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Glas

Patricia Görg

Glas

Eine Kunst

Die Andere Bibliothek und ihre Kometen
werden herausgegeben von Christian Döring

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ISBN 978-3-8477-6002-3

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Glas. Eine Kunst von Patricia Görg ist im Oktober 2013 als Band 3 der »Kometen der Anderen Bibliothek« erschienen.

In gedruckter Form erhältlich unter:

https://www.die-andere-bibliothek.de/Kometen/Glas::637.html

Covergestaltung: Cornelia Feyll und Friedrich Forssman

Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

Umsetzung und Vertrieb des E-Book erfolgt über:

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

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Meinen Eltern

 dies zerbrechliche Leben 

(Ars vitraria experimentalis)

I
(1686)

Johann Kunckel öffnet die Augen.

Auf seiner Insel tagt es. Gähnsanfter Wind biegt Gräser über einer gerodeten Lichtung, Tautropfen springen von den Gräsern ab und zerplatzen, die Erde riecht frisch, und am Rand der Lichtung warten ausgekühlte Ofenanlagen darauf, dass man sie neu befeuert.

Eben noch lag er in der Brutkammer übler Träume. Kunckel, der Alchemist, erinnert sich, unter gemauertem Himmel ein philosophisches Ei gewärmt zu haben, aus dem schließlich krüppliger, verbackener Unrat schlüpfte – aber jetzt schüttelt er solche nächtlichen Fehlschläge ab, setzt seine Perücke auf und tritt hinaus auf die Lichtung, die kristallin glitzert. Bald wird die Sonne gleichmäßig Hitze geben. Gelb schwimmt ihr Widerschein auf der Havel. Der Fluss ist breit und langsam hier, schwappt kaum hörbar an die Ufer der Insel, wirkt wie ein See. Draußen sind einige Fischerboote. Johann Kunckel geht bis zum Wassersaum, blickt ostwärts, indem er die Hand über die Augen hält gegen die Blendung.

Was die Fischer von ihren Booten aus sehen, klein in einer kleinen Bucht der Potsdamer Landschaft, ist ein Mann, der ihnen fern bleibt, denn sie dürfen den Werder nicht betreten, auf dem Kunckel arbeitet, sehen nur manchmal schwarze Rauchsäulen von dort aufsteigen. Viel zu weit weg, um sein Gesicht zu erkennen, denken sie es sich undurchschaubar.

In Wahrheit hat dieser Mann klare, ins Energische geläuterte Züge, die selbst durch eine Perücke nicht verwässert werden. Wellige Kaskaden fließen ihm vom Scheitel bis über beide Schultern, doch sein Blick funkelt dazwischen hervor, und sein Schnurrbärtchen, an den Enden aufgedreht, wiederholt den Schwung der Nasenlippenfurchen, die sich bis tief in die Wangen ziehen, starkes und cholerisches Temperament verratend. Überdies scheint er ein zäher Arbeiter zu sein: Sein Kinn lässt gar keinen anderen Schluss zu.

Kunckel stemmt die Arme in die Seiten. Während seine Handflächen nach außen zeigen, beginnen seine Finger eigene Läufe. Höchste Zeit, aus der Starre eines Porträtierten zu kommen. Er zwinkert. Ein Hahn schreit, und er ahmt ihn kurz nach, als wolle er seine Helfer wecken. So endet die Besinnlichkeit des frühen Morgens.

Schon drehen sich Windmühlenflügel auf der Insel, wird das Mehl für Brot und das Malz für Bier gemahlen, schon werden Tiere gefüttert und Korn gebrannt. Einige von Kunckels Leuten hacken Holz. Einige andere mauern ein Kellergewölbe. Es entsteht in einer Baugrube seitlich von der Lichtung, ein Stück abseits von Hütten und Unterständen, in denen ausgekühlte Öfen darauf warten, neu befeuert zu werden. Die Wände der Grube, wo sie noch blank liegen, zeigen Schicht für Schicht den märkischen Boden, unbesiedelt und arm, bis zurück zum Geschiebe der letzten Grundmoräne.

Kunckel besichtigt die Fortschritte. Er will, dass die Kellermauern dort einen Meter Dicke haben, um den geheimsten Teil dessen, was er tut, unter die Erde zu verlagern, aber er wird sich gedulden müssen. Noch fehlt die nächste Ladung Backsteine, die längst per Schiff hätte kommen sollen.

