benannte Hilfestellung. Vielleicht, weil ich angesichts der Umstände ganz präzise Dinge begehre, aber auch, weil ich, unterschwellig, seine Fähigkeiten testen will. Es ist immer derselbe Hilferuf. Es soll sich bittebitte etwas bewegen. Aber mein Vater ist eine Niete. Er hört mich nicht, oder er besitzt keinerlei Macht. Ich finde es jämmerlich, dass die Toten keinerlei Macht besitzen. Ich missbillige diese radikale Trennung der Welten. Ab und zu schreibe ich ihm prophetisches Wissen zu. Ich denke: Er kommt deinen Wünschen nicht nach, weil er weiß, dass sie dir nicht zum Vorteil gereichen würden. Das geht mir auf die Nerven, möchte ich gern sagen, was mischst du dich da ein, aber ich kann sein Nichthandeln wenigstens als bewussten Akt betrachten. Bei Jean-Gabriel Vigarello, dem letzten Mann, in den ich mich verliebt habe, war es genau dasselbe. Jean-Gabriel Vigarello ist ein Kollege von mir, Mathematiklehrer am Camille-Saint-Saëns-Gymnasium, wo ich Spanisch unterrichte. Aus dem Abstand betrachtet kann ich nur sagen, mein Vater hatte keineswegs unrecht. Aber der Abstand, was ist das  ? Das Alter. Die himmlischen Werte meines Vaters bringen mich zur Verzweiflung, bei genauerer Betrachtung sind sie sehr spießig. Zu Lebzeiten glaubte er an die Sterne, an Spukhäuser und allen möglichen esoterischen Tinnef. Mein Bruder Ernest, der geradezu stolz auf seinen Unglauben ist, ähnelt ihm jeden Tag ein bisschen mehr. Neulich sagte er mal wieder, auf sich selbst bezogen, »Die Sterne stellen Tendenzen dar, keine Vorherbestimmungen«. Mein Vater war ganz vernarrt in diese Formel, das hatte ich vergessen, und er verknüpfte sie in fast bedrohlicher Weise mit dem Namen Ptolemäus. Ich dachte, wenn die Sterne nichts vorherbestimmen, was, Papa, konntest du dann von der unmittelbaren Zukunft wissen  ? Für Jean-Gabriel Vigarello interessierte ich mich von dem Tag an, als mir seine Augen auffielen. Sie waren gar nicht so leicht zu sehen, wegen seiner Frisur, lange Haare, die die Stirn verschwinden ließen, eine zugleich hässliche und für einen Mann seines Alters unmögliche Frisur. Ich dachte sofort, dieser Mann hat eine Frau, die sich nicht um ihn kümmert (selbstverständlich ist er verheiratet). Man lässt doch einen Mann von fast sechzig Jahren nicht mit so einer Frisur herumlaufen. Und vor allem sagt man ihm, versteck deine Augen nicht. Blaugrau changierende Augen, spiegelnd wie Bergseen. Eines Abends saß ich allein mit ihm in einem Café in Madrid (wir hatten für drei Klassen eine Schulfahrt nach Madrid organisiert), da fasste ich mir ein Herz und sagte zu ihm, Sie haben sehr sanfte Augen, Jean-Gabriel, es ist doch völlig unsinnig, dass Sie sie verstecken. Dieser Satz, eine Flasche Carta de Oro, eins führte zum andern, und wir landeten in meinem Zimmer, das auf einen Hof mit miauenden Katzen hinausging. Wieder in Rouen, tauchte er sofort wieder in sein Alltagsleben ab. Wir begegneten uns auf den Schulkorridoren, als wäre nichts passiert, er schien es immer eilig zu haben, die Aktentasche in der linken Hand, den Körper zur selben Seite geneigt und den graumelierten Pony tiefer im Gesicht denn je. Diese wortlose Manier der Männer, einen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, finde ich ziemlich jämmerlich. Als müsste man uns vorsorglich daran erinnern, dass im Leben nichts von Dauer ist. Ich dachte mir, ich lege ihm eine Nachricht ins Postfach. Eine unverfängliche Nachricht, geistreich, eine kleine Erinnerung an eine Anekdote aus Madrid. Ich deponierte die Nachricht an einem Vormittag, an dem ich wusste, dass er da war. Keine Antwort. Nicht an jenem Tag und nicht an den nächsten. Wir grüßten uns, als ob nichts wäre. Da überkam mich eine Art Kummer, Liebeskummer kann ich gar nicht dazu sagen, eher eine Art Verlassenheitskummer. Es gibt ein Gedicht von Borges, das mit den Worten beginnt: »Ya no es mágico el mundo. Te han dejado«, »Längst ist die Welt entzaubert. Man hat dich verlassen«. Verlassen, schreibt er, ein geräuschloses Alltagswort. Alle können einen verlassen, selbst ein Jean-Gabriel Vigarello mit seiner fünfzig Jahre verspäteten Beatles-Frisur. Ich bat meinen Vater, sich einzuschalten. Inzwischen hatte ich noch eine Nachricht reingelegt, nur einen Satz, »Vergiss mich nicht ganz. Marguerite«. Das ganz schien mir ideal, um seine Ängste zu zerstreuen, falls er welche hatte. Eine kleine Erinnerung, in scherzhaftem Ton. Ich sagte zu meinem Vater, ich habe mir nichts anmerken lassen, aber du siehst ja, es tut sich nichts, und bald bin ich alt. Ich sagte zu meinem Vater, um 17 Uhr verlasse ich das Gymnasium, jetzt ist es neun Uhr vormittags, du hast acht Stunden Zeit, um Jean-Gabriel Vigarello eine charmante Antwort einzugeben, die ich dann in meinem Postfach oder auf meinem Handy vorfinde. Mein Vater hat keinen Finger gerührt. Aus dem Abstand betrachtet hat er recht. Er hielt nie viel von meinen absurden Vernarrtheiten. Er hat recht. Man sucht sich irgendein Gesicht aus, man schafft sich Rettungsbojen in der Zeit. Jeder möchte etwas zu erzählen haben. Früher stürzte ich mich in die Zukunft, ohne nachzudenken. Madame Compain war bestimmt auch so eine, die zu absurden Vernarrtheiten neigte. Wenn sie allein ins Hotel kam, hatte sie immer mehrere Koffer dabei. Jeden Abend sah man sie in einem anderen Kleid, mit einer anderen Halskette. Sie trug ihren Lippenstift bis auf die Zähne, das gehörte zu ihrer Eleganz. Sie ging von einem Tisch zum andern, trank ein Glas mit der einen Gruppe, dann mit der nächsten, und führte angeregte Gespräche, vor allem mit Männern. Damals war ich mit meinem Mann und den Kindern dort. Eine kleine Blase im Warmen, aus der man in die Welt hinausschaut. Madame Compain schwebte wie ein Nachtfalter umher. In allen Ecken, in die Licht drang, und sei es noch so schwach, zeigte sich Madame Compain mit ihren Flügeln aus Spitze. Seit meiner Kindheit stelle ich mir die Zeit bildlich vor. Ich sehe das Jahr als gleichschenkliges Trapez. Der Winter ist oben, eine gerade, stabile Linie. Herbst und Frühling hängen wie ein Rock daran. Und der Sommer war schon immer eine lange, flache Grundlinie.

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