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Giselles Geheimnis

Penny Jordan

Giselles Geheimnis

1. KAPITEL

Als Giselle in die Tiefgarage des modernen Gebäudes einfuhr, in dem das Architekturbüro saß, bei dem sie arbeitete, sah sie genau in diesem Augenblick einen Wagen aus einer der kostbaren Parklücken zurücksetzen. Geistesgegenwärtig schlug sie das Lenkrad ihres kleinen Firmenwagens ein und vollzog eine Kopfwende. Doch erst, als sie bei dem Parkplatz ankam, bemerkte sie, dass bereits ein schnittiger teurer Sportwagen mit gesetztem Blinker darauf wartete, in die Lücke einzuparken.

Hinter dem Steuer des Sportwagens saß ein Mann, der viel zu gut aussah. Arrogant schaute er ihr entgegen, mit der typisch männlichen Ungläubigkeit. Eine Sekunde wankte Giselles Entschluss, doch dann sah sie, wie sein Blick sich veränderte, so als wäre sie eine Ware, die zur Begutachtung stand und für minderwertig befunden wurde. In ihrem weiblichen Stolz verletzt, zog sie rasant in den freien Parkplatz, auf den der andere Fahrer wohl schon länger gewartet hatte. Sie erhaschte noch seine wütende Miene und konnte den Fluch von seinen Lippen ablesen.

Das hatte sie nicht nur getan, weil seine Arroganz sie provoziert hatte. Heute Morgen hatte sie einen Anruf erhalten, sie möge früher ins Büro kommen. Ihre Anwesenheit war bei einem Meeting mit den Seniorpartnern erforderlich. Sie konnte es sich nicht leisten, zu spät zu kommen. Also ließ sie ein schlechtes Gewissen wegen rüpelhafter Verkehrsmanieren gar nicht erst aufkommen. Und noch etwas half – der Blick, den dieser Mann ihr zuwarf. Dieser Blick sagte ihr, was für ein Mensch er war: skrupellos, kalt, sein Handeln allein auf die eigenen Ziele und Absichten ausgerichtet.

Sie brauchte diesen Parkplatz dringender als er, überzeugte sie sich. Sie hätte schon vor einer Viertelstunde im Büro sein müssen. Er dagegen sah aus wie jemand, der solch niedere Aktivitäten wie eine Parkplatzsuche normalerweise einem Chauffeur überließ.

Während sie im Auto die Schuhe, die sie zum Fahren getragen hatte, gegen hochhackige Pumps austauschte, hörte Giselle das wütende Aufheulen des anderen Wagens und atmete erleichtert durch. Gut, er hatte also aufgegeben, wenn auch offensichtlich mehr als verärgert. Mit quietschenden Reifen fuhr er weiter.

Mit ungläubiger Wut starrte Stefano Parenti auf den Parkplatzdieb. Dass es auch noch eine Frau war, die eine solche Unverfrorenheit besaß, machte die Sache nur schlimmer. Seit Generationen floss das Blut mächtiger Männer in ihm, das Blut von Männern, die Macht besaßen und uneingeschränkt herrschten. Im Moment raste dieses Blut heiß durch seine Adern. Stefano hätte sich niemals als Frauenfeind bezeichnet, im Gegenteil. Er mochte Frauen, sehr sogar. Im Allgemeinen allerdings in seinem Bett – nicht auf einem Parkplatz, auf den er mit einer Geduld gewartet hatte, die sowieso schon komplett gegen seine Natur ging.

Da es keinen anderen Platz mehr gab, parkte er in zweiter Reihe, blockierte so zwei Autos und stellte den Motor ab. Dann stieg er aus und streckte sich erst einmal zu seiner vollen muskulösen Größe von einem Meter dreiundneunzig.

