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Glanz

Über Karl Olsberg

Karl Olsberg promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Er war Unternehmensberater, Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer mehrerer Start-ups. Heute arbeitet er als Schriftsteller und Unternehmer und lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Bislang erschienen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller »Das System«, »Der Duft«, »Schwarzer Regen«, »Glanz« sowie »Die achte Offenbarung«.

Mehr vom und zum Autor unter: www.karlolsberg.de

Informationen zum Buch

Verloren in der virtuellen Welt

Als der 14-jährige Eric nach einer Überdosis der Droge »Glanz« vor dem Laptop ins Koma fällt, ist seine Mutter Anna verzweifelt. Da die Ärzte keinen Rat wissen, nimmt sie schließlich die Hilfe einer mysteriösen Frau an. Das Unvorstellbare geschieht: Anna kann in die Traumwelt im Kopf ihres Sohnes vordringen, der in einem phantastischen Computerspiel gefangen zu sein scheint. Doch während sie versucht, ihn zurück ans Licht der Wirklichkeit zu führen, verdichten sich die Hinweise, dass Eric das Opfer eines üblen Spiels ist …

Der erste Thriller, der auch als interaktives E-Book erscheint.

cover.tif

Karl Olsberg

Glanz

Thriller

Für meine Mutter

»Is this the way out from this endless scene?

Or just an entrance to another dream?«

Genesis, The Light Dies Down On Broadway

1.

Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ist die stärkste Kraft im Universum. Ich weiß nicht mehr, wo ich diesen Spruch gelesen habe, aber er stimmt. Doch wie jede Kraft kann auch diese heilen – oder zerstören.

Ich bin New Yorkerin, geboren und aufgewachsen in Brooklyn. Ich habe meine Lektionen im Leben gelernt und bin nicht gerade zart besaitet. Von esoterischem Hokuspokus habe ich nie etwas gehalten, und gebetet habe ich das letzte Mal mit fünfzehn. Doch wenn deinem eigenen Kind etwas zustößt, dann kann es passieren, dass dein ganzes Weltbild einstürzt wie ein Wolkenkratzer nach einem Terrorangriff.

Das ändert alles.

Es war ein Dienstag. Ich hatte um neun einen Termin bei einer Werbeagentur in der Madison Avenue und war spät dran. Ich klopfte laut gegen seine Tür. »Eric? Eric, du kannst nicht schon wieder zu spät zur Schule kommen!«

Ich wartete ein paar Sekunden, bevor ich sein Zimmer betrat – pubertierende Jungs sind ein bisschen empfindlich, was ihre Intimsphäre angeht. In der Tür blieb ich stehen.

Sein Kopf mit den nicht zu bändigenden blonden Locken lag auf der Tischplatte. Ein Arm hing schlaff herab, die Hand des anderen umfasste noch die Maus. Nur das trübe Licht des Bildschirms erhellte den Raum.

Ich seufzte. Diese verdammten Onlinespiele! Wenn Eric so weitermachte, würde er den Highschool-Abschluss niemals schaffen. Ich hatte schon alles versucht – reden, schimpfen, drohen, locken. Vergeblich. Jede freie Sekunde hockte er vor dem Computer und jagte irgendwelchen Monstern nach.

Ich hatte nie verstanden, was ihn daran so faszinierte. Es musste etwas typisch Männliches sein – der Urinstinkt, auf die Jagd zu gehen, sich als Mann zu beweisen vielleicht. Dabei war es doch so armselig: Die Gefahren bestanden nur aus bunten Pixeln, und um ihrer Herr zu werden, brauchte man nicht mehr als ein paar Mausklicks.

Ich hatte irgendwo gelesen, dass mindestens fünf Prozent der männlichen Jugendlichen computerspielsüchtig waren – im Schnitt einer in jeder Highschool-Klasse. Trotzdem hatte ich immer gehofft, Eric würde die Lust daran von selbst verlieren. Irgendwann, so redete ich mir ein, würde er ein Mädchen kennenlernen, das ihn auf andere Gedanken brachte. Immerhin war er jetzt fast fünfzehn. Doch wie sollte er sich je verlieben, wenn er nur vor seinem Laptop saß und außerhalb der Schulzeit nie einen Fuß vor die Tür setzte? Es war wohl höchste Zeit, einen Psychologen zu konsultieren.

»Eric!« Ich rüttelte an seiner Schulter. »Eric, wach auf! Es ist gleich halb acht!«

Er reagierte nicht.

Das war der Moment, als die Angst aus den tiefen Höhlen meines Bauches bis in meine Kehle aufstieg. Ich spürte meinen Herzschlag im Mund.

»Eric!« Ich rüttelte ihn erneut, ohne jede Reaktion. Ich fasste ihn an den Schultern und zog ihn zurück. Sein Kopf fiel in den Nacken, der Mund klappte auf. Seine Augen waren weit geöffnet. Das Licht der virtuellen Welt spiegelte sich auf ihrer glasigen Oberfläche.

Mir blieb das Herz stehen. »Eric! O Gott, Eric!«

Ich hatte gehört, dass bereits Computerspieler an Erschöpfung gestorben waren. Doch er konnte nicht tot sein! Nicht Eric! Nicht mein Sohn!

Meine Fingerspitzen berührten seine Halsschlagader. Fühlte ich dort tatsächlich einen schwachen Puls? Ich legte mein Ohr an seinen Mund und spürte einen leichten, regelmäßigen Hauch. Er lebte!

Erleichterung durchflutete mich und wurde gleich darauf von tiefer Sorge verdrängt. Ich rüttelte ihn erneut, gab ihm sogar Ohrfeigen, spritzte Wasser in sein Gesicht, bewirkte jedoch nicht die geringste Reaktion.

Schließlich rannte ich in die Küche, nahm das Telefon von der Station, lief zurück in sein Zimmer und wählte 911. Während ich Name und Adresse nannte und die Situation zu beschreiben versuchte, fiel mein Blick auf den Bildschirm des Laptops. Er zeigte eine von dornigen Sträuchern bewachsene Wildnis aus der Vogelperspektive. In der Mitte lag ein lebloser Körper in der glänzenden Bronzerüstung eines antiken Helden. Schwarze Vögel saßen auf der Leiche und pickten daran. Darunter hatte sich ein Eingabefenster mit drei Schaltflächen geöffnet: »Spielstand laden«, »Neustart« und »Beenden«.

Ekel erfüllte mich. Die Designer des Spiels, das Eric seit Monaten in seinen Bann zog – »Realm of Hades« hieß es, soweit ich mich erinnerte –, hatten es mit dem Realismus eindeutig übertrieben. Angewidert klappte ich den Laptop zu, griff den schlaffen Körper meines Sohnes unter den Achseln und zerrte ihn auf sein Bett. Er war überraschend schwer. Dabei schien es doch noch so nah, dass ich ihn das erste Mal in den Armen gehalten und seinen kleinen Mund an meiner Brust gespürt hatte. Auch so ein Effekt von Kindern: Sie rauben uns jedes realistische Gefühl für den Fluss der Zeit.

Ich rief mir den Erste-Hilfe-Kurs in Erinnerung und brachte Eric in die stabile Seitenlage, so gut ich konnte. Nun blieb mir nichts weiter übrig, als auf die Rettungskräfte zu warten.

Draußen erstrahlten die Glastürme der Stadt im Glanz der frühen Sonne. Ein Schwarm Vögel zeichnete sich dunkel gegen den klaren, kupferfarbenen Himmel ab, als hätten sie sich soeben von der Leiche des Computerspielhelden erhoben und wären irgendwie aus dem Laptop geflüchtet.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis es endlich an der Wohnungstür klingelte. Der Notarzt untersuchte Eric kurz, überprüfte Atmung und Puls, während ich ihm erklärte, wie ich meinen Sohn gefunden hatte.

»Was ist mit ihm, Doktor? Glauben Sie, es ist bloß Erschöpfung?«

»Das können wir erst sagen, wenn wir ihn genauer untersucht haben. Reagiert Ihr Sohn auf irgendwas allergisch?«

»Nein, eigentlich nicht. Ganz selten hat er Heuschnupfen. Birkenpollen, glaube ich.«

»Nimmt er Medikamente oder Drogen?«

Ich stockte. Bis zu diesem Moment war ich nie auf die Idee gekommen, dass Eric etwas mit Drogen zu tun haben könnte. Aber wenn es so war, hätte ich es wirklich gewusst? Ich hatte selbst ein paar Mal Gras geraucht, wie man das eben so tat zu meiner Zeit am College, aber das härtere Zeug nie angerührt. Andererseits waren heutzutage an den Schulen alle möglichen Pillen im Umlauf. Doch Eric trank nicht mal Alkohol und ging kaum aus dem Haus. Außerdem, woher hätte er das Geld für Drogen nehmen sollen?

»Nein«, antwortete ich. »Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.«

»Ist er Diabetiker? Hat er irgendeine andere chronische Krankheit? Oder hat er in letzter Zeit irgendwelche ungewöhnlichen Symptome gezeigt? Hatte er Kopfschmerzen, war er oft müde, oder war ihm übel?«

»Nein. Er ist eigentlich gesund. Bis auf …«

»Ja?«

»Na ja, er spielt sehr viel am Computer. Zu viel. Ich glaube, man kann da von einer Sucht sprechen.«

Der Notarzt nickte. Gemeinsam mit einem Rettungssanitäter hievte er meinen Jungen auf eine Trage und schnallte ihn fest. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, zwei Diebe zu beobachten, die mir das Wertvollste raubten, das ich besaß.

»Möchten Sie mitkommen?«

Ich nickte und folgte den beiden zum Krankenwagen. Es waren nur etwa ein Dutzend Blocks von unserer Wohnung am Rande des Tompkins Square Park im Südosten Manhattans bis zum Faith Jordan Medical Center. Ich erledigte die Formalitäten am Empfang, während man Eric auf die Intensivstation brachte.

Ich blieb den ganzen Tag im Krankenhaus, ohne dass ich mehr über seinen Zustand erfuhr. Verschiedene Ärzte untersuchten ihn und stellten mir alle dieselben Fragen – ob es ähnliche Fälle in der Familie gäbe, ob Eric bereits einmal in Ohnmacht gefallen sei oder epileptische Anfälle gehabt habe, ob er jemals allergisch auf Nahrungsmittel reagiert habe. Ich konnte nur verneinen. Auf meine Nachfragen aber antworteten sie ausweichend. Er leide an einem Apallischen Syndrom, auch Wachkoma genannt, möglicherweise ausgelöst durch einen toxischen Schock. Genaueres könne man noch nicht sagen. Sein Zustand sei immerhin stabil; man könne nicht viel mehr tun als abwarten. Es sei hilfreich, wenn ich bei ihm bliebe und mit ihm redete.

Ich saß an seinem Bett und hielt seine Hand, während die Maschine, die ihn überwachte, gleichmäßig piepte. Er hatte jetzt die Augen geschlossen und schien friedlich zu schlafen. Doch vor meinem inneren Auge stand das unbarmherzige Bild des gefallenen Helden aus dem Computerspiel, von Aasvögeln bedeckt. Sosehr ich es auch versuchte, ich konnte es nicht verdrängen.

Das Schlimmste in so einer Situation ist die eigene Hilflosigkeit. Der Körper spürt die Gefahr und pumpt Adrenalin durch die Blutbahn. Die Muskeln sind angespannt, je nach Bedarf flucht- oder kampfbereit. Doch in einem mit Elektronik vollgestopften Krankenhaus sind diese archaischen Impulse so nutzlos wie eine elektrische Heizdecke am Nordpol.

Mein Kind war in Gefahr. Jemand – etwas – hatte es verletzt. Doch ich konnte nichts tun.

Ich war nie besonders geduldig. Deshalb arbeite ich normalerweise allein oder nur mit wenigen Leuten, auf die ich mich verlassen kann. Ich bin Fotografin in der Modebranche. Mein Job ist es, das Schöne zu zeigen, und zwar so, wie es in der Realität so gut wie nie vorkommt – makellos, perfekt. Als ich jetzt Eric so liegen sah, seine Gesichtszüge völlig entspannt, hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal diese Perfektion zu sehen, ohne dass ich mit Schminke, Kunstlicht und Objektivfiltern nachhelfen musste.

Ich strich sanft über seine Wange. »Wo bist du?«, fragte ich ihn. »Komm bitte zu mir zurück!«

»Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?«

Ein Mädchen in der Kleidung einer Pflegerin war eingetreten. Sie schien höchstens zwei oder drei Jahre älter als Eric zu sein, und ich ertappte mich dabei, dass ich mich fragte, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen war. Doch in ihren ungewöhnlich großen, dunkelbraunen Augen glaubte ich etwas zu erkennen, das mich anrührte: einen Schmerz, der meinen eigenen zu spiegeln schien, so als verstünde sie wirklich, wie ich mich fühlte. Ich schüttelte den Kopf.

»Mein Name ist Maria. Ich arbeite in der neurologischen Abteilung. Ihr Sohn wird auf unsere Station verlegt, sobald … klar ist, dass sein Zustand stabil bleibt.«

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Vielen Dank, Maria.«

Sie war gerade gegangen, als ein grauhaariger Arzt das Zimmer betrat. Er ging leicht vornübergebeugt, als könne er die Last des Leids seiner Patienten kaum noch ertragen. Er stellte sich als Dr. Kaufman vor, Leiter der neurologischen Abteilung. »Leiden Sie gelegentlich unter Depressionen?«, fragte er. »Haben Sie jemals Medikamente gegen Stimmungsschwankungen verschrieben bekommen?«

»Ich? Nein, wie kommen Sie darauf?«

»Wir haben das Blut Ihres Sohnes untersucht und Spuren einer Substanz gefunden: Glanotrizyklin.«

Ich sah ihn verständnislos an.

»Glanotrizyklin ist ein starkes Antidepressivum. In der Szene wird es auch ›Glanz‹ genannt.«

»Szene? Was für eine Szene?«

»Drogen. Medikamentenmissbrauch. Glanotrizyklin wird eine bewusstseinsverändernde Wirkung zugeschrieben. Es hebt die Stimmung und verstärkt die Wahrnehmung. In letzter Zeit ist von einigen Fällen berichtet worden, bei denen Computerspieler versucht haben, die Intensität des Spielerlebnisses damit zu erhöhen. Sieht so aus, als hätte Ihr Sohn eine Überdosis davon eingenommen.«

Schwer zu beschreiben, was ich in diesem Moment fühlte. An der Oberfläche Entsetzen – etwas, das zu erwarten gewesen wäre: der Schock der Erkenntnis, als Mutter versagt zu haben. Doch darunter lauerte etwas viel Tieferes, Bedrohlicheres, eine Dunkelheit der Seele, eine Verzweiflung, wie ich sie noch nie gespürt hatte. Eigentlich hätte die Tatsache, dass die Ärzte endlich den Grund für Erics Zustand kannten, meine Hoffnung schüren sollen. Doch tatsächlich hatte ich in diesem Moment das übermächtige Gefühl, meinen Sohn für immer verloren zu haben.

Der Arzt versuchte, mich zu beruhigen. »Ich will Ihnen keine falschen Hoffnungen machen, Frau Demmet. Aber es gibt eine realistische Chance, dass Ihr Sohn in ein paar Tagen von selbst wieder aus seinem Zustand erwacht. Jung und kräftig, wie er ist, kann es gut sein, dass er keine bleibenden Schäden davonträgt.«

Es war eine barmherzige Lüge.

2.

Ich musste nicht lange suchen: Eric hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Drogen raffiniert zu verstecken. In der obersten Schublade seines Schreibtischs fand ich unter ein paar zerknitterten Zetteln mit Notizen aus der Schule einen kleinen Plastikbeutel mit etwa zwanzig länglichen, hellblauen Kapseln. Sie sahen aus wie ein ganz normales, industriell hergestelltes Medikament, ein Vitaminpräparat vielleicht. Der Beutel war nicht beschriftet.

Mein erster Gedanke war, noch einmal in die Klinik zu fahren und den Ärzten das Zeug zu geben. Doch wozu? Sie wussten ja bereits, was passiert war, und irgendwie hatte ich das Gefühl, meinen Sohn zu verpetzen, wenn ich ihnen die Drogen zeigte. Also legte ich das Tütchen einfach zurück an seinen Platz.

Ich zwang zwei Käsetoasts in mich hinein und legte mich ins Bett, doch sobald ich die Augen schloss, sah ich Eric in blutbefleckter Rüstung auf dem Boden liegen, von schwarzen Vögeln bedeckt.

Nach einer schlaflosen Nacht sagte ich einen Auftrag ab, für den ich mehrere Monate gekämpft hatte, und fuhr in die Klinik. An Erics Zustand hatte sich nichts geändert. Ich saß an seinem Bett und hielt seine Hand. Er starrte mit leerem Blick an die Decke. Wenn man ihm leichte Schmerzen zufügte, zeigte er normale Reflexe, doch er schien unfähig, irgendetwas von seiner Umgebung wahrzunehmen, so als sei sein Geist in eine fremde Dimension gereist.

Ich konnte nicht mal weinen, fühlte mich innerlich hohl und ausgetrocknet wie eine Mumie, die nur noch von ihren Bandagen zusammengehalten wird.

Irgendwann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Als ich hochschrak, merkte ich, dass ich mit dem Kopf neben Erics Brust eingeschlafen war. Dunkle Träume verschwanden hinter einem Schleier des Vergessens, verbargen sich vor meinem Wachbewusstsein und lauerten darauf, mich im nächsten Schlaf erneut zu überfallen.

Die junge Pflegerin namens Maria sah mich sorgenvoll an. »Sie sollten nach Hause fahren und sich ausruhen. Wir rufen Sie sofort an, sobald sich etwas tut.«

»Aber er braucht mich«, protestierte ich.

Maria schüttelte leicht den Kopf, sagte jedoch nichts. Wieder sah ich diese anrührende Trauer in ihrem Gesicht. Sie hatte sich noch nicht die professionelle Distanz angeeignet, die das übrige medizinische Personal auszeichnete: die Fähigkeit, das Leid anderer Menschen von sich fernzuhalten, es mit neutralem, professionellem Blick zu betrachten wie ein unbekanntes Tier. Für einen Moment glaubte ich sogar, Tränen in ihren Augenwinkeln glitzern zu sehen, doch sie wandte sich ab, bevor ich mir sicher sein konnte, und ließ mich allein.

Am späten Nachmittag kam Dr. Kaufman in Begleitung eines zweiten Arztes in den Raum. Er stellte seinen Kollegen als Dr. Joseph Ignacius vor, einen Neurologen und Spezialisten für Wachkomafälle, der extra aus Boston angereist sei.

Dr. Ignacius hatte ein schmales, eingefallen wirkendes Gesicht, das von wässrigen Augen dominiert wurde. Er wirkte irgendwie nicht ganz gesund, so als habe er Fieber und gehöre eigentlich selbst ins Bett. Sein fester Händedruck überraschte mich.

»Ich würde gern noch ein paar spezielle Untersuchungen an Ihrem Sohn durchführen«, sagte der Neurologe. Seine Stimme klang ein wenig heiser. Vielleicht war er wirklich erkältet.

»Natürlich«, stimmte ich zu, ohne allzu viel Hoffnung, dass dieser kränkliche Arzt aus Boston mehr für Eric tun konnte als Dr. Kaufman.

Mein Junge wurde von der Intensivstation in die Radiologie gebracht, wo man ein Positronen-Emissions-Tomogramm von ihm erstellte. Dr. Ignacius erklärte mir, man könne damit die Gehirnaktivitäten sehr genau untersuchen. Ich wartete auf dem Flur.

Nach etwa zwei Stunden kam Dr. Ignacius zu mir. Seine Mundwinkel waren herabgezogen und seine Stirn war zerfurcht, aber ich wusste nicht, ob das bei ihm etwas zu bedeuten hatte oder ob es sich um einen permanenten Zustand seiner Gesichtsmuskeln handelte. »Ich kann Ihnen leider nicht mehr sagen, als dass der Zustand Ihres Sohnes stabil ist«, sagte er. »Wir haben keine Hirnschädigungen festgestellt. Die Durchblutung scheint normal zu sein.«

»Können Sie ihn denn nicht irgendwie aufwecken?«

»Nein, leider nicht. Aber machen Sie sich keine Sorgen, er wird sicher von selbst zu sich kommen.«

»Aber wann? Wie lange kann denn so ein Koma dauern?«

»Wenn wir Glück haben, ein paar Tage. Aber es gibt auch Fälle von Patienten, die monatelang oder sogar mehrere Jahre in diesem Zustand waren. Reden Sie mit ihm, geben Sie ihm Zuwendung und Liebe. Gut möglich, dass er mehr von seiner Umwelt wahrnimmt, als wir erkennen können.«

Hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung fuhr ich nach Hause. Dr. Ignacius’ Worte hatten mir Mut gemacht, doch gleichzeitig war da diese bleierne Gewissheit in meinem Magen, dass Eric nie wieder zu mir zurückkehren würde.

Zu Hause ging ich noch einmal in sein Zimmer und sah mich um. Ich weiß nicht mehr, was ich zu finden hoffte – vielleicht Hinweise darauf, woher er die Drogen hatte, oder irgendeine Erklärung dafür, wie er in diese Abhängigkeit gerutscht war, warum er schließlich eine Überdosis genommen hatte.

Der Raum war ein Zeugnis des stummen Ringens zwischen dem verspielten Kind, das immer noch irgendwo tief in Eric steckte, und seinem Streben, erwachsen zu werden. Zerknitterte Kleidung lag herum, die ich mühevoll gewaschen und gebügelt hatte und die nach nur einmal Tragen achtlos auf den Boden geworfen worden war. An den Wänden hingen Poster von Rockbands, und die E-Gitarre in einer Ecke kündete von Erics naivem Traum von Ruhm und Reichtum. Doch auf den bunten Regalen standen immer noch Kinderbücher von Dr. Seuss, Roald Dahl und Astrid Lindgren. Action-Figuren, die noch vor nicht allzu langer Zeit verbissen miteinander gerungen hatten, setzten allmählich Staub an. Eine vergessene Kiste mit Bauklötzen kündete von der Zeit, als Eric, versunken in seine eigene Phantasiewelt, stundenlang still dagesessen und erstaunliche Türme und Gebäude errichtet hatte. Das schien Ewigkeiten her und doch erst gestern gewesen zu sein.

Ich setzte mich auf das Bett, dessen Wäsche mit Manga-Figuren bedruckt war. Halb unter der Decke verborgen lag ein Kuschelhase, als schäme er sich ein wenig dafür, hier zu sein. Eric hatte ihn von meiner Mutter zur Geburt geschenkt bekommen; es war immer sein wertvollster Besitz gewesen, und er hatte ihn überallhin mitgeschleppt. Der Plüsch war an einigen Stellen ausgefallen, und das linke Ohr hing nur noch an einem dünnen Faden. Ich drückte den Hasen an mich und sank aufs Kopfkissen. Erics Duft stieg mir in die Nase, und die Sehnsucht nach ihm überwältigte mich.

Endlich flossen die Tränen.

Ich weiß nicht, wie ich die folgenden Wochen durchstand. Ich schlief wenig, aß fast nichts, verbrachte jede Minute im Krankenhaus. Man hatte Eric nach ein paar Tagen aus der Intensivstation in die neurologische Abteilung verlegt. Er teilte jetzt das Zimmer mit zwei alten Männern, die im Sterben lagen. Ein Schlauch führte durch seine Nase bis in seinen Magen. Mehrmals pro Tag wurden ihm auf diese Weise breiförmige Nahrung und Flüssigkeit zugeführt.

Jeden Montag kam Dr. Ignacius in die Klinik und untersuchte ihn, doch seine Erklärungen blieben stets genauso vage und unverbindlich wie beim ersten Mal.

Wachkomapatienten haben einen normalen Schlafrhythmus, wie mir Dr. Kaufman schon am ersten Tag erklärt hatte. Jeden Morgen, wenn er die Augen öffnete, hatte ich die Hoffnung, Eric könne mich erkennen oder wenigstens irgendetwas wahrnehmen, doch sein Blick blieb leer. Eines Morgens gab ich ihm in meiner Verzweiflung sogar eine Ohrfeige und brüllte ihn an. Natürlich bewirkte es nichts, und ich hatte danach tagelang ein schlechtes Gewissen.

Dr. Kaufman empfahl mir, viel mit Eric zu sprechen. Neuere Studien hätten gezeigt, dass Wachkomapatienten mehr von ihrer Umwelt wahrnähmen, als man früher geglaubt habe, auch wenn sie nicht darauf reagieren könnten. Obwohl er damit bestätigte, was Dr. Ignacius gesagt hatte, befürchtete ich, dass er mich nur beruhigen wollte. Aber natürlich befolgte ich seinen Rat.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich das regelmäßige Signal des Herzschlags auf dem kleinen Monitor leicht veränderte, wenn ich mit ihm sprach. Doch es gelang mir nie, mich selbst davon zu überzeugen, dass dies ein Beweis für eine Reaktion Erics auf meine Worte war.

Da ich bald nicht mehr wusste, was ich erzählen sollte, las ich ihm vor. Zuerst die Kinderbücher, die er früher geliebt hatte, dann Jugendbücher für seine Altersgruppe, die ich zu diesem Zweck kaufte. Manchmal, wenn die Geschichten spannend waren, vergaß ich für einen Moment, dass er mich nicht hören konnte. Doch all meine Bemühungen änderten nicht das Geringste an seinem Zustand.

Meine Hoffnung schwand mit jedem Tag, und ich konnte an Dr. Kaufmans Gesicht ablesen, dass auch er immer weniger an seine eigenen Beschwichtigungsformeln glaubte. Irgendwann kam er zu seiner täglichen Visite. Anstatt meinen Sohn zu untersuchen, nahm er sich einen Hocker und setzte sich mir gegenüber. Seine blaugrauen Augen fixierten mich. »Mrs. Demmet, so geht das nicht weiter. Sie können nicht immer nur hier sitzen. Wir machen uns ernsthaft Sorgen um Ihren Gesundheitszustand. Wenn Ihr Sohn wieder zu sich kommt, wird er Sie bei vollen Kräften brauchen. Sie müssen sich schonen!«

»Mir geht es gut«, log ich.

Anstatt zu antworten, holte er einen kleinen Spiegel hervor und hielt ihn mir vors Gesicht. Ich erschrak. Die Frau, die mir entgegenblickte, schien zwanzig Jahre zu alt. Mein Gesicht war eingefallen, meine Augen waren gerötet, die Lider schlaff, die Tränensäcke groß und dunkel. »Aber er braucht mich doch!«, sagte ich trotzig.

Dr. Kaufman schüttelte den Kopf. »Sie können ihm nicht helfen, indem Sie sich selbst zugrunde richten. Ich sage Ihnen eins: Wenn Sie so weitermachen, werden Sie in ein paar Tagen selbst in diesem Krankenhaus liegen. Aber glauben Sie bloß nicht, wir bringen Sie dann im selben Raum unter wie Ihren Sohn!«

Die Drohung wirkte. Die Vorstellung, dass ich von ihm getrennt würde, war unerträglich. Ich nickte und erhob mich, um nach Hause zu gehen.

Auf dem Flur, dessen Linoleum im kalten Neonlicht glänzte, traf ich Maria. Sie senkte den Blick, als sie mich sah. Ich spürte, dass sie etwas wusste – etwas, das mir Dr. Kaufman mit Rücksicht auf meinen Zustand nicht gesagt hatte. Ich ergriff ihren Arm. »Schwester Maria.«

Sie blieb stehen, ohne mich anzusehen. »Ja?«

»Wird er wieder aufwachen?«

Sie antwortete nicht.

»Bitte, Schwester. Sagen Sie mir die Wahrheit!«

Endlich blickte sie auf, und ihre Augen glänzten von Tränen. »Er hat sich verloren«, sagte sie.

Es waren weniger ihre Worte als diese seltsame, ehrliche Trauer, die mich traf wie ein Faustschlag. »Verloren? Was meinen Sie damit?«

»Er findet den Weg zum Licht nicht.«

Ich starrte sie verständnislos an.

»Bitte … Sie tun mir weh!«

Erst jetzt merkte ich, dass ich ihren Arm die ganze Zeit fest umklammert hielt. Ich ließ sie los. »Was … was soll das heißen?«

»Ich kann Ihnen nicht mehr sagen.« Sie setzte ihren Weg fort.

Ich folgte ihr. »Was denn für ein Licht? Was haben Sie damit gemeint?«

»Bitte, nicht so laut! Wenn der Chef mitbekommt, dass ich schon wieder …« Sie stockte, als ein Arzt aus einem der Patientenzimmer kam und in unsere Richtung blickte. 

Ich begriff, dass ich sie angeschrien hatte. »Entschuldigung«, sagte ich leise. »Ich will Ihnen keine Schwierigkeiten machen, aber …«

Sie sah auf die Uhr. »In anderthalb Stunden habe ich Feierabend. Gegenüber dem Krankenhaus ist ein Starbucks. Warten Sie dort auf mich.« Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um. Ich blickte ihr nach, bis sie im Schwesternzimmer verschwunden war.

Es lohnte sich nicht, zwischendurch nach Hause zu fahren. Doch die Worte der Krankenschwester hatten mich so aufgewühlt, dass ich es auch nicht an Erics Bett aushielt.

Ich beschloss, einen Spaziergang zu machen. Ein milder Aprilwind blies den schalen Benzingeruch der Großstadt fort und ersetzte ihn durch das frische, salzige Aroma des Atlantiks. Ich folgte diesem Duft, bis ich am Ufer des East River stand. Das Wasser der Meerenge schob sich träge dahin wie seit Jahrtausenden, unberührt von den Schicksalen der Menschen an ihren Flanken. Die ewige Kraft der Gezeiten, die die Strömung hier antrieb, hatte etwas Vertrauenerweckendes. Einen Moment lang durchzuckte mich der Impuls, ins Wasser zu springen und mich hinaus in den Atlantik treiben zu lassen, vorbei an der fackeltragenden Statue, die unbegrenzte Freiheit versprach, und mich schließlich in den Weiten des Ozeans zu verlieren. Der Moment verging.

