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Die Carltons - Liebe findet ihren Weg

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Nach einer endlos langen Vernissage an einem Freitagabend fragte Kathleen Dugan sich, ob sie nicht doch lieber Lehrerin werden sollte. Vielleicht war es befriedigender, Fünfjährigen das Malen mit Fingerfarben beizubringen, als irgendwelchen Leuten, die im Grunde langweiligen Durchschnitt bevorzugten, einen talentierten jungen Künstler vorzustellen.

Außerdem hatte es natürlich nicht geholfen, dass Boris Ostronovich kaum die Sprache beherrschte und sich als launischer Künstler gab. Er hatte zwei Stunden finster vor sich hinbrütend in einer Ecke gehockt, ein Glas Wodka in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Die Zigarette hatte er lediglich nicht angezündet, weil Kathleen gedroht hatte, die Veranstaltung sofort abzubrechen, sollte er das tun.

Der Abend war jedenfalls eine reine Katastrophe gewesen, doch daran gab Kathleen sich ganz allein die Schuld. Sie hatte nicht berücksichtigt, wie wichtig es war, dass sich der Künstler unter die Leute mischte und mit ihnen redete. Stattdessen hatte sie sich darauf verlassen, dass Boris’ Arbeiten sich von selbst verkaufen würden. Leider hatte sie festgestellt, dass die Leute ihre Portemonnaies stecken ließen, wenn sie nicht wenigstens einige Worte mit dem Künstler wechseln konnten.

In wenigen Minuten würden die noch übrig gebliebenen Gäste fort sein, dann wollte sie sich zu Boris gesellen und sich ihrer wohlverdienten Trübsal hingeben. Vielleicht genehmigte sie sich auch ein oder zwei Gläser Wodka pur – vorausgesetzt, es war noch genug da.

“Ist es nicht gut gelaufen, meine Liebe?”

Kathleen drehte sich um. Vor ihr stand Destiny Carlton, die sie voller Mitgefühl betrachtete. Destiny war nicht nur selbst Künstlerin, sie gehörte auch zu den regelmäßigen Besuchern von Kathleens Galerie in Alexandria. In letzter Zeit hatte Kathleen mehrmals versucht, Destiny einige ihrer Werke abzukaufen, allerdings vergeblich.

Im Moment sah Destiny sich als Förderin von Kunst und nicht als Malerin. Angeblich malte sie nur unbedeutende Sachen, wenn sie gelegentlich zum Pinsel griff. Ihrer Aussage nach hatte sie nichts Sehenswertes mehr geschaffen, seit sie vor über zwanzig Jahren ihr Atelier in Südfrankreich aufgegeben hatte.

Kathleen war über die Absage zwar enttäuscht, betrachtete Destiny aber trotzdem als gute Freundin, die zu jeder Ausstellung erschien, selbst wenn sie nichts kaufte. Ihr Kunstverständnis und ihre Verbindungen hatten außerdem schon oft geholfen, was die Galerie betraf.

“Es war grauenhaft”, gab Kathleen zu, was sie sonst niemandem eingestanden hätte.

“Lassen Sie sich nicht entmutigen, das passiert eben gelegentlich. Nicht jeder erkennt ein Genie auf den ersten Blick.”

Diese Bemerkung richtete Kathleen wieder ein wenig auf. “Dann finde also nicht nur ich Boris’ Arbeiten großartig?”

“Nein, sicher nicht”, beteuerte Destiny voller Überzeugung. “Sie entsprechen eben nicht jedermanns Geschmack. Bestimmt wird er Bewunderer finden. Bevor der Kunstkritiker der Zeitung vorhin ging, habe ich mit ihm gesprochen. Ich denke, er wird einen ziemlich positiven Artikel schreiben. Warten Sie’s ab, in spätestens einer Woche werden Sie sich der Nachfrage nicht mehr erwehren können. Sobald Sammler eine Neuentdeckung wittern, wollen sie auf den fahrenden Zug aufspringen. Das gilt auch für diejenigen, die heute Abend nichts gekauft haben.”

