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Glück deiner Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
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  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. Epilog
    1. Juni 1861

Über dieses Buch

Lachen und fröhliches Stimmengewirr erfüllen die Südstaatennacht. Die geheimnisvolle Belle ist die unbestrittene Königin des rauschenden Festes. Aber keiner der Gäste ahnt, dass Belle eine Zwillingsschwester hat. Und schon gar nicht vermuten es Trace und Traxton Braggette, die sich beide um Belle bemühen.

Die Schwestern beginnen ein Verwechslungsspiel - ein Spiel, das nicht nur ihre Herzen in Gefahr bringt, sondern auch ihr Leben. Denn unter den Gästen auf der Plantage lauert ein Mörder, der verhindern will, dass die beiden Frauen sein Geheimnis aufdecken ...

Ein historischer Liebesroman aus den Südstaaten der USA im 19. Jahrhundert. Jeder Roman der Südstaaten-Saga ist in sich abgeschlossen und erzählt von anderen Familienmitgliedern des Braggette-Clans – doch eines ist ihnen allen gemeinsam: Starke Schönheiten treffen auf verwegene Verführer, und ihre leidenschaftlichen Abenteuer lassen Ihr Herz höherschlagen!

Diese romantische Liebesgeschichte ist in einer früheren Ausgabe unter dem Titel »Das Glück, das deine Liebe schenkt« erschienen.

Über die Autorin

Cheryl Biggs liebt Cowboyserien und Western seit ihrer Kindheit. Die passionierte Reiterin lebt mit ihrem Mann, den fünf Katzen Dooby, Dusty, Dolly, Mikey und Lil’ Girl sowie mit Hund Lady am Fuß des Mount Diablo, Kalifornien.

Cheryl Biggs

Glück deiner Liebe

Aus dem amerikanischen Englisch von Thimothy Stahl

Prolog

Das Schüreisen schoss zischend durch die Luft. Der schlanke goldene Griff fing für einen Moment das Sonnenlicht auf, das durch das Oberlicht über der Eingangstür fiel, und spiegelte es funkelnd wider. Thomas Braggette schaute auf, als das spitze Ende auf ihn niederfuhr. Aber es war bereits zu spät. Der rußgeschwärzte Haken prallte gegen seinen Hinterkopf, drang in die dichte Mähne seines weißen Haares ein und zerschmetterte seinen Schädelknochen.

Ein leises Stöhnen entrang sich Thomas’ Lippen, als der harte Schlag ihn traf. Ein heißer, zerreißender Schmerz erfüllte seinen Kopf; Blut schoss aus der Wunde und durchnässte die Schulter seines Hausmantels. Ein Kaleidoskop blendend greller Farben explodierte vor seinen Augen, als er sie in hilflosem Entsetzen nach oben verdrehte. Seine Knie gaben nach, sein Herz blieb stehen, und leblos sackte er in sich zusammen.

Eine Hand, die noch immer vor Zorn zitterte, ließ das blutbefleckte Eisen auf den Boden fallen. »Du hättest uns nicht verraten sollen«, wisperten bebende Lippen. »Niemals.«

1

»Belle, bist du dir deines Plans auch wirklich sicher?«, fragte Lin. Nervös drehte sie die grüne Satinkordel ihres bestickten Retiküls in den Händen. »Ich meine, richtig sicher?«

»Ja. Belle hob ihren Reisekoffer auf und ging auf einen Flussdampfer zu, der am Ende des langen Kais vertäut war. Die blaue Seide ihrer Röcke raschelte bei jedem ihrer Schritte. Ihr Instinkt verriet ihr, dass Lin zurückgeblieben war. Belle ließ ihre schwere Tasche fallen, drehte sich um, stützte die weißbehandschuhten Hände in die Hüften und warf ihrer Schwester einen ärgerlichen Blick zu. »Himmelherrgott, Melinda Sorbonte! Kommst du jetzt endlich, oder muss ich es ganz allein tun?«

Lin zögerte noch ein paar Sekunden, bevor sie sich kopfschüttelnd nach ihrem eigenen Koffer bückte. »Warum tue ich das?«, murmelte sie und schickte dann ein stummes Stoßgebet zum Himmel, was sie immer tat, wenn sie sich in eins von Belles verrückten Vorhaben verwickeln ließ – was leider nur allzu oft vorkam. Aber dies war bisher das gewagteste. »Ja, ich komme, Belinda Sorbonte«, sagte sie spöttisch, weil ihre Schwester sie mit ihrem vollen Namen angesprochen hatte. »Tue ich das nicht immer?«

Belle hob ihren Koffer wieder auf. »Ja, aber vorher musst du uns beide immer erst zu Tode beunruhigen.«

Ein junger Steward, unter dessen weißer Mütze lockiges braunes Haar hervorschaute, wartete am Ende der Gangway, um den Passagieren an Bord zu helfen. Sein Blick glitt von Belle zu Lin und wieder zurück; er versuchte offenbar zu entscheiden, ob er tatsächlich zwei vollkommen identische Frauen vor sich hatte. Es war nichts Ungewöhnliches für die Schwestern, so angesehen zu werden, wenn sie zusammen irgendwo erschienen, wo sie unbekannt waren. Belle erkannte den Blick und ignorierte ihn. Immerhin war ihr Kleid blau und Lins grün, so dass sie nicht wirklich identisch waren, jedenfalls nicht so, wie sie es sein konnten, wenn es ihre Absicht war und sie auch noch die gleichen Kleider trugen. Sie reichte dem Steward die Tasche und betrat den Dampfer.

»Nun, irgendjemand muss sich Sorgen machen, wenn du es schon nicht tust«, entgegnete Lin ruhig, legte ihre Hand in die des Stewards und ließ sich von ihm über die Gangway helfen. Ein anmutiges Lächeln erschien auf ihren Lippen, als er ihr den Koffer auf dem Schiff zurückgab. Dann beeilte sie sich, Belle einzuholen, die bereits über den Gang zu den Kabinen ging. »Ich meinte nur, dass wir vielleicht lieber jemand anderen dafür engagieren sollten. Immerhin sind wir nicht ...«

»Papa braucht unsere Hilfe«, versetzte Belle unwillig. »Und wie sollte irgendjemand anderer Zugang zur Braggette-Plantage erlangen, ohne zu gestehen, wer er ist und was er will?« Sie schüttelte den Kopf. Eine dichte Mähne silberblonden Haars bedeckte ihre Schultern wie ein platinfarbener Seidenschal. »Nein, mein Plan ist die einzige Möglichkeit. Und wir werden es schaffen, Lin, du wirst schon sehen.«

Lin seufzte. »Ich kann nur hoffen, dass du recht hast.«

»Oh, du sorgst dich viel zu viel!« Belle lachte leise und setzte ihren Weg fort. »Ist irgendeiner meiner Pläne jemals fehlgeschlagen?«

Lin zog die schmalen Brauen hoch und schwieg. Ihre blauen Augen suchten Belles, als ihre eigenwillige Schwester ihr über die Schulter einen Blick zuwarf.

»Ja, ja, ich weiß schon, was du meinst«, sagte Belle. »Damals, als ich dich überredet habe, mit Papas besten Zuchthengsten auszureiten, und wir dabei erwischt wurden.« Wieder lachte sie. »Aber wir wären nie erwischt worden, wenn wir früher aufgebrochen wären, was wir nicht taten, weil du dich mal wieder nicht entscheiden konntest, ob wir es tun sollten oder nicht.«

»Und was war, als wir nackt in Calzeaus Teich geschwommen sind?«, beharrte Lin.

»Nun, wir hätten sicher nicht so viele Zuschauer gehabt, wenn du dich nicht bei Eddie Pellichout verplappert hättest, dass wir schwimmen gingen.« Ein schalkhaftes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Ich glaube, jeder Junge aus Natchez County war an jenem Tag am Teich.«

»Und Papa auch«, erinnerte Lin sie.

Belle ignorierte den vorwurfsvollen Tonfall ihrer Schwester. Die Neugier und die Bewunderung der Jungen hatten Spaß gemacht, aber die Strafpredigt ihres Vaters danach nicht. Sie blieb vor einer der Kabinentüren stehen, die aufs Außendeck hinausgingen. »Fünf B. Das ist unsere.« Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, den der Mann am Ticketschalter ihr gegeben hatte, stellte dann aber fest, dass die Tür gar nicht verschlossen war, und stieß sie auf.

Ein großer, hagerer Mann, der nichts anderes als rote, fadenscheinige Unterwäsche trug, sprang aus einer der Kojen und starrte die beiden Frauen an.

Lin spürte, wie sie errötete. Verlegen schnappte sie nach Luft und wandte rasch den Blick ab. »Oh, Verzeihung«, murmelte sie.

Belle maß den Mann mit einem herausfordernden Blick. »Was tun Sie in unserer Kabine?«

»Es ist nicht Ihre Kabine, Fräulein. Es ist meine.« Er streckte eine Hand nach dem Schlüssel auf dem Nachttisch aus und trat vor, um ihn Belle zu zeigen. »Sehen Sie? Fünf B.« Mit einem dünnen Finger deutete er auf das kleine Schild an der Kabinentür. »Fünf B.«

»Es interessiert mich nicht, was auf Ihrem Schlüssel steht, Sie sind trotzdem in der falschen ...« Als Belle den Schlüssel sah, erkannte sie ihren Irrtum. »Oh, entschuldigen Sie bitte. Der Fahrkartenverkäufer sagte Fünf B, gab mir aber einen Schlüssel für Fünf D.« Sie hob ihren Koffer auf und wandte sich zur Tür, wo sie noch einmal stehen blieb und sich lächelnd nach dem Mann umsah. »Aber ein Gentleman hätte seine Tür verschlossen.«

»Und eine Dame wäre nicht einfach so hineingestürmt«, gab der Mann zurück. Als er die Tür zuschlug, klemmte er beinahe den mit einem Samtband verzierten Saum von Belles blauem Kleid ein.

»Pah! Dass er kein Gentleman ist, ist wohl mehr als offensichtlich.« Hocherhobenen Hauptes wandte Belle sich ab und ging den Gang zurück zur Treppe. Ein kleines Zeichen wies darauf hin, dass die D-Kabinen im nächsten Stock des Dampfers waren.