Ich setzte mich auf eine Bank und starrte hinaus auf das Wasser. Nach ein paar Minuten kam ein Pärchen in Erics Alter vorbei. Das Mädchen wickelte einen Kaugummi aus, steckte ihn in den Mund und ließ das Silberpapier achtlos fallen. Dann blieb sie genau vor mir stehen, ohne mich oder ihre Umgebung wahrzunehmen. Sie umfasste den Nacken des Jungen und drückte ihren zu stark geschminkten Mund auf seinen. Ich konnte sehen, wie der Junge die Augen aufriss. Das Mädchen löste sich von ihm, grinste und ging weiter. Der Junge blieb noch einen Moment stehen und kaute auf dem fremden Objekt in seinem Mund herum. Dann folgte er ihr mit einem Gesichtsausdruck, auf dem sich Überraschung und Glück spiegelten.

Ich betrachtete das Silberpapier auf dem Gehweg und konnte den Anblick kaum ertragen. Eine irrationale Wut durchströmte mich. Wieso konnte dieses Pärchen so glücklich sein, während mein Sohn, dem Tode nahe, in einem Krankenhausbett lag? Ich bedauerte es beinahe, dass ich als Teenager aufgehört hatte, an Gott zu glauben. Jetzt hatte ich niemanden mehr, den ich für mein Unglück verantwortlich machen konnte.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich wandte mich langsam um. Auf dem Rand der Mülltonne saß eine Krähe. Ihre leeren schwarzen Augen musterten mich, ohne zu blinzeln.

Die Krähe legte den Kopf schief, als versuche sie, meine Gedanken zu ergründen. Dann stieß sie sich ab, schlug kräftig mit den Flügeln und erhob sich in die Luft. Im selben Moment stob aus den umliegenden Büschen ein Dutzend schwarzer Vögel auf. Sie bildeten einen Schwarm, der einen Kreis über mir zog, bevor er sich in Richtung des fernen Ufers aufmachte, zu den Docks und Lagerhallen von Brooklyn. Ich blickte ihnen nach. Die Tiere erschienen mir einen Moment lang wie Vorboten düsterer Zeiten. Ich schüttelte den Kopf. Ich war nie abergläubisch gewesen, und jetzt war nicht der richtige Moment, um es zu werden.

Ich stand auf und ging zurück in Richtung der Klinik. Ich wusste nicht genau, warum, aber das bevorstehende Treffen mit Maria gab mir neuen Mut. Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich wieder Appetit. Vor der Auslage des Cafés überkam mich regelrechter Heißhunger. Ich bestellte mir einen Milchkaffee und ein großes Stück Käsekuchen und dann noch eins.

Maria kam eine halbe Stunde zu spät. Sie entschuldigte sich nicht dafür. Ich bot ihr an, einen Kaffee und ein Stück Kuchen für sie zu bestellen, doch sie wollte nur ein Glas stilles Wasser. »Ich sollte eigentlich nicht hier sein«, sagte sie. »Dr. Kaufman hat mir ausdrücklich verboten, Privatgespräche mit den Angehörigen von Patienten zu führen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie gekommen sind, Maria. Bitte erzählen Sie mir, wie Sie das vorhin gemeint haben.«

Maria senkte den Blick. »Es ist meine Tante. Sie holt mich manchmal abends ab. Und dann … dann besuchen wir die Patienten. Diejenigen, die nicht bei Bewusstsein sind.« Sie zögerte. Ihr fiel es sichtlich schwer, sich mir zu öffnen; so als sei sie im Begriff, mir ein Verbrechen zu gestehen.

Ich wartete einfach ab.

»Sie ist eine Seelensprecherin«, sagte Maria nach einer Weile.

»Eine Seelensprecherin? Was soll das sein?«

Marias Blick hing an ihrem Wasserglas. »Sie kann mit den Seelen der Toten reden.«

»Sie meinen, Séancen und so?«

Maria nickte. »Aber sie kann auch in die Seelen der Lebenden sehen.«

Ich kam mir plötzlich albern vor. Während mein Sohn wegen einer Überdosis Drogen im Wachkoma lag, saß ich hier in einem Café und unterhielt mich mit einer unerfahrenen Krankenschwester, die mir irgendwelchen esoterischen Humbug auftischte. Als Fotografin hatte ich mir einen kritischen, distanzierten Blick auf die Welt angewöhnt. Der schöne Schein war mein Lebensinhalt. Ich wusste nur allzu genau, wie viele Blender es gab. Wahrsager, Astrologen, Wunderheiler, Wanderprediger – eine ganze Branche lebte davon, Menschen etwas vorzugaukeln, ihnen in ihrem Leid und ihrer Verzweiflung falschen Trost zu verkaufen.

Zorn stieg in mir auf. »Sind Sie gekommen, um mir diesen Mist zu erzählen? Arbeiten Sie im Krankenhaus, um Kunden für Ihre Tante zu gewinnen, denen sie dann für viel Geld ihr Schmierentheater vorspielt?«

Maria blickte auf. In ihren sanften Augen lag wieder diese seltsame Trauer. Es war kaum denkbar, dass sie nur gespielt war. »Es … es tut mir leid. Ich gehe jetzt besser.« Sie stand auf.

»Nein, warten Sie!« Ich wusste, dass es vernünftig gewesen wäre, sie nicht aufzuhalten. Dass es sinnlos war, sich an einen solchen Strohhalm zu klammern. Doch es war mir plötzlich egal, ob es eine falsche Hoffnung war, die sie mir gab, solange ich nur irgendetwas hatte, an das ich mich klammern konnte. Ich betrachtete den leeren Kuchenteller vor mir und erkannte, dass Hoffnung, so klein und unbegründet sie auch sein mochte, das Einzige war, das mich am Leben hielt. »Es tut mir leid, ich hab es nicht so gemeint. Ich bin einfach etwas … erschöpft.«

Maria setzte sich wieder. »Schon gut. Ich hätte vielleicht gar nichts sagen sollen. Meine Tante hat mich davor gewarnt, darüber zu sprechen.«

»Worüber?«

»Was sie sieht.«

»Erzählen Sie es mir!«

»Wie gesagt, sie holt mich manchmal vom Dienst ab. Es ist schon ein paar Wochen her, Ihr Sohn war gerade von der Intensivstation zu uns verlegt worden. Sie war zuerst bei Mr. Lafferty, das war der alte Mann in dem Bett links, dort, wo jetzt Mr. Sanders liegt. Sie hat ihm die Hand auf die Stirn gelegt und einen Moment die Augen geschlossen. Dann hat sie gelächelt und gesagt, er sei bereit, endlich loszulassen, und dass es nicht mehr lange dauere. Am nächsten Tag war er tot.«

Eine tolle Geschichte. Einem sterbenskranken Menschen seinen Tod zu prophezeien, war wohl keine große Leistung. Aber ich verkniff mir meine skeptische Bemerkung.

»Dann gingen wir zu Eric«, fuhr Maria fort. »Ich erzählte ihr, dass er wegen einer Überdosis Drogen im Wachkoma liegt. Sie setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. Sie saß ziemlich lange da, länger als bei den anderen Patienten, und ich dachte, vielleicht ist es schwieriger für sie, weil er so jung ist. Doch als sie die Augen wieder öffnete, waren sie glasig, und sie wirkte ganz verwirrt. Sie sagte etwas, das ich nicht verstand. Ich fragte nach, was mit Eric los sei, und erst in diesem Moment schien sie zu realisieren, wo sie war. Sie antwortete, er habe sich selbst verloren. ›Verloren?‹, fragte ich. ›Er findet den Weg zum Licht nicht‹, antwortete sie. Ich habe nicht genau verstanden, was sie damit meinte, aber sie wollte nicht darüber sprechen. Erst später hat sie es mir erklärt.«

Maria trank etwas Wasser, bevor sie fortfuhr. »Sie sagte, die Seelen der Sterbenden müssen ihren Weg zum Licht finden. Das ist manchmal ein langer, verschlungener Weg, doch jede Seele hat so etwas wie einen Kompass, der sie zuverlässig leitet. Die Seele Ihres Sohnes jedoch weiß nicht, wohin sie gehen soll.«

3.

»Hören Sie doch auf mit diesem Unsinn!«, rief ich so laut, dass sich die Köpfe an den Nachbartischen zu uns umwandten. »Ich will davon nichts mehr hören! Mein Sohn stirbt nicht!« Plötzlich begann ich zu zittern. Ein würgendes Geräusch entrang sich meiner Kehle, dann schüttelte mich ein Weinkrampf. Als Erwachsene habe ich nicht oft geweint, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Aber es war einfach zu viel.

Maria starrte schweigend in ihr Glas.

Nach einer Weile beruhigte ich mich. »Entschuldigen Sie. Es tut mir leid, dass ich die Fassung verloren habe. Ich glaube Ihnen, dass Sie für wahr halten, was Sie mir gerade erzählt haben. Aber wenn Ihre Tante tatsächlich mit Seelen sprechen kann, dann irrt sie sich! Mein Sohn sucht nicht den Weg ins Licht des Jenseits. Er sucht …«

Ich stockte, als mir ein Gedanke kam. »Vielleicht … vielleicht haben Sie ja Ihre Tante falsch verstanden. Sie meinte möglicherweise nicht dieses Licht, das die Sterbenden anlockt. Oder vielleicht hat sie es selbst missverstanden. Sie hat vielleicht wirklich die Seele meines Sohnes gesehen, die in seinem Kopf herumirrte. Aber er suchte nicht das Licht der Nachwelt. Er sucht den Weg zurück in die Wirklichkeit!«

Während ich redete, ließ Hoffnung mein Herz schneller schlagen, und sosehr ich mich auch bemühte, meine eigenen Erwartungen zu dämpfen, konnte ich meine Erregung doch nicht unterdrücken. Was, wenn es wirklich so war? Was, wenn Marias Tante keine Betrügerin war, sondern tatsächlich Kontakt zu Erics Seele gehabt hatte? »Ich muss unbedingt mit ihr sprechen!«

Maria wurde blass. »Ich … ich glaube nicht, dass das möglich ist. Ich habe Ihnen schon zu viel erzählt. Sie hat mir verboten, mit anderen darüber zu sprechen.«

»Maria, bitte! Verstehen Sie denn nicht? Wenn es wirklich stimmt, was Ihre Tante sagt, wenn sie Erics Seele tatsächlich sieht, dann ist sie vielleicht die Einzige, die ihn aus dem Koma zurückholen kann! Bitte, Sie müssen mir helfen, Maria!«

Die junge Pflegerin sah mich einen Moment lang zweifelnd an. Dann gab sie sich einen Ruck. »Also gut. Sie kommt übermorgen Abend. Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass sie bereit sein wird, mit Ihnen zu reden.«

»Danke, Maria! Vielen Dank!«

In dieser Nacht hatte ich zum ersten Mal seit langem einen tiefen, erholsamen Schlaf. Doch als ich am nächsten Morgen ins Krankenhaus fuhr, kam ich mir albern und naiv vor. Hatte ich wirklich auch nur eine Sekunde lang geglaubt, Marias Tante könne mir mit ihrem esoterischen Hokuspokus helfen? Ein paar Mal war ich drauf und dran, zu Maria zu gehen und das Treffen abzusagen, aber jedes Mal war da diese kleine Stimme in meinem Hinterkopf, die mir zuflüsterte, ein Versuch könne ja schließlich nicht schaden.

Als ich Emily Morrison am folgenden Abend zum ersten Mal sah, wusste ich sofort, dass sie keine Betrügerin war und auch keine durchgeknallte Spinnerin. Sie war Anfang vierzig wie ich selbst, hochgewachsen, mit einer geraden Nase, schwarzem, streng zurückgebundenem Haar und einem ernsten Gesicht.

Ich erhob mich vom Stuhl, den ich neben Erics Bett gezogen hatte, und streckte ihr meine Hand entgegen. »Mein Name ist Anna Demmet.«

»Emily Morrison.« Sie lächelte nicht. »Ich bin mir nicht sicher, ob mein Besuch hier von irgendeinem Nutzen sein kann.« Sie sah auf meine Hand, als fürchte sie, ich könnte eine ansteckende Krankheit haben. Erst nach kurzem Zögern griff sie zu.

Etwas Merkwürdiges geschah, als unsere Hände sich berührten. Mir war, als verändere sich der Raum für einen kurzen Moment, als sei das Licht plötzlich anders. Ein seltsames Gefühl der Desorientierung überkam mich, wie man es manchmal hat, wenn man etwas in Gedanken tut und dann plötzlich nicht mehr genau weiß, was man eigentlich gerade macht und warum.

Emily Morrisons Augen weiteten sich im selben Moment, so als bekäme sie einen Schreck. Doch sie sagte nichts.

Der Augenblick verging. »Was genau kann ich für Sie tun, Mrs. Demmet?«

»Nennen Sie mich Anna, bitte.«

Ein dünnes Lächeln erschien auf ihren Lippen. »Einverstanden, wenn Sie Emily sagen.«

»Ihre Nichte hat mir erzählt, dass Sie irgendwie … Kontakt zu den Seelen der Menschen herstellen können, Emily. Sie meinte, mein Sohn sei auf der Suche nach dem Licht, könne es aber nicht finden. Ich habe mir überlegt, dass er vielleicht nicht das Licht des Jenseits sucht, sondern das Licht der Wirklichkeit! Vielleicht können wir ihn mit Ihrer Hilfe aus dem Gefängnis seines Wachkomas befreien!«

Emily musterte mich schweigend. Ihre braunen Augen konnten vermutlich genauso sanft sein wie Marias, doch jetzt hatten sie eine durchdringende Schärfe, die mich frösteln ließ. »Sie haben sich überlegt, was Ihr Sohn sucht?«, fragte sie. Ihre Stimme war ruhig, doch der Tadel darin unüberhörbar: Ich hatte mich zu weit vorgewagt, hatte voreilige Schlüsse gezogen, mir ein Urteil über Dinge erlaubt, die ich nicht verstand.

Ich erwiderte ihren Blick. »Könnte es denn nicht so sein?«

Ihr Gesichtsausdruck wurde milde. »Sie lieben Ihren Sohn so sehr, dass sie ihn um jeden Preis wiederhaben wollen, nicht wahr?«

»Allerdings. Egal, was passiert, ich werde ihn nicht aufgeben. Niemals!«

»Anna, ich weiß nicht, ob ich Ihnen helfen kann. Die Seele Ihres Sohnes lässt sich nicht herumkommandieren oder führen wie ein Ochse am Nasenring. Wenn er nicht zu Ihnen zurückwill, dann kann weder ich noch sonst irgendjemand ihn dazu zwingen!«

»Aber er will zu mir zurück«, protestierte ich. »Das weiß ich einfach! Wenn … wenn sich sein Geist irgendwie verirrt hat, dann müssen wir ihm helfen. Bitte, lassen Sie es uns wenigstens versuchen!«

»Also schön. Ich will versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen.« Sie setzte sich auf Erics Bett, strich sanft über seine Wangen und seine Stirn. Dann nahm sie seine kraftlose linke Hand, legte ihre schlanken Finger darum und schloss die Augen.

Lange geschah nichts. Es gab nicht das geringste Anzeichen dafür, was hinter Emilys krauser Stirn vorging. Auch Eric lag schlaff und teilnahmslos da wie immer.

Nach ein paar Minuten überkamen mich Zweifel, ob mir Emily nicht doch nur Theater vorspielte. Wie lange sollten wir denn noch hier sitzen und tatenlos zusehen? Maria erwiderte meinen fragenden Blick mit einem Schulterzucken.

Ich streckte meine Hand aus und legte sie sanft auf Emilys.

Es war, als öffne sich ein Abgrund unter mir. Der Raum drehte sich um mich, dann umgab mich Schwärze. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, nicht mehr in dem Krankenzimmer zu sein, sondern auf einer weiten, leeren Ebene, bedeckt mit Steinen und grauem Sand, unter einem blassen, konturlosen Himmel.

Ich schrie auf vor Schreck.

Ich öffnete die Augen und begriff erst in diesem Moment, dass ich sie geschlossen hatte. Emily blickte mich an. Ihre Augen waren geweitet, ihr Gesicht totenbleich. »Tun Sie das nie wieder!«, sagte sie mit bebender Stimme.

»Was … was war das?«, fragte ich.

Emilys Augen verengten sich. »Was haben Sie gesehen?«

»Da … da war so eine Art Wüste … Steine, Sand … alles war grau und leer …«

Emily stand auf. »Ich muss jetzt gehen«, sagte sie.

»Nein, warten Sie! Emily, bitte!« Ich hatte keine Ahnung, was da gerade geschehen war, aber ich wusste, es war etwas Außergewöhnliches. Etwas, das mein nüchternes Weltbild zertrümmerte und meinen New Yorker Realismus, auf den ich so stolz war, im Handumdrehen wie Engstirnigkeit und Borniertheit erscheinen ließ.

Ich war mir sicher: Ich hatte für einen kurzen Moment gesehen, was Erics verirrter Verstand sah.

Ich hatte seine Seele berührt.

4.

Ich fühlte mich plötzlich klein und bedeutungslos, war gleichzeitig überwältigt von dem, was ich soeben erlebt hatte. Es war, als sei alles, was ich bisher für die Realität gehalten hatte, nur eine Fassade, die etwas viel Größeres, viel Bedeutenderes verbarg. »Bitte, Emily, hilf mir!«, sagte ich mit tränenerstickter Stimme. »Bitte, bring mich noch einmal zu ihm!«

Sie schüttelte langsam den Kopf. »Das geht nicht! Sie haben offenbar ebenso wie ich die Gabe, Seelen zu berühren. Aber Sie haben keinerlei Erfahrung damit, und er ist Ihr Sohn. Niemand kann sagen, was geschieht, wenn Ihre Seelen sich so nahe kommen. Dafür kann ich die Verantwortung nicht übernehmen!«

Ich fasste Eric an beiden Händen, schloss die Augen und versuchte, das Bild heraufzubeschwören, das ich so deutlich gesehen hatte. Doch da war nichts. Ohne Emilys Hilfe konnte ich den Kontakt nicht herstellen.

Ich spürte ihre Hand auf meiner Schulter. »Anna, Ihr Sohn wird seinen Weg auch ohne uns finden, da bin ich sicher.«

Ich blickte auf, direkt in ihre sanften Augen, und sah, dass es eine Lüge war. Ich kämpfte die Tränen nieder. »Was haben Sie gesehen?«

»Dasselbe wie Sie: eine leere Ebene.«

»Was hat das zu bedeuten, Emily?«

»Ich weiß es nicht. Aber …«

»Was, aber?«

»Normalerweise ist es anders. Normalerweise sehe ich Gesichter, manchmal diffuse Farben oder Formen, gelegentlich auch Erinnerungsfetzen, meist von schlimmen Ereignissen. Aber ich habe noch nie etwas so klar gesehen. Und niemals zuvor eine solche Landschaft. So … leer.«

Ich spürte, dass sie noch nicht alles gesagt hatte, also wartete ich.

»Er war nicht dort«, sagte sie nach einem Moment. »Ich habe überall gesucht, doch ich konnte Erics Seele nicht finden.«

»Aber ich kann es!« Ich hatte keine Ahnung, woher die plötzliche Gewissheit kam, aber sie war da. »Maria hat von einer Art Kompass gesprochen, mit dem die Seelen den Weg zum Licht finden, nicht wahr?«

Emily nickte langsam.

»Ich bin sicher, ich habe auch so einen Kompass. Ich glaube, jede Mutter hat ihn in Bezug auf ihre Kinder. Ich kann ihn bestimmt aufspüren. Sie müssen mich nur noch einmal an diesen Ort bringen!«

»So einfach ist das nicht«, sagte Emily. »Es ist schon sehr anstrengend, wenn man es allein macht. Zu zweit hab ich es noch nie probiert. Und wie ich schon sagte, es ist gefährlich.«

»Es ist mir egal, ob es gefährlich ist!«, rief ich. »Mein Sohn wird nie wieder aufwachen, wenn wir ihm nicht helfen!«

»Anna, es liegt nicht in unserer Hand, ob er …«

»Doch, das liegt es, verdammt noch mal!« Zorn durchströmte mich. Ich war Erics Rettung so nah, und nun kam mir diese merkwürdige Frau mit irgendwelchen esoterischen Bedenken.

Emily seufzte. »Also schön. Ich brauche jetzt etwas Ruhe, aber ich komme morgen wieder. Dann versuchen wir es noch einmal.«

Durch den Schleier meiner Tränen erschien ihr Gesicht auf einmal strahlend schön. »Danke!«, sagte ich nur.

In dieser Nacht schlief ich unruhig. Ich träumte davon, auf einer leeren Ebene herumzuirren, die ich nie mehr verlassen konnte.

Als Eric fünf Jahre alt war, hatten wir einen kurzen Urlaub in Las Vegas gemacht. Das war, bevor Ralph mich verließ. Er hatte dort beruflich zu tun – er war Anwalt – und meinte, es sei eine gute Idee, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Mich erschreckte die Stadt eher: all der falsche Glanz der Casinos und Showpaläste, die vielen einsamen Menschen, die verzweifelt versuchten, den Maschinen ein wenig Glück zu entreißen.

Ralph hatte viel zu tun und kaum Zeit für uns, und so waren Eric und ich meistens allein. Eric wollte unbedingt mal eine richtige Wüste sehen, also unternahmen wir einen Ausflug ins Death Valley. Die Landschaft sah aus, als habe jemand ein riesiges schmutziges Handtuch zerknüllt. Es war eindrucksvoll, aber ich hatte die ganze Zeit eine fast übermächtige Angst, der Wagen könne liegenbleiben und wir beide würden hier mitten in der Wüste verdursten. Trotz der Klimaanlage unseres Mietautos stand mir die ganze Zeit der Schweiß auf der Stirn. Als wir abends endlich zurück im Hotel waren, weinte ich beinahe vor Erleichterung. Ich mag Wüsten nicht besonders.

Am nächsten Morgen fuhr ich ins Krankenhaus und ging die meiste Zeit unruhig in Erics Zimmer umher. Ich war so nervös, dass ich ernsthaft überlegte, wieder mit dem Rauchen anzufangen, nur um irgendwas zu tun, bis Emily kam. Maria sah ich den ganzen Tag nicht.

Am Abend überkam mich die Angst, Emily werde ihr Versprechen nicht halten. Ich ging ins Schwesternzimmer und fragte nach Maria. Ich erfuhr, dass sie sich krankgemeldet hatte, und war mir plötzlich sicher, dass auch Emily einen Vorwand finden würde, um nicht zu kommen. Ich setzte mich wieder an Erics Bett und war auf einmal sicher, dass sich sein entspanntes, leeres Gesicht nie wieder zu einem Lächeln verziehen würde. Mein Hals schnürte sich zusammen.

»Hallo, Anna.«

Ich fuhr herum. Ich hatte Emily nicht hereinkommen hören. »Du … du bist gekommen!«

Sie sah mich ernst an. »Ich hatte es doch versprochen.« Sie zog sich einen zweiten Stuhl heran.

Meine Hände zitterten vor Aufregung. »Was muss ich tun?«

»Bleib einfach ganz ruhig sitzen. Wir nehmen jeder eine seiner Hände und fassen uns an, so dass wir einen Kreis bilden. Und jetzt schließ die Augen.«

Ich gehorchte und konzentrierte mich auf das Bild der Ebene.

Nichts geschah.

Enttäuscht öffnete ich die Augen wieder. »Nicht so ungeduldig«, sagte sie mit mildem Tadel in der Stimme.

Wieder schloss ich die Lider und versuchte, die Vision vom Vortag heraufzubeschwören. Ich wusste noch genau, wie die Ebene ausgesehen hatte – selbst die Form der einzelnen Steine in meiner Nähe hatte ich klar vor Augen. Doch so sehr ich mich bemühte, das Bild wollte sich einfach nicht einstellen.

»Lass das«, sagte Emily leise. »Versuch nicht, es zu erzwingen. Denk einfach an gar nichts.«

Ich fragte mich, woher sie wusste, was ich dachte. Konnte sie tatsächlich meine Gedanken lesen? Kannst du das, Emily?, dachte ich. Aber es gab keine Reaktion. Vermutlich hatte sie nur meine Anspannung gespürt.

Ich versuchte an gar nichts zu denken, wie Emily gesagt hatte. Aber das ist nicht so einfach. Ich behalf mir damit, dass ich mir einfach nur eine schwarze Wand vorstellte. Oder nein, eher einen schwarzen Vorhang. Einen Vorhang aus dünnem Stoff, schwarze Seide vielleicht. Ich konnte hindurchsehen – auf eine graue, steinige Ebene.

Ich streckte eine Hand aus, um den Vorhang zur Seite zu schieben, und saß wieder auf meinem Stuhl neben Erics Krankenbett. Ich begriff, dass ich den Kreis unterbrochen hatte.

Emily tadelte mich nicht. Sie ergriff einfach wieder meine Hand und schloss die Augen. Ich folgte ihrem Beispiel.

Es dauerte einen Moment, bis ich das Bild wieder sah. Doch durch den schwarzen Schleier war es verschwommen und undeutlich. Ich wartete, sorgsam darauf bedacht, nicht wieder denselben Fehler zu machen, es herbeizwingen zu wollen.

Doch die Ebene wurde nicht deutlicher.

Ich wurde ungeduldig. Es war zum Verzweifeln: Da war ich hier, in Erics Gedankenwelt, und dieser dämliche Schleier hielt mich davon ab, ihn zu finden! Doch was ich auch versuchte, ich konnte den transparenten Stoff nicht zum Verschwinden bringen.

»So hat es keinen Sinn«, sagte Emily nach einer Weile. »Lass es mich noch mal allein versuchen.«

Ich öffnete die Augen und ließ sie los. Wie gestern umklammerte sie Erics Hand und blieb reglos sitzen. Lange saßen wir so da, während langsam Verzweiflung in mir hochstieg. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und legte meine Hand auf ihre. Doch diesmal gab es kein schockartiges Erlebnis, kein verwirrendes Gefühl, an einen anderen Ort versetzt zu werden. Alles, was ich erreichte, war, dass Emily seufzte und die Augen öffnete.

Ich erschrak. Ihre Augen waren blutunterlaufen.

»Es … es tut mir leid, Anna«, sagte sie. »Es geht nicht. Ich kann ihn einfach nicht finden!«

5.

Nichts ist grausamer als aufkeimende Hoffnung, die jäh zerstört wird.

An diesem Abend fiel ich in eine tiefe Depression. Ich legte mich aufs Bett, ohne mich vorher auszuziehen, und starrte einfach ins Leere. Ich hatte nicht einmal genug Energie, um zu weinen.

Irgendwann schlief ich ein. Als ich erwachte, war es heller Tag. Der Wecker zeigte 11.24 Uhr. Normalerweise war ich um diese Zeit schon längst bei Eric, doch ihn dort liegen zu sehen, unerreichbar trotz Emilys erstaunlicher Fähigkeiten, war mehr, als ich heute verkraften konnte.

Ich hatte bohrende Kopfschmerzen. Es war keiner der Migräneanfälle, die mich gelegentlich überfielen. Stattdessen schien mein Schädel mit kleinen stachligen Kugeln gefüllt zu sein, die sich unablässig um sich selbst drehten und dabei ein hässliches knirschendes Geräusch machten. Vermutlich war es so etwas wie geistiger Muskelkater, eine Nachwirkung der Anstrengungen meines gestrigen Kontaktversuchs mit Erics Seele. Ich mochte mir nicht vorstellen, wie sich Emily jetzt fühlen musste.

Ich stand auf, wankte in die Küche und kramte in der Schublade, bis ich eine halbleere Packung Aspirin fand. Ich drückte eine Tablette aus der Plastikhülle und betrachtete sie nachdenklich in meiner offenen Hand.

Ein Gedanke durchzuckte mich, und ich vergaß meine Schmerzen. Ich ging in Erics Zimmer und öffnete die oberste Schublade seines Schreibtischs. Der Plastikbeutel lag immer noch dort. Ich zählte neunzehn blaue Kapseln.

Ich nahm eine heraus und drehte sie zwischen den Fingern. Sie fühlte sich weich und glatt an, irgendwie freundlich. Die hellblaue Ummantelung wirkte harmlos wie Kinderspielzeug.

Ich legte den Beutel zurück in die Schublade, ging in die Küche, füllte ein Glas mit Leitungswasser und schluckte die Kapsel. Dann setzte ich mich ins Wohnzimmer und sah hinaus auf den kleinen Park. Auf dem Basketballfeld auf der anderen Straßenseite spielten Schulkinder in Erics Alter. Ein paar Krähen kreisten über den Bäumen. In der Ferne sah ich die Spitzen der Wolkenkratzer des Finanzdistrikts aufragen, dort, wo früher die Zwillingstürme des World Trade Center gestanden hatten.

Ich merkte, wie allmählich wieder Hoffnung in mir aufkeimte. Ich war in dieser Stadt geboren und aufgewachsen. New York war ein globales Symbol, eine Stadt, die Schreckliches erlebt hatte, die sich jedoch nicht unterkriegen ließ. Eine New Yorkerin gibt niemals auf!

Neue Kraft begann in meinen Adern zu pulsieren, eine Energie, wie ich sie seit langem nicht mehr gespürt hatte. Ich fühlte mich gut. Nein, »großartig« war das passendere Wort.

Ich stand auf, um einen kleinen Fleck an der Wand über dem Fernseher näher zu betrachten. Er war mir noch nie zuvor aufgefallen.

Aus dem Augenwinkel nahm ich etwas wahr – ein seltsames Licht. Ich drehte mich um und sah, dass das ganze Zimmer zu leuchten schien. Es war keine externe Lichtquelle, die diesen Effekt verursachte. Es waren die Möbel selbst, die Bilder, selbst der abgenutzte Holzfußboden, die von innen heraus erglühten. Ich sah an mir herab und erkannte, dass auch ich selbst in diesem merkwürdigen Licht erstrahlte, als sei ich eine Figur in einer Leuchtreklame bei Nacht.

