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Glaub an meine Liebe, Kelly!

Lisa Jackson

Glaub an meine Liebe, Kelly!

PROLOG

Anfang Mai

„Du bist eine echte Ausgeburt des Teufels!“, brummte Matt McCafferty grimmig, als er wieder auf die Füße sprang und sich den Staub von den Jeans klopfte. Wütend musterte er das Hengstfohlen, das ihn mit wildem Blick anfunkelte. Es gab gute Gründe, weshalb das Tier Diablo Rojo, roter Teufel, hieß: Keines der Appaloosa-Fohlen auf der Flying-M-Ranch benahm sich so störrisch wie dieses. Eine echte Herausforderung. Matt war bereits siebenunddreißig Jahre alt, und in seinem ganzen Leben war er noch keinem Pferd begegnet, das er nicht hatte zureiten können.

Nur bei diesem roten Teufel beschlichen ihn langsam Zweifel. Sogar erhebliche Zweifel. Das Pferd besaß Temperament. Feuer. Es war nicht leicht zu zähmen. Wie so viele Frauen, denen Matt in seinem Leben schon begegnet war. „Okay, mein Junge. Lass uns von vorn anfangen.“

Er bückte sich und hob seinen Hut vom staubigen Boden auf. Während er ihn kräftig gegen seinen Schenkel schlug, blinzelte er in die Sonne, die langsam hinter den westlichen Hügeln Montanas versank. „Es ist noch lange nicht vorbei“, versicherte er dem schnaubenden Tier.

„Könnte aber genauso gut vorbei sein.“

Matt erstarrte, als er die Stimme seines Vaters hörte. Abrupt drehte er sich auf dem abgewetzten Absatz seines Stiefels um und schaute zu, wie Juanita den Rollstuhl mit John Randall von dem zweistöckigen Ranchhaus auf die Pferdekoppeln zuschob.

„Ich habe versucht, es ihm auszureden“, entschuldigte sich Juanita bei Matt. Sie parkte den Rollstuhl nahe am Zaun, wo Harold, der alte Spaniel, sich im Schatten einer einsamen Kiefer niedergelassen hatte. „Aber du weißt ja, wie er ist: einfach zu terco … zu stur.“

„Es hat mir nie geschadet“, behauptete der alte Mann, während er Juanita mit einer Handbewegung verscheuchte und sich an den sonnengebleichten Zaunlatten zu voller Größe hochzog. „Es geht mir gut. Brauchte nur ein bisschen frische Luft. Will jetzt mit Matt reden. Er wird mich reinbringen, wenn wir fertig sind.“

Du liebe Güte, der Mann war wirklich dünn geworden. Viel zu dünn. Die Jeans und das karierte Hemd hingen ihm lose am Körper herunter, der früher einmal stark und muskulös gewesen war. John Randall verzog den Mund zu einem Lächeln, als er sich an die oberste Latte lehnte und den zweiten seiner drei Söhne betrachtete.

Matt nickte. „Ich komme mit ihm zurecht“, erklärte er der Frau, die geholfen hatte, ihn großzuziehen. Juanita eilte in das Haus zurück, in dem Matt aufgewachsen war.

Angestrengt wühlte der alte Mann in seiner Hosentasche. „Ich habe was für dich.“

„Was?“ Matt wurde sofort misstrauisch.

„Etwas, was du haben sollst … oh, da ist es ja schon.“ John Randall zog eine große, silberne Gürtelschnalle hervor, die in der Nachmittagssonne Montanas funkelte. Die flache Oberseite zeigte einen buckelnden Bronco, ein halbwildes Pferd, wie es sie im amerikanischen Westen immer noch gab. Sie glänzte noch genauso wie an jenem Tag vor fünfzig Jahren, als John Randall das Stück beim Rodeo in Kanada gewonnen hatte – eine Geschichte, die seine Söhne zur Genüge kannten. Er ließ die Schnalle in die Hand seines Sohnes fallen.