Früher schlief diese Insel, sich selbst überlassen, während auf ihr Generationen von Kaninchen mit ihrer Vermehrung beschäftigt waren, und nur manchmal das Schicksal zwischen sie fuhr, sie an den Ohren packte, in den Nacken schlug und aus dem Vermehrungsparadies abtransportierte. Jetzt steht das Hegergelände leer, längst wieder überwuchert. Eichenwildnis bedeckt den größten Teil der Insel, sie verdunkelnd. Seit sie dem Alchemisten gehört, ist diese Wildnis allerdings an der Nordostspitze der Insel gelichtet, macht einem wachsenden Werk Platz.

Welche Stoffe sind brauchbar, um Brauchbares zu erzielen? Wie wandeln Stoffe den, der sie verwandelt?

Fragen der Ehre. Fragend hantiert der Mensch in vollgestellter Leere.

Nichts geht Kunckel über das Probieren, seien die überlieferten Rezepte auch noch so hermetisch. Er weiß, dass manche Materia, gehörig traktiert, flüchtige Wunder vollführt, dass sie sich zu verfärben, zu verkehren oder zu verstecken scheint, aber er weiß ebenfalls, dass unermüdlich verfeinerte Erfahrung, und nur sie, diesen faulen Zauber bändigt. Viele Tricks, ersonnen in Hinterstuben, in denen Lügen in Tiegeln schmoren, durchschaut er. Goldmacher mehren sich wie Karnickel, bieten ihre Dienste an und bringen eine ganze Kunst in Verruf. Seit Generationen zieht ein vorgeblicher Midas nach dem anderen durchs Land, berührt Geldschatullen, flüstert, dass alles, was er berühre, in geradezu fluchwürdigem Reichtum ende – und endet selbst am Galgen. Goldmacherschicksal.

Kunckels Probierstube bleibt ernsthaften Experimenten vorbehalten.

Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, der, ins Unedle geworfen, dieses unverzüglich ins Edle läutert, haben die Alchemisten viel im Dreck gewühlt. Haben üble Dämpfe eingeatmet, Metalle zu mörderischem Magma zerschmolzen, sich verbrannt, verätzt, vergiftet und um ihre Ehre gebracht. Oft wurde ihnen einfach nur schwarz vor Augen. Das ist der Bodensatz. Im magischen Morast, bedeckt von Tausenden verklausulierten, tausendfach verschlüsselten Enthüllungen, schlummert vielleicht der Stein der Weisen – vielleicht auch nicht. Auch Kunckel hat danach geforscht. Bedrängt von Finsternissen, fasste er den Entschluss, sich einer lichteren Materie zuzuwenden: Glas.

Angefangen in Kunckels eigenem Labor, in dem er ohne seine gläsernen Apparaturen nicht arbeiten könnte, bis hin zu Kirchenfenstern, die farbglühende Bilder über Steine schütten, hilft dieser Stoff dem Mensch beim Menschsein.

Und weil Glas nicht reagiert mit dem, was es beherbergt, weil es ungerührt ist sogar von ätzenden, giftigen, brodelnden Momenten, bildet es das perfekte Gefäß, zumindest für Experimentatoren wie Kunckel. Er unterhält ein ganzes gläsernes Eingeweidegebilde aus Flaschen, Kolben, Bechern, Kelchen, Trichtern, Phiolen und Retorten, aus Zirkulatorien und Destillierhauben, die er variabel verbindet, um der Hermetik ins Klare zu entkommen, wobei seine vertraglich abgesicherte Aufgabe hier auf der Insel nicht lautet: Erkenne!, sondern: Mache Kristallglas!

Über die Wiese, deren Tau nun völlig abgetrocknet ist, läuft durch schwankende Sonnenflecken ein Kerl, ein Gehilfe mit Schürze und Lederkappe, Kunckel entgegen, der ihn in Gedanken versunken erst nur wie eine grobe Schraffur wahrnimmt – doch dann kommt der Gehilfe so nah, dass man sein Gesicht erkennt. Es ist der Aschekocher. Unglücklich sieht er aus. Er braucht einen Rat. Die beiden gehen, durchs hohe Gras zwei weitere Spuren tretend, zu dem Unterstand am Rand der Lichtung, vor dem gehacktes Holz liegt und wo von Kunckel optimierte Gerätschaften in Dauerbetrieb sind, denn Asche gekocht werden muss immer. Bäume wachsen und müssen fallen, müssen brennen, um Asche zu liefern, die portionsweise in Bottiche gefüllt wird und mit Wasser übergossen steht. So laugt das Wasser die Asche aus. Wieder wird Feuer gemacht, diesmal, um die Lauge in einem Kessel zu kochen, bis auf seinem Grund nur trockenes graues Salz bleibt, Wandlungssalz aus Asche, die vorher Pflanze war: graues, halb rohes, halb fertiges Zwischenwesen, sich kurz ausruhend inmitten einer Gleichung, traktiert, unterwegs, die Farbe wechselnd auf dem Weg in den Nutzen.

