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Gleich und Gleich

1.

»Ich schlaf oben«, sagte Daniel und schleuderte seinen Rucksack über die Absturzsicherung auf das Hochbett. Seine Jeans hingen auf Halbmast und gaben den Gummizug seiner Shorts frei. In Sekundenschnelle war auch die andere obere Matratze im Bett daneben belegt. Yannick seufzte und blieb in der Tür stehen. Er hätte es wissen müssen. Daniel hatte schon bei der Einteilung der Gruppen viel zu weit die Klappe aufgerissen, sich betont lässig den Betreuern gegenüber gegeben und Yannick, da war er sich ganz sicher, ziemlich geringschätzig angesehen, beinahe verächtlich.

Und deshalb meinte Yannick auch, diesen Blick in Daniels Augen zu sehen, als dieser sich auf das Hochbett schwang und von oben auf ihn herabsah. Grinste. Die rotblonde Haarlocke aus den Augen wischte und wieder grinste. Yannick fragte sich, ob Daniel unter seiner Haarfarbe litt, ob ihn seine Mitschüler verarschten und er deswegen so offensiv reagierte.

Angriff ist die beste Verteidigung.

»Wusstest du, dass in Hochhäusern die besten Wohnungen immer ganz oben sind?«

»Und wusstest du, dass ich weiß, dass die Penthäuser heißen?«

Yannick überlegte. Wenn er jetzt die untere Liege in einem der beiden anderen Betten belegte, sah es wie eine Flucht aus. Oder wie zu großer Respekt. Angst. Ablehnung.

Andererseits könnte er einfach so tun, als ob er über den Dingen stand.

»Na toll, ich teil mir das Zimmer mit zwei Klugscheißern«, stöhnte ein Junge mit einer dicken Brille auf einer ziemlich verpickelten Nase. Genau das hatte Yannick eigentlich von ihm gedacht. Der andere Junge, dem ebenfalls nur das untere Bett geblieben war, lachte laut auf. Yannick versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern, aber er wollte ihm nicht einfallen. Leon, wie sein bester Freund damals in der Schule, oder Tom, oder Ben.

Die Brillenschlange und der andere Junge schienen sich zu kennen, denn sie begannen sofort, Neuigkeiten auszutauschen und sich über die Mädchen zu unterhalten, die letztes Jahr auch da gewesen waren, und über die neuen in der Gruppe, über Frisuren und gewachsene Titten, über kurze T-Shirts und enge Hosen.

Yannick warf seine Tasche auf die Liege und setzte sich daneben. Zehn Minuten Pause, zehn Minuten, bis ihn die Betreuer des Ferienlagers wieder in Empfang nähmen. Yannick hatte keine Ahnung, was ihn hier erwartete, und ein Teil von ihm wollte es auch gar nicht wissen. Er vermisste seine Gitarre. Seine Mutter hatte ihn lange bedrängt, sie zuhause zu lassen, hatte behauptet, sein Spiel nähme manchmal schon autistische Züge an und er müsse sich doch auch einmal mit den anderen Jungen unterhalten, statt immer nur vor sich hin zu singen und sich Lieder auszudenken.

Yannick hatte sie mehr als einmal darauf hingewiesen, dass er komponierte, um dann, oh Wunder, diese Lieder mit seinen Freunden zu spielen und ob das nicht Kommunikation genug sei. Über den bissigen Kommentar seines Vaters, ob sie denn auch Mädchen in der Band hätten, war Yannick hinweggegangen.

Die Gitarre hatte er dennoch zuhause gelassen. Seiner Mutter zuliebe. Am Ende hatte er auch nicht wie ein Nerd erscheinen wollen, wenn er mit Gitarre im Schlepptau am Reisebus auftauchte, wie ein Wichtigtuer.

Yannick war zu alt, um mit seinen Eltern zu verreisen und zu jung, um alleine mit Freunden auf Interrailtour zu gehen. Also hatten ihn seine Eltern in ein Ferienlager auf einem umgebauten Gutshof im Süden Bayerns geschickt. In der Tenne fanden Spieleabende statt, in der alten Scheune gab es jeden Samstag Musik. Die vielleicht 150 Feriengäste waren in drei Gruppen aufgeteilt: die Sechs bis Zehnjährigen, die Elf- und Zwölfjährigen, die Alten. Für Yannick war es das erste Mal, zu den Ältesten zu gehören. Die vier Wochen Ferienlager waren sein erster Urlaub ohne Eltern. Ohne Eltern, aber dafür mit Mädchen.

Yannick hatte die Worte seines Vaters im Hinterkopf, der ihm vor der Abfahrt gesagt hatte, er würde vielleicht mit einer kleinen Freundin nach Hause kommen. Sein großer Bruder, der seit einem halben Jahr mit Corinna ging, hatte nur gelacht und gemeint, Yannick sei doch ein Spätzünder und die Mädchen würden ihn doch eh nicht wollen.

»Ich hab meine Musik«, hatte Yannick mehr als einmal gesagt, doch sein Bruder hatte nur fies gelacht und gemeint, immerhin habe seine Gitarre auch ein Loch.

Dem zeig ich es schon noch, dachte Yannick.

