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Glück im Doppelpack

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Jessica Hart

Glück im Doppelpack

Morgan Steele hat beruflich alles erreicht – und doch blieb ihr Leben leer. Sie sehnt sich nach Liebe und einer Familie. Und zieht aufs Land, um noch einmal ganz von vorn zu beginnen. Schon bei ihrer ersten Begegnung mit ihrem neuen Nachbarn ahnt sie, dass dieser Mann ihr Schicksal wird. Doch obwohl der attraktive Tierarzt Alistair Brown sie offensichtlich begehrt, scheint er keine tiefe Beziehung zu suchen. Glaubt er, dass sie ihn, genau wie seine Exfrau, verlassen wird?

1. KAPITEL

Alistair musterte den Hund auf seinem Behandlungstisch und seufzte. Das war mal wieder so ein Tag …

Es hatte am frühen Morgen damit angefangen, dass er zu Jim Marshs Farm gerufen worden war, weil sich eine seiner Kühe mit dem Kalben schwertat. Von da an war so ziemlich alles schiefgegangen. Er hatte das Kalb nicht retten können. Als er wieder in seine Praxis kam, fand er eine ausgesprochen unangenehme E-Mail seiner Exfrau vor, die ihren Besuch ankündigte. Er war von einem Papagei gebissen und von einem Kaninchen blutig gekratzt worden. Ein Pferd hatte ausgeschlagen und ihn am Oberschenkel getroffen, und er hatte die geliebte Katze einer alten Dame einschläfern müssen.

Das Letzte, was ihm an diesem Tag noch gefehlt hatte, war, sich mit einem vollgefressenen, übertrieben getrimmten Pudel abzugeben, der ein mit Strass geschmücktes Halsband trug!

Oder vielmehr mit seinem wahrscheinlich neurotischen Frauchen.

Alistair warf einen Blick auf die Besucherin. Er musste zugeben, dass sie nicht neurotisch oder exaltiert aussah. Sie war groß und schlank, hatte lange, glänzende schwarze Haare und ein Gesicht, das eher beeindruckend als hübsch war. Sie trug eine elegante, weich fallende Hose, hochhackige Schuhe und eine Seidenbluse. Sie sah kühl, intelligent und gestylt aus – und schien in der ländlichen Tierarztpraxis völlig fehl am Platz.

Sie machte nicht den Einruck einer Frau, die sich für Hunde begeistern konnte, vor allem nicht für Hunde, die mit einem pinkfarbenen und mit falschen Diamanten besetzten Halsband herumliefen. Aber Alistair hatte im Laufe seiner Zeit als Tierarzt gelernt, dass Menschen manchmal komisch sein konnten, wenn es um ihre Vierbeiner ging.

Er schaute wieder auf den Hund, der ihn nervös und ängstlich ansah. Tallulah war der Name der Hündin, hatte deren Frauchen gesagt. Was für ein Name für einen Hund!, dachte Alistair.

„Dem Hund fehlt nichts, was man nicht mit ein bisschen Bewegung und richtiger Ernährung ändern könnte, Mrs., äh …“, sagte Alistair und schaute auf den Bildschirm seines Computers, um den Namen seiner Besucherin abzulesen.

„Miss, bitte“, sagte Morgan kurz. Sie hasste es, wenn andere Leute sich verpflichtet fühlten, Frauen stets als verheiratete Frauen anzusprechen, auch wenn sie ledig waren. Und da sie nach dem Scheitern ihrer letzten Beziehung wieder Single war, wollte sie keinen falschen Eindruck erwecken.

Sie merkte, dass der Arzt wegen ihrer scharfen Antwort leicht irritiert war. Er verdrehte weder die Augen, noch machte er eine Bemerkung, aber sie wusste genau, was er dachte.

„Ich bin Morgan Steele“, sagte sie und fragte sich, ob der Name ihm etwas sagte.

Offensichtlich war das nicht der Fall. In seinen Augen und seiner Haltung war kein Anzeichen dafür zu entdecken.

Morgan wusste nicht, ob sie darüber erfreut oder enttäuscht sein sollte. Sie war zwar nicht wirklich prominent, aber ihr Name war ziemlich bekannt, und die Lokalzeitung hatte bereits ein Interview mit ihr gebracht.