Giselle ahnte noch nicht, dass sie wegen ihrer Unhöflichkeit zur Rede gestellt werden würde. Wie immer nutzte sie den Weg bis zum Aufzug, um die Maske aufzusetzen, die sie im Büro trug – die, mit der sie die Tatsache kaschierte, wie wenig ihr das männliche Interesse behagte, das ihr so häufig entgegenschlug. Und weil sie zu beschäftigt damit war, sich den Anschein von überheblicher Unnahbarkeit zu geben, bemerkte sie die Gefahr erst, nachdem es fast zu spät war. Sie war gezwungen, abrupt stehen zu bleiben, sonst wäre sie direkt gegen den Mann geprallt, der zwischen ihr und dem Ausgang stand.

„Nicht so hastig. Ich hätte gern kurz mit Ihnen geredet.“

Sein Englisch war makellos und passte irgendwie nicht zu seinem dunklen maskulinen Äußeren.

Nun, sie gedachte allerdings keineswegs, mit ihm zu reden. Giselle wollte schlicht um ihn herumgehen und stellte entrüstet fest, dass er ihr wiederum den Weg versperrte. Zudem war er ihr nun so nah, dass sie seinen Duft wahrnehmen konnte – männlich, erotisch und noch etwas anderes … bedrohlich.

„Sie stehen mir im Weg.“ Ihr ging es vor allem darum, kühl und beherrscht zu klingen, so ahnte sie nicht, welche Angriffsfläche sie ihm soeben geboten hatte.

„Und Sie stehen auf meinem Parkplatz“, konterte er.

Das mochte stimmen, nur würde sie das nicht zugeben. „Besitz wird normalerweise durch Gesetze geregelt“, gab sie kurz angebunden zurück.

„Besitz gehört denjenigen, die stark genug sind, um ihn zu erwerben, und stark genug, um ihn zu behalten – ob es sich dabei um einen Parkplatz handelt oder um eine Frau.“

Und er war definitiv ein Mann, der seine Frau besitzen würde. Diese jähe Erkenntnis war irgendwie durch ihr Schutzschild geschlüpft und löste eine schwindelerregende Aufregung in ihr aus … den unvernünftigen Wunsch, den Mann zu provozieren, um herauszufinden, wie weit seine Selbstbeherrschung ging.

Das war ja verrückt! Nur weil er ein Mann war … Allerdings was für ein Mann! Selbst mit den hohen Absätzen unter den Füßen musste Giselle den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Jahrelang hatte sie sich verboten, körperlich auf Männer zu reagieren, doch diesen hier umgab eine derart mächtige männliche Aura, dass es wohl jeder Frau unmöglich wäre, sich seiner Gegenwart nicht bewusst zu sein.

Unerwünschte und unbekannte Gedanken blitzten in ihrem Kopf auf – gefährliche Gedanken, heraufbeschworen allein durch die Tatsache, dass er ein Mann war. Nein, das Paradebeispiel eines Mannes. Perfektion für das Auge, in Design und Proportion. Es könnte leicht zu einem zwanghaften Trieb werden, ihn anzusehen, vermutete Giselle. Und wie musste es wohl erst sein, ihn anzufassen? fragte sie sich hilflos. Kein Gramm Fett an diesem Körper, nur Muskeln. Hartes Fleisch unter samtweicher Haut. Was für ein Erlebnis musste es sein, sich an einem so prunkvollen Hochgenuss männlicher Sinnlichkeit delektieren zu können? Kleine Pfeile trafen ihr Innerstes, infizierten sie mit dem Gift des Verlangens.

Abwehrend hob Giselle die Hand und fasste sich an den Hals. So durfte sie nicht fühlen. Nicht für diesen Mann. Für keinen Mann. Niemals. Sie versuchte, den Blick abzuwenden und den sinnlichen Bann zu brechen, mit dem er sie belegt hatte, doch vergebens. Ihre Augen hatten einen eigenen Willen entwickelt und studierten sein Gesicht.