Lin eilte ihr nach. »Belle, bist du wirklich sicher, dass wir nach New Orleans ...«

»Was wäre dir denn lieber, Lin?«, fragte Belle über die Schulter, als sie die Stufen zum Oberdeck hinaufstiegen. »Dass Papa in diesem Gefängnis verrottet? Oder für einen Mord gehängt wird, den er nicht begangen hat?«

Unter anderen Umständen wäre die Fahrt flussabwärts auf der Cotton Queen vielleicht unterhaltsam und die Aussicht, New Orleans zu sehen, interessant gewesen. Doch Einkaufsbummel und Gesellschaften waren das Letzte, woran Belle und Lin jetzt dachten. Lin war verrückt vor Sorge über das, was sie sich vorgenommen hatten, und Belle kochte vor Zorn über das, was ihrem Vater angetan worden war. Während Lin unruhig durch die kleine Kabine schritt, ging Belle an Deck und ließ ihren Ärger an jedem aus, der es wagte, sich ihr zu nähern, einschließlich des Kapitäns.

Die Cotton Queen brauchte nur zehn Stunden von den Natchezer Docks bis zum Hafen von New Orleans, aber Belle kam es wie eine kleine Ewigkeit vor.

Lin stand schweigend auf dem Oberdeck, die Koffer zu ihren Füßen, und sah zu, wie sich das Dampfschiff langsam auf die Küste zubewegte. Das riesige rote Schaufelrad am Heck der Queen wühlte das Wasser auf und zerriss mit seinem stampfenden Geräusch die morgendliche Stille. Belle trat neben Lin und ließ polternd ihre Taschen fallen. »Verdammt, war das eine langweilige Reise!«

»Fluchen gehört sich nicht, Belle«, sagte Lin ruhig.

»Einen Mörder zu jagen, wohl ganz sicher auch nicht«, warf Belle schnippisch ein. »Aber genau das ist es, was wir hier zu tun haben.« Sie warf Lin einen raschen Blick zu. »So ist es doch, nicht wahr?

»Ja«, antwortete Lin.

Sie hatte so leise gesprochen, dass Belle nicht sicher war, das Wort gehört zu haben, aber sie beschloss, Lins fehlenden Mangel an Begeisterung für ihre Pläne lieber zu ignorieren. Zumindest machte ihre Schwester mit, und das war immerhin das Wichtigste. Belle richtete den Blick auf die Stadt, die vor ihnen in Sicht kam. New Orleans umarmte den Fluss, der so ein wichtiger Bestandteil des Lebens dieser Stadt war, und breitete sich von seinem Ufer ins Landesinnere aus. Es lagen mindestens einhundert Frachtdampfer an seinen scheinbar endlosen Docks, die sich über die Länge der gesamten Stadt erstreckten, und mehr als ein Dutzend Schoner ankerten etwas weiter draußen vor der Küste. Belle schwenkte eine Hand vor dem Gesicht und rümpfte die hübsche kleine Nase. »Puh, man kann diese stinkenden Kanäle bereits riechen«, sagte sie und meinte damit die offenen Abwasserkanäle, die die Straßen der Stadt säumten und sämtliche Abfälle, von schmutzigem Spülwasser bis hin zu menschlichen Exkrementen, in den Fluss beförderten.

Lin lächelte. »Das kann man nicht!«

Belle lachte. »Nein, aber der Gestank wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Gut, dass es noch nicht Sommer ist, sonst würden wir ihn jetzt schon riechen.«

Lin wirkte nachdenklich. »Ich hoffe, es bricht kein Gelbfieber aus, während wir uns hier aufhalten.«

»Ich glaube, es ist noch zu früh im Jahr für Gelbfieber«, erwiderte Belle. »Noch nicht heiß genug.«

Der Dampfer stieß gegen den Kai, und Lin umklammerte die Reling, um sich festzuhalten.

»Wir sind da«, sagte Belle unnötigerweise. »Also lass uns gehen.« Sie bückte sich, um ihre Reisetasche aufzuheben, aber eine Männerhand schloss sich bereits um ihren Griff. Eine andere griff nach Lins Tasche. Die Finger des Mannes streiften flüchtig Lins, und sie zuckte jäh zurück.

»Erlauben Sie, meine Damen?«

Belle schaute ins Gesicht des Mannes, der am Abend zuvor an ihrem Dinnertisch gesessen hatte. Seine Kleidung – er trug einen schwarzen Rock und schwarze Hosen, eine silberne Brokatweste und einen schwarzen Binder um den Hals – verriet, dass er ein Spieler war. Den schwarzen Stetson, den er trug, schmückte eine diamantbesetzte Anstecknadel. Es war die typische Kleidung eines Flussschiffspielers. Belle hatte genug berufsmäßige Spieler gesehen, wenn Lin und sie mit ihrem Vater auf Geschäftsreise gewesen waren. Zu jeder anderen Zeit hätte Belle mit ihm geflirtet und das Angebot des Mannes angenommen, ihr Gepäck zu tragen, obwohl sie wusste, dass Lin ihr deshalb später Vorwürfe machen würde, weil sie ein solches Benehmen nicht für schicklich hielt. Diesmal jedoch, und vor allem ihres Planes wegen, war Belle nicht in der Stimmung zu flirten. Kopfschüttelnd nahm sie dem Mann die Tasche wieder ab.

»Danke, Sir, aber ich glaube, das schaffen wir allein.«

Sie eilten die Stufen hinunter und auf die Gangway zu.

»Er weiß, dass wir zu zweit sind«, wisperte Lin.

Belle wartete mit ihrer Antwort, bis sie ausgestiegen waren und über den Pier gingen. »Es macht nichts. Wahrscheinlich nimmt er sowieso ein anderes Schiff flussaufwärts, um irgendeinen armen Kerl am Spieltisch auszunehmen.«

»Und wenn er es nicht tut? Was ist, wenn er in New Orleans bleibt? Er könnte unsere Pläne vereiteln«, beharrte Lin.

Belle seufzte. »Würdest du bitte aufhören, dich zu sorgen? Und zieh den Schleier über dein Gesicht.«

Lin hob die Hand und zog das grüne Tüllnetz herab, das an ihrem Hut befestigt war. Es verbarg nicht wirklich ihre Züge, sondern ließ sie höchstens etwas unklarer erscheinen.

»Gut.« Belle blieb stehen. »Dort drüben stehen Kutschen, die man mieten kann.« Sie deutete auf das Ende des langen Kais.

Ein halbes Dutzend unterschiedlicher Modelle stand dort, ganz in der Nähe des Schalters, wo man die Fahrkarten erstand. Einige Kutscher standen mit anderen zusammen und plauderten, andere dösten in den Wagen vor sich hin, während sie auf ihre Gäste warteten.

»Nimm eine Kutsche zum St. Louis Hotel«, sagte Belle, »wie wir es besprochen haben. Ich fahre nach Shadows Noir und richte mich dort ein.«

Lin runzelte die Stirn. »Belle, bist du wirklich sicher, dass wir das tun sollten?«

Belle winkte ab. »Denk daran, dass du hier nicht Melinda Sorbonte bist. Trag dich im St. Louis Hotel als Lin Bonnvivier ein, und ich stelle mich den Braggettes als Belle St. Croix vor. Dann, wenn ich ins Hotel komme, werde ich mich als Lin ausgeben und du wirst ...«

Lin seufzte. »Belle, ich schwöre dir, das ist mir zu verwirrend. Warum ...«

»Nein!«, fiel Belle ihr hart ins Wort. »Es ist nicht verwirrend, nicht wenn du Acht gibst, was du tust. Willst du Papa nicht helfen?«

»Natürlich will ich das. Es ist nur ... Ach, vergiss es!« Lin fuhr herum und ging auf eine der Kutschen zu. »Ich weiß nicht, warum ich mir die Mühe mache, ihr zu widersprechen«, murmelte sie.

Belle wartete, bis Lin eingestiegen war und der Fahrer die Kutsche aus dem Hafen in Richtung Stadt gelenkt hatte, bevor sie sich einem der anderen Fahrer näherte.

»Ich möchte nach Shadows Noir«, sagte sie. »Zur Braggette-Plantage.«

Der Mann sprang vom Bock und verstaute ihre Taschen unter seinem Sitz, bevor er ihr in den Wagen half.

»Ist es weit?«, fragte Belle.

»Ein paar Meilen«, antwortete er, ohne die Zigarre, die er rauchte, aus dem Mund zu nehmen. »Eine Stunde Fahrt vielleicht.«

Belle machte es sich auf dem abgewetzten Sitz bequem und versuchte, sich zu entspannen. Aber es war sinnlos. Weder sie noch Lin waren Schauspielerinnen, und was sie vorhatten, würde mehr erfordern als nur Schauspielkunst. Ein kleiner Seufzer entrang sich ihren Lippen, sie schloss die Augen und befahl sich, ruhig zu bleiben. Sie konnten es sich nicht leisten zu versagen. Der Plan musste gelingen. Denn falls er fehlschlug und sie oder Lin gefasst wurden, würde ihr Vater vielleicht sterben.

2

»Hast du gesehen, wie hochmütig mich die alte Mrs. Gadreaux nach der Beerdigung angesehen hat?« Eugenia Braggette ließ die Spitzengardine am Fenster wieder sinken und schob eine lose Strähne ihres mit Silberfäden durchzogenen schwarzen Haars in den Chignon in ihrem Nacken. Sie ging zu einem zierlichen Rosenholzsessel und ließ sich darin nieder. Das grüne Seidenpolster verschwand unter den üppigen Falten ihres Kleides aus dunkelgrauem Seidentaft, das mit schwarzem Samt gepaspelt war und dessen gedeckte Farben nur von den schneeweißen Spitzenmanschetten und einem breiten weißen Kragen etwas aufgehellt wurden.

Ihre Tochter Teresa reichte Eugenia eine Tasse Tee und wollte gerade etwas erwidern, als Trace seiner Schwester zuvorkam.