Yannick war mit seinen kurzen, dunkelblonden Haaren und dem spitzbübischen Lächeln, mit den Grübchen in den Wangen und seiner hochgewachsenen Statur immer schon der Schwarm aller Mädchen in seiner Klasse gewesen. Seine Rolle als Gitarrist in der Band, die er mit drei anderen Freunden gegründet hatte, verschaffte ihm weitere Vorteile. Die Mädchen schien selbst der Name nicht abzuschrecken. Zombies im Kaufhaus hatten sie die Band genannt und Yannick fand immer, dass der Name nicht zur Popmusik passte, die sie spielen wollten.

So wie sein Ansehen bei den Mädchen nicht zu dem passte, was er von ihnen erwartete.

Willst du mit mir gehen? Diesen Spruch hatte Yannick schon früh gehört und nie mit Ja beantwortet. Klar - er war mit Vanessa auf dem Jahrmarkt seiner kleinen Stadt Achterbahn gefahren und mit Louise händchenhaltend um den Stadtsee geschlendert. Aber gefunkt hatte es nie. Es war, als hätte er eine Katze gegen den Strich gestreichelt. Er hatte sich mit den Mädchen immer gut verstanden. Sie hatten ihn eingeweiht in ihren Liebeskummer, und Yannick hatte gerne zugehört. Selbst das Knutschen vor ein paar Monaten mit Janina auf der Geburtstagsfeier seines besten Freundes war folgenlos gewesen.

Es war ein Spaß gewesen. Mehr nicht.

Aber irgendwann, dachte Yannick, wird es Klick machen und ich werde sie finden, diese Eine. Vielleicht in diesem Urlaub.

Daniels Kopf schob sich von oben in Yannicks Blickfeld. »Bist du schon eingepennt?«

»Liegt vielleicht an deinen langweiligen Sprüchen«, sagte Yannick. Bevor Daniel etwas erwidern konnte, betrat der junge Betreuer der Gruppe das Zimmer. Yannick mochte Bengt, der seine langen Haare zu einem Zopf gebunden hatte und ruhig geblieben war, selbst als Daniel bei der Aufteilung der Gruppen durch andauernde, witzig gemeinte Zwischenfragen genervt hatte.

»Habt ihr schon die Betten aufgeteilt?«, fragte er.

»Und einige haben die Arschkarte dabei gezogen«, lachte Daniel. Sein Kopf verschwand. Yannick lächelte müde.

Das konnte ja heiter werden.

2.

 

 

Der Ellenbogen bohrte sich schmerzhaft tief in seine Seite.

Yannick spuckte seinen Saft zurück ins Glas.

»Mann, pass doch auf.«

Daniel beugte sich zu ihm hinüber. »Und? Hast du Juli schon gesehen?«

Ungerührt nickte Daniel in Richtung Nebentisch. Dort saß ein Mädchen mit langen dunklen Haaren. Sie lachte laut. Yannick hatte sie natürlich bereits bemerkt. Sie war das hübscheste Mädchen am Tisch, nein, sogar hübscher als alle, die er an diesem kurzen Tag bislang gesehen hatte.

Sie hatte ein schmales Gesicht mit einer Stupsnase, die sich krauste, wenn sie lustig gemeintes Missfallen zum Ausdruck brachte. Sie schien sich noch nicht zu schminken, aber gerade das gefiel Yannick besonders. Er mochte ihre Natürlichkeit, die sich auch in der Wahl ihrer Klamotten widerspiegelte: Sneaker, Jeans, Tank-Top. Kein Schmuck, keine Piercings, kein Chi-Chi.

Er hatte Juli während der Busfahrt gesehen und bei der Aufteilung der Gruppen, hatte ihr auf den Hintern gestarrt und festgestellt, dass sie zwar nicht mit großen Brüsten, oder, wie sein Bruder gesagt hätte, mit Titten glänzen konnte, aber das gefiel ihm sogar besser. Er mochte Mädchen nicht, die sich die BHs mit Taschentüchern ausstopften, als müssten sie mit Katy Perry konkurrieren.

Die anderen Mädchen hingen ihr an den Lippen, und als sich Yannick umsah, musste er feststellen, dass auch die Jungs aus seiner Gruppe die Augen nicht von ihr lassen konnten. Yannick ertappte sich bei dem Gedanken daran, was sein Vater von ihr hielt und was sein Bruder sagen würde, wenn er ein Foto von sich und diesem Mädchen nach Hause brächte.

Donnerwetter, würden sie sagen, hast du es endlich mal gepackt.

»Und? Die ist doch niedlich, oder? Ran, bevor ein anderer schneller ist«, flüsterte Daniel. Yannick schob ihn weg und biss in sein Brot.

Er hatte keine Ahnung, wie er Julis Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, aber durch Starren, so viel wusste Yannick, würde er nur das Gegenteil erreichen. Doch auch mit Worten kam er nicht weiter. Juli erwies sich als ziemlich wortkarg. Sie reagierte passiv bis ablehnend, wenn ein Junge sie ansprach, und das kam nicht selten vor.

»In der ersten Woche entscheidet sich das«, sagte Daniel. »Das war letztes Jahr auch schon so.«

»Du bist ein Profi, oder?&

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