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Glück ist, wenn man trotzdem liebt

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Das Suppen-Fiasko
  6. Liebe 3
  7. Upcycling
  8. Nachbarschaftshilfe
  9. Die Stalkerin
  10. Chaos im Anmarsch
  11. Ein Tag voller Malheure
  12. Die Kiezkönigin
  13. Crash, Boom, BÄMM
  14. Programmänderung
  15. Wieder im Rennen
  16. Eine richtig gute und eine schlechte Abfuhr
  17. Ziemlich viel Schweinestall und noch mehr Death Metal
  18. Life’s a Beach
  19. Sommerflaute
  20. Wie im Märchen
  21. Upps! Die Pannenshow oder Mein Leben
  22. Es knallt
  23. Glücksmomente
  24. Über den Wolken
  25. Schokoladenmalheur
  26. Danksagungen
  27. Leseprobe
  28. Interview mit Petra Hülsmann

 

Für Jamie Oliver, Tim Mälzer, Léa Linster, Ali Güngörmüs und Sarah Wiener, die all das kochen und in ihren Büchern so wunderbar beschreiben, was ich während der Entstehung dieses Romans gerne gegessen hätte.

Für Ekrem Yildirim und sein Team, die besten »Lahmacunistas« Hamburgs, die das gekocht haben, was ich während der Entstehung dieses Romans tatsächlich gegessen habe.

Und für den Sommer natürlich.

Das Suppen-Fiasko

»Da soll mir noch mal einer sagen, dass Veränderungen gut sind«, seufzte ich, während ich lustlos in meiner Yum-Yum-Tütensuppe rührte. »Das hier kann man ja wohl kaum positiv nennen.«

Ich wandte meinen Blick von der bräunlich-trüben Suppe ab und schaute durch das große Schaufenster auf die gegenüberliegende Straßenseite. Vor ein paar Tagen hatte dort anstelle meines Stammvietnamesen Mr Lee ein neues Restaurant aufgemacht, was ich als totale Frechheit empfand. Denn statt Mr Lees Nudelsuppe zu genießen, war ich nun gezwungen, meine Mittagspausen in der kleinen Kaffeeküche des Blumenladens zu verbringen, in dem ich arbeitete. Meine Begeisterung für Instantsuppen schwand von Tag zu Tag, und ich konnte kaum glauben, wie schwer ich es hatte.

»Veränderungen sind aber auch nicht zwangsläufig schlecht, Isabelle«, sagte meine Chefin Brigitte, während sie ohne hinzusehen einen kunstvollen Strauß aus Callas band. »Geh doch mal rüber in dieses Thiels, da findest du bestimmt einen passenden Ersatz für deine geliebte Nudelsuppe.«

»Ich will das Thiels aber nicht, ich will Mr Lee wiederhaben! Außerdem sieht der Laden schon von außen total hip und überteuert aus.«

Brigitte stöhnte auf. »Mit deinen siebenundzwanzig Jahren bist du viel zu jung, um so ein Gewohnheitstier zu sein. Sei doch mal spontan.«

Das hatte ich schon oft von ihr gehört. Brigitte war einer dieser Menschen, die Gewohnheiten als etwas Negatives empfanden. Doch mir gaben sie Sicherheit und in dieser unübersichtlichen, chaotischen Welt das gute Gefühl, zu wissen, was kommen würde. Ich ging die Dinge nun mal gerne geplant und gezielt an, statt mich einfach so treiben zu lassen, und meiner Meinung nach hatten Routine und ein geordnetes Leben nichts mit dem Alter zu tun. Außerdem konnte ich durchaus auch spontan sein. Ich hatte schon einige verrückte Dinge getan, wie zum Beispiel …

Jedenfalls, worum es eigentlich ging: Ich schätzte die Gewohnheiten in meinem Leben und wollte gar nicht, dass sich irgendetwas änderte. Meine Arbeit in Brigittes Blumenladen zum Beispiel. Ich liebte Blumen, ich liebte Brigitte, und ich liebte den Laden. Deswegen würde ich ihn auch übernehmen, wenn Brigitte sich zur Ruhe setzte. Darauf sparte ich heute schon, und ich freute mich darauf, dass Blumen Schumacher eines Tages Blumen Wagner heißen würde. Wichtig waren mir auch all die kleinen Gewohnheiten, wie der erste Kaffee des Tages, den ich immer am Küchenfenster meiner Wohnung trank, während ich dabei zusah, wie Emre, der Besitzer des Kiosks gegenüber, seine Lieferungen entgegennahm. Oder meine Daily Soap Liebe! Liebe! Liebe!, die ich mit Feuereifer verfolgte. Und natürlich meine Mittagspause beim guten alten Mr Lee. Elf Jahre lang hatte ich dort jeden Mittag die »Suppe des Tages« gegessen, die jeden Tag Nudelsuppe gewesen war. Doch leider war ich so ziemlich der einzige Gast gewesen, weswegen Mr Lee seinen Laden vermutlich auch schließen musste.

Mit Todesverachtung nahm ich einen Löffel von meiner faden, pappigen Yum-Yum-Suppe. Igitt, was für ein widerlicher Fraß! Schlimmer konnte es im Thiels doch eigentlich auch nicht sein. Ich entsorgte den Rest im Müll, ging wieder ans Schaufenster und schaute rüber zu dem Restaurant. Die Tische im Außenbereich waren immer vollbesetzt, also war der Laden möglicherweise doch gar nicht so schlecht. Vielleicht gab es dort ja sogar eine Suppe des Tages. Außerdem … Ob die schon einen Blumenlieferanten hatten? Seit vor ein paar Monaten der neue Blumenladen um die Ecke aufgemacht hatte, sah es bei Brigitte und mir ziemlich mau aus. Einen neuen Stammkunden konnten wir gut gebrauchen.

Bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte, verkündete ich: »Na gut, ich mach’s. Ich geh ins Thiels.«

Brigitte ließ den Strauß sinken. »Ernsthaft?«

»Klar. Ganz spontan. Wenn der Laden nichts taugt, kann ich wenigstens guten Gewissens lästern. Und außerdem will ich fragen, ob die zufällig noch einen Blumenlieferanten suchen«, sagte ich, wobei ich mit dem Daumen auf mich zeigte.

»Hey, super Idee! Dann viel Erfolg. Und guten Appetit.«

Ich holte meine Handtasche aus der Kaffeeküche und überquerte die Straße. Langsam ging ich am Außenbereich des Thiels vorbei, um den Gästen auf die Teller zu schielen. Viel Grünzeug entdeckte ich dort, Nudeln, hier und da mal ein ziemlich blutiges Stück Fleisch. Ich zog die Nase kraus und sah meine Zweifel an diesem Laden bestätigt. Vor dem Eingang waren auf einer Tafel die Mittagsgerichte aufgeführt. Keine Suppe. Da konnte ich mir das Reingehen eigentlich auch sparen. Doch dann fiel mir ein, dass ich soeben noch vor Brigitte mit meiner Spontanität geprahlt hatte und möglicherweise einen neuen Kunden an Land ziehen konnte. Also gab ich mir einen Ruck und betrat das Restaurant. Weit kam ich jedoch nicht, denn vor lauter Schock blieb ich wie angewurzelt stehen. Hier sah es komplett anders aus als zu Mr Lees Zeiten! Die Wände waren cremefarben gestrichen, nur eine Wand leuchtete in einem dunklen, satten Rotton. Überall hingen gerahmte Fotos, die Motive aus Hamburg zeigten, wie zum Beispiel den Anker am Bug der Rickmer Rickmers, die Tür eines Hafenspeichers oder das Straßenschild der »Großen Freiheit«. Es gab um die fünfzehn Tische, die mitsamt ihren Stühlen nicht gerade neu aussahen und alle nicht zueinander passten, aber trotzdem insgesamt ein harmonisches Bild abgaben. Was mich am meisten faszinierte, war ein aus Weinflaschen selbst gebauter Kronleuchter, der als Blickfang mitten im Raum hing. Das Restaurant kam überhaupt nicht neumodisch-kalt oder bemüht hip rüber, sondern wirkte auf seltsame Art chaotisch, gemütlich und schick zugleich, und – ob ich wollte oder nicht – das hier war ein Laden, in dem ich mich wohl fühlen konnte. Lediglich über die Tischdeko musste man noch mal nachdenken, denn die fiel mit einem Salz- und Pfefferstreuer doch recht spärlich aus. Anscheinend gab es tatsächlich noch keinen Blumenlieferanten.

»Hi!« Eine hübsche Kellnerin kam auf mich zu und lächelte mich freundlich an. »Ich bin Anne. Herzlich willkommen im Thiels. Setz dich doch. Hier drinnen hast du die freie Auswahl, draußen ist leider alles belegt.«

»Also, eigentlich wollte ich erst mal nur fragen, ob es hier …«

»Siehst du, hier vorne«, unterbrach sie mich eifrig und deutete auf einen kleinen Zweiertisch. »Oder wie wäre es am Fenster?« Sie ging mir voraus zu besagtem Fenstertisch und schob mir den Stuhl zurecht. »Ich glaube, der ist netter. Wenn du schon nicht draußen sitzen kannst, kannst du immerhin rausgucken. Das Wetter ist wunderschön, oder? Ich liebe den Sommer, du nicht auch?«

Völlig überrumpelt folgte ich ihr und nahm Platz. »Doch, ja. Danke. Aber im Grunde wollte ich mich erst mal nur erkundigen, ob es hier eine Suppe des Tages gibt.«

Anne plauderte munter weiter. »Nein, leider nicht. Da vorne an der Tafel siehst du unsere Mittagsgerichte. Diese Woche ist keine Suppe dabei, aber die Tagesgerichte schmecken alle großartig! Kann ich dir schon mal was zu trinken bringen?«

Mist. Keine Suppe des Tages. Aber so leicht würde ich nicht aufgeben. Vielleicht konnte man suppentechnisch ja doch etwas machen. Das Restaurant war neu, die waren sicher noch sehr um das Wohlwollen ihrer Gäste bemüht. »Ja, ich hätte gerne eine Rhabarberschorle.«

Anne notierte meinen Wunsch auf ihrem Block und wollte sich schon davonmachen.

»Warte mal. Ähm, wäre es eventuell möglich, eine Suppe von der Abendkarte zu bekommen?«

Sorgenvolle Falten erschienen auf ihrer Stirn. »Na ja … Also, ich kann dir den Spargel wirklich wärmstens empfehlen, der ist unglaublich lecker. Die Pasta mit Mangold-Pesto ist auch der Hammer, ich schwöre dir, Jens macht das beste Mangold-Pesto, das du je gegessen hast! Oder du probierst den Salat mit gegrillten Filetstreifen vom Freilandrind? Bei dem Wetter ist das vielleicht eh netter als was Warmes.«

Sie war so eifrig und bemüht, dass ich mir richtig schäbig vorkam, doch es war nun mal so: Ich hatte nicht das geringste Bedürfnis, Mangold zu probieren, Spargel konnte ich nicht ausstehen, und diese fiesen bluttriefenden Rindfleischstreifen, die ich draußen auf den Tellern gesehen hatte, würde ich ganz sicher nicht essen! Verdammt, verdammt, verdammt, ich hatte es doch gewusst! Keine Suppe in diesem Laden, keine annehmbare Suppe im ganzen verdammten Hamburg, wahrscheinlich würde ich nie wieder mittags vietnamesische Nudelsuppe essen können! Welchen Sinn hatte die Mittagspause dann überhaupt noch?! Oh, Mr Lee, warum nur haben Sie mich im Stich gelassen?

»Das klingt alles nicht schlecht, aber … Hier war vorher ein vietnamesisches Restaurant, und da gab es immer eine Suppe des Tages. Ich habe hier elf Jahre lang jeden Mittag Suppe gegessen, verstehst du? Jeden Mittag! Elf Jahre lang! Ich meine …« Ich unterbrach mich, weil mir bewusst wurde, wie verzweifelt ich klingen musste. »So ein Süppchen ist bestimmt schnell gemacht. Vielleicht wäre es ja doch möglich?«

Anne sah mich eine Weile nachdenklich an, dann sagte sie ganz sanft, wie zu einem hypernervösen Pferd, das kurz vorm Durchgehen war: »Ich frag mal in der Küche nach und sehe, was ich für dich tun kann, okay? Und dann bring ich dir erst mal eine schöne Rhabarberschorle. In Ordnung?«

Sie hielt mich für geisteskrank. Ganz eindeutig. Ich nickte. »Ja, vielen Dank.«

Anne zog ab, und ich befürchtete schon, dass sie gleich eine Lautsprecherdurchsage machen würde: »Service an Küche, Service an Küche, wir haben hier eine drei-fünf-neun an Tisch sieben. Ich wiederhole, eine drei-fünf-neun an Tisch sieben!« Doch nichts passierte; sie verschwand lediglich durch die Schwingtür, hinter der sich vermutlich die Küche befand.