Aber vielleicht liest Dr. med. vet. Alistair Brown nur das wöchentliche Mitteilungsblatt der Viehzüchter, dachte Morgan und schaute ihn mit einem Anflug von Missachtung an. Sie hatte erwartet, einen freundlichen, humorvollen, jovialen Landarzt zu treffen, so einen, wie er immer in Fernsehserien zu sehen war, aber Dr. Brown schien kein bisschen diesem Klischee zu entsprechen. Stattdessen hatte er ein ruhiges, fast ausdruckloses Gesicht, das jedoch durch die grauen Augen belebt wurde. Sein Mund war streng und fest, und er ließ Anzeichen von Ungeduld erkennen.

„Nun, Miss Steele“, sagte er ironisch. „Ich kann Ihnen versichern, dass Ihre Hündin nur unter extremem Übergewicht leidet.“ Er zog Tallulahs Lefzen zur Seite, um sich die Zähne anzuschauen, und strich dem Tier beruhigend über das Fell. Was für ein Unterschied zwischen der schlanken, eleganten Besitzerin und dem verfetteten Tier!

„Es grenzt an Tierquälerei, ein Tier dermaßen verfetten zu lassen“, sagte Alistair. „Wenn man sich ein Tier anschafft, sollte man sich darüber im Klaren sein, wie man es richtig behandelt.“

Morgan fand seinen Tonfall anmaßend. Es war lange her, dass es jemand gewagt hatte, so mit ihr zu reden.

„Tallulah gehörte meiner Mutter“, sagte sie schmallippig. „Die Unterstellung, sie könnte das Tier gequält haben, hätte sie entsetzt. Sie hat den Hund über alles geliebt.“

„Aber offensichtlich nicht genug, um dafür zu sorgen, dass er auch genügend Auslauf bekommt“, meinte Alistair.

„Meine Mutter war in den letzten Jahren sehr krank und konnte sich selbst kaum bewegen“, sagte Morgan scharf. „Tallulah war die ideale Gesellschaft für sie, aber vielleicht hat sie nicht verstanden, dass der Hund andere Bedürfnisse hatte als sie selbst. Als meine Mutter vor ein paar Monaten starb, habe ich den Hund zu mir genommen.“

„Aber Sie haben ja offensichtlich keine Probleme mit den Beinen“, meinte Alistair. Er warf einen Blick auf ihre Beine und fand sie bemerkenswert wohlgeformt. „Sie hätten ja Spaziergänge mit dem Hund machen können“, sagte er. „Es war doch offensichtlich, was ihm gefehlt hat.“

„Tallulah geht nicht gern spazieren“, sagte Morgan etwas hilflos. „Sie hasst Regen und Matsch an den Pfoten. Sie ist ein richtiger Stadthund, kein Typ fürs Land.“

„So sieht es aus“, entgegnete Alistair. Der trockene Ton seiner Stimme ließ Morgan erröten. Er warf einen Blick auf ihre Seidenbluse und die hochhackigen Schuhe. „Sein Frauchen offenbar auch nicht, habe ich recht?“

„Nein, das haben Sie nicht“, schnappte Morgan, die sich durch den ironischen Blick seiner grauen Augen herausgefordert fühlte. „Ich bin gerade dabei, mich hier niederzulassen. Und es gibt ja wohl keine Vorschrift, dass man hier auf dem Land grüne Gummistiefel und grobe Baumwollhemden tragen muss.“

„Nein, eine solche Vorschrift gibt es nicht“, gab Alistair zu. „Aber es wäre sicher praktischer als das, was Sie tragen.“

Morgan sog scharf die Luft ein und zählte bis zehn. Sie war mit Vorständen von Firmen fertig geworden, mit ungeduldigen Investoren und angriffslustigen Journalisten – und sie würde sich nicht von einem Landtierarzt dazu bringen lassen, ihre Ruhe zu verlieren.

„Tut mir leid, dass Ihnen meine Kleidung nicht gefällt“, sagte sie kühl. „Aber ich bin nicht zur Modeberatung hergekommen. Tallulah ist seit einigen Tagen nicht gut drauf, sie keucht und winselt. Vielleicht wäre etwas mehr Diagnose und weniger Kritik empfehlenswert?“

Morgan war es gewohnt, dass Leute beeindruckt waren, wenn sie so mit ihnen sprach. Aber Alistair Brown war es eindeutig nicht.