„Mein Junge, mir bleibt nicht mehr viel Zeit auf dieser Erde“, verkündete er, und bevor Matt protestieren konnte, brachte er ihn mit erhobener Hand zum Schweigen. „Wir wissen es beide. Ich habe viele Fehler gemacht in meinem Leben, und der Himmel weiß, dass ich eure Mutter nach Strich und Faden betrogen habe …“

Matt schwieg. Er weigerte sich, auch nur einen einzigen Gedanken an die trostlose Zeit zu verschwenden, als John Randall sich eine viel jüngere Frau namens Penelope Henley genommen und die Scheidung eingereicht hatte. Außerdem hatte er ihnen eine Halbschwester beschert. Allen drei Brüdern war es schwer gefallen, sich damit abzufinden.

„Es tut mir alles sehr leid“, erklärte John Randall, und sein Seufzen verklang im Wind. „Aber das ist Schnee von gestern, jetzt wo Larissa und Penny beide tot sind.“ Er rieb sich über den Kiefer und räusperte sich. „Wie du weißt, will ich Enkelkinder von euch. Ja, alte Männer träumen immer von Enkeln. Aber so ist es nun mal. Ich möchte in Ruhe und Frieden sterben, und das geht nur, wenn ich sicher sein kann, dass du eine gute Frau gefunden hast. Dass du dich niederlässt und eine Familie gründest. Und dass der Name unserer Familie noch ein paar Generationen überlebt … die McCaffertys.“

Wieder einmal hatte Matt den Eindruck, dass sein Vater mit aller Macht versuchte, ihn zu lenken. Sofort wollte er ihm die Gürtelschnalle zurückgeben. „Falls du versuchst, mich zu bestechen …“

„Nein, keine Bestechung.“ Angewidert spie der alte Mann in den Staub. „Ich will, dass du den Gürtel bekommst, weil er mir viel bedeutet.“ Er zeigte mit dem Finger auf die Schnalle. „Dreh sie um.“

Matt strich über das glänzende Metall und las die Gravur auf der Rückseite. „Für meinen Cowboy. In ewiger Liebe, Larissa.“ Ein paar Sekunden lang war ihm die Kehle wie zugeschnürt, als er an seine Mutter denken musste. An die Frau mit dem glänzenden schwarzen Haar und den lachenden braunen Augen, die in den Jahren nach ihrer Hochzeit immer trauriger dreingeblickt hatten. Auch die Weinflaschen, die sie heimlich geleert und nach und nach überall in dem verhassten alten Ranchhaus versteckt hatte, hatten sie nicht glücklicher gemacht.

„Larissa hat es eingravieren lassen, nachdem ich das Rodeo gewonnen hatte. Zum Teufel noch mal, damals war sie noch ganz verrückt nach mir.“ Die Falten um John Randalls Augen und Mund vertieften sich, und er klang traurig. Einen Moment lang lag so etwas wie Schuldbewusstsein in seinem Blick. „Matthew, ich möchte, dass du sie jetzt bekommst.“

Matt schloss die Finger um das scharfkantige Metall, brachte aber keinen Ton über die Lippen.

Um keinen Preis der Welt würde er heiraten. Weder heute noch morgen noch sonst irgendwann. So war es, und so sollte es auch bleiben.

1. KAPITEL

Im folgenden November

Sie war ihm früher schon begegnet. Das hieß aber noch lange nicht, dass sie ihn auch mochte.

Nach Meinung von Kelly Dillinger bedeutete es nichts als Scherereien, wenn Matt McCafferty auftauchte. Er war schlicht und einfach aus dem gleichen Holz geschnitzt wie seine arroganten, scheinheiligen und selbstsüchtigen Brüder. Ganz zu schweigen von ihrem Vater, der ein echter Dreckskerl war.

Aber das bedeutete natürlich nicht, dass Matt McCafferty nicht gut aussah. Wer mit raubeinigen und harten Cowboytypen etwas anfangen konnte, der war bei Matt genau richtig. Aber Kelly war stolz darauf, dass sie nicht zu denen gehörte, die beinahe in Ohnmacht fielen, wenn sie den Namen McCafferty hörten.