Seine Züge sprachen nicht von angelsächsischen Vorfahren, dessen war sie sicher. Nicht bei diesen stolzen, fast römisch-byzantinischen Zügen, in denen die unverkennbare Andeutung von Grausamkeit zu lesen stand. Und noch etwas drückten seine Züge aus – Intelligenz und Arroganz, beste Ausbildung und Eleganz. Gebräunte Haut spannte sich glatt über hohe Wangenknochen, über ein markantes Kinn und eine gerade Nase. Wären da nicht diese verblüffenden silbergrauen Augen, hätte sie gesagt, der Mann stamme von einer Linie aus dunkelsten Zeiten ab, von Menschen, die durch Geburtsrecht und Stärke dazu bestimmt waren, jeden, der sich ihrem Willen widersetzte, erbarmungslos hinwegzufegen.

Jetzt traf der Blick aus diesen grauen Augen wie ein Laserstrahl auf ihre Schutzhülle aus Eis. Das hier war ein Mann mit einem großen „M“, all-männlich und all-mächtig. Ein Mann, der nie daran zweifelte, dass sein Wille, seine Wünsche und seine Bedürfnisse jederzeit und allerorts Vorrang hatten.

Der Schock, dass er sie konfrontiert hatte, übte eine gefährliche Wirkung auf sie aus. Irgendwie war es ihren Sinnen gelungen, sich aus dem mentalen Keuschheitsgürtel zu befreien, in dem Giselle sie sonst gefangen hielt. Und jetzt benahmen sie sich wie eine Horde wild gewordener Teenager, die gierig das Idol ihrer Träume anhimmelten. Giselle hatte allerdings nicht vor, so etwas zuzulassen. Zudem hatte sie jahrelange Erfahrung damit, diese kleine Gruppe im Zaum zu halten, sodass sie ihr gehorchte. Das rief sie sich in Erinnerung, während sie darum kämpfte, die eisig-distanzierte Fassade aufrechtzuerhalten.

Sie mochte ihn nicht. Nein, er war ihr gänzlich unsympathisch, beschloss sie in Gedanken. Viel zu arrogant und viel zu männlich für ihren Seelenfrieden. War das der Grund, weshalb sie ihn nicht mochte? Weil sie instinktiv wusste, dass seine männliche Sinnlichkeit ihr gefährlich werden konnte und sie lange nicht so immun dagegen war, wie sie hätte sein sollen? Nein, natürlich war das nicht der Grund, versicherte sie sich entschieden.

Stefano musterte die Frau vor sich mit erfahrenem Kennerblick. Mittelgroß, schlank – obwohl die schlichte Kombination von weißer Bluse und schwarzem Rock eher an eine Uniform erinnerte und zudem, da beides eine Konfektionsgröße zu groß wirkte, kein genaueres Urteil über weibliche Formen zuließ. Das blonde Haar trug sie in einen straffen Chignon gedreht, der die feinen Züge ihres Gesichts hervorhob und hohe Wangenknochen und schimmernden Teint betonte. Die goldenen Enden ihrer Wimpern, die im Neonlicht aufleuchteten, zeigten, dass sie keinen Mascara aufgetragen hatte.

Dieser Rühr-mich-nicht-an-Look mochte die Neugier mancher Männer reizen, für die dieser Grace-Kelly-Typ eine Herausforderung bedeutete. Doch er gehörte nicht zu diesen Männern. Er mochte seine Frauen anschmiegsam und nachgiebig und bereitwillig. Er hielt nichts von Eisprinzessinnen, die voraussetzten, dass ein Mann ihr Eis erst zum Schmelzen bringen müsse.

Doch selbst wenn sie sein Typ gewesen wäre … im Moment ging es ihm um Wiedergutmachung, nicht um Verführung.

„Lassen Sie mich endlich vorbei“, forderte Giselle entschieden. Es wurde Zeit, dass sie wieder an die aktuelle Situation dachte.

Ihre Forderung goss Öl auf das Feuer von Stefanos verärgerter Ungeduld. Sie hatte ihm den Parkplatz gestohlen, und jetzt weigerte sie sich stur zuzugeben, dass sie im Unrecht war. Mit ihrem Benehmen verlangte sie geradezu danach, von ihm auf ihren Platz verwiesen zu werden.