Schon bald kehrte Anne zurück, ein freudiges Lächeln auf den Lippen. »Weißt du was? Lukas macht dir ein schönes Mangoldsüppchen mit Parmesanchips«, verkündete sie fröhlich. »Oder die Fischsuppe von der Abendkarte. Was dir lieber ist.«

Oh Mann, diese Situation wurde echt immer unerträglicher! »Das ist nett, aber ich esse leider keinen Mangold. Fisch auch nicht. Am besten lassen wir das einfach, und ich …«

»Nein, warte!«, rief Anne, die wahrscheinlich fürchtete, ich würde den Laden überall im Internet als völlig unflexibel bewerten. »Pass auf, ich hole kurz Lukas, dann kannst du direkt mit ihm besprechen, was möglich ist, okay?« Und schon war sie wieder verschwunden, um kurz darauf mit einem jungen Mann in schwarzer Kochjacke zurückzukehren.

Er war um die zwanzig und ganz hübsch mit seinen blonden Haaren und leuchtend grünen Augen. Allerdings verriet sein Gesichtsausdruck eindeutig, dass er ziemlich genervt war. »Hi. Also, wenn du keinen Mangold und keinen Fisch isst, könnte ich dir ein Spargelcremesüppchen machen. Wäre das okay?«

Meine Stimmung kippte immer mehr, und dieser Laden fing ganz allmählich an, mir auf die Nerven zu gehen. »Spargel esse ich leider auch nicht. Tut mir leid.«

»Also, ehrlich gesagt …«

»Eine Nudelsuppe wäre super«, schlug ich vor. »Sie müsste ja auch gar nicht unbedingt vietnamesisch sein.«

Er hob eine Augenbraue, ganz leicht nur, aber doch erkennbar. »Äh … ich hol mal den Chef«, sagte er und verschwand durch die Schwingtür.

Gute Idee! Dann konnte ich mich nicht nur beim Boss höchstpersönlich darüber beschweren, dass er Mr Lee vertrieben hatte und dass es heutzutage nirgends mehr eine vernünftige Suppe gab, sondern ihn bei der Gelegenheit auch gleich fragen, ob er noch einen Blumenlieferanten brauchte. Er war bestimmt so ein Lackaffe mit weit aufgeknöpftem lila Hemd und Goldkettchen, der dieses Restaurant als Geldwäschebetrieb nutzte.

»Also du bist der Suppenkasper?«

Ich war so vertieft in meine Gedanken, dass ich gar nicht mitgekriegt hatte, wie Lukas’ Chef aus der Küche gekommen war. Ich sah zu ihm hoch und stutzte. Vor mir stand ein dunkelhaariger Mann, schätzungsweise um die dreißig. Und er war kein Lila-Hemd-und-Goldkettchen-Typ, sondern Koch, wie seine schwarze Kochjacke und die schwarze Jeans verrieten. Er hielt mir seine Hand hin. »Hi, ich bin Jens Thiel.«

Verdattert schüttelte ich seine Hand. »Isabelle Wagner.«

»Hallo Isabelle, nett, dich kennenzulernen«, sagte er und ließ sich dann mit einem Ächzen auf den Stuhl mir gegenüber fallen. »Eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit für dieses Gespräch, aber es ist ja nicht deine Schuld, dass weder meine Serviceleiterin noch mein Souschef mit dir … also, mit diesem Problem fertigwerden. Wenn ich es richtig verstanden habe, hättest du gerne Suppe.«

Ich nickte. »Richtig.«

In diesem Moment stellte Anne ein großes Glas Rhabarberschorle vor mir ab. »Bitte schön.«

»Danke.« Ich wartete darauf, dass sie abzog, doch stattdessen blieb sie stehen und musterte uns interessiert.

Jens runzelte kurz die Stirn, sagte jedoch nichts, sondern wandte sich wieder an mich. »Okay, also hat Lukas dir freundlicherweise drei Suppen angeboten, aber keine ist dir recht. Stattdessen hättest du lieber vietnamesische Nudelsuppe. Auch richtig?«

Aus seinem Mund klang das irgendwie nach einem ziemlich dreisten Wunsch, und so war es ja auch gar nicht gewesen. »Nein, ich habe lediglich Nudelsuppe vorgeschlagen, dabei aber extra betont, es müsse keine vietnamesische sein. Obwohl hier vorher ein ausgezeichnetes vietnamesisches Restaurant drin war, und da gab es sehr, sehr gute Nudelsuppe.«

Jens Thiel lachte auf. »Mr Lee. Ja, der war wirklich ganz ausgezeichnet. Hast du bei dem mal einen Blick in die Küche geworfen?«

»Nee, wieso?«

Er winkte ab. »Ach, nur so.«

Ich überlegte kurz, ob ich nachhaken sollte, entschied dann aber, dass ich lieber gar nicht wissen wollte, wie es in Mr Lees Küche ausgesehen hatte. »Jedenfalls, ich arbeite im Blumenladen gegenüber, und ich habe immer bei Mr Lee die Suppe des Tages gegessen. Also Nudelsuppe, denn die Suppe des Tages war immer Nudelsuppe.«

»Elf Jahre lang«, fügte Anne hinzu.

»Ja. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber mittags esse ich nun mal immer Suppe.«

»Nein, ich verstehe schon«, sagte Jens mit ernstem Gesichtsausdruck, doch das Funkeln in seinen dunklen Augen verriet, dass er sich über mich lustig machte. »Suppe spielt in deinem Leben eine zentrale Rolle.«

»Genau«, sagte ich trotzig. Sollten sie doch von mir denken, was sie wollten. »Und ich sehe nicht, wo das große Problem sein soll, mir eine zu machen. Ich meine, man muss doch flexibel sein.«

Jens schnaubte und sagte: »Ach ja?«, doch ich fuhr unbeirrt fort. »Ich persönlich bin zum Beispiel nicht so der Rosen-Fan. Aber wenn du in den Laden kommst und einen Rosenstrauß bestellst, dann mach ich dir einen. Weil der Kunde nun mal König ist, verstehst du?«

»Nee, das versteht er nicht«, antwortete Anne an seiner Stelle. »Jens hat in seinem ganzen Leben noch keiner Frau Blumen, geschweige denn Rosen geschenkt. Nicht mal seiner Ehefrau.«

Was, der war verheiratet? Die arme Frau konnte einem ja echt leidtun, wenn sie nicht mal ein paar Blumen von ihm bekam!

Jens ging nicht auf Annes Kommentar ein. Stattdessen sagte er zu mir: »Da hast du natürlich vollkommen recht. Der Kunde ist König, und ich muss flexibel sein. Am besten, ich schaff die Speisekarte ganz ab, und jeder bestellt einfach, worauf er gerade Lust hat, egal ob es ein glutenfreier, veganer Bio-Burger, eine laktosefreie Bio-Crème-brîulée oder eine Nudelsuppe sein soll. Okay, Königin Isabelle, ich mach dir deine Nudelsuppe.«

Für zwei Sekunden war ich baff, doch dann sagte ich würdevoll: »Vielen Dank, das ist wirklich nett.«

Jens nickte. »Gut, da du ja ebenfalls flexibel bist, kannst du mir sicher schnell einen Ersatzkoch ranschaffen, der sich um die anderen Gäste kümmert, während ich im Asialaden die Zutaten kaufe und die Suppe koche. Du wirst dich allerdings ein Weilchen gedulden müssen, bis du sie essen kannst, und zwar etwa sechs Stunden, so lange dauert es nämlich, bis eine wirklich gute vietnamesische Nudelsuppe fertig ist.«

Dieser Typ war ja wohl an Dreistigkeit kaum zu überbieten! »Ich habe doch extra gesagt, dass es keine vietnamesische Nudelsuppe sein muss!«

»Aber Spargelcreme-, Mangold- oder Fischsuppe sind dir auch nicht recht.«

»Nein, das esse ich alles nicht.«

»Und wieso nicht?«

»Weil es mir nicht schmeckt.«

»Wie wäre es dann mit einem Teller Wasser?«

»Gerne. Schmeiß noch einen Brühwürfel und ein paar Nudeln rein, und wir sind im Geschäft.«

Jens machte einen Gesichtsausdruck, als hätte ich soeben verkündet, dass ich Osama bin Laden für einen prima Typ hielt. »Einen Brühwürfel?! Wenn Brühwürfel und Mr Lees Nudelsuppe deinen kulinarischen Horizont darstellen, dann wundert es mich wirklich nicht, dass du …«

»Siehst du, da haben wir es!«, fiel ich ihm ins Wort. »Ich kann dir ein sehr gutes Seminar zum Thema Service- und Kundenorientierung empfehlen, sieht so aus, als hättest du das dringend nötig. Der Kunde hat immer recht. Ich kritisiere meine Kunden ja auch nicht dafür, dass sie Rosen mögen.« ›Jedenfalls nicht immer, und wenn, dann sehr subtil‹, fügte ich im Stillen hinzu.

»Was hast du nur immer mit Rosen? Rosen und Suppe, Rosen und Suppe!«, motzte Jens. »Das ist doch nicht normal!«

In diesem Moment räusperte Anne sich vernehmlich. »Bitte, seid doch so nett und kommt zu einem friedlichen Ende, okay? Außerdem, Jens, ich bin mir sicher, Lukas ist da drin alleine inzwischen schon am Rotieren.« Dabei deutete sie in Richtung Küche.

Ich spürte, wie ich rot anlief, und auch Jens schaute betreten drein. Er atmete laut aus und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe. Es ist gerade alles ziemlich stressig, da kannst du aber überhaupt nichts für, und es ist scheiße, das an dir auszulassen.«

»Schon gut. Mir tut es leid, dass ich das Seminar vorgeschlagen habe«, sagte ich kleinlaut.

»Geht doch«, sagte Anne zufrieden und ließ uns alleine, um sich wieder an ihre Arbeit zu machen.

»Dir sollte eher das mit dem Brühwürfel leidtun«, sagte Jens. Er schlug leicht mit den Händen auf die Tischplatte und stand auf. »Also, folgender Plan: Du machst heute Mittag mal was ganz Verrücktes und isst keine Suppe, sondern Pasta mit Mangold-Pesto. Es wird dir schmecken. Vertrau mir.«

Misstrauisch sah ich ihn an. »Wieso sollte ich? Ich kenn dich doch gar nicht.«

»Dann riskier es. Ich mag ja in puncto Service- und Kundenorientierung nicht so bewandert sein wie du, aber ich bin ein verdammt guter Koch. Vertrau mir einfach«, wiederholte er.

Ich wollte schon antworten, dass ich mittags immer Suppe aß und dass er sich seinen Mangold sonst wohin stecken konnte, doch dann hörte ich irgendwo tief in mir eine Stimme rufen: ›Wenn das mit den Blumen noch was werden soll, versau es dir mit diesem Typen nicht!‹

»Na schön«, sagte ich schließlich. »Ich komme mir zwar ein bisschen vor, als wäre ich ein wildes Tier, das angefüttert und gezähmt werden soll, aber egal.«

»Großartig«, erwiderte Jens mit einem Lächeln. »Für Extrawürste habe ich jetzt nämlich keine Zeit mehr.« Dann ließ er mich alleine zurück.

Keine zehn Minuten später kam mein Essen. Zu meiner Überraschung brachte nicht Anne, sondern Jens höchstpersönlich den überdimensional großen Pastateller an den Tisch. Er stellte ihn mit den Worten »So, bitte sehr, die Dame« vor mir ab und sah mich erwartungsvoll an.

Ach herrje, ich hatte gehofft, ich könnte mein Essen in einer Serviette verschwinden lassen und heucheln, dass es köstlich gewesen sei. Notgedrungen wandte ich mich meinem Teller zu. Hm. Auf den ersten Blick sah das gar nicht mal so schlecht aus. Der Mangold war als solcher kaum noch erkennbar, nur ein paar kleine Blätter konnte ich entdecken, die frisch und knackig wirkten. Kirschtomaten und geröstete Pinienkerne vervollständigten das Pesto.