Ja, die Brüder sahen attraktiv aus.

Ja, sie waren sexy.

Ja, sie hatten Geld.

Na und?

Mit seiner breiten Schulter stieß Matt McCafferty die Tür zum Büro der Polizeistation in Grand Hope auf, und er brachte eine kalte Winterbrise herein. Na großartig. Auf Kellys Schreibtisch türmte sich der Papierkram, und das hatte sie einzig und allein dem Fall McCafferty zu verdanken.

Matt schien es nicht nötig zu haben, an der Schranke stehen zu bleiben, die den Empfang von den Büros trennte. In einer Gewitterwolke selbstgerechter Wut eilte er an der Sekretärin vorbei. Schon deshalb konnte Kelly ihn nicht ausstehen. Aber sie hatte schließlich auch mit den McCaffertys ein ganz persönliches Hühnchen zu rupfen.

Vor Wut hatte der Besucher die Lippen zu einem dünnen, blassen Strich zusammengepresst und das markante Kinn stur vorgestreckt. Sie stand auf und öffnete die Tür.

„Mr. McCafferty.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Kommen Sie doch herein …“ Doch er hatte bereits die Schwelle überschritten, stand mitten in dem kleinen Zimmer und begann, unruhig hin und her zu marschieren.

„Setzen Sie sich“, bot sie an und schob ein paar Aktenordner beiseite.

Er rührte sich nicht. „Ich habe es satt, mich an der Nase herumführen zu lassen“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.

„An der Nase herumführen zu lassen?“

„Ja.“ Er beugte sich über die Papierstapel zu ihr hinüber. „Verdammt noch mal, ich will endlich Antworten. Seit über einem Monat liegt meine Schwester im Koma, und zwar wegen dieses Unfalls. Ich bin überzeugt, dass irgendjemand ihren Jeep von der Straße abgedrängt hat. Und ihr sitzt hier herum und tut nichts, um rauszufinden, wer daran schuld ist. Obwohl klar ist, dass damals jemand versucht hat, sie umzubringen.“

„Das sind nichts als wilde Spekulationen“, mahnte Kelly ruhig, obwohl ihr Blut langsam in Wallung geriet. „Wir versuchen, das andere Fahrzeug aufzuspüren. Falls es überhaupt eins gegeben hat. Bis jetzt haben wir noch nichts finden können.“

„Verdammt noch mal, es ist schon über einen Monat her!“, rief er. „Außerdem sind schon zwei Wochen vergangen, seit Thorne mit seinem Flugzeug notlanden musste. Glauben Sie etwa, dass das auch ein Unfall war?“

„Ja, vielleicht. Wir ermitteln.“

„Dann ermitteln Sie gefälligst ein bisschen zackiger“, befahl er, und seine Nasenflügel bebten. „Bevor wirklich jemand zu Tode kommt.“

Der Kerl zerrte ihr an den Nerven. Er hatte eine Art, sie zu ärgern, die ihr jedes Mal unter die Haut ging – wie ein spitzes kleines Steinchen, das unter die Satteldecke geraten war. „Die Bundespolizei kümmert sich um den Flugzeugabsturz.“

„Das reicht nicht“, herrschte er sie an. „Detective, hat man Ihnen etwa die Ermittlungen anvertraut?“, fragte er. Demonstrativ schaute er auf das Abzeichen, das sie voller Stolz trug.

Mit Mühe gelang es ihr, Ruhe zu bewahren. „Ich glaube, wir haben schon darüber gesprochen. Detective Espinoza kümmert sich um den Fall. Ich bin seine Assistentin, weil ich beim Unfall Ihrer Schwester zuerst vor Ort war.“

„Dann verschwende ich meine Zeit mit Ihnen.“

Das saß. Kelly biss die Zähne zusammen und erhob sich.