Er würde also nicht aus dem Weg gehen, aber sie hatte auch nicht vor, zu spät zu kommen. Giselle machte einen Schritt zur Seite … und er packte sie bei den Armen. Sie fühlte seinen Griff hart und heiß durch den Stoff ihrer Kleidung, fast so, als würde er ihre nackte Haut berühren. Das Gefühl versetzte ihr einen Schock, und in Wut und Panik ballte sie die Fäuste, um sich von ihm abzustoßen.

„Lassen Sie mich gehen!“, forderte sie wütend.

Sie gehen lassen? Nichts würde er lieber tun. In fünf kurzen Minuten hatte sie ihm mehr Schwierigkeiten gemacht, als er sich von jeder anderen Frau je hatte gefallen lassen. Er sah ihr direkt ins Gesicht. Es war bleich und hart, die Augen sprühten Funken, und ihr Mund …

Er nahm die eine Hand von ihrem Arm und wischte mit dem Daumen den Lippenstift von ihren Lippen, so als wolle er sich bereit machen, sie zu küssen. Sie stand stocksteif, schockiert über die intime Geste. Der Moment schien ewig zu dauern, während ihre Blicke sich ineinander verhakten. Giselle war fassungslos über die jähe Sehnsucht, die in ihr aufschoss … Sehnsucht wonach? Etwa, sich an ihn zu lehnen?

Das plötzliche Hupen eines Wagens brachte Stefano dazu, seine Gefangene freizugeben. Er stieß sie regelrecht von sich. Was war nur in ihn gefahren? Und was wäre passiert, hätte die Hupe nicht gestört?

Da er für einen Moment scheinbar nur auf die eigenen Fragen konzentriert war, nutzte Giselle die Gelegenheit und hastete zum Lift. Der war glücklicherweise leer. Was ihr auf dem Weg hinauf zu den Büros die Ruhe bot, um ihren hämmernden Puls und ihre wirbelnden Gedanken zur Ordnung zu rufen und sich allein auf den Grund zu konzentrieren, weshalb jeder Mitarbeiter in die Firma bestellt worden war.

Während der letzten zwei Jahre, praktisch seit sie für das renommierte Architekturbüro arbeitete, hatte die Firma ein Großprojekt betreut. Ein russischer Milliardär hatte eine kleine Insel vor der kroatischen Küste in einen luxuriösen Urlaubsort für die Superreichen verwandeln wollen, doch aufgrund der Finanzkrise war das Projekt, sehr zum Unmut der Seniorpartner, vorerst auf Eis gelegt worden. Gestern war scheinbar die Nachricht eingegangen, dass die Insel den Besitzer gewechselt hatte – wieder ein Milliardär, ein erfolgreicher Unternehmer, der die Pläne gesehen hatte und sie nun besprechen wollte.

Daraufhin hatten die Seniorpartner alle, die je mit diesem Projekt zu tun gehabt hatten, ins Büro beordert, in der Hoffnung auf eine Wiederbelebung. Jeder sollte sich bereithalten, falls der neue Eigentümer der Insel Fragen haben sollte. Eine Garantie, dass die Arbeiten wieder aufgenommen werden würden, gab es natürlich nicht. Da das Damoklesschwert möglicher Entlassungen über ihnen schwebte, drückten vor allem die jüngeren Architekten wie Giselle alle Daumen, dass der neue Besitzer von den Plänen angetan sein und grünes Licht geben würde.

Der Aufzug kam an, Giselle trat aus der Kabine und steuerte auf das Großraumbüro zu, das sie sich mit mehreren jungen Kollegen teilte – alles männliche Kollegen und alle fest entschlossen, den Seniorpartnern auf die eine oder andere Weise zu zeigen, dass sie das jeweils Beste in die Firma einbringen konnten.