“Vielen Dank, dass Sie mir Mut machen”, sagte Kathleen mit einem Seufzer. “Ich dachte schon, ich hätte mich völlig verkalkuliert. Der heutige Abend war der Albtraum eines jeden Galeristen.”

“Das war nur ein vorübergehender Tiefpunkt”, versicherte Destiny und warf einen Blick auf Boris. “Und wie nimmt er es auf?”

“Schwer zu sagen, da er den ganzen Abend über kaum zwei Worte gesprochen hat”, entgegnete Kathleen. “Entweder hat er Heimweh, oder er kam schon übel gelaunt hier an. Ich tippe auf die zweite Möglichkeit. Erst heute habe ich erkannt, wie wichtig es ist, dass ein Künstler zumindest einen Funken von Charme versprüht.”

“Letztlich wird es keine Rolle spielen”, tröstete Destiny zuversichtlich. “Sobald die Kritiker unseren Boris hier zum Kunstgenie erklären, werden sich alle Ihre heutigen Gäste vor ihren Freunden damit brüsten, dass sie den exzentrischen Künstler persönlich kennengelernt haben.”

Kathleen umarmte Destiny dankbar. “Ich bin sehr froh, dass Sie mir Mut machen.”

“Offen gestanden habe ich so lange gewartet, weil ich kurz allein mit Ihnen sprechen möchte. Was haben Sie zu Thanksgiving vor, Kathleen? Besuchen Sie Ihre Familie in Providence?”

Genau deshalb hatte Kathleen im Verlauf des Tages mit ihrer reichen und in der Gesellschaft hoch angesehenen Mutter gesprochen, und es war zu Spannungen gekommen, weil Kathleen in Alexandria bleiben wollte. Natürlich war sie daran erinnert worden, dass alle drei Generationen der Familie Dugan sich immer zu großen Festen trafen. Ihr Fehlen würde eine Beleidigung der Familie und ein Bruch mit der Tradition sein. Mit diesen Vorwürfen hatte Kathleen natürlich gerechnet, und deshalb hatte sie den Anruf immer wieder vor sich hergeschoben. Ihre Mutter, Prudence Dugan, akzeptierte ein Nein zwar nicht so leicht, doch Kathleen war ausnahmsweise standhaft geblieben.

“Ich möchte zu Hause bleiben”, erklärte sie Destiny, “weil ich viel Arbeit nachholen muss. Außerdem sollte ich die Galerie am Wochenende nicht schließen. Gerade am Freitag und am Samstag könnte das Geschäft gut laufen.”

Destiny lächelte strahlend. “Dann würde es mich sehr freuen, wenn Sie Thanksgiving mit meiner Familie verbringen. Wir treffen uns alle auf Bens Farm, und um diese Jahreszeit ist es in Middleburg wunderschön.”

Kathleen und Destiny hatten sich im Lauf der vergangenen Jahre recht gut kennengelernt, doch nun wurde Kathleen zum ersten Mal zu einem Familientreffen eingeladen, und das machte sie misstrauisch. “Würde ich denn nicht stören?”, fragte sie vorsichtig.

“Absolut nicht. Es gibt nur ein ganz schlichtes Essen für die Familie sowie für einige enge Freunde. Bei der Gelegenheit könnten Sie sich die Bilder meines Neffen ansehen und Ihre fachkundige Meinung abgeben.”

Kathleens Misstrauen wuchs. Destiny konnte Kunst mindestens so gut beurteilen wie sie selbst, und ihres Wissens nach betrachtete Ben Carlton die Malerei nicht als Verdienstquelle, sondern als Lebensinhalt. Noch nie hatte er eine seiner Arbeiten verkauft.

In keinem Zeitungsartikel über die drei Carlton-Brüder hatte sie jemals viel über den zurückgezogen lebenden jüngsten Bruder erfahren. Ben hielt sich stets im Hintergrund, ganz im Gegensatz zu Richard Carlton, dem Geschäftsmann und Politiker, und zu Mack, dem ehemaligen Football-Star. Es kursierten Gerüchte über eine tragische Liebesbeziehung, die der Grund für Bens zurückgezogenen Lebensstil sein sollte. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht, doch Ben wurde stets als verschlossen beschrieben.