„Sagen Sie Espinoza, dass ich ihn sprechen will.“

„Er ist im Moment nicht im Hause.“

„Ich kann warten.“

„Es kann dauern.“

Matt McCafferty sah aus, als würde er jeden Moment vor Wut explodieren. Er beugte sich wieder über den Tisch, aber diesmal kam er ihr mit dem Gesicht so nahe, dass seine Nasenspitze beinahe mit ihrer zusammenstieß. Der Geruch nach feuchtem Wildleder, nach Pferden und einem Hauch Kiefernduft stieg ihr in die Nase.

„Damit wir uns recht verstehen, Detective“, flüsterte er leise, aber gefährlich, „wir unterhalten uns hier über meine Familie. Meine Familie. Für mich sieht alles danach aus, dass meine Schwester beinahe umgebracht worden wäre. Und dann haben wir noch kein Wort darüber verloren, dass sie zu jenem Zeitpunkt im neunten Monat schwanger war.“

„Ich weiß …“

„Ach, wirklich? Können Sie sich vorstellen, was sie durchgemacht hat? Die Wehen haben eingesetzt, nachdem ihr Jeep über die Böschung gerast ist. Es war ein Riesenglück, dass zufällig jemand vorbeikam und den Notarzt gerufen hat.“

„Und das Baby hat überlebt“, betonte Kelly.

„Ja, aber was weiter?“, schnaubte Matt. „Der kleine J.R. braucht dringend seine Mutter, die immer noch im Krankenhaus im Koma liegt.“ Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als sorgte Matt McCafferty sich tatsächlich um seinen Neffen. Seine braunen Augen verdunkelten sich. Kelly war innerlich berührt, obwohl sie sich weigerte, es zu zeigen. Natürlich machte er sich Sorgen um das Kind. Die McCaffertys kümmerten sich umeinander. Auf andere Menschen dagegen achteten sie nicht. „Aber das ist noch längst nicht alles, Detective. Es grenzt an ein Wunder, dass Thorne die Bruchlandung überlebt hat.“

Zum Glück, dachte Kelly. Thorne war der älteste der McCafferty-Brüder, ein millionenschwerer Ölmagnat, der aus Denver angereist war. Er war mit dem Flugzeug der Ölgesellschaft auf dem Weg nach Grand Hope gewesen, in schlechtes Wetter geraten und hatte notlanden müssen.

„Es sieht mir alles danach aus, als hätten die McCaffertys es mit einer höllischen Pechsträhne zu tun“, meinte er. „Oder jemand will uns ans Leder.“

„Wer sollte das wollen?“ Kelly suchte seinen Blick und hielt ihm stand. Doch die Anstrengung, nicht nachzugeben, ließ sie beinahe in Schweiß ausbrechen.

„Ich hatte gehofft, dass Sie danach fragen würden.“

Du lieber Himmel, er stand so dicht vor ihr. Viel zu dicht. Der Tisch zwischen ihnen reichte als Barriere nicht aus.

„Glauben Sie mir, Mr. McCafferty …“

„Matt. Sagen Sie Matt. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass wir zwei noch sehr eng an diesem Fall zusammenarbeiten werden. Ich werde mich an Ihre Fersen heften, bis ich weiß, wer zum Teufel hinter der Sache steckt. Wir können also genauso gut auf die Förmlichkeiten verzichten.“

Es traf Kelly wie der Schlag, dass sie mit einem McCafferty eng zusammenarbeiten sollte. Noch dazu mit diesem selbstsicheren, sexy Cowboy, der sie mehr verwirrte als die anderen beiden, die zum Clan gehörten. Aber sie hatte keine Wahl. „Einverstanden, Matt. Wie ich schon gesagt habe, wir geben unser Bestes bei den Ermittlungen. Sie haben außerdem einen Privatdetektiv angeheuert, stimmt’s? Einen Mann namens Kurt Striker?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Matt nickte. „Ich dachte, wir können die Hilfe gebrauchen.“ Er musterte sie, als wüsste er nicht genau, was er von ihr halten sollte. Sie war es gewohnt, dass Männer ihrer Arbeit misstrauten, weil sie eine Frau war. Genau das dachte auch Matt McCafferty; sie erkannte es an seinem Blick.