Wandlungsfrohe Essenzen, die keine Nymphen mehr sind, lassen sich befreien und in Metamorphosen locken. Graues Salz macht den Anfang. Es soll noch heller, soll weiß werden. Natürlich, das wissen der Glasmacher so gut wie sein Gehilfe, kann jeder Schritt misslingen. Hoch über ihnen tasten zwei riesige einzelne Eichen mit verkrusteten Blättern nacheinander, durch aufsteigende Dämpfe in absterbende Gestalten verwandelt.

Während der Aschekocher ihm aufzählt, dass er abgelagerte Holzscheite so fein gehackt hat, dass sie eine gleichmäßige, nicht zu kräftige Flamme geben, dass er das Feuer geschürt hat, um es in Gang zu halten, dass er das Salz ins Mundloch des Ofens gefüllt und stetig gerührt hat, dann wieder nach dem Feuer gesehen, ob es das Salz nur zum Glühen, nicht zum Schmelzen bringt, kurz, dass er alles richtig gemacht hat, aber nun ist die Gräue noch im Salz – während Kunckel dies hört, pendelt er unduldsam von einem Fuß auf den anderen. Er entringt dem Gehilfen die Stocherstange, mit der jener während seiner Rede gestikuliert hat, und holt eine Probe aus dem Ofen. Dann sieht er sie sich genau an. Conclusio: Hier fehlt Hitze! Um die Gräue aus dem Salz zu zwingen, muss zielstrebig auf dem schmalen Grat zwischen Zuviel und Zuwenig gehandelt werden, eine Sache tausendfacher Versuche, von der einiges abhängt, weil Glas nur so perfekt sein kann wie jeder einzelne seiner Bestandteile. Dieses Salz hier, grau und klumpig, sieht aus wie die Arbeit eines Anfängers. Kunckel wird es erst akzeptieren, wenn die Körner keinen Halt mehr aneinander finden, wenn sie vor Weiße bläulich schimmern. Nur ein reiner Stoff, mit anderen reinen Stoffen vermischt, kann etwas Neues ergeben. Ist das so schwer? Es ist die Quintessenz. Sie liegt in der Luft, klar greifbar, obwohl mittlerweile der Ofen das Firmament mit Rauch schwängert.

Kunckel fragt sich: Warum die Ungenauigkeit? Kann einer kein Euphoriehandwerker sein?

Betreten feuert sein Gehilfe wieder den Ofen an.

Kunckel steht neben einem Haufen Sand, der wie eine Wanderdüne neben ihm aufragt. Während die Bauern sich damit plagen, lässt Kunckel den Sand aus der Umgebung kommen, äußerst zufrieden über die feine, quarzhaltige Qualität.

Er nimmt eine Handvoll davon und winkt gleichzeitig den Gemengemacher herbei, der gerade die Schmelzerei verlässt, seinem Meister entgegenhinkend. Mit einem zerschossenen Bein aus dem Krieg zurückgekehrt, ist er summarisch in die Kristallglasrezeptur Kunckels eingeweiht, doch gibt es sehr wohl Ingredienzen, die Kunckel hinter seinem Rücken in die Schmelze wirft – entscheidende kleine Tricks, die der Hinkende so nicht außer Landes tragen und andernorts zu Geld machen kann. Dennoch weiß er mehr als genug. Er lächelt zwar auf der Insel, lächelt um die Wette mit den Sonnenflecken im schwankenden Gras und beteuert, sich hier wohl zu fühlen, könnte aber hinter Kunckels Rücken durchaus andere Pläne schmieden. Schließlich kennt er das Grundrezept, was man in einer tönernen Pfanne mischen und im Fritteofen bei starker, langer Hitze zusammenschmelzen muss, um ein perfektes Ergebnis zu erhalten. Der Gemengemacher hat diese Schmelze seit Tagen überwacht, hat, als sie erst schlecht vorankam, noch mehr Salz zugegeben, weil nur das Salz den Sand auflöst und in Fluss bringt, hat sich gefreut, dass kaum Blasen eingeschlossen sind, und erachtet die gelbglühende Masse jetzt als bereit. In der Hütte stehen die Glasbläser und warten.

