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Winter zauber

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Nur noch ein paar Minuten – zehn, dann fünf – und sie würden Venedig erreichen, die Stadt, in die Sonia nie wieder einen Fuß setzen wollte. Als der Zug über die Lagune rumpelte, weigerte sie sich, aus dem Fenster zu schauen. Sie wusste, was sie als Erstes sehen würde: blaues Wasser, funkelnd unter der Sonne, dann die Dächer und vergoldeten Kuppeln, wie sie langsam aus dem Dunst am Horizont aufstiegen. Es war ein perfektes Bild, magisch, ein Bild, das jedes Herz schneller schlagen ließ. Sonia wollte es nicht sehen.

Venedig, bezauberndste Stadt Italiens, der ganzen Welt. Schon einmal war Sonia ihrem romantischen Charme erlegen und schließlich geflohen, als das Unglück sich nicht mehr abwenden ließ. Venedig hatte ihr den Kopf verdreht, sie sorglos gemacht, sonst wäre sie nie in Versuchung geraten, sich mit Francesco Bartini einzulassen. Die Ehe hatte in einem Fiasko und mit Sonias Schwur geendet, sich nie wieder von Francesco und der wunderschönen Umgebung, wo sie sich kennengelernt hatten, verführen zu lassen.

Sie wehrte sich gegen die Erinnerungen, und doch tauchten Bilder aus jener ersten, glücklichen Zeit vor ihrem inneren Auge auf. Francesco – lächelnd, locker und gewinnend. Man hätte ihn nicht ohne weiteres als gut aussehend bezeichnen können – dafür waren seine Züge nicht ebenmäßig genug, die Nase zu lang, der Mund zu breit. Aber seine dunklen Augen verrieten Humor, sein Lächeln ließ die Sonne aufgehen, und wenn er lachte, war er einfach unwiderstehlich. Ein hinreißender Mann, im wahrsten Sinne des Wortes! Sonia geriet schnell in seinen Bann, fasziniert von dem Tempo, in dem er um sie warb. Er war verliebt und bewies es ihr immer wieder, als hätte er nur auf ihr Erscheinen gewartet, um in ihr die große Liebe seines Lebens zu erkennen.

“Aber es ist wahr”, hatte er einmal gesagt. “Warum noch länger warten, wenn man die Richtige gefunden hat?”

Seine unumstößliche Sicherheit hatte Sonia letztendlich dazu gebracht, ihm zu glauben. Aber auch Venedig hatte seine Hand im Spiel, hüllte sie in süße Romantik, bis sie eine Urlaubsromanze für die ewige Liebe hielt. Und das würde sie Venedig niemals verzeihen.

Warum aber kehrte sie nun zurück?

Weil Tomaso, ihr Schwiegervater, förmlich um diesen Besuch gebettelt hatte. Sonia mochte den hitzköpfigen kleinen Mann. Selbst in den schlechten Tagen ihrer Ehe hatte er ihr immer wieder gezeigt, wie gern er sie hatte und wie sehr er sie schätzte. Als sie fortging, weinte er. “Bitte, Sonia, geh nicht. Ich flehe dich an – ti prego.”

Offiziell kehrte sie nur für eine Stippvisite nach England zurück, um sich über ihre Gefühle klar zu werden. Aber sie hatte niemanden täuschen können, besonders Tomaso nicht. Er wusste, sie würde nicht wiederkommen.

Er hatte zu ihr gehalten, sie angefleht zu bleiben, während seine Frau Giovanna ihn verächtlich musterte. Wen interessiert es, wenn diese dumme Engländerin fortgeht?, besagte ihr Blick. Für Giovanna war die ganze Sache von Anfang an ein Fehler gewesen, und Gott sei Dank hatte Francesco es endlich erkannt.

Tomaso schämte sich seiner Tränen nicht, und Sonia hatte mit ihm geweint. Dennoch war sie gegangen. Sie hatte es tun müssen. Nun jedoch war sie zurück, denn Tomaso hatte sie inständig darum gebeten.