„Meine Diagnose habe ich Ihnen bereits mitgeteilt“, erwiderte er und schaute Morgan über den Tisch hinweg an, auf dem Tallulah mit schlaffem Schwanz und durchhängendem Bauch nervös zitternd stand. Seine Stimme war jetzt genauso eisig wie ihre. „Es steht Ihnen frei, sich anderswo eine zweite Meinung zu holen, aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, was jeder seriöse Tierarzt Ihnen raten wird. Der Hund ist einfach zu dick, er muss auf Diät gesetzt werden und viel Bewegung haben.“

„Diät?“, fragte Morgan. Ihre Mutter hatte den Hund den ganzen Tag lang mit kleinen Leckerbissen verwöhnt und darauf bestanden, dass Tallulah beim Nachmittagskaffee ebenfalls ihr Stück Kuchen abbekam.

„Ich gebe Ihnen ein spezielles Trockenfutter mit“, sagte Alistair. „Sorgen Sie dafür, dass immer genügend frisches Wasser da ist, aber geben Sie dem Hund auf keinen Fall noch etwas zusätzlich.“

Morgans Laune sank. „Tallulah hasst Trockenfutter. Sie wird es nicht essen.“

„Sie wird – wenn sie richtig Hunger hat“, sagte Alistair hart.

Er tastete Tallulah noch einmal sorgfältig ab, und Morgan ertappte sich dabei, dass sie dachte, wie stark und sicher seine Hände waren. Sie schaute rasch weg und auf sein Gesicht, aber nur, um festzustellen, dass seine Backenknochen und sein ruhiger, aber trotzdem ausdrucksvoller Mund seinem Gesicht einen entschlossenen Ausdruck verliehen.

„Es fehlt ihr sonst wirklich nichts“, sagte er. „Es ist nur das Übergewicht.“ Er kraulte Tallulah hinter den Ohren und schaute dann wieder Morgan an.

Sein Blick war scharf und doch angenehm und ließ bei Morgan, die von dem Effekt selbst überrascht war, den Pulsschlag steigen.

„Geben Sie ihr nur das Trockenfutter, keine Leckerbissen, auch wenn sie danach bettelt. Und machen Sie wenigstens einmal am Tag mit ihr einen längeren Spaziergang. Nicht nur mal eben um die Ecke und dann wieder nach Hause.“ Er sah Morgan forschend an. „Ich schlage vor, Sie besorgen sich ein Paar solide Laufschuhe, es kann hier staubig werden oder auch schlammig, wenn es regnet.“

Alistair sah ihr an, dass sie von dem Vorschlag nicht begeistert war. „Es nimmt nicht mehr als höchstens eine Stunde Zeit am Tag in Anspruch. Die werden Sie wohl aufbringen können, nicht wahr?“, meinte er. „Sie machen sich doch Sorgen um den Hund, sonst wären Sie nicht zu mir gekommen.“

Morgan schaute auf die zitternde Hündin auf dem Tisch. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie sich nie viel Zeit für Tallulah genommen hatte. Ihre Mutter hatte den Hund wie ein Kind behandelt. Morgan hatte sich oft darüber gewundert.

„Ich fühle mich für den Hund verantwortlich“, sagte Morgan. „Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich hätte unbedingt einen Hund haben wollen, aber ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich mich um Tallulah kümmern werde.“

„Verantwortung bedeutet, dass Sie sich unbedingt an meine Ratschläge halten müssen“, sagte Alistair trocken. „Aus Tallulah kann ein netter, fröhlicher Hund werden, wenn sie wieder fit wird.“ Alistairs Blick glitt über Morgan, verweilte Sekunden auf ihrem perfekten Make-up und den polierten Fingernägeln. „Geben Sie dem Hund einen kleinen Teil der Aufmerksamkeit, die Sie für sich selbst in Anspruch nehmen, und kommen Sie in einem Monat wieder.“ Er lächelte knapp. „Mal sehen, ob Sie dann immer noch diese Schuhe tragen.“

Morgan schäumte innerlich vor Zorn, als sie bei der jungen Sprechstundengehilfin mit dem frischen, rosigen Gesicht ihre Rechnung bezahlte. Dafür, dass sie sich von einem Landtierarzt hatte belehren und sogar beleidigen lassen, musste sie auch noch bezahlen.