»Es ist verständlich, dass die Leute reden, Mama, da du und Teresa euch weigert, die Hochzeit zu verschieben.« Sein tiefes Lachen verstummte, als er ein Glas an seine Lippen hob und langsam einen Schluck Bourbon trank, das Glas dann in der Hand behielt und die Flüssigkeit darin betrachtete. Sonnenschein strömte durch die hohen Fenster, die eine Seite des Raumes säumten, und ließ den bernsteinfarbenen Whiskey fast wie geschmolzenes Gold erscheinen. Die Morgensonne schien auch auf Trace’ breite Schultern und verlieh seinem weißen Hemd ein Strahlen, das fast zu grell war für die Augen. Sie streifte auch sein schwarzes Haar und verlieh seinen aristokratischen Gesichtszügen für einen Moment eine patrizierhafte Hagerkeit.

Eugenia zog ärgerlich die Brauen hoch. »Der Tod deines Vaters ist kein Grund, Teresas Hochzeit zu verschieben, Trace Braggette, und das weißt du selbst am besten. Der Mann hat sich nie für seine Familie interessiert, und auch das weißt du. Warum sollten wir so tun, als ob wir ihn betrauerten, wenn sein Dahinscheiden eher eine Erleichterung als alles andere für uns war?«

»Er hatte nicht einmal vor, hier zu sein, um mich Jay vor dem Altar zu übergeben«, sagte Teresa, gekränkt und ärgerlich zugleich. Ihre graublauen Augen, die nur eine Spur heller waren als die ihres Bruders, funkelten vor Trotz, und lange schwarze Korkenzieherlocken rutschten von ihren Schultern, als sie unwillig den Kopf zurückwarf. »Nicht dass ich ihn etwa darum gebeten hätte.«

»Ich betrachte es als mein Privileg, Tess«, erwiderte Trace. Lächelnd hob er sein Glas und prostete ihr zu. »Und ich freue mich darauf. Ich hoffe nur, dass dein Verlobter zu schätzen weiß, was er bekommt. Immerhin gibt es noch genug andere junge Männer in der Gemeinde, die sich geehrt fühlen würden, dich zu heiraten.«

Seine Worte entlockten ihr ein Lächeln, wie es seine Absicht gewesen war, und für einen kurzen Moment erklang sogar ihr helles Lachen. Aber nur allzu schnell wich das Lächeln einem Stirnrunzeln, was ein gewohnter Anblick in den letzten Tagen bei ihr war. »Glaubst du, die anderen werden kommen, Trace? Ich meine, wirklich?«

Er zuckte die Schultern. »Sie haben geschrieben, dass sie kommen.«

»Sie werden kommen«, sagte Eugenia. »Nichts auf dieser Welt könnte deine Brüder davon abhalten, zu deiner Hochzeit zu erscheinen, Liebes. Überhaupt nichts.«

»Sie wären vielleicht nicht gekommen, wenn Vater noch ...« Trace zögerte, um dann fortzufahren: »Aber darum brauchen wir uns jetzt nicht mehr zu sorgen, nicht?« Er lächelte. »Ich stimme Mama zu, Tess. Sie werden kommen.«

»Oh, ich freue mich schon so auf das Wiedersehen!«, rief Teresa und klatschte in die Hände. »Es ist so lange her, seit sie hier waren.«

»Ja, das ist es allerdings«, stimmte Trace zu.

Eugenia schaute auf, weil ihr der leise Groll in der Stimme ihres ältesten Sohnes nicht entgangen war.

»Deine Brüder haben getan, was sie für richtig hielten«, warf sie ruhig ein. »Genau wie du, Trace.«

»Das ist nicht das Gleiche, Mama«, antwortete er. Trace hob das Glas an die Lippen, trank den letzten Rest des Bourbons, stellte das Glas ab und erhob sich. »Wenn ihr mich jetzt entschuldigen wollt, meine Damen, dann kehre ich lieber zurück zu meinen Büchern. Morgen muss ich in die Stadt.«

»Noch mehr Fragen?«, wollte Eugenia wissen.

»Der Sheriff möchte sich Vaters Büro ansehen, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, aus welchem Grund. Er hat es schon einmal durchsucht und nichts gefunden, was darauf hingewiesen hätte, dass Sorbonte Vater ermordet hat. Ich weiß nicht, was er zu finden hofft, wenn er sich noch einmal dort umsieht.«

»Was hast du vor mit dem Büro, Trace? Es zu vermieten?«

»Irgendwann bestimmt, aber im Moment habe ich nicht die Zeit, dorthin zu gehen und all seine Papiere durchzusehen.«

Eugenia nickte, und Teresa schwieg. Es war eine Aufgabe, um die sich beide nicht eben rissen.

Trace wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen, als ein Klopfen an der Haustür ertönte und durch die große Eingangshalle schallte. Fragend schaute er sich zu Mutter und Schwester um. »Erwartet ihr Besuch?«

Beide schüttelten den Kopf.

»Es könnte ein weiterer Kondolenzbesuch sein«, bemerkte Eugenia.

Trace schnaubte angewidert. »Als er noch lebte, haben sie ihn nicht gemocht – obwohl das nicht überraschend war. Aber warum fühlen sie sich dann jetzt verpflichtet, herzukommen und Mitgefühl zu heucheln?«

»Weil der Anstand es so gebietet«, erwiderte Teresa. »Obwohl das natürlich lächerlich ist. Der Mann ist tot und begraben. Ich würde lieber vergessen, dass er überhaupt je hier war, ganz zu schweigen davon, dass er mein Vater war.«

Trace ging zur Tür und verschwand in der Halle. Das sind ja schöne Empfindungen für den eigenen Vater, dachte er wehmütig. Aber war es, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, nicht das, was sie hier alle dachten? Thomas Braggette war ein kalter, harter Mann gewesen, und vielleicht hatten seine Angehörigen dies noch mehr zu spüren bekommen als andere. Trotz der zahlreichen Feinde seines Vaters hatte es Zeiten gegeben, wo Trace gedacht hatte, niemand könne Thomas Braggette mehr hassen als seine eigene Familie.

Das Klopfen ertönte wieder. Trace ging auf die Tür zu, doch Zanenne, die Haushälterin, kam ihm zuvor. »Lass nur«, rief sie und ging an ihm vorbei.

Da er wirklich keinen weiteren Kondolenzbesuch empfangen wollte, überließ Trace ihr gern die Aufgabe, den Besucher hereinzubitten. Er zog sich in den Hintergrund zurück, um nicht gesehen zu werden, und wartete, während Zanenne die schwere Haustür öffnete. Sie war schon Haushälterin in Shadows Noir gewesen, bevor irgendeins der Braggette-Kinder geboren war. Obwohl sie einundsechzig war und dünn wie ein junger Birkenstamm, bewegte Zanenne sich anmutiger und schneller als andere Leute ihres Alters. Sie steckte ein Staubtuch in die Tasche ihrer Musselinschürze, die sie um die Taille trug, und hob eine Hand an den Kopf, als wollte sie sich vergewissern, dass der rote Turban, der ihr Haar bedeckte, richtig saß.

Trace stand neben der breiten geschwungenen Treppe, die von der Halle in den ersten Stock führte. Eine Schulter an die kunstvoll geschnitzte Balustrade gelehnt, schaute er zu, wie Zanenne die Haustür öffnete. Falls der Besucher jemand war, den er nicht sehen wollte, brauchte er nur einen Schritt zurückzutreten, um nicht gesehen zu werden.

»Ja, Ma’am?«, fragte Zanenne.

»Hallo, ich bin Belle St. Croix.« Belle überreichte der Haushälterin ihre Einladung zur Hochzeit. Nun ja, es war nicht wirklich ihre Einladung, zugegeben. Sie galt einer entfernten Cousine der Witwe Braggette, die eine ziemlich gute Freundin von Belle war. Die Frau konnte an der Hochzeit nicht teilnehmen, und es war Belle gelungen, sie zu überreden, ihr die Einladung zu überlassen – mit der Behauptung, sie reise ohnehin nach New Orleans und sei dem Bräutigam bereits verschiedentlich begegnet. Sie versprach der Frau, den Braggettes zu schreiben und ihnen alles zu erklären. Und das hatte sie auch getan, wenn auch natürlich unter falschem Namen. Belle lächelte die Haushälterin an. »Ich glaube, ich werde erwartet.«

Zanenne nahm die Einladung und betrachtete sie. Ihr dunkles Gesicht nahm einen konzentrierten Ausdruck an, als ihre braunen Augen über die handgeschriebene Karte glitten. Sie erkannte das Wort Braggette, das gedruckt am Ende der Karte stand, aber das war alles. Der Rest der eleganten Handschrift mit ihren übertriebenen Schleifen und Spiralen sagte ihr nichts, obwohl sie die Einladung als eine jener einhundertfünfzig ähnlichen erkannte, die Eugenia zu Teresas Hochzeit verschickt hatte.

Als Trace die Stimme einer jungen Frau hörte, löste er sich von der Balustrade und straffte seine Schultern. Soweit er wusste, sollten die ersten Gäste erst in einigen Tagen ankommen. Anscheinend hatte seine Mutter versäumt, ihn in dieser Hinsicht zu berichtigen. Er trat einen Schritt zur Seite, um an der Haushälterin vorbeisehen zu können.

Es war noch früher Nachmittag, aber der breite Vorbau des Balkons im ersten Stock warf einen Schatten auf den Gast und ließ vor dem hellen Licht nur die Silhouette der Frau erkennen. Der Sonnenschein in ihrem Rücken hüllte sie in eine goldene Aureole ein und ließ ihr langes Haar wie flachsfarbene Seide erscheinen. In dem schwachen Licht, das aus dem Oberlicht über der Hintertür am entgegengesetzten Ende des Foyers fiel, konnte Trace nur erkennen, dass ihr Kleid blau und ihre Figur sehr schlank und zierlich war. Ihr Gesicht blieb im Schatten, die der breitrandige Hut warf, den sie trug.