“Giovanna ist sehr krank”, hatte er gesagt, als er in ihrem Apartment in London auftauchte. “Sie weiß, sie hat dich sehr schlecht behandelt, und es lastet auf ihr. Komm nach Haus und lass sie ihren Frieden mit dir machen.”

“Nicht nach Haus, Poppa. Für mich war es nie ein Zuhause.”

“Aber wir haben dich alle geliebt.”

Er hat recht, dachte sie. Mit einer Ausnahme hatten alle sie mit Zuwendung überhäuft: Francescos Schwägerin, seine drei Brüder, seine Tanten, seine Onkel, die unzähligen Cousinen – alle hatten sie mit einem Lächeln und offenen Armen willkommen geheißen. Nur Giovanna, seine Mutter, war ihr gegenüber von Anfang an negativ eingestellt und misstrauisch gewesen.

Warum kehrte sie jetzt zurück? Es war kurz vor Weihnachten, Reisen um diese Jahreszeit konnten zum Albtraum werden. Noch schlimmer, sie würde Francesco wieder sehen müssen. Was hatten sie sich nach diesem letzten schrecklichen Treffen überhaupt noch zu sagen? Er war ihr nach London gefolgt, ein letzter Versuch, ihre Ehe zu retten. Es gelang ihm nicht, und er war zutiefst verbittert gewesen.

“Ich werde dich nicht mehr bitten”, hatte er gezürnt. “Ich dachte, ich könnte dich überzeugen, unsere Liebe zu retten – aber was weißt du schon von der Liebe?”

“Ich weiß nur, unsere war ein Fehler”, erklärte sie unter Tränen. “Wenn es überhaupt Liebe war. Manchmal denke ich, wir hatten es mit einer hübschen Illusion zu tun.”

Sonia erinnerte sich noch gut an sein bitteres Lachen. “Wie schnell du Liebe als Unsinn abtust, sobald es dir in den Kram passt. Es war dumm von mir zu glauben, dass du das Herz einer Frau hast. Du willst nichts mehr von mir wissen? Na schön, ich will auch nichts mehr von dir wissen. Es ist vorbei.”

So hatte sie ihn noch nie erlebt. Sicher, er war oft zornig gewesen in ihrer kurzen Ehe, das lag an seinem südländischen Temperament. Aber so schnell wie der Zorn aufgeflammt war, war er auch wieder verraucht. Diese kalte, entschlossene Zurückweisung hingegen war etwas völlig Neues. Eigentlich hätte sie froh sein sollen, dass er ihre Entscheidung akzeptierte, stattdessen war sie unerklärlich verzweifelt gewesen.

Sie hatte versucht, vernünftig zu sein. Hatte sich gesagt, das war’s, Zeit für einen Schlussstrich.

Der nächste Morgen belehrte sie eines Besseren. Die ungewohnte Übelkeit kurz nach dem Aufwachen versetzte sie in Panik. Ein Test bestätigte den schockierenden Verdacht. Sie trug Francescos Kind unter dem Herzen, und sie hatte es erfahren, einen Tag nachdem er wütend verkündet hatte, nichts mehr von ihr wissen zu wollen.

Immer wieder hörte sie diese Worte. Sie hörte sie jedes Mal, wenn sie nach dem Hörer griff, um ihm von dem Kind zu erzählen. Und jedes Mal zog sie die Hand wieder zurück, bis sie schließlich gar nicht mehr versuchte, ihn anzurufen.

So hatte Tomaso sie mit großen Augen angestarrt, als er sie in London besuchte und ihren Zustand erkannte.

“Du erwartest ein Kind von ihm, und er weiß es nicht einmal?”

Es rührte ihr Herz, dass er nicht einmal daran dachte, das Kind könnte von einem anderen Mann als Francesco sein. Aber Tomaso hat immer nur das Beste von mir gedacht, erinnerte sie sich. Deshalb fiel es ihr schwer, ihm seine Bitte abzuschlagen.

“Wie kann ich jetzt zurückgehen?”, fragte sie und deutete auf ihren Bauch. “Wenn Francesco mich so sieht, wühlen wir etwas auf, was besser vergessen bleiben sollte.”