“Will er seine Bilder denn verkaufen?”, erkundigte sich Kathleen.

“Aber nein”, wehrte Destiny ab. “In dieser Hinsicht ist er starrsinnig. Dabei versuche ich ihn davon zu überzeugen, dass er sein Talent nicht in dieser alten Scheune verstecken darf, in der er sein Atelier eingerichtet hat.”

“Glauben Sie denn wirklich, ich könnte ihn umstimmen, wenn Ihnen das nicht gelungen ist?”, fragte Kathleen zweifelnd. Destiny war in der Lage, reichen Leuten Millionen für karitative Zwecke abzuluchsen. Da sollte es ihr eigentlich gelingen, ihren Neffen zu beeinflussen.

“Sie würden ihm zumindest objektiv die Meinung sagen. Mich hält er für völlig voreingenommen.”

Kathleen nickte zustimmend, da sie noch nie eine Gelegenheit versäumt hatte, ein aufregendes neues Talent zu entdecken. Es ging ihr ausschließlich um die Bilder und nicht um den geheimnisvollen Mann. “Ich werde sehr gern zu Thanksgiving kommen”, nahm sie die Einladung an. “Wann und wo?”

“Gleich morgen früh lasse ich Sie die nötigen Einzelheiten wissen”, versicherte Destiny strahlend und ging sichtlich zufrieden zum Ausgang. “Ach ja, ziehen Sie doch diese leuchtend rote Seidentunika an, die Sie neulich bei der Carlucci-Show getragen haben. An jenem Abend sahen Sie hinreißend aus.”

Bevor Kathleen antworten konnte, war Destiny schon fort, und erst jetzt ging in ihrem Hinterkopf der Alarm los. Jeder in der Gesellschaft in und um Washington wusste, dass Destiny sich gern als Kupplerin betätigte. Offiziell hatte sie zwar nichts damit zu tun gehabt, dass sich die Brüder Richard und Mack verlobt und dann geheiratet hatten, doch Eingeweihte wussten es besser. Nun warteten alle darauf, dass Destiny dafür sorgte, dass auch für Ben die Hochzeitsglocken läuteten.

“Oh nein, dieses Mal liegst du schief”, murmelte Kathleen, nachdem die Tür hinter der eleganten Dame ins Schloss gefallen war. “Ich suche keinen Ehemann und schon gar keinen leidenden Künstler.”

Diesen Typ kannte sie nur zu gut, weil sie genau so einen geheiratet hatte. Nach bitteren Kämpfen war die Scheidung erfolgt. Aufgrund der Erfahrung mit ihrem ersten Mann konnte sie zwar sehr gut eine Galerie führen und sich mit Künstlern auseinandersetzen, es hatte jedoch in ihr den Entschluss gefestigt, sich nie wieder mit einem Künstler einzulassen.

Kurz nach der Begegnung mit ihr hatte Tim Radnor sich sanft und empfindsam gegeben und Kathleen als seine Muse bezeichnet. Sobald jedoch sein Erfolg schwand, hatte sie die dunklen Seiten seines Charakters kennengelernt. Er hatte sie zwar nie geschlagen, doch verbal hatte er sie reichlich misshandelt. Die Ehe hatte nur wenige Monate, der Heilungsprozess dagegen wesentlich länger gedauert.

Wenn Destiny also mit einer Romanze rechnete, stand ihr eine herbe Enttäuschung bevor. Es wäre sogar gleichgültig gewesen, wäre Ben Carlton der attraktivste, charmanteste und talentierteste Künstler der Welt gewesen. Kathleen würde gegen ihn immun bleiben, weil sie die Abgründe einer Künstlerseele nur zu gut kannte.

Das waren klare Vorsätze, und Kathleen war auch fest entschlossen, sie einzuhalten. Trotzdem sandte sie sicherheitshalber ein Stoßgebet zum Himmel. “Steh mir bei, bitte!”

“Es gibt Probleme?”, fragte eine tiefe Männerstimme.