Zanenne nickte und trat beiseite, um sie einzulassen. »Willkommen in Shadows Noir, Miss St. Croix«, sagte sie. »Wenn Sie hier warten wollen, richte ich Mrs. Braggette aus, dass Sie eingetroffen sind.«

Belle ließ ihre Taschen auf der Veranda, wo der Kutscher sie abgestellt hatte, und betrat die Eingangshalle, froh, der grellen Sonne zu entkommen. Es war zwar erst Mitte April, aber die Luft war schon schwül und warm. Ruhig blieb Belle stehen und ließ ihren Blick durch das Foyer schweifen, während die Haushälterin ging, um der Hausherrin zu berichten, dass sie einen Gast hatten. Die Eingangshalle war ähnlich wie jene auf der Sorbonte-Plantage in Natchez. Sie verlief über die gesamte Länge des Hauses, hatte identische Eingänge an beiden Seiten, hohe Decken und war sehr groß und mit kostbaren Möbeln ausgestattet. Eine riesige Standuhr aus einem dunklen, rötlichen Holz, das Belle nicht kannte, stand an einer Wand. Die goldenen Gewichte und das massive Pendel schimmerten im Halbdunkel der Halle. Ein Beistelltisch stand an der gegenüberliegenden Wand, und darüber hing ein venezianischer Spiegel.

Thomas Braggette war offenbar ein wohlhabender Mann gewesen. Aber diese Einsicht bot Belle keinen Hinweis darauf, wer ihn getötet haben mochte und warum. Aufmerksam schaute sie sich weiter in der Halle um.

Ein Kronleuchter aus polierter Bronze hing an der Decke. Jede kristallene Kerzenhalterung, von denen es mindestens vierzig oder fünfzig gab, trug drei Kerzen, und eine weitere Reihe ähnlicher Halter säumte das Fensterbrett des Oberlichts über der Tür. Das Einzige, was dieses Foyer von anderen unterschied, war der Fußboden: Anstelle von polierten Edelhölzern waren hier schwarzweiße Marmorfliesen verwendet worden.

Beim Eintreten der jungen Frau war Trace rasch hinter die Tür zu seinem Arbeitszimmer getreten und dann so stehen geblieben, dass er, obwohl er selbst nicht zu erkennen war, den Gast beobachten konnte. Er fühlte, wie ihm der Atem stockte, wann immer Belle aus dem Schatten ins Licht trat. Er hatte in seinem Leben schon viele schöne Frauen gesehen, hatte einigen den Hof gemacht und war mit einer sogar verlobt gewesen, aber diese Frau war mehr als schön. Sie war atemberaubend. Ihr Haar war so hellblond, wie er es nie zuvor gesehen hatte, lang und ungehindert floss es über ihren Rücken, silberne Strähnen mit einem Hauch von Gold dazwischen. Sein Blick glitt zu ihren Augen, und wieder gelang es ihm nicht, sie einer bestimmten Farbe zuzuordnen. Sie waren himmelblau und veilchenblau zugleich. Irgendwie erinnerten sie ihn an das azurblaue Meer der Karibik. Solche Augen hatte er noch nie gesehen, und das reizte ihn. Der Anstand verlangte, dass er sich jetzt zeigte, um sich vorzustellen und sie zu begrüßen, aber er blieb, wo er war, und rührte sich nicht. Das Gespräch mit seiner Mutter, ganz zu schweigen von den Ereignissen, die sich in letzter Zeit in der Familie zugetragen hatten, hatte ihn ziemlich unwillig gestimmt, und obwohl er die Schönheit dieser Frau durchaus zu schätzen wusste, war er nicht in Stimmung, den Galan für sie zu spielen und den Nachmittag mit leerem Gerede zu vergeuden.

Leise zog er die Tür zu seinem Arbeitszimmer zu und setzte sich an den mächtigen Schreibtisch aus Kirschbaumholz, den sein Vater vor Jahren aus Frankreich mitgebracht hatte. Er öffnete das Rechnungsbuch der Plantage und starrte auf die Zahlen, ohne sie zu sehen. Ein paar Minuten später schlug er das Buch wieder zu und schaute durch das Zimmer auf die mit Bücherregalen gesäumten Wände und den Kamin aus schwarzem Marmor. In Gedanken war er weder bei den Zahlen noch bei den Geschäften der Plantage. Er stand auf und ging zum Fenster. Sie kamen zurück. Verdammt. Sie kamen endlich alle zurück, und er war nicht sicher, wie er darüber dachte. Er wusste, er hätte sich freuen sollen. Er hatte seine Brüder seit vielen Jahren nicht gesehen, und als Kinder hatten sie sich immer gut verstanden. Vor allem Traxton und er.

Aber damals hatten sie ja schließlich auch zusammenhalten müssen. Schon allein aus reinem Selbstschutz. Sie gegen ihren Vater. Sie hatten gelogen und gestritten, einander beschützt und Trost gespendet, aber als sie älter geworden waren, hatten sie gemerkt, dass sie, egal, was sie auch taten, nicht gewinnen konnten – nicht gegen Thomas Braggette. Die anderen hatten Shadows Noir verlassen und waren nie zurückgekehrt, aber Trace war hiergeblieben. Seine Hand ballte sich zur Faust an seiner Seite. Er war geblieben, aber nicht, weil es sein Wunsch gewesen war.

Er nahm einen Zigarillo aus dem Kristallbehälter, der auf einer kleinen Etagere neben dem Fenster stand, und zog die dünne Zigarre unter seiner Nase durch, um tief ihr würziges Aroma einzuatmen. Mit dem silbernen Zigarrenmesser, das immer neben dem Behälter lag, schnitt er ein Ende ab und steckte das andere zwischen seine Lippen. »Sie kommen zurück«, sagte er leise zu sich selbst, die Zigarre noch immer zwischen seinen Zähnen. Ohne hinzusehen, griff er nach einem der langen Streichhölzer, die in einer Schachtel neben den Zigarren lagen, nahm eins heraus und strich das schwefelhaltige Ende am Absatz seines Stiefels an. Das Streichholz fing sofort Feuer, und er hielt es an das abgeschnittene Ende des Zigarillos und sog tief den warmen Rauch ein.

Er hatte Traxton seit acht Jahren nicht mehr gesehen. Travis hatte die Plantage vor etwas über sechs Jahren verlassen, und Traynor war jetzt vier Jahre fort. Zwanzig schien die magische Zahl für Thomas Braggette gewesen zu sein. Verächtlich rümpfte Trace die Nase, als er an seinen Vater dachte und sich vorstellte, was im Unterbewusstsein dieses Mannes gearbeitet haben mochte: Wenn du deine Kinder nicht umgebracht hast, bis sie zwanzig sind, dann ruiniere sie stattdessen. Und das war Thomas Braggette bei jedem Einzelnen von ihnen fast gelungen. Gut, dass er in drei Jahren nicht mehr da sein würde, wenn Teresa zwanzig wurde.

Trace warf den Zigarillo in den Kamin und ging dann hinüber, um ihn mit dem Absatz auszutreten. Er konnte es seinen Brüdern nicht verübeln, dass sie fortgegangen waren, obwohl Gott wusste, dass auch er es gern getan hätte. Sie waren fortgegangen, aber er war in Shadows Noir geblieben. Nach allem, was sein Vater ihm angetan hatte, ihm und Myra, war er geblieben. Er ließ die Faust auf den Türknauf prallen ... Er war geblieben, weil einer bleiben musste. Und er war der Älteste. Es war seine Pflicht gewesen. Er hätte alles gegeben, um fortgehen zu können wie die anderen, aber er hatte gewusst, dass es nicht möglich war. Er wagte gar nicht, daran zu denken, was aus seiner Mutter und seiner Schwester geworden wäre, wenn er nicht da gewesen wäre, wenn sie mit Thomas Braggette allein gewesen wären ...

»Und jetzt kehren sie zurück«, sagte er noch einmal, so leise, dass selbst jemand, der nur wenige Schritte entfernt von ihm gestanden hätte, nicht einmal das Wispern seiner Stimme vernommen hätte.

Lin schaute an dem weitläufigen Gebäude hinauf, als die Kutsche vor der großen, von einer Markise überspannten Eingangstür hielt. Ein elegantes schwarzes Schild mit goldenen Lettern wies das Haus als das St. Louis Hotel aus. Es war vierstöckig und damit höher als die meisten Gebäude in Natchez, Lins Heimatstadt, nahm die gesamte Breite des Häuserblocks ein und bestand aus soliden roten Ziegelsteinen. Eine Galerie mit einem schmiedeeisernen Geländer zierte den ersten Stock, und eine mächtige Kuppel erhob sich über dem Dach.

Ein großer schwarzer Mann in einer rot-weiß-goldenen Livree trat aus dem Schatten unter der Markise und reichte Lin eine Hand, als ihre Kutsche hielt.

»Willkommen im St. Louis«, sagte er mit einem ausgeprägten Südstaatenakzent, als sie seine Hand ergriff und ausstieg. Dann wandte er sich ab. »Markus, bring das Gepäck der Dame hinein.«

»Danke«, erwiderte Lin und betrat das Hotel hinter dem Pagen. Sie hatte nur zwei Reisetaschen mitgebracht, aber der Junge war klein, höchstens elf oder zwölf, und dünn wie eine Bambusrute, so dass er fast nicht in der Lage war, das Gepäck zu tragen. Ein flüchtiges Schuldbewusstsein erfasste Lin, als sie seine Bemühungen beobachtete. Nächstes Mal würde sie weniger einpacken. Markus ignorierte die Menschenmenge, die sich in der Halle drängte, und ging direkt auf eine lange, kunstvoll verzierte Theke am fernen Ende des großen Raumes zu. Nachdem Lin ihm jedoch einige Schritte in den riesigen Raum gefolgt war, verhielt sie abrupt den Schritt, und ihre Lippen öffneten sich ganz unwillkürlich, als sie sich staunend umsah.