“Sei unbesorgt”, versicherte ihr Tomaso. “Francesco macht gerade einer anderen den Hof.”

Sonia verdrängte rasch die feine innere Stimme, die ihr zurief: So schnell schon? Schließlich hatte sie ihn doch verlassen und nicht umgekehrt, oder? Er war ein warmherziger Mann, der nicht lange allein sein würde. Sie hatte kein Recht, sich zu beschweren.

Aber sie bestand darauf, dass Francesco vorgewarnt wurde. Tomaso griff zum Telefon und hatte bald seinen Sohn am Apparat. Sonia verstand kein Wort der Unterhaltung, weil sie Venezianisch, vorgebracht in rasendem Tempo, nie richtig gelernt hatte. Schließlich legte Tomaso auf und verkündete: “Kein Problem. Francesco sagt, es ist dein Kind. Er wird sich nicht einmischen.”

“Das ist gut.” Sonia bemühte sich um einen fröhlichen Tonfall. Es war doch genau das, was sie wollte. Wenn er nicht an seinem eigenen Kind interessiert war, dann sollte es ihr recht sein.

Aufgrund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft wollte sie nicht fliegen, und sie buchten eine Zugfahrt nach Venedig. Wie es der Zufall wollte, war sie auch damals auf diesem Weg nach Venedig gekommen, weil sie sich zu spät um ein Flugticket gekümmert hatte.

Tomaso warf ihr einen Blick zu, als sie sich setzte, anstatt einen Blick aus dem Fenster zu werfen. “Willst du nicht sehen, wie Venedig dich nach so langer Zeit willkommen heißt?”

“Oh, Poppa, das ist doch albern”, protestierte Sonia, lächelte aber dabei, um ihren Worten die Schärfe zu nehmen. “Venedig gaukelt dem Betrachter hübsche Trugbilder vor, und ich habe den Fehler begangen, sie für Realität zu halten.”

“Und nun begehst du den Fehler, der Stadt ihre Schönheit übel zu nehmen.”

“Ich hatte mich in sie verliebt und wurde enttäuscht.”

Er antwortete nicht, sah sie aber traurig an.

“Also gut, ich schaue einmal hinaus”, sagte sie, um ihm einen Gefallen zu tun.

Sonia erlebte eine Überraschung. Wo war der Zauber, das langsame Auftauchen der vom Sonnenlicht beschienenen goldenen Kuppeln? Wie hatte sie vergessen können, dass es Ende Dezember war? Auf dem Meer waberte grauer Dunst, hüllte die Stadt wie in Watte ein. Als sie sich dann langsam aus dem Dunst schälte, zögernd, so schien es Sonia, bot sie einen düsteren, schwermütigen Anblick, der ihre eigenen Gefühle widerspiegelte.

Als sie den Bahnhof verließen, wappnete Sonia sich gegen den Anblick des Canale Grande. Eine breite Treppe führte hinunter ans Wasser und lenkte von dort den Blick auf die beeindruckende Kirche San Simeone Piccolo. Als Sonia sie damals, vor drei Jahren, zum ersten Mal sah, hatte es ihr den Atem verschlagen. Das zweite Mal, ein paar Wochen später, barg noch mehr Romantik. Sie hatte in einer Gondel gesessen, die sie zu ihrer Trauung brachte. Sonia schluckte und wandte die Augen ab.

Tomaso hatte bereits ein Motoscafi, ein Bootstaxi, herbeigerufen und reichte ihr die Hand, damit sie sicher einsteigen konnte. Ihr Gepäck war rasch verstaut, und Tomaso nannte dem Bootsführer den Namen ihres Hotels.

Natürlich konnte er nicht wissen, dass sie bereits bei ihrem ersten Aufenthalt im Cornucopia abgestiegen war. Aber das spielte keine Rolle. Sie würde das Cornucopia betreten und die Geister der Vergangenheit vertreiben.