Kathleen zuckte heftig zusammen, weil sie Boris völlig vergessen hatte, und drehte sich lächelnd zu ihm um. “Nein, Boris, keine Probleme. Absolut keine.” Dafür wollte sie sorgen.

Nur noch ganz schwaches Licht fiel auf die Leinwand, doch Ben Carlton merkte kaum, dass die Nacht bereits hereinbrach. So war das immer, wenn sich ein Gemälde der Vollendung näherte. Dann sah er nur die Farben und das Bild, das langsam vor seinen Augen entstand und eine innere Vision festhielt. Um nur keine Zeit zu verlieren, schaltete er hastig die Lampe ein.

“Ich hätte es wissen müssen”, sagte eine genervt klingende Frauenstimme.

Niemand betrat Bens Atelier, wenn er arbeitete. Das war eine feststehende Regel in einer Familie, die ansonsten nicht viel von Regeln hielt.

“Geh weg”, verlangte er ungeduldig.

“Das werde ich sicher nicht tun”, erwiderte seine Tante Destiny. “Hast du vergessen, welcher Tag heute ist? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?”

Er versuchte das Bild in seinen Gedanken festzuhalten, doch es löste sich auf. Seufzend drehte er sich zu seiner Tante um. “Heute ist Donnerstag”, erklärte er zum Beweis dafür, dass er nicht so zerstreut war, wie sie offenbar annahm.

“Vielleicht ein ganz besonderer Donnerstag?”, erkundigte sie sich nachsichtig.

Ben strich sich durchs Haar und überlegte.

“Ein Feiertag”, sagte Destiny. “Ein Feiertag, an dem sich die ganze Familie versammelt, und diese Familie wartet derzeit auf den Gastgeber, während der Truthahn kalt wird und die Brötchen verbrennen.”

“Ach verdammt”, murmelte er. “Thanksgiving. Das hatte ich ja völlig vergessen. Sind denn schon alle hier?”

“Ja, und schon eine ganze Weile. Deine Brüder haben bereits gedroht, alles aufzuessen und dir nichts übrig zu lassen, aber ich habe sie davon abgehalten.” Destiny kam näher und warf einen prüfenden Blick auf die Leinwand. “Erstaunlich, Ben. Niemand fängt die Schönheit dieser Gegend so perfekt ein wie du.”

“Nicht mal du?”, entgegnete er lächelnd. “Schließlich hast du mir alles beigebracht.”

“Du warst acht, als ich dir einen Pinsel in die Hand gedrückt und dich die Technik gelehrt habe, aber du bist ein außergewöhnliches Talent. Ich habe nur gepinselt. Du dagegen bist ein Genie.”

“Ach komm”, wehrte er ab.

Malen hatte ihm stets inneren Frieden geschenkt, weil er dadurch das Chaos in der Welt kontrollieren konnte. Nach dem Tod seiner Eltern bei einem Flugzeugabsturz hatte er etwas gebraucht, das für immer bei ihm bleiben und ihn nie verlassen würde. Destiny hatte ihm Farben gekauft und ihn ermuntert, die Straße in der Nähe ihres Hauses zu malen.

Dieses erste noch unbeholfene Bild hing in dem Haus, in dem Destiny auch weiterhin wohnte, nachdem er und seine Brüder ausgezogen waren. Sie schätzte das Bild nach eigener Aussage, weil es bereits vielversprechende Ansätze zeigte. Aus dem gleichen Grund hatte sie einige von Richards ersten Geschäftsplänen und etliche von Macks Football-Trophäen aufgehoben. Notfalls konnte Destiny kühl und scharf berechnend vorgehen, doch eigentlich war sie ziemlich sentimental.

Richard war der Geschäftsmann, Mack der Sportler in der Familie. Ben interessierte sich weder für das Familienunternehmen noch für Sport. Schon zu Lebzeiten seiner Eltern hatte er das Gefühl gehabt, nicht in diese tüchtige Familie zu passen. Erst Destiny hatte ihm durch die Malerei einen Sinn im Leben gezeigt und ihm ermöglicht, auf sich stolz zu sein. Seither fühlte er sich seinen Brüdern gleichwertig und ertrug auch ihre Sticheleien, von denen er an diesem Abend bestimmt wieder jede Menge würde einstecken müssen, weil er sein eigenes Festessen vergessen hatte.