Alles sah auf einmal viel kräftiger, strahlender aus, viel bunter und lebendiger. Viel wirklicher.

Ein breites Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Es funktionierte! Die Kapseln trugen den Namen »Glanz« zu Recht.

Ich duschte, zog mir frische Kleidung an und stellte mich zum ersten Mal seit Wochen vor den Spiegel, um mich zu schminken. Mein Gesicht zeigte deutliche Spuren der Strapazen, doch es erschien mir trotzdem kraftvoll und schön. Ein fröhlicher Glanz lag in meinen Augen, den ich dort wohl seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte.

Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, den Anrufbeantworter abzuhören, dessen Nachrichtenspeicher längst voll war, vielleicht Jerry anzurufen und ihm zu erklären, warum ich mich in den letzten Wochen nicht gemeldet hatte. Doch ich verwarf die Idee – es gab jetzt Wichtigeres zu tun.

Ich fuhr ins Krankenhaus. Maria war immer noch krankgemeldet. Ich setzte meine ganze Überredungskunst ein, um von einer der anderen Schwestern ihre private Telefonnummer zu bekommen. Nach dem siebten Klingeln nahm jemand ab, eine junge Frau, deren Namen ich nicht genau verstand. Ich fragte nach Maria Morrison.

»Augenblick, ich hole sie …« Dann eine kurze Pause. »Hallo?«

»Maria? Hier ist Anna Demmet.«

»Was ist los? Sie klingen so fröhlich. Ist Eric aufgewacht?«

»Nein. Ich brauche die Telefonnummer von Emily.«

»Die kann ich Ihnen nicht geben.«

»Maria, bitte! Sie war gestern hier. Wir haben gemeinsam versucht, Erics Seele zu erreichen, es jedoch nicht geschafft. Aber ich habe vielleicht eine Möglichkeit gefunden, wie wir zu ihm vordringen können. Das glaube ich zumindest.«

»Meiner Tante geht es nicht gut«, erwiderte Maria.

Das vertrieb meine Euphorie für einen Moment. Ich dachte an ihre blutunterlaufenen Augen, und zum ersten Mal, seit ich die Kapsel genommen hatte, befielen mich wieder Zweifel. »Darf ich bitte mit ihr sprechen?«

»Es tut mir leid, aber sie braucht Ruhe.«

Ich spürte, wie Wut in mir aufkeimte. Mein Sohn lag im Koma, und Maria erzählte mir, dass ihre Tante Ruhe brauche! Ich schluckte meinen Zorn herunter. »Bitte, Maria, ich möchte nur kurz mit ihr sprechen.«

»Also schön. Aber bitte, Mrs. Demmet, schonen Sie sie!«

Ich verließ das Krankenhaus und wählte die Nummer, die Maria mir genannt hatte, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Ich sprach Emily eine Nachricht auf. Da Mobiltelefone im Krankenhaus ausgeschaltet bleiben mussten, ging ich in der Hoffnung auf einen Rückruf spazieren.

Bald darauf stand ich am Ufer des East River, an derselben Stelle, an der ich vor wenigen Tagen das junge Liebespärchen mit dem geteilten Kaugummi gesehen hatte. Der Fluss, die Bäume, die Menschen erstrahlten in jenem intensiven, von innen kommenden Licht, das die ganze Welt verzauberte. Selbst die grauen Anleger und Lagerhallen auf der anderen Flussseite wirkten auf einmal einladend. Ich hätte laut singen können vor Glück, doch meine anerzogene Zurückhaltung verbot es mir.

Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich Emily tatsächlich melden würde, doch nachdem ich ein Stück am Ufer entlang Richtung Süden gewandert war, klingelte mein Handy.

»Danke, dass du zurückrufst, Emily«, sagte ich. »Wie geht es dir?«

Sie schwieg einen Moment. »Was ist los?«

»Ich möchte es noch einmal probieren. Ein letztes Mal.«

»Nein.« Es klang endgültig. Ich begriff, dass sie mich nur zurückgerufen hatte, um mir das zu sagen: Ich konnte mit ihrer Hilfe nicht mehr rechnen. Sie hatte alles getan, was sie konnte. Ich sollte sie in Ruhe lassen.

»Emily, bitte! Ich weiß, dass wir ihn gemeinsam zurückholen können.«

»Wir beide haben nicht die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden, Anna. Manchmal muss man die Wahrheit akzeptieren. Manchmal muss man das, was man liebt, loslassen.«

Tränen schossen mir in die Augen. Die von der Kapsel ausgelöste Euphorie war wie weggeblasen. Die Vorstellung, Eric könnte sterben, presste die Luft aus meinen Lungen. »Verlangst du wirklich von mir, ihn aufzugeben? Er ist mein Sohn!«, schluchzte ich. »Wenn ich ihn verliere, dann … dann will ich auch sterben.«

»So etwas darfst du nicht sagen«, mahnte Emily, doch ihre Stimme war sanfter geworden. »Das Leben ist heilig. Man darf es nicht einfach wegwerfen!«

»Dann hilf mir, sein Leben zu retten!«

Emily schwieg einen Moment. »Also gut«, sagte sie schließlich. »Ein letztes Mal. Ich bin gegen achtzehn Uhr im Krankenhaus.«

»Danke, Emily. Vielen Dank.«

Sie legte kommentarlos auf.

Pünktlich um sechs erschien sie. Ihr Gesicht wirkte grau und eingefallen. Ihre Augen waren nicht mehr blutunterlaufen, hatten jedoch eine kränklich gelbe Farbe. Sie musterte mich mit ausdruckslosem Blick. Ohne ein Wort zu sagen, setzte sie sich neben Erics Bett, ergriff seine rechte Hand und hielt mir die andere hin.

Ich nahm sie, und in der nächsten Sekunde stand ich dort.

6.

Ich sah mich um. Die Ebene erstreckte sich, so weit das Auge reichte. Immer noch nahm ich die Welt nur durch jenen schwarzen Schleier wahr, doch das Gefühl, wirklich hier zu sein, war überwältigend.

Ich sah an mir herab. Statt Jeans und T-Shirt trug ich ein schwarzes, wallendes Gewand aus dünnem Stoff. Er streichelte sanft meine Haut, kitzelte an der Nase. Ich spürte groben Sand unter meinen nackten Füßen.

Ich hob eine Hand und hielt sie vor mein Gesicht. Dann griff ich unter das Kinn, hob eine Art Schleier an und schob ihn über den Kopf zurück. Ein leichter Wind wehte durch mein Haar und bewegte den dünnen Stoff des Gewands.

Die Welt sah so real aus, fühlte sich so wirklich an, dass ich nicht das Gefühl hatte, mich in einem Traum zu befinden, sondern zum ersten Mal in meinem Leben richtig wach zu sein.

Ein überwältigendes Gefühl durchdrang mich, eine Euphorie, die ich noch nie erlebt hatte. Ich war wirklich hier, in Erics Gedankenwelt! Ich würde seine Seele finden, und wenn ich bis ans Ende dieser traurigen, leeren Welt gehen musste!

Ich musste mich selbst loben für meine Idee, die Droge zu nehmen. Offensichtlich war sie der Schlüssel, der die Tür zur Gedankenwelt anderer Menschen aufschloss. Was für eine ungeheure Entdeckung! Psychologen wären mit Hilfe von »Glanz« und eines Mediums wie Emily in der Lage, die Gefühls- und Gedankenwelt von Geisteskranken zu erforschen, oder die von Genies. Man würde die Geheimnisse des Verstandes auf ganz neue Art erkunden können. Für einen albernen Moment sah ich mich in einem festlich beleuchteten Saal in Stockholm, während der schwedische König mir die Nobelpreisurkunde überreichte.

Dann endlich setzte mein kritischer Verstand wieder ein und machte mir klar, dass es Dringenderes zu tun gab, als hier herumzustehen und sich lächerlichen Tagträumen hinzugeben. Ich mochte in Erics Geisteswelt eingedrungen sein, aber ich hatte ihn noch lange nicht aus dem Gefängnis seines Komas befreit. Die merkwürdige gute Laune und diese verdammte Überheblichkeit waren Nebenwirkungen der Glanz-Kapsel. Ich musste vorsichtiger sein.

Mir fiel auf, dass Emily nicht da war. Zumindest war sie nirgendwo zu sehen. Ich stand völlig allein auf der leeren Ebene. Kein Laut war zu hören.

»Emily?«, sagte ich. Und dann etwas lauter: »Emily!«

Die Euphorie, die ich eben noch gespürt hatte, fiel von mir ab und wurde durch eine unbestimmte Furcht ersetzt. Emilys Worte hallten durch meinen Geist: Anna, das hier ist gefährlich. Niemals sollte man versuchen, die Seele von jemandem zu berühren, der einem sehr nahe steht …

Ich wollte plötzlich hier weg. Ich schloss die Augen, versuchte, Emilys und Erics Hand zu spüren, den Stuhl, auf dem ich saß, doch da waren nur das Kitzeln des Gewands auf meiner nackten Haut und der Wind, der sanft durch mein Haar strich. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Was, wenn ich nie wieder in die wirkliche Welt zurückfand? Wenn ich ebenso ziellos in dieser endlosen Ödnis herumirrte wie Eric, ohne ihm jemals zu begegnen?

Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus – die Luft war warm und trocken – und beruhigte mich. Emily würde mich schon irgendwie zurückholen. Die Wirkung der Kapsel würde irgendwann nachlassen, dann könnte ich diesen seltsamen Traum verlassen. Es war das Beste, die Zeit zu nutzen, solange ich hier war. Doch wohin sollte ich mich wenden? Die Ebene sah in allen Richtungen gleich aus.

Nein, nicht ganz. In der Ferne glaubte ich etwas zu erkennen, einen dunklen Umriss, so winzig, dass ich ihn beinahe übersehen hätte. Ich kniff die Augen zusammen. War das eine menschliche Gestalt? Nein, die Proportionen stimmten nicht.

Neugierig ging ich darauf zu. Der warme, grobkörnige Sand kitzelte unter meinen Füßen. Bald erkannte ich, dass das ferne Gebilde ein Baum war. Obwohl es die konturlose Landschaft schwermachte, Entfernungen abzuschätzen, kam er mir nicht sehr groß vor. Seine schwarzen Blätter bewegten sich im Wind.

Als ich mich auf etwa fünfzig Schritte genähert hatte, stoben die Blätter plötzlich auf, als habe eine Sturmbö sie erfasst. Sie wirbelten umeinander und kreisten über dem jetzt nackten Stamm: Hunderte schwarzer Vögel.

Erschrocken blieb ich stehen.

Die Vögel flogen in einem dichten Pulk auf mich zu. Ich wollte weglaufen, doch bevor ich auch nur einen Fuß vor den anderen setzen konnte, hatte mich der Schwarm erreicht. Ich sank auf die Knie und schützte meinen Kopf mit den Armen. Das Krächzen war ohrenbetäubend. Ich spürte den Luftzug der Schwingen in meinem Haar. Hin und wieder berührte mich eine Flügelspitze. Doch der befürchtete Angriff scharfer Krallen und Schnäbel blieb aus.

Während ich zitternd im Sand kauerte, stieg der Schwarm allmählich höher. Als das Krächzen leiser wurde, wagte ich es, den Kopf zu heben. Die Vögel wanden sich in einer Spirale immer höher in den blassen Himmel und trieben schließlich davon wie eine Wolke dünnen Rauchs. Ich sah ihnen eine Weile nach, während sich mein Puls allmählich beruhigte.

Die nackten, schwarzen Zweige des Baums ragten in den Himmel, als flehten sie um Hilfe. Meine Finger strichen über die harte, spröde Rinde. Nicht die kleinste Spur von Leben schien in ihm zu sein.

Ich sah mich um. Doch ich entdeckte keine weiteren Landschaftsmerkmale. Da mir nichts Besseres einfiel, folgte ich der Richtung, in die die schwarzen Vögel geflogen waren.

Ich weiß nicht, wie lange ich wanderte; in dieser Welt konnte ich mich nicht auf mein Zeitempfinden verlassen. Der tote Baum war jedenfalls nicht mehr zu erkennen. Nur meine Fußabdrücke im Sand gaben mir einen Hinweis darauf, woher ich kam. Ich bemühte mich, mit meiner Spur eine möglichst gerade Linie zu ziehen.

Irgendwann entdeckte ich in der Ferne vor mir ein schmales dunkelgraues Band. Als ich mich ihm näherte, löste sich die diffuse Kontur in einzelne Felsen auf, die wie unregelmäßige gezackte Säulen in den Himmel ragten. Zunächst reichten sie mir nur bis zu den Knien, doch sie wurden immer höher und überragten mich bald um das Mehrfache meiner Körpergröße wie die Stämme gigantischer versteinerter Bäume – ein zerklüftetes Labyrinth. Der Wind machte ein leise pfeifendes Geräusch, wenn er die Kanten der Steintürme schliff. Der Boden war hart und uneben geworden, und wenn ich nicht aufpasste, stieß ich mir meine nackten Füße an herumliegendem Geröll oder schnitt mich an scharfen Kanten. Nach kurzer Zeit schmerzten meine Füße so sehr, dass ich mehr humpelte als lief.

Ich blickte zu einer der Säulen empor, hoch wie ein sechsstöckiges Haus. Wahrscheinlich hätte ich von dort oben einen guten Blick gehabt, doch es gab keine Möglichkeit für mich, ohne Hilfsmittel an dem Felsen emporzuklettern.

Als ich weiterging, hörte ich hinter mir ein rasselndes Geräusch. Ich fuhr herum. Der Laut verstummte. Es war nichts zu sehen außer den Steinsäulen.

Meine Nackenhaare stellten sich auf. »Hallo?«, rief ich, erhielt jedoch keine Antwort.

Nach einem Augenblick setzte ich meinen Weg fort, bemüht, meine ursprüngliche Richtung beizubehalten. Doch die Säulen erschwerten die Orientierung. Einige waren umgestürzt und blockierten den Weg, so dass ich zu Umwegen gezwungen war. Bald wusste ich nicht mehr, wohin ich stolperte.

Nach einer Weile hörte ich wieder das seltsame Rasseln. Trotz der blutigen Füße beschleunigte ich meine Schritte.

Das Rasseln erklang erneut, näher diesmal, und dann ein zweites Mal aus einer anderen Richtung rechts von mir. Das Gefühl der Bedrohung war jetzt so stark, dass mein Herz raste und ich zu keuchen begann.

Während ich weiterhastete, vernahm ich schräg vor mir ein leises Rauschen. Es war zu gleichmäßig, um vom Wind herzurühren. Es klang eher wie Meeresrauschen. Im selben Moment hörte ich wieder das Rasseln, diesmal ganz nah hinter mir.

Ich fuhr herum. Immer noch konnte ich nichts erkennen außer den Steinsäulen und einem flachen, einen halben Meter durchmessenden Felsbrocken, der drei oder vier Schritte entfernt lag. Ich entdeckte eine Reihe dunkler Flecken in regelmäßigen Abständen auf dem Boden – Blut von meinen wunden Füßen. Der Felsbrocken lag genau auf dieser Spur. Doch ich konnte mich nicht erinnern, über ihn hinweggestiegen zu sein. Merkwürdig.

Ich machte einen Schritt auf den Brocken zu, um ihn genauer anzusehen. Im selben Moment erhob sich der Felsen und bewegte sich auf dünnen, spinnenartigen Beinen auf mich zu. Jetzt erkannte ich zwei dunkle Löcher an seiner Vorderseite und etwas, das wie die Mundwerkzeuge eines Insekts aussah. Das fremdartige Wesen ließ diese Auswüchse aneinanderklappern und erzeugte damit jenes rasselnde Geräusch.

Eine halbe Sekunde war ich gelähmt vor Entsetzen. Dann setzte mein Überlebensinstinkt ein und mobilisierte meine Kraftreserven. Ich spürte den Schmerz in meinen Füßen nicht mehr, als ich zwischen den Säulen hindurchrannte. Ich konnte das Klackern der Beine des Wesens auf dem Untergrund hören. Es rasselte jetzt fast ununterbrochen mit seinen Mundwerkzeugen.

Das Rasseln wurde aus unterschiedlichen Richtungen beantwortet. Rings um mich nahm ich Bewegungen wahr. Als sei die Steinwüste lebendig geworden, krochen von überall her Felsen auf mich zu. Jetzt, wo ich eines der Wesen entdeckt hatte, gaben sich die anderen offenbar keine Mühe mehr, sich verborgen zu halten.

Sie machten Jagd auf mich.

Die plumpen Tiere konnten sich offenbar nicht sehr schnell bewegen. Wären es nur wenige gewesen, hätte ich ihnen wohl entkommen können. Doch das Rasseln wurde immer lauter und kam jetzt von überall her – auch von vorn. Die Tiere hatten mich umzingelt.

Ich vergaß völlig, dass ich mich in einer Traumwelt befand. Ich rannte um mein Leben. Vor mir tauchte plötzlich eines der spinnenartigen Wesen auf und blockierte den Weg zwischen zwei Säulen. Ich machte einen Satz und sprang darüber hinweg. Es schnappte mit zwei seiner dünnen Beine nach mir. Ich spürte Krallen an meinem Fuß, doch es konnte mich nicht festhalten.

Ich wusste, dass ich kaum eine Chance hatte. Dennoch hetzte ich weiter. Im Laufen riskierte ich einen Blick über die Schulter und sah mindestens drei Dutzend der lebendigen Felsen hinter mir.

Ich umrundete eine Steinsäule, und meine letzte Hoffnung zerstob. Ein paar Schritte vor mir endete der Boden an einer unregelmäßigen Abbruchkante. Das Rauschen drang aus der Tiefe herauf. Vor mir erstreckte sich bis zum Horizont ein Ozean.

Ich wandte mich um und blickte in die leeren Augenhöhlen der Felsentiere, die mich im Halbkreis umringten und langsam mit rasselnden Mundwerkzeugen näher krochen. Sie schienen zu wissen, dass ich keine Fluchtmöglichkeit mehr hatte und sie sich nicht beeilen mussten.

Erst jetzt wurde mir wieder bewusst, wo ich mich befand. Dies war nur ein Alptraum meines Sohnes. Doch ich hatte keine Ahnung, ob mir nicht tatsächlich etwas geschehen konnte, wenn mich die Tiere angriffen. Wenn ich hier starb, würde ich dann einfach aufwachen oder in der Realität einen Hirntod erleiden? Ich wollte es auf keinen Fall herausfinden.

Ich schloss die Augen und versuchte, mich in Erics Krankenzimmer zurückzuversetzen, doch das Rasseln verschwand nicht. »Emily!«, schrie ich verzweifelt. »Emily, hol mich hier raus!« Doch wenn sie mich hörte, konnte sie mir offenbar nicht helfen.

Eines der Felsentiere schoss vor und schnappte mit seinen Vorderbeinen nach meinen nackten Beinen. Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück – und trat ins Leere. Ich überschlug mich in der Luft und sah für einen Moment die Brandung mit erschreckender Klarheit auf mich zurasen. Dann prallte ich mit der Schulter auf dem Wasser auf. Es fühlte sich an wie Beton. Die Wellen schlugen über mir zusammen, und eine Strömung zog mich in die Tiefe. Bald wusste ich nicht mehr, wo oben und unten war. Meine Lungen brannten wie Feuer. Ich ruderte mit Armen und Beinen, doch anstatt mich der Wasseroberfläche zu nähern, sank ich immer tiefer in die Dunkelheit.

7.

Jemand rüttelte an meiner Schulter. »Anna! Anna, wach auf!«

Es gelang mir nur mit Mühe, die Augen zu öffnen. Ich nahm die Umgebung wie durch einen milchigen Schleier wahr. Ich lag halb auf Erics Bett, mein Kopf auf seinem Bauch. Meine Lungen schmerzten, und ein salziger Geschmack erfüllte meinen Mund. Ich hustete und würgte, sog gierig die kostbare Luft ein.

»Anna, Gott sei Dank!«

Allmählich klärte sich mein Blick. Emilys Gesicht war grau von Sorge und Anstrengung. »Was ist passiert? Ich hatte dich verloren. Ich habe dich überall gesucht, aber du warst weg. Ich dachte schon, du wärst für immer in der Dunkelheit gefangen wie dein Sohn!«

Es dauerte einen Moment, bis ich sprechen konnte. »Es … es war unglaublich, Emily. Ich war da! Ich war wirklich da!«

»Da? Was meinst du mit ›da‹?«

»Ich war in seinem Kopf. In seiner Welt. Es war so real … Hast du mich nicht gesehen?«

»Nein. Ich sah die Ebene, doch plötzlich wurde alles schwarz. Ich hatte keinen Kontakt mehr zu dir. Ich bekam schreckliche Angst. Ich habe versucht, dich zu finden, doch es war, als hättest du plötzlich keine Seele mehr! O Anna, ich habe mir solche Vorwürfe gemacht! Ich hätte nie zulassen dürfen, dass du …«

»Nein, Emily. Du hast nichts falsch gemacht. Im Gegenteil, es war genau richtig!« Ich erzählte ihr in knappen Worten, was ich erlebt hatte. »Du hast recht gehabt, es ist gefährlich. Aber Eric ist irgendwo dort, und ich kann ihn finden. Ich muss!«

»Du … du willst doch nicht etwa noch einmal dorthin?«

»Doch, Emily. Es ist meine einzige Chance, meinen Sohn zurückzuholen! Ich weiß, es ist ein großes Risiko, aber ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht alles versucht hätte. Bitte, Emily, ich muss noch mal dorthin zurück!«

Emily sah mich mit ihren sanften, braunen Augen lange an. »Ich habe keine Ahnung, was passiert, wenn dir in jener Welt etwas zustößt! Es … es könnte deine Seele beschädigen, oder deinen Geist.«

»Ich weiß. Aber es ist die einzige Möglichkeit.«

Zu meiner Überraschung protestierte sie nicht. »Also gut. Aber nicht jetzt. Es war sehr anstrengend für mich und für dich sicher auch. Wir sollten nach Hause gehen und uns ausruhen. Morgen treffen wir uns wieder um dieselbe Zeit.« Sie erhob sich.

Ich stand ebenfalls auf. Meine Füße schmerzten, so als sei ich tatsächlich über harten, scharfkantigen Boden gerannt. Ich legte die Arme um Emily und drückte sie an mich. »Danke!«

Sie erwiderte die Umarmung, dann löste sie sich von mir. »Bis morgen.« Sie schwankte leicht, als sie den Raum verließ. Offenbar konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Ich blickte ihr einen Moment nach, dann sah ich auf die Uhr. Es war erst kurz vor sieben. Ich konnte nicht länger als dreißig Minuten bewusstlos gewesen sein, doch in Erics Traumwelt war es mir vorgekommen, als seien viele Stunden vergangen.

Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich war ermutigt und doch voller Sorge. Verwirrt nahm ich ein Taxi nach Hause.

Mein ganzer Körper fühlte sich bleischwer an. Die Füße taten schrecklich weh. Als ich die Schuhe auszog, erwartete ich beinahe, Blut zu sehen, doch äußerlich waren sie unversehrt. Ich aß eine Kleinigkeit, legte mich ins Bett und schlief augenblicklich ein.

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch. Finsternis umgab mich, und für einen schrecklichen Moment hatte ich das Gefühl, im Meer zu versinken. Ich wandte den Kopf. Die rote Digitalanzeige meines Weckers strahlte in der Dunkelheit wie ein rettender Leuchtturm. Dennoch beruhigte sich mein Puls nur langsam.

Ich lag in der Dunkelheit und versuchte zu ergründen, weshalb ich aufgewacht war. Ich konnte mich nicht daran erinnern, was ich geträumt hatte, aber ich war sicher, dass es düstere Bilder gewesen waren. Aus den stechenden Schmerzen in meinen Füßen war ein dumpfes Pulsieren geworden. Ich seufzte, drehte mich auf die Seite und versuchte wieder einzuschlafen.

Ein leises Geräusch ließ mich hochfahren. Es hörte sich an wie das Flattern schwarzer Flügel.

So etwas wie ein Stromstoß durchfuhr mich. Starr vor Angst lauschte ich in die Dunkelheit, hörte aber nur das sanfte, beruhigende Konzert der Großstadt, das durch das halbgeöffnete Fenster hereindrang: das niemals nachlassende Rauschen des Verkehrs, gelegentlich unterbrochen von dem fernen Heulen einer Polizeisirene oder eines Krankenwagens.

Gerade als ich sicher war, mich getäuscht zu haben, hörte ich es erneut: ein leises Rascheln, verbunden mit einem kaum wahrnehmbaren Kratzgeräusch wie von scharfen Krallen auf Teppich. Ein Laut entfuhr meiner Kehle, der wie das Wimmern eines Kätzchens klang. Ich streckte meine Hand nach dem Lichtschalter aus, zögerte einen Moment voller Angst vor dem, was mir die Nachttischlampe offenbaren würde, hielt den Atem an und schaltete sie ein.

Da waren keine schwarzen Vögel, die mich mit ihren kalten Augen anstarrten. Mein Schlafzimmer war so, wie es sein sollte: leer.

Erneut hörte ich das Rascheln. Die Ursache war der Vorhang am Fenster, der sich im lauen Nachtwind an einer Topfpflanze rieb.

Erleichterung durchflutete mich. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie stark die Erlebnisse in Erics Traumwelt mich berührten, wie sie mich durchdrangen und veränderten. Ich musste aufpassen, dass ich dabei keinen dauerhaften Schaden nahm.

Ich stand auf und schloss das Fenster. Es dauerte lange, bis ich wieder einschlafen konnte.

Gegen Mittag wurde ich vom Klingeln des Telefons geweckt. Ich nahm nicht ab, und mein Anrufbeantworter war nicht mehr in der Lage, noch mehr Nachrichten aufzuzeichnen. Umso besser.

Ich fühlte mich ausgeruht. Der Schmerz in meinen Füßen war kaum noch spürbar. Offensichtlich heilten psychosomatische Verletzungen schneller als physische.

Ich stand auf, streckte mich und zog die Vorhänge zur Seite. Der Himmel über New York war grau und konturlos wie der über der sandigen Ebene.

Ich duschte, machte mir einen Tee und aß zwei Toasts mit Erdnussbutter und Marmelade. Danach ging es mir besser. Ich steckte eine Glanz-Pille ein und fuhr ins Krankenhaus.

Eric lag genauso still da wie in den letzten Wochen. Ich küsste ihn und strich sanft über seine Stirn, hinter der sich so viel mehr verbarg, als man äußerlich erkennen konnte. Trotz meiner beängstigenden Erlebnisse vom Vortag spürte ich so etwas wie Vorfreude bei dem Gedanken, in seine geheime Welt zurückzukehren.

Um halb sechs ging ich auf die Toilette, schob die Kapsel in den Mund und spülte sie mit etwas Wasser herunter.

Emily erschien pünktlich. Sie lächelte schwach. Im Gegensatz zu mir schien sie die Strapazen des vergangenen Tages weniger gut überwunden zu haben. Ihr Gesicht wirkte immer noch sehr blass, und sie erschien mir älter als ich sie in Erinnerung hatte. Gleichzeitig zauberte die Droge einen sanften, goldenen Schein um ihren Kopf, so dass sie etwas von einer Heiligen auf einem mittelalterlichen Bild ausstrahlte.

Ich umarmte sie. Dann setzten wir uns wieder neben Erics Bett.

Gerade als wir den Kreis unserer Hände schließen wollten, betrat Dr. Kaufman den Raum. »Sie?«, sagte er scharf. »Was machen Sie schon wieder hier?«

Emily erhob sich. Sie wirkte noch blasser, und ihre Unterlippe zitterte leicht. »Ich … es tut mir leid, aber …«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, ich will Sie nie wieder auf meiner Station sehen!«, fuhr der Chefarzt sie an.

Ich sprang auf. »Augenblick mal! Was fällt Ihnen ein? Mrs. Morrison ist auf meinen ausdrücklichen Wunsch hier!«

Dr. Kaufmans Gesicht war rot angelaufen. Er zeigte mit dem Finger auf Emily. »Die Frau ist eine Betrügerin! Ein Aasgeier! Sie lungert hier herum und erzählt den Angehörigen meiner Patienten irgendwelche Märchen. Hat sie Ihnen auch gesagt, sie könne die Seele Ihres Sohnes sehen, sogar mit ihr sprechen?«

Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, dem Arzt die Wahrheit zu erklären. »Nein. Sie leistet mir einfach nur Beistand.« Mir kam eine Idee. »Wir sind beide ›Hüterinnen des Heiligen Sakraments vom Dritten Tage‹. Sie wollen uns doch nicht etwa an der Ausübung unseres Glaubens hindern?«

Das wirkte. Der Arzt durfte die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit nicht einschränken. »Tun Sie von mir aus, was Sie wollen. Aber ich sage Ihnen, diese Frau will Sie nur über den Tisch ziehen! Was immer Sie tun, geben Sie ihr kein Geld!« Damit wandte er sich um und verließ mit steifen Schritten das Zimmer.

Emily und ich sahen uns an. Sie wirkte immer noch sehr blass, doch in ihren Augen lag ein amüsiertes Glimmen. »Hüterinnen des Heiligen Sakraments vom dritten Tage. Das klingt gut. Gibt es die wirklich?«

Ich grinste. »Keine Ahnung. Dieser aufgeblasene Schnösel! Wenn der wüsste …«

Emily riss die Augen auf. »Du darfst auf keinen Fall jemandem erzählen, was wir hier tun! Niemand darf das wissen!«

Ich erschrak ein wenig über die Heftigkeit ihrer Reaktion. Aber wahrscheinlich hatte sie recht. Man würde vermutlich glauben, ich hätte den Verstand verloren. Wenn mich die Ärzte untersuchten und Spuren der Droge fanden, die meinen Sohn ins Koma versetzt hatte, steckten sie mich vermutlich in eine Entzugsklinik, und Eric wäre verloren.