»Wenn du das Essen noch länger anstarrst, wird es kalt«, meinte Jens.

Ich griff nach meiner Gabel und piekte ein paar Nudeln auf. »Das sieht wirklich gut aus. Und es riecht auch lecker.« Letzteres war gelogen. In meine Nase strömten so viele verschiedene Duftstoffe und Aromen, dass sie völlig überfordert war. Knoblauch, Parmesan, Olivenöl, und alles wurde getoppt von einem ungewohnten, intensiven Geruch, der vom Mangold kommen musste. »Du hast ein sehr hübsches Restaurant«, sagte ich, statt mir die Gabel in den Mund zu schieben.

Jens sah mich irritiert an. »Äh … Danke.«

»Bitte. Die Bilder gefallen mir. Und der Flaschenkronleuchter ist echt der Hammer. Hast du den selbst gemacht?«

»Nein, ein Kumpel von mir.«

»Ach so. Sehr cool.«

Mit einer ungeduldigen Handbewegung in Richtung meines Tellers sagte er: »Jetzt probier doch.«

Einen Teufel würde ich tun! »Mir ist nur aufgefallen, dass hier noch was am Ambiente gemacht werden könnte.« Mit der beladenen Gabel deutete ich auf die Tischmitte. »Ein bisschen Deko. Kerzen oder Windlichter. Ein paar Blümchen.«

»Blümchen?«, fragte Jens ungläubig. »Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ziemlich schräg rüberkommst?«

»Nein, noch nie«, log ich.

»Es fällt mir schwer, das zu glauben. Und gehe ich recht in der Annahme, dass natürlich du mit deinem Blumenladen dich künftig um das Ambiente hier kümmern möchtest?«

»Es ist zwar streng genommen nicht mein Blumenladen, also, noch nicht, aber ja. Genau.« Ich legte meine Gabel auf den Teller. »Du musst wissen, dass ich wirklich gut darin bin. Ich mach schon seit Jahren die Deko für Hochzeiten und Beerdigungen, und meine Kunden sind immer sehr …«

»Das mag ja sein, aber hier soll es weder nach Hochzeit noch nach Beerdigung aussehen«, unterbrach Jens mich. »Ich will hier kein kitschiges, spießiges Gestrüpp auf den Tischen haben, das die Leute vollstinkt und vom Essen ablenkt.«

»Meine Deko ist überhaupt nicht kitschig, und spießig schon gar nicht! Du könntest es dir ja wenigstens höflichkeitshalber mal anschauen.«

»Und du könntest wenigstens höflichkeitshalber mal mein Essen probieren«, entgegnete er kühl.

»Ich hab dir doch gleich gesagt, dass ich Mangold nicht mag!«

»Und ich hasse Blumen!«

In meinem Kopf erklang die berühmte Melodie aus Beethovens Fünfter: Dadadadaaaa Dadadadaaaa. Er hasste Blumen?! Das ging zu weit! Ich kramte einen Zehn-Euro-Schein aus meinem Portemonnaie und knallte ihn auf den Tisch. »Es ist zwecklos, mit einem Menschen zu reden, der Blumen hasst.« Damit erhob ich mich und stand nun unmittelbar vor Jens, wobei mir auffiel, dass er ein ganzes Stück größer war als ich. »Echt jetzt, wie kann man Blumen hassen?«

»Wie kann man keinen Mangold essen?«

»Der war garantiert nicht bio«, sagte ich schnippisch, weil ich die starke Vermutung hatte, dass ihn das ärgern würde. Tatsächlich verengten seine Augen sich zu schmalen Schlitzen, doch bevor er etwas darauf entgegnen konnte, drehte ich mich um und verließ dieses suppen-, menschen- und blumenverachtende Restaurant. Sollte der Typ doch mit seinem tristen Laden und seinem affigen Mangold-Pesto glücklich werden. Mich würde er jedenfalls nie wiedersehen!

»Du warst ja lange weg«, begrüßte Brigitte mich. »War es schön?«

»Sehe ich etwa so aus?« Ich knallte meine Tasche unter den Bindetisch und fing an, mit groben Bewegungen Rosen zu entdornen.

»Es gab dort keine Suppe, nehme ich an?«

»Nein, gab es nicht. Stattdessen hat dieser dreiste Jens-Thiel-Koch mir Pasta mit Mangold-Pesto aufgezwungen. Und mein Angebot, die Blumendeko für seinen Laden zu machen, hat er abgelehnt, weil er, halt dich fest, Blumen hasst! Ich hab’s echt versucht, aber dieser Typ ist so stur!«

»Schade. Ein neuer Stammkunde wäre nicht schlecht gewesen.«

Ich warf die fertig entdornte Rose achtlos auf den Tisch und griff nach der nächsten. »So schlimm, dass wir auf einen wie ihn angewiesen sind, kann es gar nicht sein.«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Brigitte schnell.

»Der kann sich jedenfalls schon mal drauf gefasst machen, dass ich überall sein Restaurant schlecht bewerten werde. Im ganzen Internet, überall!« Mir war selbst klar, dass ich das nicht tun würde, aber die Vorstellung, einen fiesen Verriss nach dem anderen zu schreiben, verschaffte mir eine gewisse Genugtuung.

Im Laufe des Nachmittags lenkte mich die Arbeit dann aber so sehr ab, dass ich die unselige Begegnung mit Jens Thiel gegen Feierabend schon wieder vergessen hatte.

Um neunzehn Uhr legte Brigitte den Kassenbon, auf dem die Tageseinnahmen aufgeführt waren, mit einem lauten Seufzer in die Schublade. »So, Feierabend.« Gemeinsam verließen wir den Laden, und während ich mein Fahrrad aufschloss, fragte sie: »Wie sieht’s aus, hast du Lust, noch mit zu uns zu kommen?«

»Tut mir leid, aber ich kann heute nicht«, sagte ich bedauernd, denn gegen ein paar Tomatenbrote bei Brigitte und ihrem Mann Dieter hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Ihre beiden Töchter waren erwachsen und schon lange aus dem Haus, und ich wusste, dass Brigitte sie furchtbar vermisste. »Mama hat vorhin angerufen. Irgendwas stimmt mit Papas Rhododendron nicht. Da sollte ich mal besser nachsehen.«

»Na, dann grüß mir den Rhododendron.«

Ich winkte Brigitte zum Abschied zu, schwang mich auf mein Fahrrad und machte mich auf den Weg. Es war ein sonniger Juniabend, und wie immer, wenn das Wetter in Hamburg schön war, zog es die Menschen ins Freie. Brigittes Laden, genau wie auch meine Wohnung, lag in Winterhude, einem lebhaften und bunten Stadtteil, der in den letzten Jahren immer angesagter geworden war. Szenige Designerläden, Cafés und Restaurants hatten nach und nach die alteingesessenen Einzelhändler von ihren Plätzen vertrieben, und die Mieten waren sprunghaft angestiegen. Meine beste Freundin Kathi hatte schon ein paarmal vorsichtig angemerkt, dass Blumen Schumacher inzwischen vielleicht ein bisschen zu piefig rüberkam und dass der neue Blumenladen um die Ecke eindeutig hipper war. Den Winterhudern schien er jedenfalls zu gefallen. Doch Brigitte stand voll und ganz hinter ihrem Konzept. Sie wollte kein Chichi, sondern Bodenständigkeit und faire Preise. Ich konnte sie verstehen, und außerdem mochte ich unseren Laden ja auch genau so, wie er war. Aber manchmal hatte ich Angst, dass Kathi recht haben könnte und es sich irgendwann böse rächen würde, wenn wir uns den veränderten Gegebenheiten nicht anpassten.

›Schluss mit dieser Schwarzmalerei, Isa‹, dachte ich. ›Dafür ist das Wetter viel zu schön.‹ Der Fahrtwind wehte mir ins Gesicht und durchs Haar und bauschte den Rock meines Kleids auf, die Sonne wärmte meine Haut. Ich liebte diese Jahreszeit mit dem frischen, satten Grün der Bäume und den üppig blühenden Rhododendron- und Hortensiensträuchern. An so einem wunderschönen Tag wie heute war einfach kein Platz für negative Gedanken, beschloss ich, als ich auf den Hauptweg des Ohlsdorfer Friedhofs einbog. Ich stieg vom Fahrrad ab und schob es durch die Gräberreihen, bis ich an dem hintersten, sonnigsten Platz in diesem Bereich angekommen war.

»Wie heißt es noch mal: Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. Stimmt’s, Papa?«, sagte ich zu seinem Grabstein und stellte mein Fahrrad ab. »Oh, sorry, das war jetzt irgendwie taktlos.«

Eigentlich war diese Entschuldigung unnötig, denn mein Vater war ein toller Mensch gewesen und würde mir meine Bemerkung bestimmt nicht krummnehmen. Ich hatte ihn zwar nie wirklich kennengelernt, aber meine Mutter hatte mir alles über ihn erzählt. Als ich meine Ausbildung zur Floristin begonnen hatte, hatte sie mir die Grabpflege übertragen, und so kam ich seit Jahren jeden Donnerstagabend hierher.

»Ich hab gehört, du hast ein Problem mit deinem Rhododendron?«, murmelte ich, während ich ein Friedhofs-Gartengerät hinter dem Grabstein hervorzog. »Dann lass mal sehen.« Ich begutachtete den Strauch, den ich schon vor sechs Jahren gepflanzt hatte. »Ach du Schande!«, rief ich erschrocken, als ich die braunen Flecken auf den Blättern und die vertrockneten Äste und Knospen bemerkte. Pilzbefall, ganz eindeutig. Aber was für einer? Oh mein Gott, hoffentlich nicht dieser Horror-Pilz, der für das Eichensterben in den USA verantwortlich war! Angeblich sollte er auch Rhododendren befallen. Erst neulich hatte ich in einer Zeitschrift gelesen, dass der inzwischen auch in Norddeutschland …

»Hi Isabelle«, hörte ich hinter mir eine Stimme, die mich aus meinem Schreckensszenario riss. Ich drehte mich um und entdeckte Tom, den jungen Friedhofsgärtner, der für die Gräber in diesem Bereich verantwortlich war. Er hatte mir schon den ein oder anderen fachmännischen Rat gegeben, und in diesem Moment kam es mir so vor, als hätte der Himmel ihn geschickt. »Alles gut?«, wollte er wissen.

»Nein! Kannst du dir das hier mal bitte ansehen?«

Tom ließ die Schubkarre mit Gartenabfällen auf dem Weg stehen und kam zu mir rüber.

Ich deutete auf den Rhododendron. »Was ist das für ein scheiß Pilz? Doch wohl nicht dieser Phytophtora ramorum?«

»Ach Quatsch.« Tom beugte sich herab, um die Pflanze genauer in Augenschein zu nehmen. »Das ist ein ganz schnöder Feld-, Wald- und Wiesenpilz.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein? Muss man nicht erst mal eine Probe nehmen und ins Labor schicken und, keine Ahnung, den Seuchenschutz informieren, und …«

»Weil der Phytophtora ramorum hier nicht vorkommt, ganz einfach«, unterbrach Tom mich. »Glaub mir, wenn sich dieser Pilz auf meinem Friedhof breitgemacht hätte, wüsste ich das.« Er zog eine Zigarette hervor, die hinter seinem Ohr gesteckt hatte, und zündete sie an – ganz wie in einem alten Western, wenn der Sheriff verkündete, dass es in seiner Stadt kein Verbrechen gab. »Schneid einfach alle befallenen Stellen ab, und sprüh ein Fungizid drauf, dann wird er schon wieder.«

Erleichterung machte sich in mir breit, denn es hätte mir das Herz gebrochen, diesen Strauch rausreißen zu müssen. Er war noch so klein gewesen, als ich ihn damals gepflanzt hatte, und außerdem hatte mein Vater speziell diese Rhododendron-Sorte geliebt, wie ich von meiner Mutter wusste. »Gott sei Dank!«, rief ich und strahlte Tom an.

Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und musterte mich nachdenklich. »Wenn du willst, mach ich das morgen für dich.«

»Echt jetzt?«

»Klar. Nette Frisur übrigens.«

»Oh.« Geschmeichelt strich ich mir eine Haarsträhne aus der Stirn. »Die ist eigentlich gar nicht neu, aber trotzdem danke schön.«

»Mhm. Sag mal …« Er machte eine kleine Pause. »Hättest du Lust, mal was mit mir essen zu gehen?«

Huch! War es nicht ziemlich schräg, eine Frau auf dem Friedhof um ein Date zu bitten? Andererseits – wo hätte er es sonst tun sollen, immerhin kriegten wir uns nur hier zu Gesicht. Und Tom war doch eigentlich sehr nett und hilfsbereit. Er hatte Ahnung von Pflanzen. Und er sah ziemlich gut aus. So stark irgendwie. Also warum eigentlich nicht? »Klar«, sagte ich schließlich. »Gerne.«

»Cool.« Er drückte seine Zigarette auf dem Boden aus und warf sie anschließend in die Schubkarre. »Okay, dann ruf ich dich mal an. Und morgen mach ich mich gleich an den Rhododendron.«

»Vielen Dank, Tom, das ist supernett.«

Wir tauschten unsere Nummern aus, dann ging er mitsamt seiner Schubkarre davon.

Ich zupfte noch ein bisschen Unkraut und goss die Pflanzen, sowohl auf Papas Grab als auch auf dem seines Nachbarn Walter Fritzschner. »Geliebt und unvergessen«, stand als Zusatz unter dem Namen auf seinem Grabstein, doch das Grab wirkte immer so furchtbar verlassen und verwahrlost, dass ich arge Zweifel daran hatte und gar nicht anders konnte, als mich darum zu kümmern.

Eine Stunde später schloss ich mein Fahrrad vor meinem Wohnhaus an und erklomm die fünf Etagen bis ins Dachgeschoss. Ich kickte meine Ballerinas von den Füßen, riss die Fenster auf und machte mir in der winzigen Küche einen Eistee. In dieser Wohnung war alles klein, und sie bestand fast ausschließlich aus Dachschrägen. Aber ich liebte sie, sie war meine Burg, mein Zuhause und außerdem wunderschön. Die alten Holzdielen knarrten unter meinen Schritten, jeden Raum hatte ich in einer anderen Farbe gestrichen, und durch das Küchenfenster und vom Balkon aus konnte ich wunderbar das Treiben auf der Straße beobachten.

Im Wohnzimmer machte ich es mir auf der Couch bequem. Ich nahm meinen Laptop, loggte mich ins Internet ein und suchte in der Mediathek die heutige Folge von meiner Daily Soap Liebe! Liebe! Liebe!, die ich wegen des Friedhofsbesuchs verpasst hatte. Schon bald war ich völlig vertieft in die Geschichte von Lara und Pascal, die sich so sehr liebten und doch nicht zueinander fanden. Seit 578 Folgen scharwenzelten sie umeinander herum, ohne endlich mal Klartext zu reden. Ich fragte mich häufig, wie man so abgrundtief dämlich sein konnte. Wenn man seiner großen, einzig wahren Liebe begegnete, dann wusste man das doch sofort. So war es auch bei meinen Eltern gewesen. Sie hatten sich in den Achtzigerjahren in einer Hamburger Disco kennengelernt. Meine Mutter hatte zu Nur geträumt von Nena getanzt und dabei einen Mann angerempelt, der am Rand der Tanzfläche stand. Er fing sie auf, die beiden schauten sich in die Augen und … BÄMM! Die große Liebe! Vom ersten Moment an war zwischen ihnen alles klar gewesen. Und genau so sollte es sein.

Ich selbst wartete leider schon seit siebenundzwanzig Jahren, drei gescheiterten Beziehungen und gefühlt tausend Dates auf ebenjenen Moment: den BÄMM. Auch bei Tom vorhin auf dem Friedhof war der ausgeblieben. Andererseits: Bei aller Romantik sollte man sich doch einen Restfunken von Pragmatismus bewahren. Tom war nett und hatte eine Chance verdient.

Mein Blick fiel auf mein Glücksmomente-Glas, das im Regal neben einem Foto meines Vaters stand. Kathi hatte mir zu meinem Geburtstag ein hübsches Bonbonglas und einen Stapel bunter Notizzettel überreicht und gesagt: »Von jetzt an notierst du jeden glücklichen Moment und wirfst ihn ins Glas. In einem Jahr liest du dir all die schönen Dinge durch, und dann wirst du sehen, dass das Leben gar nicht mal so scheiße ist.«

Zu der Zeit hatte ich mich gerade von meinem damaligen Freund getrennt und überhaupt eine ziemlich deprimierte Phase durchgemacht. Seitdem führte ich mein Glücksmomente-Glas, und ich freute mich schon jetzt darauf, es an meinem achtundzwanzigsten Geburtstag im Oktober zu öffnen. Für heute fielen mir sogar zwei Glücksmomente ein. Auf einen gelben Zettel schrieb ich: ›Papas Rhododendron ist von einem Pilz befallen, aber es ist nicht der Phytophtora ramorum. Glück im Unglück.‹ Dann nahm ich mir einen blauen Zettel. ›Tom hat mich um ein Date gebeten. Auf dem Friedhof! Schräger Moment, aber ich freu mich, dass er’s gemacht hat.‹ Ich warf die Zettel ins Glas, schraubte den Deckel zu und stellte es zurück ins Regal.

Liebe 3

Am Dienstagnachmittag war ich im Laden damit beschäftigt, einen riesigen Blumenstrauß zu binden, den unser Stammkunde Herr Dr. Hunkemöller seiner Praxisleiterin Frau Nickel zum dreißigjährigen Jubiläum schenken wollte. Er war Augenarzt und außerdem ein Charmeur und Kavalier der alten Schule – immer tadellos gekleidet (manchmal trug er sogar einen Dreiteiler mit Einstecktuch) und die vollen weißen Haare adrett zur Seite gekämmt, weswegen ich ihn heimlich »das Adonisröschen« nannte. Er überschüttete Brigitte und mich immer mit so vielen Komplimenten, dass wir uns jedes Mal freuten, wenn er vorbeikam. Eigentlich hatte ich dienstags frei, aber Brigitte und ich hatten unsere Tage in dieser Woche getauscht, und Dr. Hunkemöller hatte richtig enttäuscht ausgesehen, als ich ihm gesagt hatte, dass sie nicht im Laden war.

»Bitte schön«, sagte ich und präsentierte Herrn Dr. Hunkemöller den fertigen Strauß.

»Der ist prachtvoll, Frau Wagner!«, rief er begeistert. »Ein wahres Meisterwerk! Darüber wird Frau Nickel sich bestimmt freuen.« Er bezahlte den Strauß und machte sich auf den Weg.

Ich wäre gerne dabei gewesen, wenn er ihr die Blumen überreichte. Frau Nickel kam manchmal hier vorbei, wenn sie einen Strauß abholen sollte, weil ihr Chef es nicht schaffte. Sie war Mitte fünfzig, unverheiratet, und in einem fünfminütigen Gespräch sagte sie mindestens zwanzigmal: »Herr Dr. Hunkemöller sagt, Herr Dr. Hunkemöller meint, wenn es nach Herrn Dr. Hunkemöller geht«, was mich zu der Überzeugung gebracht hatte, dass sie heimlich in ihn verliebt war. Und das nun schon seit dreißig Jahren! Nach längerer Überlegung hatte ich mich entschieden, ihr einen Strauß aus Pfingstrosen, Flieder und Wicken zu binden. Pfingstrosen und Flieder, weil sie so wunderschön waren, dass es einen fast sprachlos machte – und Frau Nickel hatte sich etwas Schönes wirklich verdient. Die Wicken hatte ich ausgesucht, weil Frau Nickel für mich eine Wicke, genauer gesagt eine Vicia grandiflora, war. Wicken wurden meiner Meinung nach vollkommen unterschätzt, dabei waren sie so hübsch. Im Strauß wirkten sie neben den Pfingstrosen und dem Flieder auf den ersten Blick fast unscheinbar. Aber wer genau hinsah, musste erkennen, dass dieser Strauß erst durch die Wicken zu etwas ganz Besonderem wurde, ja, dass im Grunde genommen die Wicken die Stars dieses Straußes waren, und ich hoffte sehr, dass Frau Nickel die Botschaft verstand.

Das Bimmeln der Türglocke verkündete, dass Kundschaft im Anmarsch war. Ich blickte auf und sah Kathi hereinkommen, von Kopf bis Fuß in Arbeitskleidung. Sie war Zugbegleiterin bei der Deutschen Bahn und pflegte deswegen zu sagen, sie sei »Kummer gewöhnt«. Aber ihre Uniform stand ihr so gut, dass mir jedes Mal das Herz aufging, wenn ich sie mit dem kecken Hütchen und dem süßen roten Halstuch sah. »Hey Kathi!«, rief ich und ging auf sie zu, um sie zu umarmen. »Bist du auf dem Weg zur Arbeit oder hast du’s schon hinter dir?«

»Ich hab’s hinter mir.« Sie nahm ihr Hütchen ab und warf es achtlos auf den Tresen. »Fünfundsiebzig Minuten Verspätung, und ich bin nur dreimal angemault worden. Ein guter Tag also.«

»Das freut mich«, sagte ich lachend. »Kaffee?«

»Auf jeden Fall. Immer her mit dem Zeug, ich bin soo müde! Aber warte noch kurz, ich muss dir erst etwas Megawichtiges sagen.« Kathis blonde Haare waren leicht zerzaust, und unter ihren Augen lagen Schatten, trotzdem strahlte sie so sehr, dass alles um sie herum heller zu werden schien.

»Was denn?«, fragte ich, obwohl ich es mir eigentlich schon denken konnte.

»Dennis und ich ziehen um!«, rief sie aufgeregt.

Hä? Ich hatte angenommen, sie würden heiraten! »Ihr zieht um? Wohin denn?«

»Wir kaufen das Haus von Dennis’ Tante, zu einem megagünstigen Preis. Sie kommt nämlich ins Heim. Ist das nicht der Hammer, Isa?«

»Und wo ist das Haus?« Ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, denn ein Großteil von Dennis’ Familie wohnte nicht in Hamburg.

»In Bullenkuhlen«, sagte Kathi prompt.

»Wo?«

»Das ist im Landkreis Pinneberg. In der Nähe von Elmshorn.«

Entsetzt schnappte ich nach Luft. »Elmshorn?! Pinneberg?! Seid ihr verrückt?«

Kathis Strahlen verblasste. »Das Haus ist total süß, Isa. Und vom Hauptbahnhof fährt man mit dem Zug nicht mal eine halbe Stunde bis Elmshorn.«

»Ja, und wie lange dauert es dann noch, bis man in eurer Bullenkuhle ist? Fahren dort überhaupt öffentliche Verkehrsmittel hin? Gibt es da Straßen?« Ich spürte, dass eine ausgewachsene Panikattacke im Anmarsch war.

»Natürlich gibt es da Straßen, Isa. Also echt!«

»Wenn ihr da wohnt, sehen wir uns nie mehr, nie! Ihr könnt doch nicht einfach abhauen. Du hast mir noch nicht mal gesagt, dass ihr umziehen wollt, ich konnte mich überhaupt nicht darauf vorbereiten. Warum zieht ihr nicht innerhalb von Hamburg um?«

Kathi seufzte. »Weil wir uns hier niemals ein Haus leisten könnten. Bullenkuhlen ist nicht so weit weg. Natürlich werden wir uns trotzdem noch regelmäßig sehen.«

»Werden wir nicht.«, beharrte ich. »Wenn ihr erst mal auf eurem Dorf wohnt, kommt ihr da nie mehr raus. Das frisst euch mit Haut und Haaren auf, schwuppdiwupp bist du bei den Landfrauen und Dennis bei der freiwilligen Feuerwehr, und schon habt ihr mich vergessen.«

Sie starrte mich für ein paar Sekunden verblüfft an, dann brach sie in lautes Gelächter aus. »Süße, du spinnst doch. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich niemals zu den Landfrauen gehen werde. Und vergessen werde ich dich auch nicht.«

Mir war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Im Gegenteil. Trotzdem wurde mir bewusst, dass ich ziemlich mies auf Kathis Neuigkeit reagiert hatte. »Tut mir leid«, sagte ich und nahm sie in den Arm. »Ich freu mich ja für euch, irgendwie, aber … das kam so unerwartet.«

»Ich weiß, für uns doch auch. Aber das ist so eine tolle Gelegenheit, die müssen wir einfach nutzen.« Sie zerstrubbelte mir liebevoll die Haare. »Und du hast noch sehr viel Zeit, dich an den Gedanken zu gewöhnen, du Freak. Vor Ende des Jahres wird es nichts mit dem Umzug.«

Obwohl ich immer noch auf der Stelle in Tränen hätte ausbrechen können, beruhigte es mich ein bisschen, dass die beiden noch für ein paar Monate in Hamburg bleiben würden. »Dann erzähl mir mal alles von Bullenkuhlen. Und vor allem vom Haus. Hast du Fotos? Oh, und weißt du was? Zur Entschädigung für meine doofe Reaktion geb ich einen aus, okay?« Ich öffnete eine Flasche Sekt, die von Brigittes Geburtstagsumtrunk übrig geblieben war, und wir machten es uns auf den Hockern am Bindetisch bequem. Kathi holte ihr Handy hervor und zeigte mir Fotos von einem sehr hübschen, weiß verputzten Haus mit blauen Fensterläden. Es gab einen großen Garten mit Obstbäumen und rundherum Felder und Wiesen. Und obwohl ich persönlich mir nicht vorstellen konnte, jemals woanders als in Hamburg zu leben, und auch Kathi eigentlich ein totales Stadtkind war, tauchten sofort idyllische Bilder in meinem Kopf auf. Kathi, die Apfelmus kochte, Dennis, der den Rasen mähte, und die beiden zusammen auf einer Gartenbank in der Abendsonne, ein Bernhardiner, der ihnen zu Füßen lag. Ach, das war doch eigentlich ganz romantisch.