Die Idee, das Essen auf seiner Farm zu veranstalten, stammte von Destiny. Ben gab normalerweise keine Einladungen. Er kam in der Küche gut genug zurecht, um nicht zu verhungern, mehr jedoch nicht. Destiny hatte keine Einwände gelten lassen und war vor drei Tagen mit ihrer langjährigen Haushälterin auf seiner Farm eingetroffen.

Hätte eine andere Person versucht, sich dermaßen in sein Leben zu drängen, hätte Ben sich dagegen gewehrt, doch er verdankte seiner Tante zu viel. Außerdem verstand sie seinen Wunsch nach Einsamkeit besser als jeder andere. Seit Gracielas Unfalltod an jenem schrecklichen Abend vor drei Jahren hatte er sich ganz in die Kunst gestürzt, und Destiny holte ihn nur ab und zu aus dieser Isolation heraus.

“Gib mir noch zehn Minuten”, bat er.

“Keine Zeit mehr. Melanie ist schwanger und hält es vor Hunger nicht mehr aus. Wenn sie nicht bald etwas bekommt, isst sie den Blumenstrauß auf dem Tisch. Außerdem fragen sich deine Gäste allmählich, ob wir vielleicht ins Haus eines Fremden eingedrungen sind. Du musst dich unbedingt zeigen. Den mangelnden Schick an Kleidung machst du eben durch deinen Charme wett.”

“Ich habe Farbe auf der Hose”, wandte er ein und begriff plötzlich, was sie gesagt hatte. “Gäste? Außer Richard und Mack und deren Frauen ist noch jemand hier? Von Gästen hast du nichts erwähnt, als du mich dazu gebracht hast, das Essen hier zu veranstalten.”

“Aber sicher habe ich das”, behauptete Destiny unbekümmert.

Sie hatte es nicht getan, und das wussten sie beide. Dieser Umstand wiederum konnte nur bedeuten, dass sie mehr im Sinn hatte, als Bens Einsamkeit zu beleben. Sobald sie das Wohnhaus erreichten, begriff Ben schlagartig, worum es ging.

“Und das, mein Lieber, ist Kathleen Dugan”, stellte Destiny vor, nachdem sie Ben mit einigen Leuten bekannt gemacht hatte, die nirgendwo sonst diesen Feiertag begehen konnten. Destinys Tonfall nach zu schließen, war diese Kathleen eindeutig der wichtigste Gast von allen.

Er warf seiner Tante einen scharfen Blick zu. Kathleen war jung, schön und ohne Begleiter gekommen, was darauf schließen ließ, dass sie ungebunden war. Seit Mack vor Kurzem geheiratet hatte, wusste Ben, dass Destiny nun auch ihn verkuppeln wollte. Der lebende Beweis dafür stand vor ihm – eine Frau mit kurz geschnittenem schwarzen Haar, das ihre hohen Wangenknochen und die veilchenblauen Augen besonders gut zur Wirkung brachte. Jeder Künstler hätte dieses interessante Gesicht bestimmt liebend gern auf Leinwand gebannt. Ben malte nie Porträts, doch sogar er geriet bei ihrem Anblick in Versuchung. Die Besucherin trug eine rote Seidentunika über einer schwarzen, schmal geschnittenen Hose, als Schmuck hatte sie eine Kette aus großen Kugeln in Gold und Rot umgelegt. Alles in allem wirkte sie sehr elegant mit einem Hauch von Extravaganz.

“Freut mich, Sie kennenzulernen”, begrüßte Kathleen ihn offenherzig. Sie wirkte bei Weitem nicht so befangen, wie Ben es war. Eindeutig hatte sie keine Ahnung, was hier vor sich ging.

Ben gab ihr höflich die Hand. “Entschuldigen Sie mein unpassendes Aussehen”, sagte er und wandte sich den anderen zu. “Ich habe gehört, dass das Essen fertig ist.”