Emily betrachtete mein Gesicht genauer. »Du … du siehst merkwürdig aus.«

»Merkwürdig? Was meinst du?«

»Irgendwie … fröhlich.«

Ich versuchte, meine Verlegenheit mit einem Lächeln zu überspielen. Wenn Emily herausfand, dass ich Erics Droge nahm, würde sie mir nicht mehr helfen, da war ich sicher. »Ich … ich weiß auch nicht. Ich freue mich irgendwie auf die … andere Welt.«

Emily runzelte die Stirn, schien aber meine Erklärung zu akzeptieren. »Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Das ist kein Spiel, Anna!«

»Ich weiß.« Ich griff nach Erics und ihrer Hand. Sie schloss den Kreis.

8.

Ich lag auf hartem, felsigem Grund. Meine Kleidung war nass, und ich zitterte vor Kälte. Zu meiner Linken rauschte das Meer. Rechts knisterte etwas. Von dort drang wohlige Wärme zu mir.

Ich wagte kaum, die Augen zu öffnen. Doch als ich es tat, wurde ich mit einem Anblick belohnt, der mich mit unendlicher Freude erfüllte.

Etwa drei Meter entfernt brannte ein kleines Feuer. Ein junger Mann saß daneben und starrte gedankenverloren in die Glut. Ihr warmer Widerschein spiegelte sich auf seiner Rüstung, als stünde diese ebenfalls in Flammen. Er hatte ein ebenmäßiges Gesicht mit einer geraden, aristokratisch gewölbten Nase und buschigen Augenbrauen. Sein schwarzes lockiges Haar wurde größtenteils von einem golden schimmernden Helm verdeckt, der den typischen gebogenen Kamm trug, den ich von antiken griechischen Malereien kannte. Licht und Schatten des Feuers spielten auf den ausgeprägten Muskeln seiner nackten Oberarme.

Eric.

Der Mann sah nicht aus wie mein Sohn, aber er musste es sein – oder besser, das Bild, das sich Eric von sich selbst gemacht hatte, von seinem Wunschselbst. Ein antiker Held. Was hätte besser zu dieser merkwürdigen Geschichte gepasst?

Mir fiel ein, dass die meisten griechischen Heldenepen tragisch endeten. Ein Schauer überfiel mich bei dem Gedanken, doch ich verdrängte ihn rasch. Dies war keine antike Sage. Dies war Erics selbstgeschaffene Welt, offensichtlich gestaltet nach dem Vorbild des Computerspiels, das er vor seinem Zusammenbruch gespielt hatte. Denn dass der junge Mann vor mir identisch war mit dem gefallenen Krieger, den ich auf Erics Monitor gesehen hatte, daran bestand kein Zweifel.

Ich wollte aufspringen und ihm um den Hals fallen, doch als ich mich aufrichtete, überkam mich ein heftiges Schwindelgefühl. »Eric!«, rief ich.

Er fuhr herum. Seine Augen weiteten sich. Er sprang auf, kniete vor mir nieder und beugte seinen Kopf tief herab, bis der Kamm seines Helms den Boden berührte.

Einen Moment betrachtete ich ihn verwirrt. »Was … was machst du da?«

Er richtete den Oberkörper auf, blieb jedoch auf den Knien. »Verzeih mir, Göttin. Ich bin nur ein einfacher Krieger und nie darin unterwiesen worden, wie ich mich gegenüber den Unsterblichen verhalten muss.«

Ich lächelte. »Ich bin keine Göttin und auch nicht unsterblich, Eric. Mein Name ist Anna. Ich bin deine Mutter!«

»Verzeih mir … göttliche Anna … aber mein Name ist Iason. Ich weiß, es schickt sich nicht, den Worten einer Unsterblichen zu widersprechen. Aber du wurdest hier angespült, obwohl kein Segel am Horizont zu erkennen war, so als seist du vom Himmel gefallen. Und jung und schön, wie du bist, wie könntest du gleichzeitig eine gewöhnliche Sterbliche und meine Mutter sein? Du müsstest ein Säugling gewesen sein, als du mich gebarst.«

Ich war auf nichts von dem vorbereitet gewesen, was ich bisher in dieser surrealen Welt erlebt hatte. Aber am allermeisten überraschte mich dieses unbeholfene und anrührende Kompliment. Ich sah echte Bewunderung in seinen Augen, und mir wurde klar, dass die Sache nicht so einfach war, wie ich geglaubt hatte. Ich hatte Erics Seele entdeckt, aber ich musste noch einen Weg finden, ihn aus seinem selbstgebauten Gefängnis zu befreien, und ihn zu seinem wahren Selbst führen. Doch erst einmal galt es, ein ganz banales Bedürfnis zu befriedigen: Ich hatte Hunger. Sehnsüchtig betrachtete ich das Stück Fleisch, das an einem Stock über dem Feuer briet und einen köstlichen Duft verströmte.

Eric deutete meinen Blick richtig. Wortlos sprang er auf, nahm den Stock aus dem Feuer und hielt ihn mir hin. »Es ist nicht viel, Göttin, aber mehr kann ich dir nicht anbieten.«

Ich griff nach dem Stock und schlug meine Zähne in das Fleisch. Es war etwas zäh, schmeckte aber köstlich, ein wenig wie gebratener Hummer. Seit Wochen hatte ich nicht mit solchem Appetit gegessen. Erst als ich den gröbsten Hunger gestillt hatte und mehr als die Hälfte des Fleisches vertilgt war, fragte ich mich, was ich da eigentlich aß.

Ich hielt inne, etwas beschämt, dass ich den größten Teil von Erics Mahlzeit aufgegessen hatte, und reichte ihm den Stock.

Er lächelte. »Ich beginne zu glauben, dass du eine Sterbliche bist«, sagte er. »Ich jedenfalls kann mir kaum vorstellen, dass eine Göttin mit solchem Appetit über eine gebratene Felsenspinne herfallen würde. Man sagt doch, dass ihr euch auf dem heiligen Berg von Nektar und Ambrosia ernährt.«

Ich starrte das Stück Fleisch an. Aß ich tatsächlich eines der Monster, die mich verfolgt hatten? »Felsenspinne« schien mir jedenfalls ein treffender Name für die rasselnden Biester. Sie hatten ein wenig Ähnlichkeit mit an Land lebenden, perfekt getarnten Krebsen gehabt. Warum sie also nicht essen? Das war allemal besser, als in ihren Mägen zu landen. Der Gedanke erfüllte mich mit grimmiger Befriedigung.

Die Mahlzeit hatte mich durstig gemacht. Wortlos reichte mir Eric einen Wasserschlauch, der aus Ziegenhaut hergestellt war. »Trink in kleinen Schlucken. Ich habe leider nicht mehr viel Wasser, und bis zur nächsten Quelle könnte es noch weit sein.«

Beschämt gab ich ihm den Schlauch zurück. »Ich denke, ich komme erst einmal ohne aus.«

»Wie du meinst.«

»Wo sind wir hier?«, fragte ich. »Wie bist du hierhergekommen?«

»Wie soll ich wissen, wo wir hier sind, wenn selbst eine Göttin es nicht weiß? Ich bin nur ein einfacher Seefahrer, der hier gestrandet ist. Ich wurde ausgeschickt, um das Tor des Lichts zu finden.«

Mein Puls beschleunigte sich. Das Tor des Lichts! Ich hatte keinen Zweifel daran, was das bedeutete: Eric suchte den Weg zurück in die Realität.

»Ausgeschickt?«, fragte ich. »Von wem?«

»In meiner Heimat Magnesia herrscht seit Jahren eine schreckliche Dürre. Die Menschen darben, und Trübsal und Not bestimmen ihr Leben. Viele sind schon gestorben. Niemand weiß, was die Götter so erzürnt hat. Mein Vater, König Aison von Iolkos, trug mir auf, den Grund herauszufinden. Ich ging zum Großen Orakel nach Delphi. Es sagte mir, ich müsse das Tor des Lichts finden, um das Land wieder erblühen zu lassen. Es befahl mir, über das Meer gen Osten bis zur Küste der Traurigkeit zu segeln. Also brach ich gemeinsam mit den tapfersten Kriegern von Magnesia auf. Wir segelten nach Thrakien und Phrygien und sogar bis ins ferne Kolchis. Doch niemand hatte je von einer Küste der Traurigkeit gehört. So beschloss ich, in meine Heimat zurückzukehren und das Orakel erneut zu befragen. Doch Poseidon sandte uns einen schrecklichen Sturm. Mein Schiff, die Argo, versank mit all meinen Gefährten in den Fluten. Ich selbst wurde an dieses unbekannte Gestade gespült.« Seine Miene war ernst. Einen Augenblick schwieg er, als denke er an seine ertrunkenen Kameraden. Doch dann hellte sich sein Gesicht wieder auf. »Unser Volk muss doch noch Freunde unter den Göttern haben, denn ich fand dich.« Er runzelte die Stirn. »Du bist doch hier, um mir zu helfen, das Tor des Lichts zu finden, oder?«

Nachdenklich betrachtete ich den jungen Mann, der sich Iason nannte. Eric hatte sich in seinem Kopf sein eigenes Computerspiel geschaffen, komplett mit Monstern und einer mystischen Suche, an deren Ende die Rückkehr in die Realität stehen würde. Doch es war ein Spiel auf Leben und Tod. Ich konnte nur spekulieren, was passierte, wenn er in seiner Traumgestalt getötet wurde. Ich bezweifelte, dass es in dieser Phantasiewelt so etwas wie einen Neustart gab.

Aber es musste einen einfacheren Weg hier heraus geben. Schließlich konnte man Computerspiele auch einfach abschalten.

Ich machte einen Schritt auf meinen Sohn zu und legte meine Hände auf seine Schultern. Er zuckte zusammen.

Meine Augen fixierten seine. »Hör mir genau zu«, sagte ich. »Du bist nicht Iason. Dein Name ist Eric. Du bist mein Sohn. Du hast in der wirklichen Welt ein Computerspiel gespielt. Du standest unter dem Einfluss einer Droge namens Glanz, von der du eine Überdosis genommen hast. Deshalb bist du ins Koma gefallen und hast dir hier deine eigene Welt geschaffen. Doch du kannst dich daraus befreien. Du musst dir nur bewusst werden, dass all das hier – diese Küste, das Meer, deine Rüstung, das Feuer, selbst ich –, dass das alles nur ein Traum ist. Es ist nicht real! In Wirklichkeit liegst du in einem Krankenhausbett in New York, der Stadt, in der du geboren und aufgewachsen bist. Ich bin bei dir und halte deine Hand. Kannst du sie spüren? Wach auf, Eric. Bitte, wach auf!«

Der junge Krieger sah mich mit großen Augen an. Verwirrung lag darin, aber auch so etwas wie Bewunderung. Er sagte nichts.

»Bitte, Eric! Du musst dich erinnern!« Ich rüttelte seine Schultern. »Wach auf! Wach auf!«

Immer noch starrte er mich verständnislos an.

Auf einmal durchströmte mich Zorn – Zorn auf die Mistkerle, die Eric die Droge verkauft hatten, auf die Hersteller dieses idiotischen Computerspiels, das wie eine Endlosschleife in seinem Hirn lief, ein bisschen auch auf Eric, der mir das angetan hatte. Am meisten jedoch war ich wütend auf mich selbst, die ich mich nicht genug um ihn gekümmert und zugelassen hatte, dass er ahnungslos in den Abgrund stürzte. »Du bist mein Sohn! Du bist Eric. Du wirst dich nie mehr Iason nennen, verstanden?«

Er erhob sich, behielt jedoch den Blick auf den Boden zu meinen Füßen gerichtet. »Ja, Göttin.«

»Ich bin deine Mutter, verdammt noch mal!«, schrie ich.

»Ja … Mutter.«

Meine Wut verrauchte, als ich ihn so dastehen sah wie einen Schüler, der sich eine Moralpredigt anhören muss, ohne genau zu wissen, was er falsch gemacht hat. »Sieh mich an.«

Er hob zögernd den Kopf. Sein Gesicht spiegelte Angst. Mir wurde plötzlich klar, dass er mich tatsächlich für eine zürnende griechische Göttin hielt, die ihn jederzeit mit einem Blitzstrahl niederstrecken konnte.

Ich seufzte. »Es tut mir leid. Ich weiß, du kannst nichts dafür. Wir werden also gemeinsam dieses dämliche Spiel zu Ende spielen. Ich werde dir helfen, das Tor des Lichts zu finden!«

Ein zaghaftes Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Mit deiner Hilfe werde ich die Aufgabe erfüllen, göttliche Mutter!«

In der Nähe erklang ein verräterisches Rasseln und erinnerte mich daran, dass wir in dieser unbekannten Welt nicht allein waren. Ich zuckte zusammen.

Eric grinste. »Keine Angst, göttliche Mutter. Sollte es eine dieser Kreaturen wagen, sich dir zu nähern, wird sie mein Schwert schmecken!« Er zog die Waffe aus der Scheide und hielt sie hoch. Das Metall glänzte im Licht des Feuers.

Ich war kaum beruhigt. Es mochte hier Schlimmeres geben als Felsenspinnen. »Hast du eine Idee, wie wir das Tor des Lichts finden können?«

»Nein, göttliche Mutter. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, du könntest mir sagen, wo es steht.« Er wies den Strand entlang. »Ich wandere schon seit Tagen an dieser Küste entlang und suche nach einem Weg, die Felsen zu erklimmen, doch ohne Hilfsmittel …«

»Die Mühe können wir uns sparen. Ich war dort oben. Da gibt es nur endlose Wüste.«

»Dann bleibt uns wohl nur, der Küste zu folgen.«

Er löschte das Feuer mit grauem Sand und hob seinen großen, runden Schild auf, der an einem Felsen gelehnt hatte. Dann brachen wir auf.

9.

Wir wanderten den schmalen Küstenstreifen entlang, der mit Sand und flachen Steinen bedeckt war. Meine Füße begannen bald wieder zu schmerzen. Als Eric meinen ungeschickten, hinkenden Gang bemerkte, löste er die Schnüre seiner Sandalen und bestand darauf, dass ich sie tragen solle. Er sei es von Kind an gewohnt, barfuß zu laufen, behauptete er.

Ich musste lachen. »Du? Du hast immer ein Riesentheater gemacht, wenn du barfuß laufen solltest! Weißt du nicht mehr, wie du gejammert hast, der Sand sei dir zu heiß, wenn wir auf Long Island am Strand waren? ›Aua Fuß‹, hast du immer gerufen und bist von einem Bein auf das andere gehüpft, und als Dad und ich Tränen gelacht haben, warst du wütend auf uns. Dad sagte, du solltest ins Wasser gehen, doch du mochtest das Gefühl des Seetangs an deinen Füßen nicht und hattest Angst, ein Hummer könnte dir in die Zehen zwicken!«

Eric schwieg. Er konnte sich offensichtlich nicht erinnern. Aber die Idee war vielleicht nicht schlecht, ihm Geschichten aus seinem wirklichen Leben zu erzählen. Möglicherweise würde seine Erinnerung irgendwann doch noch wiederkehren. Dann konnten wir die Abkürzung zum Tor des Lichts nehmen – indem er einfach die Augen aufschlug.

Während wir durch die bizarre Landschaft liefen, erzählte ich ihm von dem verkohlten Thanksgiving-Truthahn, der beinahe einen Feuerwehrgroßeinsatz ausgelöst hatte. Ich schilderte das Weihnachtsfest, als Eric von seinen beiden Großeltern und von Tante Paula drei Mal das gleiche Geschenk bekommen hatte: einen kleinen Dinosaurier, der sich bewegen und sprechen konnte und der gerade der Hit war bei den Grundschulkindern. Ich sprach sogar von Ralph, von dem Tag, an dem er ausgezogen war; als Eric stumm und mit glasigen Augen an der Tür gestanden und ihm nachgesehen hatte und wie er drei Tage lang kein einziges Wort geredet hatte.

Während ich redete, rannen mir die Tränen über die Wangen. Eric hörte mir schweigend zu.

»Du musst ihn sehr lieben, deinen Sohn«, sagte er irgendwann.

Ich blieb stehen. Zorn stieg in mir auf. Ich konnte mich nur mühsam beherrschen, ihn nicht anzubrüllen. »Aber … aber du bist dieser Sohn«, sagte ich. »Du bist Eric!«

Er sah mich an, und in seinen Augen lag echtes Bedauern. »Ich will deine Weisheit nicht anzweifeln, göttliche Mutter. Ich weiß nicht, welche Zauberei vielleicht über meinem Leben liegt. Aber ich erinnere mich an nichts von dem, was du erzählt hast. Ich weiß nichts von der Stadt Nujork mit Häusern, die bis in die Wolken reichen, von Zauberern und Spielzeugen, die sprechen können.« Er senkte den Blick. »Es … es tut mir leid, wenn ich nicht deinem Wunsch entspreche, göttliche Mutter.«

Ich sah ihn an, und zum ersten Mal kamen mir Zweifel, ob der junge Mann hier tatsächlich Erics selbstgewählte Verkörperung war. Was, wenn ich mich irrte? Er war das einzige menschliche Wesen, dem ich bisher begegnet war. Aber diese Welt schien so groß und so real. War es nicht denkbar, dass sie von vielen Menschen bevölkert wurde? Wahrscheinlich gab es auch in dem Computerspiel, das die Vorlage für Erics Traumwelt war, eine Menge simulierter Menschen; Statisten, die nur herumliefen, um den Eindruck einer bewohnten Welt zu vermitteln. Was, wenn dieser Iason neben mir nur ein solcher Statist war?

Andererseits hatte Eric diese Welt geschaffen, also war Iason ein Produkt seiner Vorstellungskraft. Folglich waren sein Geist und Erics Geist identisch. So oder so hörte mein Sohn mir also zu.

Dennoch war mir die Lust am Erzählen vergangen. Eine Weile wanderten wir schweigend weiter. Links von uns rauschte das Meer, rechts ragte die zerklüftete Steilküste auf. Außer dem gelegentlichen Rasseln einer Felsenspinne gab es keine Hinweise auf Leben.

Während wir weitergingen, veränderte sich die Landschaft allmählich. Die Steilküste wurde flacher und zog sich vom Meer zurück, so dass der sandige Uferstreifen immer breiter wurde. Wir folgten ihrer Linie landeinwärts.

Bald sahen wir in der Ferne eine Kette von flachen Hügeln. Sie waren von dünnem, hartem Gras bewachsen, den ersten Anzeichen von Vegetation. Das hätte mich mit Zuversicht erfüllen können, wenn nicht dieser unangenehme Geruch von Fäulnis gewesen wäre, der uns entgegenwehte. Auch mein griechischer Held schien ihn wahrzunehmen, denn er runzelte die Stirn und rümpfte die Nase, sagte jedoch nichts.

Als wir die Kuppe eines Hügels erreichten, sahen wir eine Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Es schien sich um eine Art Sumpflandschaft zu handeln, denn zwischen flachen Büschen und den Skeletten niedriger Bäume glänzten schwarze Tümpel wie die tausend Augen eines in die Erde eingegrabenen Ungeheuers. Dazwischen erhoben sich hin und wieder merkwürdige blasse Gebilde, die aus Ketten von Gasblasen zu bestehen schienen und sich leicht im Wind hin und her bewegten. Dünne Nebelfetzen wehten über das Land wie Gespenster. Ein entsetzlicher Gestank stieg von dort auf.

Ich mochte diese Landschaft, die von einer schrecklichen Krankheit befallen zu sein schien, noch weniger als die leere Ebene.

Wir folgten der Hügelkette. Auf diese Weise konnten wir uns trockenen Fußes landeinwärts bewegen. Doch nach einer Weile wurden die bleichen Hügel niedriger, als versänken sie immer tiefer im Morast. Bald sahen wir vor uns das Ende der Kette. Dahinter erstreckte sich Sumpf, so weit das Auge reichte.

Wir blieben stehen. »Welch schreckliche Eingebung mag die Götter bewogen haben, dieses Land zu schaffen«, murmelte Eric. »Entschuldige, göttliche Mutter«, schob er rasch nach. »Ich wollte nicht respektlos sein …«

»Ich habe dir schon gesagt, ich bin keine Göttin«, erwiderte ich. »Wenn ich eine wäre, würde ich dafür sorgen, dass dieser Sumpf ausgetrocknet wird!«

»Mir scheint, wir sollten umkehren und versuchen, den Morast zu umgehen. Diese Gegend ist nicht für Sterbliche bestimmt.«

Ich war geneigt, ihm recht zu geben. Ich hatte genauso wenig Lust, durch diese stinkende Brühe zu waten, auch wenn mir die Vorstellung, die lange Hügelkette zurückzuwandern, kaum verlockender erschien. Warum, zum Kuckuck, konnte sich Erics Geist nicht auf einer hübschen Blumenwiese verirrt haben, oder wenigstens in der kargen, aber malerischen Landschaft des Mittelmeerraums?

Gerade als ich mich umdrehen wollte, entdeckte ich in der Ferne etwas, das mich frösteln ließ. Zuerst hielt ich es für Rauch, doch die Art, wie die schwarze Wolke sich bewegte, sich ausdehnte und wieder zusammenzog, machte mir klar, um was es sich handelte: Tausende Vögel.

Ich dachte an den Schwarm, dem ich auf der Ebene gefolgt war. Vielleicht war dies der Ort, an dem die Vögel nisteten. Irgendwie erschien mir das passend.

Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, Einzelheiten zu erkennen. Nach einem Moment glaubte ich hinter dem Schwarm einige bleiche Felstürme zu sehen, die aus dem Moor aufragten wie die Zähne eines Riesenungeheuers.

Ich wusste plötzlich, dass wir dorthin mussten, ohne den Grund für meine Gewissheit zu kennen.

Ich wies in die Richtung. »Siehst du diese seltsamen Gebilde dort hinten am Horizont?«

»Nein, göttliche Mutter.«

»Es sind bleiche Türme. Sie sind wegen des Nebels kaum zu erkennen.«

»Doch, warte … ja, jetzt sehe ich sie auch. Bei den Göttern, sie müssen so hoch sein wie Berge!« Er sah mich sorgenvoll an. »Du willst doch nicht dorthin, göttliche Mutter, oder?« Er schüttelte leicht den Kopf. »Natürlich willst du dorthin! Warum nur müsst ihr Götter uns Sterblichen immer den schwierigsten aller denkbaren Wege weisen?«

Wir folgten der Hügelkette, bis der letzte bleiche Felsen in einem schwarzen Tümpel versank. Blasen stiegen aus seinem Grund auf, und rötliche Schlieren waren auf der stinkenden, öligen Oberfläche zu sehen.

Am Rand des Tümpels wuchsen einige der seltsamen bleichen Blasenketten. Mit umsichtigen Schritten tastete ich mich vor und zog eine davon zu mir heran. Wie ich erwartet hatte, war sie biegsam wie ein Grashalm. Die Blasen schienen mit einem Gas gefüllt zu sein, das leichter als Luft war, Wasserstoff vielleicht. Es gab der Pflanze Auftrieb, so dass sie senkrecht in die Höhe ragte, ohne ein Stützskelett zu benötigen.

Ich zog an dem Blasenhalm. Er ließ sich mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Untergrund ziehen. An seinem Ende befanden sich rötliche Wurzeln, die sich jedoch wie Würmer bewegten und panisch nach etwas suchten, an das sie sich klammern konnten. Erschrocken und voller Ekel ließ ich das Gebilde los. Es schwebte rasch in den Himmel und war bald in den Wolken verschwunden. Vielleicht, wenn man mehrere dieser Gebilde aneinander befestigte …

Eric schien zu ahnen, was ich dachte. Er machte ebenfalls ein paar Schritte in den Sumpf, wobei er mit dem Schwert immer die Festigkeit des Bodens vor sich prüfte. So konnte er sich weiter vorwagen als ich. Er schnitt einige der Blasenhalme dicht über der Wurzel ab, umfasste sie und brachte sie mir wie einen grotesken Strauß Blumen. Er hatte offensichtlich Mühe, sie festzuhalten, so stark zogen sie nach oben.

Er bog die Halme in der Mitte, so dass sie ein U formten.

Er machte mir vor, was er plante, indem er ein Bein über das U streckte und die Blasenhalme zwischen seine Beine klemmte, als säße er auf einem Schaukelpferd. Dann zog er das Bein zurück und hielt mir die Halme hin.

Es fühlte sich seltsam an, und die scharfen Kanten der Halme schnitten in meine Oberschenkel, aber es funktionierte. Die Gasblasen zogen mich hoch, so dass ich kaum noch den Boden berührte. Auf diese Art würde ich zwar nicht fliegen können, aber auch nicht so schnell Gefahr laufen, im Morast zu versinken.

Ich stieß mich vom Boden ab und machte einen Zeitlupenhüpfer, der mich mindestens drei Meter weit trug und mich an Bilder von Astronauten auf dem Mond denken ließ. Es war ein bemerkenswertes, beinahe heiteres Gefühl. Übermütig stieß ich mich ein weiteres Mal ab, kräftiger diesmal. Doch ich hatte den Schwung unterschätzt. Ich segelte in hohem Bogen über einen schmalen Streifen halbwegs festen Untergrunds hinweg mitten in einen der ekelhaften Tümpel. Meine Füße sanken in die stinkende Brühe ein. Sie war warm wie Badewasser. Ich trieb hilflos auf der Oberfläche wie auf einem aufblasbaren Gummitier und wusste nicht, ob ich über meine eigene Ungeschicklichkeit lachen oder weinen sollte.

Ich strampelte mit den Beinen und versuchte, mit den Händen vorwärtszupaddeln, doch in der öligen Flüssigkeit kam ich nur langsam voran. Der Gestank betäubte mich fast. Eric sah mir mit sorgenvollem Gesicht zu. Schließlich erreichte ich den Rand des Tümpels und kletterte heraus. Ich nahm mir vor, in Zukunft besser aufzupassen – ein weiteres Bad in der stinkenden Brühe wollte ich auf keinen Fall nehmen.

Mit vorsichtigen Hüpfern setzten wir unseren Weg fort. Wir hatten etwa die Hälfte der Strecke zwischen der Hügelkette und der Stelle zurückgelegt, an der ich vorher den Vogelschwarm entdeckt hatte, als ich drei große Blasen bemerkte, die schräg vor uns aus dem Sumpf ragten. Sie waren bleich wie die Blasenhalme und wurden von dünnen weißen Fäden gehalten, so dass ich sie zunächst für eine Variante der seltsamen Pflanzen hielt. Doch die Haltefäden bewegten sich auf merkwürdige Weise, und bald bemerkten wir, dass sich uns die Gebilde näherten. Die Art, wie sie mit ihren tentakelartigen Fäden über den Boden tasteten, als suchten sie etwas, gefiel mir überhaupt nicht.

Je näher sie kamen, desto mehr wirkten die Wesen wie riesige Quallen, jede mit einem Durchmesser von drei Metern und doppelt so langen Fäden.

»Lass uns denen lieber aus dem Weg gehen«, rief ich Eric zu. Er nickte.

Wir beschleunigten unsere Hüpfer, mussten jedoch aufpassen, dass wir nicht in einem der stinkenden Tümpel landeten, die zuletzt immer häufiger und größer geworden waren. Ein falsch platzierter Sprung, und wir wären bewegungsunfähig. Dann konnten sich die Gasquallen mit den Ungeheuern, die am Grunde des Tümpels lauerten, um die Beute streiten.

Während wir uns einen verschlungenen Weg zwischen dem öligen Wasser suchen mussten, schwebten die Quallen einfach darüber hinweg. Und sie wurden schneller. Es gab keinen Zweifel mehr, dass sie uns jagten.

Bald war klar, dass wir ihnen nicht entkommen würden. Sie konnten sich in diesem Terrain wesentlich schneller bewegen als wir. Also hielten wir an, um uns auf die Konfrontation vorzubereiten.

»Flieh weiter, göttliche Mutter«, sagte Eric. »Ich versuche, sie aufzuhalten!«

»Kommt nicht in Frage! Ich bleibe bei dir!«

Bald hatte die erste der Gasquallen Eric erreicht, der zwei Schritte vor mir stand. Sie tastete mit Dutzenden Fäden nach ihm. Er wehrte die Tentakel mit dem Schild ab und durchtrennte einige mit dem Schwert. Das führte zu heftigen peitschenartigen Bewegungen der übrigen Fäden.

Einen Moment sah es so aus, als könne mein tapferer Held das Ungetüm abwehren. Doch dann waren die beiden anderen herangekommen. Eine der Quallen näherte sich Eric von hinten, während die andere auf mich zukam.

Eric schrie auf, als ihn einer der Fangarme am nackten Oberarm berührte. Offenbar enthielten ihre Spitzen Gift. Bald war er fast vollständig von den Tentakeln zweier Quallen eingehüllt. Er wehrte sich verzweifelt, doch ich sah, dass er keine Chance hatte, die unzähligen Fäden fernzuhalten.

Ich überlegte, wie ich ihm zu Hilfe kommen konnte, doch in diesem Moment erreichte mich die dritte Qualle. Ihre Fäden tasteten nach mir. Ich versuchte auszuweichen und schlug mit den Händen nach ihnen.

Einer der Fäden berührte mich am linken Handrücken, und ein stechender Schmerz durchfuhr mich. Gleichzeitig merkte ich eine sich rasch ausbreitende Taubheit. Das Gift hatte offensichtlich eine lähmende Wirkung.

Die Qualle war jetzt beinahe über mir. Voller Panik warf ich mich zur Seite.

Einer der Tentakel berührte mich am Hals. Es war, als flösse kochendes Wasser über meine Schulter.

Ich verlor den Halt und kippte um. Die Blasenhalme lösten sich aus meiner Umklammerung und schossen empor. Sie drückten von unten gegen den schirmartigen Körper der Qualle und rissen sie mit sich nach oben. Das Wesen versuchte, sich mit seinen Tentakeln festzuklammern, fand jedoch keinen Halt. Es wurde emporgetragen, dem konturlosen Himmel entgegen.