Das Foyer dieses berühmten Hotels des französischen Viertels war das größte, das sie je gesehen hatte, und auch das luxuriöseste. Das Gebäude war vier Stockwerke hoch, und im Zentrum der Halle befand sich eine massive Rotunde, die zum Dach hin offen war und gekrönt wurde von einer Kuppel aus Buntglasscheiben, die ein kompliziertes Muster bildeten. Ein gewaltiger Kronleuchter von fünf Rängen und immenser Breite hing vom Mittelpunkt der Kuppel herab und spiegelte ein Kaleidoskop von Farben wider, wenn die Sonnenstrahlen durch das bunte Glas fielen und sich in den geschliffenen Kristallen brachen. Die oberen Etagen des Hotels öffneten sich zur Eingangshalle hin in breiten Gängen, die mit schmiedeeisernen Balustraden versehen waren, durch die man die Fenster der Geschäfte sehen konnte, die über die Galerie verteilt waren. Elegant gekleidete Frauen und Männer schlenderten über diese luftigen Promenaden, lachten, plauderten und verfolgten über das Geländer hinweg die Auktionen unten in der Halle. Weiße dorische Säulen zierten die Wände des Erdgeschosses, erhoben sich mindestens sechs Meter in die Höhe und endeten erst unter der leicht überhängenden Galerie im ersten Stock, als ob sie sie zu stützen hätten. Zwischen den Säulen befanden sich dunkle Eichenholzpaneele, auf denen eindrucksvolle Ölgemälde mit Szenen aus der Vergangenheit der Stadt und Porträts ihrer prominenten Bürger hingen.

Der Page merkte, dass Lin stehen geblieben war, und tat es auch, aber nachdem er eine Weile ihre schweren Taschen so gehalten hatte, wurde er ungeduldig. »Ma’am?«, fragte Markus, obwohl er wusste, dass er eigentlich hätte schweigen müssen.

Lin schaute den Jungen an und lächelte, ohne daran zu denken, dass ein Schleier ihr Gesicht bedeckte. Unfähig, ihre Neugierde zu unterdrücken, folgte sie ihm nicht, sondern richtete stattdessen ihren Blick auf die hektische Aktivität im Mittelpunkt der Halle. Eine große Gruppe von Männern scharte sich vor einem Podium, auf dem ein Auktionator auf einem sogar noch höheren Podium stand. Eine junge schwarze Frau stand allein auf der niedrigeren Plattform, die Arme fest um ihre Taille geschlungen und stolz den Kopf erhoben, während ihre Augen auf irgendetwas in der Ferne blickten, was nur sie zu sehen schien. Ein Mann, sehr gut gekleidet und offenbar recht wohlhabend, ging zum Podium und hob den Rock der Frau hoch. Dann ließ er eine Hand über ihre Beine gleiten, als wollte er sie auf Verletzungen oder Behinderungen untersuchen, genau so, wie Lin es ihren Vater hatte tun sehen, wenn er den Kauf eines Pferdes in Erwägung zog. Ein anderer Mann im Publikum erkundigte sich lautstark bei dem Auktionator, ob die Frau schon Kinder geboren habe.

Lins Blick glitt zu der nächsten Gruppe von Leuten und dem nächsten Auktionator. Seine Ware waren Möbel. Ein Stückchen weiter hinter ihm wurden aus Frankreich importierte Gemälde versteigert, auf wieder einem anderen Podium Haushaltsgegenstände.

»Ma’am?«, fragte der Page noch einmal. Eine von Lins Taschen begann aus seiner Hand zu rutschen, und Markus bemühte sich, sie wieder in den Griff zu bekommen. »Zur Rezeption?«, fragte er hoffnungsvoll. »Das ist hier entlang.« Er wandte sich ab und ging wieder weiter, warf aber bei jedem Schritt einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass Lin ihm auch wirklich folgte.

Lin bahnte sich ihren Weg durch die Menge, obwohl sie lieber stehen geblieben wäre, um das bunte Treiben in der Halle noch eine Weile zu verfolgen. Henri Sorbonte und seine Frau hatten ihre Töchter mehrfach nach New York und Boston mitgenommen, aber in keiner dieser Städte hatte Lin etwas derart Glanzvolles und Faszinierendes gesehen wie das St. Louis Hotel. Es waren nicht nur seine Eleganz oder der Reichtum und die Pracht, die das Hotel ausstrahlte, sondern mehr die Einzigartigkeit des Stils, diese Mischung aus europäisch-französischem Ambiente und der kreolischen Extravaganz des tiefen Südens.

»Verkauft für zwölfhundert Dollar.« Der Hammerschlag des Auktionators schallte durch die ganze Halle.

Lin fuhr bei dem Geräusch zusammen und wirbelte herum. Ein kleiner, untersetzter Mann drängte sich durch die Neugierigen, die den Auktionatorblock umringten. Er reichte dem Mann ein Bündel Geldscheine und griff dann mit einer plumpen Hand mit dicken, kurzen Fingern nach dem Arm des jungen schwarzen Mädchens. Lin wandte sich wieder dem Rezeptionisten zu, der noch immer lächelte und auf ihre Antwort auf seine Frage nach ihrem Namen wartete.

»Lin«, sagte sie. »Lin Bonnvivier aus Vicksburg, Mississippi.« Sie biss sich plötzlich auf die Lippen und runzelte die Stirn. Sie hätte nicht Mississippi sagen sollen. Und auch nicht Vicksburg. Vor allem Vicksburg nicht. Es lag zu dicht an Natchez. Sie hätte sagen sollen Baton Rouge oder St. Louis – oder sogar Memphis.

»Ein schöner Name«, meinte der Empfangschef lächelnd.

Eine Welle der Erleichterung erfasste Lin. Sie hatte schon damit gerechnet, dass er jetzt von dem Mord an Thomas Braggette anfangen würde, weil der Mörder aus Mississippi stammte und sie ihn vielleicht kannte, da er aus Natchez kam, das nicht weit entfernt von Vicksburg lag, und man in diesen kleinen Städten doch schließlich alles über seine Nachbarn wusste ...

»Und Sie sind allein, Mademoiselle?«

Lin verspürte ein Gefühl des Unbehagens und einen Anflug von Verlegenheit bei seiner Frage. Er war ein großer, schlanker Mann mit dunklem Haar, das er straff aus dem kantigen Gesicht gekämmt trug. Ein dünner Schnurrbart zierte seine Oberlippe und betonte seine ohnehin zu lange und zu spitze Nase und seine hervorstehenden Wangenknochen. Sie straffte die Schultern. Es schickte sich nicht für eine Dame, allein zu reisen, das wusste sie, aber sie konnte es nicht ändern. Zumindest dieses Mal nicht. Lin lächelte und schaute durch seine dicken Brillengläser in die braunen Augen unter den erhobenen Brauen. »Ja, Monsieur. Leider wurde mein Vater krank, so dass ich die Reise allein antreten musste«, erwiderte sie freundlich. »Um seine Geschäfte zu tätigen. Ist es ein Problem für das Hotel, dass ich ohne Begleiter hier bin?«

Die dunklen Augenbrauen glätteten sich wieder, und er lächelte. »Keineswegs, Mademoiselle«, erwiderte er lebhaft. »Ich habe nur gefragt, um entscheiden zu können, welches Zimmer für Sie am bequemsten wäre.« Rasch schaute er sich um, um ihr dann zuzuflüstern: »Und ob ich Sie vielleicht zum Dinner bitten kann.«

Über seine Dreistigkeit schockiert fehlten Lin im ersten Moment die Worte. »Ich ...« Fieberhaft suchte sie nach einer Antwort und erinnerte sich schließlich an etwas, was Belle zu sagen pflegte, wenn sie einen unerwünschten Verehrer loswerden wollte. »Es tut mir leid, Monsieur, aber ich glaube, mein Verlobter wäre sicherlich nicht damit einverstanden, wenn ich mit Ihnen dinieren würde.«

Der Rezeptionist räusperte sich und zupfte nervös an seinen Rockaufschlägen. »Oh, natürlich, ich verstehe, Mademoiselle. Ich wollte damit auch nicht ...« Abrupt wandte er sich zu einem auf Hochglanz polierten Mahagonischrank in seinem Rücken um und nahm einen Schlüssel aus einem der Fächer. »Zimmer zweihundertzehn«, sagte er steif und gab Markus den Schlüssel. Der Junge stöhnte, als er ihn nahm und wieder das Gepäck betrachtete, das er gerade erst neben Lin abgestellt hatte. Es war offensichtlich, dass er nicht begeistert davon war, die schweren Taschen die Treppe hinaufzutragen.

Der Empfangschef bedachte ihn mit einem strengen Blick und schenkte Lin ein kühles Lächeln. »Markus wird Sie zu Ihrem Zimmer bringen.«

»Danke.« Lin wandte sich ab, begierig, diesem lüsternen Rezeptionisten zu entkommen, aber während sie darauf wartete, dass der Page ihre Taschen aufhob, glitt ihr Blick noch einmal durch die Halle und blieb an einem Mann haften, der gerade aus der Hotelbar kam. Es war weniger sein gutes Aussehen, was Lins Aufmerksamkeit erregte, denn sie hatte schon viele attraktive Männer kennen gelernt. Stirnrunzelnd betrachtete sie ihn und erkannte dann, warum er ihre Neugier geweckt hatte. Er wirkte in diesem eleganten Etablissement völlig fehl am Platz.

Er war größer als die meisten Männer im Foyer, und obwohl seiner Haltung und seinen klaren, scharfen Zügen etwas Aristokratisches anhaftete, strahlte er auch eine Wildheit aus, die Lin einen Schauer über den Rücken jagte. Sie hegte nicht den geringsten Zweifel, dass dies ein Mann war, um den die meisten am liebsten einen weiten Bogen machten. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch das Pistolenhalfter, das tief auf seiner Hüfte saß, und den imponierenden Revolver, den er darin trug. Seine langen, schlanken Beine waren von Lederhosen bedeckt, deren äußere Säume Silberplättchen zierten, in denen sich das Licht fing, wenn er sich bewegte. Die Silbersporen an seinen Stiefeln klirrten bei jedem seiner Schritte, und auf dem Kopf trug er einen schwarzen Stetson, den er tief in die Stirn gezogen hatte, aber nicht tief genug, um seine Augen zu verbergen.