Wir plauderten über bevorstehende Notartermine und Renovierungsmaßnahmen und blätterten in einer Wohnzeitschrift, die sie aus ihrer Handtasche gezogen hatte, als es an der Tür bimmelte. Ein großes, schlaksiges Teeniemädchen betrat den Laden. Sie hatte lange dunkle Haare, trug einen schwarzen Rock, einen überdimensional großen schwarzen Pullover und klobige Doc Martens.

»Hallo«, begrüßte ich sie. »Kann ich dir helfen?« Wahrscheinlich wollte sie hundert schwarze Rosen kaufen, um sie bei einem Evanescence-Konzert auf die Bühne zu werfen.

»Nein danke.« Ihre Lippen waren dunkellila nachgezogen und die Augen dick mit Kajal umrandet. »Ich schau mich nur ein bisschen um.«

»Okay. Wenn du was brauchst, ich bin hier.«

Sie nickte und schob sich den viel zu langen Pony aus den Augen. Dann schlenderte sie in die Ecke, in der wir die Dekoartikel präsentierten: Blumenvasen und -töpfe, Kerzenständer, hübsche Servietten und Obstschalen, und als besonderes Highlight ein paar wunderschöne Plastiken des Künstlers Mario Kunzendorf. Brigitte war mit ihm befreundet und hatte sich bereit erklärt, seine Werke in unserem Laden auszustellen, doch leider hatten wir seit zwei Jahren kein einziges verkauft. Das Mädchen schien sich ganz besonders für seine Arbeiten zu interessieren. Immerhin, sie hatte Geschmack und Kunstverstand.

Beim Anblick dieses kleinen Grufti-Girls fiel mir ein, dass Kathi noch gar nichts von Tom wusste. »Übrigens, ich habe bald ein Date!«

»Das ist ja schön«, erwiderte Kathi erfreut. »Mit wem denn?«

»Ich hab ihn auf dem Friedhof kennengelernt. Tom. Er arbeitet da als Gärtner und ist sehr nett und hilfsbereit.«.

Kathi sah mich für ein paar Sekunden sprachlos an und brach dann in Gelächter aus. »Du hattest einen Friedhofs-Flirt? Wie schräg ist das denn? Und wann ist das Date?«

»Donnerstag in zwei Wochen.«

»Wow, das ist für deine Verhältnisse ja geradezu spontan.« Kathi grinste.

»Wieso für meine Verhältnisse? Ich kann total …« Ich unterbrach mich mitten im Satz, denn was ich in diesem Moment in der Deko-Ecke beobachtete, ließ mich fassungslos erstarren: Die kleine Lady in Black ließ in aller Seelenruhe die Plastik Liebe 3 von Mario Kunzendorf in ihrer Umhängetasche verschwinden und schlenderte anschließend ganz gemächlich Richtung Ausgang. »War leider nichts dabei. Tschühüs!«

Ich war so perplex, dass ich mich für ein paar Sekunden nicht rühren konnte. Erst, als sie schon fast an der Tür war, kam endlich wieder Leben in mich. »Hey, Gothic Girl! Bist du nicht mehr ganz dicht?!« Bevor sie flüchten konnte, stürzte ich zu ihr und quetschte mich zwischen sie und die Tür. »Du hast eine Kunzendorf-Plastik geklaut!«, schnauzte ich das Mädchen an und griff nach ihrer Tasche.

Sie riss sich energisch von mir los. »Du hast kein Recht, in meine Tasche zu gucken! Das darf nur die Polizei!«

»Pff, also, das ist ja wohl … Ich meine, das …« Wenn ich ganz besonders wütend war, hatte ich leider immer Schwierigkeiten, mich zu artikulieren. »Polizei, richtig«, stieß ich schließlich hervor. »Die ruf ich an, jetzt, sofort!«

Ich wollte schon zum Telefon stapfen, doch in diesem Moment rief das Gruftimädchen: »Nein! Nicht die Polizei!« Dann brach sie in Tränen aus. »Bitte, nicht die Polizeeiii!« Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte laut. »Meine Eltern bringen mich uhuum, und dann muss ich …«, an dieser Stelle schniefte sie herzzerreißend, »ins Internahaaat oder … nach Jordaaaanieeeen!«

»Bitte?«, fragte ich verdattert. »Nach Jordanien? Wieso das denn?«

Daraufhin fing sie nur noch lauter an zu weinen.

Kathi schnalzte mitleidig mit der Zunge. »Oh Gott, das kann man ja nicht mit angucken.«

»Die will mich doch verarschen«, sagte ich.

»Nein, echt nicht!« Aus den Augen des Mädchens sprach die reine Verzweiflung. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und der schwarze Kajal und ihre Wimperntusche inzwischen so verlaufen, dass sie mich an Cro mit seiner Pandamaske erinnerte. Ich seufzte und ging nach hinten, um eine Packung Taschentücher zu holen. »Hier, schnäuz dich mal.«

Nachdem sie sich etwa fünf Minuten lang ausgerotzt hatte, sagte sie zerknirscht: »Es tut mir leid. Ganz ehrlich.«

»Jaja, schon klar«, sagte ich. »Und gleich erzählst du mir noch, dass du das eigentlich gar nicht wolltest. Klauen ist scheiße! Richtig scheiße! Hast du eine Ahnung, wie schwer es heutzutage ist, im Einzelhandel zu überleben?« Bevor sie antworten konnte, fuhr ich fort: »Wer etwas haben will, muss dafür bezahlen, so und nicht anders funktioniert unsere Gesellschaft nun mal!«

»Du hast selbst mal eine Packung Tampons mitgehen lassen, weißt du noch, Isa?«, mischte Kathi sich ein.

»Also echt!«, rief ich empört. »Da war ich dreizehn, das war ja wohl etwas völlig anderes und tut hier jetzt außerdem überhaupt nichts zur Sache.«

»Sorry.«

»Wie heißt du?«, fragte ich das Mädchen.

»Merle.«

»Und weiter?«

Sie zögerte einen Moment, doch schließlich sagte sie leise: »Thiel.«

Thiel?! Wie dieser Mangoldfetischist? Das musste ein Zufall sein, immerhin war das ja nicht gerade ein seltener Name. Sollte es sich doch um den Blumenhasser handeln, hatte er sich entweder erstaunlich gut gehalten oder er war schon extrem jung Vater geworden. »Ich werde jetzt deine Eltern anrufen.«

»Aber meine Eltern sind nicht da«, schniefte Merle. »Sie sind beruflich in Jordanien, als Archäologen bei einer Ausgrabung, ohne Scheiß!«

Okay, also nicht der Blumenhasser. »Wann kommen sie denn wieder?«

»In zwei Jahren.«

»Was?!«, rief Kathi. »Und sie haben dich einfach zurückgelassen?«

Merle blickte zu Boden und nickte. »Ja. Der Job ist ihnen halt wichtiger als ich.«

»Aber du musst doch irgendwo wohnen«, sagte ich. »Sie können dich doch nicht so lange ganz alleine lassen.«

Merle wischte sich mit der Hand die Tränen ab. »Ich wohne bei meinem Bruder, also meinem Halbbruder, aber der hat nie, nie Zeit, und wenn er das hier hört, dann steckt er mich ins Internat!« Sie blickte mich aus ängstlichen Augen an.

»Oder er schickt dich nach Jordanien«, folgerte Kathi.

Merle nickte.

Oh Mann, dieses Mädchen war wirklich bedauernswert. Wo genau war Jordanien überhaupt? War das nicht mitten in einer Krisenregion? Andererseits hatte sie nun mal geklaut, daran gab es nichts zu rütteln, und ich konnte ihr das nicht einfach so durchgehen lassen. »Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Ich bräuchte mal seinen Namen und seine Telefonnummer.«

Merle kramte ihr Handy aus der Umhängetasche. »Er heißt Jens.« Ihre Stimme zitterte leicht.

Ich stöhnte auf. Jens Thiel. Also doch. »Vom Restaurant gegenüber, richtig?«

Sie nickte. »Wenn ich dir hoch und heilig verspreche, dass ich das nie wieder tun werde, könntest du dann nicht noch mal ein Auge zudrücken?«

Ich war tatsächlich kurz geneigt, sie laufen zu lassen. Andererseits hatte ich nicht übel Lust, Jens Thiel mal ordentlich was zu erzählen. Es passte zu ihm, dass er seine Schwester vernachlässigte und ihr damit drohte, sie nach Jordanien abzuschieben, und das war ja wohl wirklich das Allerletzte! »Ich habe keine andere Wahl, ich muss mit deinem Bruder reden. Am besten gehen wir gleich rüber.«

Ich verabschiedete mich von Kathi und drehte das Schild in der Tür auf ›Bin in zehn Minuten wieder da‹ um. »Na dann, gehen wir«, sagte ich zu Merle.

Kurz darauf betraten wir das Thiels. Es war halb vier Uhr nachmittags, und um diese Zeit zwischen Mittags- und Abendgeschäft war das Restaurant vollkommen leer.

»Jens ist bestimmt in der Küche«, sagte Merle, und wie aufs Stichwort öffnete sich die Schwingtür, und er kam heraus. Beim Anblick seiner Schwester blieb er überrascht stehen. »Wie siehst du denn aus?« Dann fiel sein Blick auf mich. »Der Suppenkasper!«, entfuhr es ihm, und ein ungesagtes ›Auch das noch‹ flog im Raum herum, bis es durchs geöffnete Fenster verschwand.

»Eigentlich heiße ich Isabelle«, sagte ich möglichst würdevoll.

»Isabelle Wagner, ich weiß. Und wie kommt es, dass ihr beide hier gemeinsam auftaucht, wenn ich fragen darf?«

»Ich habe deine Schwester beim Klauen erwischt. In dem Blumenladen, in dem ich arbeite.«

»Beim Klauen? In einem Blumenladen?!« Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, dass es ihm schwerfiel, das zu glauben. »Und was hast du geklaut?«, fragte er Merle.

Sie öffnete ihre Tasche, holte die Plastik hervor und hielt sie Jens hin, konnte ihm dabei aber kaum in die Augen sehen.

Er ergriff Liebe 3 und betrachtete das Werk von allen Seiten. »Was willst du denn damit?«

»Äh, hallo?!«, rief ich empört. »Es geht hier doch nicht darum, was für einen Nutzen das Diebesgut hat!«

»Stimmt, Entschuldigung. Also, warum zur Hölle hast du dieses Teil geklaut?«, fragte er Merle streng. »Ach verdammt, ich meine, warum hast du geklaut?«

Merles Kinn begann zu zittern. »Ich weiß es doch auch nicht. Ich fand die Skulptur so schön, weil dieses Paar mich an Mama und Papa erinnert. Ich bin so oft alleine, du hast ja nie Zeit für mich, nie, und ich bin dir nur lästig!« Sie brach in bittere Tränen aus und stand wie ein Häufchen Elend da.

Ich wartete darauf, dass Jens sie in den Arm nehmen und sich tausendfach für seine Missachtung bei ihr entschuldigen würde, doch stattdessen sah er sie nur wütend an. »Merle, nicht schon wieder diese Nummer.«

Boah, was für ein fieser, hartherziger Kotzbrocken! »Ich will mich ja nicht einmischen, aber …«, begann ich, wurde jedoch sofort von Jens unterbrochen.