„Nur die Ruhe“, grüßte Emma Lewis, die Assistentin, die sich alle teilten, als Giselle hektisch in das Vorzimmer platzte. „Das Meeting ist um eine Stunde verschoben worden. Der neue Besitzer ist aufgehalten worden.“

Giselle atmete erleichtert durch. „Gott sei Dank. Ich dachte, ich komme viel zu spät. Ich musste den Wagen nehmen, weil ich am Abend noch eine Vor-Ort-Besichtigung habe. Der Verkehr war tödlich.“

Emma, vierunddreißig, verheiratet mit einem Architekten, der im Moment ein Projekt in Saudi-Arabien leitete, ging mit den Jüngeren im Büro um wie mit ihren eigenen beiden Kindern – sie bemutterte sie verständnisvoll und bemühte sich, sämtliche Streitigkeiten zu schlichten. Die sechsundzwanzigjährige Giselle mochte Emma und war immer dankbar für deren Unterstützung.

„Wo sind denn alle?“, fragte Giselle und beantwortete sich die Frage selbst. „Natürlich …“ Sie stöhnte auf. „Sie arbeiten an ihrer Strategie, wie sie jegliche Verantwortung für mögliche Fehler von sich weisen können und stattdessen im Gegenzug alles Lob für Gelungenes einheimsen.“

Emma lachte amüsiert. „Ja, so etwas in der Art vermute ich auch. Ich hole dir einen Kaffee, und dann erzähle ich dir das Neueste, was ich über unseren potenziellen neuen Klienten herausgefunden habe.“

Giselle nickte stumm, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Wenn Emma eine Schwäche hatte, dann war es der Gesellschaftsklatsch. Sie liebte es, alles über die Schönen und Reichen in den Hochglanzmagazinen nachzulesen. „Das Neueste“ konnte also nur aus diesen zweifelhaften Quellen stammen.

Wenige Minuten später, während Giselle an ihrem Kaffee nippte, bestätigte sich ihr Verdacht.

„Hätte Timmy nicht zum Zahnarzt gemusst, hätte ich es wohl gar nicht entdeckt. Die Zeitschrift war nämlich schon Monate alt. Ich konnte es kaum glauben, als ich die Seite umschlug – und da war er, Stefano Parenti. Mit dem Namen sollte man annehmen, er sei Italiener, nicht wahr? Ist er aber nicht. Offenbar gehört seiner Familie ein eigenes Herzogtum. Es liegt irgendwo gleich bei Kroatien, und sein Cousin ist der Großherzog. Sein Vermögen – ich meine Stefano Parentis – hat aber nichts damit zu tun, dass sein Cousin der Großherzog ist. Sein Vater hatte schon immer Geschäfte mit dem Mittleren Osten gemacht.“

„Wirklich interessant“, zollte Giselle pflichtbewusst Beifall.

„Ich finde es immer faszinierend, mehr über Hintergrund und Familie der Leute zu wissen, du nicht auch?“ Emma war nicht zu bremsen. „Seine Mutter war Amerikanerin, irgendeine Lady der High Society, die sich für Wohltätigkeitprojekte in Übersee engagierte. Sie und sein Vater kamen bei einem Erdbeben ums Leben, als sie gerade in Südamerika tätig war.“

Giselle nickte, um Emma zu zeigen, dass sie zuhörte. Doch der Bericht über den Tod von Stefano Parentis Eltern hatte eine nur allzu vertraute Angst in ihr aufsteigen lassen.

Die Bürotür ging auf, einer der anderen Juniorarchitekten schlenderte herein. Bill Jeffries, stattlich gebaut und überaus überzeugt von sich, sah sehr zufrieden mit sich aus. Bill erachtete sich als unwiderstehlichen Charmeur. Als Giselle damals die Stelle antrat, hatte er versucht, sich an sie heranzumachen. Dass sie ihm einen Korb gegeben hatte, hatte er bis heute nicht verwunden. So revanchierte er sich nunmehr ständig mit beißenden Kommentaren und anzüglichen Bemerkungen, und Giselle wusste genau, worauf er anspielte, als er theatralisch erschauerte und meinte: „Brr, ist es kalt hier drinnen.“ Dann gab er vor, Giselle erst jetzt zu sehen, und fügte an: „Ach so, du bist hier, Giselle.“