Pech gehabt, dachte sie insgeheim. Denn sie ließ sich nicht einschüchtern. Von niemandem. Noch nicht einmal von den mächtigen McCaffertys. Matts Vater John Randall war einst der reichste und mächtigste Mann in der Gegend gewesen, und seine Nachkommen glaubten vermutlich, dass ihnen das jedes Recht der Welt gab, zu tun, was sie wollten. Aber nicht bei ihr.

„Kann Striker irgendwelche Beweise vorlegen, dass jemand hinter den Unfällen steckt?“, wollte Kelly wissen.

„Er sagt, dass er fremde Farbe auf Randis Fahrzeug entdeckt hat. Kastanienbraun. Vielleicht stammt sie von dem Fahrzeug, das sie von der Straße abgedrängt hat.“

„Falls es tatsächlich so gewesen ist“, erinnerte Kelly ihn. „Sie könnte auch auf dem Parkplatz zu Hause in Seattle ein Fahrzeug gerammt haben. Außerdem hatten wir die Farbe selbst schon entdeckt. Sie sollten es sich also verkneifen, hier reinzuplatzen und zu behaupten, dass das Department nicht gründlich arbeitet oder inkompetent ist oder sonst irgendwas. Wir sind an der Sache dran. Kapiert?“

„Passen Sie mal auf …“

„Nein, jetzt passen Sie mal auf, okay?“

Ihre Nerven waren aufs Äußerste gespannt, als sie den Schreibtisch umrundete und sich auf Augenhöhe vor ihm aufbaute. „Die Polizei tut alles, um herauszufinden, was Ihrer Schwester und Ihrem Bruder zugestoßen ist. Alles! Glauben Sie mir, weder den einen noch den anderen Unfall nehmen wir auf die leichte Schulter. Aber wir lassen uns auch nicht zu vorschnellen Schlüssen drängen. Der Wagen Ihrer Schwester könnte über eine vereiste Stelle geschlittert sein. Es ist denkbar, dass sie kurzfristig die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren hat.“

Kelly holte tief Luft. „Und was Ihren Bruder betrifft: Er setzt sein Leben selbst aufs Spiel, wenn er mit einer kleinen Maschine in einen höllischen Schneesturm fliegt. Die Motoren haben schlapp gemacht. Wir werden ermitteln, woran es lag. Und trotzdem haben wir die Möglichkeit noch nicht ausgeschlossen, dass jemand seine schmutzigen Hände im Spiel hat. Wir sind einfach nur vorsichtig. Das Department kann es sich nicht leisten, mit halb garen Vermutungen an die Öffentlichkeit zu gehen.“

„Inzwischen könnte jemand aus meiner Familie getötet werden.“

„Na gut“, sagte Kelly und nahm den Stift in die Hand. „Nennen Sie mir alle Verdächtigen. Alle Personen, von denen Sie annehmen, dass sie einen Groll gegen den McCafferty-Clan hegen.“

Matt kniff die Brauen zusammen. „Es gibt Dutzende.“

„Namen, McCafferty. Ich will Namen.“ Kelly hoffte inständig, dass sie professionell klang.

Sein Ärger schien sich zu verflüchtigen. „Ich habe keine Ahnung“, musste er zugeben. „Ich bin mir sicher, dass Thorne Feinde hat. Man scheffelt keine Millionen, ohne dass man damit den Neid anderer Leute auf sich zieht.“

„Reicht Neid für einen Mordversuch aus?“

Matt schloss kurz die Augen. „Ich weiß es nicht.“

Immerhin klang er aufrichtig. „Er arbeitet hauptsächlich in Denver, nicht wahr?“

„Er hat hauptsächlich dort gearbeitet. Die Zentrale des Unternehmens hat dort ihren Sitz.“

„Aber jetzt will er wieder hierher ziehen und heiraten.“ Es war zwar keine Frage, aber Matt nickte trotzdem. Kelly bemerkte, wie sein dunkles Haar unter dem Neonlicht schimmerte. Als er seine Jacke aufknöpfte, entdeckte sie das Flanellhemd, das sich über seiner breiten Brust spannte. Mit Mühe wandte sie den Blick davon ab und rief sich lautlos zur Ordnung. Sie durfte sich nicht ablenken lassen. Pflichtbewusst notierte sie ein paar Informationen über Thorne, den ältesten der Brüder.