Sie waren blaugrau, diese Augen, und blickten hart und abschätzend, als er auf dem Weg zur Eingangstür die Leute im Foyer betrachtete. Als spürte er Gefahr, oder als wollte er einfach nur darauf vorbereitet sein, falls sie eintraf, legte er eine Hand an den Mahagonigriff seines Revolvers.

Lin beobachtete, wie er an einer Frau, die das Foyer betrat, vorbeiging. Mit der freien Hand tippte er sich grüßend an den Hut und nickte ihr zu. Die Frau lächelte, sagte etwas zu ihm und ging dann weiter.

Wahrscheinlich einer der Gesetzeshüter dieser Stadt, dachte Lin erschaudernd. So gutaussehend er auch war, sie hätte ihn nicht verärgern mögen. Langsam drehte sie sich um und folgte dem Hotelpagen.

3

»Ich bin entzückt, Sie kennen zu lernen, Miss St. Croix«, sagte Eugenia. »Meine Tochter und ich wollten gerade eine Tasse Tee trinken. Möchten Sie uns nicht Gesellschaft leisten, bevor Sie sich Ihr Zimmer zeigen lassen?«

»Mit dem größten Vergnügen, Mrs. Braggette, ich danke Ihnen«, antwortete Belle. Ein letztes Mal schaute sie sich in der Halle um, weil sie vorher das Gefühl gehabt hatte, beobachtet zu werden, und folgte dann ihrer Gastgeberin zum Salon.

In der Tür blieb Eugenia stehen. »Bitte nennen Sie mich doch Eugenia, meine Liebe. Und darf ich Sie Belle nennen?«

Belle nickte. »Gern.« Es würde alles sehr vereinfachen, nicht ständig aufpassen zu müssen, ob man sie mit »Miss St. Croix« ansprach. Sie streifte ihre Handschuhe ab und steckte sie in das bestickte blaue Retikül an ihrem Handgelenk.

»Belle, das ist meine Tochter Teresa.« Eugenia strahlte vor Stolz. »Die Braut.« Sie wandte sich an ihre Tochter. »Teresa, das ist unser erster Gast, Belle St. Croix.«

Teresa erhob sich lächelnd.

»Hallo, Teresa«, meinte Belle. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und möchte mich bei Ihnen für Ihre Gastfreundschaft bedanken.«

»Das ist doch selbstverständlich«, erwiderte Eugenia. »Sie sind schließlich eine Freundin meiner Cousine Helene.«

»Ja, und Helene bedauert sehr, dass sie nicht selbst zur Hochzeit kommen konnte.« Belle nahm auf dem kleinen Sofa Platz, auf das Eugenia deutete. »Ist Ihr Verlobter auch da, Teresa?«

»Nein, er hatte etwas in der Stadt zu erledigen, aber er kommt vielleicht zum Dinner. Ich hörte, dass Sie ihn schon kennen?«

Belle lachte und hoffte, dass es nicht nervös klang. Dies war ihr erster Test. »Es ist schon einige Jahre her, dass wir uns begegnet sind, und ich bezweifle, dass er sich an mich erinnern wird.« Helene hatte ihr so viel von Jay Proschaud erzählt, wie sie selbst über ihn wusste, und das war nicht allzu viel. Hoffentlich durchschaute niemand diese kleine Lüge, weil nämlich sonst ihr Plan fehlschlagen würde, noch bevor sie ihn in die Tat umsetzen konnten.

»Es ist ja auch nicht wichtig. Wir freuen uns immer über Gäste, und ich bin sicher, dass meine Brüder nichts dagegen haben.« Teresa lächelte verschmitzt und reichte Belle eine Tasse Tee.

»Ihre Brüder?«, echote Belle, mit Betonung auf dem Plural. Sie wusste, dass Thomas Braggette vier Söhne hatte, aber Helene hatte gesagt, drei von ihnen seien jahrelang nicht mehr zu Hause gewesen und würden bestimmt auch nicht zur Hochzeit kommen. Belle hatte sich darauf verlassen, dass nur Trace Braggette in Shadows Noir sein würde. Sie bemühte sich zu lächeln. Helene hatte ja keine Ahnung. Es sah ganz so aus, als ob sie jetzt sogar noch mehr Leute täuschen müsste.

»Meine Söhne sind vor ein paar Jahren fortgegangen, um sich eine eigene Existenz aufzubauen«, erklärte Eugenia, »aber sie würden nie bei Teresas Hochzeit fehlen. Sie müssten jeden Augenblick hier eintreffen.«

»Wie schön.« Belles Lächeln drohte sich bei dem Gedanken, allen von Teresas Brüdern zu begegnen, in eine Grimasse zu verwandeln. Die Hochzeit war jedoch nicht das Thema, das sie bei den Braggettes ansprechen wollte. »Oh, es tut mir leid«, murmelte Belle, als erinnerte sie sich plötzlich. »Ich hätte es schon früher sagen sollen, aber bitte akzeptieren Sie mein tiefstes Mitgefühl zu Mr. Braggettes Tod.« Sie beobachtete beide Frauen scharf, um ihre Reaktion zu prüfen. »Ich hörte kurz vor meiner Abreise davon. Schrecklich, einfach furchtbar. Haben sie den Mörder schon gefasst?«

Mutter und Tochter wechselten einen vielsagenden Blick, bemerkte Belle, bevor Eugenia antwortete.

»Sie haben jemanden verhaftet.«

»Oh, das ist ja wunderbar!« Mit verschwörerischer Miene beugte sie sich vor. »Dann wissen Sie also, warum Mr. Braggette ermordet wurde?«

»Er hat bestimmt gelo...«

»Nein, leider nicht«, unterbrach Eugenia ihre Tochter, »und ich würde auch lieber nicht darüber reden.« Sie lächelte entschuldigend. »Ich bin sicher, Sie werden es verstehen, meine Liebe. Mein Mann war Senator und ein sehr mächtiger Mann. Er hat sich viele Feinde geschaffen im Laufe seines Lebens, aber darüber rede ich nicht gern. Teresas Hochzeit ist ein angenehmeres Thema, finden Sie nicht?«

»Ja, das ist es allerdings«, stimmte Belle zu, als sie merkte, dass weder Eugenia noch ihre Tochter sehr betroffen über Thomas Braggettes Ermordung zu sein schienen. Tatsächlich hätte sie sogar geschworen, dass Teresa etwas Abfälliges über ihren Vater hatte sagen wollen, als Eugenia sie unterbrochen hatte. Nachdenklich nippte Belle an ihrem Tee. War es möglich, dass es ihnen wirklich gleichgültig war, warum er ermordet worden war? Ein noch düstererer Gedanke kam ihr: Oder wussten sie erheblich mehr über seinen Tod, als alle anderen vermuteten? Sie verdrängte den Verdacht, um später darüber nachzudenken. »Nun, falls ich Ihnen in irgendeiner Weise bei den Hochzeitsvorbereitungen helfen kann, lassen Sie es mich bitte wissen.« Belle lächelte. »Ich liebe Hochzeiten.«

»Das wäre reizend, meine Liebe«, sagte Eugenia. »Ich bin sicher, dass wir Ihre Hilfe gebrauchen können, aber jetzt sollten wir Sie nicht länger aufhalten und Sie lieber in Ihr Zimmer gehen lassen. Ich bin sicher, dass Sie sich vor dem Dinner noch ein wenig ausruhen möchten.«

»Ja, vielen Dank«, erwiderte Belle und erhob sich. »Werden wir nur zu dritt beim Essen sein?« Sie schaute sich noch einmal nach Teresa um, als Eugenia sie hinausbegleitete. »Oder zu viert, falls Teresas Verlobter mit uns isst?«

»Trace, mein ältester Sohn, wird uns ebenfalls Gesellschaft leisten«, erwiderte Eugenia. »Es tut mir leid, dass er nicht da war, um Sie zu begrüßen, aber er ist seit dem Tode seines Vaters sehr beschäftigt, weil er sich um alles kümmern muss.«

»Ich verstehe«, erklärte Belle. »Meine Mutter ist vor ein paar Jahren auch gestorben.«

»Das tut mir leid, meine Liebe«, versicherte Eugenia und berührte Belle am Arm. »Lebt Ihr Vater noch?«

Belle lächelte. »Ja, aber er ist sehr häufig fort.« Vor allem jetzt, wo er im Gefängnis sitzt, dachte sie bitter.

Zanenne betrat wie auf ein stummes Klingeln hin aus einem anderen Gang die Halle.

»Oh, Zanenne, gut, dass du kommst!«, meinte Eugenia. »Bitte führ Miss St. Croix zu ihrem Zimmer und sorg dafür, dass sie alles hat, um sich bei uns wohl zu fühlen.«

»Ja, Mrs. Braggette«, sagte Zanenne.

Belle folgte der Haushälterin die Treppe hinauf und dann über einen langen eleganten Korridor, dessen Wände oben mit französischer Seide tapeziert und darunter mit poliertem Kirschbaumholz verkleidet waren. Sie passierten zwei Türen, und Belle wurde in das Zimmer hinter der dritten Tür geführt. Es war ganz in verschiedenen Elfenbeintönen gehalten, die durch blaue Accessoires ein wenig aufgelockert wurden.

Zanenne durchquerte das Zimmer und zog die schweren blauen Damastvorhänge an den beiden großen Fenstern zurück. Dann öffnete sie beide. »Wir wollen doch etwas frische Luft hereinlassen«, meinte sie und öffnete auch die Schiebetüren, die, wenn sie geschlossen waren, die Wand unter den Fenstern bildeten. »Bujo wird Ihnen Ihr Gepäck heraufbringen.«

Noch bevor sie ausgesprochen hatte, erschien ein Mann in der Tür zum Schlafzimmer, zwei von Belles Taschen unter einem seiner muskulösen Arme und die dritte in der Hand. Belles erster Eindruck von ihm war quadratisch. Sein Nacken und seine Schultern waren ungeheuer breit – sein Kopf war mehr wie ein großes Viereck als wie ein Oval –, er hatte ein breites, grobes Gesicht, und seine Haut war schwärzer als eine mondlose Nacht. Der graue Rock und die Hosen, die er trug, ganz zu schweigen von seinem weißen Hemd, spannten sich um seinen muskulösen Körper. Er lächelte, als er Belles Blick begegnete, und blendendweiße Zähne hellten seine dunklen Züge auf.