Ich lag auf dem Rücken, halb eingesunken im Schlamm. Ich versuchte, Eric zuzurufen, dass er die Halme gegen die Quallen einsetzen sollte, doch mein Mund ließ sich nicht mehr bewegen. Schwärze erschien am Rand meines Blickfeldes, verengte meinen Blickwinkel immer mehr, bis ich nur noch winzige Lichtpunkte sah. Ich spürte, wie ich mich von der Welt, von Eric entfernte.

Ich versuchte zu schreien, doch kein Laut entkam meiner Kehle.

10.

»Anna! Anna, hörst du mich?«

Es kostete mich enorme Kraft, die Augen zu öffnen. Mein Gesicht fühlte sich taub an.

Emily rüttelte mich an der Schulter. »Anna! Gott sei Dank!«

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass ich wieder in Erics Krankenzimmer war. Als ich Emily sah, erschrak ich. Ihr Gesicht war eingefallen und aschgrau, ihre Augen waren blutrot. Sie sah ernsthaft krank aus.

Ich setzte mich mühsam auf. »Ich muss zurück!«, rief ich, oder besser, ich versuchte, es zu rufen, aber es kam nur ein unverständliches Krächzen aus meinem Mund, so als hätten die Nesseln der Qualle meine Gesichtsmuskeln tatsächlich betäubt.

Die Lähmung ließ allmählich nach. Ich dachte an Eric, der jetzt in seiner Traumwelt lag und mit dem Tode rang. »Ich … ich muss zurück!«, wiederholte ich. Diesmal klang es verständlich, doch Emily schüttelte nur langsam den Kopf.

»Ich kann nicht mehr«, sagte sie und versuchte aufzustehen, sackte jedoch vor dem Bett auf die Knie.

Ich begriff, dass wir beide an die absoluten Grenzen unserer Leistungsfähigkeit gegangen waren.

Ich half ihr auf. »Wie spät ist es?«

»Halb zehn«, sagte Emily. »Du warst mehr als drei Stunden weg.«

»Drei Stunden. Mir kam es vor wie zwei Tage.« Ich erzählte ihr, was geschehen war.

»Ich brauche Ruhe. Ich kann nicht mehr«, sagte Emily. »Gib mir ein paar Tage. Dann können wir es von mir aus noch mal versuchen.«

»Ein paar Tage? Aber das sind in Erics Welt Wochen! Er wird sterben!«

»Vielleicht wartet er auf dich«, sagte sie. »Die Zeit in seiner Welt scheint anders zu verlaufen als in unserer. Vielleicht kann er sie so lange anhalten, bis du zurückkommst.«

Der Gedanke tröstete mich etwas. Vielleicht hatte Emily recht. Als ich am Ufer aufgewacht war, war meine Kleidung noch feucht vom Wasser des schwarzen Meeres gewesen. Ich konnte also noch nicht lange dort gelegen haben, während nach meinem Absturz von der Klippe in der Realität fast vierundzwanzig Stunden vergangen waren. Dennoch ahnte ich, dass Eric nicht beliebig lange auf mich warten konnte. Ich musste zurück, so schnell es ging. »Bitte, Emily, komm morgen wieder, ja? Eric ist in großer Gefahr! Er wird sterben, wenn ich ihm nicht irgendwie helfe!«

Sie sah mich mit ihren blutunterlaufenen Augen lange an. »Ist es das wirklich wert, Anna?«, fragte sie.

Ich verstand zuerst gar nicht, was sie meinte. Dann begriff ich: Sie hatte Angst, dass wir beide bei dem Versuch, Eric zu retten, selbst Schaden nehmen könnten. »Natürlich ist es das!«, rief ich. »Er ist mein Sohn, verdammt noch mal! Ich werde ihn niemals aufgeben, hörst du? Niemals!«

Emily drehte sich wortlos um und verließ mit unsicheren Schritten das Krankenzimmer.

Ich umarmte Eric zum Abschied, wohl wissend, dass er meine Berührung nicht spüren konnte. Auch ich war ziemlich wacklig auf den Beinen. Die körperlichen Strapazen in Erics Traumwelt gingen auch an meinem realen Körper nicht spurlos vorüber. Ich nahm mir ein Taxi nach Hause, fiel auf das Bett und schlief innerhalb weniger Minuten ein.

Als ich erwachte, war es bereits Nachmittag. Ich erinnerte mich nur undeutlich an meine Träume. Maria war darin vorgekommen. Sie hatte sehr traurig ausgesehen und etwas zu mir gesagt. Im Traum hatte ich das Gefühl gehabt, dass es sehr wichtig sei. Doch jetzt konnte ich mich nicht mehr an ihre Worte erinnern.

Es war kurz vor zwei. Ich hatte großen Hunger. Ich streckte mich und machte Anstalten aufzustehen, als ich plötzlich durch die angelehnte Schlafzimmertür eine Bewegung wahrnahm.

Ich erstarrte. Jemand war in der Wohnung! Ich meinte, die schlanke Figur und die dunklen Haare einer jungen Frau gesehen zu haben, die vor der Tür vorbeiging. Ich bekam eine Gänsehaut.

»Maria?«, fragte ich unsicher, wissend, dass sie es eigentlich nicht sein konnte – wie hätte sie ohne Schlüssel in meine Wohnung kommen sollen? Oder hatte sie geklingelt, und ich hatte ihr im Halbschlaf geöffnet, ohne mich jetzt daran zu erinnern? Aber was tat sie überhaupt hier?

»Maria?«, rief ich erneut. Ich stand auf und ging mit immer noch wackligen Schritten in die Küche. Dort war niemand. Auch das Wohnzimmer, Erics Zimmer und das Bad waren leer. Ich ging auf die Toilette. Als ich danach den kleinen Flur betrat, hatte ich plötzlich das Gefühl, eine Tür übersehen zu haben – so als gebe es noch einen weiteren Raum in meinem engen Apartment, den ich bisher einfach nicht wahrgenommen hatte. Aber das war natürlich Unfug.

Allmählich beruhigte ich mich wieder. Offensichtlich hatte mein Gehirn Schwierigkeiten, mit dem Wechsel zwischen Erics Traumwelt und der Realität klarzukommen.

Ich machte mir einen starken Kaffee, während mein Puls sich normalisierte. Da der Kühlschrank praktisch leer war, ging ich einkaufen und machte mir ein paar Sandwiches und einen Salat. Danach fühlte ich mich besser.

Ich nahm eine der bläulichen Kapseln aus der Tüte in Erics Zimmer und legte den Rest zurück. Dann überlegte ich es mir anders und steckte noch eine zweite ein. Vielleicht konnte eine höhere Dosis des Medikaments die Aufenthaltsdauer in der Traumwelt verlängern. Immerhin konnte mein heutiger Ausflug mein letzter sein, denn ich spürte, dass Emilys Bereitschaft, mir zu helfen, rapide abnahm. Ich konnte es ihr nicht einmal übelnehmen – die Belastung für sie musste enorm sein, und schließlich war Eric nicht ihr Kind.

Ich dachte an ihr eingefallenes Gesicht und ihre blutunterlaufenen Augen. Ich musste einen Weg finden, die Odyssee in Erics Geist zu beenden, und zwar schnell.

Mein Blick fiel auf seinen Laptop. Eine blinkende Leuchtdiode zeigte an, dass er sich im Standby-Modus befand. Ich erinnerte mich, dass ich den Computer nicht heruntergefahren, sondern nur zugeklappt hatte.

Ich hob den Bildschirm an. Nach kurzer Zeit erschien wieder dasselbe Bild wie an jenem unheilvollen Morgen: der Leichnam eines Kriegers, von schwarzen Vögeln bedeckt, darunter das Eingabefeld mit den drei Schaltknöpfen.

Ich überwand meine Abscheu und betrachtete den Krieger genauer. Er sah tatsächlich so aus wie der junge Mann, den ich in Erics Traumwelt getroffen hatte: dieselbe Rüstung, derselbe Helm, dieselben muskulösen Oberarme. Das Gesicht war von den ekelhaften Vögeln verdeckt.

Eines der Tiere wandte zufällig den Kopf und schien genau in meine Richtung zu starren. Seine schwarzen Augen hatten nur Pixelgröße, doch ich hatte den Eindruck, dass etwas Böses darin lag. Der Vogel drehte sich wieder um und fuhr damit fort, an Erics – nein, am Arm des Computerspiel-Kriegers zu picken.

Ich griff nach der Maus, überlegte einen Moment und klickte dann auf »Spielstand laden«. Ein Auswahlbildschirm erschien, auf dem mehrere Spielstände zur Verfügung standen.

Ich klickte auf den obersten. Ein Fortschrittsbalken erschien, der sich langsam füllte. Dann wurde eine Landschaft aus der Vogelperspektive gezeigt. Eine Landschaft mit Tümpeln öligen schwarzen Wassers, zwischen denen bleiche Pflanzen mit blasenartigen Auswüchsen aufragten. Der griechische Held stand in der Bildmitte am Rand eines Tümpels, das Schwert in der Rechten.

Meine Hand zuckte von der Maus zurück, als hätte die mich gebissen, und ein Schwindelgefühl überkam mich. Dies war der Sumpf, durch den ich gestern selbst geirrt war! Für einen Moment war ich fassungslos. Dann begriff ich, was das bedeutete: Erics Traumwelt war eine exakte Abbildung des Computerspiels. Ich konnte sie erkunden, indem ich an seinem Laptop spielte! Vielleicht fand ich so einen Hinweis darauf, wo dieses Tor des Lichts sein mochte.

Computerspiele hatten mich nie interessiert, und Erics Faszination dafür war mir immer unverständlich geblieben. Ich wusste natürlich, dass sehr viele Jugendliche einen großen Teil ihrer Zeit am Computer verbrachten. Die Medien waren voll von Berichten über die Suchtgefahr von Onlinespielen.

Ich erinnerte mich an einen Artikel im Time Magazine, der sich mit der Evolution von Produkten beschäftigte. Die Dinge, die wir schaffen, manipulieren uns, damit wir sie vervielfältigen, hatte es dort geheißen. In einem Darwin’schen Selektionsprozess sind nicht immer die Produkte erfolgreich, die uns nützen, sondern vor allem solche, die uns dazu bringen können, mehr davon herzustellen. Als Beispiele wurden Schokolade, Zigaretten, Alkohol und auch Computerspiele genannt. Sie hätten sich in einem Prozess kontinuierlicher Mutation und Selektion immer besser an die Bedürfnisse und Neigungen Jugendlicher angepasst, argumentierte der Autor. Inzwischen seien sie so faszinierend geworden, dass sich viele ihrem Reiz nicht mehr entziehen könnten. So seien sie zu einer modernen Droge mutiert und gefährdeten ernsthaft die Zukunft einer ganzen Generation.

Ich hatte die Thesen für übertrieben gehalten. Zweifellos verbrachte mein eigener Sohn mehr Zeit am Computer, als gut für ihn war. Aber hatte nicht auch ich in seinem Alter Dinge getan, die meine Eltern nicht verstanden hatten und die in ihren Augen falsch und gefährlich gewesen waren? Ich dachte an ausschweifende Partys, ungeschützten Sex und die zahllosen Joints, die ich geraucht hatte. All das war auch nicht ohne Risiko gewesen, aber ich hatte es schließlich überlebt, war vernünftig geworden und zu einer verantwortungsbewussten Frau gereift.

Nun, vielleicht war ich am Ende doch nicht so verantwortungsbewusst, wie ich glaubte.

Ich hatte mich immer bemüht, Verständnis zu zeigen und Eric genügend Freiraum für die Entwicklung seiner Persönlichkeit zu lassen. Erst als ich merkte, dass seine schulischen Leistungen immer schwächer wurden, hatte ich versucht einzugreifen.

Hätte ich nur geahnt, dass mehr dahintersteckte! Aber nichts an Erics Verhalten hatte darauf hingedeutet, dass er Drogen nahm. Ich hatte auch keine Ahnung, woher er das Geld dafür genommen hatte. Er musste es mir gestohlen haben, doch ich hatte nie etwas bemerkt. Vielleicht war er auch auf irgendeine Art kriminell geworden – ein schrecklicher, kaum vorstellbarer Gedanke. Eric war immer ein ruhiger, freundlicher Junge gewesen, und soweit ich wusste, hatte er mich nie zuvor belogen.

Hätte ich doch nur genauer hingesehen, besser zugehört! Wir Eltern sehen in unseren Kindern immer noch die kleinen schutzbedürftigen Wesen, die sie noch vor zwei oder drei Jahren gewesen sind, und merken gar nicht, wie weit sie sich schon von uns entfernt haben. Doch nun war es für Reue zu spät. Ich wusste nicht, ob ich noch eine Chance hatte, meinen Fehler wiedergutzumachen. Auf jeden Fall halfen Herumsitzen und Jammern nicht.

Ich ergriff die Maus und versuchte herauszufinden, wie das Spiel funktionierte. Es war eigentlich sehr einfach. Wenn ich irgendwo auf den Bildschirm klickte, dann marschierte der Held dorthin. Klickte ich auf einen Blasenhalm, dann schlug er mit dem Schwert danach, durchtrennte ihn, und ich konnte sehen, wie der Halm emporschwebte und aus dem Bild entschwand.

Es war eine eigentümliche Erfahrung, den gefahrvollen Weg durch den Sumpf aus dieser distanzierten Schrägoben-Perspektive zu erleben. Der Held stapfte einfach durch den Morast, wobei jeder Schritt von einem realistischen schmatzenden Geräusch begleitet wurde. Das Vorwärtskommen war wesentlich leichter, als es in Erics Traumwelt gewesen war. Außerdem war ich dankbar, dass der technische Fortschritt noch nicht so weit gediehen war, dass ein Laptop Gerüche absondern konnte.

Von den quallenartigen Gebilden war in dem Spiel nichts zu sehen. Dafür bekam es mein griechischer Held bald mit riesigen Schildkröten, Krokodilen und Giftschlangen zu tun. Ich klickte wie wild auf die Gegner, und die Spielfigur drosch mit dem Schwert auf sie ein. Ein roter Balken am linken Bildschirmrand zeigte ihren Gesundheitszustand an. Wenn ein Gegner meine Figur verletzte, wurde der Balken kürzer. Einmal, als sich der Held mit mehreren Riesenechsen schlug, sank er auf null, und die Spielfigur brach zusammen. Die Echsen verschwanden, dafür flatterte ein Pulk von schwarzen Vögeln herbei und ließ sich auf dem Leichnam nieder. Das Eingabefeld mit den drei Buttons erschien.

Ich fluchte und schlug mit der flachen Hand auf Erics Schreibtisch. Jetzt würde ich noch mal von vorn anfangen müssen! Dann sah ich auf die Uhr und erschrak. Es war fast sechs. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich mehr als zwei Stunden gespielt hatte.

Rasch rief ich mir ein Taxi und fuhr ins Krankenhaus. Es war schon halb sieben, als ich atemlos Erics Zimmer betrat. Er lag reglos wie immer auf seinem Bett. Wenn Emily zum verabredeten Zeitpunkt hier gewesen war, dann war sie bereits wieder gegangen. Eine Nachricht hatte sie nicht hinterlassen. Ich fragte eine der Schwestern nach Maria, doch die war immer noch krankgemeldet. Ich beschrieb ihr Emily, aber sie konnte sich nicht erinnern, sie heute gesehen zu haben.

Verzweifelt überlegte ich, was ich tun sollte. Vielleicht hatte ich Glück, und sie verspätete sich ebenfalls. Doch als sie um sieben Uhr immer noch nicht erschienen war, wusste ich, dass sie nicht mehr kommen würde. Sie hatte mir ja auch nichts dergleichen versprochen.

Ich blieb eine weitere Stunde bei Eric und hielt seine Hand. Irgendwann wurde mir klar, dass ich Sinnvolleres tun konnte, als hier herumzusitzen.

Ich fuhr wieder nach Hause und startete das Computerspiel. So lernte ich bald, geschickter mit der Maus umzugehen, und merkte, dass es auf das richtige Timing ankam: Man konnte beispielsweise die Riesenschildkröten nur dann ernsthaft verletzen, wenn sie ihren langen Hals aus dem Panzer streckten, um zuzubeißen. Ein Rechtsklick brachte den Helden in Verteidigungsposition mit erhobenem Schild – damit konnte ich die heftigen Schwanzschläge einer gefährlichen Riesenechsenart ebenso abwehren wie die blitzschnellen Angriffe der Giftschlangen.

Besonders viel Mühe hatte ich mit einem krakenartigen Monster, das in einem der schwarzen Tümpel hauste und mit seinen acht saugnapfbewehrten Tentakeln nach meinem Helden griff. Mehrmals riss das Ungeheuer den Helden in den Tod. Dann kreisten die schwarzen Vögel über dem Tümpel, in dem das Ungeheuer mit seiner Beute verschwunden war, und krächzten frustriert. Doch ich hatte inzwischen gelernt, nach jedem erfolgreichen Kampf den Spielstand abzuspeichern. Ich brauchte eine halbe Stunde, bis ich es im vierten Versuch schaffte, alle acht Arme des Kraken abzutrennen und das Vieh zu töten.

Ich sah auf die Uhr und erschrak. Es war bereits nach Mitternacht. Langsam begriff ich, wie dieses Spiel Eric in seinen Bann gezogen hatte. Ich speicherte, klappte den Laptop zu und ging ins Bett, doch das Adrenalin, das immer noch in meinem Blut war, ließ mich lange wach liegen.

Am nächsten Morgen frühstückte ich kurz und setzte das Spiel fort. Der Krake war eine Art Hauptgegner in dieser trüben Gegend gewesen, und mein Held erreichte kurz darauf den Rand der Sumpflandschaft. Doch was sich daran anschloss, war nicht viel besser: eine steinige Wüste, die mich an die graue Ebene erinnerte, durch die ich selbst geirrt war. Statt auf Felsenspinnen traf ich hier auf geflügelte Wesen mit Löwenkörpern und Adlerköpfen, auf gehörnte Minotauren, die riesige Streitäxte schwangen, und schließlich auf einen einäugigen Riesen, der mich, wie zuvor der Krake, ein paar Mal tötete, bevor ich ihn schließlich bezwang.

Als ich den Zyklopen besiegte, war es bereits Nachmittag. Ich legte eine Pause ein, um mir eine Pizza in den Ofen zu schieben. Das Kämpfen in der virtuellen Welt hatte mich hungrig gemacht.

Überrascht stellte ich fest, dass mich das Spiel immer mehr in seinen Bann zog. Es war geschickt konstruiert: Jeder Sieg über ein Monster brachte »Erfahrungspunkte«. Hatte man eine bestimmte Menge davon gesammelt, stieg man in die nächste »Stufe« auf und konnte einige Eigenschaften der Spielfigur, wie Körperkraft, Geschicklichkeit, Kampfstärke oder Lebensenergie, verbessern. Auf diese Weise war ich ständig motiviert, auch den nächsten Gegner noch zu besiegen.

Nach dem Essen ging ich voller Neugier zurück an den Laptop. Der Zyklop hatte einen schmalen Pfad bewacht, der sich durch eine felsige Schlucht wand. Ich wollte unbedingt wissen, was sich am Ende des Pfades befand.

Ich griff nach der Maus – und hielt inne. Ich öffnete die Schreibtischschublade und nahm den Beutel heraus. Nachdenklich betrachtete ich die blauen Kapseln. Wäre es nicht interessant, zu erfahren, wie sie die Wahrnehmung des Spiels veränderten? Ich würde Eric viel besser verstehen, wenn ich seine Erfahrung teilte.

Andererseits brauchte ich die Kapseln, um in seine Traumwelt zu gelangen.

Ich sah auf die Uhr. Es war halb vier. Wenn ich jetzt eine Kapsel nahm, würde die Wirkung sicher noch anhalten, bis Emily kam – wenn sie kam. Außerdem waren noch fünfzehn Kapseln in der Tüte. Auf eine mehr oder weniger kam es da kaum an.

Ich nahm eine heraus, drehte sie einen Moment zwischen den Fingern, ging in die Küche und spülte sie mit einem Glas Milch herunter.

Zunächst spürte ich nichts. Ich setzte mich wieder an den Laptop und steuerte meinen Helden die Schlucht entlang. Hier schien es keine Gegner zu geben. Dafür musste ich, wie mir schien, endlos lange einen düsteren Pfad entlangwandern.

Während ich den Helden mit der Maus vorwärtsbewegte, hatte ich das Gefühl, dass der Laptop-Monitor allmählich heller und größer wurde. Er schien bald mein ganzes Blickfeld auszufüllen. Gleichzeitig verlor ich das Gefühl, nur eine Maus in Händen zu halten, mit der ich den Helden steuerte. Stattdessen bekam ich immer stärker den Eindruck, selbst dieser Held zu sein. Es war, als sähe ich mich von schräg oben wie in einem dieser seltsamen Träume, in denen man seinen Körper verlässt. Ich konnte beinahe den harten Fels unter meinen Füßen spüren, das vertraute Gewicht der Rüstung auf meinen Schultern, die kühle Luft am Grund der Schlucht. Ich hörte jetzt deutlich das leise Knarzen der ledernen Scheide an meinem Schwertgurt – ein Geräusch, das ich bisher nicht wahrgenommen hatte.

Ich erreichte das Ende der Schlucht. Zwei riesige Statuen standen dort. Gewaltige Krieger, ausgerüstet mit Schwert, Schild, Rüstung und Helm wie ich selbst, blickten mit ausdruckslosen Mienen auf mich herab. Zwischen ihnen führte eine lange, schmale Treppe empor.

Am Ende der Treppe befand sich ein kleiner Tempel. Schalen mit brennendem Öl erhellten den mit Marmor ausgekleideten Innenraum. Ich glaubte, den Geruch exotischer Gewürze wahrzunehmen.

In der Mitte des Raumes saß auf einem erhöhten Thron eine schwarzhaarige Frau. Sie trug ein langes weißes Gewand. Obwohl das Bild auf dem Laptopmonitor zu klein war, um ihre Gesichtszüge im Detail zu erkennen, spürte ich ihren Blick. Er ging mir durch Mark und Bein.

»Willkommen, junger Krieger«, sagte die Frau.

Ich erstarrte. Es war Emily.

Nein, das konnte nicht sein. Die Stimme, die aus dem Laptop gekommen war, ähnelte ein wenig der von Emily, mehr nicht. Es war ein dunkles, ein wenig rauchiges Timbre, wie man es von einer mystischen Figur in einem Computerspiel erwarten durfte. Wahrscheinlich verzerrte die Droge meine Wahrnehmung, so dass ich sie unbewusst mit realen Personen in Beziehung setzte.

»Ich weiß, warum du hier bist«, fuhr die Frau fort. »Du suchst das Tor des Lichts.«

»Ja«, sagte ich unwillkürlich.

»Ja, Orakel«, sagte gleichzeitig meine Spielfigur. Ihre Stimme war dunkel und kräftig wie die von Eric in seiner Traumwelt. »Kannst du mir sagen, wo ich es finde?«

»Gehe zum Tempel der Wahrheit und sprich mit der Ersten Mutter. Sie wird dir den Weg weisen. Doch es ist weit bis dorthin. Viele Gefahren liegen vor dir.«

»Wo liegt dieser Tempel?«

»Folge den schwarzen Vögeln. Aber hüte dich vor dem brennenden Mann!«

Etwas wie ein kalter Lufthauch schien bei ihren Worten durch Erics Zimmer zu wehen, so als hätte jemand ein Fenster geöffnet. Ich blickte vom Monitor auf und sah mich um, aber natürlich war es nur Einbildung.

Ich speicherte, klappte den Laptop zu und fuhr ins Krankenhaus.

11.

Auch an diesem Tag wartete ich vergeblich auf Emily.

Maria war ebenfalls noch nicht wieder zum Dienst erschienen. Ich ging vor die Tür des Krankenhauses und rief Emilys Nummer an. Wie gestern sprach ich ihr eine Nachricht aufs Band, wusste jedoch, dass sie sich nicht zurückmelden würde.

Wut stieg in mir auf. Sie ließ mich im Stich! Sie verhinderte, dass ich Eric retten konnte. Das konnte ich nicht akzeptieren!

Ich fuhr nach Hause. Google kannte mehrere Personen mit Namen Emily Morrison in New York, doch keine davon schien mit Marias Tante identisch zu sein. Emily stand auch in keinem Telefonverzeichnis, so dass ich nicht herausbekam, wo sie wohnte. Dafür fand ich aber die Adresse, die zu Marias Telefonnummer gehörte. Sie anzurufen, hätte wohl wenig Sinn gehabt, also beschloss ich, direkt zu ihr zu fahren und sie um Emilys Adresse zu bitten.

Maria wohnte zusammen mit zwei Studentinnen in einer kleinen Wohnung in Brooklyn auf der anderen Seite des East River. Als ich dort eintraf, war es bereits neun Uhr. Eine junge Frau mit runder Brille und krausem, blondgefärbtem Haar öffnete mir. Maria sei nicht zu Hause, sagte sie. Ich gab mich als Verwandte aus, in New York zu Besuch. Ich müsse dringend mit Maria oder ihrer Tante Emily Morrison sprechen.

Ich wusste nicht, ob Marias Mitbewohnerin die Lüge durchschaute. Auf jeden Fall sagte sie, sie könne mir nicht helfen, ich solle morgen wiederkommen.

So viel Zeit hatte ich nicht. »Ich würde gern hier auf sie warten, wenn das geht«, sagte ich.

Die blonde Frau sah mich zweifelnd an. »Ich fürchte, das ist nicht möglich. Ich kenne Sie ja nicht einmal. Ich muss Sie wirklich bitten …«

»Aber es ist wirklich wichtig! Bitte!«

»Also schön. Kommen Sie.« Sie führte mich in ein kleines Zimmer. Poster von Musik- und Filmstars hingen an der Wand. In einem Regal standen ein paar Liebesromane neben einem Stapel Mangas. Das Bett war voller kitschiger herzförmiger Kissen in Rosa, Rot und Orange. Eine große, schon arg mitgenommene Stoffpuppe lag dazwischen. Das Zimmer wirkte ein bisschen juvenil für eine Krankenschwester.

Ich setzte mich aufs Bett. »Ich warte hier, bis sie zurückkommt.«

»Okay. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Ja, gern, danke.«

Das Getränk war dünn und schmeckte nach Geschirrspülmittel. Die Müdigkeit, die mich plötzlich überfiel, konnte es nicht verdrängen. So dauerte es nicht lange, bis ich mich auf Marias Bett einrollte und einschlief.

»Sie! Was tun Sie hier?«

Ich schreckte hoch und sah auf die Uhr: halb zwei morgens. »Entschuldigen Sie, Maria. Ich … ich muss dringend mit Ihrer Tante sprechen!«

»Das geht nicht!« Ihre Stimme, die herabgezogenen Augenbrauen und die zu einem Strich gepressten Lippen signalisierten Entschlossenheit. Doch ihr junges Gesicht wirkte müde, und in ihren sanften Augen lag etwas, das Trauer sein konnte oder tiefe Sorge.

Ich stand auf. »Bitte, Maria! Sagen Sie mir, wo sie wohnt. Es geht um Leben und Tod!«

Marias Gesicht verhärtete sich noch mehr. »Allerdings!« Zu meiner Überraschung drehte sie sich um und sah mich über die Schulter an. »Kommen Sie mit!«

Ich folgte ihr durch die nächtlichen Straßen. Auf einem der Masten, deren Leuchtstoffröhren den Asphalt in blasses Licht tauchten, saß eine Krähe. Ich konnte im Gegenlicht nur ihre Umrisse erkennen, doch ich spürte, wie ihre kalten schwarzen Augen mich anstarrten.

Es waren nur wenige Blocks bis zu Emilys Wohnung. Ein Mann mit kurzen grauen Haaren und Bauchansatz öffnete uns. Er trug nur ein T-Shirt und Shorts. »Da bist du ja noch mal, Schatz. Wen hast du denn mitgebracht? Ist sie Ärztin?«

»Nein«, antwortete Maria, und ihre Stimme klang eisig. »Sie ist das Problem!«

Der Mann warf mir einen Blick zu, der mich frösteln ließ. »Ich bin Paul Morrison, Emilys Mann«, sagte er mit kühler Stimme. »Kommen Sie herein!«

Die Wohnung strahlte jene altmodische Gemütlichkeit aus, die von einem langen harmonischen Leben herrührt. Doch statt Harmonie spürte ich deutlich die Anspannung, die hier herrschte. Emilys Mann führte uns in ein kleines Schlafzimmer. In dem Doppelbett lag Emily.

Ihr Anblick schockierte mich. Sie sah um Jahrzehnte gealtert aus, das Gesicht grau und eingefallen. Ihr Rücken war durch mehrere große Kissen gestützt, so dass sie halb aufgerichtet war. Sie starrte mit leeren, immer noch blutroten Augen vor sich hin, offenbar ohne uns wahrzunehmen. Ihr Mund war halb geöffnet, und ein dünner Speichelfaden rann daraus herab.

»Sehen Sie, was Sie angerichtet haben!«, sagte Paul Morrison.

»O Gott!«, entfuhr es mir. »Das … das tut mir leid! Aber … wieso … als ich sie vorgestern im Krankenhaus sah, da war sie doch noch …«

»Sie ist kaum ansprechbar«, sagte Maria. Und wie um es mir zu demonstrieren, trat sie neben das Bett. »Tante Emily? Tante Emily, hier ist Besuch für dich!«

In diesem Moment begriff ich, dass sie mich nicht hergeführt hatte, um mir meinen Wunsch zu erfüllen oder mir zu helfen. Sie hatte die schwache Hoffnung, dass mein Anblick irgendwas in Emily auslösen, etwas an ihrem Zustand verändern würde. Und sie hatte recht.

Emily wandte mir langsam den Kopf zu. Ihre müden Augen hoben sich ein wenig, bis sie mich ansah. Sie lächelte schwach. »Hallo, Anna«, sagte sie kaum hörbar.

Tränen schossen mir in die Augen. »Oh, Emily!«, rief ich, stürzte zum Bett und umarmte sie.