So viel zum Thema Landleben!

„Wir werden es ihm zeigen“, sagte Morgan zu Tallulah, als sie ihr auf den Beifahrersitz half. „Wenn wir in einem Monat wieder herkommen, dann zeigen wir ihm, wie fit du inzwischen bist. Er wird dich nicht wiedererkennen.“

Am besten ist, ich fasse die Sache mit der Abmagerungskur für Tallulah als ein Projekt auf, dachte Morgan, als sie den Porsche startete. Sie liebte das tiefe Röhren des starken Motors. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen mochte sie ihre Schwächen haben, aber in Geschäftsdingen war sie stets sehr erfolgreich gewesen. Jedenfalls hatte sie genügend Geld verdient, um sich einen teuren Wagen wie diesen leisten zu können. Die elegante Linie der Karosserie, die duftenden Lederpolster und der leistungsstarke Motor gefielen ihr.

Alistair Brown würde bestimmt sagen, der Wagen sei unpraktisch fürs Land. Aber Morgan würde sich nicht von diesem Wagen trennen. Vielleicht würde sie nach Askerby fahren und ein paar Gummistiefel kaufen. Sie hatte die Absicht, ihr Leben zu ändern, aber sie wollte auf keinen Fall alles aufgeben, was sie schätzte.

Es wird eine Herausforderung sein, Tallulah in Form zu bringen, aber Herausforderungen habe ich ja immer gesucht, dachte Morgan, als sie den Wagen vom Parkplatz des Tierarztes steuerte. Sie hatte Erfahrung darin, sich Ziele zu stecken und diese dann entschlossen anzusteuern. Das war das Geheimnis ihres geschäftlichen Erfolges gewesen. Und jetzt, da sie sich aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen hatte, würden ihr die Herausforderungen fehlen.

War es vielleicht ein Fehler gewesen, nach Ingleton in North Yorkshire zu ziehen? Die Idee und der Zeitpunkt waren ihr so richtig erschienen. Sie hatte ihre Firma für einen sehr hohen Betrag verkaufen können, ihre Mutter war gestorben, ihr Lebensgefährte Paul hatte sie verlassen – hätte es einen besseren Moment geben können, um ihr Leben grundlegend zu ändern?

Sie hatte sich in London nicht mehr wohlgefühlt. Das einfache Leben auf dem Lande war ihr nach den Jahren großer beruflicher Anspannung als sehr erstrebenswert erschienen. Sie hatte sich vorgenommen, endlich viele Dinge zu tun, zu denen sie vorher nie gekommen war, zu lesen, zu kochen, einen Garten anzulegen und Teil einer richtigen Dorfgemeinschaft zu werden.

Aber wenn alle Mitglieder der Gemeinschaft so waren wie Alistair Brown, würde es nicht besonders lustig werden. Sie hoffte, dass die anderen Einwohner freundlicher sein würden. Schade eigentlich, dass er so garstig war – er hatte eine gewisse Anziehung auf sie ausgeübt, das musste sie zugeben. Hätte er nicht mal ein freundliches Wort für sie erübrigen können?

Wie auch immer!

Ich habe ein sehr schönes Haus und ein ebenso schönes Auto, sagte sich Morgan, um das aufkommende Gefühl von Deprimiertheit zu unterdrücken. Was war in sie gefahren? Hatte sie nicht alles, wovon sie geträumt hatte?

Der Wagen schnurrte leise die lange Lindenallee entlang, an deren Ende das Haus auf sie wartete, das sie erst kürzlich gekauft hatte. Ingleton Hall war ein Schmuckstück aus Jakobinischer Zeit, das nach einem Brand mehrere Jahre leer gestanden hatte. Aber als Morgan es zum ersten Mal gesehen hatte, war sie absolut sicher gewesen, dass sich die hohen Kosten für eine Renovierung lohnen würden.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie zuerst die beiden kleinen Gestalten fast nicht bemerkt hätte, die neben der Straße mit ihren Fahrrädern beschäftigt waren. Morgan bremste und öffnete das Fenster. „Kann ich euch helfen?“, fragte sie. Die beiden sahen auf, als sie den Wagen hörten, und Morgan schaute in die Gesichter von zwei ungefähr zehn oder zwölf Jahre alten Mädchen, die offensichtlich Zwillinge waren.