»Sie sind Bujo, nehme ich an«, sagte sie und lachte leise.

Der Mann nickte, und seine Augen funkelten vergnügt. »Ja, Missy. Bujo, das bin ich.«

»Leg die Taschen auf das Bett, und sieh zu, dass du hier fertig wirst«, befahl Zanenne.

»Ja, Granma«, antwortete Bujo, noch immer lächelnd, und tat, wie sie ihn geheißen hatte.

»Und jetzt geh«, brummte Zanenne, »und merk dir für das nächste Mal, dass ich hier im Herrenhaus nicht deine Oma bin.«

»Ja, Granma.« Wieder lächelte er. »Ich meinte, ja, Ma’am.«

»Hm!«

Zanenne begann prompt, Belles Kleider auszupacken und sie in den großen Schrank an der einen Wand zu hängen.

Belle nahm einen Fächer aus ihrem Retikül und trat an eins der offenen Fenster. Sie raffte ihre Röcke, um mit dem breiten Reifrock durch die schmale Tür zu passen, und trat auf den Balkon hinaus. Die Landschaft hier in Shadows Noir war ähnlich wie auf ihrer eigenen Plantage, und dennoch war sie völlig anders. Riesige alte Eichen standen auf dem Gelände verteilt, von deren knorrigen Ästen Vorhänge aus Spanischem Moos herunterhingen. Ein gepflegter Rosengarten befand sich auf einer Seite des großen Hauses, und in der Ferne erstreckten sich endlos weite Baumwollfelder bis zum Horizont. All das konnte sie auch von ihrem eigenen Zimmer zu Hause sehen, aber irgendwie waren die Eichen hier größer und knorriger, die Felder weiter und das Moos dichter und üppiger. In Natchez war das Gelände hügelig, hier war es flacher.

Eine Bewegung auf einem Pfad neben dem Garten erregte plötzlich ihre Neugier. Rasch zog sie sich in den Schatten einer Säule zurück und spähte vorsichtig hinunter. Ein Mann näherte sich dem Haus, der offenbar aus einem Schuppen auf der anderen Gartenseite kam. Er machte lange Schritte, und seine Haltung strahlte Autorität und Selbstvertrauen aus. Sein welliges schwarzes Haar glänzte in der Nachmittagssonne, es war gut geschnitten und gepflegt, genau wie der graue Rock, der seine breiten Schultern und seine schmalen Hüften betonte. Belles Blick wanderte an ihm hinunter. Seine langen Beine steckten in graugestreiften Hosen, die festgehalten wurden von sous-pieds, die unter dem Spann seiner schwarzen Stiefel befestigt waren. Sie schaute wieder zu seinem Gesicht auf, als er näherkam. Belle musste zugeben, dass es eins der attraktivsten war, die sie je gesehen hatte. Er hatte vornehme, markante Züge, hohe Wangenknochen und dichte, rabenschwarze Augenbrauen. Selbst aus der Ferne konnte sie sehen, dass ein harter Zug um sein Kinn lag und eine steile Falte zwischen seinen Brauen.

»Und wer magst du wohl sein, du Unglücklicher?«, murmelte Belle leise vor sich hin.

»Das ist Michie Trace«, sagte Zanenne hinter ihr.

Belle fuhr herum, weil ihr nicht bewusst gewesen war, dass sie laut gesprochen hatte. »Zanenne, ich wusste nicht, dass Sie noch da sind.« Sie zwang sich zu einem leichten Lachen. »Er sieht sehr verärgert aus. Ich hoffe, es ist nichts passiert.«

»Michie Trace hat viel zu bedenken«, erwiderte Zanenne ausweichend. Dann verschränkte sie die Hände vor der Taille. »Ich habe Ihre Sachen eingeräumt, Miss St. Croix, und gehe jetzt. Möchten Sie sonst noch irgendetwas? Etwas Kaffee oder Tee vielleicht? Oder Limonade?«

Belle folgte der Frau ins Schlafzimmer zurück. »Nein, vielen Dank, ich brauche nichts, Zanenne. Ich glaube, ich lege mich hin und ruhe mich ein wenig aus.«

»Das Dinner ist um sieben«, erklärte Zanenne, »aber Mrs. Braggette trinkt vor dem Abendessen gern noch einen Sherry im Salon.«

Belle nickte.

»Möchten Sie, dass ich Ihnen beim Entkleiden helfe?«

»Oh, nein, das ist nicht nötig. Ich schaffe es schon, vielen Dank.« Was sie wirklich wollte, war eine Möglichkeit, die anderen Zimmer in diesem Stockwerk zu durchsuchen, aber sie wusste, dass sie es noch nicht versuchen durfte. Nicht bevor sie nicht herausgefunden hatte, wie viele Leute in diesem Hause lebten und welche Zimmer sie bewohnten. Bisher wusste sie nur, dass Mrs. Braggette, Teresa und Trace hier wohnten. Aber gab es überhaupt noch andere?

Zanenne öffnete die Tür zum Korridor. »Wenn Sie möchten, schicke ich Clarissa später hinauf, damit sie Ihnen beim Ankleiden vor dem Dinner hilft.«

Belle nickte und begann die Knöpfe zu lösen, die das Mieder ihres Kleides zusammenhielten. Noch einmal blickte sie sich zum offenen Fenster und dem angrenzenden Balkon um. Wenn sie so tat, als ginge sie spazieren, konnte sie vielleicht durch die Fenster der anderen Zimmer sehen, ob sie bewohnt waren ... Rasch knöpfte sie ihr Mieder wieder zu, trat auf den Balkon hinaus – und stieß mit etwas zusammen, das sich wie eine Wand aus Stahl anfühlte.

Trace packte Belles Schultern, um sie zu stützen, damit sie das Gleichgewicht nicht verlor, denn sie taumelte und der breite Reifrock unter ihrem Kleid schwankte wild hin und her. »Verzeihung.« Seine tiefe Stimme war wie warmer Honig: weich und ungemein verlockend.

Belle schaute zu ihm auf. Sein Verhalten und seine Kleidung waren tadellos, aber es lag weder Wärme noch ein Willkommensgruß in diesen kühlen graublauen Augen, die auf sie herabstarrten, und auch nicht in der steifen Haltung seines schlanken Körpers.

Kaum hatte sie ihr Gleichgewicht zurückgewonnen, gab Trace ihre Hände frei und trat zurück. »Sie müssen unser eben angekommener Gast sein. Miss St. Croix, vermute ich?«

Lächelnd reichte sie ihm die Hand. »Ja, Belle St. Croix. Und Sie sind vermutlich Trace Braggette.«

Seine Finger schlossen sich um ihre, und er zog ihre Hand an seine Lippen und streifte mit ihnen flüchtig ihren Handrücken, aber ihr Lächeln wurde nicht erwidert.

Belle beobachtete ihn neugierig. Seine Nähe bestätigte ihren ersten Eindruck: Er war vermutlich einer der bestaussehenden Männer, die sie je gesehen hatte, aber auch einer der kältesten. Oder war es vielleicht nur Arroganz, die ihm diese Aura kühler Indifferenz verlieh? »Sie haben eine schöne Plantage, Mr. Braggette«, sagte sie, um ein Gespräch zu beginnen und dabei vielleicht etwas über ihn zu erfahren. »Ihre Mutter erzählte mir, Sie kümmerten sich schon seit geraumer Zeit um die Geschäfte, da Ihr Vater sich lieber mit Politik beschäftigt hat, und ich kann Sie nur beglückwünschen. Es ist eine der schönsten Plantagen, die ich je gesehen habe. Haben Sie Ihre eigene Baumwollspinnerei hier?«

»Ja.« Trace verbeugte sich. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, Miss St. Croix, ich habe noch etwas zu erledigen.«

»Oh.« Verblüfft hob sie die Brauen. Belle war es nicht gewöhnt, dass Männer ihre Gesellschaft scheuten, und fand es sehr beunruhigend. Ungeachtet der Tatsache, dass sie Trace bereits verdächtigte, etwas mit der Ermordung seines Vaters und den falschen Beschuldigungen gegen ihren eigenen zu tun zu haben.

Nachdenklich schaute sie ihm nach, als er den Balkon hinunterging und durch eine offene Tür im Haus verschwand. Bereits nach dieser ersten Begegnung war sie sich ziemlich sicher, dass Trace Braggette kein Mann war, an den leicht heranzukommen war.

Trace betrat sein Schlafzimmer und ging direkt zur Waschkommode. Er griff nach seiner Brieftasche und steckte sie in die Brusttasche seines Rocks, wandte sich erneut zum Fenster um und hielt dann inne. Nein, so nicht. Sie war vielleicht noch draußen, und er hatte kein Verlangen, ihr schon wieder zu begegnen. Er hasste Frauen, die flirteten und schwatzten, um das Interesse eines Mannes wachzuhalten. Und deshalb wandte er sich zur Tür, die auf den Korridor führte. Er würde die Haupttreppe hinuntergehen. Seine Gedanken kehrten zurück zu Belle St. Croix. Das musste man sich einmal vorstellen – eine Frau, die ihn nach einer Spinnerei ausfragte! Lächerlich!

Er schaffte es, in weniger als einer Stunde zu den Callahans zu gelangen, und nach ein bisschen Handeln kaufte er dem alten Mann seinen berühmten Zuchthengst ab. Die Sonne versank bereits langsam am Horizont, als er in die heimische Scheune ritt und nach den Stallburschen rief, damit sie ihm die Pferde abnahmen. Er übergab die Tiere Bujo, der fast beim ersten Rufen erschienen war, und ging zum Haus hinüber.