“Für ein Glas haben wir noch Zeit”, versicherte Destiny und drängte plötzlich gar nicht mehr an den Tisch. “Richard, schenk doch deinem Bruder ein Glas ein. Dann kann er sich noch eine Weile unterhalten, bevor wir mit dem Essen anfangen.”

“Ich dachte, es wäre sehr eilig”, stellte Ben fest.

“Es ging nur darum, dich aus dem Atelier zu zerren”, erklärte seine hochschwangere Schwägerin, hakte ihn unter, zog ihn ein Stück zur Seite und raunte ihm verschwörerisch zu: “Weißt du denn nicht, dass du die Hauptattraktion bist?”

Er hatte sich mit Melanie angefreundet, als Richard und sie ein Paar wurden, und Ben verließ sich auf ihren Instinkt. Darum war er gespannt, wie sie über dieses Treffen dachte.

“Du kommst nie aus deiner Höhle”, erklärte Melanie. “Deshalb waren wir gleich überzeugt, dass etwas läuft, als Destiny uns hierher eingeladen hat.”

“Ach ja, und was?”, erkundigte er sich.

“Weißt du wirklich nicht, worauf Destiny aus ist?”, fragte Melanie. “Tappst du völlig im Dunkeln wie wir?”

“Nein, ganz so dunkel finde ich es nicht”, stellte er fest und warf einen Blick auf Kathleen.

“Ach, das ist es also”, stellte Melanie fest. “Destiny wird erst glücklich sein, wenn alle ihre drei Neffen verheiratet sind.”

“Hoffentlich irrst du dich”, meinte Ben finster. “Ich enttäusche Destiny nur ungern, aber mit mir kann sie nicht rechnen.”

Richard hatte das aufgeschnappt und lachte. “Bruderherz, wenn du so denkst, tust du mir leid.” Auch er blickte zu Kathleen, die mit Destiny in ein Gespräch vertieft war. “Ich gebe dir noch bis Mai.”

“Juni”, warf Mack ein. “Destiny hat es gar nicht gefallen, dass keiner von uns traditionsgemäß im Juni geheiratet hat. Jetzt hat sie nur noch dich, kleiner Bruder. Sie wird nicht zulassen, dass du sie enttäuschst. Vorhin habe ich sie im Garten beobachtet. Ich glaube, sie hat sich schon ausgemalt, wo sie die Stühle für die Hochzeitsgäste aufstellen wird.”

Ben schauderte. Richard und Mack waren früher genauso gegen die Ehe gewesen wie er, und wohin das letztlich geführt hatte, sah man. Richard freute sich gerade auf sein erstes Kind, und Mack und Beth wollten eines der kranken Kinder adoptieren, mit denen Beth im Hospital arbeitete. Bei so viel zu erwartendem Nachwuchs war es nicht nötig, dass er auch noch etwas beitrug. Destiny dachte allerdings bestimmt nicht so.

Verstohlen sah Ben noch einmal zu Kathleen Dugan hinüber und bemerkte, wie selbstzufrieden seine Tante das beobachtete. Er seufzte und warf ihr einen Blick zu, der sie abschrecken sollte. Sie zuckte jedoch nicht mal mit der Wimper. Nun, das war genau das Problem mit seiner Tante. Sie ließ ein Nein nie gelten, war zielstrebig und manchmal sogar hinterhältig. Wenn er nicht von Anfang an fest auf seinem Standpunkt beharrte, war er verloren.

Leider hatte er nicht die geringste Ahnung, wie er diesen Standpunkt bei einem Truthahnessen deutlich machen sollte.

Er konnte einfach schweigen, sich nicht um diese Frau kümmern und seiner Tante ausweichen. Bald würden alle wieder verschwinden, und dann hatte er es hinter sich, konnte Türen und Fenster verrammeln und sich einigeln.

Ja, so wollte er vorgehen. Er brauchte nicht unhöflich zu werden und niemanden herauszufordern. Fand er sich eben kommentarlos damit ab, dass diese Kathleen Dugan heute Abend hier war.

Zufrieden mit dieser Entscheidung griff er nach dem Glas, das Richard ihm in die Hand drückte, und roch daran. Kein Alkohol. Seit Gracielas Unfall hatte er außer Bier keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken.