Die beiden schauten Morgan neugierig an. „Wir wollten nach Ingleton Hall, um Morgan Steele zu besuchen“, sagte eins der Mädchen. „Sind Sie das vielleicht?“

„Ja, das bin ich“, sagte Morgan überrascht und fragte sich, was die beiden wohl von ihr wollten.

„Sie sehen ganz anders aus als auf dem Bild in der Zeitung“, sagte das andere Mädchen. Sie kramte in der Tasche auf ihrem Gepäckträger und zog einen Ausschnitt der Lokalzeitung heraus, warf einen Blick darauf und nickte. „Ja, sie ist es“, sagte sie zu ihrer Schwester.

„Nun, jetzt wisst ihr, wer ich bin – sagt ihr mir auch, wer ihr seid?“

„Ich bin Polly. Und das ist Phoebe“, sagte die, die zuerst gesprochen hatte, und fügte unnötigerweise hinzu: „Wir sind Zwillinge.“

„Das sieht man“, sagte Morgan.

Die beiden sahen sich sehr ähnlich, wenngleich nicht zum Verwechseln. Morgan und ihre Zwillingsschwester Minty hingegen sahen so verschieden aus, dass sie normalerweise niemand für Zwillinge hielt.

„Wohnt ihr im Dorf?“, fragte Morgan.

Die beiden nickten. „Wir sind den ganzen Weg mit dem Rad gefahren“, sagte Phoebe. „Wir wollten Sie fragen, ob Sie uns ein Interview geben.“

Das hatte Morgan nicht erwartet. „Ein Interview?“, fragte sie überrascht.

„Ja, für die Schülerzeitung“, meinte Polly.

„Das hört sich ziemlich interessant an“, meinte Morgan. „Aber warum wollt ihr mich interviewen?“

„Wir haben das Interview mit Ihnen in der Lokalzeitung gelesen“, erklärte Phoebe. „Dort stand jedenfalls, dass Sie berühmt sind.“

„Und reich“, ergänzte Polly. „Also haben wir uns gedacht, wir würden auch gern etwas über Sie schreiben.“

Die beiden schauten sie hoffnungsvoll an.

„Ich glaube nicht, dass meine Lebensgeschichte sehr interessant wäre für Schulkinder“, meinte Morgan. „Ich habe weder etwas besonders Aufregendes getan, noch kenne ich irgendwelche berühmten Leute.“

„Oh.“ Die Zwillinge schienen etwas verunsichert. „Aber in der Zeitung stand, dass Sie einen eigenen Swimmingpool in Ihrem Haus haben und auch sonst alles.“

Für Polly schien ein eigener Swimmingpool das Glamouröseste zu sein, was sie sich vorstellen konnte. Es berührte Morgan, dass diese Mädchen so beeindruckt waren.

„Ja, ich habe einen eigenen Pool“, sagte sie. „Wollt ihr ihn sehen?“

„Ja, bitte“, sagten sie zweistimmig.

„Und können wir auch das Interview machen?“, fragte Phoebe.

Morgan hatte schon gemerkt, dass Phoebe die Praktischere, Direktere der beiden Schwestern war. Jedenfalls versuchte sie das, weswegen sie zu ihr hatten kommen wollen, durchzusetzen. Die Zwillinge machten auf Morgan den Eindruck, als ob sie es gewohnt waren, das zu bekommen, was sie wollten.

Das kam Morgan irgendwie bekannt vor.

Was kann es schon schaden?, fragte sie sich. Sie hatte ja die Absicht, sich möglichst rasch in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. Deshalb hatte sie trotz früherer schlechter Erfahrungen mit Reportern zugestimmt, mit den Redakteuren der Lokalzeitung zu sprechen. Es hatte sie ein wenig irritiert, dass die Journalisten offenbar an ihrem Haus mehr interessiert gewesen waren als an ihr.

Aber es handelte sich ja jetzt nur um eine Schülerzeitung. Vielleicht würde es ihre Aufnahme in die Gemeinde erleichtern, wenn dort etwas über sie zu lesen war. Wer weiß, es könnte ja sein, dass sogar der ungehobelte Dr. Brown es lesen würde, dachte Morgan.