Der verlockende Duft von Zanennes Gumbo kam aus der Küche, einem kleinen Backsteingebäude gleich hinter dem Herrenhaus, und vermischte sich mit dem süßen Duft der Jasminblüten, die sich erst jetzt zu öffnen begannen, während die Rosen ihre Knospen schlossen: Die verführerischen Düfte aus der Küche erinnerten Trace daran, dass er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Wieder prüfte er den Stand der Sonne. Wenn er sich beeilte, blieb ihm noch genügend Zeit, hinaufzugehen, sich zu waschen und umzuziehen, bevor seine Mutter ihn zu ihrem allabendlichen Sherry im Salon erwartete.

Er schaute rasch an sich hinab. Ja, es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich umzuziehen. Sein Hemd war schmutzig, und er roch nach Tabak, Leder und Pferden. Er begann sein Hemd aufzuknöpfen und hielt dann wieder inne. Sie hatten einen Gast. Rasch befestigte er die Knöpfe wieder und band die graue Krawatte, die lose um seinen Nacken hing, seit er die Callahans verlassen hatte. Trace seufzte und wischte sich eine Schweißperle von der Stirn. Wer immer auch verantwortlich sein mochte für die Kleiderordnung, er musste ein Sadist sein, vor allem, wenn er schon einmal in Louisiana gelebt hatte, wenn es nicht gerade Winter war. Er hörte Frauenstimmen aus dem Salon, als er das Haus betrat, ignorierte sie aber und ging weiter zur Treppe.

Trace öffnete die Tür zu seinem Zimmer im selben Augenblick, in dem er Belle St. Croix über ihre Schwelle treten sah.

Sie wandte sich zur Treppe, ohne zu bemerken, dass Trace sie beobachtete, wie sie über den Korridor ging. Sie mochte zwar für seinen Geschmack ein bisschen zu forsch und vorlaut sein, aber sie war mit Sicherheit eine der schönsten Frauen, die er je gesehen hatte.

»Trace, wir dachten schon, du kämst nicht mehr«, sagte Eugenia. Ihre Worte klangen vorwurfsvoll, aber ihr Lächeln strafte ihre Strenge Lügen.

»Entschuldigung, Mama.« Er küsste ihre Wange. »Ich war zu den Callahans hinübergeritten, um Demon zurückzukaufen, und musste zweimal hin- und herreiten.«

»Vater hatte kein Recht, dein Pferd zu verkau...«

»Ich habe ihn ja wieder«, erwiderte Trace knapp und schnitt seiner Schwester damit das Wort ab.

»Trotzdem ...«, begann sie, verstummte jedoch abrupt, als sie den ärgerlichen Blick sah, den Trace ihr zuwarf.

»Trace«, meinte Eugenia, »ich möchte dir unseren Gast vorstellen, Miss Belle St. Croix.«

Er wandte sich zu Belle um, die Mrs. Braggette gegenüber auf einem Sofa saß. »Wir kennen uns bereits, Mama.« Er verbeugte sich leicht und lächelte. »Guten Abend, Miss St. Croix.«

»Guten Abend, Mr. Braggette«, antwortete Belle. Trace zuliebe hatte sie sich große Mühe mit ihrer Toilette gegeben und sich so hübsch wie möglich für ihn zurechtgemacht. Ihr elfenbeinfarbenes Seidenkleid war an den Ärmeln und an der Hüfte mit kostbarer Spitze besetzt, und den tiefen Ausschnitt ihres Mieders zierten echte Perlen und eine kunstvolle Stickerei aus grünen Ranken.

Trace lächelte, aber wie zuvor schon entdeckte Belle auch diesmal keine Wärme in seinem Gesicht. »Willkommen auf Shadows Noir.«

Sie nickte lächelnd. »Ihre Mutter erzählte mir gerade, dass Shadows Noir über fünftausend Hektar Land besitzt und Sie hauptsächlich Baumwolle und Tabak anpflanzen.«

Trace schenkte sich ein Glas Sherry ein und trat an den Kamin. »Ja, das stimmt.« Er stellte einen Fuß auf den jetzt kalten Boden und legte einen Arm auf den Kaminsims, während er sie betrachtete.

»Und dass Sie sich neben der Leitung der Plantage früher auch mit Politik befasst haben – wie Ihr Vater.«

»Ja, bis ich feststellte, dass ich seine ... nun ja, nennen wir es natürliche Begabung, dort etwas zu erreichen, nicht geerbt habe.« Seine kühlen grauen Augen blickten sie prüfend an. Die Leitung einer Plantage und Politik waren ungewöhnliche Gesprächsthemen für eine Frau, vor allem für so eine schöne Frau, und dass sie sie wählte, weckte seine Neugier.

»Oh?« Belle warf ihrer Gastgeberin einen raschen Blick zu, aber Eugenia schien den leisen Sarkasmus in der Stimme ihres Sohnes nicht bemerkt zu haben. »Ich dachte, Ehrlichkeit und Sendungsbewusstsein genügten, um ein Politiker zu sein.«

»Ich fürchte, es erfordert sehr viel mehr als das, Miss St. Croix«, entgegnete Trace. »Hinterhältigkeit, Rücksichtslosigkeit und vor allem einen unstillbaren Machthunger.« Seine Züge verhärteten sich, als er daran zurückdachte, wie sein Vater seine politische Karriere ruiniert hatte. Es war Thomas Braggette gewesen, der sich hatte bestechen lassen und einem Mörder zur Flucht verholfen hatte. Und es war Myra Devereaux gewesen, Trace’ Verlobte, die von demselben Mörder umgebracht worden war, als er ihr auf seiner Flucht aus der Stadt begegnet war und ihr das Pferd, das Geld und das Leben genommen hatte. Aber es war Trace gewesen, der beschuldigt worden war, Bestechungsgelder angenommen und die Flucht des Mannes arrangiert zu haben, und es war wiederum Trace gewesen, dem die Leute die Schuld an Myras Tod gegeben hatten, obwohl er an jenem Tag, an dem sie gestorben war, auch selbst gestorben war, zumindest innerlich.

Belle sah die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, und fragte sich, was sie ausgelöst haben mochte. »Nun ja, ich gebe zu, dass ich es so noch nie betrachtet habe.«

»Das tun die meisten Leute nicht.«

Belle beschloss, dass es vielleicht ratsamer war, das Thema zu wechseln. »Mr. Braggette, verzeihen Sie mir bitte, dass ich Ihnen nicht vorhin schon mein Beileid ausgesprochen habe. Es tut mir leid mit Ihrem Vater. Sein Tod muss schrecklich für Sie gewesen sein.«

Ein Lächeln, das mehr eine Grimasse war, erschien auf seinen Lippen. »Danke, Miss St. Croix. Ich weiß Ihr Mitgefühl zu schätzen, aber es ist völlig überflüssig.«

Die Worte hingen wie eine kalte Wolke in der Luft, und zum ersten Mal in ihrem Leben wusste Belle nicht, was sie antworten sollte.

Zanenne erschien in der Tür. »Es ist gedeckt, Missus.«

Eugenia erhob sich, offensichtlich froh über die Unterbrechung, und nahm den Arm, den Trace ihr anbot.

»Meine Damen«, sagte er und bedeutete Belle und Teresa, ihnen zu folgen.

Ein Klopfen ertönte an der Haustür, als die kleine Prozession schon halb das Foyer durchquert hatte. Sie alle blieben stehen und schauten sich zur Tür um.

Teresa ging hinüber, um zu öffnen. »Es ist Jay«, rief sie und schwang die Tür weit auf.

Ein großer, dünner Mann trat ein. Sein dunkelbraunes Haar, das weder glatt noch wellig war, schimmerte im Kerzenschein des großen Kronleuchters. Seine braunen Augen mit den bernsteinfarbenen Flecken glitten rasch zu den anderen im Foyer hinüber und verweilten ein bisschen länger auf Belle als auf den anderen.

Sie verspürte eine sofortige Abneigung gegen Teresas Verlobten, obwohl sie sich beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen konnte, da sie ihm in Wirklichkeit ja nie zuvor begegnet war. Jay Proschaud war nicht auffallend attraktiv wie Trace Braggette. Eigentlich war er überhaupt kein gutaussehender Mann. Sein Körper konnte nur als schlaksig bezeichnet werden, und seine Gesichtszüge waren ausgeprägt, aber irgendwie zu glatt. Er hatte hohe Wangenknochen, eine lange Nase, dünne Lippen und die bronzefarbene Haut eines Kreolen.

Belles Blick glitt zu Teresa. Das Mädchen war ausgesprochen hübsch und würde sicher eines Tages eine schöne Frau werden. Sie hätte etwas Besseres haben können als Jay Proschaud, zumindest was sein Aussehen betraf. Aber andererseits wusste Belle nur allzu gut, dass Aussehen nicht wichtig war, wenn man verliebt war. Erinnerungen an John bestürmten sie, und obwohl sie sie noch immer sehr betrübten, trieben sie ihr nicht mehr die Tränen in die Augen. Es war zwei Jahre her, seit der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens hatte verbringen wollen, gestorben war, aber wann immer sie jetzt an ihn dachte, was zugegebenermaßen nicht so häufig war, wie es vielleicht hätte sein sollen, fiel es ihr schwer, sich seine Züge in Erinnerung zu rufen.

Jay küsste Teresas Wange. »Verzeih bitte die Verspätung. Du dachtest wohl, ich käme nicht mehr, nicht wahr?«

Teresa schaute lächelnd zu ihm auf. »Ich hatte dich schon aufgegeben und mich damit abgefunden, dass du noch beschäftigt bist. Aber ich bin froh, dass du doch gekommen bist. Komm, wir wollten uns gerade zum Essen hinsetzen.«

»Gut, ich bin nämlich hungrig wie ein Wolf.«

»Oh, Jay, fast hätte ich es vergessen. Wir haben einen Gast«, erzählte Teresa. Sie blieben vor Belle stehen. »Miss Belle St. Croix – mein Verlobter, Jay Proschaud.«

Belle lächelte. Dieser kleine Test war schneller gekommen als erwartet. »Guten Abend, Mr. Proschaud. Wir sind uns schon begegnet, aber das ist lange her und war nur kurz, so dass Sie sich sicher nicht mehr an mich erinnern werden.«

Jay lächelte, aber sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er sie nicht einzuordnen wusste. »Es tut mir leid, Miss St.

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