Sie ging nicht darauf ein. Wozu auch? Sie hatte die Flirt- und Annäherungsversuche sämtlicher männlicher Kollegen abgewehrt, nicht nur seine. Wenn Bill das persönlich nehmen und deshalb beleidigt sein wollte – bitte. Sie würde ihm sicherlich nicht erklären, dass sie sich schon vor langer Zeit geschworen hatte, sich nicht mit Männern einzulassen. Denn Verabredungen konnten dazu führen, dass man sich verliebte. Wenn man sich verliebte, folgten die Versprechen, man würde ein Paar. Und war man erst ein Paar, dann kamen auch bald Kinder …

„Bill, ich habe Giselle gerade erzählt, was ich über Stefano Parenti gelesen habe“, brach Emma das feindselige Schweigen. „Da gibt es übrigens noch mehr“, wandte sie sich wieder an Giselle. „Angeblich ist er sagenhaft reich und steht in dem Ruf, ein stahlharter Verhandlungspartner zu sein, sowohl im Geschäfts- wie auch im Privatleben. Die Damenwelt schwärmt in den höchsten Tönen von ihm, ihm wird nachgesagt, ein fantastischer Liebhaber zu sein. Obwohl er ganz offen damit umgeht, dass er niemals heiraten will.“

„Hast du das gehört, Eisprinzessin?“, spöttelte Bill beißend. „Klingt, als wäre unser neuer Klient genau der Mann, bei dem du dein Höschen verlierst.“ Er feixte hässlich. „Obwohl … beneiden tue ich den Mann nicht. Da holt er sich ja Frostbeulen an seinem wertvollsten Stück.“

„Bill!“, protestierte Emma entsetzt.

„Na, stimmt doch“, meinte er nur ungerührt.

„Ist schon in Ordnung, Emma“, beschwichtigte Giselle die Assistentin, um sich dann ruhig zu Bill zu wenden. „Mein Beruf ist die Architektur, Bill, nicht die Prostitution.“

„Du meinst, falls du den Job behältst“, konterte er spöttisch. „Seien wir doch ehrlich … mit deinem beschränkten Repertoire an weiblichen Kniffen wird es dir nie gelingen, Aufträge zu ergattern.“

„Kniffe habe ich nicht nötig, weder weibliche noch andere, um meinen Job zu erledigen. Im Gegensatz zu manch anderen Leuten“, parierte Giselle kalt und verfolgte zufrieden, wie Bill vor Ärger rot anlief.

Im Büro des Seniorpartners herrschte einerseits Anspannung, andererseits Entschiedenheit. Die Anspannung ging von Mr Shepherd aus, die Entschiedenheit von Stefano Parenti – den Mr Shepherd davon überzeugen musste, dass seine Firma die richtige war und die Herausforderung meistern konnte.

„Natürlich, ein Treffen mit dem Team, das die von Ihnen gewünschten Änderungen an dem bestehenden Plan vornehmen wird, ist überhaupt kein Problem. Darf ich einen Lunch mit den anderen Seniorpartnern vorschlagen?“

„Ich will mit jedem sprechen, der damit zu tun hat“, betonte Stefano knapp. „Senior und Junior.“

Er hatte keine Zeit zu verschwenden, er war so oder so spät dran – dank dieser Frau, die seinen Parkplatz gestohlen hatte, und dank des Anrufs von Cousin Aldo. Aldo war fünf Jahre jünger als er, hatte vor Kurzem geheiratet und mochte zudem der Großherzog von Arezzio sein, aber wenn er Rat in finanziellen Dingen brauchte, wandte er sich immer an Stefano. Und Stefano hatte sein Bestes getan, um dem Cousin zu helfen, die fürstliche Schatulle des kleinen Landes zu füllen. Aldo war kein Geschäftsmann, sondern eher der akademische Typ. Ihm behagten die harschen Regeln der modernen Geschäftswelt nicht, er katalogisierte lieber die wertvollen alten Bücher der Schlossbibliothek von Arezzio.