„Ja, er heiratet Nicole Stevenson.“ Matt brachte ein halbes Lächeln zustande, das unglaublich sexy war und sie vollkommen verwirrte. „Es gibt eine ganze Menge Leute, die jetzt ihre Wette verlieren.“

Kelly begriff. Wie seine Brüder war Thorne ein eingefleischter Junggeselle gewesen. Schon an der Highschool hatte er reihenweise Mädchenherzen gebrochen, genau wie seine Brüder. Ganz besonders Matt stand in dem Ruf, ein echter Frauenheld zu sein: einer, der sich schnell verliebte und sich noch schneller wieder aus dem Staub machte.

Aber jetzt sah alles danach aus, als würde der erste dieser drei notorischen Junggesellen in die Ehefalle tappen. Die Braut war Ärztin in der Notaufnahme am Krankenhaus, alleinerziehende Mutter von Zwillingsmädchen.

„Okay. Und was ist mit Ihrer Schwester?“, hakte Kelly nach und versuchte, betont sachlich zu bleiben. „Sind Ihnen irgendwelche Feinde bekannt?“

Ärger mischte sich in Matts großspuriges Lächeln. „Ich habe keine Ahnung“, musste er wieder zugeben. „Aber ich bin mir sicher, dass sie es auch nicht leicht hatte. Zum Teufel noch mal, sie hat die Kolumne für den Seattle Clarion geschrieben.“

„Den Ratgeber für Singles. Ja, ich habe ein paar Exemplare im Schrank“, erwiderte Kelly. Geflissentlich verschwieg sie ihm, dass sie die trockenen Kommentare seiner Schwester amüsant und interessant fand.

„Was für eine Ironie des Schicksals, finden Sie nicht auch?“, meinte Matt und lehnte sich mit der Schulter gegen ein Regal. „Sie hat alle möglichen Leute zu ihrem Liebesleben beraten, und sie selbst wird schwanger, stirbt beinahe bei einem Autounfall, und niemand weiß, wer der Vater des Kindes ist.“

„Tja, aber das allein hilft uns noch nicht viel weiter. Wenn Sie mir keine weiteren Anhaltspunkte geben können, rate ich Ihnen abzuwarten, was die Polizei herausfindet.“

„Zum Teufel noch mal. Ich habe schon viel zu lange abgewartet, und was ist passiert? Nichts!“

Kelly ließ ihm die Bemerkung durchgehen. „McCafferty, ich muss arbeiten. Detective Espinoza ruft Sie an, wenn es neue Entwicklungen gibt.“ Sie öffnete die Tür und gab ihm schweigend zu verstehen, dass er das Büro verlassen sollte. „Kapiert?“

„Wenn das alles ist, was Sie für mich tun können …“

„Ja.“

Er drückte sich den Stetson auf den Kopf. Sein Blick gab ihr deutlich zu verstehen, dass sie sich nicht das letzte Mal begegnet waren. Ungerührt schaute Kelly ihm nach, während er ihr Büro verließ und hinausging. Seine Jeans hatten auch schon bessere Tage gesehen. Über dem festen Hintern war der Stoff schon ziemlich abgewetzt, aber das schien ihn trotz der Kälte draußen nicht zu kümmern. Bestimmt kochte er innerlich vor Wut auf sie und Bob Espinoza. Nun ja, sein Pech.

Wieder stieß er die Tür mit der Schulter auf. Ein arktischer Windstoß blies ins Büro. Dann war der Mann fort, und die Glastür schwang hinter ihm ins Schloss. „Endlich ist er weg“, stöhnte Kelly auf. Es irritierte sie, dass sie ihn unbestreitbar attraktiv gefunden hatte.

Als ob ich es nicht geahnt hätte, dachte sie. Dieser Mann brachte nichts als Scherereien.