»Dann lass es auch«, sagte er scharf.

»Okay, dann will ich mich eben einmischen! Ich glaube, dass deine Schwester geklaut hat, ist nichts anderes als ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Ihre Eltern lassen sie einfach zurück, weil ihnen irgendeine Ausgrabung wichtiger ist als die eigene Tochter, und ihr fieser Bruder hängt nur in seinem Restaurant rum und droht ihr damit, sie nach Jordanien abzuschieben!«

Er lachte bitter auf. »Genau, und sie muss auf dem Küchenboden schlafen, und manchmal, wenn ich einen ganz besonders fiesen Tag habe, vermische ich Linsen und Erbsen und lasse sie anschließend alles wieder auseinandersortieren! Und zum Ball darf sie auch nicht mit!« Jens kam ein paar Schritte auf mich zu und blieb mit funkelnden Augen vor mir stehen. »Ich will dir mal was über dieses arme, unschuldige Mädchen erzählen. Sie wollte unbedingt bei mir wohnen, statt in ein Internat zu gehen, dabei habe ich ihr gesagt, dass das nicht geht, weil ich ein Restaurant eröffne und keine Zeit für sie habe. Aber da Merle ja so lieb und reif und selbstständig ist und sowieso jeder nach ihrer Pfeife tanzt, habe ich mich breitschlagen lassen. Und kaum ist sie bei mir eingezogen, trägt sie komische Grufti-Klamotten, und jetzt klaut sie auch noch!« Jens deutete mit dem Finger auf Merle. »Meine kleine Schwester ist die Meisterin der Manipulation. Oh, und übrigens kann sie auf Kommando anfangen zu heulen, und das macht sie verdammt noch mal auch mindestens dreimal am Tag! Darauf bin ich am Anfang noch reingefallen, aber inzwischen steht es mir bis hier!« Mit der Hand fuchtelte er über seinem Kopf herum.

Merle hatte während seiner Ansage aufgehört zu weinen, und nun standen sowohl sie als auch ich kleinlaut da. Für eine Weile herrschte Stille im Raum.

Jens stemmte die Hände in die Hüften und starrte finster in Richtung Küche. Schließlich atmete er laut aus und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Tut mir leid«, sagte er zu mir. »Ich wollte dich nicht anschnauzen.« Dann ging er zu seiner Schwester und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Merle, ernsthaft: Klauen? Was soll das? Ich hätte nie im Leben gedacht, dass du dazu fähig bist!«

»Es tut mir so leid, Jens«, sagte sie leise, und unter all ihrem zerlaufenen Make-up sah sie plötzlich aus wie ein trauriges kleines Kind. »Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass ich das niemals wieder tun werde.«

»Dir ist doch gar nichts heilig, du kleine Spinnerin«, seufzte er und zog sie an sich.

Merle klammerte sich fest an ihn und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Ich hatte den leisen Verdacht, dass es zumindest eine Sache gab, die ihr heilig war. Beziehungsweise, eine Person.

Es war wohl nicht länger von der Hand zu weisen, dass ich Jens Thiel unrecht getan hatte. Aber ich würde einen Teufel tun, das vor ihm zuzugeben. Ich räusperte mich. »Und was machen wir jetzt wegen dieser Klaugeschichte? Ich meine, eigentlich muss ich das zur Anzeige bringen.«

Merle und Jens blickten erschrocken drein. »Das verstehe ich natürlich, aber …« Jens hielt einen kleinen Moment inne. »Sie hat doch gesagt, dass sie es nie wieder tun wird.«

»Werde ich nicht«, sagte Merle, heftig mit dem Kopf schüttelnd. »Bitte ruf nicht die Polizei. Okay?«

Im selben Moment wurde mir klar, dass ich nie wirklich vorgehabt hatte, Merle anzuzeigen, und dass ich das auch nicht tun würde. Ich wollte gerade zurückrudern, als mir eine Idee kam. Eine äußerst schäbige Idee, aber andererseits … War Klauen nicht auch schäbig? »Hmmm. Sag mal, Jens … Hast du dir die Sache mit der Blumendeko eigentlich noch mal überlegt?«, fragte ich und sah ihm unverwandt in die Augen.

Er runzelte verwirrt die Stirn, doch dann begann er zu verstehen, und sein Gesichtsausdruck wurde ungläubig. »Das ist nicht dein Ernst.«

»Oh doch. Das ist ein wirklich gutes Angebot.«

Jens lachte auf. »Ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann, was?«

»Hey, hier geht es nur um Blumen. Ich bin doch nicht die Mafia«, sagte ich, obwohl ich mich tatsächlich gerade ein bisschen mafiös fühlte.

»Ach nein? Kommt mir aber so vor.«

»Isabelle macht wirklich schöne Sträuße«, warf Merle ein, die nicht zu verstehen schien, was hier gerade vor sich ging. »Hab ich in ihrem Laden gesehen. Und sie ist echt cool, Jens. Sie trinkt während der Arbeit Alkohol, und neulich hat sie auf dem Friedhof ein Date klargemacht. Und mit dreizehn hat sie selbst schon mal Tampons geklaut.«

Jens’ Augenbrauen wanderten in Richtung Haaransatz. »Na, sieh mal einer an.«

Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. »Das mit dem Alkohol war eine Ausnahme, weil es was zu feiern gab. Und das mit den Tampons war ein Versehen. Ich hab mich nicht getraut, sie zu kaufen, weil mein großer Schwarm genau in dem Moment reingekommen ist. Da hab ich sie schnell in meiner Tasche verschwinden lassen und später vergessen, sie zu bezahlen.«

»So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen«, sagte Jens.

»Dann geht das also klar mit der Deko?«

Er zögerte für ein paar Sekunden, doch schließlich sagte er: »Blumen für maximal fünfzig Euro die Woche.«

»Deal.« Ich hielt ihm die Hand hin.

»Kein Kitsch!«, sagte er, als er sie ergriff. »Kein Rosa. Kein aufdringlicher Gestank.«

»Natürlich nicht.«

»Und was ist mit der Polizei?«, fragte Merle. »Zeigst du mich jetzt an oder nicht?«

»Nein«, antwortete Jens an meiner Stelle. »Macht sie nicht.«

Merle sah mich nachdenklich an. »Vielleicht sollten wir die Skulptur kaufen, Jens. Als Entschädigung.«

Ich wollte gerade einwerfen, dass sie sie auch einfach zurückgeben könnte, als Jens sein Portemonnaie aus der Hosentasche zog und einen Fünfzig-Euro-Schein hervorholte. »Das sollte für dieses Ding ja wohl reichen.«

Ich wusste nicht genau, was es war, doch irgendetwas an ihm schien mich permanent herauszufordern. »Das ist kein Ding, sondern die wunderschön und filigran gearbeitete Plastik Liebe 3 aus dem Zyklus Liebe des äußerst talentierten Bildhauers Mario Kunzendorf. Und sie kostet zweihundertfünfzig Euro.«

Jens entglitten die Gesichtszüge. »Wie bitte?!«

»Zweihundertfünfzig Euro«, wiederholte ich. Nach außen hin gab ich mich gelassen, doch mein Herz schlug schneller. Oh mein Gott, ich würde doch nicht wirklich Marios erstes Werk verkaufen?

»Für diesen Schrott?«

»Für diese wundervolle Plastik.«

»Ich fass es nicht.« Zu Merle sagte er: »Das wirst du alles hier im Restaurant abarbeiten, mein Fräulein. Zweihundertfünfzig Euro, so viele Erbsen kannst du gar nicht pulen!« Er kramte zwei weitere Fünfziger aus dem Portemonnaie und hielt sie mir hin. »Den Rest muss ich aus der Kasse holen.«

»Schon gut. Passt schon. Immerhin bist du jetzt Stammkunde, da bekommt ihr die Plastik zum Freundschaftspreis.« Ich nahm das Geld entgegen und musste mich schwer zusammenreißen, nicht vor Freude auf und ab zu hüpfen. Was für ein Tag! Einen neuen Stammkunden gewonnen und Liebe 3 zu einem genialen Preis verkauft – wenn das mal nicht zwei knallrote Zettel in meinem Glücksmomente-Glas bedeutete!

Jens sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. Dann beugte er sich zu mir vor und sagte leise: »Ich hab so das dumme Gefühl, dass ich in den letzten zehn Minuten gleich zweimal ganz gewaltig von dir verarscht wurde.«

»Lass es dir eine Lehre sein, künftig mehr auf deine Schwester zu achten«, raunte ich zurück.

»Ich hab dich unterschätzt, Isabelle Wagner. Du wirkst total versponnen, aber du bist echt mit allen Wassern gewaschen.«

Für einen kleinen Moment sahen wir uns schweigend in die Augen. »Das nehme ich mal als Kompliment«, sagte ich schließlich.

Jens schnaubte. »Glaub mir, das war keins. Hätten wir dann endlich alles geregelt, oder willst du mir noch mehr Kohle aus der Tasche ziehen?«

»Nein, für heute war’s das«, sagte ich freundlich. »Ich würde sagen, ich komm gleich morgen früh vorbei. Gegen zehn? Bist du dann hier?«

»Jens ist immer hier«, antwortete Merle. »Entschuldigung noch mal, Isabelle.«

»Schon gut.« Ich lächelte sie an und winkte Jens zum Abschied zu, dann drehte ich mich um und verließ gut gelaunt das Restaurant.

Upcycling

»Wo ist Liebe 3 geblieben?«, fragte Brigitte, als ich am nächsten Morgen in den Laden kam. Mit einem Staubtuch in der Hand stand sie in der Deko-Ecke und sah mich ratlos an.

»Verkauft«, sagte ich stolz.

Brigitte ließ das Tuch sinken. »Nein!«

»Doch! Für hundertfünfzig Euro.«

»Das gibt’s doch nicht. Oh Gott, Mario wird so glücklich sein! Aber wie und vor allem wer …«

»Der Typ vom Restaurant gegenüber. Jens Thiel. Oh, und stell dir mal vor: Er hat es sich anders überlegt und uns doch den Auftrag für die Blumendeko gegeben.«

Nun sah Brigitte endgültig aus, als würde sie die Welt nicht mehr verstehen. »Was, der Blumenhasser? Wie hast du das denn hingekriegt?«

Ich hatte schon gestern Abend überlegt, ob ich ihr von Merles Diebstahlversuch erzählen sollte, mich letzten Endes aber dagegen entschieden. Brigitte musste ja nicht unbedingt wissen, wie genau es zu Jens’ Meinungswandel gekommen war. Ich brachte meine Tasche ins Hinterzimmer und setzte Kaffee auf. »Seine Schwester war gestern hier im Laden, und letzten Endes haben wir beide es irgendwie geschafft, ihn zu überzeugen«, rief ich Brigitte durch die offene Tür zu. »Sowohl von Liebe 3 als auch von der Sache mit der Deko.« Das war nicht mal gelogen, sondern nur sehr verknappt zusammengefasst.

Brigitte kam auf mich zu und drückte mir einen dicken Kuss auf die Wange. »Das ist großartig, Isabelle! Neue Stammkunden sind so wichtig für uns!«

»Ja, aber so groß ist der Auftrag nicht. Fünfzig Euro die Woche.«

Ein Schatten huschte über Brigittes Gesicht, doch sie fing sich schnell wieder. »Fünfzig Euro sind doch super. Besser als nichts.«

Ich bekam ein flaues Gefühl im Magen. »Wie schlimm steht es eigentlich um den Laden? Wir sind doch nicht pleite, oder?«

»Nein, nein«, beeilte Brigitte sich zu sagen. »Aber du weißt ja, dass es momentan schwierig ist, und dann steht auch noch die Sommerflaute vor der Tür. Da sind feste, verlässliche Einnahmen unheimlich wertvoll.« Sie klatschte in die Hände. »Dann mal frisch ans Werk!«, rief sie so begeistert, dass ihre Stimme sich fast überschlug.