Stefano war dankbar dafür, dass sein Vater nicht der ältere Bruder gewesen war und ihm als Sohn somit die Bürde erspart geblieben war, Großherzog zu werden, zu heiraten und einen Erben zu zeugen. Auch wenn er von der Heirat zwischen Aldo und Natasha nicht begeistert gewesen war, weil er nicht glaubte, dass Natasha seinen Cousin wirklich liebte, so würde die Begeisterung kommen, sobald die beiden ein Kind bekamen. Das hieße dann nämlich, dass er nicht nur einen, sondern zwei Schritte entfernt vom Fürstenthron stand. Stefano schlug seiner Mutter nach, liebte die Aufregung und das Abenteuer neuer Herausforderungen. Sie hatte ihr Leben der Wohltätigkeit verschrieben gehabt, hatte Mann und Sohn geliebt, aber die Kindererziehung war niemals der Fokus ihres Lebens gewesen.

Was ihn persönlich anbelangte, so hielt er es schlichtweg für falsch, zum jetzigen Zeitpunkt ein Kind in die Welt zu setzen, wusste er doch, wie wenig Zeit er für ein Kind haben würde. Ihn trieb seine Arbeit an, er wollte Grenzen erweitern und Luxusresorts schaffen, die sowohl mit der Natur als auch mit der heimischen Industrie in Einklang standen. Diesem erklärten Ziel widmete er seine gesamte Zeit und Energie. Er brauchte kein Kind, das dann von anderen aufgezogen wurde, er brauchte auch keinen Erben. Wenn es so weit war, dass er sein Geschäft übergeben wollte, würde er schon die richtigen Hände finden, denen er es überlassen konnte.

Seinen Cousin zu finanzieren und damit auch das Land selbst, war ein geringer Preis für seine persönliche Freiheit. Eine Freiheit, die er nicht aufzugeben gedachte, weder aus landespolitischen noch privaten Gründen.

Stefano konnte sehen, dass dem Seniorpartner die Änderungen für den vormaligen Entwurf der Maßnahmen auf der Insel nicht wirklich zusagten. Es irritierte ihn immer, wenn die Leute nicht verstehen konnten, was ihn antrieb. Das bewies nur einen Mangel an Weitblick und das Fehlen von Visionen, somit also auch einen beschränkten finanziellen Sachverstand. Weshalb diese Firma zweifelsohne am Rand des Bankrotts stand – oder stehen würde, wenn er nicht soeben zugesichert hätte, dass er mit der Entwicklung der Insel weitermachen wollte. Denn er hatte sich überlegt, dass es nichts schaden konnte, wenn er seinem Geschäftsportfolio ein Architekturbüro hinzufügte, das seine Projekte realisierte.

Im Moment jedoch ging es darum, den Leuten klarzumachen, dass er nicht die Summen zahlen würde, mit denen man hier offensichtlich gerechnet hatte. Und dass er Budget und Plan sehr genau im Auge behalten würde. Er besaß ein Milliardenvermögen, weil er die Kontrolle nicht aus der Hand gab. Deshalb vergrößerte sich sein Vermögen auch ständig, während andere reiche Männer Minusgeschäfte machten.

„Ich möchte alle sehen, um klarzustellen, dass ich von jetzt an das Sagen habe. Ich gebe die Anweisungen, und es ist meine Genehmigung, die sie einholen müssen“, teilte er dem Seniorpartner mit. „Der vorherige Plan war nichts als eine Geldverbrennungsmaschine.“

„Es hieß ursprünglich auch, dass keine Kosten gescheut werden sollten“, versuchte Mr Shepherd sich zu rechtfertigen.

Stefano bedachte ihn mit einem kühlen Blick. „Deshalb hat einer Ihrer Juniorarchitekten wohl auch handgemachte Fliesen für ein Atriumhaus gewählt, die nicht frostfest sind, oder?“

„Ein Planungsfehler, der vor der Freigabe bemerkt worden wäre“, versicherte Mr Shepherd.

„Natürlich.

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