Das Tuckern des Motors verursachte ihr leichte Übelkeit, so schaute sie nicht auf die vorbeigleitenden Paläste und Hotels. Aber nur zu gut erinnerte sie sich, und auch an jeden noch so kleinen Rio, wie die Seitenkanäle genannt wurden: Rio della Pergola, Rio della due Torri, Rio di Noale, und jeder trug sie dichter an das Cornucopia heran, bis es schließlich in Sicht kam.

Das Cornucopia, einst ein Palast, hatte früher eine venezianische Adelsfamilie beherbergt, bevor es in ein Hotel umgewandelt und dabei sein alter Glanz wiederhergestellt worden war.

Ein zuvorkommender Page führte Sonia und Tomaso in den zweiten Stock, wo Tomaso für seinen Gast aus England eine komfortable Suite hatte reservieren lassen.

“Du siehst müde aus”, sagte Tomaso. “Du solltest dich nach der langen Reise ausruhen. Ich lasse dich jetzt allein und rufe in ein paar Stunden an, damit du Giovanna besuchen kannst.”

Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und verließ sie. Sonia war froh, endlich allein zu sein, sich den Staub der Reise abspülen und anschließend aufs Bett sinken zu können.

Sie schaute sich um. Welch ein Unterschied zu damals!

Anlässlich der Messe waren Hotels und andere Unterkünfte ausgebucht, und Sonia bekam nur ein Kämmerchen unter dem Dach des Gebäudes.

Der Raum war winzig gewesen. Aber er hatte ein eigenes Badezimmer, und so ging sie nach der langen Reise gleich unter die Dusche. Es war ihre erste Reise nach Venedig, beruflich bedingt. Nachdem sie sich erfrischt hatte, ließ sie achtlos das Handtuch fallen. Hier oben konnten sie nur die Vögel sehen. Wohlig streckte sie die Arme in den breiten Sonnenstrahl, der durchs Fenster hereinfiel.

Die Tür öffnete sich, und ein junger Mann kam herein.

Sie war völlig nackt, und ihre Haltung unterstrich nur noch ihren perfekten Körper, die langen Beine, die schmale Taille und vollen Brüste. Und der unerwartete Besucher stand nicht einmal zwei Meter von ihr entfernt.

Eine kleine Ewigkeit lang starrten sie sich an, keiner bewegte sich.

Dann errötete er. Selbst jetzt noch musste sie lächeln bei dem Gedanken, dass er rot geworden war.

Scusi, signorina, scusi, scusi …” Er wich hastig zurück und schloss die Tür hinter sich.

Sie starrte auf die Tür, hatte aber noch immer sein faszinierendes Gesicht vor Augen, das alles andere um sie herum ausblendete. Dann erst erinnerte sie sich, entrüstet zu sein.

Sie stieß einen schrillen Laut aus, wickelte sich in ihr Badelaken und raste zur Tür. Im Korridor sah sie einen großen Stapel Kartons, zwei kräftige Arbeiter und den jungen Mann. “Wieso platzen Sie einfach in mein Zimmer?”, fuhr sie ihn an.

“Aber es ist mein Zimmer”, verteidigte er sich. “Zumindest war es das bislang – ich wusste nicht, dass Sie dort wohnen. Wenn man es mir gesagt hätte …” Sein dunkler Blick flog über ihren Körper. “… wäre ich doppelt so schnell hier gewesen …”

Sie verzog den Mund, hatte Mühe ärgerlich zu bleiben. Sein Kompliment beeindruckte sie nicht weniger als der Ausdruck in seinen Augen, der noch mehr als das Kompliment verriet.

Das Badelaken rutschte. Beiden Arbeitern drohten die Augen aus dem Kopf zu fallen. Der junge Mann herrschte sie an, und sie verschwanden hastig.

“Ich ziehe mich rasch an”, rettete sie sich aus der Verlegenheit, eilte zurück ins Zimmer und griff sich den Morgenmantel. Der junge Mann folgte ihr wie in Trance. Sie hatte eigentlich ins Bad gehen wollen, war aber auf der falschen Seite des Betts gelandet.

“Ich sehe nicht hin”, versprach er, als er ihr Dilemma begriff.

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