Misstrauisch beobachtete ich sie dabei, wie sie sich am Bindetisch an die Arbeit machte, ein fröhliches Liedchen summend. Da stimmte doch was nicht. Brigitte machte allerdings nicht den Anschein, als hätte sie vor, mir reinen Wein einzuschenken, und ich wusste, dass es sinnlos war, weiter nachzubohren. »Alles klar«, sagte ich daher nur. »Ich muss gleich um zehn rüber ins Restaurant, aber das wird nicht lange dauern.«

Ich durchstöberte unseren Fundus an Floristen- und Dekobedarf und ließ mir die Sache mit dem Laden nochmals durch den Kopf gehen. Im Laufe der Jahre hatte es sich so ergeben, dass ich mich hauptsächlich um Stammkunden, Hochzeiten und Beerdigungen kümmerte, während Brigitte die Laufkundschaft bediente und die Buchführung machte, sodass ich tatsächlich wenig über den Umsatz oder genaue Zahlen wusste. Ich musste Brigitte bei Gelegenheit unbedingt noch mal auf den Zahn fühlen. Andererseits, wenn der Laden ernsthaft in Schwierigkeiten steckte, hätte sie mir das doch schon längst gesagt.

Endlich hatte ich die passenden Vasen und Windlichter gefunden, packte sie ein und ging nach vorne. »Hast du hiervon irgendwas für die nächste Zeit verplant?«

Sie warf einen Blick in die Kiste. »Was hast du da denn für Müll rausgesucht? Nee, davon brauche ich nichts.«

»Das ist kein Müll, das nennt man Upcycling«, belehrte ich sie, während ich ein paar Blumen einwickelte. Ich legte sie auf die Kiste und machte mich auf den Weg ins Thiels.

Die Tür war offen, aber im Restaurant war kein Mensch zu sehen. Offenbar war gerade gereinigt worden, denn die Stühle standen noch umgedreht auf den Tischen. Seufzend stellte ich meine Kiste ab und fing an, die Stühle runterzunehmen.

»Oh Schreck, die Mafia ist da«, hörte ich plötzlich Jens’ Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah ihn mit zwei Weinkartons auf dem Arm durch die Eingangstür kommen.

»Genau. Die Blumen-Mafia. Glaub mir, du musst keine Angst vor mir haben.«

»Hab ich auch gar nicht. Ich stelle nur deine Geschäftsmethoden in Frage.«

»Normalerweise mache ich so was nicht«, sagte ich, obwohl es mir eigentlich völlig egal sein konnte, was er von mir hielt.

»Oho, ich wecke also das Böse in dir.« Er parkte die Kartons auf dem Tresen und kam dann zu mir, um mir mit den Stühlen zu helfen. Es war das erste Mal, dass ich Jens ohne seine Kochjacke sah. Er trug Sneakers, eine schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt, das relativ eng anlag, und es irritierte mich, dass er so sportlich wirkte. Er war Koch, eigentlich hätte er gerechterweise fett sein müssen!

»Was ist?«, fragte Jens, der offenbar bemerkt hatte, dass ich ihn anstarrte.

»Nichts.« Schnell wandte ich den Blick von ihm ab und griff nach dem nächsten Stuhl. »Ich dachte nur gerade, dass du und deine Schwester offenbar beide eine Vorliebe für schwarze Klamotten habt«, sagte ich, froh, dass mir das so spontan eingefallen war.

»Ja, wir haben den gleichen Style. Wir reden oft darüber, und manchmal stehen wir gemeinsam vor unseren Kleiderschränken, beraten uns gegenseitig und tauschen ein paar Teile aus.«

»Haha«, meinte ich nur und fragte mich, ob er immer so enervierend ironisch war oder ob er irgendwann auch mal etwas ernst meinte.

Für eine Weile räumten wir schweigend die Stühle von den Tischen, bis Jens unvermittelt sagte: »Ich meine, jetzt mal im Ernst. Du bist doch eine Frau. Was für ein Look soll das bei Merle eigentlich sein? Muss ich mir Sorgen machen, dass sie nachts auf Gräbern tanzt? Noch bis vor ein paar Wochen sah sie aus wie ein ganz normales Mädchen, und jetzt …« Er ließ den Satz unvollendet in der Luft schweben.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht denkt sie sich gar nichts dabei und probiert sich einfach nur aus. Als Teenie hatte ich auch mal eine Phase, in der ich …« Gerade noch rechtzeitig unterbrach ich mich. Ich würde ihm ganz sicher nichts von meiner Hip-Hop-Style-Phase erzählen, mir war ja selbst nicht klar, wie es dazu hatte kommen können! »… ziemlich schräg drauf war.«

»Was, noch schräger als jetzt?«

Statt einer Antwort sah ich ihn lediglich strafend an. Dann griff ich nach meiner Kiste und ging hinter den Tresen, um die Vasen auszupacken und mit Wasser zu füllen.

Jens räumte die letzten beiden Stühle von den Tischen und kam zu mir, um einen Blick über meine Schulter zu werfen. »Was sind das denn für Dinger?«

»Ehemalige Likör- und Salatdressingflaschen. Ich hab die Flaschenhälse mit einem Glasschneider abgeschnitten und anschließend die Kanten glatt poliert. Siehst du?« Ich hielt ihm eine der Flaschen entgegen. »Jetzt sind es richtig coole Blumenvasen.«

»Und was für Kraut kommt da rein?«

Ich wickelte die Blumen aus. »Margeriten, Wicken und Frauenmantel.«

»So viel?«, fragte er entsetzt. »Ich habe doch gesagt, kein Kitsch!«

»Das ist kein Kitsch. Guck mal.« Ich arrangierte jeweils eine Blüte mit ein paar Gräsern und steckte sie in eine Vase. »Das war’s schon. Fällt doch fast gar nicht auf.«

»Na ja. Und wofür sollen die da gut sein?« Er zeigte auf eins der Windlichter.

»Das sind Senf- und Marmeladengläser, die ich mit weißer Glasfarbe angesprüht habe. Da kommen Mini-Stumpenkerzen rein, das gibt ein tolles Licht.«

»Also ist das alles Müll?«

»Das ist kein Müll, sondern Upcycling«, erklärte ich bereits zum zweiten Mal an diesem Morgen. »Genau wie dein Flaschenkronleuchter, okay? Jetzt entspann dich mal und lass mich machen. Das hier ist mein Arbeitsbereich, und es nervt, wenn du mir die ganze Zeit reinredest.«

»Ja, aber das hier«, dabei deutete er weitläufig um sich, »ist mein Restaurant, und einer der Gründe, weswegen ich mich hoch verschuldet habe, um diesen Laden zu eröffnen, ist, dass hier alles so laufen soll, wie ich es haben will. Doch jetzt muss ich mir nicht nur ständig von irgendwelchen veganen Biofanatikern reinreden lassen, sondern zu allem Überfluss auch noch von dir. Erkennst du mein Problem?«

So gesehen konnte er einem ja schon ein bisschen leidtun. Ein schlechtes Gewissen hatte ich allerdings trotzdem nicht. »Ja, durchaus, aber es gibt nun mal Bereiche, von denen du keine Ahnung hast und die du besser Fachleuten wie mir überlassen solltest. Und überhaupt: Hast du nichts zu tun?«

»Quatsch, ich häng hier nur zwölf bis vierzehn Stunden am Tag rum«, sagte Jens spöttisch. Dann wandte er sich ab und packte die Weinflaschen aus, während ich die Vasen und Windlichter auf den Tischen arrangierte. Die restlichen Blumen kamen auf den Tresen, zwei Windlichter daneben, fertig. »Sieht doch gut aus«, sagte ich selbstzufrieden und wartete darauf, dass Jens sein Urteil abgab.

Mit kritischem Blick ging er von Tisch zu Tisch. »Hm. Ganz schön viel Chichi.«

Ich wollte gerade zu einem längeren Vortrag über den Unterschied zwischen Chichi und schlichter, stylischer Dekoration ansetzen, als die Tür aufging und Anne hereinkam.

»Moin!«, rief sie fröhlich und blieb bei meinem Anblick überrascht stehen. »Hey, ich hätte nicht gedacht, dich jemals wieder hier zu sehen, nachdem Jens so scheiße zu dir war.«

Er wollte etwas einwerfen, doch Anne redete schnell weiter. »Ja, warst du, und das weißt du auch.« Ihr Blick fiel auf die dekorierten Tische. »Wow! Hast du das gemacht? Das sieht ja toll aus!«

»Danke«, sagte ich geschmeichelt und warf Jens einen triumphierenden Blick zu.

»Wie hast du ihn dazu überreden können, das zuzulassen?«

»Ähm, ich …« Hilflos brach ich ab.

»Kriminelle Machenschaften«, sagte Jens.

Anne musterte ihn verständnislos, doch dann winkte sie ab. »Ach, egal. Ich hoffe, du machst das jetzt regelmäßig?«

»Oh ja«, antwortete er an meiner Stelle. »Macht sie.«

»Perfekt! Dann sehen wir uns ja jetzt öfter. Freut mich.« Sie schenkte mir noch ein freundliches Lächeln und verschwand in der Küche.

Ich packte meine Sachen zusammen, rief Jens ein »Ciao« zu und wollte gerade gehen, als er mich an der Schulter zurückhielt und mir mit mürrischem Gesichtsausdruck einen Fünfziger hinhielt. »Bitte schön. Fünfzig Euro für Müll. Super.«

Ich ließ mir ja vieles bieten, aber irgendwann war es auch mal gut! Für drei Sekunden betrachtete ich den Geldschein, ohne ihn anzunehmen. »Da fehlt die Mehrwertsteuer. Du kriegst ganz ordnungsgemäß eine Rechnung von mir, denn selbst wenn du mich für eine Mafiabraut hältst, mach ich das hier ganz bestimmt nicht schwarz.«

Damit drehte ich mich um und verließ hocherhobenen Hauptes das Restaurant.

Als ich zurück in den Laden kam, fand ich Brigitte vertieft in ein Gespräch mit Dr. Hunkemöller vor. Sie lachte und spielte mit einer Hand in ihrem langen, von grauen Strähnen durchzogenen Haar, während er sich seine Krawatte zurechtrückte. Bei meinem Anblick rief er: »Ah, Frau Wagner! Frau Nickel hat sich sehr über die Blumen gefreut. Ein Traum von Strauß. Fast so schön wie Sie und Frau Schumacher.«

Brigitte kicherte geschmeichelt.

»Freut mich, dass der Strauß ihr gefällt.«

»Außerordentlich gut sogar. Ach, aber ich bin so unaufmerksam!« Dr. Hunkemöller eilte zu mir und nahm mir die Kiste ab. »So zerbrechlich wie Sie sind, sollten Sie nichts Schweres tragen müssen.«

Fast hätte ich laut aufgelacht, denn ich war es gewohnt, sehr viel schwerere Sachen zu tragen. Doch ich konnte nicht leugnen, dass ich es auch mal ganz schön fand, wie eine zerbrechliche Prinzessin behandelt zu werden. »Danke, das ist sehr nett.«

Nachdem Herr Dr. Hunkemöller die Kiste auf den Bindetisch gestellt hatte, machte er einen formvollendeten Diener erst in Brigittes und anschließend in meine Richtung. »Auf Wiedersehen, die Damen. Es war mir wie immer eine Freude.«

Wir beobachteten durchs Schaufenster, wie er mit langen Schritten davonging.

»Wenn er einen Hut aufgehabt hätte, hätte er ihn bestimmt gelupft«, sagte ich.

»Er ist so ein charmanter Mann«, seufzte sie.

»Mhm. Seine Frau kann sich wirklich glücklich schätzen, was?«

Brigitte wandte sich von mir ab und rückte die großen Blumenvasen im Schaufenster zurecht. »Ja, allerdings.«

»Aber du hast es mit Dieter ja auch nicht schlecht getroffen«, meinte ich. »Okay, er ist vielleicht nicht ganz so ein Charmeur, aber ihr seid das perfekte Paar.« Ich dachte an den molligen, gutmütigen Dieter, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Brigitte bildete mit ihrer kreativ-chaotischen und quirligen Art den Gegenpol, und die beiden ergänzten sich großartig.

»Ja«, sagte sie zu den Lilien. »Das sind wir.«

Nachdenklich sah ich sie an. »Ist irgendwas? Du bist heute so komisch.«

Bevor sie antworten konnte, wurde unsere Aufmerksamkeit auf den Parkstreifen vor dem Laden gelenkt, wo mit quietschenden Reifen ein Taxi hielt und dabei leicht einen Poller anditschte. Kurz darauf stieg der Fahrer aus: ein großer, kräftiger, langhaariger Rocker mit St.-Pauli-Retter-T-Shirt, Lederweste und löchriger Jeans.

»Knut«, sagten Brigitte und ich gleichzeitig.