Etwas wie ein elektrischer Schlag durchzuckte mich, als ich sie berührte, so als sei ihr Körper statisch aufgeladen. Doch das Gefühl verschwand augenblicklich, so dass ich mir nicht sicher war, ob ich mich nicht getäuscht hatte. Wir hielten uns einen Moment umklammert. Dann löste ich mich langsam von ihr, und Emily sank zurück in die Kissen.

»Können Sie ihr irgendwie helfen?«, fragte Maria.

Mir kam ein Gedanke. »Ich … ich weiß auch nicht. Vielleicht hat sie irgendwie immer noch eine Verbindung zu … zu Erics Seele. Vielleicht ist ihr Leben jetzt mit seinem verknüpft.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte Emilys Mann.

»Ich kann Ihnen das nicht genau erklären. Emily ist eine Verbindung mit meinem Sohn eingegangen und hat mich irgendwie in seine Gedankenwelt befördert. Sie … sie hat mir gesagt, dass es gefährlich ist, aber … ich habe nicht gewusst …«

»Wenn Tante Emily immer noch eine Verbindung zu Ihrem Sohn hat, dann müssen wir sie irgendwie kappen!«, warf Maria ein.

»Nein!«, rief ich erschrocken aus. Und dann, etwas leiser: »Nein, ich glaube nicht, dass das helfen würde. Wenn Emily und er jetzt wirklich miteinander verbunden sind, dann ist diese Verbindung vielleicht das Einzige, was die beiden am Leben hält!«

»Sie meinen, was Ihren Sohn am Leben hält«, sagte Maria kalt. »Vielleicht reißt die Verbindung, wenn er stirbt, und Tante Emily wird wieder gesund!«

»Maria!«, sagte Paul Morrison scharf.

»Ist doch wahr! Das Risiko, das Tante Emily eingegangen ist, ist viel zu groß! Wir können doch nicht zulassen, dass sie zusammen mit Mrs. Demmets Sohn stirbt!«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das können wir nicht. Ich glaube, die einzige Möglichkeit, beide zu retten, liegt darin, Eric zum Tor des Lichts zu führen!«

»Was soll das heißen?«, fragte Paul Morrison. »Was für ein Tor des Lichts?«

»Mein Sohn … der Geist meines Sohnes irrt in einer Phantasiewelt umher. Ich habe ihn dort getroffen, in der Gestalt einer Figur aus einem Computerspiel. Er sucht das Tor des Lichts. Wenn er es gefunden hat, wird er aus dem Koma erwachen. Dann wird auch Emily wieder gesund!« Ich hatte mich bemüht, Zuversicht in meine Stimme zu legen, aber ich war mir nicht sicher, ob das gelungen war.

»Sie wollen doch nicht etwa mit diesem Wahnsinn weitermachen!«, rief Maria. »Das kommt überhaupt nicht in Frage! Ich werde nicht zulassen, dass Sie meine Tante noch mehr …«

Doch Paul Morrison unterbrach sie. Er sah mich ernst an. »Erzählen Sie ganz genau, was geschehen ist!«

Ich berichtete von meinen Erlebnissen, ohne allerdings die Droge zu erwähnen. Die beiden hörten mir schweigend zu. Am Ende hatte ich den Eindruck, ihre Feindseligkeit mir gegenüber etwas abgemildert zu haben.

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte Emilys Mann. »Sie müssen dorthin zurückkehren.«

»Aber Onkel Paul!«, protestierte Maria. »Das … das ist doch viel zu gefährlich! Diesmal wird Tante Emily das vielleicht nicht überleben!«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Ich vertraue Emily, sie weiß, was sie tut. Wenn sie sich auf so was einlässt, hat sie für gewöhnlich ihre Gründe.«

Seine Nichte begann plötzlich zu weinen. »O Gott, ich bin an allem schuld! Hätte ich ihr nicht von Tante Emilys Fähigkeiten erzählt, wäre das nie passiert!«

»Es liegt nicht in unserer Hand.«

Erschrocken fuhren wir herum. Paul Morrison beugte sich über sie und streichelte ihre Wange. »Was … was hast du gesagt, Schatz?«

Emilys Blick irrte durch den Raum. Sie schien Schwierigkeiten zu haben, uns zu sehen. Ihre Stimme jedoch war zwar schwach, aber verständlich. »Nicht wir entscheiden … was geschieht. Anna hat recht: Wir müssen noch einmal … zurückkehren.« Die wenigen Sätze schienen sie sehr anzustrengen. Sie schloss die Augen.

Maria sah mich mit glasigen Augen an. »Aber wie soll das gehen? Wenn Tante Emily in diesem Zustand im Krankenhaus auftaucht, behalten sie sie bestimmt gleich da. Ohne Kontakt zu Ihrem Sohn!«

»Vielleicht können wir den Ärzten erklären …«, begann ich.

Maria lachte hässlich. »Den Ärzten? Hören Sie, ich arbeite dort. Ich weiß, wie Ärzte denken. Denen können Sie gar nichts erklären. Die haben ihre schulmedizinische Ausbildung, ihre Medikamente und Apparate. Sie werden meiner Tante nur mit immer mehr Technik zu Leibe rücken. Ärzte gehen grundsätzlich davon aus, dass Laien – dazu zählen auch wir Krankenschwestern – nicht in der Lage sind, zu beurteilen, was gut ist für einen Patienten. Wenn wir sie ins Krankenhaus bringen, haben wir keine Kontrolle mehr darüber, was passiert!«

»Dann müssen wir Eric eben hierher bringen«, sagte ich. »Gleich morgen werde ich ihn aus dem Krankenhaus holen.«

Paul Morrison nickte. »Gut, tun Sie das!«

Maria machte ein skeptisches Gesicht. »Ich bin nicht sicher, ob Dr. Kaufman Erics Entlassung zustimmen wird.«

»Aber er ist mein Sohn! Sie können ihn doch nicht einfach gegen meinen Willen dabehalten!«

Maria zuckte nur mit den Schultern.

12.

Verstört und in düsteren Gedanken rief ich mir ein Taxi. Es war fast vier Uhr morgens, als ich in unserem Apartmenthaus eintraf. Ich fummelte mit den Schlüsseln an der Wohnungstür herum, doch keiner wollte passen.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, als entgleite mir mein Leben immer mehr. Ich geriet in Panik. Der Schlüsselbund fiel mir herab – auf eine Fußmatte mit einer lachenden Mickey Mouse und dem Wort »Welcome«.

Ich erstarrte. Ich hatte diese Matte dort ganz sicher nicht platziert.

Verwirrt richtete ich mich auf und sah auf das Klingelschild. Erst jetzt begriff ich, dass ich vor der falschen Wohnung stand. Offensichtlich war ich so müde und desorientiert, dass ich versehentlich ein Stockwerk zu niedrig gestoppt hatte. Ich stieg die Treppe hinauf in den dritten Stock, bis ich endlich vor meiner Wohnung stand. Der Schlüssel passte beim ersten Versuch. Erschöpft und erleichtert fiel ich auf mein Bett und schlief ein, bevor ich mich ausziehen konnte.

Ich erwachte mit Kopfschmerzen und einem unangenehmen Geschmack im Mund. Es war elf Uhr morgens. Ich nahm ein kleines Frühstück zu mir, das aus wenig Toast und viel Kaffee bestand, und fuhr ins Krankenhaus.

Erics Zustand war unverändert. Ich fragte die Stationsschwester nach Dr. Kaufman, doch der war mit Untersuchungen beschäftigt. Erst am Nachmittag fand er die Zeit, in Erics Zimmer zu kommen. »Sie wollten mich sprechen, Mrs. Demmet?«

»Ja. Ich möchte Eric gern zu mir nach Hause holen.«

Der Arzt zog die Augenbrauen herab. »Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, Mrs. Demmet.«

»Warum nicht? Sein Zustand ist unverändert. Ich habe schon mehrmals gesehen, wie die Schwestern ihn durch die Magensonde mit Flüssigkeit und Nahrungsbrei versorgt haben. Ich bin sicher, ich kann das zu Hause auch selbst tun. Ich könnte mir auch eine Pflegekraft …«

»Mrs. Demmet, ich will Sie nicht beunruhigen, aber es könnte jederzeit sein, dass sich Erics Zustand spontan verschlechtert. Dass sein Kreislauf zusammenbricht. Dann muss er sofort behandelt werden. Glauben Sie mir, es ist besser, wenn er hier unter unserer Beobachtung ist.«

»Aber viele Ärzte sind der Ansicht, dass die vertraute Umgebung für Wachkomapatienten viel günstiger ist als die Krankenhausatmosphäre«, widersprach ich. »Wenn Eric erst mal in seinem eigenen Zimmer ist, wird er vielleicht …«

Dr. Kaufman unterbrach mich. »Sie sollten nicht allen Blödsinn glauben, der im Internet über das Wachkoma verbreitet wird«, sagte er mit Ungeduld in der Stimme. »Jeder Patient ist anders, und Erics Fall ist besonders kompliziert. Ich habe erst gestern mit Dr. Ignacius telefoniert, der morgen wieder hier sein wird, um Eric zu untersuchen. Er ist ebenfalls der Meinung …«

Zorn wallte in mir auf. »Dr. Ignacius hat meinem Sohn bisher kein bisschen geholfen«, rief ich. »Genauso wenig wie Sie! Aber ich habe einen Weg gefunden, um ...« Ich stockte. Mir war klar, dass ich nichts erreichen würde, wenn ich dem Arzt die Wahrheit erzählte.

Dr. Kaufman musterte mich kritisch. »Sie haben was?«

»Ich bin der Überzeugung, dass seine vertraute Umgebung ihm helfen wird, den Weg zum Licht zu finden«, sagte ich.

Sein Misstrauen wuchs spürbar. »Den Weg zum Licht? Was für ein Licht? Hat Ihnen diese Emily Morrison das eingeredet?«

Ich konnte mich nicht bremsen. Die Erlebnisse der letzten Tage gaben mir das Gefühl, es mit einem bornierten Ignoranten zu tun zu haben. »Sie haben ja überhaupt keine Ahnung!«, fuhr ich ihn an. »Sie mit Ihrer Schulmedizin bewirken doch nicht das Geringste! Im Gegenteil – je länger Eric hier liegt, desto tiefer verirrt er sich in seiner eigenen Phantasiewelt!«

Dr. Kaufman senkte die Stimme. Er sprach jetzt in diesem ruhigen, professionellen Ton, den er sicher oft gegenüber hysterischen Angehörigen anwandte. »Sie täuschen sich, Mrs. Demmet. Eric ist in keiner ›Phantasiewelt‹ gefangen. Er liegt im Koma. Das ist ein Schutzmechanismus des Körpers gegen einen starken Schock oder ein Trauma. Das Gehirn wird quasi in den Urlaub geschickt. Eric wird von selbst wieder zu sich kommen, wenn sein Körper sich ausreichend regeneriert hat. Und das können wir nun mal hier im Krankenhaus am besten überwachen!«

»Blödsinn!«, rief ich. »Eric wird sterben, wenn wir ihm nicht helfen, zu sich selbst zu finden!«

»Mrs. Demmet«, sagte der Arzt in scharfem Tonfall. »Ich bezweifle doch sehr, dass Sie über die nötigen medizinischen Kenntnisse verfügen, um das beurteilen zu können!«

Ich wusste, dass ich mich in eine Ecke manövrierte, doch die Worte sprudelten einfach aus mir heraus. »Ich soll das nicht beurteilen können? Ich war da, verdammt! In seinem Kopf! Ich habe gesehen, was er sieht! Er ist verwirrt, und er braucht meine Hilfe!«

Dr. Kaufman sah mich einen Moment schweigend an, und ich wusste genau, was er dachte: Ich war in seinen Augen die Verwirrte, die dringend Hilfe brauchte. Doch er sagte nur: »Tut mir leid, aber ich kann die Verantwortung für eine Entlassung nicht übernehmen.«

»Das müssen Sie auch nicht«, sagte ich. »Geben Sie mir so einen Zettel, wo draufsteht, dass Sie für nichts haften, und ich unterschreibe ihn sofort!«

»Sie haben mich falsch verstanden, Mrs. Demmet. Ich trage sehr wohl die Verantwortung für Eric, und die werde ich auch nicht einfach so abgeben. Als sein Arzt bin ich verpflichtet, sein Leben zu schützen. Ich habe den hippokratischen Eid geschworen, und den werde ich auch Ihnen zuliebe nicht brechen!«

Ich sprang auf. »Er ist mein Sohn, verdammt!«, schrie ich. »Sie haben kein Recht, ihn gegen meinen Willen festzuhalten!«

»O doch, das habe ich«, sagte Dr. Kaufman ruhig. »Ich bin der ärztliche Leiter der neurologischen Station. Ich entscheide, ob ein Patient entlassen werden kann!« Seine Augen wurden schmal. »Sie sind offensichtlich nicht in der Lage und vermutlich auch nicht willens, Ihren Sohn professionell und in der medizinisch gebotenen Weise zu pflegen. Wenn Sie es drauf anlegen, kann ich gerichtlich beantragen, dass man Ihnen das Sorgerecht für Ihren Sohn vorübergehend entzieht, bis Eric wieder gesund ist!«

Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Tränen schossen mir in die Augen. Mir wurde klar, dass ich es vermasselt hatte. Statt diplomatisch geschickt vorzugehen, hatte ich wieder mal durch meine offene, direkte Art genau das Gegenteil von dem erreicht, was ich wollte. Möglicherweise würde Eric aufgrund meiner Dummheit sterben.

Dr. Kaufmans Gesicht wurde milde. »Ich verstehe ja Ihre Sorge, Mrs. Demmet. Aber glauben Sie mir, wir tun das Menschenmögliche, um Ihrem Sohn zu helfen!«

Ich setzte mich auf den Stuhl neben Erics Bett. »Sie verstehen gar nichts!«, murmelte ich.

»Ihre Stimmungsschwankungen sind in so einer Situation ganz normal«, sagte der Arzt. »Wenn Sie möchten, dann kann ich Ihnen etwas dagegen verschreiben.«

Ich warf ihm einen giftigen Blick zu. Am liebsten hätte ich ihm in diesem Moment in sein borniertes Gesicht geschlagen.

Er verstand das Signal. »Dann lasse ich Sie jetzt allein.« Er verschwand.

Ich betrachtete Erics reglosen Körper. Er war so nah und doch so unerreichbar fern! Ich unterdrückte den Impuls, Dr. Kaufman nachzulaufen und um Erics Entlassung zu betteln. Ich wusste, dass das seine Meinung über meine Fähigkeit, meinen Sohn zu versorgen, nur noch bestärkt hätte.

Ich dachte darüber nach, was ich tun konnte. Mir einen Anwalt nehmen? Es gab sicher eine juristische Möglichkeit, Eric hier herauszuholen. Vielleicht konnte ich ihn gemeinsam mit Emily in einer Privatklinik unterbringen. Aber bis ich eine entsprechende gerichtliche Verfügung bewirkte, würde es vermutlich zu spät sein.

Mir kam die Idee, Dr. Ignacius anzurufen. Aber nein, der steckte ja in derselben Denkfalle wie Dr. Kaufman. Außerdem kannten die beiden sich offenbar gut, und eine Krähe hackte der anderen bekanntlich kein Auge aus.

Nachdem ich eine Weile herumgesessen und ergebnislos gegrübelt hatte, verließ ich das Krankenhaus, um mir ein Taxi nach Brooklyn zu nehmen.

Als ich durch die große Eingangstür trat, erblickte ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Frau. Sie trug ein schwarzes Kleid, einen Hut und einen Schleier vor dem Gesicht. Sie stand nur reglos da und sah zu mir herüber.

Ich erstarrte. Eine tiefe Beklemmung befiel mich bei ihrem Anblick. Für einen schrecklichen Moment war ich sicher, dass sie zu Erics Beerdigung gekommen war.

»Entschuldigen Sie, Ma’am«, sagte jemand hinter mir. Ich drehte mich um. Ein schwarzer Pfleger schob einen älteren Mann im Rollstuhl. Ich stand mitten im Eingang des Krankenhauses und blockierte seinen Weg. Ich murmelte eine Entschuldigung und trat zur Seite. Als ich mich wieder umwandte, war die Frau in Schwarz verschwunden.

Offensichtlich war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich atmete tief durch.

Auch Emily ging es nicht gut. Sie war bei Bewusstsein, aber sie wirkte sehr geschwächt. Trotzdem lächelte sie, als sie mich sah.

»Was ist mit Ihrem Sohn?«, fragte Emilys Mann.

Ich erzählte ihm, was geschehen war.

Er nickte. »Also hatte Maria recht.«

»Ja, leider. Ich werde am besten einen Anwalt anrufen. Es kann doch nicht sein, dass dieser Quacksalber meinen Sohn gegen meinen Willen bei sich behält!«

Paul Morrison warf einen sorgenvollen Blick auf seine Frau. »So viel Zeit haben wir nicht«, sagte er.

»Was sollen wir denn sonst machen?«, fragte Maria, die am Bett ihrer Tante saß.

Emilys Mann machte ein grimmiges Gesicht. »Wir werden Eric herholen, ob die Ärzte was dagegen haben oder nicht!«

Einige Stunden später stand ich in einem kleinen Nebenraum der Neurologie. Ich trug einen weißen Arztkittel, hatte mir ein Stethoskop umgehängt und fühlte mich wie eine Terroristin kurz vor dem Attentat.

»Wenn wir das wirklich durchziehen wollen, dann am besten zwischen zwei und drei Uhr morgens«, hatte Maria gesagt. »Das ist die ruhigste Zeit.« So waren wir mit Paul Morrisons klapprigem Ford zum Krankenhaus gefahren. Maria trug ihren Schwesternkittel und ihre Identifikationskarte. Sie war im Inneren verschwunden und kurz darauf mit einer Plastiktüte zurückgekommen, in der sich ein weiterer Kittel, ein Stethoskop sowie eine Identifikationskarte befanden, die auf eine Dr. Alice Deaver ausgestellt war. Die Frau auf dem Foto sah mir nicht im Entferntesten ähnlich – sie hatte zurückgekämmtes schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und ein Doppelkinn – doch wir hofften, dass in der Nacht niemand darauf achtete. Ohne eine solche Karte herumzulaufen, hätte sicherlich mehr Verdacht erregt.

Der Nachtpförtner hatte uns nur kurz zugenickt, als Maria die elektronische Tür ein zweites Mal mit ihrer Magnetkarte geöffnet hatte. Ich tat es ihr gleich, halb in Erwartung, dass ein Alarm ertönen und sich von allen Seiten Sicherheitskräfte auf mich stürzen würden, doch nichts dergleichen geschah. Ein Krankenhaus war keine Bank.

Nun also standen wir im Nebenraum und spähten durch einen Türspalt hinaus. Ausgerechnet in dem Moment, als wir die Station erreichten, war ein Notfallalarm ausgelöst worden. Ein junger Arzt war in eines der Zimmer gerannt. Jetzt wurde ein Rollbett an uns vorbeigefahren. Der Arzt lief nebenher, während er einen besorgten Blick auf die Gestalt darauf warf. Eine schreckliche Sekunde lang befürchtete ich, es könne sich um Eric handeln, doch dann sah ich den grauhaarigen Kopf einer Frau.

Wir warteten einen Moment, bis sich die Aufregung gelegt hatte und wieder Ruhe eingekehrt war. Dann gingen Maria und ich mit zielsicherem, professionellem Schritt in Erics Zimmer.

Mein Sohn hatte die Augen geschlossen. Es brach mir fast das Herz, ihn so friedlich daliegen zu sehen. In der Nacht gab es kaum einen Unterschied zwischen seinem Zustand und dem ganz normaler Menschen in gesundem Schlaf. Einem Impuls folgend streckte ich meine Hand aus und rüttelte an seiner Schulter, aber natürlich zeigte er keine Reaktion.

Maria betätigte ein paar Schalter an den Geräten, die seinen Kreislauf überwachten, so dass kein Alarm ausgelöst wurde, als wir die Clips an seinem Körper entfernten. Wir lösten die Bremsen des Bettes und schoben es über den Flur. Niemand hielt uns auf.

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Nun kam der kritische Teil. Ein Patiententransport musste beim Pförtner angemeldet werden. Hätte Eric selbst gehen können, hätten wir ihn vielleicht irgendwie durch die Besucherschleuse bugsieren können, doch in einem Rollbett war das unmöglich. Uns blieb als einzige Möglichkeit der Notausgang.

Maria öffnete die mit einem Warnschild gekennzeichnete Tür. Augenblicklich erklang ein schriller Alarm. »Schnell jetzt!«

Ihre Aufforderung war unnötig. Wir rannten über einen gepflasterten Weg. Ich hatte Sorge, in diesem Tempo könnte das Bett bei der kleinsten Unebenheit umkippen, doch wir erreichten den Parkplatz ohne Schwierigkeiten. Erst in diesem Moment stürmten zwei Männer in weißen Kitteln aus dem noch immer offenen Notausgang. »Halt! Bleiben Sie stehen!«, riefen sie.

Paul stand mit laufendem Motor bereit. Er hatte die Nummernschilder in der Zwischenzeit mit Packpapier überklebt. Weit würden wir damit nicht kommen, aber wenigstens machten wir es unseren Verfolgern etwas schwerer. Wir wuchteten Eric auf den Rücksitz des Wagens. Ich sprang in den Fond und knallte die Tür zu, während Maria sich auf den Beifahrersitz warf. Wir fuhren gerade los, als unsere Verfolger den Wagen erreichten. Einer von beiden hieb noch frustriert mit der flachen Hand auf den Kofferraum.

Vor Erleichterung musste ich lachen, als wir mit quietschenden Reifen vom Parkplatz rollten. Doch ein Blick auf Erics reglose Gestalt genügte, um mich verstummen zu lassen.

Paul hielt zwei Blocks vom Krankenhaus entfernt an, sprang aus dem Wagen und riss das Papier von den Nummernschildern. Dann fuhren wir in normalem Tempo weiter.

Wir gelangten ohne weitere Schwierigkeiten zu Emilys Wohnung. Paul warf sich Eric über die Schulter und schleppte ihn die Treppen hinauf wie einen Sack Kartoffeln. Er legte ihn neben Emily ins Bett.

Seine Frau, die offenbar geschlafen hatte, öffnete langsam die Augen. Einen Moment lang schien sie nicht recht zu wissen, wo sie war. Dann sah sie Eric neben sich, und so etwas wie Zärtlichkeit erschien auf ihrem Gesicht. Sie streckte die Hand nach ihm aus.

»Nein, warte!«, rief ich.

Sie hielt inne. Ihre blutunterlaufenen Augen blinzelten verwirrt.

Ich holte die beiden Kapseln hervor, die ich drei Tage zuvor in meine Jackentasche gesteckt hatte. »Maria, können Sie mir ein Glas Wasser bringen?«, bat ich. Sie rührte sich nicht von der Stelle. »Was ist das?«, fragte sie mit unverhohlenem Misstrauen.

Ich entschloss mich, die Wahrheit zu sagen. »Es ist eine Droge. Man nennt sie Glanz. Sie führt zu einer deutlich intensiveren Wahrnehmung. Ich habe sie benutzt, um in Erics Traumwelt zu gelangen.«

»Sie haben was?« Marias Augen verengten sich. »Wusste meine Tante davon?«

Ich erwiderte ihren Blick. »Nein.«

Emily hatte mich während der kurzen Auseinandersetzung stumm gemustert. Doch ihr Gesicht enthielt keinen Vorwurf. Stattdessen lächelte sie sanft. »Natürlich habe ich es gewusst«, flüsterte sie. »Ich habe sofort gespürt, dass … etwas anders war, als du … an jenem Abend kamst. Da war dieses … Leuchten in deinen Augen.« Sie machte eine kurze Pause und schloss die Augen, als sammle sie neue Kraft für den nächsten Satz. »Es … es war so … stark. Wie ein … gewaltiger Strom, der durch meine Adern floss. Es … es hat mich wund gemacht.«

»Ich wusste es doch!«, rief Maria. Tränen standen in ihren Augen. »Sie haben sie mit diesem Zeug krank gemacht! Onkel Paul, du darfst nicht zulassen, dass sie das wiederholt!«

»Maria«, flüsterte Emily.

Die junge Frau wandte sich zu ihr um.

»Bitte … ich möchte es … versuchen.«

»Bist du … sicher, Tante Emily?«

»Ja.«

Maria blieb einen Moment unschlüssig stehen. Schließlich holte sie zwei Gläser mit Wasser. Ich nahm meine Kapsel, dann reichte ich die zweite Emily. Sie steckte sie in den Mund und spülte sie mit einem kleinen Schluck herunter.

»Es dauert ein bisschen, bis es wirkt. Wir sollten vielleicht eine halbe Stunde warten.«

Wir saßen schweigend an Emilys Bett. Ich spürte Marias Feindseligkeit wie einen kalten Hauch im Nacken. Auch Paul sah mich misstrauisch an.

Ich betrachtete Emily. Täuschte ich mich, oder sah sie schon wieder gesünder aus? War ihr Blick klarer, ihr Gesicht weniger eingefallen als noch vor ein paar Minuten? Oder lag das nur an meiner eigenen, veränderten Wahrnehmung?

Das ganze Zimmer schien heller geworden zu sein. Ich sah aus dem Fenster und erwartete fast, Sonnenstrahlen hereinfallen zu sehen, doch es war natürlich immer noch mitten in der Nacht. Erleichterung strich über mein Gesicht wie eine sanfte Sommerbrise und brachte mich zum Lächeln.

Auch Emily lächelte. »Cooler Stoff«, sagte sie.

Maria und Paul trauten ihrer plötzlichen Stimmungsänderung offensichtlich nicht, doch ihre Sorge berührte mich nicht mehr. Es kam mir vor wie die harmlose Angst zweier Kinder, unter ihrem Bett könne ein Monster lauern.

»Ich glaube, es ist jetzt so weit«, sagte ich.

Emily nickte. Sie ergriff Erics Hand und meine, und ich schloss den Kreis.

13.

Als Erstes nahm ich den Gestank des Sumpfes war. Ich spürte den klebrigen Morast, der mich von hinten umklammert hielt wie ein Dutzend kalter Hände. Ich öffnete die Augen und richtete mich auf. Mein Kopf und meine Schulter schienen in Flammen zu stehen. Ich konnte meinen linken Arm nicht richtig bewegen. Nur mühsam gelang es mir aufzustehen.

Die Quallen waren verschwunden. Auch von den Blasenhalmen war nichts mehr zu sehen. Eric lag nur ein paar Schritte entfernt im Morast. Sein Schwert stak so tief im weichen Boden, dass nur noch der Griff herausragte. Der Schild lag halb eingesunken am Rand des Tümpels. Ein schwarzer Vogel hockte neben seinem Arm und pickte daran, als wolle er den jungen Krieger wecken. Ich schrie und wedelte mit den Armen, und das Tier erhob sich in die Luft. Erst jetzt bemerkte ich, dass ein riesiger Schwarm über uns kreiste, lautlos, wie Geier, die geduldig auf ihre Beute warten.

»Haut ab!«, schrie ich. »Haut ab, ihr Mistviecher!«

Seltsamerweise taten die Vögel genau das. Sie formten eine langgezogene ovale Wolke und flatterten davon.

Ich kniete mich neben Eric. Sein Gesicht war angeschwollen. Hals und Oberarme waren gerötet und mit wässrigen Blasen überzogen.

»Eric!« Ich wollte ihn an der Schulter rütteln, hatte jedoch Angst, ihn dadurch noch mehr zu verletzen. Stattdessen löste ich den Wasserschlauch von seinem Schwertgurt und benetzte seine Lippen. Als das keine Reaktion hervorrief, goss ich den Rest des Wassers über sein Gesicht.

Er schlug die Augen auf. Zuerst schien er mich nicht zu erkennen, doch allmählich gelang es ihm, den Blick zu fokussieren. »Göttin«, sagte er.

Ich lachte vor Erleichterung. »Eine schöne Göttin bin ich, wenn ich nicht mal mit ein paar Quallen fertig werde!«

Sein Gesicht verzerrte sich, ob vor Schmerz oder in dem missglückten Versuch, mein Lächeln zu spiegeln, wusste ich nicht.

Ich half ihm aufzustehen. Er war sehr wacklig auf den Beinen. Er schaffte es nicht, seine Waffe und den Schild aufzuheben. Ich trug beides für ihn. Merkwürdigerweise fühlten sich die beiden Schlaufen an der Innenseite des Metallschildes vertraut an, ebenso der Schwertgriff, so als hätte ich beides mein Leben lang mit mir herumgetragen.

Eric protestierte nicht.

Ohne Blasenhalme und in unserem halbgelähmten Zustand kamen wir nur sehr langsam voran. Die stinkenden Dünste, die aus den Tümpeln aufstiegen, erlaubten nur eine begrenzte Sicht, so dass ich kaum ein Gefühl für die Richtung hatte, in die wir gingen. Ich versuchte, mich zumindest grob am Zug der Vögel zu orientieren, die aber längst außer Sichtweite waren – einen besseren Wegweiser hatten wir nicht.

Nach einer Weile ragte vor uns ein runder Felsen empor. Hoffnung erfüllte mich. Wenn es hier Felsen gab, mussten wir uns festerem Untergrund nähern.

Der Felsen hob sich wie von Geisterhand ein Stück aus dem Sumpf empor. Ich erstarrte. Plötzlich wusste ich, was ich vor mir hatte.

Der Panzer der Riesenschildkröte musste einen Durchmesser von mindestens vier Metern haben und zweieinhalb Meter hoch sein. Ihre Beine waren wie vier gewaltige Säulen, jedes so breit wie meine Hüfte. Ihre Reptilienaugen blickten mich aus der geschützten Höhle ihres Panzers böse an.

»Gib mir das Schwert, göttliche Mutter«, sagte Eric. Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. Er konnte sich immer noch kaum auf den Beinen halten.