„Also gut“, sagte sie. „Ich bin einverstanden.“

Sie bot den beiden an, sie in ihrem Wagen mitzunehmen, aber Phoebe und Polly wollten lieber mit ihren Rädern zu dem Haus fahren. Also fuhr Morgan voraus. Sie wusste, dass Kinder für Architektur gewöhnlich keine besondere Vorliebe hatten, aber sie selbst liebte das alte Haus sehr und hoffte, dass es die beiden Mädchen wenigstens ein bisschen beeindrucken würde.

Sie hätte sich darüber keine Sorgen machen müssen. Die „Ahs“ und „Ohs“ der beiden wollten gar nicht wieder aufhören. Und wie zu erwarten gewesen war, schienen die Mädchen von dem Gebäudeflügel, in den Morgan einen wunderschönen Swimmingpool und einen Fitnessraum hatte einbauen lassen, besonders beeindruckt.

Phoebe war, wie sich herausstellte, ein Computerfreak und riss erstaunt die Augen auf, als sie die modernsten elektronischen Geräte in Morgans Büro sah.

„Das ist ein sehr schönes Haus“, stellte Phoebe fest, als sie den Rundgang beendet hatten und auf die Terrasse hinausgingen. Von dort hatte man einen herrlichen Blick auf den gepflegten Garten und den sich anschließenden weitläufigen Park.

„Sie könnten hier Ponys halten“, meinte Polly bewundernd.

„Ich habe leider nie Reiten gelernt“, gestand Morgan.

„Mein Vater könnte es Ihnen beibringen.“

Morgan murmelte etwas Undefinierbares. Sie hatte ein wenig Angst vor großen Tieren wie Kühen und Pferden. Aus der Entfernung waren sie ja ganz nett anzuschauen …, aber wenn man näher kam …

Wenn Alistair Brown das wüsste, würde er sich sicher in seiner Auffassung, sie passe nicht hierher aufs Land, bestätigt fühlen.

Das Interview fand in der Küche statt. Sie bot den Mädchen ein Glas Limonade an und brühte sich selbst einen Tee auf. Dann setzten sich alle drei an den Küchentisch.

„Wir dachten, Sie hätten Hausangestellte“, sagte Polly. „Sie wissen schon, einen Butler und eine Köchin.“

„Da muss ich euch enttäuschen“, sagte Morgan. „Aber überlegt doch mal selbst – wären ein Butler und eine Köchin nicht für mich allein glatte Verschwendung? Ich habe jemanden, der mir ab und zu im Garten hilft, und einmal in der Woche kommt eine Putzfrau für einen Tag.“

„Mrs. Bolton, das wissen wir“, sagte Polly. „Sie war früher immer als Babysitter bei uns, als wir noch klein waren. Sie hat uns gesagt, wie toll Ihr Haus ist. Aber wir wollten es selbst sehen.“

„Nun, ich hoffe, ihr seid nicht enttäuscht.“

„Oh, nein“, beeilte sich Phoebe zu sagen. „Wir würden auch gern in so einem Haus leben, nicht wahr, Polly?“

Polly nickte eifrig. „Ja, wenn es nicht verhext ist.“

„Es ist nicht verhext“, sagte Phoebe tadelnd. „Das ist doch nur eine dumme Geschichte.“ Sie wandte sich an Morgan. „Hier gibt es doch nicht so etwas wie Geister, oder?“

„Ich glaube nicht“, sagte Morgan ernsthaft.

„Aber ich hätte doch Angst, hier allein zu leben“, wandte Polly ein. „Fühlen Sie sich nicht einsam?“

Nun, das war eine gute Frage. Morgan nahm nicht an, dass die Mädchen in diesem Alter Verständnis dafür haben würden, wenn sie ihnen erzählte, dass sie sich plötzlich am Rande eines dunklen Abgrundes gefühlt hatte, als Paul sie verließ. Und dass sie seitdem dieses schreckliche Gefühl der Einsamkeit nicht mehr loswurde.