Kurz darauf betrat Knut den Laden. »Moinsen!«, rief er fröhlich. »Na, alles im Lack?«

»Klar!« Ich lief auf ihn zu, um ihn zu umarmen.

Wie immer schlug er mir kräftig auf die Schulter und sagte in seinem typischen Hamburger Tonfall: »Menschenskinners, wie lang ham wir uns nich mehr gesehen?«

Knut und ich waren seit acht Jahren befreundet. Ich war damals direkt nach meiner Ausbildung in eine ziemlich zwielichtige Ecke St. Paulis gezogen, weil ich das als Neunzehnjährige irgendwie cool gefunden hatte. Bald schon merkte ich jedoch, dass es dort für mich eher beängstigend war, und fühlte mich furchtbar unwohl. Irgendwann stand Knut vor meiner Wohnungstür, stellte sich als mein Nachbar vor und fragte mich, ob ich ihm etwas Milch leihen könne. Von diesem Tag an kam er immer mal wieder »auf einen Schnack« vorbei. Anfangs war ich ihm gegenüber misstrauisch und verstand nicht, was er von mir wollte. Doch wie sich herausstellte, war er schlicht und ergreifend der festen Überzeugung, dass ich ihn brauchte und dass er »’n büschn auf mich aufpassen« musste, wie er es ausdrückte. Nach ein paar Monaten zog ich von St. Pauli nach Winterhude, doch unsere Freundschaft blieb bestehen.

»Willst du einen Kaffee, Knut?«, fragte Brigitte.

»Da sach ich nich nein. Hab noch ’ne lange Schicht vor mir.«

Brigitte ging nach hinten, um Kaffee zu holen, während Knut und ich uns an den Bindetisch setzten, wo er mir dabei zusah, wie ich den Kranz für eine Beerdigung band.

»Und, was gibt’s Neues?«, wollte er wissen. »Haste ’nen Macker am Start?«

»Nicht so wirklich. Aber ich habe in zwei Wochen ein Date«, sagte ich, während ich die Schleife um den Kranz band.

»Und? Wie is der Typ so?«

»Sehr nett. Er ist Friedhofsgärtner und kann gut mit Pflanzen. Aber irgendwie …« Ich zuckte mit den Achseln. »Mir fehlt da noch dieser BÄMM. Bisher zumindest. Verstehst du?«

Knut lachte laut auf. »Du und dein BÄMM. Du bist viel zu wählerisch, Isa. Gib dem armen Jungen doch ’ne Schangse.« Knut liebte es, anderen Leuten in ihr Leben reinzureden. Ganz besonders mir. Ich vermutete, dass er genau deswegen als Taxifahrer arbeitete. So konnte er seinen Fahrgästen die ganze Zeit ungebeten Ratschläge erteilen und bekam auch noch Geld dafür.

»Tu ich ja. Sonst würde ich mich doch nicht mit ihm treffen.«

Brigitte kam zu uns und drückte Knut einen Becher Kaffee in die Hand. »Tut mir leid, ich würde gerne ein bisschen schnacken, aber ich muss noch ein paar Besorgungen machen. Bis zum nächsten Mal, Knut.«

»Jo, bis denne«, antwortete er, und während Brigitte verschwand, wandte er sich wieder an mich. »Du, Isa, weswegen ich auch hier bin … Ich hädde da ’ne Bidde.« Er zupfte verlegen an seiner Lederweste herum.

»Na, dann raus damit«, forderte ich ihn auf. Es war völlig untypisch für ihn, so rumzudrucksen.

Er räusperte sich. »Könntest du mir ’nen schönen Strauß machen? Irgendwie so was Rosenmäßiges? Nich für mich natürlich, mehr so … für ’ne Frau?«

»Oh mein Gott!«, rief ich. »Bist du etwa verliebt?«

Es war schon seltsam, diesen über fünfzigjährigen, äußerlich so harten Rocker rot anlaufen zu sehen. »Pff, verliebt«, winkte er ab, doch dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, und seine schwarzen Knopfaugen leuchteten verdächtig. »Na ja, schon irgendwie. So ’n büschn.«

»Das ist doch großartig! Ich freu mich so für dich! Seit wann bist du mit ihr zusammen? Und wer ist sie überhaupt?«

Knut räusperte sich verlegen. »Streng genommen bin ich gar nich mit ihr zusammen. Wir kennen uns schon ewig, aber in letzter Zeit merk ich, dass sie mir doch irgendwie ans Herz gewachsen is. Sie heißt Irina und arbeitet am Hans-Albers-Platz.«

Die rosa Wölkchen, die soeben noch über uns geschwebt waren, zerplatzten. Fassungslos starrte ich ihn an. »Boah, Knut, das ist nicht dein Ernst! Am Hans-Albers-Platz? Das kann doch nur in einer Tragödie enden. Ich meine, da wird doch früher oder später ihr Lude …«

»Also echt jetzt, was du gleich wieder denkst!«, rief Knut entrüstet. »Ihr gehört der Kiezhafen.«

»Oh. Ach so. Tut mir leid.« Der Kiezhafen war zwar eine ziemlich schäbige, aber momentan sehr angesagte Kneipe. »Also willst du ihr mit den Blumen eine Liebeserklärung machen?«

Knut riss entsetzt die Augen auf. »Nee, um Gottes willen! Ich will da nich so offensiv vorgehen, weißte? Sondern ganz sutsche piano. Wir hadden noch nich mal ’n Rangdewuh.«

Er sprach es immer Rangdewuh aus. Ich hatte ihm schon tausendmal erklärt, dass es heutzutage Date hieß, und wenn schon Rangdewuh, dann bitte schön Rendezvous, aber davon wollte er nichts hören. »Sie hat sich zwar schon vor Ewigkeiten von ihrem Mann getrennt, is aber immer noch verheiratet und sagt, dass sie bis auf Weiteres keinen Bock hat auf Kerle. Ihr Ex is echt ’n Arsch«, fügte Knut mit Todesverachtung hinzu. »Arbeitet inner Ritze als Türsteher, macht aber nebenbei auch noch Im- und Export, wennde verstehst, was ich mein.«

»Ja, ich hab so eine Ahnung.« Ich hatte mich schon oft gefragt, wie es kam, dass Knut sämtliche zwielichtige Gestalten auf dem Kiez zu kennen schien, doch er machte ein großes Geheimnis aus seiner Vergangenheit. »Das klingt alles ganz schön kompliziert.«

»Ich weiß. Aber was willste machen? Jedenfalls, sie hat heude Geburtstach, und da wollde ich einfach nur so als kleine Aufmerksamkeit …« Verlegen kratzte er sich an der Nase. »Ach Knut, das ist echt süß. Aber ich würde dir von Rosen abraten, die sind so abgedroschen. Wie wäre es mit …« Ich ließ meinen Blick über die Blumen im Laden schweifen. »Iris, Schneeball und Flieder? Das sieht total hübsch aus.«

Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. »Äh … mach du nur.«

Ich holte die Blumen aus den Vasen und band mit besonders viel Liebe einen Strauß daraus. »Und?«, fragte ich und hielt ihm das fertige Werk hin. »Werden die Blumen ihr gerecht?«

Er strahlte breit. »Mann, du hast es echt drauf!«

»Ich weiß«, grinste ich und wickelte den Strauß ein.

»Du, sach mal … Meinste, ich hab ’ne Schangse bei Irina?«

Mein Herz schmolz, als ich Knut so verunsichert vor mir stehen sah. Ich gab ihm den eingewickelten Strauß und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Knut, du bist einer der nettesten und liebenswertesten Menschen, die ich kenne, und wenn sie sich nicht hoffnungslos in dich verliebt, hat sie kein Herz, hörst du?«

Die Besorgnis verschwand allmählich aus seinem Gesicht. »Na gut, wennde meinst.« Er klopfte mir kräftig auf die Schulter. »Wir sehen uns, Lüdde. Und danke noch mal für den Strauß!«

»Gern geschehen. Ach, und Knut? Lass dich nich feddichmachen!« Ich grinste ihn an, denn genau diese Worte hatte er schon mindestens tausendmal zu mir gesagt.

Knut lachte. »Nee, ich doch nich.« Damit ging er zur Tür hinaus, stieg in sein Taxi und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Nachbarschaftshilfe

Völlig erledigt kam ich am Samstag nach der Arbeit in meiner Wohnung an, stopfte mir schnell ein Brot rein und machte mich partytauglich, denn Kathi und Dennis wollten heute einen auf ihr neues Haus ausgeben. Missmutig betrachtete ich mich im Spiegel. An guten Tagen war ich durchaus zufrieden mit meinem Äußeren. Dann kamen mir meine Haare karamellblond, meine Augen strahlend blau und meine Figur megasexy vor. An solchen Tagen mochte ich die zahlreichen Sommersprossen, die sich in meinem Gesicht tummelten. An schlechten Tagen hingegen hasste ich sie. Heute war leider ein schlechter Tag. Ich schnitt meinem Spiegelbild eine böse Grimasse und machte mich auf den Weg zum Kiez.

Kathi und Dennis hatten einen Tisch vor unserer Stammkneipe am Hein-Köllisch-Platz ergattert, obwohl hier an diesem warmen Juniabend die Hölle los war. Außer Kathi und Dennis saßen noch Nelly, Bogdan und seine Freundin Kristin am Tisch. Bis auf Kristin kannten wir alle uns schon ewig.

Kathi und ich waren schon seit dem Kindergarten beste Freundinnen. Nelly war in der achten Klasse neu auf unsere Schule gekommen, und nachdem Kathi und ich sie etwa drei Monate lang gehasst hatten (wieso, wussten wir heute nicht mehr), waren wir drei nach einer gemeinsam verbrachten Stunde Nachsitzen zu Freundinnen geworden. Mit fünfzehn war Kathi mit Dennis zusammengekommen, der immer seinen besten Kumpel Bogdan im Schlepptau gehabt hatte, und so war aus uns irgendwie eine Clique geworden.

Nachdem ich alle begrüßt hatte, ließ ich mich auf den freien Stuhl neben Kathi fallen. »Wow, sexy siehst du aus«, sagte ich mit bewunderndem Blick auf ihren Jumpsuit.

»Danke«, sagte sie mit einem zufriedenen Grinsen. »Du aber auch.«

»Findest du?« Ich zupfte an meinem Kleid herum. »Ich weiß nicht so recht, ich fühl mich mit diesem Outfit irgendwie völlig fehl am Platz.«

»Bist du auch«, warf Nelly ein, grinste dabei aber so breit, dass ich unmöglich beleidigt sein konnte. Ihre Eltern kamen aus Nigeria, und mit ihren großen, strahlenden Augen und der unbändigen Afrofrisur war sie eine der hübschesten Frauen, die ich kannte. »Seit Jahren versuchen wir dir einzubläuen, dass man auf dem Kiez Schwarz trägt, aber du willst ja nicht auf uns hören.«

»Ich fühl mich halt nicht wohl in Schwarz.«

»Dann trag weiterhin deine romantischen Vintage-Kleider, aber trag sie mit Stolz«, sagte Nelly mit erhobenem Finger.

»Mach ich ja, es ist nur … Ach, heute ist einfach ein schlechter Tag. Selbstzufriedenheitsmäßig.«

»Wir haben dich sowieso lieb, egal was du anhast«, sagte Kathi und legte mir einen Arm um die Schulter. »So, und jetzt will ich keine negativen Schwingungen mehr empfangen, sondern nur noch Freude und Glück!«

Wie aufs Stichwort kam die Kellnerin an unseren Tisch und brachte jedem einen Sekt auf Eis und einen Mexikaner-Shot.

»Diese Runde geht auf uns«, verkündete Dennis und hob sein Schnapsglas.

»Auf Kathi und Dennis!«, rief Bogdan.

»Auf Bullenhausen«, fügte ich hinzu.

Kathi stieß mich in die Seite. »Bullenkuhlen«, korrigierte sie. »Und auf das Haus.«

»Auf das Haus!«, wiederholten wir alle, stießen in der Tischmitte an und tranken den Mexikaner auf ex. Ich schüttelte mich, als der mit Tabasco, Sangrita und Tomatensaft gemischte Tequila meine Kehle runterrann, und spülte schnell mit Sekt nach.

Ein paar Stunden und Drinks später wechselten wir die Location und zogen um in die Hasenschaukel, eine unserer Stammkneipen auf dem Kiez. Bogdan holte uns eine Runde Astra und – wie ich mit gerümpfter Nase zur Kenntnis nahm – ...

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