Das Windchen über der Havel, bis eben Kunckels Kinn umspielend, weicht stählerner, durch nichts mehr umzublätternder Starre. Vögel sitzen in den Bäumen ohne einen einzigen Ruf. Bewegungslos wie ein Wappenadler schwebt eine schwarze Silhouette weit oben, mustert die kleine Insel, auf der allein Kunckels künstliche Locken sich kräuseln und Wirbel bilden. Alles andere – vom Holzspan bis zum lahmenden Bein –, stockt, wenn keine Anweisungen Kunckels ertönen. Eine Axt liegt scharf umrissen auf dem Sand. Fische stehen gegen die Strömung in der Havel. Nirgendwo zittert ein Zweig. Ruhig tragen den Adler seine Flügel über die spärlich bebaute Lichtung, die Windmühle, das Eichendickicht und den die Insel umschließenden Fluss hinweg, und schon ist er fort. Aus den Bäumen sind wieder erste Stimmen zu hören.

Kunckel hat noch den Kopf im Nacken liegen, hofft auf weiteren Ansporn. Dieses brandenburgische Bild, dieser Höhenflug, mit beträchtlichem Geschick ausgeführt, sah aus, als wäre er ins blaue Glas des Himmels geschnitten. Vivat! Er beschließt, eine Prunkvase blasen zu lassen. Vielleicht einmal ein gewagtes Stück, das den eben vergangenen Moment einfängt und adelt? Er blinzelt. Aufmunternd zwinkert er seinem Vertrauten, dem Gemengemacher zu, der sein Lächeln nicht erwidert, denn die zähflüssige Schmelze wartet und sollte gefälligst frisch verarbeitet werden. Reflexionen stören da nur, weiß der Veteran. Immerhin hat er durch zu langes Nachdenken während einer Schlacht beinahe sein Bein verloren. Kunckel quälen jedoch manchmal Allegorien. Der brandenburgische Adler als Prunkvase? Dem Gemengemacher tun die Bläser jetzt schon leid: Mit solchen Kunststücken ruinieren sie ihre Lungen.

Am Fritteofen in der Schmelzhütte herrscht höllische Hitze. Halbnackt, mit Lederschürzen vor der Brust, stützen sich drei bewährte Männer auf ihre eisernen Blasrohre und schwitzen. Kunckel kommt zu ihnen herein, förmlich aufgebläht von seiner Vision. Er sieht die Vase als Tafelaufsatz vor sich, erstarrt, gefasst und herauskristallisiert aus flatterhafter Zeit. Er sieht ein drei Handspannen hohes Sinnbild.

Die Bläser stützen sich nicht länger auf die hohlen Eisenstangen, sondern arbeiten: Der erste taucht das Rohr durch ein Ofenfenster in die rotglühende Schmelze, dreht es dort einige Male um sich selbst, und als er es wieder herauszieht, holt er ein Klümpchen kochenden, leuchtenden Honigs in die Hütte. So fängt es jedes Mal an, aber diesmal spiegelt es sich in Kunckels Augen, doppelt Erfolg verheißend. Der Glaser bläst, und das Klümpchen bläht sich auf zu einer birnengroßen Kugel, übernommen vom zweiten Mann, der sie nochmals in den Ofen steckt, sie im geschmolzenen Gemenge verdickt, aushebt, unaufhörlich dreht und ihr eine ovale Gestalt gibt. Jetzt beginnt das Pfeifen- und Zangenballett: Mal schwingt der Bläser das zähflüssige Stück um seinen Kopf, mal pendelt er es hin und her, dass es sich längt, mal streichelt oder zieht er es mit dem Zwackeisen ins Konkave oder Konvexe, bis es fügsam einen Vasenkörper bildet, dessen inneres Feuer zu erlöschen droht, weshalb er wieder kurz in der Glut des Ofens aufgewärmt werden muss. Der dritte Bläser, ein Meister, wird dem erkaltenden Posten die endgültigen Proportionen verleihen; er wird heraustreiben, was Kunckel sich erträumt. Zunächst bläst er das Werk gewaltig auf, so sehr, dass seine Lungen schmerzen. Dann flacht der zweite Bläser den Vasenboden ab, der erste klebt den Boden auf das Hefteisen, so dass die Vase vom Blasrohr abgeschnitten werden kann und endlich eine Öffnung hat. Der Meisterbläser weitet und glättet den Schnitt, lässt dort ein weiteres Klümpchen glühenden Honigs ansetzen und formt es zum Kopf eines Adlers. Vivat! Kunckel ist begeistert. Es fehlen nur noch die angesetzten, ausgebreiteten Flügel. Rasch klebt der Meister einen Stummel auf die Wandung, den er zu einer gefiederten Schwinge auszieht und vertieft, doch als er das Pendant ansetzt, hält es Kunckel nicht länger. Er entreißt dem Mann das halbfertige Werk, denn er selbst will es vollenden. Mit angestrengt hüpfendem Schnurrbärtchen zwackt er die halbstarre Masse, weiß, dass er schnell sein muss, handelt dabei überstürzt, und – der Flügel reißt! Da ist nichts mehr zu retten. Dieses ganze Stück ist Ausschuss, von Kunckel ruiniert. Er flucht und flucht und flucht.