»Nein«, erwiderte ich. »Das hier übernehme ich!«

Vorsichtig näherte ich mich dem Ungeheuer. Meine Muskeln waren angespannt. Von dem Brennen meiner Schulter und den Kopfschmerzen spürte ich nichts mehr. Timing, dachte ich, darauf kommt es an.

Der Hals der Schildkröte schoss plötzlich vor, so atemberaubend schnell, dass ich es gerade noch schaffte, den Schild hochzureißen. Der Kopf prallte gegen das Metall und versetzte mir einen heftigen Schlag, der meinen ganzen Körper erschütterte. Ich schlug mit dem Schwert zu, doch die Klinge durchschnitt nur Luft. Durch den Schwung der Waffe wurde mein Arm herabgerissen. Ihre Spitze verfehlte knapp meinen eigenen Fuß und blieb im Morast stecken.

Verdammt, mit der Maus war das einfacher gewesen.

Die Schildkröte nutzte ihre Chance für einen zweiten Angriff. Das schnabelartige, weit aufgerissene Maul schoss vor. Erneut wehrte ich den Angriff mit dem Schild ab, während ich gleichzeitig das Schwert emporriss und von unten in den Hals rammte.

Das Tier gab ein grässliches, fauchendes Zischen von sich und zog den Kopf zurück. Das Schwert, das im Hals festsaß, wurde mir aus der Hand gerissen. Die Schildkröte versuchte, ihren Kopf einzuziehen, doch das Heft der Waffe hinderte sie daran. Ein dicker Schwall Blut quoll aus der Wunde. Die säulenartigen Beine zitterten, dann knickten sie ein. Der tonnenschwere Körper sackte in den Sumpf, und die großen Augen starrten mich leer an.

Merkwürdigerweise fühlte ich in diesem Moment keinen Triumph. Ich hatte eher ein schlechtes Gewissen, so als hätte ich aus purer Jagdlust eines der letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies umgebracht. Fast hätte ich mich umgesehen, ob nicht irgendwelche Zeugen die Tat beobachtet hatten, um sie Greenpeace zu melden.

Eric hatte da offensichtlich weniger Skrupel. Er lächelte. »Wenn ich jemals Zweifel hatte, dass du göttlicher Herkunft bist, so sind sie jetzt endgültig beseitigt. Selbst der große Achilles hätte wohl Mühe gehabt, ein solches gepanzertes Ungeheuer zu töten. Dir aber genügte ein einziger Schwertstreich. Du musst eine Tochter der Athene sein!«

Er wankte zu dem toten Tier und versuchte, das Schwert freizubekommen. Als er es schließlich in der Hand hielt, waren seine Arme und seine Rüstung dunkel von Schildkrötenblut. Er scheute sich nicht, ein Stück von dem zähen, rohen Fleisch des Halses abzuschneiden und sich in den Mund zu stopfen. Er bot mir etwas davon an. Ich verzichtete dankend.

Da Eric wieder zu Kräften zu kommen schien, gab ich ihm auch seinen Schild zurück. Mein linker Arm, mit dem ich ihn gehalten hatte, war voller dunkler Flecken und fühlte sich an, als sei er in einen Schraubstock gezwängt gewesen.

Wir wanderten weiter. Ein paar Mal sahen wir in der Ferne Schildkrötenpanzer aus dem Sumpf aufragen, doch wir gingen ihnen aus dem Weg.

Ich wusste nicht, wie lange wir schon unterwegs waren, als ich in der Ferne ein flaches weißes Gebilde entdeckte. Ich wies Eric darauf hin. Wir näherten uns vorsichtig, darauf gefasst, es mit einer neuen, unbekannten Gefahr dieses tödlichen Sumpfes zu tun zu bekommen. Doch es war nur ein Hügel aus sprödem weißem Fels. Nicht weit davon entfernt erhob sich ein zweiter, und dann noch einer – eine Kette, die weiter vorn im Nebel verschwand.

Bald wurden die Tümpel um uns herum seltener. Der Morast trocknete aus und wurde wieder zu dem grauen Sand, den ich schon kannte. Der Nebel verschwand, und wir konnten sehen, dass sich die Kette der weißen Hügel meilenweit vor uns erstreckte. In der Ferne ragte mindestens ein Dutzend riesige, gekrümmte Säulen empor wie die Überreste eines gigantischen Käfigs, jede so hoch, dass sie den trüben Himmel zu berühren schien. Wir hatten den schrecklichen Sumpf überwunden.

Ich blieb stehen und starrte die Gebilde an. Dann kniete ich mich hin und betastete den weißen Untergrund, über den wir liefen, und aus meiner Ahnung wurde Gewissheit. Das, was ich für Kreidefelsen gehalten hatte, waren in Wahrheit Knochen – gigantische Wirbel eines Wesens, gegen das ein Blauwal wie eine Mücke gewirkt hätte.

Eric kniete ebenfalls nieder. Seine Haut war immer noch gerötet und voll von getrocknetem Blut, aber seine Augen waren klar, und er strahlte wieder die trotzige Kraft eines Kriegers aus. Er strich mit den Fingern über den porösen Untergrund. »Ich verstehe wenig von den alten Geschichten über den Anfang der Welt und den großen Kampf der Götter, doch das hier scheint mir das Skelett eines der Titanen zu sein. Ehrlich gesagt habe ich nicht gewusst, dass sie so groß sind. Ich habe immer geglaubt, sie seien unsterblich und von Zeus in den Tartaros gesperrt worden, wo sie noch heute von den Hundertarmigen bewacht werden. Dieser hier scheint allerdings weniger Glück gehabt zu haben. Titan oder nicht, auf jeden Fall bin ich froh, dass er uns nicht lebendig begegnet ist!«

Wir kletterten von dem Wirbel herab. Da der Sumpf nun hinter uns lag, war es einfacher, durch den ebenen Sand zu laufen, als über die unregelmäßigen Knochenstücke mit ihren Buckeln und Spalten zu klettern.

Bald näherten wir uns den ersten Rippen. Sie ragten über uns auf wie die Säulen einer unermesslichen Kathedrale, der das Dach fehlte. Ihr Durchmesser betrug Dutzende Schritte. Man konnte kleine Löcher in dem weißen Material erkennen, die zu regelmäßig angeordnet waren, um natürlichen Ursprungs zu sein. Sie verliehen den Rippen das Aussehen von Wolkenkratzern, wie sie Salvador Dalí in einer depressiven Phase gemalt haben könnte.

Während wir weiterschritten, erschien in einer Öffnung am Fuß einer der Säulen ein dunkelhaariges Wesen – eine Art Affe von der Größe eines zehnjährigen Kindes. Ein zweiter folgte ihm, und dann noch einer. Immer mehr von ihnen quollen daraus hervor. Sie stimmten ein schrilles Geschrei an und fuchtelten mit ihren langen pelzigen Armen, während sie sich zögernd näherten. Manche bewegten sich wie Schimpansen auf Füßen und den Knöcheln der Hände, andere gingen in breitbeinigen, unbeholfenen Schritten aufrecht. Einige trugen lange Äste oder Steine in den Händen.

Bald waren wir von Hunderten von ihnen umringt. Sie machten ein ohrenbetäubendes Geschrei, hielten jedoch immer ein paar Schritte Abstand zu uns. Eric schwang drohend sein Schwert. Wenn die Wesen uns tatsächlich angriffen, hatten wir allerdings keine Chance – es waren einfach viel zu viele.

Ich bemerkte, dass die Wesen eine Art Gasse bildeten, die zum Fuß eines der Rippenbögen führte. Mit wilden Gesten, gefletschten Zähnen und lautem Geschrei versuchten sie, uns in diese Richtung zu drängen, ohne uns zu nahe zu kommen.

Wir folgten dem Spalier der schreienden Affenwesen. Die Menge – inzwischen mussten es mehr als tausend sein – folgte uns und drängte uns in Richtung eines besonders großen Rippenbogens. An seinem Fuß befand sich eine kreisrunde Öffnung. Wir konnten nur in gebückter Haltung hindurchtreten.

Drinnen fanden wir einen runden Raum von kaum drei Metern Durchmesser. Licht fiel durch den Eingang und durch zwei schmale Fensteröffnungen weiter oben. Ich konnte undeutlich dunkle Flecken an den Wänden erkennen, die sich, nachdem meine Augen sich an das schwache Licht gewöhnt hatten, als primitive Zeichnungen entpuppten. Es gab abstrakte Symbole – Spiralen, Dreiecke, geschwungene Linien – und etwas, das wie Sternbilder aussah. Also wurde es hier vielleicht doch irgendwann einmal Nacht, und der trübe Himmel klarte auf.

Die Affenwesen blieben im Eingang stehen, schrien und deuteten auf einen Durchgang am anderen Ende des Raumes. Dort wand sich ein schmaler, röhrenartiger Tunnel steil nach oben. Es gab keine Treppenstufen, dafür aber regelmäßige Einkerbungen an den Wänden, an denen man sich mit den Händen emporziehen konnte.

Der Gang war nicht für Menschen gemacht, und wir hatten große Mühe, uns in den engen Windungen fortzubewegen – besonders Eric, der mir folgte und seine sperrige Rüstung und den schweren Schild mit sich schleppte.

Manchmal weitete sich der Tunnel zu einer kugelförmigen Höhle, und ein paar Fenster ließen frische Luft und Licht herein. Dann nutzten wir die Gelegenheit für eine kurze Verschnaufpause, wurden jedoch von den Affenwesen, die uns folgten, sogleich lautstark angetrieben.

Immer wieder gab es Abzweigungen vom Hauptgang, doch sie wurden von ebenfalls johlenden Affenwesen blockiert. Die enge Röhre verstärkte das Geschrei noch, so dass ich bald Kopfschmerzen bekam.

Wir kamen immer höher. Ich hatte das Gefühl, dass wir bald die Spitze der Rippe erreicht haben mussten, doch ein Blick aus einer der Fensteröffnungen zeigte mir, dass wir höchstens dreißig Meter über dem Boden waren. Eine unübersehbare Affenmenge umringte die Rippe und starrte zu uns herauf.

Dann endlich endete der Gang im Boden eines überraschend großen Raumes. Er maß mindestens fünfzehn Meter im Durchmesser und war gut drei Meter hoch. Überall an den runden Wänden leuchteten kleine Löcher wie gleißende Sterne. Der Raum musste die gesamte Breite der Rippe ausfüllen.

Als wir eintraten, verstummte das Geschrei der Affenwesen sofort, und ehrfürchtige Stille senkte sich über uns. Die vielen Lichtschächte gaben dem Ort etwas Feierliches und erinnerten mich an meinen letzten Besuch im Planetarium, der schon einige Jahre zurücklag. Vielleicht war das hier tatsächlich eine Art Observatorium. Aber offensichtlich nicht nur das.

In der Mitte erhob sich ein Podest, das mit Tierfellen bedeckt war. Auf diesem primitiven Thron saß ein einzelnes Affenwesen. Sein Fell war zerzaust und an vielen Stellen ausgefallen, so dass die bleiche, mit dunklen Flecken übersäte Haut darunter zum Vorschein kam. Das Gesicht war von tiefen Runzeln zerfurcht. Obwohl ich mich mit Affen nicht auskannte, sah ich sofort, dass dieses Wesen uralt sein musste.

»Willkommen«, sagte das Wesen mit einer kehligen, fremdartigen Stimme, die offenbar Mühe hatte, menschliche Laute zu formen. In den dunklen Augen spiegelten sich winzig die Lichtpunkte an den Wänden, so dass es aussah, als leuchteten Sterne darin. Es waren freundliche Augen, und sie wirkten seltsam vertraut.

Ich brauchte einen Moment, bis ich meine Sprache wiedergefunden hatte. »Wer … wer bist du?«

»Manche nennen mich Eva, andere Lucy, wieder andere Pandora. Für meine Kinder bin ich nur die Erste Mutter.«

»Spotte nicht der Götter, Affenfrau!«, rief Eric. »Pandora wurde von Hephaistos aus Erde und Wasser geschaffen, strahlend schön wie die Sonne und nicht hässlich wie du!«

Das Wesen stieß ein keckerndes Geräusch aus, das entfernt wie Lachen klang. »Schönheit ist ein relativer Begriff, nicht wahr? Findet nicht eine Fledermaus ihresgleichen attraktiv? Sind Menschen in den Augen einer Spinne nicht grob, riesenhaft und erschreckend? Es gab viele, die mich schön fanden.«

»Du … du bist … der erste Mensch?«, fragte ich.

»Nichts hat einen klaren Anfang – nur das Ende ist eindeutig«, sagte das Wesen. »Aber wenn es jemals einen entscheidenden Schritt der Menschwerdung gegeben hat, dann bin ich vielleicht sein Zeuge.«

»Aber das war vor Jahrmillionen«, protestierte ich, obwohl ich wusste, dass Zeit in dieser Traumwelt eine andere Bedeutung hatte als in der Realität.

»Die Dinge sind nicht immer so, wie sie erscheinen«, gab die Erste Mutter zurück. »Aber ihr seid sicher nicht gekommen, um mit mir über Philosophie zu diskutieren.«

»Wir … wir suchen das Tor des Lichts«, sagte ich. »Eric hier – mein Sohn – muss hindurchgehen, um … um die Götter zu besänftigen.«

Wieder stieß die Alte ihr keckerndes Lachen aus. »Glaubst du wirklich, du kannst mich täuschen, Tochter?« Sie machte ein seltsames Geräusch, eine Art Schnauben, und die Lichtpunkte in ihren Augen tanzten auf Tränen. »Die Dinge sind nicht so, wie sie erscheinen«, wiederholte sie. »Der Weg, den wir suchen, ist selten der, den wir gehen müssen.«

Dieses Sprechen in Rätseln ging mir bereits jetzt auf die Nerven, auch wenn es natürlich sehr gut zu einer Phantasiewelt passte, die von einem Computerspiel inspiriert war. »Kannst du uns sagen, wo wir das Tor des Lichts finden?«

»Es ist da, wo euer Weg sich gabelt«, gab die Erste Mutter zurück.

Ich schnaubte gereizt. »Geht es vielleicht noch etwas genauer? Wie wäre es zum Beispiel mit einer Himmelsrichtung? Mit Entfernungsangaben? Am Sumpf rechts, dann durch die Rippenbögen und immer geradeaus bis zur Zyklopenschlucht oder so!«

Die Erste Mutter sah mich eine Weile schweigend an, und plötzlich schämte ich mich für meinen Ausbruch. Ich senkte den Blick.

»Du weißt, dass das Leben nicht so einfach ist, meine Tochter«, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war sanft und voller Mitgefühl. »Es gibt keinen Plan. Nur Entscheidungen.«

»Aber … aber welche Entscheidungen soll ich … muss ich denn treffen, wenn ich meinen Sohn wiederhaben will?«, rief ich, und die Verzweiflung presste mir die Brust zusammen. »Kannst du mir denn nicht helfen? Du bist doch ein Teil von ihm! Er kann uns hören, wie wir hier miteinander sprechen!«

Ich hatte auf einmal die Nase voll von diesem perfiden Spiel. »Wach auf!«, schrie ich, und meine Stimme hallte von den Knochenwänden wider. Ich rüttelte ihn an den Schultern. »Wach endlich auf, Eric!«

Er sah mich voller Mitleid an. Mein Zorn verrauchte, und Stille kehrte wieder ein.

»Geh zum Tempel der Wahrheit, meine Tochter«, sagte die Erste Mutter. »Er ist nicht weit von hier, in der großen Knochenhalle am Ende der Säule. Dort wirst du dem brennenden Mann begegnen.«

Ich spürte eine Art Beben, das meinen ganzen Körper erschütterte. Nein, es schien die ganze Welt zu erfassen. Die Höhle erzitterte und verschwamm vor meinen Augen. Ich fühlte mich leicht, fast durchsichtig.

Ich begriff.

»Nein!«, schrie ich. »Nein, jetzt noch nicht!« Doch das Bild um mich begann bereits zu verblassen.

»Eric! O Gott, Eric!«

14.

Ich hob den Kopf und blinzelte. Durch ein offenes Fenster fielen Strahlen grellen Sonnenlichts herein. Winzige Staubteilchen tanzten darin. Ich lag auf dem Bett neben Eric.

Emily saß neben mir und lächelte. »Guten Morgen!«

»Was … was ist passiert? Wieso … du siehst besser aus!«

Sie nickte. »Du hast recht gehabt. Dieses … Zeug ist unglaublich! Ich habe gesehen, was geschah.«

»Du warst bei mir? Wo?«

»Ich habe dich die ganze Zeit von schräg oben gesehen, wie ein Vogel, der dir folgte. Ich habe gesehen, wie du die Schildkröte erschlagen hast und wie du der Ersten Mutter begegnet bist. Ich konnte jedes Wort hören, das ihr gesprochen habt.«

»Hast du es verstanden? Ich meine, glaubst du wirklich, sie war der erste Mensch?«

»Wer weiß? Es ist möglich, dass sie nur eine Ausgeburt von Erics Phantasie ist, aber vielleicht steckt mehr in unseren Genen als nur die Information darüber, welche Haarfarbe wir haben und ob wir Zimt mögen. Oder vielleicht sind es nicht die Gene, die diese Erinnerungen speichern, sondern unsere Seelen.«

»Warum ist der Kontakt abgerissen? Hast du ihn unterbrochen?«

»Nein, selbst wenn ich das gewollt hätte, ich hätte es gar nicht gekonnt. Deine Verbindung zu ihm ist sehr … machtvoll.«

»Dann muss es die Droge gewesen sein. Ihre Wirkung hat nachgelassen.« Tatsächlich fühlte ich in meinem Inneren nur Kälte und Leere, als sei dort ein Feuer erloschen. »Ich hole Nachschub, und dann gehen wir noch einmal …«

»Tante Emily!« Maria war in der Tür erschienen. »Dir … dir scheint es besserzugehen!«

Emily lächelte. »Ja, in der Tat. Dieses Mal hat Anna recht gehabt. Dadurch, dass ich selbst die Droge nehme, kann ich die Energie, die zwischen ihr und Eric fließt, viel besser kanalisieren.« Ein Schatten fiel über ihr Gesicht. »Allerdings mache ich mir ein bisschen Sorgen über die Nebenwirkungen.«

»Nebenwirkungen?«, fragte ich. »Was für Nebenwirkungen?«

»Ich weiß nicht. Eine Droge von solcher Macht verändert uns, daran gibt es keinen Zweifel. Alles hat schließlich seinen Preis, oder nicht? Wollen wir hoffen, dass dieser Preis nicht zu hoch ist!«

»Ich bin bereit, alles zu geben, um meinen Sohn wieder zurückzubekommen«, sagte ich.

Emily nickte. »Ja, ich weiß.«

Maria warf mir einen Blick zu, in dem gleichzeitig Respekt, Sorge und ein stummer Vorwurf zu liegen schienen. Vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein. »Ich mache uns Frühstück«, sagte sie.

»Was ist mit Eric?«, fragte ich. »Muss er nicht Flüssigkeit und Nahrung bekommen?« Maria hatte gestern Nacht ein Paket mit Nährlösung für die Magensonde mitgehen lassen.

»Das hab ich schon getan, während Sie … bei ihm waren.«

»Wo ist Paul?«, fragte Emily.

»Zur Arbeit gegangen. Einer muss ja Geld verdienen, jetzt, wo ich meinen Job verloren habe.« Sie sagte das ohne anklagenden Tonfall.

»Maria, ich … ich weiß gar nicht …«, begann ich.

»Ich habe es nicht für Sie getan!« Damit wandte sie sich um.

Wir folgten ihr in die kleine Küche. Sowohl Emily als auch ich waren ein wenig wacklig auf den Beinen. Maria machte uns Rührei mit Speck und Pfannkuchen mit Ahornsirup, dazu starken Kaffee. Danach fühlte ich mich fast so, als hätte ich immer noch Glanz in meinem Blut. Die kühle Leere in meinem Innern hatte ich mit einer Decke aus Zuversicht umhüllt. Jetzt, wo es Emily besserging und sie offensichtlich bereit war, mir zu helfen, würde ich es bestimmt schaffen, Eric zum Tor des Lichts zu führen.

»Sag mal, hast du eigentlich eine Ahnung, wer dieser brennende Mann sein könnte, von dem die Erste Mutter gesprochen hat?«, fragte Emily unvermittelt.

Mein Magen fühlte sich plötzlich an, als hätte ich ein tiefgefrorenes Hähnchen in einem Stück verschluckt. Ich sprang auf, rannte hinaus in den Flur und riss wahllos Türen auf, bis ich das Badezimmer fand. Ich beugte mich über die Kloschüssel und gab mein Frühstück wieder von mir. Zitternd vor Kälte blieb ich hocken, während sich meine Eingeweide allmählich wieder beruhigten. Ich spürte die sorgenvollen Blicke von Emily und Maria in meinem Rücken.

»Was ist los mit dir?«, fragte Emily.

Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht eine Nebenwirkung der Droge«, sagte ich. »Alles hat seinen Preis, oder nicht?«

Emily schien das nicht witzig zu finden. Doch sie sagte nichts weiter. Ich setzte mich wieder in die Küche und trank noch etwas Kaffee, aber die Kälte in meinem Bauch konnte er nicht verdrängen.

»Wie geht es jetzt weiter?«, fragte Maria.

Ich sah sie überrascht an, ebenso wie Emily. »Was meinst du?«, fragte sie.

»Dir geht es jetzt wieder gut. Aber Eric liegt immer noch im Wachkoma. Er braucht ärztliche Betreuung!«

Ich sah sie verwirrt an. »Wir müssen wieder zu ihm! Wir müssen ihm helfen, den Weg zum Licht zu finden!«

Marias dunkle Augen wurden schmal. »Glauben Sie wirklich, Sie können ihn aus dem Koma befreien, indem Sie in seinem Kopf herumspazieren?«

Ich presste meine Lippen zusammen. Bevor ich antworten konnte, mischte sich Emily ein. »Wir müssen es wenigstens versuchen, meinst du nicht? Wir wissen nicht, ob wir Erfolg haben werden. Aber feststeht, dass Erics Seele irgendwo in dieser fremden Welt herumirrt. Ohne Hilfe wird er vielleicht für immer dort gefangen sein.«

Maria wandte sich zu ihr um. »Du hast selbst gesagt, dass es gefährlich ist, Tante Emily! Und das war, bevor sie dir diese Droge verabreicht hat! Ein Antidepressivum, wenn ich das richtig sehe. Ein Medikament, das schnell abhängig macht. Dieselbe Droge, die Eric genommen hat, als er ins Koma fiel! Willst du wirklich am Ende genauso daliegen?«

»Was schlägst du stattdessen vor?«

»Lass uns Eric zurück ins Krankenhaus bringen! Du bist wieder gesund. Wir haben erreicht, was wir wollten. Lass uns die Sache beenden, bevor etwas wirklich Schlimmes passiert!«

»Aber die Sache ist nicht beendet«, protestierte ich. »Nicht, solange Eric immer noch im Koma liegt!«

»Tut mir leid, Anna, aber Eric ist Ihr Sohn, nicht der von Tante Emily. Sie haben kein Recht, von ihr zu verlangen, dass sie ihr Leben für ihn riskiert!«

Der Eisklumpen in meinem Magen wurde immer schwerer. Ich senkte den Blick.

Emily legte eine Hand auf Marias Arm. »Ich weiß deine Sorge um mich zu schätzen«, sagte sie. »Aber ich glaube, ich bin alt genug, um für mich allein zu entscheiden. Eric braucht meine Hilfe. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn er stirbt oder im Koma gefangen bleibt, weil ich ihn im Stich gelassen habe.«

Maria sprang auf und stürmte wütend aus der Küche. In der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Aber ich, ich soll es mir verzeihen können, wenn du ins Koma fällst oder stirbst, ja?« Bevor Emily etwas erwidern konnte, knallte sie die Tür zu.

Emily sah mich mit einem schiefen Lächeln an. »Verzeih ihr! Sie ist etwas impulsiv. Sie meint es nicht so.«

»Sie hat recht«, sagte ich. »Ich kann das nicht von dir verlangen!«

»Anna, ich habe meine Gabe nicht zum Spaß bekommen. Sie ist eine Verpflichtung. Wenn ich sie benutzen kann, um Eric zu helfen, dann muss ich das tun!« Sie stand auf.

Ich erhob mich ebenfalls und umarmte sie. »Danke! Vielen Dank!«

»Schon gut. Ich kümmere mich jetzt besser um meine Nichte. Wie wäre es, wenn du inzwischen die übrigen Pillen holst und bei der Gelegenheit ein paar Sachen für dich einpackst? Es ist sicher am besten, wenn du die nächsten Tage bei uns bleibst. Das Sofa im Wohnzimmer lässt sich zu einem Gästebett umbauen. Nicht allzu bequem, aber es wird gehen, denke ich.«

»Ja, das mache ich. Danke, Emily!«

Während ich im Taxi durch die überfüllten Straßen Manhattans fuhr, starrte ich gedankenverloren aus dem Fenster. Ich war hin und her gerissen zwischen der Hoffnung, die Emilys Unterstützung in mir geweckt hatte, und der Sorge, dass wir es trotz all unserer Bemühungen nicht schaffen würden. Marias Satz nagte an meiner Zuversicht wie Ratten an einer Leiche: Glauben Sie wirklich, Sie können ihn aus dem Koma befreien, indem Sie in seinem Kopf herumspazieren?

Während ich darüber nachdachte, glitt mein Blick über die Autos und die unzähligen Menschen am Straßenrand hinweg, ohne sich irgendwo festzusetzen. Die übliche Mischung aus Touristen, Geschäftsleuten und Hotdog-Verkäufern tummelte sich in den steinernen Schluchten Manhattans.

Plötzlich schrak ich zusammen. »Halten Sie bitte an«, rief ich dem Taxifahrer zu, einem Inder oder Pakistani. Noch bevor der Wagen richtig zum Stehen gekommen war, sprang ich raus. Ich sah mich um, doch in dem dichten Menschentreiben konnte ich die Person, die ich suchte, nicht mehr finden.

»Hey, Ma’am!«, rief der Taxifahrer hinter mir her. »Ma’am, Sie müssen bezahlen noch! Dreizehn und ein viertel Dollar!«

Ich wandte mich um und stieg wieder ins Taxi. Ich war mir sicher, dass am Straßenrand die Frau mit dem schwarzen Schleier gestanden hatte. Sie hatte mich direkt angesehen, als wir an ihr vorbeigefahren waren. Doch jetzt war sie spurlos verschwunden.

Der Taxifahrer musterte mich skeptisch im Rückspiegel. »Alles okay mit Ihnen, Ma’am?«

»Ja, schon gut. Entschuldigung, aber ich dachte, ich hätte eine Freundin gesehen. Fahren Sie bitte weiter.«

Kurz darauf erreichte ich meine Wohnung. Ich duschte und packte ein paar Sachen in eine Reisetasche – bequeme Kleidung zum Wechseln, Waschzeug, zwei Handtücher. Ich ignorierte das Blinken des Anrufbeantworters, wie ich es schon seit Wochen tat. Es war, als hätten mein altes Leben, mein Beruf, meine professionellen Kontakte aufgehört zu existieren. Sie bedeuteten mir nichts mehr. Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder in die Normalität zurückkehren konnte.

Ich verdrängte den Gedanken, ging in Erics Zimmer und steckte den Plastikbeutel mit den restlichen Glanz-Kapseln ein.

Ich war gerade im Begriff zu gehen, als es an der Wohnungstür klingelte. Die Polizei, durchzuckte es mich. Dr. Kaufman musste sie alarmiert haben. Immerhin war ein Patient aus dem Krankenhaus verschwunden. Es war naheliegend, dass sie zuerst bei mir suchten.

Reglos blieb ich stehen und hoffte, die Beamten würden von selbst wieder verschwinden. Es klingelte erneut, dann ein Klopfen. »Mrs. Demmet? Ich weiß, dass Sie da sind. Machen Sie bitte auf!«

Es war kein Polizist, der da vor der Tür stand. Diese Stimme gehörte dem Arzt aus Boston, Dr. Ignacius. Ich erinnerte mich, dass er heute extra nach New York gekommen war, um Eric zu untersuchen.

»Mrs. Demmet, bitte! Ich will nur mit Ihnen reden! Glauben Sie mir, es ist im Interesse Ihres Sohnes!«

Mich überkamen plötzlich Zweifel an dem, was ich getan hatte. Vielleicht hatten die Ärzte und Maria doch recht. Vielleicht steigerte ich mich in etwas hinein und gefährdete in Wahrheit Erics Leben, anstatt ihm zu helfen. Ich konnte mir wenigstens anhören, was dieser Dr. Ignacius zu sagen hatte. Er wusste ja nicht, wo sich Eric befand.

Ich öffnete.

Der dürre Arzt trat ein, ohne meine Aufforderung abzuwarten. »Ist er hier?«

»Nein.«

Er öffnete alle Türen, die von dem kleinen Flur abgingen, als wolle er sich selbst davon überzeugen. »Wo haben Sie ihn hingebracht?«

Ich spürte, dass es ein Fehler gewesen war, den Mann hereinzulassen. »Er ist mein Sohn. Ich allein habe das Sorgerecht für ihn. Ich lasse es mir weder von Dr. Kaufman noch von Ihnen wegnehmen!«

Dr. Ignacius’ Lippen verzogen sich zu einem mageren Lächeln. »Niemand will Ihnen das Sorgerecht für Ihren Sohn entziehen, Anna«, sagte er. »Ich will Ihnen doch nur helfen!« Seine Stimme war freundlich und einschmeichelnd, doch gleichzeitig erschien sie mir unangenehm und falsch, wie die aufdringliche Freundlichkeit eines Versicherungsvertreters.

»Ich brauche keine Hilfe!«

»Doch, Anna, die brauchen Sie.« Er lehnte sich an die Tür zu Erics Zimmer. »Ihr Sohn ist immer noch in einem kritischen Zustand. Er steht an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Es ist unbedingt erforderlich, dass er unter ärztliche Aufsicht kommt!«

»Er ist unter ärztlicher Aufsicht«, log ich.