„Tallulah leistet mir Gesellschaft“, sagte sie. „Sie wird mich vor Geistern beschützen.“

„Ist das Ihr Hund?“, fragte Polly. Sie und Phoebe hatten Tallulah mit offensichtlicher Abneigung gemustert. „Er ist unglaublich fett.“

„Ich weiß“, seufzte Morgan. „Ich muss sie auf eine strenge Diät setzen. Also gebt ihr bitte keinen Keks ab, auch wenn sie bettelt.“

Sie hatte sich schon gewundert, dass Phoebe und Polly ihr bisher nichts gegeben hatten, obwohl Tallulah alles versucht hatte, um sie umzustimmen. Sie hatte sich an ihren Beinen gerieben, Sitz gemacht, mit den Pfoten an den Stühlen gekratzt – aber die Mädchen hatten gar nicht darauf geachtet.

„Unser Dad würde damit leicht fertig“, sagte Phoebe. „Er ist sehr streng.“

„Streng mit euch?“, fragte Morgan.

„Ja, auch mit uns.“ Sie nickten beide, schienen aber nicht sehr beunruhigt zu sein. „Sollen wir mit dem Interview anfangen?“

Phoebe würde die Fragen stellen, die die beiden vorbereitet hatten, und Polly die Antworten mitschreiben.

„Okay“, sagte Phoebe und warf einen Blick auf das vorbereitete Papier. „Also, wie alt sind Sie?“

Morgan war von dieser direkten Frage ziemlich überrascht. Aber was sollte es? Der Artikel in der Schülerzeitung würde sicher nicht in der Times nachgedruckt oder von den Nachrichtendiensten in der Welt verbreitet.

Und hatte sie etwas zu verbergen?

„Ich bin neununddreißig“, sagte sie.

Die Mädchen warfen sich einen Blick zu. „Genauso alt wie unser Dad“, meinte Phoebe.

„Wann haben Sie Geburtstag?“, fragte Polly.

„Am dritten September“, sagte Morgan.

Polly schrieb das Datum auf.

Phoebe stellte die nächste Frage. „Wären Sie gern verheiratet?“

Die ganze Sache wurde persönlicher, als Morgan es sich vorgestellt hatte. Aber sie wusste nicht, wie sie die Antwort auf die Frage verweigern sollte, ohne unhöflich zu erscheinen.

„Wieso meint ihr, ich wäre nicht verheiratet?“

„Nun, in der Lokalzeitung stand, sie seien alleinstehend.“

„Man muss nicht alles glauben, was in der Zeitung steht.“

„Aber Mrs. Bolton hat auch gesagt, dass Sie nicht verheiratet sind“, meinte Polly.

„Also gut, es stimmt. Ich bin nicht verheiratet“, gab Morgan zögernd zu. „Aber so etwas findet ein guter Journalist vorher heraus und muss nicht danach fragen.“

„Unverheiratet“, wiederholte Polly und schrieb es auf.

„Warum sind Sie nicht verheiratet?“, fragte Phoebe.

Morgan seufzte. Wenn sie darauf die Antwort wüsste, wäre ihr Leben um einiges leichter. Minty war der Ansicht, sie mache den Männern Angst. Morgan selbst war der Ansicht, dass sie leider immer wieder nur Männer traf, die schwach genug waren, um vor ihr Angst zu haben.

Paul war anders gewesen. Aber er hatte sie nicht heiraten wollen.

„Irgendwie hat es sich nicht ergeben“, meinte Morgan. „Ich war wohl nie zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Mann bekannt.“

„Vielleicht finden Sie ja hier einen Mann zum Heiraten“, meinte Phoebe altklug. Morgan musste lachen.

„Ihr glaubt also nicht, ich sei zu alt zum Heiraten?“

„Neununddreißig ist ziemlich alt“, stellte Phoebe fest. „Aber es gibt Leute, die sind noch älter, wenn sie heiraten. Unsere Lehrerin hat voriges Jahr geheiratet, und sie war schon siebenundvierzig“, fügte Polly hinzu.

„Dann gibt es bei mir ja noch Hoffnung“, scherzte Morgan.

Polly stieß nun Phoebe an, mit den Fragen fortzufahren. Phoebe schaute auf ihre Notizen. „Wie muss der Mann sein, den Sie heiraten würden?“

Wie Paul, dachte Morgan. Aber dann schüttelte sie die Erinnerung ab. Sie musste endlich lernen, nicht ständig an ihn zu denken.

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