Die Reste der Prunkvase fliegen in einen Metalleimer. Irgendwann werden sie wieder eingeschmolzen, schwimmen wieder in der heißen Ursuppe, aus der ständig neue Versuche erstehen, Knospen, Nuppen, Trichter und Füße bilden und sich dann und wann zu etwas Einzigartigem auswachsen.

Ohne Kunckel anzusehen, verschnaufen die drei Glasbläser. Sie werden nun auf Bewährtes zurückgreifen: Deckelpokale, Rippenflaschen, Römer. Im Hüttendunkel loht das Feuer im Ofen. Die Gesichter sind von seinem gleichmäßigen Schein überzogen.

Glas in spe brodelt selbstgenügsam im Tiegel, keinem Schöpferatem ausgeliefert.

Erst, als das Gemenge aufs Neue an den Blasrohren in Bewegung gerät, zeigt es unter geübter Willkür, was es alles kann: Schwerkraft überwinden, dünnste Wände zusammenhalten, sich wölben als Wandung prächtiger Pokale.

Eben noch geschmeidig, eben noch ideell, müssen diese langsam aushärten, sonst drohen sie zu zerspringen. Vorsichtig schieben die Glasbläser die Pokale Stück für Stück in einen Kühlofen, überrumpeln sorgsam ihr Material, das erst mit Verzögerung bemerkt, kein Gemenge mehr zu sein. Glas täuscht. Es ist weniger fest, als es scheint, ist gefrorene, unterkühlte Flüssigkeit. Alchemist Kunckel hat schon oft alte Kirchenfenster betrachtet und dabei gedacht: Sie fließen, wenn auch so allmählich, dass man es mit dem gewöhnlichen Auge nicht wahrnimmt. Erst nach Generationen läuft eine sanfte Dünung am unteren Rand der Scheiben auf, verzerrt das Bild, das lange klar schien, ins Wellige und stellt die unabweisbare Frage: Hat dieser Stoff Sehnsucht danach, seine Existenz rückgängig zu machen?

Wie aus dem Nichts ist der Hinkende wieder da und meldet, der Glasschneider lasse um Nachsicht bitten für einen Fehler. Kunckels Miene zieht sich zusammen, dann zerspringt sie in bösem Gelächter. Ein schöner Morgen! Auf die Lichtung tretend, spürt Kunckel dort die gleiche Hitze wie in der Schmelzhütte. Sein Kopf schmerzt. Einige Gedanken scheinen sich zu sehr ausgedehnt zu haben, drücken von innen gegen die Knochenkapsel. Die Schläge der Männer, die Holz hacken, sind viel langsamer geworden. Schmetterlinge torkeln durch die aufgeheizte Wiese. Über der Havel flirrt die Luft, verwandelt die immer noch draußen liegenden Boote fast in Halluzinationen.

Staubig und kleinlaut krümmt sich in der Schleifhütte der Graveur über das misslungene Dekor eines Pokals, richtet sich jedoch hoch auf, als er Kunckel kommen hört. Ein Wortwechsel folgt. Kunckel hält den Pokal, dessen Trichter und Fuß mit einem Spitzenwerk feinster Ritzungen bedeckt sind, gegen das Licht, um zu prüfen, wo das Schleifrad oder der Diamant abgerutscht sind, und ob es vielleicht einen Ausweg gibt. Zunächst sieht er ein verwunschen wucherndes Eichendickicht, worin Schmetterlinge gaukeln, dann dreht er ...

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