2. KAPITEL

Matt trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad seines Trucks. Grimmig blinzelte er durch das dichter werdende Schneetreiben. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, wie der Teufel nach Grand Hope zu rasen, das Büro des Sheriffs zu stürmen und Antworten zu verlangen.

Diese rothaarige Polizistin hatte ihn einfach auflaufen lassen. Es machte ihn wütend. Es war regelrecht demütigend! Kelly Dillinger ärgerte ihn mehr, als die Polizei erlaubte. Trotzdem gelang es ihm nicht, sich die Frau aus dem Kopf zu schlagen. Ihre helle Haut, die schokoladenbraunen Augen und das feuerrote Haar, das so genau ihr Temperament widerspiegelte. Rothaarige waren schließlich für ihre Leidenschaft und ihren Jähzorn bekannt.

Und wie sie ihm gegenübergetreten war! Schon mit ihrer Haltung hatte sie deutlich gemacht, dass sie sich von ihm nichts bieten ließ. Wie ein Mann. Ha – als hätte sie irgendeine Ähnlichkeit mit einem Kerl! Trotz ihrer sportlichen Figur, wirkte sie ausgesprochen weiblich. Zu seinem Ärger hatte er das durchaus bemerkt. Die Uniform hatte sich über ihren Brüsten gestrafft und Hüften und Taille betont. Die Frau besaß Kurven. Verdammt attraktive Kurven, selbst wenn sie ihr Bestes gab, sie zu verstecken.

Dabei stand er auf Frauen, die mit ihrer Weiblichkeit nicht hinterm Berg hielten. Trotzdem hatte Kelly Dillinger seine Aufmerksamkeit erregt. Obwohl er vor Wut gekocht hatte, als er in das Büro gestürmt war, hatte er erhebliche Schwierigkeiten gehabt, sich auf sein Anliegen zu konzentrieren.

Aber das war nichts Neues. Wie oft war es ihm schon schwer gefallen, sein Begehren zu zügeln! Wann immer er in die Nähe attraktiver Frauen kam, machte es ihm zu schaffen. Aber heute war es so schlimm gewesen wie schon lange nicht mehr.

Er konnte es nicht länger leugnen: Er fühlte sich zu Kelly Dillinger hingezogen.

Aber das durfte nicht sein. Ausgeschlossen. Nicht zu einem weiblichen Detective. Schon gar nicht zu der Polizistin, die am Fall seiner Schwester arbeitete – zumal er wusste, dass sie einen persönlichen Groll gegen die Familie McCafferty hegte. Doch es half nichts. Selbst jetzt, wo er nur an sie dachte, fühlte sich seine Hose mit einem Mal zu eng an. Matt betrachtete sich im Rückspiegel. „Idiot“, beschimpfte er sich selbst und schaltete einen Gang herunter, als er sich der Flying M näherte, der Ranch, die der ganze Stolz und die Freude seines Vaters gewesen war.

„Großartig“, murmelte er, als er abbog und auf dem festgefahrenen Schnee ein Stück zur Seite rutschte. Von dieser Frau hatte er die Finger zu lassen. Punkt. Und sei es nur, weil sie hier in Grand Hope lebte, weit entfernt von seiner eigenen Ranch. Wenn er sich auf die Suche nach einer Beziehung machte – was nicht der Fall war, wie er sich hastig ins Gedächtnis rief –, dann bei sich zu Hause.

Um Himmels willen, wie bin ich jetzt auf diesen Gedanken gekommen?, fragte er sich erschrocken. Weder brauchte er eine Frau, noch wollte er eine. Frauen brachten nichts als Ärger. Das galt auch für Kelly Dillinger.

Die Frau im Krankenhausbett sah grauenhaft aus, obwohl sie sich bereits auf dem Weg der Besserung befand. Aber nach Kellys Einschätzung würde es noch lange dauern, bis Randi McCafferty völlig geheilt war.

„Wenn du nur sprechen könntest“, seufzte Kelly und biss sich auf die Unterlippe. Sie trat näher zu der reglosen Gestalt im Bett.

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