Dr. Ignacius ging nicht darauf ein. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Anna. Kommen Sie mit ihm in meine Privatklinik nach Boston. Wir sind auf Wachkomapatienten spezialisiert. Wir haben dort neuartige Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, mit denen wir bereits erstaunliche Erfolge erzielen konnten. Erst letzte Woche ist ein Mädchen in Erics Alter aus dem Koma erwacht. Nach elf Monaten! Sie könnten bei Ihrem Sohn im Zimmer wohnen. Sie wären rund um die Uhr bei ihm!«

Es klang verlockend, doch ich traute dem Arzt nicht. Ich schüttelte den Kopf. »Eric ist da, wo er ist, gut versorgt und betreut!«

Dr. Ignacius warf einen vielsagenden Blick auf die Reisetasche, die neben der Wohnungstür auf dem Boden stand. »Sie fahren zu ihm, nicht wahr?«

Ich sah keinen Grund, das abzustreiten. »Ja.«

Er sah mich eindringlich an. »Ich muss Sie warnen, Anna. Nehmen Sie Erics Zustand nicht auf die leichte Schulter!«

»Das tue ich ganz bestimmt nicht. Auf Wiedersehen, Dr. Ignacius. Und entschuldigen Sie bitte, dass Sie sich meinetwegen umsonst aus Boston herbemüht haben.« Ich öffnete ihm die Tür.

Er folgte meiner Aufforderung, die Wohnung zu verlassen, nur widerstrebend. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um. »Bitte, Anna, überlegen Sie es sich noch mal! Ich will Ihnen wirklich nur helfen!«

»Auf Wiedersehen!« Ich schloss die Tür.

Aus dem Wohnzimmerfenster sah ich, wie er in ein Taxi stieg und davonfuhr. Trotzdem war ich nicht beruhigt. Ich hatte das starke Gefühl, dass sich um mich herum eine Bedrohung zusammenzog, dass etwas Düsteres auf mich lauerte.

Ich schüttelte den Kopf, um ihn freizubekommen. Die Strapazen und die Sorge um Eric brachten mich einfach durcheinander. Das Beste war es, sich auf die nächsten Schritte zu konzentrieren.

Aus einem unerklärlichen Gefühl heraus schreckte ich davor zurück, mit dem Taxi zu Emily zu fahren. Ein eigenes Auto besaß ich nicht – in Manhattan sind Parkplätze so teuer, dass man dafür jeden Monat eine Menge Taxifahrten machen kann, und wenn ich mal eine längere Strecke mit dem Auto fahren musste, nahm ich mir einen Mietwagen. Also blieben mir nur die öffentlichen Verkehrsmittel.

Während ich zu Fuß zur U-Bahn-Station an der First Avenue ging, hatte ich das Gefühl, verfolgt zu werden. Ich wandte mich ein paar Mal abrupt um, doch ich konnte niemanden entdecken. In der U-Bahn musterte ich die übrigen Fahrgäste misstrauisch. Ich wechselte zwei Mal abrupt die Linie und fuhr absichtlich einen Umweg. So dauerte es über eine Stunde, bis ich endlich Emilys Wohnung erreichte.

»Bist du aufgehalten worden?«, fragte sie.

»Ja.« Ich erzählte ihr von der Begegnung mit Dr. Ignacius.

»Er scheint sich ja wirklich sehr für Erics Fall zu interessieren«, bemerkte Emily.

»Er ist wohl Spezialist für Wachkomapatienten«, sagte ich. »Deshalb hat Dr. Kaufman ihn hinzugezogen.«

»Mag sein. Trotzdem finde ich es ungewöhnlich, dass er jede Woche extra aus Boston nach New York kommt, um ihn zu untersuchen. Und dass er dich zu Hause besucht.«

Ich zuckte mit den Schultern. Auch ich fand die aufdringlich-freundliche Art des Arztes vage beunruhigend. Doch das Thema war ja nun erledigt. »Wollen wir es wieder versuchen?«, fragte ich.

Emily nickte. Wir nahmen jede eine Kapsel, warteten einen Moment, bis Emilys Wohnung in unserer Wahrnehmung heller und freundlicher wurde und schließlich in warmem Glanz erstrahlte. Dann legten wir uns neben Eric auf das Bett und schlossen den Kreis.

15.

Ich stand nicht mehr in der Knochenhöhle, in der ich der Ersten Mutter begegnet war. Stattdessen lag ich im Sand. Über mir wölbten sich die gigantischen Rippenbögen in den Himmel. Eine große Menge von Affenwesen stand um mich herum, doch sie machten kein Geschrei, sondern musterten mich schweigend.

Ich erschrak. »Eric?« Etwas Kaltes presste meine Brust zusammen. »Eric!«

Die Affenwesen sahen mich nur stumm an.

»Wo ist mein Sohn?«, schrie ich. »Was habt ihr mit ihm gemacht, verdammt noch mal?« Ich rappelte mich auf.

Da die Affen mir nur bis zur Brust reichten, konnte ich über sie hinwegsehen. Mindestens tausend von ihnen waren hier am Fuß des Rippenbogens versammelt, in dem die Erste Mutter lebte. Eric stand nur ein Dutzend Schritte entfernt in der Menge. Für einen Augenblick dachte ich, die Affen griffen ihn an und versuchten, ihn zu Boden zu reißen. Doch dann sah ich, dass sie nur ihre Arme nach ihm ausstreckten, ihn berührten, als könnten sie kaum glauben, dass er real sei. Ein besonders vorwitziges Exemplar – es war sehr klein, ein Junges vermutlich – kletterte an seiner Rüstung empor und setzte sich auf seine Schulter, um seinen golden glänzenden Helm zu betasten.

»Eric!«, rief ich voller Erleichterung.

Er wandte sich zu mir um und winkte. Dann bahnte er sich langsam einen Weg durch die Menge.

»Was ist passiert?«, fragte ich. »Wieso sind wir nicht mehr in der Halle der Ersten Mutter?«

Er sah mich merkwürdig an. »Du bist ohnmächtig geworden. Die Erste Mutter hat gesagt, die stickige Luft sei dir vielleicht nicht bekommen und wir sollten dich ins Freie bringen.«

»Wie … wie lange ist das her?«

»Nicht sehr lange. Wir haben dich gerade erst dorthingelegt. Entschuldige, dass ich nicht bei dir geblieben bin. Diese Wesen sind freundlich, aber auch sehr neugierig.« Während er das sagte, überwanden einige der Affenwesen ihre offensichtliche Scheu vor mir und berührten mein schwarzes Gewand. Eines der Wesen hob es an, um nachzuschauen, wie ich darunter aussah. Ein anderes reckte sich empor und zog an meinen Haaren.

»Autsch!«, rief ich. »Schluss jetzt! Weg mit euch!«

Die Wesen stoben auseinander. Offenbar spürten sie meinen Ärger. Dabei war ich nicht böse auf sie. Ich war nur nervös. Etwas, das die Erste Mutter gesagt hatte, machte mir Sorgen. Etwas, an das ich jetzt nicht denken wollte.

»Wir müssen weiter«, sagte ich. »Hat die Erste Mutter noch etwas gesagt, nachdem ich … bewusstlos wurde?«

»Ja. Sie meinte, ich solle dich zum Tempel der Wahrheit führen. Und dass du allein dort hineingehen musst.«

Der Tempel der Wahrheit. Das Orakel in Erics Computerspiel hatte ihn erwähnt. Offenbar spielte er im Spiel und auch hier in der Traumwelt eine wichtige Rolle.

»Hat sie gesagt, wo dieser Tempel ist?«

»Dort hinten, nur ein paar hundert Schritte entfernt.« Eric wies mit dem Arm entlang einer Kette von weißen Knochenhügeln, die aus dem Sand ragten wie Trümmer einer riesigen umgestürzten Säule. Die Rücken- und Halswirbel. An ihrem Ende ragte ein riesiger runder Hügel auf. Zwei gewaltige Augenhöhlen ließen keinen Zweifel daran, um was es sich dabei handelte.

Ich schauderte. »Lass uns gehen.«

Die Affenwesen folgten uns anfangs in einer großen Prozession, doch etwa hundert Schritte vor dem Schädel blieben sie stehen, als trauten sie sich nicht näher heran.

Der Totenkopf musste mindestens fünfzig Meter hoch sein. Der Unterkiefer, der heruntergeklappt und halb vergraben im Sand lag, formte eine fünf Meter hohe Mauer. Die Zähne ragten auf wie Turmzinnen, jeder von ihnen zwei Meter breit und ebenso hoch. Einige fehlten. Mit Erics Hilfe konnte ich zu einer der Zahnlücken emporklettern. Über mir ragte der Schädel auf wie das Maul eines Ungeheuers, das nur darauf wartete, mich zu verschlingen. Die Höhlung unter dem Oberkiefer war mit großen grauen Steinblöcken zugemauert. Zwei riesige Kriegerstatuen bewachten einen schmalen, dunklen Eingang.

Ich beugte mich hinab und streckte meine Hand aus, um Eric heraufzuhelfen. »Komm!«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Die Erste Mutter sagte, du musst dort allein hineingehen!«

»Ich pfeif drauf, was die Erste Mutter sagt«, rief ich. »Wer weiß, was da drin für Gefahren lauern. Ich brauche deine Hilfe!« In Wahrheit hatte ich keine Angst vor dem, was im Innern des Schädels auf mich wartete. Ich hatte Angst davor, Eric auch nur für eine Minute aus den Augen zu lassen. Der Schock, in dieser Welt aufzuwachen, ohne dass er bei mir war, saß mir noch in den Knochen.

Er sah mich mit traurigen Augen an. »Ich kann dort nicht hinein«, beharrte er. »Das ist ein Ort, den nur Götter betreten dürfen!«

»Ich bin keine Göttin, verdammt noch mal! Hast du das immer noch nicht begriffen?«

Er schwieg nur. Sosehr ich auch versuchte, ihn zu überzeugen, er weigerte sich. Schließlich sah ich ein, dass ich nur wertvolle Zeit verlor. Entweder ich ging ohne ihn, oder ich ließ es bleiben und suchte nach einem anderen Weg zum Tor des Lichts.

Ich verstand nicht viel von Computerspielen, aber ich ahnte, dass die Gamedesigner in einem solchen Fall dafür sorgten, dass sich die Spieler ihrem Willen beugten und den geplanten Lösungsweg beschritten. Wenn ich mich weigerte, den Tempel zu betreten, würde ich vermutlich bald auf unüberwindliche Hindernisse stoßen und so lange herumirren, bis ich einsah, dass es keinen anderen Weg gab.

Ich seufzte. »Also schön. Warte hier. Geh nicht weg, egal, was geschieht, ja?«

Er nickte. »Ja, göttliche Mutter. Viel Glück!«

Ich sprang vom Unterkiefer in den weichen Sand und trat zwischen den Sockeln der gigantischen Statuen hindurch. Es gab keine Tür, nur einen etwa zwei Meter hohen und ebenso breiten Gang, der ins Innere führte. In die Wände waren eckige Schriftzeichen gehauen, doch es war keine Schrift, die ich kannte. Ich konnte nur wenige Schritte weit sehen, bevor sich der Weg in Dunkelheit verlor. Ohne eine Lichtquelle würde ich nicht weit kommen.

Ich erblickte ein graues Bündel, das ein paar Schritte vom Eingang entfernt auf dem Boden lag. Es handelte sich um einen Stoffbeutel. Darin befanden sich eine Wasserflasche aus Leder, ein Stück Brot und eine kupferne Öllampe sowie Feuerstein, Stahl und Zunder. Wie praktisch! Die Designer dieses absurden Spiels hatten wirklich an alles gedacht.

Einem verrückten Impuls folgend, rieb ich an der Lampe. Nichts geschah. Aladins Dschinn war wohl für ein anderes Spiel vorbehalten.

Es dauerte einen Moment, bis ich die Lampe mit den altertümlichen Hilfsmitteln entzündet hatte. Ihr flackerndes gelbliches Licht ließ die Schriftzeichen tanzen, als führten sie ein unheimliches Eigenleben.

Ich hatte plötzlich Hunger und Durst. Vielleicht lag es daran, dass ich mein Frühstück nicht bei mir behalten hatte. Auch in Erics Traumwelt war es schon eine ganze Weile her, dass ich etwas gegessen hatte. Ich trank ein paar Schlucke aus der Wasserflasche – das Wasser schmeckte etwas abgestanden, war aber genießbar – und aß etwas von dem harten, trockenen Brot. Als ich die Reste wieder in dem Beutel verstaute, entdeckte ich darin ein kleines Röllchen aus Pergament. Ich entrollte es und betrachtete einen kurzen Text aus griechischen Schriftzeichen. Ich wollte schon zurück zu Eric laufen und ihn bitten, das Ganze für mich zu übersetzen, als mir klar wurde, dass ich die Zeichen zwar nicht entziffern konnte, aber dennoch genau wusste, was dort stand: »Die Dinge sind nicht so, wie sie erscheinen.«

Ich dachte nicht weiter über den seltsamen Umstand nach, dass ich eine Schrift gleichzeitig nicht lesen und doch verstehen konnte. Wenn Erics Unterbewusstsein wollte, dass ich die Warnung verstand, dann war es eben so. Und sicher war es kein Zufall, dass die Erste Mutter dieselben Worte gebraucht hatte.

Ich folgte dem Gang, der nach links abknickte. Das Licht des Eingangs verschwand hinter der Ecke. Dunkelheit und Schweigen umhüllten mich, und plötzlich hatte ich das Gefühl, in einem riesigen Grabmal umherzuirren.

Nach ein paar Dutzend Schritten erreichte ich eine Kreuzung. Die Gänge in alle Richtungen sahen gleich aus. Ich entschied mich für den Weg geradeaus.

Ein paar Schritte weiter knickte der Gang im rechten Winkel nach rechts ab. Kurz darauf erneut ein Knick nach rechts, dann noch einer, und ich stand wieder an einer Kreuzung. Ich war drei Mal rechts abgebogen, also musste dies dieselbe Kreuzung sein, an der ich gerade eben gewesen war. Wenn ich jetzt nach rechts ging, würde ich denselben Weg noch einmal nehmen; links musste der Ausgang liegen. Also ging ich geradeaus weiter.

Nach ein paar Schritten knickte der Weg nach links ab, dann wieder nach links, und noch einmal. Und wieder stand ich an einer Kreuzung.

Ich blieb stehen. Irgendwas stimmte hier nicht. Ich hatte das Gefühl, dass die Gangabschnitte alle ungefähr gleich lang gewesen waren. Dann musste dies wieder dieselbe Kreuzung sein, an der ich vorhin gestanden hatte. Aber das würde bedeuten, dass alle vier Gänge auf diese eine Kreuzung zurückführten wie bei einer eckigen Acht.

Ich musste mich irgendwo vertan haben.

Versuchshalber ging ich nach rechts; wenn ich mich irgendwo bei den Abbiegungen verzählt hatte, musste dies der Weg in Richtung Ausgang sein. Nach drei Linksknicken stand ich wieder an einer Kreuzung. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Ich hatte mich verirrt.

Kalter Schweiß stand auf meiner Stirn. Ich dachte an die Geschichten von Labyrinthen in den ägyptischen Pyramiden, in denen sich Grabräuber verliefen und kläglich verdursteten.

Ich betrachtete die Öllampe. War ihr Glimmen schon schwächer geworden? Ich konnte nicht erkennen, wie viel Öl sie noch enthielt. Wenn mir hier das Licht ausging, würde ich nie wieder hinausfinden.

Aber irgendwo musste es doch einen Ausgang geben! Ich ging nach rechts, kam an eine Biegung nach links, dann wieder links, noch einmal, und wieder eine Kreuzung.

Verdammt, das konnte einfach nicht sein!

Ich legte das Stück Brot aus dem Stoffbeutel auf den Boden und ging nach rechts. Links, links, links, und ich stand wieder an der Kreuzung – mit Brot. So weit, so gut.

Ich ging geradeaus über die Kreuzung. Rechts, rechts, rechts und wieder die Kreuzung, wieder das Brot.

Ich saß in der Falle. Ich war in einer Endlosschleife gefangen. Es gab nur zwei ringförmige Gänge, die immer wieder an denselben Ort zurückführten, ohne Ausgang.

Ich versuchte, das Problem mit Logik zu lösen. Irgendwie war ich hier hereingekommen. Also gab es auch einen Weg hinaus. Da ich ihn nicht mehr fand, mussten die Wände sich verändert haben. Vielleicht waren sie verschiebbar.

Ich tastete die glatten Steinflächen ab, suchte nach irgendeinem verborgenen Mechanismus, einem Knopf, einem Spalt. Doch ich fand nichts.

Ich versuchte, mich in die Rolle eines Spielentwicklers zu versetzen. Wenn diese Welt wie ein Computerspiel funktionierte, dann musste ich das Problem mit den Möglichkeiten lösen können, die ich als Spielerin hatte. Ich betrachtete das Stück Brot auf dem Boden und hob es auf. Offensichtlich sollte es mir nicht nur zur Nahrung dienen, sondern hatte auch seinen Zweck als Markierungsstein erfüllt. Hatte auch die Wasserflasche eine solche Doppelfunktion? Ich goss etwas Wasser auf den Boden.

Eine kleine Pfütze entstand. Ein dünner Wasserfaden bildete sich und kroch langsam in Richtung eines Ganges, in dem der Boden offenbar etwas abfiel. Ich folgte der Spur des Wassers und goss immer wieder ein paar Tropfen auf den staubigen Untergrund.

Die Flüssigkeit folgte der Biegung des Ganges nach rechts. Noch einmal nach rechts. Und wieder nach rechts. Ich stand wieder auf der Kreuzung. Die ursprüngliche Pfütze war fast vertrocknet. Das Wasser war immer bergab geflossen und doch an seinen Ausgangspunkt gelangt wie in einer dieser unmöglichen Grafiken von M. C. Escher.

Ich schrie einen handfesten New Yorker Fluch in die Dunkelheit. Offenbar war ich einfach nicht clever genug, um das Rätsel dieses Labyrinths zu lösen.

Ich legte das Brot und die Flasche in den Beutel zurück und rollte noch einmal das Pergament auseinander. Die Dinge sind nicht so, wie sie erscheinen, wie zum Kuckuck sollte mir das hier weiterhelfen?

Ich betrachtete den Zettel und riss die Augen auf. Dort waren immer noch dieselben unverständlichen griechischen Buchstaben. Aber ich wusste plötzlich, dass ich mich beim ersten Mal hinsichtlich ihrer Bedeutung getäuscht hatte. Dort stand etwas ganz anderes. Die Schriftzeichen bedeuteten ganz klar: »Gehe zurück!«

Gehe zurück. Sehr witzig! Was versuchte ich denn die ganze Zeit?

Ich war im Begriff, das Pergament zu zerknüllen, als mir ein Gedanke kam. Ich ging rückwärts einen der Gänge entlang – welcher es war, wusste ich nicht mehr. Nach kurzer Zeit war ich sicher, dass der Gang länger war als zuvor. Ich wagte nicht, mich umzudrehen, aus Angst, wieder nur eine Biegung nach rechts oder links zu sehen. Ich ging langsam weiter.

Es war ein beklemmendes Gefühl, in diesem unbekannten Labyrinth rückwärtszugehen, ohne zu wissen, wohin ich trat. Was, wenn ich über einen Stein stolperte oder in eine Fallgrube stürzte? Ich kämpfte die Angst nieder. Der Gang war jetzt eindeutig länger als jedes der Teilstücke zuvor. Ich hatte den Lösungsweg gefunden und musste ihm bis zum Ende folgen.

Nach ein paar weiteren vorsichtigen Schritten rückwärts weitete sich der Gang zu einem Raum. Jetzt drehte ich mich um.

Der Raum war quadratisch, hatte einen Durchmesser von etwa fünf Metern und ebenso hohe Wände. Es gab keinen zweiten Ausgang; nur in der Decke über mir befand sich eine quadratische Öffnung von etwa anderthalb Metern Breite, unerreichbar hoch.

Na großartig, eine Sackgasse! Ich ging rückwärts in den Gang, aus dem ich gekommen war, in der vagen Hoffnung, er möge mich in einen anderen Raum führen.

Nach wenigen Schritten stieß ich mit dem Rücken gegen eine Wand. Ich drehte mich um. Der Gang endete hier einfach, und nichts deutete darauf hin, dass die Wand vor mir nicht schon seit Jahrtausenden hier stand.

Also schön. Ich ging wieder zurück in den quadratischen Raum. Offenbar gab es nur den einen Ausweg über die Öffnung in der Decke. Wieder ein Rätsel.

Ich musste einen Weg finden, dort hinaufzukommen. Aber wie? Die Wände bestanden aus glattem Stein, der so sorgfältig bearbeitet worden war, dass die Fugen kaum sichtbar waren. Unmöglich, dort hinaufzuklettern, wenn man nicht gerade Spiderman war. Eine Leiter oder ein anderes Hilfsmittel war nirgends zu sehen.

Ich rollte erneut das Pergament auseinander und betrachtete die griechischen Schriftzeichen. Ihre Bedeutung hatte sich wieder zurückverwandelt in »Die Dinge sind nicht so, wie sie erscheinen.« Keine Hilfe also aus dieser Richtung.

Ich hüpfte auf der Stelle, aber weder hatte der Boden die Eigenschaften eines Trampolins, noch besaß ich plötzlich Superkräfte. Ich schloss die Augen, wünschte mir intensiv einen Ausgang und öffnete sie wieder. Der Raum war wie vorher. Noch einmal ging ich den Gang zurück, doch auch dieser hatte sich nicht verändert. Ich drückte gegen die Wand, suchte nach verborgenen Schaltern oder Druckknöpfen, fand nichts. In meiner Verzweiflung rief ich: »Sesam, öffne dich!«, natürlich ebenfalls ergebnislos.

»Verdammt noch mal, Eric, hör auf mit diesem Quatsch!«, brüllte ich. Doch nur die Stille des Tempels antwortete mir.

In meiner Frustration nahm ich das Stück Brot und warf es wütend nach der Öffnung über mir. Es prallte von der Decke neben der Öffnung ab, stieß gegen die Wand – und blieb dort kleben.

Ich starrte das Brot an. Das war es also! Irgendwie schien diese Wand klebrig zu sein. Ich berührte sie mit der flachen Hand, spürte jedoch keinerlei Widerstand, als ich sie wieder abzog. Nein, klebrig war die Wand eindeutig nicht. Vielleicht war sie es nur weiter oben, dicht unter der Decke? Aber wie sollte ich dort hinkommen?

Wieder dachte ich an Spiderman, für den diese Wand kein Problem dargestellt hätte. Und plötzlich kam mir ein Gedanke. Als Fotografin kannte ich natürlich ein paar der Tricks, mit denen Kameraleute beim Film arbeiteten. Um Spiderman an einer senkrechten Wand emporklettern zu lassen, legte man diese Wand einfach flach auf den Boden und montierte die Kamera so, dass die Szene von oben gefilmt wurde. Dann musste der Schauspieler nur noch über den Boden kriechen, und im Kino sah es so aus, als klettere er.

Ich setzte die Öllampe auf dem Boden ab, stellte mich flach gegen die Wand und schloss die Augen. Ein Schwindelgefühl überkam mich. Als ich sie wieder öffnete, lag ich auf dem Boden. Nein, ich lag auf dem, was vorher die Wand gewesen war. Aber das war eindeutig »unten«, so als sei der ganze Raum um 90 Grad gekippt. Wahrscheinlicher war allerdings, dass in dieser Traumwelt die normalen physikalischen Gesetze nicht galten und die Schwerkraft ihre Richtung ändern konnte. Dafür sprach jedenfalls der Anblick der Öllampe, die vor mir an der senkrechten Wand hing, als sei sie dort festgeklebt. Die kleine Flamme flackerte nicht nach oben, wie es Flammen normalerweise tun, sondern waagerecht in den Raum.

Ich griff nach der Lampe. Sie ließ sich ganz einfach von der Wand ablösen. Jetzt richtete sich die kleine Flamme wieder gehorsam zur Decke.

Ich kam mir vor wie Isaac Newton, der gerade herausgefunden hatte, dass Äpfel manchmal vom Boden auf den Baum fallen.

Trotz des Stolzes darüber, auch dieses Rätsel gelöst zu haben, hielt ich mich nicht lange mit Triumphgefühlen auf. Ich ging zu der niedrigen Öffnung, die zuvor an der Decke gewesen war und sich jetzt am Fuß der gegenüberliegenden Wand befand, während der Eingang, durch den ich den Raum betreten hatte, scheinbar unerreichbar an der hohen Decke lag.

Die Öffnung war so niedrig, dass ich nur auf allen vieren hindurchkonnte. Dahinter erstreckte sich ein ebenso niedriger Gang. Mit klopfendem Herzen kroch ich voran.

16.

Nach kurzer Zeit knickte der Gang senkrecht nach unten ab. Das schwache Licht der Öllampe reichte nicht bis zum Boden des Schachtes.

Ich starrte in den düsteren Abgrund. Sollte ich es wagen, einfach kopfüber hinunterzuklettern, in der Hoffnung, dass das seltsame Schwerkraftgesetz auch hier galt? Wenn nicht, konnte meine Suche ein schnelles Ende nehmen. Andererseits, was blieb mir übrig? Sicherheitshalber konsultierte ich noch einmal das Pergament, doch der Sinn der Worte war unverändert.

Ich hatte ein sehr mulmiges Gefühl, als ich mich über den Schachtrand beugte. Die Schwerkraft zog an meinem Oberkörper, wollte mich in die Tiefe reißen. Alles in mir drängte mich umzukehren, doch ich zwang mich Stück für Stück vorwärts. Schließlich schob ich den Schwerpunkt meines Körpers über die Kante, so dass ich nach vorn kippte. Das Schwindelgefühl überkam mich erneut, dann lag ich mit dem Oberkörper flach auf dem Boden, während meine Unterschenkel jetzt über einen steilen Schacht hinter mir hinausragten, der in die Tiefe führte.

Ich atmete auf und folgte dem Gang, der sich immer tiefer ins Innere des riesigen Schädels wand. Nachdem ich mehrere Male rechts und links abgebogen war und zwei weitere Wechsel der Schwerkraftrichtung geschehen waren, hatte ich endgültig jede Orientierung verloren.

Fast unmerklich veränderten sich die Wände des Gangs. Die Winkel, in denen sie aufeinandertrafen, wurden flacher, der Stein poröser und grober, bis der Gang schließlich eher einem Schlauch glich, der durch nackte, schwarze Erde führte. Die Richtungsänderungen erfolgten jetzt allmählich, in sanften Rundungen, und waren deshalb schwerer nachzuvollziehen. Einmal stellte ich probehalber die Lampe auf den Boden und kroch ein Stück weiter. Als ich mich kurz darauf umdrehte, schien sie hinter mir verkehrt herum an der Decke zu hängen. Mir wurde übel. Ich kroch zurück, nahm die Lampe und beschloss, zukünftig auf solche Experimente zu verzichten.

Nach einer Weile bemerkte ich eine Art grauen Schleim auf den Wänden, zunächst nur in vereinzelten Flecken, doch bald häufiger, in immer größeren Flächen. Das Zeug glänzte klebrig im Licht der Öllampe, doch als ich mich schließlich überwand und es vorsichtig berührte, fühlte es sich trocken und nachgiebig an wie die Haut eines toten Tieres.

Nach einer Weile war der Gang so mit dem grauen Material überzogen, dass ich ihm nicht länger ausweichen konnte. Irgendwie erinnerte es mich an Gedärme. Doch wenn ich nicht umkehren wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als darauf weiterzukriechen.

In diesem Moment hörte ich zum ersten Mal ein leises Atmen.

Ich hielt die Luft an, um sicherzugehen, dass mir nicht das Echo in dieser seltsamen Umgebung einen Streich spielte. Doch das Geräusch blieb, langsam und regelmäßig, wie von einem unsichtbaren Wesen, das mir folgte.

Meine Nackenhaare stellten sich auf. Ich kroch weiter, so schnell ich konnte. Kurz darauf kam ich an eine Abzweigung. Ich lauschte. Das Atmen schien von überall her zu kommen – aus den beiden Gängen vor mir und auch von hinten.

Ich entschied mich spontan für links. Bald erreichte ich eine neue Weggabelung, wobei einer der schlauchartigen Gänge senkrecht nach unten führte, der andere in die Gegenrichtung. Ich kroch steil nach oben. Das Schwindelgefühl beim Ändern der Richtung war mein permanenter Begleiter geworden; ich nahm es kaum noch wahr.

Der Gang verzweigte sich immer häufiger. Gleichzeitig schien das Atmen näher zu kommen. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich kroch, so schnell ich konnte, wahllos mal diese, mal jene Richtung nehmend. Ich war ohnehin hoffnungslos in dieses Labyrinth verstrickt. Alles, was ich wollte, war, dem Wesen zu entfliehen, das hinter mir keuchte. Doch es kam immer näher. Schon glaubte ich, einen warmen, feuchten Hauch in meinem Nacken zu spüren. Ich wandte mich um, doch da war nichts. Trotzdem befiel mich nackte Panik. Ich stürzte mich in einen Gang, der senkrecht nach unten führte.

Diesmal verhielt sich die Schwerkraft nicht so wie bisher: Statt das gewohnte Schwindelgefühl zu empfinden, rutschte ich kopfüber in die Tiefe. Mein Schrei wurde von der weichen, grauen Masse an den Wänden erstickt.

Der Gang machte am unteren Ende eine sanfte Biegung, so dass ich nicht abrupt aufprallte, sondern auf dem glitschigen Untergrund wie auf einer Rutschbahn weiterglitt. In halsbrecherischem Tempo schoss ich hinab. Der Tunnel schien sich jetzt in einer Spirale abwärtszuwinden, die immer enger wurde. Mir wurde schwindlig von den schnellen Drehungen.

Schließlich endete die Rutschpartie in einer Öffnung in der Decke eines schmalen Raumes.

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