“Mein Lieber.” Destiny trat mit Kathleen zu ihm. “Habe ich schon erwähnt, dass Kathleen eine Kunstgalerie besitzt?”

Melanie lachte auf, nahm sich aber sofort wieder zusammen; Richard und Mack lächelten vergnügt. Ben hätte seine Brüder am liebsten angefaucht, weil sie sich dermaßen an den Tricks seiner Tante ergötzten. Jetzt war klar, dass Kathleen speziell für ihn ausgewählt worden war.

“Ach ja?”, erwiderte er knapp.

“Sie stellt derzeit sagenhafte Bilder aus”, fuhr Destiny heiter fort. “Du solltest sie dir unbedingt ansehen.”

Ben wandte sich hilflos an Kathleen. Sie wirkte plötzlich ebenso verlegen, wie er sich fühlte. “Vielleicht mal bei Gelegenheit”, versprach er, doch er dachte nicht im Traum daran.

“Ich würde gern Ihre Meinung hören”, entgegnete Kathleen höflich.

“Die ist nicht viel wert”, wehrte Ben ab. “Destiny ist in unserer Familie die Expertin.”

“Aber die meisten Künstler erkennen ein Talent sofort”, widersprach Kathleen.

Hoffentlich war diese Galeristin klug genug, um seiner Tante nicht in die Falle zu gehen. Ben wollte ihr raten, sofort die Flucht zu ergreifen. “Ich bin kein Künstler”, sagte er stattdessen nur ausweichend.

“Natürlich bist du einer”, protestierte Destiny. “Du bist sogar ein außergewöhnlich talentierter Künstler. Wieso behauptest du bloß so etwas, Ben?”

Um dir nicht ins Netz zu gehen, hätte er ihr beinahe ins Gesicht gesagt. “Bist du eine Künstlerin?”, fragte er lediglich.

“Nicht mehr.”

“Weil du nicht mehr malst?”, hakte er nach.

Destiny runzelte die Stirn. “Ab und zu pinsele ich ein wenig.”

“Dann bezeichnest du dich also nicht als Künstlerin, weil du deine Werke nicht ausstellst oder verkaufst, nicht wahr?”

“Ja, genauso ist es”, bestätigte sie.

“Das gilt auch für mich”, hielt er Destiny triumphierend vor. “Ich stelle nicht aus, und ich verkaufe nicht, sondern ich pinsele nur, wie du es nennst.” Er zwinkerte Kathleen zu. “Also kann ich Ihnen auch keine professionelle Meinung zu Ihrer gegenwärtigen Ausstellung bieten.”

“Sehr klug”, lobte Kathleen lächelnd.

“Zu klug”, murmelte Destiny.

“Oje.” Mack lachte lautlos. “Jetzt hast du es geschafft, Ben. Destiny hat das Kriegsbeil ausgegraben, und du bist schon verloren.”

Ben sah um sich herum nur amüsierte Gesichter und kam zu dem Schluss, dass er sein Atelier erst gar nicht hätte verlassen sollen.

2. KAPITEL

Kathleen fand ihre Vermutungen über die wahren Hintergründe für diese Einladung vollauf bestätigt. Wäre es nicht unhöflich gewesen, hätte sie sich auf der Stelle zurückgezogen.

“Möchten Sie sich vor dem Essen noch etwas frisch machen?”, fragte Beth Carlton freundlich.

“Ja, gern”, erwiderte sie dankbar.

“Ich zeige Ihnen das Bad”, bot Beth an und lächelte herzlich, sobald niemand mehr zuhören konnte. “Es kommt Ihnen bestimmt so vor, als säßen Sie in einer Falle, nicht?”, vermutete sie mitfühlend.

Kathleen nickte. “Schlimmer noch. Bin ich hier das Opfer?”

“Mehr oder weniger”, bestätigte Beth. “Glauben Sie mir, Melanie und ich wissen genau, wie es Ihnen ergeht. Das haben wir auch durchgemacht, und bevor wir es merkten, waren wir mit Carlton-Männern verheiratet.”

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